A-R/0048/2016
Münster ist Vielfalt! Leitbild und integriertes Handlungskonzept gegen Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit
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a-r-0048-2016-Handlungskonzept GMF
13478 Zeichen
Antrag an den Rat Nr. A-R/0048/2016
SPD -Fraktion
im Rat der Stadt Münster
Bahnhofstraße 9
48143 Münster
Tel. (0251) 45 314
Fax (0251) 511 750
www.spd-muenster.de
Münster ist Vielfalt!
Leitbild und integriertes Handlungskonzept
gegen Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit
Antrag an den Rat der Stadt Münster
zur Verweisung an den Ausschuss für Soziales, Stiftungen,
Gesundheit, Verbraucherschutz und Arbeitsförderung
Der Rat der Stadt Münster möge beschließen:
I. Die Stadt Münster entwickelt ein Leitbild „Münster ist Vielfalt!“, das die inhaltliche
Grundlage des unter II. genannten integrierten Handlungskonzeptes darstellt.
II. Die Verwaltung wird beauftragt, ein integriertes Handlungskonzept gegen Gruppen-
bezogene Menschenfeindlichkeit zu erarbeiten und den Gremien zur Beschlussfas-
sung vorzulegen; dabei greift sie auf eigene Erfahrungen und die anderer Kommu-
nen in NRW und darüber hinaus zurück.
III. Das unter II. genannte Ziel wird insbesondere dadurch erreicht, dass in einem parti-
zipativen Verfahren mit den relevanten zivilgesellschaftlichen Akteurinnen und Akt-
euren und Betroffenen der in der Begründung genannten Gruppen ein Prozess be-
gonnen wird, der in der gemeinsamen Erarbeitung des Leitbildes und eines Hand-
lungskonzepts mündet. Dabei sollen die Partizipationsstrukturen, Erkenntnisse und
Konzeptionen, die im Rahmen des Bausteins „Gutes Morgen Münster zeigt Vielfalt“
aus dem Prozess „MünsterZukünfte 20/30/50 – strategisch Zukunft gestalten, kurz-
fristig handeln“ 1 integriert und verstetigt werden.
IV. Die Verwaltung wird beauftragt, mögliche Finanzmittel aus Förderprogrammen des
Bundes und des Landes zu beantragen und entsprechende Interessensbekundungs-
verfahren einzuleiten; darüber hinaus ermittelt die Verwaltung den Finanzierungsbe-
darf für die Stadt Münster.
V. Das Handlungskonzept nimmt die Perspektive bis zum Jahr 2020 in den Blick und
mündet in einem Abschlussbericht; über eine mögliche Fortführung entscheidet der
Rat in der kommenden Wahlperiode.
VI. Die Stadt Münster strebt eine Kooperation mit den in Münster vertretenen wissen-
schaftlichen Institutionen an.
1 Stadt Münster, MünsterZukünfte 20/30/50 – strategisch Zukunft gestalten, kurzfristig handeln, V/0494/2016, be-
schlossen vom Rat der Stadt Münster am 29. Juni 2016.
08.11.2016
2
VII. Die Verwaltung wird beauftragt, den Gremien im I. Quartal des Jahres 2017 einen
konzeptionellen Umsetzungsvorschlag inklusive eines Zeitplanes für das weitere Ver-
fahren zu unterbreiten und zur Beschlussfassung vorzulegen.
Begründung:
Zu I. Münster ist eine vielfältige Stadt. In Münster leben viele Menschen unterschiedlicher
Herkunft, unterschiedlichen Glaubens, unterschiedlicher sexueller Orientierung oder
geschlechtlicher Identität, Menschen mit und ohne Behinderung, unterschiedlichen
Alters und sozialer Stellung zusammen. Für sie alle ist Münster eine Heimat oder soll
Münster eine Heimat sein - ein Ort, wo gleich und frei nach den Prinzipien von Of-
fenheit, Demokratie und Rechtstaatlichkeit unter dem Schutz der Grundrechte zu-
sammengelebt werden kann.
Das unter I. genannte Leitbild „Münster ist Vielfalt!“ soll prägnant für alle Münstera-
nerinnen und Münsteraner eine Charta des Zusammenlebens darstellen und die o.g.
Prinzipien ausformulieren.
Solche Leitbildprozesse sind nicht neu und waren bereits in der Vergangenheit ein
bewährtes Instrument der Selbstvergewisserung hinsichtlich spezifischer Fragestel-
lungen.
2 Gerade das Migrationsleitbild bietet daher einen sehr guten inhaltlichen An-
knüpfungspunkt, das half, die spezifischen Herausforderungen dieses Politikfeldes zu
bewältigen.
Das unter I. genannte Leitbild geht dabei über eine genau bestimmte Zielgruppe
hinaus und nimmt das Zusammenleben in der Stadtgesellschaft unter dem Aspekt
der Vielfalt als Wesensmerkmal einer offenen und demokratischen Gesellschaft in
den Blick. Es tritt damit Vorstellungen entgegen, die die Stadtgesellschaft als von ei-
ner bestimmten „Kultur“ dominiert behaupten, der andere sich anzupassen hätten,
und beschreibt dagegen Münster als eine Stadt, deren vielfältiges und offenes Ge-
präge einen Gewinn für alle hier Lebenden bedeutet.
Zu II. Das integrierte Handlungskonzept identifiziert kommunale Handlungsfelder und Ak-
teurinnen und Akteure außerhalb des eigentlichen Handlungsrahmens der Stadt
2 cf. Stadt Münster, Aktualisiertes Migrationsleitbild 2014, V/0193/2014 (beschlossen am 02.04.2014) un d erstes
Migrationsleitbild der Stadt Münster, V/0026/2008 (beschlossen am 18.06.2008).
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Münster als Gebietskörperschaft, beschreibt Handlungsmöglichkeiten und legt Um-
setzungsvorschläge gegen Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit vor.
Das Konzept der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit umfasst dabei das Ver-
hältnis der Mehrheitsgesellschaft zu spezifischen „schwachen“ Gruppen und bezieht
sich daher nicht auf interindividuelle Feindschaftsverhältnisse. Als Gruppenbezogene
Menschenfeindlichkeit werden Prozesse definiert, in deren Rahmen „Personen auf-
grund gewählter oder zugewiesener Gruppenzugehörigkeit als ungleichwertig mar-
kiert und feindseligen Mentalitäten ausgesetzt sind“
3.
Dies betrifft insbesondere feindselige Mentalitäten in Form
- des Rassismus
- der Fremdenfeindlichkeit
- des Antisemitismus
- der Islamophobie
- der Homophobie
- der Abwertung von Obdachlosen
- der Abwertung von Menschen mit Behinderung
- der Abwertung von Langzeitarbeitslosen
- des Einforderns von Etabliertenvorrechten
- des Sexismus
Dass es notwendig geworden ist, dagegen vorzugehen, zeigen Ergebnisse der Empi-
rischen Sozialforschung für Deutschland und auf Münster bezogene Zahlen und Vor-
fälle. Die für die Bundesrepublik repräsentative „Mitte“-Studie von 2014 zeigt, dass
18,1% der Befragten ausländerfeindlichen Positionen zustimmen, 13,6% chauvinisti-
sche Positionen vertreten und 5,1% gegenüber antisemitischen Positionen offen
sind.
4 Auch in Münster gibt es aus Fremdenfeindlichkeit motivierte Handlungen: So
kam es mehrfach zu Vorfällen gegen die Unterkünfte von Geflüchteten, wie bei-
spielsweise auf die sich im Bau befindliche Unterkunft in Münster-Hiltrup am 27. Ap-
3 cf. Wilhelm Heitmeyer (Hrsg.), Deutsche Zustände, Folge 6, 2009, zitiert nach: Susanne Johansson, „Gruppenbe-
zogene Menschenfeindlichkeit“: Eine Rezension der empirischen Langzeitstudie „Deutsche Zustände“, Folge 1 bis 8
(Hrsg.: Wilhelm Heitmeyer), in: RdJB 2/2011, 261-279.
4 cf. Oliver Decker/Johannes Kiess/Elmar Brähler: Die stabilisierte Mitte. Rechtsextreme Einstellungen in Deutsch-
land 2014, 2014, zitiert nach: MFKJKS NRW, Integriertes Handlungskonzept gegen Rechtsextremismus und Rassis-
mus, 2016, S. 44.
4
ril 2016, auf das die Rathausparteien und die Zivilgesellschaft mit der Kundgebung
„Ein gutes und sicheres Zuhause für alle. Gegen Brandstiftung jeglicher Art“ am 9.
Mai 2016 entschlossen reagiert haben.
Bei der Kommunalwahl erreichte die rechtspopulistische Partei „Alternative für
Deutschland (AfD)“ ein Ergebnis bezogen auf die Gesamtstadt von 2,6%, konnte je-
doch in einem Stimmbezirk einen Stimmenanteil von 8,47% erzielen.
5 Bei der gleich-
zeitig abgehaltenen Wahl zum Europäischen Parlament kam die AfD auf ein Gesamt-
stimmergebnis für Münster von 4,1%. 6 Im aktuellen Münster-Barometer ergibt die
Prognose für die Wahl des Stadtrates für die AfD einen Wert von 6%. 7
Der Aussage „Es macht mir Angst, dass so viele Flüchtlinge zu uns kommen.“ stimm-
ten 12,3% sehr oder eher zu (Schulnoten 1 und 2), 14,5 Prozent tendierten zur Zu-
stimmung zu der Aussage (Schulnote 3), und 71,3% stimmten weniger bis gar nicht
zu (Schulnoten 4, 5 und 6.).
8
Es gibt also auch in Münster genügend Anlass, die demokratischen zivilgesellschaftli-
chen Akteur*innen zu stärken und zu vernetzen und Positionen Gruppenbezogener
Menschenfeindlichkeit entgegenzutreten.
In Münster gab es von den Jahren 2007 bis 2010 das durch das Bundesprogramm
„VIELFALT TUT GUT. Jugend für Vielfalt, Toleranz und Demokratie“ geförderte Projekt
„Vielfalt tut gut. Münster für Vielfalt, Toleranz und Demokratie“, das als Zielgruppe
gerade junge Menschen im Blick hatte.
9 Darüber hinaus besitzt Münster mit „Mobim
– der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus im Regierungsbezirk Münster“ er-
fahrene Strukturen im Handlungsfeld Rechtsextremismus.
Bei einem Handlungskonzept gegen Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit kann
die Stadt Münster auf Vorbilder anderer Städte zurückgreifen. So hat die Stadt
Hamm unlängst das Konzept „Hamm: Für Demokratie und Toleranz. Handlungskon-
5 Stadt Münster, Wahlamt, Amtliches Endergebnis der Kommunalwahl 2014.
6 ibd., Amtliches Endergebnis der Wahl zum Europäischen Parlament 2014.
7 Marko Heyse/Nina Wild, Forschungsgruppe BEMA, Münster-Barometer Herbst 2016, 2016, S. 21.
8 ibd. Frage V24, S. 10.
9 cf. Stadt Münster, Amt für Kinder, Jugendliche und Familien, Koordinierungsstelle des Lokalen Aktionsplans
Münster, Abschlussdokumentation, 2010.
5
zept gegen gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ verabschiedet. 10
Die Landesregierung von Nordrhein-Westfalen hat im Mai 2016 ein „Integriertes
Handlungskonzept gegen Rechtsextremismus und Rassismus“ verabschiedet, das für
dieses spezifische Handlungsfeld Handlungsschritte für das Land definiert hat
11 .
Zu III. Damit sowohl das Leitbild als auch das integrierte Handlungskonzept erfolgreich sein
können, ist es notwendig, ein breites Bündnis zivilgesellschaftlicher Akteurinnen und
Akteure zu definieren und in den Prozess zu integrieren. Dabei kommen alle Akteu-
rinnen und Akteure der Stadtgesellschaft in Betracht (Gewerkschaften, Kirchen und
Religionsgemeinschaften, Wirtschaftsverbände, Jugendverbände, demokratische po-
litische Gruppierungen, Schüler*innen-Vertretungen, Zusammenschlüsse von Studie-
renden, etc.)
Durch diesen partizipativen Ansatz wird bereits gewährleistet, dass über die Vernet-
zung der relevanten Akteurinnen und Akteure bereits ein Bewusstsein für die Prob-
lematik der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit hergestellt wird und entspre-
chend auch öffentlich thematisiert wird.
Dabei soll nicht nur mit Akteurinnen und Akteuren in den genannten Themenfeldern
gesprochen werden, sondern der partizipative Ansatz erstreckt sich auch auf die in
der Begründung unter II. genannten Personengruppen. Dafür werden geeignete Be-
teiligungsformate gefunden.
Der vom Rat der Stadt Münster am 29. Juni 2016 beschlossene Zukunftsprozess ent-
hält unter der Überschrift „Gutes Morgen Münster zeigt Vielfalt“ erste konzeptionelle
Ansätze, die sich für das integrierte Handlungskonzept nutzen lassen. Um die sich
daraus ergebenden Synergieeffekte nutzen zu können und neben den städtebauli-
chen Perspektiven auch die soziale Architektur in den Blick nehmen zu können, sol-
len beide Prozesse, soweit sie auf der Zeitachse kompatibel sind, an dieser Stelle me-
thodisch und prozessual verschränkt werden.
10 Stadt Hamm, Hamm: Für Demokratie und Toleranz. Handlungskonzept gegen gruppenbezogene Menschenfeind-
lichkeit, 2016.
11 MFKJKS NRW, Integriertes Handlungskonzept gegen Rechtsextremismus und Rassismus, 2016.
6
Zu IV. Sowohl der Bund als auch das Land NRW stellen für unterschiedliche Förderzwecke
Haushaltsmittel bereit, die der üblichen Kofinanzierung durch die Stadt Münster be-
dürfen. Damit Münster auch in Zukunft von diesen Fördermitteln profitieren kann, ist
es möglicherweise auch kurzfristig notwendig, die entsprechenden Interessenbekun-
dungsverfahren einzuleiten.
Zu V. Um den Prozess auf eine überschaubare Zeit anzulegen und trotzdem genügend Zeit
für ein partizipatives Verfahren zu haben, erscheint eine Befristung bis 2020 und eine
dann mögliche Aktualisierung in der kommenden Wahlperiode des Rates der Stadt
Münster sinnvoll.
Zu VI. In Münster gibt es dank der sehr breit vorhandenen sozial- und politikwissenschaftli-
chen Institutionen bei unterschiedlichen Hochschulen ein breites wissenschaftlich
abgesichertes Wissen über Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. Dieses metho-
dische und inhaltliche Wissen soll nach Möglichkeit in den gesamten Prozess einbe-
zogen werden.
Zu VII. Um eine frühe Entscheidung über die weiteren Planungsschritte herbeizuführen,
scheinen erste Konzeptentscheidungen im ersten Quartal des Jahres 2017 einen an-
gemessenen Zeitraum zu bedeuten. Dabei geht es ausdrücklich nicht darum, das fer-
tige Konzept vorzulegen, sondern die weiteren Planungsschritte und einen verbindli-
chen Zeitplan zum Gegenstand der Entscheidungen der Gremien zu machen.
Sozialdemokratische Partei Deutschlands
Fraktion im Rat der Stadt Münster
Dr. Michael Jung Thomas Fastermann Doris Feldm ann
Philipp Hagemann Marius Herwig Dr. Cornelia Jäg er
Mathias Kersting Michael Kleyboldt Marianne Koc h
Katharina Köhnke Thomas Kollmann Gaby Kubig-Ste ltig
Hedwig Liekefedt Anne Schulze Wintzler Petra Sey fferth
Ludger Steinmann Beate Vilhjalmsson Robert von Olberg
Maria Winkel
Beratungsverlauf (1)
Orte (1)
- Bahnhofstraße 9
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Details
- Aktenzeichen
- A-R/0048/2016
- Typ
- Antrag an den Rat
- Datum
- 08.11.2016
- Erstellt
- 06.10.2020 14:37