A-R/0044/2007
Interkultur in Münster stärken - Dialog der Kulturen als zentrales Handlungsfeld der Integrationsarb
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Originalantrag
11283 Zeichen
Antrag an den Rat Nr. A-R/0044/2007
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Antrag
12.11.2007
SPD-Fraktion
im Rat der Stadt Münster
Münzstr. 15
48143 Münster
Telefon: 0251/ 45 314
Fax: 0251/ 511 750
spdfrak@muenster.de
www.spd-muenster.de
Leitantrag
Interkultur in Münster stärken – Dialog der Kulture n als
zentrales Handlungsfeld der Integrationsarbeit
Der Rat der Stadt Münster möge beschließen:
Die Verwaltung wird gebeten,
1. „Interkultur“ als zentrales Handlungsfeld der In tegrationsarbeit zu definieren
und in die städtische Integrationsoffensive einzubetten;
2. eine Erhebung zu den interkulturellen Potentiale n und deren Stellenwert in
unserer Stadt vorzulegen;
3. konkrete Vorschläge für die Stärkung vorhandener und die Einleitung weiterer
Maßnahmen und Projekte auf dem Feld der interkultur ellen Prozesse
vorzulegen und die dafür notwendigen Kosten zu ermitteln.
Begründung:
Grundlagen:
Unter „Interkultur“ ist der auf Dauer angelegte Prozess der wechselseitigen Teilhabe
zwischen der „einheimischen westlichen Kultur“ und den als fremd
wahrgenommenen Kulturen zu verstehen, die in unsere r Gesellschaft gelebt werden.
Mit Blick auf die humanitären und gesellschaftspoli tischen Zielsetzungen ist
Interkultur dem sozialdemokratischen Kulturbegriff immanent.
In der Bundesrepublik Deutschland lebt eine Vielzah l ethnischer und damit auch
kulturell unterschiedlicher Gruppierungen. Von den knapp 82 Millionen Einwohnern
in Deutschland kommen rd. 15,3 Millionen aus dem Au sland oder haben eine
Migrationsvorgeschichte. Dies entspricht 19 % der g esamten Bevölkerung. Allein ein
Drittel der Kinder unter fünf Jahren haben eine Mig rationsvorgeschichte, in
Großstädten sind es nicht selten über die Hälfte. I n Münster leben gegenwärtig ca.
21.000 Ausländer, ca. 14.000 Eingebürgerte und ca. 25.000 Aussiedler, d. h. ca.
60.000 Menschen aus ca. 150 verschiedenen Herkunfts ländern haben in Münster
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eine Migrationsvorgeschichte. In Münster ist demnac h der Anteil der Personen mit
Migrationsvorgeschichte fast doppelt so groß wie de r Anteil der Ausländer (Quelle:
Dez. f. Aussiedler, Flüchtlings- und Asylbewerberan gelegenheiten, 07/ 2007). Diese
Zahl ist in Relation zu den ca.280.000 Einwohnern in Münster zu sehen.
Die mit diesen Fakten einhergehende Realität hat de r allzu lange vorherrschenden
Überzeugung von einer letztlich kulturell homogenen Gesellschaft, in der
Migrantinnen und Migranten mit dem Hinweis auf „Mul tikultur“ zu tolerieren und in
ihren autonomen Lebenszusammenhängen zu belassen se ien, eine deutliche
Absage erteilt. In Politik und Öffentlichkeit wird Integration inzwischen als eine der
zentralen Aufgaben, die es zu bewältigen gilt, form uliert. Für die Kommunen ergeben
sich hiermit verstärkt Chancen und Verpflichtungen.
Die Integration von Zuwanderern bildet eine wesentl iche Traditionslinie der
neuzeitlichen Geschichte Deutschlands und hat zur S tabilisierung und Stärkung der
Gesellschaft beigetragen (z. B. Polen im Ruhrgebiet z.Zt. der Hochindustrialisierung,
Flüchtlinge und Vertriebene im Nachkriegsdeutschlan d, Migranten aus Südeuropa
und deren Anteil am sog. Wirtschaftswunder). Deshal b sollten auch jetzt die
Chancen, welche die aktuelle Zuwanderung bietet, betont und angenommen werden.
Die Einbeziehung von Kultur in die Integrationsarbe it ist noch nicht überall
selbstverständlich, obwohl sie ganz spezifische Mög lichkeiten eröffnet,
Integrationshindernisse zu überwinden. Migranten un d Migrantinnen werden noch
überwiegend im Hinblick auf ihren rechtlichen und s ozialen Status wahrgenommen.
Obwohl, wie das Beispiel Nordrhein-Westfalen zeigt, Migrantenselbstorganisationen
am häufigsten im Bereich Kultur tätig sind, ist es der Kulturarbeit in NRW noch nicht
gelungen, Migrantenkultur gleichberechtigt in kultu rpolitische Konzepte zu
integrieren. Die Aktivitäten von MigrantInnen werde n lediglich hinzuaddiert. Vor dem
Hintergrund, dass kulturelle Zugehörigkeit und Präg ung zum inneren Kern der
Persönlichkeit gehören und zu ihr hinführen, können wir auf diese Dimension nicht
verzichten, schon gar nicht in einer Phase schärfer werdender
gesellschaftspolitischer Konfliktfelder, die Integr ationspolitik künftig überlagern
könnten (Mangel an Ausbildungsplätzen, Verarmung vo n Mitgliedern der deutschen
Mehrheitsgesellschaft u.a.).
Welche spezifischen, in der Lebenswelt angesiedelten Chancen bietet Interkultur?
• Menschen, die durch gemeinsames kulturelles Tun zu einander finden,
nehmen sich als Individuen und nicht mehr primär al s Mitglieder einer Ethnie,
einer Religionsgemeinschaft oder einer Nation wahr. Diese individualisierende
Wirkung ergibt sich daraus, dass Kultur nie nur den Verstand, sondern auch
das reiche Spektrum der Empfindungswerte der Menschen aktiviert.
• Da Kultur die Bandbreite von der Alltagskultur bis zur sog. Hochkultur umfasst,
ist eine Vielzahl von interkulturellen Aktivitäten nach Maßgabe
unterschiedlicher Bildungsstandards, Altersgruppen und Interessenlagen
möglich. Niedrigschwellige kulturelle Angebote, die helfen, die Scheu zu
überwinden und die Isolation aufzubrechen, sind möglich.
• Die Ressourcen schon bestehender Institutionen und Einrichtungen (Museen,
Theater, Bildungsinstitutionen, Vereine, usw.) könn en und sollen genutzt
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werden. Interkultur sollte in diesem Sinne als Quer schnittsaufgabe gesehen
werden.
• Interkulturelle Projekte üben auf die TeilnehmerIn nen weniger Leistungs- und
Anpassungsdruck aus als beispielsweise Schule oder Arbeitswelt. Kulturelle
Teilhabe erhöht die Lebensqualität der Menschen.
• Historische Erfahrung zeigt, dass Kulturen, die mi teinander in Berührung
kommen, sich verändern, dass Neues entsteht, welche s die
Innovationsfähigkeit unserer Gesellschaft stärkt un d desintegrierende
Entwicklungen zu Parallel- oder Gegengesellschaften zu verhindern hilft.
Welche Forderungen sind daraus abzuleiten?
• Interkulturelle Kompetenz muss auf beiden Seiten e rworben werden, das heißt
selbstverständlich in gleichem Maße von den Kulturt rägern in der Stadt. Als
Lernorte kommen in Frage: die Schule, Institutionen der außerschulischen
Bildung, der „klassischen“ Kultur und der Künste.
• Die öffentliche Diskussion muss neu geführt werden : von der Verengung auf
die Problemagenda (Sprachdefizite, Ghettobildung, K opftücher usw.) hin zu
einer Potentialdiskussion (Bereicherung von Kunst u nd Kultur in Deutschland,
Internationalisierung, Weltoffenheit). Hieraus ergä be sich auch eine Stärkung
des Bürgersinns für interkulturelle Verständigung m it entsprechendem
Engagement.
• Die öffentliche Kulturförderung von Bund, Land und Kommune muss auf die
multiethnische Gesellschaft reagieren: Besitzstands wahrung mit dem Hinweis
auf die angespannte Lage der öffentlichen Haushalte darf es nicht geben.
Wie kann interkulturelle Arbeit in Münster unterstützt werden?
Die Stadt Münster greift die überparteilich vom Lan d NRW verabschiedete
Integrationsoffensive und den damit verbundenen „Ak tionsplan Integration“ auf und
plant in diesem Zusammenhang die Entwicklung eines Leitbildes zur Integration
(gegenwärtig unter Federführung der Verwaltung mit dem Ausländerbeirat). Die
SPD-Ratsfraktion tritt dafür ein, dass in diesem Le itbild, das in einem Ratsbeschluss
einmünden soll, deutliche interkulturelle Akzentset zungen enthalten sind. Denn die
einleitend für NRW genannten Defizite interkulturel ler Arbeit gelten auch für unsere
Kommune. Entsprechend der Zielsetzung des Münsteran er „Aktionsplanes
Integration“ könnten somit für Interkultur in Münst er wesentlich verbesserte
Bedingungen geschaffen werden:
• Interkultur wäre dann in verschiedensten kommunale n Handlungsfeldern
verankert und würde als eine kommunale Querschnittsaufgabe definiert.
• Die zahlreichen, als wertvoll einzuschätzenden int erkulturellen Aktivitäten von
Migrantenselbstorganisationen sowie die Münsteraner Kultur- und
Bildungseinrichtungen und andere gesellschaftlichen Organisationen
benötigen eine Koordinierungsinstanz, die frühzeiti ge Vernetzungen sowie
Kooperationsbündnisse untereinander ermöglicht. Die Kommunikation über
Zielrichtungen würde erleichtert, Synergie-Effekte entstünden und die
Entstehung paralleler Strukturen in unserer Stadt würde verhindert.
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• Im Konsens mit den Betroffenen und ihren legitimie rten Vertretern
(Ausländerbeirat) muss die Personal- und Geldaussta ttung entsprechend
bereitgestellt werden.
Beispiele für einzelne interkulturelle Maßnahmen/ Einrichtungen/ Projekte in Münster,
der Stadt der Kultur und Bildung
• Die Einrichtung einer z.B. in der Stadtbücherei in tegrierten türkischen
Präsenzbibliothek (von zweisprachigen Bilderbüchern und Kochbüchern bis
hin zu anspruchsvoller Literatur) nach dem Modell d er deutsch-türkischen
Buchmesse (2005) des Interkulturellen Bildungszentr ums Essen könnte das
Leseverhalten und das Bewusstsein für die eigene Ku ltur stärken. Schulen,
Hochschulen, Verlage, Stadtbücherei u. a. wären mögliche Projektpartner.
• Die Einrichtung einer auf Münster bezogenen Abteil ung
„Dokumentationszentrum Migration“ (Stadtarchiv, Sta dtmuseum, Universität)
nach dem Modell des DOMiT in Köln (Dokumentationsze ntrum und Museum
über die Migration in Deutschland e.V.) könnte Mate rialien und biographische
Zeugnisse von Migrantinnen und Migranten als histor isches Erbe archivieren
und öffentlich zugänglich machen. Eine solche Einri chtung würde einen
Beitrag dazu leisten, das Bewusstsein von Migranten und Nicht-Migranten für
die Lebenswege von Menschen fremder Herkunft zu sch ärfen und historische
Traditionen zu bewahren. Die Kooperation mit Schule n aller Schulformen
sollte selbstverständlich sein.
• Die gezielte Förderung, schärfere Profilierung und stärkere Vernetzung der
interkulturellen Aktivitäten der VHS und der „Brücke“ (WWU) ist anzustreben.
• Das mit dem Bürgerpreis in Gold ausgezeichnete The ater „Cactus“, das
insbesondere mit seinem „Werkplatz diverse Kultur“ erfolgreiche interkulturelle
Arbeit mit Jugendlichen leistet, sollte gestärkt werden.
• Eine Weiterentwicklung des Modellprojektes des Arb eitskreises Ost „Senioren:
Medien-Migration-Integration-Partizipation“ im Bürg ermedienzentrum
Bennohaus würde eine wichtige Ressource nutzen. Den n in der drei Jahre
währenden Projektarbeit ist eine Vernetzung von 13 ausländischen Vereinen
(mit 1.500 Teilnehmern) gelungen. Inhaltlich im Vor dergrund stand ein
zentrales interkulturelles Anliegen: die Kommunikat ion über und die
Selbstvergewisserung der jeweils eigenen Kultur. Üb er eine breite Nutzung
und Öffnung der Ergebnisse dieser über diverse Medi en erfolgten
Kommunikationsprozesse für Nicht-Migranten sollte nachgedacht werden.
Diese aufgeführten Beispiele sind nicht als abschließend zu betrachten.
Beate Vilhjalmsson Marianne Hopmann Karsten Rah n
Wolfgang Heuer Ralf Hubert Udo Reiter
Anika Bergner Dr. Michael Jung Anne Schulze Win tzler
Hedwig Chudziak Marianne Koch Joachim Tonn
Philipp Gabriel Gaby Kubig-Steltig Holger Wigge r
Beanka Ganser Kurt Pölling Karl-Heinz Winter
Anne Hakenes
Beratungsverlauf (1)
Orte (1)
- Münzstraße 15
Ortsbezüge werden automatisch aus den Dokumenten ermittelt und können unvollständig sein.
Details
- Vorlagen-Nr.
- A-R/0044/2007
- Typ
- Antrag an den Rat
- Datum
- 26.11.2007
- Erstellt
- 06.10.2020 14:37