2024/0088
Neueinrichtung der Stelle einer/eines Beauftragten der Wissenschaftsstadt Darmstadt für jüdisches Leben und den Kampf gegen Antisemitismus
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2024/0088
13073 Zeichen
Magistratsvorlage
Eingang Magistrats -
geschäftsstelle:
04.07.2024
an den Magistrat
zur Kenntnis
zur Beschlussfassung
Beteiligt vor
Magistratsbeschlussfassung:
Dezernat I an die Stadtverordnetenversammlung
OBW zur Befassung
zur Kenntnis
zur Beschlussfassung
zur abschließenden Beschluss -
fassung Fachausschuss
OBW bei abschl.
Beschlussfassung Magistrat
Behandlung in
öffentl. Sitzung
Ja
Nein
Verteiler:
Ja
Nein
Vorlage-Nr. 2024/0088
Magistratsbeschluss -Nr.
Internetfähig
Produkt-Nr.:
Kostenstelle: 531-002-1000 Investitionsnummer:
Kostenträger: 1114-21 Sachkonto:
Betreff: Neueinrichtung der Stelle einer/eines Beauftragten der Wissenschaftsstadt
Darmstadt für jüdisches Leben und den Kampf gegen Antisemitismus
Vorlage vom: 27.06.2024
Beschlussvorschlag :
1. Die Wissenschaftsstadt Darmstadt richtet die Stelle eine r/s Beauftragte n/r für jüdisches
Leben und den Kampf gegen Antisemitismus (im Folgenden: Antisemitismusbeauftragter)
ein. Die Hauptaufgabe besteht darin , nachhaltige kommunale Maßnahmen und Strategien
zur Förderung jüdischen Lebens in Darmstadt und zum Kampf gegen Antisem itismus in
all seinen Ausdrucksformen zu entwickeln, umzusetzen, fachlich zu begleiten und
weiterzuentwickeln . Der Antisemitismusbeauftragte arbeitet ämterübergreifend und in
enger Zusammenarbeit und Abstimmung mit der Jüdischen Gemeinde Darmstadt und
dem Landesverband der Jüdischen Gemeinden in Hessen . Um ein koordiniertes Vorgehen
zu erreichen, wird ein enger Austausch mit dem Beauftragten der Hessischen
Landesregierung für jüdisches Leben und den Kampf gegen Antisemitismus angestrebt.
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2. Förderung des jüdischen Lebens in Darmstadt: Jüdisches Leben gehört untrennbar zur
Wissenschaftsstadt Darmstadt. Dies gilt es zu fördern und zu schützen. Wir fördern ein
aktives Gemeindeleben und möchten uns für die Sichtbarmachtung und Begegnung
einsetzen. Heute haben wir in Darmstadt eine Jüdische Gemeinde mit rund 600
Mitgliedern, die für ein lebendiges Judentum in unserer Stadt steht. Selbstverständlich
erinnern wir uns gerade in Darmstadt an die jüdischen Menschen, die im Zuge der Shoah
ermordet oder v ertrieben wurden und den damit einhergehenden kulturellen Verlust, den
die Verfolgung, Vertreibung und Vernichtung des Jüdischen Lebens auch für unsere Stadt
bedeutete. Die Geschichte unserer Stadt und unserer Kultur wurde und wird durch die
jüdischen Wurz eln geprägt und dies soll auch im Alltag wieder viel stärker ins Bewusstsein
gerückt werden.
3. Der Antisemitismusbeauftragte ist Ansprechpartner für alle Personen, die Opfer oder
Zeugen von antisemitischen Handlungen geworden sind. Er bietet Beratung und
Unterstützung an. Bei Bedarf vermittelt er auch den Kontakt zu den entsprechenden
Behörden.
4. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Koordination und der Unterstützung von
pädagogischer Aufklärungsarbeit und Prävention. Dabei wird der
Antisemitismusbeauftra gte vor allem mit staatlichen Ämtern, Träger n schulischer und
außerschulischer Bildung , Institutionen und der Zivilgesellschaft im Bereich Kinder und
Jugend zusammen arbeiten. So sollen Maßnahmen und Angebote zur Aus - und
Weiterbildung von Lehrkräften berei tgestellt werden. Nicht nur unter Einbeziehung des
pädagogischen Personals an Schulen, sondern auch in Zusammenarbeit mit der
Hochschule Darmstadt und der Technischen Universität im Bereich der Ausbildung sowie
Multiplikatoren und Akteure der Kinder - und Jugendarbeit im Bereich der Vereinsarbeit,
des Sports, der Religionsgemeinschaften, der Kunst und Kultur und der
Migrantenorganisationen .
5. Die Wissenschaftsstadt Darmstadt wird ihre Erinnerungskultur weiterentwickeln. Unter
Einbeziehung des Antisemitismusbeauftragten werden in Zusammenarbeit mit Vertretern
der Fachwissenschaften und Praktikern neue Formate des Gedenkens und der Zugänge
zur Erinnerung entwickelt . Diese sollen z ielgruppenübergreifend e Vermittlungskonzepte
realisieren, die den V eränderungen der Gedenk - und Erinnerungskultur Rechnung tragen.
Das Gedenken an die Opfer von Unrecht und Gewalt hat in Darmstadt einen festen Platz
und wird in unserer Stadt vor allem von ehrenamtlichen Initiativen und Vereinen,
Lehrerinnen und Lehrern, S chülerinnen und Schülern getragen und gestaltet. Dieses
ehrenamtliche und zivilgesellschaftliche Engagement zeichnet die Darmstädter
Stadtgesellschaft aus. Dieses Engagement soll zukünftig von der Stadt noch besser
unterstützt werden, durch eine bessere Ko ordinierung, Vernetzung der einzelnen Akteure
und der Nutzung von möglichen Synergieeffekten.
Anlagen:
Datenschutzrelevante Anlage:
Folgekosten: Ja Nein
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Zusätzlich für alle Vorlagen aus dem Bereich des Hochbaus anzugeben:
Klimarelevanz des Vorhabens:
Auswirkungen auf Stadtklima: ja nein
Auswirkungen auf THG -Emissionen: gering1) mittel/groß 2)
Beteiligung Amt f. Klimaschutz & Klimaanpassung: ja nein
Zusätzlich bei Beschlüssen zur Baufreigabe:
Wurden Optimierungspotentiale ausgeschöpft? ja nein
Falls nein, Kompensationsmaßnahmen festgelegt? ja nein
1) bis 10 Tonnen Kohlendioxid-Äquivalente (CO2e) pro Jahr, 2) über 10 Tonnen CO2e pro Jahr.
Beschluss des Magistrats vom
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Begründung zur Magistratsvorlage vom 27.06.2024
Der gesellschaftliche Zusammenhalt in unserer Stadt basiert auf einem friedlichen,
respektvollen und toleranten Miteinander. Es gilt entschlossen, jeglichen Bestrebungen und
Entwicklungen, die dieses gesellschaftliche Zusammenleben gefährden, mit Entschlossenheit
entgegenzutreten. Dazu zählt die Diskriminierung einzelner Bev ölkerungsgruppen . Ein
gesamtgesellschaftliches Problem von großer Tragweite sind die antisemitischen
Einstellungen und Vorfälle, die insbesondere seit dem Terror der Hama s am 7. Oktober 2023
einerseits zugenommen und andererseits offener denn je geäußert w erden. Die aktuellen
Zahlen von antisemitischen Vorfällen (Kriminalstatistik, Berichte von Recherche - und
Meldestellen) zeichnen ein sehr düsteres Bild. Der Hass auf Juden existiert seit
Jahrhunderten und selbst vor dem Hintergrund des Holocausts und den F olgen der
nationalsozialistischen Gewaltherrschaft ist Antisemitismus heute noch gegenwärtig.
Der Antisemitismus birgt eine besondere Gefahr, da er die Juden einerseits als allmächtig
und gefährlich darstellt. Andererseits werden sie als geschickt in der Tarnung ihrer bösen
Absichten und der subversiven Unterwanderung und Schädigung der Gesellschaft imaginiert.
Diese verschwörungstheoretischen und paranoiden Vorstellungen bildeten die Grundlage für
den nationalsozialistischen Völkermord an sechs Millionen Menschen in Europa. Die Opfer
wurden von den vermeintlichen "Ariern" als angebliche "Volksschädlinge" betrachtet und in
industriell betriebenen Todesfabriken, unabhängig von Alter und Geschlecht, ermordet.
Die antisemitische Ideologie ist auch heute in all en gesellschaftlichen Schichten und Milieus
mehr oder weniger verbreitet. Sie ist als ein strukturelles Phänomen moderner
Gesellschaften zu begreifen. Nach der jüngsten Mitte -Studie der Friedrich -Ebert-Stiftung
unterstellen heute 16,5 Prozent der Bundesbür ger jüdischen Menschen, „heute ihren Vorteil
aus der Vergangenheit des Nationalsozialismus ziehen zu wollen“. Weitere 19 Prozent der
Befragten schließen sich diesem Vorwurf teilweise an – diese ambivalenten und
uneindeutigen Haltungen gegenüber antisemitis chen Positionen wie auch anderen Formen
von Abwertungen und Vorurteilen nehmen laut den Autoren der Studie zu.
Antisemitisches Verschwörungsdenken reicht wie wir wissen weit in die Mitte der Gesellschaft
hinein. Durch die Szene der sogenannten Querdenker hat es während der Corona -Krise
zusätzlichen Auftrieb erfahren, und der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine wurde und
wird zum Anlass für neue verquere Theorien und Verschwörungsglauben genommen. In Folge
des brutalen Angriffes der Hamas am 7. Oktob er 2023 auf Israel, kam es weltweit zu einer
massiven Zunahme von antisemitischen und israelfeindlichen Vorfällen .
Unmittelbar nach den schrecklichen Ereignissen kam es auf deutschen Straßen immer
wieder zu antiisraelischen Kundgebungen, bei denen Hassgesänge auf Israel angestimmt und
Sympathie für den Terror der Hamas offen zu Tage traten. Mitgefühl für die Opfer des
Angriffs der Hamas, die das Leid verursacht hatten, wurde dort nicht gezeigt. Die Grenze
zum Antisemitismus wird beinahe täglich überschritten, zum Teil - wie bei der Berlinale -
unter öffentlichem Applaus.
Auch in Darmstadt kam es wiederholt zu antisemitischen Vorfällen, wie d as Beschmieren von
Geschäften mit antisemitischen Parolen, das Verteilen von Aufklebern „From the river to th e
sea“, der Diebstahl von staatlichen Symbolen wie der Israel -Flagge oder Angriffen und
Übergriffen auf Schülerinnen und Schüler im schulischen Umfeld. Dies zeigt deutlich, dass
Antisemitismus auch in Darmstadt weiter existiert.
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Antisemitismus schafft e in Klima der Angst für jüdische Bürgerinnen und Bürger – im Alltag,
in den sozialen Medien und auch an unseren Schulen und Hochschulen. Viele fühlen sich
unsicher und allein gelassen und schrecken gar vor dem offenen Tragen ihrer
Glaubenssymbole aus Angst vor Übergriffen oder Anfeindungen zurück.
Dass Jüdinnen und Juden in Darmstadt in Angst leben, ist beschämend und inakzeptabel.
Deshalb wird die Stadt Darmstadt durch die Einrichtung eines/ einer
Antisemitismusbeauftragten ihr Engagement für das jüdisches Leben und den Kampf gegen
Antisemitismus stärken. Dieser handelt in enger Zusammenarbeit und Abstimmung mit der
Jüdischen Gemein de Darmstadt und dem Landesverband der Jüdischen Gemeinden in
Hessen. Um ein koordiniertes Vorgehen zu erreichen, wird ein enger Austausch mit dem
Hessischen Antisemitismusbeauftragten angestrebt.
Der Antisemitismusbeauftragter wird auch ein Beauftragter für das jüdische Leben in unserer
Stadt sein. Als Stadt werden wir alles tun um jüdisches Leben zu schützen und zu
unterstützen.
Darüber hinaus wird er auch Ansprechpartner für alle sein, die Opfer oder Beobachter
antisemitischer Handlungen oder Gewalt s ind. Er berät und begleitet Betroffene und fungiert
bei Bedarf als Bindeglied zu den Behörden. Er ist auch Ansprechpartner bei antisemitischen
Vorfällen, die unterhalb der Strafbarkeitsschwelle liegen, um zu vermitteln, aufzuklären, zu
dokumentieren und zu sensibilisieren.
Unter Federführung des Antisemitismusbeauftragten werden neue Formate des Gedenkens
und der Zugänge zur Erinnerung entwickelt. Erinnerungskultur hat in Darmstadt einen hohen
Stellenwert. Erinnerung und Gedenken werden in unserer Stadt a uch von vielen
ehrenamtlichen Initiativen, Vereinen und auch, Schulen getragen und gestaltet. Dieses
ehrenamtliche und zivilgesellschaftliche Engagement zeichnet die Darmstädter
Stadtgesellschaft aus. Dieses Engagement soll zukünftig von der Stadt noch bes ser
unterstützt und gefördert werden, durch eine bessere Koordinierung, Vernetzung der
einzelnen Akteure und der Nutzung von möglichen Synergieeffekten.
Um dem zunehmenden Antisemitismus entgegenzuwirken, ist es dringend erforderlich,
Maßnahmen zu ergreif en, um jüdische Menschen effektiv zu schützen. Eine grundlegende
Voraussetzung dafür ist die Aufklärung und kritische Auseinandersetzung mit der Ideologie
des Antisemitismus.
Die Position des Antisemitismusbeauftragten kann einen wichtigen Beitrag dazu l eisten. In
Zusammenarbeit mit Lehrkräften, Multiplikatoren und der Jüdischen Gemeinde in Darmstadt
wird der Antisemitismusbeauftragte für die Durchführung von Schulungen im Jugendbereich
verantwortlich sein , die Wissen und Handlungssicherheit zum Thema Antisemitismus und
seinen aktuellen Erscheinungsformen vermitteln sollen . Der Fokus liegt hier insbesondere auf
der Auseinandersetzung mit dem Nahostkonflikt und dem damit untrennbar verbundenen
israelbezogenem Ant isemitismus. Das mittelfristige Ziel ist somit, Jugendliche mit dem
Wissen und Kompetenzen auszustatten, die es braucht, um oftmals lange tradierte
antisemitische Denkmuster durchbrechen zu können . Auf diese Weise leistet der
Antisemitismusbeauftragte in D armstadt einen nachhaltigen Beitrag zur Stärkung der
Demokratie und des sozialen Zusammenhalts.
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Ziel ist es, die Kooperation und die Netzwerkarbeit in Darmstadt sowie die Zusammenarbeit
mit schulischen und außerschulischen Partnern zu stärken.
Durch die Einrichtung eines hauptamtlichen Antisemitismusbeauftragte n wird die Stadt
Darmstadt künftig eigene Maßnahmen realisieren, um den politischen Stellenwert des
Kampfes gegen Judenfeindlichkeit zu stärken und jüdisches Leben in unserer Stadt noch
sichtbarer zu machen.
Die Einrichtung des Antisemitismusbeauftragten erfolgt zunächst Stellenplan neutral.
Darmstadt, den 27.06.2024
Dezernat I
Hanno Benz
Oberbürgermeister
anlage 1
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Punkt 3: Neueinrichtung der Stelle einer/eines Beauftragten der Wissenschaftsstadt Darmstadt für jüdisches Leben und den Kampf gegen Antisemitismus (V-Nr. 2024/0088) Der Kulturausschuss nimmt von der Vorlage Kenntnis.
anlage 2
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Punkt 19.1: Neueinrichtung der Stelle einer/eines Beauftragten der Wissenschaftsstadt Darmstadt für jüdisches Leben und den Kampf gegen Antisemitismus (V-Nr. 2024/0088) Die Stadtverordnetenversammlung nimmt die Vorlage zur Kenntnis.
Beratungsverlauf (3)
Details
- Vorlagen-Nr.
- 2024/0088
- Typ
- Magistratsvorlage
- Datum
- 27.06.2024
- Erstellt
- 29.09.2026 00:00