V/0472/2022
Bericht des Stadtarchivs zu den Plänen für die Einweihung der Informations-Stele am Train-Denkmal und zur Aufarbeitung der kolonialen Geschichte der Stadt
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Anlage A
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Anlage A zur V/0472/2022 Kurzüberblick Es wird eine Grobplanung für eine Einweihungsfeier der Informations-Stele am Train-Denkmal präsentiert, in der das Gedenken an koloniales Unrecht und den Völkermord im ehemaligen Südwestafrika angemessen berücksichtigt wird. Darüber hinaus werden Formate aufgezeigt, mit denen Münsters koloniale Vergangenheit der Stadtgesellschaft bewusstgemacht und so eine kritische Auseinandersetzung ermöglicht wird. Ziele/Teilziele/Zielerreichung Münster will als Stadt für eine friedlichere und gerechtere Welt eintreten. Dazu gehört die Auseinandersetzung mit der kriegerischen und kolonialistischen Vergangenheit und ihren Denkmalen. Die Aufstellung der Informations-Stelen und ihre offizielle Einweihung stellt einen wichtigen Meilenstein in diesem Prozess dar. Finanzierung Produktgruppe: 0406 Stadtarchiv Auswirkungen auf den Ergebnisplan Ja X Nein Auswirkungen auf den Finanzplan Ja X Nein Im beschlossenen Haushaltsplan 2022 enthalten? X Ja Nein teilw. Im Entwurf des Haushaltsplan 2023 enthalten? X Ja Nein teilw. Belastungen in zukünftigen HH-Jahren? Ja X Nein Pflichtigkeitsgrad Die Maßnahme/Leistung ist vollständig pflichtig überwiegend pflichtig überwiegend freiwillig X vollständig freiwillig Unmittelbare, grundsätzliche Relevanz für Querschnittsthemen (Demographie, Gleichstellung, Inklusion, Klimaschutz, Migration) Vor dem Hintergrund des Jubiläumsjahrs 2023 tragen die Maßnahmen zum Selbstverständnis der Stadt als „Friedensstadt“ bei.
Berichtsvorlage
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V/0472/2022 V/0472/2022 Öffentliche Berichtsvorlage Betrifft BerichtdesStadtarchivszudenPlänenfürdieEinweihungderInformations-SteleamTrain- DenkmalundzurAufarbeitungderkolonialenGeschichtederStadt Beratungsfolge 16.08.2022 Kulturausschuss Bericht 07.09.2022 Hauptausschuss Bericht 07.09.2022 Rat Bericht Bericht: Hintergrund Der Rat hat in seiner Sitzung am 14.06.2022 unter Punkt 31 der Tagesordnung zur Vorlage V/0222/2022 den folgenden Beschluss gefasst und dabei die Punkte 3 - 5 ergänzend zur Vorlage beschlossen: „I.Sachentscheidung: 1. Der Rat nimmtden Stand derUmsetzung des Ratsbeschlussesvom 24.06.2020(V/0275/2020)zur Kenntnis und stimmt der Aufstellung der Informations-Stelen in der geplanten Ausführung (Standorte, Gestaltung und Texte;Anlagen 1 bis 4b der Vorlage= Anlagen 9a bis 9e der Originalniederschrift) an biszufünfKriegerdenkmalenaufderPromenadezu. 2.DerRatbeschließt, a) dass die besondere Hervorhebung des Train-Denkmals und seines kolonialen Bezuges durch eine öffentlicheErklärung (Inschrift) von Rat, Stadt und Stadtgesellschaft zur deutschen Verantwortungfür kolonialesUnrechterfolgt,dieaufderentsprechendenInformations-Stelepubliziertwird. b) die Verwaltungmit derAufstellungeinerInformations-Stele am ehemaligenStandortdes Denkmals ‚Westfälischer Frieden‘ von 1905 in der Promenade entsprechend dem Beschluss der BV-Mitte vom 08.02.2022 (A-M/0004/2022) zu beauftragen und dem Gestaltungsvorschlag und Standort zuzustimmen. 3. Die Verwaltung prüft, wie in Zusammenarbeit mit zivilgesellschaftlichen Gruppierungen und kulturellen Akteur*innen in Münster ein Veranstaltungsprogramm, das Münsters Bekenntnis zum Völkermord – wie es auf der Stele zum Train-Denkmal formuliert ist – thematisiert und die Aufstellung der entsprechenden Stele begleitet, geplant und durchgeführt werden kann. Begrüßenswert sind bilaterale Veranstaltungen mit Menschen aus dem heutigen Namibia. Die Ergebnisse werden den entsprechenden Gremien vorgestellt. Stadtarchiv 08.08.2022 Ihr/e Ansprechpartner/in: HerrDr.Worm Telefon:492-4700 Worm@stadt-muenster.de -2- V/0472/2022 4. Der Ältestenrat wird aufgefordert zu erörtern, ob der Rat in zeitlicher Nähe zur Aufstellung der Stele am Train-Denkmal vor einer seiner Sitzungen eine kurze Aussprache und eine Schweigeminute in Gedenken an die Opfer der Herero und Nama abhalten kann. Es wird geprüft, ob ein*e Repräsentant*in des heutigen Namibia hierzu eingeladen werden kann. 5. Die Verwaltung stellt bis zu den Haushaltsberatungen 2023 den finanziellen und personellen Bedarf für die oben genannten Vorhaben dar.“ Ergebnis der verwaltungsinternen Prüfung Zu Punkt 3: Afrikanische Kulturen, Geschichte und Kunst ins Blickfeld von Münsters Stadtgesellschaft zu rücken, haben sich zwei eigenverantwortlich handelnde private Initiativen zur Aufgabe gemacht: die Afrika- Kooperative Münster und der Verein Afrikanische Perspektiven e.V. Letzterer führt zurzeit die Veranstaltungsreihe„Dekolonisierung des Denkens“ durch, die „ein differenziertes und realitätsnahes Afrika-Bild vermitteln und so zu respektvollen Begegnungen zwischen Menschen beider Kontinente beitragen“ will. Die Reihe, das Afrika-Festival der Afrika Kooperative und auch viele weitere VeranstaltungenwerdendurchdasKulturamtunddenIntegrationsratderStadtMünstergefördert. ZumStanddesdeutsch-namibischenAbkommensunddenFolgenfürstädtischeVeranstaltungen Das Deutsche Reich war von 1884 bis 1915 Kolonialmacht im heutigen Namibia, das damals als Deutsch-Südwestafrika bezeichnet wurde. Die Herrschaft der deutschen Besatzer war geprägt von Unterdrückung, Ausbeutung und Gewalt und gipfelte in der brutalen Niederschlagung der Herero und Nama-Aufstände. Der sich daraus entwickelnde Krieg dauerte von 1904 bis 1908. In dieser Zeit töteten die deutschen Truppen etwa 65.000 von 80.000 Herero und mindestens 10.000 von 20.000 Nama.DasjetzterfolgteSchuldeingeständnisDeutschlandsbeziehtsichaufdiesenMassenmord,der alsderersteGenoziddes20.Jahrhundertsgilt. Im Jahr 2015 begannen Regierungsdelegationen aus Namibia und Deutschland, sich auf ein Versöhnungsabkommen zu verständigen. Ruprecht Polenz hat für die Bundesregierung die Verhandlungenzu den deutschen Kolonialverbrechen geführt. Der namibische Chefunterhändler, Zed Ngavirue, ist bereits im Juni letzten Jahres an einer Covid-19-Infektion verstorben. Das Abkommen sieht neben der Anerkennung der Verbrechen als Völkermord finanzielle Unterstützung für die Nachfahren der Opfer mit einem Programm in Höhe von 1,1 Milliarden Euro über 30 Jahre vor. Die Entschädigung wird mit einer offiziellen Entschuldigung des deutschen Staates und der Bitte um Vergebung beim namibischen Staat und den Nachkommen der Opfer verbunden. Innernamibische Kritiker empfinden die Summe als deutlich zu niedrig und verlangen die Neuverhandlung des Abkommens unter Beteiligung von Vertreternder Nama- und Herero-Völker, der namibischenund der deutschen Regierung1. Eine Ratifikation des Vertrags durch das namibische Parlament steht noch aus. Im Koalitionsvertragvon SPD, Grünen und FDP heißt es: "Die Aussöhnungmit Namibia bleibt für uns eine unverzichtbare Aufgabe, die aus unserer historischen und moralischen Verantwortungerwächst. Das Versöhnungsabkommen mit Namibia kann der Auftakt zu einem gemeinsamen Prozess der Aufarbeitungsein."2 Aus städtischer Sicht ist angesichts des schwebenden völkerrechtlichen Verfahrens und der innenpolitischen Auseinandersetzungen in Namibia Zurückhaltung angeraten, die sich aus Absatz 1, Artikel 32 des GG ergibt: „Die Pflege der Beziehungen zu auswärtigen Staaten ist Sache des 1 Vgl. den ausführlichen Bericht „Versöhnungsabkommen mit Namibia. Deutschland erkennt Kolonialverbrechen als Genozid an.“ In: Deutschlandfunk vom 21.09.2021, https://www.deutschlandfunk.de/versoehnungsabkommen-mit- namibia-deutschland-erkennt-100.html. 2 Mehr Fortschritt wagen. Bündnis für Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit. Koalitionsvertrag zwischen SPD, Bündnis 90/Die Grünen und FDP. Berlin 2021, S. 126. -3- V/0472/2022 Bundes“. Insbesondere sind alle Veranstaltungen zu vermeiden, die den Anschein der Parteinahme für eine der Konfliktparteien oder ihre Ziele erwecken oder den politischen Einigungsprozess auf andere Weise behindern könnte. Über die vom Rat gewünschten „bilateralen Veranstaltungen mit Menschen aus dem heutigen Namibia“ sollte nach der ausstehenden Ratifizierung des Staatsvertrages zwischen Namibia und Deutschland erneut nachgedacht werden und geeignete Wege zum bilateralen kulturellen Austausch gesucht werden. Auch bei zukünftigen Veranstaltungen wird den vom Kulturamt geförderten Vereineneine wichtige Rolle zukommen, da hier am ehesten die KontakteunddasWissenumgeeigneteKooperationspartnervorhandenist. VeranstaltunganlässlichderAufstellungderInformations-SteleamTrain-Denkmal Trotz des noch nicht abgeschlossenen internationalen Abkommens ist geplant, dass zeitnah zur technischen Aufstellung eine feierliche Einweihung der Informations-Stele am Train-Denkmal stattfindet. Wir werden, wie es der Beschlusspunkt 4 des Ratsbeschlusses anregt, eine offizielle Repräsentantin/einen offiziellen Repräsentanten des Staates Namibia einladen. Es bietet sich an, dass die vom Rat geforderte kurze Aussprache und die Schweigeminute in Gegenwart der Repräsentantin/desRepräsentantenerfolgenundindasProgrammintegriertwerden. Ein grober Ablaufplan für die Einweihungsveranstaltung in Gegenwart des Rats könnte wie folgt aussehen: EmpfangimRatssaal BegrüßungdurchdenOberbürgermeister RedebeitragdernamibischenRepräsentantin/desnamibischenRepräsentanten RedebeitragdesdeutschenVerhandlungsführers,RuprechtPolenz(Zusage) MöglichkeitzurAussprache GemeinsamerGangzumTrain-Denkmal EnthüllungderSteleundanschließendeSchweigeminutefürdiekolonialenOpfer. Zu Punkt 4: Wir schlagen dem Ältestenrat vor,die Aussprache und Schweigeminute des Rats mit der Einweihung derInformations-SteleamTrain-Denkmalzuverbinden. Das würde – gerade in Anwesenheit einer offiziellen Repräsentantin/eines offiziellen Repräsentanten desStaatesNamibia–dementsprechendenBekenntnisaufderStele „DIESTADTMÜNSTERBEKENNTSICHZURDEUTSCHENVERANTWORTUNG FÜRKOLONIALESUNRECHTUNDDENVÖLKERMORDANDENHERERO UNDNAMAZWISCHEN1904UND1908“ einebesondereWirkungverleihen. Zu Punkt 5: Die Einweihungsfeier bedarf keiner gesonderten finanziellen Förderung, sondern wird vom StadtarchivausdemregulärenEtatbestritten. FörderungvonAngebotenausdemBereichKunstundKultur Die Förderung von interkulturellen Angeboten erfolgt durch das Kulturamt und den Integrationsrat der Stadt.DerafrikanischeKontinentundseineBevölkerungerfahrendabeistetsBerücksichtigung. Ein Höhepunkt ist das jährlich von der Afrika Kooperative organisierte „Afrika Festival“, in dem zeitgenössische Musik- und Theaterbeiträge gezeigt werden, aber auch Kunst und KunsthandwerkihrenPlatzhaben. Mit der Veranstaltungsreihe „Dekolonisierung des Denkens“ möchte der Verein Afrikanische Perspektiven ein differenziertes und realitätsnahes Afrika-Bild vermitteln und so zu respektvollen BegegnungenzwischenMenschenbeiderKontinentebeitragen. -4- V/0472/2022 Im Gespräch mit den genannten Trägervereinen kann in den nächsten Jahren gezielt angeregt werden, namibianische Künstlerinnen und Künstler und Kulturschaffende bei den Programmplanungen zu berücksichtigen. Finanzielle Mehrbedarfe würden ggf. bei einer Programmausweitung entstehen. Da die Jahresplanung für 2023 weitgehend abgeschlossen ist, müsstendiesefürdenFolgehaushalt2024vorgesehenwerden. AngebotederBildungsarbeitundhistorischeDarstellungen 1. Internetportal „Koloniale Räume in Münster“ Eine kritische Aufarbeitung der Vergangenheit funktioniert dann besonders gut, wenn die StadtgesellschaftAnknüpfungspunktedazuinihremunmittelbarenLebensumfeldentdeckenkann. Das Stadtarchiv hat sich auf Suche nach Spuren der deutschen Kolonialpolitik von 1871 bis 1918 in der Stadt Münster begeben. Weil die Ideologie des Kolonialismus weit über diesen Zeitraum hinauswirkte, lassen sich eine ganze Reihe von Hinterlassenschaften im Stadtbild der ehemaligen westfälischen Provinzialhauptstadt finden: Münsteranerinnen und Münsteraner konsumierten Produkte aus den Kolonien, schwelgten bei Kolonialausstellungen in exotischen Träumen und drückten in kulturellen Veranstaltungen und Völkerschauen ihr rassistisches Überlegenheitsgefühl gegenüber den Menschen in den Kolonien offen aus. Seit 1919 wurde in Münster wie anderswo offensiv eine Rückkehr zu Kolonialbesitz gefordert, nachdem das Deutsche Reich alle Kolonien verloren hatte. Mit der nationalsozialistischen Machtübernahme erhielten solche Bestrebungen neuerlichen Aufwind. Nach 1945 blieb eine kritische Auseinandersetzung mit Kolonialismus wie überall in der westlichen Welt lange aus. Erst seit den 1970er-Jahren forderten zunächst noch kleinere gesellschaftliche Gruppen eine kritische Auseinandersetzung mit dem deutschen Anteil am globalenkolonialenUnrecht.DieseProzessedauernbisheutean.DasStadtarchivhatinKooperation mit dem städtischen Vermessungs- und Katasteramt das Internetportal „Koloniale Räume in Münster“ initiiert. Es projiziert die kolonialen Spuren aus Kolonialbewegung, Wissenschaft, Mission und Wertschöpfung auf den heutigen Stadtplan und lädt zu Entdeckungstouren und zur kritischen Auseinandersetzung mit der Geschichte ein. Die Software-Architektur erlaubt es, neue historische Orte oder Flächen einzutragen und die zugehörigen Artikel zu ergänzen. Solche Erweiterungen des Angebots erwarten wir u. a. durch den Themenschwerpunkt „(Post)koloniales Westfalen-Lippe“, den derLandschaftsverbandfürdasJahr2024ausgerufenhat. https://www.stadt-muenster.de/kolonialspuren/ 2. Buchprojekte: Münsters „Völkerschauen“ / (Post-)koloniale Geschichte Münsters Derzeit wird geprüft, ob die höchst informative Studie von Christin Fleige zu sogenannten „Völkerschauen“ im alten Zoo Münsters in der Veröffentlichungsreihe „Kleine Schriften aus dem StadtarchivMünster“erscheinenundderBevölkerungaufdieseWeiseeinvertiefterZugangzueinem besonders kritischen Thema ermöglicht werden kann. In aller Regel wird das entstandene Buch auf einem Themenabend vorgestellt und diskutiert, so dass eine hohe Außenwirksamkeit sichergestellt ist. Buch und Themenabend werden über klassische und neue Medien beworben und der Vortrag selbstüberdasInternetgestreamt. Darüber hinaus sondiert das Stadtarchiv Fördermöglichkeiten einer Publikation zusammen mit dem Exzellenzcluster „Religion und Politik“ der WWU, die die Erkenntnisse studentischer Abschlussarbeiten und gesellschaftlicher Initiativen zur (post-)kolonialen Geschichte Münsters für ein möglichst großes Publikum verständlich aufbereitet. Eine städtische Beteiligung an den Druckkosten würdedieErfolgsaussichtaufDrittmittel(z.B.derLWL-Kulturstiftung)signifikantsteigern. i.V. gez. CorneliaWilkens Stadträtin Anlagen AnlageA -5- V/0472/2022
Beratungsverlauf (3)
Beschluss: zur Kenntnis genommen
Zur SitzungOrte (1)
- Promenade
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Details
- Aktenzeichen
- V/0472/2022
- Typ
- Vorlagen
- Datum
- 02.08.2022
- Erstellt
- 02.08.2022 15:37