2021/0304
Vorlage eines Flechtenschutzkonzeptes
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Flechtenartenschutz in Darmstadt Auftraggeber: Wissenschaftsstadt Darmstadt Umweltamt Bessunger Straße 125 64295 Darmstadt Bearbeitung: Diplom-Biologe Rainer Cezanne Diplom-Biologin Marion Eichler Darmstadt, 6. Mai 2021 Flechtenartenschutz in Darmstadt Büro für Vegetationskunde & Lichenologie, Darmstadt – 2021 ii Inhaltsverzeichnis 1 Einleitung ........................................................................................................... 5 2 Aufgabenstellung .............................................................................................. 6 3 Methoden ........................................................................................................... 8 3.1 Kartografische Darstellung bemerkenswerter Flechten-Lokalitäten ............. 12 4 Flechten in Darmstadt ..................................................................................... 14 5 Schutz- und Entwicklungsziele, Maßnahmenempfehlungen ....................... 19 5.1 Für den Flechtenartenschutz bedeutsame Habitate in Darmstadt ............... 19 5.2 Durch Einzelbäume charakterisierte Flechtenhabitate im Siedlungsbereich 20 5.3 Streuobstbestände ....................................................................................... 25 5.4 Magerrasen und Offenbodenbiotope ........................................................... 27 5.4.1 Magerasen auf Sandböden ..................................................................... 28 5.4.2 Magerrasen auf flachgründigen Standorten (Bessunger Kies) ................ 30 5.4.3 Lückige Scherrasen und sonstige siedlungsgeprägte Habitate mit ............. bodenbewohnenden Flechten ................................................................. 32 5.5 Altes Mauerwerk .......................................................................................... 38 5.6 Natürliche Gesteinsformationen ................................................................... 48 5.7 Wälder ......................................................................................................... 51 5.8 Übersicht der Maßnahmen .......................................................................... 59 6 Monitoring und Langzeituntersuchungen ..................................................... 62 7 Literatur ............................................................................................................ 63 8 Artenlisten ........................................................................................................ 65 8.1 Zielarten ....................................................................................................... 66 8.2 Ausgewählte Klimawandelzeiger ................................................................. 69 Flechtenartenschutz in Darmstadt Büro für Vegetationskunde & Lichenologie, Darmstadt – 2021 iii Tabellenverzeichnis Tabelle 1: Übersicht zu den Flechtenbiota in Darmstadt (Stand 2015) ............................................... 14 Tabelle 2: Liste der seit 2015 neu gefundenen bzw. wiedergefundenen Flechtenarten ...................... 14 Tabelle 3: Seit 2015 verschollene Flechtenarten ................................................................................. 15 Tabelle 4: Wahrscheinliche Ursachen für das Verschwinden verschiedener Flechtenarten ............... 17 Tabelle 5: Anzahl epiphytischer Zielarten in Lokalitäten mit Einzelbäumen ........................................ 22 Tabelle 6: Altwaldarten in Darmstadts Wäldern ................................................................................... 52 Abbildungsverzeichnis Abb. 1: Cetraria aculeata (Stachel-Hornflechte): Zielart des Flechtenlebensraums Magerrasen ........ 8 Abb. 2: Melanohalea exasperata (Raue Braunschüsselflechte) wächst überwiegend auf Ästen im Kronenbereich von Laubbäumen ..................... ...................................................................... 10 Abb. 3: Bekannte Flechten-Lokalitäten im Stadtgebiet von Darmstadt .............................................. 11 Abb. 4: Monerolechia badia (Fels-Schwarzpunktflechte) wächst auf Felsen und Mauern ................ 16 Abb. 5: Parmelina quercina (Eichen-Schüsselflechte) ....................................................................... 17 Abb. 6: Parmelina tiliacea (Linden-Schüsselflechte) wächst auf verschiedenen Laubbäumen ......... 21 Abb. 7: Caloplaca cerina (Wachs-Schönfleck) wächst an Laubbäumen mit basenreicher Borke ..... 22 Abb. 8: Physconia enteroxantha (Gelbmarkige Raureifflechte), in feuchtem Zustand ...................... 23 Abb. 9: Eberstädter Streuobstwiesen (Foto Lisa Stehling) ................................................................ 25 Abb. 10: Entwicklung der Werte für Stickstoffdioxid (NO 2) in Darmstadt, Mai 2020 – Mai 2021 ......... 28 Abb. 11: Cladonia foliacea (Kleine Endivienflechte) in Sandmagerrasen ............................................ 29 Abb. 12: Aufschüttung von Bessunger Kies südöstlich vom Polizeipräsidium ..................................... 31 Abb. 13: Scherrasen mit Peltigera rufescens (Rotbraune Schildflechte) vor dem Gebäude der Agentur für Arbeit ....................................... .......................................................................................... 32 Abb. 14: Peltigera rufescens (Rotbraune Schildflechte) in Magerrasen .............................................. 33 Abb. 15: Rasengittersteine auf dem Parkplatz beim Nordbad, Wuchsort von Diploschistes muscorum (Moos-Krugflechte) ............................... .................................................................................. 34 Abb. 16: Baumscheibe auf dem Parkplatz beim Nordbad mit Peltigera ponojensis (Verwechselte Schildflechte) ................................... ....................................................................................... 35 Abb. 17: Darmstadt-Kranichstein Scherrasen im Umfeld von Wohnbebauung am Meißnerweg ........ 37 Abb. 18: Trockenmauer aus Silikatsteinen bei der Ottilienmühle ......................................................... 38 Abb. 19: Artenreicher Flechtenbewuchs auf Kunstgestein mit zahlreichen Ubiquisten ....................... 39 Abb. 20: Caloplaca albolutescens (Bunter Schönfleck) mit orangefarbenen Fruchtkörpern und Caloplaca teicholyta (Ziegel-Schönfleck), Stadtmauer am Hinkelsturm ................................ 40 Abb. 21: Jüdischer Friedhof in Darmstadt-Bessungen ......................................................................... 41 Abb. 22: Jüdischer Friedhof in Bessungen, Grabstein mit „Patina“, vor allem Blattflechten ................ 42 Abb. 23: Mit Silikatsteinen verkleidete denkmalgeschützte Mauer in der Dieburger Straße ............... 43 Abb. 24: Sanierter Abschnitt der Seiterswegbrücke mit alten und neu eingesetzten Steinen ............. 44 Flechtenartenschutz in Darmstadt Büro für Vegetationskunde & Lichenologie, Darmstadt – 2021 iv Abb. 25: Cerothallina luteoalba (Weißgelber Schönfleck) .................................................................... 45 Abb. 26: Flechtenbewuchs auf unterschiedlich behandelten Backsteinen .......................................... 46 Abb. 27: Jagdschloss Kranichstein, im Rahmen von Sanierungsmaßnahmen verputzte südwest- exponierte Mauer ................................. .................................................................................. 47 Abb. 28: Lecidea albocaerulescens (Weißgraue Schwarznapfflechte) am Herrgottsberg .................. 49 Abb. 29: ND „Kraftsruhe“, Felsen im Gipfelbereich, Foto 2007 ............................................................ 50 Abb. 30: Erich-Holtzmann-Eiche im Darmstädter Ostwald .................................................................. 54 Abb. 31: Riedlingereiche südlich vom Steinbrücker Teich ................................................................... 55 Abb. 32: Chaenotheca furfuracea (Kleiige Stecknadel) in Borkenriss von altem Laubbaum .............. 56 Abb. 33: Usnea dasopoga (Gewöhnliche Bartflechte) – eine gegenüber forstlichen Eingriffen und Eutrophierung empfindliche Art ................... ........................................................................... 58 Titelfoto: Parmotrema perlatum (Breitlappige Schüsselflechte) Flechtenartenschutz in Darmstadt Büro für Vegetationskunde & Lichenologie, Darmstadt – 2021 5 1 Einleitung Flechten sind eine Lebensgemeinschaft (Symbiose) au s einem Pilz und einer Alge und/oder einem Cyanobakterium. Das Gleichgewicht in der Symbiose ist sehr sensi- bel; Veränderungen der Standortbedingungen oder Luftschadstoffe bringen es durch- einander, was bis zum Absterben des Flechtenorganismus führen kann. Flechten rea- gieren daher empfindlich und schnell auf Veränderun gen ihrer Umwelt, weshalb sie auch als Bioindikatoren benutzt werden. Wasser und die darin gelösten Nähr-, aber auch Schadstoffe nehmen sie als wechselfeuchte Orga nismen direkt aus der Atmo- sphäre auf. Die meisten Flechten wachsen langsam, was einer der Gründe dafür ist, dass sie nur eine geringe Konkurrenzkraft gegenüber anderen Organismen haben. Sie können sich vor allem auf nährstoffarmen Standorten behaupten, wo die Konkurrenz durch Moose und Gefäßpflanzen reduziert ist. Dabei wachsen Flechten fast überall und können na- hezu alle ökologischen Nischen besiedeln. Es gibt auch Pionierarten, die auf Störstel- len angewiesen sind; grundsätzlich ist die Flechtenartendiversität aber umso höher, je älter, ungestörter und nährstoffärmer ein Wuchsort ist. Das gilt sowohl für Bodensub- strate, Baumborken und Holz als auch für natürliche Felsen und künstliche Gesteins- substrate (Mauern, Bauwerke). Die Ansiedlung von Flechten erfolgt – bei geeigneten Standortbedingungen – zufällig, sofern Diasporen (Bruchstücke, vegetative Verbreitungseinheiten oder Sporen und zu- gehörige Algen) vorhanden sind. Über gezielte Ansie dlungen und deren Erfolge gibt es bislang nur sehr wenige Studien (z.B. B RACKEL 2020). Flechtenartenschutz in Darmstadt Büro für Vegetationskunde & Lichenologie, Darmstadt – 2021 6 2 Aufgabenstellung Am 7. November 2007 hat die Bundesregierung die Nat ionale Strategie zur biologi- schen Vielfalt (NBS) beschlossen, mit der das UN-Üb ereinkommen über die biologi- sche Vielfalt umgesetzt werden soll. Eines der Ziele dieser Konvention ist die Erhaltung der biologischen Vielfalt beziehungsweise Biodiversität. Die konkrete Umsetzung die- ser Nationalen Strategie (NBS) ist aber nicht nur d ie alleinige Aufgabe des Bundes, sondern bezieht alle gesellschaftlichen Akteure ein. Die Kommunen spielen angesichts ihrer umfassenden Aufgaben eine Schlüsselrolle beim Erhalt der biologischen Vielfalt. Das 2013 vom Naturschutzbeirat des Stadt Darmstadt entwickelte Maßnahmenpro- gramm „25 Schritte zur Biologischen Vielfalt in Dar mstadt“ 1 wurde vom Magistrat be- schlossen und in der Stadtverordnetenversammlung vo m 15. März 2014 verabschie- det. Neben einer Vielzahl weiterer Maßnahmenvorschläge sind darin auch aufgeführt: Erhebung von Grundlagendaten zum Vorkommen von Pfl anzen und Tierarten (Punkt 12). Konkrete Beiträge zum Artenschutz und zur Erhaltun g der genetischen Vielfalt der Arten in einem kommunalen Arten- und einem Biot opschutzprogramm (Punkt 14). Als konkrete Maßnahme ist die Aufstellung eines Fle chtenschutzprogramms auf der Grundlage der ehrenamtlich durchgeführten Flechtenk artierung für die Stadt Darm- stadt (CEZANNE & EICHLER 2015) aufgeführt. Zur Umsetzung dieses Vorschlages aus dem Maßnahmenprogramm von 2013 wurde durch das Umweltamt der Wissenschaftsstadt Darmstadt im Herbst 2018 die Erarbei- tung eines Konzeptes zum Schutz der Flechten in Darmstadt (Flechtenschutzkonzept) beauftragt. Als Grundlage eines solchen Flechtenschutzkonzeptes sollte zunächst die vorhan- dene Flechtenkartierung (C EZANNE & EICHLER 2015) ausgewertet werden. Da die für den „Verbreitungsatlas der Flechten von Darmstadt“ erhobenen Rasterdaten teilweise bereits mehr als zwei Jahrzehnte alt sind und eine vollständige Kartierung von flech- tenrelevanten Biotopen wie Baumreihen, altem Mauerwerk oder natürlichen Gesteins- formationen nicht vorliegt, sollten punktuelle Nach kontrollen zum Ist-Zustand und – soweit erforderlich – ergänzende Erhebungen zur Aktualisierung des Kenntnisstandes zum Vorkommen von Flechten in Darmstadt vorgenommen werden. 1 https://www.darmstadt.de/fileadmin/PDF-Rubriken/Leben_in_Darmstadt/umwelt/Massmahmenpro- grammBiod.pdf ) Flechtenartenschutz in Darmstadt Büro für Vegetationskunde & Lichenologie, Darmstadt – 2021 7 Bemerkenswerte Flechten-Lokalitäten werden kartografisch in einer Stadtkarte darge- stellt, die zunächst behördenintern, langfristig au ch digital für alle interessierten Bür- gerinnen und Bürger einsehbar sein soll („Open-Data-Portal“). Die aus Sicht des Flechtenartenschutzes erforderlic hen Maßnahmen und Entwick- lungsziele werden beschrieben und Handlungsempfehlungen formuliert. Um die Darmstädter Bürgerinnen und Bürger über die Bedeutung von bestimmten Le- bensräumen wie Bäume, altes Mauerwerk etc. für die Flechten und deren Gefährdung zu informieren, wird ein Flyer konzipiert. Die vorgeschlagenen Maßnahmen können jedoch nur dan n realisiert werden, wenn die für Naturschutz, Denkmalschutz, Grünflächenplanung und -unterhaltung, Wald etc. zuständigen Behörden von den Zielen und Maßnahmenvo rschlägen Kenntnis haben und diese dann auch bei ihrem Handeln berücksichtigen. Bedanken möchten wir uns bei Frau Karin Lübbe, Leit erin vom Umweltamt der Wis- senschaftsstadt Darmstadt, für die Koordination, bei Frau Isabel Stork (Amt für Digita- lisierung und IT) für Ihre Beratung und Integration der Flechtendaten in das städtische Graphische Informationssystem und beim Vermessungsamt für die Bereitstellung des Baumkatasters in digitaler Form. Flechtenartenschutz in Darmstadt Büro für Vegetationskunde & Lichenologie, Darmstadt – 2021 8 3 Methoden Grundlage für die Erarbeitung eines Konzeptes zum Schutz der Flechten in Darmstadt („Flechtenschutzkonzept“) ist die Auswertung des im Jahr 2015 publizierten „Verbrei- tungsatlas der Flechten von Darmstadt“ (C EZANNE & EICHLER 2015). Die den Verbrei- tungskarten dieser Arbeit zugrundeliegenden Datensä tze standen für Auswertungs- zwecke zur Verfügung. Unter Berücksichtigung von naturschutzfachlich relevanten Kri- terien wie der Gefährdung (Rote-Liste-Status) und der Seltenheit der in Darmstadt vor- kommenden Arten wurden 103 „Zielarten“ ausgewählt, die vorrangig zu schützen sind und daher im Fokus des Flechtenschutzkonzepts stehen (siehe Artenliste in Kapitel 8). Flechtenartenschutz gelingt nur über Biotopschutz; Zielarten können als Leitarten zu- gleich auch Hinweise auf zu schützende Lebensräume geben. Viele Zielarten fungie- ren zugleich als „Schirmarten“, deren Schutz und Erhaltung das Überleben zahlreicher weiterer Flechtenarten oder ganzer Lebensgemeinschaft sichert. Abb. 1: Cetraria aculeata (Stachel-Hornflechte): Zielart des Flechtenlebensraums Magerrasen Flechtenartenschutz in Darmstadt Büro für Vegetationskunde & Lichenologie, Darmstadt – 2021 9 Ausschlaggebendes Kriterium für die Auswahl einer F lechtenart als Zielart war zu- nächst eine Gefährdungseinstufung in der Roten List e von Hessen (S CHÖLLER 1996, CEZANNE et al. 2002) und/oder in der Roten Liste von Deutschland (WIRTH et al. 2011). Hierzu gehören in Darmstadt derzeit knapp 150 Arten. Diese wurden jedoch nicht alle als Zielarten verwendet. Hiervon ausgenommen wurden Arten, für die zumindest eines der folgenden Kriterien zutrifft: Arten, für die zumindest innerhalb des Stadtgebiet es von Darmstadt und dessen Umgebung aktuell keine Gefährdung (mehr) besteht Beispiel: Physcia aipolia (Rote Liste Hessen 2 / Rote Liste Deutschland 2) Unscheinbare Arten, die im Gelände nicht sicher an zusprechen sind Beispiel: Athallia cerinella (Rote Liste Hessen # / Rote Liste Deutschland 2) Arten, die hauptsächlich im Kronenbereich von Laub bäumen wachsen und da- her nur zufällig gefunden werden Beispiel: Melanohalea exasperata (Raue Braunschüsselflechte) (Rote Liste Hessen 1 / Rote Liste Deutschland 2) – siehe Foto auf der nächsten Seite Arten mit sehr ähnlichen ökologischen Ansprüchen u nd weitgehend überlap- pender Verbreitung mit Arten der Auswahlliste (durch „Schirmarten“ geschützt) Beispiel: Chrysothrix candelaris (Borken-Schwefelflechte) – kommt in Darm- stadt immer in Gesellschaft von „Stecknadelflechten “ ( Calicium-/Chaenotheca - Arten) vor. Ergänzt wurde die Auswahlliste um einige Flechtenar ten, die als sogenannte Klima- wandelzeiger (KWZ) fungieren. Das sind Flechtenarten aus gemäßigt-(sub)mediterra- nen oder subatlantisch-(sub)mediterranen Gebieten, die unter den sich derzeit verän- dernden klimatischen Bedingungen (ansteigende Mitte ltemperaturen, mildere, feuch- tere Winter) deutliche Ausbreitungstendenzen erkennen lassen 2. Gegenwärtig sind 45 Flechtenarten als Klimawandelzeiger eingestuft (VDI 3957 Blatt 20). Aktuell nicht gefährdete Klimawandelzeiger sind in Darmstadt vor allem im Siedlungs- bereich weit verbreitet und wurden für das Flechten schutzkonzept ausschließlich in Kombination mit Zielarten aufgenommen. Hierdurch erweiterte sich die Auswahlliste um siebe n Arten auf insgesamt 110 Flech- tenarten. Lediglich neun Flechtenarten sind Zielarten für das Habitat „Mauer“ und ent- sprechend dem weitgehenden Fehlen von natürlichen Felsen in Darmstadt findet sich 2 zu „Flechten als Anzeiger des Klimawandels“ siehe auch KIRSCHBAUM & HANEWALD (2009) Flechtenartenschutz in Darmstadt Büro für Vegetationskunde & Lichenologie, Darmstadt – 2021 10 nur eine (stark) gefährdete, gesteinsbewohnende Fle chtenart in der Zielartenliste. Grund ist die Tatsache, dass die meisten auf Felsen wachsenden Flechtenarten in den Roten Listen als ungefährdet eingestuft sind. Abb. 2: Melanohalea exasperata (Raue Braunschüsselflechte) wächst überwiegend auf Ästen im Kronenbereich von Laubbäumen Nachdem die vorliegende Kartierung der Flechten in Darmstadt (C EZANNE & EICHLER 2015) schon wieder einige Jahre zurückliegt, wurden im Stadtgebiet einige dieser Lo- kalitäten stichprobenartig daraufhin überprüft, ob bestimmte Arten noch vorkommen und der betreffende Wuchsort auch aktuell noch als bedeutend für den Flechtenarten- schutz zu bewerten ist. Neben der Untersuchung bereits bekannter Lokalitäten erfolg- ten an ausgewählten Stellen des Stadtgebietes ergänzende Erhebungen zum Vorkom- men wertgebender Flechtenarten. Die Überprüfungen und ergänzenden Erhebungen fanden in der Zeitspanne von De- zember 2018 bis Anfang 2021 statt. Auf dieser Basis wurden die für den Flechtenartensc hutz in Darmstadt bedeutsamen Lokalitäten ermittelt und kartografisch erfasst (si ehe Abb. 3 auf der folgenden Seite). Im Fall der im öffentlichen Raum stehenden Stadtbäume wurde zur Lokalisierung das Flechtenartenschutz in Darmstadt Büro für Vegetationskunde & Lichenologie, Darmstadt – 2021 11 städtische Baumkataster benutzt, das uns freundlich erweise vom Vermessungsamt der Wissenschaftsstadt Darmstadt zur Verfügung gestellt wurde. Hintergrund: © OpenStreetMap Abb. 3: Bekannte Flechten-Lokalitäten im Stadtgebie t von Darmstadt Flechtenartenschutz in Darmstadt Büro für Vegetationskunde & Lichenologie, Darmstadt – 2021 12 Einschränkend ist anzumerken, dass die dargestellte n Lokalitäten selbstverständlich nicht sämtliche für den Flechtenartenschutz relevanten Wuchsorte umfassen können, sondern lediglich die den Bearbeitern bekannten. Zur Dokumentation wurden auch Fo- tos ausgewählter Lokalitäten (39 Fotos) und eines G roßteils der für das Flechten- schutzkonzept ausgewählten Arten (76 Fotos) angefertigt. Die Ansprache der Flechtenarten erfolgte soweit möglich bereits vor Ort. Die Untersu- chungen wurden unter Verwendung einer 10x-Leuchtlup e mit aplanater achromater Triplet-Optik durchgeführt. In kritischen Fällen bz w. zur Überprüfung von Bestimmun- gen wurden Proben entnommen. Die Bestimmung erfolgte im Labor mittels der gängi- gen Bestimmungsliteratur und unter Verwendung von M ikroskop, Binokular und eini- ger Chemikalien (Tüpfelreaktionen). Sämtliche überp rüften Proben sowie einige be- sonders seltene und kritische Arten, die auch für e ventuelle spätere Recherchen von Bedeutung sein könnten, wurden in Papierkapseln herbarisiert und etikettiert. Die Be- lege befinden sich im Privatherbar der Bearbeiter. 3.1 Kartografische Darstellung bemerkenswerter Flec hten-Lokalitäten Das Flechtenschutzkonzept soll dazu beitragen, dass die Artengruppe der Flechten im städtischen Handeln, insbesondere im Rahmen von Planungsprozessen, Berücksich- tigung findet. Dies kann aber nur gelingen, wenn di e Wuchsorte bedeutsamer Flech- tenarten allen an Planungen oder Eingriffen Beteiligten bekannt sind. Zu Recht wurde in der Vergangenheit von verschiedener Seite beklagt, dass entsprechende Daten zum Vorkommen von Tier- und Pflanzenarten vor dem Ergre ifen von Maßnahmen nicht vorlagen. Um diesem Mangel abzuhelfen, wird von Seiten des Umweltamtes der Wissenschafts- stadt Darmstadt das Ziel verfolgt, das vorhandene W issen zur Tier- und Pflanzenwelt mittelfristig allen Bürgern online verfügbar zu machen. In einem ersten Schritt soll dies im Fall der Flechten zunächst für die städtischen Ämter über das stadtinterne Intranet ermöglicht werden. Mittelfristig ist daran gedacht, diesen Service auch für die Bürger zugänglich zu machen und damit den freien Zugang zu Umweltinformationen nach dem Umweltinformationsgesetz (UIG) zu erleichtern. Derzeit ist dies aus datentechni- schen Gründen jedoch (noch) nicht möglich. Für die kartografische Darstellung von bemerkenswerten Flechten-Lokalitäten in einer Stadtkarte wurden möglichst alle bekannten Wuchsort e der für das Flechtenschutz- konzept ausgewählten Flechtenarten (vergl. Zielartenliste in Kapitel 8) berücksichtigt. Nicht in allen Fällen sind die vorliegenden Daten a us der vorliegenden Rasterkartie- rung aber so präzise, dass insbesondere bei verglei chsweise lange zurückliegenden Flechtenartenschutz in Darmstadt Büro für Vegetationskunde & Lichenologie, Darmstadt – 2021 13 Flechtenbeobachtungen eine eindeutige Lokalisierung möglich war. (Das vorrangige Ziel der privat durchgeführten Flechtenkartierung von Darmstadt – CEZANNE & EICHLER 2015 – war eine Darstellung der Verbreitung aller b ekannten Flechtenarten in Form von Rasterkarten). Aktuell sind gut 300 Lokalitäten mit Vorkommen bemerkenswerter Flechtenarten in das stadteigene GIS-System (GeoMedia Smart Client – GMS C) eingepflegt. Zu den 110 berücksichtigten Flechtenarten liegen insgesamt rund 1.230 Datensätze vor, wobei pro Lokalität bis zu 27 Flechtenarten der Artenlisten (Kapitel 8) erfasst sind. Flechtenartenschutz in Darmstadt Büro für Vegetationskunde & Lichenologie, Darmstadt – 2021 14 4 Flechten in Darmstadt Als Ergebnis einer knapp zwei Jahrzehnte umfassende n Kartiertätigkeit der im Stadt- gebiet von Darmstadt vorkommenden Flechten wurde 2015 ein „Verbreitungsatlas der Flechten von Darmstadt“ veröffentlicht (CEZANNE & EICHLER 2015), der insgesamt 420 Flechtenarten (inkl. 13 flechtenähnliche Pilze) behandelt. Hinzu kommen 53 Arten, de- ren Vorkommen im heutigen Stadtgebiet nach Literatu rangaben und Herbarbelegen als historisch ± gesichert angesehen wurde, die abe r während der Rasterkartierung nicht beobachtet und demzufolge als „ausgestorben oder verschollen“ eingestuft wur- den. Tabelle 1: Übersicht zu den Flechtenbiota in Darmst adt (Stand 2015) Systematische Gruppe Anzahl Flechten (lichenisierte Pilze) 407 Nicht lichenisierte, flechtenähnliche Pilze 13 vor 1990 ausgestorbene Flechtenarten 53 Gesamt 473 Dies sind hohe Artenzahlen für eine Stadt, vergleic ht man die bekannten Werte von Hamburg (F EUERER & SCHULTZ 2014) mit 343 Arten und Bad Dürkheim (J OHN & ZARABSKA 2007) mit 311 Arten. Nach der Fertigstellung der Arbeit im Jahr 2015 wurden im Stadtgebiet inzwischen 26 weitere, bislang aus Darmstadt nicht bekannte Flech tenarten nachgewiesen sowie zwei Wiederfunde ( Leptogium subtile , Tephromela atra ) von im Stadtgebiet verschol- len geglaubten Arten getätigt; die Hälfte davon sind waldtypische Flechtenarten. Tabelle 2: Liste der seit 2015 neu gefundenen bzw. wiedergefundenen Flechtenarten Wissenschaftlicher Name Deutscher Name RL D 1 RL HE 1 Schutz 1 Jahr Agonimia flabelliformis Fächer-Tönnchenflechte # # 2019 Arthonia byssacea Feinfaserige Fleckflechte 2 1 2018 Arthonia muscigena Moos-Fleckflechte G # 2021 Bacidia friesiana Holunder-Stäbchenflechte 1 0* 20 21 Bacidia subincompta Einfache Stäbchenflechte 2 1 2021 Candelariella reflexa s. str. Sorediöse Dotterflech te * * 2015 Catillaria fungoides Pilz-Kesselflechte # # 2020 Endocarpon pallidum Schorfige Lederflechte * # 201 9 Fellhanera bouteillei Bouteilles Ästchenflechte 1 # 2019 Fuscidea lightfootii Ast-Braunnapfflechte 2 0* 2019 Haematomma porphyrium Hellgraues Blutauge 3 * 2020 Hypotrachyna revoluta Eingerollte Grauschüsselflech te 1 2 § 2017 Lecanora albella Weißliche Kuchenflechte 3 2 2019 Flechtenartenschutz in Darmstadt Büro für Vegetationskunde & Lichenologie, Darmstadt – 2021 15 Wissenschaftlicher Name Deutscher Name RL D 1 RL HE 1 Schutz 1 Jahr Lecidea nylanderi Nylanders Schwarznapfflechte 1 0 2015 Leptogium subtile Zarte Gallertflechte 2 0* 2018 Microcalicium ahlneri Flechtenähnlicher Pilz G # 2 018 Physcia dubia var. teretiuscula Zweifelhafte Schwie lenflechte # # 2018 Polycauliona candelaria s. str. Leuchter-Gelbflecht e * * 2018 Ramalina fastigiata Buschige Astflechte 2 1 § 2018 Ramalina fraxinea Eschenflechte 2 1 § 2018 Rhizocarpon lecanorinum Berandete Landkartenflechte * * 2020 Scoliciosporum gallurae Gallurische Krummsporflecht e D # 1918 Strigula jamesii James' Furchenflechte 1 # 2021 Tephromela atra Schwarze Kuchenflechte V * 2019 Thelopsis rubella Rötliche Goldzitzenflechte 1 # 2021 Variospora flavescens Hepps Schönfleck * * 2018 Verrucaria floerkeana Floerkes Warzenflechte * # 2020 Xanthoparmelia protomatrae Verwechselte Felsschüssel- flechte D # § 2021 1 Zur Bedeutung der Abkürzungen siehe Kapitel 8 Jahr = Jahr der Erstbeobachtung Leider müssen jedoch auch 13 Arten aktuell als vers chollen angesehen werden, die seit der Publikation von 2015, teilweise auch schon seit mehr als einem Jahrzehnt nicht mehr gefunden werden konnten. Tabelle 3: Seit 2015 verschollene Flechtenarten Wissenschaftlicher Name Deutscher Name RL D 1 RL HE 1 Schutz 1 Bryoria fuscescens Brauner Moosbart 3 2 § Cetraria sepincola Zaun-Tartschenflechte 1 1 § Cladonia cervicornis subsp. verticillata Etagen-Bec herflechte 3 2 Cladonia phyllophora Beblätterte Becherflechte 3 3 Collema coccophorum Kugelförmige Leimflechte 3 2 Endocarpon psorodeum Schorfige Lederflechte * R Evernia divaricata Sparrige Evernie 2 # § Flavopunctelia flaventior Gelbliche Schüsselflechte * * § Leptogium biatorinum Kelch-Gallertflechte D 0 Parmelina quercina Eichen-Schüsselflechte 1 0 § Steinia geophana Steins' Erdflechte 3 R Stereocaulon vesuvianum var. symphycheileoides Krusten-Lava-Korallenflechte 3 2 Vulpicida pinastri Kiefern-Tartschenflechte V 2 § 1 Zur Bedeutung der Abkürzungen siehe Kapitel 8 Flechtenartenschutz in Darmstadt Büro für Vegetationskunde & Lichenologie, Darmstadt – 2021 16 Eine weitere, möglicherweise ausgestorbene Krustenf lechte ist Monerolechia badia (Fels-Schwarzpunktflechte), die seit dem letzten Nachweis 2008 nicht mehr beobach- tet wurde. Sie wuchs an zwei Stellen in Darmstadt: An einer Mauer in der Täubches- höhle und auf Granodioritstein im Bürgerpark Nord. Wegen ihrer Unscheinbarkeit kann nicht mit Sicherheit von einem Verschwinden ausgegangen werden. Abb. 4: Monerolechia badia (Fels-Schwarzpunktflechte) wächst auf Felsen und Mauern Die Ursachen für das Verschwinden von Flechtenarten sind – soweit eruierbar – so vielfältig wie die jeweils besiedelten Habitate. Im Wesentlichen lassen sich drei Ursa- chenkomplexe ausmachen: Habitatverlust (Zerstörung, Sukzession) Eutrophierung 3 der Lebensräume Zunehmende Konkurrenz durch konkurrenzkräftigere A rten (v.a. Gefäßpflan- zen) 3 Eine durch menschliche Aktivitäten verursachte Anreicherung von Nährstoffen in Ökosystemen Flechtenartenschutz in Darmstadt Büro für Vegetationskunde & Lichenologie, Darmstadt – 2021 17 Tabelle 4: Wahrscheinliche Ursachen für das Verschw inden verschiedener Flechtenarten Wissenschaftlicher Name Ursache(n) Habitat Bryoria fuscescens Eutrophierung Bäume, Holz Cetraria sepincola Eutrophierung Holz Cladonia cervicornis subsp. verticillata Konkurrenz / Eutrophierung Magerrasen Cladonia phyllophora Konkurrenz Magerrasen Collema coccophorum Habitatverlust Magerrasen Endocarpon psorodeum unbekannt Mauern Evernia divaricata Eutrophierung Streuobst Flavopunctelia flaventior Eutrophierung? Baumreihe Leptogium biatorinum Konkurrenz Magerrasen Parmelina quercina Habitatverlust Streuobst, Baumreihe, Holz Steinia geophana Habitatverlust Magerrasen Stereocaulon vesuvianum var. symphycheileoides Mauersanierung Mauern Vulpicida pinastri Eutrophierung Streuobst Abb. 5: Parmelina quercina (Eichen-Schüsselflechte) Flechtenartenschutz in Darmstadt Büro für Vegetationskunde & Lichenologie, Darmstadt – 2021 18 Exemplarisch für den Ursachenkomplex „Habitatverlus t“ soll hier das Beispiel der Ei- chen-Schüsselflechte ( Parmelina quercina ) angeführt werden. Von der in ganz Deutschland sehr seltenen und als „vom Aussterben bedroht“ eingestuften Blattflechte (die Einstufung der Roten Liste Hessens von 1996 is t nicht mehr aktuell) waren in Darmstadt drei Wuchsorte bekannt: Streuobstbestand im „Allmen“ – am Stamm von Zwetsc hge – Der Obstbaumbestand ist inzwischen brachgefallen und verbuscht. Westrand der K 178 an der Hammelstrift – am Stammg rund von Eiche – Die betreffende Eiche ist im Jahr 2012 dem Bau ei nes Parkdecks zum Opfer gefallen. Lincoln-Siedlung – auf Holz von Sitzbank – Die Holzbank in der Lincoln-Siedlung existiert inzwischen nicht mehr. Neben dem Verlust von Habitaten durch deren Zerstör ung oder im Zuge der Sukzes- sion spielen auch die tiefgreifenden Veränderungen der (überregionalen) Immissions- situation eine bedeutende Rolle bei der Dynamik von Flechtenpopulationen. Als Beispiel für eine in Darmstadt durch Eutrophier ung „verdrängte“ Flechtenart kann der Braune Moosbart ( Bryoria fuscescens ) angeführt werden. Sämtliche in der Zeit- spanne von 1991 bis 2004 festgestellten 13 Wuchsort e sind inzwischen erloschen. Seit 2004 wurden keine neuen Populationen beobachte t. Nach W IRTH (2010) bevor- zugt die Art ziemlich saure und nur schwache eutrophierte Standorte. Wir gehen davon aus, dass die zunehmende Eutrophierung die hauptsäc hliche Ursache für das Ver- schwinden dieser Bartflechtenart ist. Flechtenartenschutz in Darmstadt Büro für Vegetationskunde & Lichenologie, Darmstadt – 2021 19 5 Schutz- und Entwicklungsziele, Maßnahmenempfehlun gen Flechten wachsen überwiegend langsam und treten daher vor allem in Lebensräumen auf, in denen sie einer möglichst geringen Konkurre nz durch andere Pflanzen – v.a. Gefäßpflanzen – ausgesetzt sind. Hierzu gehören neb en Gehölzen (Bäumen und Sträuchern), lückigen Magerrasen oder Heiden auch G esteinsformationen wie bei- spielsweise Felsen oder Blockhalden, aber auch Mauern als deren anthropogene Pen- dants. Die Untersuchungen zum Vorkommen von Flechten in Darmstadt haben gezeigt, dass sowohl im Siedlungsbereich als auch im Offenland un d Wald eine verglichen mit an- deren Städten vergleichsweise hohe Flechtenartendiversität mit zahlreichen, zum Teil hochgradig gefährdeten Flechtenarten vorhanden ist. Aus Sicht des Flechtenartenschutzes sind demzufolge die folgenden quantitativen und qualitativen Erhaltungsziele zu nennen: Erhalt der hohen Flechtenartendiversität auf dem G ebiet der Stadt Darmstadt Erhalt der Wuchsorte von seltenen und überregional (stark) gefährdeten Flech- tenarten Darüber hinaus beinhaltet das im Folgenden dargeleg te Flechtenschutzkonzept auch Entwicklungsziele, um insbesondere den selten und bestandsgefährdeten Flechtenar- ten in Darmstadt zusätzliche Ansiedlungsmöglichkeiten zu bieten. 5.1 Für den Flechtenartenschutz bedeutsame Habitate in Darmstadt Von CEZANNE & EICHLER (2015) wurde bereits allgemein formuliert, dass „z ur Siche- rung des Flechtenarteninventars [...] die Erhaltung der aus flechtenkundlicher Sicht bedeutsamen Lebensräume zwingend erforderlich („Lebensraumschutz“)“ ist. In allge- meiner Form aufgeführt wurden Wälder, Streuobst, Baumreihen, Magerrasen, natürli- che Gesteinsformationen sowie anthropogene Strukturen und Substrate. Jene Einschätzung bestätigte sich durch die Ergebni sse der aktuellen Erhebungen. Als für den Flechtenartenschutz in Darmstadt bedeut sam lassen sich konkret die fol- genden Biotopgruppen bzw. Lebensräume benennen: Einzelbäume Baumreihen und Alleen Parks, Grünanlagen Streuobstbestände Magerrasen Altes Mauerwerk (Gebäude, Mauern) Natürliche Gesteinsformationen Wälder Flechtenartenschutz in Darmstadt Büro für Vegetationskunde & Lichenologie, Darmstadt – 2021 20 5.2 Durch Einzelbäume charakterisierte Flechtenhabi tate im Siedlungs- bereich Einzelbäume, Baumreihen und Alleen, Parks und Grünanlagen Bäume sind im Siedlungsbereich wichtige sauerstoffs pendende, das Mikroklima ver- bessernde und strukturierende Elemente. Auf der Bor ke von Bäumen können sich je nach Baumart und den bestehenden mikroklimatischen sowie lufthygienischen Stand- ortsbedingungen unterschiedliche Flechtenarten ansiedeln. Die Erfassung und Doku- mentation des Flechtenbewuchs an den Bäumen kann da her auch zur Bioindikation verwendet werden. Dementsprechend wurde eine VDI-Richtlinie entwickelt (VDI 3957 Blatt 13), die die Kartierung der Diversität epiphy tischer Flechten als Indikatoren für Luftgüte in Form eines biologischen Messverfahrens einsetzt. Das Flechtenartenschutzkonzept der Stadt Darmstadt zielt dagegen im Wesentlichen auf das Vorkommen von seltenen und gefährdeten Arte n und verwendet keine stan- dardisierten Erhebungsmethoden. Im Hinblick auf die aktuellen Klimaveränderungen wurden jedoch noch gezielt einige Klimawandelzeiger (KWZ) miterfasst; siehe hierzu auch Kapitel 2. Einzelbäume finden sich in großer Zahl im gesamten Stadtgebiet von Darmstadt. Allein „der städtische Baumbestand entlang von Straßen sow ie in Grünanlagen, Parks, Schulen und Kindergärten umfasst derzeit ca. 39.000 Bäume verschiedenster Baum- arten und Altersklassen“ (https://www.darmstadt.de/ leben-in-darmstadt/umwelt/wald- und-baeume/stadtbaeume). Das Gros der Flechten inne rhalb des besiedelten Be- reichs wächst am Stamm und im Kronenbereich von fre istehenden Bäumen, insbe- sondere von Laubbäumen. Nadelbäume, vor allem nicht heimische Arten, spielen in diesem Zusammenhang keine nennenswerte Rolle. Außerhalb der Wälder wurden im Stadtgebiet von Darm stadt für das Flechtenarten- schutzkonzept ca. 70 Einzelbäume mit bemerkenswertem Flechtenbewuchs erfasst. Zusätzlich wurden noch lineare oder flächige, durch Bäume charakterisierte Flechten- habitate aufgenommen; darunter 17 Baumreihen, sechs Alleen, zwei Baumgruppen, zwei mit Laubbäumen bestandene Parkplätze sowie 17 von Laubbäumen geprägte Grünanlagen und vier Friedhöfe. Die Mehrzahl der er fassten Objekte wurde wegen des Vorkommens von geschützten und seltenen Blattfl echtenarten wie Parmotrema perlatum (Breitlappige Schüsselflechte), Parmelina tiliacea (Linden-Schüsselflechte), Pleurosticta acetabulum (Essigflechte) oder der Strauchflechte Ramalina farina cea (Mehlige Astflechte) aufgenommen. Flechtenartenschutz in Darmstadt Büro für Vegetationskunde & Lichenologie, Darmstadt – 2021 21 Abb. 6: Parmelina tiliacea (Linden-Schüsselflechte) wächst auf verschiedenen Laubbäumen Als regelmäßige Begleitarten wurden häufig die Klim awandelzeiger Flavoparmelia caperata (Caperatflechte), Flavoparmelia soredians (Feinmehlige Schüsselflechte), Punctelia subrudecta (Punktierte Schüsselflechte) oder Punctelia jeckeri (Krausblätt- rige Schüsselflechte) miterfasst. Deutlich seltener waren Krustenflechten aus der Ziel- artenliste alleiniger Grund für die Aufnahme als schutzwürdiges Flechtenobjekt. Neben den oben genannten häufiger anzutreffenden Blattflechtenarten wurden an den Stadt- und Parkbäumen gelegentlich auch folgende in Hessen oder deutschlandweit seltener zu beobachtende Flechten der Zielartenliste gefunden: Caloplaca cerina (Wachs-Schönfleck) Diploicia canescens (Weißgraue Scheibenflechte) Gyalecta fagicola (Buchen-Grubenflechte) Hypotrachyna revoluta (Eingerollte Grauschüsselflechte) Normandina pulchella (Schönes Muschelschüppchen) Phaeophyscia endophoenicea (Rotmarkige Schwielenflechte) Physcia dimidiata (Geteilte Schwielenflechte) Physconia distorta (Bereifte Schwielenflechte) Flechtenartenschutz in Darmstadt Büro für Vegetationskunde & Lichenologie, Darmstadt – 2021 22 Physconia enteroxantha (Gelbmarkige Schwielenflechte) Physconia perisidiosa (Violette Schwielenflechte) Ramalina fastigiata (Buschige Astflechte) Ramalina fraxinea (Eschenflechte) Abb. 7: Caloplaca cerina (Wachs-Schönfleck) wächst an Laubbäumen mit basenreicher Borke Eine Auswertung der erfassten Flechtenhabitate mit Einzelbäumen (ohne Streuobst- bestände, s.u.) zeigt, dass elf der untersuchten St andorte in Darmstadt mindestens fünf epiphytische Zielarten aufweisen. Tabelle 5: Anzahl epiphytischer Zielarten in Lokali täten mit Einzelbäumen Lokalität Anzahl epiphytischer Zielarten Eichenallee an der Hengstriedwiese 9 Botanischer Garten 8 TU Lichtwiese 8 Park Rosenhöhe 7 Grünanlage am Oberwaldhaus 7 Waldfriedhof 6 Flechtenartenschutz in Darmstadt Büro für Vegetationskunde & Lichenologie, Darmstadt – 2021 23 Lokalität Anzahl epiphytischer Zielarten Prinz-Emil-Garten 6 Wolfskehlscher Garten 6 Bürgerpark Nord 5 Jüdischer Friedhof in Bessungen 5 Lichtwiesenweg 5 Auffällig ist, dass neun der elf aufgeführten Lokal itäten Grünanlagen oder Friedhöfe sind; die Lindenreihe am Lichtwiesenweg liegt immer hin am Rande eines Grünzuges und die Eichenallee an der Hengstriedwiese quert Feuchtwiesen innerhalb eines aus- gedehnten Waldgebietes. Alle Lokalitäten (mit Einsc hränkungen auch der Lichtwie- senweg) weisen einen hohen Anteil an Grünstrukturen bei gleichzeitig geringem Ver- siegelungsgrad auf. Die Folge ist eine gegenüber der Umgebung deutlich erhöhte Luft- feuchte, was nicht nur eine höhere Flechtenartendiv ersität bedingt, sondern auch die Etablierung von anspruchsvolleren Flechtenarten begünstigt. Abb. 8: Physconia enteroxantha (Gelbmarkige Raureifflechte), in feuchtem Zustand Flechtenartenschutz in Darmstadt Büro für Vegetationskunde & Lichenologie, Darmstadt – 2021 24 Maßnahmenempfehlungen Einzelbäume im Siedlungsbereich stellen einen wicht igen Lebensraum für verschie- dene Flechtenarten dar. Je älter die Bäume sind, um so vielfältiger sind die Flechten zur Verfügung stehenden Besiedlungsstrukturen (verschiedene Borkenstrukturen, un- terschiedlich dicke Äste, Totholzanteile etc.) und desto länger hatten die Flechten Zeit sich zu etablieren. Altbäume weisen daher in der Re gel eine höhere Flechtenarten- diversität auf als junge Bäume. Der Erhalt von Altb äumen ist also per se schon eine wesentliche Schutzmaßnahme. Abgängige Bäume sollten – soweit möglich – nicht ge- fällt werden, sondern so lange wie möglich als steh ende Totbäume erhalten werden. Totholz ist nicht nur für Vögel und Insekten von Bedeutung, sondern auch für an dieses Substrat angepasste Flechten und Pilze. Ausgefallene Stadt- und Parkbäume sollten unbedingt ersetzt werden, wobei zur För- derung der Flechtenvielfalt Baumarten mit basischer Borke zu bevorzugen sind. Aus Flechtenschutzgründen wird auch eine regelmäßige Au fastung der Stämme an Stra- ßen und in Parkanlagen empfohlen, um eine für licht liebende Flechten negative Be- schattung des Stammes zu vermeiden. An den gut belichteten Stämmen von Bäumen können sich dann ausgedehnte Blatt- und Strauchflechtenbestände entwickeln. Sollten in der Umgebung von Altbäumen Baumaßnahmen stattfinden, die eine Siche- rung der Baumstämme erforderlich machen, ist darauf zu achten, dass diese die Borke schützende Sicherung entweder nur kurzfristig angeb racht wird oder aus einem licht- durchlässigen Gitter besteht. Das Kalken von Stämmen als Schutz vor Schädlingen u nd Sonnenbrand der Borke sollte aus Flechtenschutzgründen unbedingt unterbleiben. Diese Maßnahme vernich- tet nicht nur den (Moos- und) Flechtenbewuchs, sond ern schädigt auch zahlreiche Nützlinge, die unter den Flechtenlagern leben. Die allermeisten Flechtenarten reagieren positiv auf eine höhere Luftfeuchte oder sind sogar auf eine ± kontinuierlich hohe Luftfeuchte angewiesen. Zur Förderung von hyg- risch anspruchsvolleren Flechtenarten sollte die Versiegelung im Umfeld von Bäumen möglichst gering gehalten werden. Die vor allem durch hohe SO 2-Einträge in den 1970er bis 1990er Jahren bedingte massive Schädigung der epiphytischen Flechtenvegeta tion bis hin zu ihrem lokalen Verschwinden findet nicht mehr statt. Die Förderung von säuretoleranten Flechtenar- ten bei gleichzeitigem massivem Rückgang von basenl iebenden Flechtenarten ist in- zwischen vollständig durch eine Begünstigung von wärmeliebenden und nährstoffzei- genden Arten abgelöst worden. Die weiterhin hohen E missionen von Stickoxiden be- Flechtenartenschutz in Darmstadt Büro für Vegetationskunde & Lichenologie, Darmstadt – 2021 25 wirken aktuell eine deutliche Zunahme von hauptsäch lich durch einige wenige nähr- stoffliebende Arten geprägten epiphytischen Flechte nbeständen – weitgehend unab- hängig vom natürlichen Borken-pH-Wert. Eine Minderung der Stickoxidbelastung wäre demnach nicht nur in gesundheitlicher Hinsicht ange raten, sondern auch eine Maß- nahme zur Förderung einer möglichst hohen Flechtenartendiversität an freistehenden (Laub)Bäumen im Stadtgebiet. 5.3 Streuobstbestände Die Bedeutung von Streuobstwiesen für den Arten- un d Biotopschutz ist inzwischen hinlänglich bekannt; insbesondere für die Vogelwelt sind Streuobstbestände von gro- ßer Bedeutung. Kaum bekannt ist hingegen, dass solc he Obstbaumbestände auch einen bedeutenden Lebensraum für Flechten (und Moose) darstellen. Am Stamm ein- zelner Obstbäume können bis über 20 Flechtenarten g ezählt werden, eine Zahl, die sich unter Berücksichtigung des Kronenbereichs noch beträchtlich erhöht. Entspre- chend artenreich können sich großflächige Streuobst bestände darstellen, insbeson- dere, wenn als Obstbäume neben Äpfeln auch Birnen, Kirschen, Zwetschgen oder Walnüsse vertreten sind. Abb. 9: Eberstädter Streuobstwiesen (Foto Lisa Steh ling) Flechtenartenschutz in Darmstadt Büro für Vegetationskunde & Lichenologie, Darmstadt – 2021 26 Insgesamt wurden sechs Streuobstbestände mit bemerk enswerten Flechtenvorkom- men erfasst. Das herausragende Beispiel stellen die großflächigen Streuobstbestände östlich von Eberstadt dar, die durch eine private I nitiative („Eberstädter Streuobstwie- senfreunde“) gepflegt werden. Weitere für Flechten bedeutende Streuobstareale be- finden sich im Osten des Parks Rosenhöhe, auf der Marienhöhe sowie in der Modau- aue östlich von Eberstadt. Die Zielarten der Streuobstbestände sind weitgehend identisch mit jenen der Solitär- bäume, Baumreihen und Alleen. Gyalecta fagicola (Buchen-Grubenflechte) Hypotrachyna revoluta (Eingerollte Grauschüsselflechte) Normandina pulchella (Schönes Muschelschüppchen) Parmelina pastillifera (Kügelchen-Schüsselflechte) Parmelina tiliacea (Linden-Schüsselflechte) Parmotrema perlatum (Breitlappige Schüsselflechte) Physconia enteroxantha (Gelbmarkige Schwielenflechte) Pleurosticta acetabulum (Essigflechte) Ramalina fastigiata (Buschige Astflechte) Rinodina exigua (Kleine Braunsporflechte) Usnea dasopoga (Gewöhnliche Bartflechte) Usnea substerilis (Verbogene Bartflechte) Maßnahmenempfehlungen Die stärkste Gefährdung für die Flechtenarten der Streuobstwiesen ist der Verlust der Trägerbäume durch Rodung der Obstbäume. Die wichtigste Maßnahme zur Erhaltung der Flechtenartendiversität der Streuobstbestände ist daher der Erhalt der Obstbäume. Aus Altersgründen abgestorbene oder aus anderen Grü nden nicht zu haltende Obst- bäume müssen alsbald nachgepflanzt werden. Geschieht dieses Nachpflanzen in un- mittelbarer Nähe zu bereits gut mit Flechten bewach senen Obstbäumen, so ist eine Besiedlung der neu gepflanzten Obstbäume mit großer Wahrscheinlichkeit gewähr- leistet. Durch kontinuierliches Nachpflanzen entste hen altersmäßig gut durchmischte Obstbaumbestände, die sowohl Flechtenarten früher Sukzessionsstadien als auch sol- chen Arten, die für gewöhnlich erst relativ spät in der Sukzession auftreten, Siedlungs- möglichkeiten bieten. Die größte Bedeutung für seltene und gefährdete Fle chtenarten haben aber zweifels- ohne alte Obstbäume. Durch angemessene Pflegemaßnah men (behutsamer Schnitt) Flechtenartenschutz in Darmstadt Büro für Vegetationskunde & Lichenologie, Darmstadt – 2021 27 können Obstbäume ein hohes Alter erreichen; sie kön nen dann bedeutende Wuchs- orte von stark gefährdeten Flechtenarten sein. Niederstamm-Obstbäume sind zwar leichter zu pflegen und zu beernten, für Flechten sind sie aber zumeist von nur geringer Bedeutung; insbesondere wegen ihres vielfach geringen Alters und des Einsatzes von Herbiziden. Das Säubern von Obstbaumstäm- men spielt in Darmstadt zwar keine Rolle (mehr), wa s man aber gelegentlich sieht ist das Kalken von Stämmen als Schutz vor Schädlingsbefall und starker Sonneneinstrah- lung. Diese Maßnahme vernichtet nicht nur den (Moos - und) Flechtenbewuchs, son- dern schädigt auch zahlreiche Nützlinge, die unter den Flechtenlagern leben. Aus öko- logischen Gründen sollte daher auf eine Kalkung der Baumstämme verzichtet werden. 5.4 Magerrasen und Offenbodenbiotope Magerrasen und naturnahe Offenbodenbiotope gehören aktuell auch überregional zu den am stärksten bedrohten Lebensräumen. Die allgem ein alle Habitate betreffende zunehmende Eutrophierung durch Stickstoffeinträge verschlechtert gravierend die Be- dingungen der auf nährstoffarme Standorte angewiesenen Lebensgemeinschaften der Magerrasen. Insbesondere die bodenbewohnenden Flech ten sind wegen ihrer gerin- geren Konkurrenzkraft vor allem gegenüber Gefäßpfla nzen auf offene, nährstoffarme Standorte angewiesen. Aktuell findet jedoch allein durch die Nährstoffeinträge durch die Luft eine so starke Eutrophierung statt, dass o ffene Bodenstellen rasch von kon- kurrenzstarken Gefäßpflanzen oder schnellwüchsigen Moosen besiedelt werden kön- nen und langsam wachsende bodenbewohnende Flechten keine Etablierungs- und Entwicklungsmöglichkeiten mehr haben. Nur auf Stand orten, auf denen ein regelmä- ßiger Nährstoffentzug durch die Entnahme von Biomasse in Form von Mahd oder Be- weidung stattfindet, haben bodenbewohnende Flechte eine Überlebenschance. Als Folge der sich verschlechternden Bedingungen für bodenbewohnenden Arten sind in den letzten zehn Jahren im Stadtgebiet die folgenden Arten verschwunden: Cladonia cervicornis subsp. verticillata (Etagen-Becherflechte) Cladonia phyllophora (Beblätterte Becherflechte) Collema coccophorum (Kugelförmige Leimflechte) Leptogium biatorinum (Kelch-Gallertflechte) Steinia geophana (Steins' Erdflechte) Die festgelegten Grenzwerte für Stickstoffdioxid (N O 2) wurden zwar im letzten Jahr (2020) an den Messstationen in Darmstadt nicht überschritten, es liegt aber eine dau- erhafte Luftbelastung vor, wie das Diagramm in Abbi ldung 10 für den Zeitraum Mai 2020 bis April 2021 zeigt. Flechtenartenschutz in Darmstadt Büro für Vegetationskunde & Lichenologie, Darmstadt – 2021 28 Abb. 10: Entwicklung der Werte für Stickstoffdioxid (NO 2) in Darmstadt, Mai 2020 – Mai 2021 Im Stadtgebiet von Darmstadt wurden drei Typen von Magerrasen mit Offenboden be- siedelnden Flechtenarten angetroffen: Magerasen auf Sandböden Magerrasen auf flachgründigen Standorten (z.B. aus Granodioritgrus) Lückige Scherrasen und sonstige siedlungsgeprägte Habitate mit bodenbewoh- nenden Flechten Die Eigenarten und der kennzeichnende Flechtenbewuc hs der unterschiedenen Ty- pen werden im Folgenden kurz vorgestellt. 5.4.1 Magerasen auf Sandböden Im Stadtgebiet von Darmstadt liegen einige überregional wegen ihrer bemerkenswer- ten Flora und Vegetation bekannte und daher auch zum größten Teil unter Naturschutz stehende Sandgebiete: August-Euler-Flugplatz Beckertanne-Standortübungsplatz Brömster Düne am Ulvenberg („Eberstädter Düne“) Griesheimer Düne Kernesbellen und Lerchenberg Pfungstädter Düne Streitgewann Viehweg Flechtenartenschutz in Darmstadt Büro für Vegetationskunde & Lichenologie, Darmstadt – 2021 29 In diesen Gebieten werden die noch vorhandenen arte nreichen Magerrasen durch Mahd oder Beweidung gepflegt und soweit möglich vor Beeinträchtigungen geschützt. Abb. 11: Cladonia foliacea (Kleine Endivienflechte) in Sandmagerrasen Allerdings hat die Diversität an bodenbewohnenden Flechtenarten in diesen Gebieten im Verlauf der letzten 50 Jahre stark abgenommen und es ist bedauerlicherweise eine weitere stetige Abnahme zu beobachten. Die folgenden 12 charakteristischen Arten der (Kalk -)Sandmagerrasen wurden als Zielarten für die Magerrasen von Darmstadt ausgewählt. Caloplaca raesaenenii (Räsänens Schönfleck) Caloplaca stillicidiorum (Moos-Schönfleck) Cetraria aculeata (Stachel-Hornflechte) Cladonia foliacea (Kleine Endivienflechte) Cladonia rangiformis (Falsche Rentierflechte) Cladonia subrangiformis (Dunkle Gabel-Säulenflechte) Cladonia symphycarpa (Kalk-Becherflechte) Diploschistes muscorum (Moos-Krugflechte) Leptogium schraderi (Schraders Gallertflechte) Peltigera rufescens (Rotbraune Schildflechte) Placidium squamulosum (Schuppige Lederflechte) Sarcosagium campestre (Feld-Fleischfruchtflechte) Flechtenartenschutz in Darmstadt Büro für Vegetationskunde & Lichenologie, Darmstadt – 2021 30 Von einigen Arten gibt es nur noch kleine Restpopulationen. Ein Beispiel hierfür ist die Kleine Endivienflechte, die 2015 noch mit 4 Rasterfeldern im Stadtgebiet dokumentiert wurde. Eine systematische Überprüfung ergab aktuell nur noch eine sehr kleine Popu- lation auf dem August-Euler-Flugplatz. Die Art ist extrem gefährdet; vermutlich wird sie aus dem Stadtgebiet verschwinden. Auch die zwei uns cheinbaren und nur von der Griesheimer Düne bekannten Schönfleckarten sind extrem selten und stark gefährdet. Eine weitere Zielart der Sandrasen um Darmstadt ist die Stachel-Hornflechte ( Cetraria aculeata ), die zumindest in einigen der Sandgebiete noch gut vertreten ist und offenbar auch extensive Beweidung verträgt. Neben diesen Sandmagerrasen, die außerhalb des Sied lungsbereichs auf ehemals militärisch oder landwirtschaftlich genutzten Fläch en liegen, gibt es im Stadtgebiet noch verschiedene weitere nährstoffarme Offenbodenb iotope aus zweiter Hand, die im Folgenden vorgestellt werden. 5.4.2 Magerrasen auf flachgründigen Standorten (Bes sunger Kies) Eine Besonderheit in der Darmstädter Geologie ist der sogenannte Bessunger Kies – ein Verwitterungsgestein aus Granodiorit. Der Bessu nger Kies wurde lange Zeit bei- spielsweise zur Anlage von wassergebundenen Wegen abgebaut. Mehrere ehemalige Kiesgruben befinden sich im Bessunger Steinbergviertel und südlich von Bessungen. Hier wurde eine ehemalige Kiesgrube unter Naturschutz gestellt. Die anstehenden of- fenen Böden der aufgelassenen Kiesgrube boten Siedlungsmöglichkeiten für Pionier- arten nährstoffarmer Standorte, auch Flechtenarten konnten sich hier etablieren. Auf dem Gelände des NSG „Bessunger Kiesgrube“ wurden no ch in den 1990er Jahren einige flechtenfloristische Besonderheiten festgestellt. Heutzutage ist das Gelände der Bessunger Kiesgruben stark verbuscht oder sogar ber eits bewaldet. Offene, für Pio- nierrasen geeignete Standorte sind hier und in den übrigen ehemaligen Kiesgruben nicht mehr anzutreffen. Flechtenarten der Offenböden konnten dementsprechend hier nicht mehr beobachtet werden. Aktuell gibt es nur n och einen bemerkenswerten Of- fenbodenbereich auf einem Standort aus Bessunger Kies. Dieser liegt im Bereich einer Aufschüttung, die im Zusammenhang mit dem Bau des Polizeipräsidiums an der Klap- pacher Straße entstanden ist. Flechtenartenschutz in Darmstadt Büro für Vegetationskunde & Lichenologie, Darmstadt – 2021 31 Abb. 12: Aufschüttung von Bessunger Kies südöstlich vom Polizeipräsidium Die folgenden Flechten-Zielarten für Magerrasen bzw . Offenbodenhabitate wurden dort gefunden, einige haben hier den einzigen aktue ll bekannten Wuchsort im Stadt- gebiet von Darmstadt. Cladonia cariosa (Gitter-Becherflechte) Cladonia rangiformis (Falsche Rentierflechte) Cladonia scabriuscula (Raue Säulenflechte) Cladonia symphycarpa (Kalk-Becherflechte) Diploschistes muscorum (Moos-Krugflechte) Leptogium subtile (Zarte Gallertflechte) Peltigera horizontalis (Flache Schildflechte) Peltigera polydactylon (Vielfingerige Schildflechte) Flechtenartenschutz in Darmstadt Büro für Vegetationskunde & Lichenologie, Darmstadt – 2021 32 5.4.3 Lückige Scherrasen und sonstige siedlungsgepr ägte Habitate mit bodenbewohnenden Flechten Bodenbewohnende Flechten sind in unserer (in der Re gel) intensiv genutzten Kultur- landschaft nur noch selten anzutreffen; umso bemerk enswerter ist das Vorkommen von bodenbewohnenden Flechten im Siedlungsbereich. Anlässlich der Flechtenkartie- rung im Stadtgebiet von Darmstadt wurden auf offens ichtlich als Scherrasen gepfleg- ten, jedoch nicht gedüngten Grünflächen gelegentlic h bodenbewohnende Flechten aus der Zielartenliste angetroffen. Zu erklären ist dieses Phänomen nur dadurch, dass außer dem passiven Stickstoffeintrag durch die Luft keine Nährstoffe zugeführt werden und der Grasschnitt sowie eventuell anfallendes Lau b auf den entweder flachgründi- gen oder sandigen, durchlässigen Böden regelmäßig e ntfernt wird, so dass keine Nährstoffanreicherung stattfindet. Bei diesen an ve rschiedenen im Stadtgebiet anzu- treffenden Flächen handelt es sich also um städtisc he Ersatzlebensräume für boden- bewohnende Flechten. Abb. 13: Scherrasen mit Peltigera rufescens (Rotbraune Schildflechte) vor dem Gebäude der Agentur für Arbeit Flechtenartenschutz in Darmstadt Büro für Vegetationskunde & Lichenologie, Darmstadt – 2021 33 Bemerkenswerte Stellen dieser Art sind zum Beispiel zu finden auf dem Gelände der Bessunger Kirche, auf der Mathildenhöhe, in den Scherrasen der Bürogebäude in der Telekom-City, auf den Rasenflächen des Waldfriedhof s oder auf dem Gelände der Agentur für Arbeit am Groß-Gerauer Weg. In den meisten Fällen konnten hier Zielarten aus der Gattung Peltigera (Schildflechten) beobachtet werden. Abb. 14: Peltigera rufescens (Rotbraune Schildflechte) in Magerrasen Im Rahmen der Kartierung wurden noch weitere städti sche Ersatzhabitate für boden- bewohnende Flechten der Zielartenliste im Stadtgebiet gefunden und erfasst. Zwei Beispiele werden hier vorgestellt: Rasengittersteine Werden die Zwischenräume von Rasengittersteinen mit nährstoffarmem Bodensub- strat (z.B. Sand) verfüllt, und die Fläche regelmäßig vom Laub befreit, so können sich auch hier bodenbewohnende Flechtenarten ansiedeln. In dem Fall der Parkplatzfläche am Nordbad konnte hier Diploschistes muscorum (Moos-Krugflechte) festgestellt wer- den. Flechtenartenschutz in Darmstadt Büro für Vegetationskunde & Lichenologie, Darmstadt – 2021 34 Abb. 15: Rasengittersteine auf dem Parkplatz beim N ordbad, Wuchsort von Diploschistes muscorum (Moos-Krugflechte) Baumscheiben Ebenfalls am Nordbadparkplatz wurde eine Baumscheibe gefunden, deren Bodensub- strat offenbar in Folge der regelmäßigen Entfernung von Laubeinträgen so ausgema- gert wurde, dass sich hier Peltigera ponojensis (Verwechselte Schildflechte) zwischen Moos als bodenbedeckende Vegetation eingestellt hat. Das gleiche Phänomen wurde bei einer Baumscheibe im Seitersweg beobachtet. Flechtenartenschutz in Darmstadt Büro für Vegetationskunde & Lichenologie, Darmstadt – 2021 35 Abb. 16: Baumscheibe auf dem Parkplatz beim Nordbad mit Peltigera ponojensis (Verwech- selte Schildflechte) Maßnahmenempfehlungen Generell gilt für alle im Stadtgebiet vorkommenden Offenbodenhabitate, dass deren Erhaltung zur Förderung der Flechtenartendiversität angestrebt werden sollte. Die Ein- träge durch Luftstickstoffe sollten unbedingt reduz iert werden. Auch sollten keine an- deren Nährstoffe oder organisches Material jegliche r Art ausgebracht werden. Zur Kompensation des stetigen Nährstoffeintrags durch d ie Luft sollte sämtliches organi- sche Material wie Laub oder Grasschnitt regelmäßig von den betreffenden Flächen entfernt werden. Das gelegentliche Betreten der Fläche sowie mäßige Bodenverwun- dungen, wie sie beispielsweise durch spielende Kind er oder Jugendliche entstehen, sind ausdrücklich erwünscht und der Erhaltung der Habitate förderlich. Gute Beispiele hierfür sind die Sandgrube im Bereich der Eberstädt er Streuobstwiesen und die Auf- schüttung von Bessunger Kies südöstlich vom Polizeipräsidium. Beide Lokalitäten wer- den von Kindern und Jugendlichen regelmäßig zum Spielen aufgesucht. Flechtenartenschutz in Darmstadt Büro für Vegetationskunde & Lichenologie, Darmstadt – 2021 36 Sand- und Steppenrasen Die bereits unter Naturschutz stehenden Sand- und Steppenrasengebiete werden von den Naturschutzbehörden fachkundig betreut und von einem Landschaftspflegebe- trieb gepflegt. Hier sind keine weiteren Pflegeempfehlungen erforderlich. Es gibt allerdings zwei durch Sandbiotope geprägte Naturdenkmale im Stadtgebiet, das Hickebick in Eberstadt und die Stahlberge bei A rheilgen, in denen aktuell keine bodenbewohnenden Flechten vorkommen. Hier sollte ei n Konzept zur Verbesserung der Situation für bodenbewohnende Flechten, vielleicht auch für Ansiedlungsmaßnah- men, erstellt werden. Das ehemals militärisch als Schießplatz genutzte Offenlandareal südlich der Heimstät- tensiedlung wies noch in den 1990er Jahren ebenfalls an bodenbewohnenden Flech- tenarten reiche Sandrasen auf, u.a. Cladonia cariosa (Gitter-Becherflechte). Aktuelle Begehungen konnten dieses Qualitätsmerkmal jedoch nicht mehr bestätigen. Es wur- den leider kaum noch bodenbewohnende Flechtenarten angetroffen. Felsgrusgesellschaften Bei den bodenbewohnenden Flechten auf Felsgrus handelt es sich um Arten der Pio- nierstadien, die bei ausbleibenden Störungen der Bodenoberfläche im Verlauf der na- türlichen Sukzession wieder verschwinden. Um diesen Typ der Pionierrasen zu schüt- zen, ist es unabdingbar, die Bodenoberfläche regelmäßig zu stören und aufkommende Pioniergehölze von der Fläche zu entfernen. Im Zuge von Baumaßnahmen im Bereich des Vorkommens von Bessunger Kies sollten gezielt A ufschüttungen des Materials zum Spielen für Kinder bereitgestellt werden, wobei dann keinerlei weitere Materialien, auch keine Ansaaten mit Gräsern oder Kräutern auf d ie Fläche gebracht werden dür- fen. Fremdmaterialeinträge in jeglicher Form (z.B. von Laub oder Hundekot) sollten vermieden werden. Lückige Scherrasen und sonstige siedlungsgeprägte Habitate mit bodenbewoh- nenden Flechten Regelmäßig gemähte, jedoch nicht gedüngte Scherrase n stellen insbesondere auf sandigen Böden im Stadtgebiet von Darmstadt Sekundärbiotope für die in der intensiv genutzten Kulturlandschaft fehlenden Magerrasen dar. Lückige, artenreiche Scherrasen lassen sich auf näh rstoffarmen Standorten relativ leicht entwickeln. Entscheidend für eine positive E ntwicklung sind die Eigenschaften Flechtenartenschutz in Darmstadt Büro für Vegetationskunde & Lichenologie, Darmstadt – 2021 37 des Bodensubstrats. Förderlich sind durchlässige Sa ndböden oder andere nährstoff- arme Rohböden. Die regelmäßig bei Neuanlagen von Gr ünflächen praktizierte Ver- wendung von Mutterboden verhindert allerdings jeglichen Flechtenbewuchs. Durch die regelmäßige Mahd werden kontinuierlich Nährstoffe entzogen, so dass sich nur an magere Standorte angepasste Gefäßpflanzen, M oose und Flechten ansiedeln können. Konkurrenzkräftige Gräser, Kräuter und Gehö lze können sich dagegen nicht entwickeln oder wachsen schlecht. Gerade großflächige Grünflächen im Umfeld von Wohnbebauung bieten große Poten- ziale zur Entwicklung artenreicher Scherrasen, die auch für bodenbewohnende Flech- tenarten – vor allem Arten der Gattungen Cladonia (Säulen- bzw. Becherflechten) und Peltigera (Schildflechten) – von Bedeutung sind. Die Scherra sen am Meißnerweg in Darmstadt-Kranichstein (Abbildung 17), in denen sog ar die Sand-Strohblume ( He- lichrysium arenarium ) als charakteristische Gefäßpflanzenart der Sandra sen wächst, sind – insbesondere in Kombination mit einigen eing estreuten Silikatblöcken – ein schönes Beispiel dafür, welche Möglichkeiten die Wissenschaftsstadt Darmstadt oder private Wohnungsbauunternehmen (z.B. der Bauverein) hinsichtlich der Förderung von bodenbewohnenden Flechten im Siedlungsbereich haben. Abb. 17: Darmstadt-Kranichstein Scherrasen im Umfel d von Wohnbebauung am Meißnerweg Flechtenartenschutz in Darmstadt Büro für Vegetationskunde & Lichenologie, Darmstadt – 2021 38 5.5 Altes Mauerwerk Mauern und andere vom Menschen geschaffene Struktur en bieten Gesteinsflechten Ersatzsubstrate und erlauben Vorkommen auch in von Natur aus felsfreien oder fels- armen Gebieten wie dem Stadtgebiet von Darmstadt. „Die vom Menschen geschaffene Mauer ist ein hervorragender Flechtenbiotop“ (WIRTH 2002). Mauern, deren Flechten- bewuchs sich über einen längeren Zeitraum entwickeln konnte, sind deutlich artenrei- cher als solche mit relativ kurzen Entwicklungszeiten. Besonders wertvoll für Flechten sind alte, lichtoff ene, unverfugte (Trocken-) Mauern aus Silikatgestein. Solche auch aus kulturhistorisc her Sicht bedeutsamen Trocken- mauern sind in Darmstadt jedoch kaum mehr vorhanden . Ein gutes Beispiel stellt die alte Silikatstein-Trockenmauer bei der Ottilienmühle dar, auf der aber trotz eines guten Flechtenbewuchses keine Zielarten des Flechtenschutzes gefunden wurden. Abb. 18: Trockenmauer aus Silikatsteinen bei der Ot tilienmühle In der Regel sind die Mauern in Darmstadt – unabhängig von ihrem Alter – verfugt oder gar verputzt. Die Verfugung von Silikatgestein-Mauern bewirkt wegen des Eintrags von Flechtenartenschutz in Darmstadt Büro für Vegetationskunde & Lichenologie, Darmstadt – 2021 39 Kalk eine Veränderung des potenziellen Flechtenbewuchses hin zu häufigen und weit verbreiteten Kalkflechtenarten. Weitaus gravierender sind die Auswirkungen des Ver- putzens, das für lange Zeiträume keinen oder allenfalls einen rudimentären Flechten- bewuchs zulässt. Heutzutage werden auch in Darmstadt kaum mehr (verfugte) Natursteinmauern errich- tet. An ihre Stelle sind Betonmauern getreten, die zwar bereits nach kurzer Zeit einen artenreichen Flechtenbewuchs aufweisen, der sich ab er fast nur aus häufigen „Aller- weltsarten“ (Ubiquisten ) zusammensetzt. Aus Sicht des Flechtenartenschutzes sind Betonmauern also kein Ersatz für Natursteinmauern. Abb. 19: Artenreicher Flechtenbewuchs auf Kunstgest ein mit zahlreichen Ubiquisten Das Mauerwerk von Gebäuden kann – sofern nicht verp utzt – prinzipiell ebenfalls ein bedeutender Flechtenstandort sein. Im Rahmen der Kartierungen in Darmstadt konnte aber nur an der Ottilienmühle eine Flechtenart der Zielartenliste (Ramalina europaea – Europäische Bandflechte) festgestellt werden. Flechtenartenschutz in Darmstadt Büro für Vegetationskunde & Lichenologie, Darmstadt – 2021 40 Abb. 20: Caloplaca albolutescens (Bunter Schönfleck) mit orangefarbenen Fruchtkörpe rn und Caloplaca teicholyta (Ziegel-Schönfleck), Stadtmauer am Hinkelsturm Grundsätzlich lässt sich feststellen, dass neben de r Art des Mauersubstrats das Alter der Mauerstandorte entscheidenden Einfluss auf deren Flechtenbewuchs hat. Seltene und/oder gefährdete Flechtenarten finden sich fast ausschließlich auf Mauern mit lan- ger Bestandeskontinuität. Hierzu zählen in Darmstad t die folgenden Mauer-Lokalitä- ten, wobei das Vorkommen von Zielarten nicht zwangsläufig mit einer hohen Flechten- artendiversität einhergeht: Jagdschloss Kranichstein Zeughaus Brücke L 3097 Fasaneriemauer Mathildenhöhe Hinkelsturm Seiterswegbrücke Rosenhöhe Ruthsenbachaue Bornschneise Heuweg Bernhardsbrunnen Orangerie Am Erlenberg Wiesen-Mühle Judenbrunnen an der Mühltalstraße Eberstädter Friedhof Flechtenartenschutz in Darmstadt Büro für Vegetationskunde & Lichenologie, Darmstadt – 2021 41 Viele dieses kulturhistorisch bedeutsamen Mauerstan dorte sind denkmalgeschützt und unterliegen fortwährend Restaurierungs- und Sicherungsmaßnahmen. Durch sol- che unabdingbaren Maßnahmen zur Erhaltung von Kultu rgütern können Flechten- wuchsorte dauerhaft zerstört werden, wobei nicht vo rhersehbar ist, ob und – wenn ja – wann eine Rückbesiedlung der betreffenden Mauern (oder eines Mauerabschnitts) erfolgen wird. Einen kaum beachteten (Sekundär-) Flechtenstandort stellen Grabsteine dar, sofern deren Oberfläche nicht rundum poliert ist oder rege lmäßig geputzt wird. ln der jüdi- schen Friedhofskultur gelten Gräber als ewige Ruhestätten, die nicht eingeebnet wer- den. Dies bringt es mit sich, dass auf jüdischen Friedhöfen sehr alte, unberührte Grab- steine zu finden sind, die ungestört von Flechten u nd Moosen besiedelt werden kön- nen. So auch auf dem Darmstädter Jüdischen Friedhof in Bessungen. Einige Silikat- flechtenarten haben hier ihren einzigen in Darmstadt bekannten Wuchsort. Abb. 21: Jüdischer Friedhof in Darmstadt-Bessungen Flechtenartenschutz in Darmstadt Büro für Vegetationskunde & Lichenologie, Darmstadt – 2021 42 Abb. 22: Jüdischer Friedhof in Bessungen, Grabstein mit „Patina“, vor allem Blattflechten Maßnahmenempfehlungen Die Flechtenarten der Mauerstandorte, insbesondere solche der Zielartenliste, sind insbesondere von Restaurierungs- und Sicherungsmaßn ahmen betroffen, wie in der jüngsten Vergangenheit zum Beispiel die Seiterswegb rücke über die Odenwaldbahn oder die denkmalgeschützte Mauer auf der Südseite der Dieburger Straße. Durch die Verkleidung der langgestreckten Mauer in der Dieburger Straße mit Silikat- steinen der alten Mauer vor der Sanierung mit anschließender dichter Verfugung wur- den die potentiellen Siedlungsmöglichkeiten für Flechten stark eingeschränkt. Auf ab- sehbare Zeit dürften sich dort allenfalls ubiquitär e Flechtenarten einfinden; für Arten, die Kleinststandorte wie erderfüllte Mauerspalten besiedeln, wie z.B. die an mehreren alten Darmstädter Mauern wachsende Toninia aromatica (Mauer-Blasenkruste), sind nach der Sanierung keine Wuchsorte mehr verblieben. Flechtenartenschutz in Darmstadt Büro für Vegetationskunde & Lichenologie, Darmstadt – 2021 43 Abb. 23: Mit Silikatsteinen verkleidete denkmalgesc hützte Mauer in der Dieburger Straße Im Fall der vor wenigen Jahren sanierten alten Seiterswegbrücke über die Odenwald- bahn wurden einige der alten Sandsteinquader sandge strahlt und an gleicher Stelle wieder eingebaut, viele Quader wurden offenbar durch neue Steine ersetzt. Trotzdem handelt es sich auch bei dieser Sanierung um einen massiven Eingriff in den Mauer- bewuchs. Bis vor wenigen Jahren war diese alte Sand steinbrücke Wuchsort zahlrei- cher Flechtenarten, darunter auch die in der Zielartenliste stehende Acarospora umbi- licata (Bereifte Kleinsporflechte). Die „Reinigung“ der Q uader war aber nicht so weit- gehend, dass der Flechtenbewuchs vollständig entfernt wurde (soweit dies überhaupt möglich ist). Von jenen Stellen dürften zumindest e inige der vorher vorhandenen Flechtenarten sich wieder ausbreiten können – langfristig auch auf die neu eingesetz- ten Sandsteine. Aus Sicht des Flechtenartenschutzes ist es wichtig, dass sich Instand- setzungsmaßnahmen an Mauern möglichst auf kurze Abs chnitte bzw. Teile der Mau- ern beschränken, was eine von angrenzenden alten Ma uerabschnitten ausgehende Neubesiedlung erleichtert. Flechtenartenschutz in Darmstadt Büro für Vegetationskunde & Lichenologie, Darmstadt – 2021 44 Abb. 24: Sanierter Abschnitt der Seiterswegbrücke m it alten und neu eingesetzten Steinen Bei der Sanierung von Mauern bzw. von Mauerwerk kollidieren die Anliegen des Arten- und Biotopschutzes regelmäßig mit den berechtigten Interessen der Denkmalpflege. Bei zwingend notwendigen Instandsetzungsmaßnahmen m uss in Gesprächen ver- sucht werden, einen Ausgleich der Interessen herbeizuführen. Dass dies nicht immer möglich ist, zeigt das Beispiel des Judenbrunnens an der Mühl- talstraße östlich von Eberstadt. Hier stellten sich die Schäden am Mauerwerk als so gravieren dar, dass nur eine Totalsanierung in Frage kam. In diesem Rahmen können die während der Kartierung von Flechten in Darmstadt (C EZANNE & EICHLER 2015) fest- gestellten Vorkommen einer Reihe von seltenen und b estandsgefährdeten Flechten- arten vor Ort nicht – auch nicht in Teilen – erhalten werden. Daher hat sich das Umweltamt der Wissenschaftsstadt Darmstadt entschlossen, eine Umsiedlung der besonders bedeutsamen Flechtenarten Arthonia calcarea (Kalk-Fleckflechte) Cerothallina luteoalba (Weißgelber Schönfleck) Opegrapha demutata (Weißfrüchtige Zeichenflechte) Flechtenartenschutz in Darmstadt Büro für Vegetationskunde & Lichenologie, Darmstadt – 2021 45 über Mörtelbruchstücke auf andere alte Mauern zu ve rsuchen (C EZANNE & EICHLER 2021). Inwieweit diese Maßnahme erfolgreich ist, lä sst sich erst in ein paar Jahren abschätzen. Eine Umsiedlung sollte aber immer nur die „Ultima Ratio“ sein. Abb. 25: Cerothallina luteoalba (Weißgelber Schönfleck) Bei nicht denkmalgeschützten Mauern können manchmal bereits kleine Änderungen der Planung und Ausführung positive Wirkungen auf d ie Besiedlung mit Flechten ha- ben. Bevor Baustoffe wie Steine oder Ziegel serienm äßig hergestellt wurden, hatten diese eine raue Oberfläche, was die Besiedlung durch Flechten deutlich erleichtert und beschleunigt. Heutzutage weisen zum Beispiel Backsteine nicht nur eine ± glatte Ober- fläche auf, sie werden vielfach auch noch glasiert. Welchen Einfluss die Oberfläche von Backsteinen auf den Flechtenbewuchs hat, verdeu tlicht das nachstehende Foto mit unterschiedlich behandelten Backsteinen: links Backsteine mit rauer Oberfläche, rechts solche mit glatter Oberfläche. Flechtenartenschutz in Darmstadt Büro für Vegetationskunde & Lichenologie, Darmstadt – 2021 46 Abb. 26: Flechtenbewuchs auf unterschiedlich behand elten Backsteinen Viele Menschen, auch Behördenvertreter, haben die Befürchtung, dass Flechten Mau- ern oder Denkmäler schädigen. Diese Sorge ist aber nicht begründet. Blatt- und Strauchflechten sitzen dem Gesteinssubstrat oberflächlich auf und sind lediglich durch in feinste Gesteinsritzen vordringende Pilzzellfäde n (Hyphen) mit diesem verbunden. Krustenflechten sind mit der ganzen Unterlage über endolithisch (im Stein) wachsende Hyphen verbunden und „werden in der Regel zu einem Bestandteil des Denkmalge- steins“ (D REWELLO 2009). Untersuchungen von D REWELLO & DREWELLO (2009) haben gezeigt, dass die Pilzhyphen im Fall von Filamentkalk selbst über einen längeren Zeit- raum nur bis zu einem halben Millimeter einzuwachse n vermögen; unter günstigeren Bedingungen können auch Eindringtiefen von einem Millimeter erreicht werden. Die Flechten bilden sogar eine schützende Kruste, d urch die die Gesteine wie durch eine Haut geschützt werden; die Entfernung der Flec hten bewirkt im Endeffekt eine verstärkte Abtragung der oberflächlichen Gesteinspartien (WIRTH 2002). Die Entfernung von Moosen und Flechten erfolgt in d en meisten Fällen aus einem „Sauberkeitsbedürfnis“ heraus. Mauern ohne jegliche n Bewuchs werden von vielen Menschen immer noch als schöner empfunden als solch e mit einem üppigen Moos- Flechtenartenschutz in Darmstadt Büro für Vegetationskunde & Lichenologie, Darmstadt – 2021 47 und Flechtenbewuchs. Im Hinblick auf die Biodiversi tät ist es jedoch immens wichtig, in diesem Punkt durch Informationen ein Umdenken in der Darmstädter Bevölkerung zu bewirken. Der als Begleitung zum Flechtenschutzk onzept erstellte Flechten-Flyer soll zur Schaffung eines positiven Bewusstseins in der Bevölkerung beitragen. Abb. 27: Jagdschloss Kranichstein, im Rahmen von Sa nierungsmaßnahmen verputzte süd- west-exponierte Mauer Im Zuge der Sanierung von Mauern werden gelegentlic h große Abschnitte vorher al- lenfalls verfugter Natursteinmauern verputzt. Diese Vorgehensweise hat grundsätzlich gravierende Auswirkungen auf die Flechtenflora. Auf dem im besiedelten Bereich als Lebensraum reichlich vorhandenen Substrat Mörtel wa chsen fast nur weit verbreitete Arten mit geringen Ansprüchen an den Standort. Insbesondere dann, wenn es sich um relativ jungen Mörtel handelt. Seltene Flechtenarten sind dort kaum einmal zu finden. In jüngster Vergangenheit wurden um das Jagdschloss Kranichstein zwei längere Mauerabschnitte großflächig verputzt; von den als B aumaterial verwendeten Silikat- steinen sind in beiden Fällen nicht einmal mehr kleinflächige Reste zu sehen. Während diese Maßnahme im Fall der beschatteten Mauer entlang der Zufahrt als eher unprob- lematisch angesehen werden kann, wurde bei der auf Abbildung 27 wiedergegebenen Flechtenartenschutz in Darmstadt Büro für Vegetationskunde & Lichenologie, Darmstadt – 2021 48 südwest-exponierten Mauer durch diese Sanierungsmaß nahme ein artenreicher Flechtenbewuchs aus charakteristischen Kalk- und Silikatflechtenarten zerstört. Inwieweit hier denkmalpflegerische Aspekte maßgeben d waren, lässt sich hier nicht beurteilen. Festzuhalten bleibt die Schlussfolgerun g von D REWELLO & DREWELLO (2009), die sich intensiv mit der Thematik naturver träglicher Sanierungen von alten Bauwerken beschäftigt haben: „Dem Umgang mit Flecht en kommt eine zentrale Stel- lung im Konzept naturverträglicher Sanierungen von historisch bedeutsamem Mauer- werk zu. Die Problematik tangiert unmittelbar das Spannungsfeld zwischen Denkmal- und Naturschutz“. Detaillierte Informationen können dem „Leitfaden zur naturverträgli- chen Instandhaltung von Mauerwerk in der Denkmalpfl ege“ entnommen werden (BEIERKUHNLEIN et al. 2011). Abschließend werden stichpunktartig die Empfehlunge n für die Berücksichtigung von Flechten bei anstehenden Mauersanierungen zusammengefasst: Im Interesse strukturreicher Mauerstandorte sollte möglichst wenig Mauerfläche verputzt werden. Nur jeweils Teilabschnitte einer Mauer sind zu san ieren (abschnittsweise Vor- gehensweise), um eine rasche Wiederbesiedlung zu begünstigen. Belassen von offenen Mauerfugen und Aussparungen – wann immer möglich. Hierdurch wird auch die mit einer Verfugung einherg ehende erhöhte Feuchtig- keit im Gestein vermieden. Keine Beseitigung des als schützende Schicht für d as Gestein fungierenden Flechtenbewuchses. 5.6 Natürliche Gesteinsformationen Das Stadtgebiet von Darmstadt ist von Natur aus arm an natürlichen Gesteinsformati- onen. Nennenswerte (Silikat-)Felsbildungen sind nur im Naturraum Vorderer Oden- wald vorhanden; diese sind aber in der Regel von ra ndständigen Bäumen beschattet und mit Blick auf den Flechtenartenschutz zumeist von geringer Bedeutung. Eine Ausnahme stellen einzelne Felsen unterhalb des Herrgottsberges dar (Bestand- teil des FFH-Gebietes „Dommersberg, Dachsberg und Darmbachaue von Darmstadt“). Auf einem dieser Felsen wächst Lecidea albocaerulescens (Weißgraue Schwarznapf- flechte), eine charakteristische Krustenflechte bes chatteter Silikatfelsen luftfeuchter Standorte, die wegen ihrer Einstufung als „stark gefährdete“ Art Bestandteil der Zielar- tenliste ist. Flechtenartenschutz in Darmstadt Büro für Vegetationskunde & Lichenologie, Darmstadt – 2021 49 Abb. 28: Lecidea albocaerulescens (Weißgraue Schwarznapfflechte) am Herrgottsberg Charakteristische Flechtenarten ± lichtoffener Felsen bleiben dagegen weitgehend auf silikatische Einzelblöcke im Offenland – zum Beispiel stellenweise am Rande der Eber- städter Streuobstwiesen – beschränkt. Aber auch im bebauten Stadtgebiet (Bessun- gen) finden sich vereinzelt Ansammlungen von Granod ioritblöcken. Die beiden best- erhaltenen Objekte wurden als Naturdenkmale ausgewiesen: Naturdenkmal „Kraftsruhe“ Naturdenkmal „Eichen- und Akazienwäldchen“ (auch „ Felsenwäldchen) Die dortigen, aus Wollsackverwitterung hervorgegang enen Granodioritblöcke sind heute aber ebenfalls durch randständige Gehölze bes chattet und weisen keine typi- schen gesteinsbesiedelnden Arten der Zielartenliste auf. Durch Nährstoffeinträge be- günstigt hat sich stattdessen eine Reihe von Blattflechten auf den Felsen eingefunden, die ihren Verbreitungsschwerpunkt auf Bäumen und St räuchern haben („Epiphyten“) und teilweise zu den Zielarten rechnen. Flechtenartenschutz in Darmstadt Büro für Vegetationskunde & Lichenologie, Darmstadt – 2021 50 Abb. 29: ND „Kraftsruhe“, Felsen im Gipfelbereich, Foto 2007 Maßnahmenempfehlungen Die Zahl der natürlich anstehenden Felsen und Felsblöcke lässt sich naturgemäß nicht erhöhen. Die wichtigste Maßnahme für die auf natürl ichen Gesteinen vorkommenden Flechten ist folglich der Erhalt der betreffenden Wuchsorte. Die Felsen der Naturdenkmale „Kraftsruhe“ und „Eich en- und Akazienwäldchen“ wa- ren in früheren Zeiten nur in geringem Umfang mit Bäumen bestanden, zeitweise sogar weitgehend frei von Gehölzen (C EZANNE & EICHLER 2020). Es kann davon ausgegan- gen werden, dass die Felsen neben Moosen auch reich mit Flechten bewachsen wa- ren. Infolge der zunehmenden Beschattung und der im Stadtgebiet seit Jahrzehnten starken Eutrophierung der Lebensräume hat sich die Situation jedoch grundlegend ge- wandelt. Diese Entwicklung ließe ich nur mit starken Eingriffen in den Bestand mit kaum abseh- baren Folgen für die dortigen Lebensräume umkehren. Als eines der Entwicklungsziele für das ND „Kraftsruhe“ wurde daher von C EZANNE & EICHLER (2020) ein lichter Ge- hölzbestand mit möglichst geringer Schattwirkung auf die Felsen vorgeschlagen. Flechtenartenschutz in Darmstadt Büro für Vegetationskunde & Lichenologie, Darmstadt – 2021 51 5.7 Wälder Große Teile des Stadtgebietes – über 46 % – sind mi t Wald bestockt. Im Westen auf sandigen Böden überwiegen (Misch)wälder mit einem h ohen Anteil an Waldkiefern (Pinus sylvestris ), die nur von einer vergleichsweise geringen Zahl an (meist acidophy- tischen) Flechtenarten besiedelt werden, während im sogenannten Ostwald Laub- mischwälder aus vornehmlich Buchen und Eichen vorherrschend sind. Ost- und West- wald unterscheiden sich aber nicht nur hinsichtlich der Baumartenzusammensetzung, sondern – neben den unterschiedlichen klimatischen Bedingungen – auch im Hinblick auf das Alter der Bäume und den Anteil an stark dim ensioniertem Totholz (stehend und liegend). Der unterschiedliche Grad der Naturnähe hat entsche idenden Einfluss auf das Vor- kommen von waldtypischen Flechtenarten. Vor allem v iele große, alte Eichen in den Beständen des Ostwaldes – Zeugen früherer Wirtschaftsformen bzw. der Nutzung als Jagdrevier – sind (nicht nur) für den Flechtenarten schutz von unschätzbarem Wert. Die Ergebnisse der Flechtenkartierung in Darmstadt (C EZANNE & EICHLER 2015) haben gezeigt, dass sogenannte Altwaldarten – Flechtenarten mit einer starken oder zumin- dest mäßigen Bindung an historisch alte Wälder – nahezu ausschließlich im Darmstäd- ter Ostwald vorkommen. Dieser Befund hat sich durch die ergänzenden Untersuchun- gen im Zuge der Erstellung des Flechtenschutzkonzeptes nicht nur bestätigt, sondern es wurden noch weitere entsprechende Indikatorarten festgestellt. Die meisten der in Tabelle 6 aufgeführten Altwald-Flechtenarten kommen in Darmstadts Wäldern aus- schließlich an Eichen vor oder haben zumindest eine n eindeutigen Schwerpunkt der Verbreitung auf Eichen. In Darmstadts Wäldern wurden 73 Arten der Zielarten liste gefunden, darunter 23 so- genannte Altwaldarten nach W IRTH et al. (2009). Im Bereich der auf Sand stockenden Forste im weitgehend ebenen Westteil des Gebietes w aren es 20 Zielarten, darunter auch Klimawandelzeiger und Besiedler von morschen T otholzstubben – die Zielart Cladonia cenotea (Hakenförmige Säulenflechte) wurde nur im Westwald gefunden – sowie bodenbewohnende Magerrasenarten, während im i nsgesamt (luft)feuchteren Ostwald 68 Zielarten des Flechten-Habitats „Wald“ (= 93 % aller Zielarten für das Ha- bitat Wald) nachgewiesen wurden. Bereits dies unter streicht die immense Bedeutung des gegenüber dem Westwald deutlich naturnäheren Ostwaldes für Flechten. Flechtenartenschutz in Darmstadt Büro für Vegetationskunde & Lichenologie, Darmstadt – 2021 52 Tabelle 6: Altwaldarten in Darmstadts Wäldern Wissenschaftlicher Artname Deutscher Name RL D1 RL HE 1 Altwald- art 1 Fund- orte Arthonia byssacea Feinfaserige Fleckflechte 2 1 X 4 Arthonia vinosa Weinrote Fleckflechte V 2 (X) 1 Bacidia subincompta Einfache Stäbchenflechte 2 1 (X ) 1 Biatora veteranorum Veteranen-Stäbchenflechte R # X 6 Calicium adspersum Sitzende Kelchflechte 2 3 X 14 Caloplaca lucifuga Lichtscheuer Schönfleck 3 1 (X) 1 Chaenotheca chlorella Grüngelbe Stecknadelflechte 2 0* X 5 Chaenotheca furfuracea Kleiige Stecknadel V 3 (X) 1 3 Chaenotheca stemonea Fädige Stecknadel 3 1 (X) 22 Cladonia norvegica Norwegische Becherflechte R # X 1 Cladonia parasitica Eichen-Säulenflechte 2 1 X 19 Dendrographa decolorans Verfärbte Spaltaugenflechte 3 1 X 17 Gyalecta fagicola Buchen-Grubenflechte 2 1 X 3 Lecidea albocaerulescens Weißgraue Schwarznapfflech te 2 2 X 1 Microcalicium disseminatum Nicht lichenisierter Pil z 3 1 X 1 Peltigera horizontalis Flache Schildflechte 3 2 X 2 Pertusaria flavida Gelbliche Porenflechte V 2 (X) 7 Pertusaria hymenea Häutige Porenflechte 2 1 X 3 Pyrenula nitida Große Pickelflechte V 3 (X) 22 Sclerophora peronella Helle Staubkopfflechte 1 # X 1 Sphinctrina turbinata Flechtenbewohnender Pilz 1 1 X 1 Thelopsis rubella Rötliche Goldzitzenflechte 1 neu X 1 Varicellaria hemisphaerica Halbkugelige Porenflecht e V 2 (X) 2 1 Zur Bedeutung der Abkürzungen siehe Kapitel 8 Bei den wegen des Vorkommens von Flechtenarten der Zielartenliste kartografisch herausgestellten 62 Waldbeständen handelt es sich n ahezu ausschließlich um natur- nahe Laub(misch)wälder; 22 Waldbereiche zählen zu den Feuchtwäldern in Form von feuchten Eichen-Hainbuchenwälder, teilweise auch Auwäldern. Der hinsichtlich des Vorkommens von Zielarten herau sragende Waldbereich befindet sich südlich vom Einsiedel in der oberen Sülzbachaue zwischen dem Hinterhecksweg und der Grenze zu Messel. In jenem Wald kommen 24 Z ielarten (und drei Klimawan- delzeiger) vor, fast ausschließlich an Stiel-Eiche ( Quercus robur ) und Hainbuche ( Car- pinus betulus ), sowie auf stehendem und liegendem Totholz. Hervorzuheben sind die folgenden Arten, die hier teilweise ihren einzigen bekannten Wuchsort in Darmstadt oder sogar in Hessen haben. Flechtenartenschutz in Darmstadt Büro für Vegetationskunde & Lichenologie, Darmstadt – 2021 53 Arthonia byssacea (Feinfaserige Fleckflechte) Bacidia friesiana (Holunder-Stäbchenflechte) – einziger Wuchsort in Hessen Bacidia subincompta (Einfache Stäbchenflechte) – einziger Wuchsort in Darm- stadt Calicium abietinum (Tannen-Kelchflechte) – ob noch vorhanden? Cladonia norvegica (Norwegische Becherflechte) – einziger Wuchsort in Hessen Cladonia parasitica (Eichen-Säulenflechte) Pertusaria pustulata (Pustelige Porenflechte) Sphinctrina turbinata (auf Pertusaria pertusa var. pertusa wachsender Pilz) Auch die übrigen reich mit Zielarten ausgestatteten Laubwälder stocken in bzw. am Rand von Auen oder an sonstigen Stellen mit (zumind est zeitweilig) hoch anstehen- dem Grundwasser: Ruthsenbachaue oberhalb vom Steinbrücker Teich Mörsbacher Grund – mehrere Teilflächen am Rande de r Aue Wald am Steinsnickelsweg oberhalb vom Brunnersweg (Teil des NSG „Scheft- heimer Wiesen") Wald an der Dörrwiesenschneise östlich der Rodwies e Die aufgeführten Waldbereiche sind nur eine Auswahl der für den Flechtenartenschutz in Darmstadts Wäldern bedeutsamen Waldareale im Ostwald. Weitere Waldbereiche, zumeist Eichen-Hainbuchenwälder, und ihre Ausstattung an Zielarten lassen sich der GIS-Darstellung entnehmen. Im Westwald ließ sich nur ein Bereich mit nennenswe rten Vorkommen von Zielarten identifizieren: Kiefernwald am Grenzweg („Kurfürstenschirm“) – Gre nze zu Pfungstadt Es handelt sich hierbei um einen Restbestand der fr üher im Südwesten Darmstadts weit verbreiteten lichten Sand-Kiefernwälder; bemer kenswert ist hier insbesondere das Vorkommen der charakteristischen Totholzart (vo r allem Holzstubben) Cladonia cenotea (Hakenförmige Säulenflechte), die in Hessen als „vo m Aussterben bedroht“ eingestuft ist. Eine Besonderheit der Darmstädter Wälder stellen alte oder bereits abgestorbene Ein- zelbäume im Wald dar. Insbesondere alte Eichen biet en mit ihrer tiefrissigen Borke speziell an diesen Wuchsort angepassten Flechtenarten einen Lebensraum. Viele die- ser sogenannten „Stecknadelflechten“ sind sehr seltene und gefährdete Arten, die zu- gleich als Zeigerarten für historisch alte Wälder g elten. Die insbesondere im Ostwald Flechtenartenschutz in Darmstadt Büro für Vegetationskunde & Lichenologie, Darmstadt – 2021 54 der Gemarkung noch vorkommenden, zum Teil über 300j ährigen Alteichen stellen ei- nen äußerst bemerkenswerten Flechtenlebensraum dar. Abb. 30: Erich-Holtzmann-Eiche im Darmstädter Ostwa ld Exemplarisch wurden zwölf dieser Altbäume, die als „Namensbäume“ bereits eine be- sondere Würdigung erfahren haben, aufgenommen und hinsichtlich des Vorkommens von Zielarten untersucht. Bernhard-Geissler-Eiche Dragonereichen Erich-Holtzmann-Eiche Fingereiche Heyer-Eiche Kaminsky-Eiche Klippstein-Eiche Liebig-Eiche Morneweg-Eiche Scheftheimer Eiche Theodor-Fuchs-Eiche von Gall-Eiche Flechtenartenschutz in Darmstadt Büro für Vegetationskunde & Lichenologie, Darmstadt – 2021 55 Von diesen erwies sich die am Rande einer Waldwiese stehende Scheftheimer Eiche mit acht Zielarten als der artenreichste Namensbaum , gefolgt von der Erich-Holtz- mann-Eiche mit sechs und der Heyer-Eiche sowie der Riedlinger Eiche mit jeweils fünf am Stamm wachsenden Zielarten. Am häufigsten fanden sich die für Eichen typischen Flechtenarten Calicium adspersum (Sitzende Kelchflechte) und Dendrographa deco- lorans (Verfärbte Spaltaugenflechte). Abb. 31: Riedlingereiche südlich vom Steinbrücker T eich Neben dem Reichtum an alten Bäumen und der langen n atürlichen Waldkontinuität sind Menge und Vielfalt an Totholz weitere wichtige Voraussetzungen für eine hohe Flechtenartenschutz in Darmstadt Büro für Vegetationskunde & Lichenologie, Darmstadt – 2021 56 Diversität an waldtypischen Flechtenarten. Von herausragender Bedeutung für Flech- ten ist das Vorhandensein von stark dimensioniertem, stehendem oder liegendem Tot- holz, wobei hier die Baumart keine so entscheidende Rolle spielt wie bei den lebenden Bäumen. Die meisten Flechten findet man jedoch auf Eichen-Totholz. Abb. 32: Chaenotheca furfuracea (Kleiige Stecknadel) in Borkenriss von altem Laubbaum Maßnahmenempfehlungen Wie die vorstehenden Ausführungen deutlich gemacht haben, kommt den Darmstädter Wäldern, insbesondere den Laubwäldern auf Standorte n mit höheren Grundwasser- ständen im Ostwald eine herausragende Bedeutung für den Flechtenartenschutz zu. Die Situation ist damit – zumindest im Hinblick auf die Gruppe der Flechten – deutlich Flechtenartenschutz in Darmstadt Büro für Vegetationskunde & Lichenologie, Darmstadt – 2021 57 besser als in vielen anderen Wäldern Südhessens. Zu rückzuführen ist dies vor allem auf das Vorhandensein zahlreicher alter Bäume (insbesondere mehrhundertjährige Ei- chen) und die standörtlichen Verhältnisse des Messe ler Hügellandes mit tonhaltigen, schlecht drainierten Böden, die die Ausbildung ausgedehnter, vielgestaltiger und öko- logisch sehr wertvoller Laubwälder begünstigte. Vordringliches Ziel muss es daher sein, diese (nicht nur) aus Sicht des Flechtenarten- schutzes überaus wertvollen Waldbestände mit hoher Boden- und Luftfeuchte zu er- halten. Hierbei kommt den vereinzelt eingestreuten überdurchschnittlich alten Wald- bäumen (insbesondere Eichen) eine herausragende Bed eutung zu. Für den Fortbe- stand bestimmter Zielarten wie den sogenannten „Ste cknadelflechten“ oder anderen auf alte Bäume angewiesenen Flechtenarten können bereits einzelne im Bestand vor- handene Altbäume eine wichtige Funktion haben. Aktuell existieren noch vergleichsweise viele alte Bäume in den Laubwäldern im Darmstädter Osten. Was sich zukünftig aber als Problem für die auf alte Bäume ange- wiesenen Flechtenarten (und andere Organismen) erwe isen dürfte ist die fehlende Kontinuität im Vorhandensein solcher auch als „Meth usalembäume 4“ bezeichneter Baumveteranen bzw. des von ihnen bereitgestellten Habitatangebots. Ein Teil der er- fassten alten (Namens)Bäume ist abgängig oder bereits abgestorben; in den kommen- den Jahrzehnten ist mit weiteren Abgängen zu rechnen. Mit dem Absterben eines alten Baumes erlischt aber auch dessen spezifische Flecht enflora. Zumindest einem Teil der Flechtenarten muss es vorher gelungen sein, ein en hinsichtlich Substrat- und Kleinklimabedingungen geeigneten „Ersatzbaum“ zu fi nden, was am ehesten gelingt, wenn ein entsprechender Baum in möglichst geringer Entfernung existiert. Dies ist be- sonders bei Flechtenarten mit Ausbreitungslimitierung von Bedeutung. Damit auch in Zukunft noch ausreichend viele Methus alembäume als Wuchsort be- stimmter Flechtenarten zur Verfügung stehen, müssen entsprechende Altbäume in möglichst großer Zahl bereits jetzt gesichert werde n (beispielsweise als Habitat- bäume). Hierbei reicht es nicht, nur den betreffenden Baum zu erhalten. Vielmehr be- darf es eines Lebensraumschutzes im Umfeld des zukünftigen Methusalembaums, um die spezifischen Standortbedingungen im Sinne einer Bestandeskontinuität zu bewah- ren. Als Mindestgrößen werden Flächen von 5.000 m² um die Altbäume vorgeschla- gen. Als Nebeneffekt dieser Maßnahme ergibt sich au ch eine Förderung alter Wald- bestände. 4 Als Methusalembäume werden Bäume ab einem Durchmesser von etwa 100 Zentimetern bezeichnet. Flechtenartenschutz in Darmstadt Büro für Vegetationskunde & Lichenologie, Darmstadt – 2021 58 Die meisten Wald-Zielarten haben einen höheren Ansp ruch an die Luftfeuchte ihrer Wuchsorte. Dem Erhalt eines ungestörten Waldinnenkl imas kommt daher aus Flech- tenschutzsicht eine wichtige Rolle zu. Daher sollte jede Freistellung (Kahlhieb) unter- bleiben, die ein Freiflächenklima erzeugt (Störung des Kleinklimas); das wären alle Hiebsflächen größer als ~ 1.000 m² – unabhängig von forstlichen Definitionen von „Kahlschlägen“. Abb. 33: Usnea dasopoga (Gewöhnliche Bartflechte) – eine gegenüber forstli chen Eingriffen und Eutrophierung empfindliche Art Flechtenartenschutz in Darmstadt Büro für Vegetationskunde & Lichenologie, Darmstadt – 2021 59 Viele der Waldzielarten, insbesondere die Altwaldarten, tolerieren nach WIRTH (2010) keine oder fast keine Eutrophierung („Staubbelastung“ bzw. Belastung mit organischen und anorganischen Stickstoffverbindungen) des Habit ats. Jegliche Form von Eutro- phierung ist daher zu vermeiden, auch auf Kompensat ionskalkungen sollte verzichtet werden. Durch den Kalkeintrag verändern sich die ökologischen Bedingungen in einer Weise und Intensität, der die meisten Flechtenarten nicht gewachsen sind. „In jedem Fall ist darauf zu achten, dass in ihrer bestehende n Ausprägung schutzwürdige Flä- chen innerhalb des Waldes von einer Kalkung unbedin gt auszunehmen sind“ (G ODT et al. 1988). Die Bedeutung von Totholz für spezialisierte Flecht enarten wie die „Stecknadelflech- ten“ ( Calicium , Chaenotheca ) wurde weiter oben dargelegt. Das Substrat (stehen des oder liegendes Totholz) steht aber nur für eine begrenzte Zeit zur Verfügung, verstärkt gilt dies für bestimmte Zersetzungsstadien des Holzes, auf die manche Flechtenarten angewiesen sind. Es gilt, möglichst viel Totholz vo r Ort zu belassen. Für die Flechten bedeutsam ist vor allem stark dimensioniertes Totho lz, das über lange Zeiträume im Bestand erhalten bleibt und alle Zersetzungsstadien durchläuft. Das seit einigen Jah- ren nach der Baumfällung praktizierte Belassen der Baumkronen im Bestand ist ohne Bedeutung für den Flechtenartenschutz. Die dünnen Äste und Zweige werden in relativ kurzer Zeit abgebaut und stehen daher nur für einen kurzen Zeitraum als Substrat zur Verfügung. Das Ziel einer Bestandeskontinuität und möglichst g eringen Störung kann am besten durch Einstellen der Nutzung einzelner Waldbestände erreicht werden. Ein Nutzungs- verzicht ist in solchen Waldbereichen angeraten, in denen Vorkommen sehr seltener bzw. stark gefährdeter Flechtenarten existieren; entsprechende Waldbestände wurden abgegrenzt. 5.8 Übersicht der Maßnahmen Im Folgenden werden die zum Erhalt und zur Förderung der Flechtenartendiversität in Darmstadt erforderlichen Maßnahmen stichpunktartig aufgelistet. Durch Einzelbäume charakterisierte Flechtenhabitate im Siedlungsbereich Erhalt der Stadt- und Parkbäume, insbesondere der Altbäume Abgängige Bäume so lange wie möglich als stehende Totbäume erhalten Ausgefallene Stadt- und Parkbäume ersetzen, Baumar ten mit basischer Borke bevorzugen Flechtenartenschutz in Darmstadt Büro für Vegetationskunde & Lichenologie, Darmstadt – 2021 60 Regelmäßige Aufastung der Stämme an Straßen und in Parkanlagen Vollflächige Sicherung von Baumstämmen nur bei kur zfristigen Baumaßnah- men, ansonsten Verwendung von lichtdurchlässigen Gittern o.ä. Keine Kalkung von Stämmen Möglichst geringe Versiegelung im Umfeld von Bäume n Minderung der Stickoxidbelastung Streuobstbestände Erhalt der Obstbäume, insbesondere Altbäume Kontinuierliches Nachpflanzen abgestorbener Obstbä ume Vielfalt an Obstsorten bewahren und fördern Hochstämme bevorzugen Kein Säubern von Obstbaumstämmen Keine Kalkung von Stämmen Magerrasen und Offenbodenbiotope Erhalt aller im Stadtgebiet vorkommenden Offenbode nhabitate Reduzierung der Einträge von Luftstickstoff Kein Eintrag von Nährstoffen bzw. organischem Mate rial Entfernen von vor Ort entstehendem organischem Mat erial wie Laub oder Grasschnitt Gelegentliche Störungen wie das Betreten der Fläch en sind erwünscht Neuansiedlung bodenbewohnender Flechten in den ND „Hickebick“ und „Stahlberge“ „Neuschaffung“ von Offenbodenbiotopen über Bessung er Kies Keine Verwendung von Mutterboden bei der Neuanlage n von öffentlichen Grünflächen Altes Mauerwerk Keine Beseitigung des Flechtenbewuchses Möglichst wenig Mauerfläche verputzen Abschnittsweise Vorgehensweise bei der Sanierung Belassen von offenen Mauerfugen und Aussparungen Ausgleich zwischen den Interessen von Denkmalschut z und Naturschutz Bevorzugung von Baumaterialien mit rauer Oberfläch e Flechtenartenschutz in Darmstadt Büro für Vegetationskunde & Lichenologie, Darmstadt – 2021 61 Natürliche Gesteinsformationen Erhalt der natürlichen Gesteinsformationen Wälder Erhalt naturnaher Waldbestände Erhalt und Sicherung überdurchschnittlich alter Wa ldbäume („Methusalem- bäume“) Sicherung der Kontinuität der Baumveteranen bzw. i hres Habitatangebots Lebensraumschutz im Umfeld der zukünftigen Methusa lembaums (mind. 5.000 m²) Keine Freistellung (Kahlhiebe) über 1.000 m² Vermeidung jeglicher Form von Eutrophierung Verzicht auf Kompensationskalkungen Belassen von stehendem und liegendem Totholz vor O rt Einstellen der Nutzung von Waldbeständen mit Vorko mmen sehr seltener bzw. stark gefährdeter Flechtenarten Flechtenartenschutz in Darmstadt Büro für Vegetationskunde & Lichenologie, Darmstadt – 2021 62 6 Monitoring und Langzeituntersuchungen Die in das städtische GIS-System eingepflegten Flec htendaten zu mehr als 300 für den Flechtenartenschutz bedeutsamen Lokalitäten in Darmstadt stellen auch eine gute Grundlage für die Beobachtung von Bestandsentwicklungen bei den Flechten dar. Um solche Veränderungen zu beobachten und zu dokumenti eren, wird vorgeschlagen, in Abständen von einigen Jahren exemplarisch einzelne Objekte und Flächen auszuwäh- len und im Hinblick auf das Vorkommen von Zielarten zu untersuchen. Aus dem Ver- gleich mit den aktuellen Daten lassen sich so Rückschlüsse auf mögliche Veränderun- gen der Standortbedingungen ziehen, die auch für an dere Organismengruppen von Bedeutung sein können. Ein solches Monitoring könnte Bestandteil eines im Maßnahmenprogramm „25 Schritte zur Biologischen Vielfalt in Darmstadt“ („25. Schri tt“) verankerten, noch aufzubauen- den Indikatorensystems zur Umweltbeobachtung und -bewertung sein. Flechtenartenschutz in Darmstadt Büro für Vegetationskunde & Lichenologie, Darmstadt – 2021 63 7 Literatur BEIERKUHNLEIN , C., DREWELLO , R., SNETHLAGE , R. & TÖPFER , L. (Hrsg.) (2011): Zwischen Denkmal- schutz und Naturschutz. Leitfaden zur naturverträglichen Instandhaltung von Mauerwerk in der Denkmalpflege. – Initiativen zum Umweltschutz 83: 1–189. BRACKEL , W. VON (2020): Ist Ex-situ-Vermehrung von Flechten möglich? Pilotversuch zur Etablie- rung der Bunten-Erdflechten-Gesellschaft auf Gipsbö den von Renaturierungsflächen. – Naturschutz und Landschaftsplanung 52(10): 472–479. CEZANNE , R. & EICHLER , M. (2015): Verbreitungsatlas der Flechten von Darmstadt. – BNH, Beiheft 13: 1–239. CEZANNE , R. & EICHLER , M. (2019): Judenbrunnen östlich von Darmstadt-Eberstadt – Kartierung bemer- kenswerter Flechtenarten, unveröffentlichtes Gutach ten im Auftrag des Umweltamtes der Stadt Darmstadt, 14 S. CEZANNE , R. & EICHLER , M. (2020): Entwicklungskonzept für das Naturdenkmal „Kraftsruhe“ in Darm- stadt-Bessungen, unveröffentlichtes Gutachten im Auftrag des Umweltamtes der Stadt Darmstadt, 26 S. CEZANNE , R. & EICHLER , M. 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Akadem ie der Wissenschaften (Hrsg.): Rundgespräche der Kommission für Ökologie 36: Ökolo gische Rolle der Flechten: 161– 182. FEUERER , T. & SCHULTZ , M. (2014): Standardliste der Flechten der Freien un d Hansestadt Ham- burg. – Ber. Botan. Ver. Hamburg 29: 1–56. GODT , J., GROßE -BRAUCKMANN , G., POPP , D. STEIN , J. & WIENHAUS , H. (1988): Naturnahe Entwick- lung der Wälder in Hessen- ein Leitfaden für die Be teiligung von Vertretern der Natur- schutzverbände an Forsteinrichtungsverfahren im Rahmen des § 29 Bundesnaturschutz- gesetz. Hrsg. von Botanische Vereinigung für Naturs chutz in Hessen (BVNH) und dem Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) Frankfurt/Main, 69 S. JOHN , V. & ZARABSKA , D. (2007): Die Flechten der Gemarkung Bad Dürkheim im Wandel der Zeit und ihrer Beziehung zu aktuellen Umweltthemen. – Mitt. Pollichia 93: 15–40. KIRSCHBAUM , U. & HANEWALD , K. 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VERORDNUNG ZUM SCHUTZ WILD LEBENDER TIER - UND PFLANZENARTEN vom 16. Februar 2005, zuletzt geändert 3. Oktober 2012, Bundesartenschutzverordnu ng – BArtSchV. – Bundesgesetz- blatt Jahrgang 2005 Teil I Nr. 11. WIRTH , V. (2002): Indikator Flechte - Naturschutz aus der Flechten-Perspektive. – Stuttgarter Bei- träge zur Naturkunde, Serie C, Heft 50: 1–89. WIRTH , V. (2010): Ökologische Zeigerwerte von Flechten – erweiterte und aktualisierte Fassung. – Herzogia 23 (2): 229–248. WIRTH , V., HAUCK , M., BRACKEL , W. VON , CEZANNE , R., DE BRYUN , U., DÜRHAMMER , O., EICHLER , M., GNÜCHTEL , A., JOHN , V., LITTERSKI , B., OTTE , V., SCHIEFELBEIN , U., SCHOLZ , P., SCHULTZ , M., STORDEUR , R., FEUERER , T. & HEINRICH , D. (2011): Rote Liste und Artenverzeichnis der Flechten und flechtenbewohnenden Pilze Deutschlands . – Naturschutz und Biologische Vielfalt 70 (6): 7–122. WIRTH , V., HAUCK , M., DE BRUYN , U., SCHIEFELBEIN , U., JOHN , V. & OTTE , V. (2009): Flechten aus Deutschland mit Verbreitungsschwerpunkt im Wald. – Herzogia 22: 79–107. WIRTH , V., HAUCK , M. & SCHULTZ , M. (2013): Die Flechten Deutschlands, 2 Bände, 1244 S., Stutt- gart. Flechtenartenschutz in Darmstadt Büro für Vegetationskunde & Lichenologie, Darmstadt – 2021 65 8 Artenlisten Erläuterungen der Abkürzungen und Symbole Wissenschaftlicher Artname – nach WIRTH et al. (2013) Deutscher Name – nach CEZANNE et al. (2016) RL D Rote Liste Deutschland – nach WIRTH et al. 2011 RL HE Rote Liste Hessen – nach SCHÖLLER 1996, CEZANNE et al. 2002 0 = ausgestorben oder verschollen V = Vorwarnliste 1 = vom Aussterben bedroht D = Daten unzureichend 2 = stark gefährdet 3 = gefährdet * = ungefährdet G = Gefährdung anzunehmen R = extrem selten # = nicht bewertet Schutz § = besonders geschützte Art nach § 1 BArtSchV (2012) Altwaldart – nach WIRTH et al. (2009) X = Starke Bindung an historisch alte Wälder (X) = Mäßige Bindung an historisch alte Wälder KWZ – Klimawandelzeiger nach VDI 3957 BLATT 20 (2017) Flechtenartenschutz in Darmstadt Büro für Vegetationskunde & Lichenologie, Darmstadt – 2021 66 8.1 Zielarten Wissenschaftlicher Artname Deutscher Name RL D RL HE Schutz Altwald- art KWZ Habitat Wuchsform Acarospora umbilicata Genabelte Kleinsporflechte D 3 Mauer Krustenflechte Acarospora versicolor Bunte Kleinsporflechte 2 3 Mauer Krustenflechte Agonimia flabelliformis Fächer-Tönnchenflechte # # Magerrasen Krustenflechte Alyxoria varia Variable Zeichenflechte V 3 Wald Krustenflechte Arthonia byssacea Feinfaserige Fleckflechte 2 1 X Wald Krustenflechte Arthonia calcarea Kalk-Fleckflechte 3 G Mauer Krustenflechte Arthonia ruana Gewöhnliche Fleckflechte G 3 KWZ Wald Krustenflechte Arthonia vinosa Weinrote Fleckflechte V 2 (X) Wald Krustenflechte Bacidia friesiana Holunder-Stäbchenflechte 1 0* Wald Krustenflechte Bacidia subincompta Einfache Stäbchenflechte 2 1 ( X) Wald Krustenflechte Biatora veteranorum Veteranen-Stäbchenflechte R # X Wald Krustenflechte Calicium abietinum Tannen-Kelchflechte 1 R Wald Krustenflechte Calicium adspersum Sitzende Kelchflechte 2 3 X Wald Krustenflechte Calicium salicinum Weiden-Kelchflechte 3 2 Wald Krustenflechte Caloplaca cerina Wachs-Schönfleck 2 1 Einzelbaum Krustenflechte Caloplaca lucifuga Lichtscheuer Schönfleck 3 1 (X) Wald Krustenflechte Caloplaca raesaenenii Räsänens Schönfleck 1 # Magerrasen Krustenflechte Caloplaca stillicidiorum Moos-Schönfleck 2 R Magerrasen Krustenflechte Cerothallina luteoalba Weißgelber Schönfleck 1 0 Mauer Krustenflechte Cetraria aculeata Stachel-Hornflechte 3 2 § Magerrasen Strauchflechte Chaenotheca brunneola Bräunliche Stecknadelflechte 3 1 Wald Krustenflechte Chaenotheca chlorella Grüngelbe Stecknadelflechte 2 0* X Wald Krustenflechte Chaenotheca chrysocephala Goldgelbe Stecknadel V 3 Wald Krustenflechte Chaenotheca furfuracea Kleiige Stecknadel V 3 (X) Wald Krustenflechte Chaenotheca stemonea Fädige Stecknadel 3 1 (X) Wa ld Krustenflechte Chaenothecopsis pusilla Nicht lichenisierter Pilz 3 1 Wald Pilz Cladonia cariosa Gitter-Becherflechte 2 2 Magerrasen Strauchflechte Cladonia cenotea Hakenförmige Säulenflechte 3 1 Wald Strauchflechte Cladonia floerkeana Flörkes Scharlachflechte 3 * Wald Strauchflechte Flechtenartenschutz in Darmstadt Büro für Vegetationskunde & Lichenologie, Darmstadt – 2021 67 Wissenschaftlicher Artname Deutscher Name RL D RL HE Schutz Altwald- art KWZ Habitat Wuchsform Cladonia foliacea Blättrige Becherflechte 3 2 Magerrasen Strauchflechte Cladonia norvegica Norwegische Becherflechte R # X Wald Strauchflechte Cladonia parasitica Eichen-Säulenflechte 2 1 X Wa ld Strauchflechte Cladonia rangiformis Falsche Rentierflechte 3 * Magerrasen Strauchflechte Cladonia scabriuscula Raue Säulenflechte 3 G Magerrasen Strauchflechte Cladonia subrangiformis Dunkle Gabel-Säulenflechte 3 3 Magerrasen Strauchflechte Cladonia symphycarpa Kalk-Becherflechte 3 3 Magerrasen Strauchflechte Dendrographa decolorans Verfärbte Spaltaugenflechte 3 1 X KWZ Wald Krustenflechte Diploicia canescens Weißgraue Scheibenflechte V 3 KWZ Einzelbaum Krustenflechte Diploschistes muscorum Moos-Krugflechte 3 3 Magerrasen Krustenflechte Fuscidea lightfootii Ast-Braunnapfflechte 2 0* KWZ Wald Krustenflechte Gyalecta fagicola Buchen-Grubenflechte 2 1 X Einzelbaum Krustenflechte Gyalolechia flavovirescens Gelbgrüner Schönfleck 3 3 Mauer Krustenflechte Haematomma porphyrium Hellgraues Blutauge 3 * Wa ld Krustenflechte Hypotrachyna revoluta Eingerollte Grauschüsselflech te 1 2 § KWZ Einzelbaum Blattflechte Lecanora horiza Dunkle Kuchenflechte 3 # Einzelbaum Krustenflechte Lecanora intumescens Geschwollene Kuchenflechte 3 2 Wald Krustenflechte Lecanora pannonica Pannonische Kuchenflechte 3 D Mauer Krustenflechte Lecanora subcarpinea Hain-Kuchenflechte 2 2 Einzelbaum Krustenflechte Lecidea albocaerulescens Weißgraue Schwarznapfflech te 2 2 X Felsen Krustenflechte Lecidea nylanderi Nylanders Schwarznapfflechte 1 0 Wald Blattflechte Lempholemma polyanthes Vielfrüchtige Schleimflechte 3 R Mauer Krustenflechte Leptogium plicatile Faltige Gallertflechte 3 3 Mauer Krustenflechte Leptogium schraderi Schraders Gallertflechte 3 G Magerrasen Krustenflechte Leptogium subtile Zarte Gallertflechte 2 0* Magerrasen Krustenflechte Melanelixia subargentifera Bereifte Schüsselflechte 3 2 § Einzelbaum Blattflechte Micarea melaena Schwarze Krümelflechte 3 G Wald Krustenflechte Microcalicium ahlneri Nicht lichenisierter Pilz G # Wald Pilz Microcalicium disseminatum Nicht lichenisierter Pilz 3 1 X Wald Pilz Normandina pulchella Schönes Muschelschüppchen * 2 Einzelbaum Krustenflechte Ochrolechia androgyna Zwittrige Bleiflechte 3 * Wald Krustenflechte Ochrolechia arborea Baum-Bleiflechte 3 1 Einzelbaum Krustenflechte Flechtenartenschutz in Darmstadt Büro für Vegetationskunde & Lichenologie, Darmstadt – 2021 68 Wissenschaftlicher Artname Deutscher Name RL D RL HE Schutz Altwald- art KWZ Habitat Wuchsform Opegrapha demutata Weißfrüchtige Zeichenflechte R # Mauer Krustenflechte Opegrapha niveoatra Schwarzweiße Zeichenflechte 3 3 Wald Krustenflechte Opegrapha vermicellifera Wurmförmige Zeichenflechte V 3 KWZ Wald Krustenflechte Oxneria huculica Trug-Gelbflechte 3 2 Einzelbaum Blattflechte Parmelia submontana Verdrehte Schüsselflechte 3 * § KWZ Einzelbaum Blattflechte Parmelina pastillifera Kügelchen-Schüsselflechte 3 2 § Einzelbaum Blattflechte Parmelina tiliacea Linden-Schüsselflechte * 3 § Einzelbaum Blattflechte Parmotrema perlatum Breitlappige Schüsselflechte V 1 § KWZ Einzelbaum Blattflechte Peltigera horizontalis Flache Schildflechte 3 2 X Magerrasen Blattflechte Peltigera neckeri Neckers Schildflechte 3 3 Mage rrasen Blattflechte Peltigera polydactylon Vielfingerige Schildflechte 3 3 Magerrasen Blattflechte Peltigera ponojensis Verwechselte Schildflechte 2 G Magerrasen Blattflechte Peltigera rufescens Rotbraune Schildflechte 3 3 Magerrasen Blattflechte Pertusaria coccodes Kugelkopfige Porenflechte V 3 Wald Krustenflechte Pertusaria coronata Kranz-Porenflechte 3 2 Wald Krustenflechte Pertusaria flavida Gelbliche Porenflechte V 2 (X) Wald Krustenflechte Pertusaria hymenea Häutige Porenflechte 2 1 X KWZ Wald Krustenflechte Pertusaria pertusa var. pertusa Gewöhnliche Porenfl echte V 3 Wald Krustenflechte Pertusaria pustulata Pustelige Porenflechte 2 1 Wald Krustenflechte Phaeophyscia endophoenicea Rotmarkige Schwielenflec hte V 2 Einzelbaum Krustenflechte Physcia dimidiata Geteilte Schwielenflechte 2 3 Einzelbaum Blattflechte Physconia distorta Bereifte Schwielenflechte 3 1 Einzelbaum Blattflechte Physconia enteroxantha Gelbmarkige Schwielenflechte V 3 Einzelbaum Blattflechte Physconia perisidiosa Violette Schwielenflechte V 3 Einzelbaum Blattflechte Placidium squamulosum Schuppige Lederflechte 3 1 Magerrasen Krustenflechte Placynthiella oligotropha Heide-Schwarznapfflechte V 3 Magerrasen Krustenflechte Pleurosticta acetabulum Essigflechte V 3 § Einzelbaum Blattflechte Pyrenula nitida Große Pickelflechte V 3 (X) KWZ Wa ld Krustenflechte Ramalina europaea Europäische Astflechte # # § Mauer Strauchflechte Ramalina farinacea Mehlige Astflechte * 3 § Einzelbaum Strauchflechte Ramalina fastigiata Buschige Astflechte 2 1 § Einzelbaum Strauchflechte Ramalina fraxinea Eschenflechte 2 1 § Einzelbaum Strauchflechte Flechtenartenschutz in Darmstadt Büro für Vegetationskunde & Lichenologie, Darmstadt – 2021 69 Wissenschaftlicher Artname Deutscher Name RL D RL HE Schutz Altwald- art KWZ Habitat Wuchsform Rinodina exigua Kleine Braunsporflechte 2 2 Einzelbaum Krustenflechte Sarcogyne privigna Verwandte Weichfruchtflechte 3 3 Mauer Krustenflechte Sarcosagium campestre Feld-Fleischfruchtflechte 2 R Magerrasen Krustenflechte Sclerophora peronella Helle Staubkopfflechte 1 # X Wald Krustenflechte Sphinctrina turbinata Flechtenbewohnender Pilz 1 1 X Wald Pilz Thelopsis rubella Rötliche Goldzitzenflechte 1 neu X Wald Krustenflechte Toninia aromatica Wohlriechende Blasenkruste 3 3 Mauer Krustenflechte Usnea dasopoga Gewöhnliche Bartflechte 3 2 § Einzelbaum Strauchflechte Usnea substerilis Verbogene Bartflechte G # § Einzelbaum Strauchflechte Varicellaria hemisphaerica Halbkugelige Porenflecht e V 2 (X) Wald Krustenflechte 8.2 Ausgewählte Klimawandelzeiger Wissenschaftlicher Artname Deutscher Name RL D RL HE Schutz Altwald- art KWZ Habitat Wuchsform Flavoparmelia caperata Caperatflechte * 3 § KWZ Einzelbaum Blattflechte Flavoparmelia soredians Feinmehlige Schüsselflechte * R § KWZ Einzelbaum Blattflechte Hypotrachyna afrorevoluta Afrikanische Schüsselflec hte * # § KWZ Einzelbaum Blattflechte Melanohalea elegantula Zierliche Braunschüsselflech te * * § KWZ Einzelbaum Blattflechte Punctelia borreri Borrers Schüsselflechte * # § KWZ Einzelbaum Blattflechte Punctelia jeckeri Krausblättrige Schüsselflechte * * § KWZ Einzelbaum Blattflechte Punctelia subrudecta Punktierte Schüsselflechte * * § KWZ Einzelbaum Blattflechte
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Flechten in Darmstadt Herausgeberin | Kontakt Wissenschaftsstadt Darmstadt Umweltamt Bessunger Straße 125 64295 Darmstadt Telefon (0 61 51) 13-3280 Telefax (0 61 51) 13-3287 E-Mail umweltamt@darmstadt.de Internet www.darmstadt.de Fotonachweis: Rainer Cezanne und Marion Eichler Weiterführende Informationen: Wirth, V. & Kirschbaum, U. (2017): Flechten einfach bestimmen. Ein zuverlässiger Führer zu den häufigs- ten Arten Mitteleuropas. – Quelle & Meyer, Wiebels- heim, 416 S., ISBN 978-3-494-01644-3 Wie können Flechten gefördert werden? Zum Erhalt und zur Förderung der Flechtenarten- diversität in Darmstadt können folgende Maßnah- men beitragen: • Erhaltung und Nachpflanzung von Bäumen im Stadtgebiet. • Keine Kalkung von Stämmen (außer Jungstadium) • Möglichst geringe Versiegelung im Umfeld von Bäumen. • Minderung der Stickoxidbelastung. • Förderung des Streuobstanbaus. • Bewahrung und Förderung der Vielfalt an Obstsor- ten. • Kein Säubern von Obstbaumstämmen. • Erhalt aller im Stadtgebiet vorkommenden Offen- bodenbiotope (z.B. Sandmagerrasen). • Kein Eintrag von Nährstoffen bzw. organischem Material in Magerrasen. • Keine Verwendung von Mutterboden auf mageren Standorten bei der Neuanlagen von öffentlichen Grünflächen (Ausnahmen: Gehölzpflanzungen, In- tensivrasenflächen z.B. für Ballspiel etc., thema- tisch belegte Stauden- und Sommerflorbereichen z.B. in historischen Gärten). • Keine Beseitigung von Flechten an Mauern. • Belassen offener Mauerfugen und Aussparungen • Bevorzugung von Baumaterialien mit rauer Ober- fläche. • Erhalt natürlicher Gesteinsformationen. • Sicherung und Entwicklung naturnaher Waldbe- stände. • Erhalt und Sicherung überdurchschnittlich alter Waldbäume („Methusalembäume“). • Verzicht auf Kompensationskalkungen. • Belassen von stehendem und liegendem Totholz • Einstellen der Nutzung von Waldbeständen mit Vorkommen sehr seltener bzw. stark gefährdeter Flechtenarten. 09.16 Was sind Flechten? Flechten sind eine sensible Gemeinschaft, in der ein Pilz und eine Alge und/oder ein Cyanobakterium („Blaualge“) miteinander leben (Symbiose). Das ökologische Gleichgewicht in der Symbiose ermög- licht den Flechten die Besiedelung extremer Stand- orte, macht sie aber gleichzeitig auch sehr empfind- lich gegenüber Veränderungen der Umweltbedin- gungen oder Luftschadstoffe. Dementsprechend werden Flechten auch als Bioindikatoren zur Um- weltbeobachtung und -bewertung genutzt. Soge- nannte Altwaldarten weisen auf naturnah e, historisch alte Wälder mit hohem Anteil an alten Bäumen hin. Wie sehen Flechten aus? Nach der Wuchsform unterscheidet man Blatt-, Strauch- und Krustenflechten. Durch flechtenspezifi- sche Inhaltsstoffe sind sie unterschiedlich gefärbt. In feuchtem Zustand erscheinen viele Flechtenarten grün, weil die Algenanteile durchscheinen. Wo wachsen Flechten? Flechten können nahezu überall wachsen, z.B. auf Boden, Felsen, Kunstgesteinen oder an Borken, auf Holz und selbst an Kunststoffen und Metall . Flechten vermögen längere Trockenperiode unbeschadet zu überstehen, was sie befähigt, auch extreme Lebens- räume zu besiedeln. Die meisten Flechten wachsen langsam, weswegen z.B. bodenbewohnende Flechte n nur eine geringe Konkurrenzkraft gegenüber Pflan- zen haben. Sie können sich vor allem auf nährstoff- armen Standorten behaupten, wo die Konkurrenz durch Moose und Blütenpflanzen reduziert ist. Flechtenvielfalt in Darmstadt Aktuell kommen in Darmstadt mehr als 400 Flechtenar- ten vor. Gut ein Drittel der Arten gilt nach den Roten Listen in ihrem Bestand als mehr oder minder stark gefährdet. Einige Flechtenarten haben in Darmstadt ihren einzigen bekannten hessischen Wuchsort. Wuchsorte von Flechten in Darmstadt Fast alle Substrate wie z.B. Rinde, Holz, Erde oder Gestein werden von Flechten besiedelt. Grundsätzlich ist deren Vielfalt, also die Flechtenartendiversität, umso höher, je älter, ungestörter und nährstoffärmer ein Wuchsort ist. In folgenden Lebensräumen sind Flechten ein wichtiger Bestandteil der biologischen Vielfalt in Darmstadt: Einzelbäume Baumreihen und Alleen Parks, Grünanlagen Streuobst Mager- und Sandrasen Altes Mauerwerk Felsen Naturnahe Laubwälder Sind Flechten schädlich? Viele Menschen haben die Befürchtung, dass Flechten schädlich für Bäume oder Bauwerke sind. Diese Sorge ist aber nicht begründet. Blatt- und Strauchflechten sitzen der Rinde oder dem Gestein nur oberflächlich auf und sind lediglich durch feinste Pilzhyphen angeheftet. Krustenflechten sind dagegen mit der Unterlage flächig verwachsen und werden somit zu einem Bestandteil der Rinde oder des Gesteins. Auf Gestein bilden die Flechten sogar eine schüt- zende Kruste, durch die die Gesteine wie durch eine Haut geschützt werden. Die Entfernung der Flechten verursacht sogar eine Abtragung der oberflächlichen Gesteinspartien. Ein dauerhafter Erfolg ist durch solche Maßnahmen nicht zu errei- chen – die Flechten kehren bald wieder. Das Kalken von Stämmen als Schutz vor Schädlin- gen und Sonnenbrand der Borke sollte aus Flech- tenschutzgründen unterbleiben. Diese Maßnahme vernichtet nicht nur den (Moos- und) Flechtenbe- wuchs, sondern schädigt auch zahlreiche Nützlin- ge, die unter den Flechtenlagern leben. Ein artenrei cher Flechtenbewuchs ist grundsätzlich ein gutes Zeichen für die Luftqualität; Flechten bereichern durch ihre Farben und Formen unsere Umwelt. Wir sollten sie nicht bekämpfen, sondern uns an ihnen erfreuen.
2021/0304
4161 Zeichen
Magistratsvorlage
Eingang Magistrats -
geschäftsstelle:
21.12.2021
an den Magistrat
zur Kenntnis
zur Beschlussfassung
Beteiligt vor
Magistratsbeschlussfassung:
Dezernat III an die Stadtverordnetenversammlung
OBW zur Befassung
zur Kenntnis
zur Beschlussfassung
zur abschließenden Beschluss -
fassung Fachausschuss
Amt: Umweltamt
OBW bei abschl. B e-
schlussfassung Magistrat
Behandlung in
öffentl. Sitzung
Ja
Nein
Verteiler:
Ja
Nein
Vorlage-Nr. 2021/0304
Magistratsbeschluss -Nr.
Internetfähig
Produkt-Nr.: 554010
Kostenstelle: 056-010-1000 Investitionsnummer:
Kostenträger: 5540-11 Sachkonto: 6861000
Betreff: Vorlage eines Flechtenschutzkonzeptes
Vorlage vom: 13.12.2021
Beschlussvorschlag :
Der Magistrat nimmt das Flechtenschutzkonzept zur Kenntnis.
Anlagen: Anlage_ Flechtenschutzkonzept
Anlage Flyer Flechten
Datenschutzrelevante Anlage:
Folgekosten: Ja Nein
- 2 -
Beschluss des Magistrats vom
- 3 -
Begründung zur Magistratsvorlage 2021/0304 vom 13.12.2021
Mit dem Beschluss 2014/0014 hat die Wissenschaftsstadt Darmstadt die „25 Schritte zur
Förderung der biologischen Vielfalt“ verstetigt. Seitdem wird kontinuierlich an deren Umse t-
zung gearbeitet. Das Handlungsfeld 2.2.2 Arten - und Biotopschutz sieht die Erhebung von
Grundlagendaten vor. U.a. wurde bereits seinerzeit auf bereits vorhandene hochwertige
Grundlagendaten hingewiesen.
Der Bestand von Flechten und auch deren Entwicklung im Verlauf der vergangenen Jahre ist
für Darmstadt bestens bekannt - vor allem durch die ehrenamtliche Tätigkeit der Biolog*innen
Marion Eichler und Rainer Cezanne. Um dieses Wissen, aber auch um die Fl echtenflora für
die Wissenschaftsstadt Darmstadt dauerhaft zu erhalten und weiterzuentwickeln ist ein
„Flechtenschutzkonzept“ zielführend.
Die Leistungen wurden gemäß gültigen Vergabevorsc hriften ausgeschrieben. In den J ahren
2019 und 2020 erfolgte die E rarbeitung. Am 6. Mai 2021 wurde das endgültige Konzept in
Berichtsform dem Umweltamt der Wissenschaftsstadt Darmstadt übergeben (vgl. Anlage 1).
Parallel wurden sämtliche Daten zu besonderen und geschützten Flechtenarten in das städt i-
sche Geoinformations -System als Themenkarte mit Fotos und umfangreichen Beschreibu n-
gen eingepfleg t. Alle städtischen Mitarbeiter: innen, die z. B. an Planungen von Bauvorhaben,
Sanierungen oder Baumfällungen und Grünpflegearbeiten beteiligt sind, können sich vorab
informieren, inwieweit ggf. Artenschutzbelange zu berücksichtigen sind. Von dem Schutz
dieser Arten profitieren u.U. auch andere Tier - und Pflanzenarten sowie ggf. wertvolle Biot o-
pe. Weiterhin ist ein Flyer ent worfen worden, der sowohl stadti ntern aber auch die Öffent lich-
keit zu dieser besonderen Organismengruppe informieren soll (vgl. Anlage 2).
Je eine Exkursion zu ausgewählten Standorten finden sowohl für die Öffentlichkeit als auch
für die relevanten Ämter der Stadtverwaltung im Rahmen der Beauftragung statt.
In einem Abstand von fünf bis sieben Jahren ist ein Monitoring geplant. Weiterhin ist geplant,
dass diese Daten auch durch die Öffentlichkeit eingesehen werden können, sobald die Daten
des städtischen Geoinformationssystem in einem für Bürger*innen zugängli chen Geoportal
zur Verfügung stehen. Da es sich um statische Daten handelt, sind diese Grundlagen nicht
geeignet für die Datenplattform der Digitalstadt.
Die Kosten für die Erstellung des Flechtenschutzkonzeptes betrugen 18.718 Euro und sta n-
den im Rahmen des Gesamtbudgets „Förderung der Biologischen Vielfalt“ im Umweltamt
unter der Kostenstelle 056-010-1000 zur Verfügung. Kosten in Höhe von ca. 500 Euro en t-
stehen für den Druck des Flyers, die unter der o.g. Kostenstelle zur Verfügung stehen. Es
entstehen ansonsten im Rahmen des „Flechtenschutzkonzeptes keine weiteren direkten Fol-
gekosten. Zu Kosten die bei der Durchführung der Maßnahmen durch verantwortliche Ämter
entstehen wird mit gesonderter Beschlussvorlage informiert.
Dezernat III
Michael Kolmer
Stadtrat
Beratungsverlauf (1)
Orte (18)
- Bessunger Straße 125
- Dieburger Straße
- Mühltalstraße
- Meißnerweg
- Lichtwiesenweg 5
- Viehweg
- Groß-Gerauer Weg
- Seitersweg
- Hinterhecksweg
- Steinsnickelsweg
- Brunnersweg
- Grenzweg
- Am Erlenberg
- Auf der Marienhöhe
- Dörrwiesenschneise
- Hammelstrift
- Bornschneise
- Heuweg
Ortsbezüge werden automatisch aus den Dokumenten ermittelt und können unvollständig sein.
Details
- Vorlagen-Nr.
- 2021/0304
- Typ
- Magistratsvorlage
- Datum
- 13.12.2021
- Erstellt
- 29.09.2026 00:00