A-R/0008/2019
Ein Kinder- und Jugendgesundheitszentrum Kiesekampweg in Coerde entwickeln
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a-r-0008-2019-Ein Kinder- und Jugendgesundheitszentrum Kiesekampweg in Coerde entwickeln
11811 Zeichen
Antrag an den Rat Nr.: A -R/0008/2019
Ratsantrag 04.02.2019
Ein Kinder- und Jugendgesundheitszentrum Kiesekampweg in Coerde entwickeln
Der Rat möge beschließen:
Die Verwaltung wird beauftragt,
1. zeitnah ein Konzept für ein „Kinder- und Jugendgesundheitszentrum Kiesekampweg“)
zu entwickeln. Das Konzept soll vorsehen, dass unter einem Dach in der Nähe von
zwei Kitas am Kiesekampweg in Coerde
• ein/e Kinderarzt/ärztin
• eine (Familien)Hebamme
• ein/e KulturmittlerIn
• ein/e ErnährungsberaterIn
• ein/e Fachkraft des KSD mit regelmäßiger Sprechstunde sowie
• ein/e BeraterIn aus Erziehungsberatung und/oder
Schwangerschafts(konflikt)beratung mit regelmäßiger Sprechstunde
interdisziplinär zusammenarbeiten. Ergänzt um eine Elternschule für die gesunde
Ernährung von Kindern und Jugendlichen (hierfür könnte man evtl. den MZR der Kita
nutzen). Ziel ist die ganzheitliche Versorgung der Familien durch eine vernetzte
Jugend- und Gesundheitshilfe;
2. Kontakt zur praktizierenden Kinderärztin aufzunehmen mit dem Ziel, sie für das
Modellprojekt zu gewinnen;
3. Kontakt zum Investor Holtz aufzunehmen, der das Gelände am Kiesekampweg
bebaut, auf, um die Umsetzungsmöglichkeiten und Modalitäten eines Kinder- und
Jugend gesundheitszentrums Kiesekampweg zu eruieren bzw. zu verhandeln;
4. Kontakt zur kassenärztlichen Vereinigung aufzunehmen mit dem Ziel, Möglichkeiten
auszuloten, die ggf. vorhandenen „Standortnachteile“ (kaum oder keine
Privatpatientinnen) auszugleichen und hierdurch die Attraktivität der
KinderarztInStelle zu steigern.
5. Die Verwaltung prüft, ob Mittel aus dem Projekt der aktuellen Landesregierung
„Zusammen im Quartier - Kinder stärken - Zukunft sichern“ oder Mittel aus anderen
Förderprogrammen des Landes akquiriert werden können.
https://www.mags.nrw/sites/default/files/asset/document/esf_programmaufruf_zusam
men_im_quartier.pdf
2
Das Konzept erfüllt mehrere Kriterien für eine erfolgreiche Antragsstellung beim Land
NRW:
• Verminderung sozialbedingter sowie geschlechtsbezogener Ungleichheit von
Gesundheitschancen
• Fortführung, Weiterentwicklung und Ausbau bewährter Ansätze und
Kooperationen sowie auch neue Maßnahmen oder Initiativen zu vereinbaren
und gemeinsam voranzubringen
• Gemeinsame Ziele und Handlungsfelder
• Koordinierung der Leistungen
• Zusammenarbeit der Partner
• Schaffung von transparenten Strukturen durch regelmäßige Festlegung von
Handlungsschwerpunkten
• Vor allem integrierte Konzepte im kommunalen Raum / Quartier
• lebensweltübergreifenden Präventionsketten und Bündelung von Aktivitäten
• Qualifizierung, Befähigung und Teilhabe unter Berücksichtigung
interkultureller Kompetenz im Sinne des Empowerments und der
Nachhaltigkeit
6. Die Verwaltung prüft parallel die Transferpotentiale in andere Stadtteile mit einem
hohen Grad an Kinderarmut, wie z.B. Kinderhaus, Berg-Fidel, Angelmodde. Bei
positiver Prüfung werden für die in Frage kommenden Stadtteile ebenfalls parallele
Förderanträge gestellt.
Begründung:
Elternarmut bedeutet immer Kinderarmut und damit ein hohes Risiko der
Ausgrenzung von der Teilhabe an dem, was ein Leben lebenswert macht oder
Bildungs- und Aufstiegschancen ermöglicht.
Hauptgründe sind Arbeitslosigkeit der Eltern, niedrige Einkommen durch prekäre
Beschäftigungsverhältnisse, häufig die Teilzeitarbeit Alleinerziehender und auch Familien mit
drei oder mehr Kindern sowie Kinder und Jugendliche aus Haushalten mit Migrationsbezug
sind überproportional von Kinderarmut betroffen .
Bei der kind- und jugendbezogenen Armutsprävention geht es um die Folgen familiärer
Einkommensarmut für Kinder und Jugendliche in den vier zentralen
Lebenslagedimensionen:
1. Materielle Lage (materielle Ausstattung und Möglichkeit zur Teilhabe am
altersspezifischen Konsum),
2. Soziale Lage (soziale Interaktion und deren Verfügbarkeit sowie Qualität),
3. Kulturelle Lage (formale Bildung sowie non-formale und informelle Lern- und
Erfahrungsmöglichkeiten) und
4. Gesundheitliche Lage (physische und psychische Gesundheit, gesundheitsbezogene
Verhaltensweisen).
Das „soziale Kinder- und Jugendgesundheitszentrum Kiesekampweg“ nimmt
insbesondere die Lebenslage Gesundes Aufwachsen in den Blick.
3
Gesundheitliche Lebenslage armer Kinder und Jugendlicher
Die gesundheitliche Lage von Kindern und Jugendlichen beschreibt neben dem
physischen und psychischen Gesundheitszustand auch gesundheitsrelevante
Verhaltensweisen. Beide Gesichtspunkte sind substantiell für das gelingende Aufwachsen und
die zukünftige Teilhabe.
Arme Kinder und Jugendliche verfügen tendenziell über einen schlechteren
Gesundheitszustand
Kinderarmutsstudien belegen negative Auswirkungen von materieller Armut und
andauernden Armutserfahrungen auf das Wohlbefinden und die psychische Gesundheit von
Kindern. Ferner beeinflussen Armut bzw. ein niedriger sozialökonomischer Status die
körperliche Gesundheit von Kindern und Jugendlichen negativ.
Arme Kinder und Jugendliche zeigen häufiger riskantes Gesundheitsverhalten
Arme Kinder und Jugendliche sind seltener sportlich aktiv als Gleichaltrige aus finanziell
gesicherten Verhältnissen
1; im Zusammenhang damit ist auch die geringere Teilnahme an
Vereinsangeboten zu sehen. Darüber hinaus schauen arme Kinder und Jugendliche deutlich
häufiger fern – mit zum Teil problematischer und mit dem Älterwerden ansteigender Dauer. 2
Auch im Hinblick auf die Ernährung kann bei armen Kindern und Jugendlichen ein
ungesünderes Verhalten festgestellt werden: beispielsweise nimmt die armutsbetroffene
Gruppe der 11- bis 15-Jährigen seltener ein tägliches Frühstück an Schultagen zu sich, isst
seltener Obst, Gemüse und Salat. Bereits im Alter von zehn Jahren kommen arme Kinder
häufiger mit Alkohol oder Tabak in Kontakt; 3 mit zunehmendem Alter unterscheidet sich das
Konsumverhalten je nach Sozialstatus: Jugendliche aus Familien mit niedrigem
sozioökonomischen Hintergrund rauchen deutlich häufiger und trinken öfter Alkohol als
Gleichaltrige. 4
Im Kindes- und Jugendalter werden die Weichen für das Gesundheitsverhalten im späteren
Leben gestellt. Aufgrund der bereits früh im Lebenslauf ausgeprägten sozialen Unterschiede
im Gesundheitsverhalten sind Maßnahmen für sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche
und ihre Lebensbedingungen besonders wichtig. Das zeigen u.a. die Ergebnisse der KIGGS-
Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland. 5
Sie weisen zum Beispiel nach, dass Kinder und Jugendliche mit einem niedrigen sozio-
ökonomischen Status sich häufiger als Gleichaltrige aus sozial bessergestellten Familien
ungesund ernähren, seltener Sport treiben und häufiger übergewichtig oder adipös sind.
Erfasst wurden die Angaben der Eltern zu ihrem Bildungsstand, ihrer beruflichen Stellung und
der Einkommenssituation.
Für die Gesundheit der Bevölkerung ist es von zentraler Bedeutung, dass bereits die Kinder
und Jugendlichen an eine gesundheitsbewusste Lebensweise herangeführt werden. Eltern
bestimmen zum Beispiel durch ihr Einkaufsverhalten und gemeinsame Mahlzeiten das
Ernährungsverhalten ihrer Kinder. Auch den natürlichen Bewegungsdrang ihres Nachwuchses
1 vgl. AWO-ISS-Studie 2012
2 vgl. HBSC-Studienverbund 2015d
3 vgl. AWO-ISS-Studie 2006
4 Laubstein / Holz / Seddig (2016): Armutsfolgen für Kinder und Jugendliche. Erkenntnisse aus
empirischen Studien in Deutschland. Bertelmannstiftung
5 KIGGS Studie
4
beeinflussen sie durch Fördern oder Bremsen. Wie häufig sich Kinder und Jugendliche im
Freien bewegen, hängt aber auch maßgeblich von den Wohnverhältnissen ab, von
Grünflächen, Sportangeboten und dem Verkehrsaufkommen. Die Verhältnisse spielen auch
bei der Ernährung eine wichtige Rolle. So steigt die Wahrscheinlichkeit einer ungesunden
Ernährung, wenn in der Nachbarschaft vor allem Fast-Food-Angebote dominieren.
Fast jedes zweite Kind in Coerde wächst in Armut auf. Der "Münsteraner
Sozialressourcen-Score" Münsteraner Kompetenz Indikator Der Schulanfänger (KIDS-
Indikator) hat sich für die Gesundheitsberichterstattung der Schuleingangsuntersuchung als
sehr hilfreich und aussagekräftig herausgestellt. Er setzt sich aus vier Dimensionen zusammen
und fasst Facetten aus verschiedenen relevanten Teilbereichen der Lebensbedingungen des
Kindes zusammen:
• Elterliche vorschulische Förderung des Kindes (durch Sport, Schwimmen oder Musik)
• Familienkonstellation (Anzahl der im Haushalt lebenden Erwachsenen)
• Migrationsvorgeschichte und Deutschkenntnisse
• Sozialgefüge des Wohnbezirkes (gemessen an der Sozialhilfequote des Wohnbezirks).
Nachfolgend sieht man die Ergebnisse der Auswertungen der Schuleingangsuntersuchungen
in Coerde 2016 von Dr. Axel Iseke (s. Abbildungen im Anhang)
Fazit:
Vorschulisch (familiär) erworbene Kompetenzen bestimmen die Startbedingungen für
die Schulkinder
Die Kompetenzen der Kinder in den Wohnbezirken sind ungleich verteilt
Coerderaner Kinder haben bei Schuleingang besonders niedrige Kompetenzwerte
Je höher die Kompetenzwerte eines Coerderaner Kindes, umso höher die
Wahrscheinlichkeit, dass das Kind eine Grundschule außerhalb des Bezirks besucht.
Ein Kinder- und Jugendgesundheitszentrum Kiesekampweg würde die aktuellen
Herausforderungen gesundheitlicher Ungleichheit durch ein innovatives Konzept aktiv
aufgreifen indem es niedrigschwellig und gebündelt vernetzte Hilfen an einem Ort anbietet.
Das gesunde Aufwachsen würde damit erstmals durch eine bestmögliche Einbindung der
Gesundheitsversorgung in die Strukturen öffentlicher Jugend- und Gesundheitshilfen
unterstützt. Damit würden Forderungen sowohl der Ottawa-Charta als auch des 13. Kinder-
und Jugendberichts der Bundesregierung umgesetzt. Ein erheblich positiver „Social Return Of
Invest“ dürfte sich bei dieser nachhaltigen Investition ab der frühen Kindheit rasch einstellen
und damit die Gesundheit der Kinder und Jugendlichen in Münster und vor allem in Coerde
nachhaltig verbessern und den Stadtteil Coerde insgesamt nachhaltig stärken.
Ebenso könnte man auch eine solche Einrichtung in andere Stadtteile transferieren, wie z.B.
Kinderhaus, Berg-Fidel oder Angelmodde Waldsiedlung. Hierbei soll mit den örtlichen
Trägern der Freien Kinder- und Jugendhilfe das kommunale Netzwerk für Präventionsarbeit
weiter gemeinsam gestärkt werden.
Stefan Weber Otto Reiners
und Fraktion und Fraktion
5
Abb.1: KIDS Indikator
Abb. 2: KIDS-Wert nach Wohnbezirk
Abb. 3: Grundschulbesuch der Kinder, die im Bezirk Coerde leben
Münster,
gesamt
Coerde
KIDS =
110
KIDS =
162
Coerde
6
Literatur
Laubstein / Holz / Seddig (2016): Armutsfolgen für Kinder und Jugendliche. Erkenntnisse aus
empirischen Studien in Deutschland. Bertelmannstiftung
https://www.bertelsmann-
stiftung.de/fileadmin/files/BSt/Publikationen/GrauePublikationen/Studie_WB_Armutsfolgen_f
uer_Kinder_und_Jugendliche_2016.pdf
Kinder- und Jugendgesundheitsstudie "Health Behaviour in School-aged Children" (HBSC)
http://www.gbe-
bund.de/gbe10/abrechnung.prc_abr_test_logon?p_uid=gast&p_aid=0&p_knoten=FID&p_spr
ache=D&p_suchstring=14467
KiGGS ist eine Langzeitstudie des Robert Koch-Instituts zur gesundheitlichen Lage der Kinder
und Jugendlichen in Deutschland.
https://www.kiggs-studie.de/deutsch/home.html
Holz/Laubstein/Sthamer (2012): Lebenslagen und Zukunftschancen von (armen) Kindern und
Jugendlichen in Deutschland 15 Jahre AWO-ISS-Studie
http://www.iss-ffm.de/m_106
Beratungsverlauf (1)
Orte (2)
- Kiesekampweg
- Kinderhaus
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Details
- Aktenzeichen
- A-R/0008/2019
- Typ
- Antrag an den Rat
- Datum
- 05.02.2019
- Erstellt
- 06.10.2020 14:37