V/0908/2016
Masterplan altengerechte, inklusive Quartiere zur Versorgungssicherheit von Menschen mit Pflege- und Unterstützungsbedarf
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Berichtsvorlage
18954 Zeichen
V/0908/2016 DER OBERBÜRGERMEISTER Sozialamt Betrifft Masterplan altengerechte, inklusive Quartiere zur Versorgungssicherheit von Menschen mit Pflege- und Unterstützungsbedarf Beratungsfolge 18.01.2017 Ausschuss für Soziales, Stiftungen, Gesundheit, Verbraucherschutz und Arbeitsförderung Einbringung 19.01.2017 Kommission zur Förderung der Inklusion von Menschen mit Behinderungen Bericht 30.01.2017 Kommunale Seniorenvertretung Bericht 02.02.2017 Ausschuss für Stadtplanung, Stadtentwicklung, Verkehr und Wohnen Bericht 22.02.2017 Ausschuss für Gleichstellung Bericht 08.03.2017 Ausschuss für Soziales, Stiftungen, Gesundheit, Verbraucherschutz und Arbeitsförderung Bericht 22.03.2017 Haupt- und Finanzausschuss Bericht 22.03.2017 Rat Bericht Bericht: 1. Antrags- und Beschlusslage Mit ihrem Antrag an den Rat A-R/0053/2012 „Masterplan Quartier – Versorgungssicherheit für Menschen mit Pflege- und Unterstützungsbedarf sichern – Infrastruktur zukunftsgerecht weiter- entwickeln“ regt die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen/GAL an, ein grundständiges Konzept mit verbindlichen Leitlinien und Handlungshilfen zur Ermöglichung eines selbstbestimmten Wohnens und Lebens bei gesicherter Pflege und Unterstützung im Quartier zu entwickeln. Der Hauptaus- schuss hat die Verwaltung am 13.03.2013 (Beschluss zur Vorlage V/0128/2013) zunächst beauf- tragt, das weitere Verfahren zur Prüfung und ggf. Umsetzung der Einzelanliegen des Antrags im Rahmen einer gesonderten Vorlage darzustellen. Mit Vorlage V/0835/2013 hat die Verwaltung daraufhin die generellen Anforderungen an altengerechte Quartiersentwicklung, ferner bestehen- de und in Entwicklung befindliche Ansätze sowie Andockpunkte an bestehende Aufgabenberei- che und Programme in Münster dargestellt. In dem Zusammenhang hat die Verwaltung angeregt, zum einen ein gesamtstädtisches sozialraumorientiertes Handlungskonzept, einen Masterplan Quartier, zu entwickeln. Parallel zur Entwicklung des Masterplans sollten außerdem in einem oder mehreren ausgewählten Teilgebieten Ansätze für die Entwicklung von altengerechten Quar- tieren mit dort bestehenden oder neu zu gründenden Netzwerken praktisch erarbeitet werden. Mit Beschluss vom 11.12.2013 stimmte der Rat dem Eckpunktepapier zu und beauftragte die Ver- Vorlagen-Nr.: V/0908/2016 Auskunft erteilt: Frau Menke Herr Treutler Ruf: 492-5025 492-5026 E-Mail: MenkeChristine@stadt-muenster.de Treutler@stadt-muenster.de Datum: 09.11.2016 Öffentliche Berichtsvorlage 2 V/0908/2016 waltung, eine Förderung des Projekts Masterplan Quartier nach dem Landesförderplan Alter und Pflege des neuen Alten- und Pflegegesetzes (APG) zu prüfen und ggf. eine Förderung zu bean- tragen. Die Verwaltung war diesem Beschluss gefolgt und hatte mit dem Ministerium für Gesund- heit, Emanzipation, Pflege und Alter NRW im Frühjahr 2014 Förderperspektiven erörtert. Obwohl die Verabschiedung des APG und somit des Landesförderplans noch nicht erfolgt waren, wurde eine modellhafte Förderung durch das Land NRW in Aussicht gestellt und beantragt. Durch die über den Landeshaushalt verhängte Haushaltssperre 2014 konnte die Förderung jedoch nicht bewilligt werden. Ein aktualisierter Antrag nach Aufhebung der Haushaltssperre ließ sich nicht mehr realisieren, nachdem das APG verabschiedet war und das Land erste Fördermaßnahmen im Rahmen des Landesförderplans Alter und Pflege angeboten hatte. Auf dieser Grundlage war es jetzt möglich, Fördermittel für eine altengerechte Quartiersentwicklung in einem (konkreten) Quartier zu beantragen. Die Verwaltung hat daraufhin einen Antrag für das Quartier Hiltrup-Ost an das Land gerichtet. Hierfür wurde eine Quartiersentwicklerin eingestellt, die seit Oktober 2015 diese Aufgabe wahrnimmt. Eine Förderung für die Entwicklung eines gesamtstädtischen Kon- zepts „Masterplan Quartier“ war jedoch nicht mehr möglich. Für die Erarbeitung dieses Master- plans wurde daher aus den bereitgestellten Mitteln für 8 Monate eine 0,8-Stelle eingerichtet, die etwa zeitgleich mit Beginn des Projekts in Hiltrup-Ost mit der Entwicklung des Masterplans star- ten sollte. 2. Masterplan altengerechte, inklusive Quartiere Vorgelegt wird nun ein Masterplan altengerechte, inklusive Quartiere zur Versorgungssicherheit für Menschen mit Pflege- und Unterstützungsbedarf, in den u. a. erste Erfahrungen aus dem Mo- dellquartier Hiltrup-Ost eingeflossen sind. Neben der Auswertung zahlreicher Veröffentlichungen sowohl aus dem deutschsprachigen als auch internationalem Raum wurden auch aktuelle Ent- wicklungen und Vorgaben zum Themenspektrum in Münster ausgewertet und einbezogen. Das Land NRW bietet inzwischen vielseitige Informationen und Veranstaltungen zum Thema altenge- rechte Quartiersentwicklung an. Dieser Masterplan präsentiert sich als flexibles Rahmenkonzept für ein abgestimmtes und me- thodisches Vorgehen exemplarisch in Bezug auf altengerechte, inklusive Quartiere, nicht jedoch als umfassendes und geschlossenes Planwerk, das verbindliche Schablonen für die Entwick- lungsprozesse in den Quartieren grundsätzlich bereitstellt. Gleichwohl zeigt der Masterplan auf, dass auch Konzepte notwendig sind, die sich auch an jüngere Generationen richten, um eine tragfähige Infrastruktur für die Quartiere schaffen zu können. Das vorliegende Rahmenkonzept bietet ein anpassungsfähiges ‚Prozessdesign‘ an, das einer- seits Vorgehensweisen für Projektquartiere vorstellt, andererseits Anregungen für eine gesamt- städtische Vernetzung relevanter Akteure zum fachlichen Austausch und zur Stärkung der Quar- tiersperspektive vermitteln möchte. Es bietet damit einen Baustein im Rahmen eines grundsätzli- chen Quartiersentwicklungskonzeptes, das auch andere schon praktizierte oder auch in der Ent- wicklung befindliche Quartierskonzepte in der Stadt miteinander vernetzt. Dies grundsätzliche Quartierskonzept soll 2017 entwickelt und mittel- bis langfristig für alle Teilräume angestrebt wer- den. Der Bericht legt einen Quartiersbegriff zugrunde, der einen überschaubaren und als zusammen- hängend wahrgenommenen Nahraum beschreibt. Anders als Einheiten der statistischen Ge- bietsgliederung (statistische Bezirke/Stadtteile, Stadtzellen) haben Quartiere keine eindeutigen, allgemeinverbindlichen Umrisse. Aus Sicht der Bewohnerinnen und Bewohner desselben Viertels können dessen Grenzen unterschiedlich weit gezogen sein, zum Beispiel in Abhängigkeit von der Mobilität der Menschen. Für die praktische Umsetzung altengerechter, inklusiver Quartiersent- wicklung empfiehlt der Bericht vorerst, keine größeren Einheiten als Stadtteile mit der Option auszuwählen, innerhalb ihrer Grenzen möglicherweise mehrere Quartiere zu entdecken. Jedes Quartier hat eine eigene Struktur, Geschichte, Kultur, egal ob innerstädtisches Quartier oder im Außenbereich. Daher werden im Masterplan Empfehlungen gegeben, die individuell aus- gewählt zu individuellen Ergebnissen führen werden. Da die Wünsche und Bedarfe der Bewoh- nerinnen und Bewohner in den Quartieren im Vordergrund stehen, dazu die jeweiligen Möglich- keiten sowohl von ehrenamtlicher als auch professioneller Seite, kann es keinen einheitlichen 3 V/0908/2016 Fahrplan geben. Jedes Quartier kann hier jedoch Bausteine für das Angehen dieses Themas finden. Der vorliegende Masterplan stellt die Zielgruppen, die von einer altengerechten, inklusiven Quar- tiersentwicklung profitieren können, und die Themenfelder im Rahmen einer Bestandsaufnahme für Münster dar. Neben Älteren und Menschen mit Behinderung können zahlreiche weitere Be- wohnerinnen und Bewohner von einer Stärkung der Nachbarschaften und einem unterstützenden Umfeld profitieren, dazu gehören namentlich Familien, Kinder und Jugendliche. Wichtige Akteure sind außerdem die, die alltagsrelevante Güter und Dienstleistungen im Viertel anbieten oder dort künftig präsent sein möchten. Gleiches gilt für örtliche Anbieter von Hilfen, Vereine und weitere zivilgesellschaftliche Gruppen. Alle, die in einem Quartier leben, sind aufgerufen, sich einzubrin- gen. Des Weiteren werden vorhandene Strukturen wie z.B. die stadtteilbezogenen Arbeitskreise „Älter werden in Münster“, Initiativen wie Anti-Rost, „von Mensch zu Mensch“ und Programme wie „Bewegt älter werden in Münster“ zusammengestellt. Da ein besonderer Blick auf das Thema Wohnen und Pflege zu legen ist, wurde auch hierzu eine Bestandsaufnahme durchgeführt und positive Beispiele herausgestellt. Eine Reihe kleinräumiger Daten (auf der Basis der 174 Stadt- zellen) wurde aufbereitet, um die Verteilung der Menschen mit Pflege- und Unterstützungsbedarf auf der einen und die für sie heute vorhandenen dezentralen Angebote auf der anderen Seite gegenüberzustellen. Darüber hinaus wurden verschiedene (Bevölkerungs-)Indikatoren herange- zogen, um zwei Dimensionen anzuleuchten: Stadtbereiche, in denen wahrscheinlich viele Pflege- und Unterstützungsbedürftige mit einem mangelnden Unterstützungs- und Versorgungsangebot leben (Defizite), sowie Teilgebiete der Stadt mit beispielhaften Angeboten, die für die Quartiers- entwicklung anregend sein könnten (Potenziale). Altengerechte, inklusive Quartiersentwicklung ist beteiligungsbasiert. Die Bewohnerinnen und Bewohner des Viertels kennen sich in ihrem Quartier aus, sie können dessen Stärken und Schwächen identifizieren, außerdem Aktionsrichtungen und Ansätze für Einzelvorhaben bestim- men und nach Wichtigkeit sortieren. Um ein Quartier gemeinsam zu gestalten, muss allerdings jemand den Prozess in Gang setzen, dem Vorgehen inhaltliche und methodische Impulse und Orientierung geben; ein Quartiersentwickler oder eine Quartiersentwicklerin muss den Diskurs moderieren und mithelfen, vereinbarte Maßnahmen zu realisieren. Schließlich bedeutet ein ge- meinsames Vorgehen, gerade auch Menschen mit weniger Beteiligungsbereitschaft einzubinden. Wo altengerechte Quartiersentwicklung begonnen wird, empfiehlt der Masterplan, einige Grund- regeln zu beachten. Hierzu gehören ein umsichtiges, zunächst exploratives und in der Folgezeit lernbereites Vorgehen, für den Prozess wichtige Aspekte sind ferner lokale Spezifika. Mit den Akteuren vor Ort sollten vordringliche Handlungsansätze erschlossen, Ziele formuliert sowie Ko- operationsstrukturen aufgebaut werden, die das Projekt überdauern. Die Themen Evaluation und Verstetigung sollten von Anfang an mitgedacht werden. Quartiersvereine oder verlässliche netz- förmige Arbeitsstrukturen vor Ort könnten dauerhafte Strukturen wie einen Quartiersstützpunkt oder ein Quartierszentrum bzw. Dorfgemeinschaftshaus als Begegnungsstätte und Beratungs- zentrum tragen. 3. Aktuelle Entwicklungen zur altengerechten, inklusiven Quartiersentwicklung Neben der Stadt Münster wollen und werden etliche weitere Akteure in diesem Themenfeld aktiv werden, einige sind bereits gestartet, andere haben Förderanträge gestellt oder bereiten Anträge vor. Das vom Caritasverband für die Stadt Münster durchgeführte Vorhaben für die Stadtteile Aaseestadt/Pluggendorf wird von der Stiftung Wohlfahrtspflege gefördert, im gleichen Bereich führt die Wohn+Stadtbau GmbH das Audit „Generationengerechtes Quartier“ durch. Für eine zusätzliche Förderung aus dem Landesförderplan Alter und Pflege konnten Mittel für die Quar- tiersentwicklung eines weiteren Quartiers in Münster, nämlich für Rumphorst, akquiriert werden. Dieses wird die Diakonie Münster umsetzen. Das Projekt der Caritas hat im Sommer 2016 be- gonnen, das Projekt der Diakonie kann voraussichtlich Ende 2016 starten. Neben diesen beiden Projekten, die die altengerechte, inklusive Entwicklung eines näher defi- nierten Quartiers im Blick haben, gibt es Träger, die einen sozialraumorientierten (Nah-)Ver- sorgungsansatz verfolgen, indem sie an der Entwicklung der Ressourcen im sozialen Nahraum mitwirken, um die Wohn- und Lebenssituation der Menschen zu verbessern, mit denen sie schon 4 V/0908/2016 Kontakt haben oder Kontakte knüpfen möchten. Hierunter fallen die schon länger in Münster be- stehenden Quartiersstützpunkte der Ambulanten Dienste e.V. „An der Aa“, „Gievenbeck“ und seit diesem Jahr auch am „Platanenhof“. Weitere Träger wie z.B. das Cohaus-Vendt-Stift haben Kon- zepte entwickelt, wie sie in ihrem näheren Umfeld gemeinsam mit professionellen wie ehrenamt- lichen Akteuren Menschen mit Unterstützungsbedarf Hilfen anbieten können und neue Angebote schaffen wollen. Auch das Mehrgenerationenhaus Mathildenstift will dies aufgreifen und mit Un- terstützung Ehrenamtlicher für die nördliche Altstadt und das Kreuzviertel tätig werden. Eine För- derung ist beantragt. Um diese Aktivitäten zu bündeln, wurde bereits ein gesamtstädtischer Arbeitskreis gebildet, um einen regelmäßigen Austausch zu gewährleisten. Dieser Arbeitskreis wird von der Sozialplanung des Sozialamts moderiert. Neben der Erörterung einiger grundlegender Fragen, deren Ergebnis- se in den Masterplan eingeflossen sind, koordiniert der Arbeitskreis die Umsetzung der aktiven und geplanten Vorhaben im Diskurs. Um auch andere Akteure aus dem weiten Spektrum der altengerechten Quartiersentwicklung für dieses Thema der Zukunft zu gewinnen, ist für 2017 eine Fachtagung geplant, die neben der Vorstellung von Erfahrungen auch die Chancen und Möglich- keiten für Akteure aufzeigen sollen, die mit ihren bzw. den Leistungen und Diensten ihrer Mitglie- der unterschiedliche Bereiche des Alltags bedienen (Kammern, Verbände). 4. Versorgungssicherheit für Menschen mit Pflege- und Unterstützungsbedarf Zum Thema „Wohnen im Alter“ in Münster gibt es bereits eine Reihe von Ansätzen und Maß- nahmen (vgl. z.B. Vorlage V/0798/2005 Wohnen im Alter). Altengerechte, inklusive Quartiersentwicklung nimmt jedoch nicht nur das Thema Wohnen in den Blick. Aspekte der Teilhabe zur Sicherung eines würdevollen, inklusiven und selbstbestimmten Lebens, bürgerschaftlichem Engagement und des Gesundheitswesens sollen miteinander ver- bunden werden, um den Verbleib in der (möglicherweise altengerecht angepassten) Wohnung zu unterstützen. So können z.B. pflegerische Angebote in modellhaften Kooperationen auf das Quartier bezogen werden, und es sollen auch Angebote zur Unterstützung und Entlastung pfle- gender Angehöriger vor Ort verfügbar sein. Für Wohnen im Quartier soll eine möglichst breite Versorgungssicherheit gewährleistet sein, die zum einen die alltäglichen Bedarfe (nicht nur) älte- rer Menschen deckt (Lebensmittel, Ärzte, Apotheken, Frisör, Reha-Angebote, etc.), zum anderen auch die Einbindung in das gesellschaftliche Leben (Förderung der Teilhabe) berücksichtigt. So können Angebote für Ehrenamtliche geschaffen werden, die sowohl eine sinnvolle und erfüllende Freizeitbeschäftigung darstellen, als auch möglicherweise anderen benachteiligten Menschen wieder zu Gute kommen. Ebenso sollen Angebote für Menschen mit geringen finanziellen Mitteln die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermöglichen und einer Vereinsamung entgegenwirken. Mit dem neuen Alten- und Pflegegesetz wurde das Aufgabenspektrum der ehemaligen Kommu- nalen Pflegekonferenz um das Thema Alter erweitert, sie heißt nun Kommunale Konferenz für Alter und Pflege. U. a. wird dort jährlich der verbindliche Pflegebedarfsplan beraten, der nachfol- gend vom Rat beschlossen wird. Ziel für Münster ist es, das Angebot an neuen/alternativen Wohn- und Pflegeformen auszuweiten und neue Pflegearrangements zu entwickelt. Die Men- schen sollen auch mit Pflege- und Unterstützungsbedarf so lange wie möglich und gewünscht in ihren Wohnungen, wenigstens jedoch im vertrauten Quartier oder Stadtteil wohnen bleiben kön- nen. Dazu bedarf es auch der Unterstützung und Entlastung der pflegenden Angehörigen. Die Konferenz Alter und Pflege wird eine Arbeitsgruppe bilden, die ggf. unter Einbezug externer Expertinnen und Experten erörtern soll, wie für ein Teilgebiet Münsters modellhaft für eine alten- gerechte inklusive Quartiersentwicklung insbesondere umfassende Angebote zur Pflege und Un- terstützung bedarfsgerecht geschaffen werden können. Dabei sollen besonders die Quartiere, in denen bereits mit dem Prozess einer altengerechten Quartiersentwicklung begonnen wurde, in den Fokus genommen werden. Ebenso soll auf die Erfahrungen zurückgegriffen werden, die sei- nerzeit bei der Entwicklung für altengerechtes Wohnen und Pflege in Handorf gemacht wurden. 5. Weiteres Vorgehen, Ausblick 5 V/0908/2016 Altengerechte, inklusive Quartiersentwicklung ist ein andauernder, fortlaufender Prozess. Die bereits initiierten Quartiersentwicklungsprojekte werden unterschiedliche Erfahrungen aufzeigen, wie derartige Prozesse durchgeführt werden können. Hieraus können sich ein Leitfaden für zu- künftige Angebote der Altenhilfe und Pflege entwickeln, darüber hinaus möglicherweise Empfeh- lungen für die gesamtstädtische Perspektive (Stadtentwicklung) mit der Zielrichtung keiner weite- ren spezialisierten Großeinrichtungen, sondern wohnortnaher Versorgungs- und Unterstützungs- arrangements. Der Wunsch der Menschen nach lebenslangem selbstbestimmten Wohnen mög- lichst im gleichen Quartier mit einer Steigerung der Lebensqualität für alle Bürgerinnen und Bür- ger soll gewahrt werden. Sicher ist, altengerechte Quartiersentwicklung ist kein zeitlich begrenztes Vorhaben sondern eine Daueraufgabe, die sich im Laufe der Umsetzung von Maßnahmen verändern wird. Mit Beginn eines Projekts ist der Aufwand hoch, um Akteure zu gewinnen, Bürgerinnen und Bürger zu akti- vieren, die Bedarfe zu ermitteln und Möglichkeiten zur Umsetzung zu schaffen. Wichtig ist dabei immer, den Kontakt zu den Menschen im Quartier zu halten. Nach Ablauf einer Projektphase, in der sowohl bürgerschaftliches als auch institutionelles Engagement aufgebaut und solidarische Netze gebildet wurden, wird eine weitere Begleitung im Quartier erforderlich sein, da sowohl die Menschen als auch die Aktivitäten und Initiativen sich mit ihnen verändern; auf diese Verände- rungen muss reagiert werden. Damit erreichte Erfolge nicht im Sand verlaufen, muss eine Form der weiteren Begleitung der altengerechten, inklusiven Quartiere - möglicherweise mit einem „Kümmerer“ - geschaffen werden. Zunächst sind jedoch die Erfahrungen aus den gestarteten und geplanten altengerechten Quartiersentwicklungsprojekten abzuwarten, deren Verlauf fortlaufend zu beobachten und auszuwerten, damit im Sinne der Nachhaltigkeit rechtzeitig über die weitere Begleitung der Quartiersaktivitäten beraten werden kann. Zur Weiterentwicklung eines umfas- senden und nachhaltigen Quartiersentwicklungskonzeptes liefern die Erfahrungen aus dem vor- gelegten Masterplan altengerechte, inklusive Quartiere wichtige Erkenntnisse und können jetzt schon als Bausteine verwandt werden. In Vertretung gez. Cornelia Wilkens Stadträtin Anlage: Masterplan altengerechte, inklusive Quartiere – Gesamtstädtisches Konzept für Münster
Masterplan Quartiere mit Anhaengen
389522 Zeichen
Masterplan
altengerechte , inklusive
Quartiere
Versorgungssicherheit für Menschen
mit Pflege- und Unterstützungsbedarf
Gesamtstädtisches Konzept für Münster
Münster, im Oktober 2016
Anlage zu Vorlage
V/0908/2016
2
Stadt Münster, Sozialamt 2016
Bearbeiter: Marc Gottwald-Kobras, Dipl.-Ing. Raumplanung
Inhalt
3
Inhalt
Inhalt .................................................................................................................................................... 3
Abbildungsverzeichnis ......................................................................................................................... 5
Zusammenfassung ............................................................................................................................... 7
1 Einführung .......................................................................................................................................... 11
2 Hintergrund und Ausgangslage, Programmatik ................................................................................. 16
2.1 Gesellschaftliche Rahmenbedingungen / Demografischer Wandel ............................................ 16
2.2 Aktuelle Entwicklungen in den berührten fachlichen Feldern .................................................... 20
2.3 Rahmenbedingungen und Programmatik.................................................................................... 28
3 Konzeptionelle Ziele und Grundlagen ................................................................................................ 34
3.1 Übergeordnete Ziele des Masterplans ........................................................................................ 34
3.2 Quartier und Quartiersentwicklung ............................................................................................. 36
4 Blick nach draußen – Erfahrungen in Europa und Deutschland ......................................................... 50
4.1 Europa .......................................................................................................................................... 50
4.2 Deutschland ................................................................................................................................. 54
5 Bestandsaufnahme für Münster ........................................................................................................ 58
5.1 Gesamtstädtische Entwicklung im Themenfeld .......................................................................... 58
5.2 Akteure und Netzwerke ............................................................................................................... 66
5.3 Analyse der themenbezogenen Raum- und Sozialstrukturen ..................................................... 74
5.4 Zwischenfazit I: Hinweise auf Schwerpunktbedarfe .................................................................... 92
5.5 Zwischenfazit II: Ansätze der Quartiersentwicklung zur Versorgungssicherheit bei Pflege- und
Unterstützungsbedarf in Münster .............................................................................................. 94
6 Empfehlungen zum Vorgehen in den Quartieren .............................................................................. 97
6.1 Ein Quartier ‚aufschließen‘ und Partner gewinnen ..................................................................... 97
6.2 Kooperationsstrukturen im Quartier ......................................................................................... 100
6.4 Rollenverständnis von Quartiersentwickler/innen .................................................................... 102
6.5 Evaluation – Ziele und Rahmenbedingungen im Blick behalten ............................................... 104
6.6 Verstetigung ............................................................................................................................... 105
Inhalt
4
7 Maßnahmenspektrum in den Quartieren ........................................................................................ 107
7.1 Grundempfehlungen – Schwerpunktsetzungen für Quartierstypen ......................................... 107
7.2 Projektempfehlungen für verschiedene Handlungsfelder ........................................................ 109
8 Gesamtstädtische Vernetzung und ressortübergreifendes Handeln ............................................... 128
8.1 Netzwerk-Prozess ...................................................................................................................... 128
8.2 Neue Initiativen motivieren ....................................................................................................... 129
9 Ausblick ............................................................................................................................................. 130
9.1 Informationssystem und Datenlage .......................................................................................... 130
9.2 Beratung und Fortbildung altengerechte, inklusive Quartiersentwicklung .............................. 130
9.3 Perspektiven .............................................................................................................................. 131
Verwendete und empfohlene Literatur .............................................................................................. 132
Anhang ................................................................................................................................................ 137
Abbildungsverzeichnis
5
Abbildungsverzeichnis:
Abbildung 1: Altersaufbau der Bevölkerung in Deutschland im zeitlichen Vergleich bis 2060
(Projektionen) ............................................................................................................. 18
Abbildung 2: Familienstandsstruktur der Bevölkerung 2014 ........................................................... 19
Abbildung 3: Zimmergrößen in Pflegeeinrichtungen ........................................................................ 22
Abbildung 4: Trägerstruktur der Pflegeheime .................................................................................. 22
Abbildung 5: Pflegearten in Deutschland 2013 ................................................................................ 24
Abbildung 6: Auszug Landesförderplan Alter und Pflege 2016, Förderbereich 1. ............................ 29
Abbildung 7: Definitionsansatz 'Quartier als Fuzzy Place'. ............................................................... 37
Abbildung 8: Intergenerationeller Unterstützungsquotient, Ist bis 2011 und Projektion
(Veränderung 2015 bis 2030) ...................................................................................... 45
Abbildung 9: Beispiel Steuerungsmodell und Akteure der altengerechten, inklusiven
Quartiersentwicklung nach Wohnquartier❹. ............................................................. 48
Abbildung 10: Warnschild in Großbritannien. .................................................................................... 50
Abbildung 11: Homepage des Lorraine-Breitenrain-Leist, ältester Quartierverein in Bern. ............. 53
Abbildung 12: Seniorennetz Gelsenkirchen Stand 2011. .................................................................... 56
Abbildung 13: Stadtquartierplanung Berlin-Schöneberg. ................................................................... 57
Abbildung 14: Bevölkerungspyramide 2013/2020. ............................................................................ 58
Abbildung 15: Bevölkerungsprognose der ab-60-jährigen 2013-2020. ............................................. 59
Abbildung 16: Akteursstruktur Stadtsportbund Münster - Bewegt älter werden...,
Bewegt gesund bleiben... ............................................................................................ 69
Abbildung 17: Münsters Stadtteile –Ältere in Privathaushalten absolut in 2 Altersklassen. ............. 76
Abbildung 18: Anteil der Haushalte der 80-Jährigen und älter an allen Haushalten. ........................ 80
Abbildung 19: Zu- und Abwanderung national seit 1950. .................................................................. 81
Abbildung 20: Altersaufbau der Bevölkerung Münsters am 31.12.2015. .......................................... 82
Abbildung 21: Anteil der 60-Jährigen und älter mit Migrationsvorgeschichte. .................................. 83
Abbildung 22: Anteil der 65-Jährigen und älter im Grundsicherungsbezug (GSiG) am 31.12.2015. .. 84
Abbildung 23: Anforderungen bei einer Taxibus-Bestellung. ............................................................. 88
Abbildung 24: Konstituierende Sitzung Arbeitskreis Hiltrup-Ost im Februar 2016
im Vereinsheim des TUS Hiltrup als Beispiel. ............................................................ 101
Abbildungsverzeichnis
6
Abbildung 25: Bewegungsangebot Kreuzviertel ............................................................................... 112
Abbildung 26: Boulespiel .................................................................................................................. 113
Abbildung 27: Mögliches Präsent für Bewohner/innen: Warnweste zur besseren Sichtbarkeit
im Straßenraum. ........................................................................................................ 117
Abbildung 28: Aktionstag Mobilität kennt keinen Ruhestand des Zukunftsnetz Mobilität NRW
am 29.02.16. .............................................................................................................. 117
Abbildung 29: Hohe Frequenz – Werbung an der öffentlichen Toilette der Wall AG, Berlin
Alexanderplatz. .......................................................................................................... 118
Abbildung 30: Mögliche Bausteine eines Quartierszentrums. ......................................................... 126
Abbildung 31: Garten mit barrierefreiem Hochbeet. ....................................................................... 127
Zusammenfassung
7
Zusammenfassung
Im gewohnten oder selbst gewählten Viertel selbstbestimmt leben, so lange wie möglich, auch im
Alter, bei Pflegebedürftigkeit oder bei Hilfebedarfen im Alltag – diesem Idealziel folgt eine Sicht- und
Denkweise, nach der sich vorrangig Wohnumfeld und Infrastruktur an die Lebenslagen der Menschen
anpassen müssen, nicht oder nur in zweiter Linie die Menschen an bestehende Versorgungsangebo-
te. Diese Logik bildet den roten Faden einer altengerechten und inklusiven Quartiersentwicklung; sie
unterscheidet sich von klassischen, auf einzelne Angebotssäulen gerichteten Beobachtungs- und
Bewertungsmustern (sozialer) Infrastrukturplanung mit Blick auf Gegenstände, Vorgehen und ange-
peilte Ergebnisse.
Auftragsgrundlage des vorliegenden Berichts ist der Beschluss des Rates vom 11.12.2013 zur Vorlage
V/0835/2013. Neben einer testförmigen ‚Quartiersentwicklung von unten‘ in einem Teilgebiet Müns-
ters (ausgewählt wurde später Hiltrup-Ost) sollte die Verwaltung einen gesamtstädtischen „Master-
plan Quartier“ (Versorgungssicherheit für Menschen mit Pflege- und Unterstützungsbedarf) erarbei-
ten. Mit dem Masterplan sollte ein grundlegendes Konzept vorgelegt werden, das verbindliche Leitli-
nien und Handlungshilfen anbietet, selbstbestimmtes Leben bei gesicherter Pflege und Unterstüt-
zung im Quartier möglich zu machen. Der Quartiersentwicklungslogik folgend verknüpft der Ratsbe-
schluss den Masterplan Quartier ausdrücklich mit der verbindlichen Perspektive, keine weiteren
Groß- und Sondereinrichtungen zu bauen, sondern zunehmend quartierbezogene Wohn-, Pflege-
und andere Hilfeangebote zu errichten.
Dieser Masterplan präsentiert sich als flexibles Rahmenkonzept für ein abgestimmtes und methodi-
sches Vorgehen, nicht jedoch als umfassendes und geschlossenes Planwerk, das verbindliche Schab-
lonen für die Entwicklungsprozesse in den Quartieren bereitstellt. Das Rahmenkonzept bietet statt-
dessen ein anpassungsfähiges ‚Prozessdesign‘ an, das einerseits Vorgehensweisen für Projektquar-
tiere vorstellt, andererseits Anregungen für eine gesamtstädtische Vernetzung relevanter Akteure
zum fachlichen Austausch und zur Stärkung der Quartiersperspektive vermitteln möchte.
Der Bericht legt einen Quartiersbegriff zugrunde, der einen überschaubaren und als zusammenhän-
gend wahrgenommenen Nahraum beschreibt. Anders als Einheiten der statistischen Gebietsgliede-
rung (statistische Bezirke/Stadtteile, Stadtzellen) haben Quartiere keine eindeutigen, allgemeinver-
bindlichen Umrisse. Aus Sicht der Bewohnerinnen und Bewohner desselben Viertels können dessen
Grenzen unterschiedlich weit gezogen sein, zum Beispiel in Abhängigkeit von der Mobilität der Men-
schen. Für die praktische Umsetzung altengerechter, inklusiver Quartiersentwicklung empfiehlt der
Bericht vorerst, keine größeren Einheiten als Stadtteile mit der Option auszuwählen, innerhalb ihrer
Grenzen möglicherweise mehrere Quartiere zu entdecken.
Für den Masterplan wurden Veröffentlichungen aus Theorie und Praxis der Quartiersforschung sowie
der sozialraumorientierten Arbeit herangezogen; ferner wurde eine Reihe von Expertisen, Untersu-
chungen und Planungen bezogen auf die Stadt Münster ausgewertet. Eingeflossen sind außerdem die
themenrelevanten politischen Beschlüsse der vergangenen Jahre.
Eine Reihe kleinräumiger Daten (auf der Basis der 174 Stadtzellen) wurde aufbereitet, um die Vertei-
lung der Menschen mit Pflege- und Unterstützungsbedarf auf der einen und die für sie heute vor-
handenen dezentralen Angebote auf der anderen Seite gegenüberzustellen. Darüber hinaus wurden
verschiedene (Bevölkerung-)Indikatoren herangezogen, um zwei Dimensionen anzuleuchten: Stadt-
bereiche, in denen wahrscheinlich viele Pflege- und Unterstützungsbedürftige mit einem mangeln-
Zusammenfassung
8
den Unterstützungs- und Versorgungsangebot leben (Defizite), sowie Teilgebiete der Stadt mit her-
ausragenden innovativen Angeboten, auf die die Quartiersentwicklung aufbauen könnte (Potenziale).
Die Hintergrundfolie altengerechter, inklusiver Quartiersentwicklung bilden eine Reihe gesellschaftli-
cher Entwicklungen sowie politische Rahmensetzungen: Der gesellschaftliche Megatrend ‚demografi-
scher Wandel‘ lässt auch für Münster mittel- und längerfristige absolute Zunahmen älterer und
hochbetagter Menschen erwarten, einher gehend mit zunehmender kultureller Vielfalt und Variati-
onsbreiten an Lebensentwürfen und Lebensstilen. Die Lebenserwartung von Menschen mit Behinde-
rung nimmt zu, Alterseffekte werden ihre Bedarfe verändern. Diese Entwicklungslinien werden die
klassische Alten- und Behindertenhilfe sowie die Pflege nicht unberührt lassen; die Kapazitäts- und
Leistungsgrenzen klassischer Versorgungssysteme im Pflege- und in benachbarten Hilfesektoren ge-
raten zusehends in Sichtweite. Auch die Menschen möchten mehrheitlich nicht in große (spezialisier-
te) Einrichtungen ziehen, sondern in ihrem vertrauten Umfeld bleiben.
Reformen der leistungs- und förderrechtlichen Rahmenbedingungen, etwa im Bereich der Pflege,
begegnen diesen Aussichten, wenngleich sukzessive. Der Trend geht hin zur Förderung gemeinschaft-
licher, dezentraler Wohnformen und neuer innovativer Konzepte unter besonderem Einbezug von
Aspekten der Teilhabe und sozialer Netze. Das Land NRW verfolgt diese Richtung seit 2016 besonders
im Rahmen des GEPA (Gesetz zur Entwicklung und Stärkung einer demographiefesten, teilhabeorien-
tierten Infrastruktur und zur Weiterentwicklung und Sicherung der Qualität von Wohn- und Betreu-
ungsangeboten für ältere Menschen, Menschen mit Behinderungen und ihre Angehörigen) sowie des
Landesförderplans Alter und Pflege. Zudem stellt die UN-Behindertenrechtskonvention mit Blick auf
die Anforderungen an Selbstbestimmung und Teilhabe eine verbindliche Referenz auch für Wohn-
und Pflegeformen bereit.
Mit Blick auf die Beteiligungsdimension wird eine große Bandbreite von Zielgruppen angesprochen,
die eingebunden werden können oder sollten. Neben Älteren und Menschen mit Behinderung kön-
nen zahlreiche weitere Bewohnerinnen und Bewohner von einer Stärkung der Nachbarschaften und
einem unterstützenden Umfeld profitieren. Dazu gehören namentlich Familien, Kinder und Jugendli-
che. Wichtige Akteure sind außerdem die, die alltagsrelevante Güter und Dienstleistungen im Viertel
anbieten oder dort künftig präsent sein möchten. Gleiches gilt für örtliche Anbieter von Hilfen, Ver-
eine und weitere zivilgesellschaftliche Gruppen. Alle, die in einem Quartier leben, sind aufgerufen,
sich einzubringen.
Der Skizze einiger im Themenzusammenhang anregender Ansätze in europäischen Nachbarländern
und Deutschland schließt sich eine Bestandsaufnahme für Münster an. Sie zeigt vor allem, dass es in
Münster eine ganze Reihe von thematischen Netzwerken und ehrenamtlichen Initiativen gibt, an
deren Kompetenzen und Potenziale Quartiersentwicklungsvorhaben andocken können. Die klein-
räumigen Bevölkerungsdaten verweisen auf überdurchschnittliche Anteile älterer und hochbetagter
Menschen in den Außenstadtteilen und vereinzelt an den Rändern des Stadtbezirks Mitte. Die Vertei-
lung lenkt den Blick auf eingeschränktere Versorgungsinfrastrukturen in einigen Gebieten mit über-
wiegender Einfamilienhausbebauung sowie auf Areale, in denen stadträumliche Barrieren Bewohne-
rinnen und Bewohner von Angeboten trennen. Strukturell weisen Siedlungsentwicklungen der Nach-
kriegszeit, auch verdichtete ‚Reißbrettstadtteile‘, ungünstigere Bedingungen auf, da sich die Versor-
gungsangebote vor allem auf die Stadtteilzentren dort konzentrieren, die für weiter entfernt woh-
nende Menschen mit eingeschränkter Mobilität nicht oder schwer zu erreichen sind.
Zusammenfassung
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Die eingangs angerissenen Unterscheidungsmerkmale gegenüber klassischen Blickrichtungen, Vorge-
hensweisen und Zielperspektiven sozialer Infrastrukturplanung bedeuten für die praktische Umset-
zung altengerechter, inklusiver Quartiersentwicklung:
Im Zentrum altengerechter, inklusiver Quartiersentwicklung stehen Teilgebiete der Stadt (Quartiere)
mit allen ihren für das Leben der Menschen dort relevanten Eigenschaften, nicht spezifische Versor-
gungsgenres und ihre Verteilung über das Stadtgebiet. Quartiersentwicklung interessiert sich für die
Versorgungssituation im Quartier und für die Erreichbarkeit von Gütern des täglichen Bedarfs, medi-
zinischen Diensten, Begegnungsmöglichkeiten und ÖPNV; weitere Fragen beziehen sich auf ehren-
amtliche und nachbarschaftliche Unterstützungsnetzwerke sowie auf andere für den Alltag der Men-
schen wichtige Bedingungen, die ihnen ein selbstbestimmtes Leben in ihrem Viertel ermöglichen.
Altengerechte, inklusive Quartiersentwicklung ist beteiligungsbasiert. Die Bewohnerinnen und Be-
wohner des Viertels kennen sich in ihrem Quartier aus, sie können dessen Stärken und Schwächen
identifizieren, außerdem Aktionsrichtungen und Ansätze für Einzelvorhaben bestimmen und nach
Wichtigkeit sortieren. Um ein Quartier gemeinsam zu gestalten, muss allerdings jemand den Prozess
in Gang setzen, dem Vorgehen inhaltliche und methodische Impulse und Orientierung geben; ein
Quartiersentwickler oder eine Quartiersentwicklerin muss den Diskurs moderieren und mithelfen,
vereinbarte Maßnahmen zu realisieren. Schließlich bedeutet ein gemeinsames Vorgehen, gerade
auch Menschen mit weniger Beteiligungsbereitschaft einzubinden.
Ein objektiver Maßstab, anhand dessen ein Quartier auf der Skala zwischen ‚gar nicht altenge-
recht/inklusiv‘ und ‚perfekt altengerecht/inklusiv‘ lokalisiert werden könnte, ist nicht verfügbar. Vor
diesem Hintergrund ist eine auf diese Zielrichtung ausgelegte Quartiersentwicklung auf der Basis
bürgerschaftlicher Beteiligung prinzipiell ergebnisoffen. Wenngleich sich die im Verlauf des Prozes-
ses auf den Weg gebrachten, konkreten Einzelmaßnahmen mindestens partiell anhand fachlicher
Kriterien bewerten lassen werden, als mit Blick auf die generelle Zielrichtung geeignet oder weniger
geeignet, bilden die am Prozess Beteiligten mit der Bewohnerschaft des Viertels die maßgebliche
Jury, die im Verlauf des Prozesses wird beurteilen können, inwieweit sich ihr Quartier dem Ideal an-
nähern konnte.
Wo altengerechte Quartiersentwicklung begonnen wird, empfiehlt der Masterplan, einige Grundre-
geln zu beachten. Hierzu gehören ein umsichtiges, zunächst exploratives und in der Folgezeit lernbe-
reites Vorgehen, für den Prozess wichtige Aspekte sind ferner lokale Spezifika. Mit den Akteuren vor
Ort sollten vordringliche Handlungsansätze erschlossen, Ziele formuliert sowie Kooperationsstruktu-
ren aufgebaut werden, die das Projekt überdauern. Die Themen Evaluation und Verstetigung sollten
von Anfang an mitgedacht werden. Quartiersvereine oder verlässliche netzförmige Arbeitsstrukturen
vor Ort könnten dauerhafte Strukturen wie einen Quartiersstützpunkt oder ein Quartierszentrum
bzw. Dorfgemeinschaftshaus als Begegnungsstätte und Beratungszentrum tragen.
Quartiere sind so individuell wie die Menschen selbst, praktische Quartiersentwicklung ist daher
stets lokale Maßarbeit. Vor diesem Hintergrund konzentriert sich der vorliegende Masterplan einer-
seits auf generelle Empfehlungen, den Prozess zu initiieren und fortzuführen, andererseits auf eine
Reihe praktischer Beispiele und weiterführender Anregungen. Die Handlungsfelder, an denen sich
dieser Masterplan orientiert, zeigt die folgende Übersicht:
Zusammenfassung
10
Tabelle 1: Sachliche Handlungsfelder für Maßnahmen in der Altengerechten, inklusiven Quartiersentwicklung. Quelle: Eig. Darstellung in
Anlehnung an: Ratsantrag A-R/0053/2012 vom 18.11.2012 der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen/GAL im Rat der Stadt Münster
Pflege, Assistenz,
Notfallvorsorge
Soziale Infrastrukturen;
Beratung und Unterstützung Gesundheit und Sport
Lokale Wirtschaft,
Nahversorgung
Gemeinschaft, Nachbarschaft
und Identität Bildung und Kultur
Wohnen im Bestand,
Wohnbauentwicklung
Wohnumfeldgestaltung,
öffentlicher Raum, Freiraum Mobilität und Verkehr
1 Einführung
11
1 Ein führung
Der Rat der Stadt Münster hat mit dem Beschluss zur Vorlage V/0835/2013 am 11.12.2013 die Ver-
waltung beauftragt, einen gesamtstädtischen „Masterplan Quartier“ (Versorgungssicherheit für
Menschen mit Pflege- und Unterstützungsbedarf) zu erstellen. Dieser liegt hiermit vor.
Die angestrebte Landesförderung für dieses Vorhaben konnte aufgrund einer Haushaltssperre des
Landes Nordrhein-Westfalen im Jahr 2014 und einer Neuausrichtung der Förderung in Folge des Ge-
setzgebungsprozesses GEPA NRW1 nicht rechtzeitig erreicht werden, so dass es in der ersten Jahres-
hälfte 2015 aus städtischen Eigenmitteln als zeitlich begrenzte Arbeit aufgenommen wurde.
Bereits 2015 trat jedoch der (vorläufige) Landesförderplan Alter und Pflege NRW in Kraft, der zu-
nächst vorrangig das neue Landesprogramm ‚Masterplan Altengerechte Quartiere.NRW‘ mit der För-
derung einzelner Quartiere initiierte. Auf Basis des o.g. Beschlusses war die Verwaltung auch aufge-
fordert, hier ein Quartier in die Förderung zu bringen. Die Wahl fiel auf den Bereich Hiltrup-Ost (vgl.
V/1049/2015), wo nach der Förderzusage und Bereitstellung ergänzender Eigenmittel zum
01.10.2015 die altengerechte, inklusive Quartiersentwicklung aufgenommen wurde – als nied-
rigschwelliger partizipativer Prozess unter der Leitfrage „Wie wollen wir in Hiltrup-Ost leben?“. Erste
praktische Erfahrungen hieraus sind in diesen Masterplan eingeflossen; die Projektbearbeiter/innen
standen in engem Austausch.
Organisatorisch sind beide Vorhaben dem Aufgabenbereich der Fachstelle Planung/Koordination im
Sozialamt zugeordnet. Dieses Konzept nimmt damit seinen Ausgangspunkt im Thema Altenhilfe und
Pflege, muss aber zwangsläufig weit ausgreifen in die Arbeitsfelder und Fachkompetenzen zahlrei-
cher Akteure innerhalb und außerhalb der Stadtverwaltung. Zentrales Ziel ist es, allen Menschen in
Münster ein selbstbestimmtes Leben im Sinne eines möglichst langen Verbleibs in ihrer selbst ge-
wählten Wohnung zu ermöglichen. Und wenn nicht dort, so im vertrauten Umfeld ihrer Nachbar-
schaft, ihres Viertels, ihres Quartiers.
Der komplexe Auftrag dieses einfachen Ziels resultiert aus der Vielfalt unserer individuellen Ansprü-
che an ein gutes Leben und den zahlreichen berührten Themenfeldern. Eine zentrale Gelingensbe-
dingung ist damit die Bereitschaft aller relevanten Akteure zu Transparenz und Kooperation.
Aus Gründen der Anschlussfähigkeit und Konsistenz hat auch dieses gesamtstädtische Konzept für
Münster den Kurztitel ‚Masterplan altengerechte, inklusive Quartiere‘ erhalten, mit dem Zusatz „zur
Versorgungssicherheit für Menschen mit Pflege- und Unterstützungsbedarf“, um die ganze Bandbrei-
te derjenigen anzudeuten, die von einer Weiterentwicklung der Quartiere um ihre selbst gewählte
Wohnung profitieren werden. Der Vorsatz einer ‚altengerechten‘ Quartiersentwicklung thematisiert
zunächst die größte Gruppe derjenigen, die Erleichterung und Unterstützung im Nahraum um ihr
Zuhause mit zunehmendem Alter dringend benötigen. Es soll nicht exklusiv wirken, sondern als
kommunikative Brücke zu den breiten Teilen der Bevölkerung, die sich um ihre Eltern, Großeltern,
Verwandten, Nachbarinnen und Nachbarn sorgen und so selbst mit der Frage in Kontakt kommen
„Wie will ich im Alter leben?“. Quartiersentwicklung in diesem Sinne ist ein Generationenprojekt für
zahlreiche professionelle und freiwillige Beteiligte. Letztlich werden alle Quartiersbewohnerinnen
1 Gesetz zur Entwicklung und Stärkung einer demografiefesten, teilhabeorientierten Infrastruktur und zur Weiterentwicklung
und Sicherung der Qualität von Wohn- und Betreuungsangeboten für ältere Menschen, pflegebedürftige Menschen, Men-
schen und ihre Angehörigen; 2. Oktober 2014 als Änderungsgesetz zur Implementierung des neuen Alten- und Pflegegeset-
zes für Nordrhein-Westfalen.
1 Einführung
12
und -bewohner von einem zugänglichen und achtsamen unterstützenden (sozialen) Umfeld profitie-
ren.
Leistungsfähigkeit und Grenzen dieses Konzeptes
Der Begriff ‚Masterplan‘ steht nicht für eine Verordnung von Quartiersentwicklung von oben, eine
Top-down-Bestimmung von Zielmarken und schematischen Vorgehensweisen, vielmehr beschreibt er
einen Rahmenplan mit konzeptionellen Überlegungen für ein abgestimmtes Vorgehen. Quartierskon-
zepte umfassen die wesentlichen Gestaltungs- und Lebensbereiche, die zur Bewältigung des Alltags-
lebens wichtig sind. Hierzu gehören Wohnen und Wohnumfeld, Pflege und Unterstützung, Gesund-
heitsversorgung, soziale Infrastruktur, die generationengerechte Gestaltung des Wohnumfeldes so-
wie die sozialraumbezogene Förderung, Dienstleistungen und Güter des alltäglichen Bedarfs. Aber
auch Nachhaltigkeit und lebenswerte Umwelt sind wichtige Aspekte einer modernen und sozialen
Quartiersentwicklung.
Darüber hinaus sind auch die Bereiche Bildung und Kultur, die für das (Zusammen-)Leben und die
Entwicklung der Menschen unerlässlich sind, ebenso wie die Teilhabe an Arbeit und Beschäftigung,
wesentliche Themenfelder für eine moderne Quartiers- und Stadtentwicklung. Bei der Quartierskon-
zeptbeschreibung, die andere Teilaspekte darstellt, wenn sie mit Jugendhilfe, Schule und Ausbildung
korrespondieren (Beispiel: Aufwachsen und Teilhaben in einem inklusiven Gemeinwesen), treten
dann u.a. die Aspekte Bildung/Schule, Frühe Hilfen und Entwicklung in den Vordergrund.
Dieser Masterplan erschließt ein nicht nur für die Stadt Münster neues Feld und baut darauf, For-
schungsergebnisse, Empfehlungen sowie erste Erfahrungen guter Praxis von außen mit Erfahrungen
und Praxis der bestehenden Landschaft von Projekten und Initiativen in Münster zusammenzuführen
und auf die Herausforderungen einer zeitgemäßen altengerechten, inklusiven Quartiersentwicklung
und der Situation in Münster zu beziehen. Es geht nicht um den Aufbau völlig neuer Strukturen, son-
dern vielmehr darum, die zahlreichen positiven Ansätze in Münster zu bündeln und, wo nötig, neu zu
fokussieren. Daraus ergibt sich, dass dieser Masterplan weniger konkrete Aufgaben und Arbeits-
schritte benennt als ein Prozessdesign für eine Neuausrichtung zu skizzieren.
Es ist daher nicht von vorneherein formulier- und planbar, wann welche Teilziele mit welchen Ar-
beitsschritten (und welchem Ressourceneinsatz) erreicht werden, zumal dem Ehrenamt und freiwilli-
gen Engagement eine hohe Bedeutung zukommen wird. In diesem Zusammenhang muss auch betont
werden, dass Quartiersentwicklung nach einhelliger Auffassung eine große Beteiligungskomponente
beinhaltet – wer sich zu den Menschen nach Hause begibt, muss sozusagen nach ihren Regeln spie-
len. Daraus resultiert allerdings im besten Falle eine nachhaltige Identifikation mit den Zielen und
Maßnahmen vor Ort und die Vermeidung überflüssiger, kostenintensiver Teilprojekte. Gerade die
Grundlagen für eine Sicherung des Erreichten und eine Verstetigung des Begonnenen in den Quartie-
ren können nur mit den Bewohnerinnen und Bewohnern gelegt werden.
Auch das Land Nordrhein-Westfalen und andere überörtliche Promotoren einer altengerechten
Quartiersentwicklung sprechen derzeit viel davon, sich mit den Quartieren „auf den Weg zu ma-
chen“, und das nicht nur aufgrund des noch überschaubaren Erfahrungsschatzes. Vielmehr gehören
das Prozesshafte, (Ergebnis-) Offenheit und Vertrauen in die Bürgerinnen und Bürger (um deren
exakte Bedürfnisse es gehen soll) zum Konzept.
Dies widerspricht nicht einer konzeptionellen Planung, vielmehr ist es Ausdruck eines neuen Ver-
1 Einführung
13
ständnisses von Planung in einer selbstbewussten Zivilgesellschaft, deren Mithilfe auch unbedingt
benötigt wird.
Dieser Masterplan zielt daher primär auf Prozesse und exemplarische beteiligungsorientierte Maß-
nahmen, und nimmt dabei die gesamtstädtische Ebene ebenso wie die (möglichen) Quartiersvorha-
ben in den Blick. Er will insbesondere auch die Einbindung der sonst wenig gehörten Stimmen bil-
dungs- und engagementferner Gruppen und von Minderheiten erreichen – und dafür neue kreative
Mittel entwickeln und einsetzen.
Die Stadt Münster gehört nach gegenwärtigem Kenntnisstand zu den ersten Städten in Deutschland,
die ein derartiges Konzept für eine altengerechte und inklusive Quartiersentwicklung vorlegen. Die
gleichzeitige Konzentration auf die beiden Ebenen Quartier und Gesamtstadt erscheint unter Ande-
rem sinnvoll, weil Problemstellungen in den Quartieren nicht per se vor Ort zu verbessern sind, son-
dern grundsätzliche Weichenstellungen (zumindest) auf gesamtstädtischer Ebene erfordern werden.
Und, weil die strategische Ausrichtung von vielerlei Angeboten auf Quartiersentwicklung starke
Stimmen und ein fachliches Netzwerk benötigt.
Es ist nicht sinnvoll und möglich, an dieser Stelle aus gesamtstädtischer Perspektive eine Quartiers-
struktur von Münster zu erheben oder vorab festzulegen, weil es sie im Sinne der ‚Idee Quartier‘
nicht gibt. Die Nachbarschaft, das Viertel, das Quartier ist eine subjektive, vor Ort gewachsene Sicht-
weise, allenfalls eine weitreichende Übereinkunft der lokalen Gemeinschaften. Dies muss auch vor
Ort ermittelt werden und nicht am Schreibtisch, zumal wenn bauliche und Sozialstrukturen, histori-
sche Siedlungsphasen und räumliche Barrieren vor Ort Effekte haben oder haben können. Kenn-
zeichnend ist, dass ein Quartier zumeist nicht den festgelegten Stadtteil- und Stadtbezirksgrenzen
entspricht. Diese Ebenen, die für Politik und Verwaltung alltäglich von so hoher Bedeutung sind, fin-
den denn auch wenig Berücksichtigung in diesem Masterplan.
Aufbau
Im folgenden Kapitel 2 (Hintergrund, Ausgangslage, programmatische Ziele) werden zunächst die
gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen in Deutschland und Nordrhein-Westfalen
umrissen. Insbesondere geht es dabei um den demografischen Wandel und den Bedeutungsgewinn,
den die Gruppe der Älteren und Pflegebedürftigen im Zuge dessen erfahren muss, und den sich ver-
ändernden Blick auf Alter und Familie. Weiterhin werden die Beschlusslage und Grundlinien der loka-
len Politiken in Münster im Themenfeld beschrieben, so die starken Bemühungen in den Themenfel-
dern Demographischer Wandel, Wohnen, sozialgerechte Bodennutzung und Inklusion (UN-
Behindertenrechtskonvention, Aktionsplan Inklusives Münster). Hieraus werden die programmati-
schen Ziele dieses Masterplans abgeleitet.
Kapitel 3 bricht dies fachlich herunter in konzeptionelle Ziele. Insbesondere wird diskutiert und dar-
gelegt, auf welches breite Zielgruppenspektrum dieser Masterplan sich richten muss, wer profitiert
und wessen Engagement vonnöten ist. Auf Basis fachlicher Erkenntnisse werden Sachziele abgeleitet.
Kapitel 4 betrachtet als ‚Blick nach draußen‘ konkrete Politik- und Praxiserfahrungen aus anderen
europäischen Ländern, die national oder in einzelnen Beispielen lokal auf die Quartiersebene gesetzt
haben.
1 Einführung
14
Kapitel 5 als Bestandsaufnahme (s. auch Vorgehen) analysiert die konkrete Ausgangslage und Hand-
lungsbedarfe und -ansätze in Münster für eine altengerechte, inklusive Quartiersentwicklung zur
Versorgungssicherheit.
Kapitel 6 ist als ein ‚Starterset‘ für gute Standards der altengerechten, inklusiven Quartiersentwick-
lung in konkreten Quartieren zu lesen. Dabei geht es insbesondere um die Rolle der Quartiersent-
wickler/innen und darum, Ansprüche an Partizipation und ergebnisoffene Prozesse in das methodi-
sche Vorgehen einfließen zu lassen.
Kapitel 7 beschreibt, auch mit Blick auf Problemlagen und ‚Quartierstypen‘, die in Münster identifi-
ziert wurden, mögliche Projektansätze in den Quartieren. Dabei geht es nicht darum, zu fertigen Lö-
sungen die passenden Probleme zu suchen. Vielmehr soll dort, wo Quartiersentwicklung gestartet
wird, den Bewohner/innen und Verantwortlichen eine Auswahl an Projektideen zur Verfügung ste-
hen. Die Impulse hierzu müssen vor Ort entstehen. Es kann aber sinnvoll sein, initial kleinere Maß-
nahmen und Events in das Quartier zu bringen.
Kapitel 8 hebt die Perspektive noch einmal auf die gesamtstädtische Ebene und formuliert Notwen-
digkeiten und Vorschläge ressortübergreifender Zusammenarbeit innerhalb und außerhalb der
Stadtverwaltung.
Kapitel 9 beendet den Masterplan mit dem Ausblick in mögliche Zukünfte der Quartiersentwicklung
in Münster.
Vorgehen
Für diesen nun vorliegenden Masterplan altengerechte, inklusive Quartiere zur Versorgungssicher-
heit für Menschen mit Pflege und Unterstützungsbedarf war es für die Verwaltung, namentlich für
die Sozialplanung, notwendig, das Feld (altengerechte und inklusive) Quartiersentwicklung neu auf-
zuschließen und hier den aktuellen Stand in den berührten Handlungsfeldern (wie Einzelhandel,
Wohnungsmarkt) mit einfließen zu lassen. Hierzu wurden zunächst zahlreiche Veröffentlichungen
aus der deutschsprachigen und internationalen Theorie und Praxis und entsprechende Beschlüsse
sowie Relevantes aus Statistik und Befragungen in Münster zusammengestellt und ausgewertet.
Zahlreiche Veranstaltungen zum Thema, die insbesondere seit 2015 vom Land NRW angeboten wer-
den, wurden zur Information und auch überlokalen Vernetzung genutzt, so auch vom Seniorenforum
NRW.
Besonderen Wert gelegt wurde dabei auf stichhaltige Definitionen und Grundlagen, um die nicht
geschützten Begriffe Quartier und Quartiersentwicklung aus der Rolle der Kommune heraus mit prä-
gen zu können.
In Münster wurden frühzeitig eine stadtweite Vernetzung und ein lebendiger Austausch mit mög-
lichst vielen Akteuren und Interessenten im Feld angestrebt. So konnte auch mit interessierten Trä-
gern und ihren Projektgruppen der Arbeitskreis ‚Älter werden in Münsters Quartieren‘ gegründet
werden, der sich regelmäßig trifft. Durch den teilnehmenden Caritas Stadtverband Münster wurde
seitdem erfolgreich ein weiteres neues Quartiersvorhaben für den Bereich Aaseestadt/Pluggendorf in
die Förderung (Stiftung Wohlfahrtspflege NRW) gebracht. Weitere Antragsvorhaben wurden und
werden derzeit begleitet. Auch wird das Audit Generationengerechtes Quartier für den Bereich Aa-
seestadt der Wohn- und Stadtbau GmbH mit begleitet.
1 Einführung
15
Für die Betrachtung der Stadt Münster zur Ermittlung weiterer zukünftiger Quartiersansätze wurde
eine eigene Datenbasis zusammengestellt. In der Folge fiel die Entscheidung, eine kleinräumige An-
näherung an die Wohnquartiere der Münsteranerinnen und Münsteraner auf Ebene der 174 Stadt-
zellen vorzunehmen. Eine noch kleinteiligere Betrachtung wäre teilweise wünschenswert, bringt aber
Kompatibilitätsprobleme und teils Verzerrungen mit sich. Auch können Daten hier zu guten Teilen
aus den genannten Gründen, auch verwaltungsintern, nicht bereitgestellt werden, dies betrifft insbe-
sondere die mehrheitlich sehr kleinen Zahlen der Leistungsberechtigten in den Einheiten.
Wesentliche Daten, die Auskunft geben konnten, waren damit wiederum diejenigen, die die kleintei-
ligen Altersstrukturen in Münster beschreiben. Hier wurden insbesondere die Anteile der Menschen
über 60 Jahren und hierin derjenigen über 80 Jahren herangezogen, um die aktuelle Situation zu be-
schreiben. Dem wurde die Angebotsstruktur in den berührten Feldern, insbesondere Pflege und Al-
tenhilfe, Wohnen, aber auch Einzelhandel, Verkehr und weitere gegenübergestellt, um sichtbare
Angebotslücken ausfindig zu machen. Auch wurden Begegnungs- und Beratungsstellen sowie inte-
grierte Projekte betrachtet.
Diese Übersicht wurde und wird mithilfe der Akteure in den Stadtteilen qualitativ abgestützt. Hierzu
werden die vorliegenden Ergebnisse mit den Arbeitskreisen ‚Älter werden in…‘ für deren Einzugsbe-
reiche diskutiert und um das langjährige Erfahrungswissen von Ehrenamtlichen und professionellen
Stadtteilarbeitern angereichert. So können auch Erkenntnisse gewonnen werden über die teils klei-
nen Gruppen von Alleinlebenden, ethnischen und kulturellen Minderheiten, Menschen mit Behinde-
rung etc. vor Ort: ihre Integration in die unterstützenden Systeme, ansatzweise über lokale Gemein-
schaften sowie über die räumliche Orientierung der Menschen.
Die folgenden Empfehlungen für ein konkretes Vorgehen in den Quartieren (Kap. 6 und 7) basieren
auf den Empfehlungen des Landes NRW und anderer Akteure sowie zahlreichen offenen Berichten
von Projekten aus der Praxis; Veranstaltungen und die Projektlandkarte ‚Altengerechte Quartie-
re.NRW‘ sind weitere Quellen, außerdem eigene Ideen.
Für die Empfehlungen zu einer Fortführung des stadtweiten Prozesses wird auf die genannte Litera-
tur verwiesen, auf eigene Überlegungen und ressortübergreifende Gespräche in der Verwaltung so-
wie den interkommunalen Austausch, u.a. mit Gelsenkirchen, Hamm und Mülheim/Ruhr.
2 Hintergrund und Ausgangslage, Programmatik
16
2 Hintergrund und Ausgangslage, Programmati k
Der Masterplan altengerechte, inklusive Quartiere Münster geht von dem Leitmotiv aus, allen Bürge-
rinnen und Bürgern im Alter und/oder bei Pflegebedarf ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen
(vgl. Vorlage V/0128/2013). Er geht von der kommunalen Verantwortung aus, adäquate Pflege- und
Unterstützungsangebote zu gewährleisten und über kurzfristige Zeithorizonte hinaus zu denken; dies
umfasst neben den reinen Pflegedienstleistungen die Herstellung und die Aufrechterhaltung gesell-
schaftlicher Teilhabe.
Zahlreiche Umfrageergebnisse belegen wiederholt, dass ältere Menschen den Lebensabend in ihrer
angestammten Wohnung verbringen möchten oder zumindest in ihrer vertrauten Nachbarschaft.
Dies entspricht auch „den Erfordernissen der demografischen Entwicklung. Denn selbst wenn es zur
Vollversorgung im Pflegeheim keine Alternative gäbe, wäre es unmöglich, für die steigende Zahl
hochbetagter und pflegebedürftiger Menschen eine angemessene Versorgung in Heimen sicherzustel-
len“ (Keller, S. 2011: 212).
2.1 Gesellschaftliche Rahmenbedingungen / Demografischer Wandel
Der Demografische Wandel ist der gesellschaftliche Großtrend, der die Veränderung unserer Bevöl-
kerungs- und Raumstrukturen auch in den nächsten Jahren und Jahrzehnten bestimmen wird. Er wird
gemeinhin zusammengefasst mit dem Satz „Wir werden älter, weniger und bunter“ (P. Klemmer,
RWI Essen 2002). Diese Teilentwicklungen laufen regional und auch kleinräumig sehr unterschiedlich
ab. Dass das ‚Weniger’ in Münster insgesamt derzeit keine Rolle spielt, sollte nicht verdecken, dass
die anderen beiden Komponenten sehr wohl von Bedeutung sind.
Neben dem unumkehrbaren Trend der Alterung unserer Gesellschaft bedeutet das ‚Bunter‘ nicht nur
den Anstieg der Bevölkerungsteile mit Migrationsvorgeschichte, sondern auch die Veränderung von
Werten, Lebensweisen und Lebensformen: mehr Patchwork-Familien, gleichgeschlechtliche Partner-
schaften, späte Scheidungen, hochmobile Berufstätige, späte Eltern, überzeugte Singles, Eineltern-
familien, Fernbeziehungen, neue und alte Gemeinschaftswohnformen. Diese Ausdifferenzierung und
Individualisierung mündet in neue Rahmenbedingungen und Vorstellungen für das eigene Altwerden
und neue Altersbilder.
Der demografische und soziale Wandel stellt die Gesellschaft vor großen Anforderungen. Einem An-
stieg der älteren Bevölkerung steht in vielen Kommunen und Regionen (bisher) eine kontinuierliche
Abnahme der Anzahl der jüngeren Menschen gegenüber. In vielen Regionen hat dies bislang auch zu
einer sinkende Einwohnerzahl geführt. Wie wollen wir leben? Diese Frage stellt sich früher oder spä-
ter für alle Generationen. So will der Großteil der Menschen ihr Leben bis ins hohe Alter in ihrer ver-
trauten Umgebung verbringen. Das Gleiche gilt für Menschen mit Behinderung: selbstbestimmt
Wohnen, ohne auf eine umfassende Unterstützung und Pflege verzichten zu müssen. Noch immer
wird der Großteil der Pflege und Unterstützungsleistungen von Angehörigen aus dem familiären Um-
feld erbracht. Soziale Veränderungen, Wandel im Zusammenleben und bei den Rollenbildern, eine
gerechte Verteilung der Teilhabechancen für beide Geschlechter führen dazu, dass traditionelle Fa-
milienstrukturen sich grundlegend wandeln und für viele keine verlässlich Unterstützungsstruktur
mehr darstellen werden. Das Gemeinwesen wird in Zukunft viel stärker als bisher Sorgeaufgaben
2 Hintergrund und Ausgangslage, Programmatik
17
übernehmen und verlässliche Rahmenbedingungen Versorgungssicherheit und Teilhabe schaffen
müssen.
Nicht zuletzt ist mit der UN-Behindertenrechtskonvention, die ein Höchstmaß an Unabhängigkeit
aller Menschen ungeachtet ihrer Einschränkung fordert, die Debatte um ein inklusives Gemeinwesen
befördert worden. Ein „inklusives Gemeinwesens“ setzt dabei aber große Veränderungen und Anpas-
sungen voraus. Eine soziale Inklusion stellt Anforderungen auch an die Quartiere und Stadtteile, die
für alle Menschen ohne Barrieren zugänglich gemacht und darüber hinaus für alle Generationen und
Personengruppen den Zugang zur Versorgung und Teilhabe eröffnen müssen. Es bedarf geschlechter-
und generationengerechter Konzepte ebenso wie Angebote und Einrichtungen, die der kulturellen
Vielfalt der älterwerdenden Bevölkerung und Gesellschaft entsprechen.
Das Quartier als unmittelbarer Lebensort der Menschen ist dabei zunehmend in den Fokus gerückt
und zu einem neuen Leitbild in der Sozialpolitik avanciert. Dabei setzen Quartierskonzepte auf die
Erkenntnis, dass die zunehmende Vereinzelung in der Lebensführung und der Rückzug ins Private in
eine Sackgasse führen. Das „Zusammenleben im Quartier“ fördert indes ein neues Gemeinschaftsge-
fühl. Achtsamkeit, Wertschätzung und gegenseitige Unterstützung sind Voraussetzung für eine gelin-
gende Quartiersentwicklung, bei der die Teilhabe und Stärkung der Menschen im Mittelpunkt steht
und zugleich eine umfassende Pflege und Unterstützung gesichert wird.
Doch zunächst ein Blick auf die Gesamtsituation in Deutschland und in der Region: Nachdem der
absehbare Demografische Wandel um die Jahrtausendwende in den Fokus der Öffentlichkeit kam
und im ersten Jahrzehnt auf den unterschiedlichen Ebenen intensiv mögliche Auswirkungen und
Handlungsoptionen diskutiert wurden, wurde es zunächst wieder etwas stiller um das Thema. Die
Bundesregierung nahm das zum Anlass, 2015 zum Jahr der Demografie auszurufen und ihre Demo-
grafiestrategie unter dem Titel ‚Jedes Alter zählt‘ fortzuschreiben.
Hierin heißt es einführend: „Seit über 40 Jahren bringen Frauen in Deutschland, statistisch gesehen,
rund 1,4 Kinder zur Welt. Jede Elterngeneration wird nur zu zwei Dritteln durch die nachfolgende Kin-
dergeneration ersetzt; für die Erhaltung der Bevölkerungszahl wären 2,1 Kinder je Frau notwendig.
Hohe Kinderlosigkeit und der geringe Anteil Kinderreicher (drei Kinder und mehr) prägen die Situation
in Deutschland.
Seit über 50 Jahren steigt die Lebenserwartung in Deutschland kontinuierlich. So haben Männer seit
1960 im Durchschnitt 10,8 und Frauen 10,4 Jahre an Lebenserwartung gewonnen. Es ist zu erwarten,
dass die Lebenserwartung auch künftig weiter steigt. Dabei erreichen immer mehr Menschen ein ho-
hes Alter bei besserer körperlicher und geistiger Leistungsfähigkeit. Die Zahl der Jahre, in denen man
gesund bleibt, steigt weiter
2.
„Wir werden älter“ bedeutet also in erster Linie für alle einen Zugewinn an Lebenserwartung und
einen langen Lebensabend nach der Erwerbsphase. Zugleich schrumpft aber die familiäre Basis – die
Fürsorge für die alternden Menschen verteilt sich auf immer weniger Nachkommen, die möglicher-
weise nötige Angehörigenpflege auf immer weniger Schultern. Auch eine der zentralen Errungen-
schaften der Moderne, der gesamtgesellschaftliche Generationenvertrag der Sozialversicherungen,
2 BMI (2015): Jedes Alter zählt. Für mehr Wohlstand und Lebensqualität aller Generationen.
Weiterentwicklung der Demografiestrategie der Bundesregierung, S. 8. Online unter:
www.bmi.bund.de/SharedDocs/Downloads/DE/Broschueren/2016/weiterentwicklung-der-demografiestrategie.pdf (alle
Internetquellen zuletzt abgerufen am 08.08.2016)
2 Hintergrund und Ausgangslage, Programmatik
18
der die Familien maßgeblich entlastet und die persönliche Absicherung von der historischen Kopp-
lung an möglichst viele eigene Kinder befreit hat, ist in Frage gestellt.
Die Alterspyramide, die Darstellung des Altersaufbaus der Bevölkerung, die den Namen von ihrer
klassischen Dreiecksform hat (s.u., Jahr 1910), stellt sich im 21. Jahrhundert quasi auf den Kopf. Die
Pyramide bekommt eine sogenannte Urnenform mit einer schmalen Basis junger Menschen und
einem Überbau vieler Älterer.
Von besonderem Interesse werden die nächsten Jahrzehnte sein: Ab sofort werden die geburten-
starken Jahrgänge der Nachkriegszeit, die sog. Babyboomer (geb. 1955-69), sukzessive in das Ruhe-
standsalter kommen (s. auch Anhang 3). Das reale Renteneintrittsalter (durch Vorruhestandsrege-
lungen, Erwerbsunfähigkeit etc.) liegt in Deutschland, soweit erfassbar, derzeit bei 61,7 Jahren3. Die
schrittweise Erhöhung des gesetzlichen Rentenalters für diese Jahrgänge wird dies voraussichtlich
nur wenig verlangsamen.
Ab Mitte der 2030er Jahre werden diese starken Jahrgänge in die Hochaltrigkeit kommen und ihr
Pflege- und Unterstützungsbedarf wird sich zeigen. Heute sind primär die schmalen Vorkriegsjahr-
gänge und ‚Kriegskinder‘ in der Pflege.
3 vgl. statista (2016): Grafik Durchschnittliches reales und gesetzliches Renteneintrittsalter sowie durchschnittliche Lebens-
erwartung in ausgewählten europäischen Ländern (in Jahren). Online unter:
de.statista.com/statistik/daten/studie/173132/umfrage/renteneintrittsalter-in-europa/
Abbildung 1: Altersaufbau der Bevölkerung in
Deutschland im zeitlichen Vergleich bis 2060
(Projektionen)
Quelle: Stat. Bundesamt (Hg.) (2015): 13. Koordi-
nierte Bevölkerungsvorausberechnung, S. 18
2 Hintergrund und Ausgangslage, Programmatik
19
Es zeigt sich zudem, dass die Zahl älterer Menschen mit Behinderung, aufgrund besserer Lebensbe-
dingungen in den vergangenen Jahrzehnten, zunimmtaber auch weil fast eine ganze Generation von
ihnen in jungen Jahren dem menschenverachtenden Regime des Nationalsozialismus zum Opfer ge-
fallen ist4 – ihr Unterstützungsbedarf wird mit alterstypischen Pflegeansprüchen überlagert werden
und die Altenpflege verändern. Dies gilt auch für die größer werdende Zahl Älterer mit einer nicht-
deutschen Migrationsvorgeschichte.
Zugleich ist der Druck auf die mittleren Generationen größer geworden. Weiterhin sehen sich nur
wenige Menschen bereit, ihre nahe stehenden Angehörigen guten Gewissens ‚ins Heim zu geben‘
bzw. sie generell Dritten anzuvertrauen. Die sporadisch auftretenden, medial vermittelten ‚Pfle-
geskandale‘ tun hier ihr Übriges. Aber: Die Ausdifferenzierung und geringere Dauerhaftigkeit der
gewählten Lebensformen und die ökonomischen Anforderungen der immer flexibleren Einpassung in
die Erfordernisse des Arbeitsmarktes schränken familiäre Fürsorge und Pflege für die Älteren ein.
Zwei Verdienende im Haushalt sind das Normalmodell für ein auskömmliches Leben geworden. Un-
terbrechungen der Erwerbsbiographie sind riskant. Der Begriff ‚Familienphase‘ ist für (möglichst kur-
ze) Kindererziehungszeiten reserviert. Der Zusammenhang von Angehörigenpflege und Erwerbstätig-
keit wurde erst in jüngster Zeit und im Nachgang der neuen Elternzeitregelungen thematisiert5. Die
Pflege ist auch für pflegende Angehörige ein Armutsrisiko.
4 vgl. Projekt LEQUI in Dieckmann, F. et al. 2010: Vorwort und 9. Online unter: http://www.lwl.org/@@afiles/
28598235/dritter_zwischenbericht.pdf
5 Vgl. BMFSFJ (2015): Bessere Vereinbarkeit von Familie, Pflege und Beruf. Online unter: www.wege-zur-
pflege.de/familienpflegezeit.html
Abbildung 2: Familienstandsstruktur der Bevölkerung 2014
Quelle: Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung 2016.
Online unter: http://www.bib-
demografie.de/DE/ZahlenundFakten/12/
2 Hintergrund und Ausgangslage, Programmatik
20
Zu den Beschränkungen der zeitlichen und anderen Ressourcen, die der und die Einzelne für die Fa-
milie zur Verfügung hat, treten räumliche Effekte hinzu. Oftmals bedingen eine gute Ausbildung und
berufliche Spezialisierung, dass Menschen interregional bis hin zu international sehr mobil werden,
da entsprechende Arbeitsplätze nur punktuell angeboten werden. Sie finden ggf. Lebenspartner auf
diesem Lebensweg. Wenn sie sich dauerhaft niederlassen, muss das weder am Herkunftsort des ei-
nen noch der anderen sein. Sie leben meist nicht mehr dort, wo ihre Eltern alt werden. Dieser Zu-
sammenhang zwischen Bildung und Mobilität lässt vermuten, dass an einem Standort von Bildung
und Forschung, höherwertiger Dienstleistung und Verwaltung, also bei einer gehobenen Wirtschafts-
und Arbeitsmarktstruktur wie im städtischen Kontext Münsters, diese Mobilität bei den nachwach-
senden Generationen ausgeprägter ist als anderswo.
Hinzu tritt ein seit den 1960er Jahren anhaltender Wertewandel, der schon die heute Älteren erfass-
te: Individuelle Freiheit und die Realisierung der eigenen Chancen wurden und werden sehr hoch
bewertet. Die sozialen Sicherungssysteme und Infrastrukturen erfuhren einen großen Ausbau und
wurden als sehr leistungsfähig wahrgenommen. Die eigene Zukunft wurde nicht mehr von den per-
sönlichen sozialen Bindungen her gedacht. Auch viele heute Ältere setzen auf institutionalisierte
Hilfen und wollen „den Kindern nicht zur Last fallen“
6. Eine mögliche eigene Hilfsbedürftigkeit, und
sei sie nur finanzieller Natur, empfinden sie als bedrückend.
Hier zeichnen sich in jüngerer Zeit neue Entwicklungen ab. Das Wertespektrum wird wieder breiter
und auch frühere Gegensätze zwischen den Generationen entschärfen sich. Viele junge Familien
könnten ihren Alltag ohne die Großelterngeneration nicht organisieren7 und werden diese engen
Beziehungen bald weiter denken müssen. Mehr Menschen stecken beruflich zurück – für die Familie,
um nicht Fernbeziehungen führen zu müssen – oder gehen aus verschiedenen Gründen temporär aus
dem Erwerbsleben heraus, z.B. in Sabbatjahre8. Es wird deutlicher, dass der oder die Einzelne alle
Lebensrisiken in einer unübersichtlichen Gesellschaft nicht mehr alleine tragen kann und muss. Der
Wunsch nach Gemeinschaft und gegenseitiger Hilfe, auch im Wohnzusammenhang, nimmt wieder
zu9.
2.2 Aktuelle Entwicklungen in den berührten fachlichen Feldern
Durch die angesprochenen demographischen Entwicklungen sah der Gesetzgeber sich immer wieder
veranlasst, die Sozialsysteme nachzujustieren. Dies betrifft zunächst die Renten. Gedacht im Sinne
eines Generationenvertrages zahlen im Schnitt mehrere erwerbstätige Mitglieder der Rentenversi-
cherung das Alterseinkommen eines Mitglieds im Ruhestand. Dies lässt sich über den sog. Altenquo-
tienten grob abschätzen: „Der Altenquotient lag in Deutschland im Jahr 2013 bei 34,1 über 65-
Jährigen je 100 20- bis unter 65-Jährige“
10. D.h., dass heute ungefähr drei sozialversicherungspflichtig
6 Reuband, K.-H. 2008: 358f.
7 s. z. B. Amrhein, V. (2010): Die Rolle der Großeltern im Familienverband – und ihre Alternativen. Online unter:
http://www.familienhandbuch.de/familie-leben/familienformen/grosseltern/dierolledergrosselternimfamilienverband.php
8 vgl. XING Spielraum (2016) - Erfolgsmodell Sabbatical: Die Deutschen machen Pause: „2016 wollen 63 Prozent der Deut-
schen mehr für ein stressfreieres Leben tun, wie aus einer repräsentativen Umfrage für die DAK hervorgeht – viele, indem sie
eine Arbeitspause einlegen“. Online unter: https://spielraum.xing.com/2016/03/sabbatical-wird-zum-massentrend-die-
deutschen-machen-pause/
9 vgl. Szypulski, A. 2009: 54f.
10 Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (2015): Glossar, gleichnamiges Stichwort. Online unter: www.bib-
demografie.de/SharedDocs/Glossareintraege/DE/A/altenquotient.html
2 Hintergrund und Ausgangslage, Programmatik
21
Beschäftigte in der Rentenversicherung für eine Person eine Rente erwirtschaften müssen. Dieser
Faktor „könnte [..] bis zum Jahr 2060 einen Wert von über 61 [Rentenempfängern je 100 aktuell Ein-
zahlenden] erreichen“.
Finanzierung und Situation der professionellen Pflege in Deutschland
Bereits zuvor wurde als neue, fünfte Säule der deutschen Sozialversicherungen 1995 die Pflegeversi-
cherung eingeführt. Sie sichert gegen ein zentrales Lebensrisiko, insbesondere im Alter, ab und soll
eine adäquate Leistung bei Pflegebedürftigkeit und deren Finanzierung sicherstellen. Trotz des da-
mals sensiblen Themas der Lohnnebenkosten wurde eine klassische umlagefinanzierte Form gewählt.
Überlegungen zu einer kapitalbasierten Erweiterung sind ins Stocken geraten. Anpassungen werden
aber auch hier nötig sein.
Fachleute bemängeln, dass der deutschen Pflegeversicherung eine chronische Unterfinanzierung
gerade im Bereich der ambulanten Pflege inhärent ist. Auch sei ein ganzheitlicher Begriff der Pflege,
der psychosoziale und Teilhabeaspekte umfasst, in diesem System nicht vorgesehen. Im Ergebnis
steht ein ungeheurer Kostendruck, der letztlich auf den Pflegekräften lastet. Sie müssen eng getaktet
die einzelnen Leistungen der Grund- und Behandlungspflege erbringen und dokumentieren, so dass
hier auch von „Minutenpflege“
11 gesprochen wird. Die Bezahlung in diesem Bereich, wie bei vielen
reproduktiven Tätigkeiten, die primär von Frauen geleistet werden, ist aber gering; gerade die statio-
näre Pflege hat auch ein schlechtes Image, obwohl die helfenden berufe prinzipiell in der Bevölke-
rung angesehen sind12. Körperliche und psychische Belastung sind hoch13.
Ein entsprechender Fachkräftemangel für die nächsten Jahre ist zu vermuten. Reformen der Ausbil-
dung zielen darauf ab, Alten- und Krankenpflegeausbildung zusammenzuführen, um die Durchlässig-
keit zwischen diesen Bereichen bei wechselnden Bedarfen zu erhöhen. Zudem wird eine Akademisie-
rung der Berufsbildung angestrebt, um die Bandbreite einer ganzheitlichen Pflege abzubilden und
Aufstiegsmöglichkeiten zu verbessern. Eine Hoffnung ruht auch auf jungen Menschen mit Migrati-
onsvorgeschichte, die in diesem Bereich verstärkt in Ausbildung gebracht werden könnten. Letztlich
wird gesellschaftliche Anerkennung sich aber auch in der Entlohnung spiegeln müssen. Kostensteige-
rungen sind auch hier zu erwarten.
Vorgeschichte: Stationäre Pflege und Diskussionen zur Zukunft der ‚Heime‘
Seit den 1960er Jahren wird in der Bundesrepublik eine Diskussion über die Institution „Heim“ ge-
führt. Diese gründet u.a. auf der Erörterung des Konzepts der ‚Totalen Institution‘ des Soziologen
Erwing Goffman, zu denen er nicht nur Gefängnisse, sondern neben einigen weiteren Einrichtungen
auch Heime zählt. Sie bezieht sich auf die gesellschaftliche Erfahrung der NS-Zeit und individuelle
Ängste des Ausgeliefertseins und des Persönlichkeitsverlusts in einem geschlossenen System. Im
11 Der Paritätische Berlin: Paritätischer fordert Ende der Minutenpflege: Expertise belegt chronische Unterfinanzierung der
ambulanten Pflege. Online unter: http://paritaet-alsopfleg.de/index.php/pflegerische-versorgung/pflege-allgemein/3482-
paritaetischer-fordert-ende-der-minutenpflege-expertise-belegt-chronische-unterfinanzierung-der-ambulanten-pflege
12 Vgl. Deutscher Berufsverband für Pflegeberufe DBfK e.V. (2015): Zahlen – Daten – Fakten „Pflege“, S. 15f. Online unter:
https://www.dbfk.de/media/docs/download/Allgemein/Zahlen-Daten-Fakten-Pflege-2015-03.pdf
13 vgl. Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (2014): Arbeit in der Pflege - Arbeit am Limit? Arbeitsbedingungen
in der Pflegebranche. BIBB/BAuA-Faktenblatt 10. Dortmund. Online unter:
http://www.baua.de/de/Publikationen/Faktenblaetter/BIBB-BAuA-
10.pdf;jsessionid=C5B342EFB2D3A529633A33E24471C26F.1_cid333?__blob=publicationFile&v=5
2 Hintergrund und Ausgangslage, Programmatik
22
Nachgang der „Heimkampagne“ der Studentenbewegung wurden die klassischen Kinderheime in
wenigen Jahren zugunsten neuer Konzepte aufgelöst. In Literatur, Film und Augenzeugenberichten
spiegeln sich die Erfahrungen ehemaliger Heimkinder, so dass 2009 durch die Bundesregierung ein
Runder Tisch ‚Heimerziehung in den 50er und 60er Jahren‘ zur Aufarbeitung und Entschädigung ein-
gerichtet wurde.
In den Altenheimen gab es in den 1990er Jahren eine Reihe von bekannt gewordenen ‚Pflegeskanda-
len‘, die ein großes mediales Echo auslösten. Teils handelte es sich nicht um systematische Missstän-
de, sondern um Fehlverhalten Einzelner, jedoch bis hin zu tödlicher Gewalt, die lange unentdeckt
geblieben war. Es gründete sich die Initiative „„Menschenwürde in der stationären Altenpflege –
(K)ein Problem. Memorandum 1999“. In jüngerer Zeit bestimmten Praktiken medikamentöser Ruhig-
stellung oder der Fixierung von Patienten aufgrund unzureichender Betreuungskapazitäten die Dis-
kussion. Öffentliche Aufmerksamkeit erhielten die Thesen und Konzepte des Psychiaters Prof. Klaus
Dörner in den Büchern „Leben und sterben, wo ich hingehöre. Dritter Sozialraum und neues Hilfesys-
tem“ (72012) und „Helfensbedürftig. Heimfrei ins Dienstleistungsjahrhundert“ (22012).
Pflege in Einrichtungen, umfassende Pflege
Der klassische Begriff des ‚Altenheims‘ hat sich verändert: Während früher für Ältere der Umzug in
ein solches Heim mit Eintritt in den Ruhestand oder – gerade bei Männern – spätestens dem Tod des
Lebenspartners üblich war, hat sich dieser Zeitpunkt heute deutlich herausgeschoben. Er fällt in der
Regel mit dem Eintritt eines dauerhaften Pflegebedarfes zusammen. Die Einrichtungen haben sich
daher von schwerpunktmäßigen Wohnheimen zu Häusern mit einem Schwerpunkt im Pflegebereich
gewandelt. Auch ihre Binnenstruktur hat sich verändert: Sie sind heute zumeist in kleineren Einhei-
ten wie Wohngruppen organisiert. Überschaubare Gemeinschaften und die Aktivierung werden ge-
fördert. Einzelzimmer oder kleine Apartments und eigenes Mobiliar der Bewohnerinnen und Bewoh-
ner ermöglichen mehr individuellen Rückzugsraum. Dies fordert auch das aktuelle Wohn- und Teilha-
begesetz NRW (grundlegend § 20 Anforderungen an die Wohnqualität)
14.
Abbildung 3: Zimmergrößen in Pflegeeinrichtungen
Quelle: kliniken.de, Dortmund. Online unter:
www.kliniken.de/altenheim/pflegeheim-report.html
Abbildung 4: Trägerstruktur der Pflegeheime
Quelle: kliniken.de, Dortmund. Online unter:
www.kliniken.de/altenheim/pflegeheim-report.html
14 Wohn- und Teilhabegesetz (WTG) vom 02.10.2014, Online unter:
https://recht.nrw.de/lmi/owa/br_text_anzeigen?v_id=10000000000000000678#NORM
2 Hintergrund und Ausgangslage, Programmatik
23
Angebote der Tages- und Kurzzeitpflege können die Familienpflege entlasten, indem sie pflegenden
Angehörigen eine ganztägige Erwerbsarbeit oder einen Urlaub ermöglichen. Auch spielen sie eine
wichtige Rolle in Übergangsphasen, also bei erstmaligem Eintritt von Pflegebedürftigkeit oder nach
einer Krankenhausbehandlung. Dieser flexible Bereich gewinnt weiter an Bedeutung.
Rund um die heute oft eher Seniorenheime genannten Komplexe, die meist historisch gewachsen
sind und ihre Umgebung prägen, sind vielerorts neue Angebote des Wohnens für Ältere entwickelt
worden: altengerechte Wohnungen, überwiegend Service-Wohnen, bei denen in Aussicht steht, dass
die Haushalte nach und nach Unterstützungsangebote in Anspruch nehmen bzw. später in das Pfle-
geheim wechseln können.
Eine jüngerer Entwicklung sind dezentrale Pflege-Wohngemeinschaften. Gerade bei teilweise bettlä-
gerigen Bewohnerinnen und Bewohnern ergeben sich hier jedoch nachvollziehbarerweise hohe An-
forderungen an die Baulichkeiten und Organisation der personellen Besetzung, etwa unter Aspekten
von Barrierefreiheit, Brandschutz/Entfluchtung etc. Daher gibt es diese Form in Münster bislang pri-
mär als Angebot für Demenzerkrankte mit nachrangigen körperlichen Einschränkungen.
Das Feld der stationären Altenpflege ist in der Regel ein lokaler Markt, der von den großen Verbän-
den der Wohlfahrtspflege und anderen gemeinnützigen Organisationen geprägt ist, die lokal organi-
siert sind. Auch private Anbieter spielen hier in kleinerem Umfang eine Rolle, gerade bei höherwertig
vermarkteten Angeboten. In den letzten Jahren ist verstärkt zu beobachten, dass in den Immobilien-
teilen der überregionalen Zeitungen für die private Investition in ‚Pflegeimmobilien‘ geworben wird.
Dies bezieht sich insbesondere auf wirtschaftlich stabile Wachstumsregionen mit der entsprechen-
den demografischen Alterung.
Ambulante Pflege
Die ambulante Pflege hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten einen stetigen Zuwachs erlebt und
gilt weiterhin als zentraler Schlüssel für die Pflege der Zukunft. Sie vermittelt und ergänzt als profes-
sioneller Part zwischen den Feldern der klassischen stationären und der Angehörigenpflege. Auch
ermöglicht sie eine flexible Unterstützung im Bereich des Service-Wohnens und älterer und jüngerer
privater Haushalte und somit ein möglichst langes selbstbestimmtes Leben in der eigenen Wohnung.
Die heutige häusliche Alten- und Krankenpflege hat ihren Vorläufer in den sog. Gemeindeschwestern,
oft Ordensschwestern oder Diakonissen, die lokal in den Kirchengemeinden diese Wohlfahrtsaufga-
ben zur Unterstützung der Familien leisteten. Seit den 1970er Jahren veränderte sich dieser Bereich
und wurde in die sogenannten Sozialstationen überführt, die diesen Dienst überörtlicher und ano-
nymer werden ließen.
2 Hintergrund und Ausgangslage, Programmatik
24
Abbildung 5: Pflegearten in Deutschland 2013
Quelle: Destatis – Statistisches Bundesamt (2015): Pflegestatistik – Pflege im Rahmen der Pflegeversicherung –
Deutschlandergebnisse – 2013. Online unter: www.destatis.de/DE/Publikationen/Thematisch/Gesundheit
/Pflege/PflegeDeutschlandergebnisse5224001139004.pdf
Seit den 1990er Jahren wurden diese Dienste im Zusammenhang der Neuorganisation der Pflege
weiterentwickelt. Zunehmend traten auch private Anbieter in den Markt ein – Ende 2013 waren 64 %
der Anbieter private Dienste15.
Viele große Anbieter stammen jedoch weiterhin aus dem Bereich der kirchlichen und freien Wohl-
fahrtspflege und sind auf diesem Wege teils auch an stationäre Einrichtungen angegliedert. Ange-
sichts des Kosten- und Zeitdrucks in der Pflege, in ambulanten und stationären Bereichen, lässt sich
eine langfristige Tendenz erkennen, die psychosoziale Ansprache zunehmend auszulagern.
15 Vgl. Statistisches Bundesamt (2015): Pflegestatistik 2013. Pflege im Rahmen der Pflegeversicherung. Deutschlandergeb-
nisse, S. 10. Online unter:
www.destatis.de/DE/Publikationen/Thematisch/Gesundheit/Pflege/PflegeDeutschlandergebnisse5224001139004.pdf
2 Hintergrund und Ausgangslage, Programmatik
25
Angehörigenpflege
Sozialpolitisch und faktisch genießt die Angehörigenpflege in Deutschland Vorrang vor allen anderen
Pflegearten: Die „Familie ist der größte Pflegedienst der Nation“ konstatiert nicht nur eine Selbstor-
ganisation pflegender Angehöriger16. Mehr als zwei Drittel (71 % oder 1,86 Millionen) aller Pflegebe-
dürftigen wurden nach Mitteilung des Statistischen Bundesamtes in 2013 zu Hause versorgt (vgl.
Abb. 5).
„Ambulant vor stationär“ ist unzweifelhaft ein zentraler Grundsatz der sozialen Sicherung, gerade
auch der Pflege in Deutschland. Dieser dient auch einem möglichst langen selbstbestimmten Leben
im eigenen Zuhause. Die Pflegeversicherung finanziert auch nötige bauliche Anpassungen der Woh-
nungen von Pflegebedürftigen.
16 vgl. wir pflegen - Interessenvertretung begleitender Angehöriger und Freunde in Deutschland e.V. (o.J.): Flyer Initiative
Armut durch Pflege. Online unter: http://www.buendnis-fuer-gute-
pflege.de/fileadmin/user_upload/inhalt/Angehoerige/ADP_Brosch%C3%BCre_v0.6.pdf, vgl. auch Rede der Bundesfamilien-
ministerin Manuela Schwesig anlässlich der 1. Lesung zum Gesetz zur besseren Vereinbarkeit von Familie, Pflege und Beruf
am 14. November 2014. Online unter: http://www.bmfsfj.de/BMFSFJ/Presse/reden,did=211500.html
Abbildung 7: Angehörigenpflege und Er-
werbsarbeit nach Geschlechtern
Quelle: Barmer GEK Pflegereport 2015,
Pressemat., S. 66. Online unter: pres-
se.barmer-
gek.de/barmer/web/Portale/Presseportal/S
ubportal/Presseinformationen/Aktuelle-
Pressemitteilungen/151117-
Pflegereport/PDF-Pressemappe
Abbildung 6: Frauen und häusliche Pflege
Quelle: Barmer GEK Pflegereport 2015, Pres-
semat., S. 65. Online unter: presse.barmer-
gek.de/barmer/web/Portale/Presseportal/Su
bportal/Presseinformationen/Aktuelle-
Pressemitteilungen/151117-Pflegereport/PDF-
Pressemappe
2 Hintergrund und Ausgangslage, Programmatik
26
Die häusliche Familienpflege ist jedoch primär eine Pflege durch weibliche Angehörige. Frauen küm-
mern sich weitaus öfter und mehr – im zeitlichen Umfang der geleisteten Stunden pro Tag – um ihre
pflegebedürftigen Verwandten als Männer.
Damit sind ihre Möglichkeiten, am Arbeitsmarkt teilzuhaben, eingeschränkt. Ein anderes gesellschaft-
liches Ziel, das der Gleichstellung, ist hier also bedroht.
Bei einkommensschwächeren Haushalten stehen der Inanspruchnahme von Unterstützung durch
ambulante Dienste oder auch einer stationären Unterbringung aufgrund dann zu leistender Zuzah-
lungen auch finanzielle Gründe entgegen.
Die Stärkung pflegender Angehöriger ist in jüngerer Zeit verstärkt in den fachlichen Fokus gerückt.
Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei der kleinen Gruppe der minderjährigen Pflegenden, der sog.
Young Carers.
Pflegende Angehörige sind besonders auf ein unterstützendes Umfeld in ihrem Quartier angewiesen.
Neues Wohnen mit Älteren
Wie angesprochen, treiben die Träger von Altenpflegeeinrichtungen und der Wohlfahrtspflege die
Etablierung selbstständiger Wohnformen mit Service-Unterstützung in ihrem Umfeld voran. Neuere
Ansätze berücksichtigen dabei auch verstärkt Aspekte von Gemeinschaft und Teilhabe, Beispiele sind
die Stadtteilhäuser und Stiftungsdörfer der Bremer Heimstiftung17 (vgl. Kap. 4.2).
Auch von Seiten der Wohnungswirtschaft kommen deutliche Impulse. Diese hat die demografische
Entwicklung ihrer Mieterinnen und Mieter im Blick. Gerade die (ehemals) gemeinnützigen Gesell-
schaften und deren Dachverbände verfolgen innovative strategische Ansätze, die über die einzelne
Adresse hinausreichen. So entwickelte die Bielefelder Gemeinnützige Wohnungsgesellschaft schon in
den 1990er Jahren mit der Stadt Bielefeld und einem sozialen Anbieter als Partner das sog. Bielefel-
der Modell unter dem Motto „Selbstbestimmt Wohnen mit Versorgungssicherheit“18. Die Besonder-
heit bei dieser Form des Service-Wohnens ist, dass im Gegensatz zum gängigen Modell keine Betreu-
ungspauschale zu zahlen ist. Es handelt sich um altengerechte Wohnungen, bei denen erst bei Bedarf
(kostenpflichtige) Service-Leistungen hinzugebucht werden. Auch wurde eine Gemeinschaftsinfra-
struktur für das Quartier mit Servicestützpunkt und Gemeinschaftsraum/Café entwickelt.
Immer mehr Menschen machen sich vor dem Eintritt erhöhten Unterstützungsbedarfs Gedanken,
wie sie im Alter leben möchten, und beziehen eine selbstgewählte Gemeinschaft mit Gleichgesinnten
in ihre Überlegungen mit ein. Ein frühes Modell, wie selbst gewählte Hausgemeinschaften mit einem
Wohnungsbauunternehmen realisiert werden können, war das intergenerationelle Projekt „Wohnen
für Jung und Alt“ in Münster-Mecklenbeck mit der Wohn+Stadtbau und der kommunalen Stiftung
Siverdes. Hier haben Ältere, Menschen mit Behinderung und junge Menschen zusammen geplant. Ein
Bewohnerverein organisiert die Angelegenheiten der Gemeinschaft19.
17 Vgl. Bremer Heimstiftung: Wohnen. Online unter: www.bremer-heimstiftung.de/wohnen
18 Vgl. BGW: Selbstbestimmt Wohnen mit Versorgungssicherheit. Online unter: www.bgw-bielefeld.de/bielefelder-
modell.html
19 Fertigstellung war im Jahr 1998. Quelle: Stadt Münster: ExWoSt-Stadt Münster. Wohnen. Gemeinsam Wohnen von Jung
und Alt. Online unter: www.muenster.de/stadt/exwost/beispiel_III1.html
2 Hintergrund und Ausgangslage, Programmatik
27
Gerade für Ältere, die undogmatisch einen möglichst schnellen Weg zum Wohnen in Gemeinschaft
verfolgen möchten, ist die Partnerschaft mit einer gemeinwohlorientierten Wohnungsbaugesell-
schaft von Vorteil, bei denen Erfahrung mit und Bereitschaft zu Partizipation und externer Moderati-
on besteht. Auch sind hier geförderte, preiswertere Wohnungen realisierbar. Es ist allerdings anzu-
merken, dass der Druck in der Immobilienwirtschaft höher geworden ist und die Projekte quantitativ
nicht über einen modellhaften Umfang hinausgekommen. Zwangsläufig muss der Blick verstärkt in
den Bestand gehen.
Grundlegend selbst organisierte Modelle des gemeinschaftlichen Wohnens sind oft genossenschafts-
förmig organisiert. Diese bietet zahlreiche Vorteile im schwierigen Umfeld des Wohneigentumsmark-
tes und der Immobilienfinanzierung, gerade für Ältere. Ein derartiges Projekt erfordert aber mitunter
einen langen Atem.
Freiwilliges Engagement
Eine wichtige Rolle kommt in diesem Kontext dem freiwilligen bzw. bürgerschaftlichen Engagement
oder ‚ehrenamtlichen‘ Tätigkeiten zu – nicht nur für, sondern auch von Älteren und Unterstützungs-
bedürftigen. Hierzu wird seit den 1990er Jahren eine intensive Diskussion geführt, die einen Meilen-
stein in der Forderung des Soziologen Ulrich Beck nach einer organisierten, teils entlohnten „Bürger-
arbeit“ (1996/97) hatte. Auch die Enquete-Kommission „Zukunft des bürgerschaftlichen Engage-
ments“ des Deutschen Bundestages um die Jahrtausendwende war hier prägend.
Aktuell sind noch die Folgen der Abschaffung des Wehrersatzdienstes im sozialen Bereich zu spüren,
hier waren 2009 noch über 90.000 junge Männer bundesweit tätig. Die gestärkten Freiwilligendiens-
te FSJ und BFD, die teils auch für Ältere offen sind, entwickeln sich noch und umfassen für 2016 nun
bald wieder eine ähnliche Zahl. Viele Menschen sind, auch angesichts der verkürzten gymnasialen
Oberstufenzeit, bereit, in dieser institutionalisierten Form freiwilligen Dienst an der Gemeinschaft zu
tun. Die Unwägbarkeiten für die Anbieter sozialer Dienste sind jedoch größer geworden.
Ein besonderes Augenmerk liegt auf der Frage nach der Aktivierung von Menschen ohne größere
Institutionalisierung, gerade im städtischen Kontext, etwa im kleinen Rahmen ihrer lokalen Gemein-
schaft oder Nachbarschaft. Dies lässt sich auch auf die Konzepte des Sozialen Kapitals oder Sozialer
Netzwerke zurückführen, die Einzelnen und einer Gesellschaft Stabilität und Widerstandsfähigkeit
(Resilienz) gegen besondere Herausforderungen geben können. Die Förderung von Engagement,
kollektiver Selbstverantwortung und Zivilgesellschaft ist damit als Rezept gegen überzogene Individu-
alisierung, Anonymisierung und Vereinzelung anzusehen. Sie scheint tatsächlich aktuell auf eine neue
Sehnsucht nach Gemeinschaft zu treffen.
Kritische Stimmen bemängeln dies überspitzt als Bankrotterklärung eines Sozialstaates an den Gren-
zen der Leistungsfähigkeit. Praktikerinnen und Praktiker weisen zunehmend darauf hin, dass auch
freiwillige Tätigkeit nicht umsonst zu haben ist, sondern professioneller Unterstützung bedarf: Kom-
plexe Themenfelder müssen aufbereitet und geöffnet werden; Ehrenamtliche brauchen Begleitung.
Zudem bedeutet Freiwilligkeit auch die Freiheit, die Tätigkeit auswählen zu können und mitzureden.
2 Hintergrund und Ausgangslage, Programmatik
28
2.3 Rahmenbedingungen und P rogrammatik
Im föderalen Aufbau der Bundesrepublik Deutschland werden Altenhilfe und Pflege, die Behinder-
tenhilfe sowie Vorhaben der Quartiersentwicklung durch Regelwerke, Institutionen und Programme
in den verschiedenen Ebenen geprägt und gerahmt. Diese können hier nicht umfänglich dargestellt
werden. Es soll daher aufgezeigt werden, inwieweit diese die oben genannten fachlichen Entwicklun-
gen in jüngerer Zeit aufgreifen. Festzuhalten ist, dass die Gesetzeslage mit gesellschaftlichen Entwick-
lungen nicht immer Schritt halten kann, so z.B. aktuell mit neuen Herausforderungen bei den Men-
schen mit einer (lebensbegleitenden) Behinderung im Alter, die eine neue Betrachtung der Über-
schneidungsbereiche verschiedener Hilfesysteme benötigen.
Bundesebene
Die Bundesebene prägt das Wohn- und Pflegeangebot maßgeblich durch die Kategorien der individu-
ellen Bedarfsfeststellung und der entsprechenden Leistungen im Rahmen der Pflegeversicherung. Die
Bundesregierung hat mit dem Ersten Pflegestärkungsgesetz (PSG) zum 01.01.2015 auf veränderte
Gegebenheiten und Ansprüche reagiert: So werden Angebote im vorpflegerischen Bereich und nicht-
pflegerische Hilfen zur Lebensführung und Teilhabe gestärkt. Demenziell Erkrankte werden besser
gestellt, mehr Menschen haben Anrecht auf einen Wohngruppenzuschlag bzw. eine Anschubfinan-
zierung für ambulant betreutes dezentrales Wohnen. Pflegewohngemeinschaften werden einfacher
förderfähig. Die ambulante und die häusliche Pflege werden besser unterstützt.
Das PSG II wird eine völlig neue Struktur der Beurteilung und Einstufung von Pflegebedürftigkeit zum
01.01.2017 etablieren. Dabei gilt für bereits heute Pflegebedürftige ein weitgehendes Verschlechte-
rungsverbot. Die Reform wird in Fachkreisen als gelungen, patientenbezogen sogar als „großzügig“
20
bezeichnet.
Landesebene
Seit der Föderalismusreform 2006 liegt die Gesetzgebungskompetenz für das Heimrecht bei den
Bundesländern. Mit dem Namen Wohn- und Teilhabegesetz (WTG NRW) für das Gesetzeswerk 2008
wurde bereits deutlich, dass ein ganzheitlicher Ansatz der stationären Pflege und eine perspektivisch
dezentrale Ausgestaltung verfolgt wurden. In § 1 heißt es: „Es soll älteren oder pflegebedürftigen
Menschen und Menschen mit Behinderung ein selbstbestimmtes Leben gewährleisten, deren Mit-
wirkung und Mitbestimmung unterstützen, die Transparenz über Gestaltung und Qualität von Be-
treuungsangeboten fördern und zu einer besseren Zusammenarbeit aller zuständigen Behörden bei-
tragen. Dabei soll es insbesondere kleinere Wohn- und Betreuungsangebote fördern und eine quar-
tiersnahe Versorgung mit Betreuungsleistungen ermöglichen“21.
Das Änderungsgesetz GEPA NRW aus dem Jahr 2014 ( Gesetz zur Entwicklung und Stärkung einer
demografiefesten, teilhabeorientierten Infrastruktur und zur Weiterentwic klung und Sicherung der
Qualität von Wohn- und Betreuungsangeboten für ältere Menschen, Menschen mit Behinderung und
20 Vgl. Barmer GEK Pflegereport 2015, Pressematerialien, S. 12. Online unter: http://presse.barmer-
gek.de/barmer/web/Portale/Presseportal/Subportal/Presseinformationen/Aktuelle-Pressemitteilungen/151117-
Pflegereport/PDF-Pressemappe
21 Vgl. Wohn- und Teilhabe Gesetz (WTG) in der Fassung vom 2. Oktober 2014 (Fn 1). Gesetz- und Verordnungsblatt
FUR DAS LAND NORDRHEIN-WESTFALEN 68. Jg., S. 632. Auch online unter:
https://recht.nrw.de/lmi/owa/br_text_anzeigen?v_id=10000000000000000678
2 Hintergrund und Ausgangslage, Programmatik
29
ihre Angehörigen), das maßgebliche Überarbeitungen des Alten- und Pflegegesetzes (APG NRW) und
des WTG NRW enthält, folgt weiter dieser Aus richtung. Es betont die Selbstbestimmung und Partizi-
pation der zu pflegenden sowie die Beteiligung auch ihrer Angehörigen bei der Ausgestaltung der
Angebote. Es ruft alle Träger dazu auf, bestmöglich im Sinne der Pflegebedürftigen zusammenzua r-
beiten (Kooperationsgebot).
Der Landesförderplan Alter- und Pflege 2016 ruft Praxis und Forschung dazu auf, Altenhilfe- und Pfle-
geangebote in kreativen Projekten und Maßnahmen weiterzuentwickeln. Dazu werden zwanzig Ei n-
zelziele in drei Förderbereichen formuliert (s. auszugsweise Abb. 8) und vierzehn verschiedene F ör-
derangebote. Von besonderer Bedeutung ist hier Förderangebot 2 „Entwicklung altengerechter
Quartiere in NRW“.
Jeder Kreis/kreisfreie Stadt in Nordrhein-Westfalen ist mit einem Quartier förderberechtigt. Gemäß
dem Ratsbeschluss zu Vorlage V/0135/2013 hat die Stadtverwaltung diese Förderung für den Bereich
Hiltrup-Ost beantragt und die altengerechte (und inklusive) Quartiersentwicklung zum 01.10.2015
aufgenommen. Die Vorgaben und Empfehlungen des Landes22 sind damit für das erste zu entwi-
ckelnde Gebiet in Münster verbindlich und prägen die ersten Erfahrungen. Die fachlichen Vorgaben
sind jedoch sehr offen, sie sind deutlich auf eine lokal angepasste und partizipative Vorgehensweise
ausgerichtet. Das Programm ist geprägt durch Vernetzung und Erfahrungsaustausch der über 40 teil-
nehmenden Quartiere in NRW untereinander, mit den Verantwortlichen des Landes sowie weiteren
Akteuren, was durch die zuständige Quartiersentwicklerin intensiv wahrgenommen wird.
Folgende Handlungsfelder sieht das Programm Altengerechte Quartiere.NRW dabei vor:
• Handlungsfeld Gemeinschaft erleben,
• Handlungsfeld Sich versorgen,
• Handlungsfeld Wohnen,
• Handlungsfeld Sich einbringen.
22 Vgl. Landesbüro Altengerechte Quartiere.NRW. Online unter: http://aq-nrw.de
Förderbereich 1 - Gestaltung einer demografiefesten Infrastruktur
- Zuhause leben - Quartiere altengerecht entwickeln
Ziel 1 Altengerechte Quartiersgestaltung fördern
Ziel 2 Gesellschaftliche Teilhabe im Alter ermöglichen – Engagementstrukturen stärken
Ziel 3 Betroffene zu Beteiligten machen – Partizipation aktiv ermöglichen
Ziel 4 Sozialer Ausgrenzung wirksam vorbeugen
Ziel 5 Selbstbestimmtes Wohnen und Leben – auch bei Pflegebedürftigkeit – ermöglichen
Ziel 6 Pflegende Angehörige und familiale Pflege stärken
Ziel 7 Inklusion leben
Ziel 8 Individualität und Diversität, Gender Mainstreaming – Bewusstsein für Vielfalt schaffen
Ziel 9 Angebotstransparenz herstellen – Kompetenzen fördern – Beratung stärken
Abbildung 6: Auszug Landesförderplan Alter und Pflege 2016, Förderbereich 1.
Quelle: MGEPA NRW. Selbstbestimmt Leben - Gemeinsam Teilhabe ermöglichen. Landesförderplan „Alter und Pflege“ des Landes
Nordrhein-Westfalen 2016-2017. Online unter: http://www.mgepa.nrw.de/mediapool/pdf/pflege/Landesfoerderplan-
Pflege/Landesfoerderplan-Final-042016.pdf
2 Hintergrund und Ausgangslage, Programmatik
30
Damit wurde eine Versäulung in zahlreiche kleinteilige Handlungsfelder, die es in den Quartieren
abzuarbeiten gilt, vermieden. Prägend sind der Zugang über Partizipation (‚Sich einbringen‘), die
Thematisierung einer breit zu verstehenden Versorgungssicherheit und die Betonung von Wohnen
und Gemeinschaft.
Impulse aus weiteren Ressorts des Landes
Das Land Nordrhein-Westfalen will die Handlungsebene Quartier in den Kommunen stärken. Bei dem
koordinierend tätigen Ministerium für Bauen, Wohnen, Stadtentwicklung und Verkehr NRW heißt es
hierzu: „Die Handlungsebene Quartier hat in den vergangen Jahren in vielen Ressorts der Landesre-
gierung zu einer Ausrichtung der Aktivitäten und Förderprogramme auf den Quartiersansatz ge-
führt“23. Es bestehen auch Vorerfahrungen der ressortübergreifenden Zusammenarbeit aus dem
Programm Soziale Stadt NRW. Dies kann mitunter den Zugang zu anderen Fördermöglichkeiten und
Programmen des Landes vereinfachen. Gerade die Zusammenarbeit mit Wohnungsunternehmen in
den Quartieren erscheint als vielversprechender Ansatz – so sind zum Beispiel Gemeinschaftseinrich-
tungen heute wesentlich besser förderfähig als in der Vergangenheit. Auch die Gründung von Genos-
senschaften im Wohnbereich ist durch das Land förderbar.
Weitere Impulsgeber und Fördermöglichkeiten
Die landeseigene Stiftung Wohlfahrtspflege Nordrhein-Westfalen ist eine zusätzliche Fördergeberin,
die im Wesentlichen auch den Fördergrundsätzen des Landes NRW folgt und sich aus Gewinnen der
öffentlichen Spielbanken speist. Kommunale und private Maßnahmenträger werden nicht angespro-
chen, sondern, wie der Name ausdrückt, nur Träger der Wohlfahrtspflege. Ende 2014 wurde ein För-
derprogramm für die Quartiersentwicklung aufgelegt24, als Zielgruppen werden „Menschen mit Be-
hinderung und alte Menschen sowie benachteiligte Kinder“ angegeben. Eine Förderung kann auf drei
Jahre angelegt werden. Eigenmittel werden benötigt.
Auch die Stiftung Deutsches Hilfswerk fördert (aus Mitteln der Deutschen Fernsehlotterie) intensiv in
diesem Themenfeld; auch sie richtet sich an die Wohlfahrtspflege. Dabei kooperiert sie fachlich mit
dem Kuratorium Deutsche Altershilfe, das hierzu eine Reihe von Umsetzungsempfehlungen beisteu-
ert25. Es wird gefordert, im Prozess „alle Menschen mit Unterstützungsbedarf im Quartier im Blick [zu
haben], nicht nur einzelne Zielgruppen oder eigene Kunden“26. In Nordrhein-Westfalen wurden bis-
lang 81 Projekte gefördert, darunter auch der Quartiersstützpunkt an der Aa (Gartenstraße) des Am-
bulante Dienste e.V.
Des Weiteren bieten sich in der interdisziplinären Quartiersentwicklung für thematische Teilprojekte
und die Ansprache einzelner Zielgruppen regelmäßig weitere Fördermöglichkeiten, regional und
bundesweit, z.B. auch durch Förderpreise oder Wettbewerbsteilnahmen für innovative Vorhaben.
23 Vgl. Ministerium für Bauen, Wohnen, Stadtentwicklung und Verkehr
des Landes Nordrhein-Westfalen: Wohnen/Quartiersentwicklung. Online unter:
http://www.mbwsv.nrw.de/wohnen/wohnraumfoerderung/Quartiersentwicklung/index.php
24 Vgl. Stiftung Wohlfahrtspflege NRW: Förderung – Förderung der Quartiersentwicklung. Online unter: https://www.sw-
nrw.de/en/foerderung/foerdergrundlagen/foerderung-der-quartiersentwicklung
25 Vgl. Stiftung Deutsches Hilfswerk: Anträge und Richtlinien. Online unter:
http://www.fernsehlotterie.de/Informieren/Deutsches-Hilfswerk/Antr%C3%A4ge-und-Richtlinien#Massnahmen
26 Deutsche Fernsehlotterie: Informationsblatt zur Abgrenzung der Art der Fördermaßnahme für die Förderrichtlinie 3.1.1
des Deutschen Hilfswerks Online unter:
http://www.fernsehlotterie.de/Portals/0/Fragebogen%20KDA_Informationsblatt_1.pdf
2 Hintergrund und Ausgangslage, Programmatik
31
Beschlusslage und E rfahrungen in der Stadt Münster
Die Stadt Münster beobachtet seit langem intensiv ihre demografische Entwicklung und hat 2008
eine entsprechende Handlungsstrategie erstellt unter dem Titel „Attraktiv, generationengerecht,
partnerschaftlich – Münsters Handlungskonzept zum Demografischen Wandel“27. Sie arbeitet seit
einigen Jahren darauf hin, die Angebote für Menschen mit Pflege- und Unterstützungsbedarf dezent-
ral weiter zu entwickeln (s.u.). Bereits mit dem Ratsbeschluss zur Fortschreibung des Konzeptes
„Wohnen im Alter“ v. 05.11.2005 (V/0798/2005) hat die Stadt Münster als eine der ersten Kommu-
nen in Deutschland das Quartier als Zielorientierung für die Pflegeplanung mit in den Fokus genom-
men. Ziel dabei war eine generationengerechten Stadtentwicklung, die auf die individuellen Lebens-
und Bedürfnislagen älterer Menschen ausgerichtet ist. Der quartiersbezogene Ansatz war zunächst
exemplarisch in Handorf (Handorfer Modell) vorgesehen und soll auch auf andere Stadtteile Müns-
ters mit der Perspektive übertragen werden, Wohnangebote für ältere Menschen im Rahmen der
Strategie „Neues Wohnen im Bestand“ zu schaffen.“
Des Weiteren stellt Inklusion ein dezidiertes Ziel dar – Münster hat 2013 den kommunalen „Aktions-
plan zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention – Münster auf dem Weg zur inklusiven
Stadt“ verabschiedet
28. In diesem Zusammenhang heißt es: „Die Verwaltung wird beauftragt, bei
allen städtischen Maßnahmen, insbesondere bei der Entwicklung und Weiterentwicklung von Grund-
satzplanungen, […] das Leitziel der Inklusion zu berücksichtigen […]“29.
2012 beschloss der Rat der Stadt basierend auf einem Gutachten ein „Maßnahmenprogramm zur
Förderung von Teilhabe im Alter und zur Vermeidung von Altersarmut“30. Insbesondere hat sich der
Maßnahmenteil ‚Fallmanagement Teilhabe im Alter‘ (FM-ThiA) bewährt und wurde in ein Daueran-
gebot überführt. Es umfasst die Aktivierung und aufsuchende Beratung sowie Leistungsgewährung
bei Älteren aus einer Hand. Weitere Programmteile fließen in Folgeprojekte ein, unter anderem im
Bereich Gesundheitsförderung.
In jüngerer Zeit hat Münster sich aufgrund der Bevölkerungs- und Bodenmarktentwicklung verstärkt
den sozialen Aspekten des Wohnens zugewandt: 2014 wurde die sog. ‚Sozialgerechte Bodennutzung‘
beschlossen. Sie sieht vor, im Rahmen einer aktiven Bodenpolitik bei Wohnungsbauvorhaben auf
städtischen Grundstücken 60 %, auf privaten Flächen 30 % der Wohneinheiten öffentlich gefördert zu
entwickeln, für die dann strenge Anforderungen an die Barrierefreiheit gelten. Auch Quartiersaspek-
te sollen berücksichtigt werden. Sie ist Teil des zuvor verabschiedeten übergreifenden Handlungs-
konzeptes Wohnen – hier heißt es: „Damit Menschen mit Mobilitätseinschränkungen ein selbstbe-
stimmtes Leben und Teilhabe am Leben in der Gesellschaft möglich ist, sind sie auf besondere
Wohnangebote angewiesen. Ziel ist es daher zum einen, barrierefreie Quartiere im Umfeld und da-
mit die Möglichkeit zu schaffen, im Quartier altern zu können. Zum anderen soll der Anteil barriere-
freier Wohnungen (im Bestand wie im Neubau) möglichst weit erhöht werden“
31.
27 Vgl. Beschluss zur Vorlage V/0371/2008 Erg.
28 Vgl. Beschluss zu Vorlagen V/0125/2013, V/0125/2013/1, V/0125/2013/2
29 Vgl. Niederschrift über die 33. Sitzung (öffentlicher Teil) des Rates der Stadt Münster am 25.09.2013, TOP 31
30 Vgl. Beschluss zur Vorlage V/0405/2012
31 Vgl. Stadt Münster (2014): Kompendium Handlungskonzept Wohnen, S. 20. Online unter: http://www.stadt-
muenster.de/fileadmin//user_upload/stadt-muenster/61_stadtplanung/pdf/wohnen/61_handlungskonzept_wohnen.pdf
2 Hintergrund und Ausgangslage, Programmatik
32
Der Weg zum Gesamtstädtischen Konzept Masterplan a ltengerechte , inklusive Quartiere –
zur Versorgungssicherheit für Menschen mit Pfl ege und Unterstützungsbedarf
Altengerechte, inklusive Quartiersentwicklung steht in einer engen Beziehung zur kommunalen Pfle-
gebedarfsplanung. Münster hat als eine der ersten kommunalen Gebietskörperschaften in der Regi-
on eine verbindliche Pflegebedarfsplanung nach § 7 Alten- und Pflegegesetz Nordrhein-
Westfalen eingeführt. Der Rat der Stadt hat am 17.06.2015 ferner festgestellt, „dass kein weiterer
Bedarf an stationären Pflegeplätzen besteht“ und die Verwaltung beauftragt, alternative Angebots-
formen wie Wohn- und Hausgemeinschaften und Quartiersangebote zur Sicherung einer umfassen-
den Pflege zu unterstützen“32.
Am 13.03.2013 hatte der Hauptausschuss des Rates der Stadt Münster die Beschlussvorlage
V/0128/2013 angenommen, die den zentralen Anliegen des Ratsantrags A-R/0053/2012 "‘Master-
plan Quartier‘: Versorgungssicherheit für Menschen mit Pflege- und Unterstützungsbedarf sichern -
Infrastruktur zukunftsgerecht weiterentwickeln!" der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen/GAL Münster
folgte. Die Verwaltung wurde so beauftragt, eine Umsetzungskonzeption für den genannten „Mas-
terplan Quartier“ auszuarbeiten. Diese wurde als Vorlage V/0835/2013 am 11.12.2013 dem Rat der
Stadt Münster vorgelegt und um einen Beschluss ergänzt angenommen. In diesem wird betont, den
Ratsauftrag kooperativ mit den relevanten Akteuren im Themenfeld wie Trägern der Freien Wohl-
fahrtspflege „sowie weiteren in den Stadtteilen aktiven Initiativen umzusetzen“.
Programmatik des Masterplan a ltengerechte , inklusive Quartiere Für Münster
Folgende Ziele lassen sich aus dem Auftrag des Rates ableiten:
• Förderung einer ausgewogenen und transparenten pflegerischen Infrastruktur mit ambulan-
ten und stationären Wohn- und Betreuungsarrangements in den Quartieren und einem Pa-
radigmenwechsel, weg vom weiteren Ausbau von Großeinrichtungen hin zu überschaubaren
Wohn- und Pflegeformen im Quartier, und diese im Einklang mit der
• Förderung einer ergänzenden nachbarschaftlichen und ehrenamtlichen Unterstützung;
• Förderung von quartiersbezogenen Wohn- und Pflegeangeboten, in denen der Mensch in
seinem gewohnten Umfeld mit seinen bestehenden sozialen Bezügen sowie seine Bedürfnis-
se und sein individueller Hilfebedarf im Mittelpunkt stehen;
• Überwindung von Segmentierung und Versäulung in den Feldern Pflege und Inklusion;
• Systematisierung, Rahmung und Aufzeigen von Weiterentwicklungsmöglichkeiten bestehen-
der guter Angebote und Initiativen, um sie auf den Quartierskontext beziehen zu können;
• Verzicht auf enge Zielgruppenbestimmung, ganzheitlicher Blick auf alle Bewohnerinnen und
Bewohner, die es einzubinden gilt und die profitieren sollen;
• Stärkung der intergenerationellen Beziehungen;
• Vermeidung von Einsamkeit und Ausgrenzung.
Ferner wird auch Bezug genommen auf das Impulspapier Quartier der Freien Wohlfahrtspflege in
Nordrhein-Westfalen. Hier heißt es: „Auch wenn unser Ziel ‚Gut älter werden im Quartier‘ im Fokus
steht, geht es in der Quartiersgestaltung um inklusive, kultursensible und generationengerechte
32 Vgl. Beschluss zur Vorlage V/0438/2015
2 Hintergrund und Ausgangslage, Programmatik
33
Quartiersentwicklung als Teil einer integrierten Stadt- und Dorfentwicklung – und damit um einen
weitreichenden gesellschaftlichen Paradigmenwechsel“33.
Perspektivisch wird in der Grundlage für den Beschluss auf den Anspruch verwiesen, ein neues Ent-
wicklungs- und Planungsverständnis in den Blick zu nehmen. Deren Kern ist es, eine kooperative und
koordinierte Sozial-, Gesundheits- und generationenübergreifende Planung mit einer Stadt- und
Stadtentwicklungsplanung noch konkreter und verbindlicher abzustimmen. Dieser Masterplan soll
hier in einer mittel- bis langfristigen Perspektive einen Beitrag leisten.
33 Vgl. Freie Wohlfahrtspflege NRW (2012): Impulspapier Quartier. Gemeinsam für ein soziales Nordrhein-Westfalen. Inklu-
sive, kultursensible und generationengerechte Quartiersentwicklung als Schlüssel für demografiefeste Kommunen. Selbstbe-
stimmtes Wohnen und Versorgungssicherheit für Menschen in ihrem Quartier, S. 9. Online unter: www.wohnen-im-alter-
nrw.de/progs/projekt/wia/content/e1871/e1889/e2737/e2743/LAG_Impulspapier-Quartier2012_final_Anlage_TOP3.3.pdf
3 Konzeptionelle Ziele und Grundlagen
34
3 Konzeptionelle Ziele und Grundlagen
Die zuvor genannten programmatischen Ziele sind weiter zu konkretisieren, um sie in umsetzbare
Strategien, konkrete Quartiersprojekte und Maßnahmen herunter zu brechen. Für eine gesamtstädti-
sche Herangehensweise bestehen hier keine Vorbilder. Im Sinne der Konsistenz der altengerechten
(und inklusiven) Quartiersentwicklung in Münster und der Gewährleistung der Förderfähigkeit zu-
künftiger Maßnahmen ist aus fachlicher Sicht eine enge Anlehnung an die Grundsätze und Ziele des
Landesprogramms Altengerechte Quartiere.NRW sinnvoll.
Dies verhindert nicht eigene fachliche Grundsatzüberlegungen und Festlegungen bzw. Erweiterun-
gen, die zwangsläufig aus der Perspektive der Gesamtstadt auch nötig sind, zumal es hier ein grund-
sätzlich neues Feld für die Stadt Münster zu erschließen gilt. So sind auch konzeptionelle Überlegun-
gen zum Begriff des Quartiers und der altengerechten, inklusiven Quartiersentwicklung mit einge-
flossen, soweit möglich unter Einbezug der (zukünftigen) Akteure in diesem Feld.
3.1 Übergeordnete Z iele des Masterplans
Es klingt banal, dass das Grundziel oder der Endpunkt eines Masterplans altengerechte, inklusive
Quartiere zur Versorgungssicherheit von Menschen mit Pflege- und Unterstützungsbedarf natürlich
die ‚Herstellung‘ dieser altengerechten und inklusiven Quartiere und der erwünschten Versorgungssi-
tuation ist. Für Münster wird dies mittel- und langfristig für alle Teilräume angestrebt, wozu dieser
Masterplan als erster Schritt dienen soll.
Ein solches abstraktes Ideal für ein altengerechtes, inklusives Quartier gibt es nicht, das sich losgelöst
von den Bedürfnissen und Potenzialen seiner Bewohnerinnen und Bewohner beschreiben ließe. Es ist
Neuland, das sich nur mit den Menschen in ihren Quartieren betreten lässt. Es erfordert auch neue
Denkweisen. Dies gilt auch für die Partner vor Ort wie Einzelhandel und Wohnungsanbieter. Viele
Aspekte von Versorgungssicherheit entziehen sich unmittelbaren kommunalen Einfluss- und Gestal-
tungsmöglichkeiten, z.B. weil sie primär marktförmig organisiert sind. Auch hat die Lebens- und Ver-
sorgungssituation der Einzelnen und lokaler Gemeinschaften im Alter und bei Pflegebedarf nicht nur
mit den ‚realen‘ Gegebenheiten zu tun, sondern sehr viel mit empfundener Zufriedenheit und dem
Gefühl, gehört zu werden und Veränderung bewirken zu können.
Das heißt: Dieser Masterplan entwirft einen Prozess für Münster, um sich auf den Weg zu machen,
die Lebenssituation unterstützungsbedürftiger Menschen in Münsters Quartieren in gemeinschaftli-
cher Anstrengung spürbar zu verbessern. Dabei wird über die Stärkung von Netzwerken und lokalen
Gemeinschaften angezielt, veränderungsbereite ‚lernende‘ Strukturen zu schaffen, die zukunftsfähig
weitere Herausforderungen des demografischen und sozialen Wandels bewältigen können. Dies ge-
schieht entlang der angesprochenen programmatischen Ziele.
Dieser Prozess muss sich auf zwei Ebenen vollziehen: Auf der gesamtstädtischen Ebene ist es zentral,
übergreifend Partner zu gewinnen und dauerhaft unter dem Dach des Themas kommunikativ zu-
sammen zu binden, um gemeinsam weiter zu gehen. Dies wurde begonnen, z.B. mit verschiedenen
Trägern der Alten- und Behindertenhilfe und Pflege, der Ärztekammer und der Apothekerkammer
Westfalen-Lippe, dem Netzwerk Gesundheitswirtschaft Münsterland, dem Stadtsportbund etc. Dies
soll ermöglichen, vernetzt lokale Angebote zu verändern und neu zu entwickeln. Es sind gemeinsam
3 Konzeptionelle Ziele und Grundlagen
35
Überlegungen aufzunehmen, wie auch auf dieser gesamtstädtischen Ebene Potenziale und Ideen der
Bürgerinnen und Bürger eingebunden werden können. Ein solcher Rahmen soll auch Impulse geben,
damit sich zukünftig selbstorganisierte altengerechte und inklusive Quartiersprojekte ‚von unten‘
ergeben.
Die zweite diskursive Handlungsebene sind die Quartiere selbst. Hierzu sollen im Folgenden methodi-
sche Empfehlungen zum Start und Verlauf eines partizipativen Prozesses der altengerechten und
inklusiven Quartiersentwicklung gegeben werden. Im Wesentlichen wird dabei – angepasst an die
Situation in Münster – Bezug genommen auf das Programm Altengerechte Quartiere.NRW, erweitert
um fachliche Grundlagen aus dem In- und Ausland. Sie greifen auch auf erste positive Erfahrungen
aus dem eigenen Projekt in Hiltrup-Ost zurück.
Vor dem Hintergrund der generellen Zielsetzung, auf Dauer in allen Quartieren Bedingungen zu reali-
sieren, die den Anforderungen an altengerechte und inklusive Quartiersentwicklung entsprechen,
richtet der Masterplan den Blick kleinteilig auf alle Teilbereiche der Stadt, um abzuschätzen, wo
sinnvollerweise frühzeitig Vorhaben der altengerechten, inklusiven Quartiersentwicklung anzulegen
sind. Dies folgt zwei Linien:
• Es werden Bereiche aufgezeigt, in denen aktuell oder in naher Zukunft hohe Anteile alter
Menschen und damit wahrscheinlich Unterstützungsbedürftiger leben (werden). Dies wird
kontrastiert mit wichtigen Aspekten infrastruktureller Ausstattung und der Eigenart von
Wohnungsbestand und Siedlungsstruktur. So sollen Beobachtungspunkte ermittelt werden,
die ein frühzeitiges Anstoßen von Projekten altengerechter, inklusiver Quartiersentwicklung
begründen.
• Es werden Standorte innovativer Projekte und Einrichtungen der Alten- und Behindertenhilfe
sowie Pflege daraufhin untersucht, ob in ihrem Umfeld weitere Bedarfe bestehen und ob sie
den zentralen Ankerpunkt eines lokalen Netzwerks zur altengerechten, inklusiven Quartiers-
entwicklung bilden können. Auch dies soll Träger und Akteure einladen, selbst in der Quar-
tiersentwicklung tätig zu werden.
Abschließend sollen – vor dem Hintergrund der vorgefundenen Situation – Empfehlungen für eine
Auswahl konkreter Maßnahmen in den Quartieren gegeben werden. Dies steht freilich unter ‚Partizi-
pationsvorbehalt‘: Es ist nicht beabsichtigt, mit einem vorgefertigten Programm in ein Quartier zu
gehen. Die Quartiersentwicklung sollte aber gute Beispiele kennen und in die Lage versetzt werden,
zu aufgeworfenen Fragen vor Ort Lösungswege aufzuzeigen. Auch geht es um kleine Maßnahmen,
die initial Aufmerksamkeit und Interesse wecken können.
3 Konzeptionelle Ziele und Grundlagen
36
3.2 Quartier und Quartiersentwicklung
Ausgangspunkt analytischer und konzeptioneller Überlegungen muss auch die Frage sein: Was ist
überhaupt ein Quartier? Der (Sozial-)Raumbezug in der kommunalen Entwicklung ist nicht ganz neu;
der Quartiersansatz für die deutsche Situation schon. Im Sinne fachlich-konzeptioneller Arbeit sollte
es kein beliebiger Begriff sein.
Quartier
Obwohl in Deutschland seit Jahrhunderten im Gebrauch und derzeit wieder als attraktiv und zeitge-
mäß empfunden (so auch im Immobilienmarkt), bleibt der Quartiersbegriff komplex. Für die deut-
sche Sprache ist der Begriff entlehnt „aus altfranzösisch quartier, das auf lateinisch quartarius ‚das
Viertel‘ zurückgeht“34 und auf historische Stadtstrukturen verweist. Umgangssprachlich gebräuchlich
ist der deutsche Begriff Viertel heute oft noch als Bindestrichbegriff – Villenviertel, Problemviertel
u.ä. – und kann als solcher sehr wirkmächtig als Zuschreibung für einen Raum werden. Der ähnliche
Begriff Nachbarschaft ist im englischsprachigen Raum (‚Neighbourhood‘) auch umgangssprachlich
verbreitet, spielt in Deutschland jedoch kaum eine Rolle als räumliche Bezeichnung. Der deutsche
Soziologe Bernd Hamm nannte in den 1970er Jahren als wichtige Aufgaben einer Nachbarschaft
„Nothilfe, Sozialisation, Kommunikation und soziale Kontrolle“35. Quartier heißt synonym auch Un-
terkunft – ein Quartier ist primär Wohnstandort, jedoch mehr als ein Wohngebiet.
Der Begriff Quartier wird heute oft verwendet, wenn administrative Begrifflichkeiten wie Bezirk,
Stadtteil o.ä. vermieden werden sollen, um die alltagsweltlichen Bezüge und die Bewohnerperspekti-
ve in den Mittelpunkt zu rücken. Ein Lehrbuch zum Städtebau formuliert, ein Quartier sei eine „soziale
und baulich-räumliche Gebietseinheit mittlerer Maßstabsebene, die sich innerhalb bebauter städtischer Gebiete
von außen oder innen her abgrenzen lässt, sich von den umgebenden Siedlungsteilen unterscheidet, eine spezif i-
sche Qualität und Identität aufweist. Mehrere Quartiere bilden ggf. einen Stadtteil“ 36. Selbst dieser Versuch
einer akkuraten, raumstrukturellen Definition bleibt bewusst vage, denn sie legt nicht fest, wer und
nach welchen Kriterien hier ein Quartier ‚abgrenzt‘ – zugleich verweist sie aber auf eine spezifische
Identität eines Quartiers und damit auf die wichtige Rolle, die das alltägliche Lebensumfeld in unmit-
telbarer Nähe für die Bewohnerinnen und Bewohner und für ihr Selbstverständnis spielt. Dies gilt
gerade für die Bewohnergruppen, die besonders viel Zeit im Nahraum um ihre Wohnung verbringen,
also hauptsächlich Ältere und Kinder, aber auch Eltern in der frühen Familienphase, vor allem Frauen,
und andere Gruppen mit besonderem Unterstützungsbedarf, beispielsweise wegen einer Behinde-
rung und bei einer chronischen Erkrankung. Damit liegt auch nahe, dass ein geeigneter Quartiersbe-
griff sich kontextabhängig an Zielgruppen und deren Mobilität, Bedürfnissen und Bedarfen orientie-
ren muss. Dennoch spielen räumliche Aspekte, wie die Barrieren, die z.B. durch Verkehrswege gebil-
det werden, mit herein.
34 vgl. Duden. Das Herkunftswörterbuch 1997: 564. Gleichnamiges Stichwort.
35 Zit. n. Schnur 2012, S. 456
36 Frick 2008, S. 202; zit. n. Zens 2012, S. 13. Online unter: www.quartiersforschung.de/download/DA_Zens.pdf
3 Konzeptionelle Ziele und Grundlagen
37
Es kann daher nicht Ziel und Inhalt dieses Masterplans sein, eine ‚objektive‘ Quartiersstruktur für
Münster darzustellen. Neuere Definitionsansätze thematisieren stärker die Unschärfe des Begriffs, in
der sowohl Chancen als auch Risiken liegen, und auch, dass ein Quartier zumeist um ein kommunika-
tives und funktionales Zentrum herum angelegt ist (s. auch Abb. 7). Der Arbeitskreis ‚Älter werden in
Münsters Quartieren‘ der aktuellen und zukünftigen Träger von altengerechter und inklusiver Quar-
tiersentwicklung hat sich mit verschiedenen Zugängen befasst. Im Ergebnis hat sich der Arbeitskreis
vorläufig auf die folgende Quartiersdefinition verständigt:
Arbeitsdefinition Quartier und Quartiersentwicklung
Ein Quartier ist das Zusammenspiel von überschaubarer lokaler Gemeinschaft und dem Raum, in
dem sie sich entfaltet. Es ist von seinen Bewohnerinnen und Bewohnern her zu denken, für die es in
vertrauter Form das Wohn- und Lebensumfeld, Versorgungs- und soziale Kontaktmöglichkeiten all-
täglich bereitstellt und damit Teil ihrer Identität wird.
Quartiere sind die Orte, um niedrigschwellig an der eigenen Umgebung aktiv mit zu gestalten, je nach
Bedürfnissen und Interessen. Sie bieten Raum für eine hohe Interaktionsdichte und informelle Aktivi-
täten, Integration und Inklusion auf Basis eines Zusammengehörigkeitsgefühls. Wo dies verloren zu
gehen droht, sollen in der Quartiersentwicklung Möglichkeitsräume hierzu gefördert werden. Dies ist
als Prozess der Menschen vor Ort zu verstehen.
Als räumliche Bezugsgröße ist ein Quartier schwer fassbar, aber in der Regel ist es unabhängig von
Stadtteil- und ähnlichen Grenzen. Die Grenzen und das ‚innere Bild‘ eines Quartieres, das die Identi-
tät prägt, sind nur mit den Bewohnerinnen und Bewohnern zu ermitteln. Wo ein relativ großer Um-
fang eines Quartiersentwicklungsgebietes gewählt wurde, z.B. aus Fördernotwendigkeiten heraus‚
sind ‚Teilquartiere‘ zu identifizieren und differenziert zu entwickeln. Es gibt auch gesamtstädtische
Bezüge und Arbeitsteilungen zwischen Quartieren, die zu beachten sind. Urban geprägte und dörfli-
che Quartiere in Münster weisen spezifisch andere Entwicklungspotenziale auf.
Für Menschen mit Pflege- und Unterstützungsbedarf soll das alltäglich Lebensnotwendige im Sinne
von Teilhabe und Versorgung weitest möglich in dem erreichbaren und vertrauten Nahraum ihres
Quartiers bereitgestellt werden. Hierzu sind gemeinschaftlich neue Formen und Ideen zu entwickeln
und auszuprobieren, die wesentlich auf Transparenz und Kooperation der Anbieter angewiesen
sind.37
37 Beschluss des AK Älter werden in Münsters Quartieren in seiner vierten Sitzung am 05.04.2016
Abbildung 7: Definitionsansatz 'Quartier als
Fuzzy Place'.
Quelle: Schnur 2013, S. 32
3 Konzeptionelle Ziele und Grundlagen
38
Für die besondere Situation in Münster gilt es weiter zu beachten, dass der neu und eher städtisch
gefasste Begriff des Quartiers für die Menschen, insbesondere Ältere, fremd wirken kann. Dies gilt
gerade für immer noch eher ländlich geprägten Randbereiche – hier bietet sich ggf. auch der Begriff
‚Dorf‘ an.
Quartie rsentwicklung und Identität
Altengerechte, inklusive Quartiersentwicklung soll im Sinne dieses Masterplans verstanden werden
als eine aktive und umfassende, partizipative kleinräumige Stadt-Entwicklung, ohne sich auf bauliche
Maßnahmen zu reduzieren. Ihre Räume sind Bestandsquartiere, unter dem Gesichtspunkt ihrer Dau-
er werden sie als Anschubprozesse für einen begrenzten Zeitraum verstanden. Ziel ist die Stärkung,
Weiterentwicklung und Etablierung unterstützender sozialer und räumlicher Strukturen für und mit
Menschen mit Pflege- und Unterstützungsbedarf. Dazu kann am Ende der Übergang in ein soziales
Quartiersmanagement vor Ort gehören, das nach dieser Phase das Erreichte verstetigt, sichert und
nachsteuert.
Aspekte der auf das Quartier bezogenen Identität sind unbedingt sensibel in die Quartiersentwick-
lung einzubeziehen. Sie ist das Bindeglied zwischen den Menschen, lokaler Gemeinschaft und dem
Raum, in dem sie verortet ist. Für viele ältere und langjährige Bewohnerinnen und Bewohner, bei
denen andere Identitätsangebote z.B. durch den Beruf oder die Elternrolle tendenziell abnehmen, ist
dies sehr wichtig. In Stadtbereichen und bei Zielgruppen, in denen eine stillstehende oder eher nega-
tive Entwicklung erlebt wurde, fühlt man sich vergessen und benachteiligt. Damit liegt eine große
Chance in dem Angebot, Veränderung mitzugestalten. Das Bild der Menschen von ihrem Quartier ist
ein wichtiger Schlüssel dazu.
In Anerkennung dessen wird Quartiersentwicklung immer öfter, so auch von der Landesregierung
NRW, in Zusammenhang gebracht mit dem Begriff ‚Heimat‘38. Dazu zwei Zitate aus der wissenschaft-
lichen Geographie:
„Heimat ist dort, wo ich Ursache von etwas bin“ (E. A. Brugger) und
„Heimat ist ein Ort des leichten Handelns“ (E. E. Boesch)39.
Letzteres beschreibt vor dem Hintergrund des Pr ozessdesigns die Ziele von Quartiersentwicklung im
Sinne dieses Masterplans treffend.
Über dieses anzusprechende Heimatgefühl, das auch bei Jüngeren nicht mehr verpönt ist, werden
aber auch Zugehörigkeit und Ausschluss verhandelt. Quartiere sind damit dynamisch und veränder-
lich, sozialräumliche Arenen, in denen sich Integration und Inklusion vollzieht. Das zeigen in Münster
auch die Bemühungen vieler Nachbarschaften um aufgenommene Flüchtlinge.
38 Vgl. ZWAR Zentralstelle NRW (2014): Mitteilung Bürgerdialog „Heimat im Quartier“. Online unter:
www.zwar.org/de/aktuelles/archiv/news/heimat-im-quartier/
39 Vgl. Weichhart 1990, zit. n. Brunner/Henry 2009, S. 23
3 Konzeptionelle Ziele und Grundlagen
39
Grundsätz lic hes
Altengerechte, inklusive Quartiersentwicklung zur Versorgungssicherheit für Menschen mit Pflege-
und Unterstützungsbedarf in Münster ist interkonfessionell, generationenübergreifend, interkulturell
und inklusiv zu denken. Zu den Grundideen für das Gelingen gehören ganz zentral Transparenz und
Kooperation. Das bedeutet auch, dass Schwellen abgebaut werden und gute und bewährte Initiati-
ven, Projekte und Einrichtungen sich öffnen. Das können Angebote der Kirchengemeinden sein, Frei-
zeitgruppen oder vollstationäre Pflegeeinrichtungen.
Quartiersentwicklung ist immer normativ, also an Wertvorstellungen von einem positiven Besseren
gekoppelt, das es zu erreichen gilt. Sie ist in der Regel entweder mit inhaltlichen Attributen versehen
oder mit einer Zielgruppenansprache verknüpft – eine Quartiersentwicklung ohne inhaltliche Sub-
stanz wäre belanglos. Sie muss Menschen ansprechen, um zu gemeinsamen Zielen zu kommen. In
diesem Sinne zielt dieser Masterplan in bewusster Anlehnung an das Land NRW auf eine altengerech-
te (und inklusive) Quartiersentwicklung, auch wenn zumindest ‚altersgerecht‘ oder sogar ‚alternsge-
recht‘ passender erschiene.
Quartiere als Lebensraum gestalten – Quartierskonzepte voranbringen
Quartiere sind so verschieden wie die Menschen, die in ihnen leben. Im Unterschied zu Stadtteilen,
Bezirken oder Gemeinden ist das Quartier nicht immer ein kommunalpolitisch fest umrissenes Ge-
biet. Oft sind sie Teilgebiete eines Stadtteils und können, je nach Struktur und Beziehungsströmen
der Menschen, 1.000, 10.000 oder mehr Einwohnerinnen bzw. Einwohner umfassen. Quartiere
zeichnen sich durch wechselseitige Beziehungen und Interaktionen ihrer Bewohnerinnen und Be-
wohner, das gemeinsame Nutzen von Strukturen und Angeboten im Nahbereich, ein Gemeinschafts-
leben bis hin zur Teilhabe und Partizipation im direkten Wohnumfeld der Menschen aus - und zuwei-
len auch durch ihre Konflikte, Identitäten und Möglichkeiten. „Bunte und lebendige Quartiere“ sind
geprägt durch ihre Vielfalt und erhalten somit oft auch ihre Attraktivität - zuweilen auch für Men-
schen weit über das Quartier hinaus.
So vielfältig wie die Quartiere und ihre Bewohnerinnen und Bewohner sind - gemeinsam muss allen
Quartieren sein, wenn sie funktionieren sollen, dass der Gedanke einer solidarischen Gesellschaft
und eines intergenerativen, respektvollen Miteinanders in gegenseitiger Verantwortung Wirklichkeit
ist. Für „lebendige“ Quartiere, Stadtteile aber auch ländlich strukturierte Gebiete ist ein guter Gene-
rationen-Mix, das Zusammenleben von Jung und Alt notwendig. Deshalb ist für eine zukunftsorien-
tierte Quartiersentwicklung nicht nur eine alters- und behindertengerechte Gestaltung wichtig, son-
dern auch eine familien- und kindgerechte Ausrichtung der Lebensorte. Dies gilt besonders auch für
die Gebiete, die von einem Rückgang junger Menschen an der Bevölkerung betroffen sind. Nur durch
eine Infrastruktur, die auch eine Attraktivität für Familien und junge Menschen besitzt, lässt sich der
wichtige Generationen-Mix vor Ort auf Dauer sichern. Dazu sind auch generationenübergreifende
Konzepte wichtig. Den Bewohnerinnen und Bewohnern müssen Freiräume für die Gestaltung und
Mitwirkung gegeben werden.
Generationengerechte und inklusive Stadt - und Dorfentwicklung
Neben dem Wohnen werden die Quartiere insbesondere durch individuelle und gemeinschaftsbezo-
gene Aspekte des Zusammenlebens im Nahbereich geprägt, also dort, wo die Menschen leben. Hier
3 Konzeptionelle Ziele und Grundlagen
40
sprechen wir auch von der sinnbildlichen „Pantoffelentfernung“, wenn es um die Versorgungssicher-
heit geht.
Mit neuen Wohn- und Unterstützungsformen wollen wir älteren und pflegebedürftigen Menschen
ein Verbleiben in ihrer angestammten Wohnumgebung ermöglichen. Dabei sollen Wohnungen und
das Wohnumfeld so gestaltet werden, dass Menschen unabhängig von ihrem Alter oder ihrer einge-
schränkten Bewegungsfreiheit möglichst selbstständig, unabhängig und weitestgehend ohne fremde
Hilfe in ihrer gewohnten Umgebung leben können.
Eine Vielfalt von Angeboten ist gefragt als individuelles Wohnen, zielgruppenspezifisch oder Grup-
penwohnen in verschiedenen Varianten: Wohnen mit Versorgungssicherheit in der eigenen Woh-
nung, Mehrgenerationenwohnen, Pflege- und Wohngruppen oder Haus- und Wohngemeinschaften.
Zielgruppen
Das kurze und scheinbar altmodische Attribut ‚altengerecht‘ thematisiert aus praktischen und kom-
munikativen Erwägungen die größte Gruppe der Menschen mit Pflege- und Unterstützungsbedarf,
die im Zuge des demographischen Wandels noch wachsen wird. Der Begriff spricht breiteste Kreise
der Stadtbevölkerung sofort an, zumal Menschen mit zunehmendem Lebensalter eines Tages auf
einen Pflege- und Unterstützungsbedarfes haben werden. Dennoch werden nicht nur alte Menschen,
sondern alle Zielgruppen in den lokalen Gemeinschaften angesprochen. Das wird im Folgenden ge-
nauer ausgeführt.
Wer profitier t – Wen braucht es für die Quartiersentwicklung?
Altengerechte, inklusive Quartiersentwicklung zur Versorgungssicherheit für Menschen mit Pflege-
und Unterstützungsbedarf im Sinne dieses Masterplans ist ein Prozess, der nur mit den lokalen Ge-
meinschaften in ihrer ganzen Bandbreite gelingen kann. Ein wesentliches Ziel ist es, die nachbar-
schaftliche soziale Achtsamkeit für Unterstützungsbedürftige zu erhöhen. Dies soll den Grund legen
für ein inklusives und fürsorgliches Umfeld.
Hier sind auch Gewerbetreibende und Dienstleister angesprochen. Viele besitzen schon die nötige
Sensibilität und große Erfahrung im Umgang mit den Bedarfen ihrer Kundschaft. Manche benötigen
noch Unterstützung, sich auf die demographischen und gesellschaftlichen Veränderungen der nächs-
ten Jahre einzustellen. Gerade Filialisten machen heute einen großen Teil der Versorgungsinfrastruk-
tur aus, bei geringer lokaler Ortsbindung. Ihr Weggang kann große Lücken reißen, weswegen sie un-
bedingt einzubeziehen sind. Es ist zu versuchen, ihnen im Kleinen Veränderungsmöglichkeiten deut-
lich zu machen, die ihren Markt insgesamt betreffen.
Veränderungsprozesse, wie der Rückzug von Anbietern aus der Fläche und in das Internet, werden
aber weiter gehen. Die öffentliche Thematisierung und Kommunikation mit diesen Anbietern auf
gesamtstädtischer Ebene ist ein wichtiger Weg, diesen Trend zu verändern. Primär werden schnell
neue Unterstützungsformen gebraucht. Hier kommt wieder die lokale Gemeinschaft ins Spiel: Sie
muss gestärkt werden, in neuen Formen gegenseitige Hilfe zu leisten. Dies braucht ein Maß an Ver-
bindlichkeit und Organisation. Es braucht aber auch gemeinschaftsbildende Maßnahmen ohne spezi-
fische Zwecke. Die Steigerung der Lebensqualität für Alle ist zugleich Mittel und Ziel.
3 Konzeptionelle Ziele und Grundlagen
41
Gender - und Gleichstellungsaspekte – Frauen
Das Alter ist weiblich, Altersarmut ist weiblich, ebenso die Familienphase und die Familienpflege.
Auch der professionelle und ehrenamtliche soziale und Gesundheitsbereich mit Alten- und Behinder-
tenhilfe sowie Pflege sind weiblich geprägt. Daraus begründet sich unbedingt eine besondere Beach-
tung der Bedürfnisse, Bedarfe und Perspektiven von Frauen in der Quartiersentwicklung. Sie stellen
die große Mehrheit derjenigen, die im Quartier leben und arbeiten und dabei verstärkt auf einen
unterstützenden Nahraum angewiesen sind.
Aufgrund der höheren Lebenserwartung, die derzeit bei Frauen ca. 5 Jahre höher ist als bei Män-
nern40, gibt es mehr ältere Frauen als Männer. Über den leichten Frauenüberschuss in der Gesamt-
bevölkerung hinaus, sind in der Gruppe der Älteren die Frauen deutlicher in der Mehrheit: In Müns-
ter waren Ende 2015 54,2 % der Menschen zwischen 60 und 80 Jahren Frauen, bei den über 80-
jährigen waren es 65,8 %, also nahezu zwei Drittel.
Demnach bleiben auch mehr Frauen verwitwet beim Tod des Partners zurück. Aufgrund der damali-
gen Familienmodelle können sie nur zu kleinen Teilen auf eine eigene durchgängige Erwerbsbiogra-
phie zurückblicken. Daher erhalten sie oft nur eine abgeleitete Hinterbliebenenrente, die etwas mehr
als die Hälfte dessen ausmacht, was der Partner zuvor für beide erhalten hat. Die Grundkosten, ins-
besondere für das Wohnen, bleiben aber annähernd gleich. Umzugsbereitschaft besteht aus ver-
schiedenen Gründen oft nicht. Damit steigt das Armutsrisiko, und auch die Lasten der normalen Le-
bensführung, zumal bei selbstgenutzten Eigenheimen, stark.
Es ist immer noch so, dass die Zeiten der Kindererziehung primär von den Müttern geleistet werden.
Münster erreicht zwar einen bundesweiten Spitzenwert bei den jungen Vätern, die in Elternzeit ge-
hen. Die Hauptlast bleibt jedoch bei den Frauen – zum allergrößten Teil nehmen Väter in Deutsch-
land nur den Mindestzeitraum von zwei Monaten in Anspruch. Im Anschluss fällt Frauen meist der
Part zu, auf Erwerbstätigkeit vorübergehend ganz zu verzichten oder Teilzeittätigkeiten zu wählen,
die oft unter ihrer Qualifikation liegen. Die Organisation des Familienalltags, evtl. auch als Eineltern-
familie oder wenn ein Partner Wochenendpendler ist, ist heute hoch anspruchsvoll. Ein unterstüt-
zendes nachbarschaftliches Umfeld, ein Quartier der kurzen Wege mit gut vernetzten und verlässli-
chen Hilfsangeboten ist hier ein entscheidender Standortvorteil.
Auf die Rolle der Frauen in der Familienpflege wurde bereits verwiesen. Diese Phase kann die zweite
Unterbrechung der Erwerbstätigkeit bedeuten, ist in ihrer Dauer ungewiss und aufgrund des höheren
Lebensalters noch riskanter für das berufliche Fortkommen.
Für Mütter von Kindern mit Behinderung gilt das Gesagte in verstärkter Form, ihre beruflichen Per-
spektiven sind umfangreicher beeinträchtigt. Sie sind in besonderem Maße auf ein entlastendes Um-
feld angewiesen.
Gender - und Gleichstellungsaspekte – Männer
Die Ausrichtung von Altenhilfe und Pflege durch Frauen auf eine Mehrheit von Frauen hat auf der
anderen Seite dazu geführt, dass die Bedürfnisse von älteren Männern in der Vergangenheit zu wenig
40 Bezogen auf Neugeborene: Männer 77,7 Jahre/Frauen 82,8 Jahre Lebenserwartung. Quelle: s. Fußnote 21
3 Konzeptionelle Ziele und Grundlagen
42
Berücksichtigung fanden. Hier ist in Zukunft ein differenzierterer Blick vonnöten, gerade im Quar-
tierskontext.
Von den Einpersonenhaushalten der über-60-Jährigen in Münster waren Ende 2015 ca. 31 % von
Männern bewohnt. Es ist aber bei vielen verheirateten Männern dieser Generationen früher nicht
üblich gewesen, nennenswerte Verantwortung für einen Haushalt zu erlernen und zu tragen. Auch
zeigen Erfahrungen, dass soziale Kontakte und Netze von Männern mit dem Verlust des Partners oft
wegbrechen. Mangelnde Teilhabe, Vereinsamung und gesundheitliche Probleme sind Risiken, die im
Extremfall in der Nachbarschaft sichtbar werden.
Ältere Männer sind für soziale und kommunikative Angebote oft nur schwer zu erreichen. Eine An-
nahme hierbei ist allerdings, dass diese Angebote nicht passgenau sind, also überarbeitet und auch
stärker geschlechtsspezifisch zugeschnitten werden müssen.
Gleichgeschlechtliche Orientierung und weitere geschlechtliche Identitäten
Die gleichgeschlechtliche Orientierung von Menschen in der Partnerwahl ist heute in der Mitte der
deutschen Gesellschaft angekommen und für viele Jüngere Normalität41. Das war noch vor wenigen
Jahrzehnten anders – bis 1969 war die praktizierte männliche Homosexualität nach § 175 StGB ganz,
bis 1994 noch teilweise strafbar. Vor allem war sie lange gesellschaftlich geächtet. Ältere Betroffene
und Nichtbetroffene sind hierdurch oftmals stark geprägt worden.
Lesben, Schwule, Bisexuelle und andere Menschen , die ihre sexuelle Orientierung im Alter endlich
(unverdeckt) leben wollen, ggf. nach Ende einer heterosexuellen Beziehung, können dies in einem
toleranten urbanen Umfeld wie Münster heute meist gut tun.
Die wenigen Untersuchungen aus der Sozialforschung geben an, dass sich ca. 1-2 % der Bevölkerung
als schwul bzw. lesbisch bezeichnen, eine eher noch kleinere Zahl als bisexuell, bei einer hohen Dun-
kelziffer. Forscher/innen gehen eher von tatsächlichen 5-10 % der Bevölkerung mit einer verdeckten
gleichgeschlechtlichen Orientierung aus42. Ende 2014 lebten 695 Personen in Münster in einer einge-
tragenen gleichgeschlechtlichen Partnerschaft.
Behinderten- und Altenpflege bemühen sich in jüngerer Zeit verstärkt um Lesben und Schwule mit
Pflege- und Unterstützungsbedarf. Es sollte nicht dazu kommen, dass Menschen in Einrichtungen
unter ihren Altersgenossen erneut Diskriminierungserfahrungen erleben. Dies sollte auch ein Anlie-
gen der Quartiersentwicklung sein. In besonderer Weise bietet sich an, über spezifische Wohnprojek-
te und dezentrale Angebote mit diesen Gruppen nachzudenken. Es existiert bereits seit zwanzig Jah-
ren die Seniorenbegegnungsstätte ‚Gay and Grey‘43 für ältere Schwule in Münster. Die Offenheit von
Pflege und Altenhilfe für verschiedene sexuelle Orientierungen ist auch in die Zukunft zu denken.
Intersexualität, Transgenderidentitäten etc. werden dann auch ein Thema werden. Hier sind unbe-
dingt die entsprechenden Selbsthilfestrukturen mit einzubeziehen.
41 Dies ist jedoch abhängig von kulturellen, teils religiösen, politischen und gruppenidentitären Einflüssen (z.B. Fußballfans).
42 Vgl. Ministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Frauen und Familie des Landes Brandenburg: Lesben, Schwule, Homo-
Ehe - Informationen für Heterosexuelle. Online unter: http://www.masgf.brandenburg.de/cms/detail.php/bb1.c.189464.de
43 vgl. Stadt Münster Sozialamt: Seniorinnen u. Senioren: Freizeit und Begegnung: Begegnungsstätten. Gay and Grey Müns-
ter. Online unter: www.stadt-muenster.de/sozialamt/seniorinnen-und-senioren/freizeit-und-
begegnung/angebote/einrichtung/details/angebot/330.html
3 Konzeptionelle Ziele und Grundlagen
43
Menschen mit Migrationsvorgeschichte
Schon heute weisen ca. 18,4 %, also nahezu ein Fünftel, der Münsteraner über 60 Jahren eine Migra-
tionsvorgeschichte auf. Im Vergleich zu anderen Regionen, insbesondere industriell geprägten wie
dem Ruhrgebiet, fällt diese Gruppe in Münster sehr heterogen aus. Sie ist nicht übermäßig durch die
klassischen Herkunftsländer der Arbeitsmigranten der 60er und 70er Jahre geprägt.
Dabei ist zunächst zu beachten, dass auch die Heimatvertriebenen unter diese Definition fallen. Sie
machen ungefähr ein Drittel dieser Älteren aus. Erfahrungen von Flucht und Vertreibung, Besitzver-
lust und Neuanfang in einer anderen Region haben bei ihnen Spuren hinterlassen, die im Alter wie-
der verstärkt zutage treten. Diese Belastungen können heute leichter thematisiert werden. Auch
hierauf sollten kultursensible Angebote reagieren. Vertriebene leben immer noch oft in den Woh-
nungsbaugebieten der 1950er Jahre, mit deren Errichtung seinerzeit ein wichtiger Integrationsbeitrag
verbunden war.
Eine weitere große Gruppe stellen deutsche Spätaussiedler aus Osteuropa dar, die in den 1990er
Jahren die Möglichkeit genutzt haben, in die Bundesrepublik überzusiedeln. Bei ihnen zeigen sich
Folgen einer Identitätsproblematik und von Ausgrenzung, da sie von der Bevölkerung hier als ‚aus-
ländisch‘ identifiziert werden, obwohl sie deutscher Herkunft sind. Sie sind räumlich konzentriert und
segregiert in bestimmten Quartieren anzutreffen. Erfahrungen zufolge ist das Leben älterer Spätaus-
siedler hier durch relative Einkommensarmut, aber auch durch die Einbindung in einen starken Fami-
lienverband und eine ebensolche ethnische Community geprägt. Sie nehmen Angebote Dritter für
Ältere und Pflegebedürftige deshalb selten wahr. Nichtsdestoweniger bleibt die Frage, ob sich die
Familienpflege auch bei ihnen im Zuge einer Angleichung der Lebensstile in der Form halten wird und
wie pflegende Angehörige unterstützt werden können.
8,4 % der Münsteraner über 60 Jahren sind Ausländer/innen oder haben eine ausländische Staats-
bürgerschaft gegen die deutsche getauscht. In einigen Stadtbereichen kann dieser Wert über 20 %
annehmen, dabei sind die eher benachteiligt zu nennenden Quartiere wie die Kinderhauser Brüning-
heide vertreten (hier bestimmen Menschen aus Polen, Serbien und der Türkei das Bild), aber auch
kleinräumig andere Teile der Stadt. An der Peripherie sind die Anteile zumeist geringer. Insgesamt ist
das Bild vielfältig. Es ist zu empfehlen, in den Quartieren den Kontakt zu den ethnischen Communi-
ties zu suchen. Dies gilt auch für die dort untergebrachten Geflüchteten. Unter ihnen finden sich nur
wenige Ältere. Eine Einbindung in die Quartiersentwicklung sollte jedoch angestrebt werden, um den
Spracherwerb zu fördern und sinnvolle Tätigkeiten bis zum Erhalt einer Arbeitserlaubnis zu ermögli-
chen. Hier ergeben sich Schnittstellen zum ehrenamtlichen Bereich.
Bei Menschen, die als Arbeitsmigrant/inn/en nach Deutschland kamen und nun schon lange hier
leben, zeigt sich, dass viele von ihnen durch lebenslange körperliche Belastungen und Einkommens-
armut einen schlechteren Gesundheitszustand aufweisen als der Durchschnitt. Pflege- und Unter-
stützungsbedarf tritt bei ihnen früher auf. Besondere Problematiken ergeben sich bei Eintritt von
Demenz, da später erworbene deutsche Sprachkenntnisse eher betroffen sind als die Sprache der
Kindheit. Daher sind ggf. besondere muttersprachliche Angebote zur Entlastung der Angehörigen
sinnvoll
44.
44 Vgl. Netzwerk Alternsforschung (NAR), Universität Heidelberg: Interview vom 23.05.2016 zum Vortrag „Situation und
Bedürfnisse türkischstämmiger pflegender Angehöriger von demenzerkrankten Menschen“. Online unter:
http://www.nar.uni-heidelberg.de/service/int_guentekin.html; s. auch Projekt Naschdom (2014): Dokumentation Workshop
3 Konzeptionelle Ziele und Grundlagen
44
Heute stellt sich auch in diesen Gemeinschaften immer mehr die Frage, wie das Leben im Alter ge-
staltet werden kann. Während teilweise Menschen nach der Erwerbsphase in ihre Heimatländer zu-
rückwandern, ziehen viele es vor, hier in Deutschland bei ihren Familien zu bleiben, obwohl es viel-
leicht ursprünglich anders geplant war. Es bestehen Hemmschwellen gegenüber deutschsprachigen
Institutionen; bisweilen gibt es ferner Vorbehalte, professionelle Hilfen anzunehmen. Dies bedeutet
letztlich Belastungen für die Familien und vor allem für die Frauen und Mädchen. Hier sind kleinräu-
mig mit den Gruppen der Betroffenen passgenaue Angebote zu entwickeln, die auf die Diversität
unter den Älteren reagieren.
Familien
Wie angedeutet sind gerade Familien mit jüngeren Kindern in ähnlicher Weise auf ihr Wohnumfeld,
auf den Nahraum um ihre Wohnung angewiesen wie Menschen mit Pflege- und Unterstützungsbe-
darf. Neben Fragen der Nahversorgung gilt ihr Augenmerk der Verkehrssicherheit und qualitätvollen
Freiräumen. Ein Umfeld, in dem ältere Kinder ohne Aufsicht spielen können und Absprachen mit
anderen Eltern in der Nachbarschaft möglich sind, ist entlastend.
Ansatzweise lässt sich auch ein Trend feststellen, dass junge Familien zurück in die Kernstädte stre-
ben. In innenstadtnahen Quartieren finden sie in kurzen Entfernungen unterstützende Infrastruktu-
ren der Kinderbetreuung vor, kurze Schul- und Arbeitswege erleichtern den Alltag. Den jungen Eltern
gelingt es in räumlicher Nähe auch besser, soziale Kontakte und eigene Interessen weiter zu pflegen.
Auch Jugendliche wissen das Angebot zu schätzen. Für wachsende Haushalte ist es jedoch mitunter
schwer, im preislichen Rahmen adäquat großen Wohnraum zu bekommen.
Angesichts der ökonomischen Notwendigkeiten, die Dauer des Ausfall eines Haushaltseinkommens
möglichst kurz zu halten und dem gleichberechtigten Wunsch beider Partner/innen zu arbeiten, ist
die Organisation eines Familienlebens heute komplexer als bei früheren Generationen. Hinzu kom-
men neue Familienarrangements wie Patchworkfamilien. Die Bedeutung von Entlastungsangeboten
und sozialer Netze, auch intergenerationeller Art, nimmt zu. Die Offenheit für Gemeinschaften, die
über den eigenen Haushalt und die eigene Familie hinausreichen, wird größer.
„Demenz und Migration“, 15. Januar 2014 in Bonn, S. 14. Online unter:
http://www.bagso.de/fileadmin/Aktuell/Nasch_Dom/Dokumentation_NASCHDOM_feb_2014_final.pdf
3 Konzeptionelle Ziele und Grundlagen
45
Abbildung 8: Intergenerationeller Unterstützungsquotient, Ist bis 2011 und Projektion (Veränderung 2015 bis 2030)
Quelle: BIB 2013: Bevölkerungsentwicklung 2013. Daten, Fakten, Trends zum Demografischen Wandel, S. 19. Online unter:
http://www.bib-demografie.de/SharedDocs/Publikationen/DE/Broschueren/bevoelkerung_2013.pdf?__blob=publicationFile&v=12
Da für viele Kinder und Jugendliche der Kontakt zu den eigenen Großeltern und älteren Verwandten
heute aus räumlichen und zeitlichen Gegebenheiten heraus oft limitiert ist, gibt es sinnvolle Ansätze,
die jüngsten und ältesten Generationen in anderer Weise wieder in Kontakt zu bringen. Sei es, indem
Seniorinnen und Senioren als Familienpaten zur Unterstützung junger Eltern da sind oder Jugendliche
kleinere Gartenarbeiten für Ältere verrichten45. Ein Quartier bietet den Rahmen, in dem auch das
nötige soziale Vertrauen als Basis gelegt werden kann.
Weitaus mehr intergenerationelle Ansätze sind denkbar. Die besonderen Herausforderungen der
Pflege in Familien wurden schon angesprochen. Sie verteilt sich auf immer weniger (meistens weibli-
che) Schultern, wie zum Beispiel der sog. intergenerationelle Unterstützungskoeffizient aufzuzeigen
vermag (s. Abb. 10). Wo die Angehörigenpflege funktioniert, macht dies keinesfalls eine altengerech-
te, inklusive Quartiersentwicklung überflüssig. Vielmehr muss es darum gehen, pflegenden Verwand-
ten die bestmögliche Unterstützung und Entlastung zukommen zu lassen, um ihre Gesundheit, Le-
bensqualität und ökonomische Selbstständigkeit zu erhalten. Die Beratung und Weiterbildung für
diese Zielgruppe muss ein wichtiger Schwerpunkt sein.
Mensc hen mit Behinderung aller Altersgruppen
Menschen mit Behinderung stellen eine zentrale Zielgruppe der Quartiersentwicklung im Sinne die-
ses Masterplanes dar. Es ist erklärtes Ziel (s.o.), ihnen ein selbstbestimmtes Leben außerhalb von
Sondereinrichtungen zu ermöglichen. Auch deshalb soll mittel- bis langfristig in allen Teilräumen
Münsters ein geeignetes Quartiersumfeld für Menschen mit Pflege- und Unterstützungsbedarf ge-
schaffen werden. Dazu gehört, Menschen mit Behinderung in die Mitte der Gesellschaft zu bringen
und ihnen Teilhabe an Alltag und Aktivitäten der Gemeinschaft zu ermöglichen.
45 Letzteres lässt sich in Form einer sog. Taschengeldbörse organisieren. Diese wird für Münster derzeit durch die Kommuna-
le Seniorenvertretung vorbereitet. Vgl. auch: Institut für Soziale Arbeit e.V. 2016: Die Situation pflegender Angehöriger wur-
de schon angesprochen Servicebrücken Jugend – Alter. Quartiersnahe Taschengeldbörsen aufbauen und pflegen. Online
unter: www.isa-muenster.de/fruehe-kindheit-und-familie/servicebruecken-jugend-alter/index.html
3 Konzeptionelle Ziele und Grundlagen
46
Die Arten von Behinderungen, die Menschen von Geburt an, meist aber im Laufe des Lebens betref-
fen können, sind vielfältig; unterscheiden lassen sich:
• Blindheit und Sehbehinderungen,
• Hörschädigungen,
• Epilepsie,
• Sucht,
• Geistige Behinderung,
• Lernbehinderung,
• Seelische Behinderungen,
• Chronische und innere Erkrankungen,
• Bewegungsbehinderungen46.
Dabei können sie mehrfach betroffen sein und sich mehr oder weniger über ihre Einschränkungen
definieren (wollen), die erst über das gesellschaftliche Umfeld eine bestimmte Wirkung entfalten.
Wo sich Behinderungen und Effekte des Alterns überlagern, ist dies nicht nur für professionelle Hilfe-
systeme eine Herausforderung.
In den Quartieren wird die Möglichkeit geschaffen, dass der oder die Quartiersentwickler/in vor Ort
individuell auf die Bedürfnisse der Menschen mit Behinderung eingehen und diese mit Nachdruck in
die lokale Gemeinschaft einbringen kann. Sie sollen ein sichtbarer Teil der Quartiere werden, in de-
nen sie leben.
Ältere Menschen , Hochbetagte
Im Sinne des oben Gesagten sollen Ältere die Kernzielgruppe einer altengerechten, inklusiven Quar-
tiersentwicklung darstellen, da sie das Gros der Menschen mit Pflege- und Unterstützungsbedarf
bilden. Diese Gruppe wird auch zukünftig noch anwachsen, in manchen Quartieren werden dann
sehr hohe Anteile Älterer anzutreffen sein. Das allein wird noch nicht als problematisch angesehen,
solange es zu vermeiden gelingt, Quartiere rein auf Ältere auszurichten und insoweit demografische
Segregation hinzunehmen. Vielmehr geht es darum, soziale Mischung, Diversität und lokale Gemein-
schaft zu fördern, um zu einem neuen Miteinander und Füreinander in den Quartieren zu kommen.
Im folgenden Analyseteil wird die Altersgrenze für Ältere bei 60 Lebensjahren gezogen und nicht, wie
in anderen Publikationen bei 65 Jahren. Dies hängt damit zusammen, dass das gesetzliche Rentenal-
ter heute wesentlich breiter gestreut ist (s.o.) und aufgrund von Vorruhestandsregelungen etc. deut-
lich unter 65 Jahren liegt. Tatsächlich haben die meisten Menschen in Deutschland bei Eintritt in den
Ruhestand noch viele Jahre bei guter Gesundheit vor sich und kaum Unterstützungsbedarf.
Es soll die Absicht altengerechter Quartiersentwicklung sein, die ‚jungen Alten‘ an diesem Punkt ab-
zuholen, um sich ein Bild und Gedanken zu machen, wie sie dann im hohen Alter leben möchten.
Dazu gehört, nicht das Risiko zu ignorieren, dass irgendwann – mitunter plötzlich – ein Pflegebedarf
eintritt und das Wohnen in der eigenen Wohnung nicht mehr möglich ist, wenn keine Vorkehrungen
getroffen wurden. Dazu kann auch gehören, die neu gewonnene Freizeit und Zeitsouveränität zu
nutzen, um anderen im Quartier zu helfen.
46 Vgl. LWL-Integrationsamt. Online unter: http://www.lwl-integrationsamt.de/links/allgemeines/behinderungsarten
3 Konzeptionelle Ziele und Grundlagen
47
Ältere Menschen haben oft eine hohe Wohnstandorttreue und kennen daher ihre Umgebung sehr
gut. Sie sind die wahren Expertinnen und Experten für ein Quartier und dessen Geschichte, sie wissen
auch, was einmal war und was sie vermissen. Dieses Wissen sollte eine Grundlage für die Quartiers-
entwicklung sein, aber auch Jüngeren zugänglich gemacht werden, die sich für die Eigenart ihres
Quartiers interessieren.
Inzwischen kommt es auch häufiger vor, dass im Alter noch einmal ein neuer Wohnstandort gewählt
wird, ein anderes Viertel oder eine neue Stadt, z.B. um in der Nähe der Kinder und Enkel zu sein oder
stadtnah bessere Versorgungs- und Freizeitmöglichkeiten zu haben. Für diese Menschen ist es wich-
tig, nicht auf die singulären Kontakte, die sie haben, zurück geworfen zu sein. Sie gilt es auch in die
Quartiersentwicklung einzubinden.
Die besondere Beachtung soll denjenigen gelten, bei denen ein erhöhter Pflege- und Unterstüt-
zungsbedarf eingetreten ist, was heute im hohen Alter häufig der Fall ist. Für sie ist es essenziell, dass
passgenau Hilfen und Dienste im sozialen Kontext bereitgestellt werden, die ihnen einen selbstbe-
stimmten Verbleib in der eigenen Wohnung ermöglichen.
Sachziele: Was ist ein altengerechtes , inklusives Quartier?
Wie zuvor angesprochen, soll altengerechte, inklusive Quartiersentwicklung nicht als das Einbringen
schablonenartiger Lösungen in verschiedene Quartiere verstanden werden. So gesehen, gibt es die
altengerechte (und inklusive) Quartiersentwicklung nicht, zumal aufgezeigt wurde, dass die Zielgrup-
pen und Akteure weitaus mehr umfassen als die älteren Bewohnerinnen und Bewohner und viele
profitieren können. Altengerechte und inklusive Quartiersentwicklung ist immer eine ‚Maßlösung‘ für
die und mit den Menschen vor Ort.
Daher soll der Schwerpunkt primär auf Gelingensbedingungen, auf das ‚Prozessdesign‘ gelegt wer-
den. Das Feld ist noch recht neu, jedoch existieren Konzepte guter Praxis, z.B. aus dem Projekt
‚Wohnquartier
❹ – Die Zukunft altersgerechter Quartiere gestalten‘, das dies exemplarisch seit 2008
in zwei Quartieren erprobt hat. Es zielt explizit auf die Verknüpfung von gesamtstädtischer und Quar-
tiersebene ab: „Angelehnt an das ‚Essener Modell Quartiersmanagement‘ […] wird [..] die Verknüp-
fung der Eigenständigkeit des Handelns mit der konsequenten Vernetzung aller relevanten Hand-
lungsbereiche auf der Ebene der Gesamtstadt bzw. -gemeinde angestrebt, um die Ressourcen der
einzelnen Verwaltungsbereiche gezielter als bislang zur (altersgerechten) Entwicklung der Wohn-
quartiere zu nutzen“47.
47 Grimm, G./Sauter, M. (2010): Wohnquartier❹. Planvoll handeln durch eine altersgerechte Quartiersgestaltung. In: Soziale
Stadt Info 24 – Juli 2010, S. 13
3 Konzeptionelle Ziele und Grundlagen
48
Das Projekt schlägt dazu ein mögliches Steuerungsmodell zur Implementation vor. Betont werden die
Rolle der Quartiersentwicklung als Moderatorin, die lokal mit der Altenhilfe und sozialen Diensten
gemeinsam Akteure und Bewohnerschaft einbindet; weiterhin die Notwendigkeit einer gesamtstädti-
schen Koordination und Steuerung durch sog. ‚Gebietsbeauftragte‘. Gerade für den Fall, dass die
Quartiersentwicklung nicht in städtischer Regie geschieht, sondern durch Dritte (soziale Träger), wird
die Relevanz eines festen Ansprechpartners in der Verwaltung betont.
Als zentrales Sachziel lässt sich demnach festhalten, mittels geeigneter (flexibler und lernfähiger)
Strukturen und Prozesse mit den Zielgruppen in den Quartieren spürbare Verbesserungen im Sinne
der Versorgungssicherheit für Menschen mit Pflege- und Unterstützungsbedarf und der Lebensquali-
tät zu erreichen.
Hierzu können sachliche Handlungsfelder benannt werden, die eine Orientierung und einen Einstieg
in die altengerechte, inklusive Quartiersentwicklung ermöglichen und in denen Verbesserungen er-
zielt werden sollen:
Tabelle 1: Sachliche Handlungsfelder für Maßnahmen in der altengerechten, inklusiven Quartiersentwicklung. Quelle: Eig. Darstellung in
Anlehnung an: Ratsantrag A-R/0053/2012 vom 18.11.2012 der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen/GAL im Rat der Stadt Münster
Pflege, Assistenz,
Notfallvorsorge
Soziale Infrastrukturen;
Beratung und Unterstützung Gesundheit und Sport
Lokale Wirtschaft,
Nahversorgung
Gemeinschaft, Nachbarschaft
und Identität Bildung und Kultur
Wohnen im Bestand,
Wohnbauentwicklung
Wohnumfeldgestaltung,
öffentlicher Raum, Freiraum Mobilität und Verkehr
Abbildung 9: Beispiel Steuerungsmodell und Akteure der
altengerechten Quartiersentwicklung nach Wohnquar-
tier❹.
Quelle: Grimm/Sauter 2010, S. 14
3 Konzeptionelle Ziele und Grundlagen
49
Diese Felder sind in der Praxis nicht trennscharf und bedürfen vieler, professioneller und ehrenamtli-
cher, Akteure zu einer Weiterentwicklung. Entscheidend ist die Einnahme einer beteiligungsorientier-
ten Quartiersperspektive ‚von unten‘, die in Abläufe und Strukturen von Politik und Verwaltung ein-
gebracht werden muss.
4 Blick nach draußen – Erfahrungen in Europa und Deutschland
50
4 Blick nach draußen – Erfahrungen in Europa und D eutschland
4.1 Europa
Einige Nationen in Europa verfolgen teils schon seit Jahrzehnten die Abkehr von der stationären Pfle-
ge und die Stärkung dezentraler Modelle bzw. des selbstbestimmten Lebens im eigenen Umfeld bei
Eintreten eines erhöhten Pflegebedarfs. Die Impulse hierzu kamen nicht unbedingt nur von beson-
ders progressiven Kräften, sondern aus dem gesamten gesellschaftlichen Spektrum.
So gab es in Großbritannien bereits in den 1960er und 70er Jahren starke Kritik an den Verhältnissen
in den oft noch viktorianischen Heimen, die ab Beginn der 1980er Jahre zur Entwicklung eines neuen
Leitkonzepts mit der Bezeichnung ‚Care in the Community‘ mündete. Betont werden die Rolle der
lokalen Gemeinschaften für Unterstützungsbedürftige und die Pflege selbst. Die gesellschaftliche
Diskussion und der Reformprozess halten bis heute an. Die sozialen Dienste sind in der Dienstleis-
tungsgesellschaft Großbritannien sichtbarer und werden breiter angenommen, so der Eindruck.
Reformprozesse von tiefer gehendem Interesse sind in weiteren Nachbarländern in Europa zu finden:
Dänemark
Hier hat man bereits 1987 auf gesamtstaatlicher Ebene einen deutlichen, grundlegenden Schritt voll-
zogen: Die Errichtung neuer zentraler Heime klassischen Typs wurde durch das ‚Gesetz betreffend
Wohnungen für Alte und Personen mit Behinderung‘ komplett gestoppt. Die vorhandenen stationä-
ren Einrichtungen sollten zu „überschaubaren Wohn- und Pflegeanlagen im Quartier“48 weiterentwi-
ckelt werden. Das Ganze folgte dem Leitbild, ein selbstbestimmtes Leben und die freie Wahl von
Wohnform und Wohnort auch im Alter und bei Unterstützungsbedarf möglich zu machen und hierzu
passgenaue individuelle Hilfen anzubieten.
Flankierend wurden daher Konzepte zu einer quartiersnahen Unterstützung Pflegebedürftiger im-
plementiert. Dazu zählen Haushaltsdienstleistungen und präventive Hausbesuche. Den Gemeinden
kommt im dänischen System eine große Rolle zu. Sie verwalten und belegen auch die seither errich-
teten altengerechten Wohnungen nach Bedürftigkeit und sind in der innerstaatlichen Arbeitsteilung
der wichtigste Kostenträger. Ein ‚Altenplan‘ stellt die Bedarfe für jeden einzelnen Stadtteil fest. Kon-
48 Faller, J./Wölter, H. 2010, S. 136. Online unter: www.demografie-
portal.de/SharedDocs/Downloads/DE/Studien/ILS_Demografischer_Wandel_NRW.pdf
Abbildung 10: Warnschild in Großbritannien.
Quelle: Waymarking.com
4 Blick nach draußen – Erfahrungen in Europa und Deutschland
51
trolliert werden die Kommunen durch eine kommunale Seniorenvertretung und das nationale So-
zialministerium.
Schweden
In Schweden hat es eine Abkehr von den traditionellen Einrichtungen gegeben. Es gibt einen gesetz-
lich verankerten Anspruch auf ambulante Unterstützung. Spezielle Angebote für Ältere sind primär
auf das Wohnen ausgerichtet; die Kommunen bieten ambulante Unterstützung bei Haushaltsführung
und Pflege, die durch eine Rahmengesetzgebung gewährleistet wird. Hier fällt nur ein geringer Kos-
tenbeitrag an. Ein spezieller kommunaler Fahrdienst steht Mobilitätseingeschränkten zum gleichen
Preis wie der normale ÖPNV zur Verfügung, für eine begrenzte Anzahl Fahrten pro Person.
Eine gängige Wohnform ist das Servicehus, das Wohnen mit Unterstützung möglich macht. Ca. 40
Wohneinheiten in einer Anlage sind zu Wohngruppen mit jeweils 6-8 Apartments zusammengefasst.
Aber auch im Bestand, z.B. in Siedlungen der 1970er Jahre werden Verbesserungen durch barriere-
freien Umbau und die Neuerrichtung von Gemeinschaftseinrichtungen angestrebt.
Niederlande
Unsere niederländischen Nachbarn verfolgen bereits seit den 1970er Jahren Strategien, die Wohn-
möglichkeiten für Ältere und Unterstützungsbedürftige zu diversifizieren: Wohn-Pflege-Komplexe
ersetzen nach und nach die hergebrachten Heime, ergänzt durch „An- und Inleunwoningen“ ver-
gleichbar dem Service-Wohnen hier.
Bei der Neuerrichtung von Wohnungen werden 50 % der Wohneinheiten verpflichtend behinderten-
gerecht ‚anpassbar‘ hergestellt49; im Bestand werden, mit etwas geringerem Standard, barrierefreie
Umgestaltungen gefördert. Besondere Aufmerksamkeit gilt dem Wohnen in Gemeinschaft: Im Be-
stand werden gemeinschaftliche Wohnetagen hergerichtet. Für den Neubaubereich gelten verlässli-
che Förder- und Finanzierungsbedingungen für selbstorganisiertes gemeinschaftliches Bauen. Dies
wird über eine nationale Agentur durch Beratung und Fortbildung der zukünftigen Wohngruppen
gefördert; Kommunen und Wohnungsbauunternehmen unterstützen.
Von hohem Interesse ist das Modell der sog. WoonServiceZonen, das der altengerechten Quartiers-
entwicklung nahe kommt und diese verstetigt: In normalen Quartieren wird eine „Vernetzung von
Wohnen, Wohnumfeld, Dienstleistungen und Pflege“ forciert38. Drei Wohnformen werden für Ältere
angeboten:
- Normale Wohnungen, die bei Bedarf altengerecht umgebaut werden,
- Service-Wohnen mit Assistenzangeboten und Gemeinschaftseinrichtungen und
- Hausgemeinschaften mit zumeist 6 Bewohner/innen mit eigenen Apartments und gemein-
schaftlichen Wohnbereichen.
Dieses Konzept, das in Anlehnung an die dänischen Erfahrungen (s.o.) in den Niederlanden entwickelt
worden ist, ist in mehreren Städten zur Anwendung gekommen, u.a. in Den Haag und Amsterdam. In
voller Konsequenz hat die Stadt Leeuwarden, eine kleine Großstadt westlich von Groningen, das Prin-
49 Faller, J./Wölter, H. 2010, S. 135, s. Fußnote 37
49 Gemeente Leeuwarden 2004: Masterplan WoonServiceZones 2004-2015. Online unter:
http://kennisbank.platform31.nl/websites/kei2011/files/KEI2003/documentatie/leeuwarden-masterplanwoonzorgzones-
2004.pdf
4 Blick nach draußen – Erfahrungen in Europa und Deutschland
52
zip adaptiert und für die gesamte Stadt einen Masterplan zur flächendeckenden Implementierung
entwickelt: Der ‚Masterplan WoonServiceZones 2004-2015‘ zielte auf die Ausweisung und Entwick-
lung von 13 Wohn- und Service-Quartieren mit jeweils 5.000 - 10.000 Bewohnerinnen und Bewoh-
nern insgesamt (aller Altersgruppen und Haushaltstypen) in diesem Zeitraum und sollte als Prozess-
ergebnis in einen integrierten Entwicklungsplan ‚Wonen and Zorg‘, also einen kombinierten Wohn-
und Pflegeplan münden50.
Konkret sollten sieben Zonen kurzfristig (innerhalb von 5 Jahren) und weitere sechs mittelfristig (in-
nerhalb von zehn Jahren) entwickelt werden. Jedes Wohn-Service-Quartier beinhaltet als Kern eine
Wohnpflegezone, „innerhalb derer eine 24-Stunden-Betreuung in der Wohnung garantiert werden
kann“51. Zielmarke waren 3.400 Wohnungen mit diesem Komplettangebot in der Gesamtstadt. Ein
Austausch mit den dortigen Akteuren unter Einbezug von Politik, Verwaltung und Seniorenvertretung
wird für den weiteren Masterplanprozess angestrebt.
Im Übrigen verfolgen die Niederlande bereits seit den 1970er Jahren eine Stadtpolitik der Dezentrali-
sierung, des integrierten kommunalen Handelns und der Quartiersentwicklung52. Gerade die sozialen
Dienste haben sich im Sinne einer traditionell starken Gemeinwesenarbeit früh auf die Nachbarschaf-
ten und Stadtteile ausgerichtet, um den Bedürfnissen der Bevölkerung wohnortnah und ressortüber-
greifend gerecht zu werden. Viele Gemeinschaftseinrichtungen im Quartier, die von den Gemeinden
oder häufig auch Stiftungen getragen werden, fördern den sozialen Zusammenhalt und eine selbst-
bewusste Zivilgesellschaft. Gemeinwesenarbeiter/innen vor Ort können mit ihren Kontakten und
Erfahrungen neue Prozesse und Projekte lokal auf den Weg bringen.
Dies basiert auch auf einer anderen Planungskultur: In den Niederlanden, die zu guten Teilen auf
künstlich geschaffenem oder gesichertem Land mit komplett neu entwickelten Siedlungen entstan-
den sind, gibt es eine relativ positive Haltung der Bevölkerung zu räumlicher Planung. Diese ist be-
strebt, flächendeckend im Bestand präventive Stadterneuerung zu betreiben, anstatt punktueller
Kriseninterventionen in ‚Problemvierteln‘. Staatliche Stellen bemühen sich, dezentral Bürgerengage-
ment und Selbstorganisation zu fördern: „Informelle kleine räumliche Einheiten haben oftmals ihre
eigene Organisation (Bewohnerorganisationen) und eigene Abstimmungsgremien (Quartiers- und
Nachbarschaftsversammlungen), die […] wichtige Partner bei der Entwicklung und Umsetzung quar-
tiersbezogener Politik darstellen. Hierzu stellt der Staat den Quartiersorganisationen Mittel in Form
von finanzieller Unterstützung (Quartiersbudgets) und professionellem Personal zur Verfügung“
53.
Schweiz
Die Schweiz verfolgt, nicht zuletzt vor dem Hintergrund der Erfahrungen mit direktdemokratischen
Entscheidungsformen, eine partizipationsorientierte Vorgehensweise in der Quartiersentwicklung
und betont dabei die Rolle der Gemeinwesenarbeit. So wurde aus der Sozialen Arbeit und Sozialpä-
dagogik heraus das neue Berufsfeld der Soziokulturellen Animation entwickelt, das auf die zielgrup-
penspezifische Weckung und Unterstützung bürgerschaftlichen Engagements abzielt.
51 Wölter, H./Zimmer-Hegmann, R. (2009), S. 143
52 Vgl. Haars, A. 2001, S. 22ff.
53 Haars, A. 2001, S. 41
4 Blick nach draußen – Erfahrungen in Europa und Deutschland
53
Die Bundeshauptstadt Bern hat sechs Quartierkommissionen, die von Politik und Zivilgesellschaft
gemeinsam bestückt werden und ihre Anliegen in die Stadtpolitik einbringen54. Alle zwei Jahre finden
Stadtteilkonferenzen mit thematischen Schwerpunkten statt, in denen die Stadt mit den Akteuren in
den Quartieren Zukunftsthemen diskutiert55. Es existiert in Bern eine Reihe von ‚Quartiervereinen‘,
die sog. Leiste, die auf das 19. Jahrhundert zurückgehen und allen Bürgerinnen und Bürgern offen
stehen56. Heute existieren 24 von ihnen.
Die Stadt Winterthur mit rd. 100.000 Einwohner/inne/n weist sogar 55 Quartiersvereine auf. Die
Stadt unterhält mit vielen von ihnen Leistungsvereinbarungen. 23 Quartiertreffpunkte und acht
Quartier- und Stadtteilzeitungen werden mitfinanziert, die ehrenamtlich geführt bzw. herausgegeben
werden. „Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Quartierentwicklung der Stadt Winterthur sind in
einer unterstützenden und ermöglichenden Rolle tätig. Allenfalls gilt es, ehrenamtliche Strukturen
über eine kritische Phase hinwegzuhelfen und Überbrückungsleistungen zu erbringen. Es ist nicht
vorgesehen und aus Ressourcengründen auch nicht möglich, mehr zu leisten“57.
54 Im schweizerischen Deutsch ist der Begriff Quartier gebräuchlicher, er wird oft synonym zu ‚Stadtteil‘ verwendet.
55 Vgl. Brunner, R., Hendry, P. 2009, S. 81f.; Beispiel für den Teilnehmerkreis einer Stadtteilkonferenz (Bern Brunnmatt-
Steigerhubel 2013) unter: http://www.elternratbrunnmatt.ch/teilnehmende%20Stadtteilkonferenz.pdf
56 Sie entstanden in Nachfolge (und Ablehnung) elitärer ‚Freundeskreise‘ des gehobenen Bürgertums gleicher Bezeichnung.
57 Brunner, R., Hendry, P. 2009, S. 86
Abbildung 11: Homepage des Lorraine-Breitenrain-Leist,
ältester Quartierverein in Bern.
Quelle: Online unter: http://www.lbl-bern.ch/home
4 Blick nach draußen – Erfahrungen in Europa und Deutschland
54
4.2 Deutschland
Auch in Deutschland gibt es Traditionen und interessante neue Ansätze der Quartiersentwicklung
unter verschiedenen Aspekten. Traditionell ist aus den dichten Millionenstädten bekannt, dass man
hier einen besonderen Bezug zu seinem ‚Kiez‘ oder ‚Veedel‘ hat und es auch Traditionen der Selbst-
organisation als Quartier gibt. Sie haben ihre Wurzeln zumeist in der Brauchtumspflege, wie die Vee-
delsvereine in Köln, die eigenen Karnevalsveranstaltungen machen und hierauf das ganze Jahr hinar-
beiten58. Über diesen engen Zweck hinaus, der sie stabilisiert, erfüllen sie heute weitaus mehr Funk-
tionen. Neuere Quartiersvereine sind teilweise explizit mit dem Zweck der Förderung des Zusammen-
lebens und der Trägerschaft sozialer Projekte und Infrastruktur in den letzten Jahrzehnten gegründet
worden59.
Interessante innovative Ansätze finden sich auch in einigen weiteren Städten:
Bremen
Die Bremer Heimstiftung ist vor Ort der größte Altenhilfeträger und geht auf ältere Vorläufer aus
dem Mittelalter zurück; sie wurde nach dem zweiten Weltkrieg durch die Stadtgemeinde Bremen
gegründet. Heute hat sie eine ganze Reihe von Tochtergesellschaften (z.B. für Pflege und Dienstleis-
tungen) und rd. 3000 Mieter/innen in 28 Häusern. Bereits seit den 1990er Jahren widmet der Träger
sich neuen Konzepten und alternativen Wohnformen. Er ist mit der Zivilgesellschaft eng vernetzt. Im
Leitbild heißt es:
„Neben anerkannter Arbeit in der Altenhilfe ist es unser Ziel, als Bremer Heimstiftung inhaltliche und
praktische Beiträge zur Fortentwicklung einer sozialen Stadt zu liefern. Dies wurzelt in der Überzeu-
gung, dass angesichts der demographischen Entwicklung in Deutschland neue Konzepte für das Leben
im Alter gefragt sind. Die Einrichtung weiterer isolierter Pflegeheime alter Struktur lehnen wir folge-
richtig ab. Wir plädieren für eine Mischung ambulanter und stationärer Versorgung mit ausdrücklich
gewollter Bürgerbeteiligung.
Konkreten Ausdruck findet dies in der Gründung und Unterstützung lokaler Stadtteilnetzwerke, ge-
knüpft und genutzt von Menschen aller Generationen und Kulturen – von Bewohnern, Freunden, An-
gehörigen, Ehrenamtlichen oder Nachbarn aus dem Stadtteil“60.
Dementsprechend existiert heute eine ganze Reihe von Angeboten, die diesen Ansprüchen gerecht
werden. Bemerkenswert sind die Konzepte der ‚Stadtteilhäuser‘ als Quartierszentren in eher urbanen
Lagen und der großflächigeren ‚Stiftungsdörfer‘. Beide Formen beherbergen nicht nur Angebote für
Ältere und Menschen mit Behinderung, sondern geben auch anderen Bewohner/innen, Angeboten
für Familien, Migrantenselbstorganisationen, Bildungseinrichtungen etc. Raum. Vielfältige neue
Wohnformen, wie Hausgemeinschaften mit gemeinsamer Wohnküche, konnten entwickelt werden.
Seit Beginn des Jahrtausends werden Pflege-Wohngemeinschaften etabliert, außerdem arbeitet man
aktuell an einem Standort „in Kooperation mit der Universität Bremen an Lösungen aus dem Bereich
58 Ähnliches ist bekannt von den ‚Fallas‘-Vereinen in Valencia, Spanien bzw. aus Siena, Italien.
59 Vgl. beispielsweise Soldiner Kiez e.V., Bürgerverein im Wedding, Berlin. Online unter: http://soldinerkiezverein.de/verein
60 Bremer Heimstiftung: Perspektiven schaffen. Online unter: http://www.bremer-heimstiftung.de/ueber-uns/leitbild/
4 Blick nach draußen – Erfahrungen in Europa und Deutschland
55
‚Ambient Assisted Living‘"61. Die Einbindung des Ehremamtes wird über die Qualifizierung von Frei-
willigen zum ‚BiQ‘ (Bürgerin/Bürger im Quartier) versucht.
Zusammen mit der Bertelsmann-Stiftung, der Bank für Sozialwirtschaft und weiteren bundesweiten
Partnern aus Wohnen und Pflege zählt die Bremer Heimstiftung zu den Gründerinnen des Netzwerks
SONG (Soziales neu gestalten). Dieses hat sich mit dem Deutschen Städte und Gemeindebund und
dem Kuratorium Deutsche Altershilfe mit innovativen Vorschlägen und Argumentationen zum ge-
samtgesellschaftlichen und wirtschaftlichen Nutzen an die Spitze der Diskussion um altengerechte
Quartiersentwicklung gesetzt62.
Bielefeld
Das sog. Bielefelder Modell wurde bereits in den 1990er Jahren durch die mehrheitlich städtische
Bielefelder Gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaft mit Partnern wie „Alt und Jung e.V.“ entwickelt
und entfaltet bis heute Vorbildfunktion. Zuvor hatte bereits die Wohngenossenschaft „Freie Scholle“
als eine der ersten in Deutschland Versorgungsangebote für Ihre Bewohnerinnen und Bewohner
geschaffen, die es auch Menschen mit umfassenden Unterstützungsbedarfen ermöglichten in ihrer
häuslichen Umgebung wohnen bleiben zu können. Es zeigt, dass eine vorausschauend und innovativ
denkende Wohnungswirtschaft ein wichtiger und starker Partner für den Themenbereich ist, wenn es
gilt, selbstbestimmtes Wohnen in den Vordergrund zu rücken:
„Die Besonderheit des "Bielefelder Modells" ist ein quartiersbezogener Ansatz des Wohnens mit Ver-
sorgungssicherheit ohne Betreuungspauschale. Einbezogen in bestehende Wohnquartiere und in gu-
ter infrastruktureller Anbindung bietet die BGW älteren Menschen oder Menschen mit Behinderung
komfortable und barrierefreie Wohnungen. Kombiniert ist dieses Angebot mit einem Wohncafé als
Treffpunkt und Ort der Kommunikation, der allen Menschen in der Nachbarschaft offen steht. Gleich-
zeitig ist ein sozialer Dienstleister mit einem Servicestützpunkt und einem umfassenden Leistungsan-
gebot rund um die Uhr im Quartier präsent. Alle Mieter können auf die Hilfs- und Betreuungsangebo-
te zurückgreifen, müssen diese aber nur im tatsächlichen Bedarfsfall bezahlen“63.
Dieser Ansatz schafft einen tatsächlichen Entwicklungskern für eine altengerechte Quartiersentwick-
lung, mit dem sich zahlreiche Anknüpfungspunkte realisieren lassen.
Gelsenkirchen
Die Stadt Gelsenkirchen hat sich angesichts der demografischen Alterung insbesondere die Stärkung
der ehrenamtlichen Unterstützungsstrukturen für Ältere vorgenommen. Hierzu wurde in 2009 der
Verein Seniorennetz e.V. gegründet, der inzwischen Generationennetz e.V. heißt. Mitglieder sind
zahlreiche Akteure aus Altenhilfe, Pflege und Wohnungswirtschaft sowie einzelne Multiplikatoren als
Vertreter der Zivilgesellschaft. Der Verein betreibt in der Stadt fünf Beratungsstellen, von denen zwei
offizielle Pflegestützpunkte sind.
61 Bremer Heimstiftung: Aus Tradition modern – die Entwicklung der Bremer Heimstiftung. Online unter:
http://www.bremer-heimstiftung.de/fileadmin/uploads/Flyer/Tradition.pdf; Ambient Assisted Living‘, kurz AAL, bezeichnet
technisch unterstütztes Wohnen und Leben.
62 S. Memorandum. Online unter: http://www.netzwerk-song.de/fileadmin/user_upload/Memorandum-des-netzwerks.pdf
und auch http://www.netzwerk-song.de/fileadmin/user_upload/DStGB-SONG-Doku_Lebensraeume_zum_AElterwerden.pdf
63 BGW mbH - Selbstbestimmt Wohnen mit Versorgungssicherheit. Online unter: http://www.bgw-bielefeld.de/bielefelder-
modell.html
4 Blick nach draußen – Erfahrungen in Europa und Deutschland
56
Zentrales Ziel ist eine stadtweite flächendeckende und transparente Versorgung mit verantwortli-
chen Ehrenamtlichen als ‚Kümmerer‘, die in ihrem Quartier ansprechbar sind und präventive Hausbe-
suche tätigen.
Sie heißen hier Seniorenvertreter/ Nachbarschaftsstifter (SeNas) und bieten für ihre Viertel alle
gleichzeitig und verlässlich mittwochs von 15-17 Uhr eine Sprechstunde an. Zu Gast sind sie dabei in
einer Anlaufstelle, die von einer Mitgliedsorganisation in der Nachbarschaft, wie einem ambulanten
Pflegedienst, als ‚Patenorganisation‘ zur Verfügung gestellt wird. Bislang konnten über 100 SeNas
engagiert und ausgebildet werden. Inzwischen können auch viele muttersprachliche Angebote für
Migrant/inn/en vorgehalten werden und die räumliche Abdeckung der gesamten Stadt ist erreicht.
Zu diesen Anlaufstellen zählen 34 ‚Infocenter‘ verschiedenster Träger, die als Außenstellen der fünf
Beratungsstandorte des Generationennetz e.V. qualifiziert wurden und fungieren. Damit wird ein
dichtes Netz von Beratungsstellen vorgehalten, die sich verpflichtet haben, trägerübergreifend neut-
ral zu beraten, und nun wohnortnah für alle relevanten Fragen Pflege- und Unterstützungsbedürfti-
ger zur Verfügung stehen.
Ein weiteres Ziel ist im Übrigen die fortlaufende Vernetzung der zahlreichen ehrenamtlichen und
professionellen Beteiligten, z.B. über regelmäßige Stadtteil- und sog Dienstleisterkonferenzen. Eine
wissenschaftliche Begleitung erfolgt durch die Fachhochschule Dortmund mit dem Projekt ‚Quar-
tiersnetz‘ in vier Modellquartieren, das auch die Möglichkeiten stärkerer technischer Unterstützung
im Alter auszuloten versucht.
Abbildung 12: Seniorennetz Gelsenkirchen Stand 2011.
Quelle: Generationennetz GE. Online unter: www.seniorennetz-
ge.de/images/stories/pdf/ProspektAussenstellen_220511.pdf
4 Blick nach draußen – Erfahrungen in Europa und Deutschland
57
Zertifizierte Quartiere
Der vorliegende Masterplan für Münster bezieht sich ausdrücklich auf Quartiersentwicklung im Be-
stand und nicht auf die Neuentwicklung von Bauflächen in Quartiersgröße, die oft in der immobi-
lienwirtschaftlichen und planerischen Projektentwicklung unter demselben Begriff geführt wird.
Dennoch ist festzuhalten, dass es auch Ziel sein muss, Kriterien an altengerechte und inklusive Quar-
tiere direkt in Neuplanungen grundlegend zu berücksichtigen. So kann es gelingen, alte Fehler zu
vermeiden, also keine monofunktionale und auf enge Zielgruppen (wie Kleinfamilien) zugeschnittene
Wohngebiete zu entwickeln, die qualitätvolle öffentliche Räume, Gemeinschaftseinrichtungen und
Raum für Infrastruktur missen lassen.
Es sei darauf hingewiesen, dass es heute möglich ist, nicht nur einzelne Gebäude, sondern ganze
Quartiere hinsichtlich ihrer Nachhaltigkeit zertifizieren zu lassen. Dies beinhaltet auch eine soziale
Nachhaltigkeit. Seit 2011 vergibt die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen ein dreistufiges
Zertifikat für Stadtquartiere. Dies kann zumindest Anregungen geben, Kriterien für neue Quartiere,
die in Münster schon weitaus bewusster und anspruchsvoller formuliert werden als andernorts, auch
im Hinblick auf soziale und demografische Aspekte sowie Partizipation weiter zu entwickeln.
Einen neuen Impuls gibt hier eine Zertifizierungsmöglichkeit, die jetzt für Bestandsquartiere entwi-
ckelt wurde. Der Verein Familiengerechte Kommune e.V. führt im Auftrag des Landes und der Ber-
telsmann-Stiftung in NRW erstmals in mehreren Städten ein Audit ‚Generationengerechtes Wohnen
im Quartier‘ durch. Hier können Wohnungsbaugesellschaften einen räumlich gebündelten Bestand
prüfen lassen und zielgerichtet weiterentwickeln. Auch in Münster wird dies mit der Wohn+Stadtbau
GmbH in der Aaseestadt durchgeführt64. Die Stadt Münster als beteiligte Standortkommune wird aus
diesem Prozess lernen können.
64 Zum Verfahren und den Kriterien s. Verein Familiengerechte Kommune e.V. – AGWiQ. Online unter:
http://www.familiengerechte-kommune.de/de/home/auditierungen/generationengerechtes-wohnen-im-quartier.html
Abbildung 13: Stadtquartierplanung Berlin-Schöneberg.
„In dem Gebiet sollen ca. 300 neue Mietwohnungen entstehen
(…). Überhaupt setzt das Quartier überwiegend auf kleine, kom-
pakte und altersgerechte Wohnungen mit bis zu 55 m² Grundflä-
che“ (Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg. Pressemitt. Nr. 464 vom
09.12.2015)
Quelle: Berlin.de. Online unter: https://www.berlin.de/ba-
tempelhof-schoeneberg/aktuelles/pressemitteilungen/2015/
pressemitteilung.419773.php
5 Bestandsaufnahme für Münster
58
5 Bestandsaufnahme für Münster
5.1 Gesamtstädtische Entwicklung im Themenfeld
Demograf ie
Die Stadt Münster beobachtet den demografischen Wandel, um den aktuellen und kommenden Her-
ausforderungen strategisch zu begegnen. Dazu gehört grundlegend, die Entwicklung der Einwohner-
zahl insgesamt auf Basis der Einflussgrößen Zu- und Abwanderung sowie Geburten und Sterbefälle
einzuschätzen. Aus Gründen der Prognosegenauigkeit erfolgt dies auf Basis kleinräumiger Entwick-
lungen in der Stadt und wird in der Regel für einen Zeitraum von maximal zehn Jahren vorgenom-
men. Überregionale Institutionen treffen längerfristige Prognosen. So errechnet die Statistikbehörde
NRW für das Jahr 2040 ca. 350.000 Einwohnerinnen und Einwohner in Münster, gespeist von einem
(leichten) Geburtenüberschuss und vor allem Zuzüglern bei wachsenden Hochschulen und einem
starken Arbeitsmarkt. Unter dem Strich lässt sich sagen: Münster wird weiter wachsen.
Wie die Abbildung aus der aktuellen Kleinräumigen Bevölkerungsprognose 2013-2020 zeigt, erneuert
sich die junge Bevölkerungsbasis bzw. sie wächst etwas. Zugleich verschieben sich die älteren Er-
werbsfähigen mit den sog. Baby-Boomer-Jahrgängen (s.o.) in Richtung Ruhestand, die stärkeren
Jahrgänge der vor Kriegsende Geborenen in Richtung Hochaltrigkeit. Die Gruppe der erfahrenen Ar-
beitnehmer/innen mittleren Alters dünnt aus. Unten stehende Abbildung zeigt, dass die Gruppe der
‚mittleren Alten‘ zwischen 70 und 80 Jahren zunächst schrumpfen wird. Dagegen werden die Grup-
pen der 60-70- und der ab-80-jährigen um ca. 25 bzw. 30 % ansteigen.
Abbildung 14: Bevölkerungspyramide 2013/2020.
Quelle: Stadt Münster 2015: Kleinräumige Bevölke-
rungsprognose 2013 bis 2020. Zusätzliche Materialien:
„Alterungsprozess in Münster“, Titelblatt. Online unter:
http://www.stadt-
muenster.de/fileadmin//user_upload/stadt-
muens-
ter/61_stadtentwicklung/pdf/KBP_2013_2020_Materiali
en Senioren.pdf
5 Bestandsaufnahme für Münster
59
Abbildung 15: Bevölkerungsprognose der
ab-60-jährigen 2013-2020.
Quelle: Vorlage 0637/2014, hier Anlage 9
Pflege
In punkto Pflege hält der Kommunale Pflegebedarfsplan der Stadt Münster 2016-2019 fest, dass auf
Basis der zur Verfügung stehenden Zahlen in jedem Falle eine Zunahme der Pflegebedürftigen zu
erwarten ist (vgl. Vorlage V/0205/2016). Selbst wenn die verbesserte Gesundheit weiter zu einem
geringeren Pflegerisiko im Alter führt (Trendvariante), ist mit einem Anstieg der Zahl zu rechnen.
Die Stadt Münster hat sich festgelegt, neu auftretende Bedarfe an umfassender Pflege nicht mehr
über den Ausbau oder die Neuerrichtung großer vollstationärer Einrichtungen zu decken (vgl. bereits
Vorlage V/0438/2015 Erg.). Genaue aktuelle Zahlen über die Pflegebedürftigen in Münster, ihre Pfle-
gestufen und in welchen Teilen der Stadt sie leben, liegen nicht vor65. Hier ergibt sich ein Verbesse-
rungsbedarf hinsichtlich der Datenbereitstellung durch die Pflegeversicherung. Die laufend verfügba-
ren freien Plätze in stationären Einrichtungen zeigen aber, dass weiterhin Wahlfreiheit besteht.
Während bei den stationären Pflegeheimen die Zahl der Plätze und deren Auslastung sehr transpa-
rent sind, ist dies für die Zahlen in der ambulanten Pflege nicht der Fall. Der große Bereich der Ange-
hörigenpflege kann nur abgeschätzt werden. Aussagen zu den tatsächlichen aktuellen Zahlen Pflege-
bedürftiger und ihrer Verteilung in der Stadt können daher im Folgenden nicht getroffen werden.
Sehr wohl können aber unten stehend (s. 5.3) Aussagen zu der Alters- und Sozialstruktur der Bevöl-
kerung getroffen werden und zu der Angebotsstruktur, die dem gegenüber steht.
Kapitel 5.3 trifft für die kleinräumige Ebene der Stadtzellen Aussagen zu den demographischen Struk-
turen in Münster und damit grob zu der Wahrscheinlichkeit, dass in einzelnen Stadtbereichen erhöh-
te Anteile von Bürgerinnen und Bürgern mit Pflege- und Unterstützungsbedarf anzutreffen sind. Es
kann jedoch nicht genau gesagt werden, in welchen Teilen der Stadt Münster wie viele Menschen mit
festgestelltem tatsächlichem Pflegebedarf in bestimmtem Umfang (Pflegestufen) leben.
Der Pflegebedarfsplan geht regelmäßig der Frage nach, welche Bedarfe für Pflege in Münster beste-
hen, kann dies jedoch nur auf Basis älterer, von IT.NRW für die Gesamtstadt zugelieferter Daten tun.
Diese besagen mit Stand 31.12.2013, dass in Münster zu diesem Zeitpunkt 6.628 pflegebedürftige
Menschen mit Anspruch auf Leistungen der Pflegeversicherung lebten (s. Tab. 2). Es kann nicht genau
unterschieden werden, in welchen Wohnformen diese leben, jedoch erhielten 2.365 Personen voll-
stationäre Pflege (s. Vorlage Anlage 1 zu V/0205/2016).
65 Dies betrifft alle Kommunen in NRW. Die aktuell verfügbaren Zahlen auf gesamtstädtischer Ebene sind von 2013 (it.nrw).
5 Bestandsaufnahme für Münster
60
Der Pflegebedarfsplan 2016 hält fest: Im Vergleich zu Gesamt-NRW und dem Regierungsbezirk Müns-
ter fällt auf, dass Münster einen deutlich höheren Anteil an stationärer Pflege und sehr viel niedrige-
ren Anteil an Pflegegeld (Pflege von Angehörigen) aufweist. Die Ursache kann in der Lage und Funkti-
on der Stadt Münster als Oberzentrum liegen, Einfluss haben möglicherweise auch die eher städti-
schen Gesellschaftsstrukturen im Vergleich zum ländlichen Raum. Der Pflegebedarfsplan prognosti-
ziert einen nur leichten Anstieg derjenigen, die umfassender Pflege bedürfen um ca. 150-200 Perso-
nen bis 2020.
Bezüglich des Unterstützungsbedarfes kann auch der Anteil von Menschen mit einer anerkannten
Schwerbehinderung (also einem Behinderungsgrad von 50 oder mehr) Hinweise geben. Dieser liegt
weitaus höher als der Anteil Pflegebedürftiger und umfasste in Münster zum 30.06.2015 genau
26.356 Menschen oder 8,6 % der Bevölkerung nach Zahlen der Landesstatistikstelle IT.NRW66. Es
lässt sich sagen, dass rd. 20 % von rein körperlichen, mutmaßlich stark die Mobilität beeinflussenden
Veränderungen von Bewegungsapparat und Extremitäten betroffen sind, weitere 20 % durch organi-
sche Erkrankungen. Die weiteren Merkmalsverteilungen zeigen ein differenziertes Bild.
Wie die letzte Erhebung 2013 auf Landesebene hervorbrachte, war nur bei 3,4 % der Betroffenen
eine angeborene Behinderung Ursache ihrer heutigen schweren Einschränkungen – nahezu 95 %
erwarben diese durch im Laufe ihres Lebens auftretende Erkrankungen.
Tabelle 2: Leistungsempfänger/-innen der Pflegeversicherung in Münster 2013.
Quelle: Pflegebedarfsplan 2016 – 2019, Anlage 1 zu Vorlage V/0205/2016, Tab. 1, S. 7
Verwaltungsbezirk
–––––––––––––––
Pflegestufe1)
Leistungsempfänger/-innen der Pflegeversicherung
insgesamt
davon erhielten
ambulante
Pflege
vollstationäre
Pflege
Pflegegeld2)
Münster, Stadt
Pflegestufe I 3 820 1 210 1 002 1 608
Pflegestufe II 2 064 558 922 584
Pflegestufe III 696 173 393 130
bisher noch keiner Pflege-
stufe zugeordnet
48 – 48 –
Insgesamt 6 628 1 941 2 365 2 322
100 % 29,3 % 35,7 % 35 %
1) Pflegestufe III: einschl. Härtefälle;
2) ohne Empfänger von Pflegegeld, die zusätzlich ambulante Pflege erhalten (diese werden bei der ambulanten Pflege berücksichtigt)
66 Information und Technik – Pressestelle (2016): Schwerbehinderte Menschen in Nordrhein-Westfalen, S. 11. Online unter:
http://www.it.nrw.de/presse/pressemitteilungen/2016/pdf/99_16.pdf
5 Bestandsaufnahme für Münster
61
Wohnen
Eine besondere Beachtung verdient der Themenkomplex Wohnen, da die eigene Wohnung älterer
Menschen bzw. dezentrale gemeinschaftliche neue Wohn- und Pflegeformen der Ausgangspunkt
aller Überlegungen zu einer altengerechten, inklusiven Quartiersentwicklung sind. Die Bürgerumfra-
ge 2013 hat gezeigt, dass allgemein unter den Älteren eine hohe Wohnzufriedenheit herrscht. Hier
gaben bis zu zwei Dritteln unter den 60-69- und den ab-70-Jährigen an, sehr zufrieden mit ihrer jetzi-
gen Wohnung zu sein (59 % und 66 %). Es scheint eine hohe Bindung an den eigenen Wohnraum zu
bestehen. Insbesondere Paare über 65 Jahren waren zu 70 % sehr zufrieden. Die Zufriedenheit der
Alleinstehenden über 65 Jahren ist deutlich geringer. Insgesamt waren diese Gruppen aber zu über
90 % zufrieden oder sehr zufrieden mit ihrer Wohnsituation, niemand ausdrücklich unzufrieden.
Bzgl. der Wohnform ergeben sich interessante Ergebnisse: Ab-70-Jährige wohnen überdurchschnitt-
lich häufig in Einfamilienhäusern und Doppel- bzw. Reihenhäusern, besonders gilt das für ältere Paa-
re. Bei Singles über 65 Jahren kehrt sich das Bild um, sie sind hier unterdurchschnittlich vertreten.
Damit lässt sich auch erklären, dass eine über 50 %-ige Mehrheit der Älteren angibt, im Erdgeschoss
zu wohnen. Allerdings haben ca. zwei Drittel der ab-60-jährigen angegeben, im Hochparterre zu le-
ben. Die Hälfte der Befragten ab 60 Jahren sagt aus, dass sie zu ihrer Haustür 1-3 Stufen überwinden
müssen. Nochmals 4 und mehr Stufen bis zur Wohnungstür müssen 35 % der 60-69-Jährigen und 24
% der über-70-jährigen überwinden. Nur ganz geringe Zahlen wohnen oberhalb des 2. Obergeschos-
ses. Etwas mehr als 50 % der über-60-jährigen müssen Schwellen oder Stufen im Bad zur Dusche
oder Wanne bewältigen. Rund ein Drittel der ab-70-Jährigen muss Schwellen zwischen verschiede-
nen Wohnebenen oder Etagen überwinden (s. Vorl. V/0861/2013).
Die Voraussetzungen Älterer in Münster für den Verbleib im eigenen Wohnraum erscheinen recht
gut, da einem Großteil nur relativ wenige Schwellen und Stufen im Wege stehen.
Mietwohnungsmarkt
Für den Mietwohnungsmarkt lassen sich verschiedene Trends aus Beobachtungen ansprechen, ohne
dass hierzu für Münster im Besonderen empirische Belege vorliegen. So gibt es Hinweise, dass in
Münster wie in anderen wachsenden Groß- und Universitätsstädten aufgrund des Wachstumsdrucks
im Mietwohnungsbestand Verdrängungseffekte zu Ungunsten Älterer entstehen. Die Besonderheit
des Gutes Wohnung und der Mieterschutz haben im Mietrecht eigentlich eine hohe Bedeutung. Es
sichert bei langer Wohndauer günstige Mieten, die für Vermieter/innen jedoch tendenziell weniger
ertragreich sind. Der Immobilienbereich entwickelt sich von einer eher lokalen und konservativen
Anlageform aufgrund der derzeitigen Zinssituation im Vermögensmarkt eher in Richtung Ertrag und
zieht neue Akteure an67. In Münster, und gerade in den innenstadtnahen Stadtteilen, wirkt sich der
Zuzugsdruck jüngerer und zahlungskräftigerer Gruppen in den Wohnungsmarkt aus – auch Studie-
rende können zu mehreren in einer Wohngemeinschaft einen hohen Mietzins aufbringen und sind
so, auch aufgrund der hohen Fluktuation mit Mietanpassungsmöglichkeit, für manche Vermie-
ter/innen eine interessante Nachfragergruppe.
67 Vgl. z. B. Tagungsbericht „Internationalisierung der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft – Märkte, Akteure, Strategien“
des AK Geographische Wohnungsmarktforschung gemeinsam mit dem BBSR und dem Geographischen Institut der Universi-
tät Bonn am 13./14. Juni 2013 in Bonn. Online unter: https://www.geographie.uni-bonn.de/bilder-
pressemitteilungen/tagung-201einternationalisierung-der-wohnungs-und-immobilienwirtschaft-2013-maerkte-akteure-
strategien201c
5 Bestandsaufnahme für Münster
62
Hinzu kommt, dass energetische Sanierungen im Bestand durch die öffentliche Hand forciert und
gefördert werden. Dies führt mitunter zu umfangreichen Vollsanierungen mit den entsprechenden
Belastungen für Ältere und Unterstützungsbedürftige, bis hin zu Wohnungstausch und befristeten
Ersatzwohnungen. Hauptsächlich kommt es aber zu deutlichen Mieterhöhungen durch Umlage der
energetischen Sanierungskosten. Der Druck auf Ältere und sozial Schwächere wird stark, Hausge-
meinschaften können auseinandergerissen werden. In einem engen Wohnungsmarkt bieten sich nur
wenige Alternativen, und wenn, dann nicht im eigenen Viertel. Ältere können in andere Stadtteile
oder Nachbarorte abgedrängt werden, unter Verlust der vertrauten Umgebung und stabilisierender
sozialer Kontakte68. Die Quartiersebene böte die Möglichkeit, derartige Prozesse verstärkt zu be-
obachten, zu begleiten und abzumildern.
Wohneigentumsmarkt
Im selbstgenutzten Wohneigentum ist das Maß der Selbstbestimmung zunächst höher, jedoch erge-
ben sich hier, meist in großen Einfamilienhausbeständen, oft Probleme durch Siedlungsstruktur und
Baualter, die man zuvor nicht bedacht hat. Dies betrifft zunächst die wenig flexiblen und nicht barrie-
refreien Wohnräume selbst, die zumeist auf vier Personen und mehr zugeschnitten sind; sie erstre-
cken sich über mehrere Ebenen, der Eingang liegt meist im Hochparterre. Hinzu kommen oft große
Gartengrundstücke, die vor den 1960er Jahren noch für eine Selbstversorgung angelegt waren und
weiter gepflegt und bewirtschaftet werden wollen. Die Einfamilienhausgebiete, die gerade in den
1970er und 80er Jahren als ‚Autostandorte‘ angelegt wurden, sind gekennzeichnet durch lange Wege
und wenige Gemeinschaftsflächen. Sie weisen heute aufgrund ihrer Monostruktur so gut wie keine
dezentralen Versorgungsmöglichkeiten mehr auf. ÖPNV-Anschlüsse und die Nahversorgungszentren
mit den wichtigsten Einkaufsmöglichkeiten für den täglichen Bedarf sind oft weit entfernt, problema-
tisch insbesondere, wenn Mobilitätseinschränkungen auftreten und Auto oder Fahrrad keine Option
mehr sind.
Diese Gebiete sind mit ihrer Bewohnerschaft gealtert und geschrumpft – der Stadtsoziologe Hartmut
Häußermann sagte schon 2009 plakativ: „Der Suburbanisierung geht das Personal aus“69. Das klassi-
sche Einfamilienhaus ist zwar in Münster meistens werthaltig. Als Basis für ein funktionierendes All-
tagsleben kann es aber für Ältere zur ‚Falle‘ werden. Sie sind oft mental nicht bereit, das hart erarbei-
tete Elternhaus ihrer Kinder zu veräußern, um ihre – auch ökonomisch nicht zwangsläufig gute – Si-
tuation zu verbessern. Altengerechte bezahlbare Wohnungen im Quartier und in guter Lage zu Ver-
sorgungs- und Unterstützungsmöglichkeiten sind rar, oft schon aufgrund der Siedlungsstruktur. Hier
liegt ein Haupthandlungsfeld im Bereich Wohnen für die nahe Zukunft.
In Teilbereichen werden durch die gegenwärtige Situation unerwünschte Nebeneffekte und weitere
Preissteigerungen erzeugt. Während Ältere, die ihr Wohneigentum veräußern, oft selbst darauf ach-
ten, dies ‚in gute Hände‘ zu geben, also oft an junge Familien, stellt sich die Situation anders dar,
wenn sie dies nicht mehr können:
Falls sie stark pflegebedürftig in eine stationäre Einrichtung ziehen, kann es vereinzelt zu vorüberge-
henden Leerständen des ehemaligen Familienhauses kommen. Denn eine, wenn auch geringe, Rück-
68 Die sozialen Folgen energetischer Sanierung sind bislang noch unzureichend erforscht, vgl. z. B. Großmann, K. et al.
(2014): Energetische Sanierung: Sozialräumliche Strukturen von Städten berücksichtigen. Online unter:
https://epub.wupperinst.org/files/5649/5649_Grossmann.pdf
69 Vgl. Häußermann, H. (2009): Der Suburbanisierung geht das Personal aus. Eine stadtsoziologische Zwischenbilanz. In:
Stadtbauwelt, H. 12, S. 52-56
5 Bestandsaufnahme für Münster
63
kehrperspektive in die eigene Häuslichkeit ist sehr wichtig für sie und ihre Identität. Nach ihrem Tod
wird oft erst deutlich, dass die erbenden Familienangehörigen das Haus nicht weiter selbst nutzen
können oder wollen, weil sie entfernt leben oder selbst gebaut haben. Gerade bei Erbengemein-
schaften und aufgrund der Marktsituation in Münster gibt es eine Tendenz, dann den maximalen
Preis erzielen zu wollen. Dieser ist regelmäßig nur für institutionelle Investoren bezahlbar. Wo keine
oder veraltete Bebauungspläne in Kraft sind, lässt das Baurecht dann viele Spielräume, durch Abriss
und Neubau ‚Stadtvillen‘ o.ä. mit hochpreisigen Wohnungen zu realisieren.
Umso mehr gilt es, die besondere Situation Älterer auch in diesen Gebieten innovativ zu verbessern.
Wohnprojekte und - Initiati ven
In den letzten Jahren entstand in Münster eine Reihe von Gemeinschaftswohnprojekten. Eine große
Nachfrage nach diesen Wohnformen besteht auch weiterhin. So gibt es aktuell mehrere Initiativen,
die zukünftig ein Gemeinschaftswohnprojekt realisieren wollen. Ein gutes Beispiel für Ältere ist das
Projekt ‚Bremer Stadtmusikanten‘ mit der Wohn- und Stadtbau GmbH in Münster-Wolbeck und in
jüngster Zeit die Hiltruper Wohngenossenschaft eG, die aus der kommunalen Seniorenvertretung
hervorgegangen ist. Somit liegen Erfahrungen guter Praxis, auch und gerade mit Älteren, in Woh-
nungswirtschaft und Stadtgesellschaft vor. Dies gilt es zu nutzen, um vom Modellhaften weiter zum
Regelfall zu kommen (s. auch Karte IV Pflege und Wohnen– Neues Wohnen mit Älteren). Dabei ist
darauf zu achten, dass auch armutsbedrohte Seniorinnen und Senioren, die noch abseits stehen,
verstärkt einbezogen werden. Hier sind weiterhin professionelle Akteure aus Wohnungswirtschaft
und Altenhilfe gefragt, um dies voranzutreiben und das Thema Teilhabe und Gemeinschaft im
Wohnbereich in Zukunft konsequent frühzeitig mitzudenken. Inzwischen wurden in der Verwaltung
im Amt für Wohnungswesen und Quartiersentwicklung die Koordinierungsstelle „Bauen und Wohnen
in Gemeinschaft“ sowie im Sozialamt eine weitere Stelle zur Koordination altengerechter Wohnfor-
men geschaffen, um selbstorganisierte Wohnprojekte in diesem Sinne zu stärken.
Altersarmut und mangelnde Teilhabe
Im Jahre 2011 erstellte die Westf. Wilhelms-Universität – Institut für Soziologie – im Auftrag der
Stadt eine Armutsstudie für Münster mit dem Schwerpunkt ‚Altersarmut vor dem Hintergrund des
demografischen Wandels‘. Es wird u.a. die sog. Kontinuitätsthese beschrieben. Diese besagt, dass
diejenigen, die im Laufe ihres Lebens bereits einmal in prekären Einkommenssituationen gelebt ha-
ben, ein größeres Risiko haben, später Altersarmut zu erleiden, vor allem aufgrund geringerer Einzah-
lungen in die Rentenkassen. Da bald die geburtenstarken Jahrgänge der 1950er und 60er Jahre in den
Ruhestand gehen werden, wird sich nicht nur die relative Zahl der Alten erhöhen, sondern auch die
absolute Zahl der Altersarmen. Hier werden in besonderem Maße Frauen betroffen sein – aufgrund
ihrer Erwerbsbiographien und der häufiger gewordenen Scheidungen. Auch ist bei Frauen aufgrund
der höheren Lebenserwartung die Phase der etwaigen Altersarmut häufig länger.
Weiterhin findet sich folgender Hinweis: „Neben dem von den Expertinnen und Experten immer wie-
der beobachteten Rückzug in Isolation und Privatheit wurden auch geographische Rückzüge älterer
Menschen aus ihren angestammten Wohnorten bzw. -räumen in periphere Alten- und/oder Armen-
quartiere beobachtet. Offenbar war in diesen Fällen die Wohnsituation eskaliert und ein Umzug un-
vermeidlich geworden. Häufig bleibe, dies markiert ein weiteres und bereits angesprochenes Prob-
lem, die Situation älterer Menschen mit Blick auf all diese Problemlagen lange Zeit über unentdeckt,
5 Bestandsaufnahme für Münster
64
da sie eher selten von sich aus um Hilfe ersuchen – etwa beim Sozialamt“ (s. Vorlage V/0941/2011
Anlage 1).
Ehrenamt und freiwilliges Engagement
Die Themen Teilhabe, gelebte Nachbarschaft und Gemeinschaft mit Menschen mit Pflege- und Un-
terstützungsbedarf werden in Münster durch eine Reihe von bemerkenswerten ehrenamtlichen Initi-
ativen vorangetrieben, die sowohl stadtweit vernetzt, als auch in den Quartieren tätig sind (s. 5.2).
Diese sind als Ingangsetzer und Grundstein für Prozesse der altengerechten, inklusiven Quartiers-
entwicklung unbedingt einzubeziehen.
Seitens der Stadt Münster bzw. der städtischen Stiftungen erfolgt eine inzwischen bewährte Koordi-
nation und Qualifizierung durch die Freiwilligenagentur Münster und deren FreiwilligenAkademie.
Zudem gibt es kleinteilige Ehrenamtsstrukturen in den Kirchengemeinden der Stadtteile. Aktuell gibt
es Hinweise, dass diese aufgrund der Überalterung der aktiven Kirchenmitglieder rückläufig sind und
durch die Fusionen zu Großgemeinden in den vergangenen Jahren deren professionelle Betreuung
verkleinert wurde.
Der Antrieb in der Münsteraner Stadtgesellschaft, anderen zu helfen, ist aber ungebrochen hoch, wie
auch aktuell die umfangreiche ehrenamtliche Flüchtlingshilfe zeigt. Altengerechte und inklusive
Quartiersentwicklung setzt ebenfalls auf freiwilliges Engagement, insbesondere erscheint es förder-
würdig, dass ‚junge Alte‘ ihre neu gewonnene Zeit im Ruhestand teilweise der Sorge um ihre hochbe-
tagten Nachbarinnen und Nachbarn widmen – ein anschauliches Beispiel hierfür ist die Initiative Anti-
Rost e.V. (s. Kap. 5.2).
Die Bürgerumfrage 2014 (s. Vorlage V/0992/2014) hat sich besonders dem Thema Ehrenamt gewid-
met und offengelegt, dass sich die Motivationsstrukturen hierfür mit dem Alter verändern. So halten
die Altersgruppen ab 60 Jahren den Bereich ‚Anderen Menschen helfen‘ mehr als der Schnitt aller
Befragten für ‚sehr wichtig‘. Der institutionalisierte Rahmen „Z.B. freiwillige Feuerwehr, DRK (..)“, der
bei der Frage nach „Etwas für die Gemeinschaft tun“ angegeben wurde, scheint dieser Altersgruppe
nicht mehr so wichtig zu sein. Eigennützige Motive wie „Spaß und Abwechslung“ sowie „Interessen
gemeinsam durchsetzen“ sind bei den ab 60-jährigen weniger ausgeprägt, auch lässt das Bedürfnis
zum „Anerkennung und soziales Ansehen erlangen“ mit dem Alter stark nach. Die Älteren bilden die
Altersgruppen, die am ehesten „Gemeinde/Staat bei ihren Aufgaben entlasten“ wollen bzw. das für
wichtig halten.
Ab dem mittleren Alter entwickelt sich ein Bewusstsein für das Thema „Isolation/Einsamkeit gemein-
sam angehen“. Bei den 70-jährigen und Älteren halten das weit überdurchschnittliche 27 % für sehr
wichtig, aber auch ebenso viele für gar nicht wichtig – hier gibt es eine Spreizung in die Extreme. Un-
eingeschränkt mehrheitsfähig ist dagegen das neutraler formulierte „Aktiv bleiben, ausgelastet sein“.
Hier werden die Spitzenwerte bei den ab-70-jährigen erreicht – 83 % halten dies für sehr wichtig oder
wichtig.
Ein weiterer Teil der Umfrage widmete sich den Perspektiven des Ehrenamtes – also einer geplanten
Zu- und Abnahme eigenen Engagements bzw. der Selbsteinschätzung möglichen Engagement in der
Zukunft. Bei den bereits Engagierten ist erwartungsgemäß die Bereitschaft zu einer weiteren Aus-
dehnung des Engagements gering, gerade bei den ab-70-jährigen – hier sagt eine Mehrheit von über
50 % ‚nein‘. Bei den 60-69-jährigen sagen noch überdurchschnittlich viele (40 %) ‚kommt darauf an‘.
5 Bestandsaufnahme für Münster
65
Es werden auch keine externen Anreize ersichtlich, die dies ändern könnten – allenfalls eine gesund-
heitliche und rechtliche Absicherung durch Unfall- und Haftpflichtversicherung ist für diese Alters-
gruppen noch interessant. So lässt sich vermuten, dass Selbstbestimmung und erkennbarer Sinn ei-
ner freiwilligen Tätigkeit zentrale Motivationen für Ältere darstellen.
5 Bestandsaufnahme für Münster
66
5.2 Akteure und Netzwerke
Altengerechte, inklusive Quartiersentwicklung setzt wesentlich auf eine Vernetzung des Vorhande-
nen und den Einbezug freiwillig engagierter Bürgerinnen und Bürger. Hier gibt es in Münster eine
ganze Reihe von Ansätzen, die bereits quartiersnah angelegt sind:
Gesamtstädtischer Arbe itskreis Älter werden in Münsters Quartieren
Ende 2015 neu gegründet wurde der Arbeitskreis „Älter werden in Münsters Quartieren“, der
von der Sozialplanung im Sozialamt mit weiteren Akteuren gezielt zur Förderung, Qualifizierung
und Vernetzung der ganz aktuellen, konkreten Projekte in diesem Bereich gegründet wurde. Auf-
gabe des Arbeitskreises ist es, die Vorhaben zu koordinieren und die Zusammenarbeit zu sichern.
In dem Arbeitskreis wirken bisher mit:
• Ambulante Dienste e.V. mit den Quartiersstützpunkten ‚An der Aa‘, Gievenbeck und Platanenhof
(Hammer Str.). Der Verein und ambulante Pflegedienst wurde vor über 30 Jahren aus der ehren-
amtlichen Behindertenhilfe heraus mit der Absicht gegründet, Menschen mit Pflege- und Unter-
stützungsbedarf ein Leben in der eigenen, selbstgewählten Wohnung zu ermöglichen. Aus die-
sem Ansatz heraus wurde – mit Unterstützung der Wohn+Stadtbau – das Konzept Quartiers-
stützpunkt entwickelt und realisiert. Diese bieten Pflegeberatung, ambulante Pflege und Haus-
notruf im Viertel mit einem kleinen, überschaubaren Team, einen offenen Mittagstisch, kulturel-
le und soziale Veranstaltungen und Treffmöglichkeiten. Sie sind verortet in Wohnbeständen der
Wohn+Stadtbau und können nahe gelegene Service-Wohnungen im Umkreis mitversorgen; so
wurde jüngst an der Hammer Str. der neue Quartiersstützpunkt im Zusammenhang der Hausge-
meinschaft Platanenhof geplant.
• Caritas e.V. Stadtverband Münster mit dem Projekt Aaseestadt/Pluggendorf: Der konfessionelle
Wohlfahrtsverband hat ein Konzept für einen Prozess der altengerechten Quartiersentwicklung
in den genannten Stadtteilen entwickelt und hierfür zur Jahreswende den gewünschten Förder-
zuschlag der Stiftung Wohlfahrtspflege NRW erhalten. Das Projekt wurde im Sommer 2016 auf-
genommen.
• Cohaus-Vendt-Stift, Einrichtung der stationären Pflege, Altstadt-Süd mit dem Vorhaben einer
Öffnung in das Umfeld zur altengerechten Quartiersentwicklung in der südlichen Altstadt und
Umgebung.
• Diakonie Münster e.V. mit dem Projektvorhaben Rumphorst: Der zweite große konfessionelle
Träger der Wohlfahrtspflege in Münster hat anschließend an ein Projekt zur quartiersnahen Ge-
sundheitsförderung für Ältere in den nördlichen Innenstadteilen ein Konzept zur altengerechten
Quartiersentwicklung für den Stadtteil Rumphorst entwickelt, wiederum mit dem Schwerpunkt
gesundheitliche Prävention. Eine Landesförderung ist bereits bewilligt.
• Stadt Münster, Sozialamt, altengerechte, inklusive Quartiersentwicklung Hiltrup-Ost. Das Vorha-
ben wurde zum 1. Oktober 2015 aufgenommen (vgl. Vorlage V/1049/2015).
Die Arbeitskreise „ Älter werden in Münster“
Die sowohl ehrenamtlichen als auch professionell in der Alten- und Behindertenhilfe in einer Reihe
von Stadtteilen arbeitenden Akteure treffen sich regelmäßig in den Arbeitskreisen „Älter werden in
Münster“. Bisher gibt es sie für die Stadtteile Südviertel, Mitte-Ost Mauritz, Mitte-Nord, Gievenbeck,
Hiltrup-Amelsbüren-Berg Fidel, Coerde, Gremmendorf-Angelmodde, Wolbeck, Kinderhaus-Sprakel,
5 Bestandsaufnahme für Münster
67
Nienberge, Mecklenbeck etc. Diese sind je nach Angebotsdichte stadtbezirks- oder stadtteilbezogen
organisiert. Sie werden moderiert durch denjenigen Träger, der für die stadtteilbezogene soziale
Arbeit im Auftrag der Stadt Münster die sozialraumbezogene Verantwortung trägt. Dies ist durch
Absprachen der Träger untereinander in Abstimmung mit der Stadt für die einzelnen Gebietsteile
festgelegt worden. Unterstützend ist jeweils ein Mitglied der kommunalen Seniorenvertretung ein-
gebunden.
Die Mitglieder sind zumeist in den Teilräumen tätige professionelle Akteure, also Vertreter/innen von
Pflegeeinrichtungen und -diensten, soziokulturellen Zentren, Beratungsstellen, des zuständigen
Fachdienstes des Sozialamtes etc., teils sind auch Ehrenamtliche Mitglied, die sich im Thema engagie-
ren, und eigene Angebote verantworten. Entsprechend zu den ‚Dienstleisterkonferenzen‘ in Gelsen-
kirchen (s. Kap. 4) handelt es sich, nach Einordnung der Universität Bielefeld70, um ‚Produktionsnetz-
werke‘, die der professionellen Optimierung und Nachjustierung des Angebotes dienen. Die Aktivitä-
ten der einzelnen Arbeitskreise werden bei guter Öffentlichkeitsarbeit durchaus in der Stadtöffent-
lichkeit wahrgenommen. Die lokale Alten- und Behindertenhilfe wird hierdurch auch über Projekte
und Personen sicht- und ansprechbar für die Zielgruppen.
Aktion Anti -Rost e.V.
Der Anti Rost e.V. ist eine rein auf freiwilligem Engagement beruhende Initiative von Älteren für Älte-
re. Menschen, die selbst schon im Ruhestand sind, leisten hier eine „ehrenamtliche Seniorenhilfe für
Kleinstreparaturen und haushaltsnahe Dienstleistungen“71. Die ca. 80 Mitglieder des Vereins bringen
sich tatkräftig ein, sei es in der Organisation oder als aufsuchende Heimwerker/innen. Dabei wird
darauf geachtet, wirklich nur Kleinstarbeiten zu übernehmen, die sich für das gewerbliche Handwerk
nicht eignen.
Es gilt ein ‚Regionalprinzip‘, so dass in ein Stadtviertel in aller Regel dieselben Helfer/innen für den
nächsten Auftrag wiederkommen. Hierfür wird eine Kostenpauschale von 5 EUR erhoben, die bei
knappem Einkommen verhandelbar ist. Die Mitglieder sind gut ausgelastet.
Der Vereinsname deutet schon darauf hin, dass es um mehr geht als kleine Dienstleistungen anzubie-
ten, die der Markt nicht bereitstellt. Denn für die Auftraggeber und auch die Anbieter bedeuten die
Aufträge soziale Kontakte, die oft höher wiegen als das Reparaturergebnis. Der Verein selbst
schreibt:
„Bei uns steht der soziale Gedanke im Vordergrund weil:
• die Anonymität im Wohngebiet zunimmt und die alte Nachbarschaftshilfe immer mehr in
Vergessenheit gerät
• es kaum noch Großfamilien gibt und die eigenen Kinder oft in anderen Städten oder Ländern
wohnen
• die Zahl der Alleinlebenden, gerade bei Älteren, immer größer wird“
72.
Damit sind mehrere Anlässe einer altengerechten Quartiersentwicklung gut auf den Punkt gebracht.
Das Thema haushaltsnahe Dienstleistungen zur Entlastung Älterer und Unterstützungsbedürftiger ist
70 Vgl. Hämel et al., 2012, S. 11
71 Anti Rost e.V. Online unter: http://www.antirost-muenster.de
72 S. Fußnote 55
5 Bestandsaufnahme für Münster
68
wichtig. Zumindest für punktuelle Bedarfe hat man hier eine kluge und gut funktionierende Lösung
gefunden. Überschneidungen existieren mit dem aktuellen Thema ‚Repair Cafés‘ (Reparaturen pri-
mär von Kleinelektrogeräten, die gewerbliche Anbieter nicht mehr durchführen), die sich gut in Quar-
tierszusammenhänge einbetten ließen.
Prozess Audit generationengerechtes Wohnen im Quartier, Aaseestad t
Die Wohn+Stadtbau GmbH hat sich mit ihrem Bestand in der Aaseestadt erfolgreich für das Pilotpro-
jekt ‚Audit generationengerechtes Wohnen im Quartier‘ der Bertelsmann-Stiftung und des Landes
NRW beworben. Durchgeführt wird dieser Zertifizierungsprozess federführend durch den Verein
Familiengerechte Kommune e.V. (Bonn) mit beauftragten Fachleuten als lokalen Auditoren. Hierzu
wurde mit der Wohnungsgesellschaft ein einjähriger Prozess angestoßen, in den verschiedene Stellen
der Stadtverwaltung (bislang Amt für Wohnungswesen und Quartiersentwicklung, Amt für Stadtent-
wicklung, Stadtplanung, Verkehrsplanung und Sozialamt) und der Caritas Stadtverband als Träger der
altengerechten Quartiersentwicklung Aaseestadt/Pluggendorf (s.o.) involviert sind. Weitere Akteure
werden folgen, so auch weitere Wohnungsanbieter im Quartier. Ziel ist die Entwicklung eines ganz-
heitlichen Handlungskonzeptes:
„Generationengerechtes Wohnen meint nachstehende Zielgruppen und ihre Bedarfe an dem Ort, in
dem sie jetzt oder in Zukunft leben wollen, in den Blick zu nehmen und entsprechende Angebo-
te/Ausrichtungen bei der Entwicklung des Quartiers zu berücksichtigen. Zielgruppen sind zum Bei-
spiel Säuglinge, Kinder, Jugendliche, Menschen mit Beeinträchtigungen, SeniorInnen, Berufstätige,
Familien, Alleinerziehende, Alleinstehende, Hochbetagte, Auszubildende, Studierende, Eltern, Ju-
gendliche,… […] Die inhaltlichen Kriterien beziehen sich auf die deutliche qualitative Weiterentwick-
lung des Quartiers in den Bereichen Wohnen (Neubau und Bestand), des Wohnumfeldes (Spiel- und
Freiflächen), der sozialen Infrastrukturen (Versorgung, Verkehr, Bildung), die für die verschiedenen
Generationen von Bedeutung sind und auf das Zusammenleben und die Integration der Bewohnen-
den abzielen (soziale Durchmischung, bezahlbare Wohnungen, Förderung der Nachbarschaftshilfe,
Angebote für Kulturen, Religionen). Es müssen konkret messbare Verbesserungen vom Ist zum Soll in
den Ziel- und Maßnahme-Planungen über die gesamte Laufzeit der Auditierung hinweg erkennbar
werden“
73.
73 Familiengerechte Kommune e.V.: Generationengerechtes W.i.Q. – Zertifizierungskriterien. Online u.:
http://www.familiengerechte-kommune.de/de/home/auditierungen/generationengerechtes-wohnen-im-
quartier/zertifizierungskriterien.html
5 Bestandsaufnahme für Münster
69
Bewegt Älter werden / Bewegt gesund bleiben in Münster
Der Stadtsportbund Münster hat mit den Programmen „Bewegt Älter werden…“ / „Bewegt Gesund
bleiben…“ aus der gleichnamigen Landesförderung in Münster eine Plattform geschaffen, um mit den
zahlreichen Sportvereinen Angebote der präventiven Gesundheitsförderung für Ältere durch Sport in
der ganzen Stadt zu etablieren. Zahlreiche relevante Akteure des Themenfelds und die Strukturen vor
Ort werden hier mit einbezogen.
Dieser kleinteilige Ansatz weist eine gute Anknüpfbarkeit mit altengerechter, inklusiver Quartiers-
entwicklung auf, zumal der Stadtsportbund Münster in Kooperation mit dem Verein für Gesund-
heitssport und Sporttherapie (VGS) seit Ende 2015 auch an dem Programmbaustein „Der Sportverein
im Quartier“ teilnimmt74. Von besonderer Bedeutung sind dabei niedrigschwellige und aufsuchende
Angebote.
Herauszuheben ist das Projekt ‚Latschen und Tratschen‘, das an mehreren Stellen angeboten wird,
sog. Spaziergangsgruppen, die sich wöchentlich zu festen Zeiten an einem Treffpunkt zusammenfin-
den, ohne größere Verpflichtung. Dies kann auch gut von Ehrenamtlichen angeboten werden.
74 Vgl. Stadtsportbund Münster (2016): Bewegt ÄLTER werden in Münster/ Bewegt ÄLTER werden im Quartier - Bewegungs-
angebote und Aktionen. Online unter: http://www.stadtsportbund-ms.de/122.html
Abbildung 16: Akteursstruktur Stadtsportbund Münster - Bewegt älter werden..., Bewegt gesund bleiben...
Quelle: Stadtsportbund Münster - Bewegt ÄLTER werden - ... in Münster. Online unter:
http://www.stadtsportbund-ms.de/122.html
5 Bestandsaufnahme für Münster
70
Gemeinsame Projekte mit der altengerechten, inklusiven Quartiersentwicklung im Sozialamt sind in
Planung.
Bündnis für Wohnen / Arbeitskreis Wohnen
Münster hat frühzeitig die Herausforderungen erkannt, die auch bei einer stabilen demografischen
Entwicklung aus der gesellschaftlichen Ausdifferenzierung (und Alterung) entstehen und auf die ei-
gene Dynamik von Immobilienmarktprozessen treffen. Daher wurde im Jahre 2006 das sog. Bündnis
für Wohnen geschlossen, das dem Arbeitskreis Wohnen als breitem Forum von Fachleuten und
Stadtgesellschaft entstammt. Dieser tagt zweimal jährlich und wird von einer ämterübergreifenden
Arbeitsgruppe der Stadtverwaltung vorbereitet und begleitet. Damit besteht eine breite und fachlich
fundierte Plattform für dieses zentrale Thema.
Das Bündnis Wohnen hat seine Übereinkunft aktualisiert und konkretisiert. In der Neufassung vom
19. April 2016 werden unter anderem folgende Ziele bekräftigt:
Tabelle 3: Themen und Kooperationsfelder des Bündnis Wohnen – Auszüge, eigene Hervorhebungen.
Quelle: Bündnis für Wohnen des AK Wohnen Münster. Aktualisierung am 19. April 2016, S. 6. Online unter: http://www.stadt-
muenster.de/fileadmin//user_upload/stadt-muenster/61_stadtplanung/pdf/wohnen/ak-wohnen-in-muenster_buendnis_2016.pdf
Strategische Wohnstan-
dortentwicklung Fokus
Quartier
• Fokus: Quartiere im demografischen Wandel sowie mit be-
sonderen Potenzialen für Haushalte mit Kindern / Senioren
• Ausdifferenzierung des Wohnungsangebotes durch Qualifizie-
rung der unterschiedlichen Entwicklungspotenziale der Quar-
tiere
Doppelstrategie Bestands-
und Neubaulandentwick-
lung
• Offensive Bestandsentwicklung in den Quartieren: Schwer-
punkt „Neues Wohnen im Bestand“, gleichzeitig Anpassung
Wohnungsbestand
• Aufwertung erneuerungsbedürftiger Quartiere durch Neues
Wohnen; Bereitstellung stadtkonzerneigener Grundstücke/
Immobilien für nachhaltige Bauvorhaben; Förderung gemein-
schaftsorientierter Bau- und Wohnformen
[…]
Sozialverantwortliche und
marktgerechte Woh-
nungsversorgung
• Handlungsstrategien zur Bedarfsdeckung im preiswerten An-
gebotssegment notwendig (neben Familien v. a. auch für älte-
re Menschen/1-Personen-Haushalte); Forcierung des geför-
derten Wohnungsbaus
• Schaffung marktgerechter, nicht ausschließlich hochwertiger
Wohnungsangebote v.a. in innerstädtischen Quartieren als
Mittel der Wohnstandortentwicklung
Zielgruppen:
Haushalte mit Kin-
dern, Senioren, Studen-
ten, Menschen mit Behin-
derung, Flüchtlinge
• Fokussierung auf Angebote für Haushalte mit Kindern in „fa-
milienfreundlichen“ Quartieren bzw. Orten mit einem hohen
Anteil an Kindern
• Wohnangebote für Senioren, infrastrukturell gut ausgestatte-
te, zentrale Quartiere; Qualität und Flexibilität von Wohnen,
Pflege und Betreuung
• Synergieeffekte Familienförderung/ Seniorenwohnen durch
Neues Wohnen im Bestand und Umzugsmanagement
• Forcierung gemeinschaftsorientierter Bau- und Wohnformen
• […]
• Leitbild: gemischte Bevölkerungsstruktur in den Quartieren
[…]
5 Bestandsaufnahme für Münster
71
Schlüsselrolle
Kommunikation und
Kooperation
• Quartiersbezogene und integrative Arbeitsweisen, Abstim-
mung Projekte auf lokal differenzierte Entwicklungschancen
im Quartier
• Zentrale Rolle Kommunikation/Kooperation für Entwicklungen
im Quartier, v.a. bei „Neuem Wohnen in Bestand.“ Einbin-
dung Stadt und Investoren, Kommunikation vor Ort (Bewoh-
ner, Eigentümer, Vereine, Politik)
• Verknüpfung städtischer Maßnahmen zum Wohnum-
feld/Versorgung mit privaten Ansätzen, Synergieeffekte; pri-
vate Vorhaben als Impulsgeber
[…]
Damit existiert ein starkes Netzwerk aus Expert/inn/en und Fachleuten, Immobilien- und Woh-
nungswirtschaft, Mietervertretung und städtischen Akteuren, um eine partizipative ‚Wohnbaukultur‘
im Münster weiter zu entwickeln, die die Interessen Älterer und Unterstützungsbedürftiger berück-
sichtigt. Auch auf den flankierenden Ansatz der Sozialgerechten Bodennutzung ist noch einmal zu
verweisen.
Demenz -Servicezentrum und Projekt Lichtblick
Münster ist Sitz des Demenz-Servicezentrums für die ganze Region Münster und westliches Münster-
land im Netzwerk Landesinitiative Demenz-Service NRW75. Die Einrichtung befindet sich in Zusam-
menhang und Trägerschaft des Gerontopsychiatrischen Zentrums der Alexianer GmbH als einem
Träger mit großen Erfahrungen in diesem Bereich. Sie bietet Beratung für Betroffene und Angehörige
und informiert über wohnortnahe entlastende Angebote, die sie im Südviertel auch selbst anbietet
(s. Karte II Begegnung und Beratung – ‚Demenzgruppen‘). Darüber hinaus wird im Projekt Lichtblick
ein Netzwerk ehrenamtlicher Alltagsbegleiter und Besuchsdienste für Ältere mit psychischen Erkran-
kungen und Demenz aufgebaut. Diese Tätigkeiten sind voraussetzungsvoll und fordernd, sie werden
durch Qualifizierungen und Supervision begleitet.
Von Mensch zu M ensch und Taschengeldbörse
Ausgehend von der Freiwilligenagentur Münster und der kommunalen Stiftungsverwaltung existieren
unter dem Dach der Stiftung Magdalenenhospital heute in 14 Stadtteilen und Quartieren ehrenamtli-
che Gruppen des Nachbarschaftshilfeprojektes „Von Mensch zu Mensch“. Hier leisten Bewoh-
ner/innen in ihrer Nachbarschaft Besuchsdienste und Alltagsbegleitung bei Älteren und Menschen
mit Behinderung. Nach Wunsch können Qualifizierungen und Gruppenrunden im Stadtteil wahrge-
nommen werden. Die Gruppen vor Ort sind relativ autark und mal fester, mal loser organisiert. Ver-
einzelt haben sich, wie in Roxel, Stadtteilvereine aus den Gruppen gegründet. Die Freiwilligenagentur
betreut die Entwicklung der Gruppen fachlich und organisatorisch76.
Jüngst hinzugekommen ist die Taschengeldbörse, ein weiteres Angebot der Stiftung Magdalenenhos-
pital in Kooperation mit der Kommunalen Seniorenvertretung Münster. Angedockt an das Projekt
75 S. Landesinitiative Demenz-Service NRW. Online unter: www.demenz-service-nrw.de
76 S. Geschäftsstelle kommunale Stiftungen Münster 2006-2016: Von Mensch zu Mensch. Stiftung Magdalenenhospital.
Online unter http://www.mensch-muenster.de
5 Bestandsaufnahme für Münster
72
„Von Mensch zu Mensch“ können sich Jugendliche, die einen älteren Menschen bei einfachen haus-
haltsnahen Tätigkeiten unterstützen, einen Wunsch erfüllen oder ihr Taschengeld aufbessern77.
ZWAR
ZWAR steht für ‚Zwischen Arbeit und Ruhestand‘. Als überregionales Projektnetzwerk hat es seine
Wurzeln in Dortmund, wo es an der Universität bereits 1979 im Rahmen des Studiums im Alter ent-
wickelt wurde. Ziel war es, bewusst dem Altern zu begegnen und in Gemeinschaft frühzeitig Ideen für
die Zeit nach dem Eintritt in den Ruhestand zu entwickeln und sich „selbstbestimmt und solidarisch
mit den eigenen Interessen, Wünschen und Perspektiven auseinander (zu setzen) – ein Novum zur
damaligen Zeit“78. Der heutige Anspruch einer „Gemeinwesenarbeit durch soziale Netzwerke im
Quartier“ ist weitreichend:
„Zukunftsweisend ist eine am Gemeinwesen orientierte soziale Arbeit mit Menschen ab 55 Jahren,
die das Ziel hat
… zufriedenen Bürgerinnen und Bürger zu ermöglichen, Verantwortung für sich und die Nach-
barschaft übernehmen
… Vielfalt in lebendigen Stadtteilen der Generationen und Kulturen entstehen zu lassen
… Menschen mit Migrationshintergrund oder Ältere mit Handicaps in die Gemeinschaft zu in-
tegrieren
… Gesundheit präventiv und kostenschonend zu fördern“79.
Seit 1995 wird die Idee landesweit verbreitet und ist in Münster organisatorisch an der städtischen
Volkshochschule verortet. Die so genannten Basisgruppen sind größtenteils in den Stadtteilen zu
finden. Es existieren inzwischen sechs Gruppen in Münster (Innenstadt (2x), Coerde, Hiltrup, Kinder-
haus, Wolbeck). Der Ansatz einer Aktivierung für ein optionales freiwilliges Engagement und eines
frühzeitigen bewussten Nachdenkens über das geplante Leben im Alter erscheint sehr fruchtbar für
die Quartiersentwicklung.
Weitere Akteurs -Netzwerke und Z wischenbilanz
Es existieren eine Reihe weiterer Akteure in der Stadt, die sich bereits für die Mitwirkung bei einer
altengerechten, inklusiven Quartiersentwicklung offen gezeigt haben, so die Ärztekammer Westfa-
len-Lippe, die Apothekerkammer Westfalen-Lippe, das Netzwerk Gesundheitswirtschaft Münster-
land. Weitere sollten noch angesprochen werden, so der Handelsverband NRW Westfalen-
Münsterland e.V. Über institutionelle Foren, wie die Konferenz Alter und Pflege und die Gesund-
heitskonferenz der Stadt Münster oder die regionalen Planungskonferenzen der Behindertenhilfe,
gibt es regelmäßig Zugänge zu weiteren Akteuren. Die gut vernetzten Gremien Kommission zur För-
derung der Inklusion von Menschen mit Behinderungen (KIB) und Kommunale Seniorenvertretung
werden weiterhin verstärkt einbezogen.
Darüber hinaus existieren weitere vielversprechende Gruppen und Projektansätze in der Stadt; ein
Beispiel ist das Unternehmensnetzwerk ServiceWelten e.V., das privaten Kundinnen und Kunden
77 S. Geschäftsstelle kommunale Stiftungen Münster 2006-2016: Von Mensch zu Mensch. Stiftung Magdalenenhospital.
Online unter http://www.taschengeldboerse-muenster.de/de/taschengeldboerse/das-projekt/
78 ZWAR Zentralstelle NRW – Wir über uns – Geschichte. Online unter: http://www.zwar.org/de/wir-ueber-uns/geschichte
79 ZWAR Zentralstelle NRW – Kommune mit Zukunft – Die Herausforderungen des demografischen Wandels. Online unter:
http://www.zwar.org/de/kommune-mit-zukunft
5 Bestandsaufnahme für Münster
73
vereinfachten und vertrauenswürdigen Zugang zu (gewerblichen) haushaltsnahen Dienstleistungen
und Handwerksleistungen bieten soll.
Wie gezeigt werden konnte, bestehen zahlreiche programmatische Grundlagen und Anknüpfungs-
punkte bei und mit Akteuren für das Knüpfen eines stadtweiten Netzwerks zur Quartiersentwicklung
für Menschen mit Pflege- und Unterstützungsbedarf. Münster ist als Verwaltungsstandort und Sitz
des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe und zudem Zentrum zahlreicher regionaler Dachorganisa-
tionen und Landesverbände relevanter Akteurs-Gruppen. Somit bestehen bereits Ansätze und die
weitere Aussicht, hier auch aus überörtlichen Organisationen Unterstützung für modellhafte Einzel-
vorhaben und eine Vernetzung zu erhalten, die über die Stadt hinaus ausstrahlen und Vorbildwirkung
entfalten können.
5 Bestandsaufnahme für Münster
74
5.3 Analyse der themenbezogenen Raum - und Sozialstrukturen
Die folgende Bestandsaufnahme stützt sich im Wesentlichen auf kleinräumige Bevölkerungsdaten, -
prognosen und Leistungsstatistiken einerseits sowie auf raumbezogene Daten über Infrastruktur-
und Versorgungseinrichtungen andererseits. Ziel ist es hauptsächlich abzuschätzen, ob aufgrund der
Sozialstruktur datengestützt besondere Unterstützungsbedarfe begründet angenommen werden
können und ob diesen ausreichende Angebote gegenüber stehen. Auch soll aufgezeigt werden, wo
räumliche Schwerpunkte besonders guter und innovativer Angebote bestehen, an die eine altenge-
rechte, inklusive Quartiersentwicklung anknüpfen kann.
Wie dargestellt, gibt es keine ablesbare oder vorab zu schaffende ‚Quartiersstruktur‘ für zukünftige
Quartiersentwicklungen in Münster. Daher wurde eine gängige Ebene vorhandener Daten gewählt,
die dem Umfang eines Quartiers nahekommt bzw. etwas kleiner als ein Quartier sein dürfte: die 174
in Münster vorhandenen Stadtzellen. Diese sind mit einprägsamen Namen versehen, so dass nach-
vollziehbar bleibt, welche Bereiche angesprochen werden. Im Vergleich zu den Stadtteilen (= statisti-
schen Bezirken) erlauben sie eine differenziertere Betrachtung. So kann einbezogen werden, dass
Kinderhaus-West insgesamt eine ganz andere Altersstruktur besitzt als der Bereich Brüningheide.
Nicht alle Daten liegen jedoch in dieser Ebene vor. In den allermeisten Stadtzellen nur wenige Men-
schen umfassen gerade Zahlen zum sozio-ökonomischen Status (Transferleistungsbezug) und zu
Formen der Migrationsvorgeschichte oder bestimmten Herkunftsländern der Bevölkerung, insbeson-
dere wenn sie nur auf Ältere bezogen sind, in den allermeisten Stadtzellen nur wenige Menschen. So
sind diese aus Datenschutzgründen, also aus gutem Grund, auch verwaltungsintern nicht verfügbar.
Daher wurde auf eine quantitative rechnergestützte Analyse, z.B. Clusteranalyse, zur Charakterisie-
rung der Stadtbereiche vorerst verzichtet. Ergänzend wurden vielmehr die ersten Befunde mit den
vor Ort Tätigen in Altenhilfe und Sozialberatung aus den Arbeitskreisen ‚Älter werden in…‘ der Stadt-
teile und Stadtbezirke soweit möglich rückgekoppelt. Durch die zusätzlichen Beobachtungen und
Erfahrungen der Praktiker/innen vor Ort sind die sichtbaren Situationen in den Stadtzellen plastischer
geworden und besser interpretierbar.
Sozialräumliche Strukturen Älterer in den Stadtteilen und Stadtzellen
Ältere Menschen stellen den allergrößten Teil derjenigen mit (potenziellem) Pflege- und Unterstüt-
zungsbedarf. Ihr Anteil an der Bevölkerung – und ihre Aufteilung in ‚junge Alte‘ und Hochbetagte –
bildet daher einen wichtigen Indikator für diesen Masterplan. Er prägt auch die Quartiere, in denen
sie leben.
Anteil der ab-60-jährige n
Konkret wurde der Anteil älterer Menschen an der wohnberechtigten Bevölkerung in Privathaushal-
ten für die einzelnen Stadtzellen ermittelt. Dies schließt aus, dass Ältere, die in Pflegeeinrichtungen
versorgt werden, in die Betrachtung einfließen und große Standorte der vollstationären Pflege diese
Analyse verzerren80. Der durchschnittliche Anteil 60-jähriger und Älterer in privaten Haushalten lag
am 31.12.2015 für Münster bei 21,3 %.
80 Jedoch ist zu beachten, dass Service-Wohnungen oder Apartments in Wohnheimen per Definition Haushalte beherbergen.
5 Bestandsaufnahme für Münster
75
Das kleinräumige Bild zeigt die Karte I Anteil Älterer (Anhang 1). Geringere Anteile als der Münster-
aner Durchschnitt sind in Grüntönen hinterlegt, höhere in Gelb bzw. bei Anteilen über 25 % in Rottö-
nen. Es ist zu betonen, dass höhere Anteile Älterer nicht als problematisch angesehen werden. Viel-
mehr soll die Bestandsaufnahme hier nur aufzeigen, wo begründeter Anlass besteht, in besonderer
Weise auf ihre Bedarfe und Bedürfnisse einzugehen.
Folgendes Bild ergibt sich (jeweils im Uhrzeigersinn):
Die höchsten relativen Anteile Älterer (über 35 %) finden sich nahezu ausschließlich in den Außen-
stadtteilen, so in ganz Handorf, im Süden Wolbecks, in Teilen von Hiltrup-West und Hiltrup-Ost, in
Kinderhaus West. Der höchste Anteil (43,0 %) liegt in Handorf-Ortsmitte vor, wo jedoch auch viele
Service-Wohnungen existieren. Eine Ausnahme bildet die Stadtzelle 134 Servatii in der Altstadt, die
jedoch nur von rund 160 Menschen bewohnt wird. Hier leben auch relativ viele Hochbetagte (s.u.).
Hohe Anteile von rund einem Drittel (30-35 %) finden sich weiterhin um die Ränder des Stadtbezirks
Mitte, so in Mauritz und in der Aaseestadt, weiterhin gehören Hiltrup-Mitte-Nord dazu und ganz
Hiltrup-Ost – somit bildet Hiltrup-Ost den Stadtteil mit den meisten Älteren insgesamt, zudem Roxel-
Süd-West beiderseits der Pienersallee, Nienberge zwischen Hülshoffstraße und BAB 1 sowie Kinder-
haus-Nord zwischen Brüningheide und Kinderbach.
Erhöhte Anteile zwischen 25 % und 30 % Älterer finden sich wiederum in vielen Außenstadtteilen, so
in Coerde-Ost, Gelmer, Mariendorf, Wolbeck-Nord, Angelmodde/Gremmendorf, Hiltrup-Mitte,
Mecklenbeck, Nienberge-Nordwest, Kinderhaus südlich Am Burloh und Sprakel. Zudem zählen Gebie-
te an den Rändern des Stadtbezirks Mitte dazu, so im Bereich Schlachthof, Rumphorst, Pötterhoek,
südlich der Warendorfer Straße bis nach St. Mauritz, weiterhin im Bereich Kappenberger
Damm/Düesbergweg (mit Teilen von Berg Fidel), wiederum in der Aaseestadt und auf der Sentruper
Höhe. Die hohe Bevölkerungsdichte um den Innenstadtring könnte es lohnenswert machen, hier
noch kleinteiliger auf die Bevölkerungsstrukturen zu schauen.
Leicht überdurchschnittliche und nur leicht unter dem Durchschnitt liegende Werte prägen weiterhin
große Teile Münsters, jedoch sollte nicht verkannt werden, dass die Flächen nicht der Bevölkerungs-
größe entsprechen. Im Gegenteil wurden nach außen hin die Stadtzellen größer konzipiert, um ähnli-
che Bevölkerungszahlen in den Zellen zu erreichen. Die Bevölkerung konzentriert sich auf die (grau
hinterlegten) Siedlungsbereiche.
Bemerkenswert sind die ‚jungen‘ Stadtteile. Hier fallen vor allem der Universitätsbereich mit zahlrei-
chen Wohnheimen bis Gievenbeck und hier zudem das Auenviertel mit sehr geringen Anteilen Älte-
rer auf. Wie Abb. 19 zeigt, ist Gievenbeck dennoch ein Stadtteil mit sehr vielen Älteren, der absoluten
Anzahl der über-60-Jährigen nach der zweitgrößte in der Stadt. Auch hier sind die Bedarfe dieser
Gruppe im Blick zu behalten, insbesondere zielgruppengerechte Angebote für Begegnung und Bera-
tung. Es ist anzunehmen, dass zumindest im Bereich des Einzelhandels eine relativ junge Bevölkerung
funktionierende Strukturen erhalten helfen kann.
Insgesamt leben rd. 66.000 Personen ab 60 Jahren in Münster. Abb. 19 zeigt die absoluten Zahlen
Älterer und Hochbetagter für alle Stadtteile.
5 Bestandsaufnahme für Münster
76
296
192
389
311
266
607
1295
116
807
947
1154
2415
524
445
1539
1831
1098
1725
120
809
2394
1859
1389
2816
1041
2155
1371
2112
1941
2277
1241
2813
838
2885
983
2159
1011
1507
2053
2560
1265
2163
2751
2175
1361
67
52
96
56
76
168
311
32
173
175
221
458
96
77
401
385
208
444
26
171
651
470
262
509
251
446
244
391
360
499
256
508
176
741
190
439
217
317
422
468
269
369
573
280
286
0 500 1000 1500 2000 2500 3000 3500
11 Aegidii
12 Überwasser
13 Dom
14 Buddenturm
15 Martini
21 Pluggendorf
22 Josef
23 Bahnhof
24 Hansaplatz
25 Mauritz-West
26 Schlachthof
27 Kreuz
28 Neutor
29 Schloss
31 Aaseestadt
32 Geist
33 Schützenhof
34 Düesberg
43 Hafen
44 Herz Jesu
45 Mauritz-Mitte
46 Rumphorst
47 Uppenberg
51 Gievenbeck
52 Sentrup
54 Mecklenbeck
56 Albachten
57 Roxel
58 Nienberge
61 Coerde
62 Kinderhaus-West
63 Kinderhaus-Ost
68 Sprakel
71 Mauritz-Ost
76 Gelmer
77 Dyckburg-Handorf
81 Gremmendorf-West
82 Gremmendorf-Ost
86 Angelmodde
87 Wolbeck
91 Berg Fidel
95 Hiltrup-Ost
96 Hiltrup-Mitte
97 Hiltrup-West
98 Amelsbüren
Personen 80+ Personen 60+
Abbildung 17: Münsters Stadtteile –Ältere in Privathaushalten absolut in 2 Altersklassen.
Quelle: Stadt Münster, Amt für Stadtentwicklung, Stadtplanung, Verkehrsplanung, eig. Berechnungen
5 Bestandsaufnahme für Münster
77
Greying -Index
Ein Maß für den Anteil Hochbetagter innerhalb der Älteren, sozusagen die Überalterung dieser Grup-
pe, bildet der sog. Greying-Index. Er gibt das Verhältnis der Hochbetagten zu den ‚jungen Alten‘ an
und wird wie folgt berechnet: (ab-80-Jährige / 60-unter-80-jährige Bevölkerung) * 100.
Dieser Faktor ist interessant, weil Hochaltrigkeit mit erhöhtem Pflegebedarf dieser Gruppe einher-
geht, zudem unter dem Aspekt möglicher ehrenamtlicher Dienste Älterer für Ältere.
In der Karte I Anteil Älterer (Anhang 1) ist er für die Stadtzellen durch eine Schraffur dargestellt. Der
Durchschnittswert für Münster (wohnberechtigte Bevölkerung in Privathaushalten) beträgt 27,3.
Geringere Werte sind durch horizontale Schraffuren, höhere durch diagonale bzw. (bei über 40) rau-
tenförmige Schraffuren gekennzeichnet.
Dies betrifft in hohem Maße, also ab 40, am Rande des Bezirks Mitte wiederum die Bereiche Kärnte-
ner Straße / Pötterhoek und südlich der Warendorfer Str. bis St. Mauritz, den Bereich Düesberg und
Aaseestadt. In den Außenstadtteilen sind bislang erst kleinere Teile betroffen: Coerde, Amelsbüren
und Albachten. Rund um die Altstadt (Martini, Josef, Pluggendorf) zeigen sich teilweise sehr hohe
Werte, jedoch mit niedriger Fallzahl.
Überdurchschnittlich hoch zeigt sich der Greying-Index noch im größten Teil Coerdes, in Mariendorf
und Handorf, St. Mauritz, dem ganzen Stadtbezirk Südost, Hiltrup-Ost-Ringstr., Hiltrup-Mitte südl.
Marktallee. Weiterhin sind in großen Teilen Mecklenbecks, in Gievenbeck östlich Rüschhausweg, in
Nienberge-Ost sowie in Kinderhaus-Nord (außer Brüningheide), Häger und Sprakel die Werte hoch.
Auch die Bereiche Uppenberg/Rumphorst, Geist, Aaseestadt, Sentruper Höhe und Coesfelder Kreuz
sowie Kreuzviertel sind betroffen.
Vereinsamungsrisiken
Es wird angenommen, dass das Leben in einem Einpersonenhaushalt bei Älteren eher das Risiko
mangelnder Teilhabe und sozialer Isolation birgt als das in einer Partnerschaft oder mit anderen Be-
wohner/innen. Daher wurde die Anzahl der 1-Personen-Haushalte der ab-60-Jährigen erhoben. Es
zeigt sich, dass im Schnitt recht genau ein Drittel (32,7 %) dieser Altersgruppe in Münster allein in
einem eigenen Haushalt lebt. Weit unterdurchschnittliche Werte finden sich in den ländlichen Au-
ßenbereichen von Nienberge und Roxel (ca. 14 %). Hohe Werte prägen die Altstadt (46,6 %) und In-
nenstadt, schon aus siedlungsstrukturellen Gründen: einerseits, weil große Wohneinheiten hier sel-
ten sind, andererseits aufgrund der Altersstruktur, weil die Wahrscheinlichkeit, dass ein Partner be-
reits vollstationär gepflegt wird oder bereits verstorben ist, bei älterer Bevölkerung mit vielen Hoch-
altrigen höher liegt. Ein Beispiel ist der Stadtteil Pluggendorf an Altstadtrand und Aasee, hier leben
51 % der ab-60-Jährigen allein in einem Haushalt; es finden sich auch ca. 100 Einpersonenhaushalte
von über-80-Jährigen.
Nachvollziehbar ist, dass aufgrund der höheren Lebenserwartung das Alleinleben im eigenen Haus-
halt durch die Frauen geprägt wird: Fast 70 % der 1-Personen-Haushalte der über-60-Jährigen sind
weiblich.
Bringt man den Anteil der Älteren, die allein leben, mit siedlungsstrukturellen Merkmalen zusam-
men, so zeigt sich, dass Alleinlebende zumeist in Gebieten mit relativ vielen kleineren Wohnungen im
Geschosswohnungsbau und einer höheren Bevölkerungsdichte leben. Das ist der Normalfall in den
5 Bestandsaufnahme für Münster
78
Städten, so ergibt sich auch die Nachfrage für entsprechende Nahversorgungsstrukturen. Allerdings
steht hier auch oft eine erhöhte Fluktuation stabilen Nachbarschaftsbeziehungen entgegen. Geringe
Anteile von allein lebenden über-60-Jährigen fallen häufig mit hohen Anteilen von Einfamilienhäu-
sern zusammen und umgekehrt (durchschnittlich sind in Münster 70,4 % der bewohnten Gebäude
Einfamilienhäuser mit 1 bis max. 2 Wohnungen).
Aussagekräftig ist so der Anteil der 1-Personen-Haushalte der ab-60-Jährigen an allen Singlehaushal-
ten: Liegt dieser hoch, so deutet dies oft darauf hin, dass die Bebauungsstruktur ursprünglich nicht
für kleine Haushalte angelegt war. Der städtische Schnitt liegt bei 23,4 %. Ein Beispiel ist hier der
Bereich Ringstr. in Hiltrup-Ost mit einem Anteil von 56 % älterer Single-Haushalte. Weitere Begleit-
umstände dürften eine hohe Wohndauer und eine evtl. mangelnde Lageattraktivität für Jüngere sein.
Alle Stadtzellen, die hier hohe Werte (> 40 %) aufweisen finden sich in den Außenstadtteilen. Der
Bereich Aaseestadt sticht ebenfalls heraus (39,9 %).
Jedoch finden sich auch Bereiche, in denen ein erhöhter Anteil Alleinlebender unter den ab-60-
Jährigen mit einem überdurchschnittlich hohen Anteil Einfamilienhäuser zusammenfällt, das sind im
Einzelnen folgende Stadtzellen: 313 Canisiuskloster (hintere Aaseestadt), 511 Alt-Gievenbeck, 523
Sentruper Höhe, 545 Friedensschule (Eingang Mecklenbeck), 621 Alt-Kinderhaus, 632 Idenbrockplatz
sowie 715 Stehrweg und 719 Rosengarten (beide St. Mauritz). Hier wird ein erhöhter Handlungsbe-
darf gesehen, da die Einfamilienhausbebauuung oftmals nicht den Bedürfnissen Älterer entspricht. In
den zentrennahen Lagen mildert sich dies etwas ab.
Erhöhter Pflege - und Unterstützungsbedarf
Besondere Aufmerksamkeit erfordert die Wohnbevölkerung, die bereits 80 Jahre und älter ist, da ab
diesem Alter oft ein erhöhter altersbedingter Pflege und Unterstützungsbedarf eintritt81.
Der Anteil allein lebender 80-jähriger und Älterer an allen 1-Personen-Haushalten beträgt stadtweit
6,6 %, d.h. gar nicht wenige Menschen in Münster (ca. 6.000) leben in diesem hohen Alter allein82. Es
gibt allerdings Stadtbereiche, in denen ein erhöhter Anteil festzustellen ist. Hier ergeben sich gute
Gründe, besondere Aufmerksamkeit auf diese Quartiere zu richten. In den folgenden Stadtteilen liegt
dieser Anteil bei 10 % und höher (s. auch Anh. 2):
81 Vgl. V/0205/2016 Anlage Pflegebedarfsplan 2016-2019, S. 10
82 Die Bevölkerungs-/Haushaltsdaten geben aber keinen Aufschluss, welche familiäre oder sonstige Hilfe und Assistenz sie
schon erhalten, z.B. im Service-Wohnen.
5 Bestandsaufnahme für Münster
79
Tabelle 4: Hohe Anteile 1-Personen-Haushalte der 8o-Jährigen und älter an allen 1-Personen-Haushalten.
Quelle: Stadt Münster
Stadtteil
Anteil 80-Jähriger
und älter an 1-
Personen-
Haushalten
Besonders betroffene Teilbereiche
31 Aaseestadt 11,5 % Bereich Delpstr. (Stadtzelle 311, 19,7 %)
34 Düesberg 9,9 % Bereich Kriegerweg (344, 21,2 %)
46 Rumphorst 11,0 % Bereich Hacklenburg (465, 16,3 %)
61 Coerde 11,6 % Bereich Breslauer Str. (612, 20,6%)
63 Kinderhaus-West 10,0 % Bereich Heidegrund (633, 16,2 %)
68 Sprakel 13,2 % Hauptsiedlungsbereich (681, 14,4 %)
71 Mauritz-Ost 12,0 % Bereich Rosengarten (719, 16,0 %)
77 Handorf 14,0 % Handorf-Süd (774, 19,3 %)
82 Gremmendorf-Ost 10,6 % Bereich Erbdrostenweg (825, 15,3 %)
86 Angelmodde 11,0 % Waldsiedlung (862, 13,5 %)
87 Wolbeck 11,0 % Bereich Schulzentrum (871, 12,7 %)
91 Berg Fidel 11,1 % Bereich Hogenbergstr. (911, 16,7 %)
95 Hiltrup-Ost 11,1 % Bereich Ringstr. (957, 19,6 %)
96 Hiltrup-Mitte 11,1 % Bereich Krankenhaus (964, 11,6 %)
98 Amelsbüren 13,9 % Bereich Sudhoff, (983, 22,2 %)
Ein stark erhöhter Wert findet sich weiterhin in der Sentruper Höhe (523, 16,2 %), erhöhte Werte in
weiten Teilen von Mauritz (452 Pötterhoek, 454 Dechaneischanze) sowie Mecklenbeck (West, Mitte,
Süd – 541, 543, 547)
In ähnlicher Weise stellt sich das Bild für die 2-Personen-Haushalte dar, bei denen beide Bewoh-
ner/innen über 80 Jahre alt sind. Jedoch ist ihre Zahl geringer, nur auf 3,7 % der 2-Personen-
Haushalte trifft dies zu, somit ca. 3.250 Menschen. Es kann davon ausgegangen werden, dass bei
Eintritt von Pflege und Unterstützungsbedarf der einen Person die Partnerin/der Partner altersbe-
dingt das Notwendige nicht allein leisten bzw. organisieren kann.
5 Bestandsaufnahme für Münster
80
Tabelle 5: Anteil 2-Personen-Haushalte der 8o-Jährigen und älter an allen 2-Personen-Haushalten.
Quelle: Stadt Münster
Stadtteil
Anteil 2-Personen-
Haushalte, beide 80-
jährig und älter
Besonders betroffene Teilbereiche
31 Aaseestadt 5,6 % Bereich Delpstr. (Stadtzelle 311, 12,1 %)
34 Düesberg 5,9 %
Bereiche Clemenshospital und Kriegerweg
(341 u. 344, jeweils 8,0 %)
45 Mauritz-Mitte 5,7 %
Bereiche Flüsseviertel/Dechaneischanze
(453, 7,2 %; 454, 6,8 %)
46 Rumphorst 5,3 % Bereich Rumphorstweg (463, 8,0 %)
58 Nienberge 5,0 %
62 Kinderhaus-Ost 6,0 %
Bereiche Alt-Kinderhaus/Im Moorhook
(621, 6,8 %; 622, 7,1 %)
71 Mauritz-Ost 6,3 % Bereich Rosengarten (719, 12,7 %)
82 Gremmendorf-Ost 5,1 % Bereich Angelmodder Weg (826, 6,2 %)
Weitere kleinräumig auffallende Bereiche: Gievenbeck-Zentrum (Stadtzellen 511 und 515, jeweils
5,2 %), Roxel-Süd (572, 5,4 % und 573, 5,2%), Coerde Bereiche Breslauer Str. und Kemperweg (612,
9,3 % und 614, 6,5 %), Kinderhaus Nord-West (außer Brüningheide, 632, 7,7 %, 633, 6,3 %) sowie
Mariendorf und Handorf (762, 7,0 %, 773, 5,5 % sowie 774, 6,0 %)
Abbildung 18: Anteil der Haushalte der 80-Jährigen und älter an allen Haushalten.
Quelle: Stadt Münster
Eine andere Betrachtungsweise zeigt auf, wie hoch der Anteil der 1- und 2-Personen-Haushalte der
über-80-Jährigen an allen Haushalten ist, d.h. in welchem Prozentanteil der Haushalte nur Menschen
5 Bestandsaufnahme für Münster
81
über 80 ohne Jüngere im Haushalt leben83. Dies sind im Münsteraner Durchschnitt 4,5 % der privaten
Haushalte (s. Abb. 20).
Von Interesse ist auch die Frage nach dem Bezug von Pflegegeld, das bei festgestellter Pflegebedürf-
tigkeit ohne Inanspruchnahme von Leistungen ambulanter Pflegedienste ausbezahlt wird. Er weist
hin auf Angehörigenpflege, die aus prinzipiellen, aber auch aus finanziellen Gründen der ambulanten
Pflege durch professionelle Dienste vorgezogen werden kann. Dies findet sich oft in Familien mit
(nichtdeutscher) Migrationsvorgeschichte. Die räumliche Verteilung ist uneinheitlich (s. Anhang 2).
Migration svorgeschichte
18,4 % der Menschen über 60 Jahren in Münster haben eine Migrationsvorgeschichte. Dieser Wert
wird zunächst beständig ansteigen, da auch die Bevölkerung mit Migrationsvorgeschichte altert (vgl.
Abb. 22).
Migrant/inn/en aus dem Ausland kamen verstärkt seit den 1960er Jahren als junge Menschen zum
Arbeiten nach Deutschland. Viele kehrten wieder in die Herkunftsländer zurück. Es ist noch ein recht
neues Phänomen, dass viele Menschen mit Migrationsvorgeschichte in das Ruhestandsalter kom-
men. Das Bild der Bevölkerung internationalen Ursprungs in Münster ist durch die spezifische Be-
schäftigungsstruktur bunter als in den klassischen Industriestädten Westdeutschlands, es gibt eine
Vielzahl von Herkunftsländern, unter denen auch viele EU-Staaten sind.
Abbildung 19: Zu- und Abwanderung national seit 1950.
Quelle: Stiftung Jugend und Bildung - Sozialpolitik.com. Online unter: http://www.sozialpolitik.com/artikel/deutschland-ein-land-der-
zu-und-auswanderer
So leben Ältere mit ausländischen Wurzeln (ohne Spätaussiedler), die 8,4 % der Menschen über 60
Jahren ausmachen, relativ breit verstreut im Stadtgebiet, auch wenn gewisse Schwerpunkte noch in
den Stadtbereichen zu erkennen sind, die als Ankunftsorte Integrationsaufgaben für die Gesamtstadt
83 Die (mutmaßlich sehr seltene) Konstellation, dass 3 oder mehr Menschen über 80 Lebensjahren ohne jüngere Mitbewoh-
ner/innen als ein Privathaushalt zusammen leben, konnte nicht in die Betrachtung mit einbezogen werden.
5 Bestandsaufnahme für Münster
82
übernehmen. Diese sind entweder durch große Mietwohnungsbestände im Geschosswohnungsbau
geprägt wie die Kinderhauser Schleife und Teile von Coerde und Berg Fidel, oder durch (wenige) in-
nenstadtnahe Lagen, wie die Bereiche zwischen Grevener und Steinfurter Str. sowie zwischen Ham-
mer Str. und Friedrich-Ebert-Str. Hier dürften allerdings inzwischen durch verschiedene Aufwer-
tungsprojekte Verdrängungseffekte eingesetzt haben.
Aktuelle Hinweise aus der sozialen Arbeit vor Ort zeigen, dass professionelle Hilfen, insbesondere die
Inanspruchnahme vollstationärer Einrichtungen, für ältere Migranten ausländischen Ursprungs bis-
lang nur selten eine Rolle spielen. Die Angehörigenpflege und auch die intergenerationelle Einbin-
dung sind hier offenbar besonders wichtig.
Eine weitere große Zuwanderergruppe ist ebenfalls in Abb. 21 erkennbar: Gegen Ende der 1980er
Jahre nahm die Zahl der Aussiedler/innen deutscher Familienherkunft aus Staaten des ehemaligen
‚Ostblocks‘ sprunghaft zu. Seit einer gesetzlichen Neuregelung 1992 ist von Spätaussiedlern die Rede;
in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre ebbte der Zustrom ab. Die ältere Bevölkerung, die diesem
vergleichsweise neuen Migrationsphase entstammt, lebt räumlich konzentrierter; neben den ge-
nannten Stadtteilen auch im Gievenbecker Auenviertel, das zu dieser Zeit entstand, und in weiteren
Teilen von Gievenbeck-West.
Es ist anzumerken, dass in der offiziellen Statistik auch Heimatvertriebene, die in Folge der Kriegser-
eignisse ab 1945 auf der Flucht aus ehemaligen deutschen Ostgebieten schließlich nach Münster
kamen, zu den Menschen mit Migrationsvorgeschichte zählen; dies betrifft derzeit (heute) ca. 4000
Menschen oder ca. 6 % der Älteren.
Abbildung 20: Altersaufbau der Bevölkerung Münsters am
31.12.2015.
Quelle: Stadt Münster (2016): Migration in Münster u.
Stadtteilen, S. 2
5 Bestandsaufnahme für Münster
83
Abbildung 21: Anteil der 60-Jährigen und älter mit Migrationsvorgeschichte.
Quelle: Stadt Münster
Armut im Alter
Auch das Thema Armut im Alter ist in einer gesamtstädtischen Perspektive nur schwer abzubilden.
Auf die Risiken mangelnder Teilhabe wurde bereits eingegangen – das Thema Einkommensarmut in
seiner aktuellen Ausprägung lässt sich nur durch einzelne Hinweise eingrenzen: So häufen sich die
absoluten Zahlen der Empfänger von Leistungen nach dem SGB II über 50 Jahren (Hartz IV-
Empfänger/innen) in den Bereichen Coerde (Breslauer Str. und Süd-Ost), Kinderhaus (Brüningheide
und Idenbrockplatz) sowie Angelmodde-Waldsiedlung – für die meisten anderen Stadtzellen sind
diese aus Datenschutzgründen nicht darstellbar. Damit ist zu erwarten, dass, im Sinne der o.g. ‚Kon-
tinuitätsthese‘, die Betroffenen aufgrund von Langzeitarbeitslosigkeit mit dem Eintritt des Ruhe-
stands von Altersarmut bedroht bzw. weiterhin auf Transferleistungen angewiesen sein werden.
Da bald die geburtenstarken Jahrgänge der 1950er und 60er Jahre in den Ruhestand gehen werden,
wird sich nicht nur die relative Zahl der Alten erhöhen, sondern auch die absolute Zahl der Armen
unter ihnen. Ein besonderer Schwerpunkt in der Expertise lag auf der sozialräumlichen Verteilung der
Armutsrisiken. Hier wird betont, dass sich die Langzeitarbeitslosigkeit zum einen in den bekannten
problematischen Vierteln in Altersarmut ummünzen wird und diese zum anderen an unvermuteten
Stellen konzentriert auftauchen wird:
„auch in Kinderhaus-Ost, Angelmodde, Uppenberg, Hiltrup Mitte, Bahnhof, Schützenhof, Geist,
Hiltrup West, Josef, Gremmendorf-West, Hafen und Hansaplatz sind Arbeitslosigkeit und Sozialleis-
5 Bestandsaufnahme für Münster
84
tungsbezug überdurchschnittlich ausgeprägt“ (Anlage 1 zu Vorlage V/0941/2011, S. 9)84. Es ist noch
darauf hinzuweisen, dass die Untersuchung auf Stadtteilebene durchgeführt wurde, d.h. kleinräumi-
ge Extreme in Quartieren werden abgemildert.
Die Verfasser weisen selbst darauf hin, „dass darüber hinaus in Vierteln, die auf den ersten Blick noch
nicht von Altersarmut ereilt wurden, durchaus kleinräumige Konzentrationsprozesse von Altersarmut
in Gang gekommen zu sein scheinen (etwa Martini oder Aaseestadt)“ (Anlage 1 zu Vorlage
V/0941/2011, S. 14).
Aktuellere Abbildung 22: Anteil der 65-Jährigen und älter im Grundsicherungsbezug (GSiG) am 31.12.2015.
Quelle: Stadt Münster
Zahlen liegen über den Empfang von Grundsicherung im Alter vor, dies wird – bezogen auf die Bevöl-
kerung von 65 Jahren und älter – außerhalb von Einrichtungen von 4,3 % in Anspruch genommen (s.
Abb. 24). Dies entspricht 2.063 Personen in Privathaushalten in Münster.
84 Online unter https://www.stadt-muenster.de/sessionnet/sessionnetbi/vo0050.php?__kvonr=2004034065&search=1
5 Bestandsaufnahme für Münster
85
Prognosen
Die letzte kleinräumige Bevölkerungsprognose für Münster wurde 2014 mit dem Zeithorizont 2020
erstellt85. Das Szenario hat sich für den abgelaufenen Betrachtungszeitraum 31.12.2013 – 2015 prin-
zipiell als zutreffend erwiesen, bereinigt man es um den außergewöhnlichen Zuzug von Geflüchteten.
Diese sind zumeist eher junge Menschen und zunächst vorübergehend in den Stadtbereichen unter-
gebracht.
Die Prognose besagt, dass in ganz Münster die Zahl der Älteren ab 60 Jahren um 12,6 % zunehmen
wird. Dabei nehmen die jungen Alten moderat zu (6,6 %), die 80-Jährigen und älter aber um 32,4 %,
also nahezu um ein Drittel. Interessant ist hierbei, dass die Übertritte in die Gruppe der jungen Alten
bzw. das Ruhestandsalter erheblich sein werden – die Gruppe der 60 bis unter-70-Jährigen soll um
22,3 % anwachsen. Insgesamt ergibt sich ein räumlich differenziertes Bild. So wird sich in manchen
Stadtbereichen eine Stabilisierung der Anteile Älterer auf hohem Niveau zeigen, während andernorts
noch eine große Zunahme bevorsteht.
Angebotsseite
An dieser Stelle sollen die für Ältere und ihre Lebensgestaltung relevantesten quartiersbezogenen
Angebote einer Betrachtung unterzogen werden. Angebote mit einer stadtweiten oder regionalen
Bedeutung, die nicht täglich benötigt werden – wie das Informationsbüro Pflege im Gesundheitshaus
oder das Demenzservicezentrum Münster –, fließen hier nicht in die Betrachtung ein.
Tabelle 6: Kleinräumig untersuchte Handlungsfelder (rot markiert, gestrichelt nur ansatzweise).
Quelle: Tabelle 1, verändert
Pflege, Assistenz,
Notfallvorsorge
Soziale Infrastrukturen;
Beratung und Unterstützung Gesundheit und Sport
Lokale Wirtschaft,
Nahversorgung
Gemeinschaft, Nachbarschaft
und Identität Bildung und Kultur
Wohnen im Bestand,
Wohnbauentwicklung
Wohnumfeldgestaltung,
öffentlicher Raum, Freiraum
Mobilität und Verkehr
Auch ambulante Angebote, die prinzipiell stadtweit standortunabhängig verfügbar sind, werden hier
nicht dargestellt. Für eine umfassende Betrachtung des Themas Pflege wird auf den aktuellen Pflege-
bedarfsplan verwiesen.
Im Folgenden werden in Anlehnung an die zuvor definierten Handlungsfelder und auf Basis entspre-
chender Kartendarstellungen (s. Anhang 1) Einrichtungen unter den Oberthemen Begegnung und
Beratung, Pflege und Wohnen, Nahversorgung sowie Verkehr betrachtet. Diese räumlichen Darstel-
lungen beruhen auf den vorgehaltenen Daten verschiedener Stellen der Stadtverwaltung mit unter-
schiedlicher Aktualität und sind als Diskussionsgrundlage, auch zur Klärung zukünftiger Informations-
bedarfe, anzusehen.
85 s. Vorlage V/0637/2014 und Anlagen, insbesondere auch Sonderauswertung Alterungsprozess in Münster. Online unter:
http://www.stadt-muenster.de/fileadmin//user_upload/stadt-
muenster/61_stadtentwicklung/pdf/KBP_2013_2020_Materialien_Senioren.pdf
5 Bestandsaufnahme für Münster
86
Begegnung und Beratung
Vor allem aufgrund häufig bestehender Hemmschwellen, soziale Beratung aufzusuchen, sollten Bera-
tungs- und Begegnungsmöglichkeiten zusammen gedacht werden; hier werden sie gemeinsam be-
trachtet. Die Karte II Begegnung und Beratung (Anhang 1) zeigt eine kleinteilige und umfangreiche
Angebotsstruktur in Münster86.
Zieht man die eingeschränkte Mobilität vor allem hochaltriger Menschen in Betracht, sind Angebote
nicht nur in den Stadtteilzentren, sondern auch in den einzelnen Siedlungsbereichen vonnöten. Auch
wenn die oft genannte anzustrebende ‚Pantoffelnähe‘ der Angebote meistens nicht mit bestimmten
Abständen in Metern verbunden wird, lässt sich sagen, dass eine Distanz von 500 bis maximal 1000
m als Orientierung anzunehmen ist.
Keine Berücksichtigung gefunden haben hier die anlassbezogenen aufsuchenden Angebote, z.B. des
Fachdienstes Senioren und Pflege des Sozialamtes (für Leistungsempfänger/innen) und der örtlichen
Wohlfahrtspflege. Es geht um die Präsenz niedrigschwelliger Angebote vor Ort.
Defizite zeigen sich hier vor allem in den Außenstadtteilen, insbesondere in den kleineren bzw. in
deren peripheren Siedlungsbereichen. Dies betrifft (im Uhrzeigersinn) zunächst Gelmer, Mariendorf
und Dorbaum sowie weite Teile von St. Mauritz, zumal wenn man die Barrierewirkung von Kanal und
Umgehungsstraße berücksichtigt. Auch Wolbeck östlich der Telgter Str. und südlich der Bahnlinie
weist keine Angebote auf, ebenso Hiltrup-Ost.
Im Norden und Südwesten Hiltrups sowie im südlichen Teil von Amelsbüren sind die Angebote rar.
Dies betrifft auch den südlichen Teil von Albachten und Mecklenbeck. In Gievenbeck ergibt sich der-
zeit noch eine Barrierewirkung der ehem. Oxford-Kaserne, deren Überwindung neue Impulse bringen
wird. Es wäre wichtig, auch im Auenviertel spezifische Angebote für Ältere zu entwickeln. In Nienber-
ge und Kinderhaus konzentrieren sich die Angebote stark in den Zentren, im Süden bzw. Osten wäre
hier über Zusatzangebote bzw. Verlagerungen nachzudenken. Häger weist keinerlei Angebote auf.
In die Betrachtung eingeflossen sind, ungewöhnlicherweise, Bäckereien mit angeschlossenen kleinen
Cafés, die erfahrungsgemäß informelle Treffpunkte auch für die Tagesfreizeit von Älteren bilden87
und so soziale Funktionen für das Quartier übernehmen. In den Eingangsbereichen von Lebensmit-
telmärkten scheint es aktuell einen Trend zu geben, die Sitzbereiche rückzubauen und durch Stehti-
sche bzw. Barhockertheken zu ersetzen.
Am Rande des Stadtbezirks Mitte wird ersichtlich, dass sich auch hier vereinzelt Versorgungslücken
auftun. Der Bereich Maikottenweg wurde schon angesprochen, auch der kleine Siedlungsbereich
Haus Lütkenbeck am Gasometer hat keine sozialen Infrastrukturen für Ältere. Weiterhin gibt es Defi-
zite in der südlichen Aaseestadt sowie nordwestlich des Schlosses (Wilhelmstraße/Horstmarer Land-
weg). Einer sehr hohen Dichte von Angeboten im Kreuzviertel steht nördlich des Innenstadtringes im
Bereich Uppenberg wenig gegenüber.
Das Angebot an Gesprächskreisen für pflegende Angehörige sollte in weiteren Quartieren ausgebaut
werden.
86 Der zeitliche Umfang der Angebote kann jedoch nicht abgebildet werden. Teilweise stehen sie nur zweimal im Monat für
wenige Stunden zur Verfügung.
87 Vgl. Diskussion in der Veranstaltung zur Neuerrichtung Lebensmittelmarkt im Zentrum Aaseemarkt zur frühzeitigen Öf-
fentlichkeitsbeteiligung am 03.11.2015, Gemeindezentrum der St.-Jakobus-Kirchengemeinde
5 Bestandsaufnahme für Münster
87
Mobilität und Verkehr
Die beigefügte Kartendarstellung der betrachteten Aspekte (Karte III Verkehr, Anhang 1) zeigt Ver-
kehrsinfrastrukturen, die für Ältere und Menschen mit Pflege- und Unterstützungsbedarf von beson-
derer Relevanz sind:
• Buslinien des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV),
• Bahnhaltepunkte, die den Anschluss an den Hauptbahnhof Münster gewährleisten,
• Taxistände, die die kleinräumige rasche Verfügbarkeit dieses Transportmittels verbessern,
• Tankstellen für PKW mit dem wenig bekannten Assistenzsystem DRS (Dienst-Ruf-System) für
Autofahrer/innen (Teilbereich motorisierter Individualverkehr – MIV) mit Handicap sowie
• Barrierefreie öffentliche Toiletten, die eine Rolle im Fußverkehr spielen (s. auch u. zum The-
ma ‚Sitzrouten‘).
ÖPNV
Die Maßstabsebene lässt es bei dem Busverkehr nicht zu, auf Haltestellenlage und -ausstattung so-
wie Taktzeiten einzugehen88. Dies bedürfte einer besonderen Untersuchung jeweils auf Quartiers-
ebene. Die Umsetzung des 3. Nahverkehrsplanes ab Oktober 2016 lässt weitere Verbesserungen
erwarten.
Das übergreifende Bild zeigt, dass in Münster eine gute Netzabdeckung besteht. Ganz überwiegend
ergibt sich ein Abstand der Siedlungsbereiche zum nächsten Linienweg von max. 500 m. Die tatsäch-
lichen Wege von den Siedlungsrändern zu den Haltestellen sind durch das Straßenlayout und den
Haltestellenabstand teilweise länger. Sichtbare Problematiken ergeben sich nur für vereinzelte peri-
phere Siedlungsbereiche (wie Handorf Bereich Wedemhove) oder wo Barrieren die Wege zusätzlich
verlängern, wie in Teilen von St. Mauritz (Bereich Fliederweg).
Die Andienungsqualität der Linien ist ein Aspekt, der in der Quartiersebene zu thematisieren wäre. Es
kann jedoch festgehalten werden, dass die Taxibusanbindungen, die in einigen randlichen Siedlungs-
bereichen angeboten werden, sich bedingt als probates Mittel der Versorgungssicherheit im Mobili-
tätsbereich erweisen. Die Anforderungen an die Bestellung sind vergleichsweise hoch, auch wird
bisweilen vermisst, dass die Angebote nicht immer verlässlich sind (s. Abb. 23).
88 Auch die Ausstattung der Bahnhaltepunkte wurde nicht geprüft.
5 Bestandsaufnahme für Münster
88
Abbildung 23: Anforderungen bei einer Taxibus-Bestellung.
Quelle: Stadtwerke Münster. Online unter: https://www.stadtwerke-muenster.de/privatkunden/busverkehr/wissenswertes/bus-
taxi/taxibus.html
Der Taxiverkehr mit Haus-zu-Haus-Andienung spielt für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen
ebenfalls eine wichtige Rolle, wenngleich seine Inanspruchnahme die entsprechenden finanziellen
Mittel erfordert. Mobilitätseingeschränkte nehmen Taxis auch für kurze Strecken in Anspruch, die sie
anderweitig nicht bewältigen könnten, und brauchen ggf. Unterstützung beim Transport von Hilfs-
mitteln. Hier gibt es Hinweise, dass dies teilweise bei den Fahrer/innen Unmut erregt, obwohl theo-
retisch keine Mindestentfernung vorgegeben werden darf. Umso wichtiger erscheint es, dass dezent-
ral in den Stadtteilen Taxis mit kurzem Anfahrtsweg zur Verfügung stehen, möglichst von lokalen
Unternehmen. Sie können die Bedürfnisse vor Ort gut einschätzen.
Daher wurde die Verteilung der Taxistände in Münster erhoben, obwohl diese durch die mobile Tele-
fonie weiter an Bedeutung verlieren, insbesondere die Taxirufsäulen. Es wird angenommen, dass
lokale Taxiangebote bei weitgehender personeller Kontinuität der Fahrer/innen auf beiden Seiten die
Akzeptanz der Taxinutzung durch mobilitätseingeschränkte Personen steigern. Die Versorgung mit
ausgewiesenen Taxenständen ist in Münster auch in den Außenstadtteilen gut, mit Ausnahme von
Amelsbüren und Häger.
Es erscheint aber augenfällig, dass ein preiswertes, flexibles und unkompliziertes Tür-zu-Tür-Angebot
als Angebot für alle zwischen dem Behindertenfahr- und dem Taxidienst gegenwärtig noch fehlt.
Motorisierter Individualverkehr
Der motorisierte Individualverkehr (MIV) in Form von privater Pkw-Verfügbarkeit ist für diejenigen,
denen er zur Verfügung steht, ein Garant für Teilhabe und Mobilität. Hier bestehen aber hohe finan-
zielle Hürden, zudem haben ältere Frauen gerade in städtischen Gebieten oft keine Fahrerlaubnis
erworben bzw. diese nicht genutzt und mangels Praxis das Fahren längst aufgegeben, wenn kein
Partner dies mehr übernehmen kann. Oftmals bewegen gesundheitliche Einschränkungen (sei es nur
mangelnde Beweglichkeit für Schulterblick und Rückwärtsfahren) oder leichte Unfälle Ältere dazu,
das Autofahren aufzugeben.
5 Bestandsaufnahme für Münster
89
Das DRS-System für Tankstellen ermöglicht Menschen mit Behinderung und Mobilitätseinschränkun-
gen, Assistenz durch Beschäftigte beim Tanken zu bekommen. Die Darstellung in der Karte III Verkehr
zeigt Ergebnisse einer älteren Erhebung und eine gute Abdeckung in Münster. Das System scheint
aber rückläufig zu sein.
Fußverkehr
Der Fußverkehr wird oftmals lediglich im Zusammenhang mit Naherschließung oder als Freizeitver-
kehr betrachtet. Die Nutzungskonkurrenzen in innerstädtischen Straßenräumen tun ihr Übriges. Die
Stadt Münster ist hier jedoch in jüngerer Zeit aktiv geworden, so wurden mit dem Projekt Wegeket-
ten des Tiefbauamtes mit dem Institut für Geographie der Westfälischen Wilhelms-Universität89 die
Qualitäten wichtiger Wegebeziehungen für Menschen mit Behinderung und Ältere geprüft.
Es ist anzuraten, gerade in der altengerechten, inklusiven Quartiersentwicklung dem Fußverkehr viel
Aufmerksamkeit zu widmen. In gesamtstädtischer Perspektive können hier aber nur begrenzt Aussa-
gen getroffen werden. Gerade der wichtige Aspekt der Ruhepunkte in Form öffentlicher Sitzgele-
genheiten (Bänke) entzieht sich in dieser Maßstabsebene der Darstellung. Der Stadtverwaltung liegt
auch nur für die Innenstadt eine Vollerhebung aller Ruhebänke vor.
Karte III zeigt auch die öffentlichen Toiletten. Diese können gerade für Ältere wichtige Trittsteine
ihrer Routenplanung sein (s.u.). Die Ausstattung ist dünn und konzentriert sich sichtbar auf den In-
nenstadtbereich.
Für zukünftige Erhebungen bzw. Konkretisierungen des Masterplans wird angeregt, Straßenräume
aufzuzeigen, die durch Lärm- und Abgasbelastung für Fußverkehr ungeeignet sind bzw. als Barriere
wirken.
Pflege und Wohnen
Geeignete Wohnmöglichkeiten mit optionaler Pflegeunterstützung sind ein zentraler Zugang der
altengerechten, inklusiven Quartiersentwicklung. Ziel ist es, im Kontext der vertrauten Quartiere
solche zu schaffen bzw. zu sichern. Die Stärkung des Wohnens im eigenen Wohnraum und kleinteili-
ger Angebote wie Wohnprojekte und Wohngemeinschaften soll dabei im Vordergrund stehen, je-
doch sind vorhandene Strukturen ebenfalls wichtig.
Die beigefügte Karte IV Pflege und Wohnen (Anhang 1) basiert auf ähnlichen Darstellungen der Pfle-
gebedarfspläne der letzten Jahre. Sie zeigt die klassischen Einrichtungen der Pflege, also vollstationä-
re Einrichtungen, Kurzzeit- und Tagespflegeangebote, aber auch die neueren Angebote, deren
Schwerpunkt auf dem Wohnen liegt. Dazu zählen hier das Service-Wohnen mit zubuchbaren, unter-
stützenden Leistungen für die Bewohner/innen, dezentrale Demenz- und Pflege-WGs sowie ausge-
sprochene Wohnprojekte für und mit Älteren, in denen neue Formen des Zusammenlebens auspro-
biert werden. Des Weiteren dargestellt sind ‚Demenzgruppen‘, d.h. spezielle verlässliche Tagesange-
bote für Menschen mit Demenz, sog. niedrigschwellige Betreuungsangebote nach § 45b SGB XI. Die-
se entlasten Angehörige deutlich und nehmen in ihrer Bedeutung zu.
Das Bild der räumlichen Verteilung der Angebote zeigt, dass Münster bei den vollstationären Einrich-
tungen der umfassenden Pflege eine ausgewogene Struktur unter leichter Überbetonung des Stadt-
89 Vgl. Stadt Münster – Tiefbauamt: Barrierefreies Bauen. Online unter: http://www.stadt-
muenster.de/tiefbauamt/barrierefreies-bauen.html
5 Bestandsaufnahme für Münster
90
bezirks Mitte hat, der aber auch den Bevölkerungsschwerpunkt bildet. Auffällig sind wenige Einrich-
tungen, die losgelöst von der Siedlungsstruktur solitär im Außenbereich liegen. Im Sinne dieses Kon-
zeptes erfüllen sie nicht die Anforderungen an einen Quartiersbezug und Potenziale gesellschaftli-
cher Teilhabe durch Einbindung in eine lokale Gemeinschaft.
Gelmer, Rumphorst, St. Mauritz, Angelmodde-Dorf, Gremmendorf, Hiltrup-Ost, Amelsbüren, der
Grenzbereich Aaseestadt/Mecklenbeck, Nienberge, Häger und Sprakel lassen dagegen bislang de-
zentrale Wohn- und Pflegearrangements vermissen, stellt man in Rechnung, dass die vorhandenen
Pflege-WGs in Münster bisher fast nur Angebote für demenziell Erkrankte beinhalten. Zu betonen ist
noch eine offensichtliche Unterdeckung der Bedarfe für ‚junge Pflege‘, die sich besonders für neue
dezentrale Formen in lebendigen Vierteln anbietet90.
Es zeigt sich heute ein breites Bild von Angeboten für demenziell Erkrankte, das lokal anhand der
bestehenden Bedarfe zu überprüfen und weiter auszubauen ist. Es ist angesichts der demographi-
schen Prognosen weiter nach Wegen zu suchen, mehr Pflege-WGs quartiersnah und kostenbewusst
zu realisieren. Den Zusammenhang zum vertrauten Wohnort und den Angehörigen zu wahren, ist für
die Erkrankten sehr wichtig. So tun sich noch offensichtliche Lücken im südlichen Stadtbezirk Mitte,
in Coerde, Handorf, St. Mauritz, Hiltrup, Albachten, Roxel sowie Gievenbeck-Zentrum und -
Auenviertel auf.
Im Bereich des flexiblen Service-Wohnens stellen sich einzelne Angebotskonzentrationen dar, so in
Handorf, Wolbeck, Hiltrup und Mecklenbeck, aber auch bislang unterversorgte Bereiche wie Gelmer,
Dorbaum, Rumphorst, St. Mauritz, Hiltrup-Ost, die Aaseestadt, weite Teile von Kinderhaus, Häger
und Sprakel. Bei Siedlungserweiterungen und größeren Vorhaben der Innenentwicklung sollte Ser-
vice-Wohnen integriert werden.
Innovative Vorhaben gemeinschaftlichen Wohnens mit und für Ältere konzentrieren sich bislang pri-
mär auf die innere Stadt und deren Ränder (mit Mecklenbeck und Gremmendorf-Nord). Ausnahmen
bilden hier das bekannte Projekt Bremer Stadtmusikanten in Wolbeck und das gerade fertig gestellte
Vorhaben der Hiltruper Wohngenossenschaft eG. Die Bevorzugung derartiger Angebote ist sicher an
spezifische Lebensstilvorstellungen und etwas Experimentierfreude geknüpft. Es sollte versucht wer-
den, mit den Erfahrungen der modellhaften ersten Projekte gemeinschaftliche Lebensformen mit all
ihren Chancen weiter zu fördern und zu vermitteln, auch in den äußeren Stadtteilen, da sie sich gut in
Einfamilienhausbebauung einfügen.
Nahversorgungsstrukturen
Im Lebensmitteleinzelhandel ist es in den vergangenen Jahrzehnten zu einer Maßstabsvergrößerung
mit einer Verbreiterung und Vertiefung der Sortimente und zu einer Ausrichtung auf wenige Standor-
te, die oft autoorientiert sind, gekommen. Mit Ausnahme der Bäckereien, die durch SB-Backshops
aktuell auch unter Druck geraten, ist es fast zu einem Verschwinden der Fachlebensmittelhändler (für
Gemüse, Fleisch und Fisch) gekommen zugunsten der Vollsortimenter. Dies spiegelt das Preisbe-
wusstsein und veränderte Einkaufsverhalten der meisten Verbraucher, aber auch eine hohe Dynamik
und einen harten Wettbewerb in der Branche. Das Marktgeschehen, zumal die Aufgabe von Standor-
ten, ist mit Blick auf die Versorgungsfunktion des Einzelhandels nur schwer steuerbar. Die Stadtpla-
90 Vgl. auch 2016: Frewer-Gaumann, S. et al. (2016) zu Anregungen zur Verbesserung von Wohn- und Pflegearrangements
für Menschen mit Behinderung, Prozessoptimierung und Beispiel Münster-Hiltrup
5 Bestandsaufnahme für Münster
91
nung kann heute jedoch prinzipiell gut verhindern, dass sich neue abseits gelegene Standorte entwi-
ckeln, die die gewachsenen Zentren weiter schwächen.
Die Karte V ‚Nahversorgung‘ (Anhang 1) zeigt die ausgewiesenen sog. zentralen Versorgungsberei-
che, in denen sich auch großflächiger Einzelhandel etablieren darf, hier unterschieden nach Berei-
chen mit eher gesamtstädtischer (dunkelgrün) und eher lokaler Bedeutung (hellgrün). Das Gesamt-
bild zeigt, dass auch die Grundversorgungs- und Nahbereichszentren keine ausreichende Abdeckung
für eine Versorgung der Menschen mit Mobilitätseinschränkungen in den Quartieren ergeben. Umso
wichtiger sind die zahlreichen Kleinstandorte außerhalb der Zentren für die Quartiere.
Diese dezentralen Geschäftsstandorte verteilen sich sehr unterschiedlich: Während insbesondere in
den urbanen Quartieren wie Kreuzviertel und Südviertel/Geist eine kleinteilige dezentrale Struktur
existiert, überwiegt andernorts, insbesondere in den Außenstadtteilen, eine Konzentration auf die
Zentren. Am deutlichsten wird dies in den ‚Reißbrett‘-Stadtteilen Kinderhaus, Coerde, Berg Fidel und
Aaseestadt, deren städtebauliche Strukturen kaum anderes zulassen. Aber auch in stark durch Ein-
familienhausbebauung geprägten Bereichen wie St. Mauritz und der Sentruper Höhe ist das so.
Augenfällig werden weite Wege zu Versorgungsmöglichkeiten in Handorf-Dorbaum, Coerde, Mauritz
östlich des Rings bis St. Mauritz, Gremmendorf, Teilen von Hiltrup, Albachten-Süd, Teilen von Meck-
lenbeck und Aaseestadt, Roxel, Gievenbeck und Uppenberg, Teilen von Nienberge und Kinderhaus.
Mariendorf, Angelmodde-Dorf und Häger sind unversorgt. Ergänzend gibt es verstreute Hofläden im
Außenbereich. Insgesamt kann die Darstellung keine Aussagen treffen, ob die dargestellten Einzel-
händler den Präferenzen Älterer entsprechen.
Zu betonen ist in dieser Betrachtung auch die soziale Funktion des Einkaufes, der Gelegenheit gibt, in
der Nachbarschaft Bekannte zu treffen und soziale Kontakte aufzufrischen. Ein wichtige Rolle kommt
in diesem Zusammenhang den Wochenmärkten zu, die nicht nur die wichtige Versorgung mit fri-
schen Lebensmitteln gewährleisten können, sondern aufgrund der beschränkten ‚Öffnungszeiten‘
auch die Wahrscheinlichkeit sozialer Kontakte erhöhen; ein lokaler Markt hat auch Eventcharakter
und wirkt identitätsstiftend. Hier, wie im kaum vertretenen mobilen Einzelhandel (Verkaufswagen),
wäre sicher in vielen Vierteln noch mehr möglich.
Karte V zeigt auch die Standorte von Bankdienstleistungen, die sich z.Z. stark im Umbruch befinden.
Manche markierte Filialen aus dieser letzten Erhebung sind bereits in SB-Standorte umgewandelt.
Dies stellt viele Menschen mit Unterstützungsbedarf vor Probleme und ist daher negativ zu beurtei-
len, unterliegt jedoch auch marktwirtschaftlichen Prozessen. Kreative und flexible, z.B. temporäre
neue Angebotsformen sind in Münster noch nicht bekannt.
5 Bestandsaufnahme für Münster
92
5.4 Zwischenfazit I: Hinweise auf S chwerpunktbedarfe
Im Folgenden sollen kurz zusammengefasst die Stadtbereiche aufgezeigt werden, für die sich in der
geschilderten Betrachtung besondere Handlungsbedarfe im Sinne einer altengerechten, inklusiven
Quartiersentwicklung zur Versorgungssicherheit für Menschen mit Pflege- und Unterstützungsbedarf
herauskristallisiert haben.
Räumliche Schwerpunkte
Räumlich und siedlungsstrukturell gesehen haben sich in der Gesamtbetrachtung die periphersten
Münsteraner Stadtteile – darunter die Kleinstadtteile Häger, Sprakel, Gelmer und Mariendorf – bzw.
Teilbereiche an den Rändern dieser Außenstadtteile, die hauptsächlich aus Einfamilienhausgebieten
bestehen, als zukünftige Handlungsschwerpunkte gezeigt. Starke Anteile Älterer an der lokalen Be-
völkerung zeigen sich teilweise im Norden (Kinderhaus-West), verstärkt im Osten der Stadt (Handorf,
St. Mauritz, Teile von Wolbeck, Hiltrup-Ost).
Hinzu kommen Bereiche an den Rändern des Stadtbezirks Mitte ähnlicher Art, die oftmals durch
stadträumliche Großstrukturen ‚vereinzelt‘, d.h. von Nachbarstadtteilen abgetrennt sind, wie Rump-
horst, St. Mauritz-Maikottenweg, Gremmendorf-Lütkenbeck, Düesberg, die südliche Aaseestadt,
Mecklenbeck-Süd, kleinere Siedlungsbereiche zwischen Schloss und Gievenbeck sowie in Uppenberg.
In stark verkleinertem Maßstab trifft dies auch auf die Altstadt zu, wo die Lage aufgrund kleiner Be-
völkerungszahlen in den kleinen und kleinsten Stadtzellen sehr schwierig einzuordnen ist. Eine Reihe
von Wohnungen ist in der Vergangenheit Büros und Praxen gewichen, Nachbarschaften wurden aus-
gedünnt bzw. Aufwertungsprozessen ausgesetzt. Große Gebäudestrukturen, universitäre und Ver-
waltungseinrichtungen durchziehen die Stadtmitte. Dennoch ist sie im Vergleich zu anderen Städten
noch sehr lebendig, sie ist jedoch wegen der starken Spezialisierung vieler Lebensmittelgeschäften (s.
Karte V, Anhang 1) nur bedingt auf die Nahversorgung ausgelegt.
Weiterhin stellt sich in den städtebaulichen Strukturen der ‚Reißbrett‘-Stadtteile der 1960er und 70er
Jahre die Aufgabe, die Angebotsstrukturen nachzubessern. Dies sind Coerde, Berg Fidel, Aaseestadt
und Kinderhaus, welche zu guten Teilen mit ihrer Bewohnerschaft gealtert sind. Hierbei geht es um
die Versorgungsstrukturen und das Angebot an zeitgemäßem Wohnraum mit Service-Leistungen,
aber auch das Thema Mobilität und Qualität/Sicherheit der öffentlichen Räume bei nicht barriere-
freien und undurchsichtigen, veralteten Wegeführungen. Ähnliche Teilbereiche finden sich auch in
anderen Stadtteilen (z.B. Hiltrup-Ost-Emmerbachtal).
Die Zeilenbaugebiete der 1950er Jahre zeigen teilweise ähnliche Mängel (z.B. Rumphorst-Flensburger
Str.).
Zu betonen ist, dass zwar räumlich differenziert in den nächsten Jahren ein Generationenwechsel zu
beobachten sein wird, der die demographischen Strukturen wieder in einem etwas günstigeren Licht
erscheinen lässt. Dieser wird den zahlreichen Älteren und Unterstützungsbedürftigen in den genann-
ten Gebieten mit den benannten Problematiken das Leben aber nicht zwangsläufig erleichtern. Viel-
mehr ist dies als Chance zu begreifen, das intergenerationelle Zusammenleben und neue Nachbar-
schaften mit geeigneten Konzepten zu stärken.
5 Bestandsaufnahme für Münster
93
Thematische Schwerpunkte
Die Relevanz des Themenbereichs Teilhabe/Altersarmut wurde betont. Diese Frage stellt sich überall
in der Stadt, wie Praktiker/innen vor Ort bestätigen, auch im Wohneigentum in den scheinbaren
Wohlstandsinseln, gerade für alleinstehende Frauen. Dennoch zeigen sich räumliche Problem-
schwerpunkte, die in einer zukünftigen Quartiersentwicklung zu berücksichtigen sind, so die bekann-
ten benachteiligten Stadtteile Kinderhaus, Coerde und Berg Fidel. Es zeigen sich aber kleinräumig
weitere Handlungsschwerpunkte, so im Bereich Dreizehner Str./Nienkamp, Gasselstiege, Alter Schüt-
zenhof, Südbad und vor allem in Gievenbeck-Nord und -West. Gievenbeck hat eine recht junge Be-
völkerungsstruktur, was nicht überdecken sollte, dass hier in absoluten Zahlen sehr viele Ältere mit
ihren spezifischen Problemlagen leben, auch im recht jungen Auenviertel.
Die Altersarmutsproblematiken fallen räumlich oft zusammen mit erhöhten Anteilen Älterer mit
Migrationsvorgeschichte, die Zusammenhänge sind bekannt. Zu beachten ist, dass die (Spät-)
Aussiedler/innen teilweise im höheren Alter nach Deutschland kamen und keine ausreichenden Ren-
tenansprüche erwerben konnten.
Viele ältere Menschen mit Migrationsvorgeschichte haben besondere Einschränkungen und Bedürf-
nisse; so definiert die interkulturelle Altenarbeit die Altersgrenze für ältere Menschen mit Migrati-
onsvorgeschichte schon bei 50 Jahren91, weil sie aufgrund eines belastenden Lebens ungünstiger
altern. Das Themenfeld Migration und Alter wird drängender, konnte aber im Rahmen dieser Unter-
suchung noch nicht umfassend erörtert werden: Im Altenhilfesystem tauchen ältere Migranten in
Münster derzeit noch kaum auf, abgesehen von der Beantragung von Pflegegeld und anderen finan-
ziellen Hilfen. Hier sind andere Zugänge zu suchen, primär über die ethnischen Communities, auch
um zunächst die Datenlage zu verbessern.
Ein geeigneter Zugang zu den beiden zuvor genannten Themen bzw. betroffenen Gruppen wäre das
Thema Gesundheit, Ernährung und Bewegung als Handlungsschwerpunkt in den entsprechenden
Gebieten. Prinzipiell kann festgehalten werden, dass sowohl das Thema Armut als auch Migration
und Alter mit gesundheitlichen Risiken in Zusammenhang stehen. Gerade Ernährung und gemeinsa-
mes Essen haben das Potenzial, auch interkulturelle Brücken zu bauen. Auch niedrigschwellige Be-
wegungsangebote bieten gute Chancen. In der Konkretisierung des Masterplans sollte eine Erhebung
von Potenzialen (stadtteilbezogene Bewegungsangebote, gemeinsam mit SSB
92) und sozialräumli-
chen Gesundheitsproblematiken (z.B. Sucht im Alter) erfolgen.
91 vgl. Diskussion Praxiswerkstatt Brückenbauen: Migrantinnen und Migranten im Quartier, Veranstaltung des Landesbüros
Altengerechte Quartiere.NRW am 15.04.2016 in Gelsenkirchen.
92 Die intensive Kooperation mit dem Projekt Bewegt älter werden/Bewegt gesund bleiben des Stadtsportbundes wird fort-
geführt, die Sportstätten-/Angebotserhebung lag bei Redaktionsschluss noch nicht vollständig vor.
5 Bestandsaufnahme für Münster
94
5.5 Zwischenfazit I I: Ansätze der Quartiersentwicklung zur Versorgungssiche r-
heit bei Pflege - und Unterstützungsbedarf in Münster
Die Untersuchung hat auch gezeigt, dass es in Münster recht viele Ansatzpunkte und gute Projekte
mit (potenziellem) kleinräumigem Quartiersbezug gibt, die Ausgangspunkt oder wichtige Bausteine
altengerechter, inklusiver Quartiersentwicklung werden können93. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit
hier folgende Beispiele:
Die Quartiersstützpunkte des Ambulante Dienste e.V.
Die Quartiersstützpunkte verknüpfen in richtungsweisender Art Angebote von Begegnung und Bera-
tung im Nahraum Unterstützungsbedürftiger mit ambulanten Leistungen, die es ihnen ermöglichen,
selbstbestimmt zu leben. Inzwischen gibt es drei Stützpunkte in Gievenbeck-West, im Bereich
Schlachthof/Gartenstraße und neu an der Hammer Str./Alter Schützenhof. Hier wurde die Zusam-
menarbeit mit der Wohn+Stadtbau noch ausgebaut und auf Service-Wohnungen und eine Hausge-
meinschaft erweitert, die den Quartiersstützpunkt als Gemeinschaftsraum mitnutzen kann. Die Ein-
richtungen sind als Ankerpunkt für eine Quartiersentwicklung im Umfeld gut geeignet, einen „Pflege-
kern“ im Sinne der niederländischen Konzepte mit tatsächlicher Versorgungssicherheit in einem Um-
feldradius von mindestens 500 m zu gewährleisten (s. auch Kap. 4 und Karte IV, Anh. 1).
Hausgemeinschaften Nienberge
Die Hausgemeinschaften Nienberge der Caritas CBM im Außenstadtteil Nienberge beinhalten eben-
falls Elemente von Begegnung und Beratung sowie von Wohnen und Pflege. Auch wenn das Konzept
etwas anders angelegt ist, übernimmt die Einrichtung Funktionen für das Umfeld und wurde daher in
der entsprechenden Kartendarstellung als Quartiersstützpunkt ausgewiesen. Dazu gehören ein
Nachbarschaftstreff mit offenem Mittagstisch, eine Demenzgruppe sowie Beratung und Informati-
onsangebote zu Pflege und Alter. Kern des Projektes sind zwei Demenz-Gruppenwohnungen für je
sieben Bewohner/innen mit eigenen, großzügigen Appartments. Auch einige Service-Wohnungen für
Ältere mit geringerem Unterstützungsbedarf gehören zu der Anlage. Das Projekt ist verknüpft mit
ehrenamtlichen Unterstützungsstrukturen im Stadtteil und liegt im Stadtteilzentrum.
Mehrgenerationenhaus und Mütterzentrum MuM , Gievenbeck
Wie aufgezeigt wurde, hat Gievenbeck eine vergleichsweise junge oder ausgewogene Altersstruktur.
Dennoch leben hier sehr viele Ältere, zudem relativ viele Menschen mit Migrationsvorgeschichte. Das
Angebot des MuM richtet sich vor allem an junge Eltern, prinzipiell jedoch an alle Generationen.
Mehrere Mitarbeiterinnen haben eine Qualifikation in der intergenerativen Arbeit erworben. Wichti-
ge Elemente im Sinne einer altengerechten Quartiersentwicklung sind ein täglich geöffnetes Stadt-
teilcafé, eine wöchentliche Seniorenberatung, ein Großeltern-Kind-Angebot sowie ein Angebot für
die Gruppe 50+. Einmal im Monat findet ein Mehrgenerationencafé statt. Es gibt eine Kooperation
mit dem Quartiersstützpunkt Gievenbeck. Das Angebot könnte ein Anker einer stärker altersüber-
greifenden, generationengerechten Quartiersentwicklung werden.
93 Eine systematische Untersuchung aller Pflegeeinrichtungen, ob sie eine solche Rolle für ihr Umfeld übernehmen können,
erfolgte jedoch nicht.
5 Bestandsaufnahme für Münster
95
Cohaus -Vendt -Stift , A ltstadt
Exemplarisch für die vollstationären Einrichtungen umfassender Pflege soll die Initiative des Cohaus-
Vendt-Stiftes in der südlichen Altstadt vorgestellt werden. Im Zuge einer baulichen Umgestaltung
und Erweiterung wurde ein Café mit Beratungsbüro für das Quartier angegliedert, um die Angebote
des Hauses nach außen zu öffnen. Auch ein offener Mittagstisch und Serviceleistungen für die Nach-
barschaft werden angeboten. Die beabsichtigte altengerechte Quartiersentwicklung für das Umfeld
wird konzeptionell sorgfältig vorbereitet. Man kooperiert mit der benachbarten Altenbegegnungs-
stätte Hansahof und weiteren Akteuren im Umfeld.
Starke Quartiersidentitäten und lebendige Nachbarschaften
Eine wesentliche Komponente der altengerechten, inklusiven Quartiersentwicklung stellen das frei-
willige Engagement der Bürgerinnen und Bürger und das Mitwirken der relevanten Akteure in den
Quartieren dar. Es ist denkbar oder vielmehr erwünscht, dass eine Quartiersentwicklung zur Versor-
gungssicherheit für Menschen mit Pflege- und Unterstützungsbedarf auch aus dem Quartier heraus,
sozusagen ‚von unten‘ angestoßen wird. Gute Voraussetzungen gibt es, wenn eine starke Identifika-
tion mit dem Viertel besteht und in Kooperationsstrukturen gepflegt wird. In der Regel wird die Ent-
wicklung des eigenen Quartiers hier kritisch begleitet, z.B. Aufwertungsprozesse oder Veränderungen
in der Einzelhandelslandschaft ebenso wie städtische Planungen. Besondere Angebote und Veran-
staltungen im Jahreskalender werden aus dem Quartier heraus organisiert.
Als Beispiele hierfür können das innenstadtnahe Quartier zwischen Warendorfer Str. (bzw. Stau-
fenstr.), Wolbecker Str. und Ring mit dem jährlichen, ungewöhnlichen 4tel-Fest gelten, das aktuell im
Treffpunkt neben*an ein neues Initiativen-Zentrum gefunden hat. Das Viertel um die Hammer Str.
hat mit dem Südviertelbüro seit fast 20 Jahren einen sozialen und organisatorischen Mittelpunkt, an
dem auch Träger der Wohlfahrtspflege beteiligt sind. Sozio-kulturelle Zentren und dezentrale Bil-
dungsstätten wie das Haus der Familie, die Ev. Familien-Bildungsstätte FaBi, das Anna-Krückmann-
Haus, der SKA-Treff, das Bennohaus, die Alte Apotheke und weitere mit ihrem jeweiligen Akteursum-
feld und ihren Netzwerken (wie dem Arbeitskreis Ostviertel) haben ebenfalls sehr gute Vorausset-
zungen, ihre Angebote im Kontext altengerechter, inklusiver Quartiersentwicklung einzubringen und
ggf. etwas neu zu fassen.
Auch und gerade in den Außenstadtteilen, die gewachsene Identitäten und Nachbarschaften sowie
oft ein hohes Maß an bürgerschaftlichem Engagement aufweisen, bestehen gute Voraussetzungen.
Ein herausragendes Beispiel ist die Stadtteiloffensive Hiltrup e.V., die den Infopunkt-Hiltrup als An-
laufstelle für die Bürgerschaft und den neu entwickelten Kulturbahnhof als sozio-kulturelles Zentrum
mit Identifikationspotenzial betreibt.
Die Vielzahl der kleineren Initiativen und informellen Zusammenschlüsse in den Stadtteilen, z.B. an-
gegliedert an die Kirchengemeinden oder in den Von-Mensch-zu-Mensch-Gruppen, vor allem aber
das Maß der Identifikation mit Stadtteilen und Nachbarschaften konnte nicht systematisch erfasst
werden. Gerade die Zuwanderung und Integration Geflüchteter in den letzten zwei Jahren hat aber
das hohe Maß an Organisationsfähigkeit und Engagementbereitschaft sowie funktionierende lokale
Gemeinschaften in vielen Teilen Münsters belegt. Auch hier ergeben sich Anknüpfungspunkte für
Initiativen der Quartiersentwicklung mit Blick auf Versorgungsicherheit und mehr Lebensqualität für
alle Bewohnerinnen und Bewohner.
5 Bestandsaufnahme für Münster
96
Insgesamt lässt sich festhalten, dass in Münster in den großenteils großstädtisch geprägten Struktu-
ren bzw. geeigneten Zentrenstrukturen in den Stadtbezirken keine gravierenden Versorgungslücken
zu finden sind, wie etwa in peripher gelegenen ländlichen Regionen der Fall. Gleichwohl führen auch
hier gesamtgesellschaftliche und demographische Veränderungen zur Erosion lokaler sozialer Netz-
werke und Tendenzen der Vereinsamung, insbesondere im Alter. Deutliche Handlungsbedarfe gerade
auch zur Inklusion von Menschen mit Behinderungen in ihrem Wohnumfeld bleiben.
Der Blick richtet sich damit auf die Möglichkeiten und Potenziale, diese Entwicklungen mit neuen,
kleinteiligen Ansätzen einer altengerechten, inklusiven Quartiersperspektive aufzufangen, die in
Münster besonders gut erscheinen. Impulse hierzu sollten primär aus den Quartieren kommen.
6 Empfehlungen zum Vorgehen in den Quartieren
97
6 Empfehlungen zum Vorgehen in den Quartieren
Wie zuvor dargestellt, konzentriert sich dieser Masterplan im Wesentlichen darauf, ein Prozessdesign
für das weitere Vorgehen zu entwickeln. Das folgende Kapitel bezieht sich dabei auf die Quartiers-
ebene konkret in Münster94.
6.1 Ein Quartier ‚aufschließ en‘ und Partner gewinnen
Gesetzt den Fall, dass eine altengerechte, inklusive Quartiersentwicklung nicht durch eine vor Ort
ansässige Initiative selbst gestartet wird, ist die Quartiersentwicklerin/der Quartiersentwickler übli-
cherweise ein/e Neue/r im Viertel. Daher muss es zunächst darum gehen, die Gegebenheiten kennen
zu lernen und sich behutsam vertraut und bekannt zu machen, denn es gibt keine ‚zweite Chance für
einen ersten Eindruck‘. Es entspricht auch nicht dem Wesen der Quartiersentwicklung, etwas von
außen in das Quartier hinein zu transportieren, vielmehr gilt es, mit den Menschen vor Ort einen
Prozess in Gang zu bringen und zu halten.
Bestandsaufnahme /Quartiersanalyse
Am Anfang sollte eine fachliche Bestandsaufnahme der Situation vor Ort hinsichtlich der objektivier-
und vergleichbaren Parameter des Quartiers stehen95, die zunächst im Hintergrund erfolgen kann.
Erste Hinweise geben die Stadtteilsteckbriefe sowie zu spezielleren Fragen, zum Beispiel zur Wohn-
dauer der Bewohner/innen, die Veröffentlichungsreihe ‚SMS – Statistik für Münsters Stadtteile‘ des
Amtes für Stadtentwicklung, Stadtplanung, Verkehrsplanung96; weitere Daten können über die An-
sprechpartner/innen in der Verwaltung dort angefragt werden. Die Zusammenstellung von Daten ist
jedoch kein Selbstzweck; oft reichen wenige Indikatoren, die schon die Situation eines Quartiers im
gesamtstädtischen Kontext beschreiben können. Auch die Bestandsaufnahme in diesem Masterplan
(vgl. Kap. 5) gibt Hinweise. Empfohlen wird, folgende Aspekte übersichtlich und in ihrer räumlichen
Lage zusammenzustellen bzw. zu kartieren:
• sozio-demografische Grunddaten und Prognosen möglichst kleinräumig,
• Wohn- und Pflegeangebote (Wohnungsbaugesellschaften, private Vermieter, Pflegedienste),
• die vorhandenen sozialen Angebote im Viertel (also wiederkehrende Veranstaltun-
gen/Beratungstermine etc. mit zeitlicher Verfügbarkeit und deren Orte) für die Zielgruppen
der Quartiersentwicklung,
• weitere Versorgungsangebote wie allgemeine oder zielgruppenspezifische Gewerbe- und
Dienstleistungsangebote (wie Supermärkte, Sanitätshaus),
• Mobilitätsangebote,
• Freizeitangebote, Sport- und Bewegungsmöglichkeiten,
• Besonderheiten (wie stadtweite/regionale Einrichtungen) und Geschichte des Gebietes (hier-
zu sollten auch Medienberichte und z.B. ‚Heimatliteratur‘ herangezogen werden)
• sowie die wesentlichen Akteure der lokalen Gemeinschaft wie die Anbieter der Angebote,
Vereine etc.
94 Die Empfehlungen stützen sich dabei vor allem auch auf die praktischen Erfahrungen der Quartiersentwicklung Hiltrup-Ost
95 In dieser Phase wird üblicherweise auch festgelegt, für welches Quartiersgebiet die Quartiersentwicklung Verantwortung
übernehmen soll, daher wird diese Abgrenzung hier nicht mehr thematisiert.
96 Beides zu finden unter: http://www.stadt-muenster.de/stadtentwicklung/zahlen-daten-fakten.html
6 Empfehlungen zum Vorgehen in den Quartieren
98
Auch Angebote in der Umgebung des Viertels sollten bei sichtbarer Bedeutung miteinbezogen wer-
den. Es ist ferner empfehlenswert, das mittels Daten zusammengesetzte Bild des Viertels frühzeitig
durch eigene Beobachtung vor Ort sowie durch mündliche Informationen Dritter (Bewohner/innen,
Gewerbetreibende/Dienstleister vor Ort, Experten/innen) zu ergänzen.
Dies kann nur ein – wenngleich wichtiger – Grundstock für die weitere Arbeit sein. Denn gerade die
Versorgungssituation ist nur so gut, wie sie von der Bevölkerung wahrgenommen wird. Hier spielt bei
langjährigen Bewohner/innen das Bild der Vergangenheit mit hinein. Auch, ob Angebote passgenau
sind, gilt es zu überprüfen. Weitere Aspekte wie die Qualität und Nutzbarkeit öffentlicher Räume
können folgen. Dies kann nur mit den Menschen geschehen, und mit den geeigneten Methoden (vgl.
Kap. 7). Die Bestandsaufnahme oder Quartiersanalyse sollte also rasch geöffnet und beteiligungsori-
entiert mit Bewohner/innen und Akteuren gemeinsam fortgeführt werden.
Offenheit als Haltung – Akteure mitnehmen
Es ist der Anspruch – und das große Potenzial einer kleinräumigen und offenen Vorgehensweise – in
der altengerechten und inklusiven Quartiersentwicklung möglichst alle Akteure und Gruppen mitzu-
nehmen. Das sollte auch diejenigen einschließen, die nicht von anderen genannt werden, weil es
wenig Kontaktpunkte gibt, also z.B. Migrantengruppen und kleinere Religionsgemeinschaften oder
Wohngruppen von Menschen beispielsweise mit psychischen Erkrankungen. Hier ist es besondere
Aufgabe der Quartiersentwicklung, den Blick zu weiten.
Die skizzierte Frühphase dient der Informationsanreicherung, der Orientierung und auch der Ein-
schätzung der Akteursbeziehungen im Quartier – wie in Organisationen oder Räumen anderer Maß-
stabsebenen gibt es vermutlich vereinzelt Wettbewerb und Konfliktlinien, auf jeden Fall aber eine
spezifische Kultur des Miteinanders. Es ist vermutlich für viele Beteiligte neu, die Ebene Quartier zum
Thema zu machen. Auch die oder der Quartiersentwickler/in weiß noch nicht, wie weit der Prozess
tragen und in welche Richtung er gehen wird. Im Deutlichmachen der Möglichkeiten liegen Chancen,
die Akteure zusammenzubinden.
Obwohl Quartiersentwicklung grundlegend auf die Partizipation der Bürgerinnen und Bürger abzielt,
wird in dieser Phase zunächst davon abgesehen, die breite Öffentlichkeit einzubinden bzw. über die
Medien an sie heranzutreten. Die ersten Schritte setzen darauf, Multiplikatoren und Akteure im in-
tensiven Austausch für die Idee der Quartiersentwicklung zu gewinnen und diese Idee durch sie zu
verbreiten.
Quartiersarbeit ist vor allem auch Netzwerkarbeit. In der Frühphase gilt es, Bedenken auszuräumen,
dass Quartiersentwicklung Fremdbestimmung in den Nahraum der Bewohner/innen und Akteure
bringt. Daher wird auch nicht mehr primär von Quartiersmanagement gesprochen. Ein Quartier ‚von
oben‘ umzugestalten, wäre schon mit den Ressourcen, die die Quartiersentwicklung normalerweise
mitbringt, nicht zu leisten. Umfassende Intervention von außen und von oben kann den Anforderun-
gen an Beteiligung der Bevölkerung nicht entsprechen.
Vielmehr soll es darum gehen, die Potenziale und bestehenden Ansätze in Münsters Quartieren zu
bündeln, Verbesserungsbedarfe gemeinsam herauszuarbeiten und anzugehen. Dazu braucht es die
Bewohner/innen und starke Partner/innen vor Ort. Es wird empfohlen, die ersten Erkenntnisse aus
der Quartiersanalyse mit Schlüsselpersonen im Quartier zu diskutieren und auf diesem Wege sowohl
weitere Hinweise als auch die Akteure für den Prozess zu gewinnen. Unter Schlüsselpersonen sind
6 Empfehlungen zum Vorgehen in den Quartieren
99
diejenigen Akteure und Multiplikatoren zusammenzufassen, die nicht nur für sich selbst sprechen,
sondern eine Organisation oder Gruppe vertreten, als freiwillig Engagierte oder professionelle Kräfte.
Auch exponierte Einzelpersonen wie ein/e Lokalhistoriker/in, (ehemalige) Funktionsträger/innen
oder Prominente aus dem Quartier können dazu gehören.
Interviews mit Schlüsselpersonen
Dies sollte in problemzentrierten, teilstandardisierten Interviews geschehen. Dazu wird aus den ers-
ten Erkenntnissen der Bestandsaufnahme ein Leitfaden entwickelt, der Interviewer/in und Interview-
te durch das Gespräch führt97. Wichtig erscheint, das Gespräch sehr offen zu beginnen, um noch
neue Informationen zu gewinnen, und die Interviewten langsam zu den konkreteren Fragestellungen
zu führen. In Münster Hiltrup-Ost hat sich im Gesprächsaufbau der Dreiklang ‚Gestern-Heute-
Morgen‘ bewährt, also das Gespräch aus einem Rückblick über die Einordnung der gegenwärtigen
Situation hin zu möglichen Entwicklungsansätzen zu führen.
Ein großzügig angelegtes Gespräch gibt dem Formulieren und Nachdenken über oftmals langjährige
Erfahrungen Raum und schafft so auch für die Interviewten einen teils überraschenden Mehrwert.
Oft haben die Akteure zu den ausgemachten ‚ Problemen’ schon ein ‚Man müsste mal…‘ im Hinter-
kopf, das für die Quartiersentwicklung in einem ersten Ideenpool münden kann. Das Gespräch, und
gerade die Urheberschaft von guten Ideen, sind in angemessener Weise zu dokumentieren.
Gruppeninterviews mit Schlüsselpersonen
Personen, die mit klar umrissenem professionellem Auftrag und eher seit kürzerer Zeit im Quartier
sind, bzw. die auch eher gewohnt sind, öffentlich zu sprechen als z.B. ein Einzelhändler oder eine
Apothekerin, können in Gruppeninterviews zusammengeführt werden. Dies bietet sich umso mehr
an, wenn sie einen ähnlichen fachlichen Hintergrund aufweisen, öfter im beruflichen Kontakt stehen,
z.B. in den Arbeitskreisen ‚Älter werden in…‘ und klare Positionen zueinander haben. Hierdurch ent-
steht ein Mehrwert der Interaktion, den Einzelinterviews nicht bieten und der schon bestehende
Netzwerke vertiefen kann. Diese Dynamik kann auch Einzelne, die gegenüber dem neuen Akteur
Quartiersentwickler/in noch zurückhaltender sind, mitnehmen.
In beiden Formen erscheint es wichtig, den Kreis der (potenziellen) Interviewpartner/innen nach
Beginn der ersten Gespräche eine Zeit lang offen zu halten. Es wird empfohlen, sich von den Inter-
viewten im Schneeballprinzip weitere mögliche Gesprächspartner/innen vorschlagen zu lassen. Oft-
mals geschieht das von selbst („Zu dem Punkt könnte Frau XY Ihnen mehr erzählen…“), oder weitere
Akteure melden sich teilweise selbst.
Stadtbezirkspolitik und Verwaltung
Wie zuvor aufgezeigt, ist es das Wesen eines Quartiers, dass es sich üblicherweise nicht in gängigen
Gebietsgrenzen abbilden lässt. Es ist normalerweise kleiner als ein Stadtteil. In der Stadt Münster
werden die lokalen Angelegenheiten durch die Bezirksvertretungen entschieden – oft konsensual –,
Bezirksbürgermeister/innen und ihre Stellvertreter/innen repräsentieren sie. Zu jedem der sechs
97 Diese Methode der empirischen Sozialforschung ist sehr gängig und gut dokumentiert, z.B. bei Reuber, P./Pfaffenbach, C.
2005, S. 129ff.
6 Empfehlungen zum Vorgehen in den Quartieren
100
Stadtbezirke gehören mehrere Stadtteile – nicht jeder Stadtteil muss Vertreter/innen in seine Be-
zirksvertretung entsenden.
Für den Erfolg eines Quartiersentwicklungsprozesses ist es sehr wichtig, geeignete Wege zur An- und
Einbindung der lokalen Politik zu finden. Die politisch engagierten Menschen aus Münsters Stadttei-
len kennen diese oftmals langjährig und sehr gut, sie tragen relevante Themen und Projektideen an
Rat und Verwaltung heran. Es ist wichtig, dass ein Quartiersprozess von dem politischen Willen im
Stadtbezirk mitgetragen wird und bestimmte Meilensteine seine Anerkennung finden. Eine enge
fortlaufende Kommunikation zwischen Quartiersentwicklung und Bezirksvertretung ist daher zu emp-
fehlen.
Des Weiteren wird, schon mit Blick auf die o.g. Zielgruppen, rasch sichtbar, dass auch die altenge-
rechte, inklusive Quartiersentwicklung eine ressortübergreifende Aufgabe ist. Es ist daher unabding-
bar, innerhalb der Stadtverwaltung Kooperationsbereiche zu schaffen, die der Quartiersentwicklung
zur Verfügung stehen (s. Kap. 8). Eine inklusive, kultursensible und generationengerechte Quartiers-
entwicklung ist notwendig. Gefordert ist damit auch ein neues Entwicklungs- und Planungsverständ-
nis. Eine gute Sozialplanung reicht für soziale Quartiersentwicklung und -management alleine nicht
mehr aus. Vielmehr bedarf es einer gemeinsamen Sozial-, Wohnungs-, Quartiers- und Stadtplanung.
Eine kooperative und koordinierte Sozial-, Gesundheits- und generationenübergreifende Planung ist
mit einer Stadt- und Stadtentwicklungsplanung noch konkreter und verbindlicher abzustimmen. Die
Einbindung der zivilgesellschaftlichen Organisationen und Gruppen in die Planungsprozesse sowie die
Zusammenarbeit mit Einzelhandel, Dienstleistungsunternehmen und Wohnungswirtschaft werden
künftig weiter auszubauen sowie in den Quartiers- und Netzwerkprozessen vor Ort zu konkretisieren
sein.
6.2 Kooperationsstrukturen im Quartier
Für die erste Arbeitsphase der altengerechten, inklusiven Quartiersentwicklung ist es relevant, ar-
beitsfähige Kooperationsstrukturen aufzubauen. Nicht überraschend geht es zunächst darum, die
relevanten Akteure und Schlüsselpersonen ‚an einen Tisch zu holen‘. Die Bereitschaft hierzu wird in
den Interviews der Startphase abgefragt.
Dieses Zusammentreffen kann als Konstituierung eines Lenkungskreises betrachtet werden. Die Be-
teiligten kommen hier mit ganz unterschiedlichen Perspektiven zusammen, viele kennen sich noch
nicht. Dazu gehören professionelle Akteure und Ehrenamtliche, Menschen aus verschiedenen Bran-
chen und Berufsfeldern, solche, die Organisations- oder Gruppeninteressen vertreten, oder andere,
die eher durch die private Brille blicken. Hieraus entsteht eine eigene Dynamik, die das Quartier ab-
bildet und mit der die Quartiersentwicklung arbeitet.
6 Empfehlungen zum Vorgehen in den Quartieren
101
Mit Methoden der Gruppenmoderation lassen sich die vorherrschende Problemwahrnehmung (die
aus der Bestandsaufnahme und den Interviews bekannt ist) sowie erste Ziele und Projektideen erfas-
sen und hieraus die drängendsten Handlungsfelder und schließlich erste Arbeitspakete ableiten.
Das weitere Vorgehen, die Etablierung regelmäßiger Zusammenkünfte und weiterer Strukturen,
hängt entscheidend von der Engagementbereitschaft und Herangehensweise, aber auch den Vorlie-
ben der Beteiligten ab. Das noch wenig erprobte Instrumentarium der altengerechten, inklusiven
Quartiersentwicklung ist hier offen, im Sinne eines ‚Empowerment‘ liegen seine Aufgaben im Ermög-
lichen selbstverantwortlichen Handelns. Empfohlen wird für einen solchen Lenkungskreis eine Zu-
sammenkunft im Quartalsrhythmus.
Es ist sinnvoll, nach Interessenlage aus diesem Arbeitskreis heraus Arbeitsgruppen zu bilden, die die
identifizierten Handlungsfelder verantworten und mit fachlicher Unterstützung durch die Quartiers-
entwicklung bearbeiten. Es kann allerdings keine dauerhafte personelle Trag- oder Funktionsfähigkeit
dieser ‚zufälligen‘ freiwilligen Arbeitsgruppen gewährleistet werden. Daher ist zu empfehlen, den
Kreis nicht zu schließen, sondern Vertretungen und Wechsel zuzulassen und rasch eine breitere
Quartiersöffentlichkeit mit einzubeziehen, bestenfalls kann dies bereits mit ersten kleineren Projek-
ten geschehen.
Mit dieser Phase der Konstituierung eines Lenkungskreises und weiterer Strukturen sollte eine inten-
sive Öffentlichkeitsarbeit einsetzen, die nicht nur die Nutzung der klassischen Medien, sondern auch
eigene Medien wie Handzettel im Quartier oder eine Quartierszeitung umfasst, über die die Bewoh-
ner/innen auch mit den Multiplikatoren ins Gespräch kommen können. Natürlich sollte auch die
Quartiersentwickler/in für sie ansprechbar sein, soweit möglich in einem eigenen Quartiersbüro oder
mit verlässlichen Sprechzeiten in einer Partner-Einrichtung vor Ort.
Der konsequente nächste Schritt ist, die Bewohnerschaft im Quartier breit zu beteiligen. Es wurde
bereits darauf hingewiesen, dass es wichtig ist, diejenigen einzubeziehen, die zu den gängigen For-
men der Beteiligung keinen Zugang haben, z.B. weil sie noch nie vor vielen Menschen gesprochen
haben oder inzwischen immobil sind. Hier sind geeignete Formen zu entwickeln, die auch Attraktivi-
tät entfalten, wie z.B. ein Quartiersfest, das Information und öffentliches Diskussionsforum sozusa-
gen ‚huckepack‘ beinhaltet und Quartiersentwicklung und ehrenamtlichen Lenkungskreismitgliedern
viele informelle ‚Tischgespräche‘ ermöglicht.
Im Hinblick auf das Thema Evaluation (s. Ziffer 6.5) und auch eine spätere Verstetigung ist darauf
hinzuarbeiten, mit dem Lenkungskreis, ggf. vertreten durch die Sprecher der Arbeitsgruppen oder
eine eigene Arbeitsgruppe, Ziele oder programmatische Grundlinien zu entwickeln und festzuhalten.
Abbildung 24: Konstituierende Sitzung Arbeitskreis Hiltrup-Ost im
Februar 2016 im Vereinsheim des TUS Hiltrup als Beispiel.
Quelle: Eigenes Bild, Stadt Münster
6 Empfehlungen zum Vorgehen in den Quartieren
102
Dies kann in schwierigen Prozessphasen helfen, festgefahrene Diskussionen auf das Wesentliche
zurückzuführen. Es ist empfehlenswert, Beteiligungsstruktur und Entwicklungsziele sowie Projektvor-
haben früh in einem Quartiershandlungskonzept festzuhalten.
Angeregt wird ferner, Einzelheiten und mögliche Varianten der Projektorganisation als Elemente
eines künftigen Werkzeugkoffers der altengerechten, inklusiven Quartiersentwicklung in Münster
zusammenzustellen und zu entwickeln, z.B. im Rahmen des Arbeitskreises ‚Älter werden in Münsters
Quartieren‘.
Ein Beispiel für die formale Organisation altengerechter, inklusiver Quartiersentwicklung gibt folgen-
des Schaubild:
6.4 Rollenverständnis von Quartiersentwickler/innen
Quartiersentwickler/innen haben vielfältige Aufgaben: Im Alltag sprechen sie Menschen an, beraten,
geben Informationen, nehmen Ideen und Vorschläge auf; sie versuchen kleinere Missstände schnell
zu beheben, sind einfach präsent und haben das Ohr an ihrem Quartier. Sie sind ‚Kümmerer‘ im bes-
ten Sinne, wie dies aus dem Quartiersmanagement bekannt ist.
Wie angedeutet, ist ihre primäre Aufgabe aber die Prozessmoderation und das Netzwerkcoaching mit
fachlichem Hintergrund. Des Weiteren bildet die Quartiersentwicklung eine Schnittstelle zu relevan-
ten Akteuren außerhalb des Quartiers und holt bei Bedarf externe Expertise ein, ggf. auch um Rollen-
konflikte zu vermeiden. Ihre Rolle basiert wesentlich auf dem Vertrauen der Akteure und der Be-
wohnerschaft. Sie berät auch Bürgerinnen und Bürger zu persönlichen Fragen des Lebens im Alter im
Quartier bzw. vermittelt geeignete vertiefende Beratungsmöglichkeiten, z.B. zur Anpassung von
Wohnraum.
Damit wird deutlich, dass die Quartiersentwicklung in ihrer Schnittstellenfunktion Interessen von
innen nach außen, aber ggf. auch von außen nach innen vermitteln muss. Zugleich muss sie eine Viel-
zahl von thematischen und organisatorischen Strängen bündeln und ggf. zwischen widerstreitenden
Interessen im Quartier vermitteln.
Abbildung 25: Organisation altengerechte Quartiersentwicklung in Münster-Rumphorst, eigene Erstellung
6 Empfehlungen zum Vorgehen in den Quartieren
103
Es ist empfehlenswert, die professionell in den Stadtteilen verorteten Akteure der verschiedenen
Träger in Altenhilfe und Sozialen Diensten bestmöglich ‚mitzunehmen‘ und die Quartiersentwicklung
für sie transparent zu machen. Ihr Aufgabenfeld wird sich etwas verändern, und es ist vorzusehen,
dass sie in der Verstetigungsphase nach und nach auch Aufgaben eines Quartiersmanagements
übernehmen können.
Allrounder vs. Unterstützung durch Spezialist/inn/en
Deshalb ist es angeraten und von Fördergebern häufig vorgesehen, bei fachlichen Herausforderun-
gen und (potenziell) konflikthaften Fragestellungen für bestimmte Teilprojekte eine personelle Un-
terstützung hinzuzuziehen, die kein Eigeninteresse im Quartier hat und ggf. mit einer etwas anderen
fachlichen Ausrichtung aufwarten kann. Eine Unterstützung bzw. Entlastung durch andere Modera-
tor/inn/en und eine außenstehende Fachberatung kann im Einzelfall sinnvoll sein. Das kann bedeu-
ten, dass für die Planung eines Wohnbauprojektes oder eine Straßenraumumgestaltung eine externe
Moderation hinzugezogen wird, die große Erfahrung mit dem Herausarbeiten zielgruppenspezifischer
Bedürfnisse, Bürgerbeteiligung im Baubereich und deren Umsetzung in eine Planung hat.
Auch ist es anzustreben, im Rahmen des Netzwerkcoachings freiwillig Engagierte weiterzubilden, um
Workshops und Sitzungen selbst zu moderieren. Dies kann auch eine unabhängige Willensbildung
der Bürger/innen stärken.
Inklusive Beteiligungsstrukturen
Weiterhin wird es als nötig erachtet, spezifische qualifizierte Beteiligungsangebote für Gruppen an-
zubieten, die besonders einzubinden sind, also z.B. muttersprachliche Workshops mit älteren Mig-
rantinnen und Migranten oder Kleingruppenarbeit mit Menschen mit Behinderung. Hier liegen in der
Stadt Münster, ihren Gremien und Hochschulen sehr gute Voraussetzungen vor, um mit Fachleuten
neue Formen zu entwickeln und anzuwenden. Aufgabe der Quartiersentwicklung ist es, diese Ergeb-
nisse in den Prozess einzubringen.
Sichergestellt sollte sein, dass größere Beteiligungsformate, die breite Bevölkerungskreise anspre-
chen sollen, niedrigschwellig und barrierefrei gestaltet sind, also u.a. räumlich gut zugänglich und in
möglichst einfacher Sprache. Eine aufsuchende Aktivierung ist sehr sinnvoll. Beteiligung kann auch
vorab geübt werden, z.B. im vertrauten Seniorenkreis oder in der Nachbarschaft zu einem über-
schaubaren Thema aus dem Alltag98. Hier kann auf die Erfahrungen mit dem Projekt SoPHiA99 in
Hiltrup zurückgegriffen werden. Im Arbeitskreis „Älter werden in Hiltrup, Amelsbüren und Berg Fidel“
wirken nun auch Einrichtungen der Behindertenhilfe mit.
98 Vgl. z. B. Stadt Hamburg 2014: „Alles inklusive!“ Leitfaden zur Beteiligung in der integrierten Stadterneuerung. Online
unter: http://www.hamburg.de/contentblob/4327560/data/leitfaden-rise-beteiligung-pdf-download.pdf
99 Schäper, Sabine; Dieckmann, Friedrich; Rohleder, Christiane - Forschungsprojekt: SoPHiA, Sozialraumorientierte kommu-
nale Planung von Hilfe-und Unterstützungsarrangements für Menschen mit und ohne lebensbegleitende Behinderung im
Alter. Online unter: http://www.katho-nrw.de/muenster/forschung-entwicklung/schaeper-sabine-dieckmann-friedrich-
rohleder-christiane-forschungsprojekt-sophia-sozialraumorientierte-kommunale-planung-von-hilfe-und-
unterstuetzungsarrangements-fuer-menschen-mit-und-ohne-lebensbegleitende-behinderung-im-alter/
6 Empfehlungen zum Vorgehen in den Quartieren
104
6.5 Evaluation – Ziele und Rahmenbeding ungen im Blick behalten
Zur Sicherung und Weiterentwicklung der altengerechten, inklusiven Quartiersentwicklung in Müns-
ter ist es von Belang, die Tragfähigkeit der Vorgehensweise und deren Effekte laufend zu reflektieren
und zu überprüfen. Das bindet allerdings Ressourcen und die Umsetzung ist anspruchsvoll, weil es
zumeist um Effekte geht, die sich nur bedingt bzw. aufwändig quantifizieren lassen. Im Gegensatz z.B.
zum Bund-Länder-Programm Soziale Stadt oder energetisch-baulichen Ansätzen der Quartierserneu-
erung ist es schwer, einen ‚Output‘ wie die Zahl der in Arbeit gebrachten Jugendlichen oder der ener-
getisch optimierten Wohneinheiten nachzuweisen. Effekte werden sich zumeist auch erst mittelfris-
tig zeigen; so dient Evaluation auch der Vorbereitung rückblickender Betrachtung nach Projektab-
schluss.
Aus Ressourcengründen wird vorgeschlagen, eine kompakte, individuelle Selbstevaluation zu konzi-
pieren, die die im Quartier vereinbarten Ziele und in einem Quartiersentwicklungskonzept identifi-
zierten schwerpunktmäßigen Handlungsfelder sowie die Prozessqualität in den Blick nimmt100. So
kann ein kompaktes Zielsystem mit wenigen Zielindikatoren aufgestellt werden. Dazu kann gehören,
wie viele Bewohner/innen mit Veranstaltungsangeboten erreicht wurden und ob intergenerationelle
Vernetzungen entstehen. Zur Prozessqualität gehört allerdings auch, Offenheit für sich auftuende
Gelegenheiten und Themenfelder zu bewahren.
Kontextindikatoren beschreiben sozusagen den Hintergrund und die Rahmenbedingungen der Arbeit,
wie Altersstruktur und Wohnungsbestand des Quartiers. Ihre Dokumentation bzw. regelmäßige Fort-
schreibung kann auf die Bestandsaufnahme (und die entsprechenden Ausführungen dieses Master-
plans) aufsetzen und das Projektumfeld beleuchten. Hierzu kann interne (Stadtverwaltung) oder ex-
terne (wiss. Begleitung, Studierende) Unterstützung zur Konzeption und Durchführung integriert
werden, etwa für Akteursinterviews.
Die Evaluation sollte somit darauf abzielen, den Engagierten im Quartier und Akteuren im Umkreis
der Quartiersentwicklung Entwicklungen aufzuzeigen und Geleistetes zu dokumentieren. Ferner soll-
te Gelegenheit gegeben werden, mit Kolleginnen und Kollegen aus anderen Kommunen, primär im
Netzwerk des Landesbüros Altengerechte Quartiere.NRW, über Evaluationsmöglichkeiten zu beraten.
Die Evaluationen und Kontextindikatorenberichterstattung der Projekte der altengerechten, inklusi-
ven Quartiersentwicklung in Münster gehören zur Konkretisierung dieses Masterplans.
100 Zur Entwicklung von Zielsystemen s. ILS NRW (Hg.) (2004): Handbuch Zielentwicklung und Selbstevaluation in der Sozia-
len Stadt NRW. Reihe ILS NRW 194. Dortmund, S. 13. Online unter: http://www.bezreg-
duesseldorf.nrw.de/planen_bauen/staedtebaufoerderung/service/Soziale_Stadt-
Handbuch_Zielentwicklung_und_Selbstevaluation.pdf
6 Empfehlungen zum Vorgehen in den Quartieren
105
6.6 Verstetigung
Die Laufzeit der geförderten Projekte zur altengerechten, inklusiven Quartiersentwicklung ist relativ
kurz, sie beträgt in der Regel drei Jahre. Wie auch dieser Masterplan aufzeigt, ist das gesamte Vorge-
hen auf die Stärkung und Schaffung von Netzwerken gerichtet, die sich auf das fragliche Quartier
beziehen, und auf die Aktivierung der Bewohnerinnen und Bewohner und lokaler Akteure für ihr
Viertel. Ein solches Vorgehen wäre nicht vollständig ohne die Klärung der Frage, wie die erreichten
Ergebnisse zu erhalten sind, aber auch der weitere Prozess der Quartiersentwicklung dauerhaft zu
implementieren ist. Dieser Anspruch wird unter dem Begriff ‚Verstetigung‘ geführt.
Erfahrungen hierzu liegen aufgrund der relativ jungen Vorgeschichte der altengerechten, inklusiven
Quartiersentwicklung noch nicht vor. Folgendes ist also vorläufig als fachlich begründete Anregung zu
verstehen:
Institutionalisierung – Quartiersvereine gründen
Ein besonderes Gewicht kommt dem dauerhaften Erhalt der wesentlichen Elemente der geschaffe-
nen Beteiligungsstrukturen (s. Kap. 6.4) als tragende Säulen der Verstetigung zu. Hier wird ange-
strebt, frühzeitig im Prozess die Gründung von Quartiers- oder Nachbarschaftsvereinen anzuregen,
wie sie vielerorts in Deutschland und Europa existieren (s. Kap. 4). Dies muss sorgsam mit den Akteu-
ren und der Bewohnerschaft auf den Weg gebracht werden, und es sollte ein zentraler Vereinszweck
gefunden werden, wie die Trägerschaft eines Dorfgemeinschaftshauses oder die Ausrichtung wieder-
kehrender Veranstaltungen im Jahreskalender. Dem liegt die Annahme zugrunde, dass eine Versteti-
gung abseits des formalen Rahmens eine substantiell-inhaltliche Dimension umfasst: Voraussetzun-
gen für eine erfolgreiche Verstetigung sind, dass die Zielrichtung, die Rahmenthemen und die Aufga-
benstellungen altengerechter, inklusiver Quartiersentwicklung konkret und aus der Sicht der han-
delnden Akteure relevant sind bzw. bleiben. Dies kann als essentiell für den dauerhaften Erhalt einer
solchen bürgerschaftlichen Trägerschaft gelten. Es hilft natürlich, die bestehenden Vereine vor Ort
und ihre Verantwortlichen mit einzubeziehen. Mitunter kann es einfacher sein, an bestehende bür-
gerschaftliche Organisationen anzudocken, z.B. als eigenständige Abteilung. Dabei muss der Zweck
ausdrücklich und formalisiert sein. So muss für die Förderung einer Begegnungsstätte eine juristische
Person als Förderempfänger benannt werden können.
Bleibende Verantwortung der Stadt Münster für die Quartiere
Festzustellen ist, dass es auch nach dem Ende der Prozessphase für eine Verstetigung weiter gehen-
der Aktivitäten seitens der Stadt Münster bedarf. Diese Erkenntnis resultiert aus den Praxiserfahrun-
gen ähnlich gelagerter Programme. So hält eine Broschüre des Landes Nordrhein-Westfalen fest:
„Gleichzeitig liegt es auf der Hand, Verstetigung nur im Zusammenspiel von Quartiers- und Verwal-
tungsebene realisieren zu können. Den Verwaltungen mit ihren unterschiedlichen Fachressorts kommt
die zentrale Aufgabe zu, Möglichkeiten der Übernahme von Projekten in die kommunale Regelfinan-
zierung zu prüfen oder Konzepte für ihre wirtschaftliche Eigenständigkeit zu entwickeln, lokale Ak-
teursstrukturen auch weiterhin vor allem personell zu unterstützen, die Beteiligungsbereitschaft vor
Ort unter anderem durch die Bereitstellung von Verfügungsfonds aufrechtzuerhalten und generell
alternative Fördermittel (aus anderen Programmen) […] für die Gebiete zu akquirieren. Ohne diese
(kontinuierliche) Unterstützung der Verwaltungsebene sind die Akteure und Institutionen vor Ort –
6 Empfehlungen zum Vorgehen in den Quartieren
106
unter anderem Quartiersbewohner/innen und ihre Vereine, Mitarbeiter/innen sozialer Einrichtungen
(Kitas, Schulen, Jugendeinrichtungen, Nachbarschaftszentren), lokale Gewerbetreibende und Unter-
nehmen, Kirchen bzw. Religionsgemeinschaften, Akteursnetzwerke – nur selten in der Lage, Projekte
und Strukturen eigenständig aufrechtzuerhalten“101.
In Münster bestehen gute Erfahrungen mit der Verstetigung im Rahmen der Sozialen Stadt. Mit Ab-
schied der Quartiersentwicklung aus einem Gebiet muss entschieden sein, welche Aufgaben und
Angebote wie fortgeführt werden. Prinzipiell muss sichergestellt werden, dass die bisherige Anbin-
dung des Quartiers an die Verwaltung und stadtweite Netzwerke durch die Quartiersentwicklung zu
relevanten Teilen erhalten bleibt. Sie sollte an konkrete Ansprechpersonen der Verwaltung überge-
hen, die auch die stadtweite Ebene der Quartiersentwicklung (vgl. Kap. 8) koordinieren. Auch eine
Nachevaluation bzw. ein fortlaufendes Monitoring der Kontextindikatoren im ausgelaufenen Projekt-
gebiet sollten von dieser Stelle aus geleistet werden.
Quartiersmanagement
Der Part, der nach Ende des Quartiersentwicklungsprozesses im Quartier bleibt, soll primär durch die
geschaffenen ehrenamtlichen Strukturen getragen werden. Es ist aber auch zu gewährleisten, dass
die Kümmerer-Funktion und ortsnahe Beratung, die die Quartiersentwicklung aufgebaut hat, zumin-
dest in Teilen weiterhin gegeben ist. Da die Quartiersentwicklung auch beinhaltet, die vorhandenen
Angebotsstrukturen, z.B. der stadtteilbezogenen sozialen Arbeit, zu sichten und mit den Zielgruppen
zu justieren und weiterzuentwickeln, bestehen hier Ansatzpunkte: Es ist möglich, geschaffene oder
vorhandene Gemeinschaftseinrichtungen und Anlaufpunkte als Plattform für ein dauerhaftes Quar-
tiersmanagement102 zu nutzen, das mit fachlicher Expertise den Prozess weiterhin begleitet und neu
Geschaffenes sichert.
Konzepte hierzu sind mit den beteiligten Trägern in einer stadtweiten Perspektive zu entwickeln und
mit den bürgerschaftlichen Organisationen vor Ort angepasst umzusetzen. Zu verweisen ist dabei
noch einmal auf das Beispiel der Niederlande, wo die Kommune den Bürgervereinen Gemeinwesen-
arbeiter/innen stellt (s. Kap. 4)
.
101 MWEBV NRW (2011): Verstetigung integrierter Quartiersentwicklung in benachteiligten Stadtteilen in Nordrhein-
Westfalen, S. 16. Online unter: https://broschueren.nordrheinwestfalendirekt.de/broschuerenservice/mbwsv/verstetigung-
integrierter-quartiersentwicklung-in-benachteiligten-stadtteilen-in-nordrhein-westfalen/891
102 Quartiersmanagement ist kein feststehender Begriff. Im Sinne dieses Masterplans soll das Quartiersmanagement als eine
längerfristig angelegte stabilisierende Maßnahme vor Ort ohne größere Interventionen in der Nachfolge von Quartiersent-
wicklung verstanden werden, vgl. auch Kamp-Murböck 2006, S. 49 zu verschiedenen Begriffsinterpretationen.
7 Maßnahmenspektrum in den Quartieren
107
7 Maßnahmenspektrum in den Quartieren
Wie zuvor bereits ausgeführt, widerspricht es den Grundideen der altengerechten, inklusiven Quar-
tiersentwicklung, vorgefertigte Konzepte und Lösungen in die Viertel zu tragen. Quartiersentwicklung
ist, wie verschiedene Quellen betonen, ‚lokale Maßarbeit‘, sie dockt an die Problemwahrnehmung
der Bewohnerinnen und Bewohner an, um mit ihnen Wege zu finden und das Machbare auszuloten.
Daher ist es nicht Absicht, an dieser Stelle Standardlösungen und Checklisten zu konzipieren. Gleich-
wohl sollen hier kurz Projekt- und Maßnahmenansätze zusammengestellt werden, die in der frühen
Phase eines Quartiersprozesses hilfreich sein können, weil sie rasche Erfolge für die Beteiligten brin-
gen und in besonderer Weise helfen, breitere Teile der Bewohnerschaft einzubinden, aber auch die
Außenwirkung des Prozesses verstärken können. Zudem können sie als Gradmesser der Akzeptanz
für den Quartiersprozess und als Grundlage der Nachsteuerung dienen.
Welche Handlungsfelder tatsächlich in einem Quartier aufgeschlossen werden, deutet sich zwar in
der Vorphase des Projektes an (s. 6.1, s. auch Kap. 5.3), entscheidet sich aber erst vor Ort mit den
Beteiligten.
7.1 Grunde mpfehlungen – Schwerpunktsetzungen für Quartierstypen
Die Agenda für eine altengerechten, inklusiven Quartiersentwicklung zur Versorgungssicherheit für
Menschen mit Pflege- und Unterstützungsbedarf wird vor Ort unter Beteiligung der lokalen Bevölke-
rung und Akteure gemacht. Jedoch gibt es jeweils spezifische Anlässe, das Vorhaben aufzunehmen
und auch unterschiedliche Potenziale. Angelehnt an das Landesprogramm Altengerechte Quartie-
re.NRW wird nicht empfohlen, alle Handlungsfelder abzudecken, sondern mit Blick auf das als not-
wendig Erachtete und Machbare zu agieren. Unter Bezug auf Kapitel 5.4 bedürfen je nach Ausgangs-
lage aber wahrscheinlich folgende Handlungsfelder besonderer Beachtung:
Außensta dtteile
Die aufgezeigten Areale mit heute recht ‚alten‘ demographischen Strukturen und schmaleren Infra-
strukturen sind in der Regel durch Einfamilienhausgebiete der 1960er und 70er Jahre geprägt, also
durch die seinerzeitige Suburbanisierungswelle, die im Zusammenhang mit der wachsenden Pkw-
Verfügbarkeit stand.
Heute ist daher oft die Sicherstellung der Mobilität angesichts weitläufiger Siedlungsbereiche von
besonderer Bedeutung. Die Umwelt- und Freiraumqualität ist oft gut, auch wenn Gemeinschaftsflä-
chen teilweise zugunsten privater Gärten vernachlässigt wurden. Bewegungsangebote in der nahen
Landschaft sind gut machbar. Die Tragfähigkeit und städtebauliche Integrierbarkeit neuer sozialer
Infrastrukturen, beispielsweise von Begegnungsstätten oder von Einrichtungen der Pflege, ist zu
prüfen. Die wichtige Stärkung lokaler Gemeinschaften braucht jedoch Anlässe und Orte für
Zusammenkünfte, die bestenfalls konfessionell neutral und offen gestaltbar sind. Die Nachnutzung
von Flüchtlingsunterkünften in wenigen Jahren kann geprüft werden. Essentiell sind neue Wohnan-
gebote mit Service-Unterstützung in den Quartiersteilen nahe zu Nahversorgungszentrum und ÖPNV
sowie flankierende ‚weiche‘ Maßnahmen im Bestand wie Hilfen zum barrierearmen Umbau und bei
der Bewirtschaftung der Häuser (haushaltsnahe Dienstleistungen). Häufig wird es nahe liegen, die
Nahversorgung zu stärken, z.B. durch nachbarschaftliche Einkaufsgemeinschaften, ggf. experimentell
7 Maßnahmenspektrum in den Quartieren
108
mit neuen Mitteln wie einem DORV-Laden103. Die lokalen Unternehmen wie Bauernhofläden sollten
einbezogen werden.
Stadtteile am Rande des Stadtbezirk s Mitte, ‚Insellagen‘
Wie aufgezeigt werden konnte, finden sich auch an den dünner besiedelten Rändern des Stadtbezirks
Mitte Problematiken und Handlungsanlässe für die Quartiersentwicklung, die denen in den Außen-
stadtteilen teilweise ähnlich sind. Unterversorgung gibt es vor allem, wo stadträumliche Großstruktu-
ren wie Verkehrswege oder Gewerbegebiete größere oder kleinere Quartiere von benachbarten
Stadtbereichen und deren Ausstattung abtrennen. Diese klare Abgrenzung ist aber auch als Chance
für die Stärkung der raumbezogenen Identität und lokaler Gemeinschaften anzusehen. Die sozialen
Netzwerke und Akteursstrukturen sind hier zentrales Thema. Die verkehrliche Anbindung nach au-
ßen ist oft gut, kleinräumige Mobilität und Zugänge zum Freiraum teilweise erschwert durch städte-
bauliche Barrieren und unattraktive öffentliche Räume. Die Tragfähigkeit für soziale Infrastrukturen
und die Nahversorgung im Quartier ist teils schwierig. Hier bedarf es sichtbarer Impulse des Auf-
bruchs, da die Gebiete sich teils als ‚abgehängt‘ betrachten, und maßgeschneiderter lokaler Lösun-
gen.
‚Reißbrettstadtteile‘
Dass ‚geplante‘ Stadtteile, die im Kern aus Hochhaussiedlungen der 1960er und 70er Jahre bestehen,
teils recht junge Altersstrukturen haben, sollte nicht darüber hinweg täuschen, dass viele Ältere hier
leben und oft seit langer Zeit verwurzelt sind. Es bieten sich gute Möglichkeiten, sie – unter Beach-
tung ihrer finanziellen Möglichkeiten – im Quartier mit adäquaterem Wohnraum zu versorgen, z.B.
durch Nachverdichtung oder Ersatzneubau. Die aktuelle Errichtung seniorengerechter Wohnungen in
Kinderhaus-Brüningheide kann so gesehen als vorbildhaft gelten. Der Sammelbesitz durch wenige
Wohnungsgesellschaften als zentrale Akteure kann eine Chance sein, wenn sie über das reine Woh-
nungsangebot hinaus auch an Gemeinschaftsaspekten mitwirken wollen. Die unflexiblen, fast rein
auf das Wohnen ausgelegten, städtebaulichen Strukturen erleichtern allerdings nicht die Integration
sozialer Infrastrukturen und die Erneuerung adäquater Nahversorgung. Sie ermöglichen teils auch
keine barrierefreie Mobilität im Quartier. Die periphere Lage erfordert eine gute Anbindung und
Binnenversorgung durch den ÖPNV. Die hohe Bevölkerungsdichte erleichtert die Quartiersentwick-
lung, dabei sind Aspekte von Altersarmut und Teilhabe sowie interkulturelle Ansätze zu beachten.
‚Lebendige Innenstadtquartiere‘
Die Quartiere um den Innenstadtring im Norden, Osten und Süden des Promenadenrings bieten in
ihrer Ausstattung mit Nahversorgungs-, Kultur- und Bildungseinrichtungen sowie verkehrlichen und
sozialen Infrastrukturen beste Voraussetzungen für ein Leben im Alter und bei Unterstützungsbedarf.
Die Handlungsnotwendigkeiten werden dementsprechend hier weitaus geringer eingeschätzt. Jedoch
ergibt sich hieraus eine hohe Dynamik im Wohnungsmarkt mit Ersatzneubauten und aufwändigen
Sanierungen im Bestand. Primäres Anliegen muss es hier sein, die Älteren als berechtigte ange-
stammte Bewohnergruppe wahrzunehmen und ihnen den Verbleib in ihrem Quartier zu ermögli-
chen. Intergenerative Angebote sollten ausgebaut werden.
103 Vgl. DORV-Zentrum GmbH: Konzept / Idee „Dienstleistung und Ortsnahe Rundum Versorgung“. Online unter:
http://www.dorv.de/konzept---idee/index.php
7 Maßnahmenspektrum in den Quartieren
109
Altstadtquartiere
Die Altstadt hat ihre Wohnfunktion in der Vergangenheit weitgehend eingebüßt; die Wohnquartiere
sind verinselt. Sie sind heute hauptsächlich durch verbliebene Ältere geprägt sowie mutmaßlich Stu-
dierende mit geringen Ansprüchen (bei hoher Fluktuation), die die Lage zu den Hochschuleinrichtun-
gen schätzen. Der Wohngebäudebestand ist zu Teilen veraltet und nicht altengerecht. Die Bereiche
Kultur und Bildung sind auf sehr hohem Niveau besetzt. Es gibt zeitgemäße Einrichtungen der Pflege,
die in ihr Umfeld ausstrahlen sowie, zum Beispiel mit dem Hansahof, Stätten für Begegnung und
Beratung. Für den täglichen Bedarf geeignete Einrichtungen der Nahversorgung gibt es, abgesehen
von Bäckereien, nur vereinzelt und im höheren Preissegment; der letzte Lebensmitteldiscounter hat
kürzlich geschlossen. Die Akteure, z.B. des Einzelhandels, nehmen zumeist eine gesamtstädtische
Perspektive ein. Am Promenadenring zeigen sich Aufwertungsprozesse des Wohnens, die sich ange-
sichts der Bodenpreise im Geschäftszentrum fortsetzen dürften. Es kann als grundlegende Fragestel-
lung angesehen werden, ob im Nutzungsmix der Innenstadt die Wohnfunktion für breite Schichten
erhalten werden soll.
7.2 Projektempfehlungen für verschiedene Handlungsfelde r
Der Masterplan Altengerechte Quartiere.NRW sieht vier Handlungsfelder vor, die einen Querschnitt-
scharakter aufweisen, sie tragen den zahlreichen Querbezügen in der Quartiersentwicklung Rech-
nung. Um eine größere Differenzierung für die Arbeit vor Ort zu erreichen, sollen an dieser Stelle
zusätzlich die bereits in Tabelle 1 dargestellten, umfassenderen Handlungsfelder für Münster heran-
gezogen werden:
Tabelle 7: Sachliche Handlungsfelder für Maßnahmen in der altengerechten, inklusiven Quartiersentwicklung. Quelle: Tabelle 1
Pflege, Assistenz,
Notfallvorsorge
Soziale Infrastrukturen;
Beratung und Unterstützung Gesundheit und Sport
Lokale Wirtschaft,
Nahversorgung
Gemeinschaft,
Nachbarschaft und Identität Bildung und Kultur
Wohnen im Bestand,
Wohnbauentwicklung
Wohnumfeldgestaltung,
öffentlicher Raum, Freiraum Mobilität und Verkehr
7 Maßnahmenspektrum in den Quartieren
110
Das Folgende ist als Ideenkoffer zu verstehen für mögliche Maßnahmen in der konkreten Quartiers-
entwicklung. Gerade in der Startphase, wenn mit raschen, gut umsetzbaren ersten Maßnahmen Im-
pulse gesetzt werden sollen, kann dieser Pool hilfreich sein. Er basiert im Wesentlichen auf beste-
henden Projektbeispielen in Münster und Empfehlungen des Landesbüros Altengerechte Quartie-
re.NRW („Modulbaukasten“104).
I. Handlungsfeld Soziale Infrastrukturen, Beratung, Unterstützung
In Münsters Stadtteilen findet sich im Regelfall ein gutes dezentrales Angebot an sozialer Unterstüt-
zung, z.B. in Form von Beratungsstellen und der stadtteilbezogenen sozialen Arbeit. Die Fachkräfte
sind zumeist gut miteinander vernetzt und können bei spezifischeren Fragestellungen an andere Ein-
richtungen weiterverweisen. Dies kann aber auch dazu führen, dass Beratungsbegehren aufgescho-
ben oder fallen gelassen werden. Zudem bestehen Hemmschwellen, Unterstützungsbedarfe sichtbar
zu machen, indem der oder die Einzelne Beratungsstellen aufsucht. Besonders in Siedlungsbereichen
mit ausgeprägter sozialer Nähe kann weniger Anonymität solche Hürden verstärken. Daher wird es
als wichtig erachtet, dass eine umfassende Grundberatung zu allen Fragen von Alter und Pflege vor
Ort als ‚One-Stop-Shop‘ verfügbar ist, in Form einer allgemeinen Quartierssprechstunde (Kap. 7.3).
Der überschaubare Rahmen des Quartiers ermöglicht, Menschen dauerhaft in ihren Anliegen zu be-
gleiten.
Begegnung und Beratung zusammendenken – Beispiel neben*an, Münster
Idee:
Es wird als wichtig erachtet, Beratung und Begleitung zu den Bewohner/innen zu bringen. Deshalb
sollte es, neben aufsuchenden Formen im eigenen Zuhause, Beratungsmöglichkeiten am Rande von
Seniorentreffs und anderen Veranstaltungen im Quartier geben, wo die Möglichkeit besteht, ‚neben-
bei‘ Fragen an Fachleute zu stellen. Auch der Charakter der Räumlichkeiten spielt dabei eine Rolle:
Anstatt beispielsweise ein Gemeindebüro aufzusuchen, ist es wichtig, mehr Angebote gerade für
ältere und Menschen mit Behinderungen in die Mitte der Quartiere zu bringen, die auch zum spon-
tanen Hereinschauen einladen.
Umsetzung:
Ein positives Beispiel bildet hier seit 2015 das Angebot des Arbeitskreises ‚Älter werden in Innen-
stadt-Ost/Mauritz‘ im neben*an, Warendorfer Straße Das neben*an ist ein freundlich gestalteter
Veranstaltungsraum für Initiativen und Gruppen, der zu einem Filmkunstkino mit Café gehört, und
liegt an der Hauptachse des Quartiers, wo es viel Fuß- und Fahrradverkehr gibt. Die Betreiber bieten
den Nutzer/innen den Raum auf privatwirtschaftlicher Basis zum Selbstkostenpreis an, seitdem der
letzte Mieter das Lokal verlassen hatte. Der Arbeitskreis hat das Angebot rasch umgesetzt. Mitt-
wochnachmittags wird hier ein offener Seniorentreff angeboten, bei dem die Beratungsstellen im
Stadtteil vertreten und ansprechbar sind. Sonntags gibt es zudem noch einen Spieletreff, der von
einem Mitglied der Seniorenvertretung ehrenamtlich organisiert wird.
Erfahrungen / Restriktionen:
Münster kennt auch in den Einzelhandelslagen nur wenig Leerstand; in Neben- und Randlagen ist es
104 Vgl. Landesbüro Altengerechte Quartiere.NRW: Altengerechte Quartiere.NRW – Modulbaukasten. Online unter:
http://www.aq-nrw.de/modulbaukasten/modulbaukasten.html?&nav_mbk=module
7 Maßnahmenspektrum in den Quartieren
111
derzeit lukrativ, leerstehende Ladenlokale in Wohnungen umzuwidmen. Die geschilderte Situation –
ein privater Vermieter, der sich als Zentrum für das Quartier und für lokale Initiativen versteht – ist
ein positiver Einzelfall. Deswegen sollte dennoch die Idee weiterverfolgt werden, in gut frequentierte
Lagen zu gehen und hierzu kreativ Wege zu suchen, z.B. in gemischten Nutzungen. Es hat sich auch
herausgestellt, dass sich ein guter Teil der Nutzerinnen und Nutzer die recht preiswerten Selbstbe-
dienungsgetränke nicht leisten möchte. Ein, wenn auch schwacher, kommerzieller Druck darf nicht
zum Ausschluss führen.
II. Handlungsfeld Gesundheit und Sport
Gesundheit ist gerade für viele Ältere im Alltagsverständnis die Abwesenheit von Krankheit und wird
dann, mit dem Eintritt von Alterserkrankungen, als schicksalhaft abnehmend empfunden. Ein zeitge-
mäßes Verständnis definiert Gesundheit als ganzheitliches Wohlbefinden, das sehr wohl erhalt- und
beeinflussbar ist. Viele heute Ältere haben auch lange Erfahrungen mit Sport, können die gewohnten
Sportarten aber nicht mehr ausüben. Andere haben noch kaum Berührungen und vielleicht sogar
Angst, Neues zu lernen oder vor Verletzungen aufgrund mangelnder Beweglichkeit.
Besonders die hochbetagten Menschen und solche mit Unterstützungsbedarf sind auf eine gut zu-
gängliche und abgestimmte gesundheitliche Versorgung angewiesen. Insbesondere die medizinische
Grundversorgung (Hausärzte/-innen etc.) muss gut abgestimmt sein mit den Akteuren aus Pflege und
psychosozialer Unterstützung. Zugleich muss darauf hingewirkt werden, dass die Angebote barriere-
frei gestaltet und auch auf die spezifischen Belange von Menschen mit Behinderung ausgerichtet
werden. (siehe hierzu auch Aktionsplan „Münster inklusiv“)
Die noch oft vorhandenen Barrieren für Menschen mit Zuwanderungsgeschichte bei der Inanspruch-
nahme gesundheitlicher Leistungen müssen abgebaut, und die Gesundheitseinrichtungen bei ihrer
Öffnung hin zu mehr interkultureller Kompetenz gestärkt werden.
Bei allen diesen Aufgaben spielt eine intensive Vernetzung der Akteure im Quartier eine entschei-
dende Rolle. Neben den professionell Tätigen gehören hierzu auch die örtlichen sozialen Netzwerke,
Vereine, Communities. Kulturmittlerinnen und -mittler spielen gerade auch bei der gesundheitlichen
und pflegerischen Versorgung im Quartier eine wesentliche Rolle.
Bewegt ÄLTER werden im Kreuzviertel
Idee:
Nachfragegerecht ausgerichtete Angebote können für Ältere Beweglichkeit und Gesundheit erhalten,
Risiken wie Stürze mindern und in der Gemeinschaft Spaß machen. Auch der Umgang mit Hilfsmitteln
will gelernt sein. Gesundheitsprävention kommt eine zentrale Rolle im Erhalt von Mobilität, Selbst-
bestimmung und Lebensqualität zu. Erfahrungen zeigen, dass abgestufte, wohnungsnahe und nied-
rigschwellige Angebote hier greifen können.
Umsetzung:
Das Netzwerkprojekt „Bewegt Älter werden in Münster“ des Stadtsportbundes (s. Kap. 5.2) ist be-
strebt, in den Stadtteilen mit den lokalen Vereinen adäquate Angebote zu schaffen. Der Verein für
Gesundheitssport und Sporttherapie (VGS e.V.) als Spezialist bietet gerade für Ältere und Menschen
mit besonderem Unterstützungsbedarf dezentral in verschiedenen Einrichtungen spezielle Kurse an.
7 Maßnahmenspektrum in den Quartieren
112
Im Kreuzviertel wurde dies in ein größeres Projekt eingebunden („Gesünder leben im Alter – ja, ich
will!“, Diakonie Münster e.V.) und wird heute aus dem Programmbaustein Bewegt älter werden im
Quartier: Sportvereine im Quartier des LSB weiter geführt105.
Ein weiterer wichtiger Baustein sind in diesem Zusammenhang die Spaziergangsgruppen unter dem
Motto ‚Latschen und tratschen‘. Hier handelt es sich um ein besonders niedrigschwelliges Angebot,
das wöchentlich zu festen Zeiten an einem bestimmten Startpunkt angeboten wird106. Dieses Ange-
bot eignet sich auch sehr gut zur Einbindung von Ehrenamtlichen. Es sollten verschiedene Routenlän-
gen und Geschwindigkeiten berücksichtigt werden.
Erfahrungen / Restriktionen:
Das Handlungsfeld Gesundheitsprävention bedarf wohl am ehesten noch eines fachlichen Anstoßes,
weil aktiver Sport für Ältere oft nicht selbstverständlich ist. Gerade die Spaziergangsgruppen verbin-
den Gemeinschaft und Bewegung sehr gut und unaufdringlich. Wie bei anderen Gemeinschaftsaktivi-
täten ist darauf zu achten, dass Gruppen sich nicht schließen und unter sich bleiben wollen. Ggf. sind
in regelmäßigen Abständen Neustarts der Angebote erforderlich. Der Stadtsportbund hat eine adä-
quate Unterstützung der altengerechten, inklusiven Quartiersentwicklung zugesagt.
Boule im Quartier
Idee:
Aus südlichen Ländern sind Bilder Älterer vertraut, die auf Stadt- oder Dorfplätzen im Schatten gro-
ßer Bäume Boule spielen. Die kleinen Aschenbahnen sind relativ unaufwändig herzustellen. In Müns-
ter gibt es bereits 27 Boule-Anlagen, darunter auch einige, wenige in Wohnquartieren. Hier stehen
Lebensart und Zusammenkunft im Vordergrund, so dass Hemmschwellen der Teilnahme relativ ge-
ring sind.
Umsetzung:
Evtl. findet sich schon ein geeigneter Bodenbelag, ansonsten ist eine schmale Aschen- oder Sandbahn
105 DSS Sportmarketing – Pressemeldung vom 25.02.2016: NRW-Sportvereine machen Quartiere mobil. Online unter:
www.dssportmarketing.de/?ngt=w7e030a091d12d894314082783046438
106 S. z. B. VGS e.V. (2015): Bewegt ÄLTER werden in Münster. Das heißt auch: LATSCHEN und TRATSCHEN, […]. Ein neues
Bewegungsangebot in Mauritz […]. Online unter: www.vgsmuenster.de/documents/LatschenundTratschen2015_001.pdf
Abbildung 25: Bewegungsangebot Kreuzviertel
Quelle: VGS Münster e.V. Online unter:
http://www.vgsmuenster.de/images/Einladung_Offe
ner_Bewegungstreff_Kreuzviertel.jpg
7 Maßnahmenspektrum in den Quartieren
113
herzustellen107. Dies sollte im Herzen des Quartiers, am besten in der Nähe eines Cafés oder Kiosk
erfolgen, wo auch Boule-Kugeln vorgehalten werden können. Sitzbänke bzw. informelle Sitzgelegen-
heiten auf Mauern, Gabionen o.ä. sollten hergerichtet werden. Die Nähe zu einem Spielplatz bietet
sich an; das Spiel ist auch für Zuschauer/innen interessant.
Erfahrungen / Restriktionen:
Asche und Sand sind schwer zu befahren, ein geeigneter Belag und das Vermeiden von Kanten und
Balken sollten den Zugang mit Rollator und Rollstuhl ermöglichen. Das Feld sollte beschattet sein.
Das Interesse der Bewohner/innen ist vorab zu prüfen, es könnte in urbaneren Quartieren größer
sein als in ländlichen.
III. Bildung und Kultur
Insbesondere das Modellprojekt Wohnquartier❹ betont die Bedeutung von Bildung und Kultur für
die altengerechte, inklusive Quartiersentwicklung. Dies hat mehrere Dimensionen: Wohnungsnahe
Bildungsangebote können zum einen direkt mit Bezug zum reflektierten und vorausschauenden Ge-
stalten des Älterwerdens konzipiert werden, z.B. zum Thema Wohnen im Alter. Zum anderen können
sie als Stärkung von Gedächtnis, Persönlichkeit und Gemeinschaft betrachtet werden: „Erfahrungen
aus der Weiterbildungsarbeit der ‚Projektwerkstatt für innovative Seniorenarbeit‘ zeigen, dass neue
Zugänge zum Lernen über das Interesse an Kunst und Kultur gefunden werden können“108. Auch die
zielgruppengerechte Fortbildung zur Partizipation in der Quartiersentwicklung kann so eingeordnet
werden.
Zu betonen ist der enge Zusammenhang von Kultur und Identität – eine Auseinandersetzung mit der
eigenen Kultur dient der Selbstvergewisserung und Gemeinschaftsbildung und macht neugierig auf
107 S. Landesbüro Altengerechte Quartiere.NRW – Modulbaukasten – Modul 125 Boule im Quartier. Online unter:
http://www.aq-nrw.de/index.php?article_id=1744 und Österreichischer Petanque-Verband – Bauanleitung für einen natur-
nahen Bouleplatz. Online unter: http://www.boule.at/upload/Boulebahnen.pdf
108 WohnQuartier❹ = Die Zukunft altersgerechter Quartiere gestalten. Düsseldorf / Essen 2006, S. 27. Online unter:
http://www.wohnquartier-4.de/files/wohnquartier4.pdf
Abbildung 26: Boulespiel. Quelle: Schlaganfall-Selbsthilfegruppe Münster.
Quelle: Online unter: http://www.schlaganfall-shg-
muenster.de/content/23_bilder_ boule_turnier_10_06_2006.html
7 Maßnahmenspektrum in den Quartieren
114
mehr. Erfahrungen der letzten Monate und Jahre zeigen, dass Ältere gerne Geflüchteten die eigene
Kultur und Sprache nahe bringen und auch Interesse an deren Kulturen aufbringen.
Quartiers singen
Idee:
Gemeinsames Singen wird inzwischen von allen Generationen geschätzt und hat bei vielen Jüngeren
Karaoke in der Popularität überholt. In diesem Jahr findet das „46. Münsteraner Rudelsingen“ statt,
das auch kommerziell erfolgreich ist, also gegen Eintritt angeboten wird. Aus dem Seniorenbereich ist
die therapeutische und gemeinschaftsbildende Wirkung des Singens schon länger bekannt.
Umsetzung:
Benötigt werden Instrumentalmusiker/innen und eine Sängerin oder ein Sänger, die den Ton vorge-
ben sowie Texte zum Mitsingen. Diese können (möglichst groß) an die Wand projiziert werden, so
dass das Geschehen auf der Bühne verfolgt werden kann, oder sie werden per Handzettel verteilt.
Vielleicht bildet sich mit der Zeit ein Repertoire der Veranstaltenden. In Hiltrup-Ost wurde dies im
April 2016 erstmals erfolgreich durchgeführt.
Erfahrungen / Restriktionen:
Für eine intergenerationelle Veranstaltung sollte im Vorfeld ein ausgewogenes Programm zusam-
mengestellt, Musikwünsche von den Bewohner/innen eingeholt und die Veranstaltung breit bewor-
ben werden.
Quartiersatelier / Quartierswerkstatt
Idee:
Kulturell Interessierte finden im Ruhestand die Zeit, einer künstlerischen oder handwerklichen Nei-
gung nachzugehen, müssen aber früher oder später durch Mobilitätseinschränkungen zurückstecken.
In Mietwohnungsbeständen gerade der Nachkriegszeit ist wenig flexibel nutzbarer Raum, z.B. für
Hobbykeller und Garagen. Deshalb ist es wichtig, wohnungsnahe Angebote zu machen. In der inklusi-
ven, gemeinschaftsbildenden Kraft von Kunst oder gemeinsamem Arbeiten wird ein großes Potenzial
gesehen.
Umsetzung:
Kunst und Kultur können in einem Quartier, wenn möglich, einen festen Ort bekommen. Wichtig ist
dabei, lokale Ressourcen mit einzubeziehen, wie eine Ortsbibliothek, historische (Kirchen-)Gebäude
und lokale Künstler/innen bzw. Bildungseinrichtungen, und mit den Interessen der Bewohner/innen
geeignet zusammenzubringen. „Mit einem Quartiersatelier sollen gemeinschaftliche künstlerische
oder kreative Aktivitäten ermöglicht werden. Das Quartiersatelier kann ein Raum innerhalb eines
Gemeindezentrums sein, in dem z.B. Malkurse und Ausstellungen stattfinden. […] Ausstellungen
können selbst organisiert und das kulturelle Angebot im Quartier erweitert werden“109. Künstleri-
sches Arbeiten kann zum Beispiel mit demenziell Erkrankten wichtig sein.
Münster beherbergt zahlreiche kulturelle Angebote, die auch zur Anregung mit qualifizierter Beglei-
tung aufgesucht werden könnten110. Münster ist mit der Fachhochschule auch Gründungsort des
109 Landesbüro Altengerechte Quartiere.NRW – Modulbaukasten – Modul 53 Quartieratelier. Online unter: http://www.aq-
nrw.de/modulbaukasten/modul-53-quartiersatelier/modul-53-quartiersatelier.html
110 S. z. B. LEBEN MIT BEHINDERUNG HAMBURG SOZIALEINRICHTUNGEN gGmbH – Hamburger Kulturschlüssel. Online unter:
http://www.lmbhh.de/hks/kulturbegleiter.php
7 Maßnahmenspektrum in den Quartieren
115
Fachverbandes Kunst- und Kulturgeragogik. Hier werden entsprechende Aufbaustudien bzw. Fortbil-
dungen angeboten111.
Bzgl. einer Quartierswerkstatt müssten das Vorhalten oder das Teilen von Werkzeugen organisiert
werden. Eventuell spielen auch Sicherheitsfragen eine Rolle. Ggf. lassen sich personelle Überschnei-
dungen mit der Initiative Anti-Rost e.V. realisieren (s. Kap. 5.2). Interessant und hochaktuell sind An-
gebote, im Sinne der Nachhaltigkeit („Reparieren statt Wegwerfen“) bei der Instandsetzung von
Haushaltskleingeräten zu helfen, sog. Repair-Cafés.
Erfahrungen / Restriktionen:
Das Atelier könnte mit einer Quartierswerkstatt kombiniert werden. Das Konzept ‚Keywork - Soziale
Plastik im Quartier‘ des Modellprojektes Wohnquartier❹ wird beispielhaft in Düsseldorf umge-
setzt112. In Münster gibt es inzwischen zwei regelmäßig angebotene Repair-Cafés113.
Geschichtswerkstatt / G eschichtspfad
Idee:
Münster hat in den letzten Jahrzehnten einen großen Wandel erlebt. Viele Siedlungen und Quartiere
sind den Älteren, die die ganze Nachkriegsgeschichte und vielleicht die Jahre davor miterlebt haben,
noch aus der Entstehungszeit bekannt. Dieses Wissen ist für die Quartiersentwicklung von hohem
Wert und droht, verloren zu gehen.
Umsetzung:
Teils haben einzelne Bewohner/innen ein starkes Interesse am Thema und eine private Sammlung
(Schriftgut, überlieferte Gegenstände) aufgebaut, ggf. kann externer Sachverstand eingebunden
werden. Eine Arbeitsgruppe zum Thema sollte verschiedene Arbeitsschwerpunkte vergeben und
muss einen langen Atem haben. „Mit einer kontinuierlichen Begleitung der Presse und Digitalmedien
kann die Vermittlung von lokalem historischen Wissen zur inneren und äußeren Imagesteigerung
eines Stadtteils beitragen und die Identifikation der Quartiersbewohnerinnen und Quartiersbewoh-
ner mit ihrem Umfeld stärken“
114. Die Einbindung von Schülerinnen und Schülern aus dem Quartier
im Rahmen eines Schulprojektes bietet sich an. Ein Geschichtspfad kann heute auch virtuell für
Smartphones ‚errichtet‘ werden. Ggf. können Tafeln mit QR-Codes helfen. Auch eine ‚Schaufenster-
ausstellung‘ in den örtlichen Geschäften (Beispiel Warendorfer Str.) kann ein Ergebnis sein.
Oder eine historische Quartiersführung kann stattdessen konzipiert werden. Die Vorab-Auswahl der
genauen Standorte und großformatige Alt/Neu-Photographien sind dabei hilfreich. Ein Aufruf zum
Auffinden alter Photos und Zeitungsberichte kann die ganze Quartiersbevölkerung einbeziehen.
Erfahrungen / Restriktionen:
Tafeln oder Wegweiser im öffentlichen Raum zu konzipieren, zu gestalten und zu errichten ist erfah-
rungsgemäß zeitaufwändig. Wichtig ist hier Teamarbeit. Auch die Verknüpfung mit neuen Medien
(QR-Codes) ist sinnvoll.
111 Vgl. FH Münster/ibkkubia: Kulturarbeit mit Älteren. KulturGeragogik. Online unter: http://www.kulturgeragogik.de
112 Vgl. KEYWORK e.V. Soziale Plastik im Quartier. Online unter: http://keywork.info
113 Vgl. Stichting Repair Café: Wegwerfen? Denkste! Online unter: http://repaircafe.org sowie Repair Café Münster: Repair
Café Wegwerfen? Denkste! Münster – Repair-Cafés. Online unter: https://repaircafe-muenster.de/repair-cafes
114 Landesbüro Altengerechte Quartiere.NRW – Modulbaukasten – Modul 44 Geschichtspfad. Online unter: http://www.aq-
nrw.de//modulbaukasten/modul-44-geschichtspfad/modul-44-geschichtspfad.html
7 Maßnahmenspektrum in den Quartieren
116
IV. Mobilität und Verkehr
Mit dem Alter und dem Eintritt von Unterstützungsbedarf geht häufig eine Einschränkung der Mobili-
tät einher, wenn die Nutzung individueller Verkehrsmittel wie Auto und Fahrrad irgendwann nicht
mehr möglich ist, auch wenn der Trend zum elektrisch unterstützten Fahrrad (Pedelec) dies heute
etwas hinauszögern kann. Umso wichtiger erscheint ein unterstützendes Umfeld, das gute Möglich-
keiten im Fußverkehr und ÖPNV bietet.
Barrierefreiheit s-Check im Straßenraum
Idee:
In den Stadtteilen gibt es nach wie vor noch Stellen, wo Bordsteine nicht barrierefrei abgesenkt sind
oder andere Dinge die Mobilität Älterer und Unterstützungsbedürftiger einschränken, z.B. regelmä-
ßig abgestellte Fahrräder.
Umsetzung:
Die Stadtverwaltung Münster, hier Sozial- und Tiefbauamt, bietet oft mit Unterstützung aus der
Kommission zur Förderung der Inklusion von Menschen mit Behinderungen (KIB) an, mit Bewohne-
rinnen und Bewohnern eine Quartiersbegehung zu machen und sich die alltäglichen Erfahrungen in
Ruhe anzuhören. Im Rahmen der altengerechten, inklusiven Quartiersentwicklung können diese Ein-
schränkungen kurz- bis mittelfristig angegangen werden.
Einschränkungen/Restriktionen:
Größere bauliche Veränderungen haben immer einen längeren Vorlauf. Die Wirkung sollte nicht
überschätzt werden. Mobilität ist aber ein Kernaspekt, der frühzeitig thematisiert werden muss.
Rollatoren -Training /Verkehrssicherheitstag
Idee:
Viele Menschen, die inzwischen einen Rollator benutzen, sind in seiner Benutzung ungeübt, weil sie
Angst vor eigenen Fehlern oder anderen Schwierigkeiten haben. Ihre Bewegungsfreiheit ist damit
eingeschränkter als nötig.
Umsetzung:
Mit Partnern/innen wie dem Zukunftsnetz Mobilität NRW und dem Projekt „Bewegt älter werden“
des Stadtsportbundes kann ein Verkehrssicherheitstag mitten im Quartier organisiert werden. Die
Einbindung von Schulen und Kindergärten und weitere, z.B. gastronomische Angebote steigern die
Attraktivität und vermeiden eine Verengung auf Ältere als Zielgruppe. Aufmerksamkeit kann zum
Beispiel ein bereitgestellter Linienbus zum Üben des Einsteigens mit dem Rollator schaffen.
Die Quartiersentwicklung kann sich in die Veranstaltung einbinden und z.B. mit einer ‚Meckerecke
Mobilität‘ über Problemstellen im Quartier (s.o.) ins Gespräch kommen. Dies kann Ausgangspunkt
eines Mobilitätskonzeptes sein115.
115 S. hierzu Landesbüro Altengerechte Quartiere.NRW – Modulbaukasten –Modul 68: Altersgerechtes Mobilitätskonzept.
Online unter: http://www.aq-nrw.de/modulbaukasten/modul-68-altersgerechtes-mobilitaetskonzept/modul-68-
altersgerechtes-mobilitaetskonzept.html
7 Maßnahmenspektrum in den Quartieren
117
Einschränkungen/Restriktionen:
Die Maßnahme ist punktuell, dient der Sensibilisierung und Aufklärung/Beratung und ist mit ange-
passten Folgemaßnahmen zu ergänzen, z.B. einem Mobilitätsbegleitdienst116.
V. Handlungsfeld Wohnumfeldgestaltung, öffentlicher R aum, Freiraum
Obwohl die bauliche Umgestaltung nicht der Schwerpunkt einer altengerechten, inklusiven Quartier-
sentwicklung sein muss, ist der öffentliche Raum doch sichtbarer Ausdruck der Lebens- und Wohn-
qualität eines Quartiers. Gerade auf ihn richten sich oft Veränderungswünsche der Bewohner/innen.
116 S. hierzu Landesbüro Altengerechte Quartiere.NRW – Modulbaukasten –Modul 77: Begleitservice für Seniorinnen und
Senioren. Online unter: http://www.aq-nrw.de/modulbaukasten/modul-77-begleitservice-fuer-seniorinnen-und-
senioren/modul-77-begleitservice-fuer-seniorinnen-und-senioren.html, ergänzend zum Beispiel. Düren: Koordinationsstelle
Pro Seniorinnen und Senioren im Kreis Düren: seniorTrainerinnen. Online unter: http://www.efi-kreis-dueren.de/be-
dienst.php
Abbildung 28: Aktionstag Mobilität kennt keinen Ruhestand des
Zukunftsnetz Mobilität NRW am 29.02.16.
Quelle: Eigenes Bild
Abbildung 27: Mögliches Präsent für Bewohnerinnen und Bewohner:
Warnweste zur besseren Sichtbarkeit im Straßenraum.
Quelle: Eigener Entwurf und Bild
7 Maßnahmenspektrum in den Quartieren
118
Schon kleine Umgestaltungen, z.B. künstlerische Interventionen mit den Bürgerinnen und Bürgern,
können seine Wahrnehmung verändern und etwas Aufbruchstimmung erzeugen; auch die erstmalige
Nutzung öffentlicher Orte für Veranstaltungen. Bauliche Veränderungen benötigen (partizipative)
Planung und damit Zeit, die es einzukalkulieren gilt. Es gibt Überschneidungen mit den Bereichen
Gesundheit und Mobilität (s. Barrierefreiheits-Check und Boule-Bahn).
Sitzrouten / Die besitzbare Stadt
Idee:
Für Menschen mit Behinderung oder Mobilitätseinschränkungen (oder Erkrankungen, die solche mit
sich bringen, wie Schwindel) bedeuten die alltäglichen Wege allein im Quartier eine Herausforde-
rung. Projekte mit Betroffenen in diesem Bereich zeigen, dass sie diese Wege dann bewusst planen
müssen, unter Einbezug von entlastenden ‚Trittsteinen‘ wie Ruhepunkten und geeigneten Sitzgele-
genheiten sowie auch öffentlich zugänglichen, möglichst barrierefreien Toiletten. Ein ungeeignetes
Umfeld führt zur Meidung und leistet damit Vereinsamung, steigenden Ängsten und weiterem kör-
perlichen Abbau Vorschub. Umgekehrt kann die ‚Reichweite‘ und Lebensqualität Mobilitätseinge-
schränkter mit relativ einfachen Mitteln gesteigert werden.
Umsetzung:
Im Zusammenhang einer Bestandsaufnahme zur Barrierefreiheit (s.o.) können auch Quantität und
Qualität der Sitzbänke im öffentlichen Raum sowie zugängliche Toiletten (überwiegend in Gastrono-
mie und Geschäften) erfasst werden. ‚Sitzrouten‘ bedeutet, dass entlang von Hauptwegen in geeig-
neten Abständen adäquate Sitzgelegenheiten eingerichtet werden. Dies müssen nicht die Hauptver-
kehrsstraßen sein, sondern idealerweise ruhigere Nebenstraßen oder Wege durch Grünanlagen.
Bänke im öffentlichen Raum können möglicherweise durch Sponsoring realisiert werden. Auch Pri-
vatbesitzer, Geschäfte und Gastronomen können auf eigenem Grund zur Straße hin Ruheangebote
machen. ‚Besitzbare Stadt‘-Konzepte beziehen flächenhaft ganze (Klein-)Städte in die Betrachtung
ein
117. Dies erscheint daher auch für Quartiere denkbar. Nebenziel kann die Erfassung öffentlicher
Sitzgelegenheiten für den KOMM-Stadtplan oder eine neue Datenbank sein.
117 Vgl. z. B. Stadt Griesheim (2006): Online unter: www.griesheim.de/Besitzbare-Stadt.1413.0.html
Abbildung 29: Hohe Frequenz – Werbung an der öffentli-
chen Toilette der Wall AG, Berlin Alexanderplatz.
Quelle: Berlin-Online/Patrick Diekmann
7 Maßnahmenspektrum in den Quartieren
119
Öffentliche Toiletten sind außerhalb der Innenstädte in Deutschland (im Gegensatz etwa zu Großbri-
tannien) rar. Viele würden diese aus Erfahrung und Hygienebedenken hierzulande nicht nutzen. Kos-
tenpflichtige Angebote schließen Nutzer/innen teilweise aus (auch durch die komplizierte Bedienung
automatischer Toiletten) und rechnen sich nur bei hoher Frequenz. Daher sind Wege zu finden, vor-
handene Toiletten in Gastronomie und Geschäften auch für Nichtkunden sichtbar zu öffnen. So müs-
sen Passant/inn/en sich nicht als Bittsteller fühlen und sie wissen, dass sie verlässlich willkommen
sind. Ein Konzept, das dies ermöglicht, ist das Siegel ‚Nette Toilette‘, das als solches allerdings Zu-
schüsse durch die Kommune für die Anbieter zwecks Wartung und Reinigung vorsieht, „über 210
Städte und Gemeinden bundesweit“ tun dies bereits118 und sparen öffentliche Toiletten ein.
Erfahrungen / Restriktionen:
Bauliche Maßnahmen, zumal unter Einbezug privater Akteure, benötigen einen längeren Vorlauf,
auch da die Ressourcen der beteiligten Verwaltungsstellen begrenzt sind. Es müssen Sorgen vor un-
sachgemäßem Gebrauch von Bänken, z.B. nachts, ausgeräumt werden; sie sollten nicht in schwer
einsehbaren Winkeln aufgestellt werden. Ein klares politisches Votum im Stadtbezirk ist hilfreich.
VI. Wohnen im Bestand, Wohnbauentwicklung
Geeigneter Wohnraum ist für Ältere und Menschen mit Pflege- und Unterstützungsbedarf der zent-
rale Ausgangspunkt eines selbstbestimmten Lebens. Die Ressourcen der altengerechten, inklusiven
Quartiersentwicklung lassen es nicht zu, Wohnungsbauprojekte unmittelbar zu realisieren. Es gilt
aber, die maßgeblichen Akteure für ihre Grundideen zu gewinnen. Dies erscheint möglich, wenn grö-
ßere Bestände in den Händen von Wohnungsbaugesellschaften sind, die sich für eine nachhaltige
Bewirtschaftung interessieren. So kann ein modellhafter barrierearmer Umbau auch auf weitere
Eigentümer/innen ausstrahlen. Die ohnehin geplanten Neubauvorhaben sollten möglichst in den
Quartiersprozess eingebunden werden. Ein zentrales Ziel ist ja, den Bewohner/innen den Verbleib im
Quartier zu ermöglichen, wenn ihr bisheriger Wohnraum nicht anpassungsfähig ist. Gerade öffentlich
geförderter Wohnraum ermöglicht auch eine Erweiterung um Gemeinschaftseinrichtungen, die einen
Zusatznutzen für das gesamte Viertel bringen können. Potentiale bieten Projekte im Bereich neuer
altengerechter Wohnformen, bei deren Realisierung die Stadt Münster beratend und unterstützend
tätig ist.
Wohnungstauschbörse - Wohnungskontaktbörse
Idee:
Wie zuvor ausgeführt (s. 5.1), sind Ältere oft in ungeeigneten Wohnungen ‚gefangen‘, sei es im Eigen-
tum oder zur Miete. „Eine Umzugs- und Wohnungstauschbörse ermöglicht es den Bewohnerinnen
und Bewohnern eines Quartiers, innerhalb des Wohnumfeldes umzuziehen und in ihrem vertrauten
Quartier zu bleiben. Durch das Angebot einer Wohnungsbörse kann innerhalb des Quartiers flexibel
auf die sich ständig verändernde Nachfrage reagiert werden und ein Ausgleich zwischen verschiede-
nen Altersgruppen ermöglicht werden. Ziel ist es, das passende Wohnungsangebot für die eigenen
Bedürfnisse zu finden, die Nachbarschaft und auch die Eigentümerinnen und Eigentümer zu vernet-
118 STUDIOO GmbH - Nette Toilette. Online unter: http://www.die-nette-toilette.de
7 Maßnahmenspektrum in den Quartieren
120
zen und die Identifikation mit dem Wohnort zu stärken“119. Gegenüber einer reinen Wohnungs-
tauschbörse besteht bei der Wohnungskontaktbörse der Vorteil, nicht eine dritte Wohnung für die
Zeit der Umzüge benötigen zu müssen. Als Vergleich dient hier die seit 2013 eingerichtete Online-
Wohnbörse des AStA der Westfälischen Wilhelms-Universität. Angebot und Nachfrage werden in
Form von Wohnungsanbietern und Wohnungssuchenden miteinander vernetzt.
Umsetzung:
„Zum Aufbau einer entsprechenden Wohnungsbörse müssen zunächst Annoncen in der Presse und
im Internet ausgewertet und Kontakte zu Wohnungsunternehmen sowie Maklerinnen und Maklern
aufgebaut werden. Gleichzeitig ist es wichtig, eine Datenbank mit Interessentinnen und Interessen-
ten anzulegen. […] Für die Umsetzung ist es empfehlenswert, eine Anlaufstelle […] zu schaffen. Hier
kann eine Sprechstunde für Eigentümerinnen und Eigentümer eingerichtet werden (z.B. 2 Std. in der
Woche), um Fragen in Bezug auf die Neuvermietung ihrer Wohnung stellen zu können oder eine freie
Wohnung zu melden. Die Angebote können an einem “Schwarzen Brett” im Stadtteilbüro ausgehan-
gen oder auch als Online-Kontaktbörse des Stadtteils im Internet veröffentlicht werden. Das Stadt-
teilbüro hat dann die weitere Aufgabe, bei Bedarf mit den Interessentinnen und Interessenten eine
Art Bewerbungsgespräch zu führen und zwischen Anbieter und neuem Mieter zu vermitteln.
Eine Wohnungsbörse kann außerdem bei der Vermittlung von betreuten Wohnformen unterstützend
wirken. Die Wohnungsbörse kann auch dazu dienen, mit Eigentümerinnen und Eigentümern von
Problemimmobilien ins Gespräch zu kommen. Um die Wohnungsbörse publik zu machen, kann ein
Flyer veröffentlicht und im Quartier verteilt werden.
Erfahrungen / Restriktionen:
Positive Erfahrungswerte zur Akquise von öffentlich geförderten und auch privaten Wohnungen gibt
es seit 2012 im Bereich des Belegungsmanagements des Amtes für Wohnungswesen und Quartiers-
entwicklung.
Eine Unterstützung seitens der Kommune zu folgenden Aspekten besteht bereits seit 1997 als „Hilfen
zum Umzug“, ebenfalls beim Amt für Wohnungswesen und Quartiersentwicklung:
• Beratung zu verschiedenen Wohnformen und -möglichkeiten im Alter
• Unterstützung bei der Suche nach einer altengerechten Wohnung
• Hilfen bei der Organisation und Planung des Umzugs
• Hilfestellungen bei Behördenangelegenheiten (z.B. Telefon ummelden, Einwohnermeldeamt
etc.)
• Beantragung eines Zuschusses zum Umzug.
Die fachlichen und Beratungsressourcen sind somit in der Stadtverwaltung und bei Partnern vorhan-
den und vor Ort einsetzbar. Vorhandene Möglichkeiten der Unterstützung bei der Wohnungssuche,
den Umzugsbeihilfen und der Beantragung von Zuschüssen der Pflegekassen zu Umzügen könnten so
durch Sprechstunden in den Quartieren noch zugänglicher angeboten werden. Es ist realistisch, dass
Privateigentümer/innen in einem Quartiersprozess für die lokale Vermietung gewonnen werden
können, bei institutionellen Vermietern wäre eine stadtweite Vernetzung sinnvoll. Bei selbstgenutz-
tem Eigentum sollte der Verbleib in der eigenen Immobilie vorrangig gefördert werden. Hierzu sind
119 Landesbüro Altengerechte Quartiere.NRW – Modulbaukasten – Modul 27 Umzugs- und Wohnungstauschbörse. Online
unter: http://www.aq-nrw.de//modulbaukasten/modul-27-umzugs--und-wohnungstauschboerse/modul-27-umzugs--und-
wohnungstauschboerse.html
7 Maßnahmenspektrum in den Quartieren
121
auch verbesserte Möglichkeiten haushaltsnaher Dienstleistungen und nachbarschaftlicher Hilfen (z.B.
durch eine Taschengeldbörse120) in eine ‚Service-Börse Wohnen‘ mit einzubeziehen.
Wohnen für Hilfe
Idee:
Viele Ältere wohnen nach dem Auszug ihrer erwachsenen Kinder und evtl. dem Verlust des Partners
weiterhin in ihrer großen Immobilie, gerade wenn es sich um Wohneigentum handelt. Der Unterhalt
und die Bewirtschaftung, und je nach Lage auch die Versorgung, werden mit zunehmendem Alter
immer schwieriger. In Münster gibt es seit zehn Jahren das Projekt „Wohnen für Hilfe“, das ihnen
primär Studierende als Untermieter/innen vermittelt. Diese sparen für kleinere Hilfsarbeiten im Haus
Teile der Miete ein, oft fallen nur Nebenkosten an.
Umsetzung:
Das Projekt in Form einer Kontaktbörse und beratender Betreuung wurde seinerzeit durch das Amt
für Wohnungswesen und Quartiersentwicklung der Stadt Münster initiiert und wird weiterhin beglei-
tet. Seit Jahren ist es nun in bewährten ehrenamtlichen Händen121. In vorbereiteten Verträgen wer-
den vereinbarte Hilfen und Kosten fixiert. Das Ganze hat nichts mehr mit dem Untermietverhältnis-
sen der 1960er Jahre zu tun, das durch Kontrolle bestimmt war. Viele Jüngere schätzen heute den
Kontakt mit der älteren Generation. Oft ist auf beiden Seiten auch etwas gegenseitige Gesellschaft
gewünscht: „Möglich sind Haushaltshilfe, Gartenpflege, Einkaufen, gemeinsame Spaziergänge oder
Unternehmungen“122.
In Quartieren lassen sich mutmaßlich rasch viele potenzielle Kund/inn/en ansprechen und ggf. in
Zusammenarbeit mit den erfahrenen Verantwortlichen, die in der Seniorenbegegnungsstätte Hansa-
hof e.V. tätig sind, überzeugen. Der oder die Quartiersentwickler/in kann das Projekt im Quartier
begleiten.
Restriktionen/Erfahrungen:
Das Projekt trifft hier auf eine große Nachfrage, was mit dem angespannten studentischen Woh-
nungsmarkt zusammenhängt. Wichtig ist es, vorab Erwartungen der Anbieter/innen und Bewer-
ber/innen zu klären und vertraglich festzuhalten. Konkret nicht vorgesehen sind Pflegeleistungen.
Auch die ‚Chemie‘ muss stimmen. In Münster halten die Verantwortlichen Kontakt und besuchen die
Teilnehmenden regelmäßig.
VII. Lokale Wirtschaft
Die lokale Wirtschaft ist für die Bewohner/innen primär sichtbar in Form von Einzelhandel, Gastro-
nomie und Dienstleistern, aber auch weitere Anbieter finden sich in den Quartieren, die in eine al-
tengerechte, inklusive Quartiersentwicklung involviert werden können. Sie alle machen die Vielfalt
und Nutzungsmischung eines Viertels aus.
120 Befindet sich in Münster im Aufbau, s. Projekt Servicebrücken Jugend und Alter, Steckbriefe, S. 12. Online unter:
http://aq-nrw.de/files/steckbriefe_der_taschengeldboerse.pdf
121 Vgl. Wohnen für Hilfe, Erwin Stroot - Wohnen für Hilfe. Online unter: http://www.muenster.org/wohnen-fuer-
hilfe/wordpress
122 Vgl. Universität zu Köln. Humanwissenschaftliche Fakultät: Wohnen für Hilfe in Deutschland. Wohnpartnerschaften zwi-
schen Jung und Alt und Alt und Jung. Online unter: http://www.wohnenfuerhilfe.info
7 Maßnahmenspektrum in den Quartieren
122
Sensibilisierung von Akteurinnen und Akteuren
Idee:
Gewerbliche Anbieter und (Gesundheits-)Dienstleister beleben und prägen mit ihren Einrichtungen
und ihrer Außendarstellung den öffentlichen Raum eines Quartieres. Teilweise sind sie lange an ihren
Standorten gewachsen und verwurzelt, teils entstehen neue Gründungen mit innovativen Konzepten.
Gerade wenn sie sich an private Verbraucher/innen richten, ist es für sie wichtig, die sozialen und
demografischen Veränderungen der Nachfrageseite wahrzunehmen und mitzugehen. Eine Einbin-
dung in den Quartiersprozess ist hier hilfreich.
Umsetzung:
Ein relativ unaufwändig umzusetzender Zugang zum Thema ist die Qualifizierung von Beschäftigten,
die täglich im Kundenkontakt stehen, zu den besonderen Bedürfnissen Älterer und von Menschen
mit Unterstützungsbedarf, möglichst direkt zusammen mit den Quartiersbewohner/inne/n, um
Hemmschwellen abzubauen und deren Wünsche einfließen zu lassen. So „ist es im Alltag für Ältere
hilfreich, wenn verschiedenste Dienstleitungsbereiche wie beispielsweise Taxiunternehmen, Ver-
kehrsgesellschaften oder Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Post über den Umgang mit älteren,
behinderten und insbesondere demenziell erkrankten Personen aufgeklärt werden. […] Über die
Information von Akteurinnen und Akteuren hinaus können altersgerechte Strukturen und Lösungen
durch den Austausch mit Seniorinnen und Senioren entwickelt werden“123.
Erfahrungen / Restriktionen:
In urbaneren Quartieren mit hohem Unternehmensbesatz und Filialbetrieben mit wechselndem Per-
sonal stößt dieser Ansatz naturgemäß an seine Grenzen. Dann sind dennoch Wege zu finden, eine
Kultur der Achtsamkeit für Unterstützungsbedürftige im öffentlichen Raum zu etablieren. Lokale
Apotheken, Ärztinnen und Ärzte sowie Sanitätshäuser und andere Hilfsmittelanbieter können gute
Partner für Maßnahmen sein.
Seniorengerechter Einzelhandel
Idee:
Mit dem bloßen Erreichen von Einzelhandelsgeschäften sind die Mühen für mobilitätseingeschränkte
Menschen oft noch nicht zu Ende. Gerade ältere Ladenlokale sind oft nur über Stufen zu erreichen. In
Supermärkten und Discountern in Zentrenlagen ist der Platz knapp – beim Nachräumen oder schon
gewohnheitsmäßig werden Durchgänge verengt, weil ein immer größeres Sortiment präsentiert wer-
den muss. Das Personal wurde aufgrund von Kostendruck auf das Nötigste reduziert, so dass nie-
mand Dinge suchen oder herunterheben helfen kann. Auch für Ruhebänke oder Kundentoiletten im
Ladenlokal ist meist kein Raum.
Umsetzung:
Die Seniorenvertretung Münster hat vor wenigen Jahren Mitglieder durch den Einzelhandelsverband
Westfalen-Münsterland schulen lassen, um Geschäfte auf ihre Eignung besonders für Ältere zu prü-
fen. Dazu wurden exemplarisch mehrere Geschäfte in Münster in einer kleinen Untersuchung begut-
achtet. Unabhängig davon haben vier Geschäfte in Münster für ihre Bemühungen das bundesweite
123 Landesbüro Altengerechte Quartiere.NRW – Modulbaukasten – Modul 69: Sensibilisierung von Akteurinnen und Akteu-
ren. Online unter: http://www.aq-nrw.de/modulbaukasten/modul-69-sensibilisierung-von-akteurinnen-und-
akteuren/modul-69-sensibilisierung-von-akteurinnen-und-akteuren.html
7 Maßnahmenspektrum in den Quartieren
123
Siegel „Generationenfreundliches Einkaufen“ der Handelsverbände erhalten124, darunter leider nur
zwei Lebensmitteleinzelhändler. Es wäre denkbar, in Zusammenarbeit mit der Seniorenvertretung
Quartiersbewohner/innen mit Interesse am Thema zu schulen und mit ihnen die Geschäfte vor Ort zu
begehen, um ohne Druck mit dem Einzelhandel ins Gespräch über Verbesserungsmöglichkeiten zu
kommen und den Inhaber/inne/n neue Perspektiven zu eröffnen. Auch das Thema Bringdienste, das
mit ehrenamtlichen Strukturen im Quartier kombiniert werden kann, sollte verfolgt werden.
Erfahrungen / Restriktionen:
Teilweise ist die dezentrale Einzelhandelsstruktur bereits sehr ausgedünnt. Es ist wichtig, auch die
mobile Bewohnerschaft des Quartiers zur Nutzung des nahen Angebotes zu motivieren und dies in
Strategien mit einfließen zu lassen. Mit den Filialisten sind grundsätzliche Überlegungen auf gesamt-
städtischer Ebene zu führen.
VIII . HANDLUNGSFELD PFLEGE, ASSISTENZ, N OTFALLVORSORGE
Die Ausgestaltung dieses Bereiches ist ganz zentral für den Erhalt der Selbstbestimmung von Men-
schen mit Pflege- und Unterstützungsbedarf in ihrem Quartier. Die Ausgangsvoraussetzungen sind
sehr unterschiedlich: Manche Quartiere beherbergen lange gewachsene Einrichtungen der stationä-
ren Pflege und weitere Angebote, andere weisen hier Lücken auf. Leistungen der ambulanten Pflege
und des Hausnotrufes sind prinzipiell ortsunabhängig überall in Münster verfügbar. Jedoch soll im
Folgenden das Konzept des Quartiersstützpunktes als räumliches Zentrum einer verlässlichen Versor-
gungssicherheit vorgestellt werden.
Ein Quartiersstützpunkt als Kern der Versorgungssicherheit im Quartier
Idee:
Ambulante Pflege und Assistenz hat oft für die Nutzer/innen und ihre Angehörigen keinen sichtbaren
Ort. Dieser schafft aber Vertrauen und gibt dieser Leistung ein Gesicht, gerade wenn weitgehende
personelle Kontinuität gewährleistet werden kann. Ein Stützpunkt in der Nachbarschaft verringert die
Hemmschwellen, Unterstützung in Anspruch zu nehmen, wenn z.B. nur eine kleine Hilfe vonnöten ist.
Als Zentrum kann er der niedrigschwelligen Begegnung und Beratung dienen, z.B. durch Mittagstisch-
oder Café-Angebote, und dient so der sozialen Teilhabe.
Umsetzung:
Das Konzept wurde in Münster durch den Ambulante Dienste e.V. eingeführt und umgesetzt (s.o.),
der aus der ehrenamtlichen Behindertenhilfe kommt. Die Wohn+Stadtbau GmbH ist Kooperations-
partnerin und stellt geeignete barrierefreie Räumlichkeiten zur Verfügung. Der neueste Quartiers-
stützpunkt an der Hammer Str. (Platanenhof) wurde mit einem Wohnkomplex in einem lebendigen
Innenstadtquartier neu errichtet. Zu diesem gehören Service-Wohnungen und eine Mehrgeneratio-
nen-Hausgemeinschaft; Mieter/innen beider Angebote können Pflege- und Assistenzleistungen oder
den Hausnotruf des Vereins zubuchen. Der Quartiersstützpunkt wird auch durch die Projektbewoh-
ner/innen für gemeinschaftliche Aktivitäten genutzt. Im Komplex liegt auch eine Kindertagesstätte.
Eine Grünfläche und Einkaufsmöglichkeiten sind unmittelbar benachbart.
124 Handelsverband Deutschland – HDE e.V. – Qualitätszeichen "Generationenfreundliches Einkaufen". Online unter:
http://www.generationenfreundliches-einkaufen.de
7 Maßnahmenspektrum in den Quartieren
124
Erfahrungen / Restriktionen:
Das Konzept erlaubt, einen echten ‚Quartierskern‘ mit einer vertrauenswürdigen Versorgungssicher-
heit im Sinne der niederländischen Konzepte zu erhalten. Er soll einen Einzugsbereich mit dem Radi-
us von 500-1000 m haben. Die Quartierstützpunkte sind rund um die Uhr besetzt. Die ambulanten
Pfleger/innen und Helfer/innen sind zumeist zu Fuß und mit dem Fahrrad unterwegs. Dies sorgt auch
für Sichtbarkeit. Es wäre wünschenswert, Erfahrungen mit den Quartiersstützpunkten im Kontext
einer umfassenden altengerechten, inklusiven Quartiersentwicklung mit weiteren Maßnahmenansät-
zen und vernetzten Akteuren für ein ganzes Quartier zu sammeln.
Ehrenamtliche Besuchsdienste und Begleitung
Idee:
Professionellen Kräften in den Hilfesystemen fehlen, auch wenn sie dezentral angebunden sind, oft
die Ressourcen, um aufsuchend tätig zu werden. Sie sind darauf angewiesen, dass Hilfesuchende zu
ihnen kommen oder Dritte sie auf diese aufmerksam machen. Die Hemmschwellen sind aber hoch, es
ist Mobilität vonnöten, und das Abwarten verschlimmert namentlich bei medizinischen Ursachen oft
die Problematiken. Es wird davon ausgegangen, dass die Hemmschwellen gegenüber Ehrenamtli-
chen, die in die Nachbarschaften gehen, geringer sind.
Umsetzung:
Die Von-Mensch-zu-Mensch-Gruppen in Münster leisten genau das. Es ist nicht ihre Aufgabe, profes-
sionelle Beratung und Unterstützung zu ersetzen. Sie können aber in gewisser Weise Lotsenfunktio-
nen übernehmen und sozialen Halt vermitteln. Aufgabe wird sein, sie mit den Projekten der altenge-
rechten, inklusiven Quartiersentwicklung zu vernetzen bzw. neue Gruppen in diesen Quartieren zu
etablieren. So können sie ihr Wissen über die Lebenssituation Unterstützungsbedürftiger in die Quar-
tiersentwicklung frühzeitig einbringen.
Erfahrungen / Restriktionen:
Die bekannten Erfahrungen in Münster und mit ähnlichen Projekten wie in Gelsenkirchen und Mül-
heim/Ruhr sind gut. Es ist von Bedeutung, die freiwillig Engagierten nicht zu überfordern oder allein
zu lassen, und sie durch Fortbildungen und ggf. Supervision für ihre Aufgaben zu stärken. In Münster
bietet die Freiwilligenagentur solche flankierenden Unterstützungen an. Ggf. sollte das Konzept bei
besonderen Herausforderungen im Quartier wie Armutsrisiken oder Sprachbarrieren in Richtung
präventiver Hausbesuche durch professionelle Kräfte weiterentwickelt werden.
IX. Handlungsfeld Gemeinschaft, Nachbarschaft und Identität
Dieses Feld scheint zunächst einen eher ‚weichen‘ und abstrakten Faktor darzustellen. Es wird daher
empfohlen, das Thema durch konkrete Anlässe – wie Quartiers- und Nachbarschaftsfeste – und feste
Orte für Gemeinschaft manifest werden zu lassen. Die Förderung von lokalen Gemeinschaften, ge-
genseitiger Hilfe, sozialer Achtsamkeit und Inklusion ist ein zentraler Aspekt der altengerechten, in-
klusiven Quartiersentwicklung zur Versorgungssicherheit für Menschen mit Pflege- und Unterstüt-
zungsbedarf.
7 Maßnahmenspektrum in den Quartieren
125
Quartiersze ntrum / Dorfgemeinschaftshaus
Idee:
Gemeinschaft braucht Gemeinschaftsräume, sei es, um Dinge gemeinsam zu planen und zu entwi-
ckeln oder einfach Zeit miteinander zu verbringen und zu feiern. Angesichts einer heterogener wer-
denden Gesellschaft ist beispielsweise die Bedeutung der Kirchengemeinden in diesem Sinne rück-
läufig. Höherschwellige Angebote mit professionellem Anspruch schrecken vielleicht manche ab. Die
klassische Eckkneipe ist weitgehend verschwunden. Teilweise fangen Sportvereine mit ihren Ver-
einsheimen dies auf. Es sind aber weitere niedrigschwellige Angebote nötig. Selbstgetragene Quar-
tierszentren bzw. Dorfgemeinschaftshäuser können Aktivitäten Raum geben.
Umsetzung:
Bei einem Mangel an Begegnungsstätten und Beratungsangeboten sowie dem Bedarf für weitere
soziale Infrastruktureinrichtungen im Quartier wie einem Quartiersstützpunkt sollten rasch Möglich-
keiten einer Realisierung gesucht werden. Baulich-investive Maßnahmen benötigen oft einen langen
Vorlauf. Besonders geeignet erscheint die Umnutzung ortsbildprägender Bestandsgebäude, die zu-
sätzlich identitätsstiftend wirken. Im Neubaubereich, z.B. bei geförderten altengerechten Wohnun-
gen, bestehen gute Möglichkeiten der Förderung von Gemeinschaftseinrichtungen, die die Quartier-
söffentlichkeit mitnutzen kann. Evtl. können Raumreserven öffentlicher Gebäude mobilisiert werden.
Das Konzept kann an das der Community Centres in Großbritannien angelehnt werden. Es empfiehlt
sich eine Bündelung mit sinnvollen weiteren Einrichtungen, die als optionale Ideenbausteine zu ver-
stehen sind:
Im Kern kann ein Quartiersstützpunkt (s.o.) wichtige Funktionen für Menschen mit Pflege- und Un-
terstützungsbedarf bündeln. Neben dem Dauerangebot von Mittagstisch und wohnungsnaher ambu-
lanter Versorgung können hier organisierte Aktivitäten wie Lesungen, Spielenachmittage oder Er-
zählcafés am großen Tisch stattfinden. Es bietet sich an, dies mit offenen Beratungsangeboten zu
kombinieren (s.o.).
Zu einem Quartiersstützpunkt sollte auch ein lokaler Hausnotruf mit kurzen Wegen im Quartier ge-
hören. Das Vorhandensein dieser Einrichtung kann den Bewohnerinnen und Bewohnern zusätzliche
Sicherheit geben.
Die Rund-um-die-Uhr-Besetzung verbessert die Möglichkeit der Ankoppelung weiterer Raumangebo-
te für Gemeinschaftsnutzungen wie ein „Quartierswohnzimmer“ zum freien Aufenthalt oder bei-
spielsweise für das gemeinsame Schauen von Sportereignissen. Auch ein Party-/Feierraum für Quar-
tiersbewohner/innen mit Terrasse und Außenbereich ist möglich, z.B. für Familiengeburtstage und
Vereinsfestivitäten.
7 Maßnahmenspektrum in den Quartieren
126
Der Freiraumbezug, den gerade Menschen, die in Mietwohnungen leben, nur in geringem Maße ha-
ben, lässt sich durch einen Quartiersgarten herstellen, der die Gartenarbeit auf die Schultern vieler
Freiwilliger verteilt. Hier ist – wie bei einem Quartierszentrum insgesamt – auf einen barrierefreien
Ausbau zu achten (s. Abb. 35).
Die gemeinschaftliche bzw. arbeitsteilige Verantwortung für ein Haustier lässt sich im Zusammen-
hang mit solchen Räumlichkeiten mit Außenbereich und einer dauerhaften personellen Besetzung
ebenfalls herstellen. Damit entsteht ein weiterer Anziehungspunkt. Der therapeutische Effekt von
Tieren, gerade auf Menschen, die an Vereinsamung oder sogar einer beginnenden demenziellen Er-
krankung leiden, ist nachgewiesen125.
Das Konzept von Quartiersatelier und Quartierswerkstatt wurde weiter oben beschrieben. Ein Quar-
tiersatelier lässt sich mit einem Arbeitsraum für ehrenamtliche Gruppenaktivitäten für das Quartier,
wie z.B. Hausaufgabenbetreuung, kombinieren.
Zudem empfiehlt es sich, auch für die Quartiersentwicklerin/den Quartiersentwickler ein kleines Büro
als Anlaufstelle vorzuhalten. Dies verbessert die Verankerung im Quartier wesentlich.
Im Sinne intergenerationeller Begegnungen kann über die Integration einer Kindertagesstätte nach-
gedacht werden, bzw. Gelände und Gebäude einer KiTa können bei einem notwendig gewordenen
Neubau Keimzelle eines Quartierszentrums werden. So können möglicherweise Quartiersatelier und
Küche verschiedenen Nutzungen dienen.
Eine Demenz-Wohngemeinschaft bietet sich ebenfalls als komplementäre Nutzung in einem Quar-
tierszentrum an, vor allem weil sie den Menschen, die aufgrund einer demenziellen Erkrankung nicht
mehr allein in ihren Wohnungen leben können, die Möglichkeit gibt, in ihrer Nachbarschaft zu blei-
ben. Diese bekannte Umgebung ist zumal zur Stützung des Erinnerungsvermögens sehr hilfreich. In
125 Eine Übersicht findet sich bei tiergestützte-therapie.de – tt-Literatur. Tiergestützte Therapie / Pädagogik. Online unter:
http://www.tiergestuetzte-therapie.de/pages/literatur/einsatz/ther_paed.htm
Abbildung 30: Mögliche Bausteine eines Quartierszentrums.
Quelle: Eigener Entwurf
7 Maßnahmenspektrum in den Quartieren
127
einem Quartierszentrum werden diese unterstützungsbedürftigen Menschen tatsächlich ins Zentrum
der Nachbarschaft gerückt.
Ähnliches gilt für eine Tagespflege, die sich an die ambulante Pflege eines Quartiersstützpunktes gut
angliedern lässt, und die wahrscheinlich als Angebot in ihrer Bedeutung weiter zunehmen wird. Hier
wird zudem das neue Konzept einer Quartierskrankenstation vorgeschlagen, die Quartiersbewoh-
ner/innen niedrigschwellig ermöglichen würde, nur kurzzeitig erkrankte Personen wie Kinder oder
Ältere ohne bisherigen Pflegebedarf tagsüber in Obhut zu lassen, z.B. mitgetragen durch ehrenamtli-
che Unterstützung.
Vermietbare Gästezimmer bieten sich dort an, wo damit zu rechnen ist, dass ältere Quartiersbewoh-
ner/innen, die jetzt in kleineren Wohneinheiten leben, regelmäßig Besuch von weiter entfernt le-
benden Freunden und Verwandten bekommen. Dies entlastet sie, selbst Übernachtungsmöglichkei-
ten zuhause anbieten zu müssen.
Erfahrungen / Restriktionen:
Die zentralen Herausforderungen sind die Dauerfinanzierung der Nutzung und die Klärung der recht-
lichen Trägerschaft. In begrenztem Umfang können Nutzungsentgelte, z.B. für private Feiern, erho-
ben werden. Es empfiehlt sich, die Unterstützung eines Trägers zu suchen, der ein Beratungsangebot
im Quartier machen oder eine andere Leistung anbieten möchte. Die Integration eines ambulanten
Pflegedienstes oder einer Tagespflege als Dauermieter kann das Projekt auch finanziell stabilisieren.
Die sinnvolle Verankerung einer Demenz-WG im Quartier kann Teil des Projektes werden.
Abbildung 31: Garten mit barrierefreiem Hochbeet.
Quelle: Mein schönes Zuhause. Online unter:
http://www.zuhause3.de/garten-und-gruen/so-wird-der-garten-
barrierefrei
8 Gesamtstädtische Vernetzung und ressortübergreifendes Handeln
128
8 Gesamtstädtische Vernetzung und ressortübergreifendes H andeln
Die Stadt Münster hat sich entschieden, ein gesamtstädtisches Konzept für die altengerechte, inklu-
sive Quartiersentwicklung zur Versorgungssicherheit für Menschen mit Pflege- und Unterstützungs-
bedarf zu erarbeiten. Es wird aufgrund der Komplexität des Themas und der zahlreichen berührten
fachlichen Felder als sinnvoll erachtet, dieses Konzept nun als Auftakt und Diskussionsgrundlage für
einen gesamtstädtischen Prozess zu sehen.
Es geht darum, verlässliche Rahmenbedingungen für den Ausbau von neuen ambulanten Wohn- und
Pflegeformen herzustellen, den Blick zu schärfen für das Leben in einer alternden Gesellschaft und
die relevanten Akteure zu sensibilisieren und zu motivieren. Auch innerhalb der Systeme der Alten-
und Behindertenhilfe sowie der Pflege bedarf dieser Paradigmenwechsel neuer Formen von Koope-
ration und Transparenz.
8.1 Netzwerk -Prozess
Im Kontext der Erstellung dieses Konzeptes und der anlaufenden ersten Projekte einer altengerech-
ten, inklusiven Quartiersentwicklung wurde der Arbeitskreis ‚Älter werden in Münsters Quartieren’
mit verschiedenen Trägern gegründet (s. Kap. 5.2). Er dient der Abstimmung, gemeinsamen konzep-
tionellen Überlegungen und dem fachlichen Austausch. Um die Idee einer altengerechten, inklusiven
Quartiersentwicklung zu verbreiten und weiter gehende Unterstützung sowie Anregungen aus der
Praxis zu gewinnen, etwa in den Themenfeldern Nahversorgung und Wohnen, plant der Arbeitskreis
für 2017 einen Fachtag ‚Altengerechte, inklusive Quartiersentwicklung Münster’. Die Basis sollen
Fachvorträge und Workshop-Impulse aus Wissenschaft und Praxis bilden, um auf dieser Grundlage
einen fachlichen Austausch zu eröffnen. Es wird eine Förderung aus dem Landesförderplan Alter und
Pflege angestrebt.
Hauptanliegen ist es, die Grundideen und Möglichkeiten einer altengerechten, inklusiven Quartiers-
entwicklung zur Versorgungssicherheit für Menschen mit Pflege- und Unterstützungsbedarf weiter
fachlich zu erkunden und in Münster bekannter zu machen. Dies gilt gerade für gesamtstädtische
Akteure, deren Unterstützung in den Quartieren benötigt wird, wie die Wohnungswirtschaft und den
Einzelhandel, aber auch die etablierten Akteure in diesem Bereich, die in der Konferenz Alter und
Pflege zusammengeschlossen sind.
Es ist zu überlegen, aus dem oben genannten Arbeitskreis sukzessive ein programmatisches Netz-
werk ‚Älter werden in Münsters Quartieren‘ zu entwickeln. Die Fachtage sollten als Forum fortge-
führt werden und können als Netzwerktreffen dienen. Flankierend sollte eine ämterübergreifende
Arbeitsgruppe gegründet werden. Hier sollte auch die Behindertenhilfe des Landschaftsverbands
Westfalen-Lippe einbezogen werden. Es gilt, die Reibungsverluste, die aus der fachlichen ‚Versäu-
lung‘ resultieren, zu mindern.
Insbesondere wird auch eine verstärkte Vernetzung mit dem Amt für Wohnungswesen und Quartier-
sentwicklung angestrebt, um eine Einbindung in zukünftige Gesamtstrategien von Quartiersentwick-
lung zu erreichen.
8 Gesamtstädtische Vernetzung und ressortübergreifendes Handeln
129
8.2 Neue Initiativen motivieren
Ziel soll es sein, aus einem gesamtstädtischen Netzwerk heraus weitere Träger für Projekte der alten-
gerechten, inklusiven Quartiersentwicklung in den aufgezeigten Stadtbereichen mit Handlungsbedar-
fen und Potenzialen zu gewinnen. Auch bürgerschaftliche Initiativen aus den Quartieren sollen moti-
viert und gestärkt werden, derartige Projekte zu starten bzw. Maßnahmen umzusetzen, die Anker-
punkte einer Quartiersentwicklung werden können, wie Mehrgenerationenwohnprojekte. Die Stadt
Münster wird ihnen, soweit möglich, in Form von Förder- und Organisationsberatung und als ‚Türöff-
ner‘ zur Seite stehen.
9 Ausblick
130
9 Ausblick
Es ist vorgesehen, die Befunde und Empfehlungen dieses Masterplans für Münster zukünftig weiter
zu konkretisieren. Auf diesem Wege sollen neue Entwicklungen und Erkenntnisse im Themenfeld
wiedergegeben und für die Stadtöffentlichkeit dokumentiert werden. Dies betrifft die Fortschritte in
den konkreten Quartiersentwicklungsprojekten und im gesamtstädtischen Netzwerkprozess, aber
auch die Verbesserung der Datenlage.
9.1 Informationssystem und Datenlage
Hierzu ist mittelfristig der Aufbau eines Informationssystems für die altengerechte, inklusive Quar-
tiersentwicklung vorgesehen, das die Infrastrukturinformationen, die für die Bestandsanalyse zu-
sammengetragen wurden in einer interaktiven Anwendung bündelt und aktuell hält. Basis soll der
Kartenserver der Stadt Münster sein, in dem entsprechende Übersichten unter dem Stichwort Sozial-
amt / Soziales und Gesundheit bereits verfügbar sind
126. Dies ist in kooperativer Zusammenarbeit mit
anderen Stellen um weitere Aspekte wie die Nahversorgungssituation, Ärzte- und Apothekenversor-
gung etc. zu ergänzen. Ziel ist, verschiedene Aspekte der Situation in den Quartieren besser einander
gegenüber stellen zu können. Ergänzende bzw. aktualisierte Datenerhebungen sind für weitere Be-
reiche anzustreben, so den barrierefreien Ausbau der öffentlichen Räume, Bildungsangebote, Frei-
räume etc.
Bzgl. der für die Begründung weiterer Vorhaben relevanten Bevölkerungs- und Sozialdaten wird mit-
telfristig ebenfalls eine weitere Verbesserung der Datenlage angestrebt. Fragen zur Situation Älterer
und von Menschen mit Behinderung, die eine Migrationsvorgeschichte haben, sind vertieft zu klären.
Dies soll in Zusammenarbeit mit den entsprechenden Communitys in qualitativer Weise erfolgen.
Die herangezogenen Indikatoren wie die Bevölkerungsanteile Älterer und Hochbetagter, die Anteile
allein lebender Älterer etc. sollen Gegenstand der fachlichen Diskussion sein, sie sollen weiterentwi-
ckelt und fortgeschrieben werden. Sie sind als Kontextindikatoren altengerechter, inklusiver Quar-
tiersentwicklung zu verstehen.
9.2 Beratung und Fortbildung a ltengerechte , inklusive Quartiersentwicklung
Die Stadt Münster wird eine Beratungsmöglichkeit für Bürger/innen zu Quartiersangeboten zur Ver-
sorgungssicherheit für Menschen mit Pflege- und Unterstützungsbedarf einrichten. Hierzu wird ein
Informationspool zu neuen Wohn- und Pflegearrangements und ergänzenden quartiersbezogenen
Angeboten in Münster aufgebaut. In diesem Kontext ist es sinnvoll, auch verwaltungsintern Fortbil-
dungen zum Quartiersansatz anzubieten.
126 S. Stadt Münster, Vermessungs- und Katasteramt / Sozialamt – Informationsbüro Pflege: Geobasisdaten / Pflegeeinrich-
tungen. Online unter: http://geo.stadt-
muenster.de/webgis2/frames/index.php?PHPSESSID=2cbf1c5bf016171008cbed393ec75ae0&gui_id=SozialesGesundheit
9 Ausblick
131
9.3 Perspektiven
Für das Jahr 2017 zeichnen sich folgende Aufgaben ab:
a) Umsetzungsstand der laufenden Projekte altengerechter, inklusiver Quartiersentwicklung,
b) Fachtag ‚Altengerechte, inklusive Quartiersentwicklung‘,
c) Konkretisierung, Wechselwirkungen und Synergieeffekte mit dem Kommunalen Pflegebe-
darfsplan.
Literatur
132
Verwendete und empfohlene Literatur
Aktion Mensch e.V. (2014): INKLUSION2025. Der Zukunftskongress der Aktion Mensch. Sessions im
Panel Selbstbestimmtes Leben in sozialen Räumen und Beziehungen. Online
ter: https://www.aktion-
mensch.de/zukunftskongress/dokumentation/panels/selbstbestimmtes-leben/sessions.php
Alisch, M. (Hrsg.) (2014): Älter werden im Quartier. Soziale Nachhaltigkeit durch Selbstorganisation
und Teilhabe, Kassel
Amrhein, V. (2010): Die Rolle der Großeltern im Familienverband – und ihre Alternativen. Online
unter: http://www.familienhandbuch.de/familie-
leben/familienformen/grosseltern/dierolledergrosselternimfamilienverband.php
Baas, S./Schmitt, M./Wahl, H.-W. (2008): Singles im mittleren und höheren Erwachsenenalter. Sozi-
alwissenschaftliche und psychologische Befunde, Stuttgart
Backes, G. M./Clemens, W./Künemund, H. (2004): Lebensformen und Lebensführung im Alter, Wies-
baden
Bereswill, M./Braukmann, S. (2014): Fürsorge und Geschlecht. Neue und alte Geschlechterkonstella-
tionen im freiwilligen Engagement Älterer, Weinheim
Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (DASA) (2014): Arbeit in der Pflege - Arbeit am
Limit? Arbeitsbedingungen in der Pflegebranche. BIBB/BAuA-Faktenblatt 10. Dortmund. Online
unter: http://www.baua.de/de/Publikationen/Faktenblaetter/BIBB-BAuA-
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Alle Internetquellen (auch zu Abbildungen und Fußnoten) wurden zuletzt abgerufen am 08.08.2016.
Anhang
137
Anhang
Anhang 1
Karte I – Anteil Älterer an der Bevölkerung
Karte II – Begegnung und Beratung
Karte III - Verkehr
Karte IV – Pflege und Wohnen
Karte V - Nahversorgung
Anhang 2
Pflegegeldempfang 65plus
Personen Migrationsvorgeschichte
Alleinlebende 80plus
2-Personenhaushalte 80plus
Anhang 3
Prognostizierter Altersaufbau bei Eintritt der Baby-Boomer-Generationen in
Ruhestandsalter und Hochaltrigkeit (60 – 80 Lebensjahre) für NRW und
Deutschland
Anhang
138
Münstersche Aa
Münstersc
he
Aa
Werse
Angel
Ems
Dortmund - Ems - Kanal
Aa
See
-
Dortmund - Ems - Kanal
Dortmund-Ems-Kanal
Altenberge
Gronau
Lüdinghausen
Rheine
Warendorf
Hamm
Gimbte
Osnabrück
Recklinghausen
T elgte
Westbevern
Albersloh
GremmendorfMecklenbeck
Roxel
Nienberge
Kinderhaus
Häger
Coerde
Gievenbeck
Sprakel
RinkerodeDortmund
Senden
Bösensell
Albachten
Amelsbüren
Hiltrup
Angel-
Wolbeck
modde
St. Mauritz
Handorf
Gelmer
Waldfriedhof
Lauheide
Coesfeld
Recklinghausen
Dortmund
Hamm
Beckum
Warendorf
Osnabrück
RheineGronau
Anteil Personen 60+ Greying Index
< 10 % < 20
20 - 27,3
27,3 - 40
> 40
k. A.
10 - 15 %
15 - 21,3 %
21,3 - 25 %
25 - 30 %
30 - 35 %
> 35 %
Die Anteile beziehen sich auf die wohnberechtigte
Bevölkerung in Privathaushalten am 31.12.2015
in den Stadtzellen
Anteil Älterer an der Bevölkerung
MASTERPLAN ALTENGERECHTE QUARTIERE
0 0,5 1 2 3 km
Stand: April 2016
Erläuterungen
Grau hinterlegt sind die Wohnsiedlungsbereiche.
Die dargestellte Altersstruktur bezieht sich auf die Personen in Privathaushalten. Menschen ohne eigene Haushaltsführung in Gemeinschaftsunterkünften (wie reinen Pflegeheimen) sind nicht in die Betrachtung eingeflossen, Service-Wohnungen und Heime mit abgeschlossenen Apartments bspw. jedoch schon. Die Daten wurden auf Ebene der 174
Stadtzellen ausgewertet.
Der durchschnittliche Anteil von Bewohnerinnen und Bewohnern im Alter von 60 Lebensjahren oder älter beträgt für Münster 21,3 %. Geringere Anteile sind in Grüntönen hinterlegt, höhere in gelb bzw. bei Anteilen > ¼ oder 25 % in Rottönen.
Der sog. Greying Index beschreibt hier den Anteil der Hochbetagten an der Bevölkerung über 60 Jahren in Privathaushalten, d.h. den Anteil derjenigen, die bereits 80 Jahre alt oder älter sind (80-jährige und ältere Einwohner/innen / 60- bis unter 80-jährige Einwohner/innen) * 100 in %. Der Durchschnittswert für Münster beträgt hier 27,3 %. Geringere Werte
sind waagerecht, höhere Werte diagonal schraffiert.
Gebiete mit 30 oder weniger über-60-jährigen Bewohner/innen wurden ganz aus der Betrachtung ausgenommen (farblos).
KARTE I
Anhang 1
140
Münstersche Aa
Münstersc
he
Aa
Werse
Angel
Ems
Dortmund - Ems - Kanal
Aa
See
-
Dortmund - Ems - Kanal
Dortmund-Ems-Kanal
Altenberge
Gronau
Lüdinghausen
Rheine
Warendorf
Hamm
Gimbte
Osnabrück
Recklinghausen
Telgte
Westbevern
Albersloh
Gremmendorf
Mecklenbeck
Roxel
Nienberge
Kinderhaus
Häger
Coerde
Gievenbeck
Sprakel
RinkerodeDortmund
Senden
Bösensell
Albachten
Amelsbüren
Hiltrup
Angel-
Wolbeck
modde
St. Mauritz
Handorf
Gelmer
Waldfriedhof
Lauheide
Coesfeld
Recklinghausen
Dortmund
Hamm
Beckum
Warendorf
Osnabrück
RheineGronau
DB
DB
DB
DB
DB
DB
DB
235
1
73E
43
1
73E
1
73E
54
Münster - Nord
Anschluss
Münster - Süd
Autobahnkreuz
DB
Münster-Hiltrup
Anschluss
i
i
i
i
i
i
i
i i
i
i
i
i
i
i
i
i
i
i
i
i
i
i
i i
i
ii
i
i i i
i
i
i
i
i
i
i
Beratung und Austausch
Integrierte Angebote / soziale T
reffpunkte
Qualifizierter
Quartiersstützpunkt
Beratungsstelle,
Sozialbüro, Seniorenbüro
Begegnungsstätte
Gesprächskreis
Offener Mittagstisch
Bäckereicafé
i
Begegnung und Beratung
MASTERPLAN AL
TENGERECHTE QUARTIERE
0 0,5 1 2 3 km
Stand: April 2016
Erläuterungen:
Grau hinterlegt sind Wohnsiedlungsbereiche und gemischt genutzte Bereiche mit Wohnanteilen.
Begegnungsstätte bezeichnet hier die durch die Stadt Münster geförderten Begegnungsangebote für Seniorinnen und Senioren, die mind. zwei Stunden in der Woche zur Verfügung stehen.
Gesprächskreise sind Angebote zum Austausch für pflegende Angehörige, u.U. mit inhaltlichen Schwerpunkten wie demenziell erkrankten Pflegebedürftigen.
Als Qualifizierter Quartiersstützpunkt im Sinne des Masterplans wird ein quartiersnahes Angebot aus offenem Mittagstisch, lokaler ambulanter Pflege im Umfeld und Pflegeberatung und ggf. weiteren Elementen wie einer Pflege-WG bezeichnet.
Es wurde teilweise auf Standorterhebungen älteren Datums aus den Beständen der Stadt Münster zurückgegriffen.
KARTE II
Anhang 1
142
Münstersche Aa
Münstersc
he
Aa
Werse
Angel
Ems
Dortmund - Ems - Kanal
Aa
See
-
Dortmund - Ems - Kanal
Dortmund-Ems-Kanal
Altenberge
Gronau
Lüdinghausen
Rheine
Warendorf
Hamm
Gimbte
Osnabrück
Recklinghausen
Telgte
Westbevern
Albersloh
GremmendorfMecklenbeck
Roxel
Nienberge
Kinderhaus
Häger
Coerde
Gievenbeck
Sprakel
RinkerodeDortmund
Senden
Bösensell
Albachten
Amelsbüren
Hiltrup
Angel-
Wolbeck
modde
St. Mauritz
Handorf
Gelmer
Waldfriedhof
Lauheide
Coesfeld
Recklinghausen
Dortmund
Hamm
Beckum
Warendorf
Osnabrück
RheineGronau
DB
DB
DB
DB
DB
DB
DB
235
1
73E
43
1
73E
1
73E
54
Münster - Nord
Anschluss
Münster - Süd
Autobahnkreuz
DB
Münster-Hiltrup
Anschluss
Bf
Bf
Bf
Bf
Bf
Bf
Bf
Bf
Verkehr
MASTERPLAN AL
TENGERECHTE QUARTIERE
0 0,5 1 2 3 km
ÖPNV
MIV
Fußverkehr
Tankstelle mit DRS
Bahnhof / Haltepunkt Regionalverkehr
T
axibus-Tagesnetz
Bus-Tagesnetz
Taxistand
Öffentliche Toilette
Stand: April 2016
Bf
Erläuterungen:
Grau hinterlegt sind Wohnsiedlungsbereiche und gemischt genutzte Bereiche mit Wohnanteilen.
Taxibus bezeichnet eine Form der bedarfsorientierten Bedienung im ÖPNV, i.d.R. mit kleineren Fahrzeugen und nach Anforderung, aber zu festen Abfahrtszeiten und im Preissystem des ÖPV-Anbieters.
DRS bedeutet Dienst-Ruf-System, Autofahrer/innen mit Unterstützungsbedarf können mittels eines Funksenders Tankstellenpersonal an ihr Fahrzeug rufen.
Es wurde teilweise auf Standorterhebungen älteren Datums aus den Beständen der Stadt Münster zurückgegriffen.
KARTE III
Anhang 1
144
Münstersche Aa
Münstersc
he
Aa
Werse
Angel
Ems
Dortmund - Ems - Kanal
Aa
See
-
Dortmund - Ems - Kanal
Dortmund-Ems-Kanal
Altenberge
Gronau
Lüdinghausen
Rheine
Warendorf
Hamm
Gimbte
Osnabrück
Recklinghausen
Telgte
Westbevern
Albersloh
Gremmendorf
Mecklenbeck
Roxel
Nienberge
Kinderhaus
Häger
Coerde
Gievenbeck
Sprakel
RinkerodeDortmund
Senden
Bösensell
Albachten
Amelsbüren
Hiltrup
Angel-
Wolbeck
modde
St. Mauritz
Handorf
Gelmer
Waldfriedhof
Lauheide
Coesfeld
Recklinghausen
Dortmund
Hamm
Beckum
Warendorf
Osnabrück
RheineGronau
DB
DB
DB
DB
DB
DB
DB
235
1
73E
43
1
73E
1
73E
54
Münster - Nord
Anschluss
Münster - Süd
Autobahnkreuz
DB
Münster-Hiltrup
Anschluss
Pflege
Wohnen
Altenpflegeheim
Service Wohnen
Demenz- und Pflege-
WG für Ältere
Neues W
ohnen mit
Älteren
Kurzzeitpflege
Tagespflege
Demenzgruppe
2 Einrichtungen an
einer Adresse
2 Einrichtungen an
einer Adresse
3 Einrichtungen an
einer Adresse
Pflege und Wohnen
MASTERPLAN ALTENGERECHTE QUARTIERE
0 0,5 1 2 3 km
Stand: April 2016
Erläuterungen:
Grau hinterlegt sind Wohnsiedlungsbereiche und gemischt genutzte Bereiche mit Wohnanteilen.
Altenpflegeheim bezeichnet hier kurz vollstationäre Einrichtungen umfassender (Dauer-)Pflege.
Demenzgruppe bezeichnet hier kurz niedrigschwellige Betreuungsangebote gemäß §45b SGB XI, die für demenziell erkrankte Personen angeboten werden.
Es wurde teilweise auf Standorterhebungen älteren Datums aus den Beständen der Stadt Münster zurückgegriffen.
KARTE IV
Anhang 1
146
Münstersche Aa
Münstersc
he
Aa
Werse
Angel
Ems
Dortmund - Ems - Kanal
Aa
See
-
Dortmund - Ems - Kanal
Dortmund-Ems-Kanal
Altenberge
Gronau
Lüdinghausen
Rheine
Warendorf
Hamm
Gimbte
Osnabrück
Recklinghausen
Telgte
Westbevern
Albersloh
Gremmendorf
Mecklenbeck
Roxel
Nienberge
Kinderhaus
Häger
Coerde
Gievenbeck
Sprakel
RinkerodeDortmund
Senden
Bösensell
Albachten
Amelsbüren
Hiltrup
Angel-
Wolbeck
modde
St. Mauritz
Handorf
Gelmer
Waldfriedhof
Lauheide
Coesfeld
Recklinghausen
Dortmund
Hamm
Beckum
Warendorf
Osnabrück
RheineGronau
DB
DB
DB
DB
DB
DB
DB
235
1
73E
43
1
73E
1
73E
54
Münster - Nord
Anschluss
Münster - Süd
Autobahnkreuz
DB
Münster-Hiltrup
Anschluss
0 0,5
1 2 3 km
M M
M
M
M
M
M
M
M
M
M
M
M
M
M
M
M
M
Wochenmärkte
Banken / Sparkassen
Lebensmittel
Zentrale Versorgungsbereiche
einmal wöchentlich
zweimal wöchentlich
1 Einrichtung
1 Geschäft
Stadtzentrum, Stadtbereichszentrum
10 Einrichtungen
10 Geschäfte
Grundversorgungszentrum, Nahbereichszentrum
MM
Nahversorgung
MASTERPLAN AL
TENGERECHTE QUARTIERE
0 0,5 1 2 3 km
Stand: April 2016
Erläuterungen:
Grau hinterlegt sind Wohnsiedlungsbereiche und gemischt genutzte Bereiche mit Wohnanteilen.
Es wurde teilweise auf Standorterhebungen älteren Datums aus den Beständen der Stadt Münster zurückgegriffen.
KARTE V
Anhang 1
148
Anhang 2
149
Anhang 2
150
Anhang 2
151
Anhang 2
152
Anhang 3
Quelle: Destatis – Statistisches Bundesamt (2016): Interaktive Länderpyramiden 13. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung nach Bundesländern, Wiesbaden. Online unter:
https://www.destatis.de/laenderpyramiden. Eigene Ermittlungen mit Variante 2 Kontinuierliche Entwicklung bei stärkerer Zuwanderung (G1-L1-W2).
Prognostizierter Altersaufbau bei Eintritt der Baby-Boomer-Generationen in Ruhestandsalter und Hochaltrigkeit (60 und 80 Lebensjahre) für NRW und
Deutschland
154
Beratungsverlauf (8)
Beschluss: Vorlage eingebracht
Zur SitzungBeschluss: zur Kenntnis genommen
Zur SitzungBeschluss: zur Kenntnis genommen
Zur SitzungBeschluss: zur Kenntnis genommen
Zur SitzungBeschluss: zur Kenntnis genommen
Zur SitzungBeschluss: einstimmig geändert beschlossen
Zur SitzungOrte (47)
- Gartenstraße
- Hammer Straße
- Pienersallee
- Hülshoffstraße
- Warendorfer Straße
- Marktallee
- Friedrich-Ebert-Straße
- Breslauer Straße
- Telgter Straße
- Wilhelmstraße
- Wolbecker Straße
- Rüschhausweg
- Idenbrockplatz
- Stehrweg
- Kemperweg
- Am Burloh
- Kappenberger Damm
- Steinfurter Straße
- Umgehungsstraße
- Sentruper Höhe
- Erbdrostenweg
- Hogenbergstraße
- Dechaneischanze
- Angelmodder Weg
- Brüningheide
- Düesbergweg
- Rosengarten
- Delpstraße
- Hacklenburg
- Rumphorstweg
- Maikottenweg
- Gasselstiege
- Pluggendorf 22
- Kinderhaus
- Pötterhoek
- Hansaplatz 25
- Ringstraße
- Kriegerweg
- Heidegrund
- Wedemhove
- Fliederweg
- Neutor 29
- Düesberg 43
- Sudhoff
- Nienkamp
- Asche
- Werse
Ortsbezüge werden automatisch aus den Dokumenten ermittelt und können unvollständig sein.
Details
- Aktenzeichen
- V/0908/2016
- Typ
- Vorlagen
- Datum
- 09.11.2016
- Erstellt
- 06.10.2020 14:37