AIR/0002/2010
Vorschlag des Integrationsrates zu einer Resolution gegen die Abschiebung von Minderheiten in den Kosovo und zur Veränderung des Bleiberechts
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Anregung_AIR_0002
7196 Zeichen
Anregung des Integrationsrates an den Rat AIR/0002 /2010
Der Integrationsrat hat in seiner Sitzung am 26.05.2010 folgende Anregung an den Rat einstimmig
beschlossen:
„Vorschlag des Integrationsrates zu einer Resolutio n gegen die Abschiebung von Minderheiten in
den Kosovo und zur Veränderung des Bleiberechts
Aus aktuellem Anlass
Am 14. April 2010 haben Deutschland und der Kosovo ein Rücknahme-Abkommen für ausreise-
pflichtige Personen unterzeichnet. Das Land NRW hat bereits im Herbst des letzten Jahres ver-
stärkt mit Abschiebungen von Menschen aus dem Kosov o begonnen. Mit der Unterzeichnung des
Rücknahme-Abkommens im April hat sich die Gefahr fü r die Minderheiten aus dem Kosovo, aus
Deutschland abgeschoben zu werden, erheblich versch ärft. Betroffen sind rund 14000 aus dem
Kosovo stammende Menschen. Etwa 10000 von ihnen sin d Roma, Ashkali und Ägypter. Das Bun-
desministerium des Inneren hat angekündigt, künftig etwa 2500 Personen jährlich in den Kosovo
abzuschieben.
Auch die Angehörigen der Roma und anderer Minderhei ten, die seit vielen Jahren in Münster ein
neues Zuhause gefunden haben, sind verstärkt bedroh t. In Münster gelten zurzeit ca. 260 von ih-
nen als ausreisepflichtig – sie können jederzeit ge gen ihren Willen abgeschoben werden. Vermut-
lich wird niemand von ihnen Münster freiwillig verlassen.
Der Rat der Stadt Münster hat sich bereits mehrfach für die Menschenrechte von Flüchtlingen ein-
gesetzt und Resolutionen gegen Abschiebung und für ein Bleiberecht für langjährig hier lebende
geduldete Menschen verabschiedet (zuletzt in der Si tzung vom 30.9.2009). Aus Anlass der Unter-
zeichnung des Rücknahme-Abkommens bittet der Integr ationsrat den Rat, die folgende Resolution
zu beschließen. Darin wird insbesondere die neue La ndesregierung in NRW aufgefordert, sich
gegen die drohende Abschiebung der Roma und für ver änderte Bleiberechtsregelungen einzuset-
zen.
Beschlussvorschlag:
Der Integrationsrat legt dem Rat folgende Resolutio n vor und regt an, sie sofort zu beraten und zu
beschließen.
1. Der Rat der Stadt Münster fordert die neue Lande sregierung in NRW auf, die eigenen
Handlungsmöglichkeiten wahrzunehmen (§ 60 a Aufenth altsgesetz) und die Abschiebung
für die Minderheiten aus dem Kosovo ab sofort für d ie Dauer von sechs Monaten auszuset-
zen.
2. Der Rat appelliert darüber hinaus an die Landesr egierung, sich aktiv auf Bundesebene für
ein Bleiberecht der in Deutschland lebenden Minderheiten aus dem Kosovo einzusetzen.
3. Ferner empfiehlt/ermutigt der Rat der/die Verwal tung und insbesondere dem/das Amt für
Ausländerangelegenheiten der Stadt Münster wie bisher zu verfahren und alles im Rahmen
des gesetzlich Möglichen zu unternehmen, um Abschie bungen von Minderheiten in den
Kosovo zu verhindern.
4. Schließlich empfiehlt der Rat der Stadt Münster den städtischen Vertretern/innen in den zu-
ständigen Gremien auf Landes- und Bundesebene (Deut scher Städtetag, landesweite
Fachverbände und Institutionen) sowie den Landtags- und Bundestagsabgeordneten mit
Nachdruck, sich für die Aussetzung der Abschiebung der Minderheiten aus dem Kosovo
und für eine Bleiberechtsregelung einzusetzen. Das Auswärtige Amt wird aufgefordert im
Rahmen seiner Zuständigkeiten/Möglichkeiten, regelm äßig über die Situation der bereits
abgeschobenen und der freiwillig zurück gekehrten Menschen im Kosovo zu berichten
Begründung:
1. In Münster droht ca. 260 Menschen, die hier ihre n Lebensmittelpunkt gefunden haben, die
zwangsweise Abschiebung in den Kosovo. Hiervon sind ca. 150 Kinder und Jugendlichen
in Münster geboren und aufgewachsen. Sie haben hies ige Kitas und Schulen besucht. Das
Heimatland ihrer Eltern kennen sie im Regelfall nur aus den Nachrichten und den Ge-
schichten der älteren Generation. Viele von ihnen s prechen nur Deutsch und Romanes,
aber weder Albanisch noch Serbisch. Die älteren Flü chtlinge haben schreckliche Erinne-
rungen an ihre Flucht vor nationalistisch gesinnten Gewalttätern. Viele sind traumatisiert,
sie haben Angst, in den Kosovo zurückzukehren. Müns ter ist für sie ein neues Zuhause,
das Schutz bietet.
2. Die abgeschobenen Menschen erwartet im Kosovo Ar beitslosigkeit, ein Mangel an Ausbil-
dungsplätzen, eine fehlende Gesundheitsversorgung u nd vielfach Wohnungslosigkeit. Die
Lebenssituation der Menschen, die zukünftig abgesch oben werden sollen, würde sich im
Vergleich zu ihrer jetzigen Lage in Münster sehr ve rschlechtern. Die Jugendlichen und jun-
gen Erwachsenen träfe die Perspektivlosigkeit am hä rtesten. Die 35000 bis 40000 bereits
jetzt im Kosovo lebenden Roma, Ashkali und Ägypter sind überdurchschnittlich arbeitslos;
etwa ein Viertel von ihnen lebt nicht in Häusern, s ondern in notdürftig errichteten Camps
isoliert und abseits der Zentren.
3. Der Kosovo ist seit Februar 2008 ein selbstständ iger Staat. Das Land ist politisch nicht sta-
bil, Korruption ist ein allgegenwärtiges Problem, e s gehört zu den ärmsten Ländern Euro-
pas. Die Flüchtlingspolitik Deutschlands wirkt zum jetzigen Zeitpunkt eher destabilisierend,
weil die zusätzliche Integration von Flüchtlingen für den Kosovo eine wirtschaftliche und po-
litische Überforderung bedeutet. Zahlreiche zivilge sellschaftlich engagierte Organisationen
hier und vor Ort (Kirchen, Caritas, Diakonie, amnes ty international, GGUA, lokale Initiativen
etc.) und einzelne Verantwortliche (wie z. B. der M enschenrechtskommissar Hammarberg),
die sich derzeit im Kosovo für den Aufbau und für m ehr Demokratie einsetzen, warnen:
Wenn Tausende zusätzliche Flüchtlinge mit den zurze it 2,6 Mio. Einwohnern des Landes
um die bereits knappen Wohnungen und Arbeitsplätze streiten, sind erneute Übergriffe auf
Minderheiten wie die Roma nicht auszuschließen. Auc h wenn die abgeschobenen Roma
aus dem Kosovo nach Serbien oder Mazedonien weiter wandern, erwartet sie dort eine
ähnlich perspektivlose Lage.
4. Roma sind während des Nationalsozialismus vertri eben, gedemütigt und ermordet worden.
Bis heute sind Roma in vielen Ländern nicht gern ge sehen und Diskriminierungen und Vor-
urteilen ausgesetzt. So hat auch der Krieg im ehema ligen Jugoslawien die Minderheiten im
Kosovo erneut an den Rand gedrängt. Auch Deutschland bildet hier keine Ausnahme. Auch
hier bestehen bei Teilen der Bevölkerung noch massi ve Vorurteile gegen Roma. Es sollte
hingegen zur Normalität werden, dass unter uns auch Roma leben im Sinne der Gleichstel-
lung (Migrationsleitbild) aller in Münster lebenden Menschen. Eine Abschiebung erinnert
hingegen an Diskriminierung und Vertreibung.
Diese Resolution richtet sich gegen eine zwangsweis e Abschiebung der Minderheiten in den Ko-
sovo. Die freiwillige Rückkehr bleibt davon unberührt.
Der Integrationsrat vertraut darauf, dass die Resol ution erneut eine große Mehrheit im Rat der
Stadt Münster findet. Denn wir in Münster wissen du rch unsere zahlreichen Aktivitäten und Doku-
mentationen vor Ort (Rat, Verwaltung, Ausländerbeir at, Flüchtlings- und Menschenrechtsorganisa-
tionen, Kirchen und Verbände) ganz genau, was es bedeutet, Menschen dorthin abzuschieben.“
Beratungsverlauf (1)
Details
- Vorlagen-Nr.
- AIR/0002/2010
- Typ
- Anregungen des IR
- Datum
- 27.05.2010
- Erstellt
- 06.10.2020 14:37