V/0120/2015
Perspektivzentrum Jobcenter Münster
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Berichtsvorlage
5815 Zeichen
V/0120/2015
DER OBERBÜRGERMEISTER
Jobcenter
Betrifft
Perspektivzentrum Jobcenter Münster
Beratungsfolge
11.03.2015 Ausschuss für Soziales, Stiftungen, Gesundheit, Verbraucherschutz und
Arbeitsförderung Bericht
18.03.2015 Haupt- und Finanzausschuss Bericht
25.03.2015 Rat Bericht
Bericht:
Ausgangslage
Mit den aufeinander aufbauenden Vorlagen V/0365/2013 „ Zukünftige Ausrichtung arbeitsmark t-
bezogener Maßnahmen bei der Volkshochschule Münster“ , V/0860/2013 „ Projektbereich der
VHS; Organisation der arbeitsmarktbezogenen Maßnahmen bei der Stadt Münster“ und
V/0062/2014 „Organisation der a rbeitsmarktbezogenen Maßnahmen bei der Stadt Münster“ hat
der Rat der Stadt Münster beschlossen, die bisher von einer Organisationseinheit der VHS ange-
botenen arbeitsmarktbezogenen Maßnahmen bei der Stadt Münster als Organisationseinheit in
das Jobcenter z u überführen. Damit war die Grundlage für die Einrichtung des „Perspektivzen t-
rums“ geschaffen.
Organisatorisch ist das Perspektivzentrum der Fachstelle 59.17 „Maßnahmen“ der Abteilung
Markt und Integration des Jobcenters zugeordnet und hat seine Arbeit am 01.01.2015 aufg e-
nommen.
Das Perspektivzentrum
Das Perspektivzentrum ist Teil des Jobcenters Münster . Es ist vergleichbar mit anderen Bi l-
dungseinrichtungen außerhalb der Verwaltung und wurde nach der Akkreditierungs- und Zulas-
sungsverordnung Arbeitsförderung vom 02.04.2012 (AZAV) zertifiziert.
Es spricht Menschen an, die Leistungen nach dem SGB II beziehen. Aktuell sind dies insbeso n-
dere (Allein-)Erziehende, erwerbsfähige Frauen und Männer mit geringer Grundbildung und/oder
Leistungseinschränkungen, mit und ohne Migrationsvorgeschichte und Personen, die das L e-
bensalter von 50 Jahren bereits überschritten haben. Darüber hinaus zählen zu den Kunden u.a.
Unternehmen, mit denen das Perspektivzentrum kooperiert.
Vorlagen-Nr.:
V/0120/2015
Auskunft erteilt:
Herr Schölling
Ruf:
60918-310
E-Mail:
Schoelling@stadt-muenster.de
Datum:
10.02.2015
Öffentliche Berichtsvorlage
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V/0120/2015
Handlungsleitend für die Mitarbeitenden des P erspektivzentrums ist das Leitbild 1 des Jobcenters
Münster.
Das Perspektivzentrum greift derzeit Bedeutung und Fragestellungen von vier gesellschaftlichen
Handlungsfeldern auf:
Vereinbarkeit von Familien- und Erwerbsarbeit
Älterwerden und Beruf
Grundbildung
Arbeitswelt – Kontakte und Wissen.
Sie sind u.a. Bestandteil der arbeitsorientierten Sozialpolitik der Stadt Münster und werden durch
konkrete Angebote des Arbeitsmarkt - und Integrationsprogramms des Jobcenters operational i-
siert und umgesetzt.
Das Perspektivzentrum ist zuständig für die Beratung und Bildung zur berufl ichen Entwicklung
von Menschen, die Leistungen nach dem SGB II beziehen.
Im Kern geht es darum, den Kundinnen und Kunden des Jobcenters Bildung und Beratung anz u-
bieten, wodurch sie in die Lage versetzt werden, in Gesellschaft und Arbeitsmarkt ihre person a-
len Potenziale wirksam zu entfalten
Die Durchführung der im Perspektivzentrum vorgehaltenen Angebote wird im Rahmen eines sys-
temisch lösungsorientierten Beratungsansatzes realisiert.
Die Beratung erfolgt in:
Einzelberatung
Gruppenberatung und
praktischen, arbeitsweltorientierten Tätigkeiten.
Diese drei Elemente sind eng miteinander verzahnt.
Der Beratungsansatz fokussiert die individuelle Ausgangslage, Ressourcen und Kompete nzen
der zu beratenden Kundinnen und Kunden des Jobcenters und nimmt das soziale System , in
dem diese sich bewegen, in den Blick. Ziel der Beratung ist e s, Lösungen herauszuarbeiten, die
sowohl beim Individuum als auch beim System zu Veränderungen führen. Dabei i st wesentlich,
dass bei den häufig anzutreffenden multiplen Problemlagen der Kundinnen und Kunden Erfolge
gemeinsam nur in kleinen, realisierbaren Schritten erreicht werden.
Das Beratungs- und Bildungsverständnis des Perspektivzentrums (Anlage) orientiert sich grund-
sätzlich sowohl an den Zielen der Kundinnen und Kunden sowie an den Erfordernissen und Zi e-
len der arbeitsorientierten Sozialpolitik der Stadt Münster.
Mit der Formulierung des Beratungs- und Bildungsverständnisses werden Ziele, Indikatoren und
Kriterien für die Arbeit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Perspektivzentrums festgelegt.
Mittel und langfristig ist davon auszugehen, dass die Erfahrungen mit dem auf dieser Basis zu
entwickelnden Beratungs- und Bildungskonzept positive Auswirkungen auf die Arbeit im Kerng e-
schäft des Jobcenters haben werden. Um diesen Prozess zu unterstützen, wird bis zum Jahre s-
ende 2015 ein Vorschlag zur Zusammenführung der im Jobcenter vorhandenen Beratungsansä t-
ze und des Perspektivzentrums erarbeitet.
Der Handlungsansatz des Perspektivzentrums ist vielversprechend. Zur Weiterentwicklung und
Validierung bedarf es eines hohen Engagements auf allen Seiten.
Für eine erfolgreiche Arbeit werden Ressourcen benötigt für Qualitätsentwicklung, Sicherung,
Verstetigung, Per sonalentwicklung, beratungsförderliche Rahmenbedingungen, Beteiligung von
der Adressat(inn)en, eine Arbeitswelt, welche Interesse an den Kompetenzen der Kund(inn)en
1http://www.stadt-muenster.de/fileadmin/user_upload/stadt-
muenster/59_jobcenter/pdf/Leitbild_JC_2013.pdf
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V/0120/2015
hat und Stakeholder mit großem Interesse und Vertrauen in die Entwicklungsfähigkeit des mü ns-
terschen Konzeptes zur beruflichen Entwicklung von Menschen, die SGB II Leistungen beziehen.
Damit werden weitere Verbesserungsvorschläge der Ombudsleute (vgl. V/00 77/2015) aufgegrif-
fen.
In Vertretung
Thomas Paal
Stadtrat
Anlagen:
Beratungs- und Bildungsverständnis des Perspektivzentrums
2015_02_23_PZ-Beratung und Bildungverständnis -Endfassung
21261 Zeichen
Perspektivzentrum Münster
Beratungs- und Bildungsverständnis
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Erwerbsarbeit und Beschäftigung im weiteren Sinne des Wortes haben in unserer Gesellschaft
einen hohen Wert, der jedoch von vielen Menschen nicht mehr geteilt werden kann. Die da-
mit an das Individuum gestellten Herausforderungen werden oft als viel zu groß oder als zu
belastend empfunden. Zur Gruppe der Menschen, die nicht mehr oder nur noch sehr einge-
schränkt teilhaben an der Arbeitswelt, zählt auch die Gruppe der Menschen, die seit vielen
Jahren Leistungen nach dem SGB II beziehen. Um sich in der komplexen und sich permanent
verändernden Arbeitswelt (wieder)zurechtfinden zu können, benötigen viele von ihnen offen-
sichtlich eine adäquate Unterstützung und Ermutigung. Sie ist vonnöten, wenn es im Vorfeld
ihrer Integration um Orientierung und Entscheidung und im Anschluss daran um die Opti-
mierung ihre Bewerbungs- und Suchstrategien, d.h., die „eigentliche Integration“ geht. In der
sensiblen Phase nach Beschäftigungsaufnahme kann Unterstützung ggf. eine Stabilisierung
der neu entwickelten Ressourcen sichern.
Wie aber sollte und könnte die benötigte Unterstützung gestaltet sein?
Das Perspektivzentrum des Jobcenters Münster geht davon aus, dass eine gute professionelle
Beratung und Bildung zur beruflichen Entwicklung eine der wesentlichen Voraussetzungen
dafür sein kann, dass Menschen ihren Weg in Beschäftigung finden. Weil wir erfolgreich sein
wollen haben wir uns dafür entschieden, unsere Beratung als professionelle Intervention zu
verstehen und zu gestalten.
Da jedoch zur Förderung der Teilhabe an der Arbeitswelt, für die Berufs- und Beschäfti-
gungsförderung sowie für die Bildungs- und Berufsberatung bis heute keine konsistente und
differenzierte Beratungstheorie existiert, hat das Perspektivzentrum unter Nutzung von aktu-
ellen Forschungsergebnissen
1 reflektiert, entwickelt und formuliert, was es unter „guter Be-
ratung“ und „guter Bildung“ versteht. Diese Grundlage soll im Dialog mit allen Beteiligten
und Experten aus der Wissenschaft weiterentwickelt und profiliert werden. Die systematische
Beteiligung unserer Kund(inn)en liegt uns besonders am Herzen. Wir betrachten unser Vor-
haben als eine Art Modellversuch.
Die Implementierung von Beratung als Intervention geht einher mit einer Qualitätsoffensive
des Jobcenters, die mit enormen Herausforderungen und Anstrengungen verbunden sein
wird. Sie liegen auf den Ebenen von Organisation, Konzeption und Personal. Es ist begründet
davon auszugehen, dass die Erfahrungen, die im Perspektivzentrum gemacht und evaluiert
werden, großen Einfluss auf die Weiterentwicklung der strategischen Leitsätze des Jobcenters
Münsters und damit auch auf die konkrete Alltagsarbeit der Mitarbeitenden haben können.
Es gibt deutliche Hinweise, dass die Einflüsse positiv sein werden. Wir gehen davon aus, dass
die Leistungen des Perspektivzentrums wirkungsvoll und wirtschaftlich mit den Zielen der
Abteilungen Markt und Integration verzahnt werden können.
1 Deutsche Gesellschaft für Beratung www.dachverband-beratung.de
Deutsche Gesellschaft systemische Pädagogik www.dgsp.org/
Nationales Forum Beratung in Bildung und Beschäftigung www.forum-beratung.de
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Um Wirkung sichtbar machen zu können, haben wir uns entschieden, den vorstehend ange-
führten Dialog zur Ausgestaltung der Arbeit des Perspektivzentrums auf einen Zeitraum von
fünf Jahren und ergebnisoffen anzulegen. Das für den Dialog benötigte Konzept werden wir
bis Ende 2015 vorlegen. Am Ende des Dialogs wollen wir belastbare Aussagen dazu vorlegen,
ob der von uns eingeschlagene Weg ein guter Weg ist, um mehr Beschäftigung und mehr
gesellschaftliche Teilhabe für Menschen anbieten zu können, die Leistungen nach dem SGB II
beziehen.
Grundsätzliche Überlegungen
Unser Beratungs- und Bildungsansatz stellt die konkrete Person mit ihren biographischen,
professionellen und funktionalen Bezügen in den Mittelpunkt unseres Vorhabens. Alle im
Perspektivzentrum initiierten Veränderungs- bzw. Lernprozesse werden im Rahmen von Ein-
zel- und Gruppenberatung initiiert und gelenkt.
Der Schwerpunkt unseres Handlungsansatzes liegt auf der Beratung, die reflexiv angelegt ist,
über Informationsvermittlung, Hilfestellung, Anleitung, strukturelle Inputs usw. (Instruktionen)
hinausgeht und von professionellen Beratenden gesteuert wird. Alle Beratungs- und Bil-
dungsstrategien des Perspektivzentrums sind auf die Teilhabe an Erwerbsarbeit oder Beschäf-
tigungsaufnahme hin ausgerichtet. Die Kund(inn)en werden angeregt und darin bestärkt, ihre
im Beratungsprozess (wieder)entdeckten bzw. weiterentwickelten Kompetenzen und Res-
sourcen im Kontext von Arbeitswelten auszuprobieren bzw. einzusetzen.
Reflexion, Instruktion und Umsetzung der Erkenntnisse in teilhabeorientiertes Handeln kön-
nen im Perspektivzentrum sowohl simultan als auch linear angeordnet sein. Kund(inn)en er-
leben sie jedoch in jedem Fall als Konzept aus einer Hand.
Die von uns geleistete Beratung grenzt sich von anderen professionellen Interventionsfor-
men, wie z. B. der Informationsvermittlung in der Medizin, dem Case Management in der
Sozialen Arbeit oder der handlungsanleitenden Beratung bei der Gewährung von materiellen
Leistungen in der Sozialhilfe, der Rechtsberatung und der Psychotherapie ab.
Die Mitarbeitenden des Perspektivzentrums sind für die Gestaltung des Beratungs- und Bil-
dungsprozesses verantwortlich. Das Entscheidungsrecht liegt bei den Kund(inn)en. Das damit
im Kontext des SGB II ggf. entstehende Konfliktpotenzial ist offensichtlich und bedarf einer
permanenten Reflexion und Bearbeitung: Der im Perspektivzentrum gewählte Beratungsan-
satz ermöglicht den Kund(inn)en
eine selbstbestimmte Auseinandersetzung mit Beruflichkeit,
Beschäftigung und dem Anspruch des SGB II. Gleichzeitig wird ihnen strukturell und inhaltlich
eine höchstmögliche Verantwortung eingeräumt für die Gestaltung ihrer Lern- und Verände-
rungsprozesse und damit auch für den Grad der Ergebniserreichung. Umso wichtiger ist es,
innerhalb des Auftragsverhältnisses von Kund(inn)en, Beratenden und Jobcoaches zu einer
offenen Anliegenklärung, einem klaren Auftragsverständnis und zu einer verbindlichen Ko-
operationsvereinbarung zu kommen. Es geht darum, ein Höchstmaß an Erwartungs-, Rollen-
und Verfahrenstransparenz herzustellen. Im Perspektivzentrum herrscht ein Klima, in dem
sich alle am Beratungsprozess Beteiligten auf Augenhöhe begegnen können.
Die inhaltliche Ausgestaltung der Beratungsprozesse orientiert sich an den Beratungsleitfä-
den der Angebote des Perspektivzentrums und die Beratungsleistung als solche an den dort
geltenden Qualitätsstandards. Der Arbeit des Perspektivzentrums liegt ein Beratungsver-
ständnis zugrunde, welches sich schwerpunktmäßig an den Grundlagen einer systemisch-
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lösungsorientierten Beratung orientiert. Wir fokussieren die individuellen Ressourcen und
Kompetenzen und das die Kund(inn)en umgebende soziale System als Ausgangssituation.
Unser Ansatz ist die Lösungs- und nicht die Ursachenorientierung. Ebenso gehören Allpartei-
lichkeit und Multiperspektivität zu unseren Handlungsprinzipien.
Nach unserem Verständnis erfolgt die Konstruktion der Problemlösung meistens in vielen
kleinen, machbaren Schritten und bewirkt zugleich eine Veränderung des gesamten Systems.
Um Zielkonflikte im Kontext SGB II zu mindern arbeiten wir bereits systemisch bevor die zu-
künftigen Integrationsziele geklärt sind. Also im Feld der Orientierungs- und Entscheidungs-
beratung.
Grundsätzlich gilt, dass im Perspektivzentrum psychisch gesunde Menschen mit konkreten
Lebensproblemen beraten werden. Diese Prämisse erhält ihre Bedeutung auch dadurch, dass
unsere Handlungsprinzipien „Verfahrens- und Rollentransparenz, Ressourcen- und Lösungs-
orientierung, Eigenverantwortung, Verbindlichkeit sowie Ziel und Ergebnisorientierung“ in
den Beratungsprozessen des Perspektivzentrums nur gewährleistet werden können, wenn
Menschen nicht psychisch krank sind.
Beratungsstandards
Die Beratung des Perspektivzentrums ist eingebunden in verschiedene Kontexte, die auf die
Qualität und Professionalität unserer Beratungs- und Bildungsarbeit einwirken.
Daher haben wir Qualitätsstandards vereinbart, die sich auf die Beratungsprozesse, die Bera-
tungsprofessionalität und Beratungskompetenz, die organisationalen Rahmenbedingungen,
Anforderungen und Strategien und auf die gesellschaftlichen Kontext und Ziele beziehen.
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Das Perspektivzentrum verfügt über ein funktionierendes Qualitätsmanagementsystem und
ist nach AZAV zertifiziert.
Beratungsmethoden
Im Perspektivzentrum kommen Beratungsmethoden zum Einsatz die zum systemisch-
lösungsorientierten Beratungsverständnis passen. Die Beratenden des Perspektivzentrums
kennen und reflektieren die Grenzen zwischen einer Beratung innerhalb des Perspektivzent-
rums und einer Therapie. Sie ziehen daraus die notwendigen Konsequenzen für ihre alltägli-
che Fallarbeit. Wenn Therapiebedarfe vorliegen, begleiten wir unsere Kundinnen und Kunden
dabei, geeignete Unterstützungssysteme außerhalb des Perspektivzentrums zu finden.
Beratungssettings
Die Beratung im Perspektivzentrum findet in der Regel als Einzelberatung statt. Darüber hin-
aus führen wir Beratung bei Bedarf jedoch auch in Kleingruppen durch. Ggf. sind Mitglieder
des sozialen Systems der Kundinnen und Kunden des Perspektivzentrums in die Beratung
einzubeziehen. Systemische Beratung bietet in diesem Zusammenhang den Vorteil, dass ggf.
Perspektiven und Ressourcen über die individuelle Problemlage hinaus erschlossen werden
können.
2 Vgl. Deutsche Gesellschaft für Beratung www.dachverband-beratung.de
Deutsche Gesellschaft systemische Pädagogik www.dgsp.org/
Nationales Forum Beratung in Bildung und Beschäftigung www.forum-beratung.de
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Unser Verständnis von unseren Teilnehmenden
Die Mitarbeitenden im Perspektivzentrum gehen davon aus, dass Menschen, die aus der Ar-
beits- oder Beschäftigungslosigkeit heraus Erwerbsarbeit oder anderweitige Beschäftigung
aufnehmen, im Vorfeld zwei grundsätzliche Anforderungen bewältigen müssen:
Sie haben ihren Status des „ohne Arbeit oder Beschäftigung zu sein“ zu reflektieren und auf-
zulösen und sind angesprochen, für sich eine neue berufliche Perspektive zu entwickeln und
zu realisieren. Es geht um Veränderung. Leider existiert jedoch kein grundlegendes, verbindli-
ches Verständnis von menschlicher Veränderung und den veränderungswirksamen Faktoren.
Die Frage, ob und in welchem Ausmaß sich Menschen verändern können, ist offensichtlich
umstritten. Die Auffassungen über Strukturen, Relevanzen und Bedeutungen von Emotionen,
Kognitionen, Wille, Werten, Beziehungen, Umfeld und Ressourcen sind im Hinblick auf die
Entwicklung von Problemlösestrategien zu Arbeits- und Beschäftigungsfähigkeit vielfältig und
unübersichtlich. Diese Annahmen haben jedoch sowohl eine hohe Relevanz für das Selbstver-
ständnis der Beratenden als auch im Hinblick auf Entwicklungsziele, die in der Beratung und
Bildung erreicht werden sollen Eine kurze (anthropologische) Verständigung scheint uns da-
her angebracht zu sein:
• Die Mitarbeitenden im Perspektivzentrum betrachten den Menschen als Wesen, das
sich permanent von innen heraus verändert. Der Mensch lebt, und seine Potentiale
und Energien sind in seinem Wesen angelegt, d. h., die Entwicklung des Menschen
kann man nicht machen - sie geschieht sowieso. Man kann sie zulassen und fördern.
Daraus wiederum folgt, dass es sinnvoll ist, die Faktoren, die bremsen und Entwick-
lung verhindern, zu identifizieren, um dann in einem nächsten Schritt Bedingungen
für Entwicklungsoptimierungen zu initiieren. Es geht also um die Frage und den An-
satzpunkt, warum sich jemand nicht verändert.
• Die Art und Weise, wie der Mensch seine Welt wahrnimmt und gestaltet, ist selbst er-
zeugt und damit veränderbar. Das bedeutet, der Mensch hat Entscheidungsspielräu-
me und ist verantwortlich für seine Antworten auf die von ihm wahrgenommenen Re-
alitäten. Das bedeutet aber auch, dass der Gestaltungsspielraum bereits bei der Über-
nahme von Verantwortung für die Existenz des Problems anfängt und nicht erst bei
der Lösung des Problems. Es geht also um die Frage, warum jemand keine Verantwor-
tung für sein Erleben und Agieren übernimmt.
• Der Mensch ist ein ganzheitliches Wesen und keine programmierbare Maschine. D. h.,
kein Mensch kann einen anderen Menschen verändern. Ebenso gilt, dass das Verhal-
ten von Menschen immer etwas mit ihren inneren Einstellungen und Gedankenrouti-
nen zu tun hat. Verhaltensweisen sind nie isoliert zu betrachten, sondern stets ein
Ausdruck innerer Prozesse.
Unsere Wahrnehmung der Arbeitswelt
Ein Blick auf den Arbeitsmarkt bzw. in die Arbeitswelt bringt einen weiteren Aspekt ans Licht:
Die Abnahme der sog. Normalbiographie und die Veränderung hin zu wechselnden Zeiten
von Beschäftigung und Nicht-Beschäftigung im Leben eines Menschen sind zu verbreiteten
Realitäten geworden. D. h., dass der Arbeitsmarkt kein statisches Gebilde oder Phänomen,
sondern in Bewegung ist. Permanent verlieren und finden Menschen Arbeit. Potenzielle Ar-
beitgebende und potentielle Arbeitnehmende bewegen sich aufeinander zu, um miteinander
in Kontakt zu kommen. Wer in diesem „Spiel“ um Arbeit mitspielen kann und will, ist klar im
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Vorteil, wenn gleich der Begriff „Spiel“ angesichts der individuell empfundenen Chancenlo-
sigkeit von unseren Kund(inn)en durchaus als zynisch empfunden werden könnte. D. h., die
darin steckende Irritation muss innerhalb der Beratungsprozesse reflektiert und aufgelöst
werden.
Die Profilierung der vorhandenen persönlichen Stärken und Motivation und deren Optimie-
rung erhöhen die Chancen der Arbeitsuchenden um einen Arbeitsplatz. Eine mutige (selbst-
bewusste), kluge (Ressourcen schonende), zielstrebige geplante und von „Leidenschaft“ ge-
prägte Vorgehensweise der Arbeitsuchenden auf dem Arbeitsmarkt ist angesagt, um am En-
de auf der Seite der Gewinnenden zu stehen. Auch wenn der Gewinn (objektiv betrachtet)
vielleicht nicht immer groß ist und an dieser Stelle auch nicht von einer Individualisierung des
Problems Arbeitslosigkeit das Wort geredet werden soll. Vorgegebene Rahmenbedingungen
werden im Perspektivzentrum ausdrücklich nicht verniedlicht, sondern sind auf der individuel-
len und strukturellen Ebene Gegenstand von Bearbeitung und systematischer Optimierung.
Aus dem Vorstehenden kann man schließen, dass es für den einzelnen Arbeit suchenden
Menschen trotz seiner oftmals perspektivlos erscheinenden Ausgangslage im günstigsten Fall
doch noch eine realistische Chance auf eine Existenz sichernde Beschäftigung geben könnte.
Unsere Strategien zur Bewältigung der im Handlungsfeld der Beratung zur beruflichen
Entwicklung wahrgenommen Herausforderungen
Unsere Beratung spricht Menschen auf der personalen Ebene an, auf der u. a. auch Haltungen
und Motive für Beschäftigung entstehen. Das Perspektivzentrum schafft den Rahmen für per-
sönliche Lernprozesse und ermöglicht damit persönliche Weiterentwicklung.
Im Beratungsprozess selbst geht es darum, Synergien zwischen den einzelnen Elementen des
Prozesses zu schaffen und positive Bewegung zu erzeugen: Zunächst steht die prozessuale
Aktivierung der Kund(inn)en im Zentrum der beraterischen Aktivitäten. D.h., sie erleben, dass
es in den Weiterbildungsangeboten des Perspektivzentrums um sie selbst geht und nicht um
äußere Maßstäbe. In der sich anschließenden Phase der Ressourcenaktivierung erfahren die
zu Beratenden, dass sie grundsätzlich über die nötigen Ressourcen und Potenziale verfügen
und mit eigenen Problemen und Herausforderungen verantwortlich umgehen zu können. Sie
schaffen damit die Voraussetzung für eine Intentionsveränderung. Erfolg ist, wenn es gelingt,
diese schrittweise zu realisieren indem die anstehenden beruflichen und persönlichen Her-
ausforderungen bewältigt werden.
Um unseren Kund(inn)en Orientierung in Bezug auf die Anliegen und Themen zu geben, für
die das Perspektivzentrum steht, gibt es für alle Angebote des Perspektivzentrums sog. Bera-
tungsleitfäden. Diese bieten Möglichkeiten, den Beratungsprozess inhaltlich und organisato-
risch zu strukturieren. Im Beratungskontext selbst gilt jedoch das Prinzip der beraterischen
Freiheit: Das Wesentliche, die Implementierung des Neuen in das bereits Vorhandene als ein
zutiefst persönlicher Prozess entzieht sich dem beraterischen Zugriff bzw. einer Planung. Der
Beratungs- und damit auch der initiierte Lernprozess sind somit immer ergebnisoffen ange-
legt. Leitmotive beraterischer Interventionen sind die gemeinsam vereinbarten Wirkungsziele
unserer Kund(inn)en, die selbstverständlich der Lerneffektivität und Lerneffizienz der
Kund(inn)en des Perspektivzentrums Rechnung tragen. Beratende und Kund(inn)en entwi-
ckeln und definieren, in welchen Ressourcenbereich sie den Grad der Zielerreichung „messen“
wollen. In diesem Zusammenhang verständigen sie sich auch auf Indikatoren, die sie zur
„Messung“ heranziehen wollen.
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Wir gehen davon aus, dass unsere Kund(inn)en am besten selbst einschätzen können, ob ihre
Entwicklung in Richtung des angestrebten Ziels positiv oder negativ verläuft bzw. stagniert.
Um dies tun zu können, erhalten sie von den Beratenden systematisch Hilfestellungen zur
Selbsteinschätzung, die sich klar von Bewertungen unterscheiden. Der offene kritische Dialog
über den Beratungsprozess als solchen ergänzt die Interpretation der „Messdaten“.
Auf diese Weise erhalten sowohl unsere Kund(inn)en als auch wir Hinweise auf den Grad der
Zielerreichung und vor allem wertvolle Hinweise und Orientierungen für die weitere Gestal-
tung der Entwicklungsprozesse. Verbesserungspotenziale und Korrekturbedarfe können so
systematisch identifiziert und bearbeitet werden.
Förderung der individuellen Lernprozesse durch eine gezielte Lernberatung
Neben der Beratung als Intervention gibt es im Perspektivzentrum eine weitere Beratungsop-
tion: Die Lernberatung. Sie kommt systematisch immer dann zum Einsatz, wenn wir Prozesse
gestalten, die schwerpunktmäßig in einem ersten Schritt eher mit der Verarbeitung und Im-
plementierung von Instruktionen als mit starken reflexiven Aktivitäten einher gehen, so z. B.
in unserem Angebot „Basiskompetenzen für Arbeit“.
Die Lernberatung im Perspektivzentrum zielt darauf ab, Lernende in der Planung, Gestaltung
und Auswertung ihrer eigenen Lernprozesses zu unterstützen. Es geht um ihre Auseinander-
setzung mit den jeweils eigenen Lernzielen, -präferenzen, und Lernschwierigkeiten sowie um
die Optimierung von wirkungsbezogenen, individuellen Veränderungs- bzw. Lernstrategien.
Im Rahmen der Lernberatung beschreiben und reflektieren unsere Kund(inn)en ihre biogra-
phisch erworbenen Haltungen und Lernkompetenzen. Eventuell latent vorhandene oder be-
stehende Lernschwierigkeiten und -hemmungen werden gemeinsam identifiziert. Sowohl das
Lernen selbst als auch die Ziele, Methoden und Wege des bisherigen Lernens werden thema-
tisiert und in ihren Wirkungen reflektiert. Da es Ziel ist, Planungs- und Gestaltungsfreiräume
zu schaffen, die den Lernenden zukünftig einen selbstgesteuerten Lernprozess ermöglichen,
richtet sich das Augenmerk sowohl in dieser Phase der Lernberatung als auch in der sich an-
schließenden Phase der Einübung von neuen Lernstrategien auf die Stärken und Potentiale
der Lernenden. Sie werden z. B. im Kontext des gezielten Lernens von Fachwissen über ver-
schiedene Medien, in betrieblichen und schulischen Bezügen und im Kontext des Lernen en
passant in betrieblichen Zusammenhängen aufgezeigt und erfahrbar gemacht.
Zuletzt wird der Fokus der Lernenden darauf gelenkt sich Lernziele zu setzen, die über die
Angebotsdauer hinaus reichen. Sie entscheiden sich für geeignete – inzwischen ausreichend
erprobte - Lerntechniken und Medien und entwickeln ein Verfahren, wie sie in einem festge-
legten Zeitraum ihren eigenen Lernerfolg evaluieren und daraus ggf. Optimierungsmaßnah-
men ableiten können.
Nachhaltigkeit der Beratung und Bildung des Perspektivzentrums
Die Beratungs- und Bildungsarbeit des Perspektivzentrums ist nachhaltig angelegt. Der
Grundstock für eine nachhaltige Erfolgssicherung der Beratungs- und Bildungsarbeit des Per-
spektivzentrums wird gelegt, indem bereits im Konzept programmatisch eine starke eigene
Verantwortlichkeit für und eine starke Eigenbeteiligung der Kund(inn)en an ihren Lernprozes-
sen verankert ist. Dies geschieht insbesondere auch über eine Festlegung von persönlichen
Entwicklungs- und Lernzielen und die Vereinbarung von Schritten zur Realisierung derselben.
Und weil es dabei immer um kurz-, mittel- und langfristig zu verfolgende Anliegen geht, ist
der Blick über den Tellerrand, d. h., über das Angebotsende hinaus Programm. Im Abschluss-
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gespräch im Jobcenter nach Beendigung der Angebotsteilnahme wird vereinbart, wie das
Erreichte nachhaltig gesichert und ausgebaut werden kann.
Beratungsverlauf (3)
Beschluss: zur Kenntnis genommen
Zur SitzungBeschluss: zur Kenntnis genommen
Zur SitzungDetails
- Aktenzeichen
- V/0120/2015
- Typ
- Vorlagen
- Datum
- 17.02.2015
- Erstellt
- 06.10.2020 14:37