V/0045/2022
Benennung eines Teilstücks der Aa-Promenade als Schwester-Laudeberta-Weg
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Anlage_2_Übersichtsplan
36 Zeichen
Schwester -W eg -Laudeberta Anlage 2
Beschlussvorlage
3192 Zeichen
V/0045/2022 V/0045/2022 Öffentliche Beschlussvorlage Betrifft Benennung eines T eilstücksder Aa-Promenade als Schwester-Laudeberta-Weg Beratungsfolge 22.03.2022 Bezirksvertretung Münster-Mitte Entscheidung Beschlussvorschlag: I. Sachentscheidung: 1. Der Fußweg an der Aa von der Straße Spiegelturm bis zur Petrikirche erhält den Straßennamen Schwester -Laudeberta -Weg wie in Anlage 2 dargestellt. 2. Die Anregung gemäß § 24 Gemeindeordnung Nr. 2021-00273 ist damit erledigt. II. Finanzielle Auswirkungen: Es entstehen keine Kosten und keine Folgekosten. Begründung: Der Vorschlag eine Straße oder einen Weg nach Johanna van Hal – der Clemensschwester Laudeberta – zu benennen wurde bereits zwei Mal gemacht. Zuerst schlug mit Schreiben vom 24. April 2017 der Stadtheimatbund Münster den Namen vor und verwies auf die Recherchen einer Schülerin vom Geschwister-Scholl-Gymnasium in Kinderhaus. Im August 2021 reichte ein Bürger mit der Anregung nach § 24 GO Nr. 2021-00196 den Vorschlag ein, eine Straße nach Schwester Laudeberta zu benennen. Im Gegensatz zu den beiden ersten Vorschlägen nennt dieser dritte Vorschlag eine konkrete Wegefläche, die für die Benennung besonders geeignet sein soll. Mit dieser Vorlage werden die o. g. Anregungen und ein Vorschlag aus der Vorlage V/0281/2021 „Öffentliches Andenken an bedeutende Frauenpersönlichkeiten im Stadtbild fördern, Antrag A-R/0019/2019 der SPD-Fraktion“ aufgegriffen. Vermessungs- und Katasteramt 11.02.2022 Ihr/e Ansprechpartner/in: Herr Zimmermann T elefon:492-6242 ZimmermannBernhard@stadt -muenster.de - 2 - V/0045/2022 Schwester Laudeberta *18. Mai 1887 in Groenlo (NL) als Johanna van Hal, †6. September 1971 in Münster, war eine Ordensschwester der Barmherzigen Schwestern (Clemensschwestern) in Münster. Zu ihrer Kindheit und Jugend ist kaum etwas bekannt. Vor 1910 war sie in Bocholt in einem Krankenhaus tätig und trat im Alter von 22 Jahren am 4. Mai 1910 in den Orden der Clemensschwestern in Münster ein. Viele Jahre war sie in der westfälischen Provinzialheilanstalt Marienthal tätig, deren Vorsteherin sie sieben Jahre lang war. Während der NS-Zeit hat sie mutig Widerstand gegen die „Euthanasie“-Verbrechen des Nationalsozialismus geleistet und sich für die Rettung psychisch kranker und behinderter Menschen eingesetzt. Insbesondere hat sie auch Bischof Clemens August von Galen über die bevorstehenden Deportationen in Vernichtungslager informiert. Für den Bischof war dies ein entscheidender Anstoß für seine berühmt gewordenen Predigten, in denen er das „Euthanasieprogramm“ öffentlich als Massenmord bezeichnete. Weitergehende Informationen siehe Anlage 1, Seite 3. In der Anregung wird der Seitenweg an der Aa als besonders geeignet bezeichnet; denn „über diesen Weg muss Schwester Laudeberta durch den Hintereingang des Bischofpalais zu Bischof von Galen gelangt sein, um diesen über die bevorstehenden Deportationen von Patienten der Klinik Marienthal … zu informieren.“ Der Weg steht im Eigentum der Stadt Münster. Es sind keine Hausnummern zugeordnet. Umbenennungen von Adressen finden also nicht statt. In Vertretung Robin Denstorff Stadtbaurat Anlagen Anlage 1 Anregung Nr.2021-00273 Anlage 2 Übersichtsplan
Anlage A
1077 Zeichen
Anlage A zur V/0045/2022 Kurzüberblick Der Fußweg an der Aa von der Straße Spiegelturm bis zur Petrikirche erhält den Straßennamen Schwester -Laudeberta -Weg Ziele/Teilziele/Zielerreichung Die Straßenbenennung nach der Clemensschwester Laudeberta dient dem Ziel »Münster auf der Basis unserer Geschichte zu einer weltoffenen Stadt weiterzuentwickeln.« Finanzierung Produktgruppe: 09 02 Vermessung, Kataster, Geoinformation Auswirkungen auf den Ergebnisplan Ja X Nein Auswirkungen auf den Finanzplan Ja X Nein Im beschlossenen (Nachtrags-)Haushaltsplan JJJJ enthalten? Ja X Nein Im Entwurf des (Nachtrags-)Haushaltsplan JJJJ enthalten? Ja X Nein Belastungen in zukünftigen HH-Jahren? Ja X Nein Bereits veranschlagt? Ja X Nein Durch den Beschluss entstehen der Stadt Münster keine Kosten und keine Folgekosten. Pflichtigkeitsgrad Die Maßnahme/Leistung ist vollständig pflichtig überwiegend pflichtig X überwiegend freiwillig vollständig freiwillig Unmittelbare, grundsätzliche Relevanz für Querschnittsthemen (Demographie, Gleichstellung, Inklusion, Klimaschutz, Migration) Keine
Anlage_1_Anregung_2021-00273
18608 Zeichen
Von: Markus Köster
An: Ratsservice
Betreff: Buergeranregung
Datum: Dienstag, 7. Dezember 2021 17:34:18
Anlagen: Schwester_Laudeberta_AufroterErde_8-21-klein.pdf
Nachname: Köster
Vorname: Markus
Straße, Haus-Nr.: Am Max-Clemens-Kanal 138
PLZ: 48159
Ort: Münster
Telefon: 0172-2081900
E-Mail: markus.koester@uni-muenster.de
Adressat:
Rat der Stadt Münster
weitere Adressaten (optional):
Bezirksvertretung Münster-Mitte
Thema: Benennung eines Wegstücks an der Aa als „Schwester-Laudeberta-Weg“
Anregung / Antrag:
Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
hiermit beantragen wir, den Fußweg zwischen Aa und Bischöflichem Palais vom
Spiegelturm bis zur Petrikirche als „Schwester-Laudeberta-Weg“ zu benennen.
Mit freundlichen Grüßen
Ingrid Feldkamp; Ehem. Leiterin der LWL-Fortbildungsakademie
Peter Frommhold, Rechtsanwalt und Notar a.D.
Hermann Geusendam-Wode, Leiter der LWL-Akademie für Gesundheits- und
Pflegeberufe
Dr. Ralf Hammecke, Kanzler und Verwaltungsdirektor des Bischöflichen Generalvikariats
Heinz Heidbrink, Stadtheimatpfleger a.D.
Prof. Dr. Markus Köster, Historiker und Leiter des LWL-Medienzentrums für Westfalen
Ingrid Lueb, Historikerin
Ulrich Messing, Pfarrer von St. Josef und Marien sowie St. Franziskus
Stefan Querl, Stellv. Leiter der Villa ten Hompel
Thomas Voß, Kaufmännischer Direktor der LWL-Kliniken Münster und Lengerich
Gerhard Theben, Pfarrer, Spiritual der Clemensschwestern
Begründung:
Begründung:
Die Clemensschwester Laudeberta, geb. Johanna van Hal (1871 Groenlo – 1971 Münster),
die seit 1910 als Krankenschwester in der Provinzialheilanstalt Marienthal (heute LWL-
Klinik) in Münster tätig war, hat während der NS-Zeit in außerordentlicher Weise
Widerstand gegen die „Euthanasie“-Verbrechen des Nationalsozialismus geleistet und sich
für die Rettung psychisch kranker und behinderter Menschen vor dem Mordprogramm des
NS-Regimes eingesetzt (vgl. den Artikel in der Anlage). Sie hat sowohl Angehörige der
Klinikpatienten als auch Bischof Clemens August Graf von Galen über die bevorstehenden
Deportationen in Vernichtungsanstalten informiert. Für den Bischof war dies ein
Anregung Nr. 2021-00273
entscheidender Anstoß für seine aufsehenerregende Predigt vom 3. August 1941, in der er
das „Euthanasieprogramm“ öffentlich als Massenmord brandmarkte.
Mit ihrer mutigen Tat hat Schwester Laudeberta sich unter eigener Lebensgefahr für das
Lebensrecht von Menschen eingesetzt, die nicht den rassistischen Normen des NS-
Regimes entsprachen, und so in herausragender Weise Standhaftigkeit und Zivilcourage
gegenüber einem menschenverachtenden System gezeigt.
Aus diesem Grund befindet sich Schwester Laudebertas Name schon seit 2019 auf
Anregung des Stadtheimatpflegers und Empfehlung des Stadtarchivs auf der offiziellen
Vorschlagsliste der Stadtverwaltung, die den Gremien bei zukünftigen
Straßenbenennungen zur Verfügung gestellt wird.
Für die in Vorschlag gebrachte Namensgebung spricht überdies, dass sie dem Anliegen der
Stadt Rechnung trägt, verstärkt Frauen bei der Benennung von Straßennamen zu
berücksichtigen. Zudem steht Johanna van Hal als gebürtige Niederländerin auch für die
engen deutsch-niederländischen Beziehungen in der Region – die Namensgebung dürfte
deshalb bei Münsters Partnerstadt Enschede und den vielen niederländischen
Besucherinnen und Besuchern unserer Stadt großes Interesse finden.
Das konkret in Vorschlag gebrachte Wegstück an der Aa eignet sich in mehrfacher
Hinsicht in besonderer Weise für die beantragte Benennung: Erstens hat der Weg bislang
noch keine Namen und keine Hauseingänge, es sind also keine Adressänderungen etc.
nötig. Zweitens ist das Bistum als unmittelbarer Anlieger mit dem Vorschlag nicht nur
einverstanden, sondern Bischof Felix Genn unterstützt den Antrag ausdrücklich. Drittens
hat das Wegstück einen ganz besonderen Bezug zur Namensgeberin und deren mutiger Tat
im Juli 1941: Über diesen Weg muss Schwester Laudeberta durch den Hintereingang des
Bischofspalais zu Bischof von Galen gelangt sein, um diesen über die bevorstehenden
Deportationen von Patienten der Klinik Marienthal in die Vernichtungsanstalten der NS-
Euthanasie zu informieren.
Das alles macht das Wegstück zu einer idealen Wahl für die von einem breiten
gesellschaftlichen Bündnis unterstützte Ehrung von Schwester Laudeberta durch eine
Straßenbenennung.
Ausdrücklich Ihre Unterstützung für den Vorschlag haben bereits erklärt:
Herr LWL-Direktor Matthias Löb für den Landschaftsverband Westfalen-Lippe als Träger
der LWL-Klinik
Herr Bischof Dr. Felix Genn für das Bistum Münster
Herr Dr. Eduard Hüffer, Honorarkonsul der Niederlande
Frau Ursula Warnke, Vorsitzende des Stadtheimatbunds Münster
Eventuelle Dateien befinden sich im Anhang dieser E-Mail.
August 2021
eine zweite große Verle-
gungswelle, in der allein aus
Münster-Marienthal 465 Pa-
tienten in mehrere süddeut-
sche Anstalten verlegt wur-
den, mehr als fünfmal so vie-
le wie 1941. Nur 23 von ih-
nen waren bei Kriegsende
noch am Leben.
D
ie Clemensschwestern
scheinen der zweiten
Deportationsaktion hilflos
gegenübergestanden zu ha-
ben. Sie litten unter ihrem
Wissen über den Zweck der
Verlegungen, sahen aber of-
fenbar keine Möglichkeit zu
intervenieren. Nach Erinne-
rungen ihrer Mitschwestern
hielt Schwester Laudeberta
Bischof Clemens August
weiterhin über die Gescheh-
nisse in Marienthal und be-
sonders die Verlegung von
Patienten in Vernichtungs-
anstalten auf dem Laufen-
den. Doch auch der erhob in
der zweiten Phase nicht
mehr öffentlich seine Stim-
me.
S
chwester Laudeberta
selbst hat nach dem Ende
des Zweiten Weltkriegs we-
der über die Geschehnisse
gesprochen noch schriftliche
Aufzeichnungen hinterlas-
sen. Sie blieb Schwester in
Marienthal, war von 1945 bis
1952 Oberin der rund 100
Clemensschwestern in der
Anstalt und danach stellver-
tretende Oberin und Leiterin
der Wäscherei. Mit 84 Jahren
starb sie am 6. September
1971 und fand ihre letzte Ru-
he wie alle münsterischen
Clemensschwestern auf dem
Zentralfriedhof zu Münster.
Während über dem Grab
ihrer Mitschwester Euthy-
mia 2006 eine eigene Kapelle
errichtet wurde, schmückt
das von Laudeberta nur eine
schlichte kleine Platte.
U
mso mehr läge es nahe,
der couragierten Or-
densfrau eine Straße in
Münster zu widmen. Doch
trotz eines Ratsbeschlusses,
wonach neue Straßen bevor-
zugt nach Frauen zu benen-
nen sind, hat sich bis heute
keine der zuständigen Stel-
len für den eingebrachten
Vorschlag erwärmen kön-
nen. Vielleicht ändert sich
das ja 50 Jahre nach ihrem
Tod und 80 Jahre nach ihrer
mutigsten Tat. Sie hätte es
verdient.
für den er in vielem als Vor-
bild diente.“ (Franz-Werner
Kersting)
D
ie administrative Koor-
dinierung der Mordak-
tionen lag für die westfäli-
schen Anstalten beim Pro-
vinzialverband Westfalen.
Wie in ganz Deutschland las-
sen sich Westfalen verschie-
dene Phasen und Formen
der Euthanasie-Verbrechen
unterscheiden: Den Anfang
bildete die Verschleppung
von 59 jüdischen Patienten
aus den westfälischen Pro-
vinzialheilanstalten im Sep-
tember 1940, unter ihnen
vier aus Münster-Marien-
thal. Alle vier wurden weni-
ge Tage später in der Tö-
tungsanstalt Brandenburg
vergast.
W
enige Monate später,
im Winter 1940/41 be-
gann die „Kindereuthanasie“,
die Ermordung behinderter
Säuglinge und Kinder. Im
Rahmen dieser ebenfalls von
Hitler persönlich initiierten
Aktion wurden reichsweit
mehr als dreißig als „Kinder-
fachabteilungen“ getarnte
Tötungsanstalten errichtet.
In ihnen wurden behinderte
Kinder durch Tabletten, In-
jektionen oder Verhungern-
lassen ermordet. Der Provin-
zialverband Westfalen rich-
tete zunächst im sauerländi-
schen Marsberg, dann in
Dortmund-Aplerbeck eine
solche „Kinderfachabtei-
lung“ ein; mindestens 200
Kinder, die meisten unter
sieben Jahren, wurden dort
umgebracht.
P
arallel zu den Kinder-
morden lief die Erwach-
senen-„Euthanasie-Aktion
T4“ an – benannt nach der
Adresse, in der sie geplant
wurde: einer Villa in der
Tiergartenstraße 4 in Berlin.
Im Rahmen dieser systema-
tisch und zentral organisier-
ten Melde-, Transport- und
Gasmord-Aktion wurden al-
lein aus den westfälischen
Anstalten zwischen Juni und
August 1941 insgesamt 2800
Patientinnen und Patienten
in Vernichtungsanstalten,
vor allem ins hessische Ha-
damar, verlegt. Reichsweit
wurden bis Ende August
1941 ungefähr 70 000 Men-
schen ermordet, ein Viertel
aller in psychiatrischen An-
stalten untergebrachten Pa-
tienten.
recht die Durchführung des
Vorbereiteten [ist] Teilnah-
me am organisierten Mord ...
und ein Verbrechen, das zum
Himmel schreit und das zum
Unheil und Verderben für
das deutsche Volk führen
wird.“
Z
wei Tage später erstattete
von Galen auch Anzeige
beim Polizeipräsidenten in
Münster. Doch weder Lan-
deshauptmann Kolbow noch
der Polizeipräsident sahen
sich zu einer Reaktion genö-
tigt. Im Gegenteil hielt Kol-
bow am 31. Juli in einem
Vermerk fest, er habe nicht
die Absicht, sich durch den
Brief des Bischofs „irgendwie
beirren zu lassen; die Aktion
sei in Westfalen in flottem
Fortschreiten und in etwa 2-
3 Wochen beendet.“ Noch
am gleichen Tag wurden 79
Männer aus Münster-Ma-
rienthal abtransportiert. Für
von Galen waren dieser
Transport, über den ihn
Schwester Laudeberta bei
einem zweiten Besuch
unterrichtet hatte, sowie die
Wirkungslosigkeit seiner
schriftlichen Proteste wohl
das auslösende Moment für
seine aufsehenerregende
Predigt am folgenden Sonn-
tag, dem 3. August 1941, in
der Lambertikirche.
W
oher der Bischof sein
Wissen hatte, dürften
die Verantwortlichen des Eu-
thanasieprogramms in West-
falen zumindest geahnt ha-
ben, zumal der Bischof offen
aussprach, dass er über zu-
verlässige Insiderinformatio-
nen aus der Anstalt Marien-
thal verfügte. Seine Predigt
fand bekanntlich in und
außerhalb Deutschlands
enorme öffentliche Reso-
nanz und war vermutlich
der entscheidende Anstoß
dafür, dass die braunen
Machthaber die „Aktion T 4“
wenige Wochen später for-
mal stoppten. Insofern rette-
te nicht zuletzt Laudebertas
Einsatz Tausenden von Pa-
tienten in Deutschland das
Leben. Allerdings brachte
von Galens öffentlicher Pro-
test keineswegs das dauer-
hafte Ende des Mordens an
Psychiatriepatienten. Dieses
lief vielmehr, in dezentraler
Form, bis zum Kriegsende
weiter. So folgte den T4-
Transporten des Sommers
1941 auch in Westfalen 1943
schrieb sie die Liste ab und
übergab sie Schwester Lau-
deberta. Diese handelte so-
fort. Sie sprach gezielt Ange-
hörige von Patienten an und
legte ihnen nahe, diese mit
nach Hause zu nehmen, weil
sich die ohnedies prekären
Zustände in der Anstalt wei-
ter verschlechtern würden.
P
arallel dazu beschloss
Schwester Laudeberta,
den münsterschen Bischof
Clemens August Graf von
Galen persönlich über die
drohenden Transporte zu in-
formieren. Dies war nicht so
einfach, denn die Schwes-
tern standen unter Beobach-
tung eines NSDAP-Ortsgrup-
penleiters aus Kinderhaus,
der als Pförtner in Marien-
thal arbeitete. So begab sich
die couragierte Ordensfrau
im Schutz der Dunkelheit
zum Bischofspalais.
E
s ist nicht bekannt, wie
das Gespräch verlief,
aber Bischof von Galen, der
schon vorher beunruhigen-
de Nachrichten über die Ver-
legung und Ermordung von
Patienten aus westfälischen
Heil- und Pflegeanstalten ge-
hört hatte, reagierte schnell.
Er schickte am 26. Juli einen
scharfen Protestbrief an Lan-
deshauptmann Kolbow, in
dem er unter anderem
schrieb: „Wie ich zuverlässig
erfahre, werden jetzt auch in
den Heil- und Pflegeanstal-
ten der Provinz Westfalen
Listen aufgestellt von sol-
chen, die als sog. ‚Unproduk-
tive‘ abtransportiert und in
kurzer Zeit ermordet werden
sollen. ... Die jetzt von der
Provinzialverwaltung zuge-
lassene Vorbereitung der Tö-
tung Unschuldiger und erst
I
m öffentlichen Bewusst-
sein des Münsterlandes
verankert ist die T4-Aktion
vor allem, weil sie den An-
lass für den berühmten Pro-
test des Bischofs von Müns-
ter, Clemens August Graf
von Galen, bildete. Und hier
kommt Schwester Laudeber-
ta van Hal ins Spiel, die 1941
ja schon über drei Jahrzehn-
te in der Krankenpflege der
Provinzialheilanstalt Müns-
ter wirkte. Als das Euthana-
sieprogramm des NS-Re-
gimes Fahrt aufnahm, war
sie gerade Stationsleiterin in
der Anstalt geworden. Das
war vermutlich ein Grund,
warum die dort tätige weltli-
che Krankenschwester Else
Stumpe ihr im Juli 1941
über eine ungeheuerliche
Entdeckung berichtete. Der
zweite dürfte in Johanna van
Hals Persönlichkeit gelegen
haben. Sie war nicht nur äu-
ßerlich eine große, stattliche
Frau, sondern galt unter
ihren Mitschwestern als
außerordentlich couragiert
und respektgebietend und
als jemand, der den „Mund
nicht halten konnte“. Mögli-
cherweise hatte das auch mit
ihrer Herkunft zu tun: Als
gebürtiger Niederländerin
dürfte ihr der deutsche
„Untertanengeist“ ebenso
fremd gewesen sein wie jeg-
liche Sympathien für das
Hitler-Regime.
I
hre Mitschwester Else hat-
te eines Abends, als sie
nach Dienstschluss das Büro
eines leitenden Arztes putz-
te, eine Liste mit den Namen
von Patienten entdeckt, die
in der kommenden Woche
aus Marienthal deportiert
werden sollten. Kurzerhand
Mutter Maria“, kurz Cle-
mensschwestern, bei. Ken-
nengelernt hatte sie die Or-
densgemeinschaft, deren
Mutterhaus sich bis heute in
Münster befindet, im Agnes-
Hospital in Bocholt, wo sie
als Krankenschwester arbei-
tete. Noch im gleichen Jahr
nahm Schwester Laudeberta,
wie sie nun hieß, ihren
Dienst in der Krankenpflege
der damaligen Provinzial-
heilanstalt Marienthal auf,
der heutigen LWL-Klinik
Münster. Dort blieb sie mit
kurzen Unterbrechungen ihr
ganzes Leben lang tätig.
M
arienthal war keine
kirchliche Einrich-
tung, sondern befand sich in
Trägerschaft des Provinzial-
verbandes Westfalen, Vor-
läufer des heutigen Land-
schaftsverbandes Westfalen-
Lippe. Allerdings waren seit
ihrer Gründung im Jahr
1878 Clemensschwestern in
der Krankenpflege und den
Wirtschaftsbetrieben der
psychiatrischen Anstalt be-
schäftigt.
N
ach dem Ersten Welt-
krieg stieg die Zahl der
Patienten in Marienthal ste-
tig an; in den 1930er Jahren
waren dort rund 1000 Men-
schen mit psychischen
Krankheiten und Behinde-
rungen stationär unterge-
bracht. Gleichzeitig gerieten
alle psychiatrischen Anstal-
ten schon in der Weltwirt-
schaftskrise unter erhebli-
chen Spardruck. Öffentlich
mehrte sich die Kritik an den
angeblich unnötig hohen
Kosten der Unterbringung
von „Geisteskranken“, wie sie
damals genannt wurden. Zu-
sätzlich brach 1933 die men-
schenverachtende Ideologie
des Nationalsozialismus
über die Anstalten und de-
ren Patienten herein. Hitler
selbst kanzelte christlich
oder humanitär motivierte
Fürsorgemaßnahmen als
„Wohlfahrtsduseleien“ ab.
Psychisch Kranke und Be-
hinderte galten in diesem
Werteraster als „unprodukti-
ve“, „minderwertige“ und
letztlich „lebensunwerte Bal-
lastexistenzen“.
S
chon das „Gesetz zur Ver-
hütung erbkranken
Nachwuchses“ vom Juli 1933
unterwarf die Insassen von
psychiatrischen Anstalten
einer Zwangssterilisierung
bei vermuteter Erbkrank-
heit. Mit Kriegsbeginn be-
gann dann auf persönliche
Anweisung Hitlers und unter
strengster Geheimhaltung
das, was beschönigend „Eu-
thanasie“ (griechisch „der
gute Tod“) genannt wird,
aber „in Wirklichkeit der ers-
te industriell betriebene
Massenmord per Giftgas war
– noch vor dem Holocaust
am europäischen Judentum,
Von Markus Köster
S
eit einigen Monaten
hören wir Berichte,
dass aus Heil- und Pfle-
geanstalten für Geisteskran-
ke auf Anordnung von Ber-
lin Pfleglinge, die schon län-
ger krank sind und vielleicht
unheilbar erscheinen,
zwangsweise abgeführt wer-
den. Regelmäßig erhalten
dann die Angehörigen nach
kurzer Zeit die Mitteilung,
der Kranke sei verstorben,
die Leiche sei verbrannt, die
Asche könne abgeliefert
werden. Allgemein herrscht
der an Sicherheit grenzende
Verdacht, dass diese zahlrei-
chen unerwarteten Todesfäl-
le von Geisteskranken nicht
von selbst eintreten, sondern
absichtlich herbeigeführt
werden, dass man dabei je-
ner Lehre folgt, die behaup-
tet, man dürfe sogenanntes
lebensunwertes Leben ver-
nichten, also unschuldige
Menschen töten, wenn man
meint, ihr Leben sei für Volk
und Staat nichts mehr
wert …“
V
iele kennen diese Sätze.
Sie stammen aus der
Predigt, die Münsters Bischof
Clemens August Graf von
Galen am 3. August 1941 in
der Lambertikirche hielt. Da-
rin prangerte er die soge-
nannte „Euthanasie“-Aktion
des NS-Regimes gegen Be-
hinderte und psychisch
Kranke als das an, was sie
war: Massenmord!
W
ährend Galen und sei-
ne Predigt völlig zu
Recht bis heute große Be-
kanntheit haben, ist der Na-
me Schwester Laudeberta,
geborene Johanna van Hal,
völlig vergessen. Dabei war
es die Ordensfrau der Cle-
mensschwestern, der der Bi-
schof im Sommer 1941 ent-
scheidend sein Wissen über
das Mordprogramm der Na-
tionalsozialisten verdankte.
Wer war diese Frau, deren
Anonymität in merkwürdi-
gem Kontrast zur Bedeutung
ihrer mutigen Tat steht?
J
ohanna van Hal stammte,
wie ihr Nachname verrät,
aus den Niederlanden. 1887
wurde sie im Städtchen
Groen lo im Achterhoek ge-
boren, wenige Kilometer
westlich der deutschen
Grenze. Johanna war das
jüngste von insgesamt fünf
Kindern des Zimmermanns
Hermanus Grades van Hal,
der 1842 ebenfalls in Groen-
lo geboren war und seiner
sieben Jahre jüngeren Frau
Berendina, geborene ter
Maat. Über Johannas Leben
ist erstaunlich wenig be-
kannt. 1910 trat sie 22-jährig
der „Genossenschaft der
Barmherzigen Schwestern
von der allerseligsten Jung-
frau und schmerzhaften
Die Ordensschwester Laudeberta informierte Bischof von Galen im Sommer 1941 über die Patientendeportationen aus der Klinik Marienthal
Eine couragierte Frau und ihre mutigste Tat
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Beratungsverlauf (1)
Beschluss: einstimmig beschlossen
Zur SitzungOrte (6)
- Schwester-Laudeberta-Weg
- Spiegelturm
- Promenade
- Kinderhaus
- Feldkamp
- Asche
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Details
- Aktenzeichen
- V/0045/2022
- Typ
- Vorlagen
- Datum
- 20.01.2022
- Erstellt
- 18.01.2022 12:41