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Medizinische Versorgung wohnungsloser Menschen in Köln - Jahresbericht 2020

Mitteilung Ausschuss 1912/2021 vom 26.05.2021

Stand: Am 26.08.2021 im Ausschuss für Soziales, Seniorinnen und Senioren beraten. Ergebnis: Kenntnis genommen.

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  • Jahresbericht MMD 2020

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    Mobiler Medizinischer Dienst Medizinische Versorgung wohnungsloser Menschen in Köln Jahresbericht 2020 Stadt Köln - Gesundheitsamt……………………………………………………………. 2 2 I n h a l t 1. Grundlegendes in Kürze vorweg S. 3 2. 2020 – Zahlen und Fakten S. 6 3. 2020 – Auswirkungen der Corona-Pandemie S. 16 4. Anhang: Ergänzende Informationen S. 18 3 3 Medizinische Grundversorgung wohnungsloser Menschen in Köln im Jahr 2020 1. Grundlegendes in Kürze vorweg Menschen, die unter den Bedingungen der Wohnungslosigkeit leben, leiden unter einer erhöhten Krankheitslast. Sowohl körperliche als auch psychiatri- sche Erkrankungen und Suchtkrankheiten treten um ein Vielfaches häufiger als in der sog. Wohnbevölkerung auf. Darüber hinaus ist ihnen der Zugang zum etablierten System der medizinischen Versorgung oft verschlossen oder zumindest erschwert. Aus diesem Grund bietet der mobile medizinische Dienst (MMD) des Ge- sundheitsamtes in Köln seit mehr als 25 Jahren eine medizinische Grundver- sorgung für diesen Personenkreis an (für den Kreis der von illegalen Drogen Abhängigen in Form einer drogentherapeutischen Ambulanz / DTA). Den betroffenen Menschen wird entsprechend ihren besonderen Lebensbe- dingungen, ihrer jeweiligen psychosozialen Situation ein explizit nieder- schwelliges Behandlungsangebot gemacht. Dieses erfolgt grundsätzlich aus einer akzeptierenden Haltung und mit einem Konzept aufsuchender Arbeit, im direkten Lebensumfeld, „vor Ort“. Die Sprechstunden erfolgen daher in Behandlungsräumen, die verschiedenste Hilfseinrichtungen im gesamten Stadtgebiet für den MMD vorhalten. Dieses trägerübergreifende Konzept mit Nutzung gewachsener Strukturen hat sich gut bewährt. Die Inanspruchnahme ist selbstverständlich unentgeltlich, d.h. nicht an eine Krankenversicherung gebunden, und auf Wunsch auch anonym. Erfolgreiche medizinische Hilfe beruht hierbei vor allem auf einer genauen und gezielten Anamnese sowie symptombezogenen körperlichen Untersu- chung. Beides erfordert einen tragfähigen und vertrauensvollen Kontakt, der häufig erst nach einer langen Kontaktanbahnung in der Lebenswirklichkeit der Betroffenen möglich ist. Wohnungslose Menschen begegnen institutio- neller Hilfe aufgrund vorheriger negativer Erfahrungen oft mit einem Grund- misstrauen. Besonders wichtig ist daher die zuverlässige Erreichbarkeit der Versorgungsangebote und die (insbesondere auch personale) Behandlungs- kontinuität. In den letzten 20 Jahren wurden auf diese Weise stets zwischen 1200 und 1400 verschiedene Menschen jährlich erreicht. Ein großer Teil unserer Pati- entinnen und Patienten kennt und nutzt den MMD dabei bereits über viele Jahre. Ergänzend werden diagnostische Hilfsmittel wie mobile Sonographie- und 12-Kanal-EKG-Geräte eingesetzt. Teststreifen-Diagnostik (Urin, Blutzucker, Schwangerschaft etc.) ist verfügbar. 4 4 Weitere apparative Diagnostik (Röntgen, Lungenfunktion, Labor) steht im Gesundheitsamt zur Verfügung. Etliche Patienten halten die dort vereinbar- ten Termine jedoch nicht ein, was bedeutet, dass bereits dieses Angebot zu hochschwellig ist. Die therapeutischen Entscheidungen setzen daher in der Regel ein hohes Maß klinischer Erfahrung voraus. Ärztlich verordnete Medikamente werden in geringen Mengen kontrolliert ausgegeben, der Therapieverlauf wird überwacht. Die angebotenen krankenpflegerischen Hilfen gehen in hohem Maße über eine eher somatisch ausgerichtete ambulante Grund- und Behandlungs- pflege hinaus und erfordert neben gezielter Kontaktaufnahme auch psycho- soziales Krisenmanagement, Einüben lebenspraktischer Fähigkeiten u.a. Der Zugang zu den Klienten über die Kombination aus ärztlicher und pflege- rischer Versorgung erweist sich als äußerst effektiv. Er bietet die Möglichkeit, Personengruppen, die bisher vom Hilfesystem nicht erreicht wurden, ge- sundheitlich und psychosozial zu stabilisieren. Der MMD nutzt die sozialarbeiterischen Hilfen der freien Träger im engen Austausch. Der MMD vernetzt die niedrigschwelligen Kontaktangebote der Suchthilfe und der Wohnungslosenhilfe in Köln mit den weiteren medizini- schen Angeboten des städtischen Gesundheitsamtes (wie bspw. Gynäkolo- gie, STI-Ambulanz, Tbc-Beratungsstelle, …), niedergelassener Ärztinnen und Ärzte und der Krankenhäuser. So ist eine bestmögliche Ausschöpfung der psychosozialen und medizini- schen Ressourcen und auch eine Weiterentwicklung der Behandlungsan- sätze gewährleistet. Die gewünschten Synergieeffekte können nur im ständi- gen Diskurs zwischen den Partnern in den unterschiedlichen Hilfsangeboten sinnvoll genutzt werden. Ein Ziel der aufsuchenden medizinischen Versorgung ist es, den durch viel- fältige psychosoziale Probleme belasteten Menschen den Zugang zu der auch ihnen grundsätzlich zur Verfügung stehenden medizinischen Regelver- sorgung (wieder) zu eröffnen. Oft werden erst nach langen Zeiträumen und unter enger Begleitung auch weiterführende Kontakte in das etablierte medi- zinische Hilfesystem möglich. Trotz aller Bemühungen müssen die Therapieziele in vielen Fällen sehr kleinschrittig gewählt und mit großer Geduld verfolgt werden. Gemäß dem Konzept der „harm reduction“ geht es oftmals nur darum, zu- mindest weiteren gesundheitlichen Schaden zu vermeiden oder zu mildern sowie noch bestehende Therapie- bzw. Rehabilitationsoptionen möglichst lange zu erhalten. Die medizinische Versorgung unserer Patientinnen und Patienten ist auf- grund ihrer multiplen Problemlagen auch auf der Behandlerseite oft schwie- rig und belastend. Sie bedarf regelmäßiger interner Austausche und Abspra- chen, außerdem regelmäßiger Supervision und Förderung persönlicher Resi- lienz. 5 5 Der mobile medizinische Dienst ist Mitglied der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG W). Dem Leiter des MMD ist im Fachgebiet „Allgemeinmedizin“ von der Ärzte- kammer die Befugnis zur Weiterbildung angehender Fachärzte erteilt wor- den. Der MMD hat zudem fachärztlich internistische, psychiatrische, sozialmedizi- nische und suchtmedizinische Kompetenz. 6 6 2. 2020 – Zahlen und Fakten Patienten und Behandlungen Im Jahr 2020 wurden in Köln durch den Mobilen Medizinischen Dienst (MMD) des Gesundheitsamtes 1376 verschiedene Menschen behandelt bzw. betreut, davon 1162 (84,5%) Männer und 214 (15,5%) Frauen. Es kam dabei zu 8465 Behandlungskontakten. Auch unter den erschwerten Bedingungen der Corona-Pandemie ist das Be- handlungsangebot in vollem Umfang aufrechterhalten worden. Gerade die vulnerable Gruppe der Wohnungslosen litt sehr unter den seit März 2020 bestehenden erheblichen Einschränkungen des öffentlichen Le- bens. Der Zugang zu Hilfsangeboten war anfangs tlw. ganz unmöglich, im weiteren Verlauf dann in nur eingeschränkter Form möglich (s.u.). Letztlich ist aber nur ein geringer Rückgang (ca. 5%) der Zahl der Behandlungskon- takte im Vergleich der letzten 6 Jahre festzustellen. 1134 2436 4419 4929 6000 7213 8451 8327 7209 7642 7755 7802 7961 7058 7000 6666 7830 7390 7716 7453 7724 8622 8484 9055 8698 8699 8658 8465 0 1000 2000 3000 4000 5000 6000 7000 8000 9000 10000 1993 1994 1995 1996 1997 1998 1999 2000 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015 2016 2017 2018 2019 2020 Behandlungskontakte 1993 bis 2020 7 7 Falls wohnungslose u./o. drogenabhängige Menschen das herkömmliche medizinische Hilfesystem trotz der eingangs beschriebenen Probleme aufsu- chen, ist die Akzeptanz oft gering: Dieser Patientenkreis beansprucht viel Zeit und stört damit den Praxisablauf, manche Mitpatienten fühlen sich durch das äußere Erscheinungsbild oder das Verhalten dieser Patientengruppe be- einträchtigt, mitgeführte Hunde oder andere Tiere können nicht geduldet werden, und viele Patienten stehen bei Behandlungsbeginn unter dem Ein- fluss von Alkohol u./o. Drogen. Vielfach beruhen hierauf im Sinne einer gegenseitigen negativen Verstär- kung die Vorurteile der Betroffenen gegenüber dem etablierten medizini- schen System, da sie sich mit ihren Beschwerden nicht ausreichend ernst genommen fühlen. Oft führt aber auch eine gestörte Selbstwahrnehmung, sei es durch psychi- sche Störungen oder infolge Alkohol- oder Drogenkonsums, zur Bagatellisie- rung körperlicher Symptome. 566 Menschen, 479 Männer und 87 Frauen, wurden im Jahr 2020 erstmals vom Mobilen Medizinischen Dienst behandelt ; bei 41,1% der insgesamt be- handelten Patienten handelte es sich somit um Erstkontakte. In den Vorjahren machte diese Untergruppe stets ca. ein Drittel der gesamten Patienten aus. 431 895 633 644 600 613 641 542 586 565 541 493 473 448 450 550 508 572 520 536 580 488 552 521 495 503 566 0 100 200 300 400 500 600 700 800 900 1000 1994 1995 1996 1997 1998 1999 2000 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015 2016 2017 2018 2019 2020 Erstkontakte 1993 bis 2020 8 8 Nationalitäten Von den 2020 durch den MMD behandelten Patienten waren 765 (55,6%) deutscher Nationalität. 102 (7,4%) Patienten stammten aus anderen europäischen Ländern (EU / Nicht-EU). Wohnungslose EU-Bürger aus den östlichen Ländern Europas, von den bal- tischen Staaten über Polen bis zu den Staaten des Balkans, machen seit 2013 ca. 20% der durch den MMD Köln behandelten Patienten aus. Im Jahr 2020 handelte es sich um 334 (24,3%) unserer Patienten. Die zuletzt genannten haben, von Notfällen abgesehen, in Deutschland kei- nen Anspruch auf medizinische Regelversorgung und machen in Metropolre- gionen wie Köln bis zu 50% der Obdachlosen aus1. Es gibt zwar internatio- nale Abkommen, die die Inanspruchnahme des Gesundheitssystems in an- deren Ländern regeln, wenn entsprechende Bescheinigungen bzw. Versi- cherungsnachweise (bspw. EHIC) aus den Herkunftsländern vorgelegt wer- den können. Weil diese Möglichkeit jenen Patienten entweder unbekannt, o- der die Beschaffung im Heimatland schwierig zu bewerkstelligen und mit Kosten verbunden ist, oder aus anderen Gründen bleiben sie letztlich oft ohne Krankenversicherungsschutz. Sie nutzen deshalb auch das Behand- lungsangebot des MMD. Dieser Personenkreis hat das Behandlungsangebot des MMD augenschein- lich weiter im bisherigen Umfang genutzt, wohingegen der geringfügige Rückgang der Gesamtpatientenzahl überwiegend in einer etwas geringeren Inanspruchnahme durch die anderen Untergruppen bedingt zu sein scheint. Bei 59 Patienten liegen keine Angaben zur Nationalität vor. Sprechstundenangebot Die medizinischen Sprechstunden werden ganz überwiegend in festen Räumlichkeiten, d.h. in den verschiedenen Kontaktcafés, Kontakt- und Bera- tungsstellen, Anlaufstellen etc. für unterschiedliche Zielgruppen angeboten, darunter eine Einrichtung für Jugendliche und junge Erwachsene, eine Ein- richtung mit frauenspezifischem Hilfeansatz, ein Drogenkonsumraum und eine Einrichtung im Bereich der mann-männlichen Prostitution. Mit dem Be- handlungsbus werden in vier weiteren Angeboten / Einrichtungen für woh- nungslose Menschen medizinische Sprechstunden angeboten. Die Sprechstunden finden mit großer Regelmäßigkeit zu festen Zeiten und an festen Orten statt. 1 Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG W) 2019 9 9 Nach gesonderter Vereinbarung oder auf Veranlassung werden Betroffene auch auf der Straße, auf ihrer „Platte“, besucht, oder im Rahmen von „medi- cal streetwork“ in der Szene aufgesucht. Auch erfolgen nach vorheriger Absprache Hausbesuche im betreuten Woh- nen, in Notschlafstellen bzw. Obdachlosenhotels und in Einzelfällen Besuche im Krankenhaus. Im Gesundheitsamt selbst werden bei Bedarf ergänzende Untersuchungen durchgeführt (s.u.). Sprechstundenangebot MMD Beratungsbus B.O.J.E. (Auf Achse e.V. / Behandlungsbus) 2x wöchentlich Krankenwohnung Salierring (Diakonie) 2x wöchentlich Café Victoria / Frauencafé (Drogenhilfe Köln e.V.) 6x wöchentlich Straßensprechstunde am Appellhofplatz (Gesundheit für Wohnungslose e.V. / Behandlungsbus) 2x wöchentlich Wohnheim / Notschlafstelle in der Annostrasse (Johannesbund) 5x wöchentlich Kontakt- und Beratungsstelle für männliche Prostituierte (Looks e.V.) 1x wöchentlich Kontakt- und Beratungsstelle für Wohnungslose (Oase Benedikt Labre e.V. / Behandlungsbus) 2x wöchentlich Humanitäre Hilfen (Sozialdienst kath. Männer, Vorgebirgsstr.) 2x wöchentlich Café Rochus (Sozialdienst kath. Männer) 2x wöchentlich Kontakt- und Beratungsstelle für Drogenabhängige (Sozialdienst kath. Männer, Hauptbahnhof) 5x wöchentlich Kontakt- und Beratungsstelle für Wohnungslose (Sozialdienst kath. Männer, Hauptbahnhof) 5x wöchentlich Krankenwohnung Kosmidion (Spiritaner-Stiftung) 5x wöchentlich Kontakt- und Beratungsstelle für Drogenabhängige (Vision e.V. / Behandlungsbus) 1x wöchentlich Begegnungs- und Beratungsstelle (Vringstreff e.V.) 1x wöchentlich Impfungen Als wichtige präventivmedizinische Maßnahme werden Schutzimpfungen durchgeführt. Bei ungenügendem oder unklarem Impfschutz nach Verletzun- gen erfolgen Tetanus-Diphterie (Td)- Schutzimpfungen. Im Herbst wird allen Patienten die Grippeschutzimpfung angeboten. Weitere Impfungen werden nur nach individueller Absprache vorgenommen. Darüber hinaus können nach Absprache mit den entsprechenden Trägern zusätzliche Impfaktionen, z.B. für Patienten im „betreuten Wohnen“, durch- geführt werden. Im Jahr 2020 wurden 223 Patienten geimpft. 10 1 0 Kostenträger / Versicherungsstatus Ein wesentlicher Hinderungsgrund, der wohnungslosen Menschen den Zu- gang zu einer medizinischen Versorgung im Regelsystem erschwert, stellt vielfach die Kostenträgerfrage dar. So scheitern viele Patienten bereits an der Patientenannahme einer Arztpraxis, weil sie keine Versicherungskarte ihrer gesetzlichen Krankenkasse vorlegen können - obwohl in vielen Fällen ein Anspruch gegenüber einer gesetzlichen Versicherung oder dem Sozial- amt besteht. Um die Behandlung trotzdem sicherstellen zu können ist hier eine unbürokratische Vorgehensweise erforderlich, bei der die aktuelle Er- krankung und keinesfalls die Kostenfrage im Vordergrund stehen darf. Von den 1376 Patienten, die im Jahr 2020 in den Sprechstunden medizi- nisch versorgt wurden, hatten 774 (56,25%) Ansprüche gegenüber einer ge- setzlichen Krankenversicherung (davon 8 Patienten im Basistarif einer priva- ten Krankenversicherung). 15 (1,1%) gaben an, über das örtliche Sozialamt versichert zu sein. 347 (25,2 %) der Patienten gaben an derzeit nicht versi- chert zu sein. Besonders nach Haftentlassung kann es zunächst zu einer „Versicherungs- lücke“ kommen, wenn die Patienten sich nicht sofort beim Jobcenter oder dem örtlichen Sozialhilfeträger melden, um bei einer gesetzlichen Kranken- versicherung angemeldet zu werden. 0,0 10,0 20,0 30,0 40,0 50,0 60,0 GKV Sozialamt keine k.Angabe ungeklärt 56,3 1,1 25,2 6,7 10,8 Prozent Versicherungsstatus MMD 2020 [n=1376) 11 1 1 92 Patienten (6,7%) machten keine Angabe zu ihrem Versicherungsstatus. Es ist anzunehmen, dass die Verteilung bei den Patienten „ohne Angabe“ ähnlich ist, wie bei denen, deren Kostenträger bekannt ist, so dass die über- wiegende Anzahl der Patienten Ansprüche gegenüber einer gesetzlichen Krankenversicherung oder dem Sozialamt haben. Erfahrungsgemäß haben ca. 20% der Patienten beim Erstkontakt Schwierig- keiten ihren Kostenträger zu benennen. Bei mehrfacher Inanspruchnahme der medizinischen Versorgung lässt sich häufig doch ein Kostenträger ermit- teln. Behandlungskontakte Bei 8465 Behandlungskontakten ergibt sich eine durchschnittliche Zahl der Kontakte von 705,5 monatlich. Sie ist im Vergleich zum Vorjahr i. W. unver- ändert. Im Januar 2020 war die Inanspruchnahme der Sprechstunden in den verschiedenen Einrichtungen mit 802 Kontakten am höchsten. Die geringste Anzahl mit 641 war hingegen im Mai 2020 zu verzeichnen, in der Phase des ersten Pandemie-bedingten Lockdowns. Die Intensität der Kontakte ist hoch, da immer mehr Patienten auch mit tlw. gravierenden chronischen Erkrankungen die Sprechstunden in Anspruch neh- men. So ist die Versorgung von oft großen chronischen Wunden,, z.B. nach 802 687 687 690 641 650 726 716 764 693 716 693 0 100 200 300 400 500 600 700 800 Januar Februar März April Mai Juni Juli August September Oktober November Dezember Behandlungskontakte nach Monat - 2020 [n=8465] 12 1 2 injektionsbedingten Infektionen oder Abszessen, sehr zeitaufwendig und führt teilweise zu Wartezeiten für andere Patienten, die nicht immer toleriert werden - ähnlich wie im Regelsystem. Altersstruktur Bei der Altersstruktur ergab sich im Jahr 2020 eine Spannweite von 0(!) bis 85 Jahren, der Mittelwert lag bei 44,7 Jahren. Nur 2 Patienten waren jünger als 18 Jahre, darunter ein Neugeborenes (bis zur Übernahme der Behandlungs- kosten durch das Jugendamt), aber 167 waren älter als 60 Jahre, davon sogar 45 über 70 Jahre und 8 Patienten (darunter nur 1 Frau) über 80 Jahre alt; der Anteil älterer und hochbetagter Patienten hat im Vergleich zum Vorjahr weiter leicht zugenommen. Das Durchschnittsalter der Frauen betrug 42,7 Jahre, das der Männer 44,9 Jahre. Während bis zum 40. Lebensjahr der prozentuale Anteil der Frauen höher ist, steigt im höheren Alter der prozentuale Anteil der Männer deutlich an. 3,8 0,8 10,6 34,7 24,6 16,1 6,4 3,0 0,0 2,7 0,1 6,1 28,4 26,0 24,0 10,0 2,3 0,3 0 5 10 15 20 25 30 35 40 k.A <18 18-27 28-41 41-50 51-60 61-70 71-80 >80 Altersgruppen Altersgruppen 2020 [n = 1376] weiblich % männlich % 13 1 3 Überweisung und Vermittlung In 106 Fällen wurde eine Mit- oder Weiterbehandlung in Praxen niedergelas- sener Ärzte veranlasst. 217 mal wurden Patienten wegen somatischer Er- krankungen in Krankenhäuser eingewiesen. Zwölf Einweisungen erfolgten in die allgemeine Psychiatrie, 31 in die qualifizierte Entzugsbehandlung. Zudem erfolgte zur Einleitung einer neuen Substitutionsbehandlung eine Vermittlung zu einer der Substitutionsambulanzen bzw. zu niedergelassenen Ärzten. 43 Patienten, bei denen der Verdacht auf eine sexuell übertragbare Krankheit bestand, wurden an die STD-Ambulanz des Gesundheitsamtes überwiesen. Bei 37 Patienten ergaben sich aus der medizinischen Behandlung heraus Probleme, die Sofortvermittlung an einen Sozialarbeiter erforderlich mach- ten, um eine adäquate Behandlung erst zu ermöglichen. In 16 Fällen erfolgte eine Vermittlung zur zahnmedizinischen Akutversorgung. 21 Patienten wur- den in die Sprechstunden der Malteser Migranten Medizin weiter verwiesen. Im Gesundheitsamt wurde immer dann eine weiterführende Diagnostik (Röntgenuntersuchung der Lunge, Ultraschall, EKG, Labor etc.) durchge- führt, wenn die entsprechende Untersuchung zwar erforderlich, aber vor Ort nicht ausführbar und eine Vermittlung an niedergelassene Ärzte nicht mög- lich war (bzw. Unklarheit über einen Kostenträger bestand), die Art der Er- krankung ein weiteres Abwarten aber nicht zuließ. Ein besonders wichtiges Angebot für wohnungslose Patienten sind die Kran- kenwohnungen, die sich in Trägerschaft der Diakonie (Salierring) und der Spiritaner-Stiftung (Kosmidion, Victoriastraße) befinden. Dorthin werden Pati- enten mit Krankheitsbildern, die zwar keine Krankenhausbehandlung erfor- dern, die jedoch bei einem Leben auf der Straße, „auf der Platte“, auch nicht 0 50 100 150 200 250 Entgiftung Alkohol EntgiftungDrogen Krankenhaus Krankenwohnung Psychiatrie Zahnarzt Sozialarbeiter Praxis Gesundheitsamt STD Migrantenmedizin Vermittlungen 2020 [n=666] 14 1 4 ausheilen würden, vermittelt. Dadurch steht ein kurzfristiges, häuslicher Pflege vergleichbares, Angebot zur Verfügung. 183 Patienten wurden im Jahr 2020 durch den mobilen medizinischen Dienst vorübergehend in diesen Krankenwohnungen betreut. Konsultationsgründe Betrachtet man die Konsultationsgründe in den Sprechstunden des Mobilen Medizinischen Dienstes nach den Hauptgruppen der „Internationalen statisti- schen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme“ (ICD-10-GM), so dominieren  chirurgische Krankheitsbilder, darunter zahlreiche Verletzungen durch Unfälle und körperliche Auseinandersetzungen, bspw. Schnittverlet- zungen (ca. 23,0%),  und internistische Erkrankungen (ca. 28,3%). Eine Häufung ist eben- falls bei  Erkrankungen der Haut und Unterhaut festzustellen (ca. 13,5%), wo- runter viele tlw. große chronische Wunden bzw. Ulcera sowie Parasi- tosen (Pedikulose, Scabies,…) subsummiert sind.  Psychiatrische Erkrankungen wurden mit ca. 25,5% häufig in den Sprechstunden des MMD diagnostiziert, meist als Komorbidität. Bei dem überwiegenden Anteil der psychiatrischen Erkrankungen, bei ca. 70%, handelte es sich dabei um Abhängigkeitserkrankungen, andere psychiatrische Krankheitsbilder, darunter viele chronische Psychosen, hatten einen Anteil von ca. 30%. 0 1000 2000 3000 4000 5000 Augen Chirurgie Gynäkologie Haut HNO Innere Medizin Neurologie Orthopädie Psychiatrie Urologie Zahnmedizin 63 3651 38 2143 213 4501 340 654 4065 108 127 Anzahl Behandlungen Behandlungen nach Fachgebiet 2020 15 1 5 Klassifikation nach ICD 10 (Hauptgruppen) I. Infektiöse und parasitäre Erkrankungen (A00-B99) 1040 II. Neubildungen (C00-D48) 132 III. Krankheiten des Blutes und der blutbildenden Organe sowie bestimmte Störungen des Immunsystems (D50-D89) 56 IV. Endokrine, Ernährungs- und Stoffwechselerkrankungen (E00-E90) 197 V. Psychische- und Verhaltensstörungen (F00-F99) 5183 davon Suchtkrankheiten (F10-F19) 3936 VI. Erkrankungen des Nervensystems (G00-G99) 167 VII.+VIII. Krankheiten des Auges und des Ohres (H00-H95 120 ……………………davon Augenkrankheiten (H00-H57) 66 ……………………davon HNO-Krankheiten (H60-H93) 54 IX. Krankheiten des Kreislaufsystems (I00-I99) 2784 X. Krankheiten der Atmungssystems (J00-J99) 781 XI. Krankheiten des Verdauungssystem (K00-K93) 726 ……………………davon Zahnkrankheiten (K00-K08) 136 XII. Krankheiten der Haut und Unterhaut (L00-L99) 1983 XIII. Krankheiten des Muskel-Skelett-Systems und des Bindegewebes (M00-M99) 560 XIV. Krankheiten des Urogenitalsystems (N00-N99) 119 XV. Schwangerschaft, Geburt, Wochenbett (O00-O99) 4 XVI. Bestimmte Zustände, die ihren Ursprung in der Perinatalperiode haben (P00-P96) 6 XVII. Angeborene Fehlbildungen, Deformitäten und Chromosomenanomalien (Q00-Q99) 7 XVIII. Symptome und abnorme klinische und Laborbefunde, die andernorts nicht klassifiziert sind (R00-R99) 1340 XIX. Verletzungen, Vergiftungen und bestimmte andere Folgen äußerer Ursa- chen (S00-T98) 2614 XX. Äußere Ursachen von Morbidität und Mortalität (V01-Y99) 179 XXI. Faktoren die den Gesundheitszustand beeinflussen und zur Inanspruch- nahme des Gesundheitswesens führen (Z00-Z99) 914 Es ist evident, dass viele Patienten Mehrfacherkrankungen an verschiede- nen Organsystemen aufwiesen. In 19 Fällen war die Behandlung vital bedrohlicher Notfälle (meist Drogen- notfälle) notwendig. 16 1 6 3. 2020 – Auswirkungen der Corona-Pandemie Die Gruppe der wohnungslosen Menschen litt sehr unter den seit März 2020 bestehenden erheblichen Einschränkungen des öffentlichen Lebens infolge der einsetzenden Corona-Pandemie. Zum einen sind für die betroffenen Menschen wichtige Einkommensquellen entfallen, bspw. durch schnorren/betteln, durch das Sammeln von Pfandfla- schen oder Straßenmusik. Zum anderen war der Zugang zu Hilfsangeboten stark erschwert, anfangs tlw. ganz unmöglich, da die Einrichtungen des Hilfesystems zeitweise ge- schlossen werden mussten und später nur mit stark reduziertem Angebot bzw. für eine deutlich geringere zugelassene Personenzahl wieder öffnen durften. Streetwork-Angebote (inkl. „medical streetwork“) in der Szene, bspw. im Um- feld bestimmter Altstadtlokale, mussten seitdem vollständig entfallen. Das wirkte sich auch auf die Kontaktaufnahme zum MMD aus: Im Vergleich zu den Vorjahren kam es, wie oben dargelegt, zu einer etwas geringeren Zahl von Behandlungskontakten (ca. -5%). Nachdem in einem besetzten Haus eine COVID-19-Erkrankung diagnosti- ziert und die Bewohner sich kollektiv in Quarantäne begeben mussten, er- folgte während dieses Zeitraums durch den MMD die medizinische Versor- gung vor Ort im Rahmen von regelmäßigen „Hausbesuchen“. 17 1 7 Grundsätzlich ist das medizinische Behandlungsangebot des MMD auch un- ter den erschwerten Bedingungen der Corona-Pandemie in vollem Umfang aufrechterhalten worden, mit tlw. sogar höherer Intensität der einzelnen Kon- takte. Der MMD wurde zu Beginn der Pandemie, bis zum Aufbau geeigneter neuer Strukturen im Gesundheitsamt, darüber hinaus auch mit der aufsuchenden Untersuchung von Kölner Bürgern beauftragt, die sich in häusliche Quaran- täne begeben mussten. 18 1 8 4. Anhang: Ergänzende Informationen zur Arbeit des MMD Detailliertere Angaben zur Tätigkeit in tabellarischer Form Erschwerende Faktoren bei der medizinischen Versorgung Wohnungslo- ser  Häufig schlechte Körper- und Kleidungshygiene  Veränderte Bewusstseinslage durch Suchtmittel oder Entzugssymptome, dadurch erschwerte Diagnostik und Behandlung  Misstrauen der Betroffenen gegenüber institutioneller Hilfe  Häufige Sprachbarriere  Fremd- und eigenaggressives Verhalten  Vor Ort hoher Geräuschpegel, Unruhe, tlw. Arbeit in einem Behandlungs- bus - und noch gelegentlich Zigarettenrauch  Beengte räumliche Be handlungsbedingungen, tlw. alternierend gemein- same Raumnutzung mit anderen Diensten  Verschiedene Einsatzorte mit z.T. längeren Anfahrtszeiten  Arbeit innerhalb unterschiedlicher Teamstrukturen Beratung und Vermittlung im Erkrankungsfall  Beratung zur Inanspruchnahme der Hilfen medizinischer Regelleistungen  Beratung und Vermittlung zur Suchtmittelentgiftung und Langzeitentwöh- nung  Vermittlung zur Inanspruchnahme von Sozialberatung in den entsprechen- den Einrichtungen, aber auch Ämtern (u.a. Sozialamt, Jobcenter)  Terminabsprachen und Vermittlung zu weitergehender Diagnostik und Be- handlung in Krankenhäuser, Praxen, Gesundheitsamt (Röntgen/Tuberku- loseüberwachung, STI-Ambulanz, Schwangerschaftskonfliktberatung etc.)  Begleitung zu Fachärztinnen/Fachärzten  Krankenhausbesuche Präventive Maßnahmen  Impfungen, bspw. gg. Influenza, Tetanus (Td), Hepatitis B etc.  Ernährungsberatung  Hygieneberatung (Körperhygiene, Hygiene des Schlafplatzes, Kleidungs- hygiene, „safer use“ bei i.v.-Drogenabhängigkeit, Nahrungshygiene, etc.)  Venenpflege / Beratung zur Injektionstechnik bei i.v.-Drogenabhängigen  Aufklärung zur Vermeidung von übertragbaren Krankheiten (u.a. STD, He- patitiden, HIV, Tuberkulose)  Problematisierung lebenslagenspezifischer Verhaltensweisen bezüglich ihrer gesundheitlichen Relevanz (bspw. Umgang mit Drogenkonsum nach erzwungener Abstinenz durch Haft / veränderte Opiattoleranz; Unterblei- ben erforderlicher Dauerbehandlung chronischer Erkrankungen wie Hyper- tonie, Diabetes mell., COPD, Psychosen mit sich hieraus ergebenden Kon- sequenzen; Alkoholkonsum / Entzugssymptomatik etc.)  Rehabilitation nach schweren Erkrankungen (z.B. Unfall- oder Operations- folgen wie bspw. Amputationen, Stomaversorgung etc.) 19 1 9 Vernetzung, Koordination und Kommunikation  Teamsitzungen und Supervisionen mit den Kooperationspartnern sowie dienstintern  Teilnahme an unterschiedlichen Arbeitskreisen und Planungsgruppen (z.B. PSAG -Sitzungen, Planungsgruppen auf kommunaler und Landes- ebene, Dienstbesprechungen innerhalb des Gesundheitsamts)  Kooperation mit ehrenamtlich tätigen Initiativen und Vereinen  Kooperation mit anderen Einrichtungen des Gesundheitswesens in ambu- lanter und stationärer Versorgung  Kooperation mit Einrichtungen des Sozialhilfewesens  Vernetzung mit vergleichbaren Projekten und Initiativen in anderen Städte  Mitgliedschaft und Mitarbeit in der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungs- losenhilfe (BAGW)  Weiterentwicklung des Konzeptes, Anpassung an Änderungen der jeweili- gen Rahmenbedingungen  Kommunikation mit Medien und interessierter Öffentlichkeit zu Positionie- rung der Arbeit im Hilfesystem und im städtischen Umfeld  Weiterbildung externer Helfer in medizinischen Fragen  Vorträge bzw. Vorlesungen für Studierende der Sozialen Arbeit und der Medizin  Praktika / Famulaturen für Studierende der Medizin  Ausbildungsabschnitte von Auszubildenden der Gesundheits- und Kran- kenpflege Administrative Tätigkeiten  Behandlungsdokumentation  Ausstellung von Bescheinigungen / Attesten für Behörden, Versicherun- gen u.ä.  Kurze medizinische Gutachten Logistik  Vorratshaltung von medizinischem Verbrauchsmaterial (Medikamente, Verbandsstoffe u. ä.)  Instrumentenpflege und -aufarbeitung  Bestandhaltung im Behandlungsfahrzeug  Fahrten zu verschiedenen Einsatzorten  Fahrzeuglogistik und Fahrzeugunterhaltung Fortbildung und Supervison  Teilnahme an regionalen und überregionalen Kongressen und Tagungen zu relevanten Themen (gesundheitliche Folgen von Wohnungslosigkeit, Abhängigkeit von legalen und illegalen Suchtmitteln, …)  Interne Fortbildung mit Schwerpunkt auf zielgruppenspezifischen Behand- lungsstrategien  Monatliche Fallsupervisonen
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    Die Oberbürgermeisterin Dezernat, Dienststelle V/53/534 Vorlagen-Nummer 25.06.2021 1912/2021 Mitteilung öffentlicher Teil Gremium Datum Gesundheitsausschuss 08.06.2021 Ausschuss für Soziales, Seniorinnen und Senioren 26.08.2021 Medizinische Versorgung wohnungsloser Menschen in Köln - Jahresbericht 2020 Der Mobile Medizinische Dienst (MMD) des Gesundheitsamtes der Stadt Köln bietet seit mehr als 25 Jahren eine medizinische Grundversorgung für Menschen, die unter der Bedingung der Wohnungslo- sigkeit leben. Mit dem nun vorliegenden Jahresbericht 2020 werden unter anderem die Auswirkungen der Corona- Pandemie auf die Arbeit des MMD beleuchtet. gez. Dr. Rau

Beratungsverlauf

  1. 08.06.2021

    Gesundheitsausschuss

    TOP 7.7, Kenntnisnahme (Mitteilung). Ergebnis: Kenntnis genommen
  2. 26.08.2021 zuletzt

    Ausschuss für Soziales, Seniorinnen und Senioren

    TOP 12.5, Kenntnisnahme (Mitteilung). Ergebnis: Kenntnis genommen

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