2021/0226
Ausweisung städtischer Ehrengräber
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2021/0226
13353 Zeichen
Magistratsvorlage
Eingang Magistrats -
geschäftsstelle:
14.10.2021
an den Magistrat
zur Kenntnis
zur Beschlussfassung
Beteiligt vor
Magistratsbeschlussfassung:
Dezernat I an die Stadtverordnetenversammlung
OBW zur Befassung
zur Kenntnis
zur Beschlussfassung
zur abschließenden Beschluss -
fassung Fachausschuss
Dezernat III
Amt: Kulturamt
OBW bei abschl.
Beschlussfassung Magistrat
Behandlung in
öffentl. Sitzung
Ja
Nein
Verteiler:
Ja
Nein
Vorlage-Nr. 2021/0226
Magistratsbeschluss -Nr.
Internetfähig
Produkt-Nr.: 553010
Kostenstelle: 067-110-9000 Investitionsnummer:
Kostenträger: 5530-15 Sachkonto: 6161820
Betreff: Ausweisung städtischer Ehrengräber
Vorlage vom: 05.10.2021
Beschlussvorschlag :
1. Als städtische Ehrengräber werden ausgewiesen die Grabstätten
Alter Friedhof 02/1 A 121
Erika Köth
Alter Friedhof 02/ 2 Mauer 63 a
Karl Gruber
Waldfriedhof 01/L 3 c 2
Walther und Wilhelmine Christine Richtzenhain
Eberstädter Friedhof 06/2 J 3/21
Margarete Kubelka
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2. Der Ehrengrabstatus wird mit Datum des Magistratsbeschlusses wirksam.
3. Die Kosten für die Pflege und Unterhaltung von rund 250 Euro je Grab werden aus dem
Budget des Grünflächenamts getragen.
Anlagen:
Datenschutzrelevante Anlage:
Folgekosten: Ja Nein
Beschluss des Magistrats vom
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Begründung zur Magistratsvorlage vom 05.10.2021:
Der Magistrat der Wissenschaftsstadt Darmstadt kann nach den Maßgaben der städtischen
Friedhofssatzung Grabstätten von Verstorbenen, die zu Lebzeiten besondere Leistungen
erbracht oder sich um die Stadt besonders verdient gemacht haben, den Status eines
Ehrengrabs verleihen. Die Unterhaltung von Ehrengrabstätten obliegt der Friedhofsverwaltung.
Im Zeitraum 2012 bis 2015 war ein Fachbeirat zur Neubewertung der bestehenden städtischen
Ehrengräber eingesetzt. Die Ergebnisse und die Empfehlungen des Fachbeirats , die vom
Magistrat am 08.04.2015 (MV 2015/0109) beschlossen und der
Stadtverordnetenversammlung am 07.05.2015 zur Kenntnis gegeben wurden, sind bei
künftigen Entscheidungen über die Verleihung des Ehrengrabstatus zu berücksichtigen. So
kann eine Grabstätte erst dann zum Ehrengrab erhoben werden, wenn das Nutzungsrecht
erloschen und an die Stadt zurückgefallen ist.
Für die Grabstätten Darmstädter Persönlichkeiten, die im Zeitraum seit 2019 an die Stadt
Darmstadt zurückgefallen sind, wurde seitens der Verwaltung geprüft, ob die Voraussetzungen
für eine Übernahme als Ehrengrab vorliegen. Beteiligt waren Kulturamt, Stadtarchiv und
Grünflächenamt.
Die Übernahme als städtisches Ehrengrab wird empfohlen für folgende Grabstätten:
Alter Friedhof, Grabstätte 02/1 A 121
Erika Köth (geb. 15.09.1925 Darmstadt, gest. 20.02.1989 Speyer)
Erika Köth, international erfolgreiche Opern- und Operettensängerin, gehörte zu den großen
Koloratursopranistinnen des 20. Jahrhunderts in Deutschland. Sie verbrachte ihre Kindheit und
Jugend in Darmstadt. Bis 1944 absolvierte sie, parallel zu einer kaufmännischen Lehre, eine
Ausbildung an der Hessischen Landesmusikschule in Darmstadt. Im Jahr 1945 setzte sie die
Gesangsausbildung an der Akademie für Tonkunst als Stipendiatin fort. Ihr Debüt als
Opernsängerin gab Erika Köth 1948 am Pfalztheater Kaiserslautern. Danach folgten
Engagements 1950 bis 1953 beim Badischen Staatstheater Karlsruhe und 1953 bis 1978 an
der Staatsoper München. Hinzu kamen Gastspiele an renommierten Opernhäusern und
zahlreiche Tourneen, auch in die UdSSR sowie nach Japan. Nach Beendigung ihrer
Bühnenlaufbahn unterrichte Köth an den Musikhochschulen Köln und Mannheim und
begründete die „Internationalen Meistersingerkurse“ in Neustadt an der Weinstraße.
Die Sängerin wurde vielfach ausgezeichnet, u.a. wurde sie 1956 zur Bayerischen und 1970 zur
Berliner Kammersängerin ernannt und erhielt 1956 die Johann-Heinrich-Merck-Ehrung der
Stadt Darmstadt, 1962 die Verdienstorden der Länder Bayern und Rheinland-Pfalz sowie 1975
das Große Bundesverdienstkreuz. Als berühmte und viel geehrte Opernsängerin, die wenn man
so will, Darmstadt in die Welt hinaustrug, ist an der Ehrengrabwürdigkeit nicht zu zweifeln. Die
im Rahmen der Überprüfung Darmstädter Straßennamen durch den Fachbeirat erarbeitete
Biographie brachte keine Erkenntnisse, die einem Ehrengrab im Wege stünden.
Alter Friedhof, Grabstätte 02/2 Mauer 63 a
Karl Gruber (geb. 06.05.1885 Konstanz, gest. 12.02.1966 Darmstadt)
Karl Gruber hat als Hochschullehrer und Architekt, als Stadtplaner und Kirchenbauer über
Jahrzehnte in Darmstadt gewirkt. Er beschäftigte sich mit Baugeschichte und Architektur -
theorie, entwickelte ein auf der mittelalterlichen Stadt aufbauendes Konzept der Stadtplanung.
Nach dem Architekturstudium in Karlsruhe wurde Gruber 1909 zunächst Assistent bei
Friedrich Ostendorf, der prägenden Einfluss auf seine Auffassung von Architektur und
Hinwendung zur Baugeschichte nahm. Nach Kriegsteilnahme und beruflichen Stationen in
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Freiburg und Danzig wurde er 1933 als Professor für Baugeschichte, Entwerfen und Städtebau
an die Technische Hochschule Darmstadt berufen. 1934 wurde er Denkmalpfleger der Provinz
Rheinhessen, 1935 Mitglied des Denkmalrats Hessen, 1938 bis 1945 Denkmalpfleger der
Provinz Oberhessen und Baumeister der Ev. Landeskirche Hessen. Nach 1945 entwickelte Karl
Gruber Wiederaufbaupläne für im Bombenkrieg zerstörte Städte, war 1945 bis 1947 Leiter der
Wiederaufbaukommission der Stadt Darmstadt, 1945 bis 1948 Leiter der Wiederaufbau -
kommission der TH Darmstadt und 1945 bis 1964 Landeskirchenbaumeister der EKHN. In
dieser Funktion entwarf er auch Kirchen, u.a. in Lampertheim, Neu-Isenburg, Offenbach,
Rüsselsheim und Mainz. Er war beteiligt an den Restaurierungen bzw. Wiederaufbau beim
Münster Mittelzell auf der Insel Reichenau, dem Mainzer Dom, der Kirche St. Martin in
Oberwesel, der Marienkirche in Hanau. In Darmstadt verantwortete Karl Gruber den
Wiederaufbau von Stadtkirche (1945-1956), Martinskirche (1947-1951), Stiftskirche (1956 -
1958) sowie Neubau der Friedenskirche samt Gemeindezentrum (1956-1964). Seine 1935
erschienene Publikation „Gestalt der deutschen Stadt“ gilt bis heute als ein Standardwerk für
Architekten.
Nach der Berufung nach Darmstadt 1933 geriet Gruber unmittelbar in einen Konflikt um di e
von einer NS-Gruppe verfasste Denkschrift über den Umbau der Architekturfakultät im
nationalsozialistischem Sinn, in dem ihm eine „kulturbolschewistische“ Bauweise und
fachliches Unvermögen vorgeworfen wurde. In seiner Bewertung von Grubers Rolle an der TH
Darmstadt während der NS-Zeit machte Grubers Biograf Andreas Romero (Romero, Andreas:
Baugeschichte als Auftrag: Karl Gruber: Architekt, Lehrer, Zeichner; Braunschweig 1990)
allerdings deutlich, dass zumindest eine Stilisierung Grubers als von den Nazis Diffamierter
nicht haltbar ist: Er konnte in der NS-Zeit lehren, forschen, publizieren und bauen, war 1934
und 1935 Vorstand (Dekan) der Architektur-Abteilung; konnte an reichsweiten Wettbewerben,
u.a. für das Verwaltungsforum in Frankfurt an der Oder 1938 und den Rathaus -Neubau in
Bromberg 1940, teilnehmen. Grubers Haltung gegenüber dem NS-Regime wertet Romero als
widersprüchlich: Trotz einer in Veröffentlichungen und Vorträgen erkennbaren Nähe zur NS -
Ideologie, z.B. hinsichtlich des „neuen deutschen Ostens“, war er kein NSDAP-Mitglied.
Während Kollegen aus dem „Block“, einer konservativen Architektenvereinigung, der Gruber
angehörte, im NS-Regime mit staatlichen Aufträgen bedacht wurden, blieb ihm der Zugang zu
öffentlichen Bauaufträgen zunächst ganz verschlossen und auch später nur in begrenztem
Umfang möglich. 1945 galt Gruber als unbelastet.
Im Rahmen der Überprüfung der Darmstädter Straßennamen durch einen Fachbeirat wurde
Grubers Wirken in der NS-Zeit sehr intensiv beleuchtet. Der Fachbeirat hat sich für die
Beibehaltung des Straßennamens ausgesprochen.
Vor dem Hintergrund von Karl Grubers Verdiensten um den Wiederaufbau Darmstadts und
anderer Orte in Hessen kann die Ausweisung der Grabstätte als Ehrengrab befürwortet werden.
Waldfriedhof, Grabstätte 01/L 3 c 2
Walter Richtzenhain (geb. 15.01.1891 Weimar, gest. 23.01.1950 Darmstadt) und
Wilhelmine Christine Richtzenhain (geb. 15.01.1898 Darmstadt, gest. 26.03.1975
Darmstadt)
Walther und Wilhelmine Christine Richtzenhain waren seit den 1920er Jahren in Darmstadt
und anderen Orten als Ärzte tätig. Die Eheleute lebten zuletzt im von ihnen erworbenen Haus
Olbrich (Alexandraweg 28) auf der Mathildenhöhe.
Das Ehepaar Richtzenhain war schon vor 1933 in der Friedensbewegung aktiv und hat diese
Tätigkeit nach 1945 in der Deutschen Friedensgesellschaft fortgesetzt. Aus Anlass seines
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Todes erschienen im Darmstädter Echo vom 30.01.1950 und im Darmstädter Wochenblatt am
01.02.1950 Nachrufe, in denen Walter Richtzenhains Arbeit als Arzt und Friedensarbeiter
gewürdigt wurde. Nach der übereinstimmenden Mitteilung der Nachrufe hat sich Richtzenhain
mit den Nationalsozialisten angelegt und aus humanitären Gründen auch Juden und
Zwangsarbeiter behandelt, die sonst keine Möglichkeiten der ärztlichen Behandlung fanden.
Hierfür gibt es zwar keine anderen Quellen als die Nachrufe, diese stimmen aber hierin
überein. Zudem lag die NS-Zeit, als die Nachrufe verfasst wurden, erst kurze Zeit zurück.
Frau Richtzenhain stiftete einige Jahre vor ihrem Tod den „Walther-und-Christine-Richtzenhain-
Preis“, der im Wechsel für wissenschaftliche Arbeiten im Schwerpunkt Transfer von
Forschungsergebnissen in klinische Anwendungen und herausragende Dissertationen auf dem
Gebiet der Krebsforschung zunächst von der Uni Heidelberg und seit 1975 vom DKFZ verliehen
wird. Das Wohnhaus im Alexandraweg 28 vermachte sie der Stadt für einen wissenschaftlichen,
kulturellen, der Friedensarbeit gewidmeten Zweck gemeinnütziger Art.
Aufgrund seiner Tätigkeit in der Friedensbewegung und seines humanitären Engagements wird
die Aufnahme der Grabstätte des Ehepaares Richtzenhain in die Liste der Ehrengräber
befürwortet.
Eberstädter Friedhof 06/2 J 3/21
Margarete Kubelka (geb. 14.09.1923 Haida/Nordböhmen, gest. 02.07.2000 Darmstadt )
Margarete Kubelka (verh. Kröhnke) lebte nach ihrer Flucht aus Böhmen als freie Schriftstellerin
in Darmstadt. Heute fast vergessen, war sie in den 1960er bis in die frühen 1990er Jahren eine
bedeutende und viel geehrte Schriftstellerin. Ihr umfangreiches Werk umfasste Romane,
Novellen, Kurzgeschichten und auch Kinder- und Jugendbücher. Viele der Texte spiegelten ihr
Schicksal und ihre Zeit, insbesondere das Trauma von Flucht und Vertreibung und die harten
Bedingungen der Nachkriegszeit. Darüber hinaus hat Margarete Kubelka als freie Mitarbeiterin
auch lange Jahre für das Darmstädter Echo geschrieben.
Neben ihrer literarischen Tätigkeit hat sie sich auch für das Deutsche Sozialwerk in Darmstadt
eingesetzt und Lesungen und andere kulturelle Veranstaltungen angeboten. Sie wurde dafür
1987 zum Ehrenmitglied ernannt.
Margarete Kubelka wurde u.a. mit dem Kulturpreis für Literatur der Süddeutschen
Landsmannschaften (1967), dem Andreas-Gryphius-Preis (1976), der Stiftermedaille (1982),
dem Bundesverdienstkreuz (1985), sowie der Bronzenen Verdienstplakette (1983) und der
Johann-Heinrich-Merck-Ehrung (1988) der Stadt Darmstadt ausgezeichnet.
Archivalische Quellen aus der Zeit vor der Vertreibung, die eine Aussage über das Verhalten
und die politische Ausrichtung in der NS-Zeit zuließen, liegen nicht vor. Jedoch war Kubelka
noch recht jung, als das Dritte Reich endete.
Aufgrund Ihrer Verdienste und Leistungen wird die Übernahme des Grabes als städtisches
Ehrengrab befürwortet.
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Für die nachstehend genannten Grabstätten wird nach Prüfung durch die Verwaltung die
Ausweisung eines Ehrengrabes nicht empfohlen:
Alter Friedhof, Grabstätte 1 D 048
Dr. Fritz Hermann (geb. 27.02.1905 Posen, gest. 08.07.1964 Stuttgart)
Fritz Hermann war Archivar und Historiker. Von 1929 bis 1936 war er Direktor des
Staatsarchivs in Darmstadt. Hermann hat viel publiziert zur Darmstädter und zur Hessischen
Geschichte und hatte auch einige Verbandsämter inne. Dennoch kann unter Anlegung strenger
Kriterien die Ehrengrabwürdigkeit nicht befürwortet werden, denn die Publikationen und Ämter
hängen im Wesentlichen mit seiner beruflichen Tätigkeit zusammen. Darüber hinausgehende
Verdienste sind nicht belegt. Eine Übernahme als städtisches Ehrengrab kommt daher nicht in
Frage.
Alter Friedhof Grabstätte 02/1 G 35 a
Nebelsches Familiengrab
In der Grabstätte sind mehrere Personen bestattet. Mit einer gewissen Bedeutung für
Darmstadt sind Wilhelm Christoph Nebel (1773-1842), als Oberpostmeister, Wilhelm Nebel
(1819-1908) als Pfarrer und Schriftsteller sowie dessen Sohn Carl Ludwig Nebel (1857-1928)
als leitender Beamter der hessischen Kirche im Großherzogtum anzusehen. Für eine Erhebung
der Grabstätte zum Ehrengrab reichen die Lebensleistungen der drei Genannten aber nicht
aus. Eine Übernahme als städtisches Ehrengrab kann daher nicht befürwortet werden.
Dezernat I Dezernat III
Jochen Partsch Michael Kolmer
Oberbürgermeister Stadtrat
Beratungsverlauf (2)
Orte (1)
- Alexandraweg 28
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Details
- Vorlagen-Nr.
- 2021/0226
- Typ
- Magistratsvorlage
- Datum
- 05.10.2021
- Erstellt
- 29.09.2026 00:00