2020/0249
Leitlinien zur Förderung der geschlechterreflektierten Jungen*arbeit in der Kinder- und Jugendhilfe
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‚Jungen werden nicht als
Jungen geboren, sondern zu
Jungen gemacht!‘
(in Anlehnung an Simone de Beauvoir, 1949)
Leitlinien zur geschlechterreflektierten Jungen*arbeit in der
Wissenschaftsstadt Darmstadt und im Landkreis Darmstadt-Dieburg
2
Leitlinien zur geschlechterreflektierten Jungen*arbeit
im Landkreis Darmstadt-Dieburg
und der Wissenschaftsstadt Darmstadt
Grußworte der Jugend- und Sozialdezernentinnen
1. Vorwort
2. Die Arbeitsgemeinschaft Jungenarbeit in der Wissenschaftsstadt
Darmstadt und dem Landkreis Darmstadt-Dieburg
3. Ausgangslage
3.1 Gesellschaftlicher Hintergrund
3.2 Lebenswelten von Jungen*
3.3 Rechtliche Bezüge
3.3.1 Europäische Union
3.3.2 Bundesrepublik Deutschland
3.3.3 Bundesland Hessen
3.3.4 Lokale Ebene
4. Was ist geschlechterreflektierte Jungen*arbeit?
5. Ziele der geschlechterreflektierten Jungenarbeit
5.1 Zielgruppen
5.2 Ziele auf der Ebene der Jungen
6. Qualitätsmerkmale
6.1 Selbstverständnis der Jungenarbeit – Was macht die pädagogische Arbeit
mit Jungen zur geschlechterreflektierten Jungen*arbeit?
6.2 Zur Rolle der Fachkraft als männliches Orientierungsmodell – eine Frage
der Haltung!
6.3 Fachliche Standards von geschlechterreflektierter Jungen*arbeit
6.4 Fachkräftequalifikation
7. Methodeneinsatz
3
8. Kooperation & Vernetzung
8.1 Kooperation mit der Mädchenarbeit
8.2 Mädchen- und Jungenarbeit in der Stadt Darmstadt und im Landkreis
Darmstadt-Dieburg
8.3. Überregionale Vernetzung
9. Evaluation der geschlechterreflektierten Jungen*arbeit
10. Ausblick
Anhang 1:
Literatur
Anhang 2:
Definition und Erklärung der Fachbegriffe
Anhang 3:
Übersicht der AGJ-Mitglieder
4
Leitlinien zur geschlechterreflektierten Jungen*arbeit
in der Wissenschaftsstadt Darmstadt
und im Landkreis Darmstadt-Dieburg
Die vorliegenden Leitlinien zur geschlechterreflektierten Jungen*arbeit sind das Ergebnis aus
mehreren Jahren Geschlechterdiskurs, des gemeinsamen Austausches von Fachkr äften in
der Jungen *arbeit sowie der Dialoge zwischen Hauptberuflichen der Mädchen *- und
Jungen*arbeit in der Wissenschaftsstadt Darmstadt und dem Landkreis Darmstadt-Dieburg.
Eingeflossen sind ebenso Erfahrungen von Kindern und Jugendlichen unterschiedlichster
Geschlechter, Gespräche mit Eltern, mit Lehrer*innen und weiteren Akteur*innen sowohl in
formalen als auch non-formalen Bildungskontexten.
Diese Leitlinien stellen eine Weiterentwicklung bisheriger Konzeptentwürfe der
Arbeitsgemeinschaft Jungenarbeit (AGJ) dar. Gemeinsam ist diesen bereits vorliegenden
Entwürfen, dass sie auf der Grundlage binär wahrgenommener Geschlechtlichkeit
argumentieren. Hier ist sowohl die gegenwärtige Genderdebatte von Diversity of Gender
and Sex aufgenommen als auch feministische Forderungen, die teilweise noch aus den 70er
Jahren des letzten Jahrhunderts stammen, jedoch nichts an Brisanz verloren haben. Darüber
hinaus sind auch die Einflüsse aktueller gesellschaftlicher Debatten wie beispielsweise
#metoo zu spüren.
Grundlegend für diese Leitlinien ist die Auffassung, dass idealisierte Männlichkeitsbilder auf
den Prüfstand gehör en. Dies findet auch seinen Ausdruck in der AG Jungenarbeit der
Wissenschaftsstadt Darmstadt und des Landkreises Darmstadt-Dieburg. Bereits 1996 wurden
vom damaligen Arbeitskreis Jungen Darmstadt „Leitlinien zur Förderung der Jungenarbeit in
der Kinder - und Jugendhilfe“ entwickelt. Es ging darum, prägende identitätsbildende
Momente in der Jungenarbeit zu schaffen und gleichzeitig Artikel 3 des Grundgesetzes
umzusetzen. Später kam die Verbindung mit der Europäischen Charta für die Gleichstellung
von Frauen und Männern auf lokaler Ebene und auch die Charta für Vielfalt hinzu. Seit vielen
Jahren gibt es darüber einen regelmäßigen Austausch zwi schen Mädchen *- und
Jungen*arbeit in der Fachgruppe Gender.
Ziel dieser Leitlinien ist es, ein verantwortungsvolles Bewusstsein junger Menschen im Blick
auf geschlechtliche Identität und sexuelle Orientierung zu unterstützen. Vor dem
Hintergrund einer ges ellschaftlichen ‚Rollback -Bewegung‘ und einem Erstarken des
Rechtspopulismus stellt dies eine der entscheidenden politischen Herausforderungen dar.
Die hier dargestellten Ansätze verstehen sic h als inklusiv und nachhaltig und können zur
Befreiung aus den Zwängen tradie rter Geschlechtlichkeit beitragen. Sie können als
Orientierungshilfe zu einer mod ernen Jugendhilfepolitik verstanden werden mit ihren
schutzpolitischen, befähigungspolitischen, teilhabepolitischen und gerechtigkeitspolitischen
Aspekten. Damit sind sie auch ein Beitrag zur Demokratiebildung junger Menschen.
5
Wir möchten uns bei allen Akteur*innen, die bei der Erstellung dieser Leitlinien mitgewirkt
haben bedanken, insbesondere der AG Jungenarbeit und der Redaktionsgruppe für die
fachlichen und praxisbezogenen Impulse.
Danke auch an die Autorengruppe der Bremer Leitlinien Jungenarbeit, die mit ihren
Leitlinien eine wichtige Inspiration für die Erstellung der hier vorgelegten Ausarbeitung
waren.
Barbara Akdeniz Rosemarie Lück
Sozialdezernentin Jugend- und Sozialdezernentin des
der Wissenschaftsstadt Darmstadt Landkreises Darmstadt-Dieburg
Mai 2020
6
Vorwort
Die Arbeitsgemeinschaft Jungenarbeit (AGJ) 1 der Wissenschaftsstadt Darmstadt und des
Landkreises Darmstadt -Dieburg entwickelte n die vorliegenden Leitlinien zur
geschlechterreflektierten Jungen *arbeit2 in einem g emeinschaftlichen Prozess , um eine
Basis für verbindliche Standards für geschlechterreflektierte Jungen*arbeit in der Jugendhilfe
und Jugendverbandsarbeit zu schaffen. Die Leitlinien zur geschlechterreflektierten
Jungen*arbeit richten sich an alle Personen und Personengruppen, die mit Jungen* arbeiten.
Sie bieten fachliche Unterstützung und Orientierung zur Umsetzung
geschlechterreflektierter Jungen*arbeit, zum Beispiel in Kindertagesstätten, in der offenen
Kinder- und Jugendarbeit, der außerschulischen Jugendbildung, in Schulen, Kirchen und
Vereinen. Die AGJ führt in diesen Leitlinien praktische Erfahrungswerte, fachliche Standards
und wissenschaftliche Erkenntnisse zusammen, mit dem Ziel, diese verbindlich in der
qualitativen, sozialräumlichen und regionalen Jungenarbeit zu verankern.
Die Leitlinien zur geschlechterreflektierten Jungen*arbeit basieren auf der Grundlage
gesetzlicher Aufträge für die Kinder- und Jugendhilfe sowie fachlicher Anforderungen an die
Kinder- und Jugendhilfe im Hinblick auf Gleichstellung, Gleichberechti gung und
Gleichwertigkeit von Frauen* und Männern*.
Die vorliegenden Leitlinien sowie die Begleittexte wurden vo n einer Redaktionsgruppe der
AGJ ers tellt. Diese Gruppe besteht aus Gernot Bach -Leucht (Landesjugendpfarrer der
Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau), Jan Reiners (Genderpädagogischer Fortbildner,
Darmstadt), Frank Schrödel (Dipl. Sozial arbeiter, Kinder- und Jugendförderung Pfungstadt )
und Lars Richter (Jugendbildungsreferent im Jugendbildungswerk des Landkreises
Darmstadt-Dieburg). Die Leitlinien wurden im Auftrag und in enger Kommunikation mit der
AGJ entwickelt und mit den Mädchenarbeitskreisen der Wissenschaftsstadt Darmstadt
(MAK) und des Landkreises Darmstadt -Dieburg (AKPM) abgestimmt. Am inhaltlichen
Austausch und der Entwicklung war auch die Fachstelle Jungenarbeit in Hessen (Fokus Jungs)
beteiligt.
Wir verwenden das Zeichen * ( Gendersternchen), um auf die Konstruk tion de r Begriffe
„Junge“ und „Mädchen“ sowie „Mann“ und „ Frau“ hinzuweisen. Damit verdeutlichen wir,
dass wir diese Begriffe nicht als biologische, sondern sozial konstruierte Kategorie innerhalb
eines hierarchischen Geschlechterverhältnisses interpretieren. Wenn wir zum Beispiel von
„Junge*“ sprechen, meinen wir damit alle Menschen, die sich selbst als Junge *
wahrnehmen. Das Gendersternchen weist ferner darauf hin, dass es keine determinierte
Form von Junge* oder Mädchen* gibt, sondern jedes Individuum das Recht auf eine
selbstbestimmte Entwick lung einer geschlechtlichen Identität und sexuellen Orientierung
besitzt.
Zum besseren Verständnis der im Folgenden verwendeten Fachbegriffe werden diese im
Anhang 2 „Definition und Erklärungen von Begriffen“ erläutert.
1 Siehe Kapitel 2 „Die Arbeitsgemeinschaft Jungenarbeit in der Wissenschaftsstadt Darmstadt und dem
Landkreis Darmstadt-Dieburg“.
2 Siehe Anhang 2 „Definition und Erklärungen von Begriffen“
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2. Die Arbeitsgemeinschaft Jungenarbeit in der Wissenschaftsstadt
Darmstadt und dem Landkreis Darmstadt-Dieburg
Die Arbeitsgemeinschaft Jungenarbeit (AGJ) ist ein Gremium von Männern *3, die
vornehmlich im haupt - oder nebenberuflichen pädagogischen Kontext in der Kinder - und
Jugendarbeit innerhalb der Gebietskörperschaften der Stadt bzw. des Landkreises arbeiten.
Die Mitglieder der AGJ wirken in kirchlichen, verbandlichen, freien und kommunalen Kinder-
und Jugendeinrichtungen und Verantwortungsbereichen.
Die Aufgaben und Ziele der AGJ sind:
Die AGJ fördert Geschlechtergerechtigkeit.
Die AGJ nimmt Bedürfnisse von Jungen* wahr und vertritt deren Interessen.
Die AGJ gibt Orientierung und fachliche Unterstützung zu geschlechterreflektierter
pädagogischer Arbeit mit Jungen*.
Die AGJ engagiert sich für vielfältiges Jungesein und Manns ein und entlastet Jungen*
und Männer * von angestaubten und rigiden Männerbildern, ohne neue
Ausgrenzungen zu bewirken.
Die AGJ fördert die Vorbildfunktion ihrer Mitglieder gegenüber Kindern und
Jugendlichen.
Die AGJ steht im regelmäßigen Austausch mit den Arbeitskreisen zur Mädchenarbeit
der Stadt Darmstadt (Mädchenarbeitskreis , MAK) und des Landkreises Darmstadt -
Dieburg (Arbeitskreis Parteiliche Mädchenarbeit , AKPM) und bildet gemeinsam mit
diesen die Fachgruppe Gender (FGG).
Die Mitarbeit in der AGJ basiert auf Freiwilligkeit. Sie bietet für Fachkräfte kollegiale n
Austausch zu Fragen der pädagogischen Arbeit mit Jungen * und zur Geschlechterthematik.
Weitere Möglichkeiten: Diskurs, Gestaltung und Durchführung gemeinsamer Aktionen für
vielfältiges Jungesein, Koordination von Vernetzungs- und Begegnungsmöglichkeiten für die
jeweiligen Zielgruppen, Exkursionen zur Anregung und Aneignung neuer Perspektiven in der
persönlichen Arbeit sowie gemeinsame Qualifizierung und Weiterbildung. Für Einladungen,
Planungen und Termine ist eine von der AGJ beauftragte Geschäftsführung zuständig.
Die seit 1994 bestehende Arbeitsgemeinschaft trifft sich alle 6 bis 8 Wochen zu einem 2 - bis
3-stündigen Treffen. Diese Treffen werden regelmäßig von 12 bis 15 Personen besucht.
Eine Besonderheit der AGJ ist die Zusammenarbeit ihrer Mitglieder über die Stadt - bzw.
Landkreisgrenze hinaus. Der dadurch erweiterte Blick auf verschiedene Kontexte, in denen
geschlechterreflektierte Arbeit als Querschnittsthema aufgegriffen und umgesetzt wird,
kommt den Mitgliedern als Reflexionsmöglichkeit zugute.
3 Seit Mai 2019 für Fachkräfte aller Geschlechter geöffnet
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Willkommen sind in der AGJ alle Personen, die in der haupt - und nebenberuflichen Arbeit
mit Jungen* tätig sind, sich mit den hier genannten Themen beschäftigen oder beschäftigen
werden und sich grundsätzlich mit geschlechterreflektierter Jungen *arbeit
auseinandersetzen wollen.
Eine Übersicht der aktuellen und ehemaligen Mitglieder findet sich im Kapitel „Übersicht der
AGJ-Mitglieder“.
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3. Ausgangslage
3.1 Gesellschaftspolitischer Hintergrund
Seit den 1970er-Jahren – mit der neuen Frauenbewegung – haben sich in den Gesellschaften
der westlichen Welt einige Strukturen und gesellschaftliche Verhältnisse verändert. Frauen*
haben seither mehr Rechte und Gestaltungsmöglichkeiten für ihr Leben gewonnen.
Gleichberechtigung ist ein öffentliches und nach wie vor viel diskutiertes Thema geworden,
das Leitbild Gender Mainstreaming hat sich in der Politik etabliert. Sogenannte
Männerberufe öffnen sich immer öfter auch für Frauen* und die Vereinbarkeit von Familie
und Beruf ist nicht mehr ein e Forderung, die allein von Frauen* gestellt wird . Dennoch
bestehen in der deutschen Gesellschaft immer noch patriarchale Strukturen. Das zeigt sich
unter anderem in der hohen Zahl körperlicher, häuslicher und sexueller Gewalt durch
Männer*, in der höheren Bewertung von ‚Männlichkeit‘ , zum Beispiel bei der Entlohnung
von Arbeit und in der Wertschätzung von vermeintlich männlichen Eigenschaften und
Fähigkeiten. Traditionell weiblich konnotierte Eigenschaften, wie die Fähigkeit zur Empathie,
Reflexion, Offenheit, Konfliktbewältigung, Fürsorge oder Vermittlung, erhalten eine höhere
Anerkennung, sofern sie gesellschaftlich auch als männliche Attribute gelten und nicht allein
weiblichen Personen zugeschrieben werden4.
Die Rollenbilder von Frauen * und Männern * haben sich in den letzten Jahrzehnten stark
verändert. Durch die neuen gesellschaftlichen Anforderungen an Frauen * und Männer* hat
sich auch die Vorstellung von Männlichkeit verändert . Das hat Auswirkungen auf alle
gesellschaftlichen Bereiche wie Familie, Beruf oder das soziale Umfeld, die sich zum Beispiel
in einer höheren Präsenz von Frauen * im öffentlichen Leben un d eine r höheren
Verantwortung von Männern* für Haushalt und Kindererziehung zeigen.
Männlichkeitsbilder verändern sich durch Männer *, die sich nicht mehr auf die tradierte
hegemoniale Männlichkeit reduzieren lassen wollen. Den Männern* zugeschriebene
tradierte Rollenbilder haben eine hohe Wirksamkeit in unserer Gesellschaft, diese stimmen
mit den komplexen und differenzierten Lebensentwürfen von Männern * jedoch immer
seltener überein. Die tradierte Männerrolle – geprägt von Härte, Leist ung, „Pokerface“,
Besitztum und Konkurrenz – verlangt von Männern* ständige Anstrengung und andauernde
Selbstbehauptung. Männer*, die diese Rolle kritisch reflektieren und ablehnen, befreien sich
vom Druck hegemonialer Männlichkeit und erfahren dadurch eine Vielzahl von
Gestaltungsmöglichkeiten für ihr Leben , die ihnen ein tradiertes Mannsein bis dahin
verwehrte. Um die eigene Rolle als Mann * reflektieren zu können, braucht es die
Auseinandersetzung mit sich selbst und de n eigenen Vorstellung en von Männlich keit. Das
schließt die Reflexion der eigenen Partizipation an Machtstrukturen ein. Und es bedeutet, zu
erkennen, dass Mannsein eine Vielzahl von Lebensentwürfen eröffnet. Diese Erkenntnis gilt
es, Jungen* vorzuleben.
Männlichkeitsbilder verändern sich durch eine erhöhte Akzeptanz vielfältiger Lebensmodelle
und eine sich verändernde und erweiterte Wahrnehmung von Geschlechtsidentität.
4 beispielsweise wenn von sogenannten „Soft Skills“ als wichtigem Erfolgsfaktor für Beruf und Karriere
die Rede ist – insbesondere in männlich dominierten Management- und Führungspositionen
10
Hegemoniale Männlichkeit versteht und beschreibt sich im Kontext von Homophobie und
Heteronormativität. Diese tradi erte Wahrnehmung wird zunehmend überwunden, zum
Beispiel durch die gesetzliche Regelung der „Ehe für Alle“.
Eine Differenzierung der Geschlechterzuweisung in „männlich“ oder „weiblich“ wird
zunehmend in Frage gestellt, weil damit nur ein kleiner Teil der Fülle des Lebens
wiedergeben wird. Die Wahrnehmung von Transidentität und Intersexualität in unserer
Gesellschaft zeigt, dass sich hier Vorstellungen von einer zwingenden Verknüpfung von
Geschlecht und Identität aufzulösen beginnen bzw. sich erweitern und ausdifferenzieren.5
3.2 Lebenswelten von Jungen*
Hegemoniale Männlichkeit und Geschlechterkonstruktion fordern von Jungen *, eine
Vorstellung von Mannsein bzw. Jungesein zu entwickeln . Darüber hinaus muss jeder Junge *
zur Identitätsentwicklung eine persönliche Antwort auf die Frage finden, was ein „richtiger
Mann“ ist, um beweisen zu können, dass er ein „richtiger Mann“ ist.
Im Folgenden werden die Voraussetzungen zur Veränderung von Männlichkeit sbildern
beschrieben.
Veränderungen durch neue gesellschaftliche Anforderungen.
Neben den Anforderungen an Männlichkeit , wie Schmerz ertragen zu können, sich
gegen (körperliche) Angriffe wehren oder sich gegen Konkurrenz durchsetzen zu
können, stehen Jungen* immer wieder vor neuen, widersprüchlichen Anforderungen .
So sollen sie zum Beispiel rücksichtsvoll und fürsorglich sein, zuhören können oder sich
selbstlos für andere engagieren . Das führt teilweise zu einer V erunsicherung.
Männlichkeit verliert so außerdem an Eindeutigkeit.
Veränderungen durch Männer *, die sich nicht mehr auf die tradierte hegemoniale
Männlichkeit reduzieren lassen wollen.
Während Jungen* früherer Generationen wussten, was ein Mann* ist und wie er zu sein
hat, erleben Jungen* heute Männer* als diejenigen, die entweder dem Bild der
tradierten hegemonialen Männlichkeit entsprechen oder dieses kritisch hinterfragen
und bewusst ein Gegenbild oder alternative Lebensmodelle entwickeln. Mit der
Ausweitung der Männlichkeitsvorstellungen und –praxen hin zu einer Vielzahl von
identitätsstiftenden Modellen, werden die Schnittmengen zwischen den Geschlechtern
immer größer. Jungen* stehen somit vor der Aufgabe, sich in einem breiteren Spektrum
von Möglichkeiten zu orientieren . Gleichzeitig sehen sie sich aber nach wie vor mit
Hierarchisierungen und einer gesellschaftlichen Höherbewertung männlich konnotierter
Werte und Normen konfrontiert.
Veränderung durch eine erhöhte Akzeptanz vielfältiger Lebensmodelle und eine sich
verändernde und erweiterte Wahrnehmung von Geschlechtsidentität.
Die Optionen auf verschiedene Lebens modelle erhöhen sich in der Gesellschaft.
Einzelne Aspekte hegemonialer Männlichkeit geraten zwar zunehmend in die Kritik,
werden aber weiterhin durch gesellschaftliche Strukturen (z.B. Medien, Peergroups,
5 Vgl. Butler, Judith: Das Unbehagen der Geschlechter. 1991.
11
öffentliche und private Arbeitsteilung) weiter an Jungen* herangetragen, währe nd
neue, alternative Männlichkeitsentwürfe oftmals nach wie vor abgewertet werden. Die
Ausweitung an Optionen geht einher mit dem Druck, das persönliche Lebensmodell
rechtfertigen zu müssen. Diese Situation überfordert viele Jungen*. Jungen* haben zwar
vielfältige Möglichkeiten , ihr Leben zu gestalten , sind aber gleichzeitig der Bedrohung
eines Angriffs auf ihren individuellen Lebensentwurf ausgesetzt.
3.3 Rechtliche Grundlagen
Geschlechterreflektierte Jungen*arbeit bewegt sich im Rahmen gesetzlicher und rechtlicher
Bestimmungen, die auch für andere pädagogische Kontexte in der Kinder - und Jugendhilfe
grundlegend sind. Im Folgenden eine Auswahl der Gesetzestexte, Richtlinien und
Verordnungen, die im Besonderen relevant sind:
3.3.1 Europäische Union
→ Vertrag über die Arbeitsweise der Europäischen Union (AEUV)
Art. 8: Bei allen ihren Tätigkeiten wirkt die Union darauf hin, Ungleichheiten zu beseitigen und
die Gleichstellung von Männern und Frauen zu fördern.
Art. 10: Bei der Festlegung und Durchführung ihrer Politik und ihrer Maßnahmen zielt die
Union darauf ab, Diskriminierungen aus Gründen des Geschlechts, der Rasse, der ethnischen
Herkunft, der Religion oder der Weltanschauung, einer Behinderung, des Alters oder der
sexuellen Ausrichtung zu bekämpfen.
Die Gemeinschaftsverträge stellen die grundlegenden Weichen für Geschlechterpolitik in
Europa. Bei allen zu treffenden Entscheidungen, haben sich die Europäische Union und die
Bundesregierung verpflichtet, das Prinzip des Gender Mainstreaming zu berücksichtigen. Das
bedeutet, alle europäischen Organe haben die verbindliche Vorgabe, Gleichstellung immer
und in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens mitzudenken bzw. aktiv zu fördern. Des
Weiteren wird verdeutlicht, dass es bei Gender immer um Frauen* und Männer* in ihrer
Verschiedenheit und Vielfalt geht.
→ Rat der Gemeinden und Regionen Europas (RGRE) - Europäische Charta für die
Gleichstellung von Frauen und Männern auf lokaler Ebene
Die Charta beinhaltet sowohl europäische als lokale Aspe kte. Eine Darstellung folgt unter
3.3.4 Lokale Ebene.
3.3.2 Bundesrepublik Deutschland
→ Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland (GG)
Art. 3
(1) Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.
(2) Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung
der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender
Nachteile hin.
(3) Niemand darf wegen seines Geschlechtes (...) benachteiligt oder bevorzugt werden (...).
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Bereits im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland ist die Auseinandersetzung mit
bestehenden oder möglichen Nachteilen, die sich allein aus der Geschlechtszugehörigkeit
ergeben, sowie der Abbau solcher Benachteiligung durch die Politik gefordert.
→ Sozialgesetzbuch (SGB) – Achtes Buch (VIII) – Kinder- und Jugendhilfe
§ 9 Grundrichtung der Erziehung, Gleichberechtigung von Mädchen und Jungen
Abs. 3: Bei der Ausgestaltung der Leistungen und der Erfüllung der Aufgaben sind (…) die
unterschiedlichen Lebenslagen von Mädchen und Jungen zu berücksichtigen,
Benachteiligungen abzubauen und die Gleichberechtigung von Mädchen und Jungen zu
fördern.
Das SGB VIII ist die wichtigste gesetzliche Grundlage des Kinder- und Jugendhilferechts. Der §
9 Abs. 3 fordert im pädagogischen Planen un d Handeln grundsätzlich zu beachten, dass
Lebenslagen von Kindern allein durch Geschlechtszugehörigkeit beeinflusst werden und hier
der Abbau jeweiliger Benachteiligungen, mit dem Ziel der Gleichberechtigung, zu verfolgen
ist. Dies schließt auch Benachteiligungen durch Geschlechterstereotype mit ein.
§ 74 Förderung der Freien Jugendhilfe
(2) Soweit von der freien Jugendhilfe Einrichtungen, Dienste und Veranstaltungen geschaffen
werden, um die Gewährung von Leistungen nach diesem Buch zu ermöglichen, kann die
Förderung von der Bereitschaft abhängig gemacht werden, diese Einrichtungen, Dienste und
Veranstaltungen nach Maßgabe der Jugendhilfeplanung und unter Beachtung der in § 9
genannten Grundsätze anzubieten.
Für alle Kinder - und Jugendhilfeträger und Fachkräfte bedeutet dies, ihre Maßnahmen
daraufhin zu überprüfen und entsprechend fortzuentwickeln. Es gilt zu überlegen, wie dieser
Prozess gefördert und entsprechende Angebote nach §9 Abs. 3 SGB VIII bereitgestellt werden
können. Dieser Paragraph kann die Förderung freier Träger davon abhängig machen,
inwieweit deren Angebote auch eine geschlechterreflektierte und geschlechtergerechte
Ausrichtung beinhalten.
→ Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) - Kinder- und
Jugendplan des Bundes (KJP)
I. Aufgaben des Kinder- und Jugendplans des Bundes (KJP)
(6) Ziele der Förderung sind die Sicherstellung der Zukunftsfähigkeit der Kinder - und
Jugendhilfe und die Qualitätsentwicklung ihrer Aufgabenwahrnehmung in sämtlichen
Handlungsfeldern. Maßgebliche Aspekte hierbei sind insbe sondere die Stärkung der Rechte
von Kindern und Jugendlichen auf Schutz, Förderung und Beteiligung. Das gleichberechtigte
Zusammenleben und die gesellschaftliche Teilhabe aller Kinder und Jugendlichen in ihrer
jeweiligen Lebenslage soll gestärkt werden. Au f den Abbau spezifischer Benachteiligungen
soll hingewirkt werden.
Anlage 1 - Kinder- und Jugendplan des Bundes (KJP) - Leitbild
B. Leitziele der Kinder- und Jugendhilfe
5. Teilhabe - Gender Mainstreaming
Die Berücksichtigung unterschiedlicher Belange der Geschlechter mit dem Ziel der
tatsächlichen Gleichstellung ist Querschnittsaufgabe in allen Handlungsfeldern der Kinder -
und Jugendhilfe. Der Abbau von Benachteiligungen aufgrund sexueller Orientierungen u nd
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geschlechtlicher Identität werden bei allen Maßnahmen besonders berücksichtigt. Es bedarf
auch weiterhin starker Impulse zum Ausbau einer geschlechtergerechten,
diskriminierungsfreien Kinder - und Jugendhilfe sowie der gezielten Berücksichtigung des
Gender Mainstreaming in allen Angeboten.
Der Kinder - und Jugendplan ist das zentrale Förderinstrument der Kinder - und Jugendhilfe
auf Bundesebene und der größte Haushaltsansatz der Förderprogramme des Bundes -
jugendministeriums. Das „Leitbild“ beinhaltet die z entralen Zielfestlegungen für die KJP -
Förderung und legt die fachlichen und politischen Rahmenbedingungen und Perspektiven
fest. Die aus dem KJP geförderten Organisationen der Kinder - und Jugendhilfe sind
verpflichtet, Gender Mainstreaming und den Abbau be stehender Ungleichheit en
umzusetzen. Der KJP fordert geschlechterreflektierte Auseinandersetzung im Hinblick auf die
konkrete praktische Arbeit und die Bereitstellung geschlechterreflektierte Angebote in allen
Leistungsfeldern der Kinder- und Jugendhilfe.
3.3.3 Bundesland Hessen
→ Hessisches Kinder- und Jugendhilfegesetzbuch (HKJGB)
§1 Jugendhilfe
(2) Unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Lebenslagen von Mädchen und Jungen sind
Maßnahmen zu treffen, die die Verwirklichung der Chancengleichheit von Frauen und
Männern zum Ziel haben.
§ 35 Inhalte und Aufgaben der außerschulischen Jugendbildung
(1) (…) Außerschulische Jugendbildung soll junge Menschen in die Lage versetzen, ihre
persönlichen und gesellschaftlichen Lebensbedingungen wahrzunehmen und an der
Gestaltung des gesellschaftlichen Lebens mitzuwirken. Sie wirkt auch auf den Abbau von
gesellschaftlichen Benachteiligungen hin und befähigt zu Eigenverantwortung, Eigeninitiative
und gemeinsamem Engagement.
(2): (…) Bei der Ausgestaltung der Angebote haben die Träger der außerschulischen
Jugendbildung die Gleichstellung von Mädchen und Jungen sowie jungen Frauen und jungen
Männern als durchgängiges Leitprinzip zu beachten (Gender Mainstreaming). Mit den
Bildungsangeboten sollen zu gleichen Teilen weibliche und männliche junge Menschen bis zur
Vollendung des 27. Lebensjahres erreicht werden. Die Bildungsangebote sollen gemeinsam
mit den jungen Menschen entwickelt werden.
Im Hessischen Kinder - und Jugendhilfegesetzbuch sind die Gleichstellung von Frauen * und
Männern*, Mädchen* und Jungen* als Ziel und zudem Gender Mainstreaming als
durchgängiges Leitprinzip verankert.
→ Hessisches Ministerium für Soziales und Int egration (HSM) - Bildungs- und
Erziehungsplan für Kinder von 0 bis 10 Jahren in Hessen (BEP)
Leitgedanken:
(…) Was es bedeutet, männlich oder weiblich zu sein , ist (…) weitgehend beeinflusst von der
jeweiligen Kultur und Gesellschaft, in der ein Kind aufwächst, und den damit verbundenen
geschlechterspezifischen Erfahrungen.(...)
Bildungs- und Erziehungsziele
Mädchen und Jungen entwickeln ihre eigene Geschlechtsidentität, mit der sie sich sicher und
14
wohl fühlen. Mit zunehmendem Alter sind sie in der Lage, einengende
Geschlechtsstereotypien zu erkennen und traditionelle sowie kulturell geprägte Mädchen-
und Jungenrollen kritisch zu hinterfragen und sich durch diese nicht in ihren Interessen,
Spielräumen und Erfahrungsmöglichkeiten beschränken zu lassen. Sie erwerben ein
differenziertes und vielfältiges Bild von den möglichen Rollen von Männern und Frauen.
Geschlechtsstereotypen zu erkennen und traditionelle sowie kulturell geprägte
Geschlechterrollen kritisch zu hinterfragen und sich durch diese nicht in ihren Interessen,
Spielräumen und Erfahrungsmöglichkeiten beschränken zu lassen, sind explizit im Hessischen
Bildungs- und Erziehungsplan für Kinder von 0 -10 Jahren benannte Ziele. Dazu gehören
insbesondere folgende Punkte:
Das andere Geschlecht als gleichwertig und gleichberechtigt anerkennen.
Unterschiede zum anderen Geschlecht wahrnehmen und wertschätzen.
Eigene Interessen und Bedürfnisse über die Erwartungen und Vorgaben anderer
stellen, wie eine Person sich als Junge oder Mädchen zu verhalten hat.
Grundverständnis darüber erwerben, dass im Vergleich der Geschlechter die
Gemeinsamkeiten hinsichtlich Begabungen, Fähigkeiten, Interessen und anderen
Persönlichkeitsmerkmalen größer als die Unterschiede sind.
Erkennen, dass eigene Interessen und Vorlieben nicht an die Geschlechtszugehörigkeit
gebunden sind.
Geschlechterbezogene Normen, Werte, Traditionen und Ideologien (zum Beispiel
Mädchen interessieren sich weniger für Technik, Jungen spielen nicht mit Puppen)
kritisch hinterfragen.
Andere nicht vorrangig aufgrund ihrer Geschlechtszugehörigkeit beurteilen, sondern
sie in ihrer individuellen Persönlichkeit wahrnehmen.
Die eigenen geschlechtsstereotypen Erwartungen an sich und andere kritisch
hinterfragen.
Mit Widersprüchen zwischen der eigenen Geschlechtsidentität und Erwartungen von
anderen umgehen.
Kulturell geprägte Vorstellungen über Gesch lechtsidentität erkennen, hinterfragen
und respektieren.
→ Hessisches Kultusministerium (HKM) - Lehrplan zur Sexualerziehung an den
allgemeinbildenden und beruflichen Schulen in Hessen
Ziel der Sexualerziehung ist, Schülerinnen und Schülern ein offenes, diskriminierungsfreies
und wertschätzendes Verständnis für die Verschiedenheit und Vielfalt der partnerschaftlichen
Beziehungen, sexuellen Orientierungen und geschlechtlichen Identitäten in unserer
Gesellschaft zu vermitteln. Die Sexualerziehung soll überdies die gesellschaftlichen Realitäten
berücksichtigen und wertegebunden sein. Gegenstand der Sexualerziehung in Schulen soll die
Vermittlung von Wissen über die Existenz unterschiedlicher Partnerschaftsformen und
Verständnisse von Familie, sexuellen Orientierungen und geschlechtlichen Identitäten und
deren Akzeptanz sein.
Sexualerziehung ist für alle Schüler*innen verbindlich. Zur Erfüllung des
Sexualerziehungsauftrags sind an Hessische n Schulen altersgerecht in den Altersstufen 6 -10,
10-12, 13 -16, 16 -19 Jahre verbindlich festgeschriebene Themen aufzugreifen. Inhalte sind
unter anderem Prävention sexuellen Missbrauchs, Geschlechterrollen, unterschiedliche
15
sexuelle Orientierungen und gesc hlechtliche Identitäten sowie das Recht auf sexuelle
Selbstbestimmung.
3.3.4 Lokale Ebene
→ Rat der Gemeinden und Regionen Europas (RGRE) - Europäische Charta für die
Gleichstellung von Frauen und Männern auf lokaler Ebene
Art. 13 – Bildungswesen und lebenslanges Lernen
(...)
(3) Die Unterzeichnerin/der Unterzeichner anerkennt die Notwendigkeit, stereotype
Rollenkonzepte von Frauen und Männern in allen Bereichen der Bildung zu beseitigen. Zu
diesem Zweck verpflichtet sie/er sich, folgende Maßnahmen durchzuführen bzw. zu fördern:
• Prüfung von Lehrmitteln an Schulen und anderen Bildungseinrichtungen sowie von
Lehrmethoden, um sicherzustellen, dass diese stereotypen Haltungen und Praktiken
entgegenwirken;
• Durchführung spezieller Aktionen zur Förderung nichttraditioneller Entscheidungen in der
Berufswahl; (...)
Ziel der Europäischen Charta für die Gleichstellung von Frauen und Männern auf lokaler
Ebene sind flächendeckende Handlungsansätze der Gleichstellungspolitik, um
Gleichstellungspolitik zu stärken und dieser gegenüber mehr Verbundenheit zu erreichen.
Anders als bei den Rechtsvorschriften der EU, zu deren Einhaltung alle Mitgliedstaaten
verpflichtet sind, muss die Gleichstellungs-Charta der EU auf lokaler Ebene von den
Verantwortlichen der jeweiligen Städte und Gemeinden unterzeichnet werden. Für die
Wissenschaftsstadt Darmstadt trat diese Rechtsgrundlage im Jahr 2015 in Kraft - deren
Umsetzung begann mit dem „1. Gleichstellungsaktionsplan der Wissenschaftsstadt
Darmstadt 2018 – 2020“.
16
4. Was ist geschlechterreflektierte Jungen*arbeit?
Der nicht geschützte Begriff „Jungenarbeit“ hat eine über 30 Jahre lange Geschichte. Hinter
diesem Begriff zeigen und verbergen sich viele verschiedene Ansätze zur Jungenarbeit im
pädagogischen Kontext . Dazu gehören zum Beispiel Konzepte zur antifaschistischen
Jungenarbeit, zur bewussten oder geschlechtsbewussten Jungenarbeit, zur
patriarchatskritischen oder profeministischen Jungenarbeit, aber auch Konzepte zur
biologistischen oder essentialistischen Jungenarbeit.
Die A GJ hat sich bewusst dafür entschiede n, die vorliegenden Leitlinien als
„geschlechterreflektierte Jungen*arbeit “ zu bezeichnen. Ein wesentliches Merkmal der
geschlechterreflektierten Jungen*arbeit ist die erforderliche achtsame Haltung der
pädagogischen Fachkr äfte bezüglich der Bedeutung von Geschlecht sidentität für Kinder,
Jugendliche und Erwachsen e. Diese achtsame Haltung weitet einerseits den Blick auf
Jungen* und ermöglicht Fachkräften außerdem, das Verhalten, die Wünsche und Meinungen
von Jungen* vor dem Hintergrund ihrer eigenen Entwicklung von Geschlechtsidentität
innerhalb der gesellschaftlichen Geschlechterhierarchie n zu reflektieren und zu
interpretieren. Geschlechterreflektierte Jungen*arbeit unterstützt dabei Fachkräfte,
stereotypes Rollenverhalten zu hinterfragen und geschlechtsbezogene
Handlungskompetenzen von Kindern und Jugendlichen zu erweitern . Zu diesem Zweck
initiiert geschlechterreflektierte Jungen*arbeit Angebote zum Thema „Jungesein“.
Neben der Mädchenarbeit, der reflexiven Koedukation und Crosswork ist Jungenarbeit eine
von vier Säulen geschlechterreflektierter pädagogischer Praxis, eine Professionalisierung von
qualitativ hochwertiger Kinder- und Jugendarbeit und ein Beitrag auf dem Weg zu einer
geschlechtergerechten Gesellschaft.
Das wichtigste Element der Jungenarbeit ist die pädagogische Fachkraft in Person. Ob
bewusst oder unbewusst, Erwachsene sind für Kinder und Jugendliche immer auch Modelle,
die ihnen Orientierung bieten. Jungen* suchen häufig Männer*, mit denen sie sich
auseinandersetzen können , an denen sie sich orientieren können und von denen sie sich
abgrenzen können . Allerdings ist ein Mann * nicht allein aufgrund seiner
Geschlechtszugehörigkeit dazu befähigt, in der pädagogischen Jungenarbeit zu arbeiten. Die
Intensität und Qualität der professionellen Beziehung ist hier vorrangig.
Wertvolle pädagogische Arbeit für und mit Jungen* kann von allen Geschlechtern geleistet
werden. In Einrichtungen der Jugendarbeit und Jugendsozialarbeit sind es häufig Frauen*,
die geschlechterreflektiert mit Jungen * arbeiten. Geschlechterreflektion bedeutet, die
soziale Kategorie Geschle cht bei Zielsetzung, Planung, Durchführung und Auswertung
pädagogischer Prozesse durchgängig im Blick zu behalten.
17
5. Ziele der geschlechterreflektierten Jungen*arbeit
Das Kinder - und Jugendhilfegesetz (SGB VIII, § 9, Abs. 3) besagt, dass bei der
Aufgabenerfüllung im Bereich der Kinder - und Jugendhilfe die unterschiedlichen
Lebenslagen von Mädchen und Jungen berücksichtigt, Benachteiligungen abgebaut und die
Gleichberechtigung gefördert werden müssen. In der Realität erfahren Mädchen* und
Jungen* j edoch aufgrund ihres Geschlechts unterschiedlichste Einschränkungen ihres
jeweiligen Handlungs - und Entwicklungspotentials. Die geschlechterreflektierte
Jungen*arbeit zielt darauf ab, diesen Einschränkungen entgegenzuwirken. Sie zeigt Jungen*
eine Vielfalt von positiven Lebensentwürfen auf, befähigt sie dazu, ihre eigenen
Geschlechterbilder zu reflektieren, und bestärkt Jungen*, individuelle Vorstellungen vom
Jungesein zu entwickeln. Die Identitäts - und Persönlichkeitsbildung steht damit im
Vordergrund der geschlechterreflektierten Jungen*arbeit.
5.1 Zielgruppen
Zu den Zielgruppen der geschlechterreflektierten Jungen*arbeit gehören zunächst alle
Jungen* in unterschiedlichen Entwicklungsphasen: Kinder, Jugendliche und junge Männer*
bis 27 Jahre in Kindert agesstätten und Schulen, in Einrichtungen der Jugendhilfe und in
Vereinen. Zielgruppe sind Jungen* mit und ohne Migrationsgeschichte, heterosexuelle,
schwule, bisexuelle und unentschiedene sowie Transjungen*, ebenso Jungen* mit
körperlicher oder geistiger Beeinträchtigung, Jungen*, die von Armut und sozialer
Ausgrenzung betroffen sind, sowie Jungen* mit sozial privilegiertem Hintergrund.
Ausgangspunkt für geschlechterreflektierte Jungen*arbeit ist immer der einzelne Junge*
bzw. eine Gruppe von Jungen*, mit dem oder denen pädagogische Fachkräfte arbeiten. Die
individuellen Ressourcen, Interessen, Wünsche und Nöte bilden die Basis für die bewusste
Auseinandersetzung im Sinne einer geschlechterreflektierte Jungen*arbeit.
5.2 Ziele auf der Ebene von Jungen*
Die folgenden formulierten Ziele 6 beschreiben Bedarfe und Entwicklungspotentiale von
Jungen*. Sie sind als Orientierungshilfe und Anregungen für pädagogische Fachkräfte zu
verstehen, insbesondere für diejenigen, die neu in der geschlechterreflektierten
Jungen*arbeit arbeiten.
Jungen* von rigiden und tradierten Männlichkeitsvorstellungen entlasten.
Der Zweifel oder die Angst, kein richtiger Junge* oder Mann* zu sein, beschäftigt viele
Jungen*. Die Sorge um die eigene Geschlechtsidentität ist daher für viele ein ständiger
Antrieb, um sich selbst oder andere abzuwerten sowie Homophobie und Transphobie zu
entwickeln. Jungen* davon zu entlasten, ist ein Anliegen von geschlechterreflektierten
Jungen*arbeit. Diese schafft die Voraussetzungen dafür, dass Jungen* unterschiedliche
Facetten des Jung e*-seins kennenlernen, bewusst zu diesem Thema Fragen stellen, sich
austauschen und mit ungewohnten Verhaltensweisen experimentieren.
6 Vgl. Bremer Leitlinien Jungenarbeit (2012)
18
Jungen* bei der Aneignung einer selbstbestimmten geschlechtlichen Identität begleiten.
Die Aneignung einer geschlechtlic hen Identität ist ein Prozess, der durch tradierte
Rollenbilder vielfach Einschränkungen mit sich bringt. Geschlechtergerechte Jungen*arbeit
ermutigt und befähigt Jungen* dazu, sich kritisch mit geschlechtlicher Identität
auseinanderzusetzen, zu entdecken, auszuprobieren, zu entwickeln und wertzuschätzen -
unabhängig von geschlechtszuweisenden Kategorisierungen und Bewertungen.
Geschlechtergerechtigkeit fördern und Vielfalt anerkennen.
Geschlechtergerechte Jungen*arbeit ermöglicht die reflektierte Wahrnehm ung der eigenen
und anderer geschlechtlicher Identitäten. Dabei werden weder bestimmte Identitäten als
„normal“ definiert noch andere als „unnatürlich“ bewertet. Normierende und hierarchische
Vorstellungen von Geschlecht sind bei Jungen* zu hinterfragen un d starre geschlechtliche
Identitätskonzepte aufzulösen. Daher gilt es, eine Atmosphäre zu schaffen, bei de r Jungen*
sich mit diesem Thema angstfrei auseinandersetzen können – im Sinne der Förderung einer
Kultur von gegenseitiger Anerkennung und Respekt.
Jungen* für eigene Gefühle und Bedürfnisse sensibilisieren.
Viele Jungen* lernen früh, Gefühle wie Angst, Traurigkeit und Hilfebedürftigkeit zu
unterdrücken und gleichzeitig, ihre Männlichkeit durch Wut und Aggression auszudrücken.
Es ist daher ein grundle gendes Anliegen von geschlechtergerechter Jungen*arbeit Jungen*
zu ermutigen, ihre eigenen Gefühle und Bedürfnisse in ihrer ganzen Bandbreite
wahrzunehmen, zu benennen und zu zeigen. Dieser verantwortungsvolle Umgang mit sich
selbst geht dem verantwortlich en Umgang mit anderen voraus. Dazu gehören auch die
Fähigkeiten Hilfe zu holen und Hilfe anzunehmen.
Eigene und fremde Grenzen wahrnehmen und Grenzen respektieren.
Jungen* erleben täglich Grenzüberschreitungen , e igene sowie von anderen.
Geschlechtergerechte Jungen*arbeit schafft für Jungen* Möglichkeiten, eigene und fremde
Grenzen wahrzunehmen, sich mit ihnen auseinanderzusetzen und mit ihnen einen
respektierenden Umgang zu lernen.
Verbale und non-verbale Kommunikationsfähigkeit von Jungen* stärken.
Hegemoniale Männlichkeit erzeugt Kommunikationsmuster, die Jungen* suggerieren, es
wäre gut und richtig, anderen nicht zuzuhören, sich besser cool zu verhalten und zu
schweigen oder einen Monolog zu halten statt mitei nander zu reden. Tradierte Männlichkeit
folgt überholten und konfliktreichen Vorstellungen wie zum Beispiel „Ein Mann, ein Wort“
und „Wer am lautesten schreit, hat recht“. Geschlechtergerechte Jungen*arbeit un terstützt
Jungen* dabei, gleichberechtigt – zwischen allen Geschlechtern - miteinander zu
kommunizieren, anstatt sich mit wechselseitiger Abwertung und Dominanzgehabe zu
begegnen. Diese Kommunikationsform schließt die Sensibilisierung für die oft unbewussten
wechselseitigen Signale durch Körperhaltung, Gestik und Mimik ein. Außerdem fördert
geschlechtergerechte Jungen*arbeit die Fähigkeit, Kritik wertschätzend und annehmbar zu
formulieren.
Jungen* ein positives Körpererleben ermöglichen.
Das Verhältnis zum eigenen Körper bestimmt häufig bewusst und unb ewusst den Alltag von
Jungen*. Der eigene Körper bietet ihnen die Möglichkeit, sich zum Beispiel durch Bewegung,
aber auch bei Entspannung zu erfahren und dabei verschiedene Sinne anzusprechen.
19
Geschlechtergerechte Jungen*arbeit vermittelt Jungen* Sicherhe it im Erleben des eigenen
Körpers und in der Wahrnehmung ihrer körperlichen Bedürfnisse. Sie bietet ihnen die
Gelegenheit, in spielerischer Form die positiven Aspekte von körperlicher
Auseinandersetzung (zum Beispiel im Spaß miteinander ringen) zu erleben.
Mit Jungen* körperliche Normen und Ideale thematisieren
Der Körper wird häufig zum Gegenstand verletzender Ausgrenzung und Abwertung aufgrund
gesellschaftlicher und medialer Idealvorstellungen. Geschlechtergerechte Jungen*arbeit
bietet eine kritische Au seinandersetzung mit Körpernormen und Körperidealen. Die
Vermittlung eines achtsamen und sensiblen Umgangs mit dem eigenen Körper ist die
Voraussetzung dafür, den eigenen Körper und seine körperliche Entwicklung positiv und
damit identitätsfördernd zu erleben. Dabei wird gleichzeitig das Ziel unterstützt, Jungen* für
die Wahrnehmung eigener und fremder Grenzen zu sensibilisieren.
Konkurrenz und Hierarchien unter Jungen* und gegenüber Mädchen* problematisieren.
Konkurrenz- und Hierarchiestrukturen in Form v on Abwertung, Machtausübung und
Dominanzgebaren sind in unserer Gesellschaft und damit für viele Jungen* so alltäglich, dass
sie dieses Verhalten als normal wahrnehmen. Geschlechtergerechte Jungen*arbeit befähigt
Jungen*, diese „Normalität“ und die damit v erbundenen Vorstellungen von Ungleichheit
kritisch zu hinterfragen und aktiv zu einer Veränderung beizutragen.
Mit Jungen* Gewalt thematisieren.
Viele Jungen* erleben im Alltag Gewalt in unterschiedlichen Facetten und Ausprägungen, als
Opfer*, Täter*, Beobachter*, aber auch in Form von struktureller Gewalt. Gewalt begegnet
ihnen häufig: auf dem Schulweg, in der Schule, in der Familie, in der Freizeit oder in Form
von staatlicher Gewalt. Oft haben sie keinen Ort, an dem ihren Erfahrungen Aufmerksamkeit
geschenkt wird. Geschlechtergerechte Jungen*arbeit bietet die Möglichkeit, über Gewalt zu
sprechen, Erfahrungen auszutauschen und Alternativen zu tradierten Verhaltensmustern zu
entwickeln und einzuüben. Von anderen Jungen* zu hören, dass es ihnen ähnlich e rgeht,
entlastet viele Jungen*.
Entscheidungsfähigkeit von Jungen* stärken.
Die Männlichkeitsentwürfe und Lebenswelten von Jungen* sind in den letzten zehn Jahren
differenzierter und optionsreicher geworden. Traditionelle und moderne
Männlichkeitsbilder vermischen sich, Jungen* sehen sich mit vielfältigen, teils
widersprüchlichen Anforderungen konfrontiert. Diese Situation eröffnet Jungen* zwar neue
Möglichkeiten der Lebensgestaltung jenseits tradierter Muster, sie führt häufig aber auch zu
Verunsicherungen. Geschlechtergerechte Jungen*arbeit bietet Jungen* die Möglichkeit,
gesellschaftlich angebotene Männlichkeitsentwürfe zu reflektieren und eigene
Entscheidungsspielräume zu erkennen. Sie stärkt Jungen* darin, persönliche Entscheidungen
zu treffen und die se selbstbewusst zu vertreten, zum Beispiel gegenüber diskriminierenden
und stereotypisierenden Anfeindungen. Ein selbstbestimmter und selbstverantwortlicher
Umgang mit dem eigenen Jungesein wird dadurch gefördert.
Empathie von Jungen* fördern.
Jungen* f ällt es häufig schwer sich in andere Menschen einzufühlen und die Sichtweise
anderer Personen nachzuvollziehen. Dieses Verhalten entspricht der gesellschaftlichen
Erwartung an hegemoniale Männlichkeit. Geschlechtergerechte Jungen*arbeit fördert die
20
Empathiefähigkeit und bietet Jungen* die Möglichkeit, die Gefühle anderer nach zufühlen
(nicht mitzufühlen) und sich in die Situation anderer Menschen hinein versetzen zu können.
Diese Fähigkeit ist auch die Voraussetzung, um durch Austausch mit anderen die eigene
Gefühlswelt besser zu verstehen um rücksichtsvoll mit sich und anderen zu handeln.
Verantwortung für eigenes Handeln übernehmen.
„Ich war das nicht“, hören Eltern, Lehrkräfte und pädagogische Fachkräfte häufig von
Jungen*, wenn es darum geht, Konflikte zu klären oder konflikthafte Handlungen zu
hinterfragen. Tradierte Rollenbilder üben einen enormen Druck auf Jungen*aus und
verstärken damit die Angst vor Ehr - und Gesichtsverlust und die Angst zu versagen.
Geschlechtergerechte Jungen*arbeit ermöglicht Jungen*, ehrlich zu sich selbst zu sein,
vermeintliche Fehler nicht als Schwäche anzusehen, eigene Unvollkommenheiten nicht auf
andere zu projizieren, persönlich Verantwortung zu erkennen und neue Verhaltensweisen zu
entwickeln.
21
6. Qualitätsmerkmale
6.1 Selbstverständnis der Jungenarbeit – was macht die pädagogische Arbeit mit Jungen *
zur geschlechterreflektierten Jungen*arbeit?
Geschlechterreflektierte Jungen*arbeit versteht sich als Teilbereich der
geschlechtsbezogenen Pädagogik. Sie basiert auf einer kritischen Analyse patriarchaler
Geschlechterverhältnisse und stereotyper Geschlechterbilder. Sie hat das Ziel,
Geschlechterhierarchien abzubauen und die selbstbestimmte Entwicklung einer
geschlechtlichen Identität zu unterstützen.
Die Tatsache, dass ein männlicher Pädagoge * mit Jungen* arbeitet, besagt noch nicht, dass
es sich um geschlechterreflektierte Jungen*arbeit im Sinne de r hier vorgestellten Leitlinien
handelt. Damit sich die pädagogische Arbeit mit Jungen * als geschlechterreflektierte
Jungen*arbeit qualifiziert, müssen die hier vorgestellten Qualitätsmerkmale erfüllt werden.
Geschlechterreflektierte Jungen*arbeit bezieht sich auf die Lebenslagen von Jungen *. Sie
rückt die vielfältigen Fähigkeiten und Möglichkeiten von Jungen* in das pädagogische
Blickfeld, ebenso die Einschränkungen und Begrenzungen, die sich für Jungen * durch die
aktuellen gesellschaftlichen Rahme nbedingungen ergeben. Geschlechterreflektierte
Jungen*arbeit zielt darauf ab, Vielfalt zu erkennen, wertzuschätzen und zu fördern.
Gleichzeitig bezieht geschlechterreflektierte Jungen*arbeit eine kritische Haltung gegenüber
den herrschenden Geschlechterverhältnissen und Ordnungsmustern, die „Männlichkeit“ und
„Weiblichkeit“ als eindeutig und unveränderbar voraussetzen. Geschlechterreflektierte
Jungen*arbeit unterstützt Jungen* bei der selbstbestimmten Entfaltung ihrer Persönlichkeit,
ohne dass sie dabei durch Geschlechterbilder eingeschränkt werden.
Geschlechterreflektierte Jungen*arbeit orientiert sich an den Interessen, Themen und
Bedürfnissen von Jungen* und wird Jungen * in ihrer Vielseitig keit und Unterschiedlichkeit
gerecht. Fachkräfte setzen sich mit Jungen * über deren Themen und Wünsche auseinander,
bringen ihnen Empathie und Wertschätzung entgegen, bieten ihnen Orientierung, bestärken
und fördern sie . Sie zeigen ihnen auch die Grenzen d es eigenen Handelns auf (z.B. bei
Eingriff in die Persönlichkeitsrechte Anderer), konfrontieren sie mit diesen
Überschreitungen, irritieren möglicherweise durch das Aufzeigen alternativer Sicht - und
Denkweisen und ermöglichen es so, die eigenen Verhaltensmuster zu hinterfragen.
6.2 Zur Rolle der Fachkraft als männliches Orientierungsmodell: eine Frage der Haltung!
Für eine gelingende geschlechterreflektierte Jungen*arbeit ist die Haltung de r
Jungenarbeiter* entscheidend. Notwendig ist die Bereitschaft von Jungenarbeiter*, sich mit
den gesellschaftlichen Geschlechterverhältnissen, der eigenen Sozialisation zum Mann * und
mit den eigenen Geschlechterbildern auseinanderzusetzen. Die Anerkennung vielfältiger
geschlechtlicher Lebensentwürfe ist dabei unerlässlich.
Ein Bewusstsein der persönlichen Grenzen und Möglichkeiten in der pädagogischen Arbeit
mit Jungen * ist ebenso wichtig wie die Reflexion darüber, wie sich das eigene
Rollenverhalten, das persönliche Auftreten und die eigene, möglicherweise männlich
22
dominierte Sprache in der Arbeit mit Jungen * auswirken, um nicht hegemoniales
Männlichkeitsverhalten zu reproduzieren oder hervorzurufen.
Dieser Anspruch erfordert von Jungenarbeitern* die Bereitschaft zur Selbstreflexion in Bezug
auf die eigene Sozialisation und Biographie, persönliche Einstellungen und
Verhaltensweisen, auch in Bezug auf die tägliche pädagogische Arbeit.
Jungenarbeiter* stellen für Jungen * ein erwachsenes männliches Rollenm odell dar, das
ihnen Orientierung bietet und mit dessen Haltung, Auftreten und Einstellungen sie sich
kritisch auseinandersetzen können. Jungenarbeiter* verhalten sich Jungen* gegenüber
zugewandt und wertschätzend.
Neben der Bereitschaft zur Selbs treflexion benötigen Jungenarbeiter* e inen offenen Blick
gegenüber Jungen*. Offenheit und Neugier helfen dabei, das Verhalten von Jungen* aus
verschiedenen Perspektiven wahrzunehmen und verschiedene Interpretationen zuzulassen.
Das Verhalten muss im Kontext von Entwicklungsstand, (Selbst -)Bildungsprozessen,
Lernbereitschaft, persönliches Wohlbefinden und soz iale Bezüge zu anderen Kindern und
Jugendlichen bzw. zu Bezugspersonen wahrgenommen und einbezogen werden, um daraus
entsprechende Handlungsoptionen abzuleiten. Der Jungenarbeiter* nimmt dabei zunächst
die Rolle des professionellen Beobachters und Zuhörers ein.
Die darauf folgenden Schritte umfassen Interaktionen, in denen die Fachkraft auf den
Jungen* zugeht, Interesse äußert, aktiv zuhört, empathisch reagier t und Wertschätzung
zeigt. Jungenarbeiter* müssen in der Lage sein, Verhalten der Jungen* aus verschiedenen
Blickwinkeln zu betrachten und verschiedene Deutungen zuzulassen. Auch vermeintlich
störende und anstrengende Verhaltenswei sen der Jungen* (wie z.B. Kontaktvermeidung,
Impulsivität und aggressives Verhalten) sollten nicht per se unterbunden werden, sondern
als Chance für pädagogisches Handeln gesehen werden.
6.3. Fachliche Standards von geschlechterreflektierter Jungen*arbeit
Die Qualität von Jungenarbeit entwickelt sich nicht allein aus der persönlichen Haltung der
Jungenarbeiter* und ihrer Fachkompete nz. G elingende geschlechterreflektierte
Jungen*arbeit benötigt außerdem gute Arbeitsbedingungen: Gestaltungsspielräume,
Partizipation, Geld, Personal, Zeit, Material, Räum e, Fortbildung, Supervision sowie
Vernetzung (in lokalen und regionalen Netz werken, auch über Arbeitsfelder hinweg).
Geschlechterreflektierte Jungen*arbeit muss in Zusammenarbeit mit Mädchenarbeit und
koedukativer Kinder- und Jugendarbeit ein fest verankerter Teil d er Kinder- und Jugendhilfe
sein.
Folgende Rahmenbedingungen und Qualitätsmerkmale sind für die Umsetzung von
geschlechterreflektierter Jungen*arbeit erforderlich. Sie orientieren sich weitgehend an den
Bremer Leitlinien Jungenarbeit.
Strukturqualitäten
Die Strukturqualitäten beziehen sich auf die Voraussetzungen und Rahmenbedingungen der
Einrichtung und der Träger* und Trägerinnen*.
23
Geschlechterreflektierte Jungen*arbeit benötigt Kontinuität in Form von
verbindlichen und langfristigen Aufträgen , die mit einer langfristigen
Personalstruktur ausgestattet sind.
Geschlechterreflektierte Jungen*arbeit benötigt ausreichend quali fiziertes
männliches Personal (siehe 6.4 Fachkräftequalifikation).
Angebote der geschlechterreflektierten Jungen*arbeit werden (in der Regel)
im Team durchgeführt. Jungen * erleben dadurch die Vielfalt geschlechtlicher
Selbstentwürfe.
Es müssen eine a usreichend finanzielle Ausstattung sowie angemessene
Räumlichkeiten zur Verfügung stehen.
Die Fort- und Weiterbildung von Jungenarbeitern * muss sichergestellt
werden.
Geschlechterreflektierte Jungen*arbeit muss als verpflichtende Aufgabe bei
Trägern* und Trägerinnen* implementiert und für alle Leitungsebenen
verbindlich sein.
Geschlechterreflektierte Jungen*arbeit wird inhaltlich begleitet und
unterstützt durch Formen der kollegialen Beratung und Supervision sowie
durch einen einrichtungsübergreifenden fachlichen Austausch und die
Vernetzung von Einrichtungen und ihren Trägern* und Trägerinnen*. Dafür
werden den Jungenarbeitern* die nötigen Zeitressourcen bereitgestellt.
Die Mitarbeite r* benötigen den Diskurs innerhalb des „männlichen“
Geschlechts. Die AGJ bietet dafür eine Plattform.
Geschlechterreflektierte Jungen*arbeit benötigt den Diskurs zwischen
Männern* und Frauen* sowie den Dialog, Austausch, die kritische
Auseinandersetzung und die Kooperation mit der Mädchenarbeit, die durch
den MAK und den AKPM vertreten ist.
Konzeptqualitäten
Die Konzeptqualitäten beziehen sich auf die Festlegung der Ziele und Bedarfe in der
geschlechterreflektierten Jungen*arbeit.
Konzepte der geschlechterreflektierten Jungen*arbeit berücksichtigen die
allgemeine gesellschaftliche Situation von Jungen * und leiten daraus Ziele ab,
welche die pädagogische Arbeit mit Jungen* grundsätzlich erreichen will.
Die Ausformulierung des konkreten Bedarfs an geschlechterreflektierter
Jungen*arbeit basiert auf einer sozialräumlichen und zielgruppenspezifischen
Analyse und auf der Erhebung der subj ektiven Bedürfnisse und Interessen von
Jungen*.
Geschlechterreflektierte Jungen*arbeit berücksichtigt bei der Findung der
eigenen Identität nicht nur das Geschlecht, sondern bezieht andere Kategorien in
ihrer gegenseitigen Beeinflussung (Intersektionalität) immer mit ein, zum Beispiel
sexuelle Orientierung, Migration, Nationalität, Kultur, Ethnizität, Hautfarbe,
Religion/Weltanschauung, soziale Lage, familiäre Situation, Gesundheit, Alter.
24
Bedarfe und Ziele werden regelmäßig überprüft und zwischen Fachkräften und
den Trägern* und Trägerinnen* kommuniziert. Konzepte werden kontinuierlich
weiterentwickelt und neuen Bedarfen angepasst.
Prozessqualitäten
Die Prozessqualitäten beziehen sich auf Planung, Durchführung, Reflexion und Auswertung
der Angebote.
Angebote der geschlechterreflektierten Jungen*arbeit werden auf
konzeptioneller Grundlage entwickelt, geplant und durchgeführt, bei
gleichzeitiger Prozess - und Ergebnisoffenheit für die Bedarfe und akt uellen
Themen von Jungen*.
Die Jungen * werden bei de r Entwicklung und Ausgestaltung von Angeboten
beteiligt.
Dem Personal wird die regelmäßige Praxisreflexion im unmittelbaren Anschluss
an die Durchführung pädagogischer Angebote ermöglicht, z um Beispiel im
Hinblick auf die eigene Haltung, angewandte Methoden und die Überprüfung von
Zielen.
Ergebnisqualitäten
Die Ergebnisqualitäten beziehen sich auf die Wirkungen, die die pädagogischen Angebote
der geschlechterreflektierten Jungen*arbeit erzielen.
Die Wirkung und die Ergebnisse von pädagogischen Angeboten
geschlechterreflektierter Jungen*arbeit werden regelmäßig evaluiert und
dokumentiert (quantitativ und qualitativ).
Die Evaluation erfolgt auf der Basis der ausformulierten Bedarfe und Ziele (siehe
Konzeptqualitäten).
Von den beteiligten Jungen* werden Rückmeldungen eingeholt, wie sie die Angebote
der geschlechterreflektierten Jungen*arbeit bewerten und welche Bedarfe,
Vorstellungen und Wünsche die Jungen* an eine geschlechterreflektierte
Jungen*arbeit haben.
Die Sicherstellung der Prozess - und Ergebnisoffenheit (siehe Prozessqualitäten) hat
Vorrang vor der Erfüllung von Zielen und qualifiziert die pädagogischen Angebote der
geschlechterreflektierten Jungen*arbeit als non-formalen Bildungsprozess.
6.4 Fachkräftequalifikation
Geschlechterreflektierte Jungen *arbeit setzt eine reflektierte pädagogische Haltung von
männlichen Fachkräften voraus. Auf dieser Grundlage entwickeln Fachkräfte ein
professionell gestaltetes pädagogisches Angebot für Jungen *. Ob die Fachkräfte in der
25
geschlechterreflektierten Jungen*arbeit „männlich“ sein müssen, wird in Fachkreisen
allerdings aktuell noch diskutiert.
Neben der beschriebenen geschlechterreflektierten Haltung und allgemeinen pädagogischen
Kompetenzen sind für eine geschlechterreflektierte Jungen *arbeit spezifische
Qualifikationen, Kenntnisse und Kompetenzen notwendig.
Voraussetzungen für die geschlechterreflektierte Arbeit der Fachkräfte sind:
Eine reflektierte und kritische Haltung zu sich selbst sowie die Bereitschaft und Fähigkeit
zur Selbstreflexion in Bezug auf Geschlechtersozialisation und die eigene Biographie,
persönliche Einstellungen, Geschlechterbilder und Verhaltensweisen . Es reicht nicht,
einer geschlechterreflektierten Pädagogik nur wohlwollend gegenüberzustehen, da eine
unqualifizierte und fachlich nicht fundierte geschlechtsspezifische Arbeit dazu führen
kann, dass stereotype Verhaltensweisen und Rollenbilder verstärkt statt abgebaut
werden.
Kenntnisse über Ziele, Inhalte, Bedeutung und Methoden der geschlechtergerechten
Jungen*arbeit. Damit verbunden ist auch die Fähigkeit, vorhandene Methoden auf ihre
Anwendbarkeit auf die pädagogische Arbeit mit Jungen * und das jeweilige Setting
bedarfsorientiert prüfen zu können.
Fachkenntnisse aus dem Bereich der Geschlechterforschung sowie die Bereitschaft und
Fähigkeit, sich mit geschlechtstypischen Rollenzuweisungen auseinanderzusetzen und
diese kritisch zu hinterfragen.
Eine zugewandte und wertschätzende Grundhaltung gegenüber Jungen*, verbunden mit
der Fähigkeit, sich reflektiert als männliche Bezugsperson Jungen* anzubieten, mit ihnen
in einen Dialog zu treten, Grenzen und Perspektiven auf zuzeigen und dabei ein
ausgewogenes Nähe-Distanz-Verhalten zu beachten.
In der geschlechterreflektierten Jungen*arbeit tätige Hauptberufliche sollten über eine
qualifizierte pädagogische Ausbildung verfügen . Zudem sind Praxiserfahrungen und
Fachkenntnisse im Bereich geschlechterreflektierter Jungen*arbeit oder
geschlechterbezogener pädagogischer Arbeit sowie Offenheit und Bereitschaft zur
Auseinandersetzung mit geschlechterreflektierter Sozialarbeit wertvoll. Bei
Stellenausschreibungen und Bewerbungsverfahren ist darauf zu achten, entsprechende
Qualifikationen zu fordern.
Neben haup tberuflichen Fachkräften sind in der geschlechterreflektierten Jungen*arbeit
häufig nebenberufliche Fachkräfte, Honorarkräfte und Ehrenamtliche tätig. Diese verfügen
über unterschiedliche Ausbildung en und Qualifikation, Erfahrungen und Motivation. Die
Träger* und Trägerinnen* müssen dies e unterschiedlichen Hintergründe berücksichtigen,
indem sie ihr Personal praxisnah qualifizieren und entsprechende Fort - und
Weiterbildungsangebote bereitstellen, um im jeweiligen Arbeitsfeld mit Jungen *
geschlechterreflektiert arbeiten zu können . Ebenso müssen Ressourcen zum fachlichen
Austausch mit anderen Fachkräften und zur Auseinandersetzung mit aktuellen
Entwicklungen im Bereich Jungenarbeit bereitgestellt werden.
In der Zusammenarbeit mit Honorarkräften und Ehrenamtlichen ist seitens der
Einrichtungen und der Träger* und Trägerinnen* darauf zu achten, dass sie ihr
26
konzeptionelles Selbstverständnis und ihre Zielsetzungen zur Jungenarbeit gegenüber allen
Beteiligten transparent machen. Honorarkräfte und Ehrenamtliche benötigen eine klare
Vorstellung davon, was die Ziele sind, w elche pädagogischen Aufgaben sie haben und was
dazu benötigt wird, um die se Aufgaben qualifiziert umzusetzen. Darüber hinaus müssen sie
genaue Kenntnis davon haben, in welchen Bereichen die Anforderungen einer
geschlechterreflektierten Jungen*arbeit liegen.
27
7. Methodeneinsatz
Für die geschlechterreflektierte Jungen*arbeit gibt es (noch) keine spezifischen Methoden.
Die Entwicklung spezieller Methoden ist aktuell nicht notwendig, da grundsätzlich alle
Methoden der Sozialen Arbeit unter Berücksichtigung einer geschlechtergerechten
Anwendung für die ges chlechterreflektierte Jungen*arbeit herangezogen werden können.
Methoden bezeichnen planvolles Handeln, um kognitiv, emotional, biographisch oder auf
der körperlichen Erfahrungsebene ein vorab festgelegtes pädagogisches Ziel zu erreichen.
Beim Einsatz sozialpädagogischer Methoden in der ges chlechterreflektierten Jungen*arbeit
geht es jedoch vorrangig um die lebendige Auseinandersetzung mit den Teilnehme rn* und
um den Prozess, den eine Gruppe oder eine Einzelperson innerhalb der Lernfelde r d er
gewählten Methode durchläuft. Methoden sind in diesem Sinne ein Hilfsmittel, um einen
Zugang zur g eschlechterreflektierten Jungen*arbeit zu schaffen und einen Prozess zur
Auseinandersetzung damit anzuregen.
Menschen eignen sich Themen durch unterschiedliche Strategien und über verschiedene
Wege an. Eine Methode ist dann sinnvoll, wenn sie an den Ressourcen der Teilnehmenden
anknüpft, da sie dann in der Regel besser verstanden und umgesetz t werden kann. Da
Menschen unterschiedlich lernen, ist es zudem sinnvoll, verschiedene Methoden zu nutzen,
um den unterschiedlichen Lernformen gerecht zu werden. Dadurch haben die
Teilnehmenden die Möglichkeit, sich auf unterschiedliche Art und Weise neues Wissen
anzueignen. Daher eignen sich auch für die ges chlechterreflektierte Jungen*arbeit der
Einsatz von Methoden aus verschiedenen Bereichen, zum Beispiel erlebnisbezogene,
theaterpädagogische, medienpädagogische, verantwortungsübertragende oder
kampfeslustige Methoden. Der einfache Austausch, das miteinander Reden und Zuhören ist
zwar eine selten beschriebene , aber ebenfalls sinnvolle und jederzeit einsetzbare M ethode
der Einzel- oder Gruppenarbeit.
Werden in der geschlechterreflektierten Jungen*arbeit offene Treffs, Freizeiten,
Ferienspiele, Projekttage, Termine mit einer Jungen *gruppe bzw. mit einzelnen Jungen *
oder andere Veranstaltungen geplant, ist zunächst eine Klärung der the matischen Ziele
(siehe Kapitel 5 .2) sowie die Auswahl der Methoden wichtig. Dabei sollte bedacht werden,
worin die Interessen der Gruppe liegen, anhand welcher Inhalte das jeweilige The menfeld
bearbeitet werden kann und welche Kompetenzen und Erfahrungsschätze bei Fachkräften
und Teilnehmern* vorhanden sind.
Mögliche Fragestellungen zum Methodeneinsatz bei der Projektplanung für Fachkräfte:
• Was soll mit der Methode erreicht werden? Ist sie themenbezogen?
• Bauen die ausgewählten Methoden sinnvoll aufeinander auf?
• Ist die Methode an den Interessen von Jungen* orientiert?
• Haben Jungen* die Möglichkeit, voneinander zu lernen und andere Jungen * in ihrer
Vielfalt kennenzulernen?
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• Mit welchem Ziel oder welcher Absicht wird Geschlecht dramatisiert 7? Ist eine
Auflösung und Ent-Dramatisierung bzw. Ausdifferenzierung vorgesehen?
• Spreche ich mit meinen Methoden unterschiedliche Lerntypen an?
• Was kann mit dieser Methode in dieser Gruppe passieren? Erfordert die gewählte
Methode Mut zum Ausprobieren? Sind Widerstände zu erwarten?
• Wurde folgender Grundsatz bedacht? Gleiche Methoden können mit
unterschiedlichen Gruppen anders wirken, gleiche Methoden können mit gleichen
Gruppen anders wirken.
Prinzipien zum Methodeneinsatz
• Durch Methodenvielfalt werden unterschiedliche Interessen angesprochen.
• Methoden sollen dazu verhelfen, das eigene Rollenbild als Junge * bzw. Mann* zu
reflektieren.
• Methoden sollen gesellschaftliche Mythen von Männlichkeit hinterfragen, um
Jungen* zu entlasten.
• Methoden sollen vorrangig prozessorientiert sein. Es gilt, die Wahrnehmungen und
Lebenswelten der Teilnehmenden gemeinsam zu erforschen und den Prozess
ergebnisoffen zu gestalten anstatt zuvor fest gelegte Ergebnisse oder Ziele zu
verfolgen.
• Methoden sollen sich an der Lebenswelt der Jungen * orientieren und Jungen * dazu
ermutigen, diese kritisch zu reflektieren und mitzugestalten.
• Methoden dürfen Jungen * nicht bloßstellen oder zu persönlichen Kränkungen
führen. Fragen sollten offen gestellt sein, sodass es den Teilnehme rn* möglich ist,
sich von Stereotypen zu distanzieren.
• Medien, die eingesetzt werden, repräsentieren die Vielfalt von Lebensentwürfen u nd
-realitäten.
• Die Person, die eine Methode anwendet, benötigt eine reflektierte und differenzierte
Haltung zur Geschlechtergerechtigkeit.
Rolle der Fachkraft beim Einsatz von Methoden
• Kann ich die von mir gewählten Methoden glaubhaft und motivierend einbringen?
• Kenne ich die von mir gewählten Methoden? (Ausprobieren im Vorfeld ist hilfreich,
da Literatur nicht die realen Bedingungen wiedergibt.)
• Bin ich in meiner Haltung zur Geschlechtergerechtigkeit für Jungen* als kongruent
und authentisch erkennbar?
• Arbeite ich mit Jungen * auf Augenhöhe und lasse ich mich auf einen gemeinsamen
Prozess ein? Gespräch suchen und eigene Sichtweisen begründen vs. „richtige“ und
„falsche“ Lösungen oder Belehrungen anbieten.
• Wie gelingt mir die Gratwanderung zwischen dem Vorstellen von Themen und der
Eigenmotivation der Jungen*?
7 Vgl. Debus Katharina/Stuve, Olaf/Budde, Jürgen: 2.2 Jungenbilder pädagogischer Fachkräfte. 2013; Debus,
Katharina: Dramatisierung, Entdramatisierung und Nicht-Dramatisierung in der geschlechterreflektierten
Bildung. 2012; Faulstich-Wieland Hannelore: Abschied von der Koedukation? 1996.
29
8. Kooperation und Vernetzung
8.1 Kooperation mit Mädchenarbeit
Geschlechterreflektierte Jungen*arbeit ist wie die Mädchenarbeit, die reflexive Koedukation
und das Crosswork ein Teil der geschlechterreflektierenden Pädagogik. Alle vier Ansätze
halten die Kategorie Geschlecht möglichst „offen“ und verweisen damit zugleich a uf ihre
Kritik an Geschlechterdualismus und Heteronormativität. In diesem Sinne bilden der Dialog
und eine gelingende Kooperation von Mädchen - und Jungenarbeit eine grundlegende
Voraussetzung dafür, die Kategorie Geschlecht vielseitiger und damit realitätsgetreuer als in
Abgrenzung zu einem vermeintlich „anderen“ Geschlecht zu verhandeln . Im Sinne einer an
der Gleichstellung der Geschlechter orientierten Kinder - und Jugendhilfe erarbeiten wir
dadurch außerdem gemeinsam koedukative Ansätze.
Worüber wir uns bewusst sind:
In der Mädchen - und Jungenarbeit treffen politische Bewegungen aufeinander, die
oft persönlich motiviert sind.
Die Mädchenarbeit verfügt über eine mehr als 30-jährige Entwicklungsgeschichte und
hat faktisch sämtliche Aufbau - und Sensibilisierungsarbeit für geschlechterbewusste
Kinder- und Jugendhilfe geleistet.
Die Jungenarbeit ist ursprünglich als Ergänzung bzw. Unterstützung zur
Mädchenarbeit entwickelt worden und ent wickelte sich nicht aufgrund einer
Benachteiligung und gesellschaftlichen Unterdrückung von Männern *. Das System
der hegemonialen Männlichkeit benachteiligt zwar auch Jungen*, dieser Aspekt
rückte aber erst später in das Blickfeld der Jungenarbeit.
Das Geschlechterverhältnis ist in unserer Gesellschaft noch immer durch , teilweise
auch verdeckte, hierarchische Strukturen zu Gunsten von Männern * geprägt. Diese
üben als soziale Gruppe strukturelle und direkte Gewalt aus ( zum Beispiel in Form
von Nichtanerkennung von Jobs, die mehrheitlich von Frauen * ausgeführt werden,
Unterbezahlung von Frauen *, Ausschluss von Frauen* aus Führungspositionen,
Abwertung von weiblich zugeschriebenen Eigenschaften, Behandlung von Frauen* als
Sexualobjekt, Vergewaltigung)
Die geschlechterreflektierte Jungen*arbeit profitiert von den entwickelten Wegen,
Strategien und Konzepten der Mädchenarbeit und – als Arbeit von Männern * mit
Jungen* – zudem oft vom patriarchalen System (zum Beispiel, weil vor allem
Männer* Entscheidungsträger für finanzielle Mittel sind).
Gefahren der Konkurrenz bestehen im Besonderen auch beim „Verteilungskampf von
begrenzten Ressourcen, die derzeit noch reduziert werden – in welchem Jungenarbeit
aktuell gefragt, gefördert, gestützt ist („Jungs als Bildungsverlierer“ vs.
Mädchen*arbeit ein „alter Hut“)“. 8 In diesem Zusammenhang bedeutete die
Einführung von Gender Mainstreaming (seit 1999) für Jungenarbeit tendenziell eine
Aufwertung (vor allem auf Führungs- und Entscheidungsebene) , während die
Mädchen*arbeit durch Einbußen bei der öffentlicher Anerkennung und teilweise
sogar durch die Reduzierung der finanziellen Förderung abgewertet wurde.
8 Rauw, Regina/Ottemeier-Glücks, Franz Gerd, 2009: S. 25.
30
Eine auf Geschlechtergerechtigkeit abzielende Kinder- und Jugendhilfe braucht eine
kooperierende Mädchen *- und Jungen *arbeit und ihre Unterstützung auf ganzer Linie. Es
gilt, gemeinsam darauf hinzuwirken und dafür einzustehen, gute Bedingungen für eine
Kooperation zu schaffen. Hierbei ist die strukturelle (und konzeptionelle) Verankerung von
Mädchen*- und Jungen *arbeit auf kommunaler Ebene die Voraussetzung, um der
Konkurrenz um Ressourcen entgegenzuwirken. Neben allen kooperativen Herausforderungen
muss im Blick behalten werden, wie die Kooperation von Mädchen *- und Jungen *arbeit
Mädchen* und Jungen* zugutekommen kann.
Für gelingende geschlechterbewusste Arbeit ist nicht nur ein regelmäßiger Austausch über
den Stand de s jeweiligen Arbeitsbereiches, sondern auch eine Auseinandersetzung über die
Wirkungen von Mädchen *- und Jungen *arbeit auf das herrschende Geschlechterverhältnis
notwendig.
8.2 Mädchen *- und Junge n*arbeit in der Stadt Darmstadt und im Landkreis Darmstadt -
Dieburg
Hinsichtlich der Vernetzung und des Zusammenwirkens im Sinne gleichstellungsorientierter
Jugendhilfe entstand im Jahr 2012 als gemeinsames Austauschgremium der beiden
Arbeitskreise zur Mäd chenarbeit (AKPM und MAK) und der Arbeitsgemeinschaft
Jungenarbeit (AGJ) der Stadt Darmstadt und des Landkreises Darmstadt -Dieburg die
Fachgruppe Gender (FGG). Inhaltlich ging es anfänglich um den Austausch und das
Kennenlernen der bestehenden Strukturen in den jeweiligen Arbeitskreisen. Zunehmend
wurden in der Fachgruppe Gender gemeinsame Absprachen über das Zusammenwirken
getroffen. Dazu gehören:
3 Austauschtreffen im Jahr
4–5 Delegierte aus den jeweiligen Arbeitskreisen
Austausch über Leitlinien
Austausch über aktuelle Entwicklungen geschlechterrelevanter Themenstellungen mit
Einflüssen auf die Kinder- und Jugendarbeit
Planung und Durchführung gemeinsamer Fachtage, Veranstaltung und Aktionen
Bis heute besteht in der Fachgruppe Gender eine kontinuierliche Zusammenarbeit . Diese
veranstaltete neben den Austauschtreffen 2014 einen Fachtag zum Thema „Homo – oder
was!?“, bei dem sich 60 Teilnehmerinnen* und Teilnehmer* über klassische Vorurteile,
Stereotypen und konservative Rollenvorstellungen sowie d ie Vielfalt geschlechtlicher
Identitäten fachlich austauschten . Die Veranstaltung fand in Kooperation mit dem Verein
Vielbunt e. V. statt. Außerdem führte die Fachgruppe Gender 2015 mit der
Impulsveranstaltung „Das sagt man doch so!“ einen Erfahrungsaustausch zu sexistischen und
diskriminierenden Kommunikationskulturen in der Praxis der Kinder- und Jugendarbeit mit
30 Teilnehmenden durch. Im Jahr 2016 organisierte sie den Workshop „ Trans*Basics – was
ihr schon immer mal über Trans* wissen wolltet! “. Schwerpunkt der Veranstaltung war die
Auseinandersetzung mit alltäglichen Erfahrungen und Konflikten v on Trans*Personen sowie
die Informationsvermittlung über die Bedeutung von Trans* und von Supportmöglichkeiten
für betroffene Personen.
8.3. Überregionale Vernetzung
31
In vielen Bundesländern haben sich Jungenarbeiter * zu Landesarbeitsgemeinschaften (LAGs)
für Jungenarbeit zusammengeschlossen. In Hessen besteht eine solche LAG nicht, seit 2009
besteht jedoch die Fachgruppe Jungenarbe it in Hessen. D iese hat es sich zur Aufga be
gemacht, jährlich einen Fachtag mit Fortbildungs- und Austauschcharakter für Fachkräfte, die
im pädagogischen Kontext mit Jungen* arbeiten, zu veranstalten. In dieser Fachgruppe ist
derzeit eine Person der AG J vertreten, um sich über inhaltliche sowie aktuelle
Themenschwerpunkte zu informieren und die Praxis der regionalen Basisarbeit in die
Fachgruppenarbeit einfließen zu lassen. Darüber hinaus wurde Ende 2015 die Fachstelle
„Fokus Jungs “ des Paritätischen Bildungswerkes Bundesverband installiert. Die durch die
Aktion Mensch geförderte Fachstelle wird zunächst über einen Zeitraum von 3 Jahren
gefördert. Schwerpunkt der Fachstelle ist die Förderung einer landesweiten Vernetzung
sowie Fachkräfte praxisnah und zielgruppenorientiert bei ihrer geschlechtsbezogenen Arbeit
mit Jungen* zu unterstützen.
32
9. Evaluation der geschlechterreflektierten Jungen*arbeit
Für die Evaluation der geschlechterreflektierten Jungen*arbeit sind für die Jungen*arbeit
geeignete Werkzeuge, Kriterien und Methoden heranzuziehen . Dabei ist vorab zu ermitteln,
ob von den Trägern* und Trägerinnen* standardisierte Evaluierungsmethoden gefordert
werden oder es Fachkräften möglich ist, Evaluierungsmethoden aus den Maßnahmen heraus
zu entwickeln. Jede Form der Evaluation muss die Ziele von Maßnahmen oder Projekten
beschreiben und darlegen, welche davon erreicht wurden und welche nicht. Gleichzeitig
muss in Kooperation mit der Mädchenarbeit * beschrieben werden, was mit der Maßnahme
im Blick auf Gendergerechtigkeit bewirkt bzw. erreicht wurde. Die Evaluation der
geschlechterreflektierten Jungen*arbeit erschließt sich in mehreren Dimensionen und
Formen:
Als Auswertung einer Maßnahme oder eines Projekts mit den teilnehmenden
Jungen*. Es geht dabei um das Teilnehmer *feedback. Formate dazu können im
Austausch zwischen Jungenarbeit ern* weiterentwickelt, Inhalte untereinander
kommuniziert werden.
Als Selbstevaluierung der Jungenarbeiter* zur Dokumentation der eigenen Arbeit. Es
sind dabei die Fragen zu beantworten: Waren die Maßnahme oder das Projekt
erfolgreich? Wie ist Erfolg zu definieren? Wer hat die Definitionshoheit?
Als Auswertung mit Fachkräften. Diese erfolgt in der jeweiligen Einrichtung , und im
Austausch mit Kolleg*innen, beispielsweise in der Arbeitsgemeinschaft Jungen*arbeit
und der Fachgruppe Gender.
Darüber hinaus wird eine kooperative Evaluation zusammen mit der Mädchen*arbeit
in der Fachgruppe Gender angestrebt.
Als Evaluationszeiträume empfehlen wir:
Für die Auswertung mit den teilnehmenden Jungen *, diese jeweils am Ende einer
Maßnahme durchzuführen.
Für die Selbstevaluation, diese unmittelbar nach der Maßnahme, aber spätestens am
Ende einer Woche durchzuführen.
Für die Auswertung mit Fachkräften einer Einrichtung oder in Kooperation mehrerer
Einrichtungen, diese mindestens monatlich durchzuführen.
Für die Auswertung in der AGJ, diese mindestens einmal im Jahr durchzuführen.
Für die Trägerinnen* und Träger*, diese alle 5 Jahre durchzuführen.
33
10. Ausblick
Es scheint paradox: In den Leitlinien zur geschlechterreflektierten Jungen*arbeit bedienen
wir uns konstruierter Kategorien (Jungen* und Mädchen*), um gleichzeitig deren Bedeutung
auflösen zu wollen. Doch so lange junge Menschen von der Annahme ausgehen, bestimmte
Verhaltensweisen ausprägen zu müsse n, um sich der Kategorie ‚Junge‘ zugehörig fühlen zu
können und als Junge* gesellschaftlich anerkannt zu werden, ist die geschlechterreflektierte
Jungen*arbeit hilfreich, um die Wirkmächtigkeit der Kategorie „Geschlecht“ zu reduzieren
und geschlechtliche Vielfalt zu fördern.
Geschlechterreflektierte Jungen*arbeit erhält somit ihre Berechtigung, bis in einer
zukünftigen Welt die freie Wahl möglich und die Vielfalt der Geschlechter ohne
gesellschaftlich konstruierte und eingrenzende Zuweisungen akzeptiert ist.
Wie sieht die Zukunft der geschlechterreflektierten Jungen*arbeit aus?
Wirkung entfalten in andere Arbeitsfelder, zum Beispiel in Kindertageseinrichtungen,
Schulen oder Ausbildungsstätten sowie in die Qualifizierung von Pädagoginnen * und
Pädagogen*.
Stärkere Vernetzung mit den Fac hkräften aus den genannten Arbeitsfeldern (zum
Beispiel in der AGJ).
Digitale Welten als einen Ort der geschlechterreflektierten Jungen*arbeit begreifen
und berücksichtigen.
Weiterhin mit der Mädchenarbeit kooperieren und sich gemeinsam stark machen für
Geschlechtergerechtigkeit.
Die Zielgruppe von geschlechterreflektierter Jungen*arbeit muss unter
Berücksichtigung der Spannung zwischen einem zugewiesenen und dem selbst
wahrgenommenen Geschlecht stetig überprüft und diskutiert werden.
Hinwirkung auf die E rschließung weiterer Zielgruppen über J ungen* und Mädchen*
hinaus, zum Beispiel transsexuelle oder intergeschlechtliche Kinder und Jugendliche.
Gesellschaftspolitische Entwicklungen müssen weiterhin gleichzeitig beachtet
werden, zum Beispiel Flucht und Migration, Generationengerechtigkeit.
34
Literatur
Quellen und Weiterführende Literatur
Bitzan, Maria: Geschlechtshierarchischer Verdeckungszusammenhang. Überlegungen zur
sozialpädagogischen Mädchen - und Frauenforschung. In: Lemmermöhle, Doris/Fischer,
Dietlind/Klika, Dorle/Schlüter, Anne (Hrsg.): Lesarten des Geschlechts. Zur De -
Konstruktionsdebatte in der erziehungswissenschaftlichen Geschlechterforschung. Op laden:
Leske und Budrich Verlag; 2000: S. 146–160.
Bremer Leitlinien Jungenarbeit. Bremen; 2012
Budde, Jürgen: Dramatisieren – Differenzieren – Entdramatisieren. In: Kilian, Jörg/Pfeiffer,
Joachim/ Schlobinski, Peter/Staiger, Michael (Hrsg.): D er Deutschunterricht, H. 1. 2006 .
Seelze: Friedrich Verlag; 2006: S. 71–83.
Butler, Judith: Das Unbehagen der Geschlechter. 19. Aufl. F rankfurt a. M.: Suhrkamp Verlag;
1991.
Debus, Katharina: Dramatisierung, Entdramatisierung und Nicht -Dramatisierung in der
geschlechterreflektierten Bildung. Weiterentwicklung des Kurzvortrags vom Fachtag
„Geschlechterreflektierte Arbeit mit Jungen in Schule und Jugendarbeit. Konzepte –
Erfahrungen – Perspektiven“, Workshop 3 „Wenn Methoden nach hinten losgehen –
Dramatisierung und Entdramatisierung in Methoden zu Geschlechterbildern. Berlin:
Sozialpädagogisches Fortbildungsinstitut Berlin-Brandenburg; 2012.
Debus, Katharina/Stuve, Olaf/Budde, Jürgen: 2.2 Jungenbilder pädagogischer Fachkräfte. In:
Kompetenzzentrum Technik -Diversity-Chancengleichheit e. V. (Hrsg.): Eine
Praxishandreichung für die Schule. Erweiterung der Perspektiven für die Berufs - und
Lebensplanung von Jungen. Bielefeld; 2013: S. 10–12.
Faulstich-Wieland, Hannelore: Abschied von der Koedukation? In: Kleinau, Elke/Opitz,
Claudia (Hrsg.): Geschichte der Mädchen - und Frauenbildung Band 2 – Vom Vormärz bis zur
Gegenwart. Frankfurt/Main: Campus-Verlag; 1996: S. 386–400.
Gesetze:
Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) - Richtlinien über
die Gewährung von Zuschüssen und Leistungen zur Förderung der Kinder - und Jugendhilfe
durch den Kinder- und Jugendplan des Bundes (KJP).
Im Internet:
www.bmfsfj.de/blob/111964/2f7ae557daa0d2d8fe78f8a3f9569f21/richtlinien-kjp-2017-
data.pdf, Stand 15.02.2019
Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland - Art. 3.
Im Internet: www.gesetze-im-internet.de/gg/art_3.html, Stand 15.02.2019
35
Hessisches Kinder- und Jugendhilfegesetzbuch (HKJGB). Im Internet:
www.soziales.hessen.de/sites/default/files/media/hsm/hkjgb_geaendert_am_151014.pdf,
Stand 15.02.2019
Hessisches Kultusministerium (HKM) - Lehrplan zur Sexualerziehung an den
allgemeinbildenden und beruflichen Schulen in Hessen. Im Internet:
www.kultusministerium.hessen.de/sites/default/files/media/hkm/lehrplan_sexualerziehun
g_formatiert_neu.pdf, Stand 15.02.2019
Hessisches Ministerium für Soziales und Integration (HSM): Bildungs - und Erziehungsplan
für Kinder von 0 bis 10 Jahren in Hessen (BEP). Im Internet:
kultusministerium.hessen.de/sites/default/files/media/hkm/bildung_von_anfang_an_2014
.pdf, Stand 15.02.2019
Rat der Gemeinden und Regionen Europas (RGRE) - Europäische Charta für die
Gleichstellung von Frauen und Männern auf lokaler Ebene. Im Internet:
www.rgre.de/fileadmin/redaktion/pdf/resolutionen/charta_gleichstellung.pdf, Stand
15.02.2019
Sozialgesetzbuch (SGB) - Achtes Buch (VIII) - Kinder- und Jugendhilfe - § 9 Grundrichtung
der Erziehung, Gleichberechtigung von Mädchen und Jungen. Im Internet: www.gesetze -
im-internet.de/sgb_8/__9.html, Stand 15.02.2019
Sozialgesetzbuch (SGB) - Achtes Buch (VIII) - Kinder- und Jugendhilfe - § 74 Förderung der
Freien Jugendhilfe.
Im Internet: www.gesetze-im-internet.de/sgb_8/__74.html, Stand 15.02.2019
Vertrag über die Arbeitsweise der Europäischen Union (AEUV) - Erster Teil - Grundsätze
(Art. 1 – 17) - Titel II - Allgemein geltende Bestimmungen (Art. 7 – 17). Im Internet:
www.dejure.org/gesetze/aeuv, Stand 15.02.2019
Wissenschaftsstadt Darmstadt, Frauenbüro (HG): 1. Gleichstellungsaktionsplan
Wissenschaftsstadt Darmstadt 2018 – 2020. Europäische Charta zur Gleichstell ung von
Frauen und Männern auf lokaler Ebene. Darmstadt 2017. Im Internet:
www.darmstadt.de/fileadmin/PDF-Rubriken/Gleichstellungsaktionsplan_Darmstadt.pdf,
Stand 15.02.2019
Jähningen, Roland: Über den Blick auf Jungen in einem Kinderhaus im Stuttgarter Stadtteil
Botnang. In: Sturzenhecker, Benedikt/Winter, Reinhard (Hrsg.): Praxis der Jungenarbeit.
Modelle, Methoden und Erfahrungen aus pädagogischen Arbeitsfeldern. Weinheim und
München: Juventa Verlag; 2002.
Krabel, Jens et al.: Müssen Jungen aggressiv sein? Eine Praxismappe für die Arbeit mit
Jungen. Mühlheim an der Ruhr, Verlag An der Ruhr; 1998.
Landesarbeitsgemeinschaft Mädchenarbeit in NRW e.V./Landesarbeitsgemeinschaft
Jungenarbeit in NRW e.V. (Hrsg.): Müssen, Können, Dürfen – gelingende Kooperat ion von
Mädchen- und Jungenarbeit. Dokumentation der Fachtagung vom 24.9.2009 in Essen.
36
Mädchenzentrum MABILDA e.V. Duisburg/Jungs e.V. Duisburg/Landesarbeitsgemeinschaft
Mädchenarbeit in NRW e.V./Landesarbeitsgemeinschaft Jungenarbeit in NRW e.V. (Hrsg.) :
Kooperation von Mädchen - und Jungenarbeit – kommunal, regional, landesweit.
Reflexionen, Erfahrungen, Ausblicke. Dokumentation der Fachtagun g vom 22. Mai 2014 in
Duisburg.
Rauw, Regina/Ottemeier-Glücks, Franz Gerd: Erlebte Geschichte – gewonnene Erkenntnisse
– Reflexionen aus der Praxis. Kooperation als Fachmänner und Fachfrauen. In:
Landesarbeitsgemeinschaft Mädchenarbeit in NRW e.V./Landesarbeitsgemeinschaft
Jungenarbeit in NRW e.V. (Hrsg.): Müssen, Können, Dürfen – gelingende Kooperation von
Mädchen- und Jungenarbeit. Dokumentation der Fachtagung am 24.09.2009 in Essen, S. 25.
Wallner, Claudia: Vertrauensbildende Maßnahmen im Auge des Orkans oder: wie es
gelingen kann, dass Mädchenarbeit und Jungenarbeit kooperieren. In: Kunert -Zier,
Margitta/Krannich, Margret (Hrsg.): Vom Geschlechterquatsch zum Genderparcours.
Geschlechtergerechte Bildung und Erziehung vom Kindergarten bis zum Jugendtreff.
Schriftenreihe der Heinrich-Böll-Stiftung Hessen e. V., Band 19. Essen 2008, S.133–149.
Wallner, Claudia: Chancen und Stolpersteine in der Kooperation zwischen Mädchen - und
Jungenarbeit. Fachvortrag in der FUMA Fachstelle Gender NRW zum jährlichen
Vernetzungstreffen „Gender Mainstreaming bei Trägern der Jugendhilfe in NRW“. Essen ,
2009.
Winter, Reinhart/Neubauer, Gunter: Dies und Das! Das Variablenmodell „balanciertes Junge
und Mannsein“ als Grundlage für die pädagogische Arbeit mit Jungen und Männern.
Tübingen: Neuling Verlag; 2001.
37
Definition und Erklärung von Fachbegriffen
AGJ Abkürzung für Arbeitsgemeinschaft der Jungenarbeiter*
aus der Wissenschaftsstadt Darmstadt und dem
Landkreis Darmstadt -Dieburg, trifft sich monatlich,
verantwortet u. a. die Jungenleitlinien und den
Jungentag in Darmstadt, besteht seit 1996.
Coming-Out Das freiwillige oder erzwungene öffentliche Bekenntnis
zur Homosexualität, Transidentität oder Intersexualität.
Crosswork Mit Crosswork ist die geschlechterreflektierte
pädagogische Arbeit von Männern* mit Mäd chen* und
von Frauen* mit Jungen * gemeint . Zwei Geschlechter ,
Zwei Geschlechter, die sich gefühlt gegenüberstehen
und gesellschaftlich unterschiedliche Eigenschaften
zugeschrieben bekommen, begegnen sich in diesem
Setting und lernen etwas voneinander oder
miteinander. Bei Crosswork wird eine
geschlechterdichotome Setzung vorgenommen, die erst
einmal nur von Männern*/Jungen* und
Frauen*/Mädchen* ausgeht.9
Fachkraft Pädagogisch qualifizierte *r Mitarbeiterin* oder
Mitarbeiter*, die oder der zusätzlich eine spezielle
Qualifikation für Jungen *arbeit (oder Mädchenarbeit)
besitzt.
Gender Mainstreaming Politische Strategie zum Sicherstellen von Gleichstellung
von Frauen* und Männern* auf allen gesellschaftlichen
Ebenen, seit 1997/1999 ist Gender Mainstreaming ein
erklärtes Ziel der Europäischen Union , ursprünglich
entstammt Gender Mainstreaming nicht dem Kontext
der Mädchen*- und Jungen*arbeit.
Gendersensibel Synonym für geschlechterreflektiert.
Geschlechterkonstruktion Eine gesellschaftliche Zuschreibung, mit der Jungen* zu
Jungen, Männer* zu Männern, Mädchen* zu Mädchen
und Frauen* zu Frauen gemacht werden, vermittelt
durch einen Anpassungsdruck an gesellschaftliche
Normen und Werte.
9 (Busche, Mart: Crosswork: Vom Sinn und Unsinn der pädagogischen Arbeit mit dem „Gegengeschlecht“. In:
Dissens e.V. (Hrsg.): Geschlechterreflektierte Arbeit mit Jungen an der Schule: Texte zu Pädagogik und
Fortbildung rund um Jungen, Geschlecht und Bildung. Berlin 2013, S . 160-168.)
38
Geschlechterreflektiert Das eigene Denken und Handeln reflektiere n in Bezug
auf die Vielzahl von Geschlechtern und die patriarchal
geprägte Zuschreibung zum binären Geschlecht.
Gleichberechtigung Forderung nach einer rechtlichen Gleichbehandlung von
Mädchen* und Jungen*, Frauen* und Männern*, im
Grundgesetz verankert.
Gleichstellung Gesetzlich geforderte einheitliche Behandlung von
Mädchen* und Jungen*, Frauen* und Männern* in allen
Belangen, wird durch das Instrument des Gender -
Mainstreamings überprüft.
Gleichwertigkeit Moralisch-ethische Kategorie für die Beschreibung und
Bescheinigung des gleichen Wertes von Mädchen* und
Jungen*, Frauen* und Männern*.
Hegemoniale Männlichkeit Gesellschaftliche Praxis, welche die dominante
(hegemonial-übergeordnete) Position von Männern und
eine untergeordnete Position von Nichtmännern
garantieren soll.
Heteronormativität Die Vorstellung, dass Heterosexualität die „normale“
und damit richtige Form der Sexualität sei, während
weitere sexuelle Orientierung en Abweichungen von
dieser Norm darstellen würden.
Homophobie Angst vor Homosexualität und Homosexuellen. Die
Folgen von Homophobie sind Verachtung, Lächerlich
machen, Ausgrenzen oder Verleugnen von
Homosexualität und Homosexuellen.
Intersexualität Geschlechtlichkeit, bei der genetisch und/oder
anatomisch gleichzeitig weibliche und männliche
Geschlechtsmerkmale bestehen, bis 2015 war für
intersexuelle Menschen per Gesetz eine eindeutige
Geschlechtszuweisung, in der Regel durch Operation,
gefordert.
Jungen*arbeit Pädagogische geschlechterreflektierte Arbeit mit
Jungen* durch männliche* Fachkräfte, siehe auch
Kapitel 3.
Jungenarbeit Sammelbegriff für pädagogische Arbeit mit Jungen, die
auch geschlechterreflektierte Ansätze beinhalten kann.
39
Jungen*arbeiter Männliche* pädagogische Fachkraft in der Sozialen
Arbeit für geschlechterreflektierte Arbeit mit Jungen*.
Jungenpädagogik Pädagogische geschlechterreflektierte Arbeit mit
Jungen* sowohl durch weibliche* und männliche*
Fachkräfte, siehe auch Kapitel 3.
Koedukative Jugendarbeit Pädagogische Arbeit von, mit und für Kinder(n) und
Jugendliche(n), die Mädchen und Jungen gleichermaßen
zur Zielgruppe hat.
Neue Frauenbewegung Auch „Zweite Frauenbewegung“ genannt, die nach der
Ersten Frauenbeweg ung Ende des 19. Jahrhunderts
Mitte der 1970er-Jahre als Protestbewegung der Frauen
in den westlichen Industrieländern für mehr
Emanzipation kämpfte. Bedeutende Protagonistin in
Deutschland war u. a. Alice Schwarzer.
Outing Öffentliches Bekanntmachen der Homosexualität,
Transidentität oder Intersexualität einer Person ohne
deren Zustimmung oder gegen deren Willen.
Patriarchat, patriarchale Strukturen Herrschaft des männlichen Prinzips, das Männern einen
Vorrang gegenüber Frauen einräumt.
Tradiertes Mannsein Wird synonym zu „hegemoniale Männlichkeit“
verwendet.
Transidentität Menschen mit einer Selbstwahrnehmung in einem – in
der Regel binären – Geschlecht, das nicht dem Körper
entspricht
Transfrau Frau, die mit einem männlichen Körper geboren wird.
Transmann Mann, der mit einem weiblichen Körper geboren wird.
Transphobie Angst vor Transidentität und Transmenschen. Die Folgen
von Transphobie sind Verachtung, Lächerlich machen,
Ausgrenzen oder Verleugnen von Transidentität und
Transmenschen.
40
Übersicht der AGJ-Mitglieder
Die derzeit aktiven Mitwirkenden arbeiten in folgenden Institutionen:
Jugendcafé „Chillmo“, Darmstadt-Kranichstein
Jugendclub Kranichstein
Jugendring Darmstadt
Jugendhaus Messeler Straße, Darmstadt-Arheilgen
Jugendförderung Griesheim
Jugendcafé Reinheim-Georgenhausen
Kinder- und Jugendförderung Ober-Ramstadt
Kinder- und Jugendförderung Erzhausen
Aktivspielplatz Herrngarten, Darmstadt
Jugendförderung Mühltal
Jugendförderung Reinheim
Kinder- und Jugendförderung Alsbach-Hähnlein
Nachbarschaftsheim Darmstadt e. V.
Kinder- und Jugendförderung Wissenschaftsstadt Darmstadt
Kinderhaus Paradies, Darmstadt-Eberstadt
Jugendbildungswerk Landkreis Darmstadt-Dieburg
Kinder- und Jugendförderung Landkreis Darmstadt-Dieburg
Kinder- und Jugendförderung Pfungstadt sowie Stadtteile
Kinder- und Jugendförderung Bickenbach
Jugendhaus *huette, Darmstadt
Sportkreisjugend Darmstadt-Dieburg
Jugendhaus Penthaus, Wixhausen
Jugendförderung Weiterstadt
Evangelisches Stadtjugendpfarramt Darmstadt
Jugendhaus Kiste, Darmstadt-Eberstadt
Pro Familia Darmstadt
anlage 3
198 Zeichen
Punkt 5: Leitlinien zur Förderung der geschlechterreflektierten Jungen*arbeit in der Kinder - und Jugendhilfe (V-Nr. 2020/0249) - Kenntnisnahme - Der Ausschuss nimmt von der Vorlage Kenntnis.
2020/0249
3727 Zeichen
Magistratsvorlage
Eingang Magistrats -
geschäftsstelle:
09.09.2020
an den Magistrat
zur Kenntnis
zur Beschlussfassung
Beteiligt vor
Magistratsbeschlussfassung:
Dezernat V an die Stadtverordnetenversammlung
OBW zur Befassung
zur Kenntnis
zur Beschlussfassung
zur abschließenden Beschluss -
fassung Fachausschuss
Amt: Jugendamt
OBW bei abschl.
Beschlussfassung Magistrat
Behandlung in
öffentl. Sitzung
Ja
Nein
Verteiler:
Ja
Nein
Vorlage-Nr. 2020/0249
Magistratsbeschluss -Nr.
Internetfähig
Produkt-Nr.: 362000
Kostenstelle: 6179840 Investitionsnummer:
Kostenträger: 051-004-1000 Sachkonto:
Betreff: Leitlinien zur Förderung der geschlechterreflektierten Jungen* arbeit in der Kinder -
und Jugendhilfe
Vorlage vom: 25.08.2020
Beschlussvorschlag :
Der Magistrat beschließt die Umsetzung der in der AG Jungenarbeit der Wissenschaftsstadt
Darmstadt und des Landkreises Darmstadt -Dieburg erarbeiteten Leitlinien zur
geschlechterreflektierten Jungen*arbeit.
Anlagen: Leitlinien zur geschlechterreflektierten Jungen*arbeit in der Wissenschaftsstadt
Darmstadt und im Landkreis Darmstadt -Dieburg
Datenschutzrelevante Anlage:
Folgekosten: Ja Nein
- 2 -
Beschluss des Magistrats vom
- 3 -
Begründung zur Magistratsvorlage vom 25.08.2020
„Leitlinien zur geschlechterreflektierenden Jungen*arbeit“
Die Arbeitsgemeinschaft Jungenarbeit (AGJ) der Wissenschaftsstadt Darmstadt und des
Landkreises Darmstadt -Dieburg ist ein Zusammenschluss der Kinder - und Jugendförderung
im Jugendamt der Wissenschaftsstadt Darmstadt und des Jugendbildungswerks des
Landkreises Darmstadt -Dieburg, des Sportkreises Darmstadt -Dieburg sowie mehreren
Kinder- und Jugendhäuser in beiden Gebietskörperschaften.
Die vorliegenden Leitlinien wurden in den letzten Jahren durch eine Redaktionsgruppe in
enger Zusammenarbeit mit der AGJ verfasst und sind eine Weiterentwicklung der bisher
bestehenden Konzeptentwürfe der unterschiedlichen Einrichtungen.
Die Leitlinien sollen nicht nur Grundlage des pädagogischen Handelns innerhalb der
Jungen*arbeit, sondern auch ein wichtiger Beitrag zum Diskurs über
geschlechterreflektierendes und –sensibles Arbeiten mit Jungen* sei n.
Die vorliegenden Leitlinien betrachten sowohl die Rolle der pädagogischen Fachkräfte in der
Jungen*arbeit als auch die besonderen Herausforderungen, mit denen Jungen* heute
konfrontiert sind. Sie nehmen die pädagogischen Fachkräfte als Rollenmodelle i n den Blick
und bieten Unterstützung bei der kritischen Auseinandersetzung mit rigiden und tradierten
Männlichkeitsvorstellungen .
Die Aneignung einer selbstbestimmten gesch lechtlichen Identität, frei von vorherrschenden
Rollenklischees, ist eine der wichtigsten Herausforderungen für heranwachsende Jungen*.
Die Leitlinien greifen dieses Thema auf und bieten Ansatzpunkte für die praktische,
pädagogische Arbeit mit Jungen*.
Insbesondere tabuisierte Themen wie der Umgang mit persönlichen Gewalterfahrungen ,
positiven Körpergefühlen und Emotionen werden von den Leitlinien aufgegriffen und geben
Orientierung für die Jungen*arbeit in der Wissenschaftsstadt Darmstadt.
Mit diesen Leitlinien wird ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Herstellung von
Geschlechtergerechtigkeit umgesetzt. Die Leitlinien sind dabei nicht als Abschluss zu
verstehen, sondern als Impuls für das zukünftige Handeln der AGJ.
Eine gemeinsame Veröffentlichung der Leitlinien zur geschlechterreflektierten Jungen*arbeit
mit dem Landkreis Darms tadt-Dieburg ist geplant.
Darmstadt, 09.09.2020
Dezernat V
Barbara Akdeniz
Stadträtin
anlage 2
3761 Zeichen
- 2 -
Magistratsvorlage
Eingang Magistrats-
geschäftsstelle:
09.09.2020
an den Magistrat
zur Kenntnis
zur Beschlussfassung
Beteiligt vor
Magistratsbeschlussfassung:
Dezernat V an die Stadtverordnetenversammlung
OBW zur Befassung
zur Kenntnis
zur Beschlussfassung
zur abschließenden Beschluss-
fassung Fachausschuss
Amt: Jugendamt
OBW bei abschl.
Beschlussfassung Magistrat
Behandlung in
öffentl. Sitzung
Ja
Nein
Verteiler:
V 51
Stvv
Ja
Nein
Vorlage-Nr. 2020/0249
Magistratsbeschluss-Nr.
256
Internetfähig
Produkt-Nr.: 362000
Kostenstelle: 6179840 Investitionsnummer:
Kostenträger: 051-004-1000 Sachkonto:
Betreff: Leitlinien zur Förderung der geschlechterreflektierten Jungen* arbeit in der Kinder-
und Jugendhilfe
Vorlage vom: 25.08.2020
Beschlussvorschlag:
Der Magistrat beschließt die Umsetzung der in der AG Jungenarbeit der Wissenschaftsstadt
Darmstadt und des Landkreises Darmstadt -Dieburg erarbeiteten Leitlinien zur
geschlechterreflektierten Jungen*arbeit.
Anlagen: Leitlinien zur geschlechterreflektierten Jungen*arbeit in der Wissenschaftsstadt
Darmstadt und im Landkreis Darmstadt -Dieburg
Datenschutzrelevante Anlage:
- 3 -
Folgekosten: Ja Nein
Beschluss des Magistrats vom 16.09.2020
Der Vorlage wird zugestimmt.
Begründung zur Magistratsvorlage vom 25.08.2020
„Leitlinien zur geschlechterreflektierenden Jungen*arbeit“
Die Arbeitsgemeinschaft Jungenarbeit (AGJ) der Wissenschaftsstadt Darmstadt und des
Landkreises Darmstadt-Dieburg ist ein Zusammenschluss der Kinder - und Jugendförderung
im Jugendamt der Wissenschaftsstadt Darmstadt und des Jugendbildungswerks des
Landkreises Darmstadt-Dieburg, des Sportkreises Darmstadt -Dieburg sowie mehreren
Kinder- und Jugendhäuser in beiden Gebietskörperschaften.
Die vorliegenden Leitlinien wurden in den letzten Jahren durch eine Redaktionsgruppe in
enger Zusammenarbeit mit der AGJ verfasst und sind eine Weiterentwicklung der bisher
bestehenden Konzeptentwürfe der unterschiedlich en Einrichtungen.
Die Leitlinien sollen nicht nur Grundlage des pädagogischen Handelns innerhalb der
Jungen*arbeit, sondern auch ein wichtiger Beitrag zum Diskurs über
geschlechterreflektierendes und –sensibles Arbeiten mit Jungen* sein.
Die vorliegenden Leitlinien betrachten sowohl die Rolle der pädagogischen Fachkräfte in der
Jungen*arbeit als auch die besonderen Herausforderungen, mit denen Jungen* heute
konfrontiert sind. Sie nehmen die pädagogischen Fachkräfte als Rollenmodelle in den Blick
und bieten Unterstützung bei der kritischen Auseinandersetzung mit rigiden und tradierten
Männlichkeitsvorstellungen.
Die Aneignung einer selbstbestimmten gesch lechtlichen Identität, frei von vorherrschenden
Rollenklischees, ist eine der wichtigsten Herausforderu ngen für heranwachsende Jungen*.
Die Leitlinien greifen dieses Thema auf und bieten Ansatzpunkte für die praktische,
pädagogische Arbeit mit Jungen*.
Insbesondere tabuisierte Themen wie der Umgang mit persönlichen Gewalterfahrungen,
positiven Körpergefühlen und Emotionen werden von den Leitlinien aufgegriffen und geben
Orientierung für die Jungen*arbeit in der Wissenschaftsstadt Darmstadt.
Mit diesen Leitlinien wird ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Herstellung von
Geschlechtergerechtigkeit umgesetzt. Die Leitlinien sind dabei nicht als Abschluss zu
verstehen, sondern als Impuls für das zukünftige Handeln der AGJ.
Eine gemeinsame Veröffentlichung der Leitlinien zur geschlechterreflektierten Jungen*arbeit
mit dem Landkreis Darmstadt-Dieburg ist geplant.
Darmstadt, 16.09.2020
Dezernat V
Barbara Akdeniz
Stadträtin
Beratungsverlauf (3)
Orte (1)
- Messeler Straße
Ortsbezüge werden automatisch aus den Dokumenten ermittelt und können unvollständig sein.
Details
- Vorlagen-Nr.
- 2020/0249
- Typ
- Magistratsvorlage
- Datum
- 25.08.2020
- Erstellt
- 29.09.2026 00:00