2019/0153
Abschlussbericht des Fachbeirats zur Überprüfung Darmstädter Straßennamen
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2019/0153
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Magistratsvorlage
Eingang Magistrats -
geschäftsstelle:
02.05.2019
an den Magistrat
zur Kenntnis
zur Beschlussfassung
Beteiligt vor
Magistratsbeschlussfassung:
Dezernat I an die Stadtverordnetenversammlung
OBW zur Befassung
zur Kenntnis
zur Beschlussfassung
zur abschließenden Beschluss -
fassung Fachausschuss
Amt: Kulturamt
OBW bei abschl.
Beschlussfassung Magistrat
Behandlung in
öffentl. Sitzung
Ja
Nein
Verteiler:
Ja
Nein
Vorlage-Nr. 2019/0153
Magistratsbeschluss -Nr.
Internetfähig
Produkt-Nr.:
Kostenstelle: Investitionsnummer:
Kostenträger: Sachkonto:
Betreff: Abschlussbericht des Fachbeirats zur Überprüfung Darmstädter Straßennamen
Vorlage vom: 30.04.2019
Beschlussvorschlag :
1. Der Magistrat nimmt von dem Abschlussbericht des Fachbeirats Straßennamen
Kenntnis und dankt den Mitgliedern des Beirats für ihre geleistete Arbeit.
2. Der Magistrat schlägt vor, den Empfehlungen des Beirats zur Umbenennung der Straßen zu
folgen für:
Hans von der Au
Gustav Brandis
Walter Georgii
Peter Grund
Christian Heinrich Kleukens
Richard Kuhn
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Alarich Weiss
Paul von Hindenburg
3. Die Ergebnisse und Entscheidungen sind öffentlich i n geeigneter Form vorzustellen, zu
erläutern und zu vermitteln.
4. Die Umbenennungen sollen erfolgen nach Abschluss des Informationsprozesses und der
Findung neuer Namen.
Anlagen: StraßennamenbeiratBewertungen
Untersuchte Biographien
Datenschutzrelevante Anlage:
Folgekosten: Ja Nein
Beschluss des Magistrats vom
- 3 -
Begründung zur Magistratsvorlage vom 30.04.2019
Die Stadtverordnetenversammlung der Stadt Darmstadt hatte den Magistrat mit Beschluss
vom 19. Februar 2013 be auftragt, alle Namensgeberinnen und Namensgeber von
Darmstädter Straßennamen daraufhin zu überprüfen, ob deren Leben bzw. politische
Einstellung sich mit den Werten einer freiheitlich demokratischen Gesellschaft vereinbaren
lässt. Der Magistrat hat diesem Beschluss am 2. September 2013 (Vorlage 2013/02 47)
zugestimmt.
Daraufhin hat Oberbürgermeister Jochen Partsch am 27. April 2015 einen Fachbeirat
Straßennamen berufen, der sich aus Historikerinnen und Historikern sowie Beschäftigten der
städtischen Kulturverwaltung zusammensetzte. Mitgewirkt haben:
Dr. Annegret Holtmann -Mares
Universitätsarchiv der TU Darmstadt
Dr. Johannes Kistenich -Zerfaß
Hessisches Staatsarchiv Darmstadt
Dr. Thomas Lange
Archivpädagoge am Hessischen Staatsarchiv Darmstadt i. R.
Prof. Dr. Dieter Schott
Institut für Geschichte der TU Darmstadt
Dr. Peter Engels
Stadtarchiv Darmstadt
Prof. Dr. Ludger Hünnekens
Kulturreferent der Stadt Darmstadt
Die konstituierende Sitzung fand am 26. Mai 2015 statt. Den Vorsitz des Beirats übernahm
Oberbürgermeister Jochen Partsch ; die Geschäftsfü hrung lag beim Leiter des Stadtarchivs
Darmstadt.
Der Fachbeirat hat seinerseits den Historiker Dr. Holger Köhn , der einschlägige Erfahrungen
in diesen Forschungsfeldern besitzt, beauftragt, die Biographien der zu untersuchenden
Personen zu erarbeiten und insbesondere die Bezüge zur NS -Zeit zu erforschen.
Insgesamt traf sich der Beirat zwischen Mai 2015 und Januar 2018 zu 13 Arbeitssitzungen.
Die Ergebnisse wurden Herrn Oberbürge rmeister Jochen Partsch bei zwei Terminen am 30.
August 2017 und am 30. Juli 2018 vorgestellt und erläutert.
In einem ersten Arbeitsschritt wurde aus den rund 530 Namen von Straßen, Wegen und
Plätzen, die nach Personen benannt sind, eine Liste mit etwa 19 0 Namen zusammengestellt,
deren Geburtst ag vor dem 1. Januar 1929 liegt und die in der NS -Zeit gelebt haben. Das
Stichjahr wurde in Anlehnung an vergleichbare Untersuchungen gewählt. Eine Ausnahme von
dieser Regel bildete Paul von Hindenburg. Er wurde aufg rund der schon mehrfach in der
Öffentlichkeit geführten Diskussion in die Liste aufgenommen, obwohl seine Lebenszeit nur
bis in den Beginn der NS -Zeit reicht.
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Aus der Liste von etwa 190 Namen hat der Beirat nach einer Kurzprüfung diejenigen
Personen ausge schieden, die aus verschiedenen Gründen (NS -Opfer, Widerstandskämpfer,
Ausländer, offensichtlich unverdächtige Personen, bereits im Rahmen des Projekts
„Ehrengräber“ untersuchte Personen) nicht zum Kreis der im Beschluss der
Stadtverordnetenversammlung gen annten Personen gehörten. Nach der Kurzprüfung blieben
110 Personen übrig, für die Dr. Holger Köhn Biographien auf wissenschaftlicher Grundlage
erarbeitete. Dafür wertete er die bereits vorliegende Fachliteratur sowie viele, auch bisher
unbekannte Quellen in zahlreichen Archiven aus. Die Ergebnisse wurden jeweils ausführlich
und nach wissenschaftlichen Kriterien im Fachbeirat erörtert.
Gegenstand der Untersuchung war das Leben der einzelnen Namen geben den Personen in
den Jahren 1933 bis 1945 und ihre mögli che Verstrickung in das nationalsozialistische
System. Untersucht wurde, ob die jeweilige Person das NS -Regime aktiv unterstützte bzw.
eine führende Position im NS -Staat inne hatte oder ob ihre Haltung eher als Mitläufertum
anzusehen war. Auch die Haltung zum Rassismus im Allgemeinen und zum Antisemitismus
im Besonderen war Gegenstand der Untersuchung.
Als Ergebnis wird Folgendes festgehalten: Von den 110 überprüften Personen war der Beirat
in 93 Fällen einmütig der Meinung, den Straßennamen beizubehalten. In weiteren fünf Fällen
war der Beirat nach kritischer Würdigung für die Beibehaltung des Straßennamens: Richard
Hammer, Arnold Krieger, Albin Müller, Heinz Winfried Sabais, Carl Christoph Schmelzer.
In sieben Fällen empfiehlt der Beirat einstimmig die U mbenennung der betreffenden Straße:
Hans von der Au
Gustav Brandis
Walter Georgii
Peter Grund
Christian Heinrich Kleukens
Richard Kuhn
Alarich Weiss
In fünf Fällen war der Beirat im Hinblick auf die Umbenennung geteilter Meinung und
plädierte mehrheitlich, aber nicht einstimmig für eine Umbenennung:
Robert Cauer
Bernhard Hoetger
Karl Krolow
Max Ratschow
Paul von Hindenburg
Der Fachbeirat hat eine fundierte und sorgfältige wissenschaftliche Aufarbeitung und
Bewertung der Biografien der Namensgeberinnen und Namensgeber vorgenommen. In den
Fällen, in denen sich der Beirat einstimmig für eine Umbenennung ausgesprochen hat, soll
der Empfehlung gefolgt werden.
Des Weiteren soll die Hindenburgstraße ebenfalls umbenannt werden . Zwar liegt hierzu kein
einstimmiges Votum des Beirats vor, die historischen und politischen Argumente, die in der
Einschätzung des Beirates benannt sind, sind nach Auffassung des Magistrats eine
ausreichende und zwingende Grundlage für die Umbenennung der Straße.
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Im nächsten Schritt sollen die Bürgerinnen und Bürger über die Ergebnisse der Überprüfung
in geeigneter Form informiert werden. Entscheidungsproze ss und Kontext der vorgesehenen
Umbenennungen werden erläutert und transparent gemacht.
Vorgesehen sind dazu unter anderem:
1. Information der Bürgerschaft mittels einer Kurzbroschüre ; Weiterführende Informationen
auf den digitalen städtischen Informati onskanälen.
2. Eine oder mehrere Informationsveranstaltungen , in denen Mitglieder des Fachbeirats und
des Magistrats die Entscheidungen erläutern und mit der Bürgerschaft diskutieren. Die
Informationsveranstaltungen werden ab Oktober 2019 geplant, insbesondere da zuvor die
Vorbereitungen für das Brandnachtjubiläum im Vordergrund stehen.
3. Der Fachbeirat Straßennamen hat sich während seiner Beratungen mit der Vermittlung
seiner Ergebnisse an die Öffentlichkeit befasst. Ein zentraler Punkt im Konze pt des
Fachbeirats soll eine Ausstellung sein, die im Frühjahr 2020 realisiert werden kann. Die
Ausstellung soll die Arbeit des Beirats darstellen und seine Entscheidungsfindung in der
Öffentlichkeit vermitteln. Im Begleitprogramm dieser Ausstellung sollen Vorträge von
Beiratsmitgliedern oder von externen Expert innen und Experten stattfinden. Ausstellung und
ggf. Vorträge werden anschließend publiziert.
Die Umbenennungen der genannten Straßen sollen nach Abschluss der Informationsphase
und der Findung neu er Namen erfolgen. Hierzu sollte der Beirat für Straßenbenennung
Empfehlungen für die Neubenennung erarbeiten. Dafür soll zum Einen auf die der
Straßenbenennungskommission vorliegende Liste bereits geprüfter Namensvorschläge
zurückgegriffen werden, die man gels neu zu benennender Straßen bisher noch nicht
verwendet werden konnten. Darüber hinaus sind Vorschläge aus der Bürgerschaft
einzubeziehen, die im Rahmen des Informationsprozesses zur Straßenumbenennung
gesammelt werden.
Darmstadt, den 30 .04.2019
I/414
Dezernat I Dezernat III
i.V.
Jochen Partsch Jochen Partsch
Oberbürgermeister Oberbürgermeister
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Punkt 4: Abschlussbericht des Fachbeirats zur Überprüfung Darmstädter Straßennamen (V-Nr. 2019/0153) Der Ausschuss empfiehlt der Stadtverordnetenversammlung, der Vorlage zuzustimmen. Gegenstimme: Fraktion UWIGA Stimmenthaltung: AfD-Fraktion
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1 Fachbeirat Straßennamen Bewertungen von 12 Personen, deren Biographien der Fachbeirat als nicht bzw. nur zum Teil „straßennamenwürdig“ ansah Der Beirat hat sich bei den Bewertungen der 12 Biographien von sieben Kriterien leiten lassen, um zu vergleichbaren und nachvollziehbaren Aussagen zu kommen: (1) aktive Förderung des Nationalsozialismus in führender Stellung (Multiplikator) (2) aktive Mitarbeit in der NSDAP und/oder deren Massenorganisationen („ohne Not“) (3) aktive Verbreitung der NS-Ideologie, u. a. aggressiver Antisemitismus und/oder extremer Rassismus, Führerkult in Gedanken und/oder Wirken/Praxis (4) Anbiederung an das NS-Regime zum persönlichen Fortkommen/Aufstieg/Karriere („Opportunismus“) (5) gezielte Ausnutzung spezifisch nationalsozialistischer oder kriegsbedingter Vorteile zugunsten des Betriebs oder des Forschungsbereichs (6) gravierende/signifikante Vertuschung bzw. Lügen zur NS-Vergangenheit nach Ende der NS-Herrschaft (z.B. im Entnazifizierungsverfahren) (zur Fortsetzung der „Karriere“ bzw. zum persönlichen und/oder beruflichen Fortkommen) (7) unkritische Befürwortung des Krieges, auch seiner Fortsetzung/Verlängerung, z.B. durch Forschung zu Waffen, Massenvernichtungsmitteln 1. Hans von der Au Als Mitglied der SA 1933-45 (1939: Rottenführer, 1943: Scharführer), förderndes Mitglied der SS 1933-45 und Mitglied der NSDAP 1937-45 sowie ab 1940 als Mitarbeiter des SS- Ahnenerbes mit engen Kontakten zu Mitarbeitern des „Persönlichen Stabs des Reichsführers - SS“ ist Hans von der Au eine deutlich über das zeittypische Maß hinausgehende aktive Mitarbeit in NS-Organisationen nachzuweisen und auch eine regelrechte Anbiederung an den Nationalsozialismus zu bescheinigen. Außerdem war er als Landesjugendpfarrer an der Überführung der evangelischen Jugend in die HJ beteiligt und unterstützte die Einführung von Jugend- bzw. Jungmännerabenden mit Jugendlichen aus der HJ bzw. aus den Jungmännern der SA. Als „Gaureferent im Landschaftsbund Volkstum und Heimat“ und „Leiter der Volksliedstelle Hessen“ veröffentlichte von der Au viele volkskundliche Beiträge, darunter einzelne mit eindeutig antisemitischem Duktus. Exemplarisch belegen dies zwei Zitate aus der Zeitschrift Volk und Scholle, Jahrgang 1938: (1) Eine Besinnung auf die Ausmerzung des jüdischen Anteils auf sämtlichen Gebieten unseres …. Geisteslebens und der Kunst ist daher unaufgebbare, immer neu gestellte Pflicht jedes Deutschen. (2) …was im Tiefsten der Jud ist: Das, was vernichtet werden soll, und zwar vollständig, indem es das Feuer verzehrt, denn er ist der Inbegriff des Lebensfeindlichen, Schmutzigen, Unheiligen.… Der Fachbeirat Straßennamen empfiehlt daher die Aberkennung des Straßennamens. 2. Gustav Brandis Als Vorstandsvorsitzender und „Betriebsführer“ des „NS-Musterbetriebs“ HEAG (1933-1945) und als Leiter des Bezirks „Groß-Hessen“ in der Wirtschaftsgruppe Elektrizitätsversorgung (1935-1943) wirkte Gustav Brandis (NSDAP-Mitglied 1933-45, Mitglied weiterer NS- Organisationen) in führender Stellung und aktiv an der Verbreitung der NS-Ideologie mit. Er installierte ein Überwachungssystem und übte Druck auf die Belegschaft aus, in NS- Organisationen einzutreten. Die Mitarbeiterzeitung „HEAG-Kamerad“ nutzte er zur Verbreitung der NS-Ideologie. Zitat: (Pessimisten und Angsthasen) geben sich beeinflusst durch das verbotene Abhören der Feindsender, der gleichen Täuschung hin wie die Italiener und bilden sich ein, die Plutokraten hätten kein Interesse an der Bolschewisierung Deutschlands; sie vergessen dabei, dass Plutokraten und Bolschewisten einer einheitlichen Lenkung der Juden unterliegen. 2 Der Fachbeirat Straßennamen empfiehlt daher die Aberkennung des Straßennamens. 3. Walter Georgii Georgii nutzte die Nähe zu NS-Organisationen, um während des Dritten Reichs seine Karriere zu befördern. Er war 1926-1937 Professor für Flugmeteorologie an der TH Darmstadt, 1933- 1945 Leiter des Deutschen Forschungsinstituts für Segelflug, 1937-1945 Vorsitzender der Prüfungskommission der Ingenieurschule für Luftfahrttechnik an der Deutschen Forschungsanstalt für Segelflug (DFS) in Darmstadt, die unter seiner Leitung zum „Nationalsozialistischen Musterbetrieb“ (1941) bzw. „Kriegs-Musterbetrieb“ (1942) weiterentwickelt wurde. 1942-1945 war Walter Georgii Mitglied der „Forschungsführung des Reichsluftfahrtministers und Oberbefehlshabers der Luftwaffe“, 1943-1945 Geschäftsführer dieses von Hermann Göring eingesetzten Gremiums, ab 1943 Wehrwirtschaftsführer. Als Inhaber dieser Ämter und Positionen spielte er eine aktive Rolle im Nationalsozialismus. Mit energischen Appellen an Institutionen in seinem Einflussbereich, alle Konzentration auf Kriegsarbeiten zu verwenden und mit seinen Forschungen, den Segelflug für militärische Zwecke nutzbar zu machen, trug Georgii maßgeblich zur Verlängerung des Krieges bei. Er ist deshalb als aktiver Unterstützer des NS-Regimes anzusehen. Der Fachbeirat Straßennamen empfiehlt daher die Aberkennung des Straßennamens. 4. Peter Grund Als Direktor der Kunstakademie Düsseldorf (1933-38), Leiter der Landesstelle Düsseldorf der Reichskammer der bildenden Künste (1933-37), Referent der NSDAP für Städtebau bzw. Gauamtsleiter für Städtebau im NSDAP-Gau Düsseldorf (1935-38) und als Ratsherr der Stadt Düsseldorf (1934-1945) war Peter Grund in führender Stellung und als aktiver Vertreter im NS - Staat tätig. Er nutzte außerdem seine Beziehungen zu NS-Größen, besonders zum Gauleiter (und überzeugten Antisemiten) Friedrich Karl Florian, für die Förderung seiner Karriere. Außerdem verbreitete er die NS-Ideologie durch Schriften („Der rassische Wille eines Volkes“). 1937 hatte Peter Grund die künstlerische Oberleitung der Reichsausstellung „Schaffendes Volk“ in Düsseldorf inne (Schirmherr: Hermann Göring); außerdem errang er Erste Preise in mehreren Wettbewerben und übernahm Planung und Leitung prestigeträchtiger NS- Bauvorhaben im Düsseldorfer Norden („Schlageterstadt“). Daneben war Grund von 1929 bis etwa 1938 förderndes Mitglied der SS, 1933-1945 Mitglied der NSDAP (im Rahmen seiner Lehrtätigkeit trat er in Parteiuniform auf), daneben Mitglied in weiteren Massenorganisationen der Partei. Außerdem machte Peter Grund in seinem Entnazifizierungsverfahren falsche Angaben. Er hat nach 1945 systematisch versucht, seine Rolle in der NS-Zeit zu verschleiern. Trotzdem wurde er von der Spruchkammer Darmstadt in die Stufe II (die zweithöchste Stufe) der Belasteten eingestuft. Erst mit Hilfe der SPD-Politiker Ludwig Metzger und Ludwig Engel sowie des von den Nazis verfolgten SPD-Manns Artur Bratu(!) gelang ihm im Berufungsverfahren eine Einordnung in die Stufe V (unbelastet). Der Fachbeirat Straßennamen empfiehlt die Aberkennung des Straßennamens. 5. Christian Heinrich Kleukens Kleukens war seit 1934 Mitglied der SA, später in leitender Position (1942 SA-Sturmführer, 1943 SA-Obersturmführer). Außerdem war er ab 1934 Leiter der Fachgruppe Schrift und Buchkunst der Ortsgruppe Mainz des „Kampfbundes für deutsche Kultur“, 1935-1945 Mitglied der Reichskammer der bildenden Künste und 1937-1945 Mitglied in der NSDAP. Kleukens war demnach in mehreren NS-Organisationen nicht nur aktiv tätig, sondern machte dort auch Karriere. Auch die Mitgliedschaft im Kampfbund für deutsche Kultur und die Veröffentlichungen in der Zeitschrift „Der SA-Mann“ belegen ein aktives Eintreten für die NS- Ideologie. 3 Literarisch und künstlerisch war er im Sinne der NS-Ideologie tätig und profitierte davon auch beruflich: als Buchkünstler und Schriftsteller übernahm er zahlreiche Auftragsarbeiten, brachte Reden von NS-Größen in Form und publizierte sie, plante auch eine Monumentalausgabe von „Mein Kampf“, die aber nicht erschien. Hinzu kommt, dass er all dies nach 1945 zu vertuschen suchte und in seinem Meldebogen im Entnazifizierungsverfahren verschwieg. Der Fachbeirat Straßennamen empfiehlt daher die Aberkennung des Straßennamens. 6. Richard Kuhn Kuhn machte im Dritten Reich als Professor für Chemie in Heidelberg und als Leiter der Abteilung Chemie im Kaiser-Wilhelm-Institut (KWI) für medizinische Forschung, ab 1937 als dessen Direktor, eine erfolgreiche Karriere, er bekleidete eine herausragende Stellung als einer der bedeutendsten Wissenschaftsorganisatoren des NS-Regimes, in dessen Dienst er sich in leitender Funktion stellte. Ab 1938 war er Präsident der Deutschen Chemischen Gesellschaft. Kuhn leistete maßgebliche Forschungen zur Entwicklung von Massenvernichtungsmitteln un d richtete am KWI eine Kampfstoffabteilung ein, wo intensiv an Nervengasen geforscht wurde. Für seinen beruflichen Aufstieg biederte er sich bei den Nationalsozialisten an, z. B. durch seine Ergebenheitserklärung für Hitler bei der Ablehnung des Nobelpreises für Chemie 1938 (Des Führers Wille ist unser Glaube). Seine Korrespondenz (soweit sie erschlossen ist), auch private, unterzeichnete er nahezu durchgängig mit Heil Hitler. Hinweis: 2005 stellte die Gesellschaft deutscher Chemiker die Verleihung der seit 1968 vergebenen Richard-Kuhn-Medaille aufgrund von Kuhns Wirkens in der NS-Zeit ein. Der Fachbeirat Straßennamen empfiehlt daher die Aberkennung des Straßennamens. 7. Alarich Weiss Alarich Weiss war 1935 bis 1943 Mitglied der HJ und meldete sich 1942 freiwillig zur Waffen- SS; er nahm am Krieg bei der 2. SS-Panzerdivision „Das Reich“ teil, deren Einheiten nachweislich an Kriegsverbrechen beteiligt waren (u.a. im Raum Charkow). Die Mitgliedschaft in der Waffen SS hat er im Rahmen seines Entnazifizierungsverfahrens verschwiegen. Der Fachbeirat Straßennamen empfiehlt daher die Aberkennung des Straßennamens. 8. Robert Cauer Robert Cauer hat seine Bildhauerkarriere in der NS-Zeit unbehindert fortgesetzt und bekam häufig Aufträge. Dass er das Peter-Gemeinder-Denkmal geschaffen hat, deutet auf Nähe zum NS-Regime schon vor 1933 hin. Er hat vor und nach 1933 Krieger- und Gefallenendenkmäler geschaffen, z. B. 1936 die Bronzestatue einer Soldatenfigur im Sturmangriff (Rinteln) und 1938-40 das Ehrenmal für die im Ersten Weltkrieg gefallenen Schüler der Liebig-Oberschule. Die Nationalsozialisten haben ihm viele Aufträge verschafft. Er war aber nicht Mitglied der NSDAP. Es liegen insgesamt zu wenig Quellen vor, um die Haltung Cauers zum Nationalsozialismus eindeutig beurteilen zu können. Der Fachbeirat Straßennamen war sich deshalb in der Beurteilung Cauers nicht einig und spricht sich nicht einstimmig für eine Aberkennung des Straßennamens aus. 9. Bernhard Hoetger Bernhard Hoetger (NSDAP 1934-1938) hat sich an das NS-Regime angebiedert. Er sah sich selbst als Anhänger der „Bewegung“ und „Verehrer des Führers“, wurde aber überwiegend von der NS-Führung (und von Adolf Hitler selbst) abgelehnt. Sein Opportunismus war demnach 4 erfolglos: die NSDAP hat ihn 1938 aus der Partei ausgeschlossen, einzelne seiner Werke wurden als entartet gebrandmarkt. Hoetger erfuhr von den Nationalsozialisten nicht die Wertschätzung, die er sich erhoffte, obwohl er sich wiederholt als überzeugter Anhänger des Nationalsozialismus bezeichnet hatte und dies auch in seinen Werken demonstrierte: „Der Lichtbringer“ in der Bremer Böttcherstraße (1936); Mitarbeit am für Berlin geplanten „Deutschen Forum“ (mit NS-Symbolik arbeitende Monumentalarchitektur, ab 1934); Reliefs und Plastiken in Berlin-Frohnau (Wohnhaus) und Greifswald (Luftwaffenschule) (1938-1943); Hitler-Büste (1939). Hoetger stützte durch seine Kunst das System, auch wenn er nicht parteipolitisch tätig und kein aktiver Verfechter der NS-Ideologie war; er äußerte sich (zumindest punktuell nachweisbar) 1936 antisemitisch: Es war damals (vor 1933) durch die Einflüsse der jüdischen Presse sehr schwer eigene, unserem Volke verwandte Formen zu schaffen“. Der Fachbeirat Straßennamen war sich in der Beurteilung Hoetgers nicht einig und spricht sich nicht einstimmig für eine Aberkennung des Straßennamens aus. 10. Karl Krolow Als Mitglied der HJ (seit 1934), Mitglied der NSDAP (1937-1945) und (nach eigenen Angaben) 1938/39 NSDAP-Blockleiter und Referent beim Reichsführer SS – Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums zeigte Krolow eine relativ große Nähe zu NS -Organisationen, auch wenn nicht nachweisbar ist, welche Tätigkeit er beim Reichsführer SS ausgeübt hat. A b 1940 finden sich Veröffentlichungen von Gedichten auch in NS-Presseorganen; 1944 publizierte Krolow in der NS-Wochenzeitung „Das Reich“. Sein Gesuch um Aufnahme in die Reichsschrifttumskammer 1942 unterschrieb er mit „Heil Hitler“. Zudem hat Karl Krolow in seinem Meldebogen zur Entnazifizierung einiges verschwiegen. Auch er hat versucht, seine Rolle im NS zu vertuschen. Einige Mitglieder des Fachbeirats sahen die Verfehlungen Krolows nicht als schwerwiegend genug für eine Aberkennung des Straßennamens an. Der Fachbeirat Straßennamen spricht sich deshalb nicht einstimmig für eine Aberkennung des Straßennamens aus. 11. Max Ratschow Max Ratschow stand als Mitglied der NSDAP (1933-45) und des Nationalsozialistischen Deutschen Ärztebunds (1938-1945) sowie anderer NS-Organisationen dem NS-Regime recht nahe. Für eine Aberkennung des Straßennamens spräche aber vor allem, dass Ratschow nach eigener Aussage ab 1935 Mitglied des Erbgesundheitsobergerichts beim OLG Hamburg und ab 1938 „Ständiger Fachrichter“ des Erbgesundheitsgerichts beim 1. Zivilsenat Hamburg war. Zuvor hatte er ab 1933 eine Spezialausbildung in erbbiologischer Forschung bei Prof. Verschuer absolviert und sich 1936 dort habilitiert. Die Selbstbezeichnung ist aber in den Quellen nicht nachweisbar. Es besteht damit zumindest die Möglichkeit, dass Ratschow mit seinen Aussagen „prahlen“, seine Leistung hervorheben wollte. Der Fachbeirat Straßennamen war sich nicht einig, ob die Selbstaussagen Ratschows für eine Aberkennung ausreichen, weil ein Nachweis aufgrund fehlender Quellen bisher nicht möglich ist. Einige Aktenbestände, die darüber vielleicht Auskunft geben könnten, sind bisher noch nicht zugänglich. Deshalb spricht er sich nicht einstimmig für eine Aberkennung des Straßennamens aus. 12. Paul von Hindenburg Die Mehrheit der Mitglieder des Beirats plädierte für eine Umbenennung der Hindenburgstraße. Als Argumente wurden vor Allem die antidemokratische Haltung Hindenburgs und seine innere Ablehnung des politischen Systems der Weimarer Republik ins 5 Feld geführt, man könne die Beurteilung der Person Hindenburgs nicht nur auf die anderthalb Jahre stützen, die er noch in der NS-Zeit gelebt hat. Abgesehen davon habe er nicht nur Hitler zum Reichskanzler ernannt, sondern auch das Ermächtigungsgesetz und andere Gesetze der neuen NS-Regierung unterzeichnet und damit unterstützt. Es wird darauf hingewiesen, dass in den vergangenen Jahren nach vielerorts intensiver Diskussion die Entscheidungen in anderen Kommunen zugunsten einer Umbenennung ausgefallen sind. Eine Minderheit der Mitglieder trat für eine Beibehaltung des Straßennamens ein; zum einen falle Hindenburg, weil er nur am Anfang der NS-Zeit gelebt habe, formal aus dem Untersuchungsauftrag heraus, zum anderen habe er seine Entscheidung, Hitler zum Reichskanzler zu ernennen, nicht alleine, sondern auch auf Druck seiner Ratgeber getroffen. Der Fachbeirat Straßennamen war sich in der Beurteilung Hindenburgs nicht einig und spricht sich deshalb nicht einstimmig für eine Aberkennung des Straßennamens aus.
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1 Projekt Darmstädter Straßennamen Biografien erarbeitet von Dr. Holger Köhn, Büro für Erinnerungskultur, Zuordnung gemäß der Empfehlungen des Fachbeirats Straßennamen Vom Fachbeirat zur Umbenennung vorgeschlagen (einstimmig) Au, Hans von der 5 Brandis, Gustav 17 Georgii, Walter 22 Grund, Peter 29 Kleukens, Christian Heinrich 41 Kuhn, Richard 48 Weiss, Alarich 58 Fachbeirat hinsichtlich Umbenennung geteilter Meinung Cauer, Robert 63 Hindenburg, Paul von 66 Hoetger, Bernhard 73 Krolow, Karl 86 Ratschow, Max 92 Fachbeirat für Beibehaltung unter Vorbehalten Hammer, Richard 99 Krieger, Arnold 103 Müller, Albin (Albinmüller) 108 Sabais, Heinz Winfried 113 Schmelzer, Carl Christoph 120 Fachbeirat für Beibehaltung Adelung, Bernhard 126 Andres, Wilhelm 129 Aßmuth, Heinrich 132 2 Aßmuth, Peter 134 Bartning, Otto 135 Bäumer, Gertrud 139 Behnisch, Günter 143 Behrens, Peter 146 Benz, Georg 150 Berndt, Otto 152 Best, Franz 154 Bock, Ottilie 156 Böckler, Hans 157 Bontschits, Jovanka 160 Borngässer, Wilhelm 162 Borsdorff, Joachim 164 Bosch, Robert 167 Brambach, Otto 172 Braun, Franziska 176 Brix, Peter 178 Brücher, Wilhelm III 181 Christaller, Helene 183 Christiansen, Hans 187 Dächert, Fritz 190 Damaschke, Adolf 192 Degen, Valentin 196 Dernburg, Bernhard 199 Engel, Ludwig 202 Esselborn, Karl 206 Eysenbach, Philipp 209 Fuchs, Helmut 212 George, Stefan 214 Glenz, Fritz 218 Gruber, Karl 220 Habich, Ludwig 230 Hahn, Georg 234 Hattemer, Elisabeth 237 Hauptmann, Gerhart 240 Hensel, Georg 245 Heuss-Knapp, Elly 248 Hirsch, Heinrich 252 Hoelscher, Richard 253 3 Irene Prinzessin von Hessen und bei Rhein 256 Jobst, Heinrich 257 Jung, Jakob 261 Junkers, Hugo 263 Kirnberger, Ferdinand 266 Kirschner, Thomas 271 Klein, Gretel 273 Köth, Erika 274 Korell, Adolf 276 Kröh, Heinrich Reinhard 278 Leydhecker, Otto 280 Lippmann, Johannes 282 Ludwig Prinz von Hessen und bei Rhein 285 Marwitz, Gebhard von der 288 Michel, Wilhelm 290 Mueller, Rudolf 297 Noack, Elisabeth 300 Orff, Carl 306 Pfeil, Hartmuth 312 Planck, Max 316 Poepperling, Hermann 322 Poepperling, Ludwig 324 Rady, Ottilie 326 Rees, Mina 329 Röhm, Otto 331 Roßmann, Peter 335 Rüthlein, Heinrich 336 Sauerwein, Ludwig 338 Scharoun, Hans Bernhardt 340 Schneider, Robert 345 Schwippert, Hans 349 Selbert, Elisabeth 356 Sennhenn, Henriette 361 Spengler, Georg 363 Staudt, Reinhold 365 Stauffenberg, Claus Schenk Graf von 367 Sternberger, Dolf 372 Stolz, Robert 377 Straub, Hans 381 4 Stühlinger, Wilhelm 383 Teusch, Christine 386 Thiess, Frank 390 Vahle, Inge 400 Viktoria von Hessen und bei Rhein 402 Voltz, Emil 403 Walbe, Heinrich 405 Walcher, Wilhelm 409 Wiesenthal, Georg 414 Windaus, Adolf 418 Würth, Joseph 422 Zernin, Heinrich 425 Abkürzungsverzeichnis 429 5 Von-der-Au-Straße (P 6), benannt 1959 nach Hans von der Au (1892-1955) Volkskundler, Pfarrer und Studienrat * 16. Februar 1892 in Eberstadt [Vater dort Pfarrverwalter] 1898-1901 Volksschule in Dalheim [Vater dort Pfarrer] 1901-1905 Progymnasium Alzey [Vater Pfarrer in Flomborn, heute Verbandsgemeinde Alzey-Land] 1905-1910 Neues Gymnasium Darmstadt [Vater Pfarrer in Arheilgen] 1910-1914 Studium der evangelischen Theologie in Tübingen und Gießen (I. Examen Februar 1914) 1914 Einjährig-Freiwilliger im 2. Großherzoglich Hessischen Infanterie-Regiment Nr. 116 in Gießen 1914 Kriegsfreiwilliger, eingesetzt an West- und Ostfront (zuletzt Unteroffizier) 1915-1919 Russische Kriegsgefangenschaft 1917 Lagergeistlicher in Tschita, Ostsibirien 1918 Vikar der evangelisch-russischen Gemeinde in Irkutsk 1918 Nach Fluchtversuch im Straflager Tomsk 1919 Bibliothekar an der Akademie des russischen Großen Generalstabs 1919/20 Flucht über Wladiwostok und Indien nach Europa und schließlich Rückkehr nach Darmstadt 1920 Wiederaufnahme des Studiums der evangelischen Theologie (II. Examen Mai 1921) 1921 Pfarrvikar in Erbach im Odenwald (Ordination am 05.06.1921), Assistent an der franzö sisch- reformierten Gemeinde in Neu-Isenburg, Verwalter der 2. Pfarrstelle in Reichelsheim im Odenwald 1921 Hochzeit mit Erna Backhaus in Oldenburg (ein Sohn * 1924) 1922 Pfarrer in Reichelsheim 1924 Promotion (Lic. Theol.) in Gießen, „Über das Amt der Ältesten in der Kirche Hessen-Darmstadts“ 1925-1934 Landesjugendpfarrer der evangelischen Landeskirche Hessen -Darmstadt; zeitweise Vo r- sitzender des Landesausschusses der deutschen Jugendverbände 1933-1945 Mitglied der SA(-Reserve II); Eintritt in die SA: 03.11.1933; Rang 1939: Rottenführer 1933 Mitglied des Kulturausschusses der HJ-Bannführung (Darmstadt) 1933 Mitglied der „Deutschen Christen“ 1933-1939 Förderndes Mitglied der SS 1933-1945 Mitglied der NSV 1934-1944 Lehrer an der Justus-Liebig-Schule Darmstadt (Oberrealschule) Ab 1934 Mitglied des NS-Lehrerbunds 1936 Ernennung zum Studienrat 1937-1945 Mitglied der NSDAP (Mitglieds-Nr. 5224003, Aufnahme beantragt: 06.06.1937) 1939 Promotion (Dr. phil.) in Gießen, „Das Volkstanzgut im Rheinfränkischen“ (summa cum laude), bei Prof. Alfred Götze 1939 Teilnahme an der Dritten Internationalen Volkstanz-Tagung in Stockholm 6 1940 Beginn der Arbeit im Auftrag des „Ahnenerbes“ ( Amt A Hauptamt „Persönlicher Stab des Reichsführers-SS“) 1941 volkskundliche Befragungen in „Umsiedlerlagern der Dobrudscha-Deutschen“ 1943 Beförderung zum SA-Scharführer 1944 Einberufung zum Zollgrenzschutz nach Diedenhofen (Lothringen) 1945 amerikanische Kriegsgefangenschaft und Rückkehr nach Darmstadt 1945/46 Pfarrtätigkeit in Darmstadt-Eberstadt 1947 Mitarbeit im Hessischen Staatsarchiv Darmstadt 1947/48 Krankenhausseelsorger 1948 Lehrer an der Viktoriaschule in Darmstadt 1951 (Mit-)Initiator des ersten deutschen Volkskundekongresses in Jugenheim (Bergstraße) 1952 Referat auf internationalem Volksmusik-Kongress auf Mallorca (Spanien) † 21. Mai 1955 in Darmstadt Nach dem Krieg Mitglied der Kommission der Gesellschaft für deutsche Musikforschung; Mitarbeiter der Commission des Arts et Traditions Populaires (CIAP, Vorgängerorganisation der Internationa len Gesellschaft für Ethnologie und Folklore) Ehrungen: --- Wirken in der NS-Zeit Landesjugendpfarrer, Lehrer und Pg. Als studierter und promovierter evangelischer Theologe war Hans von der Au von 1925 bis 1934 als Landesjugendpfarrer der evangelischen Lan deskirche Hessen-Darmstadt aktiv. Das Amt war 1922 eingeführt worden, die Jugendpfarrer sowohl Vertreter der evangelischen Jugendverbände als auch der gemeindlichen Jugendarbeit. Von der Au löste den ersten La n- desjugendpfarrer Rudolf Zentgraf ab, der 1925 zum Superintendenten und Oberkirchenrat ernannt nach Mainz wechselte, dort unter anderem weiterhin für Jugendarbeit zuständig. Im Verlauf des Jahres 1933 geriet die evangelische Jugendarbeit zunehmend unter polit i- schen Druck. In der ersten Jahreshälfte 193 3 waren die evangelischen Jugendverbände von ihrem missionarischen Auftrag im „Dritten Reich“ weitgehend überzeugt. Adolf Hitler gerie r- te sich als deutsch und christlich, die evangelische Jugend und ihre Vertreter zeigten sich – wie viele Kirchenführer – begeistert. Die Landeskirche Hessen -Darmstadt verordnete etwa, des neuen Reichskanzlers in den Fürbitten an Ostermontag zu gedenken. Allerdings änderten sich die Rahmenbedingungen bis zur im Dezember 1933 beschlossenen Eingliederung der evangelischen Jugend in die HJ maßgeblich. Hans von der Au war als Landesjugendpfarrer in die Entwicklung involviert. Anfang Juni 1933 schrieb er in einem Brief an Pfarrer Georg Probst („treibende Kraft bei den DC“, Dam, S. 211), es sei „gar ins Auge gefasst worden, die evangelische Vereinsjugend organisch in die Hitlerjugend einzubauen“. Im gleichen Monat 7 war von der Au Mitglied des Kulturausschusses bei der HJ -Bannführung. Seine persönliche Auffassung formulierte er in einem Brief an Pfarrer Ernst zur Nieden (Jugendpfarrer i n O f- fenbach) wie folgt: „Es scheint mir doch immer mehr fraglich, wie weit wir ein Recht dazu haben, unsere Jugend in das Ghetto einsperren zu lassen, von dem aus ihr keine Teilnahme am neuen Staat mehr möglich sein wird. […] Von dem totalen Anspruch des S taates kann nicht abgegangen werden durch die H .J. und das ist ihr gutes Recht“ (28.07.1933, zitiert nach Neumeier, S. 158). Hans von der Au unterstützte in seiner Funktion als Jugendpfarrer die Einführung von J u- gend- bzw. Jungmännerabenden, deren Stamm di e evangelischen Jugendlichen der HJ bzw. die Jungmänner der SA bildeten, die aber auch für andere evangelische Jugendliche und ju n- ge Männer offen waren. Auf einer feierlichen Einführung dieser Abende in Friedberg am 13.09.1933 berichtete von der Au von sei ner mehrjährigen Kriegsgefangenschaft in Sibirien. Laut Pressebericht war dessen zentrale Botschaft „das Bekenntnis: trotz unsäglichen Leiden kann der Glaube und die Liebe zur Heimat nicht erstickt werden. ‚Die deutsche Treue lebt noch‘“ (KKD, Bd. II, S. 3 2). Laut eigenen Aussagen (kirchlicher Fragebogen, 12.12.1945) g e- hörte Hans von der Au im Sommer 1933 den „Deutschen Christen“ (DC) an. Im November 1933 trat von der Au der SA bei. Dennoch wurde er bei „Neuordnung des EJW und Eingliederung in die HJ“, verf ügt am 16.01.1934, nicht berücksichtigt, worüber sich Oberkirchenrat Zentgraf, noch immer Referent für Jugendarbeit beim Landeskirchenamt, beim Reichsjugendpfarrer Zahn vehement beschwerte. Von der Au habe lediglich „der Ban n- führung in Darmstadt gegenüber die Belange der evang. Jugend pflichtgemäß energisch g e- wahrt“. Als Bevollmächtigter für die Landeskirche käme aus Zentgrafs Sicht nur „unser La n- desjugendpfarrer“ in Frage, zumal „von der Au in seiner Einstellung zum NS in keiner Weise beanstandet werden kann.“ Mit der Zusammenlegung der drei Landeskirchen (Hessen -Darmstadt, Nassau, Frankfurt) zur Evangelischen Landeskirche Nassau-Hessen (EKNH) endete die Tätigkeit von Hans von der Au als Landesjugendpfarrer. Als neuer Landesjugendpfarrer der EKNH wurde Hermann Haaß (bis dahin Pfarrer in Wald-Michelbach) berufen. Hans von der Au wechselte daraufhin (16.04.1934) in den Schuldienst. Er unterrichtete an der Justus-Liebig-Schule in Darmstadt Religion und Latein. Offiziell ernannt wurde „ der Lan- desjugendpfarrer zu Darmstadt Lit. Hans von der Au zum Studienrat an der Liebig - Oberrealschule zu Darmstadt“ am 05.02.1936 (Regierungsblatt 1936, Beilage 5, S. 24). Laut einer Beurteilung durch das Sicherheitshauptamt (auf Anfrage des SS-Sturmbannführers Sievers [Geschäftsfü hrer des „Ahnenerbes“] beim SD -Unterabschnitt Hessen, Eingang 24.01.1939, BArch, BDC, NS 21/893 ) gelang es Hans von der Au in der SA „durch rege Vo r- tragstätigkeit bei Veranstaltungen festen Fuß zu fassen und, ähnlich wie vor 1933, nun auch im neuen Staat s eine Gönner zu finden“. Auf der SA -Stammliste wird sein Rang mit „Rotte n- führer“ angegeben, 1943 wurde er zum „Scharführer“ ernannt. Dass von der Au bis zu seiner Einberufung im Mai 1944 in der SA aktiv blieb, legt eine Bemerkung auf einer Postkarte an 8 seinen Freund Hans Severin vom 18.04.1944 (AdJB, N 32) nahe („Sonntag habe ich den ga n- zen Tag SA-Dienst“). Nach der Aufnahmesperre war Hans von der Au, entsprechend datiert auf den 01.05.1937, Mitglied der NSDAP geworden (Mitglieds -Nr. 5224003, laut Karteikart e Aufnahme beantragt am 06.06.1937, BArch, BDC, NSDAP -Migliederdatei). Von 1933 bis 1939 unterstützte er als förderndes Mitglied die SS. Er war zudem Mitglied der NSV, des NSLB, des RKB und des NSKOV. Zum 01.05.1944 bekam von der Au den „Gestellungsbefehl“ zum Zollgrenzschutz nach Di e- denhofen (Lothringen). Er geriet in amerikanische Kriegsgefangenschaft, aus der er im Mai 1945 nach Darmstadt zurückkehrte. Volkskundliche Forschung und „Ahnenerbe“ In der Zeit zwischen 1933 und 1945 betätigte sich Hans von der Au verstärkt im Bereich der volkskundlichen Forschung. Er veröffentlichte Dutzende volkskundlicher Aufsätze und Sammlungen zu Volkstänzen, Volksliedern und Brauchtum. Einige der Beiträge erschienen i n der Zeitschrift „Volk und Scholle . Monatshefte für Vol kstum und Heimat der Landschaft Rheinfranken-Nassau-Hessen“. Deren Herausgeber, Friedrich Ringshausen, auch Führer des Landschaftsbunds für Volkstum und Heimat, war einer der oben angedeuteten „Gönner“ von der Aus im „neuen Staat“. Ringshausen, Mitglied de r NSDAP seit 1923/25 (Mitglieds -Nr. 8993), übertrug von der Au das Referat für Volkstanz. Von der Au bezeichnete sich fortan als Gaureferent im Landschaftsbund Volkstum und Heimat und als Leiter der Volksliedstelle für Hessen. Nach Ringshausens Tod 1941 war von der Au einer der drei Verfasser/Unterzeichner eines Nachrufs auf den Verstorbenen in „Volk und Scholle“ (1941, Heft 3). Die Basis seiner Veröffentlichungen bildeten umfangreiche Sammlungen, die Hans von der Au persönlich und in Zusammenarbeit mit and eren Heimat- und Volkstumsforschern anle g- te. Er galt als profunder Kenner des hessischen Brauchtums, insbesondere des Odenwalds. Gemeinsam mit Dr. Heinrich Winter (Heppenheim) bereiste er wiederholt den Spessart (1937/1939). Sein spezielles Augenmerk galt den Volkstänzen, auch Gegenstand seiner Di s- sertation 1939 bei Prof. Alfred Götze in Gießen unter dem Titel „Das Volkstanzgut im Rhein- fränkischen“ (bewertet mit „summa cum laude“). Hans von der Au hielt zahlreiche Vorträge und veranstaltete Tagungen, Lehrgä nge sowie Seminare zu volkskundlichen Themen. Bereits zu seiner Zeit als Jugendpfarrer hatte er bei Freizeiten sogenannte „Heimatabende“ eingeführt. Er stand in internationalem Austausch mit Volkskundlern in Österreich, der Schweiz, Dänemark und dem Elsaß und referierte 1939 auf der Dritten Internationalen Volkstanz -Tagung in Stockholm. Besonders aktiv war er j e- doch innerhalb der heimatlichen Region. Wiederholt wurde er in „Volk und Scholle“ als Refe- rent angekündigt („Pg. Dr. Hans von der Au“), etwa 1941 mi t einem Vortrag zu „Volkstum und Schule“ im Rahmen einer Veranstaltung des Heimatbunds als „Vertretung der Bunde s- leitung“. Im Odenwald hielt er – ebenfalls im Rahmen des Landschaftsbunds für Volkstum und Heimat – Lehrgänge und Volkstanz -Seminare auf Schlos s Lichtenberg und regelmäßig auf der Burg Breuberg. „Die Teilnehmer gehören fast ausnahmslos der NSDAP, SA, SS, dem 9 NSFK, NSLB, NSDStB und BDM an“, hieß es dazu in oben genannter Beurteilung von der Aus durch den SD-UA Hessen von Januar 1939. Einen weiteren „Gönner“ hatte Hans von der Au in Prof. Richard Wolfram, Leiter der „Lehr- und Forschungsstätte für germanisch -deutsche Volkskunde des ‚ Ahnenerbes‘, Salzburg – Wien“. Auf Wolframs Antrag hin wurden Hans von der Au und sein Kollege Heinrich Winter Mitarbeiter des „Ahnenerbes“. Wolfram, seinerseits besonders an der Erforschung der Volkstänze interessiert – und ausgestattet mit persönlicher Unterstützung durch den Reich s- führer-SS Heinrich Himmler –, lobte von der Au als einen der erfolgreichsten Volkstan z- sammler und besten Volkstanzforscher Deutschlands (Brief an Reichgeschäftsführung des „Ahnenerbes“, 30.06.1941, BArch, BDC, NS 21/893). Im März 1940 informierte Prof. Wol f- ram Hans von der Au (im Auftrag der Reichsgeschäftsführung) darüber, dass dieser „zur Mi t- arbeit am ‚Ahnenerbe‘“ eingeladen sei und dass er sich „von einer Zusammenarbeit für be i- de Teile besonders fruchtbare Ergebnisse“ erwarte. Tatsächlich arbeiteten Heinrich Winter und Hans von der Au im Jahr 1941 im Auftrag des „Ahnenerbes“ an der „volkskun dlichen Erfassung der Dobrudscha -Deutschen“ in „Lagern am Main“. „Ihre Ergebnisse haben sie b e- reits in zwei umfangreichen Belegbänden an das ‚Ahnenerbe‘ abgeliefert. Die Ergebnisse sind ausgezeichnet und Obersturmbannführer Sievers hat auch bereits seine Z ufriedenheit mit dieser Arbeit zum Ausdruck gebracht“ (Prof. Richard Wolfram, ebenda). SS -Obersturm- bannführer Wolfram Sievers, Reichsgeschäftsführer des „Ahnenerbes“, das seit 1940 als Amt A dem Hauptamt „Persönlicher Stab des Reichsführers -SS“ angeschlos sen war, bestätigte, dass im Auftrag des „Ahnenerbes“ und „im Einvernehmen mit dem Reichsführer -SS – Reichskommissar für die Festigung deutschen Volk s- tums – (SS-Obersturmführer Dr. Walter) die Volkstumsforscher Dr. Winter, Heppenheim, und Dr. Hans von der Au, Darmstadt, volkskundliche Aufnahmen […] durchführen“ ( Sievers an den Leiter des Lagers Aschaffenburg-Leider, 15.03.1941, BArch Berlin, NS 21/893). Ebenfalls 1941 erhielt von der Au von Prof. Wolfram den Auftrag, die Volkstänze im Elsass und in Lothring en (besonders „getanzte Balladen“) vor Ort zu erforschen. Das Vorhaben konnte allerdings – trotz mehrmaliger Eingaben – nicht durchgeführt werden, da das „A h- nenerbe“ eine derartige Forschungsreise zum damaligen Zeitpunkt (Sommer 1941) für nicht angebracht erachtete. Es blieb bei einem vorbereitenden Aufenthalt von der Aus im Unter - Elsass an Pfingsten 1941, wofür noch die schriftliche Beauftragung Prof. Wolframs zur Erla n- gung der Einreise-Erlaubnis genügte. Eine letzte Chance sah von der Au 1944 in seiner Ei nbe- rufung zum Zollgrenzschutz nach Lothringen: Er wandte sich an das „Ahnenerbe“ mit der Bitte, ihm vor Ort volkskundliche Forschungen zu ermöglichen. „Meine dortigen Ergebnisse stelle ich dem Ahnenerbe zur Verfügung“, ließ er wissen (Brief an das „Ahnener be“, 25.04.1944, BArch Berlin, NS 21/893). Im Antwortschreiben (12.05.1944, ebenda) wurde er darauf hingewiesen, dass er als Soldat in Lothringen sei und das Amt „Ahnenerbe“ keine Möglichkeit habe, seine angefragte Unterstützung zu gewährleisten. Auch der Einsatz von Prof. Wolfram, der von der Au nun als „beste[n] und erfolgreichste[n] Volkstanzsammler des Altreiches“ pries, konnte dieses Mal nicht helfen (04.04.1944, Richard Wolfram, an SS - Standartenführer Wolfram Sievers, Reichsgeschäftsführer des Ahnener bes, BArch Berlin, NS 10 21/237). Wolfram hätte von der Au gerne als seinen Mitarbeiter gesehen, wenn das „A h- nenerbe“ die Einberufung hätte verhindern können. Doch das war zu der Zeit nur für diej e- nigen Wissenschaftler möglich, die „unmittelbar an der Durchfü hrung kriegsentscheidender Aufgaben beteiligt werden“ sollten (13.04.1944, Amt „Ahnenerbe“, an Prof. Richard Wol f- ram, Wien, BArch Berlin, NS 21/237). Eine Beschäftigung im Dienste des „Ahnenerbe“ best e- he durchaus, wie es an gleicher Stelle hieß – nicht aber eine Freistellung von der erfolgten Einberufung. Intensiven Kontakt beim „Ahnenerbe“ pflegte Hans von der Au des Weiteren zu Dr. Hans Ernst Schneider, Abteilungsleiter im persönlichen Stab des Reichsführers -SS und Mitarbeiter Prof. Wolframs, der 1945 sei ne Identität in „Hans Schwerte“ änderte. In persönlichen Bri e- fen, die auf eine gewisse Vertrautheit schließen lassen, tauschten Schneider und von der Au Ergebnisse ihrer Forschung im Bereich „Tanzgut“ aus. – Wolfram hatte in seinem oben e r- wähnten Empfehlungsschreiben vom April 1944 darauf verwiesen, dass von der Au die durch „Abkommandierung von Dr. Schneider“ frei gewordene Mitarbeiterstelle besetzen könnte. In der mehrfach erwähnten Beurteilung durch den SD -UA Hessen, die sowohl Wolfram Si e- vers als auch H ans Schneider vorlag, wird von der Aus politische Haltung „als konjunkturb e- dingt und als nicht einwandfrei zuverlässig“ (Schneider bei der Weiterleitung an Sievers, 29.01.1939) geschildert. Wörtlich hieß es in der Beurteilung: „Von der Au gilt als Mensch m it wenig Charakterstärke, der es vor allem versteht, die jeweils für ihn günstige Konjunktur auszunützen. Für ein Amt in der NSDAP oder einer ihrer Gliederungen erscheint er nicht geeignet. Besondere Vorsicht ist bei der Erteilung von Aufträgen durch Parte istellen an von der Au notwendig, da er auf Grund seiner bisher gezeigten Haltung immer versuchen wird, einen ihm einmal erteilten Auftrag später als Beweis seiner politischen Zuverlässigkeit und Fähigkeit heranz u- ziehen.“ Dennoch unterstützte Reichsgeschäf tsführer Wolfram Sievers die Mitarbeit von der Aus am „Ahnenerbe“ und erteilte „selbstverständlich“ (Sievers an Prof. Wolfram, 14.01.1942) seine Genehmigung für die Mitarbeit von der Aus an der Herausgabe seiner Aufzeichnungen in der Sammlung „Deutsche Vol kstänze“. Unter Verweis auf ein (vermutlich anderes) Gutachten des SD fand sich folgende Beurteilung: „Nach Ansichten von Parteikreisen handelt es sich bei von der Au um einen evangelischen Theologen, der wohl aus dem Dienst der Kirche ausgeschieden sei un d den besten Willen habe, im Sinne der Bewegung tätig zu sein, dem es aber andererseits unmöglich sei, sich von seinen christlichen Auffa s- sungen frei zu machen“ (undatiert, BArch Berlin, NS 15/122). Antisemitische Veröffentlichung Unter den oben erwähnten Veröffentlichungen findet sich im Jahrgang 1938 von „Volk und Scholle“ von der Aus Aufsatz „Der Jude im Tanz der Landschaft Rheinfranken“, auf den er auch in seiner Dissertation „Das Volkstanzgut im Rheinfränkischen“ verweist (S. 44, FN 156). Der Beitrag erschien in zwei Teilen: Im ersten Teil (Heft 2, S. 41 -51) befasste sich von der Au mit dem „Inhalt der Spottlieder auf die Juden“, im zweiten Teil (Heft 3, S. 83-86) stellte er die dazugehörigen Tanzformen und deren Verbreitung vor. [In Heft 8, S. 222, des gleichen Jahr- 11 gangs wurde zudem eine „Kindheitserinnerung“ einer „aufmerksame[n] Leserin“ zum Thema veröffentlicht.] Von der Au stellt seinen mit dem Untertitel „Auch ein Kapitel Volksseelenkunde“ versehenen Ausführungen einen einleitenden, programmatischen Absatz voran: „Der Einfluss des Juden auf die deutsche Kultur, bis zur Machtübernahme 1933 auf ein unerhörtes Maß gestiegen, ist endlich im Dritten Reich abgestoppt. Eine Besinnung auf die Ausmerzung des jüd i- schen Anteils auf sämtlichen Gebieten unseres völkischen, nicht zuletzt des Geisteslebens und der Kunst, ist daher unaufgebbare, immer neu gestellte Pflicht jedes Deutschen.“ [Absatz in der Ausgabe von „Volk und Scholle“ im HHStAD überklebt] In der Folge beschreibt der Autor die Spottlieder und -tänze auf Juden als Ausdruck „von dem Schicksal seines [des Bauerns] Daseinskampfes, das ihm der Jude dank fehlender staa t- licher Maßnahmen bestimmt hatte“. Da das Lied, so von der Au, allgemein als „der reinste Niederschlag seelischen Erlebens“ anzusehen sei, s eien die zusammengetragenen Spottli e- der auf Juden als „ein unbestechliches Zeugnis für die wirkliche Stellung unseres Volkes zum Juden“ zu betrachten. Bevor von der Au die von ihm zusammengetragenen Beispiele für Spottlieder und -tänze auf Juden thematisch geordnet vorstellt, differenziert er ausdrücklich zwischen „Hohn“ und „Spott“. Anders als „Hohn“ (oder „Haß“) deute „der Spott eine innere Überlegenheit über seinen Gegenstand, zugleich auch einen gewissen Abstand von ihm an“. Mit dem Spott auf Juden, der in der ländlichen Bevölkerung tief verwurzelt sei und auf „ura l- te Motive“ zurückgreife, sei es allerdings nicht getan gewesen: „Freilich, der Spott bringt es nicht zu Taten. Erst der Zorn als männliche Tugend reißt über die innere Ausgeglichenheit, die si ch die ‚unbedingte Ruh‘ als Endzustand wünscht, hinaus zur befreienden Handlung. Drum durfte die seelische Haltung unseres Volkes zum Juden, wie sie sich im (Spott-)Tanze spiegelt, nicht das Letzte sein. Drum hat Deutschland zum Reiche des Führers erweckt werden müs- sen aus der menschlich verständlichen Ergebenheit in ein nun einmal so gewordenes Schicksal zur wach gerüttelten Unruhe völkischen Bewußtseins.“ Im zweiten Teil des Aufsatzes wird – nach Auflistung und Auswertung von Spott -Tänzen auf Juden – noch die Bedeutung „des Juden“ im ländlichen Brauchtum thematisiert und a b- schließend auf einen „eingegangenen“ Brauch verwiesen, wonach im Fastnachts - bzw. O s- terfeuer „der Jud‘“ verbrannt wurde. Darauf bezieht sich Au in seinen abschließenden De u- tungen: „Hier erst geht ganz klar hervor, was im Tiefsten der ‚Jud‘ ist: Das, was vernichtet werden soll, und zwar vollständig, indem es das Feuer verzehrt, denn er ist der Inbegriff des Lebensfeindlichen, Schmutzigen, Unheiligen. Drum muß er im Kampf mit dem Neuen, Auf strebenden unterliegen. Di e- sen Kampf hat unser Volk begriffen und – oft mit mythischem Hintergrund – dargestellt im Sieg des Lichtes über die Finsternis. Daß ein solcher Vorgang vom Tanz begleitet wird, ist, wie nicht anders zu erwarten, für viele Orte belegt. Und hier enthüllt sich noch besser, noch mehr überzeugend das tief s- te Wissen unseres Volkes vom Wesen d es Juden und seine Haltung ihm g egenüber im Grundsätzl i- chen hinaus über allen Kampf des Daseinskampfes. Die in Tanz und Brauchtum auf dem Umweg über den Spott zum Ausdruck gestaltete Hoffnung und Sehnsucht aber hat ihre E rfüllung gefunden: durch Adolf Hitler!“ [„durch Adolf Hitler!“ in der Ausgabe von „Volk und Scholle“ im HHStAD überklebt] Der Beitrag endet mit dem Abdruck der Noten der „Antisemiten-Polka aus dem Odenwald“. 12 Entnazifizierung [Quelle: HHStAW, Abt. 520/Darmstadt-Zentral, Nr. 500142] Am 25. April 1946 füllte Hans von der Au seinen „Meldebogen auf Grund des Gesetzes zur Befreiung von Nationalsozialismus und Militarismus vom 5.3.1946“ aus. Er gab darin folge n- de Mitgliedschaften in „Naziorganisationen“ an (in Klammern zusätzliche Angaben): NSDAP (1937 -1944), Allgemeine SS (Förderndes Mitglied 1933 -1939), SA (Res. 2, Ende 1933 -1944, Amt Scharführer 1943), NSLB (1934 -1941?), Reichskolonialbund (?), NSKOV (übernommen aus Ver. ehem. Kriegsgef.), VDA (übernommen, 1928), NSV (1934-1944), Rotes Kreuz (?) Die Angaben decken sich mit Informationen aus NSDAP -Parteikartei, SA -Stammrolle und Parteistatistischer Erhebung 1939. Außerdem gab von der Au in gl eicher Kategorie („Nazior- ganisationen“) „Bekennende Kirche, 1934[überschrieben: 1933] -1938, z. Austr. gezwungen“ zu Protokoll. Auf Grund der gemachten Angaben wurde er zunächst in die Kategorie II (Akt i- visten) eingestuft; selbst stufte er sich als „Mitläuf er“ ein. Unter „Bemerkungen“ gab er z u- dem an: „Durch Partei kirchl. Amt verloren, Gestapoverf., Parteigerichtsverf. , Redeverbot durch Gaulei ter, wissenschaftl. Arbeit b enachteiligt, als Theologe f. Wehrmacht freigegeben. Infolge Dru ckes zur SA’Res 2 gekommen und automatisch z. Partei“ Zahlreiche Zeugen bescheinigten Hans von der Au, dass er kein überzeugter Nationalsozialist gewesen sein könne. Er sei vielmehr „sachlich mit allem Abstand gegen die Übersteigeru n- gen und Ungerechtigkeiten des Systems“ eingeste llt gewesen; ein anderer „lernte ihn schä t- zen als einen Menschen, der, ohne sich um parteipolitische Ziele zu kümmern, seinen Weg ging“; ein weiterer wusste zu berichten, dass er „von gewissen Parteistellen scharf abg e- lehnt“ wurde. Auch die Aussagen vier w eiterer Personen schildern Hans von der Au in ve r- gleichbarere Art und Weise: - „Ein Nazi -Aktivist kann er meines Wissens und seinem ganzen Verhalten nach nicht gut gewesen sein.“ - „Herr Dr. von der Au ist viel zu religiös veranlagt, als dass er ein Nazi u nd Förderer des Nationalsozi- alismus hätte sein können.“ - „Er gehörte zu den Idealisten, die geglaubt haben, seinen Verband vor der Mitgliedschaft bei der HJ dadurch bewahren zu können, dass er selbst in die Partei eintrat. Er hatte aber dort, wie fast all e, nichts zu sagen […].“ - „Wenn er der Partei näher getreten ist, so hat dies meiner festen Überzeugung nach lediglich darin seinen Grund, dass auf ihn als Beamten wie dies allgemein üblich war ein starker Druck ausgeübt worden war. Die wahre Gesinnung de s Herren von der Au war stets diejenige eines bewussten und aufrechten christlichen Mannes, der in zahlreichen Gesprächen, die ich mit ihm in den letzten Jahren vor dem Zusammenbruch führen konnte, mit mir in der eindeutigen Verurteilung des Nazismus und seiner schlimmen Methoden durchaus übereinstimmte.“ Hans von der Au selbst gab eine dreiseitige Erklärung zu seinem Wirken im NS ab. Er habe sich 1933 geweigert in die NSDAP einzutreten, sei aber gedrängt worden, „dann wenigstens 13 förderndes Mitglied der Sch utzstaffeln zu werden und kam so dazu, dem damaligen Stur m- bannführer das 1. Kind zu taufen.“ Er habe im Frühsommer 1933 allen „Versuchungen und Lockungen“ widerstanden, evangelische Jugendverbände in die HJ zu überführen. Ergebnis seien öffentliche Diskrim inierung seiner Person und Übergriffe der HJ auf evangelische J u- gendarbeit gewesen. „Wohlmeinende Pgg rieten mir damals, die mir übertragene kirchliche Jugendarbeit dadurch zu schützen und zu erhalten, daß ich mich einer NS Organisation anschlösse. So meld ete ich mich Ende 1933 bei der SA-Reserve II an, also nicht aus eigener Initiative, sondern infolge des maßlosen Druckes von Seiten der HJ , dem die gesamte kirchliche Jugendarbeit und ich selber als ihr Exponent ausg e- setzt waren.“ [Hervorhebung – auch im Folgenden – im Original] Dennoch, so von der Au, verlor er sein kirchliches Amt als Jugendpfarrer. „Da ich aber nicht mehr unter dem DC -Kirchenregiment tätig sein wollte, meldete ich mich auf die gerade frei gewordene Religionslehrerstelle an der Liebig -Oberrealschule in Darmstadt.“ Da er nun in ein staatliches Dienstverhältnis eingetreten war, sei ein Austritt aus der SA nicht mehr mö g- lich gewesen. Wegen seiner Mitgliedschaft in der BK sei er von der Gestapo überwacht wo r- den und wiederholt Vorwürfen ausgese tzt gewesen, Schülerinnen und Schüler negativ zu beeinflussen. „Als ich dann im Jahre 1938 automatisch nach 5jähriger Zugehörigkeit zu SA -Reserve II unter Zurück- datierung auf den 1. Mai 1937 Parteigenosse geworden war, meldete ich, allem Vorhergegangenen zum Trotz, meine Entlassung aus SA und Partei an, die mir jedoch abgeschlagen wurde.“ Weiterhin beschrieb Hans von der Au die Schwierigkeiten, die ihm seitens der NSDAP sowie der Gestapo gemacht worden seien. Er habe unter anderem keinerlei Unterstützung fü r sei- ne volkskundliche Arbeit erhalten; er sei gezwungen worden, aus der BK und dem Pfarrve r- ein auszutreten. „Als Theologe war ich Volks- und ebenso Parteigenosse 2. Klasse und wurde daher von volkskundlichen Fachtagungen trotz meiner anderweitig, besonder s von österrei- chischer Seite anerkannten Forschungen mit Vorträgen stets abgelehnt.“ Wegen seines kirchlichen Standpunkts sei er denunziert und schließlich wegen politischer Unzuverlässigkeit angeklagt worden, „wegen Verächtlichmachung der NS Weltanschauun g beim Gau- und spä- ter beim Reichsparteigericht angezeigt mit dem Ziele meiner Entfernung aus Partei und Amt. Das Verfahren wurde schließlich eingestellt und meine Entlassung aus der Partei auf die Zeit nach Kriegsende festgesetzt.“ Auch sei gegen ihn – auf Eingabe des Gauwalters des NSLB – ein Redeverbot ausgesprochen worden [ein Zeuge bestätigt das Redeverbot, das allerdings erst im Herbst 1943 ausgesprochen wurde – was von der Au hier nicht erwähnt]. Er schloss seine Ausführungen mit dem Verweis darauf, dass er nie ein Amt in SA oder NSDAP inne gehabt habe – seine Ernennung zum Scharführer sei lediglich „nominell“ und automatisch erfolgt – und seine theologische Überzeugung ihn „in inneren Gegensatz zur NSDAP“ gebracht habe: „Ich habe im Zusammenbruch des Naziregimes ein Gottesgericht erwartet und – erlebt.“ Der öffentliche Kläger nahm von der Aus Erklärung sowie die „Persilscheine“ zur Kenntnis und beantragte in seiner Klageschrift (14.09.1946) zunächst eine Einordnung in Gruppe III (Minderbelastete): 14 „Auf Grund seiner formalen Belastung wird der Betroffene im Anhang des Gesetzes in der Klasse II genannt. Die Überprüfung seiner Entlastungen rechtfertigen jedoch die Einreihung des Betroffenen in Klasse III der Minderbelasteten.“ In der Begründung der Klages chrift (unter gleichem Aktenzeichen und Datum) wurde jedoch eine Einordnung in Kategorie IV (Mitläufer) beantragt sowie eine Sühneleistung von 2.000 RM. Die Spruchkammer Darmstadt -Stadt schloss sich in ihrem Urteil (17.09.1946) letzterem an und übernahm in ihrer Begründung vollumfänglich die Entlastungen aus von der Aus E r- klärung. Hans von der Au selbst erkannte den Spruch des Gerichts an – die amerikanische Militärregierung hingegen erhob gegen Verfahren und Urteil Einspruch: Den nachweislichen Mitgliedschaften (und deren Dauer) sei zu wenig Gewicht beigemessen worden, der B e- troffene sei sehr wohl in der SA aktiv gewesen – habe sogar das Amt eines Pressereferenten inne gehabt und als SA -Vertreter am Reichparteitag in Nürnberg teilgenommen –, das Ve r- hältnis zur BK habe er 1938 aufgelöst und durch seine Anstellung im Staatsdienst nicht ei n- mal finanzielle Einbußen ertragen müssen (sein Einkommen hatte er in der entsprechenden Spalte des Meldebogens nicht angegeben, was ihm als bewusstes Verheimlichen angelastet wurde). In der Eingabe wurde abschließend kritisiert: „Die Geschichte über die Verfolgung des Betroffenen, wie sie im letzten Absatz der Begründung des Klägers erzählt wird, ist auf keinerlei Beweise gestützt, sondern lediglich eine Zusammenfassung aus den eignen Angaben des Betroffenen.“ [offizielle Übersetzung, undatiert] Das Hessische Staatsministerium (Schreiben vom 08.01.1947, gez. Regierungsdirektor Dr. Weißstein) schloss sich den Bedenken an, hob den Spruch vom 17.09.1946 auf und ordnete eine erneut e Durchführung des Verfahrens durch die Spruchkammer Groß -Gerau an. Eine Eingruppierung in Klasse IV (Mitläufer) sei keineswegs vertretbar: „Zu bewerten ist der frühere [sic!] Beitritt zur SA -Res. II & die bei einem Pfarrer besonders ins G e- wicht fallende B eförderung zum Scharführer, die Zugehörigkeit zur NSDAP, die fördernde Mitglie d- schaft zur SS, die Teilnahme am Reichsparteitag 1934, der Austritt aus der Bekenntniskirche und die Tatsache, dass der Betroffene selbst hervorhebt, das 1. Kind eines Sturmbannf ührer[s] getauft zu haben.“ Das Verfahren wurde daraufhin wieder aufgenommen. Hans von der Au ließ sich nun vom Rechtsanwalt Dr. Walz (Darmstadt) vertreten, der die vorherige Erklärung des Betroffenen juristisch präzisierte. Neue „Erklärungen“ von Zeugen g ingen ein, die von der Au als Anti - Nationalsozialisten deklarierten. Zur Gerichtsverhandlung am 19.05.1947 wurden au s- schließlich Entlastungszeugen gehört (darunter etwa Dr. Heinrich Winter, Heppenheim). Nach der Anhörung beantragte der öffentliche Kläger e ine Einstufung in Kategorie IV (Mi t- läufer) sowie eine Sühneleistung in Höhe von 1.000 RM; der Betroffene bzw. dessen Recht s- beistand eine Einordnung in Gruppe V der Entlasteten. Im folgenden Spruch wurde Hans von der Au in die Gruppe IV (Mitläufer) eingereiht und zu einer Geldsühne von 500 RM verurteilt. In der Begründung schloss sich das Gericht vollumfänglich der Argumentation des Betroff e- nen an: „Wiederum wurde die politisch so folgenschwere Tragik der deutschen Intellektuellen an der Persö n- lichkeit von d er Au deutlich. Zu den Geistes - und Bildungsquellen Christus, Goethe, Plato und der 15 Jugendbewegung hätte die politische Bestimmung treten müssen. Aber ohne diese hatte er später bei keiner politischen Entscheidung die Kraft, sich vom Nationalsozialismus en tgültig [sic!] zu tre n- nen. […] Jeder wusste, wo er stand. In Berlin war er bei der Gestapo aufgezeichnet in der Liste der zu beobachtenden und zu verfolgenden Intellektuellen (Zeuge Dr. Winter). Seine Volkstumsarbeit wu r- de vernichtet, er selbst persönlich 2 ½ Jahre von Min. -Rat Ringshausen boykottiert. […] Er leistete Widerstand in der B.K. und leitete verbotene Briefe und Schriften weiter. […] Die mehrstündige B e- weisaufnahme zeigte den inneren Widerstand des Betroffenen ebenso klar und deutlich wie das durch die Umstände (damalige Kirchenleitung, Überlieferung und Charakter) bestimmte politische Mitläufertum.“ Gegen Verfahren und Urteil wurde keine Berufung eingelegt, es war somit rechtskräftig. Quellen: BArch, BDC, NSDAP-Mitgliederkartei BArch, BDC, NS 21/893 [Forschungs- und Lehrgemeinschaft „Das Ahnenerbe“] BArch, BDC, NS 21/237 [Forschungs- und Lehrgemeinschaft „Das Ahnenerbe“] BArch, BDC, NS 15/122 HHStAW, Abt. 520/Darmstadt-Zentral, Nr. 500142 HStAD, N 1 in Nr. 178 [SA-Stammliste] HStAD, H 3 Nr. 220 [Kennkartenmeldebogen] Regierungsblatt 1936, Beilage 5, S. 24 [Ernennung zum Studienrat] AdJb, N 32 Nr. 116 AdJb, N 32 Nr. 141 AdJb, N 32 Nr. 187 StadtA DA, ST 61 von der Au, Dr. Dr. Hans Ludwig Literatur: Au, Hans von der: Der Jude im Tanz der Landschaft Rh einfranken. In: Volk und Scholle 16 (1938), Heft 2/3 + Heft 8. Au, Hans von der: Das Volkstanzgut im Rheinfränkischen. Gießen 1939 [Dissertation]. Au, Hans von der: Deutsche Volkstänze aus der Dobrudscha. Regensburg 1955 (Quellen und Fo r- schungen zur musikalischen Folklore Bd. 3). Bogs, Holger: Au, Hans von der. In: Stadtlexikon Darmstadt (2006), S. 46 f. Dam, Harmjan: Jugend und Nationalsozialismus in der Evangelischen Landeskirche Nassau -Hessen 1933-1945. In: Grunwald, Klaus-Dieter/Oelschläger, Ulrich (Hrsg.): Evangelische Landeskirche Nassau- Hessen und Nationalsozialismus. Auswertungen der Kirchenkampfdokumentation der EKHN. Dar m- stadt 2014. Clemm, Ludwig: Hans v. d. Au. In: JHKGV, Bd. 7 (1956), S. 159 f. 16 EKHN (Hrsg.): Dokumentation zum Kirchenkampf in Hess en und Nassau (=KKD). 9 Bde. Darmstadt 1974-1996. Gunkel, Hermann: Kirchenkampf und Ev. Mädchenarbeit in Hessen -Darmstadt. In: JHKV 53 (2002), S. 269-298, hier 287. Gunkel, Hermann: Haus Orbishöhe in Zwingenberg an der Bergstraße. Vom evangelischen Mädche n- erholungsheim 1926 zur diakonischen Jugendhilfeeinrichtung 1998. Geschichtsblätter Kreis Bergstr a- ße Sonderband 19. Zwingenberg 1998. Knöpp, Friedrich: Hans von der Au zum 100. Geburtstag. In: Geschichtsblätter Kreis Bergstraße 25 (1992), S. 85-91. Neumeier, Klaus: Frankfurter evangelische Jugendarbeit unter Paul Both im 3. Reich. Frankfurt am Main 1988. Reutter, Rolf: Bibliographie Hans von der Au. In: Geschichtsblätter Kreis Bergstraße 25 (1992), S. 92 - 106. Ripper, Klaus (Hrsg.): Schaffe und ringe, aber si nge! Gedenkschrift zum 100. Geburtstag von Dr. Dr. Hans v. d. Au. Hessische Vereinigung für Tanz- und Trachtenpflege. Reichelsheim 1992. Severin, Hans: Hans von der Au. Wiesbaden 1967 [Manuskript, zum 75. Geburtstag veröffentlicht in: Volkstanz (1967), Nr. 1]. 17 Brandisstraße (K 7), benannt 1952 nach Gustav Brandis (1876-1948) Vorstandvorsitzender der HEAG * 17. Mai 1876 in Tettens/Ostfriesland Besuch der Volksschule im Heimatort 1891-1894 Lehre zum Maschinenschlosser und Dreher bei Firma Yess (Wilhelmshafen) 1894-1895 Arbeit als Geselle und auf Wanderschaft bei verschiedenen Firmen (Werft, Kammgar n- spinnerei, Maschinenfabriken) 1895-1897 Elektrotechnische Ingenieursausbildung am Technikum Bremen (Abteilung Elektrotechnik und Maschinenbau); im Anschluss an Ingenieursexamen zunächst Arbeit als Dreher 1898 Maschinentechniker bei Lüner Hütte (Lünen/Lippe) 1898-1905 Ingenieur in der Montageabteilung des Kabelwerks Felten und Guilleaume (Mühlheim am Rhein), Montageeinsatz auch im Ausland (Belgien, Holland, Portugal) 1905-1912 Ingenieur und Oberingenieur beim Rheinisch -Westfälischen Elektrizitätswerk (RWE ), E s- sen 1908 Leitung des Ausbaus des elektrischen Leitungsnetzes im Kreis Düsseldorf 1912-1945 In Diensten der HEAG Darmstadt; zunächst – als Oberingenieur mit Plan und Bauleitung für das Überlandnetz betraut – nur für zwei Jahre von RWE „ausgeliehen“, dann dauerhaft und in leitender Funktion; unter seiner Leitung Ausbau des Strom- und Straßenbahn-Netzes 1918 Wahl in den Vorstand der HEAG 1919-1945 Vorstandsvorsitzender der HEAG (von 1933-1945 „Betriebsführer“) 1933-1945 Mitglied der NSDAP (Mitglieds-Nr. 2018711; Eintrittsdatum: 01.05.1933) 1933-ca. 1940 förderndes Mitglied des NSKK 1934 Hochzeit mit Alice Lingenfelder in deren Geburtsort Neustadt/Haardt 1935-1945 Mitglied der NSV 1935-1945 Mitglied der DAF 1935-1943 Leiter des Bezirks Groß-Hessen der Wirtschaftsgruppe Elektrizitätsversorgung 1937-1939 Mitglied des Vorstandsrats der Vereinigung von Freunden der Technischen Hochschule Darmstadt † 19. September 1948 in Darmstadt Ehrungen: 1937 Feierlichkeit der HEAG zu Ehren von Direktor Brandis anlässlich seiner 25jährigen Betriebszug e- hörigkeit 18 Wirken in der NS-Zeit Direktor Gustav Brandis, seit 1919 Vorstandsvorsitzender der HEAG , leitete von 1933 bis 1945 als „Betriebs führer“ das Darmstädter Elektrizitäts- und Verkehrsunternehmen. Bereits 1912, im Gründungsjahr der HEAG, war er als Oberingenieur nach Darmstadt geholt worden und zunächst mit der Planung sowie der Bauleitung des Überlandnetzes be traut. Unter se i- ner Verant wortung wurde das Strom - und Straßenbahnnetz der HEAG maßgeblich ausg e- baut. In der Wirtschaftsgruppe Elektrizitätsversorgung war er von 1935 bis 1943 Leiter des Bezirks Groß-Hessen. Gustav Brandis, seit 01.05.1933 Mitglied der NSDAP (Mitglieds -Nr. 2018711) und ebenfalls seit Mai 1933 förderndes Mitglied des NSKK, war eigenen Angaben zu Folge von 1935 bis 1945 Mitglied der NSV sowie der DAF (Teilnahmen an Vertrauensrats -Schulungen der DAF sind belegt). Er war ebenfalls Mitglied im NSBDT sowie im NSRL (jeweil s ohne Zeitangabe) sowie schon vor 1933 im DRK und im VDA. Unter Verantwortung ihres „Betriebsführers“ Gustav Brandis stellte die HEAG im „Dritten Reich“ ein nationalsozialistisch durchorganisiertes Unternehmen dar, das zwischen 1941 und 1945 auch zahlreic he Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter sowie Kriegsgefangene b e- schäftigte (ausführlich zur Geschichte der HEAG 1933 -1945, auch zur Rolle von Gustav Bra n- dis, siehe die Ausführungen von Peter Engels in „100 Jahre HEAG“, S. 44 -51, zur Zwangsa r- beit S. 47). Ende März 1933 wurde eine eigene Zelle „HEAG“ der NSBO gegründet, die später in der NS-Einheitsgewerkschaft DAF aufging. Ein großer Teil der Belegschaft („Gefolgschaft“) war Mitglied in NS -Organisationen; durch die Aufteilung in Zellen und Blocks wurde zud em ein weitreichendes Überwachungssystem installiert. Der Betriebsrat wurde durch einen mit NSDAP-Mitgliedern besetzten Vertrauensrat ersetzt. Seitens der HEAG -Leitung wurde der Belegschaft ein Engagement im NS zumindest nahegelegt. Ein von Brandis unterze ichnetes Schreiben ging im September 1933 an diejenigen Belegschaftsmitglieder, die sich bis dahin nicht NS-Organisationen angeschlossen hatten bzw. intern als „Antifaschisten“ galten. Darin wurden die Arbeitnehmer aufgefordert, sich zukünftig in den Diens t des NS und nicht weiter gegen Staat und Führer zu stellen – anderenfalls hätten sie mit entsprechenden Konseque n- zen zu rechnen („die Folgen zu tragen“). Gemeinsam von Firmenleitung und „Gefolgschaft“ wurde ab 1937 die Mitarbeiterzeitung „Der Heag -Kamerad“ herausgegeben, die vornehmlich der Verbreitung von NS -Ideologie diente. Darin erschienen regelmäßig von Gustav Brandis (bzw. mit „Brandis, Betriebsführer“) unterzeichnete Berichte und Aufrufe (Rubrik „Arbeitskameraden!“), die sich an die „B e- triebsgemeinschaft“ richteten. In der November-Ausgabe 1939 endete ein solcher Appell mit „Es lebe Deutschland! Es lebe der Führer! Heil Hitler!“. An anderer Stelle wurde die „B e- triebsgemeinschaft“ von Brandis „als Hauptpfeiler der vom Führer gewollten Volksgemei n- schaft“ bezeichnet. Im März 1941 erschien ein von Brandis unterzeichneter Artikel, in dem er die Kriegserfolge als „Ergebnisse einer genialen, überragenden Führung, die das Unvorstel l- bare erreichen konnte“ bezeichnete, „auf Grund des unerschütterlichen Vertraue ns eines geeinten Volkes“. Weiter hieß es im Text: 19 „Wir haben die unbedingte Zuversicht, daß es gelingen wird, unseren Hauptwidersacher endgültig niederzuwerfen, was erst die Krönung des Erreichten bedeutet. Wenn es der engli schen Plutokratie nicht mehr ge lingt, sich in alle europäischen Verhältnisse einzumischen und jeglichen sozialen For t- schritt zu hintertreiben, dann erst wird Deutschland endlich frei sein. […] An dieser Aufgabe tätig mitzuwirken, ist heilige Pflicht eines jeden Volksgenossen!“ In der De zember-Ausgabe 1941 erschien die Rubrik „Arbeitskameraden!“ auf der Titel seite. Brandis ließ wissen: „Wenn jeder in der Heimat opferbereit und selbstlos seine Pflicht erfüllt, dann wird unsere Wehrmacht auch weiterhin jeden Gegner bezwingen; - der Endsieg.“ Mehrfach wurde im „Heag -Kamerad“ auch über Reden des „Betriebsführers“ berichtet (und daraus zitiert), in denen dieser an das Durchhaltevermögen der „Gefolgschaft“ appellierte . Vor der versammelten Be legschaft schwor Brandis „alle Gefolgschaftsglieder zur Einsatzbe- reitschaft bis zum letzten [sic!] auf“ (Betriebsappell vo m 04.01.1943): „Wenn wir uns selbst treu bleiben und an uns und unseren Führer glauben, dann sind wir unüberwindlich und der Sieg wird uns sicher sein.“ In ähnlichem Duktus gehalten ist de r wiederum von Brandis u n- terzeichnete, umfangreiche Beitrag in der Rubrik „Arbeitskameraden!“ in der November - Ausgabe 1943 (S. 2 f. hier S. 3): „Sie [die Pessimisten und Angsthasen] geben sich, beeinflußt durch das verbotene Abhören der Feindsender, der gleichen Täuschung hin wie die Italiener und bilden sich ein, die Plutokraten hätten kein Interesse an der Bolschewisierung Deutschlands; sie vergessen dabei, daß Plutokraten und Bo l- schewisten einer einheitlichen Lenkung der Juden unterliegen.“ Umfangreiche Würdigung erfuhr – sowohl in der Mitarbeiterzeitschrift als auch in der lok a- len Presse – das 25-jährige Dienstjubiläum von Gustav Brandis. Am Morgen des 1. Oktobers 1937 fand in der (mit Hakenkreuz -Fahnen) geschmückten Maschinenhalle des Elektrizität s- werks am Dornheimer Weg eine große Feierlichkeit aus diesem Anlass statt [auch filmisch dokumentiert, StadtA DA]. Die Festredner, darunter OB Otto Wamboldt, Betriebsobmann Georg Maul und ein Funktionär der DAF, würdigten die Verdienste und Erfolge von Direktor Gustav Brandis und dessen Einsatz zum Wohle der Stadt und der HEAG „im Geist der neuen Zeit“. In der lokalen Presse hieß es am folgenden Tag zur Reaktion des Jubilars: „Direktor Brandis schloß mit der Hoffnung, daß es ihm noch weiterhin vergönnt sein möge, seine Pflicht als Führer der vom nationalsozialistischen Geiste getragenen Betriebsgemeinschaft zu tun, und brachte ein dreifaches ‚Sieg-Heil‘ auf den Führer aus.“ Als im August 1943 sein Sohn Theodor als Soldat im Krieg „gefallen“ war, erhielt Brandis Be i- leidsbekundungen unter anderem von OB Wamboldt, der NSKK Motorstandarte 50, dem NS Reichsbund für Leibesübungen Sportgau Hessen-Nassau, der TH Darmstadt, dem Studenten- führer der TH Darmstadt sowie dem Gauleiter und Reichsstatthalter Sprenger. Nach Kriegsende blieb Gustav Brandis bis zu seiner Pensionierung im September 1945 – er war unterdessen 69 Jahre alt geworden – in der Unternehmensleitung der HEAG 20 Entnazifizierung [Quelle: HHStAW, Abt. 520/Darmstadt-Zentral, Nr. 513389] Im Zuge des Entnazifizierungs verfahrens wurde Brandis seitens einzelner Arbeitnehmer s o- wie der Arbeitnehmervertretung der HEAG belastet. Reden und Appelle habe er immer im Sinne des NS gehalten sowie seine Freude zum Ausdruck gebracht darüber, dass die B e- triebsgemeinschaft zu „90 % na tionalsozialistisch wäre, die restlichen 10 % müssten auch noch überzeugt werden“ (Arbeitnehmervertretung der HEAG, 19.09.1946). Zudem habe er Arbeitnehmer unter Druck gesetzt, die sich keiner NS -Organisation anschließen wollten und Betriebsangehörige zum Hitler-Gruß aufgefordert. „Der Hauptstolz des damaligen Generald i- rektors war, wenn er einem Jubilar das Hitler’sche Buch ‚Mein Kampf‘ aushändigen konnte“, erklärte ein Betriebsangehöriger, der 1933 in einem von Brandis unterzeichneten Schreiben als politisch unzuverlässig erklärt worden war. Von den Belastungszeugen wurde zudem der Vorwurf erhoben, Brandis habe unliebsame (weil politisch anders Denkende) ins Abseits und aus der Firma gedrängt. „Zusammenfassend kann gesagt werden, dass B[randis] sich in se i- ner Eigenschaft als Betriebsleiter immer für die nationalsozialistische Idee eingesetzt hat“ (Arbeitnehmervertretung der HEAG, 19.09.1946). Von den ebenfalls anklagend erwähnten „erhebliche[n] geldliche[n] Zuwendungen an die Partei und ihre Organisationen“ ließen sich im Zuge des Verfahrens zwei Zahlungen durch die Unternehmensleitung an die HJ ermitteln (jeweils 20.000 RM, 1941 und 1942; eine we i- tere bereits zugesagte Zahlung sei hingegen nicht mehr erfolgt). Den Anschuldigungen gegenüber stehen die Aussage n von Brandis selbst sowie zahlreiche Schreiben von Zeugen, die Brandis bescheinigen, trotz seiner Parteizugehörigkeit und seiner leitenden Funktion in einem NS -Wirtschaftsbetrieb „kein Nazi“ gewesen zu sein. Nur durch den Eintritt in die NSDAP habe Direkt or Brandis seinen (leitenden) Posten bei der HEAG b e- halten können, einer drohenden Entlassung entgehen – und so „Schlimmeres“ verhindern können. Keineswegs habe er die Belegschaft zum „Hitler -Gruß“ angehalten, den er vielmehr selbst häufig verweigert habe. Brandis sei es zu verdanken gewesen, dass Juden in Dar m- stadt länger als anderenorts öffentliche Verkehrsmittel nutzen konnten. Nie habe er aktiv und eigenverantwortlich im Sinne des NS gehandelt. Für die politische Ausrichtung der HEAG sei deren Aufsichts rat verantwortlich gewesen, dem die leitenden Personen der NS - Stadtverwaltung angehörten. In der Klageschrift der Spruchkammer Darmstadt -Stadt vom 03.06.1948 wurde schließlich der Antrag gestellt, Gustav Brandis in die Kategorie III (Minderbelastete) einzu reihen. Als entlastend wurde namentlich die Aussage des Personalchefs der HEAG Wedel gewertet, Brandis habe sich für seine Entlassung aus dem KZ Dachau eingesetzt. Da Gustav Brandis am 19.09.1948 verstarb, wurde das Verfahren ohne abschließenden Spruch eingestellt. 21 Quellen: BArch Berlin, BDC, NSDAP-Mitgliederkartei HHStAW, Abt. 520/Darmstadt-Zentral, Nr. 513389 HStAD, H 3 Nr. 1119 [Kennkartenmeldebogen] StadtA DA, ST 61 Brandis, Gustav Literatur: HEAG Holding AG: 100 Jahre HEAG. Chronik 1912-2012. Darmstadt 2012. 22 Georgiiplatz (L 3), benannt 1996 nach Walter Georgii (1888-1968) Meteorologe, Leiter der Deutschen Forschungsanstalt für Segelflug * 12. August 1888 in Meiningen Studium der Physik, Mathematik und Geographie in Jena und Leipzig 1913 Promotion „Das Klima von Meiningen in den Jahren 1878-1911“ 1914 Staatsexamen in Geografie, Physik und Mathematik 1915-1918 Teilnahme am Ersten Weltkrieg als Meteorologe (Frankreich, Belgien, Palästina) 1919 Habilitation in Meteorologie an der Universität Frankfurt am Main 1919-1924 Leiter der Abteilung Wetterdienst des Instituts für Meteorologie und Geophysik der Un i- versität Frankfurt am Main 1921 Lehrauftrag für aeronautische Meteorologie an der TH Darmstadt 1924/25 Leitende Tätigkeit an der Reichssee- und Wetterwarte in Hamburg 1926-1937 Professor für Flugmeteorologie an der TH Darmstadt (persönlicher Ordinarius 1934) 1926-1933 Leitung des Forschungsinstituts für Segelflug der „Rhön-Rossitten-Gesellschaft“ (RRG) 1930 Organisation der „1. Wissenschaftlichen Segelflugtagung“ in Darmstadt 1930-1939 Initiator und Vorsitzender der Internationalen Studienkommission für den Segelflug (ISTUS) 1933-1945 Leiter des Deutschen Forschungsinstituts für Segelflug (Nac hfolgeorganisation der RRG), das 1937 in Deutsche Forschungsanstalt für Segelflug (DFS) umbenannt wurde 1934 Wissenschaftliche Expedition nach Südamerika 1936 Tod seiner Frau Hanny 1937-1945 Mitglied der NSDAP (Mitglieds-Nr. 5348380) 1937 „Forschungsprofessur“: Versetzung als ordentlicher Professor in den Reichsdienst 1937-1945 Vorsitzender der Prüfungskommission der Ingenieurschule für Luftfahrttechnik an der DFS 1939 Ernennung zum Honorarprofessor an der TH Darmstadt (keine Lehrveranstaltungen) 1942-1945 Mitglied der „Forschungsführung des Reichsluftfahrtministers und Obe rbefehlshabers der Luftwaffe“, 1943-1945 Geschäftsführer dieses von Hermann Göring implementierten Gremiums 1943 Ernennung zum Wehrwirtschaftsführer 1946-1948 Berater im französischen Luftfahrtministerium, Dienststelle „Arsenal de l’Aéronautique“ 1948 Berater der argentinischen Regierung in Buenos Aires in Fragen der Meteorologie ; Ordinarius an der Universität Mendoza (1950-1955 Professor für Aerophysik) 1954 Veröffentlichung der Autobiografie „Forschen und Fliegen“ Ca. 1955-1960 Tätigkeit in führender Funk tion bei der neu gegründeten DFS (Vorstand des Instituts für Flugforschung) † 24. Juli 1968 in München 23 Ehrungen: Eisernes Kreuz Erster und Zweiter Klasse sowie türkischer Eiserner Halbmond im Ersten Weltkrieg 1930 Otto-Lilienthal-Medaille der Wissenschaftl ichen Gesellschaft für Luftfahrt (für besondere Ve r- dienste auf dem Gebiet der motorlosen Luftfahrt) 1942 Ehrendoktor der TH Braunschweig 1948 Ehrenpräsident der Organisation Scientifique et Technique du Vol à Voile (OSTIV, Nachfolgeo r- ganisation der ISTUS) 1958 Großes Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland Wirken in der NS-Zeit Walter Georgii, Meteorologe und bedeutender Akteur der Segelflugforschung, war in der NS-Zeit in führender Funktion in der Luftfahrtforschung tätig. Bereits seit 1926 war Georgii als Professor für Flugmeteorologie an der TH Darmstadt . Zur gleichen Zeit übernahm er die Leitung des Forschungsinstituts für Segelflug der „Rhön - Rossitten-Gesellschaft“ (RRG), das seit 1930 am „Griesheimer Sand“ angesiedelt war. Ab 1933 firmierte diese Einrichtung der Segelflugforschung unter der Bezeichnung „Deutsches Forschungsinstitut für Segelflug“, 1937 schließlich umbenannt (und zugleich aufgewertet) in „Deutsche Forschungsanstalt für Segelflug“ (DFS), weiterhin unter der Leitu ng von „Betriebs- führer“ Georgii. Nach Kriegsbeginn wurde die DFS aufgrund der militärischen Nutzung des Griesheimer Flugplatzes zunächst nach Braunschweig verlagert. Für die expandierende Inst i- tution stand dort jedoch zu wenig Raum zur Verfügung, weshalb d ie DFS 1940 auf ein Flu g- platzareal in Ainring bei Straubing auswich. Walter Georgii forcierte seit Mitte der 1930er Jahre Entwicklungen, den Segelflug für milit ä- rische Zwecke nutzbar zu machen. Ein Ergebnis jener Forschungsvorhaben war der (seit 1936 ausschließlich) von der DFS entwickelte Lastensegler DFS 230, der im Zweiten Weltkrieg für Transportflüge eingesetzt wurde. Während des Krieges fanden weiterhin Forschungen zu Segelprototypen statt, auch wurden existierende Lastensegler weiterentwickelt – eine reine Forschungsanstalt für Segelflug erschien dennoch nicht mehr zeitgemäß. Das Aufgabeng e- biet der DFS, einer von vier zentralen Forschungsanstalten der Luftfahrtforschung in der NS - Zeit, verschob sich in Ainring vornehmlich auf „Forschungsprojekte im Kon text der ‚Wu n- derwaffen‘“ (Lünen, S. 231); besonders intensiv wurde an modernsten, strahlengetriebenen Flugzeugmodellen geforscht. Georgii, NSDAP -Mitglied seit 1937 (Mitglieds-Nr. 5348380 , BArch, BDC, NSDAP -Mitglieder- kartei), gelang es, die DFS als „Nation alsozialistischen Musterbetrieb“ zu etablieren. Er hatte 1943 bei der DFS über 1.000 Beschäftigte unter seiner Verantwortung (Epple, S. 346; in einer Statistik von Januar 1943 wurden unter „Gesamte Gefolgschaft“ der DFS 830 Personen g e- nannt, Archiv der MPG , III/061, Nr. 2116). In einer Stellungnahme der DAF aus dem Jahr 1943 wurde seine Rolle wie folgt bewertet: „Parteigenosse Georgii ist uns als vorbildlicher Betriebsführer bekannt, dem es aufgrund seiner pe r- sönlichen Haltung und nationalsozialistischen Ak tivität und Erziehungsarbeit an seiner Gefolgschaft 24 gelang, eine Betriebsgemeinschaft zu schaffen, welcher der Führer demzufolge am 1. Mai 1941 die höchste betriebliche Auszeichnung ‚Nationalsozialistischer Musterbetrieb‘ verlieh“ (DAF, Gauwaltung München-Oberbayern, 11.01.1943, BArch, BDC, R 9361-II/287226). Im November 1942 wurde die DFS zudem zum „Kriegs-Musterbetrieb“ ernannt (laut Frese, S. 393, verfügten 88 Betriebe im Frühjahr 1943 über beide Auszeichnungen). Walter Georgii sollte zum „Wehrwirtschaft sführer“ ernannt werden, wozu die Parteileitung Erkundigungen hinsichtlich seiner „politischen Zuverlässigkeit“ einholte. Aus den Antwortschreiben wird ersichtlich, dass sich Georgii vor Ort nicht maßgeblich in der NSDAP engagierte (was teils mit der strengen Geheimhaltung seiner Forschung begründet wurde). Hinsichtlich seiner polit i- schen Haltung gab es keinerlei Bedenken, was auch Gauleiter Jakob Sprenger aus Darmstadt bestätigte. Die NSDAP -Kreisleitung reagierte auf die entsprechende Anfrage mit folgender Einschätzung: „Am 7.11.1942 wurde der Betrieb zum Kriegsmusterbetrieb ernannt, was auf das Wirken des Profe s- sor Georgi[i] zurückzuführen ist. Politisch ist Professor Georgi[i] vollkommen einwandfrei“ (NSDAP Kreisleitung Berchtesgaden-Laufen, an NSDAP Gaul eitung München-Oberbayern, 11.01.1943, BArch, BDC, R 9361-II/287226). Georgii wurde daraufhin zum Wehrwirtschaftsführer ernannt (1943 eine Auszeichnung, die nur noch Parteigetreuen angetragen wurde). Die DFS expandierte auch in den beiden letzten Kriegsjahren, in denen ihr „Betriebsführer“ eine weitere führende Funktion in der Luftfahr t- forschung zuteilwurde: Georgii war eines von vier Mitgliedern der im Frühjahr 1942 eing e- richteten „Forschungsführung des Reichsluftfahrtministers und Oberbefehlshabers der Lu ft- waffe“. Oberstes Ziel des von Hermann Göring implementierten Gremiums war es, „die in der Luftfahrtforschung vorhandenen Kräfte und Erkenntnisse in vollem Maße für die Luftrü s- tung nutzbar zu machen“ ( hierzu und zum Folgenden Archiv der MPG, III/061, Nr. 2109- 2123). Als Vorsitzender des Gremiums agierte Ludwig Prandtl (Direktor des KWI für Str ö- mungsforschung); weitere Mitglieder waren Adolf Baeumker (langjähriger Abteilungsleiter im Reichsluftfahrtministerium, Vorsitzender der Luftfahrtforschungsanstalt Mü nchen) und als Geschäftsführer zunächst Friedrich Seewald (Leiter der Deutschen Versuchsanstalt für Luftfahrt in Berlin -Adlershof). Aufgabe der Forschungsführung war eine Art „Selbststeu e- rung“ der wissenschaftlichen Forschung im Bereich der Luftwaffe. Dazu erhielt das Gremium unabhängige Mittelbewirtschaftung sowie erheblichen Einfluss auf die Personalpolitik auf Leitungsebene der daran beteiligten Institute. Im November 1943 löste Georgii Seewald als Geschäftsführer der Forschungsführung ab und behielt das Amt bis 1945 inne ; Prandtl, der Georgii bereits seit 1920 kannte und schätzte, hatte sich für Georgii eingesetzt. In dem Vie r- männergremium wurden alle Aspekte im Bereich der Luftfahrtforschung diskutiert – darun- ter auch jene heiklen Fragen zum Einsatz von Gefangenen in Bauvorhaben sowie die (nicht umgesetzte) Einrichtung eines neuen Instituts für biologische Luftfahrtforschung. Welche Positionen Georgii bei diesen Diskussionen im Einzelnen vertrat, ließ sich anhand des tradier- ten Materials nicht abschließe nd beurteilen (die Mitglieder der Forschungsführung waren angehalten, alle streng vertraulichen Dokumente, die nicht grundsätzlichen Charakter ha t- ten, in regelmäßigem Abstand – vorgeschlagen wurde vierteljährlich – zu vernichten). Moritz Epple, der die umf angreiche Korrespondenz zwischen Prandtl und Georgii bis Kriegsende 25 ausgewertet hat, vertrat die Auffassung, dass der überzeugte Patriot Georgii „noch bis u n- mittelbar vor Kriegsende ernsthaft glaubte, dass ein Durchbruch in der Luftfahrtforschung das Krieg sgeschick noch einmal wenden könne“ (S. 346 f., Zitat FN 95, S. 347). In Run d- schreiben 1944 verbreitete Georgii energische Appelle an Institutionen in seinem Einflussb e- reich, alle Konzentration auf die Kriegsarbeiten zu verwenden: „Denn eines muss in der heutigen, so ernsten Lage immer und immer wieder allen ihren Mitarbeitern gegenwärtig sein: die Forschungsaufgaben sind nicht gestellt, um sich durch sie während des Krieges zu beschäftigen, sondern um sie in der kürzestmöglichen Zeit zu lösen, also Ergebnisse zu erzielen . […] Daß die Forschung in dieser ernstesten Zeit des Krieges ihre Aufgabe erfüllt, ist wohl unser aller Wunsch. Heil Hitler! Ihr [gez.] Georgii“ (Rundbrief vom 18.04.1944, Archiv der MPG-Archiv, III/061, Nr. 2173, Hervorhebungen im Original). Noch in einem Weihnachtsbrief 1944 mahnte Georgii an, dass die Forschung im Bereich „Schnellstflug“ bis zum Hochsommer (!) Ergebnisse zeitigen müsste. Und Anfang März 1945, im Zuge einer Ansprache anlässlich der Verleihung des Ritterkreuzes zum Kriegsve rdienst- kreuz an Prandtl, äußerte Georgii , der Forscher habe „trotz der Härte der äußeren Umstä n- de“ die Verpflichtung, „mit rücksichtslosem Einsatz der Person […] seine Waffen des Geistes ganz besonders scharf zu halten und der Kriegsrüstung dienlich zu mac hen“ ( Archiv der MPG, III/061, Nr. 521). Als Wissenschaftler war Walter Georgii außerordentlich gut vernetzt, auch international. Von 1930 bis zum Kriegsbeginn 1939 fungierte er als Präsident der Internationalen Studienko m- mission für den Segelflug (ISTUS). Er leitete unter anderem 1934 eine vom Reichsluftfahr t- ministerium geförderte Forschungsreise nach Südamerika (Brasilien, Argentinien), um die thermischen Möglichkeiten in den Tropen zu erschließen (die Forschungsreise wurde auch von der Notgemeinschaft de r Deutschen Wissenschaft unterstützt, Dokumente hierzu in BArch Berlin, R 73/11202) . In einem Brief aus Buenos Aires ließ Georgii den Rektor der TH Darmstadt wissen: „Ich freue mich, daß unsere Expedition eine so erfolgreiche Mission für das neue Deutschland durchführen darf“ (16.03.1934, UA TU Darmstadt, TH 25/01, Nr. 207 - 2). Zudem nahm er noch Mitte der 1930er Jahre regelmäßig an internationalen Konferenzen im Bereich der Segelflugforschung teil, etwa in Frankreich, Ungarn, Polen und Portugal, wie Dokumente in seiner Personalakte sowie im Nachlass Ludwig Prandtls belegen. Noch im Frühjahr 1942 besichtigte er Segelflugplätze im nicht besetzten Teil Frankreichs (Avignon, Marseille, Toulouse, Archiv der MPG, III/061, Nr. 2109). Parallel zu seiner Funktion als „Betriebsleiter“ der DFS entwickelte sich Georgiis wisse n- schaftliche Karriere im NS -Regime: Nachdem er 1934 an der TH Darmstadt mit einem pe r- sönlichen Ordinariat versehen worden war, wurde er 1937 zum ordentlichen Professor im Bereich der Luftfahrtforschu ngsanstalten des Reiches ernannt. Mit dieser Professur war er folglich in den Reichsdienst berufen und dem Reichsluftfahrtministerium zugeordnet. Die Bestätigung der Forschungsprofessur durch Adolf Hitler im Dezember 1937 band Georgii „fortan in besonderem Maße an das Regime“ (Mares, S. 251). Er konnte seine Forschung noch stärker auf die DFS konzentrieren, wo er von 1937 bis 1945 auch Vorsitzender der Pr ü- fungskommission der angegliederten Ingenieurschule für Luftfahrttechnik (IfL) war. Der TH 26 Darmstadt sol lte er dennoch verbunden bleiben, durch die Berufung auf eine Honorarpr o- fessur 1939; bedingt durch Kriegsbeginn und darauf folgenden Umzug der DFS trat Georgii zu keinen Vorlesungen mehr in Darmstadt an. Er bewahrte sich eine gewisse Unabhängigkeit in der Forschung – der Preis dafür war aber eine enge „Anlehnung an bestimmte Instanzen des Regimes – ein ‚unpolitisches‘ Agieren war unter diesen Umständen ausgeschlossen“ (Mares, S. 251). Zugute kamen Georgii bei seinem geschickten Navigieren durch die polyzent rischen Macht- strukturen des NS-Regimes seine guten Kontakte zu Personen, die er teils schon seit seinem Wirken im Ersten Weltkrieg persönlich kannte und die nun Schlüsselpositionen in Militär, Verwaltung und (Luftfahrt-)Forschung innehatten (ausführlicher dazu Mares, S. 248 f.). Einer dieser langfristigen Kontakte, der Georgii für die Erreichung seiner Ziele zu Rückendeckung verhalf, war Erhard Milch, einem der zentralen Akteure der Luftrüstung, seit 1933 für die Umstrukturierung der Luftfahrtforschung (auc h für die Einrichtung der „Forschungsführung“ 1942) verantwortlich. Georgii kannte Milch eigenen Aussagen zufolge bereits seit Mitte der 1920er Jahre. Als interessante – aber auch problematische – Quelle für das Leben und Wirken Walter G e- orgiis erwies sich seine Autobiografie aus dem Jahr 1954, veröffentlicht unter dem Titel „Fliegen und Forschen“. Aus Georgiis ausführlichen Schilderungen zu seiner Tätigkeit im Er s- ten Weltkrieg geht hervor, dass er – wie im Übrigen alle führenden deutschen Meteorologen im „Dritten Reich“ – erste aufschlussreiche Erfahrungen im Bereich der Meteorologie wä h- rend seines Kriegseinsatzes sammelte. Die Arbeit in militärischem Auftrag oder zu militär i- schen Zwecken war den Meteorologen eine Selbstver ständlichkeit, wie Carl Freytag konsta- tierte (Freytag, S. 254). Dass auch im „Dritten Reich“ zu militärischen Zwecken geforscht wurde, stand daher überhaupt nicht zur Diskussion. Ganz in diesem Sinne nutzt Georgii in seiner Biografie das Narrativ des „unpolitischen Grundlagenforschers“, da s in der Nac h- kriegszeit bekanntermaßen weit verbreitet und als Legitimationsmuster erfolgreich war. Wie Detlev Mares in seinem insgesamt überzeugenden Aufsatz „Der Meteorologe als Romant i- ker. Forschen und Fliegen mit Walter Georgii“ darlegt, blendet Georgi i seine NSDAP - Mitgliedschaft sowie seine Forschungsprofessur 1937 aus dem Erwähnenswerten aus, o b- wohl er sich „für einen angeblich politikfernen ‚Romantiker‘ besonders stark auf die Strukt u- ren des NS-Regimes“ einließ (Mares, S. 255 f.). Mares urteilt entsprechend abschließend: „‚Forschen und Fliegen‛, die scheinbar harmlose Anekdotensammlung aus der Glanzzeit der Sege l- fliegerei, entpuppt sich als äußerst problematische Lektüre – und dies nicht so sehr wegen der einen oder anderen Auslassung, die sich die Erinnerung des Autors gönnte. Problematisch sind vielmehr die grundlegenden Darstellungsmuster, die eine Auseinandersetzung mit dem wirklichen Charakter des NS-Regimes unterlaufen und die zudem mit ihrer Behauptung, Forschung könne unpolitisch sein, bereits ein politisches Legitimationsargument konstruieren, das den Blick auf die Mechanismen m o- derner Spitzenforschung verstellt“ (Mares, S. 259). Nach Ende des Zweiten Weltkriegs blieb Georgii zunächst in Ainring; er wurde von amerika- nischen Experten zu seinen F orschungen befragt und ihm wurde – ähnlich wie anderen Spi t- zenforschern – eine Karriere in den USA vorgeschlagen. Georgii entschied sich aber dafür, 27 1946 in französische Dienste zu treten: Bis 1948 arbeitete er als Berater im französischen Luftfahrtministerium, Dienststel le „Arsenal de l’Aéronautique“ in Chatillon sous Bagneux . Anschließend zog es ihn auf Anfrage nach Argentinien, wo hin er seit früheren Forschungs- aufenthalten gute Kontakte pflegte. In Buenos Aires beriet er die argentinische Regierung in Fragen der Meteorologie und in Mendoza erhielt er einen Lehrstuhl für Aerophysik (laut Klee 1950-1955). Nach seiner Rückkehr trat er wieder in leitender Funktion in der wiedergegrü n- deten DFS in Erscheinung. Aufgrund seines mehrjährigen Auslandsaufenthalts ab 1946 entzog sich Georgii den Entnaz i- fizierungsverfahren in Deutschland, weshalb diesbezüglich keine Dokumente aufzufinden waren. Allerdings fand sich im Nachlass von Otto Hahn ein – von Georgii gewünschtes – Schreiben (unterzeichnet schließlich von Otto H ahn und Werner Heißenberg), wonach Geo r- gii dabei geholfen haben soll, der (jüdischen) Frau von Prof. Rausch von Traubenberg ihr Überleben zu sichern (sie habe durch Georgiis Einwirken ein Einzelzimmer in Theresienstadt erhalten und schließlich überlebt, „B estätigung“ vom 11.12.1947, Archiv der M PG, III/014, Nr. 1129). In einem tradierten Schreiben an den Rektor der TH Darmstadt vom 19.10.1945, in dem Georgii anfragte, ob er seine Lehrtätigkeit wieder aufnehmen könne, erwähnte er im Postskriptum: „Da die politische Stellung wichtig ist, gebe ich noch an, daß ich Parteimi tglied vom Sommer 1937 bin, Mit gliedsnr. 5348480. Kein Am t, kein Rang. Auch sonst nichts “. In einem Antwortschreiben wurde er darauf hingewiesen, dass er vor Wiederaufnahme seiner Tätigkeit ein Entnazifizierungsverfahren zu durchlaufen habe ( UA TU Darmstadt, TH 25/01, Nr. 207-2). Walter Georgii hat durch seine Aussagen in den Befragungen der Amerikaner sowie durch die Schilderungen in seinem Lebensbericht die Geschichtsschreibung über die deuts che Luft- fahrtforschung im NS -Regime beeinflusst. Welche Auswirkungen sein Verhalten in der NS - Zeit als Forscher, „Betriebsführer“ und Forschungsmanager hatte, lässt sich nicht abschli e- ßend beurteilen. Helmut Maier, Experte im Bereich der Rüstungsgeschichte im Nationalsozi- alismus, beurteilt die Rolle der NS-Luftfahrtforschung und ihrer Akteure wie folgt: „Zukunftsweisende Entwicklungen wie Strahlflugzeuge und Lenkraketen nährten die Illusion, die m a- terielle Überlegenheit der Alliierten mit überlegener Techni k kompensieren zu können. Indem die Luftfahrtforscher fast bis zur letzten Sekunde auf die Kriegswende hofften und ihr Engagement noch intensivierten, trugen sie zur Verlängerung des Krieges maßgeblich bei“ (Maier, S. 104 f.). Quellen: BArch, BDC, NSDAP-Mitgliederkartei BArch, BDC, R 9361-II/287226 BArch Berlin, R 73/11202 Archiv der MPG, III/014 – Nachlass Otto Hahn, Nr. 1129 Archiv der MPG, III/061 – Nachlass Ludwig Prandtl, Nr. 521, 1356, 2109-2123, 2173 UA TU Darmstadt, TH 25/01, Nr. 207-2 [Personalakte Georgii] 28 StadtA DA, ST 61 Georgii, Prof. Dr. Walter Literatur: Budrass, Lutz: Zwischen Unternehmen und Luftwaffe. Die Luftfahrtforschung im „Dritten Reich“. In: Maier, Helmut (Hrsg.): Rüstungsforschung im Nationalsozialismus. Organisation, Mobilisierung u nd Entgrenzung der Technikwissenschaften. Göttingen 2002, S. 142-182. Engels, Peter: Georgii, Walter. In: Darmstädter Stadtlexikon 2006, S. 302. Epple, Moritz: Rechnen, Messen, Führen. Kriegsforschung am Kaiser -Wilhelm-Institut für Strömungs- forschung 1937-1945. In: Maier, Helmut (Hrsg.): Rüstungsforschung im Nationalsozialismus. Organ i- sation, Mobilisierung und Entgrenzung der Technikwissenschaften. Göttingen 2002, S. 305-356. Frese, Matthias: Vom „NS -Musterbetrieb“ zum „Kriegs -Musterbetrieb“. Zum Verhältnis von Deu t- scher Arbeitsfront und Großindustrie 1936 -1944. In: Michalka, Wolfgang (Hrsg.): Der Zweite Wel t- krieg. Analysen, Grundzüge, Forschungsbilanz. München 1989, S. 382-401. Freytag, Carl: „Bürogenerale“ und „Frontsoldaten“ der Wissenschaft. In: Maier, H elmut (Hrsg.): G e- meinschaftsforschung, Bevollmächtigte und der Wissenstransfer. Die Rolle der Kaiser -Wilhelm- Gesellschaft im System kriegsrelevanter Forschung des Nationalsozialismus. Geschichte der Kaiser - Wilhelm-Gesellschaft im Nationalsozialismus, Band 17. Göttingen 2008, S. 251-267. Georgii, Walter: Forschen und Fliegen. Ein Lebensbericht. Tübingen 1954. Grüttner, Michael: Biographisches Lexikon zur nationalsozialistischen Wissenschaftspolitik. Heide l- berg 2004. Klee, Ernst: Das Personenlexikon zum Dritt en Reich. Wer war was vor und nach 1945. (4. Aufl.) Ham- burg 2013 [Georgii, Walter: S. 179]. Ludwig, Karl-Heinz: Technik und Ingenieure im Dritten Reich. Düsseldorf 1974. Lünen, Alexander von: Die Deutsche Forschungsanstalt für Segelflug. In: Göller, Andrea s/Holtmann, Annegret (Hrsg.): Ein Jahrhundert Luftfahrtgeschichte zwischen Tradition, Forschung und Lan d- schaftspflege. Der August-Euler-Flugplatz in Darmstadt-Griesheim. Darmstadt 2008, S. 209-238. Maier, Helmut: Luftfahrtforschung im Nationalsozialismus. In: Trischler, Helmuth/Schrogel, Kai -Uwe (Hrsg.): Ein Jahrhundert im Flug. Luft - und Raumfahrtforschung in Deutschland 1907 -2007. Frankfurt am Main/New York 2007, S. 104-122. Mares, Detlev: Der Meteorologe als Romantiker. Forschen und Fliegen mit Walter Ge orgii. In: Göller, Andreas/Holtmann, Annegret (Hrsg.): Ein Jahrhundert Luftfahrtgeschichte zwischen Tradition, Fo r- schung und Landschaftspflege. Der August -Euler-Flugplatz in Darmstadt-Griesheim. Darmstadt 2008, S. 239-266. Trischler, Helmuth: Luft - und Raumfahrtforschung in Deutschland 1900 -1970. Politische Geschichte einer Wissenschaft. Frankfurt am Main/New York 1992. Trischler, Helmuth (Hrsg.): Dokumente zur Luft- und Raumfahrtforschung in Deutschland 1900 -1970. Frankfurt am Main/New York 1992. 29 Grundstraße (F-G 10), benannt 1967 nach Peter Grund (1892-1966) Architekt und Stadtplaner * 15. November 1892 in Pfungstadt Studium der Architektur/Bautechnik an der Landesbaugewerkschule in Darmstadt 1919-1922 Lehrer an der Landesbaugewerkschule in Darmstadt (Baukonstruktion und Baugestaltung) 1921 Hochzeit mit Margarete Preß in Pfungstadt (drei Kinder) 1923-1933 Architekturbüro in Dortmund zusammen mit Karl Pinno (Pinno & Grund) Ab 1927 Wohnhäuser in „Gartenstadt“ Dortmund 1927/30 Nikolaikirche in Dortmund (erstes komplett in Stahlbeton und Glas errichtetes Gotteshaus) 1928/29 Neubau Industrie- und Handelskammer in Dortmund 1932 Wettbewerb Reichshauptbank Berlin (erste Preiskategorie, nicht umgesetzt) 1929-ca. 1938 (Förderndes) Mitglied der SS [Eigenangabe Entnazifizierung: 1934-1938] 1933-1937 Mitglied der Reichskammer der bildenden Künste 1933-1938 Professor und Direktor der Kunstakademie Düsseldorf (de facto bis 1937) 1933-1937 Leiter der Landesstelle Düsseldorf der Reichskammer der bildenden Künste 1933-1945 Mitglied der NSDAP (Mitglieds-Nr.: 3093511) [Eigenangabe Entnazifizierung: 1934-1942] 1934-1944 Ratsherr in Düsseldorf Ca. 1935-1938 Referent der NSDAP für Städtebau bzw. Gauamtsleiter für Städtebau im NSDAP -Gau Düsseldorf 1935-1937 Planung und Entwurf des Schlageterforums (Entwurf aus finanziellen Gründen nicht u m- gesetzt) 1935-1937 Künstlerische Oberleitung der Reichsausstellung „Schaffendes Volk“ in Düsseldorf ( inklu- sive Mustersiedlung „Schlageterstadt“) 1936 Wettbewerb Rathaus sowie Industrie- und Handelskammer Königsberg (1. Preis) 1938 Wettbewerb Rathaus und Stadthalle Castrop-Rauxel (1. Preis) 1938 Versetzung in den Ruhestand (auf „eigenen Wunsch“; im November 1937 gegen Grund eing e- leitetes Vorermittlungsverfahren wird daraufhin eingestellt) 1938-1944 weiterhin wohnhaft in Düsseldorf; freischaffender Architekt (wenig Aufträge) Ca. 1944-1946/47 Büro in Miltenberg, dann Umzug nach Darmstadt 1946 erste Arbeiten als Architekt in Darmstadt 1946-1948 Mitglied des Amts für Kirchbau und kirchliche Kunst Westfalen 1947 Entwurf Umgestaltung Bahnhofsvorplatz Dortmund (1. Preis, nicht umgesetzt) 1947-1959 Oberbaudirektor der Stadt Darmstadt , Leiter des Hochbauamts; in dieser Zeit zahlreiche Bauwerke in Darmstadt (darunter Schulen, Stadion, Klinikbau, Kläranlage) 1949/1950 Wiederaufbauplan für Darmstadt 30 1949 Berufung in den Städtebauausschuss des Deutschen Städtetags 1950 Eigenes Wohnhaus in der oberen Dieburger Straße in Darmstadt 1950 Kaufhaus „Kaufhof“ in Frankfurt am Main 1950 Entwurf Neubau Westfalenhalle in Dortmund (1. Preis, nicht umgesetzt) 1951 Umstrittener (Meisterbauten -)Entwurf Stadthaus Darmstadt; Überarbeitungen 1953 -1959 (nicht umgesetzt; heute: Luisencenter) 1959-1966 Ruhestand; freischaffender Architekt mit Wohnsitz in Darmstadt † 26. Januar 1966 in Darmstadt Ehrungen: 1955 Ehrensenator der TH Darmstadt 1957 Silberne Verdienstplakette der Stadt Darmstadt [Grund habe die Stadt „mit kritischer Behar r- lichkeit, weitschauendem Sachverstand und feinfühligem Kunstsinn aus dem Chaos geführt und ihr eine unverwechselbare Gestalt gegeben“] 1957 Vorschlag für Großes Verdienstkreuz des Verdienstordens der BRD [Ehrung scheitert an Grunds Vergangenheit] 1966 „Peter-Grund-Bau“, Städtische Kliniken Darmstadt Wirken in der NS-Zeit Peter Grund, aus Pfungstadt stammender Architekt, hat in Darmstadt vor allem in seiner Zeit als Oberbaudirektor der Stadt Darmstadt (1947 -1959) Spuren hinterlassen. Er entwarf den maßgeblichen Wiederaufbauplan der Stadt und zeichnete zudem für zahlreiche markante Bauwerke verantwortlich, darunte r das John -F.-Kennedy-Haus, die Jugendherberge am Gr o- ßen Woog, das Böllenfalltor -Stadion, der Neubau des Chirurgischen Instituts, die Commer z- bank-Filiale in der Rheinstraße sowie zahlreiche Schulgebäude ( etwa Wilhelm-Leuschner- Schule, Friedrich-Ebert-Schule, Peter-Behrens-Schule). Nach Ausbildung und Lehrauftrag an der Landes baugewerkschule Darmstadt war Peter Grund 1923 nach Dortmund gezogen, um dort gemeinsam mit Karl Pinno das Architektur - Büro „Pinno & Grund“ zu betreiben. Das Büro beteiligte sich erfolg reich an zahlreichen Wettbewerben, baute in Dortmund Wohnhäuser (allein über ein Dutzend in der sogenan n- ten „Gartenstadt“), Sakralbauten, Industrie- und Verwaltungsgebäude. Hervorzuheben w ä- ren die Nikolaikirche (prämierter Entwurf 1927, Fertigstellung 1930 ), die als erstes komplett in Stahlbeton und Glas errichtetes Gotteshaus gilt, sowie der Neubau der Industrie - und Handelskammer (1928/1929). Die letzte Teilnahme von „Pinno & Grund“ an einem großen Wettbewerb fiel in das Jahr 1932: Ihr nicht umgesetzter E ntwurf für den Neubau der Reich s- bank in Berlin landete in der ersten Preiskategorie (und damit vor den Entwürfen etwa von Emil Fahrenkamp und Hans Poelzig). 31 (Kunst-)Politisch in leitender Funktion: Kunstakademie, Reichskulturkammer, NSDAP Die Architektengemeinschaft „Pinno & Grund“ wurde 1933 aufgelöst, als Peter Grund an die Staatliche Kunstakademie in Düsseldorf berufen wurde. Im Zuge einer „Säuberungsaktion“ in der Düsseldorfer Kulturszene waren rund ein Dutzend Lehrende der Kunstakademie entla s- sen (daru nter die Professoren Paul Klee und Heinrich Campendonk) und durch parteinahe Personen ersetzt worden. Peter Grund erhielt seine Professur am 15. Oktober 1933 und wurde zugleich mit der „vertretungsweisen Wahrnehmung der Direktorengeschäfte“ b e- traut. Am 15. Juni 1934 erfolgte schließlich die Ernennung zum Direktor der Kunstakademie. Als erster Architekt in dieser Funktion überhaupt löste Grund nun auch offiziell den parte i- fernen Kunsthistoriker Walter Kaesbach ab, der von 1925 bis 1933 der Kunstakademie vo r- gestanden hatte und aus politischen Gründen entlassen worden war. Grund war damit bis zu seiner Absetzung 1937 „ranghöchster Vertreter der staatlichen Kunstpolitik in der Region“ (Van Dyke, S. 152). Unter seiner Leitung wurden an der Kunstakademie ein semes terbezoge- ner Lehrplan eingeführt (1934) sowie Vorlesungen zu „Deutsche Kunst“ und „Rassenkunde“ etabliert. Er selbst leitete anfangs das 3. Semester: „Monumental - und Sakralbau“ (Heuter, S. 112). Gleichzeitig gelangte Grund auch in der Reichskulturkammer in führende Position: Bereits im November 1933 wurde er zum Leiter der Landesstelle Düsseldorf der Reichskammer der bi l- denden Künste berufen (zunächst kommissarisch, von 1934 bis 1937 offiziell). Peter Grund war Mitglied der NSDAP (Mitglieds -Nr. 3093511; laut Personalakte der RKK seit 01.04.1933, Eintrittsdatu m in der NSDAP-Mitgliederkartei: 01.05.1933). Schon zuvor unte r- stützte er die allgemeine SS: Laut Personalakte der RKK galt er seit 1932, laut einer „Nac h- weisung der Parteimitgliedschaften der Akademiel ehrer“ (1935) bereits seit 1929 als (fö r- derndes) Mitglied der SS. Eigenen Angaben folgend war er Mitglied der NSV, des NS - Altherrenbunds sowie des NS -Dozentenbunds (jeweils ohne präzise Zeitangaben , HHStAW). Zudem war er von April 1934 bis Februar 1944 Ratsherr in Düsseldorf (StadtA Düsseldorf). Als Experte für Städtebau war Grund bei der NSDAP im Gau Düsseldorf ein gefragter Mann: Er selbst bezeichnete sich im Entnazifizierungsverfahren als „Referent der NSDAP für Städt e- bau“ (siehe unten); tatsächlich wirk te er nachweislich als Gauamtsleiter im Stab des Gaule i- ters Düsseldorf. Jener Gauleiter, Friedrich Karl Florian, im Amt 1929 -1945, überzeugter Nati- onalsozialist und Antisemit, hatte großen Einfluss auf Grunds Karriere. Florian war wohl b e- reits maßgeblich a n der Berufung Grunds als Direktor der Kunstakademie beteiligt, nac h- weislich stellte er sich vor seinen Schützling, als dieser ab 1936 in die Kritik geriet. Eine U n- tersuchung der Stadtverwaltung Düsseldorf kam 1950 zu dem Ergebnis, „dass Grund nach 1933 aus rein politischen Gründen als Professor und Direktor eingestellt worden“ war. S o- wohl seine Einstellung als Professor als auch jene als Direktor der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf seien lediglich „auf die engen Beziehungen zu massgeblichen Vertretern des nati- onalsozialistischen Regimes zurückzuführen“ (StadtA DA, ST 22, Nr. 2737). Auch der ehem a- lige Kurator der Staatlichen Kunstakademie und Regierungspräsident, Carl Christian Schmid, vertrat die Auffassung, dass es Gauleiter Florian war, der Grunds Be rufung durchgesetzt ha- be. Schmid bestätigte, dass Grund als „Gauamtsleiter für Städtebau in den engeren Gaustab“ 32 Florians eingetreten war. Mit der Akademieleitung oder dem Kollegium, so Schmid, habe es keinerlei Rücksprache hinsichtlich der Berufung Grunds gegeben. Schmid beschrieb Grund als Parteigenossen, der „nahe Beziehungen“ zum Gauleiter aufgenommen habe: „Grund trat auch in der Akademie von Anfang an ganz betont als Vertrauensmann der Partei auf. So erschien er beispielsweise bei seiner Amtseinführun g durch mich in Parteiuniform, was damals bei den Lehrkörpern und den Akademikern starkes Aufsehen erregte und brachte auch zum Ausdruck, daß er seine Aufgabe im Sinne der Parteianschauungen erfüllen werde. […] Im Laufe der Zeit trat eindeutig zutage, daß Grund, unbeschadet seiner bis zu einem gewissen Grade anerkannten Fähi g- keiten als Architekt, für das Amt des Akademiedirektors in jeder Beziehung absolut ungeeignet war und daß seine Bemühungen mit parteimäßigen Mitteln sich künstlich Autorität zu verschaf fen, Schiffbruch erlitten hatten. Zunächst konnte er wegen seines Rückhalts bei der Gauleitung nicht a b- gelöst werden“ (14.11.1950, Schmid, StadtA DA, ST 22, Nr. 2737). Künstlerische Leitung: Schlageterforum, Schl ageterstadt, Reichsausstellung „Schaffendes Volk“ In seiner Zeit als Direktor der Staatlichen Kunstakademie in Düsseldorf wurde Peter Grund mit der Planung und Leitung prestigeträchtiger NS -Bauvorhaben im Düsseldorfer Norden betraut. Dazu gehörte das sogenannte Schlageterforum sowie die Planungen zur Mustersied- lung „Schlageterstadt“, die schließlich 1937 Teil der großen Reichsausstellung „Schaffendes Volk“ werden sollte, deren künstlerische Oberleitung ebenfalls Grund oblag. Im Norden von Düsseldorf existierte bereits seit 1931 ein Schlageter -Denkmal in Form eines 31 Meter hohen Holzkreuzes mit zwei konzentrischen Halbkreisen darum. Das Denkmal, ganz in der Nähe der historischen Exekutionsstätte des zum Märtyrer und „Blutzeugen“ der NS-Bewegung stilisierten Albert Leo Schlageter gelegen (und halboffiz ielle Pilgerstätte von Nationalsozialisten), sollte 1933 nach dem Willen der politischen Führung Düsseldorfs zu „einer monumentalen Weihestätte des deutschen Volkes“ (Schäfers, S. 120) ausgestaltet werden. Als treibende Kraft hinter dem Vorhaben galt der D üsseldorfer Gauleiter Florian. Wenngleich 1935 ein Wettbewerb ausgerufen worden war, wurde Peter Grund (eigentlich Preisrichter) mit der Planung betraut, da kein „ in städtebaulicher Hinsicht als gelöst zu b e- trachtende[r] Entwurf“ eingegangen sei. Mit dem E inverständnis von Gauleiter und Obe r- bürgermeister „wurde Pg. Prof. Grund der Auftrag zur städtebaulichen Klärung des Schlag e- ter-Forums und des Nordgebietes […] erteilt “ (Protokoll einer Sitzung vom 16.11.1935, StadtA DA, ST 22, Nr. 2737 ). Winfried Wendland (u. a. Kunstreferent im Preußischen Kultu r- ministerium) bezeichnete 1936 den Auftrag als eine „der bedeutendsten künstlerischen Au f- gaben, die aus der völkischen Neuordnung des deutschen Volkes erwachsen ist“ (Wendland, S. 817). Bereits erste monumentale En twürfe hatten „ das Stückchen heiliger Erde und die Landschaft, zu der es gehört, eingefangen in einem mächtigen Wall von 350 Meter Durc h- messer und etwa 7 Meter Höhe“, wie Grund selbst es im „Gaukampfblatt Rheinische Landes- zeitung“ beschrieb (RLZ vom 08.12.1935). Obwohl die Pläne von Adolf Hitler genehmigt wo r- den seien (Zeitzeugen berichten von einem Treffen von Grund und anderen Entscheidung s- trägern mit Hitler 1936), wurde der 1937 von Grund vorgelegte, nach zahlreichen Änderu n- gen abschließende Entwurf des Schlageterforums nie verwirklicht. Als wichtiges Argument 33 für das Scheitern des Projekts können die immensen Kosten angesehen werden ( über 8 Mil- lionen RM waren dafür veranschlagt, Schäfers, S. 125). Parallel zu den Arbeiten am Schlageterforum zeichnete Gru nd für die künstlerische Oberle i- tung der großen Reichsausstellung „Schaffendes Volk“ verantwortlich, „der Leistungsschau aller schaffenden Stände Deutschlands“, die 1937 eröffnet wurde und insgesamt zwischen Mai und Oktober etwa vier Millionen Besucher zäh lte (Schäfers, S. 308). Eigentlich 1934 mit den Schwerpunkten Städtebau und Siedlung (sowie Gartengestaltung, Kunsthandwerk und Gewerbe) konzipiert, bildeten wirtschaftliche und industrielle Aspekte 1937 den Fokus; in Anlehnung an den 1936 verabschiedeten Vierjahresplan mit einem Schwerpunkt auf synth e- tischen Rohstoffen. Eine besondere Herausforderung lag nach Grund darin, bei Erstellung eines Generalbebauungsplans die räumliche Ordnung des Ausstellungsgeländes (heute Me s- se/Nordpark/Siedlung Golzheim) in di e städtebauliche Gliederung des Düsseldorfer Nordens einzubeziehen „und den organischen Anschluß an das Schlageterforum herzustellen“ (Grund III, S. 75). An der programmatischen Einbettung der Reichsausstellung, die seit November 1935 unter Schirmherrschaf t von Hermann Göring stand, ließ Grund keine Zweifel aufko m- men: „Die größte Aufgabe, welche uns der Nationalsozialismus für die nächsten Jahre gestellt hat, ist schlechterdings nichts anderes, als die schöpferische Gestaltung des Lebensraumes unseres deu t- schen Volkes. Jede große Idee im Leben der Völker sucht sich ihren Ausdruck in der Gestaltung uns e- res Daseins, und je größer der rassische Wille eines Volkes ist, desto größer ist auch die schöpferische Kraft. Wie alles, was der Nationalsozialismus schafft, dem Leben des deutschen Volkes und seiner ewigen Zukunft dient, so soll auch die Reichsausstellung ‚Schaffendes Volk‘ all die großen Aufgaben aufzeigen, die das Leben und Gestalten unseres Volkes berühren“ (Grund V, S. 597; ganz ähnlich Grund III, S. 75). Unter Grunds künstlerischer Oberleitung, die unter dem Motto „Dienst an der Kunst ist Dienst an Deutschland, Diens t am Führer“ (Düsseldorfer Tage blatt vom 18.05.1937) stand, wirkten zum Schluss mehrere Hundert Arbeiter und zahlreiche Architekten, die für einzelne Abschnitte verantwortlich waren. Grund selbst zeichnete unter anderem für die Mustersie d- lung „Schlageterstadt“ verantwortlich, die integraler Bestandteil der Ausstellung war. Seinen eigenen Worten folgend sollte „ nach dem Muster alter Städte und D örfer eine einheitliche, um einen Mittelpunkt organisch aufgebaute Gemeinschaftssiedlung “ (Grund V, S. 597) ent- stehen. Dutzende Architekten waren mit Entwürfen von Siedlungshäusern daran beteiligt; Grund entwarf und baute ebenfalls zwei Häuser – und zwar i n bester Lage: Sein eigenes Wohnhaus sowie direkt gegenüber jenes „luxuriöse Domizil“ (Schäfers, S. 268) des Gaule i- ters Florian, jeweils mit unverstelltem Blick auf den Rhein (von Grund wiederholt als „deu t- scher Schicksalsstrom“ bezeichnet, etwa Grund IV, S. 341). Übereinstimmende Aussagen legen nahe, dass Grund ein persönliches Verhältnis zu Gauleiter Florian unterhielt (oder, wie Schmid es oben formulierte, „nahe Beziehungen“, StadtA DA, ST 22, Nr. 2737 , sowie HHStAW). 34 Ende der politischen Karriere Von 1936 an geriet Grund als oberster Repräsentant der Kunstpolitik im Rheinland zune h- mend unter Druck. Dafür lassen sich nach Sichtung der eingesehenen Quellen unterschiedl i- che Gründe (bzw. Begründungen) nachweisen. Grund hatte sich in Düsseldorf durch sein Auf treten nicht nur Freunde gemacht. Im Kreise der Professoren an der Staatlichen Kunstakademie hatte er von Beginn an einen schweren Stand. Christoph Heuter sieht in Grund gar einen Akademieleiter, „ der als parteipolitisch extrem engagiert und seit seiner Be rufung 1933 innerhalb der Professorenschaft als isoliert galt“ (Heuter, S. 427). Einige Professorenkollegen zweifelten Grunds Eignung als Direktor der Kunstakademie mehr oder weniger offen an, darunter mit dem Maler Werner Peiner ein Protegé Hermann Görings. Auch von Teilen der Schülerschaft (auch vom Führer des NSDStB) wurde Grunds Eignung in Frage gestellt. Als Anlass für ein Untersuchungsverfahren wurde zudem Grunds Privatleben hinzugezogen: Seine Frau hatte sich von ihm scheiden lassen; ihm wurde eine „Beziehung“ zu einer Professorenwitwe nachgesagt, was – so der Vorwurf – den Ruf der gesamten Akademie in Frage stellte. Von Architekten -Kollegen wiederum wurde Grund Vorteilnahme im Amt vorgeworfen: Unter anderem habe er nicht nur einen Angestell- ten zu ein em von ihm betreuten Wettbewerb zugelassen, sondern ihn auch noch mit dem ersten Preis ausgestattet; für die Oberleitung der Reichsausstellung „Schaffendes Volk“ habe er – ohne eine entsprechende Gegenleistung – der Stadt große Summen in Rechnung g e- stellt und zugesagte Absprachen mit Architekten nicht eingehalten; er sei dafür verantwor t- lich zu machen, dass die Skulpturen im von ihm verantworteten Haupteingangsbereich der Ausstellung nicht rechtzeitig fertiggestellt wurden. Als besonders einflussreich erwies sich mit Emil Fahrenkamp derjenige unter den Akademi e- professoren, der Grunds Nachfolge als Akademiedirektor antreten sollte – was, wie Fahre n- kamps Biograf Christoph Heuter überzeugend darlegt, kein Zufall war, auch wenn Fahre n- kamp selbst es anders darste llte (hierzu und zum Folgenden Heuter, S. 89-94). Fahrenkamp, „Architekt von Görings Gnaden“ (Heuter, S. 90), zog im Hintergrund die Fäden hinsichtlich der Demontage Grunds. Außerdem geriet Grund als Schützling von Gauleiter Florian in i n- nerparteiliche Machtkämpfe, die sich eigentlich gegen den Einfluss von Florian und möglic h- erweise weniger gegen seine Person richteten. Insbesondere die Rivalität zwischen dem Oberpräsidenten der Rheinprovinz und Gauleiter von Essen, Josef Terboven, und Gauleiter Florian sp ielte dabei eine Rolle. Auch Regierungspräsident Carl Christian Schmid war de m- nach Teil der „Anti-Florian-Koalition“. Ein offizieller Anlass für Grunds Absetzung als Leiter der Landesstelle Düsseldorf der Reich s- kammer der bildenden Künste bestand in seinem Bestreben, nach der Auflösung des BDA eine eher elitäre, auf das „Leistungsprinzip“ ausgerichtete Vereinigung von Architekten (n e- ben der Reichskammer für bildende Künste) ins Leben zu rufen. Das wurde vom Präsidenten der Reichskulturkammer der bildenden K ünste, Eugen Hönig, als Affront gewertet und auf das Schärfste verurteilt ; Grund sollte umgehend seiner Ämter enthoben werden. Offiziell bestritt Grund den Vorwurf und bezeichnete einen entsprechenden Aufruf als Fälschung. Er hegte allerdings tatsächlich e ntsprechende Pläne: Aus einem Schreiben von Anfang Juni 35 1936 ging hervor, dass er 30-40 Kollegen vom 20.-25.06.1936 nach Frankfurt einladen wollte, Hotel Frankfurter Hof, zur Gründung einer „Gesellschaft zur Förderung de r deutschen Ba u- kultur“. Allerdings h atte er diesbezüglich beim Geschäftsführer der Reichskammer der bi l- denden Künste, Walter Hofmann, vorgefühlt und als Antwort erhalten, dass „von Seiten der Kammer nichts einzuwenden [ist]. Der alte Berufsverband BDA dürfe natürlich nicht mehr aufgezogen we rden. Aber wir wollen ja auch keine berufsständigen, sondern geistig - künstlerische Ziele verfolgen, ähnlich wie es die anderen Künstlervereine der Maler, Bildhauer auch tun“ (Grund an Carl Christoph Lörscher [im KDAI Verantwortlicher für den Bereich „Siedl ung“] vom 08.06.1936, StadtA DA, ST 22, Nr. 2737). (Unklar war nach Grund lediglich , ob auch „die Alten“, wie Bonatz, Schmidthenner, Schulze - Naumburg, Tessenow, eingeladen werden sollten.) Rückendeckung erhielt Grund seitens der NSDAP in Person von Gauleit er Florian, der die vorgebrachten Argumente gegen Grund nicht teilte, zu entkräften versuchte und schließlich eine Absetzung Grunds verweigerte: „Ich kann mich daher mit der Abberufung von Professor Grund, der um die städtebauliche Entwic k- lung der Stadt Dü sseldorf grosse Verdienste hat, und der sowohl seine Akademie als auch sein Gauamt zu meiner vollsten Zufriedenheit führ t, nicht einverstanden erklären“ (04.04.1936, Gauleiter Florian an den Präsidenten der Reichskammer der bildende n Künste, [Eugen] Hönig, StadtA DA, ST 22, Nr. 2737). Dennoch musste Grund dem Druck schließlich nachgeben. Bereits im Juli 1937 war Fahre n- kamp als kommissarischer Leiter der Staatlichen Kunstakademie eingesetzt worden; ihm wurde auch die künstlerische Oberleitung über die Reichs ausstellung „Schaffendes Volk“ übertragen. Gegen Grund wurde (aus den oben genannten Gründen) ein „Dienststrafverfa h- ren“ in Gang gesetzt, das zunächst in einem „Vorermittlungsverfahren“ bestand. Grund reichte daraufhin ein Ruhestandsgesuch ein – im Alter v on 45 Jahren; die Ermittlungen g e- gen ihn wurden eingestellt. Regierungspräsident Schmid ließ ihn wissen, dass die „ Einstel- lung nur im Anschluß an die von Ihnen beantragte Versetzu ng in den Ruhestand erfolgt ist“ (Schreiben vom 07.07.1938, StadtA DA, ST 22, Nr. 2737). Zum 1. September 1938 wurde Grund in den Ruhestand versetzt und mit einem „Ruhegehalt“ ausgestattet, das ihm una b- hängig von weiteren Einkünften zustand. Fahrenkamp wurde am 16. Dezember 1938 zum Akademiedirektor ernannt und auch Referent für St ädtebauwesen im Stab von Gauleiter Florian. Grund kämpfte um seinen Leumund und empfahl sich (ohne großen Erfolg) für we i- tere Aufgaben, etwa bei Albert Speer ( Brief vom 14.03.1940 , BArch Berlin, BDC, R 9361 - V/100417). Bis 1944 behielt er das Amt des Ratsherrn in Düsseldorf. Entnazifizierung und Ehrungen Liest man nur die Entnazifizierungsakte von Peter Grund, ergibt sich ein etwas anderes Bild des Architekten in der NS -Zeit. Die Strategie Grunds und seines Verteidigers, Rechtsanwalt Ludwig Engel, war eindeu tig: Grund sollte als eigentlich politisch desinteressierter Künstler dargestellt werden, der nie ein Parteiamt innehatte, sondern vielmehr aufgrund seines W i- 36 derstands gegen den Nationalsozialismus von Hermann Göring persönlich aus der Akademie gejagt wurde. Ludwig Engel versuchte in seiner fünfseitigen Verteidigungsschrift Peter Grunds antinati o- nalsozialistische Einstellung zu belegen; in 21 (!) Anhängen kamen zahlreiche Entlastung s- zeugen zu Wort, darunter besonders umfangreich Pfarrer Paul Girkon, der mit seiner wohl- wollenden Biografie zu Grund über Jahrzehnte dessen öffentliche Wahrnehmung beeinflus s- te. Die Gründung der geplanten Architekten -Vereinigung – zu der sich Grund nun vorbehal t- los bekannte (!) – wurde als Ursache für seine Entlassung präsentiert und mit entspreche n- den Dokumenten untermauert. Zusätzlich wurden weitere Beispiele für Grunds subversiven Widerstand gegen das NS-Regime ins Feld geführt. Es lagen aber auch schon früh im Verlauf des Verfahrens Grund belastende Aussagen vor: Angefragte Arc hitekten äußerten sich sehr kritisch, erinnerten sich an Grunds Nähe zu NSDAP-Größen und seine Tätigkeit als Gauamtsleiter in Düsseldorf. Ein Architekt sagte aus, dass Grund „für die NSDAP in Erfassung seiner eigenen Vorteile 100%ig zuverlässig war, zum Nachteil jedes anderen Collegen, der nicht Mitglied der Partei war“ (30.12.1946, Adolf Max- einer). Seitens des Künstlervereins „Malkasten“ aus Düsseldorf konnte man sich die Ber u- fung Grunds zum Akademiedirektor einzig durch dessen Nähe zur NSDAP erklären (12.02.1947) und die Rheinische Sezession Düsseldorf erklärte auf Anfrage: „Professor Grund wurde unseres Wissens lediglich aufgrund guter Beziehungen zu einem der höh e- ren Parteiführer zum Direktor der hiesigen Staatlichen Kunstakademie ernannt. Sein Können un d seine Tätigkeit fanden nicht einmal bei seinen Schülern das geringste Verständnis. […] Er war unseres Wissens auch Gauamtsleiter der NSDAP. Er soll sogar etwa Mitte vorigen Jahres um eine Erhöhung seiner Pension vorstellig geworden sein [was sich durch Quellen belegen lässt, HK]“ (31.01.1947). Aufgrund von Grunds Angaben in seinem Meldebogen hielt der Öffentliche Kläger zunächst eine Anklage in Kategorie II (Aktivisten) für gerechtfertigt ( 14.11.1946), wobei ausdrücklich darauf verwiesen wurde, dass die b egründete Vermutung bestünde, „ daß der Architekt Grund zu führenden Nationalsozialisten des 3. Reichs engere Beziehungen gehabt hat, di e er bisher nicht angegeben hat “. Grund hatte im Übrigen seine fördernde SS -Mitgliedschaft mit „1934-1938“ angegeben, sei ne NSDAP -Mitgliedschaft mit „1934 -1942“. Tatsächlich wurde Grund (aufgrund der Ergebnisse der geführten Ermittlungen und Erhebungen) in der Klage- schrift der Spruchkammer Darmstadt -Stadt vom 27.03.1947 in Kategorie III (Minderbelast e- te) angeklagt. Die Spruchkammer schloss sich der Anklage hingegen nicht an – und schenkte ausschließlich den Entlastungszeugen Glauben: Per Spruchkammer-Entscheid vom 3 0.04.1947 (rechtskräf- tig am 05.06.1947 ) wurde Peter Grund in Kategorie V (Entlastete) eingereiht. Seinem Eng a- gement als Oberbaudirektor in Darmstadt stand somit nichts mehr im Wege. In der fünfseit i- gen Begründung wurden die Argumente der Verteidigung (teils im Wortlaut) übernommen. Das Gericht kam folglich zu dem Schluss: „Die gesetzliche Vermutung, dass der Betroff ene durch seine Mitgliedschaft in der NSDAP und durch sein Amt als Landesleiter der Reichskammer der bildenden Künste den Nationalsozialismus wesen t- lich gefördert hat, ist zweifellos einwandfrei widerlegt. Der Betroffene ist also nur als nominelles 37 Mitglied anzusehen. Darüber hinaus hat er wie in Abschnitt B geschildert ist, erheblichen aktiven Widerstand geleistet und ist deshalb aus seiner Stellung entlassen worden.“ Grund habe rassisch Verfolgte unterstützt, sich mit Gleichgesinnten getroffen, um die „Mö g- lichkeit der Vernichtung Hitlers zu beraten“, Propaganda gegen das NS -System verbreitet und sich für die Aufnahme von „Nichtariern“ in die RKK eingesetzt . Verifizieren ließen (und lassen) sich diese Angaben nicht. Vertreter der amerikanischen Militärregie rung in Darmstadt reagierten bestürzt und legten umgehend Widerspruch gegen das Urteil ein: „Forwarded for disapproval of reinstatement . He is a high ranking State Architect. High Offices in NSDAP and Reichskammer der bildenden Künste and derogatory information make him more than a follower. Exoneration appears to be impossible. 9.7.47, Richard W. Smith, Capt. CAC“ (StadtA DA, ST 22, Nr. 2737). Aufgrund des schwebenden Berufungsverfahrens sei Grund sofort allen leitenden Ämtern zu entheben (zu den Besprechu ngen zwischen Militäradministration und Stadtverwaltung au s- führlich die Protokolle in StadtA DA, ST 61, Grund, Prof. Peter und Georg) . Im Mai 1948 sah die Militärregierung eine Wiederaufnahme des Verfahrens als unumgänglich an. Neue E r- kenntnisse lägen vor, welche belegten, dass Grund in seinem Meldebogen gelogen habe. Vertreter der Stadt Düsseldorf hatten Grund auf Anfrage als „exponierte[n] Vertreter der Naziideologie“ (Georg Glock, Bürgermeister Düsseldorf, 27.03.1948 ) bezeichnet, seine Nähe zu Gauleiter Florian sowie – was besonders schwer ins Gewicht fiel – seine Position als „Gauamtsleiter“ bestätigt. Sollte sich Grunds Tätigkeit als „Gauamtsleiter“ bewahrheiten, drohe ihm eine Anklage in Kategorie I (!), machte die Militärregierung deutlich. Als Bela s- tungszeuge trat besonders Regierungsbaumeister (und Stadtrat) Robert Meyer in Ersche i- nung. Vor der Berufungskammer nahm Grund zu dessen Anschuldigungen schriftlich Ste l- lung: „Meine Berufung nach Düsseldorf erfolgte ohne Unterstützung der Parteistellen. […] Um eine besse- re Zusammenarbeit [mit] der Gauleitung herzustellen, wurde ich von den Prof. wiederholt aufgefo r- dert, mit der Partei enger zusammen zu arbeiten. Ich wurde dann Referent für Städtebauer.“ Auf Veranlassung der Gauleitung habe er eine Gauamtsl eiter-Uniform getragen – obwohl es dieses Amt gar nicht gegeben habe; er sei Referent, aber nicht Amtsleiter für Städtebau g e- wesen. [Zwischenzeitlich war offensichtlich eine Fotografie aufgetaucht, die Grund in Parte i- uniform zeigte, weshalb deren Tragen nicht mehr zu leugnen war, siehe „ Männer vom Bau. Professor Peter Grund. “ In: Deutsche Bauzeitung 70 (1936), S. 59; ein Brief vom 10.04.1937 unterschrieb Grund noch mit „Gauamtsleiter“, StadtA Remscheid, A II C/62.] Nach seiner Entlassung habe er zudem „jede Verbindung mit der Partei aufgelöst “ (Meyer wollte Grund noch nach seiner Entlassung als Gauamtsleiter gesehen haben, konnte dafür aber keine B e- weise erbringen – was das Gericht dazu brachte, seine Glaubwürdigkeit infrage zu stellen). Die Spruchkammer Darmstadt hielt die Belastungszeugen weiterhin für Neider bzw. für u n- glaubwürdig – und lehnte ein Wiederaufnahmeverfahren aufgrund Mangels an (neuen) B e- weisen ab. Entsprechend äußerte sich auch Artur E. Bratu, der die Ermittlungen im Ber u- 38 fungsverfahren leitete: „Zusammenfassend ist zu sagen, dass das Verfahren erwiesen hat, dass der Betroffene niemals mehr als nominell am Nationalsozialismus teilgenommen hat “ (28.01.1949). Das Hessische Staatsministerium sah das anders („Die Ausführungen bezüglich des Nichtbestehens oder Bestehens eines Gauamtes für Städtebau sind abwegig und werden durch das Organisationsbuch der NSDAP S. 139/140 widerlegt “) und beantragte die Wieder- aufnahme des Verfahrens ( 24.02.1949). In ihrem endgültigen Beschluss vom 24.06.1949 (rechtskräftig 13.08.1949) ließ die Spruchkammer Darmstadt wissen: „Der Antrag des ö f- fentl. Klägers vom 19. Mai 1949/Me/Ka, auf Wiederaufnahme des Verfahrens gegen den Betroffenen wird abgelehnt.“ Begründung: Es seien keine neuen wesentlichen Tatsachen und Beweismittel vorgelegt worden, insbesondere „keine sicheren Beweise für eine Tätigkeit als Gauamtsleiter oder die Bekleidung eines derartigen Ranges in der NSDAP“. Als letzter Vermerk ist in der Entnazifizierungsakte von Peter Grund zu lesen: „Kostenrechnung ist nicht zu erstellen, weil Genannter unter die Gruppe der Entlasteten fällt und die Kosten von der Staatskasse getragen werden. Nichts mehr zu veranlassen. Zur Ablage an Archiv“ (20.06.1950). Peter Grund wurde 1955 von der TH Darmstadt zum Ehrensenator ernannt, al s sein Fürspre- cher erwies sich einmal mehr Paul Girkon. Anlässlich seines 65. Geburtstags 1957 beschloss die Stadt Darmstadt, Peter Grund die Silberne Verdienstplakette der Stadt Darmstadt zu ve r- leihen. Zugleich wurde vom Magistrat beschlossen, den Vorschl ag von OB Ludwig Engel au f- zugreifen und Peter Grund für das Große Verdienstkreuz des Verdienstordens der BRD vo r- zuschlagen. Der Regierungspräsident in Darmstadt ließ OB Engel wissen, dass mit einer en t- sprechenden Ehrung nicht zu rechnen sei. In der interne n Kommunikation wurden Dok u- mente aus Düsseldorf genannt, nach deren Sichtung man möglicherweise von einer erne u- ten Antragstellung absehen sollte. Engel berief sich darauf, dass Peter Grund für seine Ve r- dienste um den Wiederaufbau der Stadt Darmstadt nach 1 945 geehrt werden sollte. Dem zweiten Beschluss des Magistrats vom 7. August 1959 wurde dennoch folgende Passage be i- gefügt: „Im übrigen [sic!] müsse die weitere Behandlung der Angelegenheit der für die Weiterleitung zustä n- digen Behörde – unter Würdigung de r nunmehr aus früherer Zeit bekannt gewordenen Tatsachen – überlassen bleiben.“ Zu einer Verleihung des Bundesverdienstkreuzes kam es nicht. Quellen: BArch Berlin, BDC, NSDAP-Mitgliederkartei BArch Berlin, BDC, R 9361-V/100417 BArch Berlin, BDC, R 9361-V/729 HHStAW, Grund, Peter, Abt. 520/Darmstadt-Zentral, Nr. 516026 HStAD, H 3 Nr. 3568 [Kennkartenmeldebogen mit Bild] 39 HStAD, R 12 P Nr. 1792 [Bebauungspläne aus Zeit nach 1945 in HStAD] StadtA DA, ST 22, Nr. 2737 Personalakten, Prof. Grund, Peter; Beiakten I und II StadtA DA, ST 22, Nr. 2738 Personalakten, Prof. Grund, Peter; Nebenakten StadtA DA, ST 45 Grund StadtA DA, ST 61, Grund, Prof. Peter und Georg StadtA Düsseldorf, 0-1-4-52433 [Namensverzeichnis der Ratsherren] StadtA Düsseldorf, 4-59-0-9.0000 StadtA Düsseldorf, 4-59-0-29.0000 StadtA Düsseldorf, 4-59-0-30.0000 StadtA Düsseldorf, 4-59-0-42.0000 StadtA Düsseldorf, 4-59-0-46.0000 StadtA Düsseldorf, 5-8-0-180210.0151 und 5-8-0-180210.015 [zwei Porträts von Peter Grund] StadtA Remscheid, A II C/62 (alt: Abt. A 559) Privatarchiv Peter Friedel Baugilde Rubrik ‚Wirtschaftsnachrichten – Kleine Mitteilungen‘. In: Baugilde 19 (1937), S. 795. Professor Fahrenkamp zum Direktor der Düsseldorfer Kunstakademie ernannt. In: Baugilde 21 (1939), S. 93. Deutsche Bauzeitung Männer vom Bau. Professor Peter Grund. In: Deutsche Bauzeitung 70 (1936), S. 59. Dr. W.: Das Werk von Professor Peter Grund, Düsseldorf. Zu seinem 50. Geburtstag am 15. November 1942. In: Deutsche Bauzeitung 76 (1942), S. 535. Literatur: Bender, Michael/May, Roland (Hrsg.): Architektur der fünfziger Jahre. Die Darmstädter Meisterba u- ten. Darmstadt 1998. Dotzert, Roland: Die Darmstä dter Kommunalpolitik seit 1945. Namen, Daten, Fakten. Darmstadt 2007. Girkon, Paul: Der Architekt Peter Grund. Darmstadt 1952. Grund, Peter I: Von der Reichsausstellung „Schaffendes Volk“ in Düsseldorf. In: Deutsche Bauhütte 41 (1937), S. 220 f. Grund, Peter II: Gemeinschaftssiedlung auf der Ausstellung „Schaffendes Volk“ in Düsseldorf. In: Deutsche Bauhütte 41 (1937), S. 234-237. Grund, Peter III: Schaffendes Volk. Große Reichsausstellung – 1937 – Düsseldorf Schlageterstadt. In: Deutsche Bauzeitung 71 (1937), Anhang Kunstdrucke [!],S. 74-93. Grund, Peter IV: Düsseldorf-Schlageterstadt. In: Moderne Bauformen 36 (1937), S. 341 f. Grund, Peter V: Die Gestaltung der Schlageterstadt. In: Baugilde 19 (1937), S. 597 f. 40 Langner, Wolfgang: Grund, Peter. In: Stadtlexikon Darmstadt (2006), S. 331. Hake, Helga: Professor Peter Grund. Baukunst und Stadtplanung (Begleitheft zur Sonderausstellung im Städt. Museum Pfungstadt 2006). Pfungstadt 2006. Heuter, Christoph: Emil Fahrenkamp 1885 -1966. Architekt im rheinisch -westfälischen Industrieg e- biet. Petersberg 2002. Schäfers, Stefanie: Vom Werkbund zum Vierjahresplan. Die Ausstellung Schaffendes Volk. Düsseldorf 1937. Düsseldorf 2001. Spielmann-Deisenroth, Dagmar: Peter Grund. Ein deutscher Architekt. Dortmund 2006. Van Dyke, James A.: Franz Radziwill. „Die Gemeinschaft“ und die „Revolution“ in der Kunst. In: Geo r- ges-Bloch-Jahrbuch des Kunstgeschichtlichen Seminars der Universität Zürich 4 (1997), S. 135-163. Wendland, Winfried: Städtebauliche Arbeiten von Peter Grund. In: Deutsche Bauzeitung 70 (1936), S. 817-820. 41 Kleukensweg (Q 8), benannt 1963 nach Christian Heinrich Kleukens (1880-1954) Buchkünstler und Schriftsteller *7. März 1880 in Achim bei Bremen Schulbesuch in Bremen Um 1900 Mitglied des sozialdemokratischen Wahlvereins Ca. 1900-1905 Ausbildung zum Setzer und Drucker in der „Steglitzer Werkstatt“ (Berlin) bei seinem Bruder Friedrich Wilhelm Kleukens 1902 Militärdienst 1903 Beginn seiner schriftstellerischen Tätigkeit (Fabeln) Um 1904 Studium an der Königlichen Akademie für graphische Künste und Buchgewerbe in Leipzig; wohnhaft in Groß-Deuben bei Leipzig (dort auch SPD-Mitglied) 1907-1914 Setzer/Drucker und künstlerischer Berater an der (von seinem Bruder Friedrich Wilhelm geleiteten) „Ernst-Ludwig-Presse“ in Darmstadt 1911 Errichtung seines Wohnhauses in Trautheim (Mühltal) 1912 Heirat mit Luise Krüger, eine Tochter 1913 Ernennung zum Mitglied der Darmstädter Künstlerkolonie 1914-1917 Leiter der „Ernst-Ludwig-Presse“ in Darmstadt (während des Kriegs eingestellt) 1914-1918 Teilnahme am Ersten Weltkrieg (August 1914 – Ende 1918), Frontkämpfer (Westfront, 50. Infanterie-Division) 1919 Gründung der „Kleukens-Presse“ in Nieder -Ramstadt (gemeinsam mit Rudolf G. Binding und weiteren Freunden) 1923-1944 erneut Leiter der „Ernst-Ludwig-Presse“ in Darmstadt/Mainz 1927-1945 Leiter der 1927 gegründeten „Mainzer Presse“ des Gutenberg-Museums in Mainz 1929-1948 Professur an der Mainzer Staatsschule für Kunst und Handwerk 1930 Veröffentlichung „Die Großtat der Letter“ 1932 Radiobeitrag „Die Weltgeltung Deutschlands durch Gutenberg“ 1932 Veröffentlichung „Der bankrotte Jona“ (Drama) 1932 Beginn der Herausgabe der „Welt-Goethe-Ausgabe“ (bis 1940 erschienen acht der auf 50 Bände konzipierten Ausgabe); gesetzt in von Kleukens entwickelter Handsatzschrift 1932/33 Mitglied der DNVP 1933 Mitglied des Stahlhelms 1933 Veröffentlichung „Deutschlands Weltgeltung und Gutenbergs Großtat“ 1934 Mitglied der SA (als Stahlhelm-Mitglied SA-Reserve ab 15.6.1934) 1934 Leiter der Fachgruppe Schrift und Buchkunst der Ortgruppe Mainz des „Kampfbundes für deu t- sche Kultur“ 42 1934 Veröffentlichung „Die deutsche Kunst der Letter“, verlegt von der „NS -Kulturgemeinde, Ort s- verband Mainz“ 1935-1945 Mitglied der Reichskammer der bildenden Künste (RKdbK) 1936 Vortrag „Die Weltgeltung Deutschlands durch Gutenberg“ Ca. 1937 -1939 Beiträge in der Zeitung „Der SA -Mann. Kampfblatt der Obersten SA -Führung der NSDAP“(ca. 30) sowie in der Zeitschrift „Westmark. Monatsschrift für deutsche Kultur“ (ca. 20) 1937 Veröffentlichung „30 Jahre Ernst Ludwig Presse“ 1937-1945 Mitglied der NSDAP (Mitglieds-Nr. 5860129, Eintritt: 01.05.1937) 1937-1945 Mitglied der NSV 1938-1945 verschiedene Auflagen von „Ein Trostbüchlein für Vormänner“ 1940 Veröffentlichung „Die Kunst der Letter“ 1942 Ernennung zum SA-Sturmführer 1943 Ernennung zum SA-Obersturmführer 1943 Veröffentlichung „Die Kunst Gutenbergs“ 1951 Übernahme der Leitung der „Mainzer Drucke“ (es erschienen bis 1954 acht Titel) † 7. April 1954 in Trautheim (Mühltal) Ehrungen: 1914 Medaille für Kunst und Wissenschaft (von Großherzog Ernst Ludwig von Hessen und bei Rhein) 1926 Georg-Büchner-Preis (als Buchkünstler) 1932 Silberne Medaille für Kunst und Wissenschaft (durch Großherzog Ernst Ludwig von Hessen und bei Rhein) 1937 Ehrungen auf der Weltausstellung in Paris (Ernst-Ludwig-Presse, Mainzer-Presse) 1940 Gutenberg-Preis (Kulturpreis) der Stadt Mainz Wirken in der NS-Zeit Christian Heinrich Kleukens, produktiver Vertreter der Buchkunstbewegung, hinterließ in Darmstadt durch sein Wirken an der Ernst -Ludwig-Presse sowie als (spätes) Mitglied der Künstlerkolonie im Bereich der Buchkunst Spuren [er ist jedoch nicht zu verwechse ln mit seinem älteren Bruder Friedrich Wilhelm Kleukens, der die Ernst -Ludwig-Presse von deren Gründung 1907 bis Herbst 1914 leitete und bis heute sichtbare Einflüsse sowohl auf die Au s- gestaltung der Mathildenhöhe als auch auf die Darmstädter Kunstausstell ungen der Zeit hat- te]. Insbesondere in den 1920er/1930er Jahren entwarf Kleukens eine Reihe von Handsat z- schriften, die er eigenen Arbeiten vorbehielt. Er schuf zwischen 1933 und 1944 zahlreiche Werke im Bereich der Schriftkunst, die in Zusammenhang mit dem NS-Regime standen. Kleukens lebte seit 1911 in seinem Wohnhaus in Trautheim (Mühltal). Der Schwerpunkt se i- ner Arbeit lag hingegen seit 1927 in Mainz: Dort leitete er die neu gegründete „Mainzer - Presse“ im Gutenberg-Museum (1927-1945) und wirkte als Profes sor an der Mainzer Staat s- schule für Kunst und Handwerk (1929-1948). Aus diesem Grund hatte er während der NS - 43 Zeit ein möbliertes Zimmer in Mainz gemietet, wo er die meisten Wochentage verbrachte. Spätestens 1935 zog auch die Ernst -Ludwig-Presse (deren Leit er Kleukens seit 1923 wieder war) nach Mainz (Kleukens-Archiv, ELP 141i). Bereits zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts hatte sich Kleukens schriftstellerisch bet ä- tigt; er verfasste Fabeln und Dramen (zuletzt 1932 „Der bankrotte Jona“). Seine eigentliche Profession lag aber im Bereich der typografischen Buchkunst: Für sein „bahnbrechendes s o- wie weithin wertstiftendes Schaffen im Dienste des Schönen Buches“ bekam Kleukens 1926 den Georg-Büchner-Preis verliehen. Als größte Herausforderung verstand Kleukens d ie Her- ausgabe der „Welt-Goethe-Ausgabe“, mit der er 1932 begann. B is 1940 sollten acht der au f 50 Bände konzipierten Ausgabe erscheinen, gesetzt – wie alle Produktionen der Mainzer Presse – in einer von Kleukens selbst entwickelten Handsatzschrift. Kleukens war 1932/33 Mitglied der DNVP und ab 1933 Mitglied des „Stahlhelms“. Im Juni 1934 wurde er (als Mitglied des „Stahlhelms“) Mitglied der SA( -Reserve). In der SA wurde er – eigenen Angaben zufolge – 1942 befördert zum SA -Sturmführer und 1943 zum SA - Obersturmführer. 1934 war Kleukens „ Leiter der Fachgruppe Schrift und Buchkunst “ des „Kampfbundes für deutsche Kultur“, Ortgruppe Mainz (die sich noch im gleichen Jahr – unter Zusammenschluss mit der Deutschen Bühne – in „NS-Kulturgemeinde, Ortsverband Mainz“ umbenannte). 1937 trat Kleukens in die NSDAP ein ( Mitglieds-Nr. 5860129, Eintritt: 01.05.1937, BArch, BDC, NSDAP -Mitgliederkartei) und ebenfalls 1937 in die NSV. Von 1935 bis 1945 war er Mitglied der Reichskammer der bildenden Künste. In seiner Tätigkeit als typografischer Buchkünstler, als Setzer und Drucker, produzierte Kle u- kens zahlreiche Schriftstücke (häufig Auftragsarbeiten), die in unterschiedlicher Weise in Bezug zum NS-Regime standen. Als Basis für die folgende Auflistung dienen vor allem Kle u- kens Angaben bei der RKK (BArch, Berlin, BDC, R 9361 -V/24708) sowie Dokumente aus dem „Kleukens-Archiv“, das sich bis vor Kurzem in Privatbesitz befand (sich nun im Besitz der Stadt Darmstadt befindet), aber in umfangreichen Auszügen (von Original -Dokumenten) on- line einzusehen ist [als problematisch erweist sich hierbei, dass es sich um eine nicht näher erläuterte Auswahl an veröffentlichten Dokumenten handelt, z usammengestellt von Harald Ernstberger]. Kleukens hat wiederholt und über die ge samte NS-Zeit Reden von NS-Größen in Form g ebracht und publiziert. Ein Foto dokumentiert etwa, wie er persönlich den Druck der „Rede des Reichskanzlers Adolf Hitler vor dem Deutschen Reichstage am 17. Mai 1933“ begutachtete, Kleukens-Archiv, MP B35b (siehe auch „Adolf Hitler. Rede vor dem deutschen Reichstag am 19. Juli 1940“, Kleukens -Archiv, MP C40, sowie im Dezember 1941 für den NS - Lehrerbund „Adolf Rosenberg: Nordische Schicksalsgemeinschaft“, Kleukens -Archiv, MP C51). Er setzte und druckte Programme und Ehrungen des NS -Kulturvereins bzw. des „Kampfbundes für deutsche Kultur“, Ortsgruppe Mainz, in dem er wie erwähnt das Amt des „Leiters der Fachgruppe Schrift und Buchkunst “ innehatte, sowie für die SA -Standarte 117 Mainz. Mit führenden Protagonisten des NS -Regimes in Mainz (bes onders im kulturellen Bereich) stand er in Kontakt, darunter das Brüderpaar Alexander und Camillo Sangiorgio (zu diesen siehe Garke-Rothbart, besonders S. 111). Camillo Sangiorgio, in leitender Funktion in der Ortsgruppe Mainz des „Kampfbundes für deutsche Kultur“ bzw. der daraus gegründeten 44 Mainzer NS -Kulturgemeinde tätig, bedankte sich bei Kleukens für dessen Arbeit für den „Kampfbund“ und erkundigte sich nach Kleukens Einschätzung: „Im Übrigen würde ich mich einmal recht gerne über die Verhältnisse an de r Kunstgewerbeschule, besonders die Personalverhältnisse und die Stellung der Fachgruppe des nationalsozialistischen St u- dentenbundes aussprechen (vertraulich) und bitte um Ihren telefonischen Bescheid, wenn es Ihnen einmal passt“ (C [amillo] Sangiorgio an P rof. Ch. H . Kleukens vom 31.05.1933, Kleukens -Archiv, MP B39). Im Oktober 1940 verfasste und gestaltete Kleukens in bibliophiler Ausführung eine Gedäch t- nisschrift für die im Juni 1940 verstorbene Maya Sangiorgio (Kleukens -Archiv, MP C41). Al e- xander Sangior gio, der bereits 1931 als kommissarischer Propagandaleiter der NSDAP - Ortsgruppe Mainz fungierte, bedankte sich persönlich bei Kleukens; etwas so „formvollendet Schönes“ habe er noch nie in Händen gehalten (MP C41f). Noch 1944 schuf Kleukens eine bibliophile Sonderausgabe von Kurt Eggers „Der Wettlauf mit dem Tode“ (Kleukens-Archiv, MP C72). Das Impressum der Ausgabe, deren Frontseite einzig SS-Runen zierten, lautete wie folgt: „Druck der Mainzer Presse, Mainz, im März 1944. Im Auftrage der SS -Standarte „Kurt Eggers“ herge- stellt für den Führer Adolf Hitler, den Reichsführer -SS Heinrich Himmler, den SS -Obergruppenführer und General der Waffen -SS Jüttner, den SS -Obergruppenführer und General der Waffen -SS Walter Krüger, den SS -Brigadeführer und Generalmajor der Waffen-SS Fegelein, den SS -Oberführer La m- merding, den SS -Obersturmbannführer Gunter d’Alquen, den SS -Oberscharführer Siegling“ (Kle u- kens-Archiv, MP C72i). Selbst verfasste (sowie gestaltete und gedruckte) Veröffentlichungen widmete Kleukens dem „Führer“ o der er schuf Sondereditionen. Seine Veröffentlichung „Die deutsche Kunst der Letter“ (1934) etwa, die auf einem Vortrag gleichen Titels basierte und als Erstveröffentl i- chung der NS -Kulturgemeinde Mainz herausgegeben wurde, widmete er „Dem Führer des deutschen Volkes Reichskanzler Adolf Hitler“ (Kleukens -Archiv, MP B45, Widmungsblatt B46a). Ein Sonderexemplar davon fertigte er für Alfred Rosenberg an. Im Rahmen der G u- tenberg-Festwoche 1936 hielt Kleukens den Vortrag „Die Weltgeltung Deutschlands durch Gutenberg“ (16.06.1936, Kleukens -Archiv, MP B108). Gutenberg habe Deutschland vor „die Front der Kulturnationen“ gestellt, wie es in der Veröffentlichung „1440 Fünfhundert Jahre 1940“ hieß (Impressum: „Hergestellt im Sommer 1936 durch Christian Heinrich Kleukens und Georg Wittig für den Führer und seine engsten Mitarbeiter “, Kleukens-Archiv MP B75c; teils versehen mit Widmungszettel: „Dem Führer des deutschen Volkes Reichskanzler Adolf Hitler zum 30. Januar 1937. Christian Heinrich Kleukens[,] Professor an der St aatsschule für Kunst und Handwerk Mainz[;] Georg Wittig[,] Studienrat am Adam -Karillon-Gymnasium Mainz“, Kleukens-Archiv, MP B76). Im Gutenberg-Jahr 1940 plante Kleukens eine Monumental -Ausgabe von Adolf Hitlers „Mein Kampf“ (unterschiedliche Entwürfe hier zu im Kleukens -Archiv, MP B106). Im Rahmen des geplanten Gutenberg-Monats (April 1940) wurde er als „wehrwichtiger Vortragsredner“ vom Deutschen Volksbildungswerk reklamiert (07.03.1940, Amt Deutsches Volksbildungswerk, an NSDAP-Reichsleitung, Hauptstelle Kulturpolitisches Archiv, BArch, Berlin, NS 15/30 , vgl. auch 45 NS 15/131). Bereits 1937 war er als Redner der NS -Kulturgemeinde des Gaues Saarpfalz vo r- gesehen (BArch Berlin, NS 15/27). Ein im Zuge dessen angefordertes Gutachten ließ keine Zweifel an der politischen Eignung von Kleukens aufkommen: „Wir teilen Ihnen mit, dass K[leukens] von der zuständigen Gauleitung für politisch zuverlässig erklärt wird, dass auch im Kulturpolitischen Archiv Nachteiliges über ihn nicht bekannt ist und dass somit gegen eine Zusammenarbeit mit ihm keine Bedenken bestehen“ (05.01.1938, Hauptstelle Kulturpol i- tisches Archiv, an die DAF, NS-Gemeinschaft Kraft durch Freude, Amt Kulturgemeinde – Amt Deut- sches Volksbildungswesen, Abteilung II/Vortragswesen, Berlin, BArch Berlin, NS 15/27). Eigene Angaben von Kleukens in den Meldebögen der RKK belegen, dass er in den Zeitungen „Der SA-Mann. Kampfblatt der Obersten SA -Führung der NSDAP“ und „Westmark. Monat s- schrift für deutsche Literatur“ dutzende Beiträge veröffentlichte. Zum Jahrgang 19 38 des „SA-Manns“ (ein NS-Propagandablatt, das offen gegen Juden und andere Minderheiten hetz- te) steuerte Kleukens etwa 15 -20 Beiträge bei. Aller Wahrscheinlichkeit nach handelte es sich dabei nicht um (inhaltlich) selbst verfasste, sondern um (typografisc h) in Form gebrac h- te Beiträge (im Sinne der Schriftkunst). Bei Durchsicht des gesamten Jahrgangs fanden sich entsprechend viele Gedichte und vergleichbare Texte, die sich typografisch auffallend vom übrigen Erscheinungsbild der Zeitung hervorhoben und Kleu kens zugeschrieben werden könnten (wenngleich der Name Kleukens an keiner Stelle genannt wurde; seine Selbstauss a- ge belief sich auf „ein Dutzend“ Beiträge bis Ende 1937 und „30“ bis Ende 1938 im „SA - Mann“, was 18 Beiträge für den Jahrgang 1938 entspräche). Da von der Zeitung unterschied- liche regionale Ausgaben publiziert wurden, die nicht vollständig überliefert sind, lassen sich keine präzisen Angaben machen. Auf der Weltausstellung in Paris 1937 wurden Drucke der verschiedenen Pressen, für die Christian Heinrich Kleukens verantwortlich zeichnete, mit hohen Auszeichnungen dekoriert. Im Sommer des Gutenberg -Jahrs 1940 erhielt Kleukens den Gutenberg -Kulturpreis (Guten- berg-Medaille) der Stadt Mainz verliehen. Entnazifizierungsverfahren „Im März 1933 brach eine schwere Zeit für mein Werk, dem ich mit ganzer Seele anhing, heran. Ich wurde als ‚Edelkommunist‘ und Pazifist verschrieen [sic!]. […] Ab 1933 bin ich ein Märtyrer der Welt - Goethe-Ausgabe und bin es geblieben bis auf den heutigen Tag“ (Christian Heinrich Kleukens, 15.08.1947, HHStAW). Im Zuge seines Entnazifizierungsverfahrens nahm Kleukens relativ ausführlich zu seinem Wirken in der NS -Zeit Stellung; den Tenor des fünfseitigen, maschinengeschriebenen B e- richts fasst das vorangestellte Zitat gut zusammen. D ie dem Schreiben beigefügten über 20 Entlastungs-Schreiben bestätigten dessen Kernaussage: Kleukens sei ein scharfer Gegner der Nazis gewesen, der NS -Organisationen nur beigetreten sei, da er vom Mainzer OB Robert Barth entsprechend unter Druck gesetzt wur de (anderenfalls hätte er an seinem Leben s- werk, der Welt-Goethe-Ausgabe, nicht mehr weiterarbeiten dürfen; nur so sei er „in die Pa r- tei hineingeraten“), er sei ein Idealist, der sich einzig der „Kraft und Schönheit der deutschen 46 Sprache“ verpflichtet gesehen habe, sei sozial, demokratisch und der pazifistischen Idee ve r- bunden. Keine der oben beschriebenen Veröffentlichungen, weder Widmungen noch seine Beiträge in NS-Propagandaorganen oder seine typografische Gestaltung von NS -Gedankengut fanden hingegen Erwähnung. Kleukens selbst berichtete in seiner Erklärung von einer „mehr als vierstündigen Hauss u- chung“ in seinem Wohnhaus in Nieder -Ramstadt, wobei seine „Mitgliedskarten der Fri e- densgesellschaft und des Pan -Europa“ gefunden worden seien, was lange Verhöre zur Folge gehabt habe: „Grob und eindeutig wurde mir erklärt, ich sei für die Goethe -Ausgabe untragbar, wenn ich nicht einem nationalen Verband beitrete. Daraufhin beantragte ich meine Aufnahme in den NS -Lehrer- bund. Dieser lehnte mich ab. Um das große Kul turwerk, die Welt -Goethe-Ausgabe, dennoch zu re t- ten, entschloss ich mich nach schweren inneren Kämpfen Mitte 1933 dem Stahlhelm beizutreten. Die Mitgliedschaft war rein formell. Am Dienst habe ich mich nie beteiligt. Am 15.6.34 wurde der Stah l- helm in die S A überführt. Ich wurde automatisch der SA -Reserve überwiesen. Kaum fünf oder sechs mal habe ich mich an dem sogenannten Dienst beteiligt. Die Mitglieder der SA -Reserve waren fast alle frühere Stahlhelmer und ältere Leute, die innerlich die Partei ablehnten. Den Geist in meiner Familie zeigt vielleicht am klarsten, dass meine Tochter die einzige Schülerin ihrer Klasse in der Viktoriaschule war, die nicht dem B.d.M. angehörte. Im Mai 1937 ist die gesamte SA-Reserve in die NSDAP überführt worden. […]“ Ebenfalls 1937 sah er sich gezwungen, der NSV beizutreten („das wurde vom Kreisleiter energisch verlangt“). Als ihm 1940 mitgeteilt wurde, er bekäme in Kürze den Gutenberg - Kulturpreis überreicht (der Gauleiter hatte sich einverstanden erklärt), habe er mit Abscheu reagiert: „Spontan und mit entsprechender Handbewegung entgegnete ich: Der Ekel steht mir so hoch! – Die- se ‚unvorsichtige‘ Äußerung kann Dr. [Wilhelm] Wehner [ehemals Kreisdirektor der Provinz Rhei n- hessen und zu der Zeit Vertreter des im Kriegsdienst absenten OB Robert Barth, HK] bezeugen.“ Während er seine Schriftkunst im Dienste des Nationalsozialismus nicht erwähnte, ging er doch auf seine (schwer zu leugnende) Karriere in der SA ein: „Kurze Zeit nach der öffentlichen Verleihung des Kulturpreises erklär te mir Standartenführer König, er sei stolz auf mich, ich müsse mir rasch eine Uniform anschaffen, er wolle mich schnellstens befö r- dern. Erschrocken bat ich, es nicht zu tun, mir stünde ein Rang nicht an, er möge ‚alte Kämpfer ‘ usw. beglücken. Mir graue vo r dem ‚Neide‘ dieser; er wisse doch, dass ich bei diesen verschrieen [sic!] wäre und ein ‚Spätling‘. Trotzdem erfolgte nun rasch eine Beförderung nach der anderen. 1942 wu r- de ich gar Sturmführer und November 1943 Obersturmführer der SA -Reserve. Die Beförde rung war rein ehrenhalber. Niemals habe ich eine Einheit geführt, nicht einmal eine Schar. Meine innere Revol- te gegen den Nationalsozialismus kann ich durch zahlreiche Zeugnisse belegen.“ Weiter berichtete er davon, wie er im Krieg pazifistische Fabeln ill egal gedruckt und verbrei- tet habe; oft habe er nicht schweigen können (zum Entsetzen seiner Umwelt). Tatsächlich druckte Kleukens im Rahmen der Ernst -Ludwig-Presse zwischen 1937 und 1945 mehrere kleine Auflagen von Sammlungen selbst verfasster Fabeln, ab 1 938 unter dem Titel „Ein 47 Trostbüchlein für Vormänner“ (Kleukens -Archiv, ELP 159-175; Exemplar 1940 in ULB; letztes gedrucktes Buch vor Kriegsende vom 07.03.1945). Nur zur „Tarnung“, so Kleukens, habe er „das große persönliche Opfer gebracht, mich in die Partei hineinsaugen zu lassen. […] Aber ich musste mich tarnen, um das Werk wirklich schü t- zen zu können“. In einem Brief vom 09.10.1936 an seine Tochter schrieb Kleukens: „Am Sonntag muss ich in Mainz sein. Die SA-Standarte hat Sporttag“ (Kleukens-Archiv, MP B77c). Als Selbsteinschätzung gab Kleukens im Meldebogen des Entnazifizierungsverfahrens zu Pr o- tokoll: „Ich bitte Sie, mich als entlastet zu erklären“. [In vorliegenden Kopien nur Verweis auf Sühnebescheid vom 05.03.1948, nicht der Bescheid selbst.] Quellen: BArch, Berlin, BDC, NSDAP-Mitgliederkartei BArch, Berlin, BDC, R 9361-V/24708 BArch, Berlin, NS 15/27 + NS 15/30 + NS 15/127 + NS 15/131 HHStAW, Abt. 520/Darmstadt-Land, Nr. 8227 HStAD, G 35 E Nr. 9418 HStAD, R 12 P Nr. 2980 StadtA DA, ST 61, Kleukens, Prof. Christian Heinrich [et al.] Kleukens-Archiv [http://kleukens-archiv.de] Der SA-Mann. Kampfblatt der Obersten SA-Führung der NSDAP [Jahrgänge 1933-1938] Literatur: Ernstberger, Harald: Ernst-Ludwig-Presse. In: Stadtlexikon Darmstadt (2006), S. 215. Ernstberger, Harald: Kleukens, Christian Heinrich. In: Stadtlexikon Darmstadt (2006), S. 498. Garke-Rothbart, Thomas: „…für unseren Betrieb lebensnotwendig…“. Georg von Holtzbrinck als Ve r- lagsunternehmer im Dritten Reich. München 2008. Kleukens, Christian Heinrich: Die Kunst der Letter. Leipzig 1940. Kleukens, Christian Heinrich: Ein Trostbüchlein für Vormänner. Darmstadt 1940. Kleukens, Christian Heinrich: Die Kunst Gutenbergs. Mainz 1943. Sangiorgio, Camillo (Hrsg.): Deutsche Gemeinschaftsarbeit. Geschicht e, Idee und Bau des Westwalls. Mit einem Geleitwort von Robert Ley. Hrsg. durch die Deutsche Arbeitsfront, NSG. Kraft durch Fre u- de, Reichsamt Deutsches Volksbildungswerk. Wiesbadener Volksbücher Nr. 270. Wiesbaden 1940. Sarkowski, Heinz: Kleukens, Christian Heinrich. In: NDB 12 (1979), S. 54 f. Verein für Heimatgeschichte Ober-Ramstadt (Hrsg.): Christian Heinrich Kleukens 1880-1954. Geden- ken 1980. Darmstadt 1980. 48 Kuhnweg (F 8), benannt 1976 nach Richard Kuhn (1900-1967) Chemiker * 3. Dezember 1900 in Wien 1910-1918 Gymnasium in Wien (Matura am 18.01.1918) 1918 Kriegsdienst im Ersten Weltkrieg (Januar-Oktober 1918, K. u. K. Telegrafenregiment) 1918-1919 Studium an der Universität Wien 1919-1922 Studium an der Universität München 1919/20 Mitglied der Zeitfreiwilligenkompanie 20 in München 1922 Promotion zum Dr. phil. an der Universität München bei Richard Willstätter 1922-1926 Assistent am Chemischen Institut der Universität München 1925 Habilitation für Chemie an der Universität München 1926-1929 ordentlicher Professor für Allgemeine und Analytische Chemie an der ETH Zürich 1928 Heirat mit Daisy Hartmann (sechs Kinder) 1929-1950 Honorarprofessor für Chemie an der Naturwissenschaftlich -mathematischen Fakultät der Universität Heidelberg Ab 1929 Leiter der Abteilung für Chemie am KWI für Medizinische Forschung, Heidelberg 1936 Mitglied der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina in Halle/Saale 1936 Mitglied des Vorstands der Deutschen Chemischen Gesellschaft (DChG) Ca. 1936-1945 Mitglied der NSV 1936-1940 Vizepräsident der International Union of Pure and Applied Chemistry (IUPAC)/Union I n- ternationale de Chimie (UIC) 1937-1967 Direktor des KWI/MPI für Medizinische Forschung, Heidelberg (kommissarische Leitung ab April 1936) 1938-1946 Mitglied der DAF 1938 Arbeitsgemeinschaft zur Vitaminforschung mit Karl Merck und Heinrich Hörlein Ab 1938 Kooperation zwischen KWI und HWA-Gasschutzabteilung 1938 Leiter der deutschen Delegation auf dem Internationalen Kongress für Chemie, Rom 1938-1945 Präsident der DChG 1939-1945 Leiter der Fachsparte für organische Chemie im Reichsforschungsrat (RFR) 1940 Kandidat für das Amt des Präsidenten der KWG 1941 Einrichtung der Kampfstoff-Abteilung am KWI für medizinische Forschung 1942 1. Senator der Reichsfachgruppe Chemie des NSBDT 1943/44 Nervengasforschung (Tabun-Sarin-Soman) in Kooperation mit dem HWA 1944 Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des Bevollmächtigten für das Gesundheitswesen Karl Brandt; vier Treffen Tabun-Sarinvergiftungen betreffend 49 1948-1966 Senator der Max-Planck-Gesellschaft (MPG) 1950-1967 Ordinariat für Biochemie an der Medizinischen Fakultät der Universität Heidelberg 1955-1966 Vizepräsident der MPG 1964-1965 Präsident der Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh) † 31. Juli 1967 in Heidelberg Ehrungen: 1934 Adolf-von-Baeyer-Denkmünze, Verein Deutscher Chemiker 1938 Ehrenmitglied der Chemical Society London 1938 Nobelpreis für Chemie [Ehrung 1939; Annahme 1948] 1942 Goethepreis der Stadt Frankfurt 1944 Emil-von-Behring-Preis der Universität Marburg 1958 Orden Pour le Mérite für Wissenschaften und Künste 1959 Großes Verdienstkreuz mit Stern des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland 1960 Ehrendoktor der Universität Wien sowie der TH München 1960 Ehrenmitglied der New York Academy of Sciences 1961 Ehrenprofessor der Universidade Federal de Santa Maria (Brasilien) 1961/62 Großes Österreichisches Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst 1964 Großes Bundesverdienstkreuz mit Stern und Schulterband 1966 Ehrensenator der Max-Planck-Gesellschaft 1966/67 Ehrendoktor der Universität Heidelberg 1968 Richard-Kuhn-Medaille (seit 2005 nicht mehr verliehen – aufgrund Kuhns Wirken im NS) Mitglied zahlreicher weiterer Akademien der Wissenschaften (Berlin, Göttingen, Heidelberg, Mün- chen, Neu Delhi, Wien) sowie anderer wissenschaftlicher Vereinigungen Wirken in der NS-Zeit „Kuhns Verhalten während der NS -Zeit zeichnete sich durch politische Kompromisse und vorause i- lenden Gehorsam, (erfolgreiches) Streben nach beruflichem Aufstieg und wissenschaftspolitischer Macht sowie (als Österreicher) großdeutsch ausgerichteten Nationalismus aus. Meiner Analyse zufo l- ge unterstützte er das NS -Regime aus allgemein nationalistischer Überzeugung und aus Opportun i- tätsgründen, nicht aus Zustimmung zur NS -Rassenideologie. Die Existenz entsprechender G esetze oder politischen Drucks erklären Kuhns Verhalten nur zu einem kleinen Teil. Kuhn ging in entsche i- denden Punkten weiter als es selbst für jemanden in seiner Position nötig war [Deichmann nennt im Folgenden Beispiele für Denunziation jüdischer Wissens chaftler, Ergebenheitserklärung für Hitler, Giftgasforschung, HK].Vor diesem Hintergrund ist die Frage, ob Kuhn die nationalsozialistische Ide o- logie von ihrer Überzeugung her teilte, unerheblich gegenüber der Tatsache, dass er das Regime mit seinem Ansehen und wissenschaftlichen sowie organisatorischen Fähigkeiten unterstützte und bereit war, Massenvernichtungsmittel für Hitler zu entwickeln. Damit wurde er nicht nur für das nationals o- zialistische Unrecht mitverantwortlich, sondern schadete der Wissenschaft in Deutschland weit über die Zeit des Nationalsozialismus hinaus. Meiner Einschätzung nach kann Richard Kuhn trotz seiner 50 außerordentlichen wissenschaftlichen Leistungen nicht als Vorbild dienen“ ( Gutachten Deichmann 2005, S. 8, vgl. Deichmann 2001, S. 427 sowie 2007, S. 497). „Richard Kuhn gehörte zu den Uneinsichtigen. Noch am Ende seines Lebenswegs votierte er für eine ethikfreie Wissenschaft. Er legitimierte sein Verhalten, durch das er im Dienst der NS -Diktatur die Biowissenschaften zur Vernichtungsforschung pervertiert hatte“ (Ebbinghaus/Roth 2002, S. 50). „Richard Kuhn wurde, ohne NSDAP -Mitglied zu sein, zu einem der bedeutendsten Wissenschaftso r- ganisatoren im NS -Regime. Er vereinigte in seiner Person zahlreiche Schlüsselpositionen in wisse n- schaftlichen Institutionen, chemischen Verbänden und staatlichen Entscheidungsgremien. Als Fach - spartenleiter des RFR [Reichsforschungsrat s] hatte Kuhn einen umfassenden Überblick über die vom RFR geförderten Projekte auf dem Gebiet der Gasschutz - und Kampfstoff-Forschung. Über die Mittel- vergabe der Kampfstoff -Forschung in der Fachsparte organische Chemie besaß Kuhn alleinige En t- scheidungsbefugnis“ (Schmaltz 2005, S. 383 f.). „Kuhn entsprach damit idealtypisch dem von Fritz Todt schon 1934 entwickelten Prinzip, die ‚richti- gen Männer‘ für die Berufsverbände zu gewinnen, wobei die Parteizugehörigkeit nicht erforderlich war: ‚Es wird aber verlangt, dass nur anerkannte Fachleute vorgeschlagen werden, die absolut positiv zum Nationalsozialismus eingestellt sind‘“ (Maier 2015, S. 516, Hervorhebung durch Helmut Maier). Das Wirken von Richard Kuhn – einem der erfolgreichsten Naturstoffchemiker seiner Zeit und Nobelpreisträger für Chemie für das Jahr 1938 – in der NS -Zeit war in den vergangenen 15 Jahren Gegenstand ausführlich er wissenschaftlicher Untersuchungen. Besonders die A r- beiten von Ute Deichmann und Florian Schmaltz haben zur Erforschung (und Bewertung) der Rolle Kuhns im NS -System maßgeblich beigetragen. Ute Deichmann, heute Professorin für Geschichte und Philosophie der Wissenschaften an der Ben-Gurion Universität (Israel), hat in ihrer 2001 veröffentlichten Habilitation „ Flüchten, Mitmachen, Vergessen. Chemiker und Biochemiker in der NS -Zeit“ umfangreiches Quellenmaterial zur Verflechtung Richard Kuhns mit dem NS-Regime ausgewertet. In einem Gutachten für die Gesellschaft Deutscher Chemi- ker (GDCh) 2005 kam sie abschließend zu oben zitierten Schlussfolgerungen, woraufhin sich die GDCh dazu entschied, die 1968 von der BASF gestiftete Richard -Kuhn-Medaille nicht mehr zu verleihen. Florian Schmaltz, heute Forschungsdirektor am MPI für Wissenschaftsg e- schichte, untersuchte in seiner 2005 veröffentlichten Dissertation zur „Kampfstoff-Forschung im Nationalsozialismus “ umfassend und ebenfalls auf breiter Quellenbasis Kuhns Rolle im Zuge der Kampfstoffmittel -Forschung am KWI für medizinische Forschung in Heidelberg . Er konnte die herausragende Stellung Kuhns als einem der bedeutendsten Wissenschaftsorg a- nisatoren im NS -Regime belegen. Helmut Maier, Professor für Technik - und Umwelt ge- schichte an der Universität Bonn, bestätigte in seiner 2015 veröffentlichten Untersuchung „Chemiker im ‚Dritten Reich‘ . Die Deutsche Chemische Gesellschaft und der Verein Deu t- scher Chemiker im NS -Herrschaftsapparat“ jüngst die Ergebnisse von Deichmann un d Schmaltz hinsichtlich der Rolle Richard Kuhns im NS -System. Maier vervollständigte zudem das Bild Kuhns und seines Wirkens in der NS-Zeit um Details aus weiteren Beständen, die von den Genannten noch nicht ausgewertet worden waren. Von 2011 bis 2013 untersuchte ein unabhängiges Team von Forscherinnen und Forschern im Auftrag der Stadt Wien unter Leitung von Oliver Rathkolb, Professor für Zeitgeschichte an 51 der Universität Wien, den Straßennamen -Korpus der Stadt Wien seit 1860. Insgesamt wu r- den nach der Unt ersuchung 159 Straßennamen als diskussionswürdig eingestuft und in drei Kategorien eingeteilt: „Fälle mit intensivem Diskussionsbedarf“ (Kategorie A), „Fälle mit Di s- kussionsbedarf“ (Kategorie B) sowie „ Fälle mit demokratiepolitisch relevanten biografischen Lücken“ (Kategorie C). Von den 4.379 personenbezogenen Straßennamen der österreich i- schen Hauptstadt wurden nach kritischer wissenschaftlicher Analyse 28 in die Kategorie A eingestuft – darunter der Richard -Kuhn-Weg im Bezirk Penzing. Die biografische Skiz ze zu Richard Kuhn verfasste Birgit Nemec, Expertin für Wissenschaftsgeschichte, veröffentlicht 2014 im Band „Umstrittene Wiener Straßennamen“. Nemec bezog sich in ihrer Darstellung auch auf den Beitrag von Angelika Ebbinghaus und Karl Heinz Roth, in dem d as Autorenteam Kuhn als Opportunisten, Karrieristen und Diener des NS -Regimes beschrieb, der auch (deu t- lich) nach 1945 an einer ethikfreien Wissenschaft festhielt. – Im Jahr 2014 wurde in Wien beschlossen, den Richard -Kuhn-Weg umzubenennen, was bis 2017 ni cht umgesetzt wurde. Auf Nachfrage teilte Oliver Rathkolb im Dezember 2015 mit, die Stadt arbeite noch an einer möglichen „Gesamtlösung“ hinsichtlich der Straßennamenproblematik in Wien. Der umfangreiche Nachlass von Richard Kuhn, der sich im Archiv der Ma x-Planck-Gesell- schaft in Berlin befindet und unter bestimmten Voraussetzungen sowie unter gewissen Ei n- schränkungen eingesehen werden kann, wurde bislang nicht hinsichtlich Kuhns Rolle in der NS-Zeit extern ausgewertet; eine entsprechende Genehmigung liegt für das hier zu Grunde liegende Forschungsvorhaben vor (erteilt am 17.07.2017 durch Hans -Jürg Kuhn, Sohn Richard Kuhns). Wissenschaftler ohne Parteibuch in führender Funktion Bereits im Alter von 25 Jahren wurde Richard Kuhn Professor für Allgemeine und Analytische Chemie an der ETH Zürich (1926); drei Jahre später, 1929, leitete er bereits die Abteilung für Chemie am KWI für Medizinische Forschung in Heidelberg (seinem Wohnsitz über die g e- samte NS-Zeit), und begleitete eine Professur an der Universität He idelberg. Zu Beginn der 1930er Jahre gelang es dem Organiker Kuhn, der seinen Forschungsschwerpunkt zunehmend auf Naturstoffe verlagerte, gemeinsam mit Otto Meyerhof (zu gleicher Zeit Leiter der Abte i- lung für Physiologie) das KWI zu einem internationalen Z entrum der Biochemie zu entw i- ckeln. Kuhns steile wissenschaftliche Karriere blieb 1933 ungebrochen: 1936 wurde er Mi t- glied des Vorstand s der Deutsche n Chemischen Gesellschaft (DChG) und im gleichen Jahr Vizepräsident der International Union of Pure and App lied Chemistry (IUPAC)/Union Interna- tionale de Chimie (UIC) . 1937 wurde er zum Direktor des gesamten KWI für Medizinische Forschung ernannt. Von 1938 bis 1945 war er Präsident der DChG, von 1940 bis 1945 Leiter der Fachsparte organische Chemie des Reichsfo rschungsrats (RFR). In diesen Funktionen gehörte er zudem hochrangigen wissenschaftspolitischen Entscheidungsgremien an. Richard Kuhn war nie Mitglied der NSDAP – über die Gründe hierfür lässt sich nur spekuli e- ren. Angelika Ebbinghaus und Karl Heinz Roth g ingen davon aus, dass Kuhns österreichische Staatsbürgerschaft eine Mitgliedschaft in NSDAP oder anderen NS -Massenorganisationen nicht notwendig erscheinen ließ. Ute Deichmann machte darauf aufmerksam, dass Kuhn die 52 völkische Ideologie wohl fern lag und da ss eine NSDAP-Mitgliedschaft möglicherweise nega- tive Auswirkungen auf sein Ansehen innerhalb der internationalen wissenschaftlichen Co m- munity gehabt hätte haben können; „Kuhn war als geübter Taktiker bekannt“ (Deichmann 2005, S. 3). Verhielt sich Kuhn zu B eginn der NS -Zeit noch politisch „zurückhaltend“ (seine Einstellung zum Nationalsozialismus wurde allerdings bereits als „eher positiv“ bewertet, Einschätzung der NS -Dozentenschaft vom 31.01.1936, UA Heidelberg PA 4717 ), stellte er spätestens 1938 sein wis senschaftliches Renommee in die Dienste des NS -Regimes, wie Ute Deichmann resümierte und Helmut Maiers jüngst bestätigte. Als ein Beleg hierfür wurde immer wieder Kuhns Ablehnung des Nobelpreises für Chemie herangezogen (hierzu und zum Folgenden Deichmann 2007, S. 477). Für seine Forschung über Carotinoide und Vitamine erhielt Kuhn 1939 den Nobelpreis für Chemie (für das Jahr 1938) zugesprochen. Da es deutschen Wissenschaftlern seit 1937 nicht mehr erlaubt war, den Nobelpreis anzunehmen, sah er sich – wie sein Kollege Adolf Butenandt im gleichen Jahr – dazu gezwungen, die hohe Ehrung abzulehnen. Unter politischem Druck schickte er einen (vorformulierten) Brief an die Königliche Schwedische Akademie der Wissenschaften, in dem er nicht nur den Preis ablehnte, sondern die Verleihung zudem als Versuch brandmarkte, ihn zu einem Verstoß gegen einen Erlass des „Führers“ zu animieren. Anders als Butenandt fügte Kuhn jedoch handschriftlich hinzu: „Des Führers Wille ist unser Glaube“. Ohne erkennbaren Druck wandte sich Kuhn 1942 an den Rektor der Heidelberger Univers i- tät, um diesen auf eine ausländische Pressemeldung aufmerksam zu machen: In der Zei t- schrift „Nature“ war kritisch berichtet worden über die Änderung der Heidelberger Univers i- tätsinschrift von „Dem lebendige n Geist“ in „Dem deutschen Geist“. Kuhn ließ in dem Schreiben seine Zustimmung hinsichtlich der Änderung erkennen (21.07.1942, UA Heide l- berg PA 4717). Als Vizepräsident der IUPAC/UIC von 1936 bis 1940 sowie als Präsident der DChG vertrat Kuhn ab 1938 Deuts chland auf dem Gebiet der Chemie im Ausland. Er stellte sein wisse n- schaftliches Renommee in den Dienst des NS -Regimes. Als Fachspartenleiter des Reichsfo r- schungsrats war Kuhn überdies „während des Krieges einer der mächtigsten Vertreter der wissenschaftlichen Chemie in Deutschland“ (Deichmann 2005, S. 2). Er vereinte in seiner Person besonders zwischen 1938 und 1945 Schlüsselpositionen in chemischen Institutionen, Verbänden und nationalen Entscheidungsgremien. Dafür war eine NSDAP -Mitgliedschaft nicht zwingend erforderlich – eine absolut positive Einstellung zum Nationalsozialismus hi n- gegen nötige Voraussetzung (siehe Zitat Maier 2015 oben). Kuhn ging in weiten Bereichen mit dem NS-Regime konform und unterstützte die NS-Politik (Deichmann 2007, S. 476). Als weiteren Beleg für seine Zustimmung gegenüber der NS -Politik gilt Kuhns viel zitierte Rede anlässlich des 75 -jährigen Bestehens der DChG im Dezember 1942; Birgit Nemec sieht in der Festrede gar „den Gipfel seines wissenschaftlichen und machtpolitischen Bek enner- tums“ (Nemec, S. 119). Kuhn bezeichnete in der dokumentierten Rede Hitler als den Arch i- tekten des – auch von der DChG betriebenen – „Zusammenschlusses aller Deutschen“, der diese „allumfassend zum Siege geführt“ habe. Die DChG sei „wahrhaft deutsch“, so Kuhn, weil „treu, beharrlich und gründlich“. Abschließend ließ Kuhn das Auditorium wissen: 53 „Wir erkennen, wie im Laufe dieser Zeit die Chemie zu einem Machtfaktor auf unserer Erde empo r- gestiegen ist. Wir erkennen aber auch, welch überwältigender Anteil an den Grundlagen der heut i- gen Chemie jenen Völkern des Abendlandes zukommt, die der Menschheit einen Scheele und Be r- zelius, einen Lavoisier und Pasteur, einen Avogadro und Cannizzaro, einen Liebig und einen Wöhler geschenkt haben. Um den Fortbestand diese s Blutes, um die Weiterentwicklung dieser ihrer Kultur stehen die Völker Europas heute unter den Waffen, genau so wie die des alten ostasiatischen Kultu r- raumes für den ihrigen. Wir gedenken der Männer, in deren Hand das gemeinsame Schicksal liegt: Dem Duce, dem Tenno und unserem Führer ein dreifaches Sieg Heil!“ (Berichte der Deutschen Ch e- mischen Gesellschaft 75 [1942], S. 200). Kuhns Rede musste unter den anwesenden Wissenschaftlern seitens der deutschen Krieg s- gegner alle Zweifel daran beseitigen , dass sic h die deutsche chemische Wissenschaft vol l- ständig den Zielen des NS-Regimes verschrieben hatte. Bereits 1938 hatte sich Kuhn auf e i- ner Konferenz in Rom als „vorbildlicher Repräsentant nationalsozialistischer Kulturpolitik “ gezeigt (Maier, S. 257). Seine Rede aus dem Jahr 1942 belegte, so Helmut Maier, das er weit über notwendige Floskeln hinaus sich in den Dienst des NS-Regimes stellte: „Kuhn beließ es jedoch nicht bei Formulierungen, die als national -konservative oder patriotische Bekundungen eines pflicht bewussten Gelehrten gewertet werden könnten. Als Wissenschaftler von Weltrang schlüpfte er in die Rolle eines nationalsozialistisc hen Auslandsattachées [sic!] […]“ (Maier, S. 515). Verhalten und Verhältnis gegenüber (jüdischen) Kollegen und Mitarbeitern Als ein Kritikpunkt an Kuhns Verhalten in der NS -Zeit wurde wiederholt dessen denunziatori- sches Verhalten gegenüber jüdischen Mitarbeitern der KWG angeführt. 1933 entließ er demnach seine jüdischen Mitarbeiter – ohne jeden Versuch zu unternehmen, sie länger zu beschäftigen (hierzu und zum Folgenden Deichmann 2001, S. 75 f. und 427, sowie 2007, S. 476). Für eine Reihe seiner Kollegen fänden sich ebensolche Versuche dokumentiert. Laut der Recherchen von Hans -Jürg Kuhn habe Richard Kuhn hingegen keinem einzigen seiner acht „nicht -arischen“ Mitarbeiter gekündigt oder sie gar „vertrieben“; vielmehr habe Kuhn versucht, sich für die vom „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ be- troffenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einzusetzen: „Für die meisten ‚nic ht-arischen‘ Angehörigen des Instituts für Chemie konnten dank der internati o- nalen Kontakte von Richard Kuhn und des Ansehens, das das Institut zu jener Zeit genoss, einigerm a- ßen erträgliche Lösungen gefunden werden“ (Kuhn, Stellungnahme 2017). Kuhn habe sich etwa (gemeinsam mit Gustav Krupp von Bohlen und Halbach , erster Vizeprä- sident der KWG) für die Technische Assistentin Ursula Ehrenberg eingesetzt, letztendlich jedoch vergeblich. Die – gemeinsam mit Richard Willstätter – angedachte Unterbringung von Albert Wassermann an der Universität Wien sei allein an einer unbedachten Äußerung des Wiener Kollegen gescheitert (Kuhn, Stellungnahme 2017). In einem Schreiben an die Generalverwaltung der KWG machte Kuhn 1936 darauf aufmer k- sam, dass der Kollege Otto Meyer hof – entgegen der Vorschriften – zwei jüdische Mitarbe i- terinnen (eine davon namentlich genannt: „Frl. Hirsch“) und einen Mitarbeiter (ebenfalls 54 namentlich genannt: „Herr Lehmann“) beschäftigte. „Selbstverständlich wurden diese drei Personen sofort entlass en oder sie verloren ihre Arbeitsmöglichkeit“, konstatierte Ute Deichmann (Deichmann 2001, S. 76; hier auch Auszug aus dem Schreiben vom 27.04.1936). Deichmann wertete die „Denunziation Kuhns“ als dessen Versuch, seine politische Integrität zu untermauern sowie jeden möglichen Schaden vom Institut abzuwenden; es gäbe hing e- gen „keine Hinweise darauf, daß Kuhn Antisemit war“ (ebenda). Laut der Recherchen von Hans-Jürg Kuhn (Kuhn, Stellungnahme 2017) erwies sich die Anschuldigung der „Denunziat i- on“ als unhaltb ar: Hermann Lehmann habe sich zu besagter Zeit bereits in Cambridge b e- funden, seine Entscheidung zur Emigration sei wesentlich früher gefallen; Lore Hirsch hat ihre Dissertation in Heidelberg abgeschlossen (Promotionsprüfung im Juli 1937) und a n- schließend als Ärztin im jüdischen Krankenhaus in Hamburg gearbeitet, bevor sie 1939 em i- grierte; beide Fälle sowie das Gerücht einer dritten Person – die es nach H.-J. Kuhn nie gege- ben habe – seien der Gestapo bekannt gewesen (Kuhn habe schließlich auf deren Anfrage reagiert), weshalb von denunziatorischem Verhalten keine Rede sein könne, so H.-J. Kuhn. Otto Meyerhof, der sich 1938 zur Emigration gezwungen sah, kritisierte in einem Brief an Kuhn im November 1945 (als ihm noch weder Kuhns „Denunziation“ noch dessen Rol le in der Giftgasforschung bekannt waren) Kuhns opportunistisches Verhalten. Er, Meyerhof, we r- fe niemandem vor, „dass er Kompromisse machte, um Amt und Arbeitsstätte zu erhalten. Sie selbst aber sind darüber weit hinausgegangen. Ich kann die Kritik nicht v erschweigen, die von den Kollegen der alliierten Länder an Ihnen geübt wird, dass Sie Ihre bewunderungswürdige wissenschaft- liche Leistung und chemische Meisterschaft freiwillig in den Dienst eines Regimes gestellt haben, dessen unaussprechliche Abscheulich keit und Verruchtheit Ihnen wohl bewusst war. Dies war mir selbst besonders schmerzlich, weil ich wusste, in welchem liberalen Geist Sie aufgewachsen waren und wie dieser Ihren Anlagen und Ihrer Natur entsprach“ (01.011.1945, Otto Meyerhof Papers, Un i- versity of Pennsylvania Archives; der Brief auf offiziellem Briefpapier der University of Pennsylvania wurde offensichtlich nie abgeschickt). Wie Christoph Schmaltz am Beispiel der „Affäre Grundmann“ umfassend schildert e (Schmaltz, S. 387-413), schreckte Kuhn im Zuge patent- und arbeitsrechtlicher Konflikte nicht davor zurück, „einen langjährigen Mitarbeiter [Kuhns Assistent en Christoph Grundmann] den Repressionsorganen des NS -Staates […] auszuliefern“ (Schmaltz, S. 413), wenn er seine Machtposition gefährdet sah. (Kampfstoff-)Forschung in der NS-Zeit Kuhn war ein hervorragender Wissenschaftler, der nach 1933 – und vor allem während des Zweiten Weltkriegs – seine wissenschaftliche Tätigkeit in vollem Umfang in den Dienst des Nationalsozialismus stellte (Deichmann 2001, S. 426 f.). Seine Fo rschung wurde anhand der tradierten Quellen in der genannten Literatur ausführlich diskutiert (Deichmann, Schmaltz, Ebbinghaus/Roth). Im Folgenden werden die zentralen Ergebnisse zusammengefasst. 55 Als der Zweite Weltkrieg begann, befanden sich Kuhn, wie erwähnt seit 1937 Direktor des gesamten KWI für medizinische Forschung (kommissarische Leitung seit April 1936), und sein Forscherteam auf dem Höhepunkt ihrer internationalen Anerkennung. Für die Ergebnisse seiner Vitaminforschung h atte Kuhn den Nobelpreis für das Jahr 1938 erhalten. Er unte r- suchte während des Kriegs zunächst eine mögliche Schutzwirkung von Vitaminen gegen chemische Kampfstoffe; eine Kooperation mit der Gasschutzabteilung des HWA bestand bereits vor 1939. Eine weiter e Stoßrichtung der Vitaminforschung bestand in dem Versuch, eine biologische Synthese von Casein zu ermöglichen; ein Rohstoff, der zur Herstellung von Gasmasken benötigt wurde. Im Januar 1941 wurde von der Gasschutzabteilung des HWA eine Kampfstoffabteilun g am KWI für medizinische Forschung eingerichtet. Zentrale Aufgabe dieser Abteilung waren U n- tersuchungen zu den neuen Nervengasen Sarin und Tabun: Forschungen zu Gegenmitteln, Nachweismethoden und Wirkungsmechanismen der Nervengase wurden mit hohem Au f- wand betrieben (rund ein Drittel der wissenschaftlichen Mitarbeiter des von Kuhn geleiteten Instituts waren in die Kampfstoffabteilung involviert). Hinsichtlich der Nachweismethoden und Wirkungsmechanismen konnte die Kampfstoffabteilung Erfolge verzeichnen. De m Auf- trag des HWA, Antagonisten gegen Sarin und Tabun zu entwickeln, konnten Kuhn und seine Mitstreiter nicht nachkommen. Die Forschungen am KWI für medizinische Forschung legten aber die Voraussetzung für ein noch giftigeres Nervengas, Soman, im Frühjahr 1944, dessen Entdeckung Kuhn zugesprochen wird. Soman war nicht nur in geringsten Dosen tödlich, so n- dern erwies sich aufgrund seiner physikalischen und technischen Eigenschaften als hervorr a- gend für den Einsatz als Kampfstoff geeignet. Als Kuhn feststellte , dass die Forschung nicht zur Entwicklung von Gegenmitteln, sondern zur Herstellung neuer Giftgase führte, stoppte er sie nicht: „Mit der Synthese des Somans entwickelte er gezielt eine neue Massenvernichtungswaffe, ein Tatb e- stand, der sich angesichts der Natur des NS -Regimes anders darstellt als im Falle von Fritz Haber [Giftgasforschung im Ersten Weltkrieg, HK]“ (Deichmann 2005, S. 5). Im Zusammenhang mit experimenteller Forschung zur toxischen Wirkung der Nervengase bemühte sich Kuhn im April 1943 „um d ie Lieferung von Gehirnen ‚jüngerer gesunder Me n- schen‘, bei denen es sich vermutlich um Hinrichtungsopfer der NS -Justiz handelte“ (Schmaltz, S. 585). Weder Kuhn noch andere Wissenschaftler des KWI für medizinische Fo r- schung waren – soweit aus den Quellen e rsichtlich – direkt an Menschenversuchen in Ko n- zentrationslagen beteiligt (Schmaltz, S. 558). Kuhn selbst hatte allerdings Kontakt zur Reichsuniversität Straßburg und förderte als Fachspartenleiter für organische Chemie im RFR unter anderem Experimente des Mediziners Otto Bickenbach an Häftlingen des Konzentrat i- onslagers Natzweiler (ausführlich über die Phosgen-Versuche siehe Schmaltz, S. 534-562): „Inwiefern Kuhn schon vor Kriegsende Kenntnis über Menschenversuche an Häftlingen und den ei n- kalkulierten tödl ichen Verlauf der Experimente Bickenbachs in Natzweiler besaß, ist anhand der überlieferten Quellen nicht eindeutig festzustellen. Als Fachspartenleiter für organische Chemie trug Kuhn Mitverantwortung für die in Abstimmung mit dem Bevollmächtigten für das Gesundheitswe- sen, Karl Brandt, im Januar 1944 genehmigten [sic!] Bereitstellung von Mitteln des RFR in Höhe von 25.000 Reichsmark für die Experimente von Bickenbach. […] Als Bickenbach 1946 vor einem französ i- 56 schen Militärgericht im Zusammenhang mit den vo n ihm durchgeführten Menschenversuchen des vierfachen Mordes angeklagt wurde, äußerte Kuhn in der Korrespondenz mit dem Verteidiger B i- ckenbachs die Ansicht, daß die Menschenversuche wissenschaftlich ‚wertvoll‘ und zulässig gewesen seien“ (Schmaltz, S. 586; in den Unterlagen zum Militärgerichtsverfahren fand sich allerdings laut Aussage von Hans-Jürg Kuhn keinerlei Hinweis auf eine Stellungnahme Richard Kuhns, Telefonat vom 17.07.2017). Deichmann, Schmaltz und Ebbinghaus/Roth halten es für sehr unwahrscheinl ich bis nahezu ausgeschlossen, dass Kuhn – in seiner exponierten Position, die ihm „Zugang zu streng g e- heimen Informationen über die laufende Kampfstoff -Forschung im Deutschen Reich und in den Forschungseinrichtungen in den besetzten Gebieten“ (Schmaltz, S . 558) verschaffte – nichts von Menschenversuchen gewusst haben könnte. Allerdings ließen sich keine Belege dafür finden, dass Kuhn vor Kriegsende etwa von den Menschenversuchen Bickenbachs wusste. Laut Klee schrieb Kuhn am 10.12.1943 an die DFG über den E insatz eines angebl i- chen Tbc-Mittels: „Es sind auch schon Versuche am Menschen in einer Lungenheilanstalt bei Darmstadt in Angriff genommen worden“ (BArch, R 73/12507, zitiert nach Klee, S. 351). Entnazifizierungsverfahren Überraschenderweise musste sich R ichard Kuhn – obwohl er die österreichische Staatsbü r- gerschaft besaß – in Deutschland einem Entnazifizierungsverfahren unterziehen, worauf sich in der eingesehenen Literatur bislang kein Hinweis fand. Auf den ersten Blick noch überr a- schender erscheint, das s er als „entlastet“ aus dem Verfahren hervorging (Generallandesa r- chiv Karlsruhe, Signatur 465 q Nr. 14224). Kuhn gab zu Protokoll, dass er weder in der NSDAP noch in einer anderen Gliederung der Partei Mitglied war. Als Mitgliedschaften gab er an: 1938 -1945 DAF, ca. 1936 -1945 NSV, 1939-1943 RDF, 1938-1945 NSBDT. Wie seine eigenen Angaben und Nachforschungen hierzu ergaben, betrug sein jährliches Einkommen als Direktor des KWI für medizinische Forschung Heidelberg zwi schen 33.000 und 45.000 RM. Kuhn gab auc h an, seit 1938 Präsident der Deutschen Chemischen Gesellschaft gewesen zu sein. Er selbst schätzte sich als „entlastet“ ein, mit folgender Begründung: „Weil ich weder Nati o- nalsozialist noch Militarist war“. In der Begründung für die Einstellung des Verfah rens hieß es: „Prof. Kuhn war weder Mitglied der Partei, noch Mitglied einer ihrer Gliederungen. Er hat weder in der NSDAP, noch in einer Gliederung oder Organisation der Partei irgendein Amt bekleidet. Nach Auskunft der Politischen Parteien vom 26.8.1946 ist Prof. Kuhn, der seit dem Jahre 1938 in Heide l- berg wohnhaft ist, politisch in Heidelberg nicht in Erscheinung getreten. Da nach dem Ergebnis der Ermittlungen auch sonst keinerlei Verdacht besteht, dass Prof. Kuhn als Aktivist, Militarist oder Nut z- niesser anzusehen ist, war das Verfahren einzustellen“ (25.09.1946, Generallandesarchiv Karlsruhe, Signatur 465 q Nr. 14224). Kuhn kooperierte nach Kriegsende mit den Behörden der amerikanischen Militärregierung sowie mit alliierten Kampfstoff -Experten, wobei er Informationen über die Nervengasfo r- schung teils zurückhielt. Trotz des Verbots jeglicher militärischer Forschung an deutschen 57 Wissenschaftsinstitutionen durfte er Versuche mit dem Nervengas Lost zu therapeutischen Zwecken fortsetzen. Auf die 1947 und 1949 angebotene Fortsetzung seiner Nervengasfo r- schung in den USA ging er nicht ein. Quellen: Generallandesarchiv Karlsruhe, Signatur 465 q Nr. 14224 [Spruchkammerakte] University of Pennsylvania Archives, Philadelphia, PA, UPT 50 M613, Box 1, fol. 27. Archiv der Max-Planck-Gesellschaft, Berlin, Nachlass Richard Kuhn [Einsicht möglich] UA Heidelberg PA 1040 UA Heidelberg PA 4717 UA Heidelberg Rep 27-752 Berichte der Deutschen Chemischen Gesellschaft 75 (1942) Literatur: Deichmann, Ute: Flüchten, Mitmachen, Verge ssen. Chemiker und Biochemiker in d er NS-Zeit. Wein- heim 2001. Deichmann, Ute (2005): Richard Kuhn (1900 -1967). Stellungnahme zu seinem politischen Verhalten während der NS -Zeit unter der Fragestellung: Kann Kuhn als Persönlichkeit Vorbildcharakter in der Chemie zuerkannt werden . [ https://www.gdch.de/fileadmin/downloads/Service_und_ Informatio- nen/Presse_OEffentlichkeitsarbeit/PDF/deich_kuhn.pdf] Zugriff: 25.11.2016 Deichmann, Ute: 'Dem Duce, dem Tenno und unserem Führer ein dreifaches Sieg Heil!' Die Deutsch e Chemische Gesellschaft und der Verein de utscher Chemiker in der NS -Zeit. I n: Hoffmann, Die t- er/Walker, Mark (Hrsg.): Physiker zwischen Autonomie und Anpassung. Die Deutsche Physikalische Gesellschaft im Dritten Reich. Weinheim 2007, S. 459-498. Ebbinghaus, Angelika/Roth, Karl Heinz: Vernichtungsforschung. Der Nobelpreisträger Richard Kuhn, die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft und die Entwicklung von Nervenkampfstoffen während des Dritten Reichs. In: 1999. Zeitschrift für Sozialgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts 17 (2002), S. 15-50. Jaenicke, Lothar: Richard Kuhn. Ein Talent – doch kein Charakter. In: Nachrichten aus der Chemie 54 (2006), S. 510-515. Klee, Ernst: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. Frankfurt am Main 42013, S. 350 f. Nemec, Birgit: Richard Kuhn. In: Autengruber, Peter/Nemec, Birgit/Rathkolb, Oliver/Wenninger, Fl o- rian: Umstrittene Wiener Straßennamen. Ein kritisches Lesebuch. Wien et al. 2014, S. 116-121. Maier, Helmut: Chemiker im „Dritten Reich“. Die Deutsch e Chemische Gesellschaft und der Verein Deutscher Chemiker im NS-Herrschaftsapparat. Weinheim 2015. Schmaltz, Florian: Richard Kuhn und die Kampfstoffabteilung des Kaiser -Wilhelm-Instituts für medizi- nische Forschung in Heidelberg. In: Ders.: Kampfstoff-Forschung im Nationalsozialismus. Z ur Koope- ration von Kaiser-Wilhelm-Instituten, Militär und Industrie. Göttingen 2005, S. 357-586. Stoff, Heiko: Wirkstoffe. E ine Wissenschaftsgeschichte der Hormone, Vitamine und E nzyme, 1920 - 1970. Stuttgart 2012. 58 Alarich-Weiss-Straße (K 9-10), benannt 2013 nach Alarich Weiss (1925-1995) Professor für Physikalische Chemie * 21. Februar 1925 in Regenpeilstein (Oberpfalz) 1931-1935 Besuch der Volksschule in Stefling (heute Stadtteil von Nittenau, Oberpfalz) 1935-1942 Besuch des humanistischen Gymnasiums in Regensburg (Abitur Herbst 1942) 1935-1943 Mitglied der HJ 1935-1943 Mitglied des Volksbunds für das Deutschtum im Ausland (VDA) 1942 Angehöriger der SS (SS-Bewerber, SS-Einheit: 10/68. SS-Standarte Regensburg) 1942-1945 Soldat im Kriegsdienst; Mitglied der Waffen -SS (Juni 1943: 11./SS-Panzerjäger-Abteilung „Das Reich“; Einsatzraum: Charkow; Dienstgrad: SS-Oberschütze) 1946-1951 Studium der Physik in Erlangen (1946-1949), Mainz (1949) und Darmstadt (1949-1951) 1951 Diplomhauptpr üfung an der TH Darmstadt (Diplomarbeit am Lehrstuhl für Physikalische Ch e- mie) 1951-1955 Promotion in Physikalischer Chemie an der TH Darmstadt bei Helmut Witte, „ Elektronen- dichteverteilung in Calciumfluorid“ 1955 Heirat mit Elisabeth Kräuter 1955-1962 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Physikalische Chemie der TH Darmstadt 1956-1958 Gastwissenschaftler in den USA, an der Staatsuniversität von Indiana (1956 -1957, Wech- selwirkung zwischen Metalloberflächen und Atomstrahlen) sowie an der TH Pittsb urgh (1957 -1958 Radiofrequenzspektroskopie) 1958-1967 Arbeit am Eduard-Zintl-Institut an der TH Darmstadt 1962 Habilitation in Physikalischer Chemie an der TH Darmstadt 1965 Abteilungsleiter und Professor a m Eduard-Zintl-Institut der TH Darmstadt für Anorganische und Physikalische Chemie 1967-1972 Lehrstuhl für Physikalische Chemie an der Universität Münster 1972-1993 Lehrstuhl für Physikalische Chemie III, Chemische Spektroskopie, an der TH Darmstadt Vorsitzender der Deutschen Bunsen -Gesellschaft, Mitglied des Vorstands der Gesellschaft Deutscher Chemiker, stellvertretender Vorsitzender der Alexander -von-Humboldt-Stiftung, Mitglied des Wi s- senschaftsrats † 10. Oktober 1995 in Darmstadt Ehrungen: Ehrenmitglied der Deutschen Bunsen-Gesellschaft für Physikalische Chemie 1990 Erasmus-Kittler-Medaille der TH Darmstadt 1993 Forschungspreis der Japan Society for the Promotion of Science Weitere wissenschaftliche Auszeichnungen 59 1995/96 Alarich-Weiss-Preis (gestiftet von seinen Schülern für hervorragende Arbeiten in d er Physi- kalischen Chemie an der TU Darmstadt) Wirken in der NS-Zeit Alarich Weiss, Professor für Physikalische Chemie und „Gründungsvater des Fachbereichs Materialwissenschaft“ an der TH Darmstadt sowie nach 1945 Verfasser von über 350 wi s- senschaftlichen Beiträgen, erlebte die Jahre 1933 -1942 als Schüler. Er schloss sich 1942 der SS an und war 1943-1945 als Mitglied der Waffen-SS im Kriegsdienst. „Nach Besuch der Volksschule in den Jahren 1931 -1935 war ich Schüler des humanistischen Gymn a- siums in Regensburg, das ich im Herbst 1942 mit dem Reifezeugnis verließ. Bis zum Mai 1945 leistete ich dann Kriegsdienst als Soldat in einem Panzerregiment auf verschiedenen Kriegsschauplätzen im Osten, Westen und Südosten Europas“ (Lebenslauf vom 12.02.1965, UA Darmstadt, 201 Nr. 123). Bis 1935 besuchte Alarich Weiss die Volksschule in Stefling (heute Stadtteil von Nittenau, Obe r- pfalz; seine Eltern wirkten dort als Volksschullehrer) und wechselte anschließend an das hum a- nistische Gymnasium nach Regensburg, das er im Herbst 1942 im Alter von 17 Jahren mit der Reifeprüfung abschloss. Wie sein älterer und sein jüngerer Bruder so lebte auch Alarich Weiss seit seinem zehnten Lebensjahr im Internat, dem katholischen Studienseminar St. Emmeram in der Marschallstraße 3 (staatlich, aber unter der Leitung eines katholischen Pris- ters); nur in den Ferien hielt er sich in der Regel bei seinen Eltern im heimatlichen Dorf in der Oberpfalz auf. Noch zu Schulzeiten meldete sich Alarich Weiss zur SS (zum Folgenden BArch Berlin, BDC, VBS 284/62 20014022): Bereits seit 17. Februar 1942 galt er als SS -Bewerber; bei der A n- nahmeuntersuchung an jenem Tag (fünf Tage vor seinem 17. Geburtstag) war er für „SS - tauglich“ befunden worden. Im Zuge der Erfassung zum SS -Dienst (SS-Sturm 10/68 Regen s- burg) sollte er sich am 10. April 1942 um 18.30 Uhr in der Hauptkantine der Messerschmitt GmbH in Regensburg einfinden, wie ihm mit einem Schreiben vom 25. März 1942 mitgeteilt wurde. Er sendete das Schreiben mit folgendem Vermerk versehen an den SS -Sturm 10/68 Regensburg zurück: „Es ist mir leider nicht möglich am 10.4. zum Erfassungsappell zu erscheinen, da ich mich vom 1.4. bis zum 14.4. bei meinen Eltern befinde (Ferien). Ich bin ja nur während meiner Schulzeit in Regensburg im Schülerheim. Senden Sie mir bitte neuen Bescheid zu. Heil Hitler Alarich Weiß“ (25.03.1942, Erfa s- sung zum SS-Dienst, SS-Sturm 10/68, handschriftlicher Vermerk). Laut Eintrag auf der SS -Stammkarte stand Alarich Weiss ab dem 15. September 1942 im Dienst des Reichsheers bzw. der Wehrmacht. Unte r „Waffengattung“ fand sich „SS -Panzer- Jäger“ vermerkt. Letzteres bestätigten Informationen der Deutschen Dienststelle (WASt): Meldungen vom 07.06.1943 und vom 01.07.1943 weisen Alarich Weiss, seit 11.01.1943 Mi t- glied der Waffen -SS, als Mitglied der 11. /SS-Panzerjäger-Abteilung „Das Reich“ aus, unte r- stellt der SS-Division „Das Reich“ (damaliger Einsatzraum: Charkow; damaliger Dienstgrad: SS-Oberschütze). In den Unterlagen des ehemaligen BDC ( BArch Berlin, BDC, VBS 284/6220014022) fand sich eine Kennkarte [d er Waffen-SS] gestempelt mit „16 März 1945“ (Besoldungsnummer 174148; Fp.[Feldpost -]Nr. 48 264). Die Aufschlüsselung der Feldpost - 60 Nummer (siehe Kannapin, S. 101) sowie die Auskünfte der Deutschen Dienststelle (WASt) legen nahe, dass Alarich Weiss Mitglied der 2. SS-Panzer-Division „Das Reich“ war, die im Oktober 1943 aus der SS -Panzergrenadier-Division „Das Reich“ hervorging. Diese Division der Waffen -SS wurde im Februar 1944 nach Frankreich verlegt (Lieb 2007, S. 112 ff.), im März 1945 schließlich im Zuge des Unternehmens „Frühlingserwachen“ nach Ungarn – was auch zur oben genannten knappen Schilderung aus Weiss‘ Lebenslauf passte. Auch seine Angaben auf dem Meldebogen der Militärregierung (22.01.1946) deckten sich in gewisser Weise mit dieser Lesart: Weiss gab hier zu Protokoll, dass er 1943 in Russland, 1944 in Frank- reich stationiert und von April 1943 bis Januar 1945 Mitglied der „6. [Kompanie] Panzer - Reg[iment] II.“ gewesen sei (UA Erlangen, F1,2d Nr . 33 Weiss Alarich ); seine Feldpost - Nummer gehörte laut Kannapin von Januar bis September 1943 zur „6. Kp. SS -Pz. Rgt. 2 (Das Reich)“, also zur 6. Kompanie des SS -Panzer-Regiments 2 („Das Reich“), später 2. SS-Division „Das Reich“ (von September 1943 bis Februar 1944: 7. Kompanie). Weiss hatte demnach seinen „ Arbeitgeber“ (so die Rubrik) annähernd korrekt bezeichnet – lediglich nicht darauf verwiesen, dass es sich um eine Einheit der [Waffen-]SS handelte. Unter der Rubrik „Stellung oder Dienstgrad“ gab er „Komp[anie] Chef“ zu Protokoll (April 1943 bis Waffensti llstand; möglicherweise bezog Weiss diese Angabe auf den zuvor abgefragten Vorgesetzten). Im glei- chen Meldebogen gab er eine Mitgliedschaft im Volksbund für das Deutschtum im Ausland (VDA) für den Zeitraum 1935 bis 1943 an. Sowohl in diesem Meldebogen als auch im „Perso- nalblatt für Studierende“ der Universität Erlangen (November 1945, UA Erlangen, F1,2d Nr. 33 Weiss Alarich) verleugnete Weiss seine Mitgliedschaft in der Waffen -SS, nach der explizit gefragt wurde; in beiden Dokumenten gab er als letzten Dienstgrad „Obergefreiter“ an. Bestandteil des „Personalbogens für Hochschulstudenten“ (UA Erlangen, F1,2d Nr. 33 Weiss Alarich), den Weiss im Dezember 1945 ausfüllte, war eine ausformulierte „Lebensbeschre i- bung“ mit vorgegebener inhaltlicher Struktur. In jenem Lebenslauf äußerte er sich wie folgt: „Infolge der schlechten finanziellen Lage meiner Eltern musste ich auch mit dem Schuleintritt [1935, Studienseminar St. Emmeram in Regensburg, HK] in die HJ eintreten, da ich sonst keine Schulgelde r- mässigung erhalten hätte. Zu einer unter Schülern höherer Lehranstalten fast allgemein üblichen führenden Stelle habe ich es nicht gebracht. Ich hatte eben keinerlei militärisches oder grosssprech e- risches Talent. Im Frühjahr 1943 wurde ich zur Wehrmacht einberufen. Ich wurd e auch als ROB [Reserve -Offizier- Bewerber, HK] geführt, aber dann im Frühjahr 1944 in der Normandie von meinem Kompanieführer, einem Abiturienten der Napola, gestrichen und als ‚unmilitärischer Mensch‘ bezeichnet. So kam es, dass ich 1945 beim Zusammenbruch als Obergefreiter entlassen wurde.“ Einheiten der 2. SS-Panzer-Division „Das Reich“ begingen nachweislich Kriegsverbrechen, wobei diejenigen im „Partisanenkrieg“ in Frankreich bereits umfangreich erforscht sind (vgl. Lieb 2007, S. 360-377, sowie Lieb 201 4). In vielen Darstellungen wurde auf die brutale Kampfführung der Division „Das Reich“ im Osten hingewiesen, es fehlt allerdings bis heute an einer wissenschaftlichen Aufarbeitung (Lieb 2007, S. 61, Aktualität bestätigt durch E -Mail Lieb vom 14.06.2017). Die einzelnen Operationsräume sind dokumentiert (vgl. Weidinger). 61 Auf Anfrage teilte Jens Westemeier, ausgewiesener Experte für biografische Forschung im Bereich der Waffen-SS (siehe Literatur; Empfehlung von Peter Lieb), folgende Einschätzung – nach Einsicht in obigen Sachstand zu Weiss (anonymisiert) – mit: „Zunächst ist festzustellen, dass es sich mit dem Jahrgang 1925 um eine Generation handelt, die b e- reits im Kindesalter (1933 acht Jahre alt) im NS -Staat und damit auch in Schule und Freizeit (HJ) nat i- onalsozialistisch sozialisiert wurde. Aus dem Eintrittsdatum in die W[affen] -SS Januar 1943 lässt sich feststellen, dass dieser Eintritt freiwillig erfolgte und der junge Mann sich im Alter von 17/18 Jahren zur W[affen]-SS freiwillig meldete – und sich damit bewusst gegen den Dienst in der Wehrmacht und für den Dienst in dieser Parteiorganisation entschied. Ich gehe davon aus, dass er überdies, das wäre idealtypisch, seit 1933 der HJ angehörte. Die Panzerjägerabteilung der SS -Division Das Reich nahm im Frühj ahr 1943 an den Kämpfen um Charkow teil, es könnte also sein, dass der SS -Mann bereits dort zum Einsatz kam. Dort kam es beim Einsatz des II. SS-Panzer-Korps zu zahlreichen Kriegsverbrechen, insbesondere durch die Leibstanda r- te. In der Tat sind die Verbrechen der W[affen]-SS in der Sowjetunion noch nicht umfassend erforscht […], es lassen sich aber doch deutliche Muster erkennen, die auf einer Linie mit den bekannteren Verbrechen in Frankreich/Italien/Belgien/Griechenland/Jugoslawien liegen. Das Wort ‚invol viert‘ ist mir wie das Wort ‚verstrickt‘ zu passiv [bezieht sich auf meine Anfrage, HK] , die Division Das Reich beging und führte NS-Gewaltverbrechen durch. […] Persönlich halte ich wenig vom ‚Bildersturm‘, allerdings zeugt die freiwillige Mitgliedschaft i n der Waffen-SS vor Sommer 1943 von einer überzeugten NS-Haltung in dieser Zeit – das ist aufzuarbeiten, die Person einzuordnen und Teil einer solchen, nicht untypischen ‚bundesdeutschen‘ Biografie – vom Skandal zur Zeitgeschichte [vgl. Westemeier 2016]. Sie werden wohl kaum noch Beweise für eine persönliche Beteiligung und Verübung von Kriegsve r- brechen finden, das gibt es selbst in Ausnahmefällen wie der Aufarbeitung des sog. Malmedy - Massakers selten. Allerdings sollte es möglich sein, über die Einheiten d ie mögliche Beteiligung an Verbrechen herauszuarbeiten. Es steht jedoch außer Frage, dass [er] genaue Kenntnisse über die Verbrechen der W[affen] -SS und seiner Division besaß“ (E -Mail vom 15.06.2017, Jens Westemeier, derzeit Mitarbeiter des Projekts „Aufarbeitung der Rolle der Zahnärzteschaft im Nationalsozialismus“ am Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin der RWTH Aachen). Westemeier empfahl zudem eine Anfrage an das Bundesarchiv Ludwigsburg (auf Anfrage kein Befund) sowie möglicherweise e ine Recherche beim Bundesarchiv Militärarchiv Fre i- burg, Nachlass Vopersal (siehe unten). Den Ausführungen von Peter Lieb folgend, zeichneten für die Massaker an der Zivilbevölkerung von Tulle und Oradour -sur-Glane im Juni 1944 a n- dere Kompanien verantwortlich als die 6./7. Kompanie (Lieb 2007, S. 364 ff.). Wie in den oben genannten Meldebögen, verleugnete Weiss auch im Zuge seines Entnazif i- zierungsverfahrens seine Mitgliedschaft zur Waffen -SS sowie seine Kriegsteilnahme in einer SS-Division (StA Amberg, Spruchkammer Kemnath Meldebögen W 368 ). Er gab wiederum lediglich seine Mitgliedschaft in der HJ (1935 -1942) zu Protokoll; von der Spruchkammer wurde er daher als „Nicht -betroffen“ eingestuft. Laut Auskunft des Staatsarchivs Nürnberg hätte Weiss bei Erwähnung seiner Mitgliedschaft in der Waffen -SS kaum einen Studienplatz erhalten (E-Mail vom 13.06.2017 von Archivdirektor Dr. Herbert Schott). 62 Quellen: BArch Berlin, BDC, VBS 284/6220014022 BArch Militärarchiv Freiburg, N 756/111 -115 [genannt „Nachlass Vopersal“, Bestände 111-115 zu (2.) SS - Panzer(grenadier)-Division „(Das) Reich“] BArch Ludwigsburg, Personenrecherche Alarich Weiss [kein Archivgut ermittelt] Deutsche Dienststelle (WASt), Personenrecherche StA Amberg, Spruchkammer Kemnath Meldebögen W 368 [Entnazifizierungsakte/Meldebogen] UA Erlangen, F1,2d Nr. 33 Weiss Alarich [Studierendenakte] UA Darmstadt, TH 26/01 Nr. 380-19 [Diplomakte] UA Darmstadt, 113 Nr. 16889 [Nr. 154] [Promotionsakte] UA Darmstadt, 201 Nr. 123 [Habilitationsunterlagen] StadtA DA, ST 61 Weiss, Prof. Dr. Alarich Literatur: Kannapin, Norbert: Die deutsche Feldpostübersicht 1939 -1945. Vollständiges Verzeichnis der Fel d- postnummern in numerischer Folge und deren Aufschlüsselung. Bearbeitet nach den im Bundesa r- chiv-Militärarchiv verwahrten Unterlagen des Heeresfeldpostmeisters, Band 3: Nrn. 41992 bis 87919. Osnabrück 1982. Lieb, Peter: Konventioneller Krieg oder NS -Weltanschauungskrieg? Kriegsführung und Partisanenb e- kämpfung in Frankreich 1943/44. München 2007. Lieb, Peter: Militärische Elite? Die Panzerdivisionen von Waffen-SS und Wehrmacht in der Normandie 1944 im Vergleich. In: Ders./Schulte, Jan Erik/Wegner, Bernd (Hrsg.): Die Waffen -SS. Neue Forschun- gen. Paderborn 2014, S. 336-353. Mattson, Gregory Louis: SS – Das Reich. The history of the s econd SS division, 1939-45. St. Paul (MN) 2002. Rupp, Claudius: Im Feuer gestählt. Panzerjäger der Waffen-SS Division „Das Reich“. Coburg ²1999. Weidinger, Otto: Division Das Reich. Der Weg der 2. SS -Panzer-Division „Das Reich“. Die Geschichte der Stammdivision der Waffen-SS, Bd. 4: 1943. Osnabrück 1979. Westemeier, Jens: Himmlers Krieger. Joachim Peiper und die Waffen -SS in Krieg und Nachkriegszeit. Paderborn 2014 [Dissertation]. Westemeier, Jens: Die Junkerschulgeneration. In: Lieb, Peter/Schulte, Jan Erik/Wegner, Bernd (Hrsg.): Die Waffen-SS. Neue Forschungen. Paderborn 2014, S. 269-285. Westemeier, Jens: Hans Robert Jauß. Jugend, Krieg und Internierung. Konstanz 2016. 63 Robert-Cauer-Straße (L 9), benannt 1964 nach Robert Cauer (1863-1947) Darmstädter Bildhauer * 3. Januar 1863 in (Bad) Kreuznach Bis 1878 Besuch des Gymnasiums in (Bad) Kreuznach, Abschluss der Obersekunda Bildhauer-Schüler seines Vaters Carl Cauer 1880-1882 Aufenthalt in Rom 1883 Moltke-Standbild (Donnersberg) 1885 Militärdienst in Berlin 1887-1889 Zweiter Aufenthalt in Rom 1889-1892 Aufenthalt in den USA, zunächst in New York, dann hauptsächlich in St. Louis (Missouri), diverse bildhauerische Arbeiten (Büsten, Statuen) 1893 Portraitbüste von Großherzog Ernst Ludwig von Hessen 1902 Hochzeit mit Lotte Ewald; Michel-Mort-Denkmal (Bad Kreuznach) 1904 Erneuter Aufenthalt in St. Louis (Missouri): General-Franz-Sigel-Denkmal 1906 Umzug nach Darmstadt (Heimatstadt seiner Frau; Wohnort seiner Schwester Maria, der Frau Arnold Mendelssohns) 1906-1907 Bildhauerische Tätigkeiten an der Pauluskirche (Darmstadt), u. a. Christusrelief im Giebe l- feld des Hauptportals sowie weitere Reliefs 1909 Plastik „Bockspringer“ 1911 Dritter USA Aufenthalt, Jahn -Denkmal (St. Louis, Missouri); Reliefs an der Pestalozzi -Schule (Darmstadt) 1915 Fries in der Empfangshalle der Firma Merck (Darmstadt) 1924 Denkmal für die „Kriegsgefallenen“ in der Johanneskirche (Darmstadt) 1925 Grabdenkmal (Relief) für Ludwig Wagner (Waldfriedhof Darmstadt) 1925 Denkmal für die „gefallenen“ Lehrer der Viktoriaschule in Darmstadt 1927 Artillerie-Denkmal (Darmstadt) 1930 Kandelaber-Gestaltung (Eisenguss), Geschenk der Firma Roeder an die Stadt Darmstadt 1931/1932 Grabmal des 1931 verstorbenen nationalsozialistischen Reichstagsabgeordneten und Gauleiters Peter Gemeinder (Waldfriedhof Darmstadt) 1934-1945 Mitglied der NSV Ab 1936 Mitglied der RKK 1936 Bronzestatue einer Soldatenfigur im Sturmangriff (Rinteln) 1937 Reliefbild Heinrich Reinhard Kröh (Maler); Büste des Darmstädter Stadtarchivars Adolf Müller 1938 Büste E.T.A. Hoffmanns 1938-1940 Ehrenmal in der Liebig-Oberschule (Darmstadt); Büste von Johann Heinrich Merck † 28. Februar 1947 in Darmstadt 64 Ehrungen: 1916 Verleihung des Professorentitels durch Großherzog Ernst Ludwig von Hessen Wirken in der NS-Zeit Der Bildhauer Robert Cauer, stammend aus einer in (Bad) Kreuznach beheimateten Künstle r- familie und seit 1906 in Darmstadt ansässig (der Heimatstadt seiner Frau), hat in seiner über sechzigjährigen Schaffenszeit zahlreiche Kunstwerke gestaltet – auch in Darmstadt, auch zwischen 1933 und 1945. Dazu zählen neben Portraitbüsten (darunter jene von Johann Hein- rich Merck 1940) und Plastiken vor allem Reliefs an /in Kirchen und Schulen sowie in Form von Grabgestaltungen. Seit 1936 war Robert Cauer als Bildhauer Mitglied der RKK. 1934 trat er der NSV bei, bereits vor 1933 dem VDA. Der Darmstädter OB Otto Wamboldt befürwortete 1937 eine finanzielle Spende an Cauer aus dem „Künstlerdank“ mit folgender Begründung: „Seine künstlerische Leistungsfähigkeit wird vo n dem Landesleiter Hessen-Nassau der Reichskammer der bildenden Künste gut beurteilt. Die wirtschaftlichen Verhältnisse des Cauer sind äußerst ungün s- tig. Trotzdem ist Prof. Cauer seit 1.8.1934 Mitglied der NSV. Zu seinen Familienverhältnissen sei ve r- merkt, dass ein Sohn an der Städtischen Akademie für Tonkunst tätig ist. Dieser Sohn ist Mitglied der Partei seit 1. Oktober 1930 mit der Mitglieds -Nr. 317211. […] Prof. Cauer selbst hat in den letzten Jahren nur wenige Aufträge erhalten und somit keinerlei nenn enswerte Einkünfte gehabt. Die polit i- sche Zuverlässigkeit ist gegeben“ (BArch Berlin, BDC, R 55/30820). Bereits 1931/1932 hatte Cauer das Grabmal des 1931 verstorbenen nationalsozialistischen Reichstagsabgeordneten Peter Gemeinder gestaltet, dem Leiter des NSDAP-Gaus Hessen - Darmstadt. Die Beerdigung Gemeinders auf dem Darmstädter Waldfriedhof wurde von pr o- minenten Parteimitgliedern besucht und durch SA - und SS-Formationen zu einer politischen Kundgebung instrumentalisiert. OB Wamboldt wertete einige Jahre s päter Cauers Berei t- schaft, das Grabmal Gemeinders zu gestalten, als Ausdruck dessen politischer Haltung. In der Berichterstattung zu einer Jubiläums -Ausstellung anläss lich Cauers 75. Geburtstags wird Wamboldt folgendermaßen zitiert: „Cauers künstlerisches Schaffen zeuge für sich und ihn selbst, denn Cauer habe nie jenen destrukt i- ven Tendenzen gehuldigt, die wir heute als entartete Kunst ansprechen, vielmehr sei er Zeit seines Lebens ein unbedingt deutschbewußter Künstler gewesen, und nichts spreche überzeug ender für ihn, als daß er auch schon inmitten der Kampfzeit zu uns gestanden sei, was ja deutlich aus der Schaf- fung des Peter-Gemeinder-Grabmals hervorgehe“ (Hessische Landeszeitung 1938). Weitere größere Berichte 1933 und 1937 in der Hessischen Landeszeit ung über Cauers L e- ben und Werk sind mit „Der Schöpfer des Peter-Gemeinder-Grabmals“ überschrieben. Cauer hat eine Reihe von Krieger - und Gefallenen-Denkmalen geschaffen, darunter das 1936 eingeweihte Denkmal des Reserve-Jägerbataillons Nr. 20 in Rinteln. K arl Esselborn beschrieb 1938 das Standbild des „mit dem Bajonett vorwärtsstürmende[n] Jäger[s] als unübertreffl i- ches Sinnbild der den Feind abwehrenden Volkskraft“. In Darmstadt entstanden mehrere Werke in Erinnerung an den Ersten Weltkrieg: 1924 das Denkm al für die „Kriegsgefallenen“ in der Johanneskirche, 1925 das Denkmal für die „gefallenen“ Lehrer der Viktoriaschule und 65 1927 das sogenannte „Artillerie-Denkmal“, das einen eine Handgranate werfenden Soldaten darstellt (daher auch „Der Handgranatenwerfer“ genannt). In der NS -Zeit kam das Ehrenmal für die „gefallenen“ Schüler der Liebig-Oberschule hinzu, das Siegeswillen und Opferberei t- schaft thematisierte. Cauer entwarf das in der Turnhalle der Schule angebrachte Relief 1938 im Auftrag der Stadt Darmstadt; 1940 wurde es eingeweiht – nun auch den „gefallenen“ Schülern des Zweiten Weltkriegs gewidmet. Cauers Persönlichkeit wird als „getragen von einer begeisterten Vaterlandsliebe und einer tiefen Religiosität“ (Karl Esselborn 1938) beschrieben. Im Meldebogen d es Entnazifizierungsverfahrens gab Cauer 1946 als Selbsteinschätzung „Gruppe V“ an. Für das Jahr 1943 notierte er als Einkommen aus seiner künstlerischen Täti g- keit 4.911 RM (1934/1938 gut 2.000 RM). Er wurde als „Vom Gesetz nicht betroffen“ eing e- stuft. Cauers Tochter Helene resümierte in ihren „Erinnerungen an meinen Va ter“ (1963): „Bis über sein 80. Lebensjahr hinaus war Vater unermüdlich tätig. Das Unglück des zweiten verl o- renen Krieges hat er nicht mehr verkraften können; er ist oh ne Krankheit Anfang 194 7 im 85. Lebensjahr gestorben.“ Quellen: BArch Berlin, BDC, R 55/30820 [Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda] HHStAW, Abt. 520/Darmstadt-Zentral, Nr. 28693 (nur Meldebogen) HStAD, H 3 Nr. 1419 [Kennkartenmeldebogen] Fotos von Cauer sowie seiner Werke in HStAD Bestand R 4 StadtA DA, ST 61 Cauer, Robert StadtA DA, Benennung/Umbenennung von Straßen, Bd. 1 [Provenienz: Hochbauamt (1949-1964)] Archiv des Germanischen Nationalmuseums Nürnberg – Deutsches Kunstarchiv, Nachlass Cauer 1901-1940, Familienkorrespondenz [nicht verzeichnet, NICHT eingesehen] Literatur: Das Ehrenmal von Professor Robert Cauer in der Liebig-Oberschule zu Darmstadt. [Als Manuskript gedruckt] Darmstadt 1941. Esselborn, Karl: Robert Cauer (1863-1947)/Bildhauer. In: Hessische Lebensläufe. Darmstadt 1979, S. 61-66 [Erstveröffentlichung 1932]. Glüber, Wolfgang: Cauer d. J., Robert. In: Stadtlexikon Darmstadt (2006), S. 125. Haupt, Georg: Ein Denkmal. Mit 3 Abb. [Grabdenkmal von Prof. Robert Cauer für Ludwig Wagner, 1852-1925, auf dem Waldfriedhof Darmstadt]. In: Volk und Scholle 11 (1933), H. 3, S. 61-63. Masa, Elke: Die Bildhauerfamilie Cauer im 19. und 20. Jahrhundert – 150 Jahre deutsche Skulpturge- schichte. Berlin 1988 [darin: Robert Cauer d. J. (1863-1947), S. 65-75]. Rick, Kevin: Peter Gemeinder – NS-Gauleiter und vergessener Märtyrer? In: Hessisches Jahrbuch für Landesgeschichte 61 (2011), S. 113-135. 66 Hindenburgstraße (J-K 7), benannt 1915 nach Paul von Hindenburg (1847-1934) Militär und Politiker, Generalfeldmarschall und Reichspräsident * 2. Oktober 1847 in Posen Schulbesuch in Posen 1859-1866 Besuch der Kadettenanstalt in Wahlstatt (Kreis Liegnitz) sowie ab 1863 der Hauptkade t- tenanstalt in Berlin 1866 Teilnahme an der Schlacht von Königgrätz 1870/71 Teilnahme an der Schlacht von Sedan im Deutsch-Französischen Krieg 1870-1911 Militärlaufbahn; 1903 Kommandierender General, 1905 General der Infanterie 1879 Heirat mit Gertrud von Sperling (drei Kinder) 1911 Abschied aus dem Militärdienst in den Ruhestand 1914 Reaktivierung kurz nach Beginn des Ersten Weltkriegs, Übernahme der 8. Armee als Oberb e- fehlshaber (mit Erich Ludendorff als Chef des Stabes), Beförderung zum Generaloberst 1914 Schlacht bei Tannenberg, in der die 2. Russische Ar mee vernichtend geschlagen wurde; Mythos des „Siegers von Tannenberg“: ab November 1914 Oberkommando über alle deutschen Truppen der Ostfront; Ernennung zum Generalfeldmarschall 1916-1919 nach der Entlassung Erich von Falkenhayns Übernahme der Obersten Heeresleitung (g e- meinsam mit Erich Ludendorff), Chef des Generalstabes des Heeres 1919 Propagieren der sogenannten „Dolchstoßlegende“ v or dem parlamentarischen Untersuchung s- ausschuss der Nationalversammlung zu den Ursachen der deutschen Niederlage 1919-1925 Rückzug nach Hannover in den Ruhestand 1921 Vorsitzender der Deutschenhilfe 1925-1934 Reichspräsident (bei Wahl 1925 Kandidatur im zweiten Wahlgang) 1930 Berufung von Heinrich Brüning zum Reichskanzler, ohne das Parlament einzuschalten; Beginn der Zeit der Präsidialkabinette 1932 Ernennungen Franz von Papens (30. Mai) und Kurt von Schleichers (2. Dezember) zum Reich s- kanzler 1932 Wiederwahl zum Reichspräsidenten (Sieg im zweiten Wahlgang über den Gegenkandidaten Adolf Hitler) 1933 Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler (30. Januar); Verfügung der Aufl ösung des Reich s- tags (1. Februar); „Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutze des Deutschen Volkes “ (4. Febru- ar), „Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat“ (28. Februar) † 2. August 1934 auf Gut Neudeck (Ostpreußen) Ehrungen (Auswahl): 1911 Schwarzer Adlerorden 1915 Orden Pour le Mérite 67 1916 Großkreuz des Eisernen Kreuzes 1918 Sonderstufe zum Großkreuz des Eisernen Kreuzes („Hindenburgstern“) 1921 Ehrenbursch des Corps Montania Freiberg Paul von Hindenburg war Ehrendoktor zahlreich er Universitäten sowie Ehrenbürger in mehreren hundert (!) deutschen Städten; zahlreiche Straßen und Plätze, Kasernen und Schulen trugen und tr a- gen seinen Namen. Wirken in der NS-Zeit Paul von Hindenburg war als Generalfeldmarschall und Chef des Generalsst abes des Heeres einer der führenden deutschen Militärs im Verlauf des Ersten Weltkriegs. Als „Sieger/Held von Tannenberg“ umgab ihn schon zu Lebzeiten ein (von ihm selbst beförderter) Mythos, der bereits kurz nach der Schlacht bei Tannenberg entstand, die Niederlage 1918 überdauer- te und wirkmächtig blieb (dazu ausführlich Jones, Goltz, Hoegen, Pyta). In der Heimat stand er als nationaler Held symbolisch für Sieg und Einheit. Entgegen der lange vorherrschenden Auffassung Hindenburgs als apolitischer Militär geht die jüngere Forschung davon aus, dass er sich der Macht des Mythos sehr wohl bewusst war und ihn politisch geschickt einzusetzen vermochte. Nach Ende des Ersten Weltkriegs verbreitete Hindenburg die sogenannte „Dolchstoßlege n- de“, wonach das deutsche H eer „im Felde unbesiegt“ gewesen sei und erst aus der Heimat den „Dolchstoß von hinten“ erhalten habe. Er propagierte diese Legende unter anderem vor dem parlamentarischen Untersuchungs ausschuss der Nationalversammlung zu den Ur sa- chen des deutschen „Zusammenbruchs“. Laut der „Dolchstoßlegende“ sei die Schuld an der Niederlage vor allem bei Sozialdemokraten und anderen demokratischen Kräften zu suchen. 1919 ging Hindenburg in den Ruhestand, ließ sich 1925 (im Alter von 77 Jahren) aber zu e i- ner Kandidatur für die Wahl des Reichspräsidenten drängen: Im zweiten Wahlgang trat er als Kandidat an, gewann die Wahl und wurde zum ersten direkt gewählten Präsidenten der Weimarer Republik. Während bei der Wahl 1925 rechte Parteien den parteilosen Genera l- feldmarschall zur Kandidatur aufforderten, erhielt Hindenburg bei seiner Wiederwahl 1932 die Unterstützung der demokratischen Parteien – gegen den (unterlegenen) Kandidaten Adolf Hitler. Hitler ging dennoch gestärkt aus den Wahlen im Frühjahr 1932 hervor, die pol i- tischen Verhältnisse verschoben sich nachhaltig, Gespräche zwischen Reichspräsident Hi n- denburg und dem aufstrebenden Hitler im Sommer 1932 waren eine der Folgen (dazu jüngst Jones, S. 348 ff.). Als Reichspräsident nutzte Hindenburg seine verfassungsgemäß starke Position und überging ab 1930 das Parlament, den Reichstag, über den Weg der Präsidialkabinette (unter den Kanzlern Heinrich Brüning, Franz von Papen und Kurt Schleicher). In der Literatur werden Hindenburgs Grundauffassungen durchweg als antiparlamentarisch beschrieben. Am 30. Januar 1933 ernannte Hindenburg seinen Konkurrenten in der Präsidentschaftswahl von 1932, Adolf Hitler, zum Reichskanzler. Dem aktuellen Forschungsstand folgend, en t- schied Hindenburg „aus eigener Machtvollkommenheit und aus eigenem Ent schluss“ (Pyta, 68 S. 792). Kursierende Behauptungen, Hindenburg sei zur Ernennung Hitlers als Reichskanzler getrieben worden, ostelbische Großgrundbesitzer hätten vielmehr den Ausschlag für die Entscheidung gegeben, erwiesen sich demnach als „pure Spekulatio n“. Im November 1932 hatte Hindenburg Hitler schon einmal einen Regierungsauftrag erteilt; Hitler wollte sich zu diesem Zeitpunkt auf die vom Reichspräsidenten gestellten Bedingungen aber nicht einla s- sen. Insbesondere verweigerte Hindenburg Hitler den Zugr iff auf sämtliche präsidiale Vol l- machten. Hindenburg hatte seit Herbst 1931 auf die Zusammenfassung aller „nationalen Kräfte“ in einer Regierung hingearbeitet: Nationale Einheit als übergeordnetes Ziel. Die Auflösung des Reichstags, die immer noch beim Rei chspräsidenten lag und die Hindenburg am 1. Februar 1933 verfügte, und die daraus folgenden Neuwahlen schienen sowohl Hitler als auch Hi n- denburg als diesem Ziel dienlich, wie Wolfram Pyta in seiner umfassenden Hindenburg - Biografie belegte. Mit der Einleitu ng von Neuwahlen entschied sich Hindenburg „bewusst und gezielt für eine freiwillige Rücknahme der Präsidialgewalt“ (Pyta, S. 797). Ein Erstarken der NSDAP unter ihrem „Führer“, dem neuen Reichskanzler Adolf Hitler, nahm Hindenburg demnach wissentlich und billigend in Kauf. Maßgebend für seine Entscheidung war laut Pyta die „Einheit der Nation als oberstem Gut“ (Pyta, S. 798). Entgegen älterer Deutungen, die den Reichspräsidenten als leicht manipulierbaren Greis darstellten, geht die jüngere Forschung davon aus, dass Hindenburg bis kurz vor seinem Tod bei klarem Verstand und selbstbestimmt agierte. Er trug alle Eingriffe des Jahres 1933 zur Ausschaltung des Parlaments, zum Verbot der politischen Parteien sowie der Gewerkscha f- ten, zur Errichtung einer Einpart eien-Diktatur mit, darunter das „Ermächtigungsgesetz“, das ein Abweichen von der Reichsverfassung legitimierte, und das Gesetz „zur Wiederherste l- lung des Berufsbeamtentums“. Im Februar 1933 erließ Hindenburg die „Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz e des deutschen Volkes“, die massive Eingriffe in die Presse - und Versammlungsfreiheit ermöglichte. Innenpolitisch überließ er den Nationalsozialisten bewusst das Feld: „Wenn Hindenburg in der Folgezeit [nach dem 30. Januar 1933] noch Notverordnungen unter zeich- nete, dann nur, um der Regierung neue Machtmittel an die Hand zu geben, die es ihr gestatteten, eine von der Präsidialgewalt unabhängige Basis aufzubauen“ (Pyta, S. 810). Hindenburg hinterließ nach seinem Tod am 2. August 1934 ein „politisches Testame nt“ (aus- führlich dazu Mühleisen sowie Pyta, S. 855-871), das in Teilen einem Rechenschaftsbericht über seine Amtszeit als Reichspräsident gleichkam, in dem er unter anderem auch seine Ha l- tung zu Adolf Hitler und dem Nationalsozialismus bezeugte. Hindenburg stilisierte sich in dem politischen Testament – dessen Vorlage von Franz von Papen stammte, von Hindenburg überarbeitet und unterzeichnet – als politischer Akteur, der sich stets von seinem politischen Grundsatz der nationalen Einheit habe leiten lassen. – Das Verhältnis zwischen Hindenburg und der nationalsozialistischen Bewegung (und auch der Person Adolf Hitlers, den er als „böhmischen Gefreiten“ bezeichnete) war bis 1933 von beiderseitigem Misstrauen und A b- neigung geprägt. – Tenor des politischen Testaments war nach Pytas Auffassung, dass „durch die Politik Hitlers das politische Lebenswerk Hindenburgs gekrönt werde“ (Pyta, S. 863). Hin- 69 denburg brachte darin sein Wohlgefallen über die seit dem 30. Januar 1933 eingeleitete Entwicklung unmissverständlich z um Ausdruck. Im Wortlaut hieß es in dem tradierten Te s- tament, das Hindenburg im April/Mai 1934 auf Basis des Entwurfs Franz von Papens verfas s- te: „Mein Kanzler Adolf Hitler und seine Bewegung haben zu dem großen Ziele, das deutsche Volk über alle Standes- und Klassenunterschiede zu innerer Einheit zusammenzuführen, einen entscheidenden Schritt von historischer Tragweite getan . […] Ich scheide von meinem deutschen Volk in der festen Hoffnung, dass das, was ich im Jahre 1919 ersehnte und was in langsamer Reif e zu dem 30. Januar 1933 führte, zu voller Erfüllung und Vollendung der geschichtlichen Sendung unseres Volkes reifen wird“ (zitiert nach Pyta, S. 863). Franz von Papen gab im Zuge des Entnazifizierungsverfahrens von Oskar von Hindenburg (Paul von Hindenbu rgs Sohn) 1949 zu Protokoll, dass auch die Passagen zu Hitler bereits „gedanklich zweifellos“ (zitiert nach Mühleisen, S. 360) in von Papens (nicht tradierten) M a- nuskript enthalten waren, welches Hindenburg in Auftrag gegeben hatte und das dem Reichspräsidenten als maßgebliche Grundlage für seine Version diente. Anders als die (für von Papen zentrale) Passage, die Hindenburgs Nachfolge behandelte und die Wiedereinfü h- rung der Monarchie forderte, nahm Hindenburg den oben zitierten Bogenschlag nicht he r- aus. Hindenburg trennte jenen Teil des Entwurfs ab, der seine Nachfolge regeln sollte, und adressierte diesen an Hitler persönlich (er bestimmte darin offensichtlich Hitler nicht als se i- nen Nachfolger; das Dokument wurde nie veröffentlicht und ist nicht überliefe rt; ausführlich dazu Mühleisen). Das Testament – wie auch das Begräbnis Hindenburgs – wurde von den Nationalsozialisten (und von Oskar von Hindenburg) instrumentalisiert zur Legitimation ihrer Herrschaft. Hindenburg in der Erinnerungskultur Da Paul von Hin denburg als Namenspatron in den letzten Jahren wie kaum ein anderer in deutschen Städten in die Kritik geraten ist, werden im Folgenden ein paar wenige Anme r- kungen zum Umgang mit der Thematik (ausführlicher Pöppinghege, Thamer 2012 a) unter Bezug auf Darms tadt gemacht sowie zwei ausgewählte Beispiele aus der jüngeren Verga n- genheit skizziert. Hindenburg – vor dem Ersten Weltkrieg kaum oder gar nicht in der Öffentlichkeit präsent – erhielt ab 1914 zahlreiche Ehrungen, die ihm als Namenspatron für Straßen, Plätze und Schu- len, Schiffe, Luftschiffe und Kasernen zuteilwurden. In Darmstadt wurde nach dem „Held von Tannenberg“ 1915 die Hindenburgstraße benannt. Eine weitere Welle von Ehrungen dieser Art erstreckte sich 1927 anlässlich des 80. Geburtstags des Heroen (und nun schon Reich s- präsidenten) über die Weimarer Republik. In Folge der durch Hindenburg eingeleiteten Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 standen schließlich geradezu flächendecke n- de doppelte Umbenennungen von Straßen und Plätzen in Adolf -Hitler-Plätze und Hinde n- burg-Straßen. Während alle Namensnennungen in Bezug auf Adolf Hitler aus den Straße n- bildern verschwunden sind, gibt es (Stand 2007) noch über 400 Verkehrswege (Straßen, Plä t- ze, Brücken), die nach Paul von Hindenburg benannt sind. Auch si nd längst nicht alle Ehre n- 70 bürgerschaften Paul von Hindenburgs rückgängig gemacht worden. Die Stadt Hamburg etwa verfolgte eine zunächst diskutierte Aberkennung nach einer Expertise der Forschungsstelle für Zeitgeschichte (2015) nicht weiter. Diskussionen u m die Beteiligung Hindenburgs am NS - Staat führten teils zu Umbenennungen, anderenorts blieben die Ehrungen im Stadtbild (auch nach Diskussionen) erhalten, etwa 2015 in Ludwigsburg sowie in Oldenburg (hierzu ausfüh r- lich Dietmar von Reeken 2018). In Oldenburg erfolgte die Nicht-Umbenennung explizit gegen den Vorschlag der eigens zur Prüfung der Straßennamen eingesetzten Kommission – und zur Verwunderung mancher Historiker, die in das Verfahren involviert waren: „Was mich allerdings überrascht hat, war das Vot um pro Hindenburg -Straße – da hätte ich deutlich anders entschieden, denn das verhängnisvolle politische Verhalten Hindenburgs ist wissenschaftlich eigentlich eindeutig nachgewiesen, Hindenburg als Namenspate daher kaum tragbar“ (Reeken 2018, S. 294, FN 6). In Darmstadt initiierte 2005 die Fraktion „Die Linke“ im Stadtparlament eine Umbenennung der Hindenburgstraße (hierzu und zum Folgenden Stadtarchivar Dr. Peter Engels, E -Mail vom 04.12.2017). Auf einen entsprechenden Antrag hin empfahl der „Beirat für St raßenbenen- nung“ im September 2005 dem Magistrat der Stadt Darmstadt die Umbenennung. Der M a- gistrat schloss sich im Juni 2006 dieser Empfehlung an – unter der Maßgabe, zuvor die A n- wohner/Anrainer der Hindenburgstraße zu befragen. Diese sprachen sich im Febr uar 2007 mit großer Mehrheit gegen eine Umbenennung aus, z ugleich setzte sich die Bürgerinitiative „Pro Hindenburgstraße“ für die Beibehaltung des Namens ein . Der Magistrat beschloss d a- raufhin im März 2007 die Beibehaltung des Straßennamens. Über den Umgan g mit der Hi n- denburgstraße wurde weiter öffentlich diskutiert. Im Februar 2013 startete der DGB - Stadtverband Darmstadt im Namen des „ Bündnis gegen rechts Darmstadt und Umgebung“ einen erneuten Versuch der Umbenennung . Die Stadtverordnetenversammlung lehnte im Oktober 2013 einen entsprechenden Antrag mehrheitlich ab – mit dem Verweis darauf, dass zunächst die Ergebnisse des Fachbeirats „Darmstädter Straßennamen“ abgewartet werden sollten, der in gleicher Sitzung einstimmig vom Stadtparlament beschlossen wurd e. Öffentli- che Diskussionen (so im Mai 2014) und Protestaktionen (zuletzt im Januar 2017) folgten. – Erstmals war eine Umbenennung der Hindenburgstraße am 30. April 1945 in Darmstadt vo r- geschlagen worden (und zwar in „Carl Legin -Straße“). Anders als im Fal le des Adolf -Hitler- Platzes (Luisenplatz) behielt die Hindenburgstraße trotz wiederholter Eingabe jedoch ihren Namen (StadtA DA, Straßenbenennungen 1). Münster (Westfalen) Einen öffentlichen Diskurs um den Namenspatron Hindenburg gab es in der jüngeren Ve r- gangenheit in Münster, an dessen vorläufigen Ende im März 2012 die Umbenennung des Hindenburgplatzes in „Schlossplatz“ stand (nach Beschluss des Rats der Stadt). Im Zuge des Verfahrens wurde parallel zur Ausstellung „Ehre, wem Ehre gebührt!?“ (Januar -März 2012) auch eine Bürgerumfrage (Zufallsstichprobe auf Basis des Einwohnermelderegisters) durc h- geführt. In der Bürgerumfrage wurde darauf verwiesen, dass nach neueren Forschungse r- gebnissen „der damalige Reichspräsident Paul von Hindenburg als Stütze des NS -Regimes 71 anzusehen“ sei. Auf die anschließende Frage „Besteht heute noch ein Anlass, Hindenburg durch die Namensgebung für den größten Platz Münsters zu ehren?“ antworteten mit „Ja“ 35 % der Befragten, mit „Nein“ 48 % (Rest: „ohne Angabe“, „weiß nicht/kann i ch nicht beur- teilen“, „ist mir egal“). Bei einer (nicht -repräsentativen) Umfrage 1997 hatten 55 % der Teil- nehmenden für die Beibehaltung des Namens ausgesprochen (Frage 1997: „Soll der Hinde n- burgplatz umbenannt werden?“). Der Historiker Alfons Kenkmann bra chte die unterschiedli- chen Ergebnisse mit der Informationspolitik der Stadt Münster in Verbindung: „Das Ergebnis [von 2012] indiziert eine in der Stadtöffentlichkeit wahrgenommene, historische Ber a- tungsleistung seitens der Stadtverwaltung. Diese hatte in e iner ‚Informations- und Kommunikations- phase‘ unterschiedliche Formate, wie Podiumsdiskussionen, Internetauftritte des Stadtarchivs, eine Ausstellung ‚Ehre, wem Ehre gebührt‘ samt didaktischen Materialien und Bürgerversammlungen in den Bezirken bedient“ (Kenkmann 2018, S. 286). Professor Hans-Ulrich Thamer, der neben Professor Kenkmann als Experte in das Verfahren 2010-2012 involviert war, vertrat die Auffassung, dass es „längst keine ernsthafte g e- schichtswissenschaftliche Kontroverse über seine [Hindenburgs ] historische Rolle bei der Auflösung der ersten deutschen Demokratie“ mehr gebe (Thamer 2012 b). Der Historiker gelangte entsprechend zu folgendem Schluss: „Spätestens mit der Hindenburg -Biographie von Wolfram Pyta ist die zentrale Rolle Hindenburgs bei der Auflösung der Weimarer Republik und dem Brückenschlag zur Diktatur unübersehbar geworden. Vor allem hat Pyta mit erdrückendem Quellenmaterial nachgewiesen, dass die Eingriffe Hindenburgs als Reichspräsident in das politische Geschehen, das zur Diktatur führte, sehr bewusste Akte eines zielgerichteten politischen Handelns waren. Hindenburg war nicht das alterssenile Opfer fremder Einflüsterer, wie man das lange zu seiner Rechtfertigung angenommen hat. Er hatte vielmehr ein politisches Ziel, das er schließ lich im Bündnis mit Hitler zu verwirklichen erhoffte. Dieses Ziel war die nicht verfassungskonforme Vorstellung einer autoritären, nationalen Einheit oder ‚Volksgemei n- schaft‘, die keinen politischen Pluralismus dulden und auch die politischen Gegner dieser Ordnung ausschalten sollte“ (Thamer 2012 b). Gegner der Umbenennung warfen dem Beirat eine einseitige Auslegung der wissenschaftl i- chen Literatur zu Hindenburgs Rolle in Bezug auf den Nationalsozialismus vor. Einige Emeriti der lokalen Universität position ierten sich gegen eine Umbenennung. Ein Bürgerbegehren über die Rückbenennung des Schlossplatzes in Hindenburgplatz, für das die Initiative „Pro Hindenburg“ in kurzer Zeit 15.000 Unterschriften gesammelt hatte, scheiterte im September 2012: 59,4 % der Teil nehmenden am Bürgerentscheid sprachen sich gegen eine Rückbene n- nung aus. Hannover Auch in Hannover geriet Paul von Hindenburg bei der systematischen wissenschaftlichen Untersuchung von namensgebenden Persönlichkeiten in den Fokus (Verfahren ist noch nicht vollständig abgeschlossen). Im Zuge einer Art Zwischenbilanz gab der beauftragte Beirat b e- reits im Oktober 2015 Empfehlungen zu Umbenennungen ab; unter den zehn betroffenen Namensgebern befand sich auch Paul von Hindenburg. So empfahl der Beirat die Umbene n- nung der Straßen „Hindenburgstraße“ (benannt 1916) und „Zur Hindenburgbrücke“ (b e- 72 nannt 1965). In der Begründung wies der Beirat (unter Bezug auf Pyta 2007) darauf hin, dass Hindenburg die nationalsozialistische Diktatur mit der Ernennung des Reichskanzler s Adolf Hitler ermöglichte und den Ausbau der Diktatur begrüßte. Der Beirat kam in Hannover zu folgendem Fazit: „Der Reichspräsident Hindenburg hatte bei der Zerstörung der Republik und beim Ausbau der Dikt a- tur unter einem antisemitischen Regierungsprogram m die zentrale Rolle. Er hat mit seiner verfa s- sungsmäßig starken Position ab 1930 den Reichstag über den Weg der Präsidialkabinette auch unter Bruch der Verfassung übergangen und Hitler zum Kanzler gemacht. Auch danach trug er die Ma ß- nahmen mit, die am Ende die nationalsozialistische Diktatur ermöglichten“ (Quelle: siehe unten). Von einer symbolischen Streichung aus der Ehrenbürgerliste riet der Beirat hingegen ab. Quellen: StadtA DA, Straßenbenennungen 1. Landeshauptstadt Hannover, Projekt: Wissenschaftlic he Betrachtung von namensgebenden Persö n- lichkeiten, Empfehlungen des Beirats „Namensgebende Persönlichkeiten“, Tischvorlage zur GOK am 1. Oktober 2015. Literatur: Jones, Larry Eugene: Hitler versus Hindenburg. The 1932 Pres idential Elections and the End o f the Weimar Republic. Cambridge 2016. Goltz, Anna von der: Hindenburg. Power, Myth, and the Rise of the Nazis. Oxford 2009. Hoegen, Jesko von: Der Held von Tannenberg. Genese und Funkt ion des Hindenburg -Mythos (1914- 1934). Köln/Weimar/Wien 2007. Kenkmann, Alfons: „Anstößige Krieger“ unter dem „Diktat des Zeitgeistes“? Widmungsgetümmel in Münster. In: Frese, Matthias/Weidner, Marcus (Hrsg.): Verhandelte Erinnerungen. Der Umgang mit Ehrungen, Denkmälern und Gedenkorten nach 1945. Paderborn 2018, S. 279-290. Mühleisen, Horst: Das Testament Hindenburgs vom 11. Mai 1934. In: Vierteljahreshefte für Zeitg e- schichte 44 (1996), S. 356-371. Pöppinghege, Rainer: Wege des Erinnerns. Was Straßennamen über das deutsche Geschichtsb e- wusstsein aussagen. Münster 2007. Pyta, Wolfram: Hindenburg. Herrschaft zwischen Hohenzollern und Hitler. München 2007. Reeken, Dietmar von: Heyl, Hindenburg, Hinrichs. Oldenburger Konflikte um Straßennamen zwischen Vergangenheitsbedeutung, Wissenschaft und Politik. In: Frese, Matthias/Weidner, Ma rcus (Hrsg.): Verhandelte Erinnerungen. Der Umgang mit Ehrungen, Denkmälern und Gedenkorten nach 1945. Paderborn 2018, S. 291-317. Thamer, Hans-Ulrich (2012 a): Straßennamen in der öffentlichen Diskussion: Der Fall Hindenburg. In: Frese, Matthias (Hrsg.): Fragwürdige Ehrungen!? Straßennamen als Instrument von Geschichtspolitik und Erinnerungskultur. Münster 2012, S. 251-264. Thamer, Hans -Ulrich (2012 b): Ehren und Erinnern. Straßennamen in der Geschichtskultur einer Stadt. Münster 2012 [Manuskript; Rede geh alten im Zuge der Eröffnung der Ausstellung „Ehre, wem Ehre gebührt!?“ am 25.01.2012]. Zaun, Harald: Paul von Hindenburg und die deutsche Außenpolitik 1925 -1934. Köln/Weim ar/Wien 1999. 73 Hoetgerweg (J 9), benannt 1973 nach Bernhard Hoetger (1874-1949) Bildhauer * 4. Mai 1874 in Hörde (heute Stadtteil von Dortmund) 1888-1892 Ausbildung zum Stein- und Holzbildhauer in Detmold 1892-1894 Gesellenwanderjahre in Sachsen, Berlin, Dortmund 1895-1897 Leiter einer Werkstatt für Kirchenmöbelschnitzerei in Wiedenbrück Ca. 1898-1900 Meisterschüler bei Carl Janssen an der Kunstakademie in Düsseldorf 1900-1907 Übersiedlung nach Paris; hier Stil durch Rodin und Maillol beeinflusst (Statuetten, Plasti- ken, Zeichnungen) 1905 Heirat mit Helene Natalie (genannt Lee) Haken 1906 Erste Begegnung mit Paula Modersohn-Becker und August Freiherr von der Heydt (Mäzen) 1907 Rückkehr nach Deutschland (Holthausen bei Büren) 1911-1914/15 Berufung an die Künstlerkolonie in Darmstadt durch Großherzog Ernst Ludwig von Hessen und bei Rhein; Gesamtkunstwerk Platanenhain, allegorischer Figurenzyklus „Licht- und Schat- tenseiten“ 1913 Atelier in Fischerhude bei Bremen; Aufenthalt in Florenz 1914 Beteiligung an der dritten Ausstellung der Künstlerkolonie: Neben Ausgestaltung des Platanen- hains unter anderem Löwen des Löwentors (Architekt: Albin Müller; seit 1917 Eingang Rosenhöhe) 1914 Übersiedlung in die Künstlerkolonie Worpswede; Bau und Einrichtung des „Brunnenhofs“; for t- an Prägung der Künstlerkolonie Worpswede durch Plastiken, Kunstobjekte und Architektur 1915-1922 „Niedersachenstein“, umstrittenes monumentales Denkmal in Worpswede in Erinnerung an den Ersten Weltkrieg (Bauzeit 1920-1922) 1916/17 Entwurf der TET -Stadt (nicht umgesetzt ) i m Auftrag von Hermann Bahlsen , Sonderausstel- lung bei Paul Cassirer (Berlin) 1918 Einweihung des „Revolutionsd enkmals“ (Piéta) auf dem Friedhof Walle (Stadtteil von Bremen) , das an die Niederschlagung der Bremer Räterepublik erinnern sollte 1918 erstes Treffen mit Ludwig Roselius; in dessen Auftrag später Ausgestaltung de r Böttcherstraße in Bremen 1921/22 Bau eines zweiten Hauses in Worpswede, am Hang des Weyerbergs (Das Kreative Haus) 1921/22 Café Winuwuk („Wille ist neu und Weg unserer Kunst“) in (Bad) Harzburg 1924-1927 Gesamtkunstwerk „Hoetger -Ensemble“ in Worpswede: K affee Worpswede (1925), H o- tel (1926) und Ausstellungsraum „Große Kunstschau“ (1927) 1925-1936 Künstlerische Arbeiten an der Böttcherstraße in Bremen: Paula -Modersohn-Becker-Haus und 7-Faulen-Brunnen (1925-1927), Haus Atlantis (1929-1931), „Der Lichtbringer“ (1936) 1927/28 „Zyklus des Lebens unter dem Sti gma der Arbeit“, acht Bronzefiguren an der Backsteinfa s- sade des Gewerkschaftshauses in Walle (Stadtteil von Bremen) 1928 Hag-Turm auf der Pressa in Köln; Friedrich-Ebert-Denkmal in Dortmund-Hörde 74 1931-1934 Aufenthalt in der Schweiz, in Portugal, Frankreich und Italien 1933 Zerstörung einzelner Werke Hoetgers 1934 Mitglied der NSDAP in Rom (Mitglieds-Nr. 2791181; Eintritt: 01.10.1934) 1934 Mitglied der RKdbK 1934-1936 Übersiedlung nach Berlin -Wilmersdorf; Tätigkeit als Bildhauer und Architekt; gemeinsam mit dem Architekten Herbert Helfrich Arbeit am „Deutschen Forum“ 1936 Ikonografisches Relief „Der Lichtbringer“ am Eingang zur Böttcherstraße in Bremen 1936 Hitler lehnt in seiner Rede auf dem Nürnberger Re ichsparteitag „Böttcher -Straßen-Kultur schärfstens ab“ 1936-1938 erneuter Aufenthalt in der Schweiz sowie in Portugal 1938 Ausschluss aus der NSDAP und aus der RKdbK 1938-1943 Übersiedlung nach und Aufenthalt in Berlin; Entwurf und Bau seines Atelier -/Wohnhauses in Berlin-Frohnau (1939/40, 1943 teilweise zerstört); Reliefs und Plastiken 1938/39 Reliefs für die Luftwaffenschule Greifswald Um 1939 Adolf-Hitler-Büste Um 1944 Aufenthalt in Hain (Riesengebirge/Schlesien) Ca. 1944-1948 Aufenthalt in Eichendorf (Niederbayern) und Reit im Winkl (Oberbayern) 1949 Übersiedlung in die Schweiz; Aufenthalt in Beatenberg bei Interlaken † 18. Juli 1949 in Interlaken (CH) Ehrungen: 1911 Ernennung zum Professor durch Großherzog Ernst Ludwig von Hessen und bei Rhein 1965 Hoetgerweg in Bremen 1967 Ehrengrab in Dortmund 1974 Bernhard-Hoetger-Preis (Träger: Stiftung, aus Hoetger-Nachlass gegründet) [weitere Straßenbenennungen] Wirken in der NS-Zeit Bernhard Hoetger, gelernter Bildhauer, dazu Kunsthandwerker, Maler und Architekt, hat i n Darmstadt aus seiner Zeit als Mitglied der Künstlerkolonie (1911 -1914) markante Spuren hinterlassen (Gesamtkunstwerk Platanenhain, Löwen des Löwentors). Seitens des NS - Regimes wurde seine Kunst nicht goutiert – obwohl Hoetger nachweislich ein Anhänger de r „Bewegung“ war. „Wenn er [Hoetger] in seinen persönlichen Briefen ehrlich war – und es gibt keinen Grund daran zu zweifeln –, dann ist das Bild von Bernhard Hoetger als einem Künstler, der die Zeitläufte mißverstand, ebenso aufzugeben wie das Bild eines ‚entarteten‘ Künstlers im inneren Exil, auch wenn er und sein während der Weimarer Republik entstandenes Œvre Angriffen durch Nationalsozialisten ausgesetzt waren. Hoetger war nicht einmal nur Mitläufer, sondern er war Anhänger der Bewegung. Allerdings – 75 und das ist wichtig zu betonen – war er nicht aktiv partei- und realpolitisch tätig. Wohl aber stützte er durch seine Kunst die Idee des Nationalsozialismus und damit das System“ (Hirthe, S. 278). Zu dieser Einschätzung hinsichtlich Hoetgers Verhältnisses zum Nationalsozialismus (und vice versa) gelangte der Kunsthistoriker Thomas Hirthe in seinem Beitrag zum „Ausstellungskat a- log 1998“, nachdem er sich intensiv mit Person und Werk Bernhard Hoetgers in der NS -Zeit auseinandergesetzt hatte. Hirthe standen für seine Forschung (auf die im Folgenden ma ß- geblich rekurriert wird) gerade zugänglich gemachte private Korrespondenzen sowie weitere Archivalien aus dem Bernhard Hoetger -Nachlass der Kunstsammlungen Böttcherstraße, Bremen, zur Verfügung sowie Quellen aus pri vaten Sammlungen (teilweise veröffentlicht unter Dokumentation im „Ausstellungskatalog 1998“, S. 420-501). Tatsächlich sah sich Hoetger Anfeindungen von NS -Organen ausgesetzt, wurde seine Kuns t- auffassung von Adolf Hitler persönlich angegriffen, einzelne se iner Werke zerstört oder als „entartete Kunst“ beschlagnahmt. Zugleich versuchte Hoetger von 1933 bis 1943 sich dem NS-Regime mit seiner Kunst anzudienen – und bezeichnete sich als überzeugten Anhänger der „Bewegung“. Bernhard Hoetger als „Opfer“ des Nationalsozialismus Bernhard Hoetgers Kunst erfuhr in der NS-Zeit nicht die Wertschätzung, die sich der Künstler erhoffte (bzw. die er erwartete). 1933 wurden einzelne Hoetger-Kunstwerke zerstört: Bereits im März wurden a uf Beschluss des Bremer Senats die Hoetger-Figuren aus dem „Zyklus des Lebens unter dem Stigma der Arbeit“ von der Fassade des Gewerkschaftshauses in Bremen entfernt und eingeschmolzen; im Zuge von nationalsozialistisch motiviertem Vandalismus ebenso zerstört wurden Hoetgers Pietà auf dem Friedh of Bremen -Walle (ein Denkmal zur Erinnerung an die gefallenen Arbeiter und Revolutionäre der Räterepublik ) sowie das von ihm gestaltete Friedrich -Ebert-Denkmal in Dortmund -Hörde – alles Kunstwerke, die in der Zeit der Weimarer Republik entstanden waren. De r nationalsozialistische Vandalismus we n- dete sich gegen erklärte Feinde der „Bewegung“, gegen Gewerkschaften, Kommunisten und Sozialdemokraten; jene Zerstörungen standen noch nicht im Bezugsrahmen der systemat i- schen „Säuberungsaktion Entartete Kunst“. In den Jahren 1935 und 1936 geriet Hoetger als Person und Künstler verstärkt persönlich in die Kritik. Besonders Artikel in der NS -Zeitschrift „Das Schwarze Korps. Zeitung der Schut z- staffeln der NSDAP – Organ der Reichsführung SS“ griffen Hoetger wiederholt an (BArch Ber- lin, R 43 -II/1320 sowie NS 5 -VI/17612). Kritisiert wurden hier Werke Hoetgers aus der Zeit vor 1933. Bezüglich der Figuren am Bremer Gewerkschaftshaus etwa hieß es: „Sie dürfen nicht erwarten, Herr Hoetger, daß ihre rassisch -minderwertigen verkrüppelten Jammer- gestalten deutscher Frauen und Arbeiter unsere Sehnsucht nach gesunden, geistig und körperlich hochwertigen Menschen erfüllen können“ (Das Schwarze Korps vom 26.06.1935). Gleichermaßen ablehnend äußerten sich Artikel im „Schwarzen Korps“ übe r Hoetgers „Revo- lutionsdenkmal“ auf dem Waller Friedhof („in den Wirren der Revolte eine schaurige Ang e- legenheit“, 26.03.1936) und die Böttcherstraße in Bremen (21.08.1935 und 24.10.1935). 76 Gerade Hoetgers Arbeiten in der Böttcherstraße wurden wiederholt al s „undeutsch“ g e- brandmarkt: „Allein die völlig unverständliche Architektur eines Hoetger am Eingang der öffentlichen Straße fo r- dert unsere schärfste Ablehnung heraus, besonders da auch hier wieder versucht wird, durch Jonglie- ren mit den Worten ‚nordisch, b odenständig, niedersächsisch‘ die gesunde Urteilskraft des unverbi l- deten Beschauers unsicher zu machen. Die Böttcherstraße gehört in Deutschland zu den unmöglichs- ten Machwerken auf architektonischem Gebiet, wenn wir jetzt einmal von zahlreichen kubistische n Glas- und Betonkästen, morgenländischen Flachdächern und anderen Zweckmäßigkeitsbauten abs e- hen wollen. Sie steht mit ihren ‚bewußten Verrücktheiten‘, um ein Wort des Führers zu gebrauchen, in schroffem Gegensatz zu dem schönen mittelalterlichen Marktplat z“ (Das Schwarzes Korps vom 21.08.1935). Hoetger hatte zwischen 1925 und 1931 große Teile der Böttcherstraße gestaltet, darunter besonders hervorzuheben das „Haus Atlantis“. Der Auftrag kam von Ludwig Roselius, ve r- mögender Kaffeekaufmann (Kaffee HAG) sowie Mäzen und Freund Hoetgers, der Häuser und Parzellen der völlig heruntergekommenen Gasse in der Bremer Altstadt erworben bzw. g e- pachtet hatte. Ideologisch beeinflusst unter anderem von Herman Wirth, Germane n- schwärmer und Ur-Symbolforscher – der die These vertrat, alle Hochkulturen der Welt seien im (in der Nordsee versunkenen) Reich Atlantis entstanden, und daraus eine Überlegenheit der „nordischen Kultur“ sowie des deutschen Volkes ableitete – sollte die völlige Umgesta l- tung der Böttcherstraße den Versuch darstellen, „dem deutschen Volk wieder deutsches Denken beizubringen“ (Roselius 1936, zitiert nach Hirthe, S. 286). Hoetger zeigte sich offen für Wirths These sowie Roselius‘ Auftrag und arbeitete daran, den Mythos mit dem 1931 fertiggestellten Bau des „Ha uses Atlantis“ mit Leben zu füllen – mit stark völkischem Be i- klang (als „eine Manifestation deutsch -völkischen Denkens“, Strohmeyer 1998, S. 220). An der Fassade befand sich etwa eine gewaltige Holzskulptur („Lebensbaum“), in deren Zen t- rum der germanische Gott Odin ans Kreuz genagelt hing (ausführlich zur Böttcherstraße, ihrer Entstehungsgeschichte und angedachten Funktion, siehe Beiträge Strohmeyer und Boulboullé). Als besonders problematisch für Hoetger erwies sich, dass Adolf Hitler in einer Parteitagsr e- de die Böttcherstraße dezidiert als Beispiel für eine irregeleitete Kunstauffassung nannte: „Wir haben nichts zu tun mit jenen Elementen, die den Nationalsozialismus nur vom Hören und S a- gen her kennen und ihn daher nur zu leicht verwechseln mit undefinierb aren nordischen Phrasen , und die nun in irgendeinem sagenhaften atlantischen Kulturkreis ihre Motivforschungen beginnen. Der Nationalsozialismus lehnt diese Art von Böttcher-Straßen-Kultur schärfstens ab“ (Hitlers Rede auf der Kulturtagung des Parteitags der NSDAP in Nürnberg, 09.09.1936, zitiert nach Eickmeyer, S. 114). In Teilen der NS -Presse wurde der Abriss der Böttcherstraße gefordert; im „Völkischen B e- obachter“ unter der Überschrift „Die Böttcherstraße †“ ein Nachruf veröffentlicht und darin noch einmal gerade Hoetgers künstlerischer Beitrag dezidiert auf- und angegriffen: „Die Böttcherstraße hat als ‚Hoetger -Straße‘[,] d. h. mit dem Teil, den der Bildhauer Bernhard Hoe t- ger als Architekten-Dilettant ohne jede architektonische Grundhaltung ‚entwarf‘ und mit seinen plas- tischen intellektuellen Ausgeburten voll ‚nordischer Symbolik‘ verunzierte, ihre fatale Berühmtheit erlangt“ (Völkischer Beobachter vom 25.09.1936, zitiert nach „Ausstellungskatalog 1998“, S. 490). 77 Die offizielle Kritik des „Führers“ an Hoe tgers Kunst war schließlich ausschlaggebend für des- sen Ausschluss aus der NSDAP 1938 (ausführlich dazu siehe unten). Hoetger musste wegen seines (freiwilligen) Aufenthalts im Ausland – er lebte von Herbst 1936 bis Sommer 1938 vorwiegend in der Schweiz – ein Verfahren wegen Hinterziehung der „Reichsfluchtsteuer“ über sich ergehen lassen. Die Klage war durch „Das Schwarze Korps“ initiiert worden und endete mit dem Urteil des Reichsfinanzhofs vom 01.08.1938 zugunsten des Angeklagten. Zwischenzeitlich war Hoetger über einen „Steuersteckbrief“ zur Festnahme ausgeschrieben (die Steuerschuld betrug 7.150 RM, Das Schwarze Korps vom 07.10.1937). Die Reichskammer der bildenden Künste (RKdbK) nahm das Verfahren dennoch zum Anlass, Hoetger im März 1938 aus der RKdbK auszuschließen (Hirthe, S. 279). Im Zuge der nationalsozialistischen „Säuberungsaktion Entartete Kunst“ wurden einzelne Werke Hoetgers beschlagnahmt; die Anzahl differiert in der Forschung zwischen drei und 16 Werken. Ob bzw. welche Werke Hoetgers in der groß en Ausstellung „Entartete Kunst“ in München 1937 gezeigt wurden, ist unklar (Hirthe, S. 293, FN 3). In einem Schreiben des La n- desleiters der RKdbK in Berlin aus dem Jahr 1941 wird deutlich, dass Hoetgers maßgebliche Werke vor 1933 aus Sicht des NS -Regimes „fast ausnahmslos Werke der entarteten Kunst“ darstellten (Brief vom 26.08.1941, zitiert nach Strohmeyer 2000, S. 85). Der größte Teil von Hoetgers zwischen 1933 und 1943 entstandenem Werk – Plastiken, Ge- mälde, Zeichnungen, architektonische Entwürfe – blieb einem kleinen Kreis von Freunden bzw. Interessierten vorbehalten (Hirthe, S. 280). Nachdem sein Atelier- und Wohnhaus 1943 bei einem Luftangriff auf Berlin teilweise zerstört worden war, zog Hoetger mit seiner Frau über Hain (Riesengebirge/Schlesien) nach Eichendorf (Niederbayern); im Sommer 1946 ve r- legte das Ehepaar (laut „Ausstellungskatalog 1998“, S. 501) seinen Wohnsitz nach Reit im Winkl (Oberbayern). Nachdem sie im Juli 1948 eine Reisegenehmigung für die Schweiz erha l- ten hatten, zogen die Hoetgers i n die Schweiz, wo Bernhard Hoetger am 18. Juli 1949 ve r- starb. In seinen letzten Lebensjahren war er gesundheitlich und psychisch angeschlagen; nach 1943 entstanden keine nennenswerten Werke mehr aus seiner Hand. Bernhard Hoetger als Anhänger der „Bewegung“ In Briefen und Stellungnahmen hat sich Bernhard Hoetger wiederholt als überzeugter An - hänger der nationalsozialistischen „Bewegung“ und als Verehrer des „Führers“ Adolf Hitler bezeichnet. Seine bereits vor 1933 an völkisch -nordische Ideologien angelehnte (expressio- nistische) Kunst erschien ihm zumindest anknüpfungsfähig an die NS-Ideologie. Hoetger erfuhr im Ausland von ersten Zerstörungen seiner Werke. Er äußerte sich zunächst verständnisvoll – machte zugleich aber auf die empfundene Ungerechtigkeit der M aßnah- men aufmerksam: „Man hat in Bremen begonnen meine Plastiken am Gewerkschaftshaus abzutragen, und eine größere Plastik auf dem Friedhof soll noch abgetragen werden. Später wird wohl der Rest meiner Tätigkeit vernichtet werden. – Mich regen diese Eingri ffe nicht auf, denn ich weiß, daß bei so großen polit i- schen Umwälzungen immer Irrtümer vorkommen – und daß ich ihr Opfer bin, kann mich nicht a b- schrecken an den guten Willen der Aufbauenden zu glauben. [… ] Ich trage gern die im Gesamt bild 78 kleinen Opfer, wenn ich weiß, daß damit der Auftrag gefördert wird. […] Ich glaub e an das zukünftige Deutschland“ (Hoetger aus Nizza an Emil Szittya in Paris, 18.04.1933, zitiert nach Hirthe, S. 278). Hoetger hielt sich von Sommer 1931 bis zum Herbst 1934 im Ausland auf; i n Portugal, Frank- reich, in der Schweiz und schließlich in Rom. Im Herbst 1934 trat er in Rom in die NSDAP ein („Auslands-NSDAP“, Mitglieds-Nr. 2791181; Eintritt: 01.10.1934 , BArch Berlin, BDC, NSDAP - Mitgliederkartei). Ob der Eintritt in die NSDAP mit dem k urz darauf folgenden Umzug nach Deutschland in direktem Zusammenhang stand, lässt sich ebenso wenig nachweisen wie ein möglicher Zusammenhang zu Hitlers Rede auf dem Reichsparteitag in Nürnberg am 05.09.1934: Der „Führer“ hatte hier „die vielleicht größte kulturelle und künstlerische Au f- tragserteilung aller Zeiten“ in Aussicht gestellt – aber nur für Nationalsozialisten und nicht für diejenigen, deren Kunstverständnis „auf altertümlichen Überlieferungen beruht“ (vgl. Eikmeyer, Dokument 3, S. 63-79, Zitate S. 75). „Europäisches Kraftfeld“ und „Deutsches Forum“ (1934-1936) 1934 wurde Hoetger auf eigenen Wunsch in die RKdbK aufgenommen, als Maler (M 9484) und Bildhauer (B 1664). Er war somit offiziell als Künstler anerkannt und konnte entspr e- chend arbeiten. Noc h während seines Aufenthalts in Rom lernte Hoetger den jungen Arch i- tekten Herbert Helfrich kennen, Geschäftsführer der römischen Ortsgruppe der NSDAP, der später erfolgreich als Architekt für das Reichsluftfahrtministerium arbeiten sollte. Zu Hel f- rich, der zu der Zeit in Rom studierte, entwickelte Hoetger eine enge Freundschaft. Von Ende 1934 bis September 1936 lebte und arbeitete Hoetger in Helfrichs Haus in Berlin. Noch in Rom (1934) begannen Hoetger und Helfrich mit der Planung eines „vom Geist des Natio nal- sozialismus getragene[n]“ (Hirthe, S. 280) Großprojekts: Dem „Europäischen Kraftfeld“ bzw. dem „Deutschen Forum“ (zum Folgenden ausführlich Hirthe, S. 280-285). Die konzeptionelle sowie künstlerische Leitung oblag Hoetger, der Erfahrungen mit der Konzep tion städtebauli- cher Großprojekte mitbrachte (TET -Stadt Hannover); auch ein erstes, kleineres Modell en t- stand wohl schon in Rom. In Berlin entwickelte Hoetger die monumentale Anlage in mehr e- ren dokumentierten Schritten weiter, erweiterte und präzisierte di e Konzeption des u r- sprünglich „Europäisches Kraftfeld“ betitelten Areals. Auf dem Weg zum „Deutschen Forum“ wurde der Entwurf „gleichsam ‚eingedeutscht‘ und ‚nazifiziert‘“ (Hirthe, S. 282). Die Au s- gangsplanung umfasste fünf riesige Hallen, die durch breite Alleen und Brückenanlagen mi t- einander in Beziehung standen, die wiederum durch monumentale Toranlagen begrenzt w a- ren. Das Projekt war offensichtlich nicht in eine bestimmte Umgebung hinein geplant. Die „Nazifizierung“ der Konzeption im Verlauf des Jahres 1935 manifestierte sich eindrücklich in einem von Hoetger völlig neu entworfenen Zentralbau: Anstelle der ursprünglich dezentral angeordneten „Heldenhalle“ befand sich im abschließenden Entwurf des „Deutschen F o- rums“ im Zentrum der Anlage ein Kuppelbau „um geben von winkelförmigen Trabanten mit begehbaren Flachdächern, die hakenkreuzförmig um sie herum angeordnet“ waren. Die Kuppel thronte somit auf einem Unterbau mit dem Grundriss eines Hakenkreuzes. Zugleich waren die Alleen noch wesentlich größeren Aufmar schplätzen gewichen. Dem fünf Hallen 79 umfassenden Erstentwurf standen (neben offenen Sport - und Aufführungsstätten) nur mehr zwei monumentale Hallen entgegen: „Während die ‚Kongreßhalle‘ wohl als polyfunktionaler Bau für Veranstaltungen zur Bildung des Pa r- teivolkes konzipiert war, sollte das allseits von Freiflächen großzügig umgebene ‚Herz der Anlage‘, der formal überarbeitete und durch den Reichsadler als Hoheitszeichen bekrönte ‚Kultbau‘ über h a- kenkreuzförmigem Grundriß, Ort der nationalsozialistisch -pseudoreligiösen Glaubensbildung und - festigung sein“ (Hirthe, S. 284). Monumentale Skulpturen, die Hoetger zeitweise vorgesehen hatte, waren nun nicht mehr Teil des Entwurfs der Gesamtanlage, was möglicherweise – ähnlich wie die Reduktion der Anzahl der Kuppelbauten – mit deren immensen Kosten in Zusammenhang stand. Ein großformatiges Modell des abschließenden Entwurfs wurde Ende 1935 in Bremen ausg e- stellt und Anfang 1936 in der Städtischen Kunsthalle Nürnberg (Roselius hatte sich direkt an den fränkischen Gau leiter Julius Streicher gewandt, der wohl die Ausstellung ermöglichte). Anlässlich der Ausstellung wurde eine Faltkarte mit erklärenden Texten produziert. Ein Freund Hoetgers, der Kunsthistoriker Nikola Michailow, veröffentlichte im Februar 1936 e i- nen Arti kel über Hoetgers bildhauerisches und architektonisches Werk, in dem er auf das „Deutsche Forum“ Bezug nahm: „Seit drei Jahren arbeitet Hoetger gemeinsam mit dem jungen westfälischen Architekten Helfrich an einem riesigen Projekt, in dem das ganze Leben de r Nation sinnhafte architektonische Gestalt erha l- ten soll. […] [I] n diesem Plan [scheint] die schöpferische Synthese aller fruchtbaren Lösungen und Errungenschaften der neuen Baukunst enthalten“ (zitiert nach Hirthe, S. 285). Die gigantische Anlage wurde n ie umgesetzt; als Indiz dafür, wie sehr sich Hoetger mit dem Projekt identifizierte (und dass er bis in die 1940er Jahre daran festhielt), deutete Hirthe großformatige Entwürfe Hoetgers für skulpturalen Schmuck des Forums bzw. für vergleic h- bare nationalsozialistische Bauten aus den Jahren 1941 und 1943 (siehe dazu Abb. 7, Hirthe, S. 285). Da es für das Projekt keinen Auftraggeber gab, handelte es sich um „eine freie und das heißt auch: aus Überzeugung entstandene Planung“ (Hirthe, S. 284). In der NS -Presse wurde das Projekt skeptisch betrachtet. Der gegen Hoetger erhobene Vo r- wurf, er sei einzig „aus Konjunkturrücksichten“ zum Nationalsozialisten geworden, spielte auch für die Bewertung des „Deutschen Forums“ eine wesentliche Rolle: „Wer garantiert dafür, daß Herr Hoetger uns nicht eines Tages durch seinen Testamentsvollstrecker wissen läßt, daß dieses hakenkreuzlerische Forumsprojekt ja doch nichts anderes gewesen sei als eine ganz üble Pflaume, ein humorvoller Protest gegen das herrschende Nazi -Regime? Ja, j a, Herr Hoetger, bei Ihnen muß man auf der Hut sein, man schaut nie ganz durch. Irgendwo bricht der alte nordische Schalk immer wieder hervor!“ (Notwendige Klarstellungen: Bernhard Hoetger. In: Das Schwarze Korps vom 26.03.1936). Relief „Der Lichtbringer“ (1936) Das erste öffentliche plastische Werk Hoetgers in der NS-Zeit entstand im Zuge der Böttcher- straßen-Kritik ab 1935 (zum Folgenden Hirthe, S. 285-288). Es zeigt eindeutig formale Übe r- einstimmungen mit nationalsozialistischem „Kunstempfinden“: Das groß formatige Relief 80 „Der Lichtbringer“ wurde im April 1936 am stadtseitigen Eingang der Böttcherstraße ang e- bracht und ersetzte dort eine eher ornamental -expressionistische Gestaltung Hoetgers. Auf dem Relief zu sehen ist ein schlanker Jüngling – in seiner rechten Hand ein Flammenschwert haltend, den linken Arm ausgestreckt – der an den heiligen Michael erinnernd einen dre i- köpfigen Drachen bedroht. Im Hintergrund sind miniaturhafte Menschen in zeitgenössisch einfachen Gewändern zu sehen, die sich dem Lichtbring er mit teils erhobenen Armen z u- wenden. Hoetger erläuterte in einem Brief an Helfrich vom September 1936 (eine Woche nach der erwähnten Rede Hitlers in Nürnberg – Hoetger lebte wieder in der Schweiz –) seine Gedanken zu dem Bronzerelief als Ausdruck seiner Begeisterung für den Nationalsoziali s- mus: „Damit glaubte ich nun endlich der Welt beweisen zu können, wie sehr ich unseren Führer und seine Taten verehre. Alles habe ich in dieses Relief gelegt und war voller Hoffnung. […] Wie gerne hätten wir [Hoetger und Roselius, HK] auf das Relief die Jahreszahl 1933 eingeschnitten, wenn wir nicht b e- fürchtet haben würden, man könne das als Konjekturabsicht uns unterschieben. Ich glaube auch, daß ich machen könnte, was ich wollte, man würde nicht von der einmal gefaßten Meinung gegen mich abgehen. […] Warum darf ich nicht mit meiner wahren Begeisterung an dem großen Aufbau Deutsc h- lands mitarbeiten und warum will man mich nicht verstehen? Ich weiß keinen Ausweg mehr, denn ich habe alles, was ich konnte [,] getan und meine l etzten Arbeiten beweisen meine eindeutige, b e- wundernde Einstellung für das neue Reich. Ich werde somit in aller Stille mich durch vertiefte Arbeit vorbereiten und ich hoffe, daß man nach einigen Jahren begreift, daß man mir Unrecht getan hat. Ich bin ganz fest durchdrungen, daß die Zeit hier klärend wirkt und daß meine Arbeiten jung, stark und groß genug sein werden unser neues Reich zu verherrlichen“ (Hoetger an Herbert Helfrich, Beate n- berg, 16.09.1936, veröffentlicht in „Ausstellungskatalog 1998“, S. 489 f.). Neben dem „Lichtbringer“ -Relief wurden weitere Veränderungen in der Böttcherstraße vo r- genommen: Im „Himmelssaal“ von „Haus Atlantis“ ließ Roselius die Namen „großer Deu t- scher“ an den Wänden auftragen; in der Mittelachse des Saals stand nun Hoetgers Sk ulptur „Schreitender Knabe“ (1911) – auf einem Sockel mit SS -Runen (Abbildungen von „Der Lich t- bringer“ und der Skulptur „Schreitender Knabe“ auf SS -Runen-Sockel bei Groth/Herrmann, S. 96). Es gelang Ludwig Roselius – der auch der Aufraggeber des „Lichtbringer“-Reliefs war – schließlich, dass die Böttcherstraße nicht zerstört wurde; ganz im Gegenteil: sie gelangte im Mai 1937 unter Denkmalschutz. – Wiederholt wurde und wird behauptet, dass die Böttche r- straße als Beispiel für „entartete Kunst“ geschützt wurde , wofür es aber keine eindeutigen Belege gibt. Der Senat der Stadt Bremen hatte diese Variante (die Erhaltung als Dokument des „Kulturbolschewismus“ in Konkurrenz zur bevorzugt in Erwägung gezogenen Umgesta l- tung der Böttcherstraße) bereits 1935 ins Spiel g ebracht ( 10.10.1935, Senator Erich Vagts, Bremen, an Lammers, Staatssekretär in der Reichskanzlei, Berlin, BArch Berlin, R 43 -II/1320). In den tradierten Dokumenten ist wiederholt davon die Rede, dass Adolf Hitler sich gegen bauliche Änderungen (im Sinne des Bremer Senats) ausgesprochen habe ( BArch Berlin, R 43- II/1320). – Das „Lichtbringer“-Relief ziert bis heute den Eingang zur Böttcherstraße und wird als „das einzige öffentliche Hitler -Denkmal, das heute noch steht “ ( Christoph Spehr: Der Lichtbringer – ein Hitler-Denkmal, 12.11.2013) in Bremen öffentlich diskutiert. 81 Thomas Hirthe bewertete das Relief (nach Auswertung von Hoetgers Briefwechseln) als Ve r- such, seine Loyalität zum NS-Regime zu unterstreichen: „Die Darstellung des ‚Lichtbringers‘ entstand also aus tiefer nationalsozialistischer Überzeugung des Künstlers und in einer Zeit, als Hoetger im Ausland propagandistisch für die ‚Bewegung‘ tätig war. Er und sein Auftraggeber Roselius waren wohl der festen Ansicht, mit diesem Kunstwerk die umstritte- ne, in ‚kulturbolschewistischer‘ Zeit entstandene Straße in die neue Zeit einbinden zu können“ (Hirthe, S. 287 f.). Parteiausschlussverfahren (1936-1938) Hoetger wertete die Kritik seitens des NS-Regimes insgesamt als großes Missverständnis. Auf seine Verehrung des „Führers“ schien auch dessen offene Kritik an der „Böttcherstraßen - Kultur“ Anfang September 1936 kaum Einfluss ausüben zu können: „Die Rede des Führers finde ich in allen Schlußfolgerungen wundervoll. Die Bemerkungen und Hi n- weise auf die Architektur, d ie Hinweise auf die kulturschaffende Politik [,] die Begründung für die gesunde, starke Form der Kunst, alles sind Auslassungen, die dem inneren Gesetz des Nationalsozi a- lismus folgen. Wir sind bestimmt alle bereit für diese schöne Idee zu schaffen. Die Bemerkung über die Böttcherstraße ist nur deswegen gefallen, weil man einen Kreis in der Böt t- cherstraße vermutet, der sich gegen den Nationalsozialismus gewendet haben soll. […] Ich wollte in meinen Formen klar, eindeutig und nordisch vertikal sein. Es war da mals durch die Ei n- flüsse der jüdischen Presse sehr schwer eigene, unserem Volke verwandt e Formen zu schaffen, noch schwerer aber diese Einflüsse zu überwinden und abzustoßen. Wenn es heute einige Menschen gibt, die die Böttcherstraße auffassen, als solle e s ein Formenkanon für alle Zukunft darstellen, der irrt sich. Auch die Böttcherstraße bleibt immer nur ein Versuch Fremdes abzustoßen“ (Hoetger an Wi l- helm Teichmann, Beatenberg, 16.09.1936, veröffentlicht in „Ausstellungskatalog 1998“, S. 490). Um die Ansc huldigungen, die in der NS -Presse gegen ihn vorgebracht wurden (durch seine Werke in der Nachkriegszeit „zersetzend gewirkt zu haben“, „Nationalsozialist aus Konjun k- turrücksichten“ gewesen zu sein, eine „politisch links gerichtete Haltung vertreten zu h a- ben“) zu entkräften, entschloss sich Hoetger für einen eher ungewöhnlichen Schritt: Er stel l- te 1936 selbst einen Antrag auf Untersuchung vor dem Parteigericht der NSDAP -Auslands- organisation. Das „Parteigerichtsverfahren gegen den Bildhauer Prof. Bernhard Ho etger“ endete mit dem Urteil vom 25.04.1938 (Dokumentation „Ausstellungskatalog 1998“, S. 498- 501) – mit dem Ergebnis, dass Hoetger aus der NSDAP ausgeschlossen wurde. Abgesehen von der Tatsache, dass dieses Ergebnis das Gegenteil des von Hoetger erhofften darstellte, liefert die umfangreiche Urteilsbegründung einige interessante Aspekte. Für den Ausschluss aus „dem Führer-Orden des Dritten Reiches“ als wesentlich betrachtet wurden (laut Urteil s- begründung) Hoetgers künstlerische Werke vor 1933 sowie seine „ zweifelhafte Rolle“ in p o- litischer Hinsicht. Das Gericht glaubte Hoetger nicht, dass seine Kunst in der Weimarer R e- publik unpolitisch gewesen sein soll (wie von ihm behauptet), bescheinigte ihm vielmehr eine „ungewöhnliche Wandlungsfähigkeit“, die es ihm z u Lasten auslegte. Besonders schwer wog für die Urteilsfindung Hitlers persönliche Kritik: „Entscheidend ist aber, daß er [Hoetger] bis kurz vor der Machtübernahme und wahrscheinlich auch heute noch Auffassungen ve r- tritt, die der Führer in der Kulturrede v om Jahr 1936 als eine Gefahr für die Bewegung gege i- 82 ßelt hat.“ Der Ausschluss erschien dem Gaugericht daher alternativlos, wenngleich Hoetger kein „schuldhafter Verstoß gegen die Satzungen“ nachgewiesen werden konnte. In der Lit e- ratur wird der Ausschluss au s der NSDAP wiederholt als Beleg dafür angeführt, dass der Künstler als „Opfer“ des NS -Regimes anzusehen sei. In der Urteilsbegründung finden sich jedoch Passagen, die selbst bezüglich des Ausschlusses aus der Partei ein differenzierteres Bild nötig erscheinen lassen: „Das Gaugericht ist vielmehr aufgrund der mündlichen Verhandlung der Überzeugung, daß der Ang e- schuldigte aus ehrlicher Begeisterung für die Ziele des Nationalsozialismus in die Partei eingetreten ist. […] Auch die Tatsache, daß sich der Angesc huldigte in den Nachkriegsjahren um ‚nordische Kunst‘ bemüht hat, wenn auch diese ‚nordische Kunst‘ in keiner Weise etwas zu tun hat mit dem, was der Nationalsozialismus unter nordischer Kunst versteht, läßt es wahrscheinlich erscheinen, daß sich der Angeschuldigte aus innerster Überzeugung zur Partei anmeldete, so wie seine bitteren Erfahrungen mit dem Judentum ihm den Eintritt in die Partei wünschenswert gemacht haben mögen. […] Der B e- weis, daß er aus Konjunkturgründen in die Partei eingetreten ist, ist n icht erbracht worden“ (Dok u- mentation „Ausstellungskatalog 1998“, S. 500). Wenngleich das Gaugericht die Entlassung aus der Partei als erforderlich ansah, vertrat es dennoch die Auffassung, dass „Hoetger als Mensch“ nichts vorzuwerfen sei und verknüpfte den Parteiausschluss mit der Hoffnung, Hoetger möge der „Bewegung“ nicht verloren g e- hen: „Das Gaugericht hebt aber gleichzeitig hervor, daß gegen Hoetger als Mensch, abgesehen von seiner unklaren künstlerischen und politischen Linie, Vorwürfe nicht erhoben werden können, insbesondere hat er gegenüber Versuchen, sich im Auslande von Emigrantenkreisen einspannen zu lassen und g e- gen das Dritte Reich Stellung zu nehmen, eine eindeutige Haltung eingenommen, wie das Gaugericht auch zu der Überzeugung gekommen ist, daß er ein ehrlicher Deutscher und begeistert von dem Au f- bauwerk des Führers ist. […] Das Gaugericht gibt daher der Hoffnung Ausdruck, daß Hoetger, wenn er auch nicht Parteigenosse sein kann, sich nicht zurückzieht aus der alle deutschen Menschen umfa s- senden von der Bewegung geführten Volksgemeinschaft und sich in der Zukunft als wertvolles au f- bauendes Element in ihr erweist“ (ebenda). Späte Arbeiten: Museum Kolberg, Luftwaffenschule Greifswald, Hitler-Büste Ebenfalls 1936, noch im Atelier Helfrich in Berlin , entstanden die Büste „Paracelsus“ und die Allegorie „Empor“, jeweils ohne Auftraggeber. Thematische Ausrichtung und Gestaltung der Bronzen entsprachen der Kunstauffassung des Nationalsozialismus; Hoetger hatte sich von seiner expressionistischen Gestaltu ng ab- und seinen impressionistischen Anfängen wieder zugewandt. Seine Hoffnung auf Erfolg war nicht unbegründet: Spätestens im Oktober 1936 besaß Gauleiter Julius Streicher einen Guss der „Paracelsus“-Büste (Hirthe, S. 288). Zudem erhielt Hoetger den Auft rag, für das Kulturgeschichtliche Museum in Kolberg zwei Büsten anzufertigen (überlebensgroße Köpfe „Gneisenau“ und „Schill“), die im Mai 1937 in der „Ehren- und Gedächtnishalle 1807“ auf- und ausgestellt wurden (Hirthe, S. 289 f.). Hoet- gers Freund Nikolai Michailow war Direktor des Museums; stilistisch hielt sich Hoetger dabei strikt an das im Nationalsozialismus vertretene Konzept der Allgemeinverständlichkeit von Kunst. 83 Nach seiner Rückkehr nach Berlin 1938 arbeitete Hoetger an Reliefs für das neue Gebäu de der Luftwaffenschule in Greifswald. Möglicherweise war die Arbeit auch der Grund für seine Rückkehr nach Deutschland: sein Freund Helfrich hatte ihm den Auftrag vermittelt; Hoetger arbeitete 1938/39 folglich (obwohl er aus der Partei ausgeschlossen word en war) für die Luftwaffe im nationalsozialistischen Deutschland (Hirthe, S. 290 f.). Dafür muss er wieder Mitglied der RKdbK geworden sein (was sich aus den eingesehenen Dokumenten nicht näher belegen lässt). Um 1939 entstand auch eine Hoetger zugeschrieb ene Bronzebüste Adolf Hi t- lers (Hirthe, S. 291). Mit Kriegsbeginn 1939 kam die Vergabe öffentlicher Kunstaufträge allgemein zum Erliegen; auch für Hoetger, der bis 1943 weiterhin in Berlin lebte und in seinem Atelier in Frohnau arbeitete, ergaben sich keine öffentlichen Aufträge mehr. Ende 1939 bemühte sich Hoetger um die Aufnahme in die RKdbK als Architekt (Aufnahme 1940, rückdatiert auf 01.04.1937). In einem Brief vom Dezember 1942 an Arno Breker, zu der Zeit einer der wichtigsten Vertreter der NS-Kunst im Bereich der Bildhauerei (Gabler, S. 83 ff.), bat Hoetger Breker um Unterstüt- zung für sein Anliegen, einige seiner Werke im Haus der deutschen Kunst in München au s- stellen zu dürfen. Als Begründung führte er an: „Ich habe in diesen Jahren unentwegt in der S tille meines Ateliers geschafft und ich glaube, nach besten Kräften meinen Beitrag im großen Kampf der Nation geleistet zu haben und zu leisten. Sie werden verstehen, sehr verehrter Herr Kollege, daß ich es gerade in diesem Zeitpunkt als eine Ve r- pflichtung empfinde, meine Arbeit in den Dienst der Nation zu stellen, eine Verpflichtung, deren bi s- herige Nichterfüllung mich innerlich keine Ruhe finden läßt […]“(Hoetger an Arno Breker, Berlin, 03.12.1942, Dokumentation „Ausstellungskatalog 1998“, S. 497). Hoetgers Wirken vor 1933 blieb den Nationalsozialisten bis mindestens 1938 verdächtig; seine unterschiedlichen expressiven Spielarten (die ihn aus heutiger Sicht als einen bede u- tenden Vertreter des Expressionismus erscheinen lassen) waren mit dem engen Kunstve r- ständnis des NS -Regimes nicht zu vereinbaren. Hoetger passte seine plastischen Werke in der Zeit nach 1933 allerdings seinem nationalsozialistischen „Wollen“ entsprechend an. A l- lein: Bis auf wenige Aufträge, die ihm befreundete Nationalsozialisten beschafft en, blieb seine Kunst die Anerkennung des NS-Regimes – um die er sich als von der „Bewegung“ übe r- zeugter Künstler derart bemühte – versagt. Oder, wie Thomas Hirthe es formulierte: „Er war- tete auf seine Stunde – die nicht kam“ (Hirthe, S. 280). Es ließen si ch keine Entnazifizierungsdokumente recherchieren, obwohl Hoetger um 1946 – anders als häufig zu lesen – noch in Deutschland (und noch nicht in der Schweiz) lebte. Quellen: BArch Berlin, BDC, NSDAP-Mitgliederkartei BArch Berlin, R 43-II/1320 BArch Berlin, NS 5-VI/17612 STAM, Anfrage Entnazifizierungsakten [keine Dokumente überliefert] 84 HStAD, R 4 [Bilder von Kunstwerken, auch von „Der Lichtbringer“] HStAD, R 12 P Nr. 2365 Regierungsblatt 1911, Beilage 21, S. 199 [Ernennung zum Professor am 17.06.1911] StadtA Da, ST 61, Hoetger, Bernhard Kunstsammlungen Böttchers traße, Bremen, Nachlass Hoetger [zum Teil veröffentlicht in „Ausste l- lungskatalog 1998“] Literatur: Anczykowski, Maria (Hrsg.) [Ausstellungskatalog 1998]: Bernhard Hoetger. Skulptur, Malerei, De sign, Architektur. Bremen 1998. Beeh, Wolfgang: Hoetger, Bernhard. In: NDB 9 (1972), S. 370 f. Beil, Ralf/Gutbrod, Philipp (Hrsg.): Bernhard Hoetger. Der Platanenhain. Ein Gesamtkunstwerk auf der Mathildenhöhe Darmstadt. München 2013. Boulboullé, Guido: Worpswede. Kulturgeschichte eines Künstlerdorfes. Köln ²1989. Dotzert, Roland/Wolbert, Klaus (Hrsg.): Kunst im öffentlichen Raum. 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März 1915 in Hannover 1921-1925 Besuch der Volksschule in Hannover 1925-1935 Besuch des Realgymnasiums in Hannover Ab 1934 Mitglied der HJ 1935 sogenannter „Ausgleichsdienst“ 1935-1942 zunächst Studium der evangelischen Theologie in Göttingen, dann Germanistik, Philoso- phie und Kunstgeschichte in Göttingen (bis 1939/40) und Breslau (1940-1942) 1937-1945 Mitglied der NSDAP (Mitglieds-Nr. 4819613, Eintritt: 01.05.1937) 1938/39 Mitarbeiter der studentischen Fachzeitschrift „Junge Geisteswissenschaft“ 1938/39 NSDAP-Blockleiter Ab 1940 Veröffentlichung von Gedichten in großen deutschen Zeitungen, auch in NS-Presseorganen 1941 Heirat mit Luzie Gaida 1941/42 Referent (K) beim Reichsführer SS – Reichskommissar für die Festigung deutschen Volk s- tums 1942 Rückkehr nach Göttingen, Arbeit als „freier Schriftsteller“ 1943 „Hochgelobtes gutes Leben“ (erster Gedichtband) 1944 Autor der NS-Wochenzeitung „Das Reich“ 1948-1997 Veröffentlichung zahlreicher Gedichtbänd e, darunter „Heimsuchung“ ( 1948), „Die Ze i- chen der Welt“ (1952), „Wind und Zeit“ (1954) 1951 Mitglied des PEN-Zentrums der Bundesrepublik Deutschland 1952 Umzug nach Hannover 1953/54 Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt 1956 Umzug nach Darmstadt 1960 Mitglied der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz 1960/61 Poetik-Vorlesung an der Universität Frankfurt am Main 1962 Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste 1967 Umzug innerhalb Darmstadts in die Künstlerkolonie, Park Rosenhöhe 1972-1975 Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt 1985 „Nacht-Leben oder Geschonte Kindheit“ (autobiografischer Roman) 1997 vierbändige Gesamtausgabe seiner Gedichte † 21. Juni 1999 in Darmstadt 87 Ehrungen: 1956 Georg-Büchner-Preis 1965 Großer Niedersächsischer Kunstpreis (Staatspreis des Landes Niedersachsen) 1975 Goethe-Plakette des Landes Hessen 1975 Großes Bundesverdienstkreuz 1975 Rainer-Maria-Rilke-Preis für Lyrik 1975 Silberne Verdienstplakette der Stadt Darmstadt 1976 Ehrendoktor der TH Darmstadt 1983 Hessischer Kulturpreis 1985 Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste 1988 Friedrich-Hölderlin-Preis der Stadt Bad Homburg 2005 Totenmaske im Glückerthaus Darmstadt 2008 Denkmal auf der Rosenhöhe in Darmstadt Wirken in der NS-Zeit Karl Krolow, „ nach 1945 der in Präsenz und Qualität beständigste deutsche Lyriker “ (Fritz Deppert, DE vom 09.03.2015), lebte und arbeitete seit 1956 in Darmstadt. Nach Abschluss seines Studiums wirkte er von 1942 an als „freier Schriftsteller“ in Göttingen. Von 1935 bis 1940 studierte Krolow, der 1935 sein Abitur am Realgymnasium in Hannover abgelegt hatte, an der Universität Göttingen; anfangs Evangelische Theologie (ein Semester; Berufsziel: Pfarrer), dann Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte ( UA Göttingen). Von 1940 bis 1942 führte er das Studium (mit dem Ziel Lehramt für höhere Schulen ) an der Uni- versität Breslau fort. 1942 zog er nach Göttingen, wo er fortan tätig war als „freier Schrif t- steller“ (die Anführungszeichen beziehen sich zum einen auf die Selbstbeschreibung Kr o- lows, zum anderen auf die unter den politischen Umständen stark eingeschränkte Form von Freiheit). Karl Krolow war seit 1934 Mitglied der HJ („Mitglied des Bannstabs 82“), 19 37-1945 Mitglied der NSDAP ( Mitglieds-Nr. 4819613, Eintritt: 01.05.1937 ) und NSDAP -Blockleiter (zumindest 1938/39). Von der (mehrfach beantragten) beitragspflichtigen Mitgliedschaft in der Reich s- schrifttumskammer wurde er wiederholt freigestellt, da seine „schriftstellerische Tätigkeit nur gelegentlicher Art oder geringfügigen Umfanges“ war (1942 und 1944, BArch Berlin, BDC, R 9361 -V/26074). Laut eigener Aussagen war er aus „gesundheitlichen Gründen“ vom Kriegsdienst entbunden. Seit Oktober 1940 hatte Krolo w erste Gedichte in großen deutschen Tageszeitungen verö f- fentlicht, etwa in der „Deutschen Allgemeinen Zeitung“, der „Berliner Börsenzeitung“ und den „Münchner Neuesten Nachrichten“ (vgl. Paulus, S. 301 -303). Zwischen 1940 und 1945 veröffentlichte der jung e Schriftsteller (zu der Zeit zwischen 25 und 30 Jahre alt) über 100 Beiträge in über einem Dutzend Zeitungen und Zeitschriften, darunter ab 1942 umfangre i- chere poetische Diskussionen in „Das Innere Reich. Zeitschrift für Dichtung, Kunst und deu t- 88 sches Leben“ und 1944 Lyrik in „Das Reich“ (Donahue, S. 28, S. 34 f., vgl. zu „Das Reich“ Bi o- grafie Arnold Krieger). So erschien etwa in „Das Innere Reich“ 1943 eine Sammelbespr e- chung unter dem Titel „Betrachtungen von Gedichtband -Titeln“, die Krolows umfangreiches Wissen zu zeitgenössischer Lyrik dokumentierte – in der sich aber auch Sätze fanden wie „Es ist Ausdruck für die wissende Entschlossenheit, mit der unser Volk in diesem zweiten Wel t- krieg sein Leben dranzugeben gewillt ist“ (zitiert nach Donahue, S. 36). La ut Ernst Klee schrieb Krolow auch für das „NS -Kampfblatt Krakauer Zeitung“ (Klee, S. 340, vgl. Paulus: Hier keine Nennung der Zeitung). Von den in „Das Reich“ veröffentlichten Gedichten fand keines Aufnahme in Krolows „Gesammelte Gedichte“ (1965, nach Sarkowicz/Mentzer, S. 252). Krolows erster Gedichtband (dem ab 1948 zahlreiche folgen sollten) erschien 1943 unter dem Titel „Hochgelobtes gutes Leben“. Der 14 Seiten umfassende Band erschien bei Heinrich Ellermann und beinhaltete auch Gedichte von Hermann Gau pp (ausführlich zu möglichen Deutungsebenen im Kontext der „Inneren Emigration“ Donahue, S. 39-52). Nachdem Krolow bereits im Januar 1941 der Reichsschrifttumskammer seine schriftsteller i- sche Tätigkeit ordnungsgemäß (wie er glaubte) angezeigt hatte, bat er im März 1942 noc h- mals um Aufnahme in die Kammer. Sein Gesuch vom 8. März 1942, in dem er eindringlich darum warb, ihn als (aufstrebenden) Schriftsteller in die Kammer aufzunehmen, sandte er aus Kattowitz/Oberschlesien – unterschrieben mit „Heil Hitler! Ka rl Krolow [Unterschrift handschriftlich] Referent (K) beim Reichsführer SS Reichskommissar f.d.F.d.V. [für die Fest i- gung deutschen Volkstums]“ (BArch Berlin, BDC, R 9361-V/26074). Im Zuge seines Entnazifizierungsverfahrens musste Krolow zu dieser Selbstbez eichnung Stel- lung nehmen. Entnazifizierungsverfahren Im Niedersächsischen Landesarchiv Hannover befindet sich die umfangreiche Akte zu Kr o- lows Entnazifizierungsverfahren ( Nds. 171 Hannover Nr. 19096 ), auf deren Inhalt sich die folgenden Ausführungen stützen (wenn nicht anders angegeben). Für Krolow stellte sich Ende 1946 das Problem, dass seine Beiträge (in der amerikanischen Zone) ohne eine erfolgte politische Entlastung nicht mehr gedruckt werden durften. Darau f- hin ergriff er die Initiative und wandte sich über seinen Göttinger Anwalt an den Entnazifizie- rungs-Hauptausschuss Göttingen-Stadt mit der Bitte, ein Entnazifizierungsverfahren einzulei- ten. Dem Schreiben anbei lagen – „[o]bwohl er nur Parteianwärter seit 1.5.1937 und sonst nicht belastet ist“ – sechs Entlastungsschreiben sowie der Fragebogen der Military Gover n- ment of Germany, den Krolow am 27.11.1946 ausgefüllt hatte. Im Fragebogen gab er unter dem Punkt „Mitgliedschaften“ bei „NSDAP“ an: „nein (seit 1. Mai 1937 Anwärter)“; bei „HJ einschl. BdM“: „nein“. Auf der letzten Seite, unter „Haben Sie jemals, und falls ja, in welcher Rolle in der Zivilverwaltung in einem der von Deutschland eingegliederten oder besetzten Gebiete gedient oder gearbeitet?“ gab er zu Protokoll: „ja; Angestellter beim Oberpräsid ent in Kattowitz, Archivarbeiten (Presse und Kultur) als Nebenverdienst während des Studiums.“ [Die Entlastungsschreiben entsprachen den üblichen „Persilscheinen“.] 89 Aufgrund seiner Angaben wurde Krolow vom Kreisentnazifizierungsausschuss Göttingen z u- nächst als „Nazianhänger nur dem Namen nach“ eingestuft (13.02.1947). Allerdings lagen im April 1947 neue Erkenntnisse vor: „Aus seinen Original -Angaben an die Reichsschrifttumskammer ergibt sich, dass er sich stets als Pa r- teimitglied ausgegeben hat. In einem An trag vom 8.3.42 unterschreibt er als „Referent (K) beim Reichsführer SS Reichskommissar f.d.F.d.V. (für die Festigung deutschen Volkstums)“ (Intelligence Section an Kulturausschuss Land Niedersachsen vom 25.04.1947). Es würde daher beabsichtigt, so hieß es in dem Schreiben weiter, „ihn wegen Fragebogenfäl- schung zu verfolgen“. In einer schriftlichen eidesstattlichen Erklärung vom 27.08.1947 nahm Krolow zu den A n- schuldigungen Stellung: In die NSDAP sei er nur auf Drängen seines Vaters eingetreten, der „glaubte dadurch seinen einzigen Sohn im späteren Beruf gesicherter zu sehen“. Von der Partei habe er nur bei den „monatlichen Beitragszahlungen“ gehört. Da er nie das rote Pa r- teibuch erhalten habe und auch nie vereidigt worden sei, sei er bei der Angabe davon au sge- gangen, dass er offiziell als „Anwärter“ gelte; den „vorläufigen Mitgliedsausweis zerriss ich in den Tagen des Zusammenbruchs“ [das Original der „Parteianwärterkarte“ – mit abgestem- pelten Beitragszahlungen bis einschließlich Mai 1938 – befindet sich in den Unterlagen der RKK… Außerdem hat Krolow 1939 und 1940 wiederholt seine NSDAP-Mitgliedsnummer – die nicht der Anwärter-Nr. entsprach! – in Fragebögen angegeben, siehe BArch Berlin, BDC, VBS 1/1060062175]. Weiter erklärte Krolow: „Während dieses Studiums [in Breslau] habe ich von Ende 1941 -Sommer 1942, ein gutes halbes Jahr also, den Nötigungen nachgebend, denen ich als Student, der nicht wehrdienstfähig war und bisher nicht einen einzigen Einsatz abgeleistet hatte, mich für befristete Zeit als Reichsange stellter beim Gauleiter und Oberpräsidenten von Oberschlesien, in seiner Eigenschaft als Kommissar für die Fest i- gung deutschen Volkstums verpflichtet. Ich betone, dass diese Dienststelle dem Gauleiter und Obe r- präsidenten unterstellt war, er war es, der ins pizierte, ernannte usw. Ich führte die Bezeichnung Ku l- turreferent.“ Seine einzige Beschäftigung habe darin bestanden, die deutsche Presse auf Artikel zum „ku l- turellen Aufbau“ in Oberschlesien hin zu durchsuchen und entsprechende Beiträge ausz u- schneiden und zu archivieren. Mitglied der SS sei er in keiner Form gewesen. Der Kreisausschuss folgte Krolow weitgehend (18.09.1947) und im Entnazifizierungs -Haupt- ausschuss wurde er am 09.12.1948 schließlich als „Mitläufer“ eingestuft: „Krolow hat den Nationalsozialismus unterstützt (Kategorie IV)“. Ihm wurde die Wählbarkeit auf fünf Jahre abgesprochen und er hatte die Verfahrenskosten in Höhe von 50, - DM zu tragen. Als „w e- sentlicher Förderer oder Nutznießer“ des Nationalsozialismus sei Krolow hingegen nicht a n- zusehen, hieß es in der Begründung, wie auch die Zeugenaussagen bestätigten. Krolow legte gegen das Urteil Widerspruch ein. Im März 1949 wurde er zweimal zu Anh ö- rungen vorgeladen. In der ersten Anhörung am 04.03.1949 wiederholte er weitgehend seine Angaben in der oben genannten eidesstattlichen Erklärung (er habe nie ein NSDAP - Mitgliedsbuch erhalten; die Tätigkeit als „Referent (K) beim Reichsführer SS“ sei eine Art 90 Ferienjob gewesen, der auch dazu gedient habe, „mir die finanziellen Mittel für die Beend i- gung meines Studiums zu verschaffen“). Er bat darum, in Kategorie V (entlastet) eingruppiert zu werden. Die zweite Vernehmung am 16.03.1949 war notwendig geworden, da Krolow zwischenzei t- lich mit der parteistatistischen Erhebung (von ihm unterzeichnet am 30.06.1939, entspre- chender Auszug in BArch Berlin, BDC, VBS 1/1060062175 ) konfrontiert worden war – worin er seine Dienststellung als „Blockleiter“ angab und eine Mitgliedschaft in der HJ zu Protokoll gab (zudem „darin führend tätig“ angekreuzt hatte). Krolow gab zu Protokoll: „Ich habe in den Jahren 1938/1939 den Blockleiter nur vorübergehend vertreten, m. E. etwa auf die Dauer eines Monats. Irgendeine Funktion habe ich meines Erinnerns nicht ausgeübt. Ich habe auf dem oben erwähnten Fragebogen angegeben, dass ich Bl ockleiter sei, und zwar deswegen, weil die Stimmung unter meinen Kollegen, ich war damals Student an der Universität Göttingen, sehr gegen mich gerichtet war, da ich nicht im geringsten das war, was man mit ‚einsatzfreudig‘ bezeichnen konnte. Ich möchte ab er nochmals bemerken, dass ich mich weder als Blockleiter gefühlt habe – ich habe ja auch nie irgendeine Bestätigung erhalten oder die dafür erforderlichen Papiere wie Ahne n- nachweis usw. eingereicht – noch dass ich die Tätigkeit eines solchen praktisch überhaupt ausgeführt habe. Die ganze Angelegenheit war eine Abrede zwischen dem für mich zuständigen Blockleiter und mir, da der zuerst Genannte in dieser Zeit anderweitige Verpflichtungen hatte.“ Zur angegebenen HJ -Mitgliedschaft gab er an, er sei als Angehö riger einer „Schüler -Spiel- schar“ in die HJ überführt worden; die Überführung sei aber seiner Erinnerung nach nicht abgeschlossen gewesen, bevor er die Schule verlassen habe. Als Grund für die Angabe in der parteistatistischen Erhebung 1939 nannte er folgende Motivation: „In dem oben erwähnten Fragebogen habe ich m. E. aus denselben Gründen, aus denen ich mich als Blockleiter bezeichnet habe, eine Zugehörigkeit zur HJ und eine Führertätigkeit darin angegeben. Ich war aber niemals Mitglied der HJ und bin sel bstverständlich auch nie irgendwie führend tätig gew e- sen.“ In überlieferten Formblättern der „Studentenführung“ gab Krolow wiederholt unter „Erster Eintritt in eine Gliederung der NSDAP“ den 10.04.1934 in die HJ an; Dienstrang (Angabe vom 10.10.1939): „Jg. [Jungmann] (führ. Mitglied des Bannstabs 82)“ ( BArch Berlin, BDC, VBS 1/1060062175). Auch in der Kartei der „Deutschen Studentenschaft“ an der Uni Göttingen wurde Krolow als Mitglied der HJ seit 10.04.1934 geführt („Dienstrang: Bannstabsmitglied“); und auch hier wurde er als „Blockleiter“ der NSDAP geführt (UA Göttingen). Am 2. Mai 1949 kam es – auf Krolows Einspruch hin – in Hannover zur öffentlichen Verhand- lung vor der Spruchkammer für Kulturschaffende. Nach dem Verlesen der Vernehmungspr o- tokolle vom März stellte der Vorsitzende fest, „dass der Betroffene die bisherigen Angaben nicht wahrheitsgemäß gemacht hat und dass dadurch seine Glaubwürdigkeit in Frage gestellt wird. Die Mitarbeit bei der Reichsführung SS – Reichskommis- sar für die Festigung deutschen Volkstums – ist eine Belastung.“ Krolow wurde gefragt, ob er „irgendwelche Handlungen gegen den Nat. Soz. nachweisen könne“ – und ob er seinen Einspruch zurückziehen wolle. Nachdem er dem Ausschuss noch „verschiedenes Material zur Einsicht“ vorgelegt hatte, „erklärt der Betroffene, dass er seinen 91 Einspruch zurückzieht. Die Verhandlung wird geschlossen“. Die Entscheidung des schriftl i- chen Verfahrens blieb unverändert bestehen. Wiederholt bat Krolow in der Folge um Gebüh- renerlass; am 12.06.1950 wurden die Ve rfahrensgebühren auf 30, - DM reduziert; seiner nochmaligen Bitte um „Überführung in Kategorie V“ (07.09.1950) wurde nicht stattgegeben. Neil H. Donahue, der sich (als erster) intensiv mit Krolows Entnazifizierungsverfahren b e- schäftigte (vgl. Donahue, S. 53 -71), kam zu dem Ergebnis, dass einige Aussagen Krolows w e- nig plausibel erscheinen bzw. (zumindest) Fragen aufwerfen würden bezüglich seiner Nähe zum NS-Regime (Donahue, S. 70). Quellen: BArch Berlin, BDC, NSDAP-Mitgliederkartei BArch Berlin, BDC, R 9361-V/26074 BArch Berlin, BDC, VBS 1/1060062175 Niedersächsisches Landesarchiv Hannover, Nds. 171 Hannover Nr. 19096 [Spruchkammerakte] UA Göttingen, Immatrikulationskarten HStAD, R 12 P Nr. 3323 StadtA DA, ST 61 Krolow, Karl Literatur: Arnold, Heinz Ludwig (Hrsg.): Karl Krolow. München 1983 [Text + Kritik, Heft 77]. Deppert, Fritz: Krolow, Karl. In: Stadtlexikon Darmstadt (2006), S. 525 f. Donahue, Neil H.: Karl Krolow and the poetics of amnesia in postwar Germany. Rochester et al. 2002. Klee, Ernst: Das Kulturlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. Frankfurt am Main 2007, S. 340. Paulus, Rolf: Lyrik und Poetik Karl Krolows 1940-1970. Bonn 1980. Sarkowicz, Hans/Mentzer, Alf: Literatur in Nazi -Deutschland. Ein biografisches Lexikon. Ham- burg/Wien 2000, zu Krolow S. 251-253. Stahl, Katja: „Hier war die Luft einmal lateinisch“. Der Dichter Karl Krolow in Darmstadt. Marburg 2010. 92 Max-Ratschow-Weg (Q-R 7), benannt 1991 nach Max Ratschow (1904-1963) Mediziner, Begründer der Fachdisziplin der Angiologie * 7. August 1904 in Rostock 1913-1922 Besuch des Humanistischen Gymnasiums in Rostock 1920 Mitglied eines Freiwilligenverbands („Zeitfreiwilliger“, keine Teilnahme an Kampfhandlungen) 1921 Eintritt in den Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbund 1922/23 Abschluss des Humanistischen Gymnasiums in Rostock 1923-1924 Forstlehre in der Mecklenburgischen Staatsforstverwaltung (Abschluss: Revierjäger) 1923 Teilnahme (nach 4 wöchig er Ku rzausbildung bei der Reichswehr) mit dem Reiter -Regiment Ludwigslust/Mecklenburg an der Bekämpfung von Unruhen 1924-1929 zunächst Studium der Forstwissenschaften, dann der Medizin in Rostock, Freiburg, Wien, München, Berlin und Breslau 1926 Forstverwaltungsprüfung in Schwerin 1929 Medizinisches Staatsexamen an der Universität Breslau 1930 Promotion zum Dr. med. an der Universität Breslau, „Experimentelle und klinische Unters u- chungen über die künstliche Varizenverödung unter besonderer Berücksichtigung der Calorose“ 1930 Hochzeit mit Adalberta Klara Elisabeth Schrameier (vier Kinder, 27.03.1941 geschieden) 1930-1932 Assistenzarzt an den Medizinischen Universitätskliniken in Frankfurt am Main 1932-1938 Assistenzarzt, ab 1934 Oberarzt am Stadtkrankenhaus Hamburg -Altona, 1. Oberarzt der Inneren Abteilung (unter Prof. Kroetz) 1933-1945 Mitglied der NSDAP (Mitglieds-Nr. 2817843, Eintritt: 01.05.1933) 1933 „Spezialausbildung in erbbiologischer Forschung“ bei Prof. Otmar von Verschuer 1934 Mitglied des Erbgesundheitsgerichts beim 1. Zivilsenat Hamburg 1934 Studienaufenthalt an der Medical School, University of London, bei Sir Thomas Lewis 1935 Mitglied des Erbgesundheitsobergerichts beim Oberlandesgericht Hamburg 1936 Habilitation an der Universität Kiel (damals für Altona zuständig) 1936-1938 Mitglied des Nationalsozialistischen Deutschen Ärztebunds 1937 Bewerbung um Dozentur an der Hansischen Universität Hamburg (abgelehnt) 1938-1952 Beschäftigung an der Medizinischen Universitäts(poli)klinik Halle/Saale (mit Unterbr e- chungen durch Kriegsdienst und kurzzeitiger Entlassung 1945) 1938 Dozent für das Fach Innere Medizin an der Medizinischen Fakultät der Universität Halle - Wittenberg [offizielle Ernennung zum Dozenten am 10.07.1939] 1938-1945 Mitglied der Reichsdozentenschaft 1939 Assistentenstelle an der Medizinischen Universitätsklinik Halle/Saale 1939 „Die peripheren Durchblutungsstörungen“ 1939-1940 Kriegsdienst, Abteilungsleiter im Reservelazarett Halle/Saale 93 1940 Amtswalter im NS Dozentenbund 1940-1943 (Vertretung der) Oberarztstelle an der Medizinischen Universitätsklinik Halle/Saale 1941 Leiter des Auslandsamts der Deutschen Dozentenschaft an der Universität Halle-Wittenberg 1941 Nach Scheidung Heirat seiner Doktorandin Marie Luise Steckner (drei Kinder) 1942 „Die Sexualhormone als Heilmittel innerer Krankheiten“ 1943 außerplanmäßiger Professor an der Universitätsklinik Halle/Saale 1943-1945 erneuter Einzug zum Kriegsdienst: Sanitätssoldat in Eilenburg, Truppenarzt in Zittau und Rouen; im April 1945 erkrankt entlassen 1945 Entlassung durch die Universität Halle im Oktober; Wiedereinstellung auf Anweisung der SMA Nach 1945 Mitglied der CDU [ab wann unklar] 1946 Leitung der Medizinischen Universitätspoliklinik in Halle/Saale 1946 erneute Ernennung zum außerplanmäßigen Professor an der Universität Halle-Wittenberg 1948 ordentlicher Professor für Pathologische Physiologie an der Universität Halle-Wittenberg 1952 Übersiedelung in die BRD mit dem Ziel, in Nordrhein -Westfalen eine Forschungsklinik für G e- fäßkrankheiten einzurichten 1952 Gastprofessor an der Universität Köln 1953-1963 (bis zu seinem Tod) Ordinarius für Innere Medizin und Direktor der Medizinischen Klinik Darmstadt; Aufbau des ersten angiologischen Forschungszentrums (Eröffnung Mai 1963), aus dem später die nach ihm benannte Max-Ratschow-Klinik für Angiologie am Klinikum Darmstadt hervorging 1955 Organisation eines Kongresses deutscher Kreislaufforscher in Darmstadt 1959 Herausgeber des Standardwerks „Angiologie – Pathologie, Klinik und Therapie der peripheren Durchblutungsstörungen“ 1961 Vizepräsident der „Union Internationale d’Angèilogie“ in Paris 1962 Präsident der „Deutschen Gesellschaft für Kreislaufforschung“ 1962 Organisation des „Internationalen Angiologenkongresses“ in Darmstadt 1963 Honorarprofessor an der Universität Heidelberg 1963 1. Direktor des neu gegründeten angiologischen Forschungszentrums in Darmstadt-Eberstadt † 8. November 1963 in Darmstadt Ehrungen: 1963 Max-Ratschow-Klinik für Angiologie am Klinikum Darmstadt 1968 Max-Ratschow-Preis (Gesellschaft für Angiologie) 1969 Ratschow-Gedächtnismedaille (Curatorium Angiologiae Internationalis) 94 Wirken in der NS-Zeit Max Ratschow gilt als Begründer der Fachdiszip lin der Angiologie, dem Teilgebiet der Inn e- ren Medizin, das sich mit Erkrankungen der Arterien, Venen und Lymphgefäße befasst. Wäh- rend der NS-Zeit war er als Arzt in leitender Funktion an Kliniken in Hamburg und Halle/Saale sowie am Erbgesundheitsobergericht in Hamburg tätig. „Politisch: Seit 21. November 1921 Mitglied des Deutschvölkischen Schutz - und Trutzbundes. Seit 1933 Mitglied der NSDAP (2877843). Ich war Mitglied des Hanseatischen Erbgerichtes.“ [Und unter „Berufliche Tätigkeit“:] „Auf Grund meiner erbbiologischen Spezialausbildung wurde ich ständiger Fachrichter in beiden Kammern des Hanseatischen Erbgerichts “ (Lebenslauf 1938, UA Halle, Hervo r- hebung im Original). Nach der Promotion an der Universität Breslau 1930 und der Arbeit als Assistenzarzt an der dortigen Universitäts -Hautklinik arbeitete Max Ratschow zunächst als Assistenzarzt an den Medizinischen Universitätskliniken in Frankfurt am Main (1930-1932). 1932 wec hselte er an das Stadtkrankenhaus nach (Hamburg -)Altona, wo er unter Prof. Kroetz (dem er dorthin g e- folgt war) vom Assistenzarzt zum Oberarzt avancierte und schließlich bis 1938 die Innere Abteilung leitete. Ein Forschungsaufenthalt führte ihn 1934 nach Lo ndon ( Medical School, University of London, bei Sir Thomas Lewis); seine Habilitation erfolgte 1936 an der Universi- tät Kiel, die zu dieser Zeit für Altona zuständige Hochschule. Eigentlich war Ratschow vorg e- sehen als Leiter des Balneologischen Instituts de r Universität Breslau in Bad Altheide, dessen Gründung aber offensichtlich scheiterte (wohl aufgrund wirtschaftlicher Überlegungen, Staatsarchiv Hamburg, 361-6; an anderer Stelle gab Ratschow an, er habe das Angebot „aus persönlichen Gründen“ abgelehnt, BArch Berlin, BDC, VBS 1/1140004927). Ratschow bewarb sich daraufhin 1937 wiederholt auf eine Dozentur an der Hansischen Un i- versität in Hamburg; in Kiel hatte man sein Begehren abgelehnt, unter anderem mit dem Einwand, dass nun (1937) die Universität Hamburg für Altona zuständig sei. Auch seitens der Hansischen Universität stieß Ratschow auf Ablehnung: Der Dekan der Medizinischen Fakultät begründete diese mit „grundsätzlichen Erwägungen“ (k ein Bedürfnis, zudem wolle man kei- nen Präzedenzfall schaffen und hiesigen Universitätsassistenten nicht „das Vorwärtsko m- men“ versperren). Die Fakultät war nicht gewillt, sich für eine Dozentur des externen Arztes einzusetzen, der sich mit Nachdruck für eine Lehrtätigkeit empfahl: „Über die Persönlichkeit des Herrn Dr. Ratschow äusserte sich Prof. Berg dahin, dass er von Herrn Dr. Ratschow den Eindruck eines sehr strebsamen jungen Mannes erhalten habe, dem alles daran liege, Dozent zu werden und dass offenbar Herr Ratschow ein sehr fleissiger Mensch – wenn auch nicht von überragender Originalität – sei“ (Dekan Prof. Keeser, Staatsarchiv Hamburg, 361-6). Eine Lehrtätigkeit für Innere Medizin erhielt Ratschow erst 1938 an der Medizinischen Faku l- tät der Universität Halle -Wittenberg zugesprochen (offizielle Ernennung zum Dozenten i m Juli 1939, UA Halle). Nach einigen erfolglosen Anläufen 1941/42 wurde er dort 1943 zum außerplanmäßigen Professor ernannt. Von April 1938 bis 1952 war er an der Medizinischen Universitäts(poli)klinik Halle/Saale beschäftigt, mit Unterbrechungen durch Kri egsdienst und einer kurzzeitigen Entlassung 1945. Von 1940 bis 1943 arbeitete er dort als Oberarzt (in Ve r- tretung); da eine Planstelle fehlte, durfte er sich nur im „inneren Dienstbetrieb“ als Oberarzt bezeichnen. 95 Politische Tätigkeit und Kriegsdienst Ratschow war seit 1921 Mitglied des Deutschvölkischen Schutz - und Trutzbunds und seit 1933 Mitglied der NSDAP ( Mitglieds-Nr. 2817843, Eintritt: 01.05.1933 , BArch Berlin, BDC, NSDAP-Mitgliederkartei). Seit 1938 war er Mitglied der Reichsdozentenschaft, 1940 wurde er als Amtswalter im NS Dozentenbund geführt und ab 1941 bezeichnete er sich als Leiter des Auslandsamts der Deutschen Dozentenschaft an der Universität Halle -Wittenberg; ab 1936 war er Mitglied des Nationalsozialistischen Deutschen Ärztebunds ( BArch Berlin, BDC, VBS 1/1140004927, UA Halle, UA Heidelberg). Eigenen Angaben zufolge ( BArch Berlin, BDC, VBS 1/1140004927 , UA Halle, UA Heidelberg) durchlief Ratschow 1933 eine „Spezialausbildung in erbbiologischer Forschung“ bei Prof. Otmar von Ver schuer, Berlin. Aufgrund der dabei erworbenen Sonderkenntnisse war er (wiederum eigenen Angaben in unterschiedlichen Lebensläufen vor 1945 folgend) seit 1934 „Mitglied des Erbgesundheitsgerichtes beim 1. Zivilsenat Hamburg, 1935 Mitglied des Erbg e- sundheitsobergerichtes beim Oberlandesgericht Ham burg“ ( BArch Berlin, BDC, VBS 1/1140004927). Wie oben bereits dokumentiert, bezeichnete er sich als „ ständiger Fachrich- ter in beiden Kammern des Hanseatischen Erbgerichts“. Aufgrund der eingesehenen Bestände des Erbgesundheitsger ichts Hamburg (Staatsarchiv Hamburg, 224-2) und des Erbgesundheitsobergerichts Hamburg (Staatsarchiv Hamburg, 224- 1) ließen sich Ratschows Angaben nicht bestätigen; sein Name fand sich in keiner der tr a- dierten Listen zu Mitgliedern des Erbgesundheits - bzw. Erbgesundheitsobergerichts (Perso- nalakten des Stadtkrankenhauses Altona konnten nicht ermittelt werden). Als problematisch erwies sich, das relevante Bestände noch Sperrfristen unterliegen (darunter die Beschlüsse der beiden Gerichte). Zudem befinden sich in den genannten Beständen keine Akten, so n- dern lediglich Register und Beschlüsse zu Einzelfällen. Die eigentlichen Akten wurden zur Ablage an die zuständigen Gesundheitsämter verwiesen, deren Bestände (wenn überhaupt vorhanden) unzureichend erschlossen u nd ebenfalls noch mit Sperrfristen belegt sind (Staatsarchiv Hamburg, 352-11). Festhalten lässt sich jedoch, dass Max Ratschow offensich t- lich nicht als offizielles Mitglied in die genannten Gerichte berufen wurde. Die beschlussfa s- senden Gerichte bestanden aus drei Personen, wovon zwei Ärzte waren (jeweils ein verb e- amteter Arzt und ein freier Arzt). Die Bestellungen der Mitglieder des Erbgesundheitsg e- richts sowie des Erbgesundheitsobergerichts Hamburg liegen vor (Staatarchiv Hamburg, 224- 1_3 Band 1 + 2; 224-1_4); Max Ratschows Name fehlt darauf. Auf welcher Ebene und in we l- cher Form Ratschow an den Gerichten tätig war, ließ sich nicht ermitteln. Das Erbgesundheitsgericht Hamburg hatte die Aufgabe, über Anträge auf die „Unfruchtba r- machung erbkranker Personen“ zu entscheiden. Allein 1934, im ersten Jahr seiner Tätigkeit, fasste das Erbgesundheitsgericht Hamburg 2.270 Beschlüsse, die etwa jeweils zur Hälfte männliche und weibliche Personen betrafen (Staatsarchiv Hamburg, 224-1_3 Band 1 ); in 76 Fällen wurde die Unfruchtbarmachung abgelehnt. In der Zeit vom 03.01.-03.04.1935 wurden weitere 1.000 Fälle verhandelt, bei deutlich über 90 % eine „Unfruchtbarmachung“ b e- schlossen, die in der Regel auch umgesetzt wurde (eigene Auswertung, Staatsarchiv Ha m- 96 burg, 224-2_25; in den Registerbänden findet sich auch die Umsetzung der „Unfruchtbarm a- chung“ mit Datum dokumentiert). Das Erbgesundheitsobergericht Hamburg entschied über Beschwerden zu Beschlüssen der Erbgesundheitsgerichte Hamburg, Bremen und Lübeck. In der Regel wurden d ie Beschwer- den abgelehnt: Von über 390 statistisch erfassten Eingaben im Jahr 1934 wurden lediglich 14 als begründet angesehen. Der Bestand zum Jahr 1935 umfasst über 1.000 Vorgänge (Staat s- archiv Hamburg, 224-1_11 Band 2 + 3). Während des Zweiten Weltkrieg s wurde Ratschow wiederholt eingezogen (zum Folgenden Deutsche Dienststelle, Personenrecherche; Informationen decken sich mit Angaben aus a n- deren Beständen). 1939 -1940 diente er als Abteilungsleiter im Reservelazarett Halle/Saale . In einem Lebenslauf aus d em Jahr 1944 vermerkte Ratschow diesgezüglich: „1939 auf fre i- willige Meldung Einsatz als Kriegsarzt und Abteilungsarzt eines ResLazarettes“ (04.01.1944, BArch Berlin, BDC, VBS 1/1140004927 ). Nachdem er im April 1943 erneut eingezogen wo r- den war (beantragte Uk-Stellungen wurden nicht stattgegeben, UA Halle), leistete er seinen Dienst als Sanitätssoldat in Eilenburg sowie als Truppenarzt in Zittau und Rouen; im April 1945 wurde er erkrankt entlassen. NS-Vergangenheit in der Sicht nach 1945 Da Max Ratschow in der sowjetischen Besatzungszone lebte, musste er sich keinem Entnaz i- fizierungsverfahren gemäß der Standards der westlichen Besatzungszonen unterziehen. Er sah sich aber ebenfalls dazu verpflichtet, wahrheitsgemäß Fragebögen der sowjetischen Administration auszufüllen (UA Halle). Darin gab er auf die Frage „Waren Sie jemals Mitglied der NSDAP?“ zunächst „nein“ zu Protokoll, überschrieb die Maschinenschrift handschriftlich jedoch mit: „1933 corporativ zur Aufnahme gemeldet. 1936 wurde Aufnahme abgelehnt (Dokument vorhanden)“ (15.03.1947, UA Halle). Über die gesamte NS -Zeit hatte sich Ratschow stets als Mitglied der NSDAP (unter Nennung seiner Mitgliedsnummer) bezeichnet. Nun gab er auf kritische Nachfragen zu Protokoll, dass er sich nicht habe als NSDAP -Mitglied betrachten können und aus diesem Grund die Form u- lierung im Fragebogen entsprechend gewählt habe. Er begründete seine Auffassung wie folgt: „Meine Anwartschaft ist niemals in tatsächliche Mitgliedschaft umgewandelt worden, da mir nur eine Bescheinigung i m Jahre 1936 und kein Mitgliedsbuch ausgehändigt worden ist. Ich habe daher bei meinem Wohnungswechsel nach Halle/Saale im Jahre 1938 auch eine Anmeldung bei einer der Ortgruppen der NSDAP nicht vollzogen“ (Aktenvermerk vom 14.04.1947, gezeichnet M. Ratsch ow, UA Halle) Ähnlich argumentierte Ratschow auch in einer Entgegnung zu Vorwürfen, die im „Telegraph Politik“ vom 09.05.1947 unter der Überschrift „Nazis an der Universität Halle“ ihm gege n- über erhoben wurden: „Es stimmt, daß ich im Zuge der ‚Gleichschalt ung der Hamburger Assistenten‘ 1933 korporativ zur Aufnahme in die ehemalige NSDAP und den Ärztebund gemeldet wurde. Der Artikel verschweigt 97 aber, daß meine Aufnahme im Jan[uar] 1936 vor zahlreichen Zeugen in einer öffen tlichen Sitzung abgelehnt wurde, worüber ich noch ein schriftliches Zeugnis besitze “(11.05.1947, Erklärung, UA Ha l- le). In Ratschows Personalakte (UA Halle, PA 12801 Ratschow, Max Prof. ) finden sich (beglaubig- te) Schreiben, die belegen sollen, dass Max Ratschow kein Nazi und auch kein Mitglie d der NSDAP war, darunter auch die Abschrift eines Briefs von Dr. Herta Schmidt vom 03.02.1936. In dem Schreiben legt Schmidt, NS-Frauenschaftsleiterin, dar, dass der Ortsgruppenleiter der NSDAP Altona ihm (Ratschow) das Mitgliedsbuch nicht aushändigen wür de. Er ließe sich auch nicht umstimmen, da Ratschow unter anderem zu lange mit jüdischen Kollegen ve r- kehrt habe und wegen seiner Nähe zu Prof. Kroetz als „Sozi“ galt. Auf Ratschows Partei - Karteikarte (BArch Berlin, BDC, NSDAP -Mitgliederkartei) findet sich wie erwähnt unter „Ei n- getreten“ das (Stempel -)Datum „1.5.33“. Es gibt aber auch einen Eintrag unter „Ausgetr e- ten“, der sich möglicherweise auf einen internen Vorgang bezieht (unleserliches Aktenze i- chen, ohne Datum). Unter „Wiedereingetr[eten]“ ist als Datu m der „30.6.36“ vermerkt. Ratschow wird in der Kartei zunächst unter „Ortsgr[uppe] Rostock“ geführt, weiterhin unter „Ortsgr[uppe] Altona“, „Ortsgr[uppe] Hamburg“ (unter gleicher Adresse – Altona gehörte 1937 nicht mehr zum Gau Schleswig -Holstein, sondern zum Gau Hamburg) und unter „Ortsgr[uppe] Halle“. Ratschow hingegen beteuerte (wie oben zitiert), er habe sich bei se i- nem Umzug nach Halle deshalb nie bei der dortigen Ortsgruppe gemeldet, weil er davon ausgegangen sei, er sei gar kein Mitglied der NSDAP. In der erwähnten Gegendarstellung äußerte sich Ratschow auch zu der Feststellung im „T e- legraph“, er habe eine „Ausbildung in erbbiologischen Untersuchungsmethoden am Institut für Erb- und Rassenlehre in Berlin-Dahlem“ erhalten: „Es stimmt, daß ich im Feb[ru ar] 1933 3 Wochen am KWI für Anthropologie und Erbforschung bei Prof. Verschuer gearbeitet habe, um die Methode der Zwillingsforschung zu erlernen, welche ich für eigene wissenschaftliche Arbeiten brauchte. Das seit 1926 bestehende Institut hat niemals ein en politischen Charakter gehabt, wohl aber internationale Anerkennung . Prof. Verschuer ist auch heute noch Ordinarius für das gleiche Fach“ (11.05.1947, Erklärung, UA Halle). Prof. Otmar Freiherr von Verschuer, Humangenetiker und Zwillingsforscher, gilt al s einer der führenden Rassenhygieniker der NS -Zeit (Klee, S. 639). Er war Direktor des Instituts für Er b- biologie und Rassenhygiene in Frankfurt am Main und Richter am Erbgesundheitsobergericht sowie (laut Klee) verantwortlich für die Versuche seines Assist enten und Doktoranden Josef Mengele in Auschwitz. Das Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik , dessen Mitglied (und seit 1942 dessen Direktor) Verschuer war, lieferte die „wissenschaftliche“ Legitimitätsgrundlage für die Erbgesundheits- und Rassenpolitik des NS- Regimes (Schmuhl, S. 531). Quellen: BArch Berlin, BDC, NSDAP-Mitgliederkartei BArch Berlin, BDC, VBS 1/1140004927 98 Deutsche Dienststelle (WASt), Personenrecherche Staatsarchiv Hamburg, 361-6 Hochschulwesen-Dozenten- und Personalakten, Signatur: IV 0816 Staatsarchiv Hamburg, 113-5 Staatsverwaltung - Allgemeine Abteilung, Signatur: B V 92 b UA 12 Staatsarchiv Hamburg, 224-1 Erbgesundheitsobergericht 224-1_3 Band 1 + 2 224-1_4 Beisitzer des Erbgesundheitsobergerichts 224-1_6 Statistik über Einzelfälle 1935-1938 224-1_9 Terminlisten des Erbgesundheitsobergerichts 224-1_9 Band 1 (1935) und 224-1_9 Band 2 (1936-1939) 224-1_11 Sammlung der Beschlüsse in Beschwerdesache des Erbgesundheitsobergerichts [Sperrfrist] Staatsarchiv Hamburg, 224-2 Erbgesundheitsgericht 224-2_1 Beschlüsse der Erbgesundheitsgerichts 1934 [Sperrfrist] 224-2_2 Beschlüsse der Erbgesundheitsgerichts 1935 [Sperrfrist] 224-2_22-42 [Registerbände] UA Halle, PA 12801 Ratschow, Max Prof. UA Heidelberg, PA 1120 UA Heidelberg, PA 5405 StadtA DA, ST 61 Ratschow, Prof. Dr., Max Literatur: Eberle, Henrik: Die Martin-Luther-Universität in der Zeit des Nationalsozialismus. Halle 2002. Klee, Ernst: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. F rankfurt am Main 42013. Ratschow, Max: Die Sexualhormone als Heilmittel innerer Krankheiten. Stuttgart 1942. Schmuhl, Hans -Walter: Grenzüberschreitungen. Das Kaiser -Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik 1927-1945. Göttingen 2005. 99 Hammerweg (L 8), benannt 1979 nach Richard Hammer (1897-1969) Darmstädter Arzt und Politiker * 7. Februar 1897 in Darmstadt Besuch des Ludwig-Georgs-Gymnasiums in Darmstadt; Mitglied der Wandervogel-Bewegung 1914-1917 Soldat (Infanterist) im Ersten Weltkrieg (siebzehnjährig Kriegsfreiwilliger), 1917 schwer verwundet entlassen (Oberkieferdurchschuss) 1919-1923 Studium der Medizin in Heidelberg und Innsbruck 1923 Promotion zum Dr. med. in Heidelberg „Formen der Sexualität in der Jugendbewegung“ Ab 1923 Arbeit als niedergelassener Arzt (Allgemeinmediziner) in Darmstadt-Bessungen 1924-1930 Mitglied der Deutschen Demokratischen Partei (ab 1925 im Vorstand) 1927 Heirat mit Anna Becker (vier Kinder) 1930-1933 Mitglied der Radikaldemokratischen Partei (2. Vorsitzender Ortsgruppe Darmstadt) Bis ca. 1945 Mitglied folgender Organisationen: SA (Reserve II) , NS-Reichskriegerbund „Kyffhäuser“, NSRL, NSV, RLB, RKB 1939-1945 Anwärter des NS-Ärztebunds (seit 16.01.1939) 1939-1945 Kriegsteilnehmer, Truppenarzt und Chef arzt verschiedener Sanitätseinheiten: bis 1942 Regimentsarzt eines Infanterie-Regiments, ab 1943 SOberstabsarzt 1945 Amerikanische Kriegsgefangenschaft Ab 1946 Präsident der Ärztekammer Darmstadt Ab 1946 Mitglied der FDP (bis 1948 unter dem Namen LDP) 1946-1949 Abgeordneter des Hessischen Landtags (LDP) 1948/49 Mitglied der Stadtverordnetenversammlung in Darmstadt (LDP/FDP), Fraktionsvorsitzender, Mandatsniederlegen wegen Wahl zum MdB 1948 Vorsitzender des FDP-Kreisverbands Darmstadt (anfangs noch LDP) Präsident der Aktionsgemeinschaft deutscher Kassenärzte 1949-1957 Mitglied des Deutschen Bundestags (FDP); Vorsitzender des Gesundheitspolitischen Au s- schusses im I. und im II. Deutschen Bundestag, Mitglied des Sozialausschusses 1960 Gründungsmitglied der „Aktionsgemeinschaft der deutschen Ärzte“ 1960 erneute Wahl zum Kreisvorsitzenden des FDP-Kreisverbands Darmstadt † 3. Oktober 1969 in Darmstadt Ehrungen: Ca. 1917 Eisernes Kreuz I. Klasse sowie Hessisches Kriegsehrenzeichen in Eisen 1956 Großes Verdienstkreuz mit Stern des Verdienstordens der BRD 1958 Paracelsus-Medaille der Deutschen Ärzteschaft 100 1958 Ehrenvorsitzender des FDP -Kreisverbands Darmstadt [1960 nochmals zum Kreisvorsitzenden gewählt; Rücktritt wohl aus gesundheitlichen Gründen (Herzinfarkt)] 1962 Ehrenmitglied der hessischen FDP 1962 Silberne Verdienstplakette der Stadt Darmstadt Ehrenplakette der Landesärztekammer Hessen Dr.-Richard-Hammer-Medaille der Hessischen Ärztekammer Wirken in der NS-Zeit Richard Hammer, Darmstädter Arzt und Politiker, lebte Zeit seines Lebens in Darmstadt (Bes- sungen). Er war nach dem Zweiten Weltkrieg in der Lokal - und Landespolitik aktiv, MdB für die FDP (1949-1957) und Vorsitzender der Darmstädter Ärztekammer. Hammer arbeitete seit 1923 als Allgemeinmediziner in seiner Bessunger Praxis. Während des Zweiten Weltkriegs diente er als Sanitäts -Offizier der Wehrmacht. Eingesetzt wurde er hauptsächlich an der Ostfront, bis 1942 als Truppenarzt (Regimentsarzt eines Infanterie - Regiments), ab März 1943 befördert zum Oberstabsarzt (1942-1944 am Heeres - Genesungsheim 803 Gaspra -Koreis, Krim, dann am Armee -Feldlazarett 770, Deutsche Dienststelle [WASt], Personenrecherche) . 1945 geriet er in amerikanische Kriegsgefange n- schaft. Vor 1933 war Hammer ehrenamtlich politisch aktiv. Er stand de n Gedanken Friedrich Naumanns nahe, war im Vorstand der Darmstädter DDP und später der Radikaldemokrat i- schen Partei. Noch 1932 trat er als Demokrat bei einer Kundgebung an der Seite von Julius Reiber in Erscheinung (Hessischer Volksfreund vom 14.06.1932, f ür den Hinweis danke ich Peter Friedl). Über Hammers Wirken in der NS-Zeit gibt es relativ wenige Informationen. Er war offensicht- lich kein Mitglied der NSDAP. Seit 16.01.1939 wurde er als Anwärter des NS -Ärztebunds ge- führt. Im Zuge seines Entnazifizierungsverfahrens gab er folgende Mitgliedschaften zu Prot o- koll: ( NS-)Reichskriegerbund „Kyffhäuser“, NSRL, NSV, RKB, RLB . Er verneinte im entspr e- chenden Meldebogen eine Mitgliedschaft in der SA. Wie die Forschungen von Albrecht Kirschner zur „NS -Vergangenheit e hemaliger hessischer Landtagsabgeordneter“ (Kirschner, S. 34) sowie ein Eintrag in Richard Hammers Karteikarte bei der Reichsärztekammer Berlin belegen, wurde er allerdings als Mitglied der SA geführt (Reserve II, Zeitraum nicht zu bel e- gen). Richard Hammer war als Jugendlicher in der Wandervogel -Bewegung aktiv. Hier kam er mit Carlo Mierendorff in Kontakt, mit dem gemeinsam er das Gymnasium in Darmstadt besuchte und Abitur machte. Auch Theodor Haubach war einer der Mitschüler; Hammer und Haubach studierten schließlich beide in Heidelberg. Anders als für Mierendorff und Haubach gibt es für Richard Hammer keine Hinweise auf Widerstand gegen das NS -Regime. Wahlkampfwer- bung aus den Jahren 1949 und 1953 (StadtA DA, St 61 Hammer, Dr. Richard), die den FDP - Bundestagskandidaten Richard Hammer persönlich vorstellte, lässt ihn als Liberalen mit 101 deutlich nationalistischen Zügen erscheinen. Mit Blick auf Fahrten in der Schulzeit nach Böhmen und in die Steiermark hieß es darin 1953: „In früher Jugend lernte er so den schw eren Existenzkampf seiner ostdeutschen Brüder kennen und wurde zum leidenschaftlichen Verfechter des Großdeutschen Gedankens. Zeit seines Lebens wird er ein Feind aller föderalistischen und partikularistischen Bestrebungen bleiben.“ Auf dem gleichen Wahlwe rbezettel fand sich ein Foto von Richard Hammer in Wehrmacht s- uniform, das ihn – Zigarre rauchend – im Kreise von Kameraden an der Ostfront abbildet (Bildunterschrift: „Ende Sept. 1941 zwischen Kiewer Kessel und Donez“). Im dazugehörigen Text hieß es (ungekürzt): „In beiden Weltkriegen war Richard Hammer Soldat. Richtiggehend dabei. In Frankreich, Rußland und auf dem Balkan. Der Oberkieferdurchschuss hinderte ihn nicht, auch im zweiten Weltkrieg wieder seine Pflicht zu tun. Nur nicht wieder als Infanterist, sondern als Arzt, der vielen tausenden seiner Kameraden das Leben retten und die Schmerzen lindern konnte. Vom ersten Tage, bis zum bitteren Ende an der Ostfront, dann in amerikanischer Gefangenschaft. Das EK I und das Hessische Kriegse h- renzeichen in Eisen sind ihm bis heute die teuersten Auszeichnungen.“ Unter der Überschrift „Darmstadts Kandidat erklärt:“ finden sich unter seinen Forderungen (an zweiter Stelle ): „Der Entnazifizierungsrummel ist noch nicht ganz vorüber. Auch Spruc h- kammer-Akten gehören in d en Ofen!“; unter Punkt sechs von sieben proklamierte Hammer „Die Wiedererrichtung des Deutschen Reiches mit der Reichshauptstadt Berlin“. Hammers Ablehnung der Entnazifizierungsverfahren (auch für die Gruppen I und II), die er im Bunde s- tag 1950 offensiv ve rtrat, war „von abstrusen Ressentiments gegen die Alliierten begleitet“ (Frei, S. 63). In seiner Funktion als Präsident der Darmstädter Ärztekammer sowie als politischer Ma n- datsträger und Mitglied gesundheitspolitischer Ausschüsse hatte Hammer in der Nachk riegs- zeit gewissen Einfluss auf Entscheidungen im Bereich des Gesundheitswesens. So setzte er sich im Juni 1946 persönlich dagegen ein, politisch belasteten Ärzten die Zulassung zu ve r- weigern (Gerst, S. 48, FN 160). Zeitgleich soll er die Wiederzulassung v on Walther Richtze n- hain, zeitweise Vorsitzender der Deutschen Friedensgesellschaft in Darmstadt, als praktizi e- render Arzt in Darmstadt blockiert haben ( siehe DFG-VK Darmstadt). In der jüngst veröffen t- lichten Publikation zur „Geschichte der hessischen Ärzte kammern 1887-1956“ fanden sich keine weiteren Informationen. In einem Beitrag des Darmstädter Tagblatts vertrat der Autor die Auffassung, dass Richard Hammer „versuchte im Strudel nach dem zweiten Weltkrieg verbliebene Anständigkeit, Stolz auf Heimat und V aterland herauszufischen[,] neue Dämme zu bauen“ (DT vom 01.03.1952). Bereits in seinem ersten Diskussionsbeitrag im Deutschen Bundestag am 23.02.1950 hatte Hammer kundgetan, was er unter „freiheitlicher Gesundheitspolitik“ verstand: „Der Woh l- fahrtsstaat ist die Voraussetzung für die Verwirklichung des Polizeistaats“. Auf dem Meldebogen zum Entnazifizierungsverfahren gab Hammer als Grund für die von ihm geforderte Einordnung als „Nicht belastet“ an, dass er „Stadtbekannter Antifaschist“ sei. 102 Am 11.04.1947 wurde er als „Nicht betroffen“ von der Spruchkammer Darmstadt -Stadt ein- gestuft. Quellen: Deutsche Dienststelle (WASt), Personenrecherche HHStAW, Abt. 520/Darmstadt-Zentral, Nr. 518480 HStAD, H 3 Nr. 3815 HStAD, N 5 Nr. 111 HStAD, O 59 Koch Nr. 26 AdJb Bestand B Nr. B/205/031 [Dissertation 1923: Formen der Sexualität in der Jugendbewegung] StadtA DA, ST 61, Hammer, Dr. Richard [http://www.dfg-vk-darmstadt.de/Lexikon_Auflage_2/HammerRichard.htm] Zugriff: 19.09.2016 Literatur: Dotzert, Roland: Die Darmstädter Kommunalpolitik seit 1945. Darmstadt 2007. Dotzert, Roland: Hammer, Richard. In: Stadtlexikon Darmstadt (2006), S. 345 f. Frei, Norbert: Vergangenheitspolitik. Die Anfänge der Bundesrepublik und die NS -Vergangenheit. München 1996. Gerst, Thomas: Ärztliche Standesorganisation und Standespolitik in Deutschland 1945-1955. Stuttgart 2004. Hafeneger, Benno/Velke, Marcus/Frings, Lucas: Geschichte der hessischen Ärztekammern 1887 - 1956. Autonomie – Verantwortung – Interessen. Schwalbach im Taunus 2016. Kirschner, Albrecht: Abschlussbericht der Arbeitsgruppe zur Vorstudie „NS-Vergangenheit ehemaliger hessischer Landtagsabgeordneter“ der Kommission des Hessischen Landtags für das Forschungsvo r- haben „Politische und parlamentarische Geschichte des Landes Hessen“. Wiesbaden 2013. 103 Kriegerweg (K 9-10), benannt 1979 nach Arnold Krieger (1904-1965) Schriftsteller * 1. Dezember 1904 in Dirschau an der Weichsel 1912-1920 Besuch des Humanistischen Gymnasiums in Thorn 1920-1923 Besuch des Marienstiftsgymnasiums in Stettin (Abitur 1923) 1924-1927 Studium der Philologie an Universitäten in Greifswald, Göttingen und Berlin 1926 Heirat mit Charlotte Sonja Raykowski, ein Kind [Trennung ca. 1930] 1927 Uraufführung von „Opfernacht“ (erstes Drama) im Stadttheater Stettin 1930-1933 Mitglied der Gesellschaft der Friedensfreunde 1932 Umzug nach Rauchfangswerder in der Nähe von Berlin; ab 1933 verschiedene Adressen, daru n- ter in Stettin und Berlin 1933-1945 Mitglied der Reichsschrifttumskammer 1934 Romane „Mann ohne Volk“, „Spielraum für Monika“ und „Das Blut der Lysa Gora“ bei Rowohlt 1935 „Ein Menschenherz – was weiter?“ 1936 „Christian de Wet“ (Drama) 1940/41 Propagandafilm „Ohm Krüger“ nach dem Roman „Mann ohne Volk“ von Arnold Krieger 1941 „Der dunkle Orden“ 1941 „Das erlösende Wort“ (Lyrik) 1941-1945 Hauptwohnsitz in Misdroy (heute Insel Wollin, Polen) 1942 Heirat mit Blanka Maria „Tuja“ Koutny, drei Kinder 1942 „Empörung in Thorn“, „Das Urteil“ 1944 „Das schlagende Herz“ (Lyrik) 1944/45 Veröffentlichungen in der Wochenzeitschrift „Das Reich“ 1945-1947 Wohnsitz in Passau 1947/48 nach kurzem Aufenthalt in Bad Oberdorf (September 1947) Wohnsitz in Oberstdorf/Allgäu 1948-1953 Aufenthalt in der Schweiz 1953 „Zwei zogen aus“ (autobiografischer Bericht) 1953/54 Umzug nach Darmstadt (auf Einladung von OB Ludwig Engel) 1954 „Sehnsucht und Bindung“ (Lyrik) 1955 Roman „Geliebt, gejagt und unvergessen“ (Afrika-Epos; Kriegers größter literarischer Erfolg) 1957 Gründung des Verlags „Studio Schaffen und Forschen“ in Darmstadt 1958 „Reichtum der Armen“ (Lyrik) 1959 Gründung des „Weltbunds freier Menschen“ 1963 „Der Kuckuck und die Zerreißprobe“ † 9. August 1965 in Frankfurt am Main 104 Ehrungen: 1967 Gründung des „Freundeskreises Arnold Krieger e. V.“ 1971 Eiche und Gedenktafel (Platte) für Arnold Krieger im Herrengarten Darmstadt Wirken in der NS-Zeit Arnold Krieger lebte und arbeitete seit 1953/54 als Schriftsteller in Darmstadt. Aus der Zeit zwischen 1933 und 1945 stammen mindestens ein Dutzend Veröffentlichungen, für die Kri e- ger verantwortlich zeichnete. Krieger war weder Mitglied in der NSDAP noch in einer ihrer Unterorganisationen, von 1933 bis 1945 allerdings Mitglied der RKK (Reichsschrifttumskammer A 1214); im Zuge seines En t- nazifizierungsverfahrens konnten keine Mitgliedschaften in weiteren NS -Organisationen festgestellt werden. Vom Militärdienst war er eigenen Angaben zufolge aus gesundheitlichen Gründen ausgeschlossen („Nach sorgfältigen militärärztlichen Untersuchungen zum Militä r- dienst nicht herangezogen“, StAM). Nach 1945 bestritt Krieger vehement G erüchte, wonach er „sich mit den Nazis ganz gut stünde“ (BArch Berlin, BDC, R 9361-V/146043). Seine Bücher seien frei von nationalsozialist i- scher Ideologie; zwei geheim gehaltene Manuskripte stellten eine „vernichtende Kritik des Nationalsozialismus“ dar; lediglich der Roman „Das Urteil“ enthalte eine „partielle Bejahung“ des Nationalsozialismus, „aber nur, damit die Anklage desto schärfer herauskommt, die ich gegen die unmenschliche Zerstörung der gottgewollten Ehen durch den Nationalsozialismus erhebe“ (Krieger, 10.06.1947, BArch Berlin, BDC, R 9361 -V/146043; auch StAM). Gegen se i- nen Willen sei sein Roman „Mann ohne Volk“ als Vorlage für den NS -Propagandafilm „Ohm Krüger“ verwendet worden; er sei dagegen sogar gerichtlich vorgegangen, jedoch erfolglos [sein Name wurde im Vorspann genannt]. 1936 sei ihm der Pass entzogen worden, was seine geplante Emigration (nach Dänemark) verhindert habe. Er zog daraufhin an die Ostsee, nach Misdroy (Insel Wollin, heute Polen), wo er bis Januar 1945 in einem abgelegenen An wesen „unbehelligt arbeiten konnte“ (Dierks). Zwischen 1935 und 1939 konnte (seinen Ausführu n- gen zufolge) keines seiner Werke erscheinen. Er habe 1933 -1945 keine einzige öffentliche Rede gehalten, sah sich wiederholt Anfeindungen der NS -Presse ausgesetzt und sein schrift- stellerisches Werk be - bzw. verhindert. 1942 heiratete er in zweiter Ehe Blanka Maria (g e- nannt Tuja) Koutny, der er den Roman „So will es Petöfi“ (1942) widmete. Tuja Krieger berief sich in ihrem Entnazifizierungsverfahren auf ihren Mann: „Mein Verhältnis zur Partei ergibt sich aus der Tatsache, daß ich die Frau des Dichters Arnold Krieger bin und an seiner tief begründeten Abwehrhaltung und seinem Ringen mit ganzer Kraft teilgeno m- men habe“ (04.05.1946, Staatsarchiv Landshut). Demgegenüber stehen erklärungsbedürftige Einnahmen, die sich 1940 auf über 20.000 RM beliefen, 1941 gar auf über 32.000 RM (1942: nochmals über 25.000 RM). Gegenüber der Reichsschrifttumskammer erklärte Arnold Krieger: 105 „Das Jahr 1940 brachte mir nach siebenjährigem Ringen endlich einen großen Aufschwung. Allerdings sind die Betriebsausgaben, Kosten für Gehälter usw. r iesig angewachsen. Nur mit größ ten finanziel- len Anstrengungen (Reisen, viele Ferngespräche usw.) ist es mir gelungen, auch die Bühne bis zu e i- nem gewissen G rade zu erobern“ (Anlage zur Erklärung für die Reichsschrifttumskammer [ohne D a- tum], BArch Berlin, BDC, R 9361-V/25975). In Frage-/Meldebögen 1946/47 gab Krieger für den Zeitraum 1933 -1945 als „durchschnittl i- ches Jahreseinkommen drei -viertausend Mark“ zu Pr otokoll; im Meldebogen vom Mai 1946 nannte er für das Jahr 1938 ein zu versteuerndes Einkommen von 4.000, für 1943 von 6.000 RM (die Jahre 1939 -1942 wurden nicht abgefragt, StAM). Der größte Teil seiner Einkünfte resultierte (laut seiner eigenen Erklärunge n an die Reichsschrifttumskammer) aus „Buchve r- öffentlichungen“. Tatsächlich erschienen während des Zweiten Weltkriegs (1939 -1942) min- destens sieben Titel Arnold Kriegers neu oder in Neuauflage, teils im nationalsozialistischen Eher-Verlag, teils (in großer Auflage) bei Heyne und bei Kiepenheuer. Sechs davon standen nach 1945 auf der „Liste der auszusondernden Literatur“ (Anfrage des Öffentlichen Klägers der Spruchkammer Passau vom 31.05.1947, StAM; die in Leipzig veröffentlichte Liste galt wohl nur in der S BZ). Des Weiteren erschienen die Gedichtbände „Das erlösende Wort“ (1941) und „Das schlagende Herz“ (1944). Beide Bände hatten – so wiederum Krieger – nur gegen erheblichen Widerstand, nach jahrelangem Ringen, trotz „Schikanen“ erscheinen kö n- nen. Bemerkenswert erscheint zudem, dass Krieger 1944/45 als Autor der NS -Wochenzeitung „Das Reich“ in Erscheinung trat, zu dieser Zeit neben dem „Völkischen Beobachter“ das au f- lagenstärkste NS -Presseorgan. Die seit 1940 erscheinende Zeitung sollte stärker als andere NS-Blätter journalistisch hochwertige Artikel vereinen, mit einem starken Schwerpunkt auf kulturellen Themen, verfasst von renommierten Journalisten und Schriftstellern. Ein Reda k- teur der Zeitung sprach rückblickend von „Nationalsozialismus im Frack“ (Reiche l, S. 178); unter den Autoren fanden sich auch Persönlichkeiten wie Max Planck und Theodor Heuss (siehe auch Biografie Karl Krolow). Stilistisch wie inhaltlich sollte sich die Zeitung von der gleichgeschalteten NS -Presse abheben, die sich zunehmend als Pro blem entwickelt hatte. Dazu genoss das Blatt gewisse Freiheiten – die Leitartikel verfasste allerdings Joseph Goe b- bels persönlich, der am 16. Januar 1940 in seinem Tagebuch notiert hatte: „Neuen Dichter entdeckt. Arnold Krieger. Namen merken!“ ( so Klee, S. 340). Arnold Krieger war 1944 mit mindestens drei Beiträgen vertreten („Stell dich dem Schmerz“, „Das Zeichen“, „Das schl a- gende Herz“), noch im Januar 1945 erschien sein Gedicht „Die lesende Geliebte“ (DFG-VK Darmstadt). Aus welchen Gründen auch immer Aut oren in „Das Reich“ publizierten, lassen sich die Beiträge doch mindestens als „Arrangieren“ mit dem NS-Regime deuten: „Auch wenn Das Reich zahlreiche Nicht-Nazis beschäftigte, eine Insel des publizistischen Widerstands war es deshalb nicht, konnte es nach Lage der Dinge auch nicht sein. […] Ob die Mitarbeiter dieses Blattes für ‚Enthüllungsleser‘ schrieben oder fürs bloße Überleben, sie waren unweigerlich verstrickt in das Dilemma von Anpassung und Kollaboration. Ihr Handlungsspielraum war denkbar gering. Vor Verweisen und Entlassungen waren auch sie nicht sicher. Andererseits erfüllten sie als Angehörige der Intelligenz mit ihrem Schreiben eine objektive gesellschaftliche Funktion, waren sie das publizist i- sche Aushängeschild eines Regimes, das die Meinungs freiheit verachtete und verfolgte. Von welcher 106 subjektiv-oppositionellen Motivation sie auch immer geleitet waren, ihr Schreiben schönte das ve r- brecherische Gesicht des Dritten Reiches“ (Reichel, S. 178). In der biografischen Literatur zu Arnold Krieger üb erwiegt die Darstellung des Gewalt ve r- achtenden, humanistischen Schriftstellers. Entsprechend hielt Roland Dotzert im Stadtlex i- kon Darmstadt zu Kriegers Wirken fest: „In seiner literarischen Arbeit setzte er sich ein für Humanität und vorbeugende Friedensf orschung mit dem Wunsch nach einem Ausgleich zwischen Rassen und Religionen. Diese Grundeinstellung führte zu mehrfacher Heimatlosigkeit, Wanderschaft, Aufbau neuer Heimat und erneutem Zusa m- menbruch. Seine Abneigung gegen alle Gewalt führte zur Konfrontati on mit den Nationalsozial isten. Sein erster Gedichtband ‚ Das erlösende Wort‘ wurde 1941 als ‚entartet‘ eingestuft. Krieger wollte nach Dänemark emigrieren; die Gestapo vereitelte dies durch Passentzug. Nach dem Krieg emigrierte er schließlich in die Schweiz, wo er in bürokratische Konflikte mit der Fremdenpolizei kam.“ Carl Steiner hatte in seinem Beitrag („Arnold Kriegers Lyrik. Gesänge eines gläubigen Hum a- nisten“) in der Jubiläumsschrift des Verlags „ Studio Schaffen und Forschen “ 1994 bereits konstatiert: „Nachdem sein [Kriegers] erster Gedichtband ‚Das erlösende Wort‘ 1941 von den Nationalsozialisten als ‚entartet‘ eingestuft wurde, war das politische Urteil der damaligen Zeit über ihn und sein Werk gefällt. An wahre und zeitlos -menschliche Werte dachte m an damals nicht“ (Studio Schaffen und Forschen, S. 15). Nach seiner Flucht von Hiddensee im Januar 1945 lebte Krieger bis 1947 in Passau (erst 1948 zog er in die Schweiz). Vor der Spruchkammer Passau -Stadt fand 1946/47 denn auch sein Entnazifizierungsverfahren statt (zum Folgenden siehe StAM). Auf die Frage hin, welcher „Naziorganisation“ er angehörte, gab er zu Protokoll: „ keiner, nicht einmal der NSV, da mir jede Nazi -Organisation verhasst war“ (Hervorhebung im Original). Er bezeichnete sich we i- terhin als „Gegner des Nationalsozialismus und Militarismus“. Zu den Vorwürfen seiner ehemaligen Vermieterin, es seien in der NS -Zeit zahlreiche Veröffentlichungen Kriegers e r- schienen und der Film „Ohm Krüger“ basiere auf einem seiner Romane, bezog er wie oben geschildert Stellung. An der Einschätzung als „Vom Gesetz nicht betroffen“ [Stempel auf Meldebogen ohne Datum] änderte auch der Vorwurf nichts, er habe in Misdroy unbehelligt in einer Villa leben können, was für einen Verfolgten des NS -Regimes, als welchen er s ich geriere, doch sehr unwahrscheinlich wäre. Aufgrund seiner autobiografischen Veröffentlichung „Zwei zogen aus“ (1953), in der sich Krieger negativ mit seinem Aufenthalt in der Schweiz auseinandersetzte, geriet er in der Schweiz heftig in die Kritik. Er wurde als „Hochstapler“ bezeichnet, der zeitweise eine teure Villa gemietet, gleichzeitig aber die Kostgeldschulden für sein Kind nicht bezahlt habe. Z u- dem wurde ihm zur Last gelegt, er habe sich als Flüchtling und Opfer des Nationalsozialismus ausgegeben, „obschon er mindestens profitierender Mitläufer gewesen sei“ (NZZ vom 09.03.1957 unter Bezug auf Artikel in NZZ von Ende März 1954). Der Autor des NZZ -Artikels aus dem Jahr 1954, Peter Zimmermann, bezog sich in seiner Argumentation auf ein Urteil aus dem Jahr 1952, dass zur Ausweisung Kriegers aus der Schweiz geführt hatte. Er bezog 107 sich in seiner Bewertung zudem auf Kriegers Veröffentlichungen im Eher -Verlag, dem Zen t- ralverlag der NSDAP. Eine von Krieger angestrengte Verleumdungsklage wurde schließlich abgelehnt: Das Gericht hob als ein Kriterium hervor, Krieger habe sich „zum mindesten bis zu einem gewissen Grade (dieses Ausmaß wird im Artikel nicht präzisiert) mit dem Ungeist der Hitlerei identifiziert“ (aus dem Urteil zitiert nach NZZ vom 09.03.1957). Quellen: BArch Berlin, BDC, R 9361-V/146043 BArch Berlin, BDC, R 9361-V/25975 Staatsarchiv Landshut, Spruchkammer Passau (Rep. 241/14) Nr. 7273 [Tuja Krieger] StAM, Spruchkammerakten Karton 966, Krieger, Arnold HStAD, H 14 Darmstadt Nr. R 1270 HStAD, R 12 P Nr. 3303 DFG-VK Darmstadt [www.dfg-vk-darmstadt.de/Lexikon_Auflage_2/KriegerArnold.htm] (Zugriff: 21.11.2016) StadtA DA, ST 61 Krieger, Arnold I+II Literatur: Dierks, Margarete: Krieger, Arnold. In: NDB 13 (1982), S. 43 f. Dotzert, Roland: Krieger, Arnold. In: Stadtlexikon Darmstadt (2006), S. 522. Klee, Ernst: Das Kulturlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. Frankfurt am Main 2007. Reichel, Peter: Der schöne Schein des Dritten Reiches. Faszination und Gewalt des Faschismus. Mü n- chen 1991. Studio Schaffen und Forschen (Hrsg.): Arnold Krieger. 75. Geburtstag. Darmstadt 1979. Studio Schaffen und Forschen (Hrsg.): Arnold Krieger (1904 -1965). Zum 90. Geburtstag dem Lyriker gewidmet. Darmstadt 1994. 108 Albinmüllerweg (H 9), benannt 1987 nach Albin Camillo Müller, genannt Albinmüller (1871-1941) Architekt * 13. Dezember 1871 in Dittersbach bei Frauenstein/Erzgebirge 1887-1892 Tischlerlehre in der Tischlerei des Vaters; Wander- und Gesellenjahre 1893-1897 Volontariat und Studium in Mainz; Innenarch itekt in Bromberg; Studienreise durch Nor d- deutschland 1897-1899 Innenarchitekt in Köln; Studium an der Kunstgewerbeschule in Dresden; erste Preise bei Wettbewerben 1900 Heirat mit Anna Maria (Änne) Rauch (zwei Kinder) 1900-1906 Lehrer für Raumkunst und arc hitektonische Formenlehre an der Kunstgewerbe - und Handwerkerschule in Magdeburg; ab 1905 Leiter der Abteilung für Innenraum und Architektur 1905 Ausgestaltung des Trauzimmers im Standesamt Magdeburg 1906 Gartenpavillon auf der 3. Deutschen Kunstgewerbe-Ausstellung in Dresden 1906-1914 Mitglied der Künstlerkolonie in Darmstadt; Wohnhaus sowie weitere Häuser auf der Ma t- hildenhöhe (1911), Mietshäusergruppe (1911-1914), Schwanentempel, Brunnenanlage und Löwentor (1914); führend bei Ausstellungen 1908 und 1914 1906/07-1911 Lehrer für Raumkunst am Großherzoglichen Lehratelier für angewandte Kunst 1910-1912 Villenarchitektur in Seeheim an der Bergstraße 1915-1918 (Armierungs-)Soldat im Ersten Weltkrieg Ab 1917 Verwendung des Künstlernamens „Albinmüller“ 1918-1925 Holzhausbauten und Denkmäler 1920/21 Boelcke-Denkmal in Dessau 1921 Veröffentlichung „Holzhäuser“ 1925-1932 Tätigkeiten im Wohnhausbau; Einfamilienhäuser unter anderem in Magdeburg und im Erzgebirge 1926/27 Architekt der Deutschen Theaterausstellung in Mag deburg: Bauten und Innenraumgesta l- tung, darunter Pferdetor und Aussichtsturm („Albinmüller-Turm“) 1928-1933 Entwürfe für Sakral- und Monumentalbauten 1933 Entwurf eines Richard-Wagner-Denkmals 1933 Veröffentlichung „Denkmäler, Kult- und Wohnbauten. Aus dem Kreis der Darmstädter Künstler- kolonie“ 1934-1941 Beschäftigung mit Philosophie, Landschaftsmalerei und schriftstellerische Tätigkeiten 1936/37 Entwurf für ein Museum (im Auftrag von Mathilde Merck, nicht umgesetzt) 1937 Entwurf für Grabmal Ernst Ludwig von Hessen und bei Rhein (nicht umgesetzt) 1940 Veröffentlichung „Heimatland. Bilder und Verse“; „Aus meinem Leben“ (Manuskript) † 2. Oktober 1941 in Darmstadt 109 Ehrungen: 1899 Auszeichnung für Innenarchitektur auf der Ausstellung „Heim und Herd“ in Dresden 1904 „Grand Prix“ für Beitrag im Bereich Innenarchitektur auf Weltausstellung in St. Louis/USA 1906 Staatsmedaille und Goldmedaille auf der 3. Deutschen Kunstgewerbe-Ausstellung in Dresden 1907 Ernennung zum Professor durch Großherzog Ernst Ludwig von Hessen und bei Rhein 1910 Goldmedaille auf der Weltausstellung in Brüssel 1943 Ausstellung „Aus dem Lebenswerk Prof. Albinmüllers“, Mathildenhöhe Darmstadt Wirken in der NS-Zeit Albin Camillo Müller, der eigentlich Alwin hieß und sich selbst Albinmüller nannte, war einer der führenden Architekten der Darmstädter Künstlerkolonie zwischen 1906 und 1914. Er zeichnete in dieser Zeit für zentrale Bauten verantwortlich, die bis heute die Mathildenhöhe und damit das Stadtbild Darmstadts prägen. In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts schuf er ein umfangreiches Werk, als Architekt sowie als Gestalter im Bereich angewandter Kunst. Seine letzte umfassende Aufgabe als Architekt übernahm er 1926/27 mit der Deu t- schen Theaterausstellung in Magdeburg. In der Zeit des „Dri tten Reichs“ erhielt Albinmüller kaum mehr Aufträge, die zur Ausführung gelangten (Gräfe, S. 289-291). Belegt sind der Entwurf für ein Richard -Wagner-Denkmal (1933, vermutlich anlässlich eines Wettbewerbs der Stadt Leipzig), ein ausgeführtes Maus o- leum auf dem Wiesbadener Nordfriedhof (1933, im Auftrag von Robert Jurenka), ein Miet s- wohnhaus in Darmstadt (1935/36, als sein wohl letztes ausgeführtes architektonisches Werk, heute Dolivostraße/Feldbergstraße) sowie die Entwürfe eines Museums (1936/37, im Auftrag von Mathilde Merck) und eines Mausoleums für den Leichnam von Großherzog Ernst Ludwig von Hessen und bei Rhein (1937). Obgleich sein Wirken als Architekt in der NS -Zeit begrenzt war, schien er um Anerkennung seitens der Nationalsozialisten bemüht, wie ihm seine Biografin Babette Gräfe attestierte: „In der Phase um 1933 -35/36 ist Albinmüller offensichtlich durchaus von nationalsozialistischen Ideen und dem Dritten Reich angetan. Vermutlich zuversichtlich, dass nun nicht nur die Weimarer Republik weichen muss, sondern auch der von ihm wenig geachtete ‚Internationale Stil‘ überwunden ist und der ersehnte deutsche Architekturstil vollendet werden kann, versucht er von den neuen Machthabern als Architekt anerkannt zu werden“ (Gräfe, S. 246). Gräfe verwies als Be leg für ihre Einschätzung auf Albinmüllers Kunstauffassung, die allg e- mein „auf Idealismus und einem gewünschten aristokratischem Abstand zur Masse gepaart mit romantisierender Religiosität, konservativ -monarchischer und deutsch -nationaler Übe r- zeugung“ basierte (Gräfe, S. 245). In ihrer Beurteilung von Albinmüllers Wirken in der NS-Zeit stützte sich Gräfe besonders auf dessen autobiografische Schrift „Aus meinem Leben“, ein 186 Seiten umfassendes Manuskript, das Albinmüller wohl um 1940 abschloss (es endet m it der Bemerkung, sein Sohn stehe als Soldat „bei unserer Wehrmacht im Feindesland“; Xer o- kopie in ULB Darmstadt). Seit der Nichtberücksichtigung beim Bau des Theaters in Dessau 1935/36 habe Albinmüller sich „zunehmend missverstanden und abgeschrieben“ gefü hlt, so 110 Gräfe weiter (S. 245). Resigniert wandte er sich verstärkt philosophischen Überlegungen s o- wie der Malerei zu. Da es als wichtiges Dokument hinsichtlich Albinmüllers Wirken in der NS -Zeit gewertet wer- den kann, soll die zentrale Passage aus „Aus mein em Leben“ (bezüglich der NS -Zeit) hier un- gekürzt wiedergegeben werden (Überschrift: „Nachtrag“): „Nun lebe ich zwar seit einer Reihe von Jahren in dieser meiner Einsamkeit; doch zu der erhofften rechten philosophischen Beschaulichkeit bin ich noch nicht du rchgedrungen. Dazu ist ja auch die Zeit mit ihrem gewaltigen politischen Geschehen nicht angetan. Das Sehnen des deutschen Volkes nach Errettung aus Schmach und Knechtschaft des verlorenen Krieges ist durch Adolf Hitler zur Erfüllung gekommen. Durch unerhörte Taten hat er – gestützt auf seine N.S.D.A.P. und auf die wiedererricht e- te Wehrmacht – Deutschland wieder stark gemacht und das Großdeutsche Reich geschmiedet. Ich habe immer wieder mancherlei Projekte bearbeitet, die wie viele andere aus früheren Jahre n, nicht zur Ausführung gekommen sind. Das gleiche Schicksal ward meinem Theaterprojekt für Dessau zuteil. Es wurde übergangen! So sind mir nun jetzt, wo ich mein Schaffen für geklärt halten darf, die Möglichkeiten zur rechten reifen und starken Auswirkung versagt. Ein Museumsbau, den ich für die vom verstorbenen Dr. Willy Merck gesammelten exotischen Kunstwerke im Auftrag meiner vereh r- ten langjährigen Freundin Mathilde Merck projektiert habe, kann bei der Unmöglichkeit, Baumaterial bewilligt zu bekommen, z ur Zeit nicht zur Ausführung kommen. Der Bau könnte die Krönung meines Schaffens als Architekt sein. – Es wird kaum etwas daraus werden, trotz des starken Willens der Frau Mathilde Merck, die als einzige aus dem früheren Kreis des Großherzoglichen Hauses d ie Tradition auf künstlerischem und geistigem Gebiete zu pflegen sucht. Sie ist eine wahrhaft tapfere, feinfühlige, geistvolle, phantasiereiche Frau von tiefer Innerlichkeit. Unter der Regierung Adolf Hitler erstehen indessen überall im Reich, zugleich mit dem Netz der A u- tostraßen, große repräsentative Monumentalbauten für Partei und Staat, dazu Kasernen und sonst i- ge Heeresbauten, gewaltige Fabriken, ausgedehnte Arbeiter- und Bauernsiedlungen. Die Privatbautä- tigkeit indessen steht unter strengsten Einschrän kungen. Für nicht unbedingt lebensnotwendige Bauaufgaben versagen die Behörden die Genehmigung und die Zulassung des Baumaterials. Bevor diese einschneidenden Maßnahmen eintraten, konnte ich – 1933 – noch ein außergewöhnl i- ches, wenn au ch kleines Bauwerk er richten. [Es folgt die Beschreibung des Mausoleums in Wiesb a- den]“ (Albinmüller, Aus meinem Leben, S. 182). Das von Albinmüller angesprochene Museum (zu dessen Entwurf siehe Gräfe, S. 247) sollte ebenso unverwirklicht bleiben wie das von ihm entworfene Maus oleum für den Großherzog: Gab im Falle des Museums der Mangel an Baumaterial den Ausschlag (so zumindest Albi n- müllers Begründung), waren es im Falle des Mausoleums die tragischen Umstände des Flu g- zeugabsturzes der Großherzoglichen Familie (bei dem auch sei ne Auftraggeberin ums Leben kam). Im Zusammenhang mit Albinmüllers Veröffentlichung „Denkmäler, Kult - und Wohnbauten. Aus dem Kreis der Darmstädter Künstlerkolonie“ (1933) wurde in der Presse das „organische Gewachsensein“ und die „Erdverbundenheit“ seiner Baukunst hervorgehoben, die „ehrlich“ , „deutsch“ und „von germanischer Kraft“ sei (1933, StadtA DA, ST 61). Allerdings klangen schon Bedenken durch, dass sein Oeuvre bereits der Vergangenheit zuzurechnen und kaum mit der aktuellen politischen Situation in Einklang zu bringen sei („Es müssen wehmütige Erinnerungen für den Künstler sein. Denn seine Ideen bewegten sich in einer Welt, die ve r- 111 gangen ist […]“, Volk und Scholle 11 [1933], S. 342). Wie Babette Gräfe konstatierte, gab es bereits vor 1933 im Werk Al binmüllers deutliche Anknüpfungspunkte an die NS -Ideologie. Allerdings konnte der Architekt weder mit seiner Kunstauffassung punkten noch mit der Tr a- dition, in der sie gesehen wurde: „Albinmüllers Werk ist zwar von völkischem Gedankengut durchzogen, man de nke an die Ansätze, germanenideologische Wertesysteme einzubeziehen, oder den Versuch, die Entstehung einer neuen deutschen, germanisch -christlichen Religion in seinen späten Entwürfen für Kirchbauten zu unte r- stützen. Doch mit dem wachsenden Machtanspruch der Nationalsozialisten und dem wachsenden internationalen Gewicht des Dritten Reiches treten an die Stelle rückwärts gewandter Sehnsüchte innerhalb der nationalsozialistischen Bewegung jene Vorstellungen, die zukunftsgerichtet an der Massenkultur orientiert sind. […] Albinmüller ist den Machthabern insgesamt zu unentschlossen, zu zerrissen und vor allem noch immer zu großbürgerlich in seiner Geste. Ganz entscheidend scheint dabei zu sein, dass der elitäre Anspruch Albinmüllers nicht zu der Massenbewegung d es Nationalso- zialismus passt“ (Gräfe, S. 248). Albinmüller widmete sich in seiner letzten Lebensdekade verstärkt der Malerei, wovon um 1940 seine Veröffentlichung „Heimatland. Bilder und Verse “ Zeugnis ablegte. Es handelte sich dabei vornehmlich um Landsch aftsmalerei aus seiner Erzgebirgsheimat und seiner Wahlheimat Darmstadt , die dem vorherrschenden Kunstve rständnis nicht entgegen stand und von der Kritik durchaus freundlich aufgenommen wurde (StadtA DA, ST 61). Bereits 1936 war sein Märchenspiel „Das Christmondrosenreis“ erschienen; das Titelblatt zierte eine Blüte mit einem stilisierten Hakenkreuz im Zentrum. Im Jahr 1941 starb Albinmüller in Darmstadt, „als enttäuschter Reformer und als ins Abseits geratener Idealist“ (Gräfe, S. 249). Aufgrund seines Todes 1941 ließen sich keine Entnazifizie- rungsdokumente recherchieren. Im eingesehenen Material fanden sich keine Hinweise auf Mitgliedschaften in NS-Organisationen. Quellen: HStAD, G 31 P in Nr. 4345 HStAD, R 12 P Nr. 4283 StadtA DA, ST 61 Müller, Albin (Albinmüller) StadtA DA, Straßennamen und deren Bedeutung ULB Darmstadt, (Teil-)Nachlass Albinmüller (1871-1943) [nur Material vor 1933] Literatur: Albinmüller: Denkmäler, Kult - und Wohnbauten. Aus dem Kreis der Darmstädter Künstlerkolonie. Darmstadt 1933. Albinmüller: Das Christmondrosenreis. Schwarzenberg 1936. Albinmüller: Heimatland. Bilder und Verse. Darmstadt ca. 1940. Albinmüller: Aus meinem Leben. Darmstadt ca. 1940. 112 Gräfe, Babette: Romantik ist das Schwungrad meiner Seele. Der Traum einer ästhetischen Gegenwelt in der Architektur von Albinmüller. Darmstadt 2010. Ulmer, Renate: Müller, Albin Camillo. In: NDB 18 (1997), S. 346 f. Ulmer, Renate: Müller, Albin Camillo (gen. Albinmüller). In: Stadtlexikon Darmstadt (2006), S. 648 f. 113 Sabaisplatz (J 9), benannt 1989 nach Heinz Winfried Sabais (1922-1981) Schriftsteller und Politiker, Darmstädter Oberbürgermeister * 1. April 1922 in Breslau 1928-1938 Schulbesuch in Breslau (Volks- und Aufbauschule; Mittlere Reife) 1934-1938 [1933-1941] Mitglied des DJ/der HJ (Jungzug- bzw. Scharführer) 1938-1940 Kaufmännische Ausbildung bei einer Großhandels-Firma in Breslau 1940-1941 nach erfolgreicher Handelsgehilfenprüfung Angestellter in der Lehrfirma 1941 nach Kriegsfreiwilligenmeldung Pflichtdienst beim RAD 1941-1945 Angehöriger der allgemeinen SS (SS-Einheit 4/16 Breslau) 1941-1945 Soldat bei der Luftwaffe; Ausbildung zum Flugzeugführer (letzter Rang: Feldwebel) 1942 Teilnahme an einem Ausleselager, nach erfolgter Auswahl Langemarck-Stipendium 1943 Heirat mit Ingeborg Wieczorek (drei Kinder) 1943-1945 nach Absturz frontuntauglich; Studium in Wien und Prag 1945 Umschulung zum Sprengstoffspezialisten (Fallschirm-Panzer-Division „Hermann Göring“) 1945 in amerikanischer Kriegsgefangenschaft („Rheinwiesenlager“) Ca. 1946 Arbeit als Redakteur in Rudolstadt Ca. 1946 „Und über allem sei Liebe“ (erster Gedichtband) 1947 Lektor und Prokurist im Verlag Kiepenheuer in Weimar 1948 „Das Todesurteil“ (Erzählung); „Mein Acker ist die Zeit“ 1948-1949 Chefsekretär des Deutschen Goetheausschusses Weimar/Berlin 1950 Flucht aus DDR in BRD mit Frau und zwei Kindern, über Berlin nach Darmstadt (Juli 1951) 1951-1953 Redakteur der Zeitschrift „Neue Literarische Welt“ (Organ der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung) in Darmstadt 1954 Kulturreferent der Stadt Darmstadt seit 1955 Mitglied und Generalsekretär (bis 1966) des PEN-Zentrums 1963 als (hauptamtlicher) Stadtrat Mitglied des Magistrats der Stadt Darmstadt; Wahl zum ersten hauptamtlichen Kultur- und Schuldezernenten der Stadt Darmstadt 1964 „Kleine Darmstädter Literaturgeschichte“ 1971-1981 Oberbürgermeister der Stadt Darmstadt 1971-1981 Präsident des Deutschen Bühnenvereins 1975 „Sozialistische Elegie“ † 11. März 1981 in Darmstadt Ehrungen: 1967 Otto-Burrmeister-Ring 1981 Wilhelm-Leuschner-Medaille des Landes Hessen 114 Wirken in der NS-Zeit Heinz Winfried (der zweite Vorname taucht erst nach 1945 auf) Sabais, Schriftsteller und Kommunalpolitiker, war seit 1953/54 Kulturreferent der Stadt Darmstadt und wurde dort 1963 zum ersten hauptamtlichen Kultur- und Schuldezernenten ernannt. Von 1971 bis zu seinem Tod 1981 war er dann Oberbürgermeister der Stadt Darmstadt. In der NS -Zeit war er als Schüler in der HJ organisiert, war Langemarck-Stipendiat und Flugzeugführer der Luftwaf- fe. Im März 1941 begann seine Angehörigkeit zur allgemeinen SS. „Ja, ich war Nazi. Und kein Aber. Ich war es vier Jahre lang mit Begeisterung, ungefähr zwischen me i- nem zwölften und sechzehnten Lebensjahr, also zwischen 1934 und 1939. Danach war ich es mit wachsender Verstörung, mit Zweifeln, mit Unbehagen – und zugleich wachsendem Opportunismus, weil sonst eine soziale Karriere unmöglich schien. Erst der 20. Juli 1944 und die barbarische Liquid a- tion der Empörer zerstörten meinen schon erschütterten Glauben an das ‚Dritte Reich‘ der Deu t- schen und seine Mission zur ‚Neuordnung Europas‘ samt der skeptisch gewordenen Anhänglichkeit an den charismatischen Führer. Aber nun war ich gebunden durch einen in der Verzweiflung immer störrischer werdenden Patriotismus“ (Sabais, Menschenmaterial, S. 125). Sabais reflektierte in dem 1968 veröffentlichten Aufsatz „Menschenmaterial“, dem das v o- rangestellte Zitat entstammt, sein Wirken als Jugendlicher und junger Erwachsener während der NS-Zeit. Seine lebhafte autobiografische Schilderung deckt si ch in großen Teilen mit den recherchierten Informationen aus den unten angeführten Quellen. In einzelnen Punkten lassen sich aber zumindest Auslassungen im Vergleich zu dokumentierten Informationen und Selbstberichten aus der Zeit vor Kriegsende nachweisen. Bei Machtübernahme durch die Nationalsozialisten 1933 war Sabais zehn Jahre alt. Er b e- suchte die Schule in seiner Heimatstadt Breslau, die er 1938 mit der Mittleren Reife a b- schloss. Er stammte aus einfachen Verhältnissen ( „Ich bin unter den Massen, im Pr oletariat, im Slum geboren “, Menschenmaterial, S. 127), sein Vater – von Sozialdemokraten wie Ko m- munisten aus unterschiedlichen Gründen enttäuscht – habe politisch „in der Nähe der Sozi a- listischen Arbeiterpartei“ gestanden; sein Großvater war überzeugter „Sozi“. Sabais beschrieb in seinen Erinnerungen anschaulich, wie die Nationalsozialisten in seinem Wohnviertel, das eigentlich als „rote Hochburg“ galt, die Macht übernahmen – auch die auf der Straße. Bei einer Propagandaveranstaltung in Breslau 1933 kam es zu einer persönlichen Begegnung mit Adolf Hitler, der dem zehnjährigen Heinz die Hand auf den Kopf legte – wo- raufhin Sabais‘ Großvater seinem Enkel umgehend beim Friseur die Haare scheren ließ, zu dessen „grenzenlosen Zorn“ (S. 132). Heinz, der eigentlich der katholischen Jungschar ang e- hörte (seine Mutter habe gewollt, dass aus ihm kein Prolet würde), schloss sich der HJ an: „Die Nazis fingen an, mir zu gefallen. Sie hatten sich als die Stärksten gezeigt. Unter uns Buben war es ein ungeschriebenes Gesetz, daß der Stärkste auch am meisten zu sagen habe“ (Menschenmaterial, S. 131). Sabais‘ Erinnerungen folgend war ein Schlüsselerlebnis für ihn eine Schlägerei im Sommer 1934 zwischen Jungscharlern und HJ -Jugendlichen: „Unser Führer befahl, sich nicht zu we h- ren und ihm ruhig zu folgen“ (S. 133). Er widersetzte sich der Anordnung und stürzte sich auf 115 die Kontrahenten – was ihm später zu Anerkennung beim Jungvolk verhalf. Vom „romant i- sche[n] Knabenbund-Charakter“ (S. 136) des Jungvolks angezogen und begeistert, üb ernahm er mit 13 Jahren Verantwortung als „Jungzugführer“: „Wir waren obenauf: die Zukunft der Nation. Flink wie die Windhunde, zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl, so wollte uns ‚der Führer‘ haben. Und wir wollten das auch sein. Wir kriegten es fertig“ (Menschenmaterial, S. 135). Innerhalb der Familie habe es harte Auseinandersetzungen mit dem Vater gegeben, der S a- bais‘ damaliger Auffassung nach „ein hoffnungsloser Fall“ war, während er, Heinz, auf der Seite der Gewinner stand. Mit 14 Jahren wurde er zur Hitlerjugend überwiesen, wurde dort Kameradschaftsführer, verlor aber – seinen reflektierenden Ausführungen nach – „jeden Spaß“ (S. 136). Er wandte sich verstärkt der Literatur zu; wurde als „Klassenprimus, Sportler und Jugendführer“ (S. 137) zur Prüfung für die Aufbauschule zugelassen, die er nach A b- schluss der Volksschule besuchen durfte (1935-1938). Ein in Aussicht gestellter Platz auf dem Gymnasium kam aus finanziellen Gründen nicht in Frage. Gemeinsam mit einem Freund u n- ternahm er in den Sommerferien lange Radtouren, die ihn unter anderem in die Hauptstadt führten – und Ärger einbrachten: „In Berlin ereilte uns das Verhängnis. Der HJ -Streifendienst stellte uns auf ‚wilder Fahrt‘. Wir waren grimmige Burschen und wollten uns nichts schuldig bleiben. Kurz, wir flogen aus der HJ hinaus. Damit war, wir sollten es bald spüren, unser Lebenskarren aus den vorschriftsmäßigen Geleisen gespru n- gen“ (Menschenmaterial, S. 137). Nach der Mittleren Reife absolvierte Sabais ohne große Begeisterung eine Kaufmannslehre bei einer Breslauer Firma, die en gros mit Lebensmitteln handelte (1938 -1940). Nach Kriegs- beginn (Sabais war 17 Jahre alt) übernahm er dort verantwortungsvollere Aufgaben, da viele Mitarbeiter eingezogen worden waren. Auf Anraten eines seiner Vorgesetzten le gte er nach der Handelsgesellenprüfung eine Begabtenprüfung ab (S. 140), die ihm ein Studium ermö g- lichte. Bis zu seiner Meldung als Kriegsfreiwilliger im März 1941 arbeitete er weiter bei se i- ner Lehrfirma als kaufmännischer Angestellter. In unterschiedlich en Lebensläufen nach 1945 gab Sabais zu Protokoll, an der Universität Königsberg immatrikuliert gewesen zu sein; der Krieg habe die Aufnahme des Studiums ( Philosophie, Literaturgeschichte, Zeitungs- und The- aterwissenschaft – versehen mit einem „Reichsstipe ndium“ für Geisteswissenschaften) aber vereitelt. In seinen 1968 veröffentlichten Erinnerungen beschrieb Sabais die Umstände, die mit der hier nicht näher bezeichneten „Begabtenprüfung“ einher gingen (S. 140-142): Neben der „Bescheinigung über Dienst und F ührung in der HJ“ musste er demnach einen sogenannten „Ariernachweis“ liefern. Während ersteres – trotz seines geschilderten Ausschlusses aus der HJ – mit „geringen Schwierigkeiten“ gelang („Es gab Freunde“), gestaltete sich die Ermittlung der Vorfahren de mnach als schwierig. Da sein Ahnenpass „eine dunkle Stelle“ aufwies (die Eltern einer Urgroßmutter mit jüdisch klingendem Namen konnten nicht ermittelt werden, so Sabais), wurde ihm „nahegelegt, mich freiwillig zu einer prominenten Einheit der Waffen - SS zu melden“: 116 „Ich zog meinen Großvater und, seit langem wieder, auch meinen Vater zu Rate, was nun werden sollte. Die prominenten Einheiten der Waffen -SS genossen großes Ansehen, vielleicht sollte ich – es war verführerischer Opportunismus – meinen gescheckte n Ariernachweis durch Dienst unter der nordischen Siegrune ein wenig hochzustilisieren versuchen“ (Menschenmaterial, S. 141). Seine Familie sowie seine Freundin (und spätere Frau) waren dagegen – auch gegen seinen Entschluss, sich freiwillig zur Luftwaffe zu melden, so Sabais: „Trotzdem, ich hatte begeisterte Freiwilligkeit zu dokumentieren und so meldete ich mich, begleitet vom stummen Kopfschütteln meines Vaters und den wütenden Tränen meiner Freundin, freiwillig zur Luftwaffe. Der Weg zur Universität war allein durch den vorgeschriebenen Umweg über das Mas- sengrab zu sichern, eine absurde Lage. Im Sommer 1941, als ich längst auf der Flugzeugführerschule meine Platzrunden zog, schickte mir der Studentenbund die Formulare für eine Freiwilligenmeldung zur Waf fen-SS zu. Ich konnte höflich auf mein bereits bestehendes militärisches Dienstverhältnis hinweisen und war damit einer großen Gefahr entgangen – kaum durch eigenes Verdienst“ (Me n- schenmaterial, S. 142). Nach seiner Kriegsfreiwilligenmeldung wurde er am 10.03.1941 dem RAD (Abteilung K 4/110 Breslau-Oswitz, BArch, BDC, R 9361 -III/170081) zugewiesen, wo er seinen Pflichtdienst lei s- tete (Angaben zu Dauer des Aufenthalts beim RAD divergieren zwischen sieben Wochen und vier Monaten) . Er durchlief bei der Luftwaf fe eine Ausbildung zum Flugzeugführer, deren Stationen er in einem Lebenslauf aus dem Jahr 1943 folgendermaßen benannte: „Am 1.5.1942 [sic! 1941] wurde ich zum 2./Fliegerausbildungs -Reg[iment] 32 eingezogen, wo ich meine militärische Grundausbildung erhiel t. Nach Versetzung zum Flug -Anw.-Bat. [Fluganwärterba- taillon] und zur A/B-Schule 113 kam ich zur F.F.S [Flugzeugführerschule] C 14, der ich als Flugschüler (C) angehöre. Beförderungen: 1.5.42 Gefreiter, 1.9.42 Kriegs-Offiziers-Anwärter, 1.3.43 Unteroffizier“ (BArch, BDC, R 9361-III/170081). Die Angaben decken sich mit Informationen der Deutschen Dienststelle (WASt): Sabais g e- langte im Oktober 1941 an die Flugzeugführerschule A/B 113 (Standort: Brünn) und war im Mai 1943 in der Schülerkompagnie der Flugzeugf ührerschule C 14 in Prag -Gbell stationiert. Sabais‘ Ausführungen nach 1945 folgend entsprach sein höchster Dienstrang dem eines Feldwebels. Demnach nutzte er nach dem Absturz seiner Maschine die „Lazarett - und Gene- sungszeit“ (Lebenslauf 1972, StadtA DA, ST 61) für ein Studium als Gasthörer. In einem L e- benslauf aus dem Jahr 1947 fasste er den Kriegseinsatz wie folgt zusammen: „Im Mai 1941 wurde ich Soldat und fand Verwendung als Flugzeugführer. Dieser Umstand verschaf f- te mir die Möglichkeit, fast ganz Europa kennenzulernen und nach durch Absturz erlittener Frontu n- tauglichkeit in meinen Garnisonen Wien und Prag insgesamt vier Semester als Gasthörer zu studi e- ren“ (StadtA Weimar, Kopie StadtA DA, ST 61). In den Akten der Deutschen Dienststelle (WASt) dokumentier t fand sich nur ein Hinweis auf einen Aufenthalt im Luftwaffenlazarett Wien von Oktober bis Dezember 1943 – wegen einer chronischen Mandelentzündung. Wie eine Akte aus dem Bestand „Personenbezogene Unterlagen der SS und SA“ aus der Sammlung des BDC im Bundesarchiv Berlin (BArch, BDC, R 9361-III/170081) belegt, umfasste 117 Sabais‘ zu dokumentierende „begeisterte Freiwilligkeit“ im Zuge seines „wachsenden Oppo r- tunismus‘“ einen Schritt, den er in keinem tradierten Statement oder Lebenslauf nach 1945 erwähnte – auch nicht in seinem Aufsatz „Menschenmaterial“: Seine Freiwilligenmeldung zur allgemeinen SS. In einem Lebenslauf aus dem Jahr 1943 notierte Sabais Folgendes: „Seit dem 2. Januar 1933 gehöre ich der HJ an und war als Jungzug - und Scharführer tätig. Am 1.3.41 wurde ich auf eigenen Wunsch zur SS überwiesen. Am 1.7.1942 wurde ich nach Teilnahme an einem Ausleselager in das Langemarck -Studium aufgenommen. Ich beabsichtige nach Freistellung vom Wehrdienst Geschichte, Deutsch + Zeitungswissensc haft zu studieren. H einz Sabais “ (Lebenslauf 1943, BArch, BDC, R 9361-III/170081). Der Lebenslauf vom April 1943 war Teil eines Antrags „an den Reichsführer SS, Rasse - und Siedlungshauptamt“, in dem Sabais als SS -Anwärter um die Erlaubnis zur Hochzeit mit Ing e- borg Wieczorek ersuchte (seinen vollen Namen gab er mit Heinz Josef Georg Sabais an). Aus dem dokumentierten, umfangreichen Vorgang gehen weitere Informationen hervor: De m- nach war Heinz Sabais der SS -Einheit „Sturm 4/16 Breslau“ zugehörig; im Frühjahr 1943 gab er als Dienstrang „SS-Anwärter“ an, im Frühjahr 1942 war er als „SS -Bewerber“ geführt wor- den; seine SS-Sippen-Nummer lautete 134681; im vorliegenden sogenannten „kleinen Arie r- nachweis“ vom Februar 1942 wurde ihm eine „arische Abstammung“ bescheinigt („Bis zu den Groß eltern einwandfrei“); das für die Vollmitgliedschaft notwendige Reichsportabze i- chen lag vor (seine zukünftige Frau musste dies bzw. das BDM -Leistungsabzeichen bis 30.06.1945 nachreichen), so auch das Flugzeugführerabzeichen. Eine ärztliche Unters u- chung, durchgeführt durch den Standortarzt der Waffen -SS Prag (Sabais war zu der Zeit auf dem Fliegerhorst in Prag stationiert), bescheinigte Sabais‘ „Kriegsfliegertauglichkeit“, bewe r- tete seine Psyche als „unauffällig“ und seine Begabung als „überdurchschnittlich“ . Sabais‘ Gesuch sei bevorzugt zu bearbeiten, da sein Fronteinsatz bevor stand. Die Heiratserlaubnis wurde vom „Chef des Heiratsamtes im Rasse - und Siedlungs -Hauptamt-SS“ am 30.06.1943 erteilt, wobei es Schwierigkeiten mit dem „Ariernachweis“ von Ingeborg Wieczorek gab, weshalb die Heiratsgenehmigung nur „auf Verantwortung Ihrer zukünftigen Frau vorläufig freigegeben“ wurde (Hochzeit schließlich am 24.07.1943). Selbstgewählte Zeugen besche i- nigten ihr allerdings, als „Frau eines SS-Angehörigen geeignet“ zu sein. Die Zugehörigkeit zur HJ wurde in den vorliegenden Fragebögen von Sabais datiert auf 02.01.1933-05.03.1941. Das erwähnte „Langemarck -Studium“, in das er nach dem erfol g- reich absolvierten Ausleselager aufgenommen wurde, fand in Ausführungen nach 1945 keine Erwähnung; dort war wiederholt von einem „Reichsstipendium“ die Rede (siehe Lebensläufe StadtA DA, ST 61). Um in das Langemarck -Studium aufgenommen werden zu können – es war als Begabtenförderungsprogramm für Volks- und Mittelschüler implementiert worden –, mussten die dafür vorgeschlagenen jungen Männer ihre politische Zuverlässigkeit unter B e- weis stellen, was im Zuge der Ausleselager groteske Züge annehmen konnte (hierzu Grüt t- ner, S. 149-154, besonders S. 150). Wie Sabais in seinem Aufsatz „Menschenm aterial“ beschrieb, war er vor Kriegsende „in e i- nem Schnellkurs vom Flugzeugführer zum Sprengspezialisten umgeschult worden“ (S. 126). Er sollte als „Selbstmordspezialist“ (Fallschirm-Panzer-Division „Hermann Göring“) hinter der 118 Front abspringen, um den gegnerischen Nachschub zu stören. Dazu kam es nicht mehr; seine Einheit wurde aufgerieben, er geriet bis Juni 1945 in amerikanische Kriegsgefangenschaft in sogenannten Rheinwiesenlagern (Büdrich, Rheinfelden und Sinzig; aus letzterem entlassen). Im mehrfach zitierten Aufsatz „Menschenmaterial“ versuchte Sabais, seine Begeisterung für den Nationalsozialismus („Ja, ich war mit Begeisterung Nazi gewesen, wenigstens als Kind“, S. 127) zu erklären. Er verwies darin auch wiederholt auf seinen Opportunismus, ohne de n ein Studium für ihn nicht möglich gewesen wäre. Zugleich beschrieb er die wachsende Di s- tanz zum nationalsozialistischen System; bereits beim Offiziersanwärter -Lehrgang 1941 konnte er rückblickend erste Anzeichen für das ausmachen (S. 143), was sich später als inne- re Abkehr manifestieren sollte: „Ich war kein Nazi mehr, ich war ein Gefangener des Hitlerstaates, der bewaffnet herumlaufen dur f- te, um, wie einer meiner Kommandeure sich ausdrückte, ‚verheizt‘ zu werden“ (S. 144). Deutlich unterschied Sabais dabei (an mehreren Stellen) zwischen sich und den Leidensg e- nossen seiner Generation auf der einen Seite sowie den „listigen Verbrechern“, den „gewis- senlosen Hasardeuren“, den „Massenmördern und Judenschlächtern“ auf der anderen Seite. Welche Schlüsse Sabais a us seinen Erlebnissen zwischen 1933 und 1945 zog, soll im Folge n- den an einigen zentralen Passagen des Textes exemplarisch verdeutlicht werden. Die Situation nach dem Ende der Kampfhandlungen umriss Sabais mit folgenden Worten: „Ich war 23 Jahre alt, verheiratet, ein Kind [*06.03.1944, HK], Beruf Student, wohnhaft in Breslau, das es nicht mehr gab. Ich haßte mit dem einzigen Haß, den ich jemals empfand, die pathetischen, list i- gen Verbrecher, die Deutschland in Ruin und Schande geführt hatten. […] So kam ich in ein Gefange- nenlager am Rhein, fraß Gras und Dreck, lag verhungert in einem Erdloch und studierte den Me n- schen. Ich fand, er war weder gut noch böse, wohl eher zur Eigen- als zur Nächstenliebe geneigt, aber auch eher zur Menschlichkeit als zur Unmenschli chkeit angelegt. Seine größte Gefahr waren Macht und Fanatismus und Dummheit. Ihnen wollte ich entgegentreten, wo immer es notwendig werden sollte“ (S. 126 f.). Auch auf das Thema „Schuldfrage“ ging er ein: „War ich in meiner Jugendtorheit schuldig geworde n? Nein, ich empfand keinerlei Schuld. Ich war beschämt und erbittert. Ich empfand ein unbändiges Grauen. Dieses Grauen schüttelt mich noch heute, so oft ich an meine sinnlos hingeopferten Generationskameraden denke […]. Ich verabscheue jede Gewalt. […] Ic h trage den gewissenlosen Hasardeuren, die den deutschen Namen durch ihre unvorstellbaren Verbrechen in Schande gebracht haben, meinen Haß und meine Verachtung nach, solange Erinnerung in mir ist. Mit Massenmördern und Judenschlächtern gibt es keine Versöh nung. Ihre Verbrechen gegen die Menschlichkeit sind auch Verbrechen gegen die Ehre des Vaterlands und beleidigten meine persönliche Ehre als Staatsbürger“ (S. 145). Und der Aufsatz endete mit den Worten: „Ich war in jungen Jahren Nazi. Ich lebe und arbeite dafür, daß meine Kinder, ganz gleich unter we l- cher Flagge, nicht zu Untertanen und staatlichen Leibeigenen gepreßt werden können. So sehr ich Gewalt und jene Schwächlinge verabscheue, die, statt Verstand zu zeigen, mit ihr Furore machen 119 wollen, ich würde den Sicherungsflügel herumlegen, wenn irgendwer mich und meine Nachbarn um die gesetzlich verbrieften Menschenrechte betrügen wollte“ (S. 146). In Veröffentlichungen nach 1945 erwies sich Sabais wiederholt als Gegner der „mörderi- schen Kollektivismen Faschi smus, Kommunismus“ ( „Sozialistische Elegie“, erschienen 1975, abgedruckt unter Magistrat der Stadt Darmstadt, S. 65-71, Zitat S. 65; vgl. auch Sabais 1977 sowie Engels 1999, S. 15). In seiner Antrittsrede 1971 unterstrich er als neu gewählter Obe r- bürgermeister: „Ich habe zwei Diktaturen in unserem Lande am eigenen Leibe erfahren und dafür – wie viele – bitter bezahlen müssen. Vom humanen Wert des Fortschritts aus geurteilt, sind Faschismus und Komm u- nismus die geschichtlichen Versager des 20. Jahrhunderts mit den sinnlosesten Spesen an Blut und Gut der Völker. Zu leben und zu arbeiten lohnt sich nach meiner Überzeugung und Erfahrung am ehesten für die soziale Demokratie und in einer sozialen Demokratie. Wo die Menschenrechte die Politik regieren, da ist das Vaterland“ (Magistrat der Stadt Darmstadt, S. 29). Zu Heinz Sabais, der bis 1950 in der SBZ bzw. der DDR lebte, konnten keine Entnazifizi e- rungsdokumente ermittelt werden. Quellen: BArch, BDC, R 9361-III/170081 Deutsche Dienststelle (WASt), Personenrecherche HStAD, R 12 P Nr. 5348 StadtA DA, ST 61 Sabais [zwei Kartons] Literatur: Böttiger, Helmut: Doppelleben. Literarische Szenen aus Nachkriegsdeutschland. Begleitbuch zur Au s- stellung. Göttingen 2009. Engels, Peter: Sabais, Heinz Winfried. In: Stadtlexikon Darmstadt (2006), S. 768. Engels, Peter: Heinz Winfried Sabais – Zwischen Ost und West. In: Ders./Wahl, Volker (Hrsg.): Thomas Mann und Heinz Winfried Sabais. Begegnungen und Korrespondenzen. Darmstadt 1999, S. 9-16. Grüttner, Michael: Studenten im Dritten Reich. Paderborn 1995. Hessische Staatskanzlei (Hrsg.): Im Dienste der Demokratie. Die Trägerinnen und Träger der Wilhelm - Leuschner-Medaille. Wiesbaden 2004. Heukenkamp, Ursula (Hrsg.): Unterm Notdach. Nachkriegsliteratur in Berlin 1945 -1949. Berlin 1996 [Kurzbiografie S. 553]. Magistrat der Stadt Darmstadt (Hrsg.): Heinz Winfried Sabais zum Gedächtnis. 1922 -1981. Oberbür- germeister der Stadt Darmstadt. Darmstadt 1981. Sabais, Heinz Winfried: Menschenmaterial. In: War ich ein Nazi? Politik – Anfechtung des Gewissens. München et al. 1968, S. 124-146. Sabais, Heinz Winfried: Machtergreifung 1933. Z ur Kritik der Schrift von Henner Pingel „ Darmstadt 1933, NSDAP-Machtergreifung im Volksstaat Hessen“. Darmstadt 1977. 120 Schmelzerweg (D 7), benannt 2002 nach Carl Christoph Schmelzer (1908-2001) Physiker * 17. November 1908 in Lichtentanne (Sachsen) 1916-1919 Besuch der Höheren Bürgerschule in Zwickau 1919-1928 Besuch des Reform-Realgymnasiums in Zwickau (1928 Abitur) 1926-1933 Mitglied des „Stahlhelms“ (bis zur Überführung in die SA) 1927 Sendelizenz für selbstgebaute Amateurfunk-Station in seiner Heimatstadt Lichtentanne 1928-1930 Studium der Chemie an der TH München 1930-1935 Studium der Physik an der Universität Jena (bestandene Vorprüfung in Physik 1932) 1932-1935 Promotion in Physik an der Universität Jena, Dissertation „Absolutmessung dielektrischer Verluste bei hohen Frequenzen mit dem Kondensator-Thermometer“ 1933-1936 und 1939-1945 Mitglied der SA (ab 1939 im Rang des Obertruppführers) 1935-1936 Privatassistent bei seinem Doktorvater Max Wien in Jena 1936-1939 Research Associate bei Charles A. Kraus an der Brown University (Providence, USA) 1939-1945 Assistent am Institut für Technische Physik der Universität Jena 1939-1945 Mitglied der NSDAP (Mitglieds-Nr. 7326821, Aufnahme: 01.12.1939) 1939-1945 Mitglied der DAF 1939-1945 Mitglied der NSV 1940 von Februar bis April als Pionier beim Baulehr-Bataillon Brandenburg Havel 1942 Heirat mit Erica Margarete Horn (drei Kinder; eines im Kleinkindalter verstorben) 1945-1948 Internierung durch US-Armee in Heidenheim an der Brenz; dort Mitarbeit an Field Info r- mation Agency Technical (FIAT)-Berichten 1948-1952 Wissenschaftlicher Assistent bei Walter Bothe am 1. Physikalischen Institut der Univers i- tät Heidelberg 1949 Habilitation an der Universität Heidelberg, „Beiträge zur Methodik dielektrischer Messungen“ 1952-1960 Tätigkeit bei CERN, Senior-Physicist (ab April 1954 in Genf): Errichtung des Proton - Synchrotrons (Betriebsbeginn November 1959) 1954 Ernennung zum außerplanmäßigen Professor an der Universität Heidelberg 1956 Ernennung zum Honorarprofessor an der Universität Heidelberg 1958/1966 Mitglied der Heidelberger Akademie der Wissenschaften (ab 1966 ordentliches Mitglied der mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse) 1959-1970 Mitglied (1960 -1965 Vorsitzender) des Wissenschaftlichen Rats bei DESY (Deutsches Elektronen-Synchrotron), Hamburg 1960 Auswärtiges Wissenschaftliches Mitglied des Max-Planck-Instituts für Kernphysik, Heidelberg 1960-1977 Professor und Direktor des Insti tuts für Angewandte Physik an der Universität Heidelberg (ab 1971 beurlaubt, 1977 emeritiert); 1963-1964 Dekan 121 1971-1978 Wissenschaftlich-technischer Geschäftsführer der Gesellschaft für Schwerionenforschung (GSI) in Darmstadt (Einweihung der Forschungsanlage 1977) † 10. Juni 2001 in Heidelberg Ehrungen: 1978 Bundesverdienstkreuz 1982 Ehrendoktor der Universitäten in Frankfurt am Main und Gießen 2001 Christoph-Schmelzer-Preis Wirken in der NS-Zeit Christoph Schmelzer, Kernphysiker, Pionier auf dem Gebiet de r Schwerionenbeschleunigung und wissenschaftlich-technischer Geschäftsführer der GSI, war in der NS -Zeit als Physiker in Jena und in den USA tätig. Er war unter anderem Mitglied der NSDAP und der SA. „Die politische Biographie Christoph Schmelzers (Jg. 190 8), der 1935 von Max Wien als Privatassi s- tent eingestellt wurde, weist sogar eine bemerkenswerte Kontinuität auf. Im Alter von 18 Jahren war er bereits 1926 dem Stahlhelm beigetreten und später der SA, 1939 der NSDAP. Unterbrochen wurde diese soldatenbündische Sozialisation nur zwischen 1936 und 1939, da Schmelzer ‚befehlsgemäß‘ aus der SA ausscheiden mußte, um einen Forschungsaufenthalt an der Brown University in den USA wahrnehmen zu können. Kurz vor Kriegsbeginn, im Juni 1939, kehrte Schmelzer als Assist ent an das Technisch-Physikalische Institut der Universität Jena zurück. Er wurde nach seinem Wiedereintritt in die SA zum Obergruppenführer [sic!] befördert“ (Lemuth/Stutz, S. 620). Seit dem Wintersemester 1930/31 studierte Christoph Schmelzer an der Univ ersität Jena Physik (mit den Nebenfächern Mathematik und Astronomie, hierzu und zum Folgenden UA Jena, N Nr. 21). Im Dezember 1935 reichte er seine Dissertation zum Thema „Absolutmes- sung dielektrischer Verluste bei hohen Frequenzen mit dem Kondensator-Thermometer“ ein, an der er drei Jahre lang gearbeitet hatte, und legte erfolgreich die Promotionsprüfungen ab. Im Anschluss arbeitete er als Privatassistent bei seinem Doktorvater Max Wien, einem r e- nommierten Experimentalphysiker (* 1866), der 1935 emeritiert worden war. Max Wien galt als Beispiel eines „patriotic scientist“, der seine Kollegen gegen die fachlichen Außenseiter der „Arischen Physik“ zu mobilisieren, zugleich aber für „vaterländische“ Ziele zu sammeln suchte (Lemuth/Stutz, S. 602). Im Frühjahr 1 933 waren mehrere Jenaer Hochschullehrer dem „Stahlhelm“ beigetreten. Namentlich Vertreter des akademischen Nachwuchses waren von Rektor Abraham Esau i n- formell dazu aufgerufen worden, sich einer Organisation der „nationalen Erhebung“ anz u- schließen (Lemuth/Stutz, S. 618). Der Physiker Wilhelm Hanle berichtete in seinen Lebense r- innerungen, dass er sehr erfreut gewesen war, dort auf den bereits etablierten jungen Koll e- gen Schmelzer zu treffen, den er als herausragendes Talent unter den Jenaer Nachwuchswi s- senschaftlern bezeichnete (Hanle, S. 61). Seit Oktober 1933 war Schmelzer schließlich Mi t- glied der SA und avancierte dort zum Scharführer. Der damalige Leiter der SA -Ortsgruppe Lichtentanne, in der Schmelzer organisiert war, lobte Schmelzer in einer Beurteilung für sei- nen Einsatz: 122 „Hiermit bescheinige ich dem Scharführer Christoph Schmelzer, geb. am 17. XI. 08, Lichtentanne, daß er vom 20. 8. 1926 bis zu seinem Übertritt in die S.A. am 4. X. 1933 Mitglied des Stahlhelms, Ort s- gruppe Lichtentanne, war. Er war Kame rad des Jungsta [Jungstahlhelms, HK] u[nd] später Gruppe n- führer in einer Wehrsport -Komp[anie]. Immer hat er aktiv im Wehrsport seine Pflicht getan, sowohl im Stahlhelm, als auch in der S.A.“ (01.12.1935, Bescheinigung des SA -Sturmbannführers Schaa r- schmidt, UA Jena, N Nr. 21). Für alle Studenten der Jenaer Universität (die in der Deutschen Studentenschaft gezwu n- genermaßen organisiert waren bzw. ab 1934 im NSDStB) waren Mitgliedschaft und Dienst in der SA verpflichtend – wobei die Mitgliedschaft in der SA tat sächlich keineswegs nur auf dem Papier stand, sondern mit einem verhältnismäßig hohen Zeitaufwand verbunden war (so Bruhn, S. 247). Im September 1936 wechselte Schmelzer auf Einladung des Department of Chemistry der Brown University (Providence, Rhode Island) zu einem längeren Forschungsaufenthalt in die USA: Bis zum Frühjahr 1939 führte er dort seine Forschungen (besonders zum dielektrischen Verhalten von Elektrolyten) als Research Associate bei Charles A. Kraus am Metcalf Research Laboratory fort. Schmelzer finanzierte seinem Aufenthalt in den USA durch Stipendien (Me t- calf- bzw. Anthony-Fellowships, UA Jena, D Nr. 2548). Aus der SA musste er – seinen eigenen Angaben aus der Zeit zufolge – für diesen Zeitraum Ausscheiden (UA Heidelberg, PA 8678). Im Juni/Juli 1939 kehrte Schmelzer an das Physikalische Institut der Universität Jena zurück. In einem 1966 verfassten Lebenslauf notierte Schmelzer zu seiner Forschungsarbeit an der Universität Jena Folgendes: „1939 Rückkehr nach Deutschland. Zunächst Zeiss -Stipendiat am Physikalischen Institut der Univers i- tät Jena bei H[elmuth] Kulenkampff, sodann Assistent am Institut für Technische Physik bei G[eorg] Goubau. Während des Krieges Forschungs - und Entwicklungsarbeiten im Dezimeterwellengebiet, vor allem über Antennen fragen, Schwingungserzeugung, präzise Frequenzmessungen und Messung von Materialkonstanten“ (UA Heidelberg, HAW 419 [Akten S.]). Helmuth Kulenkampff hatte 1935 in Nachfolge von Max Wien den Lehrstuhl für experime n- telle Physik sowie die Leitung der Physikal ischen Anstalt übernommen und war so de facto zum leitenden Kopf der Jenaer Physik aufgestiegen. Er war kein Mitglied der NSDAP und wurde vom NSDDB misstrauisch bis ablehnend beurteilt ( Lemuth/Stutz, S. 615-619). Den verwaisten Lehrstuhl für technische Phy sik vertrat ab 1939 Georg Goubau, ein ausgewies e- ner Experte für Ionosphärenforschung und Funktechnik ( Lemuth/Stutz, S. 635 f.) – obwohl ihm seitens des Sicherheitsdiensts der SS ein abwertendes Urteil ausgestellt worden war. Ab September/Oktober 1939 war S chmelzer als wissenschaftlicher Assistent Goubaus an der Technisch-Physikalischen Anstalt tätig (auf der Stelle eines Dr. Ahrens). Goubau (der noch im März 1944 zum ordentlichen Professor für technische Physik berufen wurde) und sein Wi s- senschaftlerteam be arbeiteten „ausschließlich Wehrmachtsaufträge“ (nach Einschätzung von Kulenkampff aus dem Jahr 1942, Lemuth/Stutz, S. 636); wobei die Initiative dazu offe n- sichtlich von Goubau selbst ausging, der Forschungsvorhaben etwa auf dem Gebiet der Richtstrahlenantennen und der Entwicklung von Spezialröhren verfolgte. Forschungsaufträge erhielt Goubau auch seitens der Luftwaffe (vgl. Lemuth/Stutz, S. 644). 123 Schmelzer selbst wurde 1940 nur kurzzeitig in die Wehrmacht eingezogen: Von Februar bis April 1940 diente er als Pionier bei m Baulehr -Bataillon Brandenburg/ Havel (nach eigenen Angaben, bestätigt durch Erkennungsmarkenausgabeliste vom 23.01.1940, Deutsche Diens t- stelle [WASt] , Personenrecherche ). Im August/September nahm er an einer Arbeitstagung der Deutschen Akademie für Luftfahrtforschung teil, besuchte die Versuchsstation der Deut- schen Versuchsanstalt für Luftfahrt in Kochel sowie die Kriegstagung der Deutschen Physika- lischen Gesellschaft in Berlin. Offensichtlich gelang es dem Technisch -Physikalischen Institut, Schmelzer von da an vom Kriegsdienst befreien zu können, wie eine Bescheinigung nahelegt, in der es heißt, Schmelzer sei an „ kriegswichtigen Forschungsaufgaben […] wesentlich betei- ligt“ gewesen (28.08.1942, Thüringischer Minister für Volksbildung, UA Jena, D Nr. 2548). Für die Universität Jena – und selbst für das Technisch -Physikalische Institut – gestaltete es sich zunehmend schwierig, Wissenschaftler als unabkömmlich deklarieren zu lassen (vgl. Hendel et al., S. 295). An welchen konkreten Forschungsprojekten Schmelzer arbeitete, ließ sich a n- hand der eingesehenen Quellen nicht ermitteln. Eine dokumentierte Leistungszulage vom November 1943 über 100, - RM monatlich legt wiederum nahe, dass Schmelzer an Fo r- schungsaufträgen hoher Priorität beteiligt war: Das Gel d sollte aus dem Budget eines Pr o- jekts entnommen werden, das mit der zweithöchsten Dringlichkeitsstufe („SS“; dies war bis Juli 1942 noch die höchste Dringlichkeitsstufe) versehen war (09.11.1943, Thüringischer M i- nister für Volksbildung, an Universitätsren tamt-Kasse, UA Jena, D Nr. 2548 ). Schmelzers r e- guläres monatliches Einkommen von rund 400, - RM wurde aus Mitteln der Carl -Zeiss- Stiftung bestritten. Für das Jahr 1943 gab Schmelzer im Zuge seines Entnazifizierungsverfa h- rens rund 10.000,- RM steuerpflichtiges Jahreseinkommen zu Protokoll (UA Jena, D Nr. 2548; UA Heidelberg, PA 8678; zur Rolle der Carl-Zeiß-Stiftung vgl. Matthes, S. 191-280). Nach seiner Rückkehr aus den USA im Sommer 1939 war Schmelzer wieder in die SA eing e- treten und hatte eine Mitgliedscha ft in der NSDAP beantragt, die schließlich im Dezember 1939 offiziell erfolgte (Mitglieds-Nr. 7326821, Aufnahme: 01.12.1939, beantragt: 19.10.1939, BArch Berlin, BDC, NSDAP-Mitgliederkartei). In einem Schreiben an die Universität Jena teilte Schmelzer in Ergänzung seiner Personalbogen diesbezüglich mit: „(1) Meinem Gesuch um Wiederaufnahme in die SA., aus der ich befehlsgemäss wegen meiner Reise nach den Vereinigten Staaten austreten musste, ist unter gleichzeitiger Beförderung zum Obertrup p- führer stattgegeben worden. (2) Ich habe um meine Aufnahme in die NSDAP nachgesucht. Heil Hitler! [Unterschrift]“ (18.09.1939, UA Jena, D Nr. 2548). Schmelzer war Mitglied der NSDAP -Ortsgruppe in Lichtentanne (Sachsen), seiner Heima t- stadt, in der er nach seiner Rückkehr a us den USA wohnte, bis er schließlich 1942 nach Jena zog. Im gleichen Jahr – er wohnte bereits in Jena – heiratete er in Lichtentanne Erica Marga- rete Horn (drei Kinder, wovon eines bereits im Kleinkindalter verstarb, UA Heidelberg, PA 2972; UA Jena, D Nr. 2548). Für die in der Literatur aufgestellte Behauptung, Schmelzer sei zum „SA-Obergruppenführer“ ernannt worden – wie etwa im eingangs erwähnten Zitat aus Lemuth/Stutz erwähnt –, ließen sich keine Belege finden (auch nicht in den angegebenen Quellen). Es erscheint auch eher unwahrscheinlich, dass Schmelzer eine solche „Ehre“ zuteil 124 wurde: „Obergruppenführer“ war der höchste Rang, der innerhalb der SA vergeben wurde; nach aktuellem Forschungsstand erhielten nur rund siebzig Personen diese höchste „Au s- zeichnung“. Es handelt sich daher aller Wahrscheinlichkeit nach um einen Fehler in der Tra n- skription, der sich (unhinterfragt) tradiert hat – „Obertruppführer“ (neunter Dienstrang) und „Obergruppenführer“ trennten immerhin zehn Dienstränge. Kurz vor dem Besatzungswechsel am 22./23. Juni 1945 wurde Schmelzer mit über 80 weit e- ren Angehörigen der Universität Jena (Professoren, Assistenten und Hilfskräfte) in die ameri- kanische Zone nach H eidenheim an der Brenz evakuiert, wo er bis 1948 interniert war bzw. lebte. Hier arbeitete er an den Field Information Agency Technical (FIAT) -Berichten der Alli- ierten mit, die zum Teil von Georg Goubau mitherausgegeben wurden. Entnazifizierungsverfahren Bereits im Sommer 1947 hatte Walter Bothe, Direktor des Physikalischen Instituts der Un i- versität Heidelberg und ausgewiesener Experte im Bereich der Kernphysik (1954 Nobelpreis für Physik), Kontakt zu Christoph Schmelzer in Heidenheim aufgenommen und versucht, ihn für die Universität Heidelberg bzw. für das von ihm geleitete Institut z u gewinnen. Wisse n- schaftler von der Qualität eines Christoph Schmelzers waren begehrt; doch musste Schme l- zer – neben bestimmten Ausnahmegenehmigungen, die seine Anstellung erst ermöglichten – vor seiner Anstellung in Heidelberg 1948 das Entnazifizierungsve rfahren in Heidenheim durchlaufen (hierzu und zum Folgenden UA Heidelberg, PA 8678). In seinem Meldebogen hatte Schmelzer seine Mitgliedschaften in DAF und NSV (1939 -1945) zu Protokoll gegeben, auch seine Mitgliedschaften in NSDAP und SA (1939 befördert zu m „Obertruppführer“). In besagtem Meldebogen verwies er zudem auf die beigefügte Anlage, in der er die Umstände hinsichtlich der letztgenannten Mitgliedschaften wie folgt ausführte: „Meine Anmeldung und Aufnahme in die NSDAP wurde während meiner Abwesenhei t von Deutsch- land ohne mein Wissen und ohne meine Zustimmung gegen meinen Willen vorgenommen. […] Im Jahre 1933 wurde ich befehlsgemäss und ohne gefragt zu werden aus dem Stahlhelm in die SA übe r- führt. 1936 musste ich wegen meiner Auslandsreise aus der SA austreten. Ich hatte bei meiner Rüc k- kehr nach Deutschland 1939 nicht die Absicht wieder der SA beizutreten, wurde aber vom Führer der SA-Standarte Zwickau-Sa[chsen] ohne mein Zutun wieder aufgenommen und zum Obertruppführer befördert. Während der gesamten Zeit meiner Zugehörigkeit zur SA habe i ch mich nie am Dienst beteiligt“ (26.04.1946, UA Heidelberg, PA 8678). Die Angaben stehen offensichtlich im Widerspruch zu den oben genannten Aussagen aus den Jahren 1935 und 1939. Zu seinem steuerpflichtigen Vermögen , dass Schmelzer für das Jahr 1943 mit rund 190.000, - RM bezifferte (1934 und 1938 waren es noch rund 30.000, - RM), gab er an, dass dieses bei „Banken in der russischen Zone“ liege und ihm daher nicht zur Verfügung stünde. Schmelzer wurde am 13.01.1948 von der Spruchkammer Heidenheim als „Mitläufer“ eing e- stuft (was seiner Selbsteinstufung entsprach). Als Sühnemaßnahme hatte er 500, - RM zu entrichten, deren Eingang sich in den Unterlagen dokumentiert findet. E r hatte zudem die 125 Kosten für das Verfahren zu tragen – die sich zunächst auf einen Streitwert von 214.000,- RM (gemäß seiner Angaben zu Einkommen und Vermögen) bezogen . Allerdings wurden die Ve r- fahrenskosten schließlich auf 20,- [!] RM festgesetzt, mit folgender Begründung: „Der Betroffene hat sein gesam tes Vermögen in der Ostzone durch Beschlagnahme verloren und ist völlig mittellos. Sein jetziges Einkommen, das er als Flüchtling für den Wiederaufbau seiner Existenz unbedingt braucht, rechtfertigt ebenfalls keine höheren Gebühren. Es handelt sich um eine n erwie- senen Härtefall“ (19.04.1948, Spruchkammer Heidenheim, UA Heidelberg, PA 8678). Quellen: BArch Berlin, BDC, NSDAP-Mitgliederkartei Deutsche Dienststelle (WASt), Personenrecherche UA Heidelberg, PA 2972 UA Heidelberg, PA 8678 UA Heidelberg, HAW 419 (Akten S.) UA Jena, D Nr. 2548 UA Jena, N Nr. 21 StadtA DA, ST 61 Schmelzer, Prof. Dr. Carl Christoph Literatur: Angert, Norbert: Schmelzer, Carl Christoph. In: NDB 23 (2007), S. 129 f. Bruhn, Mike: Die Jenaer Studentenschaft 1933 -1939. In: Hoßfeld, Uwe et al. (Hrsg.): „Kämpferische Wissenschaft“. Studien zur Universität Jena im Nationalsozialismus. Köln/Weimar/Wien 2003, S. 235- 261. Buchhaupt, Siegfried: Die Gesellschaft für Schwerionenforschung. Geschichte einer Großforschung s- einrichtung für Grundlagenforschung. Frankfurt am Main/New York 1995. Drüll, Dagmar: Heidelberger Gelehrtenlexikon 1933-1986. Berlin et al. 2009, S. 541 f. Hanle, Wilhelm: Memoiren. Gießen 1989. Hendel, Joachim et al. (Bearbeiter): Wege der Wisse nschaft im Nationalsozialismus. Dokumente zur Universität Jena 1933-1945. Stuttgart 2007. Hoßfeld, Uwe et al. (Hrsg.): „Kämpferische Wissenschaft“. Studien zur Universität Jena im Nationa l- sozialismus. Köln/Weimar/Wien 2003. Lemuth, Oliver/Stutz, Rüdiger: „Patriotic scientists“: Jenaer Physiker u nd Chemiker zwischen beruf s- ständigen Eigeninteressen und „vaterländischer Pflichterfüllung“. In: Hoßfeld, Uwe et al. (Hrsg.): „Kämpferische Wissenschaft“. Studien zur Universität Jena im Nationalsozialismus. Köln/Weimar/ Wien 2003, S. 596-678. Matthes, Chr istoph: Finanzier – Förderer – Vertragspartner. Die Universität Jena und die optische Industrie 1886-1971. Köln/Weimar/Wien 2014. Prüß, Karsten: Kernforschungspolitik in der Bundesrepublik Deutschland. Projekt Wissenschaftspla- nung. Frankfurt am Main 1974 [hier S. 149-154]. 126 Adelungstraße (J 7), benannt 1945 nach Bernhard Adelung (1876-1943) Buchdrucker und SPD-Politiker, Hessischer Staatspräsident 1928-1933 * 30. November 1876 in Bremen 1882-1890 Volksschulzeit in Bremen; in letzten Schuljahren Laufbursche für ein Herrengeschäft 1891-1895 Ausbildung zum Schriftsetzer in Bremen 1896/97 Wanderjahr durch Deutschland, die Schweiz, Norditalien und Österreich Ab 1897 Buchdrucker bei unterschiedlichen Arbeitgebern in Mainz 1897 Mitglied der SPD 1902-1918 Redakteur/Schriftleiter der „Mainzer Volkszeitung“ 1903-1908, 1911 -1918, 1919 -1933 Mitglied des Landtags des Großherzogtums Hessen -Darmstadt bzw. (ab 1919) des Volksstaats Hessen (SPD) 1903 Hochzeit mit Johanna Groß aus Mainz 1904-1918 Stadtverordneter in Mainz 1905 „Landtags-Handbuch der sozialdemokratischen Partei des Großherzogtums Hessen“ (mit Nac h- trägen 1908 und 1911) 1910 „Die Sozialdemokratie in der Gemeinde. Ein kommunalpolitischer Leitfaden für das Großhe r- zogtum Hessen“ 1910-1918 Mitglied des Kreistags in Mainz 1915 Kriegsfreiwilliger an der Westfront; rückbeordert nach Mainz, dort bis Kriegsende leitend in der Kriegs- und Ernährungswirtschaft von Mainz und Hessen tätig 1918-1928 Beigeordneter und Bürgermeister in Mainz 1919-1928 Präsident der Volkskammer des Volksstaats Hessen (Landtagspräsident) 1928-1933 Hessischer Staatspräsident und Minister für Kultus und Bildungswesen mit Sitz in Dar m- stadt 1933 Ruhestand in Traisa, später (ab 1939/1940) wieder in Darmstadt (Wittmannstraße 29) 1935-ca. 1940 Arbeit an seinen Lebenserinnerungen (veröffentlicht 1952) † 24. Februar 1943 in Darmstadt Ehrungen: 1923 Ehrensenator der Universität Gießen ( mit „Rücksicht auf seine deutschbewusste Haltung in Zeiten schwerster Not“ [bezog sich auf seinen Widerstand in Mainz gegen d ie französische Besatzung und deren Befürworter – Adelung wurde von den Franzosen zweimal in den unbesetzten Teil des Landes ausgewiesen, 1919 und 1923/25, und war daher zeitweise in Darmstadt gemeldet]) 1928 Ehrendoktor der TH Darmstadt („im Hinblick auf seine außerordentlichen Verdienste um die Förderung der kulturellen und wirtschaftlichen Interessen des Hessenlandes“) 1963 Bernhard-Adelung-Schule in Darmstadt 127 Wirken in der NS-Zeit Bernhard Adelung, seit 1897 Mitglied der SPD, begann seine politische Kar riere in Mainz, wo der gelernte Buchdrucker als Stadtverordneter, später als Bürgermeister wirkte. Von 1903 bis 1933 war er (mit kurzer Unterbrechung) hessischer Landtagsabgeordneter, von 1919 bis 1928 Landtagspräsident. Im Februar 1928 wurde er als letzte r frei gewählter Staatspräsident zum Nachfolger von Carl Ulrich in das höchste politische Amt des Volksstaats Hessen befö r- dert. Zugleich leitete er fortan das Ministerium für Kultus und Bildungswesen. Nach dem (erneuten) Wahlerfolg der NSDAP am 6. März 193 3 drängten führende Mitglieder der NSDAP darauf, dass Adelung ihnen (in Person von Heinrich Müller) die Staatsgewalt in Hessen übertragen solle. Adelung weigerte sich zunächst, sah sich aber infolge einer Anwe i- sung von Reichsinnenminister Wilhelm Frick daz u gezwungen, unter Protest die Polizeig e- schäfte noch am gleichen Tag an „Reichskommissar Dr. Müller“ zu übertragen. Am 13. März 1933 wurde schließlich Ferdinand Werner (NSDAP) zum Staatspräsidenten gewählt; auf den Gegenkandidat Adelung entfielen lediglich die Stimmen der SPD (die kommunistischen A b- geordneten waren bereits verhaftet worden). Adelungs politische Karriere war damit bee n- det; der Landtag wurde aufgelöst. Von den Beamten und Angestellten seines Ministeriums verabschiedete sich der scheidende Staatspräsident mit der Bitte, unabhängig von der polit i- schen Lage stets „die menschlichen Beziehungen in den Vordergrund aller Arbeit“ zu rücken. Adelung räumte seine Dienstwohnung in Darmstadt und bezog ein Einfamilienhaus im nahen Traisa. Er erhielt zunäch st keine Bezüge, da Reichsstatthalter Jakob Sprenger „jegliche A n- weisung und Auszahlung von Versorgungsgebühren“ untersagte. Auch Adelungs Sohn Hans sowie sein Schwiegersohn Wolfgang Volbach wurden aus staatlichem (Vorbereitungs-)Dienst entlassen, worauf die Familie in eine finanziell schwierige Situation geriet. In der NS -Zeit hat sich Adelung offenbar nicht mehr politisch betätigt. In einem geheimen Dokument des Reichssicherheitshauptamts vom Juni 1939 wird Adelung in einer Aufstellung zur „Erfassung führ ender Männer der Systemzeit“ unter „Marxisten -Kommunisten“ gelistet. Seinen eigenen Lebenserinnerungen zufolge, die er zwischen 1935 und 1940 verfasste, k a- men gelegentlich alte Weggefährten in Traisa zu Besuch. Adelung reiste wiederholt nach Berlin, wo er – anders als in Darmstadt – unerkannt am kulturellen Leben teilhaben konnte. Seine letzten Lebensjahre verbrachte er aus dem politischen Leben zurückgezogen wieder in Darmstadt (Wittmannstraße 29). Nach schwerer Krankheit starb Bernhard Adelung am 24. Febr uar 1943 in Darmstadt. Die Trauerfeier anlässlich seiner Beisetzung wurde von der Gestapo überwacht. Die Todesanze i- ge durfte in der Presse erst nach der Trauerfeier erscheinen. Nur ein kleiner Kreis von Ve r- trauten fand sich auf dem Waldfriedhof ein. Die Fo rmulierung „Hessischer Staatspräsident a. D.“ fehlt in der veröffentlichten Todesanzeige. 128 Quellen: HStAD, G 35 E Nr. 2/15 HStAD, R 12 P Nr. 20 StadtA DA, ST 61 Adelung, Dr. Bernhard Literatur: Adelung, Bernhard: Sein und Werden. Vom Buchdrucker in Breme n zum Staatspräsidenten in Hessen (bearb. von Karl Friedrich). Offenbach 1952. Franz, Eckhart G.: Adelung, Bernhard. In: Stadtlexikon Darmstadt (2006), S. 13 f. Friedrich, Karl: Adelung, Bernhard. In: NDB 1, Berlin 1953, S. 65. Rack, Klaus-Dieter/Vielsmeier, Bernd (Hrsg.): Hessische Abgeordnete 1820 -1933. Biografische Nac h- weise für die Erste und Zweite Kammer der Landstände des Großherzogtums Hessen 1820 -1918 und den Landtag des Volksstaats Hessen 1919-1933. Darmstadt 2008. 129 Andresweg (E 8-9), benannt 2004 nach Wilhelm Andres (1908-2004) Arheilger Heimatforscher, Kenner der Darmstädter Wald- und Jagdgeschichte * 15. April 1908 in Arheilgen 1929 Wissenschaftliche Prüfung an der TH und am Pädagogischen Institut Darmstadt; Unterricht an der Volksschule Arheilgen; Schulverwalterstelle in Offenbach 1930 Schulverwalter an der Volksschule Atzenhain 1930-1933 Lehrkraft an der Privatschule Lucius (Echzell/Wetterau) 1933-1935 Schulverwaltung Gießen (genaue Tätigkeit unklar) 1933-1945 Mitglied der NSDAP (Mitglieds-Nr. 1800332) 1933-1936 Scharführer NSKK 1935-1942 Schuldienst und wohnhaft in Ober-Hörgern (Kreis Gießen) 1936 Hochzeit (zwei Kinder 1937 und 1941 geboren) 1937-1940 Zellenleiter NSV (Zeitraum für Mitgliedschaft in der NSV ist unklar) 1939 Ernennung zum Lehrer [19.07.1939, Quelle: Regierungsblatt 1939, Beilage 15, S. 130] 1940 NS-Lehrerbund (Zeitraum der Mitgliedschaft ist unklar) 1942-1945 Teilnahme am Zweiten Weltkrieg als Mitglied einer Nachrichtenabteilung (seit Sommer 1944 im Rang eines Feldwebels) 1945-1949 Russische Kriegsgefangenschaft (Entlassungsschein vom 06.05.1949) 1949 Wohnhaft in Darmstadt-Arheilgen Englischunterricht in E-Klassen der Volksschulen (Carl-Ulrich-Schule), dann in Diesterwegschule 1958-1965 Rektor der Mornewegschule 1965-1970 Studienrat am Pädagogischen Fachinstitut Jugenheim 1978 „Alt-Arheilgen. Geschichte eines Dorfes“ 1981 „Wildpark Kranichstein: Zur Geschichte des Darmstädter Waldes“ 1986 „Das Dorf am Ruthsenbach“ anlässlich der 1150-Jahr-Feier Arheilgens 1988 „Aus Darmstadts Waldvergangenheit“ 1993 „Kranichstein: Geschichte eines Stadtteils“ † 11. März 2004 in Darmstadt-Arheilgen Mitglied und Vorsitzender des Kirchenvorstands der evangelisch -lutherischen Auferstehungsgemein- de Arheilgen sowie Mitglied zahlreicher weiterer Arheilger Vereine und der Kommission für die Str a- ßennamen in Darmstadt Ehrungen: 1985 Auszeichnung durch die Fritz -Wernath-Stiftung für seine Verdienste um die Arheilger Ortsg e- schichte 1989 Verdienstmedaille des Verdienstordens der BRD 1995 Ernst-Hofmann-Medaille 130 Wirken in der NS-Zeit Wilhelm Andres, der sich insbesondere nach seiner beruflichen Laufbahn im Schuldienst als Arheilger Heimatforscher einen Namen machte, war in der NS -Zeit an verschiedenen Sch u- len im Kreis Gießen tätig. Noch bis 1933 war er an der Pri vatschule Lucius in Echzell (heute Wetteraukreis) angestellt. Im April 1933 zog er von Echzell nach Gießen; auf seinen Beso l- dungsblättern ist unter Dienststelle fortan „Schulverw. Gießen“ gestempelt. Im Mai 1935 zog er nach Ober -Hörgern im Kreis Gießen (he ute Wetteraukreis), wo er bis 1942 im Schulb e- trieb tätig war („Schulverw. Ober Hörgern Obh.“), ab Juli 1939 offiziell als (verbeamteter) Lehrer. Ab 1942 nahm Wilhelm Andres als Soldat der Wehrmacht am Zweiten Weltkrieg teil. Er war Mitglied der Infanterie-Divisions-Nachrichten-Abteilung 389 der im Jahr 1942 neu formierten Infanterie-Division 389, die an der Schlacht um Stalingrad beteiligt war. Im weiteren Krieg s- verlauf wurde Andres Teil der 252. Infanterie -Division, von der ein Großteil bei Danzig in sowjetische Kriegsgefangenschaft geriet. Seit Sommer 1944 diente er eigenen Angaben fo l- gend im Rang eines Feldwebels. Im Mai 1949 kehrte e r aus sowjetischer Kriegsgefange n- schaft nach Darmstadt-Arheilgen zurück. Wilhelm Andres war datiert auf April 1933 der NSDA P (Ort sgruppe Arheilgen) beigetreten (Mitglieds-Nr. 1800332) . Er wechselte wegen Umzugs zur NSDAP -Ortsgruppe Gießen; als weitere NSDAP-Ortsgruppen werden in der Mitgliederkartei Lang -Göns, Gambach und Ober- Hörgern genannt. Von 1933 bis 1936 war er Scharfüh rer des NSKK, von 1937 bis 1940 Zellen- leiter bei der NSV. Des Weiteren war er Mitglied des NS -Lehrerbunds. Zu welchen Zeiten er den genannten NS-Organisationen insgesamt angehörte, ließ sich nicht ermitteln. Die Meldebogen für die Kennkarte sowie für das E ntnazifizierungsverfahren füllte Wilhelm Andres am 11. Mai 1949 aus, direkt nachdem er aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft in seine Heimatgemeinde Darmstadt -Arheilgen zurückgekehrt war. Am nächsten Tag (12. Mai 1949) stellte er einen Antrag auf Heimkehre r-Amnestie, der rasch positiv beschieden wurde (Stempel auf Meldebogen „Heimkehrer -Amnestie, eingestellt durch Kläger am 23. Mai 1949“). Im Zuge des Verfahrens wurde aus Ober -Hörgern rückgemeldet, dass Andres dort während der NS -Zeit nicht weiter aufgefall en sei und man ihn gerne wieder als Lehrer ei n- stellen würde. Quellen: BArch, NSDAP-Mitgliederkartei Deutsche Dienststelle (WASt), Personenrecherche HHStAW, Abt. 520/Darmstadt-Stadt (Neuablage), Nr. 76 HStAD, G 15 Buedingen Nr. M 432 HStAD, G 35 E Nr. 5/59 131 HStAD, H 3 Nr. 65370 [Kennkartenmeldebogen] HStAD, R 12 P, 51 StadtA DA, ST 61 Andres, Wilhelm Literatur: Castritius, Helmut: Andres, Wilhelm. In: Stadtlexikon Darmstadt (2006), S. 32. Castritius, Helmut: Weltbürger vom Ruthsenbach. Zum Tod von Wilhelm A ndres. In: DE, 18.03.2014 (Kopie in StadtA DA, ST 61) und in Schützt Darmstadt 2004/2, S. 6 f. 132 Heiner-Aßmuth-Platz (L 7), benannt 1996 nach Heinrich Aßmuth (1907-1995) Bessunger Original * 30. August 1907 in Frankfurt am Main, wohnhaft in Darmstadt Besuch der Bessunger Knabenschule Lehre als Autoschlosser 1927 Führerschein Arbeitete zeitweise als Tankwart sowie als Arztfahrer (bei Dr. Kurt Bernet, Vater des späteren Darmstädter Polizeipräsidenten) 1932 Schlosser bei der Fima Behrmann 1934 Schlosser bei der Adam Opel AG in Rüsselsheim 1934 Hochzeit mit Anna Klein in Groß-Gerau 1934-1937 Mitglied der DAF 1936-1941 Mitglied der NSV 1937 Selbständiger Fuhrbetrieb „Heinrich Assmuth“ Um 1938 Pacht der Firma Stoltenkamp (Martinsviertel), Verkauf von Mineralwasser und Likör 1941-1945 Soldat in einer Transportabteilung (Rang: Obergefreiter) 1945 Kriegsgefangenschaft [???] Wieder in Darmstadt: Anfertigen von/Handel mit Haushaltsgegenständen aus amerikanischen Ko n- servenbüchsen; Fuhrgeschäft 1948 Gemüsestand auf dem Forstmeisterplatz 1949 „Bessunger Markthalle“ in einem Garten in der Sandbergstraße 1954/55-1968 „Kerwevadder“ der Bessunger Lappingskerb 1961 Kauf eines alten Hauses [Sandbergstraße 42], Ausbau zu Laden und Wohnsitz 1976 erster Pächter der Ludwigsklause auf der Ludwigshöhe † 14. April 1995 in Darmstadt Ehrungen: 1968 Ehrung für verdiente Bürger durch Stadt Darmstadt 133 Wirken in der NS-Zeit Zu Beginn der 1930er Jahre arbeitete Heinrich Aßmuth in seinem erlernten Beruf als Schlo s- ser, zunächst bei der Firma B ehrmann in Darmstadt, dann bei der Adam Opel AG in Rüssel s- heim. Einem Zeitungsbericht nach habe er „bei den Opel -Werken gearbeitet, bis man ihn rausgeschmissen hat, weil er nicht in die NSDAP eingetreten war“ (DE, 31.05.1977) . Als s i- cher kann gelten, dass Aßmuth spätestens 1937 selbständig einen Fuhrbetr ieb unterhielt. Noch vor dem Zweiten Weltkrieg hatte er die Firma Stoltenkamp im Darmstädter Martin s- viertel gepachtet und vornehmlich mit dem Verkauf von Mineralwasser und Likör seinen Lebensunterhalt bestritten. Heinrich Aßmuth war, eigenen Angaben in seinem Meldebogen folgend, von 1934 bis 1937 Mitglied der DAF sowie von 1936 bis 1941 Mitglied der NSV. Weitere Mitgliedschaften in NS- Organisationen sind nicht bekannt. Von 1941 an nahm er als Soldat am Krieg teil. Er diente als Obergefreiter in einer Kraftw a- gen-Transport-Abteilung (993 und 988). Bei seiner Rückkehr nach Darmstadt fand er den Betrieb zerstört vor. Aus amerikanischen Konservenbüchsen soll er in der Nachkriegszeit Haushaltsgegenstände hergestellt und damit Handel getrieben haben. Gemeldet war ein „Fuhrgeschäft“ in der Heidelbergerstr. 89. Z u- dem organisierte er Lebensmittel bei den Amerikanern, die er in Bessungen an Rentner ve r- teilte. In seinem Meldebogen schätz te Heinrich Aßmuth sich selbst als „ entlastet“ ein, mit der B e- gründung, er sei „politisch nicht belastet“. Er wurde von der Spruchkammer als „Vom Gesetz nicht betroffen“ eingestuft [Stempel auf Meldebogen ohne Datum]. „Gesetze und Umgangsformen regelte er menschlich und unkonventionell“, hei ßt es in einer Pressenotiz der Stadt Darmstadt, „in seinem Bessungen, wo man ihn geliebt und geachtet habe, auch als Kerwevadder“ (DE, 17.10.1996). Quellen: Deutsche Dienststelle (WASt), Personenrecherche HHStAW, Abt. 520/Darmstadt-Zentral, Nr. 31846 HStAD, H 3 Nr. 12792 [Kennkartenmeldebogen] StadtA DA, ST 61 Aßmuth, Heiner Literatur: --- 134 Aßmuthweg (M 8), benannt 1981 nach Peter Aßmuth (1856-1939) Darmstädter Kommunalpolitiker * 24. Juli 1856 in Bessungen Krankenkassenbeamter/Bürobeamter (seit 1896 in Ruhe), Buchdrucker, Bürogehilfe 1879 Hochzeit mit Elisabeth Behrmann 1880 Geburt des Sohns Heinrich 1892 Geburt der Tochter Anna (gest. 1893) 1907 Mitbegründer des „Hessischen Volksfreunds“, Mitarbeiter der Zeitung 1910-1933 Darmstädter Kommunalpolitiker für die SPD † 8. Dezember 1939 in Darmstadt Ehrungen: --- Wirken in der NS-Zeit Die tradierten Informationen über Leben und Wirken von Peter Aßmuth, der 1933 bereits sein 77. Lebensjahr vollendete, in der NS -Zeit sind wenig aussagekräftig. Er war Mitbegr ün- der sowie Mitarbeiter der 1933 auf Anordnung der nationalsozialistischen Regierung eing e- stellten SPD-Zeitung „Hessischer Volksfreund“. Da Peter Aßmuth 1939 (im Alter von 86 Jahren) starb, existieren keine Entnazifizierungsa k- ten. Es ließen sich keine Hinweise auf eine Unterstützung des NS-Regimes ermitteln. Quellen: StadtA DA, ST12/18 Meldeblatt (für Melderegistratur vor 1945) Jubiläumsausgabe des „Hessischen Volksfreunds“ vom 01.10.1932 Literatur: --- 135 Bartningstraße (F-G 10), benannt 1967 nach Otto Bartning (1883-1959) Architekt und Kirchenbaumeister * 12. April 1883 in Karlsruhe 1902 Abitur am humanistischen Gymnasium Karlsruhe 1902-1903 Studium der Architektur an der TH Berlin 1904-1905 Weltreise (Italien, England, Holland, Dänemark, Süd - und Nordamerika, Japan, China und Indien), teils als Schiffsjunge auf einem Segelschiff 1905 Fortsetzung des Studiums (Abbruch 1907 oder 1908 ohne Abschluss); zugleich freischaffender Architekt in Berlin 1906 erstes selbständiges Bauwerk: Friedenskirche in Peggau (S teiermark); weitere 17 evangelische Kirchbauten auf dem damaligen Gebiet Österreichs folgten 1909-1910 Erster Kirchenbau in Deutschland (Essen) 1912 Mitglied des Deutschen Werkbunds 1918 Mitglied der „Novembergruppe“ und Gründungs-Mitglied des Berliner „Arbeitsrats für Kunst“ 1919 Veröffentlichung „Vom neuen Kirchenbau“ 1919-1923 Vorstand des Deutschen Werkbunds 1922 Entwurf der Sternkirche (aufsehenerregend, aber nicht umgesetzt; Modell OB-Archiv TUD) 1924 Teilnahme am Wettbewerb Gustav-Adolf-Kirche (Berlin) 1926 Mitbegründer Reichsforschungsgesellschaft für Wirtschaftlichkeit im Bau- und Wohnungswesen 1926 Mitglied der Architektenvereinigung „Der Ring“ 1926-1930 Direktor der Staatlichen Bauhochschule in Weimar 1928 Stahlkirche auf dem Ausstellungsgelände der PRESSA in Köln 1929-1930 Rundkirche in Essen 1932-1934 Bau der Gustav-Adolf-Kirche (Berlin) 1932-1941 Bautätigkeit für die Evangelische Kirche in Deutschland (Markuskirche/ Karlsruhe, Neue Kreuzkirche/Chemnitz) sowie für das Kirchliche Außenamt der Deutschen Evangelischen Kirche 1941-1948 Leiter der Bauhütte der Heiliggeist- und der Peterskirche in Heidelberg 1943 Umzug von Berlin nach Neckarsteinach bei Heidelberg 1945 Von Militärregierung als Berater der Bürgermeister in Neckarsteinach eingesetzt 1945/46 Kolloquien an der Universität Heidelberg 1946-1951 Sogenannte „Bartning -Notkirchen“ (insgesamt 43 gebaut), unterstützt durch Programm des Hilfswerks der EKD, darunter Matthäuskirche (Heimstättensiedlung, 1950) 1950 Präsident des Bundes Deutscher Architekten (BDA) 1951 Umzug nach Darmstadt 1951 Mitinitiator des „Darmstädter Gesprächs“ (ferner Leiter des Gesprächs „Mensch und Raum“) 1952 Leiter einer Technischen Kommission für den Wiederaufbau der Insel Helgoland 1952-1954 Bau der Frauenklinik in Darmstadt 1953 Gründung der Otto-Bartning-Stiftung für Baukunst und bildende Künste mit Sitz in Darmstadt 1955 ständiger Berater des Berliner Senats für städtebauliche Neugestaltung (West-)Berlins 136 † 20. Februar 1959 in Darmstadt Ehrungen: Ehrenbürger von Helgoland 1924 Ehrendoktor der Theologie der Albertus-Universität Königsberg 1952 Ehrendoktor der Technischen Hochschule Aachen 1953 Großes Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland 1958 Goethe-Plakette der Stadt Frankfurt am Main 1958 Ernst-Reuter-Medaille in Silber der Stadt Berlin 1958 Silberne Verdienstmedaille der Stadt Darmstadt 1958 Großes Verdienstkreuz mit Stern der Bundesrepublik Deutschland Wirken in der NS-Zeit Otto Bartning, Vertreter des Neuen Bauens, leitete von 1926 bis 1930 die Staatliche Ba u- hochschule in Weimar, die unmittelbare Nachfolgeeinrichtung des nach Dessau verbannten Bauhauses. Unter Bartnings Leitung war die Ausrichtung der Hochschule weniger experimen- tell, Konzept und Personal wiesen aber starke Kontinuitäten auf. Im Bereich der Archit ektur machte Bartning vor allem durch moderne Kirchenbauten auf sich aufmerksam (PRESSA - Stahlkirche Köln 1928, Rundkirche Essen 1930). Bereits 1919 hatte er sein Werk „Vom neuen Kirchenbau“ veröffentlicht, das grundlegende Gedanken zu einem reformierten Sa kralbau als Alternative zum „konservativen Bauprogramm der protestantischen Kirche“ vereint. Nach dem Wahlsieg der NSDAP in Thüringen 1930 schied Bartning als Leiter der Bauhochschule aus dem Amt (sein Vertrag lief aus) und wurde durch Paul Schultze -Naumburg (NSDAP- Mitglied seit 1930) ersetzt. Bartning hatte jedoch – anders als in der Literatur zum Teil zu lesen – selbst bereits im April 1929 sein Ausscheiden nach Vertragsende angekündigt. Der von ihm vorgeschlagene Nachfolger fand bei der rechtsbürgerlich -nationalsozialistischen Koalitionsregierung keine Berücksichtigung. Bartning kehrte zurück nach Berlin (seinen Wohnsitz hatte er nie nach Weimar verlegt – einer der Streitpunkte bezüglich seines Ve r- trags), wo er an der Errichtung der Siemensstadt (sog. Ringsiedlung 1929-1931) und maßgeb- lich am Bau der Gustav-Adolf-Kirche (1932-1934) beteiligt war. Ab 1933 erhielt Bartning als Architekt keine staatlichen Aufträge mehr. Von den zuständigen NS-Behörden wurde er als Mitglied des „Ring“ zu den modernen Architekt en gezählt. Er war fortan hauptsächlich für die Evangelische Kirche tätig und errichtete mehrere Kirchenbauten im Deutschen Reich, darunter die Markuskirche in Karlsruhe sowie die Neue Kreuzkirche in Chemnitz. Zudem arbeitete er für das Kirchliche Außenamt der Deutschen Evangelischen Kirche unter Auslandsbischof Theodor Heckel . Bartning entwarf Kirchenbauten für deutsche Gemeinden im Ausland (z. B. in Heerlen, Barcelona, Lissabon, Sofia, Beirut und Belgrad) und reiste in diesem Zusammenhang – noch im Verlauf des Zweiten Weltkriegs – durch Europa. Wie Dokumente aus dem Archiv der Badischen Landeskirche in Karlsruhe [im Otto -Bartning- Archiv der TU Darmstadt] belegen, zeichnete Bartning ab 1941 im Auftrag der Badischen Landeskirche für die Restaurierung der Hei liggeistkirche in Heidelberg und für die Konzept i- 137 on ihres Innenraums verantwortlich. Hierfür rief er eine Bauhütte ins Leben, die er auch le i- tete. Trotz Beschwerden darüber, dass er nicht häufiger vor Ort anwesend war, pendelte er anfangs zwischen Berlin und der Baustelle. Erst 1943, als sein Wohnhaus bei einem Bombe n- angriff beschädigt worden war, verlegte er seinen Wohnsitz nach Neckarsteinach bei Heide l- berg, wo er im Alter von 62 Jahren das Kriegsende 1945 erlebte. Bartning gehörte in den 1940er Jahren in Heidelberg zum intellektuellen Gesprächskreis um Marianne Weber, der Witwe Max Webers [Quelle: Brief an Gustav Hartlaub, 1951 (Hinweis: Sandra Wagner -Conzelmann)]. Eine Mitgliedschaft in der „Bekennenden Kirche“ lässt sich nicht nachweisen, wenngleich Bar tnings Familie hierzu engen Kontakt pflegte. Äußerungen aus Briefen und anderen privaten Schriftstücken legen jedoch nahe, dass Bartning den „Deutschen Christen“ kritisch gegenüberstand. Bartnings Biografin Sandra Wagner - Conzelmann vertritt nach Durchsicht dessen überlieferten Nachlasses die Auffassung, Bar t- ning habe „ganz eindeutig“ sehr unter dem NS -Regime und dem Krieg gelitten. Insbesondere der Tod seines Sohnes im Krieg habe seine regimekritische Haltung befördert. In Bartnings Nachlass finden sich zud em von ihm unterzeichnete Friedensaufrufe. Es ließen sich andere r- seits keine Hinweise dafür ermitteln, dass er dem NS -Regime nahe stand. Weder im Gen e- rallandesarchiv Karlsruhe (zuständig für die Spruchkammer Heidelberg) noch im HHStAW (für Bartnings Wohnor t Neckarsteinach zuständig) ließen sich Entnazifizierungsdokumente recherchieren. Nach 1945 war Bartning maßgeblich am Notkirchen-Programm des Hilfswerks der EKD betei- ligt („Bartning-Notkirchen“). Ab 1951 lebte er in Darmstadt, in einem Teil des Ernst -Ludwig- Hauses auf der Mathildenhöhe. Wiederholt geriet er in Konflikt mit Peter Grund, zu dieser Zeit Stadtbaudirektor in Darmstadt. Von 1955 an diente Bartning dem Berliner Senat als B e- rater für die städtebauliche Neugestaltung der Stadt. Quellen: HStAD, H 3 Nr. 76968 HStAD, R 12 P Nr. 136 Otto-Bartning-Archiv der TU Darmstadt [Fachgebiet Kunstgeschichte] StadtA DA, ST 61 Bartning, Prof. Dr. Otto und Cläry Bartning StadtA Eberbach, A 424 (1939-1952) UA Heidelberg, Rep 27-50 Kommunikation mit Dr. Sandra Wagner-Conzelmann, 22./24.09.2015 [Keine Entnazifizierungsakten im HHStAW oder Generallandesarchiv Karlsruhe] Literatur: Schneider, Christoph: Das Notkirchenprogramm von Otto Bartning. Marburg 1995. Bredow, Jürgen: Materialien zum Werk des Architekten Otto Bartning. Darmstadt 1983. 138 Nierste, Ulrike: Die Gustav -Adolf-Kirche von Otto Bartning und der Kirchenbau in der Weimarer R e- publik. Expressionismus und Neue Sachlichkeit. Berlin [Dissertation] 2010. Posener, Julius: Otto Bartning. Zum 100. Geburtstag des Baumeisters am 12. April 1983. Berlin 1983. Nicolaisen, Dörte: Otto Bartning und die Staatliche Bauhochschule in Weimar 1926 -1930. In: Dies. (Hrsg.): Das andere Bauhaus. Otto Bartning und die Staatliche Bauhochschule in Weimar 1926 -1930. Berlin 1996, S. 11-44. Ulbricht, Justus H.: „Ewige Gotik“ statt „Zahnarztstil mit Siedlungswürfeln“. Der Nationalsozialismus im Kampf gegen das Bauhaus. In: Modell Bauhaus [Ausstellungskatalog]. Ostfildern 2009, S. 355-361. Wagner-Conzelmann, Sandra: Bartning, Otto. In: Stadtlexikon Darmstadt (2006), S. 60 f. 139 Bäumerweg (O 8), benannt 1978 nach Gertrud Bäumer (1873-1954) Frauenrechtlerin, Politikerin und Schriftstellerin * 12. September 1873 in Hohenlimburg (heute Stadtteil von Hagen) Besuch der Volksschule in Kamin (Pommern), der höheren Mädchenschule n in Mühlheim (Ruhr), Halle (Saale) und Magdeburg 1888-1894 Besuch des Lehrerinnenseminars in Magdeburg 1894-1898 Lehrerin in Halberstadt, Kamen und Magdeburg 1896 Mitbegründerin der Magdeburger Lehrerinnenvereinigung 1898-1900 Oberlehrerinnenstudium in Berlin 1900-1904 Studium der Germanistik, Theologie, Philosophie und Staatswissenschaften in Berlin Ab 1901 Herausgeberin (zusammen mit Helene Lange) des „Handbuchs der Frauenbewegung“ 1904 Promotion über „Satyros“ von Johann Wolfgang von Goethe 1910-1919 Vorsitzende des Bunds Deutscher Frauenvereine (BDF) 1912-1940 Redaktion und zeitweise (ab 1919) Herausgeberin der Zeitschrift „Die Hilfe“ 1914 Gründerin des „Nationalen Frauendienstes“ im Ersten Weltkrieg 1916-1936 Herausgeberin der Zeitschrift „Die Frau“ 1916-1920 Begründung und Leitung des Sozialpädagogischen Instituts in Hamburg 1919-1920 Mitglied der Verfassungsgebenden Nationalversammlung (für DDP) 1920-1930 Mitglied des Reichstags und stellvertretende Vorsitzende der DDP 1922 Berufung ins Reichsinnenministerium: Leiterin Referate für Schulwesen und Jugendwohlfahrt 1926 Delegierte beim Völkerbund in der Kommission für soziale und humanitäre Fragen 1930-1932 Reichstagsabgeordnete der Deutschen Staatspartei (DStP) 1933 Entlassung aufgrund § 4 des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums “ mit Volksschullehrerpension; Umzug von Berlin nach Gießmannsdorf (Schlesien) 1933 „Lebensweg durch eine Zeitenwende“ (Autobiografie) 1936 „Adelheid – Mutter der Königreiche“ 1936 Absetzung als Herausgeberin der Zeitschrift „Die Frau“, bis 1944 weiterhin Mitarbeiterin (mö g- licherweise auch wieder Herausgeberin) 1941 „Die Macht der Liebe – Der Weg des Dante Alighieri“ 1945 Gründungsmitglied der CSU 1946 „Der neue Weg der deutschen Frau“ 1948 Umzug nach Bad Godesberg, Unterstützung der CDU † 25. März 1954 in Bethel 140 Ehrungen: Benennung zahlreicher Schulen (vor allem in NRW, auch in Karlsruhe, München) und Straßen (u. a. in Goslar, Mannheim, Hannover, Regensburg, Rostock, Tübingen, Wiesbaden) Wirken in der NS-Zeit [Gutachten von Dr. Peter Rassek in „Wissenschaftliche Untersuchung der Straßennamen der Stadt Oldenburg“, Oldenburg 2013, S. 14-16] Als Politikerin legte Gertrud Bäumer (1873 -1954) bereits im Mai 1932 ihr Mandat als Abg e- ordnete der Deuts chen Staatspartei nieder und war dadurch an der Zustimmung ihrer Pa r- teikollegen für das Ermächtigungsgesetz 1933 nicht beteiligt. Im Februar 1933 wurde sie wegen „politischer Unzuverlässigkeit“ ihrer Ämter enthoben und aus der Reichsschrifttum s- kammer ausgeschlossen. Ihr Name taucht auch in der von der SD erstellten Übersicht „Erfa s- sung führender Männer der Systemzeit (Liberalisten und Pazifisten)“ von 1939 auf. Das b e- deutete für sie ständige Überwachung, was sie allerdings bis 1946 nicht geahnt zu haben schien. Ihre Schriften „Die Frau in der Krisis der Natur“ und „Grundlagen demokratischer Politik“ wurden auf den Index gesetzt. Bäumers Position gegenüber dem Aufstieg des Nationalsozialismus‘ war von Misstrauen g e- prägt, besonders in der Frage der politischen Partizipation von Frauen im aufziehenden „Dritten Reich“. Ihre Position versuchte sie 1933 in einem Brief darzustellen: „Was positiv im Gehalt des Nationalsozialismus ist, nämlich die Idee, die ihm den Namen gibt – dazu brauchen wir, die wir Nationalsozia le waren, uns nicht durchzuringen. […] Das deutsche Volk hat auf das Recht, die Freiheit und den Geist verzichtet – ich kann noch hinzufügen: auf seine seelische Ku l- tur. […] Ich schäme mich der bornierten Brutalität – dieser mesquinen Rohheit in der Behandlung der Gegner, der breitspurigen, triumphierenden Subalternität.“ [Zitiert nach Bach, Marie Luise: Gertrud Bäumer, S. 98 f.] Wie die Soziologin Ulrike Prokop feststellte, stand aber die bürgerliche Frauenbewegung, der Bäumer angehörte, der nationalsozial istischen Machtergreifung 1933 größtenteils „in woh l- wollender Neutralität“ gegenüber. Für die Beiträge in der von Bäumer herausgegebenen Zeitschrift „Die Frau“ stellte Prokop eine Unfähigkeit der Autorinnen (unter ihnen auch Bä u- mer) fest, „sich auf die aktuelle politische Situation zu beziehen“, und konstatiert darin ledig- lich einen graduellen Unterschied „zu nationalsozialistischen Phantasien.“ In der publizistischen Tätigkeit Bäumers nach 1933 kann von einer regimekritischen Haltung nicht die Rede sein. I m Gegenteil, vor allem nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges reihte sie sich mit einigen ihrer Beiträge in die Kriegspropaganda ein. Im September 1939 unterstrich sie die Bedeutung vom Fraueneinsatz im Krieg, und 1940 prangerte sie England als eine Gefahr für Europa an. Zur Rolle Deutschlands schrieb sie im selben Jahr: „Wir, die wir mit unserem Herzblut Compiègne und Versailles erlebt haben, fühlen in dem Gesch e- henen von heute … die Schauer unentrinnbarer geschichtlicher Gesetze, erleben … das Wunder, daß innerhalb von zwei Jahrzehnten die deutsche Kraft die entscheidende Großmacht in der Gestaltung Europas geworden ist.“ [Bach: Gertrud Bäumer, S. 176] 141 Den Bolschewismus bezeichnete sie nach dem Überfall auf die Sowjetunion 1941 im Sinne der nationalsozi alistischen Propaganda als „Alb auf der Brust Europas“ und „ansteckende Krankheit“, und machte deutlich, dass sie den Krieg gegen die Sowjetunion als eine Befre i- ung von diesem System verstehe. Reflexionen über die Grausamkeit des Krieges stellten sich bei Bäumer verstärkt ab 1943 ein, bedingt durch die Nachrichten von Gefallenen aus ihrem Bekanntenkreis und aufgrund eig e- ner Erfahrungen, da sie während ihrer zahlreichen Vortragsreisen – trotz des offiziellen R e- deverbots – in Deutschland mehrfach die Bombarde ments der Alliierten erlebt hatte. Den Sinn des Krieges stellte sie aber nicht in Frage und äußerte Anfang 1944 offen ihren Stolz über das Durchhaltevermögen des deutschen Volkes angesichts des Luftkrieges: „Das Ausland ist voller Staunen über die Haltung der deutschen Bevölkerung in den zerstörten Stä d- ten. Die Erwartungen der Feinde scheinen enttäuscht. Immer mehr Stimmen erheben sich warnend: es werde immer klarer, daß das deutsche Volk sich auf diesem Wege nicht zur Kapitulation zwingen lasse.“ [Zitiert nach Bach, Marie Luise: Gertrud Bäumer, S. 250] In ihren Beiträgen in „Die Frau“ hat sich Bäumer einige Male hinter Hitlers Politik gestellt, vertrat ansonsten aber ein eher konservatives, christlich geprägtes Weltbild, das weitgehend frei von nationalsozi alistischer Ideologie war. In den privaten Äußerungen konnten nur w e- nige Spuren kritischer Haltung am Nationalsozialismus entdeckt werden (Behandlung der Verschwörer des 20. Juli), und diese machten sich bemerkbar erst in der Endphase des Kri e- ges und nachd em das Erscheinen der Zeitschrift „Die Frau“ aufgrund des Papiermangels im September 1944 eingestellt worden war. Gertrud Bäumer wohnte bis 1945 in Schlesien. Vor der anrückenden Roten Armee flüchtete sie nach Bamberg. Weiterführende und zitierte (Auswahl-)Literatur Bach, Marie Luise: Gertrud Bäumer. Biographische Daten und Texte zu einem Persönlichkeitsbild. Weinheim 1989. Prokop, Ulrike: Elemente des weiblichen Autoritarismus. In: Eckart, Christel/Henze, Dagmar/Jansen, Mechthild M./Stolt, Susanne (Hrsg.): Sackgassen der Selbstbehauptung. Kassel 1995, S. 57-73. Schumacher, Martin (Hrsg.): MdR. Die Reichstagsabgeordneten der Weimarer Republik in der Zeit des Nationalsozialismus. Politische Verfolgung, Emigration und Ausbürgerung 1933 -1942. Düsseldorf 1991, S. 102 f. Strotdrees, Gisbert: Anwältin aller Frauenfragen. Gertrud Bäumer. In: Ders.: Es gab nicht nur die Droste. Sechzig Lebensbilder westfälischer Frauen. Münster 1997, S. 114 f. Ergänzungen HK Quelle: BArch, BDC, R 9361-V/138927 + R 9361-V/13036 Unter den „Personenbezogenen Unterlagen der Reichskulturkammer (RKK)“ befinden sich zwei Bestände zu Dr. Gertrud Bäumer. Während eine Akte sich weitgehend auf Freigaben für Publikationen beschränkt (R 9361 -V/13036), finden sich in der anderen politische Beurte i- 142 lungen zu Gertrud Bäumer. Aus Dokumenten der Geheimen Staatspolizei geht hervor, dass Bäumer mit Entscheid vom 25.01.1937 aus der Mitgliederliste der Reichsschriftumskammer gestrichen wurde. Begründet wurde der Schritt zunächst mit unzureichenden Personalp apie- ren. Es wurden im weiteren Verlauf Ermittlungen aufgenommen, die unvollständig überli e- fert sind. Aus Aktenvermerken und Stellungnahmen geht jedoch hervor, dass Bäumers polit i- sche Vergangenheit vor 1933 Anlass zu großen Bedenken gab und ein Ausschluss a us der Reichsschriftumskammer sowie eine Streichung von der „Schriftleiterliste“ angestrebt wu r- de. In einem Aktenvermerk vom 26.10.1937, gez. [Rudolf] Metzner [Kreisleiter der NSDAP in Niederschlesien 1937 -1941], heißt es unter Bezug auf andere Dokumente, besonders auf einen Vermerk von Dr. [Hans] Schmidt -Leonhardt vom 11.03.1936 [Geschäftsführer der RKK]: „Nach ihrer politischen und geistigen Einstellung scheint es aber völlig ausgeschlossen, dass sie als Schriftleiterin zugelassen wird. Sie war Vertreteri n einer ausgesprochen pazifisti- schen und feministischen Welt - und Staatsanschauung. […] Ihre Jugendpolitik war so, dass man sich einen schärferen Gegensatz gegenüber nationalsozialistischer Anschauung schwe r- lich vorstellen kann.“ Und weiter heißt es: „Auf Grund dieses Berichtes ist unter dem 27. März [1936] verfügt worden, dass gegen die Eintragung der Bäumer als Schriftleiterin seitens des Ministeriums [für Volksaufklärung und Propaganda] Einspruch erhoben wird.“ Nach Eingang angefragter Stellungnahmen hei ßt es in einem [im Durchschlag nicht ersich t- lich unterzeichneten] am 20.07.1937 abgelegten Vermerk: „Gertrud Bäumer war vor der Machtübernahme eine der wildesten Demokratinnen und, glaube ich, hinreichend bekannt. Sonst geben die Berichte der Geheimen Staa tspolizei und der NSDAP nähere Auskunft über sie. Ich bin unter allen Umständen für Ausschluss der Bäumer.“ Der neue Geschäftsführer der Reichsschrifttumskammer, Wilhelm Ihde, ließ in einem Schre i- ben an das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaga nda (Abt. IV) vom 21.08.1937 wissen, dass er „beabsichtige, die Vorgenannte [Gertrud Bäumer], die Mitglied meiner Kammer ist, wegen ihrer früheren politischen Tätigkeit auszuschließen“. Ein Schreiben des Reichsverbands der deutschen Presse an die Reichssch rifttumskammer vom 26.04.1939 enthält die (angefragte) Information, dass Gertrud Bäumer „in der Berufsli s- te der Schriftleiter geführt wird“. Entnazifizierung In den Beständen der Spruchkammern Bamberg-Stadt und -Land (Staatsarchiv Coburg) konn- ten auf Anfr age keine Entnazifizierungsdokumente ermittelt werden (Staatsarchiv Coburg, Schreiben vom 11.03.2016). Auch im Staatsarchiv München liegen keine Dokumente zu Ge r- trud Bäumer vor, was als Zeichen dafür gewertet werden kann, dass aufgrund ihrer Angaben kein V erfahren gegen sie eingeleitet wurde, ihr lediglich eine gesiegelte Postkarte mit di e- sem Bescheid zugesandt wurde und keine Aktenbildung stattfand. 143 Günter-Behnisch-Straße (K 9-10), benannt 2013 nach Günter Behnisch (1922-2010) Architekt * 12. Juni 1922 in Lockwitz bei Dresden 1928-1934 Volksschule in Lockwitz 1933-1939 Oberschulen in Dresden und Chemnitz 1934-1939 Mitglied der HJ 1934 [oder 1935] Umzug nach Chemnitz 1939 Kriegsfreiwilliger im Alter von 17 Jahren (Marine) 1940-1945 (U-Boot-)Ausbildung und Kriegsdienst bei der Marine, höchster Dienstgrad: Oberleutnant zur See (1943) 1944-1945 U-Boot-Kommandant Mai/Juni 1945-Februar 1947 Kriegsgefangenenlager Northumberland (GB) 1947 ca. acht Monate in Osnabrück; SBZ -Behörden untersagten ihm die Rückkehr zur Familie in Chemnitz („Geheimnisträger“ als Marineoffizier) 1947-1951 Studium der Architektur in Stuttgart 1951-1955 Hilfskraft bzw. Stundenassistent am Institut von Günter Wilhelm (Universität Stuttgart) 1952 Gründung eines eigenen Architektur-Büros (mit Bruno Lambart), das sich seit 1966 „Behnisch & Partner“ nannte 1967-1987 Professor für Entwerfen, Baugestaltung und Industriebaukunde an der TH Darmstadt s o- wie Direktor des Instituts für Normgebung der TH Darmstadt 1967-1972 Olympiagelände München (mit Frei Otto) 1982 Mitglied der Akademie der Künste in Berlin 1984 Erweiterungsbau des Postmuseums Frankfurt am Main 1987 Zentralbibliothek der Katholischen Universität Eichstätt (mit Karljosef Schattner) 1991 Professor der International Academy of Architecture in Sofia 1992 Fertigstellung des Plenarsaals des Bundestags in Bonn (Gewinn des Wettbewerbs: 1973) 1996 Gründungsmitglied der Sächsischen Akademie der Künste; Bau St. Benno Gymnasium Dresden 1999-2005 Neubau der Akademie der Künste in Berlin (mit Werner Durth) † 12. Juli 2010 in Stuttgart Ehrungen: 1944 Eisernes Kreuz II. Klasse 1972 Großer Architekturpreis des BDA 1984 Ehrendoktor der Universität Stuttgart 1992 Ehrenmitglied des BDA 144 1992 Ehrenmitglied der Royal Incorporation of Architects in Scotland (Edinburgh) 1995 Ehrenmitglied des Royal Institute of British Architects (London) 1997 Bundesverdienstkreuz I. Klasse des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland 1998 Fritz-Schumacher-Preis 2006 Ehrenmitglied der Architektenkammer Keyseri (Türkei) 2008 Deutscher Kritikerpreis (Ehrenpreis) Wirken in der NS-Zeit Günter Behnisch, nach dem Zweiten Weltkrieg einer der wichtigen Vertreter der modernen Architektur in Deutschland und nach seinem Tod als „Baumeister der deutschen Demokr a- tie“, als „Heinrich Böll der deutschen Architektur“ (FAZ, 14.07.2010) gefeiert, meldete sich im Alter von 17 Jahren freiwillig als Offiziersanwärter zur Kriegsmarine (01.12.1939, Crew XII/39). Nach dem Eintritt in die Kriegsmarine durchlief Behnisch die Grund - und Bordausbildung sowie die U -Boot-Ausbildung. Er nahm an Lehrgängen und diversen Kommandos teil; vom Seekadett und Fähnrich zur See (1940) über die Dienstgrade Oberfähnrich zur See (1941) und Leutnant zur See (1942) bis zum Oberleutnant zur See (01.12.1943). Von April bis J uli 1944 diente er als 1. Wachoffizier auf dem U -Boot U 952, das zu der Zeit im westlichen Mi t- telmeer operierte, wohl keine Schiffe versenkte oder beschädigte und bei einem amerikan i- schen Luftangriff auf Toulon im Juli 1944 zerstört wurde. Im August/September 1944 nahm Behnisch teil am Kommandanten -Lehrgang sowie an der Baubelehrung für U 2337 bei der 8. Kriegsschiffbaulehrabteilung in Hamburg. Am 4. Oktober 1944 wurde er schließlich Kommandant des neu in Dienst gestellten U -Boots U 2337. Nach Ausbildungs- und Erprobungsfahrten bei verschiedenen Kommandos und Ausbildungsflotti l- len (ein verzeichneter Minentreffer auf der Ostsee am 12.01.1945 blieb ohne größere Sch ä- den) war die einzige verzeichnete „Unternehmung“ die „Verlegungsfahrt“ von Kiel über La r- vik nach Kristiansand (19.-24.04.1945), wo die Besatzung am 09.05.1945 kapitulierte. Es gibt keine Hinweise auf „Feindberührung“. Auch Behnisch selbst konstatierte später, die einzige Unternehmung unter seinem Kommando sei die Verlegungsfahrt ohne Feindberührung g e- wesen. Er geriet in britische Kriegsgefangenschaft und war von Mai/Juni 1945 bis Februar 1947 im Kriegsgefangenenlager Northumberland (GB). Am 22. Juni 1944 war Günter Behnisch mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse ausgezeichnet wor- den. In seinem Meldebogen v om 11.09.1947 zum Entnazifizierungsverfahren gab Behnisch ledi g- lich seine Mitgliedschaft in der HJ (1934 -1939) an. Sein Verfahren wurde durch Einstellung s- beschluss vom 20.02.1948 gemäß Ziffer 1 der Amnestieverordnung vom 06.08.1946 [J u- gendamnestie] eingestellt. 145 Behnisch griff seine Tätigkeit als U -Boot-Kommandant in seiner Lehrtätigkeit nach 1945 auf. Einer seiner Schüler, Gerhard Matzig, berichtete in einem Nachruf auf Behnisch (SZ, 14.07.2010), dieser habe seine Studenten U -Boote entwerfen lassen, die in Dresden als Ver- gnügungsdampfer, Hotel oder Restaurant dienen sollten: „Schwerter zu Pflugscharen – und U-Boote zu Lächerlichkeiten. […] Nie wieder Krieg.“ Das sei „Behnischs Rache am Krieg“ g e- wesen. „Sein Pazifismus war nicht unbewehrt. Aber doch auch viel mehr als die übliche B e- hauptung“, so Matzig weiter. Und: „Behnisch, der U -Boot-Kommandant, war nun [1992] endgültig der Architekt der Freiheit, der Gestalter eines neuen Deutschlands.“ Quellen: Staatsarchiv Ludwigsburg, Bestand Spruchkammer Stuttgart EL 902/20 Bü 87521 Deutsche Dienststelle (WASt), Personenrecherche UA Stuttgart, 120 Nr. 1426 StadtA DA, ST 61 Behnisch, Günter Literatur: Blundell-Jones, Peter: Günter Behnisch. Basel et al. 2000. Busch, Rainer/Röll, Hans Joachim: Der U -Boot-Krieg 1939 -1945, Bd. 1: Die deutschen U -Boot- Kommandanten. Hamburg/Berlin/Bonn 1996, S. 26. Lohmann, Walter/Hildebrand, Hans H.: Die Kriegsmarine 1939 -1945. Gliederung, Einsatz, Stellenb e- setzung, Bd. 3. Bad Nauheim 1956-1964 [Blattsammlung], S. 15. Spieker, Elisabeth: Gü nter Behnisch. Die Entwicklun g des architektonischen Werkes. Gebäude, G e- danken und Interpretationen. Stuttgart 2005. 146 Peter-Behrens-Straße (H 9), benannt 1965 nach Peter Behrens (1868-1940) Maler, Designer, Typograf, Architekt und Künstler * 14. April 1868 in Hamburg 1877-1882 Besuch des Christianeums in Altona 1886-1891 Studium an Kunstakademien in Karlsruhe, Düsseldorf und München 1890 wohnhaft in München 1892 Mitbegründer der Sezession in München 1897 Gründungsmitglied der Vereinigten Werkstätten für Kunst im Handwerk 1899-1902 (Gründungs-)Mitglied der Künstlerkolonie in Darmstadt 1900 Beteiligung an Weltausstellung in Paris 1901 Bezug des eigenen Wohnhauses auf Mathildenhöhe Darmstadt – erstes architektonisches Werk 1902-1903 Meisterkurse am Bayerischen Gewerbemuseum in Nürnberg 1903-1907 Direktor der Düsseldorfer Kunstgewerbeschule 1907-1914 Künstlerischer Beirat der AEG in Berlin; Architekturbüro in Neubabelsberg 1908 Tischventilator der AEG 1908-1909 Turbinenhalle der AEG in Berlin 1911-1912 Entwurf/Bau der Deutschen Botschaft in St. Petersburg 1914 Mitglied des Vorstands der Kölner Werkbundausstellung 1920/21-1924 Technisches Verwaltungsgebäude der Hoechst AG 1921 Berufung an die Kunstakademie in Düsseldorf 1922-1936 Professor und Leiter der Meisterschule für Architektur an der Akademie in Wien 1925 Gestaltung des Grabmals von Friedrich Ebert in Heidelberg 1927 einer der Architekten der Stuttgarter Weißenhofsiedlung 1930-1932 Geschäftsgebäude am Alexanderplatz in Berlin 1936 Meisteratelier für Baukunst an der Akademie der Künste in Berlin 1937 Aberkennung der aktiven Mitgliedschaft in der Preußischen Akademie der Künste 1938 Auftrag zur Neugestaltung der AEG-Zentrale in Berlin † 27. Februar 1940 in Berlin Ehrungen: Ehrendoktor der Technischen Hochschule Prag 1960er Jahre Peter-Behrens-Werkkunstschule Düsseldorf 1965 Peter-Behrens-Schule Darmstadt 2015 Peter Behrens School of Arts (Fachbereiche Architektur und Design der Hochschule Düsseldorf) 147 Wirken in der NS-Zeit [Gutachten von Dr. Peter Rassek in „Wi ssenschaftliche Untersuchung der Straßennamen der Stadt Oldenburg“, Oldenburg 2013, S. 17-21] Der Architekt Peter Behrens (1868 -1940) wurde aufgrund seiner Mitwirkung an den Plänen zur Neu -gestaltung der Reichshauptstadt Berlin in der Literatur häufig als der „prominente Baumeister des III. Reiches“ bezeichnet. Sein Lob der italienischen Architektur unter Muss o- lini wurde als Affirmation des Faschismus und als ein Versuch interpretiert, sich den Nati o- nalsozialisten zu empfehlen und ihre Vorbehalte gegen die eigene Person auszuräumen: „Die Ausstellung [5. Triennale in Mailand 1933, PR] ist in der Tat ein Dokument für den erwachten völkischen Geist. Man wird versucht, ethischen Geist zu sagen, wenn man den Begriff des Ethischen im Sinne des Totalitätsgedankens auffassen will als etwas Formbildendes und aus innerem Trieb G e- staltendes, im Gegensatz etwa zur spielerisch dekorierenden französischen Kunstauffassung.“ [Be h- rens: Die Baugesinnung des Faschismus. In: Die neue Linie, Nr. 11, 1933, S. 11, zitiert nach: Kra wietz: Peter Behrens, S. 37.] Es gibt zwar keine Überlieferungen darüber, dass Behrens den Nationalsozialismus in Deutschland begrüßte oder sich positiv darüber äußerte, doch er erhob auch nicht seine Stimme gegen die Ausgrenzung und Repressalien, von dene n viele seiner Kollegen betroffen waren. Er selbst wurde 1934 im Zuge der Auseinandersetzung um die kunstpolitische Au s- richtung innerhalb der NSDAP angegriffen und neben anderen Mitglieder des „Ring“ als s o- genannter „Baubolschewist“ diffamiert, das von ihm entworfene Landhaus in Neustrelitz als „undeutsch“ bezeichnet. Gegen diese Angriffe wehrte sich Behrens in einem Antwortschre i- ben, dem er ein Goebbels -Zitat voranstellte und in dem er direkt an Rudolf Hess appellierte, diese „gewissenslose, berufsmässige Denunziation“ zu unterbinden. Aufgrund seiner Reputation konnte er weiterhin an Wettbewerben teilnehmen und bei so l- chen als Juror auftreten. Behrens gewann 1934 den Wettbewerb zur Gestaltung einer neuen Kongresshalle in seiner Geburtsstadt Hamburg mit eine m Projekt ohne „schmückendes nat i- onalsozialistisches Beiwerk“, die Baupläne wurden jedoch verworfen, da es durchgesickert war, dass Hitler den Bau einer Elbbrücke favorisierte, und Hamburg nur die Finanzierung eines Bauprojektes tragen konnte. Behrens‘ ung ebrochene Aktivität wertet Georg Krawietz als einen „Versuch, in politisch unsicherer Zeit Überzeugungsarbeit für eine positiv empfu n- dene architektonische Richtung zu leisten“, geleitet von der Überzeugung, „eine moderne Baukultur mit ihren unabweisbaren Q ualitätsmerkmalen stehe außerhalb politischer Frag e- stellung und habe davon unabhängig ihre Daseinsberechtigung – auch in Deutschland“ [Kr a- wietz: Peter Behrens, S. 39]. Bis 1937 blieb Behrens aktives Mitglied der Preußischen Akademie der Künste, im Züge [sic!] der „Gleichschaltung“ dieser Institution im Jahre 1933 wurde aber seine „Rassenabsta m- mung“ untersucht, die ihm und seiner Ehefrau „arische“ Abstammung bezeugte. 1936 wurde er zum Leiter eines Meisterateliers für Baukunst an der Akademie ernannt, die zw ar – so die Vermutung von Georg Krawietz – aufgrund der Fürsprache Hitlers erfolgte, im Grunde g e- nommen aber Behrens wohl eher von der Gestaltung der nationalsozialistischen Architektur 148 fernhalten sollte. Er behielt diese Stellung auch, nachdem ihm 1937 de r Status eines aktiven Mitglieds der Akademie entzogen wurde. Behrens verstand diesen Schritt nicht und bemü h- te sich um die erneute Aufnahme als aktives Mitglied, u.a. mit der Behauptung, er sei bereits 1934 in Österreich der NSDAP beigetreten. Obwohl, wie Krawietz es überzeugend darlegte, die österreichische NSDAP -Mitgliedschaft Behrens‘ aller Wahrscheinlichkeit nach eine Fä l- schung war, hinterlässt alleine der Versuch gewisse Zweifel über die Integrität des Künstlers und lässt die Vermutung zu, dass er „Ve rsuche unternommen hat, sich mit den neuen Machthabern zu versöhnen“ [Windsor: Peter Behrens, S. 171]. Im Jahre 1938 bekam Behrens den Zuschlag für die Neugestaltung der AEG -Hauptverwaltung in Berlin, die er im Auftrag des Generalbauinspektors Albert Speer ausführen sollte. Die En t- scheidung über die Vergabe des Auftrags an Behrens soll Speer im Einvernehmen mit Hitler getroffen haben. Peter Bode äußerte die Vermutung, dass der von Behrens entworfene m o- numentale Bau der deutschen Botschaft in St. Petersburg der Grund dafür war, dass der A r- chitekt „bei Adolf Hitler und dessen Baumeister Albert Speer nicht völlig in Ungnade fiel“ [Bode: Vom Turm, S. 100]. Die Arbeiten an dem Projekt der AEG -Zentrale waren von ständigen Versuchen des Archite k- ten geprägt, seine V ision des Gebäudes gegen die Änderungswünsche der Generalbaui n- spektion zu verteidigen. Darin zeigt sich zum einen die sehr bedingte Vereinbarkeit von Be h- rens‘ Baustil mit den Vorstellungen der Nationalsozialisten, die letztlich eine Vereinnahmung erschwerte, zum anderen aber auch die mangelnde Bereitschaft Behrens‘, seinen Stil den Erfordernissen seiner Auftraggeber anzupassen. Dass Behrens an diesem Projekt bis zu se i- nem Tod im Jahre 1940 gearbeitet hatte, zeugt zum einen von seinem „ununterbrochene[n] Interesse an der städtebaulichen Gestaltung Berlins“ und von der Gewissheit, dass dies für ihn „die letzte Möglichkeit einer künstlerischen Betätigung“ darstellte [Krawietz: Peter Be h- rens, S. 145, 113]. Alan Windsor fasste Behrens‘ widersprüchliche Einstellun g im Dritten Reich folgendermaßen zusammen: „Vielleicht sollte man so nachsichtig sein anzunehmen, daß er gehofft hatte – wie viele andere deu t- sche Konservative, die den Versuch unternahmen, ihre Position innerhalb ihrer Verbände angesichts der nationalsozialistischen Machtübernahme zu halten – einen mäßigenderen Einfluß auf die Erei g- nisse ausüben zu können, bis die Dinge sich wieder normalisiert hätten“ [Windsor: Peter Behrens, S. 171]. Weiterführende und zitierte (Auswahl-)Literatur Bode, Peter M.: Vom Turm das Parsifalmotiv. In: Art, Nr. 6/1990, S. 90-100. Ehmcke, Fritz Helmuth: Behrens, Peter, in: Neue Deutsche Biographie 2 (1955), S. 13 f. [Onlinefas- sung]; URL: http://www.deutsche-biographie.de/pnd118508466.html Germer, Stefan: Kunst der Nation. Zu einem Versuch, die Avantgarde zu nationalisieren. In: Brock, Bazon/Preiß, Achim: Kunst auf Befehl? Dreiunddreißig bis Fünfundvierzig. München 1990, S. 21-40. Klee, Ernst: Das Kulturlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. Frankfurt am Main 2007, S. 38. 149 Krawietz, Georg: Peter Behrens im Dritten Reich. Weimar 1995. Schulze, Franz: Mies van der Rohe. Leben und Werk. Berlin 1986. Windsor, Alan: Peter Behrens. Architekt und Designer. Stuttgart 1985. Ergänzungen HK Quellen: StadtA DA, ST 61 Behrens, Peter Handschriftliche Briefe/Karten aus den Jahren 1935/36 ohne nennenswerte politische Äußerung Literatur: Ulmer, Renate: Behrens, Peter. In: Stadtlexikon Darmstadt (2006), S. 68. 150 Liesjeweg (D 8), benannt 2007 nach Georg Benz (1901-1989) Arheilger Mundartdichter, bekannt als „Oarhelljer Liesje“ * 15. November 1901 in Arheilgen Besuch der Volksschule in Arheilgen Soldat am Ende des Ersten Weltkriegs [???] Berufsausbildung zum (Elektro-)Mechaniker 1922 Erste Veröffentlichungen; Gedichte unter dem Pseu donym „Oarhelljer Liesje“ im Arheilger A n- zeiger; später regelmäßige Glosse „Rund um den Ruthsenbach“ zum Arheilger Ortsgeschehen 1924-1966 Elektromonteur, später kaufmännischer Angestellter in der Lagerverwaltung bei der HEAG in Darmstadt 1926 Schwerer Bet riebsunfall bei Prüfungsarbeiten am Trafohaus Bessungen, schwere Brandverle t- zungen an Gliedmaßen; darauf innerbetriebliche Umschulung (Lagerverwaltung) 1934-1945 Mitglied der NSV 1934-1945 Mitglied der DAF (stellvertretender Blockwart) 1941-1945 Mitglied der NSDAP (Mitglieds-Nr. 8399696, Aufnahme: 01.04.1941) 1941-1945 Mitglied des RLB 1945 Leiter des Magazins für Werkzeuge und Maschinen der HEAG in Darmstadt 1964 „Oarhelljer Lexigon“ 1966 „Einunddreißig Aspirin“ [„Herrn, Frau Jedermann 31 Aspirin“] 1968 „Es hot geklingelt…“ 1974 „1140 Jahre Arheilgen“ 1975 „Ruthsebachgepläddscher. 100 Gedichte in Darmstädter Mundart“ 1981 „Lach und sei froh“ † 31. August 1989 in Darmstadt Vorsitzender des Gesangsvereins Liederzweig; 15 Jahre Vorstand der SG Arheilgen; Auftr itte auf zahl- reichen Feiern in Arheilgen mit Gedichten in Mundart Ehrungen: 1964 Eintrag in das goldene Buch der Stadt Darmstadt 1965 Bürgerehrung der Stadt Darmstadt 1971 Auszeichnung der Fritz-Wernath-Stiftung 1982 Verdienstmedaille des Verdienstordens der BRD 1986 Bronzene Verdienstplakette der Stadt Darmstadt Zudem Ehrungen und Auszeichnungen Arheilger Vereine, u. a. Ehrenmitglied des Gewerbevereins 151 Wirken in der NS-Zeit Der Arheilger Mundartdichter Georg Benz, bekannt unter seinem Pseudonym „Oarhellj er Liesje“ (das auch für die Namensgebung des „Liesjewegs“ im Jahr 2007 Pate stand), arbeitete die meiste Zeit seines Berufslebens bei der Firma HEAG in Darmstadt, so auch in der NS -Zeit. Als Folge eines schweren Betriebsunfalls 1926, bei dem er sich schwe re Brandverletzungen an Armen und Beinen zugezogen hatte, konnte er seinen erlernten Beruf als Elektromonteur nicht weiter ausüben. Er wurde innerhalb der Firma umgeschult, arbeitete in der Lagerve r- waltung und leitete (als kaufmännischer Angestellter) nach dem Zweiten Weltkrieg das M a- gazin für Werkzeuge und Maschinen. Benz wurde nicht als Soldat in den Zweiten Weltkrieg eingezogen (möglicherweise aufgrund seiner Verletzungen infolge des Betriebsunfalls). Er lebte die gesamte NS -Zeit über in Arhei l- gen. Von 1934 bis 1945 war er Mitglied der NSV, im gleichen Zeitraum Mitglied der DAF, e i- genen Angaben folgend mit der Funktion „stellvertr. Blockmann [wohl Blockwart]“. Von 1941 an war Benz Mitglied des RLB, im gleichen Jahr trat er der NSDAP bei (Mitglieds -Nr. 8399696, Aufnahme beantragt: 10.01.1941, Aufnahme: 01.04.1941). Im Zuge seines Entnaz i- fizierungsverfahrens 1946 begründete er seine NSDAP -Mitgliedschaft wie folgt: „Ich wurde 1941 PG aufgrund einer Verordnung des Sängerbundes als Vereinsvorsitzender.“ Von Seiten der HEAG, seines Arbeitgebers, wurde der Spruchkammer auf Anfrage mitgeteilt, dass Georg Benz „politisch nie hervorgetreten“ und über ihn nichts Nachteiliges bekannt sei, er bei se i- nen Arbeitskollegen „einen sehr guten Ruf“ genieße. [Mehr geht aus der Akte nicht hervor.] Neben den genannten Informationen aus der Entnazifizierungsakte sowie der NSDAP - Mitgliederkartei konnten keine weiteren Belege ermittelt werden, die das Wirken von Georg Benz in der NS-Zeit zum Gegenstand hatten. Quellen: BArch Berlin, BDC, NSDAP-Mitgliederkartei HHStAW, Abt. 520/Darmstadt-Stadt (WA), Nr. 4921/48 HStAD, H 3 Nr. 14214 [Kennkartenmeldebogen] HStAD, R 12 P Nr. 173 StadtA DA, ST 61 Benz, Georg (Mundartdichter) – Zeitungsausschnitte (1961-1989/2003) Literatur: Engels, Peter: Benz, Georg. In: Stadtlexikon Darmstadt (2006), S. 70. 152 Otto-Berndt-Straße (K 10), benannt 2013 nach Otto Berndt (1857-1940) Professor für Maschinenbau an TH Darmstadt * 29. Januar 1857 in Neuruppin 1875-1880 Studium im Bereich des Maschinenbaus an der Gewerbeakademie in Berlin (ab 1879 TH Charlottenburg) 1880-1892 Tätigkeiten in preußischem Staatsdienst, vor allem in der preußischen Eisenbahnverwa l- tung in Berlin 1885 Hochzeit mit Margaret[h]e Klövekorn 1892 Ordentlicher Professor an der TH Darmstadt , Lehrstuhl für Maschinenkunde (Fächer: Mechani- sche Technologie, Gaskraftmaschinen, Werkzeugmaschinen sowie Eisenbahnmaschinenwesen) 1896 Gründung eines Labors für praktische Übungen zur Materialprüfung 1896 Mitglied der Prüfungskommission für das Finanz- und Technische Fach 1896-1898 und 1915-1916 Rektor der TH Darmstadt 1905-1912 Dekan des Fachbereichs Maschinenbau an der TH Darmstadt 1905-1906 Bau des Wasserwerks Bingen 1907 Gründer und Leiter (bis 1926) der Staatlichen Materialprüfungsanstalt MPA 1909-1913 Bau des Wasserwerks Inheiden (heute Stadtteil von Hungen) 1918 Initiator und Vorsitzender (bis 1927) der „Vereinigung von Freunden der TH Darmstadt“ 1927 Versetzung in den Ruhestand (auf Nachsuchen) 1928 Wahl in den Darmstädter Stadtrat 1933 Ausscheiden aus dem Aufsichtsrat der HEAG † 9. Februar 1940 in Darmstadt Ehrungen: 1897 Ernennung zum Geheimen Rat 1897 Verleihung des Ritterkreuzes I. Klasse des Verdienstordens Philipps des Großmütigen 1900 Verleihung des Rothen Adlerordens II. Klasse 1902 Goldene Verdienstmedaille für Wissenschaft des Verdienstordens Philipps des Großmütigen 1906 Verleihung des Kronenordens II. Klasse 1926 Ehrensenator der TH Darmstadt; Benennung der Otto-Berndt-Halle (heute Mensa der TU) 1926 Ehrenmitglied der „Vereinigung von Freunden der TH Darmstadt“ 1927 Ehrendoktor der TH Karlsruhe 1930 Ehrendoktor der Goethe-Universität Frankfurt am Main 153 Wirken in der NS-Zeit Prof. Otto Berndt, seit seiner Berufung 1892 maßgeblich am Ausbau des Fachs Maschine n- bau an der TH Darmstadt beteiligt sowie an der Institution in leitender Funktion tätig, war 1927, im Alter von 70 Jahren, emeritiert worden. Er zog sich weitgehend in den Ruhestand zurück. Zu Beginn der NS-Zeit 1933 war Berndt bereits 76 Jahre alt. Anhand der konsultierten Quellen ließen sich keine Hinweise auf eine Beteiligung am NS - System rekonstruieren. In den Beständen des BDC hat Otto Berndt keine auffindbaren Sp u- ren hinterlassen; bedingt durch seinen Tod 1940 existieren keine Entnazifizierungsakten. Zeitungsberichte aus den 1930er Ja hren, die sich sei ner Person widmeten, liefern keine Hin- weise auf seine politische Gesinnung . Lediglich der Verweis darauf, dass er den Tod seines jüngsten Sohnes im Ersten Weltkrieg als „guter Patriot” (DT , 21.06.1935) hingenommen h a- be, findet sich hier dokumentiert. 1933 wurde er gemeinsam mit den darin vertretenen SPD - Stadtverordneten aus dem Aufsichtsrat der HEAG ausgeschlossen und durch NSDAP - Stadtverordnete ersetzt. Quellen: HStAD, G 35 E Nr. 24/19 HStAD, R 4 Nr. 21020 StadtA DA, ST 61 Berndt, Prof. Dr. Otto Literatur: Hampe, Manfred/Pahl, Gerhard (Hrsg.): Zur Geschichte des Maschinenbaus an der Technischen Un i- versität Darmstadt. Düsseldorf 2008. HEAG Holding AG: 100 Jahre HEAG. Chronik 1912-2012. Darmstadt 2012. Hoffmann, Albrecht: Hessische Lebensb ilder zur Kulturgeschichte des Wassers. Ein biografisches Handbuch 1350-1950. Kassel 2005, S. 47. Viefhaus, Marianne: Berndt, Otto. In: Stadtlexikon Darmstadt (2006), S. 74 f. 154 Franz-Best-Weg (Q 8), benannt 1970 nach Franz Best (1887-1970) Eberstädter Heimatforscher und Heimatmaler * 21. Dezember 1887 in Darmstadt 1890 Früher Tod des Vaters 1894-1902 Schulbesuch in Darmstadt, Grundschule und Mittelschule für Knaben (heute Ohlyschule) 1902-1907 Glaserlehre im Betrieb des Stiefvaters Gustav Guntrum, Weiterb ildung an Darmstädter Gewerbeschule 1904 Schwerer Arbeitsunfall; aufgrund der Verletzungen 1911 vom Wehrdienst mit der Waffe z u- rückgestellt 1906 Stiefvater Guntrum erwirbt Villa Pauline in der Eberstädter Villenkolonie, Umzug aus Pallaswi e- senstraße 23, Darmstadt, nach Eberstadt 1907 Mitglied des Eberstädter Vergnügungsklubs „Felicitas“ 1908 Telegraphist in Diensten der Preußisch-Hessischen Staatseisenbahn; Dienststellen in Darmstadt, Bensheim, Urberach und Sprendlingen 1911 Hochzeit mit Mathilde Sehl 1915-1918 Freiwillige Meldung zur Telegraphen -Betriebskolonne der Preußisch -Hessischen Eise n- bahnen, stationiert in Mecheln und Brügge (Belgien) 1923 Umzug innerhalb Eberstadts in Villa Mathilde (nach Tod der Schwiegermutter) 1934-1945 Mitglied des RLB 1935-1945 Mitglied der NSV 1936/37 Beginn der Freundschaft mit dem Kunstmaler Heinrich Zernin, der ihn Malen und Zeichnen lehrt 1937 Beförderung zum Eisenbahnassistenten, Versetzung ins Telegraphenbüro Darmstadt Haup t- bahnhof 1937-1945 Mitglied im Reichsbund der Deutschen Beamten 1943 Beförderung zum Reichsbahnsekretär, Bahnhof Darmstadt-Eberstadt 1943 Beginn der Arbeit an umfangreicher Ortschronik Eberstadts (während seiner Nachtschichten) 1949 Ruhestand nach über 40 Dienstjahren 1955/1959 Beteiligung an Ausstellungen Eberstädter Laienmaler im Rathaus Eberstadt 1962 Erste Einzel-Ausstellung im Rathaus Eberstadt (Maler, Zeichner, Holzschnitzer) † 22. Mai 1970 in Darmstadt Ehrungen: 2012 Ausstellung im Rathaus Darmstadt-Eberstadt anlässlich seines 125. Geburtstags 155 Wirken in der NS-Zeit Franz Best, Heimatmaler und Chronist von (Darmstadt -)Eberstadt, war die meiste Zeit seines Berufslebens bei der Eisenbahn beschäftigt. Mit der Beförderung zum Eisenbahnassistenten einher ging seine Mitgliedschaft im Reichsbund der Deuts chen Beamten (1937 -1945; im Meldebogen 1946 macht Best die Angabe „Deutscher Beamtenbund“, der aber 1933 aufg e- löst worden war). Im Jahr 1943 wurde Best nochmals befördert, zum Reichsbahnsekretär, und vom Darmstädter Hauptbahnhof in seinen Wohnort Darmstadt-Eberstadt versetzt. Franz Best war Mitglied der NSV (1935 -1945) sowie des RLB (1934 -1945). Weitere Mitglie d- schaften in NS-Organisationen ließen sich nicht nachweisen. In seinem Meldebogen aus dem Jahr 1946 gibt Best als Selbsteinschätzung (und als Be gründung dafür) „unbelastet“ an, am 18.04.1947 wurde er von der Spruchkammer als vom Gesetz „nicht betroffen“ eingestuft. In die Zeit des NS fiel die Bekanntschaft und Freundschaft mit dem Maler Heinrich Zernin, der Best Malen und Zeichnen lehrte. Ab 1943/45 be gann Best mit dem Verfassen einer handgeschriebenen Ortschronik von Eberstadt („Mein liebes Eberstadt, mein lieber Franke n- stein“), die im Stadtarchiv Darmstadt überliefert ist – und in 17 Bänden über 3.000 Seiten umfasst. Laut Friedrich Wilhelm Knie ß (Stadtarchiv Darmstadt), der den Bestand 2012 für eine Ausstellung zu Leben und Werk Franz Bests auswertete, ist anhand der Chronik keine politische Haltung Bests (weder für noch gegen das NS-Regime) herauszulesen. Quellen: HHStAW, Abt. 520/Darmstadt-Zentral, Nr. 42477 (nur Meldebogen) HStAD, H 3 Nr. 14630 [Kennkartenmeldebogen] StadtA DA, ST 61 Best, Franz StadtA DA, Chronik Eberstadts Literatur: Knieß, Friedrich Wilhelm: Best, Franz. In: Stadtlexikon Darmstadt (2006), S. 84. 156 Ottilie-Bock-Straße (K 10), benannt 2013 nach Ottilie Bock (1896-1969) Erste dauerhaft an der TH Darmstadt beschäftigte Assistentin (Chemikerin) * 28. November 1896 in Gambach (Oberhessen) Besuch der Stadt- und der Schillerschule in Friedberg (Hessen) 1916 Reifeprüfung an der Studienanstalt (Viktoriaschule) in Darmstadt 1916-1921 Studium der Chemie an der TH Darmstadt 1918 Vordiplomprüfung im Fach Chemie (mit Auszeichnung) 1921 Diplomprüfung im Fach Chemie (mit Auszeichnung) 1921-1924 erste dauerhaft an der TH Darmstadt beschäftigte Assistentin (Chemikerin) 1924 „Das Silicium Analogon des Kalkstickstoffs“ (Dissertation) † 1969 Ehrungen: --- Wirken in der NS-Zeit Zu Ottilie Bock, erste dauerhaft angestellte Assistentin (Chemikerin) an der TH Darmstadt 1921-1924, ließen sich keine biogra fischen Daten zu ihrem Leben 1933 -1945 erheben. Da unklar blieb, wo sie sich nach 1945 aufhielt (und ob sich ihr Name möglicherweise durch Hei- rat geändert hatte), ließen sich keine Entnazifizierungsakten recherchieren. Quellen: UA Darmstadt, 102 Nr. 857 Literatur: Viefhaus, Marianne: Frauenstudium. In: Stadtlexikon Darmstadt (2006), S. 265. [von Verena Kümmel aktualisierter Online -Beitrag „Studium von Frauen“, http://www.darmstadt- stadtlexikon.de/s/studium-von-frauen; Zugriff: 19.09.2016] 157 Böcklerstraße (D-E 7), benannt 1953 nach Hans Böckler (1875-1951) Sozialpolitiker und 1. Vorsitzender des DGB * 26. Februar 1875 in Trautskirchen/Mittelfranken 1876 Umzug nach Fürth, wo der Vater als Kutscher Anstellung findet; Jugendjahre in Fürth ca. 1889 dreijährige Lehrzeit im Silber- und Goldschlägerhandwerk; anschließend Wanderjahre 1894 Eintritt in die SPD und in den Deutschen Metallarbeiterverband (DMV) 1897-1899 Wehrdienst im Kaiserreich 1899 Vorsitzender des Fürther Gewerkschaftskartells 1902 Vorstandsmitglied der AOK Fürth sowie Wahl in den Stadtrat von Fürth; Verlust des Arbeitspla t- zes wegen Teilnahme an gewerkschaftlichen Maifeiern, die er mitorganisierte 1903 Hauptamtlicher Gewerkschaftsfunktionär an der Saar 1908 Mitarbeiter des Metallarbeiterverbands im Bezirk Frankfurt am Main 1910 Leitung des Metallarbeiterverbands Schlesien mit Sitz in Breslau 1912 Mitarbeit in der Berliner Zentrale des Metallarbeiterverband s sowie in der Berlin Redaktion der Metallarbeiterzeitung 1914-1915 Kriegsdienst im Ersten Weltkrieg 1916 Als Unteroffizier an der Ostfront verwundet (Ende 1915) und als dienstuntauglich aus dem Kriegsdienst entlassen; fortan verschiedene Tätigkeiten im Gewerkschaftsbereich 1918 Ernennung zum Sekretär der neugegründeten „Zentralarbeitsgemeinschaft der industriellen und gewerblichen Arbeitgeber und Arbeitnehmer Deutschlands“; er trat von diesem Posten zurück, als er seine sozialpolitischen Vorstellungen nicht verwirklichen konnte 1920 Bevollmächtigter des Deutschen Metallarbeiterverbands in Köln 1924-1928 Stadtverordneter der SPD in Köln 1927 Wahl zum Bezirksleiter des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbunds (ADGB) Rheinland und Westfalen-Lippe mit Sitz in Düsseldorf 1928-1933 Mitglied der SPD-Reichstagsfraktion 1933 Zweimalige Verhaftung durch Nationalsozialisten 1934-1945 Zurückgezogen in Köln und später untergetaucht in Ottoherscheidt (Bergisches Land) 1944 Nach dem Attentat vom 20. Juli offenbar wegen illegaler Gewerkschaftsarbeit gesucht 1945 Unmittelbar nach Kriegsende Organisation der Neugründung des Gewerkschaftsbunds im Rheinland und in Westfalen 1947 Wahl zum 1. Vorsitzenden auf Gründungskongress des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) der britischen Besatzungszone sowie Mitglied des nordrhein-westfälischen Landtags 1949 Wahl zum 1. Vorsitzenden des DGB der Bundesrepublik Deutschland sowie Wahl zu einem der sechs Vizepräsidenten des „Internationalen Bunds Freier Gewerkschaften“ in London † 25. Januar 1951 in Köln 158 Ehrungen: 1948 Ehrendoktor der Universität Köln 1949 Senator der Max-Planck-Gesellschaft 1951 Gemeinsam mit Konrad Adenauer zum Ehrenbürger der Stadt Köln ernannt 1977 Gründung der Hans -Böckler-Stiftung (gemeinnützige Stiftung des DGB); Hans -Böckler-Preis als höchste Auszeichnung der Stiftung und des DGB (vergeben 1980-2001, seit 2003 von Stadt Köln) Zahlreiche Straßen in Deutschland tragen Böcklers Namen Wirken in der NS-Zeit Der Sozialdemokrat und Gewerkschaftsfunktionär Hans Böckler, heute vor allem bekannt durch die nach ihm benannte Hans -Böckler-Stiftung des DGB, war seit 1927 als Bez irksleiter des ADGB in führender gewerkschaftlicher Funktion tätig (wenngleich er kein Spitzenfunkt i- onär war). Von 1928 bis zur Auflösung 1933 war er Mitglied des Reichstags für die SPD. Böckler, der sich noch 1933 für die Verteidigung der freien Gewerksch aften stark gemacht hatte, wurde am 3. Mai 1933 beim Betreten seines Büros in Düsseldorf verhaftet. Er wurde gezwungen, sich neben Schnapsflaschen ablichten zu lassen, um seine Person öffentlich zu diskreditieren. In der lokalen Presse hieß es am darauffol genden Tag, Böckler und ein gleic h- ermaßen verhafteter Mitarbeiter hätten nun Gelegenheit, „in Ruhe und ungestörter Abg e- schlossenheit über eine beendigte Epoche ihres Lebens nachzudenken“. Eine Woche nach der Verhaftung wurde Böckler wegen mangelnder Flucht gefahr aus der Haft entlassen. Von der Kreis -Betriebsstellenleitung der NSDAP Düsseldorf erging jedoch ein Strafantrag wegen Unterschlagung von Geldern und der Beseitigung von Akten. Böckler kam wiederholt Vorladungen nicht nach. Im September 1933 wurde er in der Wohnung seines Sohnes in Berlin von der Gestapo verhaftet und am 20. September 1933 im berüchtigten Gestapo-Amt in der Prinz -Albrecht-Straße verhört. Er bestritt alle Vorwürfe gegen ihn; blieb bis 13. Dezember 1933 in „Schutzhaft“. Wahrscheinlich k ehrte er anschließend nach Köln zurück. Dort fand am 5. Februar 1934 die Hauptverhandlung statt, wo er von einem Schö f- fengericht frei gesprochen wurde. Böckler zog sich in der Folge weitgehend in den privaten Bereich zurück. Sein Haus in Köln - Bickendorf wurde mehrfach durchsucht, die wirtschaftliche Situation der Familie gestaltete sich schwierig. Über seine politischen Kontakte sind kaum sichere Quellen tradiert. „Wir h a- ben wohl in Böcklers Leben zwischen 1933 und 1945 ein Schicksal vor uns, das typisch wa r für die Überwinterungs -Strategie eines Teils der sozialdemokratischen Führungsschicht: Z u- rückgezogenheit, wenige, sehr unauffällige Kontakte, keine Berührung mit offenem Wide r- stand oder mit Kommunisten, kontinuierlich integriert in die Gemeinschaft alter Freunde“, konstatiert Böcklers Biograf Ulrich Bosdorf (S. 298). Es gibt jedoch Hinweise darauf, dass Wilhelm Leuschner und Jakob Kaiser Kontakt zu Böckler aufgenommen hatten und ihm möglicherweise eine leitende Funktion in deren Planungen zu 159 einer Gewerkschaftsorganisation nach dem NS zudachten (Buschak, S. 254 ff.). Auch Bosdorf vertritt die Auffassung, dass in der Summe „ausreichend Anhaltspunkte [vorlägen], um Böc k- ler im Kreis des Widerstands zu verorten“ (Bosdorf, S. 301). Welche Rolle Böckler im Zusa m- menhang mit dem geplanten Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 zukam, lässt sich nicht kl ä- ren. In Düsseldorf wurde irrtümlich ein Namensvetter Böcklers, ein Geschäftsmann, verha f- tet (Klein -Viehöver, S. 58), was Böckler die Gelegenheit gegeben haben soll, i m Bergischen Land unterzutauchen (in Ottoherscheid hatte er sich schon zuvor mehrfach mit seiner Frau aufgehalten). Hans Böckler erhielt auf der ersten, von der britischen Militärregierung eingesetzten Kölner Stadtverordnetenversammlung am 1. Oktober 1945 als Ältester das Wort. Wie im entspr e- chenden Protokoll nachzulesen ist, bat er die Bevölkerung, gegenüber den neuen Gemei n- devertretern nur „einen Bruchteil der Geduld und der Nachsicht“ aufzubringen, welche die „übergroße Mehrheit dem vergangenen Schandreg ime“ entgegenbrachte. In einem Frag e- bogen 1946 gab er zu Protokoll: „In der Nazizeit habe ich einfach meine Pflicht getan, war wiederholt in Schutzhaft und wurde, wie so viele andere, wirtschaftlich vernichtet. Meine jetzige Tätigkeit ist nach Wiederaufnahme Fortsetzung der früheren.“ Quellen: Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abt. Rheinland, Bestand NW 1048-42 (Hauptausschuss Stadtkreis Köln) Nr. 725 [NICHT eingesehen] Blume, Dorlis/Zündorf, Irmgard: Biografie Hans Böckler. In: LeMO-Biografien, Lebendiges Museum Online, Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland; URL: http://www.hdg.de/lemo/biografie/hans-boeckler.html [Zugriff 30.10.2015] Literatur: Borsdorf, Ulrich: Hans Böckler. Bd. 1: Erfahrungen eines Gewerkschafters 1875-1945. Essen 2005. Buschak, Willy: Arbeit im kleinsten Zirkel. Gewerkschaften im Widerstand gegen die nationalsozialis- tische Diktatur. Essen 2015. Klein-Viehöver, Else/Viehöver, Joseph: Hans Böckler. Ein Bild seiner Persönlichkeit. Köln 1952. Milatz, Alfred: Böckler, Hans. In: NDB, Bd. 2. Berlin 1955, S. 371 f. 160 Jovanka-Bontschits-Straße (K 10), benannt 2013 nach Jovanka Bontschits (1887-1966) Erste Frau mit dem Abschluss Diplom-Ingenieur (in Architektur) der TH Darmstadt * 22. Juni 1887 in Nisch (Serbien) Besuch des Knabengymnasiums in Belgrad 1905-1909 Studium der Architektur an der Universität Belgrad 1909 Praktikum bei der Direktion der serbischen Staatsbahn, Bauabteilung 1909-1913 Studium der Architektur an der TH Darmstadt 1911 Vordiplom 1913 als erste Frau Abschluss als Diplom -Ingenieur[in] in Architektur an TH Darmstadt; eine der er s- ten Frauen mit regulär abgeschlossener Diplomprüfung in Deutschland überhaupt Heirat mit Andreas Katerinitsch (Ko mmilitone aus der Architektur, aus Ukraine stammend), drei Sö h- ne, Nachname fortan Bončić Katerinić 1914 Umzug nach St. Petersburg (Russland) Ca. 1917 Umzug nach Kiew (Ukraine/USSR) 1922 Umzug der Familie nach Belgrad (Serbien), Tätigkeit als Architektin für das serbische Baumini s- terium 1929-1933 Kursalon und Badehaus in Banja Koviljača 1930-1938 Gebäude der Stadtverwaltung in Banja Luka 1933 Gebäude für Lehrerinnenausbildung, Universität Belgrad Ab 1939 Gebäude für Veterinärmedizin, Universität Belgrad 1945 Eintritt in den Ruhestand † 1966 in Belgrad (bei einem Wohnungsbrand) Ehrungen: Jovanka-Bontschits-Preis (Förderpreis) des Fachbereichs Material- und Geowissenschaften Wirken in der NS-Zeit Jovanka Bontschits (Bončić Katerinić), erste Frau mit dem Abschluss als Diplom -Ingenieur(in) (Architektur) an TH Darmstadt, lebte zwischen 1933 und 1945 in Belgrad (Serbien). Sie arbe i- tete dort seit Beginn der 1920er Jahre für das serbische Bauministerium als Architektin. Zu den von ihr betreuten Projekten zählten in der fraglichen Zeit Gebäude der Stadtverwaltung in Banja Luka (1930-1938) sowie Bauten an der Universität in Belgrad (1933 Gebäude für Lehrerinnenausbildung, ab 1939 Gebäude für Veterinärmedizin). 1945 trat Jovanka Bončić Katerinić in den Ruhestand. Es ergaben sich keine Hinweise auf eine Verstrickung mit dem NS-System. 161 Quellen: UA Darmstadt, 102 Nr. 975 UA Darmstadt, Bontschits, Jovanka (Studentin) [Pressemappe] Literatur: Viefhaus, Marianne: Frauenstudium. In: Stadtlexikon Darmstadt (2006), S. 265. [von Verena Kümmel aktualisierter Online -Beitrag „Studium von Frauen“, http://www.darmstadt- stadtlexikon.de/s/studium-von-frauen; Zugriff: 19.09.2016] Viefhaus, Marianne: Frauen an der Technischen Hochs chule Darmstadt. In: Emig, Brigitte (Hrsg.): Frauen in der Wissenschaft. Dokumentation der Ringvorlesung vom Wintersemester 1985/86 an der Technischen Hochschule Darmstadt. Darmstadt 1988, S. 35-61, hier 45. 162 Borngässerplatz (H 9), benannt 2004 nach Wilhelm Borngässer (1879-1963) Musikpädagoge, Kirchenmusiker und Komponist * 14. August 1879 in Schwabsburg/Rheinhessen 1895-1898 Lehrerseminar in Alzey 1898-1901 Erste Tätigkeiten als Lehrer in Griesheim, Bürgel und Trais an der Lumda 1901 Lehrer in Darmstadt (Ballonschule, definitive Anstellung ab 1907) Abschluss seiner musikalischen Studien in Darmstadt bei Hochschullehrer Willibald Nagel und Chri s- tian Heim; gefördert von Hofkapellmeister Willem de Haan und Kirchenmusikmeister Arnold Me n- delssohn 1905-1955 Or ganist an der Stadtkirche Darmstadt; musikalisches Wirken mit dem Musikverein (als deren Organist bis 1929) 1906 Heirat mit Elisabeth (geb. Stöppler), drei Kinder 1907-1923 Leitung des Lehrergesangvereins [Sängerchors des Lehrervereins Darmstadt] 1908-1958 Leitung des Stadtkirchenchors bis zu seinem Ausscheiden [1958: 50-jähriges Jubiläum] 1911-1950 Arbeit in der musikpädagogischen Ausbildung von Kirchenmusikern und Musikerziehern in Darmstadt, Mainz, Friedberg, später [12/1945] in Jugenheim 1919-1933 Mitglied der Demokratischen Partei 1924 Hauptamtlich als Dozent (Studienrat) am Lehrerinnenseminar, ab 1930 am neugegründeten Pädagogischen Institut 1933-1945 Mitglied der NSV 1935 Professor an der Hochschule für Lehrerbildung 1935-1945 Mitglied der Reichsdozentenschaft 1937-1957 Vorsitzender der Leitung des Amts für Kirchenmusik der EKNH (nach 1945: EKHN) 1942 Aufführung seines Streichquartetts g-moll im Saalbau Darmstadt 1942 Lehrauftrag für Musikwissenschaften an der TH Darmstadt 1944 Einquartierung in Darmstadt-Arheilgen infolge der „Brandnacht“ 1945 Umzug nach Alsbach Nach 1945 maßgeblich am Aufbau des Pädagogischen Instituts Jugenheim beteiligt Ehrungen: 1935 Professor ehrenhalber 1949 Verleihung des Titels eines Kirchenmusikmeisters der EKHN [vor ihm nur Arnold Mendelssohn] 1952 Verleihung des Bundesverdienstkreuzes 1959 Silberne Verdienstplakette der Stadt Darmstadt [bleibende und große Verdienste um das ki r- chenmusikalische Leben des evangelischen Darmstadts und um das kulturelle, künstlerische und geistige Leben der Stadt] 163 Wirken in der NS-Zeit Wilhelm Borngässer , Musikpädagoge und Kirchenmusikmeister, war auch zwischen 1933 und 1945 in die musikpädagogische Ausbildung von Kirchenmusikern und Musikerziehern in Darmstadt eingebunden. Er war Studentenrat a m Pädagogischen Institut und wurde 1935 zum Professor ernannt. Von 1942 an vertrat er an der TH Darmstadt im Zuge eines bezahlten Lehrauftrags für Musikwissenschaften den 1940 entlassenen außerplanmäßigen Professor Friedrich Noack. Seit 1935 war er Mitglied der Reichsdozentenschaft. Von 1933 bis 1945 war Borngässer eigenen Angaben folgend Mitglied der NSV. Im selben Meldebogen 1946 gab er auch eine (nicht näher datierte) Mitgliedschaft in der „Reichsm u- sikkammer“ an. In den Beständen des ehemaligen BDC konnt en keine persönlichen Akten zu Borngässer ermittelt werden. Von der amerikanischen Militärregierung wurde seine „B e- schäftigung“ im Oktober 1945 genehmigt. Als Selbsteinschätzung gab Borngässer im Meldebogen „unbelastet“ an. Er begründete dies wie folgt: „Nachdem ich von der Militärregierung bestätigt bin und mein Amt mit d. Erric h- tung des Päd. Instituts in Jugenheim a.d.B. angetreten, kommt das Gesetz, so glaube ich, für mich nicht in Frage.“ Zudem verwies er auf seine Mitgliedschaft in der Demokratischen P ar- tei, der er von 1919 bis zur Auflösung angehörte. Im April 1947 erreichte ihn die Nachricht, dass er als „vom Gesetz nicht betroffen“ eingestuft worden war. Von 1945 an war Borngässer maßgeblich am Aufbau des Pädagogischen Instituts in Juge n- heim beteiligt. Den Lehrauftrag an der TH Darmstadt musste er 1946 aufgeben, da Friedrich Noack wieder zum Unterricht zugelassen war. Quellen: HHStAW, Abt. 520/Darmstadt-Land (NB Alsbach), Nr. 1451 HStAD, R 12 P Nr. 421 Zentralarchiv der EKHN, Best. 104, Nr. 55 StadtA DA, St 61 Borngässer, Wilhelm UA Darmstadt, TH 25/01 Nr. 72/3 Literatur: Balz, Hans Martin: Borngässer, Wilhelm. In: Darmstädter Stadtlexikon (2006), S. 94. Borngässer, Wilhelm: 50 Jahre an der Orgel der Stadtkirche. In: Knodt, Manfred (Hrsg.): Festschri ft zur Orgelweihe in der Stadtkirche zu Darmstadt an Ostern, dem 2. und 3. April 1961. Mit Rückblick auf 361-jährigen Orgeldienst in der Stadtkirchengemeinde. Langen 1961, S. 43-48. Knodt, Manfred: Rundblick vom Stadtkirchturm. Darmstadt 1993. Müller, Erich: Deutsches Musiker Lexikon. Dresden 1929, S. 137. Schmidt, Isabel: Nach dem Nationalsozialismus. Die TH Darmstadt zwischen Vergangenheit und Z u- kunftsmanagement (1945-1960). Darmstadt 2015. 164 Borsdorffstraße (G 9), benannt 1992 [1989] nach Joachim Borsdorff (1919-1985) Bürgermeister und Stadtkämmerer in Darmstadt, Vorstandsvorsitzender der HEAG * 30. Juli 1919 in Schnellroda (Provinz Sachsen) 1929-1938 Humanistisches Domgymnasium in Merseburg/Saale 1934-1939 Mitglied des NS Reichbunds für Leibesübungen 1936 Mannschaftsführer deutsche Jugendhockey-Mannschaft 1936-1943 Mitglied der HJ (ab 1942 Amt: Gefolgschaftsführer der HJ „als verwundeter Soldat“; Dienstgrad: Oberscharführer) 1938 RAD 1938-1939 Studium an der Universität Leipzig/HfL Cottbus (Sport, Geschichte, Deutsch) 1939-1942 Kriegsdienst (Infanterie-Regiment 446); nach mehrmaliger Verwundung dienstuntauglich entlassen 1942-1945 Mitglied der Deutschen Studentenschaft 1942-1945 Studium der Wirtschafts- und Rechtswissenschaften an der Universität Halle/Saale 1943-1945 Mitglied der NKOV 1944 Mitglied der NSDAP (Mitglieds-Nr. 9662913; Aufnahme beantragt: 11.08.1943) 1944 Staatsexamen als Diplom-Volkswirt (01.11.1944) 1944-1945 Wissenschaftlicher Assistent an der rechts - und staatswissenschaftlichen Fakultät ( Prof. Muhs) der Universität Halle/Saale (01.05.1944 -31.12.1945, unterbrochen nach Kriegsende durch dreimonatige Tätigkeit zur Beseitigung von Kriegsschäden) 1945 Promotion zum Dr. rer. pol. (17.02.1945), „Volkswirtschaftliche Auswirkungen der Konzerne“ 1945 Hochzeit mit Ruth Schlatow in Merseburg (04.09.1945) 1946-1950 Referent und Abteilungsleiter beim Statistischen Landesamt Sachsen 1950 Flucht in die Bundesrepublik Deutschland 1950 Aushilfsangestellter in der Arbeitsverwaltung der Stadt Hamburg (zur Überbrückung) 1950-1951 Referent und stellvertretender Abteilungsleiter im Statistischen Landesamt Bremen 1951-1954 Referent für Wohnungswesen am Statistischen Bundesamt Wiesbaden 1954 Beginn der Tätigkeit bei der Stadtverwaltung Darmstadt; Leitung des Statistischen Amts und des Wahlamts sowie Leitung des Presse-, Werbe- und Verkehrsamts 1955 Ernennung zum Magistratsrat und Übernahme in Beamtenverhältnis 1956 Wahl zum hauptamtlichen Beigeordneten der Stadt Darmstadt (SPD) mit der Amtsbezeichnung Stadtkämmerer 1964 Sportdezernent der Stadt Darmstadt (zusätzlich zum Stadtkämmerer) 1967 Wahl zum ersten hauptamtlichen Beigeordneten der Stadt Darmstadt mit der Amtsbezeichnung Bürgermeister (in Nachfolge von Ernst Holtzmann, CDU) und Stadtkämmerer 165 1970 Ausscheiden aus Diensten der Stadt Darmstadt 1970-1985 Vorsitzender des Vorstands der HEAG, Darmstadt 1971 Vorsitzender der Kaupiana (Förderverein des Vivariums Darmstadt) Bis 1985 Erster Vorsitzender der Gesellschaft Hessischer Literaturfreunde † 20. März 1985 in Darmstadt Ehrungen: 1968 Goldene Verdienstnadel der TSG 1846 Darmstadt [ er unterstützte als Stadtkämmerer wohlwol- lend den Bau der Felsinghalle] 1970 Silberne Verdienstplakette der Stadt Darmstadt 1980 Ehrenplakette [höchste Auszeichnung] des Hessischen Landessportbunds 1983 Silberne Verdienstspange der Arbeiterwohlfahrt Wirken in der NS-Zeit Dr. Joachim Borsdorff, der 1954 nach Darmstadt gelangte und dort als Stadtkämmerer, Sportdezernent, Bürgermeister sowie als Vorstandsvorsitzender der HEAG tätig war, besuc h- te bis 1938 das Humanistische Domgymnasium in Merseburg, das er mit dem Abitur verließ. Während der Schulzeit war er als herausragender Sportler in Erscheinung getreten, führte etwa die deutsche Jugendhockey -Mannschaft 1936 in England als Spielführer auf d as Feld und spielte mit dem HC Merseburg in der höchsten deutschen Spielklasse. Als Leichtathlet trat er erfolgreich in den Laufdisziplinen bei Regionalmeisterschaften sowie bei den „mitte l- deutschen Schülerkampfspielen“ an. Von 1934 bis 1938 war er Mitglie d des NS Reichbunds für Leibesübungen. Nach dem obligatorischen Dienst beim RAD (05.04. -25.10.1938) studier- te Borsdorff in Leipzig bzw. an der Hochschule für Leibesübungen (HfL) in Cottbus Sport s o- wie Deutsch und Geschichte. Borsdorff war von 1936 bis 1943 Mitglied der HJ. Im Oktober 1939 trat er in den Kriegsdienst ein (Infanterie-Regiment 446), wurde mehrfach verwundet und „verlor“ ein Bein, woraufhin er im September 1942 aus dem Militärdienst entlassen wurde. Als „verwundeter Soldat“ bekleidete er in der HJ das Amt eines Gefolgschaftsführers mit dem Dienstgrad Oberschar- führer (was seinem militärischen Dienstgrad Feldwebel entsprach). Aus gesundheitlichen Gründen war die Wiederaufnahme des Sportstud iums u nmöglich. Borsdorff entschied sich zum Studium der W irtschafts- und Rechtswissenschaften an der Universität Halle/Saale, das er im November 1944 mit dem Staatsexamen zum Diplom -Volkswirt abschloss. Bereits seit Mai 1944 arbeitete er als wissenschaftliche Hilfskraft, ab 1945 dann als Wissenschaftlicher Assistent am Staatswissenschaftlichen Seminar der Universität Halle bei Prof. Muhs. Im Fe b- ruar 1945 folgte die Promotion zum Dr. rer. pol. mit einer Arbeit zu „Volkswirtschaftlichen Auswirkungen der Konzerne“. Bis Ende 1945 blieb er als Wissenschaftler an der U niversität Halle tätig, unterbrochen durch eine dreimonatige Täti gkeit zur B eseitigung von Kriegsschä- den in der direkten Nac hkriegszeit. Zum 31.12.1945 kündigte er auf eigenen Wunsch, „um 166 eine andere Beschäftigung in der Provinz ialverwaltung anzunehmen“ (U A Halle, PA 4793 Borsdorff, Joachim), und wechselte an das Statistische Landesamt Sachsen. Im August 1943 beantragte Joachim Borsdorff die Aufnahme in die NSDAP. Mit Datum 01.01.1944 wurde er als Mitglied der NSDAP -Ortsgruppe Merseburg, Gau Halle -Merseburg, geführt. Von 1943 bis 1945 war er Mitglied der NKOV. Da Borsdorff zwischen 1945 und 1950 in der SBZ bzw. in der DDR lebte, musste er sich keinem Entnazifizierungsverfahren unterzi e- hen. Überliefert ist allerdings ein vierseitiger Fragebogen vom 10.07.1945 , der seine Mi t- gliedschaften in den genannten NS Organisationen dokumentiert (UA Halle, PA 4793 Bor s- dorff, Joachim). Quellen: BArch, BDC, NSDAP-Mitgliederkartei Deutsche Dienststelle (WASt), Personenrecherche StadtA DA, ST 61 Borsdorff, Dr. Joachim UA Halle, PA 4793 Borsdorff, Joachim Literatur: Knieß, Friedrich Wilhelm: Borsdorff, Joachim. In: Stadtlexikon Darmstadt (2006), S. 94 f. 167 Robert-Bosch-Straße (J-K 5-6), benannt 1999 nach Robert Bosch (1861-1942) Gründer der Robert Bosch GmbH, Erfinder der Magnetzündung * 23. September 1861 in Albeck bei Ulm 1869-1876 Besuch der Realschule in Ulm 1876-1879 Lehre als Feinmechaniker in Ulm 1879-1885 Wanderjahre; Tätigkeiten bei wichtigen Unternehmen der Zeit im Bereich der sich entw i- ckelnden Elektrotechnik im In- und Ausland 1886 Gründung der „Werkstätte für Feinmechanik und Elektrotechnik“ in Stuttgart (später Robert Bosch GmbH) 1887 Hochzeit mit Anna Kayser (vier Kinder) 1887 Entwicklung und Bau eines innovativen Magnetzünders für Gasmotoren 1901 Bezug der ersten eigenen Fabrik in Stuttgart (45 Mitarbeiter) 1902 Entwicklung eines Hochspannungs -Magnetzünders für Benzinmotoren; dieser wird zum Au s- gangspunkt für die internationale Expansion des Betriebs 1906 Einführung des Achtstundentags (daher Beiname „Der rote Bosch“); gleichzeitig Auseinande r- setzungen mit Gewerkschaften wegen Rationalisierungsmaßnahmen 1916 Vorsitzender des Verbands Württembergischer Industrieller 1917 Umwandlung des auf 7.000 Beschäftigte angewachsenen Betriebs in eine Aktiengesellschaft und Entwicklung der ersten Beton-Schlagbohrmaschine 1918 Mitglied der „Kommission zur Vorbereitung der Sozialisierung der Industrie“; Bosch befürwo r- tet Mitspracherecht der Betriebsräte, lehnt aber Gewinnbeteiligung ab 1919 Präsidiumsmitglied des Reichsverbands der deutschen Industrie ab 1920 Gründung zahlreicher Wohltätigkeitseinrichtungen 1922-1933 Mitglied im Senat der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft 1926 Gründungsmitglied des Stuttgarter Vereins zur Abwehr des Antisemitismus 1926/27 Scheidung; Hochzeit mit Margarete Wörz (zwei Kinder) 1927 Bosch AG produziert zunehmend elektrotechnische Geräte aus dem Konsumbereich, etwa Kühlschränke, Radioapparate und Elektrowerkzeuge 1932 Übernahme der Junkers & Co. GmbH; Veröffentlichung „Die Verhütung künftiger Krisen in der Weltwirtschaft“ 1933 Erwerb der „Ideal-Werke für drahtlose Telephonie AG“ (seit 1938: Blaupunkt-Werke GmbH) 1937 Umwandlung des Konzerns in eine GmbH 1937 Einstellung von Carl Goerdeler als Berater 1939 Zwangsarbeiter in Firmen der Bosch-Gruppe 1940 Einweihung des „Robert-Bosch-Krankenhauses“ in Stuttgart (gestiftet von Robert Bosch) † 12. März 1942 in Stuttgart 168 Ehrungen: 1910 Ehrendoktor der Technischen Hochschule Stuttgart (wohl gegen seinen Willen) Ca. 1941 Kriegsverdienstkreuz I. Klasse 1941 Ernennung zum „Pionier der Arbeit“ 1941 Ehrendoktor der Universität Tübingen Zahlreiche Straßen sind nach Robert Bosch benannt Wirken in der NS-Zeit Robert Bosch – Techniker, Industriepionier und Großunternehmer (Robert Bosch AG, ab 1937 Robert Bosch GmbH) – war von 1933 bis zu seinem Tod 1942 gezwungenermaßen in das NS -Wirtschaftssystem involviert. Gleichzeitig halfen er und führende Angestellte des Unternehmens mehreren Juden zu überleben. Bosch und seine Vertrauten (Bosch -Kreis) engagierten sich ab 1937 zudem nachweislich im politischen Widerstand gegen Hitler. Für Robert Bosch waren die ersten Jahre nach der „Machtergreifung“ 1933 geprägt von Ko n- flikten (aber auch von Arrangements) mit dem NS -Regime – und von der verfehlten Übe r- zeugung, dass es sich beim Nationalso zialismus um ein „Übergangsphänomen“ (Scholtyseck, S. 146) handele. Das Unternehmen und Bosch persönlich wurden vom württembergischen NSDAP-Gauleiter Wilhelm Murr mehrfach attackiert. Gerüchte kursierten, wonach Bosch wegen seiner liberalen Einstellung inh aftiert werden sollte; er zog sich auf den bayerischen Boschhof zurück. Dennoch hoffte er (wohl noch bis 1935) darauf, den neuen „Führer“ Adolf Hitler von der aus seiner Sicht notwendigen Verständigung mit Frankreich überzeugen zu können. Bosch traf Hitler im September 1933 in dieser Angelegenheit, konnte aber nichts bewirken – zu einem wirklichen Meinungsaustausch kam es nicht. Für ein Lieblingsprojekt Hitlers (den Bau des „Hauses der Kunst“ in München) spendete Bosch 1939 nach Aufford e- rung 100.000 RM. Ins gesamt entrichtete Bosch bis ins Jahr 1944 rund 1,75 Millionen RM als „Adolf-Hitler-Spende“ (Scholtyseck, S. 147). Schätzungen basierend auf neueren Forschungen gehen davon aus, dass während des Zwe i- ten Weltkriegs mindestens 20.000 Zwangsarbeiter bei Unter nehmen der Bosch -Gruppe be- schäftigt waren, darunter auch 800 Polinnen aus dem KZ Ravensbrück, die im September 1944 (somit nach Robert Boschs Tod) bei der Dreilinden Maschinenbau GmbH in Kleinmac h- now Zwangsarbeit leisten mussten. Für letztere wurde eigens ein KZ-Außenlager unter Au f- sicht der SS errichtet. Auch in den zum Konzern gehörenden Siling -Werken in Langenbielau, wo für die Zwangsarbeiter menschenunwürdige Bedingungen herrschten, wurden gegen Ende des Kriegs KZ-Häftlinge eingesetzt. Robert Bosch war nie Mitglied der NSDAP – ein Eintritt in die Partei wurde selbst seitens der NSDAP als aussichtslos eingeschätzt, weshalb dies nie zur Debatte stand. Bosch strebte vie l- mehr aus sozial -liberaler Denktradition innenpolitisch einen Ausgleich mit der Sozialdem o- kratie an und außenpolitisch eine Verständigung mit Frankreich. Aus der Firmenleitung zog 169 er sich zunehmend zurück. Wichtige Entscheidungen wurden nicht mehr von ihm allein, so n- dern von einem Direktorium getroffen. Bosch wusste, dass führende Vorstandsmit glieder der NSDAP beigetreten waren – wohl auch, um den Einfluss der NSDAP auf das Unterne h- men möglichst gering halten zu können. Sein persönlicher Vertrauter, Hans Walz, wurde Mitglied der SS und war Mitglied des „Freundeskreises Himmler“ (wurde aber 1969 wegen seines Einsatzes für Juden mit dem Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern“ geehrt). Als von besonderer Bedeutung für die „Sicherheitsdeckung“ des Unternehmens erwies sich Gottlob Berger, ein Gegner des Gauleiters Murr und später er SS-Obergruppenführer sowie enger Mitarbeiter Heinrich Himmlers. Berger, für den Robert Bosch eine Art Vaterfigur darstellte und der sich daher immer loyal verhielt, setzte sich für Bosch und (auch nach dessen Tod) für das Unternehmen sowie seine leitenden Angestellten pers önlich ein. Von einem geheimen Konto erhielt Berger für seine Dienste von Bosch monatlich 700 RM sowie mehrere Sonde r- zahlungen in bis zu fünfstelliger Höhe. Das Unternehmen Bosch musste ab 1933 Zugeständnisse an das NS -Regime machen, auch die Betriebsstruktur betreffende. Aufträge im Bereich der Rüstungsindustrie machten einen Großteil des Umsatzes aus, neue Firmen wurden als Teil der Bosch -Gruppe nach NS - Vorgaben gegründet; insbesondere in diesen Neugründungen wurden Tausende von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern beschäftigt. In der wissenschaftlichen Forschung gilt Robert Bosch dennoch als Beleg dafür, dass ein Großunternehmer – unter den schwierigen Bedingungen des „Dritten Reichs“ – Widerstand gegen das totalitaristische NS -System leisten konnte. „ Für Robert Bosch verkörperte der N a- tionalsozialismus ziemlich genau das Gegenteil von allem, wofür er eintrat“, konstatiert etwa Johannes Bähr in seiner Studie zu Bosch im „Dritten Reich“ (S. 169). Die zur Verfügung st e- henden Handlungsspielräume hinsichtli ch des Widerstands gegen das NS -Regime habe Bosch weitgehend ausgenutzt. Mit dem Rüstungs - und Zwangsarbeitersystem habe er sich arrangieren müssen und etwa auf Vorgaben des NS -Regimes zur Behandlung von ausländ i- schen Zwangsarbeitern kaum Einfluss gehabt: „Selbst eine ‚Wirtschaftsmacht‘ wie Bosch musste sich unter dem Druck der Verhältnisse den politischen Gesetzen des Nationalsozi a- lismus unterwerfen“ (Scholtyseck, S. 552). Als entlastend angeführt wird besonders Robert Boschs aktiver Widerstand gegen den v on den Nationalsozialisten betriebenen Antisemitismus, den er Zeit seines Lebens ablehnte. Bosch war 1926 (gemeinsam mit Hans Walz) Gründungsmitglied des Stuttgarter Vereins zur Abwehr des Antisemitismus und setzte auch in seinem Unternehmen einen Geist um , der (selbst im Umfeld nach 1933) für antisemitische Hetze wenig Raum bot. Bosch und der Kreis seiner Vertrauten (Bosch -Kreis) leisteten verfolgten Juden in mehreren Fällen nachweislich Hilfestellung (Verbindungen zur Gestapo erwiesen sich dabei als hilfr eich). Durch die Einrich- tung spezieller Abteilungen innerhalb des Unternehmens konnten einige Jüdinnen und Juden vor der (teils bereits anberaumten) Deportation gerettet werden. Auch erfolgten (geheime) finanzielle Zuwendungen an Juden und jüdische Vermitt lungsstellen. Allein zwischen 1938 und 1940 unterstützte Bosch die Emigration verhafteter und verfolgter Juden mit einem B e- 170 trag von 1,2 Millionen RM (nach Bähr, S. 188; wohl nur in einem Fall hatte die Robert Bosch GmbH gegen den Willen bzw. die Interessen der Verkäufer jüdisches Eigentum erworben, ebenda, S. 192). Auch der Historiker Arno Lustiger zählt Bosch zu den wenigen Industriellen, „die alles taten, um jüdische Angestellte und deren Familien zu retten“ (SZ, 20.11.2010). Einen Meilenstein bezüglich d es politischen Widerstands nimmt die Einstellung von Carl G o- erdeler als Berater des Unternehmens 1937 ein. Der ehemalige Leipziger Bürgermeister – dessen politische Ansichten sich keineswegs mit denen Boschs deckten – war als eine Art Sonderbotschafter bei Bosch beschäftigt. Auf zahlreichen Auslandsreisen, die als Dienstre i- sen im Auftrag des Unternehmens deklariert waren, versuchte er in vertraulichen Gespr ä- chen vor den Absichten Hitlers zu warnen (mit sehr begrenztem Erfolg). Goerdeler vermittel- te zudem den Kontakt zum militärischen Wide rstand gegen Hitler , über den Robert Bosch vermutlich 1939 informiert wurde. Für den Widerstand des Bosch -Kreises stellte Goerdeler (darin ist sich die Forschung einig) den Dreh- und Angelpunkt. Robert Bosch selbst sollte di e späteren Attentatspläne nicht mehr erleben. 1936 beging Robert Bosch seinen 75. Geburtstag; zugleich wurde das 50 -jährige Unterneh- mensjubiläum gefeiert. Da in der zu diesem Anlass verfassten Festschrift die üblichen Huld i- gungen an das NS -Regime fehlten, sagten die zur Jubiläumsfeier in Stuttgart geladenen Ve r- treter der Partei ihre Teilnahme ab. Es kam zum Eklat, der in Ermittlungen gegen das Unte r- nehmen und einer scharfen Verwarnung mündete. Die Unternehmensleitung bemühte sich in der Folge noch stärker u m eine Art „Burgfrieden“ (Bähr, S. 178) mit der Gauleitung und der DAF. Anlässlich seines 80. Geburtstags 1941 wurden Robert Bosch hohe persönliche Au s- zeichnungen zuteil: Er wurde von DAF -Chef Robert Ley als „Pionier der Arbeit“ ausgezeic h- net; von Gauleite r Wilhelm Murr erhielt er das Kriegsverdienstkreuz I. Klasse. Der Robert Bosch GmbH wurde die Auszeichnung „Kriegs-Musterbetrieb“ verliehen. Nach dem Tod Robert Boschs wurde sein Begräbnis seitens des NS -Regimes instrumentali- siert: Adolf Hitler ordnete ein Staatsbegräbnis an; NS -Reichswirtschaftsminister Walther Funk würdigte Robert Bosch – der im privaten Kreis (laut seiner Tochter Eva Madelung) über Hitler „Warum bringt denn diesen Kerl niemand um?“ gesagt haben soll (Madelung, S. 7) – als Nationalhelden und legte einen Kranz im Namen des „Führers“ nieder. Quellen: BArch, BDC, R 1507/2011 [Reichskommissar für Überwachung der öffentlichen Ordnung] BArch, BDC, R 1507/2014 [Reichskommissar für Überwachung der öffentlichen Ordnung] Literatur: Bähr, Johannes: Bosch im Dritten Reich (1933-1945). In: Bähr, Johannes/Erker, Paul: Bosch. Geschich- te eines Weltunternehmens. München 2013, S. 155-251. Heuss, Theodor: Robert Bosch. Leben und Leistung. Stuttgart/Tübingen 1946. 171 Heuss, Theodor: Bosch, Robert. In: NDB, Bd. 2. Berlin 1955, S. 479-481. Madelung, Eva: Einleitung. In: Dies./Scholtyseck, Joachim: Heldenkinder – Verräterkinder. München 2007, S. 7-20. Scholtyseck, Joachim: Robert Bosch und der liberale Widerstand gegen Hitler 1933 bis 1945. Mün- chen 1999. 172 Brambachweg (Q 7-8), benannt 1958/59 nach Otto Brambach (1885-1949) Führende Person im Aufbau des Hessischen Jugendherbergswerks * 2. August 1885 in Bochum Kindheit und Jugend in Bochum, Essen, Neuhaus-Paderborn und Wesel Mitglied beim Wandervogel Erlernter Beruf: Schmied [laut Kennkartenmeldebogen 1946] Nach 1910 beteiligt am Aufbau des Deutschen Jugendherbergswerks 1911 Hochzeit mit Natalie Herrmann (zwei Kinder) 1914 Umzug nach Darmstadt und Tätigkeit bei der Stadt Darmstadt (Stadtinspektor) 1914-1918 vermutlich Teilnahme am Ersten Weltkrieg 1919-1922 Mitglied der Demokratischen Partei 1922 Mitbegründer des Bundes deutscher Kriegsdienstverweigerer 1922-1933 Mitglied der SPD 1923 Gründung der Ortsgruppe Darmstadt des Hessischen Jugendherbergswerks 1924-1933 (Mitbegründer und) Mitglied des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold 1925-1933 ehrenamtlicher Geschäftsführer des DJH-Gaus Südhessen (Darmstadt) 1929/1931 Publikation „Das Hessische Jugendherbergswerk“ 1933 Zurückstufung vom Stadtinspektor zum Obersekretär aufgrund §4 des Gesetzes zur Wiederhe r- stellung des Berufsbeamtentums 1933-1945 Mitglied des Reichsbunds der Deutschen Beamten 1934-1945 Mitglied der NSV 1935-1939 Förderndes Mitglied der SS 1935-1945 Mitglied des RKB 1935-1945 Mitglied des RLB 1945 Stadt-Oberinspektor in Darmstadt 1946 Leiter des Städtischen Jugendausschusses in Darmstadt † 6. April 1949 in Heidelberg Ehrungen: --- 173 Wirken in der NS-Zeit Otto Brambach, der 1914 nach Darmstadt gekommen und spätestens ab 1918 in der Stad t- verwaltung tätig war, gilt als wichtige Person im Aufbau des Jugendherbergswerks, insb e- sondere in Südhessen. Bis zur Auflösung 1933 war er Mitglied der SPD sowie ehrenamtlicher Geschäftsführer des DJH-Gaus Südhessen in Darmstadt. Ebenfalls bis zur Auflösung 1933 war er zudem – eigenen Angaben folgend – Mitglied des Reichsbanners Schwarz -Rot-Gold und des Bundes französischer Intellektueller sowie Vorstandsmitglied der deutschen Friedensg e- sellschaft und des Bundes religiöser Sozialisten. 1933 war Brambach, unter Berufung auf §4 des Gesetzes zur Wiederherstellung des Beruf s- beamtentums, innerhalb der Darmstädte r Stadtverwaltung vom Stadtinspektor zum Obe r- sekretär zurückgestuft worden. Er blieb zwischen 1933 und 1945 in Diensten der Stadt Darmstadt. Laut eigener Angaben im Zuge des Entnazifizierungsverfahrens habe er sich „G e- halt + Nachzahlungen“ für den Zeitraum 1934-1937 in einem Prozess gegen den Darmstädter OB Otto Wamboldt erstreiten müssen. Brambach war Förderndes Mitglied der SS (1935 -1939), Mitglied des Reichsbunds der Deu t- schen Beamten (1933-1945), der NSV (1934-1945) sowie des RKB und des RLB (1935-1945). In einem handschriftlichen Ergänzungsblatt zum Meldebogen des Entnazifizierungsverfa h- rens gab Brambach an, er sei bis Ende 1934 „politische[n] Verleumdungen usw.“ ausgesetzt gewesen. Er berichtete des Weiteren von Schikanen durch die Gestapo und seiner M ithilfe bei der Flucht des Kreisdirektors [Heinrich] Ritzel ins Ausland. Als Brambach 1935 seinen Schwiegersohn (Studienrat Stein, 1933 wegen Hochverrats verhaftet und daraufhin mit Brambachs Tochter 1934 nach Spanien geflohen) und seine Tochter aus Spanien zurückholen wollte, sei er gemeinsam mit seinem Schwiegersohn „wegen angeblich marxistischer U m- triebe in Granada verhaftet und aus Spanien für 20 Jahre ausgewiesen “ worden. 1937 sei Brambach strafversetzt worden, da er „an stelle des sogen. Führer-Bildes einen großen Uhu aufgehängt hatte und mit Juden weiter Freundschaft hielt “; 1938 sei gegen ihn ein „polit i- sches Disziplinarverfahren“ eingeleitet worden, da er unter anderem die Teilnahme an B e- triebsausflügen und Sammlungen verweigert habe. Seine Mutter un d sein Pflegesohn waren bereits 1936 nach Amerika ausgewandert. Schließlich sei Brambach selbst 1944/45 „stiller Helfer“ einer „Illegalen Gruppe“ [Name möglicherweise „Avemaria“] gewesen. [Alle Angaben ließen sich nicht durch andere Quellen verifizieren.] Bei Georg Schäfer („Darmstadts Straßennamen“) gibt es den Hinweis, Otto Brambach sei Mitglied der illegalen Widerstandsbewegung „Gruppe der jungen Christen“ gewesen. Laut Dokumenten des Vermessungsamts im Zuge der Benennung des Brambachwegs 1959 war Brambach „Angehöriger der illegalen Widerstandsbewegung (Gruppe 'Der junge Chri s- toph')“. „Der junge Christoph“ könnte auf eine Romanfigur Dietrich Bonhoeffers verweisen; weder in den Aussagen von Brambach selbst noch anhand anderer Quellen ließen sich nähe- re Informationen über die Existenz einer solchen Gruppe ermitteln. 174 Seitens der Darmstädter Stadtverwaltung hieß es 1946 (mit Verweis auf Brambachs SPD - Mitgliedschaft und dessen Zurückstufung 1933): „Brambach ist als überzeugter Demokrat hier bekannt.“ Im Auftrag des „Reichsverbands für Deutsche Jugendherbergen, Gau Südhessen“ erarbeitete Brambach eine umfangreiche Publikation über Geschichte und Entwicklung des „Hessischen Jugendherbergswerks“, erschienen im Selbstverlag 1931. Er vertrat darin die Auffassung, „wer so wie das deutsche Jugendherbergswerk Millionen von jungen Menschen aller Klassen und Schichten Heimat und Vaterland, Volk und Natur, bauliche und landschaftliche Schönheit erschließt, wer so von der Wurzel der Gesundheit, Einordnung, Selbständigkeit, D isziplin und Freude bei der Jugend seines Volkes anregt und zur Entfaltung bringt, der darf wohl mit Recht von seiner kulturellen Sendung sprechen, und dessen Wert sollte gerade in Notzeiten deutscher Kultur das Werk des ga n- zen Volkes sein“ (S. 273 f.). Das Gefühl von „Heimat“ der deutschen Jugend (wieder) zu vermitteln, sei – neben der o p- timalen Förderung des Jugendwanderns – erklärtes Ziel der Arbeit des Jugendherberg s- werks. In seinen programmatischen Ausführungen machte Brambach, in der Wandervogel - Bewegung sozialisiert, klar, welche Bedeutung er – dem das „Vaterland“ und „die deutsche Jugend“ am Herzen liege – der „Idee der Menschlichkeit“ beimaß: „Ich denke, gerade in Zeiten des Sturmes und Dranges, der Bedrohung des Friedens, der Besch nei- dung der Recht e muß man diesen Glauben und diese Idee der Menschlichkeit hochhalten. Es ist ja leicht, in friedlichen Zeiten dem Frieden zu dienen, aber in jenen Zeiten, wo es gärt und bohrt, wo eine unbelehrbare Masse immer wieder nach Gewalt schreit, wo so viele nicht s von Überlegung und ruhiger Betrachtung wissen wollen, gerade in solchen Zeiten ist der Glaube an den endgültigen Sieg des Rechtes unsere stärkste Stütze, gerade in solchen Zeiten braucht man Kämpfer für die Sache der Gerechtigkeit und der Menschlichkeit. Und auf der Seite dieser Kämpfer möchte ich unsere Jugend sehen“ (S. 278 f.). Daher stünde die Idee der Jugendherbergen auch im Zeichen der Versöhnung, des Zusa m- menbringens von jungen Deutschen aller Schichten und Anschauungen: „Nicht auf den Kampf wollen wir verzichten, aber auf den Haß!“ (S. 283). 1933 wurden im Zuge der faktischen Gleichschaltung des DJH alle Sozialdemokraten (nach Baldur von Schirach alle „Marxisten“, Kössener Abkommen vom April 1933) aus den Gaule i- tungen entfernt, so auch Otto Brambach. Quellen: HHStAW, Abt. 520/Darmstadt-Zentral, Nr. 1959 HStAD, H 3 Nr. 1111 [Kennkartenmeldebogen] AdJb, P 1 Nr. 406 AdJb, A 201 Nr. 336 AdJb, A 211 Nr. 98 175 Literatur: Brambach, Otto: Das Hessische Jugendherbergswerk. Herausgegeben vom Reichsverband für D eut- sche Jugendherbergen, Gau Südhessen. Darmstadt 1931. Kraus, Eva: Das Deutsche Jugendherbergswerk 1909 -1939. Programm – Personen – Gleichschaltung. Berlin 2013. 176 Franziska-Braun-Straße (K 10), benannt 2013 nach Franziska Braun (1885-1955) Erste immatrikulierte Studentin an der TH Darmstadt * 28. Dezember 1885 in Weilburg 1888 Übersiedlung nach Hanau (Vater dort Direktor des Königlichen Gymnasiums) 1892-1901 Besuch der Höheren Töchterschule in Hanau 1893 Umzug in eigenes neuerbautes Haus (Diakonissenstraße 8) 1901-1906 Besuch des Mädchengymnasiums in Frankfurt am Main (das sich zu der Zeit in Gründung befand) 1906 als Externe Reifeprüfung an der Musterschule in Frankfurt am Main 1906 Studium an der Hanauer Zeichenakademie (ein Semester) 1907-1908 Studium der Germanistik (zwei Semester) an der Höheren Handelsschule in Frankfurt am Main Um 1908 erste Lyrik- und Prosa-Veröffentlichungen in der Heimatzeitung 1908 Immatrikulation als erste (und zunächst einzige) Studentin (für Architektur) an der TH Dar m- stadt (vor 1908/09 nur „Hospitantinnen“, Gasthörerinnen, zugelassen) 1908-1912 Studium an der TH Darmstadt; Beteiligung am Neubau des Hanauer Landgerichts 1911 Diplom-Vorprüfung 1912 Verlassen der TH Darmstadt ohne Abschluss, Grund: Verlobung im August 1912 1913 Heirat mit Heinrich Emil Fliedner, drei Kinder und fortan Führen des Doppelnamens Fliedner - Braun, Umzug nach Berlin 1929 nach dem Tod ihres Ehemanns Rückkehr mit den drei Kindern nach Hanau 1934 „Rhön -Gesänge nach Sage, Geschichte und Wanderungen“ (Gedicht band mit eigenen Zeic h- nungen) 1945-1949 nach der Zerstörung des Elternhauses und dem Tod ihrer zwei Söhne im Zweiten Wel t- krieg Umzug mit der Tochter nach Gersfeld in der Rhön, danach Rückkehr nach Hanau 1949 „Um den Krähenbaum. Erlebtes, Erdachtes und Erschautes“ (Gedicht- und Balladensammlung) 1954 Herzleiden † 29. Juli 1955 in Hanau Ehrungen: 2011 Franziska -Braun-Preis der Carlo und Karin Giersch -Stiftung (Gleichstellungspreis der TU Darmstadt) 177 Wirken in der NS-Zeit Franziska, genannt Franzi (Fliedner -)Braun, 1908 erste an der TH Darmstadt immatriku lierte Studentin, lebte zwischen 1933 und 1945 verwitwet in ihrem Elternhaus in Hanau. 1933 e r- schien ihr Gedichtband „Rhön -Gesänge nach Sage, Geschichte und Wanderungen“, den sie mit eigenen Zeichnungen illustrierte. Während des Zweiten Weltkriegs starben ihre beiden Söhne im Kriegseinsatz. Ihr Elternhaus in Hanau wurde bis auf das Souterrain zerstört. Mit ihrer Tochter zog sie 1945 nach Gersfeld (Rhön). Über das Leben von Franziska (Fliedner -)Braun in der NS -Zeit fanden sich über die im TU Archiv Darmstadt tradierten Quellen und Berichte hinaus kaum Hinweise. Entnazifizi e- rungsakten ließen sich bislang nicht recherchieren; es ergaben sich keine Hinweise auf eine Verstrickung mit dem NS-Regime. Quellen: UA Darmstadt, 102 Nr. 1086 UA Darmstadt, Braun, Franziska, 1. Studentin der THD [Pressemappe] Literatur: Kehr, Nicole/Maier, Tini: Franziska Braun: Die erste Studentin Darmstadts – eine Heldin? Darmstadt 2009 [Schülerinnenarbeit]. Viefhaus, Marianne: Frauenstudium. In: Stadtlexikon Darmstadt (2006), S. 265. [von Verena Kümmel aktualisierter Online -Beitrag „Studium von Frauen“, http://www.darmstadt- stadtlexikon.de/s/studium-von-frauen; Zugriff: 19.09.2016] Viefhaus, Marianne: Frauen an der Technischen Hochschule Darmstadt. In: Emig, Brigitte (Hrsg.): Frauen in der Wissenschaft. Dokumentation der Ringvorlesung vom Wintersemester 1985/86 an der Technischen Hochschule Darmstadt. Darmstadt 1988, S. 35-61, hier 44 f. 178 Peter-Brix-Weg (B 8), benannt 2008 nach Peter Brix (1918-2007) Kernphysiker * 20. Oktober 1918 in Grauhöft (Ortsteil von Kappeln/Schlei, Schleswig-Holstein) 1925-1928 Besuch der Grundschule in Kappeln 1928-1932 Besuch der Mittelschule in Kappeln 1932-1936 Besuch der Aufbauschule in Kappeln (1936: Abitur) 1933-1935 Mitglied der HJ („Geldverwalter“ 1934-1935) 1936 RAD 1936-1940 Studium der Physik an den Universitäten Kiel und Rochester sowie an der TH Berlin 1936-1940 Mitglied der Deutschen Studentenschaft 1937-1940 Mitglied des NSDStB 1940 Staatsexamen für Lehramt an höheren Schulen in Kiel 1940-1944 Kriegsdienst (Sturmgeschütz-Abteilung 190) 1944-1952 Wissenschaftlicher Assistent am 2. Physikalischen Institut der Universität Göttingen unter Hans Kopfermann 1945 Heirat mit Ilse Brink, keine Kinder 1946 Dissertation „Über die photographische Wirkung mittelschneller Protonen“ 1952 Habilitation (Physik) 1952-1953 Postdoctorate Fellow am National Research Council of Canada, Ottawa , bei Georg Her z- berg 1953-1957 Wissenschaftlicher Assistent (wiederum von Hans Kopfermann) am 1. Physikalischen Insti- tut der Universität Heidelberg 1957-1972 Professor für Physik und Direktor des neu aufgebauten Instituts für Technische Kernphysik (seit 1972 Honorarprofessor) der TH Darmstadt 1960-1968/1975-1977 Mitglied des Wissenschaftlichen Rats des Deutschen Elektronen -Synchrotrons (DESY) in Hamburg 1961/62 Mitglied der ersten deutschen Besuchergruppe am CERN in Genf 1970/71 Mitglied des Gründungsdirektoriums der Gesellschaft für Schwerionenfor schung (GSI) in Darmstadt 1972-1986 Direktor des Max -Planck-Instituts für Kernphysik; Professor an der Universität Heidelberg (seit 1976 bis zur Emeritierung 1986 mit persönlichem Ordinariat) 1973 Mitglied der Heidelberger Akademie der Wissenschaften 1973-1979 Mitglied des Wissenschaftlichen Rats der GSI 1975 Mitglied der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina in Halle/Saale 1980-1983 Vizepräsident der DFG in Bonn † 21. Januar 2007 in Heidelberg 179 Ehrungen: 1942 Eisernes Kreuz II. Klasse 1988 Ehrendoktor der FU Berlin 1996 Ehrendoktor der Universität Kassel 1996 Goldene Promotion der Universität Göttingen 1997 Ehrenmitglied des Wissenschaftlichen Rats DESY in Hamburg Wirken in der NS Zeit Peter Brix, renommierter Kernphysiker, Professor und langjähriger Direktor des Instituts für Technische Kernphysik an der TH Darmstadt sowie 1970/71 Mitglied des Gründungsdirekt o- riums der Gesellschaft für Schwerionenforschung (GSI) in Darmstadt , war in der NS -Zeit Schüler, Student, Soldat und Wissenschaftlicher Assistent. Zu Beginn der NS -Zeit war Brix 14 Jahre alt und Schüler an der Aufbauschule in Kappeln (Schleswig-Holstein). Von 1933 bis 1935 war er Mitglied der HJ, 1934/35 darin „Geldverwa l- ter“ (wie er 1945 zu Protokoll gab). Nach dem Abitur 1936 wurde Brix eingez ogen zum RAD (von April bis September 1936 ). Im Anschluss studierte er ab dem Wintersemester 1936 Physik an der Universität Kiel und wechselte 1938 an die TH Berlin. Von September 1938 bis August 1939 hielt er sich als Sti- pendiat des Institute of Internati onal Education an der University of Rochester (USA) auf. Er kehrte kurz an die TH Berlin zurück, beendete sein Studium aber 1940 an der Universität Kiel (Staatsexamen: 03.03.1940). Während seines Studiums war er Mitglied der Deutschen St u- dentenschaft (automatisch) sowie von 1937 bis 1940 des NSDStB. Von April 1940 bis März 1944 leistete Brix Kriegsdienst als Soldat der Wehrmacht ( bei der Artillerie; zu detaillierter Aufstellung der jeweiligen militärischen Abteilungen inklusive Zeit- angaben etc. siehe eigene Angaben im Entnazifizierungsverfahren, Niedersächsisches La n- desarchiv; Informationen decken sich mit DD, Personenrecherche). Er war 1940/41 an der Westfront, dann beteiligt am „Griechenlandfeldzug“ (1941) sowie am „Russlandfeldzug“ (1941/42). Im September 1942 wurde er mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse ausgezeichnet („Anlass und Grund: Tapferkeit“). Zum 1. April 1944 wurde Brix als Leutnant der Reserve aus der Wehrmacht entlassen („Grund: UK -Stellung“) und dem 2. Physikalischen Institut der U niversität Göt tingen unter Professor Hans Kopfermann zugeteilt (der ihn angefordert hatte) , wo er eine wissenschaftl i- che Assistentenstelle verwaltete und für das Praktikum zuständig war . Eigenen Angaben zu- folge, wurde er von Oktober 1944 bis März 1945 nochmals zum „Volkssturm“ eingezogen. Da Peter Brix kein „ politischer Aktivismus“ nachgewiesen werden konnte, er lediglich Mi t- glied der HJ und des N SDStB war, wurde er vom Entnazifizierungs -Hauptausschuss der Stadt Göttingen 1949 als „entlastet“ (Kategorie V) eingestuft. 180 Quellen: Deutsche Dienststelle (WASt), Personenrecherche Niedersächsisches Landesarchiv, Nds. 171 Hildesheim Nr. 18131 [Entnazifizierungsakte] UA Göttingen, Kur 10096 UA Heidelberg, PA 2609, PA 3405 UA Darmstadt, TH 25/01 Nr. 84/6 StadtA DA, ST 61 Brix, Prof. Dr. Literatur: Buchhaupt, Siegfried: Die Gesellschaft der Schwerionenforschung. Geschichte einer Großforschung s- einrichtung für Grundlagenforschung. Frankfurt am Main/New York 1995. Schmidt, Isabel: Nach dem Nationalsozialismus. Die TH Darmstadt zwische n Vergangenheitspolitik und Zukunftsmanagement (1945-1960). Darmstadt 2015. Drüll, Dagmar: Heidelberger Gelehrtenlexikon 1933-1986. Berlin/Heidelberg 2009 [zu Brix S. 136]. 181 Brücherweg (E-F 9), benannt 2000 nach Wilhelm Brücher III (1886-1952) Erster Arheilger Bademeister * 27. April 1886 in Arheilgen Von Beruf Bäcker Mitglied der SPD 1914-1918 Kriegsteilnehmer am Ersten Weltkrieg (Sergeant), schwere Verwundung durch Giftgas 1918 Mitglied des fünfköpfigen Arbeiter-, Bauern- und Soldatenrats in Arheilgen 1924 seit Gründung führendes Mitglied der Ortsgruppe des „Reichsbunds republikanischer Krieg s- teilnehmer e. V. Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold“ Arheilgen 1924 Erster Bademeister des neu eröffneten Gemeindeschwimmbads in Arheilgen („Arheilger Mühl- chen“) 1933 Mit Verweis auf § 4 des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums aus dem Dienst der Gemeinde Arheilgen entlassen 1933-1934 Mitglied des Reichskriegerbunds 1940-1942 Mitglied der DAF 1943/1945 Bademeister der Stadt Darmstadt (seit wann wieder in Diensten ist unklar) † 6. Dezember 1952 in Darmstadt-Arheilgen Ehrungen: Eisernes Kreuz I. Klasse (Erster Weltkrieg) Wirken in der NS-Zeit Wilhelm Brücher III. war seit der Eröffnung des Gemeindeschwimmbads in Arheilgen („A r- heilger Mühlchen“) Bademeister in seiner Heimatgemeinde. Aufgrund seiner politischen Aktivitäten (führendes Mitglied der Ortsgruppe Arheilgen des „Reichsbunds republikanischer Kriegsteilnehmer e. V. Reichsbanner Schwarz -Rot-Gold“) wurde ihm 1933 mit Bezug a uf §4 des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums gekündigt. Er nahm jedoch später seinen Dienst als Bademeister wieder auf. Zeitzeugen und Zeitzeuginnen erinnern sich daran, dass Wilhelm Brücher während des Zweiten Weltkriegs die Badegäste de s Arheilger Mühlchens bei Fliegeralarm lautstark aus dem Wasser und in die Hecken trieb. In seinem Meldebogen 1946 gab Brücher unter 1943 und 1945 „Bademeister Stadt Darmstadt“ an. Brücher war im Ersten Weltkrieg verwundet worden und zudem 1939 bereits 53 Jahre alt. Er wurde nicht zum Kriegsdienst im Zweiten Weltkrieg eingezogen. 1940-1942 war Brücher Mitglied der DAF; 1933 -1934 war er – eigenen Angaben in seinem Meldebogen folgend – Mitglied des Reichskriegerbunds. 182 In den Entnazifizierungsakten findet sich eine Auseinandersetzung zwischen Brücher und Peter Nicolaus, Vorsitzender der Spruchkammer Lager in Darmstadt, im Sommer 1947 d o- kumentiert. Brücher hatte Nicolaus beleidigt und bedroht, vermutlich da dieser als Bela s- tungszeuge gegen einen Verwandten Brüch ers (Fritz Eckhardt) ausgesagt hatte, welcher in die Gruppe II (Aktivisten) eingestuft wurde. Brücher hatte zudem Nicolaus sowie dessen Sohn den Zugang zum Arheilger Schwimmbad verwehren lassen. Während Nicolaus eine politische Motivation für das Verhalten Brüchers zu Protokoll gab, wertete Brücher bei se i- ner Vernehmung den Sachverhalt als „Private Angelegenheit“. Nach „eingehenden Ermit t- lungen […] konnte dem Betroffenen nichts nachteiliges [sic!] in politischer Hinsicht bewiesen werden“. Wilhelm Brücher, der sich selbst als „unbelastet“ bezeichnete, wurde am 15.04.1947 von der Spruchkammer Darmstadt-Stadt als vom Gesetz „nicht betroffen“ eingestuft. Quellen: HHStAW, Abt. 520/Darmstadt-Zentral, Nr. 37040 HStAD, H 3 Nr. 16042 [Kennkartenmeldebogen] StadtA DA, Bildarchiv [Arheilger Mühlchen] Dokumentation 90 Jahre Arheilger Mühlchen [http://arheilger-mühlchen.de/index.php/historie] Literatur: Mampel, Georg: 1878-1978. 100 Jahre Sozialdemokratie in Arheilgen. Darmstadt 1986. 183 Helene-Christaller-Weg (G 9), benannt 2001 nach Helene Christaller (1872-1953) Schriftstellerin * 31. Januar 1872 in Darmstadt (geb. Heyer) Aufgewachsen in Darmstadt; bis 1887 Schülerin am Hofmann‘schen Institut 1890 Heirat mit dem Pfarrer und Schriftsteller Erdmann Gottreich Christaller (vier Kinder); Umzug ins Pfarrhaus nach Berneck im Schwarzwald 1894 Nach Versetzung des Mannes Pfarrfrau in Ottenhausen (Schwarzwald); Kindergottesdie nst und erste eigene Geschichten; später Veröffentlichung von Erzählungen in „Die Hilfe“ (hrsg. von Fried rich Naumann), „Die Frau“ (hrsg. von Helene Lange) und anderen Zeitschriften 1902/1904 Erste eigenständige Veröffentlichungen 1903 Umzug nach Jugenheim (in das spätere „Blaue Haus“) , nachdem ihr Ehemann wegen satirischer Veröffentlichungen (und beginnender Schwerhörigkeit) das Pfarramt aufgeben musste; Helene Christaller bestreitet fortan mit ihrer schriftstellerischen Tätigkeit das Familieneinkommen 1907 „Gottfried Ehrmann und seine Frau“ (erster großer schriftstellerischer Erfolg) 1910 Friedrich Reinhardt Verlag Basel übernimmt ihr Gesamtwerk (schließlich ca. 40 Bücher) 1910 Reise nach Italien (Studium der Geschichte Franz von Assisis) 1914 Scheidung von Erdmann Christaller (rechtskräftig 1917) 1915-1922 Aufenthalte in Darmstadt (1915 und 1918 -1922): Gründ ung eines Heims für Kinder von Munitionsarbeiterinnen; nach dem Tod ihres Ex-Mannes (1922) wieder in Jugenheim („Blaues Haus“) 1920 Aufenthalt (vier Monate) in Schweden (auf Einladung von Lesern) 1927 „Als Mutter ein Kind war“ 1927-1938 Aufenthalte in den Wintermonaten in Villa Laura in Cannero am Lago Maggiore 1932 Biografie „Albert Schweitzer. Ein Leben für andere“ 1933-1945 Mitglied der Reichsschrifttumskammer 1935-1943 Mitglied der NSV 1935 „Aus meinem Leben“ (autobiografische Aufzeichnungen), „Das blaue Haus“ 1936 „Adam geht auf Wanderschaft. Lebenslauf eines Pfarrersohnes“ 1936 „Gottes Hammer“ (Erzählung) † 24. Mai 1953 in Jugenheim Ehrungen: 1917 Rheinischer Dichterpreis Verleihung des Mutterkreuzes Helene-Christaller-Weg in Jugenheim („Blaues Haus“ heute Nr. 13) 184 Wirken in der NS-Zeit Helene Christaller, in Darmstadt geboren und – nach mehrjährigem Aufenthalt als Pfarrfrau im Schwarzwald – 1903 an die Bergstraße gelangt, lebte die meiste Zeit ihres Lebens in J u- genheim; so auch zwischen 1933 und 1945 (gemeinsam mit ihrer Mutter bis zu deren Tod 1935). Im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts war Christaller – gemessen an der Auflage – eine sehr erfolgreiche Schriftstellerin. Karl Esselborn wies ihr 1922 „ohne Zweifel“ die erste Stelle unter den hessische n Schriftstellerinnen zu. Auch in den 1930er Jahren blieben ihre meist autobiografisch geprägten Erzählungen und Romane beliebt. 1935 erschien „Das Blaue Haus“, 1936 „Adam geht auf Wanderschaft“. Bereits 1932 war die Biografie zum Leben A l- bert Schweitzers (den sie persönlich kannte) erschienen. Ihr Werk wurde vom Schweizer Friedrich Reinhardt Verlag (Basel) veröffentlicht. Nach 1933 schrieb Christaller zudem ve r- einzelt Beiträge ( pro Jahr „1-2 Skizzen“) für verschiedene Zeitungen, darunter Darmstädter Tagblatt, Wiesbadener Zeitung, Fränkischer Kurier(BArch, BDC, R 9361-V/4601). Als Schriftstellerin war Helene Christaller von 1933 bis 1945 Mitglied der Reichsschrifttum s- kammer. Von 1935 bis 1943 war sie Mitglied der NSV und spendete in diesem Zeitraum e i- genen Angaben in ihrem Meldebogen (HHStAW) zu Folge jährlich ca. 30,- bis 50,- RM für die „Winterhilfe“. In der überlieferten Akte der Reichsschrifttumskammer vermerkte sie in e i- nem Fragebogen 1937 unter „Frühere politische Zugehörigkeit?“ ausschließlich „nationa lso- zial Naumann bis ca. 1906“. Mit Beginn des Krieges ergaben sich Probleme hinsichtlich der Auslieferung ihrer in der Schweiz erscheinenden Bücher nach Deutschland. Ein Bittschrei ben in diesem Zusammenhang unterschrieb Helene Christaller 1940 mit „Heil Hitler!“. Wie bei vielen anderen ihrer Romane dient e das Milieu des protestantischen Pfarrhauses auch bei „Adam geht auf Wanderschaft. Lebenslauf eines Pfarrersohnes“ als Hintergrund für das Geschehen. Der Protagonist , traumatisiert durch den Einsatz im Erst en Weltkrieg ( „Hei- mat! Und was nun? Armes Deutschland, dessen Söhne heimkommen wie er“), äußerte sich in dem Werk wiederholt kritisch gegenüber dem Krieg. Der Titel wurde seitens der Nationa l- sozialisten als „wehrkraftzersetzend“ beurteilt und durfte in Deu tschland nicht verbreitet werden (Chwalek, S. 270 f.). Helene Christaller hat zahlreiche Briefe sowie ein „Kriegstagebuch“ (1942 -1947) hinterla s- sen. Beides wurde in Auszügen veröffentlicht, zusammengestellt von ihrer Urenkelin Ulrike Thomas (siehe Literatu r; das „Kriegstagebuch“ hatte Helene Christaller für ihre Kinder b e- gonnen, wohl aber schon während des Schreibens an dessen Veröffentlichung gedacht). Vor 1933 äußerte sich Christaller wiederholt kritisch zur Person Adolf Hitlers. In einem Brief vom 20.03.1932, verfasst in Cannero, Lago Maggiore, heißt es etwa: „Dass Hindenburg gewählt wurde, hat mich sehr gefreut; ich bin bereit, mich mit Jugenheimer Freunden zu zanken, die Hitler wählten und von denen Reinhard Roehle das schöne Wort ihnen ins Gesicht sagte: ‚Nur die allergrößten Kälber wählen ihre Metzger selber‘“ (Thomas, S. 146). Am 25.10.1932 schrieb Christaller, „dass wir Bürgerlichen alle für diesmal deutschnational wählen, auch die Juden. Aber ohne Begeisterung, als das kleinere Übel“ (ebenda). Die Auto- rin erscheint in den (veröffentlichten) Aufzeichnungen stark von christlicher Nächstenliebe 185 geprägt. Am Tag nach dem verheerenden nächtlichen Bombenangriff auf Darmstadt (12.09.1944) schrieb sie in ihr Tagebuch: „Das Schuldkonto der Menschheit wächst mi t ra- sender Schnelligkeit hier wie dort, bei uns wie bei unsern Feinden. Und die unschuldigen Kindlein?“ Und vier Tage später (16.09.1944) war zu lesen: „Wann wird dieser Wahnsinn enden? Sieht Hitler nicht, dass er gegen die Übermacht der Feinde e r- liegen muss, oder will er nicht sehen? Ist er von einem Teufel besessen, der die Vernichtung unseres Volkes will und zu dessen Werkzeug er sich hergibt? […] Wenig Menschen können es ertragen, Macht zu haben, dazu gehören eine geistige Größe und ein demütiges Herz“ (Thomas, S. 158). Die (ausgewählten) Auszüge aus Briefen und dem Tagebuch Helene Christallers legen nahe, dass diese ab 1933 stark zurückgezogen lebte und – bei nationalsozialer Gesinnung – dem Nationalsozialismus kritisch gegenüberstand. Spätestens ab 194 4 mehren sich Anmerku n- gen, die die Unsinnigkeit des Krieges kennzeichnen. In einem Eintrag unter „Oktober 1944“ heißt es entsprechend: „[Konrad, einer ihrer Enkel, *1915] hat den Glauben an den Endsieg noch nicht verloren, der einzige in unsrer großen Fami lie, der ihn noch hat. Die meisten von uns, auch ich, haben ihn nie besessen. Aber Jugend hungert nach einem Glauben und ist der Propaganda viel mehr geöffnet als das Alter“ (Thomas, S. 159 f.). Unter dem Eindruck der (nun erst bekannt gewordenen) Gräuelta ten der Nationalsozialisten trägt sie am 19.04.1945 in das Tagebuch ein: „Nun verstehe ich, dass Gott es zugelassen hat, dass man unsre Städte vernichtete und Unschuldige, die sich nicht wehren konnten, lebe n- dig verbrennen ließ“ (Thomas, S. 169). Im Meldeb ogen des Entnazifizierungsverfahrens gab Helene Christaller als Selbsteinschä t- zung an, „in keine“ der Gruppen des Gesetzes sich einzugliedern. Sie begründete ihre Ei n- schätzung mit „ich war nie Nazi + die Partei wusste von meiner Gegnerschaft durch meine Bücher“. Ob es zu einer Verhandlung kam, lässt sich anhand der überlieferten Akte nicht erkennen; auf dem einzig vorhandenen Meldebogen findet sich darauf kein Hinweis. Quellen: BArch, BDC, R 9361-V/4601 HHStAW, Abt. 520/Darmstadt-Land (NB Jugenheim), Nr. 31966 (nur Meldebogen) StadtA DA, ST 61 Christaller, Erdmann Gottreich / Familie Literatur: Chwalek, Johannes: „Adam geht auf Wanderschaft“. Ein im NS -Staat verbotenes Buch Helene Christallers. In: Geschichtsblätter Kreis Bergstraße 47 (2014), S. 270-273. Esselborn, Karl: Helene Christaller (1872 -1953) / Schriftstellerin. In: Hessische Lebensläufe. Dar m- stadt 1979, S. 67-75 [Erstveröffentlichung 1922]. Esselborn, Karl: Helene Christaller. Mit einem Bildnis. In: Volk und Scholle 10 (1932), S. 52-54. 186 Schmidt, Agnes: Christaller, Helene (geb. Heyer). In: Stadtlexikon Darmstadt 2006, S. 128. Schwerte, Hans: Christaller, Helene, geborene Heyer. In: NDB 3 (1957), S. 218. Thomas, Ulrike: Helene Christaller – Auszüge aus Briefen und Tagebuchaufzeichnungen 1913 -1947. In: Evangelische Kirchengemeinde Jugenheim a. d. B. (Hrsg.): 750 Jahre „Kirche auf dem Heiligen Berg“. Beiträge zur Geschichte Jugenheims. Jugenheim a. d. B. 2013, S. 134-193. 187 Christiansenweg (J 9), benannt 1993 [Magistratsbeschluss aus dem Jahr 1973 (!)] nach Hans Christiansen (1866-1945) Maler und Kunsthandwerker, Mitglied der Künstlerkolonie * 6. März 1866 in Flensburg 1881-1885 Ausbildung beim Dekorationsmaler Jacobsen in Flensburg (Gesellenprüfung 1885) Ab 1885 Wanderschaft als Dekorationsmaler der Firma Gustav Dorén (Hamburg) 1887-1889 Studium an der Kunstgewerbeschule in München 1889 Italienreise 1889-1895 Rückkehr nach Hamburg; Fachschullehrer sowie selbständig tätig als Dekorationsmaler 1892 „Neue Flachornamente“ (erste eigene Veröffentlichung) 1893 USA-Reise; Besuch der Weltausstellung in Chicago 1895 Reisen nach Florenz, Rom und Antwerpen 1895-1899 Pariser Jahre (Wohnsitz in Paris): Studium an der Académie Julian; selbstä ndig tätig als Maler sowie als Designer für Kunsthandwerk 1896 Erste Entwürfe für die Zeitschrift „Jugend“; künstlerischer Mitarbeiter der Zeitschrift 1897 Hochzeit mit Claire Guggenheim in Paris (drei Kinder) 1899 Gründungsmitglied der Künstlerkolonie Darmstadt 1900 Beteiligung an der Weltausstellung in Paris 1900-1901 Errichtung der Villa „In Rosen“, Mathildenhöhe Darmstadt, nach Plänen von Joseph Maria Olbrich; gesamte Inneneinrichtung, Fassaden- und Gartengestaltung durch Christiansen 1901 Erste Ausstellung der Künstlerkolonie Darmstadt 1902 Austritt aus der Künstlerkolonie Da rmstadt; Wohnsitz weiterhin auf der Mathildenhöhe (Villa „In Rosen“); fortan längere Aufenthalte in Paris sowie Reisen nach Italien und in die Bretagne; haup t- sächlich Entwürfe für das Kunsthandwerk 1904 Beteiligung an der Weltausstellung in St. Louis (USA) 1911 Umzug nach Wiesbaden; von da an hauptsächlich als Maler tätig (kaum mehr Design für Kuns t- handwerk) sowie als Verfasser philosophischer Schriften Ab 1917 Lehrer an der Kunstgewerbeschule in Wiesbaden 1929 Reise in die Bretagne 1933 Verbot von Ausstell ungen/Veröffentlichungen wegen jüdischer Herkunft seiner Frau Claire Guggenheim; Ausschluss aus der Reichskunst- und der Reichsschrifttumskammer † 5. Januar 1945 in Wiesbaden Ehrungen: 1899 Ernennung zum Professor durch Großherzog Ernst Ludwig von Hessen und bei Rhein 1999 Anerkennung der Grabstätte von Hans Christiansen (Nordfriedhof Wiesbaden) als Ehrengrab 188 Wirken in der NS-Zeit Hans Christiansen, Gründungsmitglied der Kün stlerkolonie in Darmstadt, (Kunst -)Maler und Designer von Kunsthandwerk, lebte seit 1911 in Wiesbaden. Er war dort seit 1917 Lehrer an der Kunstgewerbeschule und als Kunstschaffender tätig, insbesondere als Maler (Por traits), auch als Gestalter von hochwertigem Schmuck (im Art Déco). Dazu verfasste er philosoph i- sche Schriften. Bis 1933 v erkehrte die Familie Christiansen in Wiesbaden in besten Kreisen; die Kinder w a- ren befreundet mit den Söhnen und Töchtern der angesehensten Familien der Stadt. Hans Christiansen erhielt als Maler und Schmuck -Designer lukrative Aufträge von Privatpersonen und Firmen, darunter die Firma Henkel sowie der Juwelier Carl Ernst. 1932/1933 verließen die drei Kinder der Familie Deutschland. „Dann kam das schreckliche Ende. Die Nazi-Regierung“, wie Christiansens Frau Claire es in einem Brief aus dem Jahr 1947 formulierte (Zimmermann-Degen II, S. 172). Hans Christiansen erhielt wegen der jüdischen Herkunft sei ner Frau , einer geborene n Guggenheim, Ausstellungs - und Publikationsverbot. Da er den erforderlichen Nachweis der arischen Herkunft seiner Gattin nicht lief ern konnte, wurde er aus der Reichskunst - und der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen. Laut der Erinnerung einer Zeit zeugin soll Christiansen hinsichtlich der Aufforderung seitens der Reichskulturkammer, sich von seiner Frau scheiden zu lassen, 1933 erwidert haben: „Ich las- se mich nicht scheiden! Heil Hitler“ (zitiert nach Zimmermann-Degen II, S. 173). Er versuchte erfolglos, wieder in der Reichskulturkammer Aufnahme zu finden, um seinem Beruf nachg e- hen zu können. Aus einem tradierten „Fragebogen zur Bearbeitu ng des Aufnahmeantrages für die Reichsschrifttumskammer“ von Dezember 1939 geht hervor, dass Christiansen in ke i- ner NS-Organisation Mitglied war. Unter Bemerkungen trug er ein: „Nachweis der Absta m- mung folgt nach Eingang der Urkunden“ (BArch, BDC, R 9361 -V/15814; im Bestand findet sich ausschließlich der ausgefüllte Fragebogen). Tatsächlich, so Christiansens Biografin Marg- ret Zimmermann -Degen, habe sich der Künstler darum bemüht sicherzustellen, dass seine Frau keine „Volljüdin“ sei und so eine deutsche Ken nkarte zu erhalten habe. Ende 1942 be- kam Claire tatsächlich eine derartige Kennkarte, wenngleich diese mit zahlreichen Ei n- schränkungen versehen war. Die Informationen zu Christiansens Wirken in der NS -Zeit basieren zu einem Großteil auf einem tradierten Br iefwechsel des Malers mit Gustav Dorén (1932 -1941) sowie auf (Tag e- buch-)Aufzeichnungen seiner Frau Claire. Daraus geht hervor, dass das Ehepaar Christiansen bis 1938 noch einigermaß en unbehelligt in der geräumigen Wohnung in der Wiesbadener Wilhelmstraße leben konnte, wenngleich die Verordnungen „betreffs der Juden und Versipp- ten, zu letzteren wir ja gehörten“ (Claire Christiansen 1947, zitiert nach Zimmermann-Degen II, S. 173), ihre Freiheit beständig einschränkten. Besuche bei den Kindern in Paris waren b is 1938 möglich. Im gleichen Jahr entschied sich das Ehepaar Christiansen, die große Wohnung möbliert unterzuvermieten und selbst in die Mansarde des gleichen Hauses zu ziehen. Als höchst wertvoller Kontakt sollte sich die Freundschaft von Hans Christianse n mit Karl Glässing, dem ehemaligen Oberbürgermeister von Wiesbaden, erweisen. Insbesondere nach 189 1933 setzte sich dieser für das Ehepaar Christiansen erfolgreich ein und konnte erreichen – so zumindest die Einschätzung von Margret Zimmermann -Degen –, dass Claire Christiansen auf keiner der Deportationslisten auftauchte (obwohl sich ihr Name auf einer Gestapo -Liste aus dem Jahr 1939 befand). Hans Christiansen traf sich regelmäßig mit Glässing, hielt den Inhalt der vertraulichen Gespräche aber selbst vor sein er Frau geheim, um diese nicht unn ö- tig zu beunruhigen. Nach einem Sturz Ende 1942 musste Claire Christiansen fünf Monate stationär im Krankenhaus behandelt werden und war auch in der Folge auf die Unterstü t- zung ihres Mannes angewiesen, der fortan nur noch wenige Portraits von Freunden anfertig- te, ältere Bilder überarbeitete und an seinen philosophischen Ausführungen schrieb. Am 5. Januar 1945 starb Hans Christiansen im Alter von 78 Jahren. Entsprechend liegen ke i- ne Entnazifizierungsunterlagen vor. Quellen: BArch, BDC, R 9361-V/15814 StadtA DA, ST 61 Christiansen, Hans und Claire Literatur: Ulmer, Renate: Christansen, Hans. In: Stadtlexikon Darmstadt 2006, S. 128 f. Zimmermann-Degen, Margret (I): Hans Christiansen. Leben und Werk eines Jugendstilkünstlers. Kö- nigstein im Taunus 1981/1985. Zimmermann-Degen, Margret (II): Leben und Wirken in Wiesbaden. „Dann kam das schreckliche En- de. Die Nazi-Regierung.“ In: Beil, Hans et al. (Hrsg.): Hans Christiansen. Die Retrospektive. Institut Mathildenhöhe Darmstadt 2014. 190 Fritz-Dächert-Weg (Q-R 6), benannt 1964 nach Fritz Dächert (1902-1963) Eberstädter Kommunalpolitiker (SPD) * 19. Januar 1902 in Eberstadt 1908-1916 Volksschule in Eberstadt 1916-1919 Schlosserlehre beim Eisenwerk Eberstadt, Adolf Riesterer; schon zur L ehrzeit Mitglied des Deutschen Metallarbeiterverbands 1919 Nach erfolgreicher Gesellenprüfung Werkzeugmacher bei Motorenfabrik Darmstadt 1919/1920 Mitglied der USPD (seit 1922 SPD); führende Rolle in der Arbeiterjugend Besuch der VHS zur Weiterbildung (Kur se in Kunst, Literatur, Philosophie, Politik, VWL, Arbeitsrecht, Sozialpolitik) 1927 Hochzeit mit Katharina Wälke (fünf Kinder) 1929-1933 Vorsitzender der SPD in Eberstadt 1929 Angestellter beim Arbeitsamt Darmstadt 1930-1933 Leiter der Arbeitsamtsnebenstelle Bensheim 1931 Vorsitzender der im November 1930 gegründeten Ortsgruppe Eberstadt des „Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold“ 1932 Aufbau der „Eisernen Front“ in Eberstadt 1933 Entlassung aus dem öffentlichen Dienst aus politischen Gründen 1933 Niederlegen des Postens als SPD-Bezirksvorsitzender Eberstadt (im Mai) 1937-1944 Werkzeugmacher bei Opel in Rüsselsheim 1945-1963 Leiter der Bezirksverwaltung Darmstadt-Eberstadt (gleichzeitig Standesbeamter und Orts- gerichtsvorsteher) 1946 Ernennung zum Stadtamtmann 1946-1963 Mitglied der Darmstädter Stadtverordnetenversammlung Darmstadt (SPD) 1946 Mitglied im Vorstand des Kreisverbands Darmstadt-Stadt des Roten Kreuzes 1961 Beförderung zum Magistratsrat (zuvor Stadtoberamtmann) † 8. November 1963 in Darmstadt-Eberstadt Ehrungen: 1958 Ehrenmitglied der Freiwilligen Feuerwehr Darmstadt-Eberstadt 1959 Ehrennadel der SPD für 40 Jahre Parteizugehörigkeit Ehrenmitglied in zahlreichen Eberstädter Vereinen 191 Wirken in der NS-Zeit Der Sozialdemokrat Fritz Dächert, in (Darmstadt -)Eberstadt vor 1933 und nach 1945 in le i- tender Funktion politisch tätig, wurde im April 1933 aus politischen Gründen aus seiner Ste l- lung beim Arbeitsamt Darmstadt (Leiter der Arbeitsamtsnebenstelle Bensheim) auf Grundl a- ge des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums, §4 Staatsfeindliche Gesi n- nung“ ohne Pension entlassen . Er sah sich gezwungen, sein Amt als SPD -Bezirksvorsitzender in Eberstadt niederzulegen; das „Parteivermögen“ in Höhe von 40 ,05 RM wurde bei ihm b e- schlagnahmt. Als Vorsitzender d er SPD sowie als Führer des Reichsbanners Schwarz -Rot- Gold und der Eisernen Font in Eberstadt geriet Dächert in das Visier der Nationalsozialisten. Eigenen Aussagen folgend waren die Jahre zwischen 1933 und 1945 geprägt von „wirtschaf t- liche[n] Entbehrungen und persönlichen Verfolgungen“. Es war ihm zunächst nicht möglich, eine Arbeitsstelle zu finden; von April 1933 bis Juli 1937 war er ohne Anstellung. Gelegen t- lich übernahm er kleinere Jobs, wie etwa 1934 den Vertrieb von Schokoladenhasen für die Firma von Paul Wolf. Von April 1937 bis August 1944 arbeitete er als Werkzeugmacher bei der Adam Opel AG in Rüsselsheim (später nannte er seine „defaitistische Einstellung“ als Grund für das selbst beendete Arbeitsverhältnis). In Meldebogen aus dem Jahr 1946 gab Dä chert seine Mitgliedschaft in DAF (1939 -1944) und NSV (1938-1945) zu Protokoll. Er war demnach in keiner anderen NS -Organisation Mitglied und leistete weder Militär - noch Kriegsdienst (ab 01.05.1941 „reklamiert“). Das „Gesetz zur Befreiung von Nationalsozi alismus und Militarismus“ finde bei ihm keine Anwendung, so Dächert, da er „Anti -Nationalsozialist“ sei. Von der Spruchkammer wurde er am 17.04.1947 als „nicht betroffen“ eingestuft. Friedrich Wilhelm Knieß kommt zu dem Ergebnis, das Fritz Dächert „[t]rotz wiederholter Re- pressionen […] während der Gesamtdauer des Dritten Reichs ein unbeugsamer Gegner des Nationalsozialismus“ blieb. Fritz Dächert war von 1946 bis zu seinem Tod 1963 Mitglied der Darmstädter Stadtverordne- tenversammlung für die SPD. Bereits im April 1945 wurde er von Ludwig Metzger unter Z u- stimmung der amerikanischen Militärverwaltung Darmstadt als Leiter der Ortsverwaltung in Darmstadt-Eberstadt eingesetzt. Quellen: HHStAW, Abt. 520/Darmstadt-Zentral, Nr. 40993 (nur Meldebogen) HStAD, G 12 A in Nr. 19/7 StadtA DA, ST 61 Dächert, Fritz Literatur: Dotzert, Roland: Die Darmstädter Kommunalpolitik seit 1945. Namen, Daten, Fakten. Darmstadt 2007. Knieß, Friedrich Wilhelm: Dächert, Fritz. In: Stadtlexikon Darmstadt (2006), S. 133. 192 Damaschkestraße (P 6), benannt 1951 nach Adolf Damaschke (1865-1935) Sozialreformer und Volkspädagoge * 24. November 1865 in Berlin Aufwachsen und Schulbesuch in Berlin 1880-1883 Besuch der Präparandenanstalt (für Volksschullehrer) 1883-1886 Ausbildung zum Volksschullehrer am „Berliner Seminar für Stadtschullehrer“ 1888 Zweites Staatsexamen; Volksschullehrer und Vortragstätigkeit 1891 Vorstandsmitglied (Schriftführer) des „Bundes für Bodenbesitzreform“ 1893-1896 Schriftführer der Zeitschrift „Der Naturarzt“, Organ des „Bundes der Vereine für volksve r- ständliche Gesundheitspflege“, in dessen Vorstand Damaschke war 1895/96 Entlassung aus dem Schuldienst auf eigenen Wunsch; fortan freier Publizist 1896 Chefredakteur der „Kieler Neuesten Nachrichten“ (nur wenige Monate) 1896 Mit begründer des „Nationalsozialen Vereins“ (gemeinsam mit Friedrich Naumann; aufgelöst 1903), für den er 1898 und 1903 zu den Reichstagswahlen antrat (respektables Ergebnis, aber jeweils ohne Mandat) 1898 Mitgründer des sozialreformerischen Vereins „Deutscher Bund für Bodenreform“ ( im gleichen Jahr umbenannt in „Bund Deutscher Bodenreformer“) 1898-1935 Vorsitzender des „Bunds Deutscher Bodenreformer“ (bis zu seinem Tod) , auch Herausge- ber der „Blätter für Bodenreform“ 1900 „Vom Gemeinde-Sozialismus“ 1902 „Die Bodenreform“ (Hauptwerk, in zahlreichen Auflagen und Übersetzungen erschienen) 1904 Hochzeit mit Julie Gelzer in Jena (drei Töchter) 1905 „Geschichte der Nationalökonomie. Eine erste Einführung“ (in zahlreichen Auflagen erschienen) Ab 1905 Herausgabe des „Jahrbuchs der Bodenreform“ 1907 Umzug nach Werder an der Havel 1914 Herausgeber der Tageszeitung „Deutsche Warte“ 1915 „Die staatsbürgerliche Aufgabe nach dem Siege“ 1917 „Friedrich List, ein Prophet und Märtyrer deutscher Weltwirtschaft“ 1920 Vorsitzender des „Ständigen Beirats für Heimstättenwesen beim Reichsarbeitsministerium“; Verabschiedung des Reichsheimstättengesetzes auf Damaschkes Betreiben 1922 „Marxismus und Bodenreform“ 1924 „Bibel und Bodenreform“ 1924/25 Zweiteilige Autobiografie: „Aus meinem Leben“ (1924), „Zeitenwende“ (1925) 1935 „Ein Kampf um Sozialismus und Nation. Vom Ringen um Boden für jeden Volksgenossen“ † 30. Juli 1935 in Berlin 193 Ehrungen: 1919 Ehrendoktor der Rechtswissenschaften der Universität Münster 1925 Ehrendoktor der Theologie der Universität Gießen 1925 Ehrendoktor der Medizin der Universität Berlin 1925 Damaschke-Linde (Siedlung „Eigenheim“) und Adolf-Damaschke-Bank in Potsdam Ca. 1930 Silberne Staatsmedaille (durch Beschluss des preußischen Staatsministeriums) 1931 Vorgeschlagen für den Friedensnobelpreis Zahlreiche Straßen und Plätze in Deutschland nach Damaschke benannt Wirken in der NS-Zeit Adolf Damaschke, Sozialreformer und Volkspädagoge, machte sich besonders als Führer der Bodenreformbewegung einen Namen. Seine Werke in den Bereichen Nationalökonomie und Bodenreformen erschienen im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts in zahlreichen Auflagen und Übersetzungen. Einer der Erfolge im Zuge seines Kampfs um eine soziale Bodenreform (bei der – grob vereinfacht – die Wertsteigerung von Boden der Gesellschaft zu gute ko m- men sollte) war die Verabschiedung des Reichsheimstättengesetzes 1920. Die aus Damasc h- kes Sicht notwendige Reform des Enteignungsgesetzes kam allerdings aufgrund der parl a- mentarischen Mehrheitsverhältnisse nicht zustande. Damaschke war Initiator des „Bunds Deutscher Bodenreformer“, dessen Vorsitzender er von dessen Gründung 1898 bis zu seinem Tod 1935 war. Auch gab er zahlreiche Zeitschriften und Periodika heraus, davon wichtige im Bereich der Bodenreform („Blätte r für Bodenreform“, „Jahrbuch der Bodenreform“ etc.), manche bis in die 1930er Jahre hinein. Damaschke polarisierte, wurde von Zeitgenossen verehrt oder abgelehnt – und war um 1920 derart populär, dass er als Kandidat für eine etwaige Volkswahl zum Reichsp räsidenten no- miniert wurde (zu der es bekanntlich nicht kam; das Parlament einigte sich auf Friedrich Ebert). Er stand politisch für „Vaterland, Freiheit, Sozialreform“, wie schon zu Zeiten seines politischen Engagements beim Nationalsozialen Vereins. Welche Position Damaschke zum Nationalsozialismus einnahm, ist nicht eindeutig zu beu r- teilen. Mitte der 1920er Jahre setzte er wohl noch große Hoffnungen in die „Hitlerbew e- gung“, wie in seinen Lebenserinnerungen durchklingt. Zudem befanden sich unter den An - hängern seiner Bodenreform-Ideen auch Unterstützer der Nationalsozialisten, darunter Mi t- glieder der NSDAP. Die Leitung der NSDAP stand Damaschke hingegen kritisch bis ablehnend gegenüber. 1931 hieß es in einer Erklärung, dass die Partei „kein Interesse hat d ie Bestre- bungen von Adolf Damaschke zu unterstützen“ (zitiert nach Hugler, S. 24). Zu Beginn der 1930er Jahre erschien im „Völkischen Beobachter“ eine Reihe von Aufsätzen mit Titeln wie „Eine gefährliche Halbheit“, „Verkappter Marxismus“ oder „Bewusste Ver stellung“, in denen Damaschkes Veröffentlichungen – und Damaschke persönlich – scharf kritisiert wurden. Der Tenor der formulierten Vorwürfe lautete, Damaschkes Bodenreform würde auf marxist i- schem Gedankengut basieren (er selbst das aber verschleiern oder leugnen) und seine Heim- 194 stätten-Idee sei offen für alle gedacht (auch für „die vielen Bastarde aus der Rheinlandbese t- zung, aus Mischehen mit Juden und anderen Fremdrassigen“). Weiter wurde Damaschke vorgeworfen, dass er im Vorstand seiner Bewegung Juden bel asse. Als einer seiner schärf s- ten Kritiker erwies sich Walter Darré (1931 Leiter des Rassen - und Siedlungsamts der SS und 1933 Reichsbauernführer). In einer Reaktion auf die Veröffentlichungen im „Völkischen B e- obachter“ erwiderte Damaschke im Jahrbuch der Bodenreform: „Wenn Adolf Hitler den N a- tionalsozialisten, die sich wahre Sozialisten nennen dürfen, einen Dienst tun will, dann b e- freie er sie von Herrn Darré“. Von seinen Kritikern wurde Damaschke als „ein innenpolit i- sches Phänomen bezeichnet, denn kaum ei n anderer Mensch könnte es sich im heutigen Deutschland so ungestört wagen, marxistische Ziele zu verfolgen und noch dabei der Gefol g- schaft weiter völkischer Kreise gewiss zu sein wie Adolf Damaschke“ (Pesl, S. 25). Damaschke hatte sich wiederholt von Marx ismus und Kommunismus distanziert. Zu etwa gleicher Zeit initiierte der Rechtsprofessor Heinrich Ermann, Adolf Damaschke für den Friedensnobelpreis 1931 vorzuschlagen (ein Vorhaben, was von Dutzenden Intellektuellen und Verbänden n a- mentlich unterstützt und im Januar 1931 eingereicht wurde). In biografischen Veröffentlichungen zu Adolf Damaschke wird mehrfach geurteilt, Damasc h- ke habe 1933 resigniert feststellen müssen, dass im NS -Regime eine Zeitenwende ohne ihn und die von ihm konzipierte Form der sozialen Bodenreform stattfand. Er habe sich, so die Biografen, vom Nationalsozialismus und dem „Führer“ abgewendet und sich entsprechend kritisch geäußert. Als Beleg werden Aussagen von Nachfahren Damaschkes angeführt (die sich nicht verifizieren lassen). Nach de r „Machtergreifung“ 1933 sei gegen Damaschke ein Redeverbot ausgesprochen worden (Hugler, S. 66). Im Vorwort seiner letzten Veröffentl i- chung („Ein Kampf um Sozialismus und Nation. Vom Ringen um Boden für jeden Volksgeno s- sen“, Dresden 1935) bezieht Damaschke nicht klar Stellung. Immer wieder wird zudem auf die christlich geprägte Motivation Damaschkes verwiesen (siehe etwa das Kapitel „Das Fundament: sein Christsein“, Hugler, S. 58 ff.). Theodor Heuss bezeichnete Adolf Damaschke als „in seinen Grundantrieben ethisch-humanitär bestimmt“. Die letzten Lebensjahre von Adolf Damaschke waren geprägt von einem schweren Krebsle i- den. Auch deshalb trat er nach 1933 nur noch selten in der Öffentlichkeit in Erscheinung. Aufgrund seines Todes im Jahr 1935 existieren keine Entnazifizierungsunterlagen. Quellen: --- Literatur: Damaschke, Adolf: Aus meinem Leben. 2 Bde., Leipzig/Zürich 1924/1925. Damaschke, Adolf: Ein Kampf um Sozialismus und Nation. Vom Ringen um Boden für jeden Volksg e- nossen. Dresden 1935. Heuss, Theodor: Damaschke, Adolf Wilhelm Ferdinand. In: NDB, Bd. 3. Berlin 1957, S. 497 f. 195 Hugler, Klaus: Adolf Damaschke. Gesinnung und Tat. Versuche zum Verständnis und zur Deutung des Lebenswerkes eines deutschen Bodenreformers. Cottbus 2015. Kassner, Paul: Adolf Damaschke, ein Führer zu Freiheit und Freude. In: Wegweiser für das werktätige Volk 7 (1920), S. 33-48. Pesel, Ludwig D[aniel]: Nationalsozialismus und Bodenreform. Berlin 1932. 196 Dr. Valentin-Degen-Weg (K 8), benannt 1994 nach Valentin Degen (1902-1961) Katholischer Geistlicher * 3. Januar 1902 in Lorsch 1921 Abitur (Matura) in Bensheim 1921-1930 Studium in Innsbruck; Promotion zum Dr. phil. („Der Unterschied von organischer und anorganischer Natur nach der Philosophie von H. Driesch“) und Dr. theol. („Georg H ermes und seine Stellung in der Philosophie des 19. Jahrhunderts“) seit 1922 Mitglied der katholischen Studentenverbindung „Austria“ 1927 Priesterweihe in Mainz 1930 Kaplan in Friedberg 1930-1935 Kaplan in Worms 1935 Umzug nach Darmstadt, Kaplan (1936/37 Pfarrverwalter) in St. Elisabeth 1936 Verantwortlicher Redakteur des katholischen Wochenblatts „Darmstädter Nachrichten“ (An- fang 1937 zwangsweise umbenannt in „Katholisches Kirchenblatt für Darmstadt und Bergstraße“) 1937-1955/57 Katholischer Studentenseelsorger an der TH Darmstadt Ab 1937 Caritas -Sekretär (Direktor der Caritas) in Darmstadt (nach 1945 Bezirksverband Darmstadt und Südhessen) 1937 Sieben Wochen „Schutzhaft“ im Gestapo-Gefängnis Darmstadt 1939-1945 Mitglied der NSV Während des Zweiten Weltkriegs Seelsorger im „Standort-Lazarett“ Darmstadt 1944 „Ausgebombt“, Aufenthalt im Bensheimer Katharinenstift 1945 Pfarrverwalter (und später Pfarrer) in St. Ludwig, Darmstadt; maßgeblich involviert in den Wie- deraufbau der St. Ludwigskirche sowie in den Bau des Mädchenwohnheims in der Feldbergstraße 1952-1961 Dekan des Katholischen Dekanats Darmstadt 1954 Gründung der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit in Darmstadt 1956 Ernennung zum Geistlichen Rat † 16. Oktober 1961 in Darmstadt Ehrungen --- 197 Wirken in der NS-Zeit Dr. Valentin Degen, katholischer Geistlicher und nach dem Krieg Dekan des Katholischen Dekanats Darmstadt, gelangte 1935 nach Darmstadt , als Kaplan der katholischen Gemeinde St. Elisabeth, deren Pfarrverwalter er 1936/37 wurde. Sch on in seiner Zeit als Kaplan in Worms (1930-1935) soll er der aufgeschlossenen Jugend „das Rüstzeug gegeben [haben] zu aufrechtem Bekenntnis des Glaubens in den Jahren des beginnenden Nationalsozialismus“, wie es in einem Nachruf heißt. In Darmstadt überna hm Degen 1937 die Studentenseelsorge sowie die Leitung der Caritas. Sein Festhalten an „wahrem Glauben“ habe ihn in Konflikt mit dem Nationalsozialismus gebracht, ihm „Bespitzelung, sieben Wochen Gestapohaft und strenge Überwachung seiner Arbeit als Studen tenseelsorger in seinen Zirkeln und auf der Kanzel eingetragen“ (In Memoriam, S. 17 f.). Tatsächlich wurde Degen im Sommer 1937 von der Gestapo verhaftet und vom 28.06. bis 12.08.1937 im Darmstädter Gestapo-Gefängnis in sogenannte „Schutzhaft“ genommen. Hin- tergrund der Inhaftierung war die kritische Berichterstattung des „Katholischen Kirchenblatts für Darmstadt und Bergstraße“, dessen verantwortlicher Redakteur Degen war. In einem Beitrag unter dem Titel „So sieht das katholische Volk seine Priester“ (verö ffentlicht in Nr. 24/37 vom 13.06.1937) setzte sich Degen kritisch mit der Berichterstattung im Kontext der sogenannten „Sittlichkeitsprozesse“ auseinander. Er erhielt daraufhin eine Verwarnung seitens des Reichsministers für Volksaufklärung und Propaganda . Zudem sollte eine aufg e- zwungene Erklärung zu Degens kritischer Kommentierung in der kommenden Ausgabe veröf- fentlicht werden. Die Gestapo zwang die Bensheimer Druckerei des „Katholischen Kirche n- blatts“ eine solche (mit Degens Namen versehene) Erklärung in die Auflage aufzunehmen. Degen wurde vom Drucker informiert und beschwerte sich offiziell. Die Erklärung musste dennoch unverändert gedruckt werden, woraufhin Degen und sein Pfarrer -Kollege Danz (St. Fidelis) die gesamte Auflage im Griesheimer Pfarrhaus v erbrannten (25.06.1937). Drei Tage später wurde Degen verhaftet. Als Haftgrund wurde ihm (so Degen in einem Bericht vom 15.03.1947, gedruckt bei Hellriegel, S. 145 -147, hier 147) bei seiner Entlassung „u n- glaubliche Frechheit“ genannt. Degen war von 1938 bi s 1945 Mitglied der NSV und während des Zweiten Weltkriegs See l- sorger im Standort -Lazarett Darmstadt. In seinem Fragebogen im Zuge des Entnazifizi e- rungsverfahrens merkte er an, dass er „nichts mit der NSDAP zu tun hatte, sondern prinzip i- eller u. aktiver Ge gner von Anfang an war“ (24.04.1946). In Befragungen seitens der Amer i- kaner machte er deutlich, dass er allein das Ausfüllen eines Fragebogens als Zumutung em p- fand. Den NS bezeichnete er als „inevitable outgrowth of the antihumanism propounded by Martin Luther” (zitiert nach Kahn, S. 101). In der „Brandnacht“ zum 12. September 1944 war Degen „ausgebombt“ worden. Er fand bis Ende Mai 1945 Zuflucht im Katharinenstift in Bensheim. In der Nachkriegszeit wirkte er als Studentenseelsorger, Caritas -Direktor und Pfarrer der St. Ludwigsgemeinde Darmstadt. Er machte sich unter anderem um den Wiederaufbau der Gemeinde und ihrer Liegenschaften (insbesondere der Ludwigskirche) verdient. 198 Quellen: HHStAW, Abt. 520/Darmstadt-Zentral, Nr. 891 (nur Meldebogen) HStAD, G 35 E Nr. 51/3 HStAD, H 3 Nr. 1644 [Kennkartenmeldebogen] HStAD, R 12 P Nr. 731 StadtA DA, ST 61 Degen, Valentin Literatur: Hellriegel, Ludwig (Hrsg.): Widerstehen und Verfolgung in den Pfarreien des Bistums Mainz 1933 - 1945. Bd. 2: Starkenburg, T. 1. Dekanate Ma inz-Land rechtsrheinisch, Bensheim, Darmstadt, Dieburg. Mainz 1990, zu Degen S. 143-147. In Memoriam. Dr. Dr. Valentin Degen. Darmstadt 1961 [Kopie in StadtA DA, ST 61 Degen, Valentin]. Kahn, Arthur D.: Experiment in Occupation. Witness to the turnabout. A nti-Nazi War to Cold War, 1944-1946. Pennsylvania State University 2004, zu Degen S. 101-105. Lehwark, Godehard: Darmstädter Nachrichten. In: Stadtlexikon Darmstadt 2006, S. 151. Lehwark, Godehard: Degen, Valentin. In: Stadtlexikon Darmstadt 2006, S. 159. Pfarrgemeinderat der katholischen Pfarrgemeinde St. Elisabeth Darmstadt (Hrsg.): 100 Jahre St. Elisabeth Darmstadt 1905-2005. Darmstadt 2005. 199 Dernburgweg (F 10), benannt 1982 nach Bernhard Dernburg (1865-1937) Bankier und Politiker * 17. Juli 1865 in Darmstadt Schulbesuche in Darmstadt und (nach Umzug 1875) in Berlin 1882 Kaufmännische Ausbildung bei der Berliner Handelsgesellschaft 1885-1886 Einjähriger Militärdienst 1887 Ausreise in die USA und Fortführung der Ausbildung bei der American Metal Company 1888 Wechsel zur Bank Ladenburg, Thalmann & Co (USA); Spezialisierung auf Sanierung wirtschaftl i- cher Unternehmen (ebenfalls in den USA) 1889 Rückkehr nach Deutschland 1889-1901 Tätigkeit bei der Deutschen Bank (in leitender Funktion) 1890 Mitglied des Vorstands der Deutschen Treuhandgesellschaft 1891 Hochzeit mit Emma Seliger (sechs Kinder) 1896 Sanierungsprogramm für Northern Pacific Railroad Co. (USA) 1901 Direktor der „Bank für Handel und Industrie“ in Darmstadt Bis 1906 gehörte Dernburg 38 Aufsichtsräte n an ; Aufsichtsratsvorsitzender in Unternehmen der Schwerindustrie 1906 Wechsel in die Politik: D irektor der Kolonialabteilung des Auswärtigen Amts; daraufhin Verkauf aller Aufsichtsratsmandate und Aktienbeteiligungen 1907-1910 Kolonialstaatssekretär: Leiter des neu gegründeten Reichkolonialamts 1907 (Informations-)Reise nach Deutsch-Ostafrika 1907 Veröffentlichungen „Koloniale Finanzpolitik“ und „Koloniale Lehrjahre“ 1908 (Informations-)Reise nach Deutsch-Südwestafrika 1908 „Dernburgs Programm. Ein Wendepu nkt im Schicksal Deutsch -Ostafrikas. Kolonie oder Nege r- land unter Deutscher Flagge?“ [unter Pseudonym „Africanus minor“ von Dernburg veröffentlicht] 1909 mehrwöchige Reise in die USA zum Studium der Baumwollproduktion 1910 Rücktritt vom Amt des Kolonialstaatssekretärs 1914 Aufenthalt in den USA; Versuch, der „Gräuelpropaganda“ entgegenzuwirken, scheitert 1918 Mitglied des Vorstands der DDP 1919 Mitglied der Weimarer Nationalversammlung; im Kabinett Scheidemann von April/Mai bis J u- ni/Juli Finanzminister und Vizekanzler des Deutschen Reichs 1920-1930 Mitglied des Reichstags für die DDP 1931-1936 Initiator der Akzept- und Garantiebank, Vorsitzender des Aufsichtsrats der Akzeptbank AG † 14. Oktober 1937 in Berlin 200 Ehrungen: 1913 Berufung in das Herrenhaus Ehrendoktor der Universitäten Königsberg und München Wirken in der NS-Zeit Bernhard Dernburg, in Darmstadt geborener Bankier und Politiker, spielte zu Beginn des 20. Jahrhunderts – insbesondere von 1906-1910 – eine zentrale Rolle in der deutschen Kol o- nialpolitik. In der Forschung werden entsprechend vor allem Dernburgs Reformen auf di e- sem Gebiet (teils kontrovers) diskutiert sowie die besonderen Umstände seiner politischen Karriere herausgehoben: Es war in der Zeit des Kaiserreichs ungewöhnlich, dass ein jüdisch - stämmiger Finanzexperte in führender politischer Funktion (als Staatssekretär im Reichsk o- lonialamt) eingesetzt wurde. Bis 1930 gehörte Dernburg dem Deutschen Reichstag an, mit einem Mandat der von ihm mitgegründeten DDP. Auf seine Idee hin wurde 1931 im Z uge der Bankenkrise die „ Akzept- und Garantiebank“ zur Rettung von Geldinstituten gegründet; bis zur Auflösung 1936 war er Vorsitzender des Aufsichtsrats des in Akzeptbank AG umbenannten Instituts. Von 1933 an zog sich Dernburg weitgehend aus der Öffentlic hkeit zurück – gezwungenerma- ßen, wie sein Biograf Werner Schiefel urteilt. Wenngleich zahlreiche persönliche Dokumente im Zweiten Weltkrieg verloren gegangen sind, legen tradierte Dokumente nahe, dass er sich „zum alten Eisen geworfen“ fühlte (1935). Im Ge iste der nationalsozialistischen Rassepolitik galt er als Jude; das NS -Regime ließ den Privatmann Dernburg jedoch wohl weitgehend u n- behelligt. Bereits in der Kaiserzeit spielte seine jüdische Herkunft eine Rolle – wenngleich sein Vater Friedrich im Kindesa lter mit seiner Familie zum protestantischen Glauben konve r- tiert war; seine Mutter entstammte einer protestantischen Pfarrersfamilie. Sowohl die ant i- semitische als auch die k onservative Presse hatte 1906 Dernburgs jüdische Herkunft thema- tisiert und sich allein aus diesem Grunde gegen seine Berufung in die Reichsverwaltung in führender Funktion aus gesprochen. Inhaltlich gab es zeitweise eine Allianz zwischen Der n- burg und den Antisemiten im Reichstag – die aber fragil war und schnell in Ablehnung u m- schwingen konnte (siehe dazu ausführlich Christian Stuart Davis). Zur Emigration konnte sich Dernburg zunächst nicht entscheiden; später war er zudem zu krank. Zwei seiner Söhne wanderten in die USA aus. In unveröffentlichten Aufzeichnungen aus dem Jahr 1936, die sich als eine Art Memoiren bezeichnen ließen, äußerte sich Dernburg gegenüber dem Nationalsozialismus „vorsichtig kritisch und vermied eine eindeutige Ste l- lungnahme“, so Schiefel, der das in Privatbesitz befindliche Material einsehen konnte (u n- terdessen zum Teil veröffentlicht bei Krause -Brewer). Den Antisemitismus betrachtete er demnach als „ethischen Fehler des deutschen Charakters“. Aufgrund seines formalen Rechtssinns („Rechtsfanatismus“, Schiefel, S. 179) sah er sich zur Loyalität zum (aus seiner Sicht u ngeliebten, aber rechtmäßigen) NS -Regime verpflichtet. Dem Juristen Kurt Korf, der Dernburg Ende 1936 von seinen Ausreiseplänen berichtete, soll er auf dessen Frage nach seiner Einschätzung zur politischen Entwicklung geantwortet haben: 201 „Die Leute täuschen sich, wenn sie glauben, daß der Nationalsozialismus von innen heraus zusa m- menbrechen wird. Das wird nie der Fall sein. Sie täuschen sich auch, wenn sie glauben, daß diese Sache sich verbürgerlichen wird, daß Hitler seine Ziele zurückschraubt oder mildert. Meiner Ansicht nach wird der Nationalsozialismus erst nach einer völligen militärischen Niederlage als Abschluß e i- nes verheerenden Krieges enden. Sie werden selbst dann noch versuchen, mit sich in den Abgrund zu reißen, was sie können“ (Krause-Brewer, S. 251 f.). In seinen letzten Lebensjahren fand Dernburg, so wiederum Schiefel (S. 180), Befriedigung in seiner Rolle als Familienpatriarch. In einem Nachruf auf Dernburg in der englischen Presse hieße es: „In Nazi Germany Herr Dernburg’s Jewish ancestry deba rred him even if he had wished to do so, from playing any part in public life“ (The Daily Telegraph and Morning Post, 16.10.1937). In einer SD -Übersicht aus dem Jahr 1939 wird Bernhard Dernburg unter „Erfassung führe n- der Männer der Systemzeit (Liberalisten – Pazifisten)“ gelistet. Da Dernburg 1937 starb, liegen keine Entnazifizierungsa kten vor. Es gibt keine Hinweise d a- rauf, dass Dernburg in das NS-Regime verwickelt war. Quellen: --- Literatur: Bartmuß, Hartmut: Bernhard Dernburg. Kolonialpolitiker der Kaiserzeit. Berlin 2014. Davis, Christian Stuart: Colonialism and Antisemitism during the Kaiserreich: Bernhard Dernburg and the Antisemites. In: Leo Baeck Institute Yearbook 53 (2008), S. 31-56. Dernburg, Bernhard: Ausschuß zur Untersuchung der Erzeugungs -und Absatzbedingungen der deu t- schen Wirtschaft. Berlin 1931. Hamburger, Ernest: Ein Staatssekretär der wilhelminischen Zeit: Bernhard Dernburg. In: Ders.: Juden im öffentlichen Leben Deutschlands. Regierungsmitglieder, Beamte und Parlamentarier in der m o- narchistischen Zeit, 1848-1918. Tübingen 1968, S. 81-84. Krause-Brever, Fides: Vom Brahmsee bis Shanghai. Begegnungen mit Leuten von Format. Mü n- chen/Hamburg 1987. Ritter, Gerhard A.: Dernburg, Bernhard Jakob Ludwig. In: NDB, Bd. 3. Berlin 1957, S. 607 f. Schiefel, Werner: Bernhard Dernburg 1865 -1937. Kolonialpolitiker und Bankier im wilhelminischen Deutschland. Zürich 1974. Schumacher, Martin/Lübbe, Katharina/Schröder, Wilhelm Heinz: M.d.R. Die Reichstagsabgeordneten der Weimarer Republik in der Zeit des Natio nalsozialismus. Politische Verfolgung, Em igration und Ausbürgerung, 1933-1945. Eine biographische Dokumentation. Düsseldorf ³1994. Utermark, Sören: „Schwarzer Untertan versus schwarzer Bruder“ – Bernhard Dernburgs Reformen in den Kolonien Deutsch-Ostafrika, Deutsch-Südwestafrika, Togo und Kamerun. Kassel 2012. 202 Ludwig-Engel-Weg (J 9-10), benannt 1981 nach Ludwig Engel (1906-1975) Darmstädter Oberbürgermeister (1951-1971) * 30. November 1906 in Darmstadt 1913-1925 Besuch des Realgymnasiums in Darmstadt 1925-1929 Studium der Rechts - und Staatswissenschaften an den Universitäten Heidelberg, Mü n- chen, Berlin, Frankfurt am Main und Gießen 1925-1933 Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold 1929 Referendarausbildung im Hessischen Justizdienst 1929-1933 Mitglied des Republikanischen Richterbunds 1932 Große Juristische Staatsprüfung und Promotion zum Dr. jur. „Über die Rechtsnatur des Tarifver- trags, zugleich ein Versuch über das Problem Staat, Demokratie und soziale Klassenverbände“ 1933 Entlassung aus dem H essischen Justizdiens t (Gerichtsassessor in Gießen) wegen politischer Unzuverlässigkeit gemäß § 4 des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums 1933 Niederlassung als Rechtsanwalt in Darmstadt 1935-1943 Rechtsanwaltsgemeinschaft (Sozietät) mit Ludwig Metzger in Darmstadt 1935 Entzug der Verteidigung am Strafsenat des Oberlandesgerichts Darmstadt 1937-1945 Mitglied der NSV 1937-1945 Mitglied des NS-Rechtswahrerbunds 1937-1945 Mitglied des RLB 1943-1945 Kriegsdienst (ab 23.05.1943; Heer, Dienstgrad: Gefreiter) 1945-1946 Amerikanische Kriegsgefangenschaft (von März 1945 bis Mai 1946) 1946 Rechtsanwalt und Notar in Darmstadt 1948 Vizepräsident des Hessischen Staatsgerichtshofs 1949 Ernennung zum Senatspräsidenten beim Hessischen Oberlandesgericht, Leitung der Zweigstelle Darmstadt 1951-1971 Oberbürgermeister der Stadt Darmstadt 1954 Gründung der Gesellschaft für christlich -jüdische Zusammenarbeit in Darmstadt (Erstunter- zeichner) 1956-1968 Präsident der deutschen Sektion des Rats der Gemeinden Europas 1958-1960 Mitglied des Hessischen Landtags 1971 Ruhestand † 26. September 1975 in Darmstadt 203 Ehrungen: 1955 Ehrensenator der TH Darmstadt 1971 Freiherr-vom-Stein-Plakette des Landes Hessen 1971 Ehrenbürger der Stadt Darmstadt Großes Verdienstkreuz des Verdienstordens der BRD mit Schulterband und Stern Ehrenpräsident der Deutschen Sektion des Rats der Gemeinden Europas Wirken in der NS-Zeit Ludwig Engel, promovierter Jurist und nach dem Zweiten Weltkrieg langjähriger Darmstädter OB, war zur Zeit der „Machergreifung“ als Gericht sassessor bei der Staatsanwaltschaft Gi e- ßen tätig. Im Oktober 1933 wurde er wegen politischer Unzuverlässigkeit (gemäß § 4 des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums) entlassen. Engel war Mitglied des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold (bis zu de ssen Auflösung 1933 ), was ihm – so Engel in se i- nem Meldebogen vom 18.04.1946 – als „Antinazistische Betätigung“ ausgelegt wurde. Z u- dem war er Mitglied des Republikanischen Richterbunds (seit 1929), dessen Mitglieder nach der Auflösung 1933 in großer Zahl aus gleichem Grund entlassen wurden. Nach seiner Entlassung aus dem Staatsdienst arbeitete Ludwig Engel als Rechtsanwalt in Darmstadt. 1934 gründete er gemeinsam mit Ludwig Me tzger eine Anwaltsgemeinschaft (offizieller Praxiszusammenschluss am 15.04.1935). Die juristische Tätigkeit war nur unter Einschränkungen möglich. Wie Engel selbst berichtete, wurden die beiden Rechtsanwälte bereits 1935 „dadurch gemassregelt [sic!], dass uns die Verteidigung am Strafsenat des Oberlandesgerichts Darmstadt, vor dem die s ogenannten Hochverratssachen verhandelt wurden, entzogen wurde, weil wir als Wahlverteidiger für frühere Kommunisten und Sozia l- demokraten auftraten und die Interessen unserer Kl ienten mit Nachdruck wahrnahmen “ (Ludwig Engel, 08.07.1947, HHStAW, Abt. 520/Darmstadt-Zentral, Nr. 5). Ludwig Engel war (laut Meldebogen vom 18.06.1946) von 1937-1945 Mitglied der NSV, des RLB sowie der Berufsorganisation NS -Rechtswahrerbund (jeweils ohne Amt; „Angaben über das Eintrittsdatum erfolgen nach bestem Wissen und Gewissen , da sämtliche Unterlagen verbrannt sind“). Im Mai 1943 wurde er zur Wehrmacht eingezogen, wo er als Gefreiter beim Heer Kriegsdienst leistete; im März 1945 geriet er in amerikanische Kriegsgefange n- schaft, aus der er im Mai 1946 entlassen wurde. Im Zuge de s Entnazifizierungsverfahrens wurde ihm bescheinigt, dass er „Vom Gesetz nicht betroffen“ sei – was sich mit seiner d o- kumentierten Selbsteinschätzung deckte. Über die Art der Tätigkeit als Rechtsanwalt 1933 -1943 geben die überlieferten zeitgenöss i- schen Quellen nur bedingt Auskunft. Engel selbst berichtet von diversen Schikanen, die ihm (und seinem Sozietäts -Partner Metzger) seitens des NS -Regimes die Arbeit erschwerten. Zudem gab Engel an, Wilhelm Leuschner habe über Metzger 1944 Kontakt zu ihm aufg e- nommen und anfragen lassen, „ob ich bereit sei, bei Gelingen einer bestimmten Aktion – was damit gemeint war, dürfte heute klar sein – eine Position in Regierung oder Verwaltung 204 zu übernehmen, was ich vorbehaltlos bejahte“ (verifizieren lässt sich diese Darstellu ng nicht). Das Büro samt Einrichtung wurde in der „Brandnacht“ 1944 weitgehend zerstört. Im Zuge eines Spruchkammerverfahrens, in dem Ludwig Engel die Verteidigung eines gewi s- sen Karl Groh (ehemaliges Mitglied der NSDAP) übernahm, wurde Engel vom Belastung szeu- gen Peter Keukert scharf attackiert – und seinerseits belastet. Engel habe, so Keukert, im Darmstädter Gasthaus „Zum Alten Peter“ mit der Gestapo Orgien gefeiert. Zu der Anschuld i- gung nahm Engel ausführlich Stellung (Schreiben vom 08.07.1947, siehe obe n). Tatsächlich sei er regelmäßig im genannten Lokal verkehrt; gemeinsam mit weiteren Mitgliedern eines Skat-Stammtischs, „die sämtlich nicht der NSDAP oder einer ihrer Gliederungen angehörten und nahezu alle, das darf ohne weiteres gesagt werden, Antifasc histen waren“. Im „Alten Peter“ verkehrten auch Nazis, „die der SS und dem SD angehörten. Zu diesen unterhielten meine Freunde und ich keinerlei persönliche Beziehungen.“ Es sei zu Auseinandersetzungen gekommen, die Engel als „nicht ungefährlich“ einschätz te. Allerdings habe es auch Kontakt gegeben: „Es kam vor, das, wenn meine Freunde und ich zu den letzten Gästen im „Alten Peter“ gehörten und am Büffet noch ein Glas Bier tranken, Leute des Tisches, an dem die uniformierten Nazis sassen [sic!], ebenfalls an das Büffet traten, um noch etwas zu trinken. Dabei kam es auch zu Gesprächen oder, besser gesagt, zu Gesprächsfetzen. Wir gingen dem nicht aus dem Wege, denn dies erschien eine r- seits zu gefährlich, andererseits hofften wir, in vorgerückter Stunde viellei cht einmal etwas erfahren zu können, was dem Einen oder Anderen von uns oder einem unserer sonstigen Freunde von Nutzen sein könnte.“ Die Anschuldigungen gegen Engel wurden nicht weiter verfolgt, da die Glaubwürdigkeit des Zeugen in Frage gestellt wurde (e r hatte 1936 einen Mietstreit gegen Karl Groh verloren – Verteidiger damals: Ludwig Engel! – und der von Keukert genannte Zeuge, der Wirt des „A l- ten Peter“, bestätigte Keukerts Anschuldigungen nicht). Die eingesehenen Quellen liefern keine Hinweise auf ein e aktive Teilhabe von Ludwig Engel am NS-System. Auch der Historiker Albrecht Kirschner fand bei seinen Recherchen zur „NS - Vergangenheit ehemaliger hessischer Landtagsabgeordneter“ keine Hinweise auf eine Ve r- wicklung von Ludwig Engel in das NS-Regime (Kirschner, S. 62). Quellen: Deutsche Dienststelle (WASt), Personenrecherche HHStAW, Abt. 520/Darmstadt-Zentral, Nr. 5 HStAD, G 24 Nr. 145 HStAD, H 3, 2274 [Kennkartenmeldebogen] HStAD, R 12 P Nr. 1094 [Kriegssachschäden-Akte (Kopie)] HStAD, G 28 Darmstadt Nr. G 546 [Personalakten der Referendare] StadtA DA, St 61 Engel, Dr. Ludwig [4 Mappen] 205 „Engel, Ludwig“. In: Hessische Biografie [www.lagis-hessen.de/pnd/118530291] (Zugriff: 13.05.2016) Literatur: Dotzert, Roland: Engel, Ludwig. In: Stadtlexikon Darmstadt 2006, S. 208 f. Dotzert, Roland: Die Darmstädter Kommunalpolitik seit 1945. Namen, Daten, Fakten. Darmstadt 2007. Kirschner, Albrecht: Abschlussbericht der Arbeitsgruppe zur Vorstudie „NS-Vergangenheit ehemaliger hessischer Landtagsabgeordneter“ der Kommiss ion des Hessischen Landtags für das Forschungsvo r- haben „Politische und parlamentarische Geschichte des Landes Hessen“. Wiesbaden 2013. Lange, Thomas: „…im weitesten Sinn all derer, die guten Willens sind“. Die ersten Jahrzehnte der GCJZ Darmstadt. In: Ders ./Triebel, Lothar (Hrsg.): „Geh nicht den alten Weg zurück!“ Festschrift zum sechzigjährigen Bestehen der Gesellschaft für Christlich -Jüdische Zusammenarbeit 1954-2014. Darm- stadt 2014, S. 17-49. 206 Esselbornstraße (F 10), benannt 1981 nach Karl Esselborn (1879-1940) Landesbibliotheksdirektor, Autor und Heimatforscher * 1. Februar 1879 in Stuttgart 1880 Umzug nach Darmstadt (Vater dort Lehrer an der Landesbaugewerkschule) 1885-1897 Besuch des Ludwig-Georgs-Gymnasiums in Darmstadt 1897-1901 Studium der Philol ogie und Rechtswissenschaften in Heidelberg (bis 1898/99) und Rechtswissenschaften in Gießen 1901 Tätigkeit als Gerichtsassessor (juristischer Vorbereitungsdienst) in Darmstadt 1902 Promotion zum Dr. jur. in Gießen „Die Ministerverantwortlichkeit im Großherzogtum Hessen“ 1902/03 Militärdienst als „Einjährig-Freiwilliger“ 1904 Akzessist an der Großherzoglichen Hofbibliothek in Darmstadt (später Hessische Landesbiblio- thek), von da an in deren Diensten (bis zu seinem Tod) 1905 Ernennung zum Hilfsbibliothekar; Veröffentlichung der Übersetzung von Cesare Beccarias „Über Verbrechen und Strafen“ aus dem Italienischen 1906 Hochzeit mit der Witwe Wilhelmine „Helma“ Voigt (geb. Ebel) in Gießen Ab 1907 Verfasser und Herausgeber zahlreicher Veröffentlichungen zu Darmstä dter und hessischer Geschichte, darunter „Hessische Volksbücher“ (1908-1938), „Hessische Biographien“ (1918-1934), „Darmstädter Originale“ (1918), „Schriften zur hessischen Geschichte, Landes- und Volkskunde“ 1912 Ernennung zum Bibliothekar 1914-1918 Teilnahme am Ersten Weltkrieg (Offizier, Rittmeister) 1919/20-1922 Herausgeber der Zeitschrift „Hessische Heimat", in der er zahlreiche eigene Artikel veröffentlichte 1923 Promotion zum Dr. phil. in Gießen „Der Deutschkatholizismus in Darmstadt“ 1925-1940 Herausgeber des „Hessischen Landkalenders“ 1933 Mitglied der NSDAP (Mitglieds-Nr. 1888932) 1934 „Hundert Jahre Historischer Verein für Hessen“ 1934 Herausgabe des (einmalig erschienenen) „Nationalsozialistischen Hessenkalenders“ 1935 „Darmstädter Gärten“ 1935-1940 Direktor der Hessischen Landesbibliothek (seit 1934 deren stellvertretender Direktor) † 18. März 1940 in Darmstadt Langjähriges Mitglied des Historischen Vereins für Hessen Ehrungen: 1908 Ritterkreuz I. Klasse des Verdienstordens Philipps des Großmüthigen 1922 Professorentitel der Universität Gießen 207 Wirken in der NS-Zeit Karl Esselborn, Direktor der Hessischen Landesbibliothek und profunder Kenner der hess i- schen und Darmstädter Geschichte, stand seit 1904 in Diensten der Hessischen Landesbibli o- thek (damals noch Großherzogliche Hofbibliothek, heute ULB) in Darmstadt. Er war Verfas- ser und Herausgeber zahlreicher Veröffentlichungen zu lokaler und regionaler Geschichte. 1935 trat Esselborn a ls Direktor der hessischen Landesbibliothek in Darmstadt offiziell die Nachfolge von Hanns Wilhelm Eppelsheimer an, der im Herbst 1933 aus politischen Gründen in den vorzei tigen Ruhestand versetzt worden war . Bereits seit 1934 wirkte Esselborn als stellvertretender Direktor der Bibliothek. Esselborn war seit 1933 Mitglied der NSDAP (Mitglieds -Nr. 1888932). In seinem Tagebuch aus dem Jahr 1933, S. 17, findet sich unter dem 29. April 1933 lediglich der Eintrag : „29. Diensttermin. – bei Winter. – Eintritt in die NSDAP; Beitrag an Herrn [nicht eindeutig zu en t- ziffern, HK] bezahlt.“ Ein weiterer Eintrag vom 2. Juni 1933 (S. 27) verweist auf eine komplett der NSDAP beigetretene Einheit , die nicht näher beschrieben wird. [Es liegt die Kopie eines weiteren Tagebuchs aus dem Jahr 1934 vor, das nicht vollständig ausgewertet wurde.] Bis 1938 gab Esselborn Publikationen in der Reihe „Hessische Volksbücher“ heraus, Leben s- erinnerungen von Johannes Weitzel 1934, Wilhelm Ulrich 1936, Dosch/Ihrig 1937 und Georg Ludwig Kriegk 1938. 1934 erschien der dritte und letzte Band der „Hessischen Biog raphien“ (herausgegeben von Herman Haupt). Im gleichen Jahr erschien – im Format dem „Hess i- schen Landkalender“ ähnlich, den Esselborn bis zu seinem Tod herausgab – die einzige Aus- gabe des „Nationalsozialistischen Hessenkalenders“ (warum die Reihe nicht for tgesetzt wur- de, ließ sich nicht klären) unter der Schriftleitung von Karl Esselborn. Das Vorwort (unte r- zeichnet mit „Der Verlag“) endete mit den Worten: „Möge es dem Nationalsozialistischen Hessenkalender vergönnt sein, zu seinem Teil an dem großen Werke des Wiederaufbaues des Deutschen Reiches durch den Führer Adolf Hitler beizutragen. Dar m- stadt, 28. August 1933 Heil Hitler!“ Dem eigentlichen Kalender voran gestellt findet sich das Horst -Wessel-Lied. Auf die Kale n- derblätter folgen Beiträge verschiedener Au toren zu nationalsozialistischen Themen, etwa „Die Geschichte der nationalsozialistischen Bewegung in Hessen“ (Wilhelm Haug), „Der U m- sturz in Darmstadt“ (Hermann Reiße), „Deutsches Volkstum“ (Friedrich Wentzel). Die Beitr ä- ger begrüßen durchweg das NS -Regime und seine Protagonisten, teils in glorifizierender Wortwahl. Ein Beitrag stammt unter dem Titel „Die Spitzen der hessischen Regierung“ (S. 28- 31) aus der Feder des „Schriftleiters“ (Herausgebers) selbst. Esselborn skizziert darin die L e- bensläufe von vier Spitzenpolitikern der NSDAP in Hessen: Jakob Sprenger, Friedrich Werner, Philipp Wilhelm Jung und Friedrich Ringshausen. Keines der Porträts enthält einen Anhalt s- punkt dafür, dass Esselborn den porträtierten Personen kritisch gegenüber gestanden hätte. Positionen, Funktionen und Werdegänge werden kritiklos vorgestellt, wobei Esselborn seine eigene Meinung nicht in den Vordergrund rückt (anders als dies in anderen Beiträgen der Fall ist). 208 Weitere eingesehene Beiträge Esselborns nach 1933 sind im Duktus der Zeit verfasst, tragen aber keine offensichtlich antisemitischen oder den Nationalsozialismus ausdrücklich verher r- lichenden Aussagen [seine im Nachlass überlieferten handschriftlichen Notizbücher beziehen sich hauptsächlich auf Neuerscheinungen/Lektüre und Theaterereignisse, ULB Nachlass 167, Kasten 3]. Im Nachruf von Wilhelm Martin Becker in den Mitteilungsblättern des Historischen Vereins für Hessen hieß es, Esselborn sei „ seinem Volk und der Partei […] ein treuer Genosse“ gewe- sen (S. 373). Da Karl Esselbo rn 1940 starb, liegen keine Entnazifizierungsdokumente vor. In welchen NS - Organisationen (außer der NSDAP) Esselborn Mitglied war, ließ sich nicht ermitteln. Quellen: BArch, NSDAP-Mitgliederkartei HStAD, G 35 E Nr. 74/35 HStAD, O 59 Esselborn Nr. 1 + Nr. 2 [Tagebuchaufzeichnungen 1933-1934] HStAD, O 61 BDC Nr. 35 HStAD, R 12 P Nr. 1135 [Zeitungsartikel] StadtA DA, ST 61 Esselborn, Karl ULB Darmstadt, Nachlass 167 Karl Esselborn Literatur: Becker, Wilhelm Martin: Nachruf. Karl Esselborn. In: Mitteilungsblätter des Historischen Ver eins für Hessen 1 (1937-1940), S. 373-376. Esselborn, Karl (Hrsg.): Nationalsozialistischer Hessen-Kalender 1934. Darmstadt 1934. Kempken, Werner: Esselborn -Bibliographie. Die Schriften des Darmstädter Bibliothekars, Historikers und Publizisten Karl Esselborn. Teil 1: 1902-1924. Bensheim 1991. Stoll, Wilhelm: Esselborn, Karl (Sohn). In: Stadtlexikon Darmstadt (2006), S. 218 f. 209 Eysenbachstraße (P 6), benannt 1958 nach Philipp Eysenbach (1872-1946) Vorsitzender des Verkehrs- und Verschönerungsvereins Eberstadt 30. März 1872 in Eberstadt 1876 Umzug innerhalb von Eberstadt (nach Darmstädter Str. 6, Neubau Elternhaus) 1878-1883 Besuch der Volksschule in Eberstadt 1883 Besuch der Realschule in Darmstadt Kaufmännische Ausbildung in einer „Drogengroßhandlung“ in Frankfurt am Main; Arbeit im elterl i- chen Betrieb 1888-1945 [eigenen Angaben folgend] Mitglied im (Deutschen) Reichsbund für Leibesübungen [erst 1934 gegründet (ab 1938 NSRL); bis 1934 vermutlich in Vorgängerorganisationen] 1894-1896 Militärdienst beim Feld-Artillerie-Regiment 25 in Darmstadt 1899 Übernahme des elterlichen Geschäfts (Ölmühle, Ölhandel) durch Bruder Heinrich 1902-1938 Besitzer eines Kolonialwaren-, Drogen- und Farbengeschäfts in Eberstadt (Ecke Heidelber- ger Landstraße/Büschelstraße) 1902 Hochzeit mit Sophie Elisabeth Schwinn aus Nieder-Beerbach 1903 Geburt des Sohns Karl 1914 Tod der Mutter 1915-1918 Kriegsdienst im Ersten Weltkrieg 1919-1945 [eigenen Angaben folgend] Mitglied der NSKOV [erst 1933 gegründet; bis 1933 vermutlich in Vorgängerorganisation(en)] 1927-1946 Vorsitzender des Verkehrs- und Verschönerungsvereins Eberstadt 1927-1931 Verschönerungsm aßnahmen in und um Eberstadt sowie Anlage des Naturpfads in Ebe r- stadt (dessen Einweihung am 11.07.1931) Seit 1935 Angehöriger des Opferrings (vermutlich) der NSV 1935-1945 Mitglied der NSV 1937-1945 Mitglied der NSDAP [Mitglieds-Nr.: unbekannt] 1938 Übergabe des Ladengeschäfts an Sohn Karl 1938-1946 Mitglied des Roten Kreuzes † 7. Oktober 1946 in Darmstadt Ehrungen: 1937 (?) „Eysenbach-Brünnchen“ in Eberstadt nach Philipp Eysenbach benannt „Eysenbach-Zimmer“ im Rathaus Darmstadt-Eberstadt (1975 aufgelöst) 210 Wirken in der NS-Zeit Philipp Eysenbach, Besitzer eines Kolonialwaren -, Drogen- und Farbengeschäfts in Eberstadt (1902-1938, anschließend Übertragung des Geschäfts an den Sohn), trat besonders als Vor- sitzender des Verkehrs - und Verschönerungsvereins Eberstadt (1927-1946) in Erscheinung. Er gilt als der Schöpfer des 1931 eingeweihten Naturpfads in Eberstadt. Über sein Wi rken in der NS -Zeit geben (nur) autobiografische Veröffentlichungen sowie die Dokumente des Entnazifizierungsverfahrens Auskunft. Demnach war Philipp Eysenbach seit 1937 Mitglied der NSDAP. Die Eigenangabe im Meldebogen wurde vom angefragten Polize i- präsidium bestätigt: „Soweit von hier aus festgestellt werden konnte, war der Privatier Ph i- lipp Eysenbach seit dem Jahre 1937 Mitglied der NSDAP; eine Unterlage darü ber liegt hier jedoch nicht vor“ (Polizeipräsidium Darmstadt, 09.11.1946). In der NSDAP -Mitgliederkartei des BDC ließ sich die Angabe nicht verifizieren – möglicherweise wurde die Mitgliedskarte alphabetisch falsch einsortiert (bei Schreibweisen mit „y“ häufiger der Fall). Eysenbach war zudem Mitglied in den NS -Organisationen Reichsbund für Leibesübung en (NSRLB) und in der Kriegsopferversorgung (NSKOV). Laut Polizeipräsidium konnte ermittelt werden, dass er „seit 1935 Angehöriger des Opferrings war und der NSV angehörte“ (letzt e- res deckt sich mit seinen Eigenangaben). Durch den genannten Zusammenhang ha ndelte es sich vermutlich um den „Opferring“ des NSV (der eine reine Wohlfahrtseinrichtung war) und nicht um den Opferring der NSDAP. In seinen Lebenserinnerungen (verfasst 1944, veröffentlicht 1982) ging Eysenbach nicht auf seine NSDAP-Mitgliedschaft ein. Er formulierte darin: „Man hatte gehofft, der Krieg würde nach dem erfolgreichen Anfang nicht so lange dauern. Leider haben wir heute, den 24. Januar 1944, die Dauer des ersten Weltkrieges schon überschritten und sehen noch kein Ende. Die Rückschläge der letzten Jahre erfüllen uns mit Sorge, und die Fliegerangrif- fe lassen uns nicht zur Ruhe kommen. Wir müssen aber aushalten, denn auf andere Weise läßt sich der Krieg nicht zu einem glücklichen Ende führen. Schließlich haben die Kameraden an der Front doch noch mehr zu erdulden.“ Aus seinem Kriegstagebuch aus den Jahren 1944-1946 – das 1982 „gekürzt“ publiziert wurde (wobei der editorische Eingriff in das Manuskript nicht dokumentiert wird) – geht hervor, dass Eysenbach ein Freund des Volkslieds war – und keiner des Jazz . Er wünschte sich Fri e- den und einen deutsche n Sieg, wobei er an letzteres nicht mehr recht glaubte (und gegen Ende des Kriegs überhaupt nicht mehr). Er schildert eindrücklich die „Brandnacht“ und deren Folgen (auch in Eberstadt) sowie ausdrück lich, dass die Fliegeralarme und die Ungewissheit kaum auszuhalten waren. Hinweise auf eine Einbindung in das NS -Regime finden sich in der veröffentlichten Version des Kriegstagebuchs keine. Im Zuge seines Entnazifizierungsv erfahrens äußerte Eysenbach folg ende Selbsteinschätzung: „Da ich mich nicht aktiv betätigt und keinen Rang bekleidet habe, glaube ich, daß das Gesetz auf mich keine Anwendung findet.“ Am 09.05.1947 wurde das Verfahren eingestellt, weil Eysenbach unterdessen gestorben war und die Ermittlu ngen im Zuge des Verfahrens „ein aktivistisches Verhalten des Betroffenen im Sinne des Gesetzes“ nicht belegen konnten. 211 Quellen: HHStAW, Abt. 520/Darmstadt-Stadt, Nr. 1392/47 E HStAD, H 3 Nr. 2376 [Kennkartenmeldebogen] HStAD, H 14 Darmstadt Nr. F 441/992 [Nachlass Philipp Eysenbach] HStAD, H 14 Darmstadt Nr. R 1039 StadtA DA, ST 15 A 19/59 [Verkehrs- und Verschönerungsverein Darmstadt und Umgebung e. V.] StadtA DA, ST 45 Nachlaß Franz Best [Ortschronik „Mein geliebtes Eberstadt, mein geliebter Franken- stein“] NICHT eingesehen Literatur: Eysenbach, Philipp: Meine Erinnerungen. Eberstädter Heimathefte 4. Darmstadt 1982. Eysenbach, Philipp: Mein Kriegstagebuch. Eberstädter Heimathefte 5. Darmstadt 1982. Weißgerber, Wolfgang: Eberstadt im 19. Jahrhundert. Ein heimatkundlicher Bericht. Darmstadt 1969. 212 Helmut-Fuchs-Weg (E-F 7-8), benannt 2002 nach Helmut Fuchs (1922-2000) Bezirksverwalter in Darmstadt-Arheilgen * 16. Februar 1922 in Goldberg (Niederschlesien) Ausbildung auf dem Landratsamt Goldberg 1941 Reichsarbeitsdienst 1941-1945 Kriegsdienst und Kriegsgefangenschaft 1945 im Sommer Entlassung aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft 1945 Tätigkeit beim Landratsamt Marburg 1946 Hochzeit mit Ruth Anni Hollan-Merten 1949 Übersiedlung nach Darmstadt; Tätigkeit bei m Institut für sozialwissenschaftliche Forschungen in Darmstadt; anschließend Verwaltungsangestellter beim Landeswohlfahrtsverband, hier Vorsitze n- der des Gesamtpersonalrats von Hessen 1956-1967 Stadtverordneter in Darmstadt (SPD) 1967-1972 ehrenamtlicher Stadtrat und Mitglied des Magistrats 1972-1983 Bezirksverwalter in Darmstadt-Arheilgen [CDU war strikt gegen seine Ernennung!] † 18. September 2000 in Darmstadt Mitbegründer der IG Arheilger Vereine Ehrungen: 1983 Jubiläumsmedaille der Stadt Darmstadt 1983 Ehrenurkunde der Fritz-Wernath-Stiftung 1987 Bronzene Verdienstplakette der Stadt Darmstadt Wirken in der NS-Zeit Über das Wirken von Helmut Fuchs, ehemaliger Bezirksverwalter in Darmstadt -Arheilgen (SPD), in der Zeit des Nationalsozialismus ist wenig bekannt. Fuchs war 1933 erst elf und 1939 bei Kriegsbeginn 17 Jahre alt. Er leistete 1941 den obligato- rischen Dienst beim RAD. 1941/42 durchlief er die Ausbildung zum Flieger (Flieger -Regiment 53), von 1943 an diente er in der Panzer -Abteilung Feldherrenhalle. Er geriet in amerikan i- sche Kriegsgefangenschaft, aus der er im Sommer 1945 entlassen wurde. Es ließen sich keine Entnazifizierungsdokumente ermitteln (obwohl er 1945 beim Landratsamt Marburg tätig war). Auch im Bundesarchiv lagen keine (personalisierten) Dokumente zu Helmut Fuchs vor. 213 Quellen: Deutsche Dienststelle (WASt), Personenrecherche HStAD, R 12 P Nr. 1414 StadtA DA, ST 61 Fuchs, Helmut Literatur: Dotzert, Roland: Die Darmstä dter Kommunalpolitik seit 1945. Namen, Daten, Fakten. Darmstadt 2007. 214 Stefan-George-Weg (L 8), benannt 1957 nach Stefan George (1868-1933) Dichter * 12. Juli 1868 in Büdesheim bei Bingen Besuch der Realschule in Bingen 1882-1888 Besuch des Ludwig-Georgs-Gymnasium in Darmstadt 1887 Veröffentlichung der Zeitschrift „Rosen und Disteln“, darin Publikation erster Gedichte 1888/89 Reisen durch Westeuropa 1889-1891 Studium an der Berliner Univers ität; Besuch von Vorlesungen in Philosophie, Romanistik, Anglistik, Germanistik und Kunstgeschichte 1890 Erster Gedichtband/Zyklus „Hymnen“ 1891 Gedichtband „Pilgerfahrten“; Beginn zahlreicher Übersetzungen; Freundschaft mit Hugo von Hofmannsthal 1892 Mitherausgeber der „Blätter für die Kunst“; aus dem Mitarbeiterkreis erwächst der sogenannte „George-Kreis“ als ein loses Bündnis junger Lyriker um George als geistige Autorität („Meister“) 1897 Gedichtband „Das Jahr der Seele“ 1898 Erste Begegnung mit Georg Bondi in Rom, der fortan alle Bücher Georges (und viele des Geo r- ge-Kreises) herausgeben sollte 1899 Gedichtband „Teppich des Lebens und d ie Lieder von Traum und Tod mit einem Vorspiel“ ; Freundschaft mit Friedrich Gundolf 1907 Gedichtband „Der siebente Ring“ 1910-1912 „Jahrbuch für geistige Bewegung“ 1914 Gedichtsammlung „Der Stern des Bundes“ 1917 Veröffentlichung von „Der Krieg“ 1919 Heidelberger Treffen 1923 Erste Zusammenkunft mit den Brüdern Stauffenberg, die fortan zum George-Kreis zählten 1928 Gedichtband „Das Neue Reich“ 1928 Letzte große Lesung des George-Kreises 1933 Ablehnung der ihm angetragenen (Ehren-)Mitgliedschaft einer neuen „Deutschen Akademie für Dichtung“ sowie von Ehrungen anlässlich seines 65. Geburtstags; Rückzug in die Schweiz † 4. Dezember 1933 in Minusio bei Locarno (Tessin, CH) Ehrungen: 1927 Goethepreises der Stadt Frankfurt am Main 1932 Goethe-Medaille (von Hindenburg gestiftet) 215 Wirken in der NS-Zeit Stefan George gilt als einer der bedeutendsten deutschen Lyriker des beginnenden 20. Jahrhunderts. Seine Werke nahmen zunehmend eine prophetische und religiöse De u- tungsebene a n. Von besonderer Bedeutung (und nur schwe r von der Person Georges zu trennen – gerade Georges Wirkung in der NS-Zeit über seinen Tod im Dezember 1933 hinaus betreffend) ist der ihn umgebene Kreis junger Literaten (George -Kreis), die ihren „Meister“ verehrten. Georges Einstellung zum Nationalsozia lismus wird in der Forschung unterschiedlich eing e- schätzt. In der Bewertung nimmt Georges Ablehnung der (Ehren-)Mitgliedschaft einer neuen „Deutschen Akademie der Dichtung“ eine besondere Bedeutung ein. Häufig wird seine Wei- gerung Anfang Mai 1933, in der A kademie eine wie auch immer geartete Rolle/Funktion so- wie einen „Ehrensold“ zu übernehmen, als Beleg für seine Ablehnung des NS -Regimes ge- deutet. Aktuellere Veröffentlichungen liefern hingegen eine differenziertere Lesart: George habe sich nie an Akademien beteiligt oder für eine öffentliche Funktion interessiert – und seine Ablehnung auch in dieser Richtung begründet. Zudem findet sich in Georges Antwor t- schreiben auf die entsprechende Anfrage ( seitens des Kultusministers Bernhard Rust , ausge- sprochen durch Kurt Zierold, Leiter der Referate Literatur und Film) folgender Satz: „die ahnherrschaft der neuen nationalen bewegung leugne ich durchaus nicht [eingefügt: ab] und schiebe auch meine geistige mithilfe [geändert in: mitwirkung] nicht beiseite“ (zitiert nac h Karlauf, S. 622). Der Brief wurde am 10. Mai 1933 verfasst – es findet sich darin kein Bezug auf die zahlre i- chen Bücherverbrennungen, die schon deutlich früher annonciert worden waren. Das g e- samte Antwortschreiben entzieht sich einer eindeutigen Interpretation (Kauffmann, S. 87). Wenngleich George sich (nach außen hin) nicht für politische Diskussionen interessierte und öffentliche Auftritte scheute, versuchten die Nationalsozialisten, ihn als geistigen Vorreiter zu vereinnahmen. Gerade Gedichte seines Sp ätwerks, 1928 veröf fentlicht unter dem Titel „Das Neue Reich“, wurden als Übereinstimmung mit den nationalsozialistischen Idealen g e- deutet. Tatsächlich lasen auch andere Rezipienten „Das N eue Reich“ in direktem Zusa m- menhang mit dem „Dritten Reich“ – und de r George -Kreis wurde teils als „bewusster Schrittmacher“ (Karlauf, S. 582) des „Dritten Reichs“ angesehen: heldische Elite, Hierarchie und korporativer Rechtsstaat, all diese Leitgedanken des George -Kreises ließen sich auf das „Dritte Reich“ übertragen. An alysiert man die im „Neuen Reich“ veröffentlichten Gedichte, lässt sich insgesamt relativ wenig originär „Politisches“ herauslesen. George selbst verstand sein „N eues Reich“ ausdrücklich als ein geistiges, jenseits von real Existierendem . Dieses geistige Reich firmierte auch unter „Das geheime Deutschland“. Unter den Mitgliedern des George-Kreises befanden sich auch Juden. Auf Briefe und Berichte jüdischer Freundinnen und Freunde, welche die zunehmende Gewalt gegen Juden seitens der Nationalsozialisten anpr angerten, reagierte George mit demonstrativer Gleichgültigkeit. In Verkennung der Realität verwies er darauf, dass dem Geist die eigentliche Macht zug e- 216 sprochen gehöre, ihn entsprechend alle politischen, gesellschaftlichen und ideologischen Entwicklungen nichts angingen und daher auch nicht kümmerten. Thomas Karlauf bewertet Georges Haltung in Bezug auf Juden wie folgt: „Georges Einstellung zu den Juden entsprach dem vor allem im Mittelstand verbreiteten Antisem i- tismus der ‚ganz gewöhnlichen Deutschen‘, von denen 1933 viele so unempfindlich geworden waren, dass die schrittweise Entrechtung der Juden sie nicht wirklich empörte“ (Karlauf, S. 605). George konstatierte paradoxerweise, er habe so viele jüdische Freunde (gehabt), dass er sich zu diesem Thema nicht äußern müsse. Gegenüber der Öffentlichkeit hüllte sich George al l- gemein in konsequentes Schweigen gegenüber dem NS -Regime, was von einigen Zeitgeno s- sen (Walter Benjamin, Klaus Mann) als Ablehnung interpretiert wurde. Kai Kaufmann hing e- gen argumentiert, Geo rges Schweigen sage lediglich aus, dass er weiterhin nichts mit der Tagespolitik zu tun haben wollte. Immer wieder verweisen biografische Veröffentlichungen darauf, George habe Schülern die Mitgliedschaft in NS -Organisationen untersagt (so etwa Riedel, S. 196). Dennoch konnte er nicht verhindern, dass einige seiner „Jünger“ das „Dritte Rei ch“ als das vom „Meister“ pr o- phezeite „Neue Reich“ ansahen und mit dem Nationalsozialismus sympathisierten (was sich eindeutiger belegen lässt, Kauffmann S. 83 f.). Nach dem Tode Georges waren die Mitglieder des George -Kreises uneins, ja tief gespalten, welche Position sie zum Nationalsozialismus und dem „Dritten Reich“ einnehmen sollten („während die einen das ‚Neue Reich‘ […] mit dem ‚Dritten Reich‘ Adolf Hitlers verwechs elten, erblickten die anderen in ihm das ideelle Gegenbild zur nationalsozialistischen Barbarei“, Osterkamp, S. 213). Bekannt ist letztlich, dass mit Claus von Stauffenberg, der an Georges Grab Totenwache gehalten hatte (und a n- fangs zu den Sympathisanten der Nationalsozialisten zählte), ein enger Vertrauter das Atte n- tat auf Hitler am 20. Juli 1944 zu verantworten hatte. Als Stauffenberg nach der – ihr Ziel verfehlenden – Tat vor das Erschießungskommando im Bendlerblock geführt wurde, habe er „Es lebe das geheime Deutschland!“ gerufen (wie Zeugenaussagen belegen sollen). Seitens des NS-Regimes wurde Georges Ableben als Tod eines der größten Dichter des deu t- schen Volkes und geistigen Wegbereiters des neuen Deutschlands inszeniert, der sich schließlich ausdrücklich zur „Ahnherrschaft der neuen nationalen Bewegung“ bekannt habe. Zahlreiche Zeitungen druckten eine entsprechende Pressemitteilung aus dem Kultusminist e- rium in der (falschen) Variante, George habe sich zur „Ahnherrschaft der neuen nationalso- zialistischen Bewegung“ [Hervorhebung HK] bekannt, was die implizierte Lesart unterstre i- chen mag. Nach Michael Petrow lässt sich 1935 allgemein gesprochen ein Wendepunkt in der kulturpolitischen Wertung des Werkes Georges während der NS -Zeit festmachen: von der versuchten Vereinnahmung hin zur diffamierenden Ausschließung. George starb am 4. Dezember 1933 in Minusio (Tessin), wo er bereits die beiden vorang e- gangenen Winter verbrachte und sich seit Ende September 1933 ein drittes Mal aufhielt (ihn motivierte für den Aufenthalt eher das milde Klima als die Flucht vor dem NS-Regime). Offenbar war George in keiner NS -Organisation Mitglied. Aufgrund des Zeitpunkts seines Todes liegen entsprechend keine Entnazifizierungsunterlagen vor. 217 Quellen: HStAD, R 12 P Nr. 7898 [Zeitungsartikel zum 65. Geburtstag] StadtA DA, ST 61, George, Stefan Literatur: Karlauf, Thomas: Stefan George. Die Entdeckung des Charisma. München 2007. Kauffmann, Kai: Das Leben Stefan Georges. Biographische Skizze. In: Aurnhammer, Achim et al. (Hrsg.): Stefan George und sein Kreis. Ein Handbuch, Bd. 1. Berlin/Boston 2012, S. 7-94. Klussmann, Paul Gerhard: Stefan Anton George. In: NDB, Bd. 6. Berlin 1964, S. 236-241. Netuschil, Claus K.: George, Stefan. In: Stadtlexikon Darmstadt 2006, S. 302. Osterkamp, Erns t: Das Ne ue Reich. In: Aurnhammer, Achim et al. (Hrsg.): Stefan George und sein Kreis. Ein Handbuch, Bd. 1. Berlin/Boston 2012, S. 203-217. Petrow, Michael: Der Dichter als Führer? Zur Wirkung Stefan Georges im „Dritten Reich“. M arburg 1995. Riedel, Manfre d: Geheimes Deutschland. Stefan George und die Brüder Stauffenberg. Berlin 2014 [Original Köln et al. 2006]. 218 Fritz-Glenz-Straße (P 7), benannt 2003 nach Fritz Glenz (1922-1996) Langjähriger Darmstädter Stadtrat * 1. Januar 1922 in Darmstadt Besuch von Diesterweg- und Ohlyschule 1931 Mitglied bei Falken und bei Freien Turnern Kaufmännische Lehre bei der Firma Kohlen-Köhler in Darmstadt 1939 Kaufmannsgehilfenprüfung 1941 Verwaltungsangestellter 1941 Reichsarbeitsdienst 1941-1942 Kriegsdienst (Sonderverband 288, Panzer-Grenadier-Regiment Afrika) 1942-1947 Britische Kriegsgefangenschaft in Ägypten 1947 Rückkehr nach Darmstadt, wohnhaft im Johannesviertel 1947 Mitglied in ÖTV und SPD; Beisitzer und Schriftführer des SPD-Ortsvereins Johannesviertel 1947/49-1984 Verwaltungsangestellter beim Regierungspräsidium Darmstadt (Leiter der Haushalt s- abteilung beim Entschädigungsamt, Sachbearbeiter im Dezernat für Gewerberecht, bis zum Ruh e- stand Sachgebietsleiter im Dezernat Zivilverteidigung) 1959 Unterbezirksvorstand der Darmstädter SPD 1964 Stadtverordneter in Darmstadt (SPD), Vorsitzender des Liegenschaftsausschusses Seit 1966 wohnhaft in Darmstadt -Eberstadt; Vorstandsmitglied der Eberstädter SPD, Initiator und Leiter des kommunalpolitischen Arbeitskreises; Mitglied in zahlreichen Vereinen Seit 1968 (bis zu seinem Tod) ehrenamtlicher Stadtrat (SPD) in Darmstadt 1972 Mitbegründer und später langjähriger (Vice-)Präsident des „Komitees der Internationalen Sch ü- lerspiele“ (1972-1987 Sekretär, seit 1987 Präsident); laut Zeitungsberichten erreichte er „die formelle Anerkennung für die Jugendorganisation beim IOC“ 1974-1994 Vorsitzender der Sportvereinigung Eberstadt 1983-1989 Vorsitzender des SPD-Unterbezirks Darmstadt 1995 Reise nach Moskau, um die „Internationalen Schülerspiele“ 1998 vorzubereiten † 2. Februar 1996 in Darmstadt Über 20 Jahre Personalratsmitglied beim Regierungspräsidium Darmstadt, lange Jahre SPD - Betriebsgruppenvorsitzender beim Regierungspräsidium und 14 Jahre Hauptpersonalratsmitglied (stellvertretender Vorsitzender) beim Hessischen Innenminister Mitglied und (seit 1978) Vorsitzender des Theaterbeirats des Staatstheaters; Mitglied des Komitees für Städtepartnerschaften 219 Ehrungen: 1977 Ehrenbrief des Landes Hessen 1978 Freundschaftsplakette der Stadt Darmstadt 1982 Bronzene Verdienstplakette der Stadt Darmstadt 1984 Bundesverdienstkreuz am Bande 1985 Ehrung zum Stadtältesten in Darmstadt 1988 Ehrung für zwanzig Jahre Magistratsmitglied in Darmstadt (er war der erste, dem das gelang) 1995 Ehrenurkunde im Ledereinband des Landessportbundes Hessen Wirken in der NS-Zeit Fritz Glenz, Lokalpolitiker und langjähriger Stadtrat in Darmstadt, in seiner Heimatstadt soz i- alisiert und seit 1931 Mitglied bei den Falken sowie bei den Freien Turnern, wuchs im Joha n- nesviertel auf, wo seine Eltern die Gaststätte „Glenz“ führten (Kahlertstraße 41), bis 1933 ein beliebter Treffpunkt für Sozialdemokraten. Nach dem Schulabschluss absolvierte Fritz Glenz eine kaufmännische Ausbildung bei der Firma Kohlen -Köhler in Darmstadt, 1939 legte er die Kaufmannsgehilfenprüfung ab. Da er 1981 sein 40 -jähriges Jubiläum beim Regierungspräs i- dium Darmstadt feierte, ist davon auszugehen, dass er 1941 als Angestellter der Verwaltung in den Staatsdienst eintrat. Im Verlauf des Jahres 1941 wurde Glenz, im Alter von 19 Jahren, zum RAD eingezogen und leistete anschließend Kriegsdienst. Zunächst war er Mitglied des Fliegerabwehr -Ersatz- Bataillons 66, ab Juni 1942 Soldat des Sonderverbands 288 (Panzer -Grenadier-Regiment Af- rika). Bereits im November 1942 geriet er bei Benghasi in britische Kriegsgefangenschaft (verschiedene Lager in Ägypten), aus der er im Juni 1947 entlassen wurde. Nach seiner Rück- kehr nach Darmstadt trat er in SPD sowie ÖTV ein und arbeitete wieder beim Regierungsprä- sidium Darmstadt, später in leitenden Funktionen. In Presseberichten wurde Glenz als „aufrechter und ehrlicher Demokrat“, als „Anwalt und Fürsprecher des kleinen Mannes“ bezeichnet. Er selbst äuß erte sich anlässlich seines 65. Geburtstags wie folgt: „Mein Leben war und ist gezeichne t von einer Absage an Komm u- nismus und Faschismus!“ (Eberstädter Neue Zeitung, 08.01.1987). Es ließen sich keine Entnazifizierungsdokumente zu Fritz Glenz recherchieren. Auch ließen sich aus dem vorliegenden Quellenmaterial keine Hinweise auf eine Verstri ckung in das NS - System nachweisen. Quellen: Deutsche Dienststelle (WASt), Personenrecherche HStAD, R 12 P, 1586 StadtA DA, ST 61 Glenz, Fritz Literatur: Dotzert, Roland: Die Darmstädter Kommunalpolitik seit 1945. Namen, Daten, Fakten. Darmstadt 2007. 220 Gruberstraße (F 9-10), benannt 1967 nach Karl Gruber (1885-1966) Architekt, Stadtplaner und Hochschullehrer * 6. Mai 1885 in Konstanz 1894-1903 Schulbesuch in Karlsruhe, Freiburg und Konstanz; 1903 Abitur in Konstanz 1903-1904 Militärdienst als „Einjährig-Freiwilliger“ 1903/04-1909 Studium der Architektur an der TH Karlsruhe Ca. 1909-1913 Assistent seines Lehrers Friedrich Ostendorf an der TH Karlsruhe 1911 1. Preis im Wettbewerb um den Rathaus-Neubau in Lörrach (nicht realisiert) 1913 Lehrauftrag an der Kunstgewerbeschule Karlsruhe (Innenarchitektur) 1914 Promotion an der TH Karlsruhe, „Bilder zur Entwicklungsgeschichte einer deutschen Stadt“ 1914 Vorstand des Baubüros der Universitäts -Kliniken in Freiburg im Breisgau (bis Kriegsbeginn; Dienststellung: Regierungsbaumeister) 1914-1918 Kriegsdienst in einer Vermessungsabteilung (Mai 1918: Hauptmann der Reserve) 1919 Hochzeit mit Elisabeth Freiin Teuffel von Birkensee in Karlsruhe (vier Kinder) 1919-1925 Leiter des Hochbauamts in Freiburg im Breisgau (laut eigener Aussage: Stadtoberbaurat) 1921-1923 Umbau des städtischen Theaters Freiburg (ehem. Augustinerkloster) zum Stadtmuseum 1925-1933 Professor für mittelalterliche Baukunst und Kirchenbau an der TH Danzig 1927-1933 Restaurierung der Marienkirche in Danzig 1928 Gründungsmitglied der Architektenvereinigung „Der Block“ 1928-1932 Neubauten der Universität Heidelberg (nach siegreichem Entwurf) 1930 Mitglied der preußischen Akademie des Bauwesens 1932 Gründungsmitglied des Kampfbundes Deutscher Architekten und Ingenieure (KDAI) – Ortsgrup- pe Danzig 1933 Mitglied der Preußischen Akademie des Bauwesens 1933-1953 Professor für Städtebau, Gefügelehre und Entwerfen an der TH Darmstadt 1933-1945 Mitglied der NSV 1934-1935 Vorstand (Dekan) der Architektur-Abteilung der TH Darmstadt 1934-1945 Denkmalpfleger (zunächst für Provinz Rheinhessen, ab 1938 für Provinz Oberh essen); in dieser Funktion 1935 Mitglied des Denkmalrats 1934-1939 Restaurierungs- und Umgestaltungsarbeiten in Lübeck Mitglied des NSBDT sowie der Reichskammer der bildenden Künste [Zeitraum unklar] 1937 „Die Gestalt der deutschen Stadt“ 1938 Teilnahme an Wettbewerb zum Verwaltungsforum in Frankfurt an der Oder (ohne Erfolg) 1938-1942 Projektierung/Ausführung Neubau des Instituts für Technische Physik der TH Darmstadt 221 1940 Teilnahme an Wettbewerb zum Rathaus-Neubau in Bromberg (ohne Erfolg) 1942 Wiederaufbauplan für (teilzerstörte) Altstadt in Lübeck; erste Planungen zum Wiederaufbau sowie zur Sicherung der wichtigsten Kirchenbauten von Mainz 1943 Wissenschaftliches Mitglied der „Nikolaus -Kopernikus-Gemeinschaft – Vereinigung zur Erfo r- schung des Reichsgaus Danzig-Westpreußen“ 1943 „Das deutsche Rathaus“ 1945 Wiederaufbaupläne für die Stadtkerne von Darmstadt (1945 -1947) und Gießen (teilweise au f- gegriffen 1949) 1945 Erster Dekan der neuen Architekturfakultät nach dem Zweiten Weltkrieg 1945-1947 Leiter der Wiederaufbaukommission der Stadt Darmstadt 1945-1948 Leiter der Wiederaufbaukommission der TH Darmstadt 1945-1964 Landeskirchenbaumeister der EKHN (1945-1954); in Darm stadt Wiederaufbau von Stad t- kirche (1945-1956), Martinskirche (1947-1951), Stiftskirche (1956-1958) sowie Neubau der Friedens- kirche samt Gemeindezentrum (1956-1964) 1949 „Der heilige Bezirk in der zukünftigen Stadt“ 1952 Überarbeitete Neuauflage von „Die Gestalt der deutschen Stadt“ 1953 Emeritierung (Vorlesungen und Exkursionen bis ca. 1959) † 12. Februar 1966 in Darmstadt Ehrungen: 1909 Goldene Medaille der TH Karlsruhe (für Diplomarbeit) 1931 Ehrensenator der Universität Heidelberg 1939 Verleihung des Treuedienst-Ehrenzeichens II. Stufe (gestiftet von Adolf Hitler) 1955 Ausstellung anlässlich seines 70. Geburtstags auf der Mathildenhöhe Darmstadt 1965 Ehrendoktor der TH Darmstadt sowie der TH München 1985 Ausstellung und Kolloquium anlässlich seines 100. Geburtstags in Darmstadt (EKHN , Stadt Darmstadt, TH Darmstadt) Wirken in der NS-Zeit Karl Gruber hat als Hochschullehrer und Architekt, als Stadtpl aner und Kirchenbauer über Jahrzehnte in Darmstadt gewirkt. Er beschäftigte sich mit Baugeschichte und Arch itekturthe- orie, entwickelte ein auf der mittelalterlichen Stadt aufbauendes Konzept der Stadtplanung. Seit 1933 war er Professor an der TH Darmstadt mit einem Lehrstuhl für Städtebau, Gefüge- lehre und Entwerfen. Hochschullehrer und Architekt Im Spätherbst 1 932 erhielt Karl Gruber – zu der Zeit Professor für mittelalterliche Baukunst und Kirchenbau an der TH Danzig – einen Ruf auf den Lehrstuhl Baukunst V der TH Dar m- 222 stadt; Ende Januar 1933 nahm Gruber diesen Ruf an. Durch die Veränderung der politischen Verhältnisse zog sich das Verfahren in die Länge. Mit Wirkung vom 1. Mai 1933 wurde er schließlich zum ordentlichen Professor ernannt. In Darmstadt angekommen, sah er sich einer „Diffamierungskampagne“ durch den Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund (NSDStB) ausgesetzt, initiiert durch Karl Lieser, Führer der Hochschulgruppe des NSDStB. Lieser hatte als Privatdozent den vakanten Lehrstuhl nach dem Tod seines Lehrers Karl Roth (1932) vertreten und sich selbst Hoffnungen auf dessen Nachfolge gemacht. Sta ttdessen kündigte ihm sein neuer Vorgesetzter, Karl Gruber, zum 1. Oktober 1933, da er seinen eig e- nen Assistenten aus Danzig nach Darmstadt mitzubringen gedachte. Mitte Mai 1933 verfas s- te Lieser eine Denkschrift über den Umbau der Architektur -Abteilung „im nationalsozialisti- schen Sinn“, in der er auch (neben anderen Professoren aus der Architektur) Karl Gruber persönlich angriff (die Denkschrift ist nicht überliefert; es existieren darüber aber mehrere übereinstimmende Aussagen, siehe dazu auch Romero, S. 142 ff. sowie Hanel, S. 84 ff.). Gru- ber sei, so Lieser, nicht für die Ausbildung von Architekten geeignet, da er – seit den Ne u- bauten der Universität Heidelberg – als „Kulturbolschewist“ anzusehen sei. Lieser rekurrierte dabei auf eine Debatte, die sich nac h der Einweihung des Bauwerks „Neue Universität He i- delberg“ entspann. Karl Willy Straub, Geschäftsführer des „Blocks“ (dessen Gründungsmi t- glied Gruber war), griff in seiner 1932 veröffentlichten Schrift „Die Architektur im Dritten Reich“ Grubers Bau dezidi ert als Negativbeispiel auf (Straub, S. 61); Paul Schultze-Naumburg – von Gruber eigentlich sehr geschätzt – billigte in seinem „Geleitwort“ Straubs Angriffe auf Gruber. Karl Gruber verwahrte sich vehement gegen die – aus seiner Sicht – haltlosen Vorwürfe (laut Gruber bezogen diese sich auf: „Fachliche Eignung unklar. […] Liberalistisch beeinflußt. Nicht völkisch“) in Liesers Denkschrift. Auf Unterstützung hoffend, wandte er sich vertrauensvoll an den Kollegen German Bestelmeyer in München, der über beste Kontakte zu nationalsozia- listischen Entscheidungsträgern verfügte (dokumentiert bei Romero, S. 142-144). In einer tradierten Erwiderung auf die Lieser’sche Denkschrift urteilte Gruber, dass darin „leichtfertig und gewissenlos mit unwahren Behauptungen gearbeitet“ worden sei und führte weiter aus: „Ich war zusammen mit Schultze-Naumburg, Schmitthenner und Bestelmeyer Gründungsmitglied des Blocks und bin einer [sic!] der Gründungsmitglieder des Kampfbundes für deutsche Kultur, Ortsgru p- pe Danzig (Mitgliedskarte vom 1.6.1932). […] Von einer roten oder sonstwie gefärbten badischen Regierung bin ich nie in ein Ministerium berufen worden. Diese Behauptung ist erfunden, um mich zu verdächtigen. Einer politischen Partei habe ich nie angehört, da ich als Stadtbaurat mi r eine gründl i- che Verachtung des Parteiwesens angeeignet habe. Gewählt habe ich deutsch -national. […] Von e i- ner Hochschule kommend, an der durch die gemeinsame Kampfstellung gegen die Polen eine ger a- dezu ideale Gemeinschaft zwischen Studenten und Dozenten besteht, bin ich von der hier her r- schenden, wie ich glaube künstlich erzeugten, Übelkeit erregenden Atmosphäre geradezu entsetzt – und mit mir die national -sozialistische Danziger Studentenschaft, die ihrer Empörung über die gegen mich erhobenen Verdächtigungen auch gebührend Ausdruck verliehen hat“ (13.06.1933, DAM, Nach- lass; komplette Erwiderung dokumentiert bei Romero, S. 145 f., hier 145) Tatsächlich findet sich eine entsprechende Stellungnahme des Hochschulgruppenführers des NSDStB Danzig in Grubers Pe rsonalakte (UA Darmstadt, 103 Nr. 232/8), wori n der Unte r- 223 zeichnende seinen Darmstädter Kommilitonen darüber in Kenntnis setzt , dass an Grubers Fähigkeiten und politischer Haltung („an dessen nationaler Gesinnung auch nicht der g e- ringste Zweifel erlaubt ist “) nichts auszusetzen sei – ganz im Gegenteil . In dem erwähnten Bittschreiben an Bestelmeyer äußerte Gruber, dass er „nicht Mitglied der Partei, aber Grü n- dungsmitglied der Ortsgruppe des K.d.A.I [Kampfbund deutscher Architekten und Ingenie u- re]“sei, um näher (und überraschend offen, wenn man sich den Zweck seines Schreibens vor Augen führt) zu erläutern: „Ich selbst habe mich allerdings im Kampfbund nicht sehr stark betätigt, bin auch nicht der Gruppe nationalsozialistischer Architekten beigetreten, weil mic h die überall in Kollegenkreisen auftretende Sucht, die eigene Richtung als ‚die Architektur des Dritten Reiches‘ zu erklären, angewidert hat“ (vermutlich Juni 1933, DAM, Nachlass). Um der unsachlichen Kri tik an seiner Bauweise entgegenzu wirken, gab es im Juli 1933 eine Ausstellung über Grubers Werke in den Räumlichkeiten der TH Darmstadt, die gleichsam – so Heinrich Walbe, d erzeit Vorstand (Dekan) der Architektur -Abteilung – einer Antrittsvorle- sung und einem „künstlerischen Glaubensbekenntnis“ entsprach. Gruber blieb Zeit seines Lebens parteilos, war also nie Mitglied der NSDAP. Seinen eigenen Angaben zufolge (HHStAW) war er seit 1933 Mitglied der NSV sowie Mitglied des NSBDT (von ihm im Fragebogen als „Fachorganisation“ bezeichnet, ohne Zeitangabe der Mitg lied- schaft), in dem 1934 der KDAI aufgegangen war, und der Reichskammer der bildenden Kün s- te. Im Juni 1939 wurde ihm vom Rektor der TH Darmstadt das „vom Führer und Reichskan z- ler gestiftete Treudienst-Ehrenzeichen 2. Stufe“ ausgehändigt. Gruber lehrte über 20 Jahre in seiner Funktion an der TH Darmstadt und begleitete 1934 und 1935 das Amt des Vorstands (Dekans) der Architektur -Abteilung. Der Analyse von Melanie Hanel folgend, wirkten (nach der „Säuberung“ 1933) an der TH Darmstadt ausschließlich Architektur-Professoren, die „weder politisch noch aufgrund ihres fachlichen Stils als mis s- liebig galten“ – und Gruber war nach Hanel der einzige unter ihnen, der in der NS -Zeit eine nennenswerte Bautätigkeit vorzuweisen hatte (Hanel, S. 352 f., Zitat 352). Zwischen 1934 und 1939 war er mit Restaurierungs - und Umgestaltungsmaßnahmen in Lübeck betraut (d a- zu Weihsmann, S. 618-622). Einige der unter Grubers Leitung sanierten mittelalterlichen G e- bäude wurden mit „programmatischen NS -Motiven“ verziert. An Konzeption und B au von NS-Prestigebauten war er in Lübeck hingegen nicht beteiligt. Den „erste[n] und einzige[n] Staatsauftrag nach 1933“ (so Romero, S. 159) erhielt Gruber im Herbst 1938 in Darmstadt: Auf Wunsch von Jakob Sprenger, Reichsstatthalter und Gauleiter von Hes sen, wurde er mit der Planung des Instituts für Technische Physik an der TH Darmstadt beauftragt. Obwohl sich das Institut an kriegswichtigen Entwicklungen beteiligen sollte, verzögerten sich die 1939 begonnenen Bauarbeiten bis zur Fertigstellung im April 1942 erheblich. Wie Gruber selbst ausführte, verzichtete er auch hier „auf alle Motive einer repräsentativen ‚Monumentala r- chitektur‘“ (Gruber I, 1943, S. 3); das Gebäude wurde 1944 zerstört. In der NS -Zeit wurde Gruber seitens der TH als „unabkömmlich“ ein gestuft (gleich zahlre i- chen anderen Professoren). Noch Anfang 1945 wurde für Gruber („Dienstgrad: Hauptmann 224 d[er] R[eserve] a[ußer] D[ienst]“) eine „Z -Karte“ ausgestell t, was ihn vor dem Einzug zum Volkssturm bewahrte (UA Darmstadt, 105 Nr. 120). Architekturtheoretiker, Baugeschichtler und Stadtplaner: Parallelen zur NS-Ideologie In der NS -Zeit verfasste Karl Gruber zwei Monografien, die sein Verständnis von Architektur und Städtebau transportieren sollten, welches stark auf dem Idealbild einer mittelalterl ichen Stadt fußte (siehe dazu auch Gruber 1938, besonders S. 87). Die mittelalterliche Baukunst diente ihm als (verklärtes) Vorbild für gestalterische Aufgaben der Gegenwart (Böhme, S. 37); zudem ging er vom Bestehen „ewig gültiger Entwicklungsgesetze“ aus . Beides spiegel- te sich besonders in seiner 1937 erschienenen Veröffentlichung „Die Gestalt der deutschen Stadt“ wider, deren überarbeitete und erweiterte Neuauflage 1952 als Standardwerk Ei n- gang in die Architekturgeschichte fand (zum Folgenden ausführlich die Analyse von Romero, S. 149-155). Gruber rekurrierte in seinem Werk auf den von ihm konstatierten, fortschre i- tenden kulturellen Verfallsprozess, dem er in der Stadtplanung durch eine Rückbindung an mittelalterliche Ideale entgegenwirken wollte: „Aber es sind auch andere Dinge unseres heutigen Lebens, die an das Mittelalter gemahnen, und es sind wohl die erfreulichsten: Wir bemühen uns, Staat und Gesellschaft wieder ständisch aufzubauen, wir streben wieder nach Gemeinschaft, wir suchen aus der geistigen Isolierung wieder herausz u- kommen, in die der einzelne schließlich geraten war. Allerdings war die mittelalterliche Gemeinschaft religiös fundiert, aber ist nicht unsere Zeit eine der religiös aufgewühltesten? Müssen wir nicht die Hoffnung hochhalten, daß s ich das Abendland seines verantwortungsvollen großen Erbes wieder bewußt wird und daß der Sinn der furchtbaren Kämpfe der Gegenwart gar kein anderer sein kann, als daß die gegen den Materialismus gerichteten Kräfte im Kampf erstarken, um sich später zu sam meln und sich über die Schranken der vergangenen Zeit hinweg zu einen? Wenn wir heute einen Weg suchen, der uns weder in kollektivistische Gleichmacherei noch in zerse t- zenden Individualismus führt –, immer wieder wird das Bild der mittelalterlichen Stadt v or unseren Augen entstehen, das dem einzelnen im Rahmen der Gemeinschaft seine Freiheit ließ und ihn doch einband in das Gesetz, das allein uns Freiheit geben kann“ (Gruber 1937, S. 121 f.). Anhand dieses ausführlichen Zitats wird ersichtlich, worum es Gru ber bei der Konstruktion städtebaulicher Zusammenhänge ging – und in welcher Weise Grubers architektonisches Konzept im Geist der Zeit verhaftet war: Der Ablehnung der modernen Stadt als Sinnbild und Ausdruck von Französischer Revolution, Manchester-Liberalismus, allgemeiner Individualisie- rung. Einflüsse der Kulturmorphologie eines Oswald Spenglers sind offensichtlich, auch Gru- bers Prägung durch Arbeiten von Paul Schultze -Naumburg und Heinrich Tessenow, führe n- den Köpfen der sogenannten „Traditionalisten“, Vertretern einer konservativen Zivilisations- kritik (Böhme, S. 43 f.). Die Glorifizierung der mittelalterlichen Stadt war nicht Grubers Erfi n- dung – und sie war anknüpfungsfähig an genuin nationalsozialistische Auffassungen: Andr e- as Romero belegt anhand von V ergleichen mit Textstellen aus Gottfried Feders „Die neue Stadt“ (1939) Grubers Nähe zur Ideologie des Nationalsozialismus. Grubers ahistorische B e- trachtungsweise (mit deutlich völkischem Unterton) wird indessen schon in seinen eigenen Worten erkennbar: 225 „Als die unverbrauchte Kraft der germanischen Volksstämme das Erbe der sterbenden antiken Welt antrat, übernahm sie mit diesem Erbe das Ergebnis einer tausendjährigen Entwicklung des Städt e- baus“ (Gruber 1937, S. 9; bewusst unverändert 1952, S. 9). Gruber vertrat die Auffassung, dass n ur dort, wo das Sakrale und das Profane die hierarch i- sche Rangordnung auf Erden darstelle, wahres Bauen möglich sei (dazu Böhme, S. 38). Nur eine „religiös durchgeistigte Gesellschaft“ (Romero, S. 152) könne nach Gruber die „neue Stadt“ sinnvoll gestalten. (Wie er sich die Umsetzung vorstellte, dokumentiert 1949 seine Veröffentlichung „Der heilige Bezirk in der zukünftigen Stadt“ .) Hinsichtlich politischer Struk- turen machte Gruber seine Auffassung deutlich, dass „nur der autoritär e Staat die Belange der Allgemeinheit gegenüber der Ichsucht des einzelnen zu wahren in der Lage“ sei (Gruber 1937, S. 112). Grubers zweite Monografie in der NS -Zeit, „Das Deutsche Rathaus“ (1943), ist insbesondere ob ihres Erscheinungskontexts hier von In teresse. Inhaltlich lieferte Gruber einen aufwändig recherchierten Überblick über Rathaus -Formen in Deutschland und deren historischen B e- zug. Besondere Aufmerksamkeit schenkte er Städten im deutschen „Grenzland“, wie Stra ß- burg und Danzig, „die uns Deutsche n von 1942 höchste Freude und tiefsten Schmerz bede u- ten, aber auch die Verpflichtung größter Verantwortung […] auferlegen“ (Gruber 1943, S. 7). Der Band war „kein bloßes ‚Propagandawerk‘“ (Hanel, S. 353), erschien aber in der Reihe „Sonderleistungen der de utschen Kunst“ im Rahmen des „Kriegseinsatzes der Geisteswi s- senschaften“; ein Großprojekt, das die kulturelle Überlegenheit der Deutschen wissenschaf t- lich untermauern helfen sollte. Gruber folgte den Vorgaben des interdisziplinären „Gemei n- schaftswerks“, indem er die Rathaus-Bauten als deutsche Sonderleistungen herausstelle. In (Groß -)Städten des „Altreichs“ blieben Grubers veröffentlichte Überlegungen und Anr e- gungen nach 1937 weitgehend folgenlos; die NS -Planungen entwickelten sich gewisserm a- ßen in eine entgegengesetzte Richtung (große Achsen, Monumentalbauten). Anders verhielt es sich im „neuen deutschen Osten“: Bei Problemen hinsichtlich der Stadterweiterung und Stadterneuerung von mittelalterlich geprägten Klein - und Mittelstädten konnte Grubers „Gestalt einer Stadt“ zu Rate gezogen werden. Sein städtebaulicher (und ideologischer) A n- satz mit der mittelalterlichen Bürgergesellschaft im Zentrum, die sich in „gebundener Fre i- heit“ ihre Städte erbaute, kam dem NS -Kolonisationsideal für die deutsche Besiedelung in Polen und Russland sehr nahe. Gruber selbst äußerte sich zwischen 1935 und 1940 wiede r- holt in Vorträgen und Vorlesungen zum „neuen deutschen Osten“, auch unter programmat i- scher Perspektive: „Wo liegt unsere Aufgabe auf dem Gebiet des Volkstumskampfs? Was ist zu tun? Als erstes und wich- tigstes, es muß ein Wall von deutschen Menschen an unserer so dünn besiedelten Ostgrenze entst e- hen. Wir müssen siedeln […] Außerdem müssen wir das Deutschbewußtsein heben und die Zwische n- schicht, die sonst dem Polentum anhe imfällt[,] für das Deutschtum werben. Deutsche sollen keine Polinnen heiraten. Deutsche Kindergärten müssen geschaffen werden. In den Städten des Ostens müssen Kulturzentren entstehen, damit dem Glanz Warschaus ein Gegengewicht geschaffen wird und das Gefühl kultureller Vereinsamung bei den Deutschen beseitigt wird. Mit Gewalt un d Krieg ist nichts zu machen – es ist eine kulturelle Volkstumsarbeit notwendig“ (Vortragsmanuskript, vermu t- lich Januar 1935, DAM, Nachlass). 226 Gruber nimmt 1935 Aspekte der „ethnogra phischen Neuordnung im Osten“ vorweg, die Adolf Hitler im Oktober 1939 proklamieren sollte (und die bekanntermaßen in der systemati- schen Vernichtung von jüdischen und nicht -jüdischen Menschen in Polen mündete, mit dem Ziel, Raum für deutsche Siedler zu sch affen). Im geheimen „Generalplan Ost“ (1941) war von einem „Wall deutschen Volkstums“ die Rede. Die Nähe zum NS -Gedankengut wird zudem deutlich, wenn man Grubers Diktion mit jener späterer Veröffentlichungen im Bereich „G e- staltung des neuen deutschen Siedl ungsraums im Osten“ vergleicht. Einzelne Autoren bez o- gen sich gar dezidiert auf Grubers planerische Grundsätze, wie Andreas Romero nachweist (S. 156 f.). Noch nach dem deutschen Einmarsch in Polen bekräftigte Gruber seine Begeist e- rung für den deutschen Ost en, den Raum der „mittelalterlichen Ostkolonisation“. In einem Vortragsmanuskript hielt er im Februar 1940 fest, was seines Erachtens nach (und in der für ihn typischen Perspektive) die Besonderheit des „deutschen Ostens“ ausmachte: „Ein mittelalterliches Amerika für unser Volk, ein Schmelztiegel aller deutschen Stämme und ein Raum, in dem die größten kulturellen, staatlichen und baukünstlerischen Ideen des Mittelalters Form gefunden haben“ (12.02.1940, DAM, Nachlass). Interessant bleibt festzuhalten, dass Karl Gruber – anders als in konservativen Kreisen seiner Zeit durchaus gängig, etwa bei Schultze-Naumburg – sein Geschichtsbild nicht von einer anti- semitisch-rassistischen Ideologie ableitete (dafür finden sich in seinen Veröffentlichungen und tradierten Manuskripten zumindest keine Hinweise). Andreas Romero gelangte daher zu dem Fazit: „Gruber begrüßt die Staatsform des ‚Dritten Reiches‘, sein Führerprinzip, nicht aber seine Inhal te“ (Romero, S. 153). In seiner Formsprache unternahm Gruber durchaus den Versuch, seinen Weg im Nationalsozialismus zu finden, wie Werner Durth konstatierte: „Grubers Suche nach Kompromissen mit der Kulturdoktrin des neuen Regimes ist unve r- kennbar“ (Durth, S. 245). 1943 nahm Gruber die Berufung zum wissenschaftlichen Mitglied der „Nikolaus-Kopernikus-Gemeinschaft – Vereinigung zur Erforschung des Reichsgaus Da n- zig-Westpreußen“ an, die im Mai des Jahres von Gauleiter und Reichstatthalter Albert For s- ter gegründet worden war (UA Darmstadt, 103 Nr. 232/9). Nachkriegszeit: Wiederaufbau und Entnazifizierung In seinem letzten Lebensabschnitt beschäftigte sich Karl Gruber besonders mit dem Wiede r- aufbau von Städten und Kirchen. Er brachte seine traditionsgebundene Vorstellung der A r- chitektur vielerorts ein – konnte sie aber nur zum Teil auch umsetzen. Bereits 1943/44 hatte er mit einem Wiederaufbauplan auf die teilweise Zerstörung der Lübecker Altstadt reagiert. Ähnlich wie in den Plänen nach 1945 sollten – Grubers Vorschlag nach – Baudenkmale als Kristallisationspunkte dienen, der Wiederaufb au in historischem Geist (nicht aber als Kopie) geplant und neuzeitliche Bebauung erst außerhalb des Stadtkerns zugelassen werden. Gr u- bers Pläne, die er im April 1944 vorlegte und die eine dichte Bebauung vorsahen (angelehnt an der mittelalterlichen Vogels chau, aber mit neuer Gebäude - und Nutzungsstruktur), fa n- den keine Verwendung. In Darmstadt leitete Gruber von 1945 bis 1947 die von OB Ludwig Metzger einberufene Wiederaufbaukommission der Stadt sowie bis 1948 den Wiederaufbau der TH (Generalbebauungsplan 1946, Schmidt, S. 81 f.). Gerade in Darmstadt prägten (und 227 prägen) Grubers oben genannte Kirchbauten das Stadtbild, die er vor allem in seiner Funkt i- on als Landeskirchenbaumeister der EKHN ab 1946 projektierte und umsetzte. Sein Wiede r- aufbauplan für die Stadt wurde von seinem Nachfolger Peter Grund hingegen nur auf einze l- ne Elemente begrenzt (etwa Arkaden in der Innenstadt) umgesetzt; Ähnliches gilt hinsich t- lich seiner Wiederaufbaupläne für Gießen. Gruber galt 1945 als politisch unbelastet. Im Fragebogen zu m Entnazifizierungsverfahren 1946 stufte er sich selbst als „nicht belastet“ ein mit der Begründung, er sei „ bewusst u. aus Ueberzeugung der Partei nicht beigetreten“. Zudem verwies er darauf, dass seine „ Berufung von der TH D anzig an die TH Darmstadt […] noch unter der alten Regierung im Januar 1933“ eingeleitet wurde. Im Februar 1947 wurde er als „v om Ge setz nicht betroffen “ eingestuft (diese Einstufung erhielten 22 der letzten 50 Lehrstuhlinhaber der TH Darmstadt). Bereits im August 1945 war seine Beschä ftigung an der TH Darmstadt „endgültig bestätigt“ worden. Er wurde zum ersten Dekan der neu implementierten Architektur -Fakultät b e- stimmt. Wie Isabel Schmidt herausgearbeitet hat, wurden unter Grubers Leitung zwei als politisch belastet entlassene Professo ren als „technische Hilfskräfte“ wieder eingestellt – was einem nicht unerheblichen Verstoß gegen die Auflagen der Amerikaner gleichkam (äh n- lich wurde mit entlassenen Professoren in anderen Fakultäten verfahren , Schmidt, S. 179 f.). Einer der beiden Professoren war Rudolf Geil, für dessen Rückbenennung sich Gruber später (erfolglos) einsetzen sollte (Schmidt, S. 217). Gruber setzte sich – erfolgreich – für die Ber u- fung von Ernst Neufert (der unter anderem Mitglied in Albert Speers Arbeitsstab „Wiede r- aufbau“ war) auf die Professur von Karl Lieser ein. Im Zuge des Entnazifizierungsverfahrens von Lieser, dem ehemaligen Rektor der TH Darmstadt (der Gruber 1933 diffamiert hatte), trat Gruber als einziger der gehörten Professoren als Belastungszeuge in Erscheinung (HHStAW, Abt. 520/Darmstadt -Zentral, Nr. 519782 , Hanel, S. 115 sowie Schmidt, S. 212); Liesers Rektoratszeit bewertete Gruber aber durchaus positiv (ebenso in einem Gutachten 1955, UA Darmstadt, 103 Nr. 64/2). Im Rahmen eines Kolloquiums anlässlich Gruber s 100. Geburtstags 1985 kam es zu hitzigen Diskussionen, auch Karl Grubers Nähe zum NS-Regime und seine Rolle nach 1945 betreffend. Ehemalige Schüler, Mitarbeiter und Kollegen verteidigten Gruber gegen die als Angriffe wahrgenommenen Ausführungen von Helmu t Böhme (siehe Literatur; Diskussion dokume n- tiert in Karl Gruber 100 Jahre, S. 73-117): Schon zu seiner Danziger Zeit sei Gruber von der „braunen“ Umgebung „scheinbar unberührt“ gewesen (S. 95); nach dem Krieg habe er den Studenten Halt vermittelt in einer haltlosen Zeit; er habe sich unter anderem durch eine g e- wisse Toleranz gegenüber Andersdenkenden ausgezeichnet, seine Lehre habe nicht auf „i r- gendwelchen vorgefaßten ideologischen Meinungen“ (S. 100) basiert, überhaupt habe er nie eine Ideologie vertreten; gerade auf die „Heimkehrergeneration“ habe er hingegen eine u n- geheure Kraft ausgestrahlt. Grubers Biograf Andreas Romero machte in seiner Bewertung von Grubers Rolle an der TH Darmstadt deutlich, dass zumindest eine Stilisierung Grubers als von den Nazis Diffamierter nicht haltbar sei (Romero, S. 147 f.): Gruber konnte in der NS -Zeit lehren, forschen, publizi e- 228 ren und bauen; war 1934 und 1935 Vorstand (Dekan) der Architektur -Abteilung; konnte an reichsweiten Wettbewerben (Verwaltungsforum in Frankfurt an d er Oder 1938, Rathaus - Neubau in Bromberg 1940) teilnehmen; seine finanzielle Existenz war nicht gefährdet (außer möglicherweise kurzzeitig im Sommer 1933). Grubers Haltung gegenüber dem NS -Regime wertete Romero als widersprüchlich: Trotz seiner Nähe zur NS -Ideologie (z. B. hinsichtlich des „neuen deutschen Ostens“) war er kein NSDAP -Mitglied. Während Kollegen aus dem „Block“ im NS -Regime mit staatlichen Aufträgen „überhäuft“ wurden, blieb ihm der Zugang zu öffentlichen Bauaufträgen zunächst ganz verschlossen und auch später nur in begrenztem Umfang möglich: „Hätte Karl Gruber einen der Wettbewerbe, an denen er teilnahm, gewinnen können, so hätte er wieder im Blickpunkt einer politischen Fachöffentlichkeit gestanden. So können wir sagen: Er hatte Glück gehabt; er konnte während des ‚Dritten Reichs‘ im Schatten seiner Professur leben und arbe i- ten, ohne sich exponieren zu müssen“ (Romero, S. 148). Quellen: BArch Berlin, NS 5-VI/17588 [Nachrecherche – noch NICHT eingesehen] BArch, Militärarchiv Freiburg, N 424 G ruber, Karl [Militärischer Nachlass, Laufzeit: 1914 -1921; B e- stand besteht größtenteils aus Aufzeichnungen, Karten - und Bildmaterial (auch Fotos) aus der Zeit des Ersten Weltkriegs – NICHT eingesehen] HHStAW, Abt. 520/Darmstadt-Zentral, Nr. 5603 (nur Meldebogen) HHStAW, Abt. 520/Darmstadt-Zentral, Nr. 519782 [Entnazifizierungsverfahren Karl Lieser] HStAD, H 3 Nr. 3561 [Kennkartenmeldebogen] HStAD, O 61 Wolf, Christa Nr. 434 HStAD, R 12 P Nr. 1768 [Presseberichte] HStAD, R 4 Nr. 14022 StadtA DA, ST 61, Gruber, Karl StadtA DA, Skizzen und Pläne (Planserie 05/1945) UA Darmstadt, 103 Nr. 64/2 [Personalakte Lieser] UA Darmstadt, 103 Nr. 232/8 + 103 Nr. 232/9 [zweibändige Personalakte Gruber] UA Darmstadt, 105 Nr. 120 [Akte „Volkssturm“] UA Darmstadt, Gruber, Karl Prof. Dr. [Pressemappe] Deutsches Architekturmuseum Frankfurt (DAM), Nachlass Karl Gruber Literatur: Böhme, Helmut: Anmerkungen eines Historikers zu Karl Grubers Werk. In: Karl Gruber 100 Jahre. Städtebauliches Colloquium an der Technischen Hochschule Dar mstadt am 3. Mai 1985 zum 100. Geburtstag Karl Grubers. Eine Dokumentation. Darmstadt 1987, S. 33-56. 229 Durth, Werner: Architekten an der Technischen Hochschule Darmstadt, 1930 -1950. In: Dinçkal, N o- yan/Dipper, Christof/Mares, Detlev (Hrsg.): Selbstmobilisier ung der Wissenschaft. Technische Hoc h- schulen im „Dritten Reich“. Darmstadt 2010, S. 233-253. Gruber, Karl: Die Gestalt der deutschen Stadt. Leipzig 1937. Gruber, Karl: Die Gestalt der deutschen Stadt. In: Ringshausen, Friedrich (Hrsg.): Jahrbuch der Volks - und Heimatforschung in Hessen und Nassau 1933 -1938. Verlag Volk und Scholle Darmstadt 1938, S. 79-89. Gruber, Karl (I): Der Neubau des Instituts für Technische Physik. In: Das Institut für Technische Physik der Technischen Hochschule Darmstadt. Darmstadt 1943. Gruber, Karl (II): Das deutsche Rathaus. München 1943. Hanel, Melanie: Normalität unter Ausnahmebedingungen. Die TH Darmstadt im Nationalsozialismus. Darmstadt 2014. Karl Gruber 100 Jahre. Städtebauliches Colloquium an der Technis chen Hochschule Darm stadt am 3. Mai 1985 zum 100. Geburtstag Karl Grubers. Eine Dokumentation. Darmstadt 1987. Romero, Andreas: Baugeschichte als Auftrag. Karl Gruber. Architekt, Lehrer, Zeichner. Braunschweig 1990. Schmidt, Isabel: Nach dem Nationalsozialismus. Die TH Darmst adt zwischen Vergangenheit und Z u- kunftsmanagement (1945-1960). Darmstadt 2015. Straub, Karl Willy: Die Architektur im Dritten Reich. Stuttgart 1932. Viefhaus, Marianne: Gruber, Karl. In: Stadtlexikon Darmstadt (2006), S. 329 f. [überarbeitete und erweiterte Online-Version: Anne Holtmann-Mares]. Weihsmann, Helmut: Bauen unterm Hakenkreuz. Architektur des Untergangs. Wien 1998. 230 Habichweg (L 8), benannt 1958 nach Ludwig Habich (1872-1949) Darmstädter Bildhauer * 2. April 1872 in Darmstadt 1878-1890 Schulbes uch in Darmstadt (Vorschule des Ludwig -Georgs-Gymnasium, Ludwig -Georgs- Gymnasium, Realgymnasium) 1879-1886 Zeichnen und Modellieren beim Darmstädter Bildhauer Benedikt König 1887-1890 Unterricht am Städelschen Kunstinstitut in Frankfurt am Main 1890 Abschluss des Realgymnasiums in Darmstadt 1890-1892 Studiu m der Bildhauerei an der Kunsta kademie in Karlsruhe (zusammen mit seinem Freund Adolf Beyer), Schüler von Hermann Volz 1892-1896/1900 Studium der Bildhauerei in München, (Meister-)Schüler bei Wilhelm von Rümann 1892 Beginn der Tätigkeit als Porträtist am großherzoglichen Hof in Darmstadt 1894 erstes Modell von Großherzog Ernst Ludwig von Hessen und bei Rhein 1898 Gründungsmitglied der „Freien Vereinigung Darmstädter Künstler“ 1899 Eines der sieben Gründungsmitglieder der Künstlerkolonie Darmstadt 1900 Lebensgroße Figur „Den Sternen entgegen“, in der NS-Zeit mit „Der deutsche Gruß“ tituliert 1901 Monumentalfiguren („Mann“ und „Frau“) am Ernst -Ludwig-Haus sowie Wandbrunnen am O l- brich-Haus, Mathildenhöhe Darmstadt 1901/1904 Beteiligung an den Ausstellungen der Künstlerkolonie (Bronzeplastiken, Medaillen, Schmuckstücke) 1901 „Habich-Villa“ als Wohnhaus für Habich von Joseph Maria Olbrich entworfen und umgesetzt Ab 1901 Bildhauerkurse an der Kunstschule von Adolf Beyer in Darmstadt 1902 Alice-Denkmal auf dem Wilhelminenplatz, Darmstadt 1903 Goethe-Denkmal im Herrengarten, Darmstadt (Architekt: Adolf Zellner) 1904 Hochzeit mit Sophie Freiin Löw von und zu Steinfurth (zwei Kinder) 1905 Gottfried-Schwab-Denkmal, Mathildenhöhe Darmstadt 1906 Bismarck-Denkmal auf dem Ludwigplatz, Darmstadt 1906-1910 Professor für Bildhauerei an der TH Stuttgart 1910-1937 Professor für Bildhauerei an der Akademie der bildenden Künste in Stuttgart 1913 Hirsch-Figur auf dem Kuppeldach des Kunstgebäudes in Stuttgart 1914 Mitglied des Denkmalsrats für Württemberg 1915-1918 Kriegsdienst als Soldat im Ersten Weltkrieg (Ostfront, Rang: Leutnant) 1918-1919 Direktor der (Württembergischen) Akademie der bildenden Künste in Stuttgart 1933-1945 Mitglied der NSDAP (Mitglieds -Nr.: 3234552), Ortsgruppe Stuttgart, ab 1937 Ortsgruppe Darmstadt 231 Ca. 1933-1945 Mitglied der NSV Ca. 1933-1945 Mitglied der RKK 1937 Emeritierung, Rückkehr nach Darmstadt (Villa Habich, Mathildenhöhe) 1940 Mitglied des Beirats für Kultur und Volksbildung der Stadt Darmstadt 1944/1945 wegen Zerstörung seines Darmstädter Wohnhauses zunächst wohnhaft in Traisa bzw. Eberstadt 1945 Umzug nach Jugenheim an der Bergstraße † 20. Januar 1949 in Jugenheim Ehrungen: 1895 Große Silberne Akademie-Medaille in München (für Columbus-Denkmal in Bremerhaven) 1897 Kleine Goldmedaille der Internationalen Kunstausstellung München Weitere goldene, silberne und bronzene Medaillen im In- und Ausland für seine Kunstwerke 1900 Ritterkreuz I. Klasse des Verdienstordens Philipps des Großmüthigen 1902 Verleihung des Professorentitels 1916 Eisernes Kreuz II. Klasse 1917 Hessische Tapferkeitsmedaille 1940 Kulturpreis der Stadt Darmstadt für „Der deutsche Gruß“ ( erstmals vergeben; mit 3.000 RM dotiert) 1972 Ausstellung im Ernst-Ludwig-Haus Darmstadt Wirken in der NS-Zeit Ludwig Habich, renommierter Darmstädter Bildhauer und eines der ersten sieben Mitglieder der Künstlerkolonie, hatte sein Hauptwerk 1933 bereits vollendet. In Darmstadt zeugen zah l- reiche Statuen, D enkmäler und Reliefs bis heute von seiner aktiven Zeit in der Künstlerkol o- nie (1899-1906). Von 1910 bis 1937 wirkte Ludwig Habich als Professor für Bildhauerei an der Akademie der bildenden Künste in Stuttgart, unterbrochen durch seinen Militärdienst im Er sten Weltkrieg (in den Jahren 1918 und 1919 war er als Direktor der nun „Württembergische Akademie der bildenden Künste“ genannten Institution tätig). Nach seiner Emeritierung im Jahr 1937 zog Habich wieder in seine Heimatstadt Darmstadt, wo er auf der Mat hildenhöhe die „Villa H a- bich“ bewohnte, bis diese beim Bombenangriff vom 11./12. September 1944 zerstört wurde. Er kam kurzzeitig in Traisa bzw. in der Villenkolonie Eberstadt unter, bevor er im Oktober 1945 nach Jugenheim an der Bergstraße zog, wo er im Januar 1949 verstarb. Ludwig Habich war von 1933 bis 1945 Mitglied der NSDAP (Mitglieds -Nr.: 3234552; Eintritt datiert auf den 1.5.1933). Zudem war er Mitglied der NSV sowie der RKK. 232 Laut dem Werkverzeichnis von Peter Weyrauch hat Habich in der NS -Zeit nur wenige neue Werke umgesetzt. Einige bereits angefertigte Gips -Modelle wurden in der „Brandnacht“ 1944 zerstört und in der Folge nicht mehr ausgeführt. Im Dezember 1940 wurde Habich die Ehre zuteil, den neu ins Leben gerufenen „Kulturpreis der Stadt Darmsta dt“ zu erhalten, der mit 3.000 RM dotiert war. Gauleiter Jakob Sprenger zeigte sich auf Anfrage mit der Verleihung einverstanden. Der Preis wurde am 30. Dezember 1940 durch OB Otto Wamboldt feierlich überreicht. Wamboldt würdigte in seiner Ansprache Habichs Lebenswerk, machte aber deutlich, dass ihm der Kulturpreis vornehmlich für seine Skulptur „Der deutsche Gruß“ verliehen wurde (so steht es auch auf der Urkunde geschri e- ben). Die lebensgroße Bronzestatue hebt den ausgestreckten rechten Arm zum Gruß. Sie geht zurück auf eine Figur , die Habich bereits um 1900 in ganz ähnlicher Weise geschaffen hatte (Änderungen sind nur im Detai l festzustellen). Damals war die Plastik noch „Den Ste r- nen entgegen“ (Weyrauch, S. 69) tituliert; im Zeichen der „neuen Bewegung“ li eß sich der Jünglingskörper „zeitgemäß -germanisierend“ umarbeiten und umdeuten (bereits 1933/34 hatte Habich eine Statue unter dem Titel „Empor“ basierend auf „Den Sternen entgegen“ in getöntem Gips geschaffen, Weyrauch, S. 75). „Der völlig unpolitische Kü nstler wollte den neuen Machthabern sicherlich nicht schmeicheln“, urteilt zumindest Habichs Biograf Peter Weyrauch (S. 157). In Habichs Werk finden sich im Übrigen zahlreiche „edle, herrliche Jün g- lingsgestalten“ (Heyfelder, S. 56), die dem NS -Ideal einer Plastik entsprachen, jedoch in e i- nem anderen Kontext entstanden. In seiner Dankesrede anlässlich der Verleihung des Ku l- turpreises, die in der Presse zitiert wurde, griff Habich eher aktuelle Bezüge auf: „Unsere Arbeit für die deutsche Kultur muß eine Danke sleistung sein für die heldenhaften Taten u n- seres Soldaten. Eine ganz besondere Aufgabe erwartet uns hier in Darmstadt, nämlich im Sinne des Appells des Führers Heimstätten und Siedlungen in wirklich künstlerischer Gestaltung und Durchfo r- mung zu schaffen. Hierbei werden bildende Künstler aller Art sowie die Architekten große Möglic h- keiten haben“ (Hessischer Landbote, 31.12.1940). Ebenfalls 1940 wurde Habich zum Mitglied des Beirats für Kultur und Volksbildung der Stadt Darmstadt ernannt (Weyrauch, S. 148). Seit seiner Kindheit war Habich befreundet mit Adolf Beyer, mit dem er nach seiner Rüc k- kehr nach Darmstadt wieder regelmäßigen Kontakt pflegte; beide wohnten in unmittelbarer Nachbarschaft. Gemeinsam mit Beyer erlebte Habich die „Brandnacht“ 1944 in einem Keller. Entnazifizierungsverfahren In seinem Meldebogen zum Entnazifizierungsverfahren gab Habich seine Mitgliedschaft in der NSDAP 1933-1945 zu Protokoll – seine aus Anfragen verbrieften Mitgliedschaften in NSV und RKK gab er hingegen nicht an. Aus Habich s Angaben geht zudem hervor, dass er (auch nach seiner Emeritierung 1937) über relativ hohe Einkünfte verfügte. In der Akte finden sich (ausschließlich) zahlreiche „Persilscheine“ tradiert, die Habich unis o- no darstellen als unpolitischen Künstler, der sich nur der Bildhauerei verpflichtet sah; der während des NS-Regimes keine (staatlichen) Aufträge für NS-Kunst erhalten habe; auch nach 233 1933 noch Kontakt zu vielen jüdischen Freunden pflegte; nie an NS -Aufmärschen oder Ve r- sammlungen teilgenommen, dafür sein ganzes Hab und Gut im Krieg verloren habe. Allein aufgrund seiner Mitgliedschaft in der NSDAP wurde in der Klageschrift dennoch die Einstufung Habichs in Kategorie III (Minderbelastete) beantragt („Andererseits muß dem Betroffenen entgegengehalten werden, d aß er durch seine Mitgliedschaft zur NS -Partei von allem Anfang bis zum Zusammenbruch einen Teil der Schuld mitzutragen hat, daß die G e- waltpolitik Hitlers festen Boden fand“). Das Gericht schloss sich dieser Auffassung nicht an, folgte hingegen der Einschä tzung von Habichs Anwalt, stufte Habich in Kategorie IV (Mitlä u- fer) ein und verurteilte ihn zu einer einmaligen Zahlung von 500, - RM (27.10.1947). In der Urteilsbegründung wurde auf die oben genannten Zeugenaussagen rekurriert und wörtlich erwähnt, dass we gen „dieser seiner Einstellung […] er vielfach Anfeindungen und Schikanen ausgesetzt“ gewesen sei. Einer der beiden Beisitzer des Gerichts war Peter Grund. Quellen: BArch Berlin, NS 5-VI/17592 [nachträglich recherchiert – noch NICHT eingesehen!] BArch Berlin, BDC, NSDAP-Mitgliederkartei HHStAW, Abt. 520/Darmstadt-Land, Nr. 5142 HStAD, R 12 P Nr. 1860 [Im HStAD unter R4 Portrait von Ludwig Habich (Zeichnung) sowie Bilder der Statuen „Deutscher Gruß“ und dessen Vorbild „Empor“] StadtA DA, ST 61, Habich, Dr. Ludwig et al. Literatur: Heyfelder, Erich: Ludwig Habich und seine Bildhauerschule an der Stuttgarter Kunstakademie. In: Schwäbisches Heimatbuch. Stuttgart 1935, S. 53-66. Ulmer, Renate: Habich, Ludwig. In: Stadtlexikon Darmstadt (2006), S. 339. Weyrauch, Peter: Der Bildhauer Ludwig Habich (1872-1949). Darmstadt 1990. 234 Hahne-Schorsch-Platz (H 8), benannt 1976 [NICHT: 1953!] nach Georg Hahn (1881-1972) Obermeister der Darmstädter Fahrrad-Mechaniker-Innung * 20. August 1881 in Darmstadt Besuch der Mittelschule in Darmstadt; Ausbildung zum Mechaniker (Schlosser Stroh, Arheilger Str.) 1900-1902 Angehöriger der Kaiserlichen Marine (auf verschiedenen Schiffen), Teilnahme an der Ni e- derschlagung des Boxeraufstands in China; insgesamt über zwei Jahre in Asien 1902 Nach der Rückkehr nach Darmstadt Arbeit als Geselle in verschiedenen Firmen 1913 Eröffnung eines eigenen Fahrradgeschäfts (erstes Verleihgeschäft für Fahrräder in Darmstadt) in der Heinheimer Straße; später Umzug in die Große Ochsengasse sowie in die Schwanengasse (heu- tige Robert-Schneider-Straße/Ecke Schlossgartenplatz) 1914-1918 Teilnahme am Ersten Weltkrieg (Marine, 1914 Wilhelmshafen) 1919 Mitgründer und zeitweise Vorsitzender des „Darmstädter Radsportclubs“ 1924 Teilnehmer der Deutschlandfahrt (Motorradrennen) 1924 Gründungsmitglied der „Vereinigten Fahrradhändler Darmstadts“ 1924 Firma Georg Hahn & Co., zu der Zeit bestehend aus Fahrrad -Reparaturwerkstatt in der Großen Ochsengasse sowie Fahrrad -Ladengeschäft in eigenem Haus, erhielt den Namenszusatz „ Fahrrad- haus“ und wurde als „offene Handelsgesellschaft“ geführt; Gesellschafter: Georg Hahn, Mechaniker in Darmstadt, und Levi Seligmann, Kaufmann in Darmstadt 1928-1945 Mitglied des Reichkriegerbunds (ab 1938: NS-Reichkriegerbund) 1930 Auflösung der offenen Handelsgesellschaft zwischen Georg Hahn und Levi Seligmann 1933 Leitung (Obermeister) der Darmstädter Fahrrad-Mechaniker-Innung 1941-1945 Mitglied des RLB 1942 und 1944 Zerstörung der Werkstätte durch Bombenangriff (jeweils Wiederaufbau) 1951 Initiator des Wiederauflebens der Martinskerb 1952 Initiator der Neugründung des „Bezirksvereins Martinsviertel“ (1894 gegründeter Bezirksverein war 1933 vom NS-Regime aufgelöst worden) 1952 Wiedergründung und Vorsitzender des Marinevereins Darmstadt 1963 50-jähriges Jubiläum des Fahrradhauses; Eigentümer: Sohn Georg † 21. Januar 1972 in Darmstadt Sportleiter des „Darmstädter Motorsportclubs“; Organisator von Rad - und Motorradrennen in und um Darmstadt Ehrungen: 1923 Großer Garbati-Preis (als Sieger des Motorradrennens Zürich-Berlin) 1955 Ehrennadel für 50 Jahre unfallfreies Fahren 235 1956 Ehrenvorsitzender Bezirksverein Martinsviertel 1961 Ehrenurkunde für verdiente Bürger der Stadt Darmstadt Ehrenmeister des Deutschen Mechaniker-Handwerks Ehrenpräsident des Starkenburger Automobil- und Motorsportclubs Ehrenpräsident des Marinevereins Darmstadt Wirken in der NS-Zeit Georg Hahn, besser als „Hahne -Schorsch“ oder „Hahne-Goggel“ bekannter aktiver „Martins- viertler“, war in der NS-Zeit als Fahrrad-Schlossermeister Inhaber eines Fahrradgeschäfts und Obermeister der Fahrrad-Mechaniker-Innung in Darmstadt. Als gelernter Mechaniker und begeisterter Radrennfahrer hatte Hahn 1913 einen Fahrradl a- den in der Heinheimer Straße eröffnet, mit dem ersten Fahrrad -Verleih in Darmstadt . 1929 befand sich das Geschäft mit Zweirad -Werkstatt („Fahrradhaus Georg Hahn & Co. oHG“) in der Schwanenstraße (heute Robert -Schneider-Straße)/Ecke Schlossgartenplatz. Seit 1933 war Hahn als Obermeister mit der Leitung der Darmstädter Fahrrad -Mechaniker-Innung be- traut. Mitgesellschafter des Fahrradhauses wa r Levi Seligmann. Laut überlieferter Akten im Staatsarchiv Darmstadt (HStAD, G 28 Darmstadt Nr. R 1157) wurde die offene Handelsgesell- schaft zwischen Georg Hahn und Levi Seligmann 1930 aufgelöst; der Grund da für geht aus den Akten nicht hervor. Im genannten Bestand findet sich eine Anfrage der Adam Opel AG aus dem Jahr 1936 nach den Inhabern der Firma Georg Hahn & Co. in den Jahren 1928 und 1929. Der Hintergrund für diese Anfrage ließ sich ebenfalls nicht eindeutig klären. Die Liegenschaft Schwanenstraße 12, auf der das Fahrradhaus angesiedelt war, gehörte dem Juden Arie Zwickler, der sich seit 1934 Arie Stiel nannte. 1939 taucht e in Dokumenten als Eigentümer ein Robert Krüger auf (Kaufmann, wohnhaft in Putbus). Über die genauen Moda- litäten des Eigentümerwechsels – und ob Georg Hahn hierbei eine Rolle spielte – konnte nichts Näheres in Erfahrung gebracht werden. Georg Hahn war kein NSDAP -Mitglied und gehörte auch keiner anderen genuinen NS - Organisation an. Von 1 928 an war er Mitglied des Reichskriegerbunds, der 1938 in NS - Reichkriegerbund umbenannt wurde; zwischen 1941 und 1945 war er eigenen Angaben fo l- gend Mitglied des RLB. Er war kein Mitglied der Wehrmacht. Im Fragebogen zum Entnazifizierungsverfahren (HHStAW) gab er als Begründung zu Prot o- koll (für seine Annahme, das Gesetz träfe auf ihn nicht zu) : „War stets Nazigegner u. Antif a- schist“. Zu Beginn der 1950er Jahre machte sich Hahn als Initiator der Martinskerb und der Ne u- gründung des Bezirksvereins Martinsvie rtel einen Namen. Er wurde als „Borjemaaster vom Watzeverdel“ tituliert, war Vorsitzender (und später Ehrenvorsitzender) zahlreicher Vereine und (beruflicher) Verbände. Laut dem vorliegenden „Straßenverzeichnis der Stadt Darmstadt mit Erläuterungen zur N a- mensgebung“ soll der Hahne -Schorsch-Platz im Martinsviertel 1953 nach Georg Hahn b e- 236 nannt worden sein – also noch zu dessen Lebzeiten. Den Akten des Beirats für Straßenb e- nennungen und übereinstimmenden Zeitungsmeldungen folgend, wurde der Hahne - Schorsch-Platz allerdings 1976 benannt ( also posthum). Im Protokoll des Beirats für Straße n- benennung aus dem Jahr 1977 findet sich die Klage darüber, dass der Magistrat den Platz eigenmächtig benannt habe: „Der Beirat für Straßenbenennung zeigte hiervon sein Befre m- den, da er nicht wie üblich vor der Benennung gehört wurde.“ Quellen: HHStAW, Abt. 520/Darmstadt-Zentral, Nr. 20565 (nur Meldebogen) HStAD, G 28 Darmstadt Nr. R 1157 HStAD, H 3 Nr. 64178 [Kennkartenmeldebogen] StadtA DA, ST 61, Hahn, Georg StadtA DA, Nachlass Carlo Schneider, Straßennamen in Darmstadt II [Dokumente 1974-1982] [http://www.dfg-vk-darmstadt.de/Lexikon_Auflage_2/ZwicklerArie.htm] Zugriff: 19.09.2016 [http://www.marineverein-darmstadt.de/3.html] Zugriff: 19.09.2016 Literatur: Christ, Alexa-Beatrice: Hahn, Georg. In: Stadtlexikon Darmstadt (2006), S. 342 f. 237 Elisabeth-Hattemer-Straße (F 9), benannt 2011 nach Elisabeth „Else“ Hattemer (1870-1948) Politikerin * 9. Januar 1870 in Bensheim (geb. Hemmes) Ausbildung zur Oberschullehrerin im katholischen Internat Moselweis; im Anschluss für kurze Zeit Lehrerin in Vallendar (bei Koblenz) sowie in Köln 1898 Hochzeit mit dem Gymnasialprofessor Karl Hattemer (vier Kinder) , Umzug nach Michelstadt (Odenwald), Hausfrau und Mutter 1901 Umzug nach Darmstadt, wo ihr Mann am Neuen Gymnasium lehrte Um 1909 Mitglied des Katholischen Mädchenschutzvereins sowie des Elisabeth Vereins St. Martin in Darmstadt 1912 Mitglied der städtischen Armen- und Fürsorgedeputation 1913 Tod ihres Mannes; alleinerziehende Mutter 1916 Teilnahme an Tagung des Katholischen Deutschen Frauenbunds im Berliner Reichstag 1919 (möglicherweise schon früher) Vorsitzende der Ortsgruppe Darmstadt des Katholischen Deut- schen Frauenbunds (KDF), später dessen Landesvorsitzende 1919-1933 Mitglied des Hessischen Landtags für das Zentrum 1922 Mitglied des Reichsfrauenbeirats und Reichsausschusses des Zentrums 1924/1928 Kandidatin des Zentrums für die Reich stagswahlen (auf hinterem Listenplatz – aber 1928 als erste Frau; kein Einzug) 1925-ca. 1939 Leiterin des Caritassekretariats in Darmstadt 1928 Schiffsreise mit einem ihrer Söhne 1944 Zugriff durch Gestapo durch Wohnungswechsel verhindert (Quelle: Aussage Enkelin) 1945 Nach dem Krieg aushilfsweise Lehrerin in Viernheim † 19. Dezember 1948 in Viernheim Mitglied des Diözesan-Caritas-Vorstands Ehrungen: 1918 Verleihung des Ehrenzeichens für Kriegsfürsorge durch Großherzog Ernst Ludwig von Hessen und bei Rhein Ehrenvorsitzende des Katholischen Frauenbunds Darmstadt Ehrenkreuz Pro Ecclesia et Pon tifice (päpstliche Auszeichnung für besondere kirchliche Verdienste; verliehen anlässlich der Priesterweihe ihres zweiten Sohnes – auch der erste war Priester) 238 Wirken in der NS-Zeit Elisabeth „Else“ Hattemer war die einzige weibliche Abgeordnete in der Fraktion des Zen t- rums im Landtag des Volksstaats Hessen (und zwar in allen sechs Wahlperioden 1919-1933). Ingrid Langer beschrieb das Naturell von Else Hattemer wie folgt: „Sie vereinigte in ihrer Person und in ihrer Biografie – von ihr selbst zutiefst glaubwürdig gelebt und dargestellt – Mütterlichkeit mit individuellem Selbstbewusstsein, Naivität und Kompetenz, sowie biedere Provinzialität mit katholisch -motivierter Disziplin, die von einem warmen Interess e an den Menschen begleitet war“ (Langer, S. 166). Die Überlieferung h insichtlich der Biografie Else Hattemers fokussiert auf deren Wirken als Landtagsabgeordnete 1919-1933. „Sittenreinheit“, vom Katholischen Deutschen Frauenbund (KDF) früh als Leitlinie für alles Tu n propagiert, ließe sich auch als Richtschnur für die Arbei t von Hattemer im H essischen Landtag definieren. Sie setzte sich in Anfragen und Debatten für (christlich geprägte) Mädchenbildung sowie Sozialfürsorge ein und kämpfte entschieden gegen das sogenannte „Entfesselte Theater“ in Darmstadt. Ihre kulturelle Sto ßrichtung wird gut anhand eines von ihr gemeinsam mit der Zentrums -Fraktion 1929 eingereichten Antrags zum Thema „Auswüchse in den Darstellungen des Kinos, Theater[s] und in den Auslagen der Zeitungsstände“ deutlich. In der Debat te hierzu gab Else Hattemer den Ton an („Kampf um Sein oder Nichtsein der sittlichen Kultur des deutschen Volkes“, „Mißachtung der Fraue n- würde“ etc., zitiert nach Langer, S. 214). Sie kritisierte in ihrer Rede einzelne Theaterstücke in der Tendenz als „vollkommen bolschewistisch“, a lle christlich denkenden Menschen wür- den sich „mit Empörung und Ekel“ davon ab wenden. In ihren Attacken wu rde sie von Abge- ordneten der DNVP (darunter Ferdinand Werner) unterstützt. Über Else Hattemers Wirken in der Zeit nach 1933 gibt es relativ wenige bel astbare Informa- tionen. Ilse Langer stützt sich in ihrem biografischen Abriss hier hauptsächlich auf Aussagen einer Enkelin. Demnach behielt Hattemer ihre Ämter in KDF und Caritas auch nach 1933 i n- ne. In Hattemers Wohnhaus in der Herrmannstraße, dessen erst en Stock sie bis 1939 b e- wohnte, befanden sich parterre das Caritas -Büro, deren Leiterin sie war, sowie eine Kinde r- krippe, die von Schönstädter Schwestern betrieben wurde. Beide Einrichtungen mussten im Laufe der 1930er Jahre geschlossen werden. Hattemer zo g sich aus dem öffentlichen Leben weitgehend zurück, bezog zunächst eine kleinere Wohnung innerhalb Darmstadts und wohnte ab 1940 die meiste Zeit in Viernheim bei einem ihrer Söhne, der dort Pfarrer war. Sie blieb aber weiterhin in Darmstadt gemeldet. Laut ihrer Enkelin wurde nach dem Attentat s- versuch auf Hitler am 20. Juli 1944 nach Else Hattemer in Darmstadt gefahndet, die sich zu der Zeit aber in Viern heim aufhielt und sich so einer möglichen Verhaftung habe entziehen können (zumindest der Landeshauptkas se Darmstadt war allerdings ab 1943 ihre Adresse in Viernheim durchaus bekannt, wie entsprechende Dokumente belegen, HStAD, G 35 E Nr. 4367). „Den Nationalsozialismus lehnte sie rigoros ab“, hieß es ohne weitere Erläuterung bei Ingrid Langer, S. 221 (im Wortlaut übernommen im – nur wenige Zeilen umfassenden – Bei- trag von Agnes Schmidt im Stadtlexikon Darmstadt). 239 Nach Kriegsende – Else Hattemer war bereits 75 Jahre alt – gab sie auf Drängen ihres Sohn s aushilfsweise Unterricht für Jugendliche in Viernheim. A uch im KDF war sie weiterhin aktiv: Das Protokoll einer Tagung in Frankfurt am Main vom 12.03.1946 vermerkt e, dass „Frau Prof. Hattemer“ die Anwesenden begrüßte und in ihrer Rede betonte, „dass wir Frauen, auch wenn wir in der heutigen Zeit arm dastehen un d alles verloren haben, eine Gemei n- schaft bilden müssen, die Gott sehen und nur sich einen Tempel der Liebe bauen“ (zitiert nach Langer, S. 221). Es ließen sich keine Entnazifi zierungsdokumente zur 1948 verstorbenen Elisabeth Hattemer recherchieren. Quellen: StadtA DA, ST 61, Hattemer, [u. a.] Else, geb. Hemmes HStAD, G 35 E Nr. 4367 HStAD, R 4 Nr. 20247 und Nr. 4871 UF Literatur: Langer, Ingrid: Zwölf vergessene Frauen. Die weiblichen Abgeordneten im Parlament des Volkstaates Hessen. Ihre politische Arbeit – ihr Alltag – ihr Leben. Frankfurt am Main 1989, S. 166-221. Rack, Klaus-Dieter/Vielsmeier, Bernd (Hrsg.): Hessische Abgeordnete 1820-1933. Biografische Nach- weise für die Erste und Zweite Kammer der Landstände des Großherzogtums Hessen 1820-1918 und den Landtag des Volksstaats Hessen 1919-1933. Darmstadt 2008. Schmidt, Agnes: Hattemer, Elisabeth. In: Stadtlexikon Darmstadt (2006), S. 351. 240 Gerhart-Hauptmann-Straße (E-F 8), benannt 1953 nach Gerhart Hauptmann (1862-1946) Schriftsteller * 15. November 1862 in Ober Salzbrunn (Schlesien) 1868-1878 Schulbesuch in Breslau (Dorf- und Realschule) 1878-1879 Landwirtschaftsausbildung, aus gesundheitlichen Gründen abgebrochen 1880-1882 Besuch der Bildhauerklasse der Kunst- und Gewerbeschule in Breslau 1881 „Liebesfrühling. Ein Lyrisches Gedicht“ (erste Veröffentlichung, Privatdruck) 1882-1883 Besuch von Vorlesungen in Philosophie und Literaturwissenschaft an der Universität Jena 1883 Arbeit als freier Bildhauer in Rom (künstlerisches Scheitern und Typhuserkrankung) 1884-1885 Zeichenausbildung in Dresden und Studium der Geschichte in Berlin (abgebrochen) 1885 Heirat mit Marie Thienemann, drei Kinder 1889 „Vor Sonnenaufgang“ (Uraufführung des Stücks begründet Ruhm als Dramatiker) 1892 „Die Weber“ (Hauptwerk) 1904 Nach Jahren in Trennung Scheidung von seiner Frau Marie und Heirat mit Margarete Marschalk, mit der er bereits einen Sohn hatte (1900) und seit 1901 weitgehend in Agnetendorf (Schlesien) lebte 1905 Mitglied der „Gesellschaft für Rassenhygiene“ 1910 „Der Narr in Christo Emanuel Quint“ (erste Romanveröffentlichung) 1913 „Atlantis“ (erste Verfilmung eines seiner Werke) 1918 Öffentliches Bekenntnis zur Republik 1926-1943 Sommermonate auf Hiddensee 1928 Eintritt in die Sektion für Dichtkunst der Preußischen Akademi e der Künste (1926 noch abg e- lehnt) 1932 Amerikareise anlässlich des Goethejahrs 1933 Unterzeichnung einer Loyalitätserklärung der Deutschen Akademie der Dichtung 1933 Antrag auf Mitgliedschaft in NSDAP wird abgelehnt [für diesen Antrag gibt es keine Belege , nur Zeitzeugenaussagen!] 1940-1944 Atriden-Tetralogie: Iphigenie in Delphi, Iphigenie in Aulis, Agamemnons Tod, Elektra 1942 Erscheinen der Ausgabe letzter Hand in 17 Bänden 1942 Hauptmann-Büste von Arno Breker 1943-1944 Arbeit am Roman „Der neue Christophorus“ 1944 „Mignon“ (Novelle; erscheint posthum 1947) † 6. Juni 1946 in Agnetendorf/Schlesien 241 Ehrungen: 1896-1905 Grillparzer-Preis (1896, 1899, 1905) 1905 Volksschiller-Preis, Ehrendoktor der University of Oxford, Ehrenmitglied der Berliner Secession 1909 Ehrendoktor der Universität Leipzig 1912 Nobelpreis für Literatur 1922 Ehrungen anlässlich seines 60. Geburtstags (darunter Gerhart-Hauptman-Festspiele in Breslau, Goethe-Preis der Stadt Frankfurt am Main, Adlerschild des Deutschen Reichs, Ehrenbürgerschaften) 1924 Orden Pour le Mérite (Friedensklasse) 1932 Ehrendoktor der Columbia University 1942 Ehrungen anlässlich seines 80. Geburtstags (darunter Niederschlesischer Schrifttumspreis, S i- ling-Ring, Ehrenring der Stadt Wien, „Hauptmann-Tage“ in Wien) 1944 Aufnahme auf sogenannte „Gottbegnadeten-Liste“: Auflistung der unersetzlichen Künstler (als einer von sechs Schriftstellern) Posthum Benennung von Straßen und Schulen; mehrere Gedenkstätten und Denkmäler Wirken in der NS-Zeit Gerhart Hauptmann, bedeuten der deutscher Dramatiker/Schriftsteller um die vorvergang e- ne Jahrhundertwende und 1912 Träger des Literatur -Nobelpreises, zeigte sich von der Pe r- son Adolf Hitler begeistert, lehnte aber zentrale Elemente der NS-Ideologie ab. „Hauptmann war kein Parteimann (geschweige denn ein Parteigenosse) und wurde es auch nach 1933 nicht, er war aber empfänglich für die von Hitler ausgehende Faszination, sofern sich dieser als unabhängiger Einzelner, als ‚Weltgenie‘ inszenierte“, konstatierte Haup t- manns Biograf Peter Spr engel in seiner jüngst erschienen Veröffentlichung zu „Gerhart Hauptmann im ‚Dritten Reich‘“ (Sprengel 2015, S. 132). Tatsächlich war Hauptmann kein Mitglied der NSDAP; Sprengel schätzt die Geschichte über einen angeblichen Mitgliedsantrag Hauptmanns, der nicht bewilligt worden sei, als eher unglaubwürdig ein (vgl. dazu u. a. den Eintrag „Gerhart Hauptmann“ bei Wikipedia). Auf der einen Seite verehrte Hauptmann Adolf Hitler, mit dessen Werk „Mein Kampf“ er sich intensiv auseinandersetzte (er bezeichnete das Werk als „die in der Tat sehr bedeutende Hitlerbibel“, Klee, S. 232), auf der anderen Seite lehnte er die NS -Rassentheorie (und die da- von abgeleiteten Rassengesetze vom Sommer 1935) kategorisch ab – obgleich er 1905 eines der ersten Mitglieder der „Gesell schaft für Rassenhygiene“ war. Er bewunderte den Redner Hitler, reichte ihm anlässlich der feierlichen Eröffnung der Reichskulturkammer am 15. N o- vember 1933 (Hauptmanns 71. Geburtstag) symbolträchtig die Hand und goutierte, dass sein Stück „Die goldene Harfe“ – laut Presseberichten „auf besondere Verfügung des Reichskan z- lers Adolf Hitler“ – anlässlich der Grundsteinlegung für das „Haus der Deutschen Kunst“ in München uraufgeführt wurde. „Rassenmischungen“ galten ihm jedoch als Bereicherung („Trotz Nürnberg und Gott weiß was, Gott / Ich jedenfalls bin ein Hottentott“, zitiert nach Sprengel 2009, S. 84); gleichfalls hegte er kein Verständnis für NS -Euthanasie-Maßnahmen (Sprengel 2015, S. 134). 242 Entgegen einer verbreiteten Vorstellung hatte Hauptmann kaum unter Aufführungsverboten zu leiden – mit einer wichtigen Ausnahme: An eine Aufführung seines zentralen Werks „Die Weber“ war zwischen 1933 und 1945 nicht zu denken. Einzelne, weniger zentrale Stücke fielen der Zensur zum Opfer; andere Werke, die sich leichter a n der Blut -und-Boden- Ideologie anlehnen ließen, stiegen aus der Versenkung. Der bereits erwähnten ersten Urau f- führung während der NS -Zeit im Jahr 1933 folgten weitere fünf Premieren, wenngleich z u- nächst nicht auf führenden Bühnen. Erst vor dem Hintergrund des Einflusses des Kriegs (und der damit einhergehenden „Lockerung der kulturpolitischen Zügel“, Sprengel 2015, S. 137) gelangten Hauptmanns Erstaufführungen wieder an renommierte Häuser. Besonders zu nennen wären hier die Premieren im Zuge der Atriden -Tetralogie in Berlin und Wien (Spre n- gel 2009, S. 310 ff.): Die Aufführung der „Iphigenie in Aulis“, an Hauptmanns 81. Geburtstag 1943 am Wiener Burgtheater, gilt als sein letzter großer Triumph als Dramatiker. Insbeso n- dere 1937, im Jahr seines 75. Geburtstags , wurden an zahlreichen Häusern unterschiedliche Stücke aus Hauptmanns Repertoire aufgeführt. Hauptmann verstand sich als unpolitischer Dichter; tatsächlich fand nationalsozialistisches Gedankengut keinen Eingang in seine veröffentlichten W erke. Jan-Pieter Barbian vertrat die Auffassung, dass groteskerweise gerade die harsche Kritik der emigrierten Literaten „den unkritischen, aber zunächst noch völlig unentschlossenen Dichter in die Arme der neuen Machthaber“ getrieben habe. Hauptmann honorierte die „Errun genschaften“ des NS - Regimes (Überwindung der Einzelstaaten, Beseitigung der Arbeitslosigkeit, wi rtschaftlicher Erfolg) ohne Einschränkung (so Barbian, S. 47). Auch trug er die außenpolitische Entwicklung im NS-Deutschland der Jahre 1934-1939 vollständig mit. Bereits im November 1933 wurde in deutschen Zeitungen eine Erklärung Hauptmanns veröffentlicht, in der er den „Austritt aus dem sogenannten Völkerbund, den unser leitender Staatsmann verfügt hat“, befürwortete. Auch der Überfall auf Polen und der Krieg gegen Frankreich, Belgien und die Niederlande schien Hauptmann nicht vom „Führer“ und dem NS-Regime zu entfremden , wie ein Tag e- bucheintrag nahelegt: „Deutschland steht vor der Weltherrschaft, jedenfalls von Europa u n- ter deutscher Führung. […] und ein einziger, übermenschlicher Wille, der Wille Hitlers, hat es bewirkt“ (Tagebucheintrag aus dem Nachlass, zitiert nach Barbian, S. 49). Weniger eindeutig ist Hauptmanns Auffassung zu Hitlers „Judenpolitik“. Mit ignoranten B e- merkungen soll Hauptmann die Verfolgung der Juden durch das NS -Regime abgetan haben (Ebermayer, S. 264 , Tagebucheintrag vom 15.02.1934 ) – obwohl viele seiner jüdischen Freunde in Konzentrationslager deportiert oder ins Exil getrieben wurden. Hauptmann wur- de von (ehemaligen) Weggefährten vorgewo rfen, dass er weiterhin ein erlesenes Frühstück in einem Luxushotel dem Blick in die polit ische Realität vorgezogen hätte. Zugleich setz te sich Hauptmann 1933 und 1934 in Einzelfällen für rassisch Verfolgte ein, etwa für Max Li e- bermann und Oskar Loerke, un d verfasste im Oktober 1934 einen Nachruf auf den Verleger Samuel Fischer. In den folgenden Jahren fanden sich hingegen kaum mehr Belege dafür, dass sich Hauptmann für Verfolgte des NS-Regimes aktiv einsetzte (Barbian, S. 48). Peter Sprengel urteilte, dass Hauptmann „die Besonderheit und besondere Gefährlichkeit der auf den Hol o- caust zielenden antijüdischen Politik Hitlers“ nicht rechtzeitig und in vollem Umfang erkannt habe (Sprengel 2015, S. 134 f.) 243 Das NS -Regime versuchte (so die in der Literatur gängige Auffassung) den bekannten und beliebten Schriftsteller für seine Zwecke zu instrumentalisieren, wenngleich seine Kunst von hochrangigen NS-Protagonisten mindestens als ambivalent angesehen wurde. Joseph Goe b- bels etwa, der inhaltlich wenig mit Hauptmanns B ühnenstücken anfangen konnte, notierte im November 1936 in seinem Tagebuch, nachdem er Hauptmann in der B erliner Volksbühne begegnet war: „[…] ein alter Mann, etwas selbstgefällig und eitel und vollkommen schimmerlos der modernen Zeit gegenüber. Mit dem ka nn man keine Lorbeeren mehr ernten. Aber es ist besser, er ist unser Freund als unser Feind“ (zitiert nach Barbian, S. 46). Ganz in diesem Sinne war Goebbels auch 1942 gewillt, a nlässlich des 80. Geburtstags von Hauptmann in Breslau persönlich eine Rede au f den Jubilar zu halten, um gegenüber dem Ausland die „großzügige Haltung“ des Natio nalsozialismus zu demonstrieren. U nterschiedli- che Auffassungen bezüglich der Person Hauptmanns zwischen dem Propagandaminister Goebbels (in Personalunion auch Präsident der Reichskulturkammer) und anderen hochra n- gigen Parteifunktionären dokumentiert in diesem Zusammenhang die Einschätzung Alfred Rosenbergs, der eine öffentliche Ehrung Hauptmanns ( im Sinne einer kulturpropagandist i- schen Aufwertung des „Repräsentanten der Repu blik“) entschieden ablehnte. Schließlich verzichtete Goebbels auf einen persönlichen Auftritt bei den Feierlichkeiten in Breslau; Hauptmann bekam mit dem Niederschlesischen Schrifttums preis eine Ausz eichnung auf Gauebene verliehen (ausführlich zu den Planu ngen der Feierlichkeiten und den unterschie d- lichen Auffassungen seitens des NS -Regimes diesbezüglich Barbian, S. 51-57). Im Zuge der Feierlichkeiten nahm Hauptmann von Gauleiter Baldur von Schirach, der extra aus Wien nach Breslau gereist war, zudem den Eh renring der Stadt Wien entgegen. Auch wurde ein Glückwunsch-Telegramm des „Führers“ verlesen. Am folgenden Tag reiste Hauptmann (g e- meinsam mit von Schirach und dem Gauleiter von Niederschlesien, Karl Hanke) nach Wien, wo im Rahmen der „Hauptmann -Tage“ in 2 3 Vorstellungen sieben Stücke des Dramatikers gespielt wurden (Sprengel 2015, S. 141). Ebenfalls in das Jahr 1942 fielen die Veröffentl i- chung der 17 Bände umfassenden Werkausgabe sowie die Anfertigung der Hauptmann - Büste durch Arno Breker, zu der Zeit exponierter Vertreter der NS-Kunst. Von führenden Stellen des NS -Regimes wurde Hauptmanns politische Anschauung als unz u- reichend bewertet, wie sich a us einer Stellungnahme des „Amts Rosenberg “ aus dem Jahr 1942 ableiten ließ: „Bei aller Anerkennung der künstle rischen Gestaltungskraft Hauptmanns ist die weltanschauliche Haltung der meisten seiner Werke vom nationalsozialistischen Standpunkt aus kritisch zu betrachten“ ( 11.09.1942, BArch, NS 18/307 ). Dennoch wurde Hauptmann 1944 als „überragende nationale Persönl ichkeit“ auf die sogenannte „Gottb e- gnadeten-Liste“ aufgenommen: Er fand Eingang auf die „ Sonderliste der sechs wichtigsten Schriftsteller“. Ein interessantes (und zugleich irritierendes) Ergebnis der jüngeren biografischen Forschung zu Hauptmanns Wirken in der NS -Zeit liegt in der Erkenntnis, dass in seiner niederschles i- schen, herrschaftlichen Villa „Wiesenstein“ in Agnetendorf, die der Schriftsteller selbst als Ort innerer Emigration verklärte, neben Kritikern der NS -Herrschaft auch einflussreiche R e- 244 präsentanten des NS-Regimes verkehrten (Sprengel 2009, S. 317-323, Sprengel 2015, S. 142); darunter der Generalgouverneur Hans Frank („Judenschlächter von Krakau“), den Haup t- mann – laut Peter Sprengel – „gerade menschlich“ schätzte. In einer seiner letzten Veröf fentlichungen (im Auftrag des Propaganda -Amts Breslau), dem Prosatext „Dresden“, berichtete Hauptmann von der Bombardierung der Stadt im Februar 1945, deren Zeuge er geworden war. Durch gezielte Kürzung gelang es den zuständigen NS - Stellen, aus der von Hau ptmann eigentlich formulierten Klage eine Anklage (gegen die Kriegsgegner) zu machen. Nach 1946 gab es Bemühungen einer „postume[n] Ehrenrettung“ (so Barbian, S. 58), die Hauptmanns Einstellung zum Nationalsozialismus zu relativieren versuchten. Jan -Pieter Bar- bian beurteilte diese aufgrund der ihm vorliegenden Dokumente als nicht gerechtfertigt: „Dagegen sprechen seine im Mai 1933 erfolgte Rückkehr nach Deutschland, viel mehr aber noch seine äußerliche Anbiederung an die neuen Machthaber, seine gemeinsamen Auftritte mit NS - Größen in der Öffentlichkeit, die Vielzahl seiner ‚bedauerlichen Erklärungen‘ für das deutsche Vate r- land und die Bereitschaft, seine Dramen zum Vorteil des Regimes im In - und Ausland aufführen zu lassen“ (Barbian, S. 58). Barbian attestierte Hauptmann einen Mangel an politischem Gespür, unkritische Autorität s- gläubigkeit sowie bedingungslosen Nationalismus . Die „Instrumentalisierung“ durch das NS - Regime ließ Hauptmann demzufolge (wissentlich) geschehen. Seinen früheren Freunden musste dies, so Barbian, wie Verrat an vermeintlich gemeinsamen, humanistischen Idealen vorgekommen sein. Da Hauptmann im Juni 1946 auf seinem Anwesen in Agnetendorf verstarb, ließen sich keine Entnazifizierungsdokumente recherchieren. Quellen: BArch Berlin, NS 18/307 Literatur: Barbian, Jan -Pieter: Zwischen allen Stühlen. Gerhart Hauptmann im „Dritten Reich“. In: Gerhart Hauptmann. Text + Kritik 1999, S. 43-63. Ebermayer, Erich: Denn heute gehört uns Deutschland... Persönliches und politisches Tagebuch. Von der Machtergreifung bis zum 31. Dezember 1935. Hamburg/Wien 1959. Klee, Ernst: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. Frankfurt am Main 42013, S. 232. Sprengel, Peter: Der Dichter stand auf hoher Küste. Gerhart Hauptmann im Dritten Reic h. Berlin 2009. Sprengel, Peter: „Tragik der Menschheit überhaupt“? Gerhart Hauptmann im „Dritten Reich“. In: Benz, Wolfgang/Eckel, Peter/Nachama, Andreas (Hrsg.): Kunst im NS -Staat. Ideologie, Ästhetik, Pr o- tagonisten. Berlin 2015, S. 131-144. Tempel, Bernhard: Daten zu Leben und Werk Gerhart Hauptmanns. In: Gerhart Hauptmann. Text + Kritik 1999, S. 110-115. 245 Georg-Hensel-Weg (J 9), benannt 1997 nach Georg Hensel (1923-1996) Darmstädter Theaterkritiker, Journalist und Schriftsteller * 13. Juli 1923 in Arheilgen 1929-1933 Besuch der Volksschule in Arheilgen 1933-1941 Besuch der Liebigs-Oberrealschule in Darmstadt 1934-1941 nach „Überführung“ der Evangelischen Jungschar Mitglied im „Deutschen Jungvolk“ der HJ, ab 1938 Mitglied der eigentlichen HJ 1941 Abitur in Darmstadt 1941 Mitglied des RAD 1941-1945 Mitglied der Wehrmacht, Kriegsteilnehmer: Dienst als Funker in Nachrichten -Einheiten, höchster Rang 1944: Obergefreiter 1945 Unterschlupf auf einer Almhütte, dann Rückkehr nach Darmstadt 1945-1974 Mitarbeiter des Darmstädter Echos; erster Volontär der Zeitung 1945, seit 1952 Leiter des Feuilletons 1946 „Der Narr und die Maske“ (Privatdruck) 1948-1951 Einladungen zu Tagungen der „Gruppe 47“ 1949 „Nachtfahrt“ (Roman) 1950 Heirat mit Anne Elisabeth Müller (ein Sohn) Seit 1960 Autor (besonders von Theaterkritiken) für „Theater heute“ sowie für große Tageszeitungen, darunter „Die Welt“ und die SZ Seit 1964 Mitglied des Rotari Clubs Darmstadt 1966 „Spielplan. Dramen und Dramatiker von der Antike bis zur Gegenwart“ (Thea terführer, zwe i- bändiges Standardwerk; mehrfach von Hensel überarbeitet, zuletzt 1995) 1975 „Der Datterich im Darmstädter Biedermeier“ 1975-1989 Leitender Theaterkritiker der FAZ, befreundet über 1989 hinaus mit Marcel Reich-Ranicki Seit 1984 Ordentliches Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung 1994 „Glück gehabt. Szenen aus einem Leben“ (Autobiografie) 1995 „Glücks-Pfennige. Lustvolles Nachdenken über Theater, Literatur und Leben“ † 17. Mai 1996 in Darmstadt Ehrungen: 1968 Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik [verliehen von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung für „Spielplan“] 1973 Johann-Heinrich-Merck-Ehrung der Stadt Darmstadt 1982 Julius-Bab-Kritikerpreis des Bundesverbands deutscher Volksbühnen 246 1982 Carl-Zuckmayer-Medaille (Land Rheinland-Pfalz) 1983 Egon-Erwin-Kisch-Preis 1995 Goethe-Plakette des Landes Hessen Wirken in der NS-Zeit Georg Hensel, renommierter Darmstädter The aterkritiker sowie Leiter des Feuilletons beim Darmstädter Echo, später leitender Kritiker der FAZ, war Mitglied der HJ und als junger Mann (im Alter von 17 bis 21 Jahren) als Soldat der Wehrmacht Kriegsteilnehmer als „Horchfunker“ einer Nachrichtenabteilung. Hensel kam 1933 auf die Liebigs -Oberrealschule nach Darmstadt. Er hatte eine sogena nnte Freistelle, die er jedes Jahr aufs Neue über herausragende Leistungen bestätigen musste. In seiner Autobiografie 1994 beschrieb Hensel, wie sich der Nationalsozialismus auf Jungen wie ihn aus seiner Sicht auswirkte: „Wer in jenen Jahren aufwuchs, dem wurde der Nationalsozialismus wie ein Sack über den Kopf g e- zogen. Die Lebensbedingungen mussten nicht einmal bewusst gelernt werden, sie wuchsen uns zu, wir wuchsen in sie hinein. Wir kannten nur die Welt, in der wir lebten, und wir hielten sie für normal. Um die staatlich verordnete Beschränktheit nur zu erkennen, mußten viele Umstände zusammme n- kommen: Erlebnisse, Menschen, Bücher“ (Glück gehabt, S. 42). Im Jahr 1934 wurde die Evangelische Jugend aufgelöst und ging in der HJ auf. Als Zehnjähr i- ger kam Hensel so – zuvor Mitglied der Jungschar – zum „Deutschen Jungvolk“ in der HJ, wo er „Jungenschaftsführer“ wurde (was dem Rang eines Unteroffiziers ent sprach). 1936 sollte er zum „Jungzugführer“ befördert und zu diesem Zweck in Darmstadt ausgebildet werden. Seinen Lebenserinnerungen zufolge gelangte Hensel während d ieses Lehrgangs zu der E in- sicht, dass die Welt der HJ mit seiner – schon stark von der Lektüre eigentlich verbotener Literatur geprägten – Vorstellungswelt nicht in Einklang zu bringen war: „Beim Lehrgang trugen wir nicht die üblichen schwarzen Jungenschaftsblusen, sondern graue Fel d- blusen und wurden auf dem nahen Exerzierplatz wie Rekruten bis zur Erschöpfung gedrillt. Es gab Unterricht über ‚das nationalsozialistische Gedankengut‘, über das ich mir vorher kaum Gedanken gemacht hatte. Nun aber kam es systematisch und konzentriert und wurde ungeheuer ernst geno m- men. Nachts konnte ich nicht schlafen, weil all das zu dem nicht paßte, was ich gelesen und gelernt hatte. Bis dahin waren das tägliche Leben u nd die tägliche Lektüre beziehungslos nebeneinander hergelaufen. Zum ersten Mal, spät genug, griffen die Leselektionen in den Alltag ein“ (Glück gehabt, S. 61). Der letzte Eintrag in seinem „Leistungsbuch“ datierte vom 8. August 1936; er gab sein Amt auf, wechselte 1938 in die eigentliche HJ, die sich „wenigstens in Arheilgen, auf unzähmbare Rüpeleien gegen die Vorgesetzten beschränkte“ (S. 62). Während es ihn 1933 noch empört hatte, dass der ortsansässige jüdische Hühnerfutterhändler von der SA in den Tod getrieben wurde (Hensel beschreibt dies als eine seiner früh esten Kindheitserinnerungen), stellten für ihn die Ereignisse rund um die Pogromnacht im November 1938 keinen Grund mehr für E m- pörung dar. 247 Nach dem Abitur 1941 wurde Hensel zunächst zum RAD eingez ogen (RAD 8/242, Arbeit s- mann, HHStAW, DD). Er meldete sich daraufhin freiwillig zum K riegsdienst, weil er sich nur dadurch – so Hensel – die Waffengattung aussuchen konnte. „Den Sack der nationalsozialistischen Erziehung hatte ich mir so weit vom Kopf geze rrt, daß ich, sieb- zehn Jahre alt, wußte: Was man mir in Zukunft auch raten oder befehlen mochte, für mich gab es nur noch eine einzige ernsthafte Aufgabe: den Kopf zu retten“ (S. 80). Er meldete sich wiederum freiwillig zur Funker -Ausbildung – in der Hoffn ung, so möglichst weit von der Front entfernt eingesetzt zu werden. Tatsächlich wurde er 1943 zu einer „Nach- richten-Fernaufklärungs-Kompanie“ kommandiert (NAFAK 626 , Rang 1944: Obergefreiter, HHStAW, DD); schließlich wurde seine Arbeit als „führungswichtig “ eingestuft und ihm „der infanteristische Fronteinsatz verboten“. In seinen Kriegstagebüchern stand „kein Wort über den Krieg“: „Sie lesen sich wie Reisebeschreibungen eines zivilen Touristen. Es sind Notizen und kleine Aufsätze über Landschaften, Städte und Menschen. Skizzen von friedlichen Alltäglichkeiten, die es so nicht gab zwischen Kursk und dem Asowschem Meer, zwischen Charkow und dem Kaukasus, zwischen Buk a- rest, Budapest, Bratislava und Baden-Baden“ (S. 90). Gemeinsam mit Kameraden desertierte Hens el kurz vor Kriegsende und versteckte sich mit einem Freund auf einer Almhütte in Oberbayern. Er wurde schließlich offiziell aus der Wehrmacht entlassen, entging so der Kriegsgefangenschaft und kehrte noch im Sommer 1945 nach Darmstadt (Arheilgen) zurück. Im November 1945 begann er offiziell (mit Geneh- migung seitens der Militärregierung) seine Ausbildung beim Darmstädter Echo. Georg Hensel war außer in der HJ in keiner anderen NS -Organisation Mitglied. Seine Ang a- ben im Fragebogen des Entnazifizierungsverfah rens (von dem nur der Meldebogen vorliegt) stimmen mit denen in seinen veröffentlichten autobiografischen Zeugnissen überein. Hensel gab unter dem Punkt „Selbsteinschätzung“ an: „Entlastet (Jahrgang 1923)“. Quellen: HHStAW, Abt. 520/Darmstadt-Zentral, Nr. 3625/47 (nur Meldebogen) HStAD, R 12 P Nr. 2133 StadtA DA, ST 61, Hensel, Georg Literatur: Deppert, Fritz: Hensel, Georg. In: Stadtlexikon Darmstadt (2006), S. 370 f. Hensel, Georg: Glück gehabt. Szenen aus einem Leben. Frankfurt am Main 1994. Hensel, Georg: Georg Hensel. In: Assmann, Michael (Hrsg.): „Wie sie sich selber sehen“. Antrittsreden der Mitglieder vor dem Kollegium der Deutschen Akademie. Göttingen 2000, S. 270-272 [Erstdruck 1985]. Hensel, Georg: Etappen. Viernheim 1956. 248 Elly-Heuss-Knapp-Weg (L 8), benannt 2004 nach Elly Heuss-Knapp (1881-1952) Politikerin und Sozialreformerin * 25. Januar 1881 in Straßburg (Elsaß) 1899 Lehrerinnenexamen in Straßburg, Lehrerin an einer Privatschule 1900 Lehrerin für Bürgerkunde an einer Fortbildungsschule für Mädchen in Straßburg 1905-1906 Studium der Volkswirtschaft an den Universitäten Freiburg im Breisgau und Berlin 1906 Wiederaufnahme des Unterrichts in Straßburg und Beginn ihrer Vortragstätigkeit 1908 Heirat mit Theodor Heuss in Stra ßburg (ein Sohn), Umsi edlung nach Berlin; fortan schriftstelle- rische Tätigkeit 1911 Lehrerin an der Sozialen Frauenschule Alice Salomons 1912 Umzug nach Heilbronn 1914-1918 Arbeitsvermittlung für Frauen von Soldaten im Felde in Heilbronn; Fortsetzung der Vo r- tragstätigkeit 1918 Umzug nach Berlin, Lehrerin im Pestalozzi-Fröbel-Haus und in der Sozialen Frauenschule 1919/20 Erfolglose Kandidaturen zur Weimare r Nationalversammlung (1919) und zum Deutschen Reichstag (1920) 1923 Mitarbeit in der Evangelischen Gemeinde zum Heilsbronnen in Berlin-Schöneberg, über mehre- re Jahre Teilnahme an religionspädagogischen Seminaren 1926-1933 Lehrerin am Burckhardt-Haus in Berlin-Dahlem Seit 1928 Rundfunkvorträge 1931-1933 Mitglied des Kulturbeirats am Berliner Rundfunksender 1933-1942 Werbefachfrau und -beraterin namhafter Firmen in Deutschland und der Schweiz, Run d- funk-/Schallplattenwerbung, nach dem Verbot der Rundfunkwerbung ab 1935 Kinowerbefilme 1934 „Ausblick vom Münsterturm. Erlebtes aus dem Elsaß und dem Reich“ (Autobiografie) 1939 Italienreise (Mai); Werbefilmarbeiten auf Baltrum (Juli) 1943 Aufenthalt auf dem „Boschhof“ in Oberbayern, dort Arbeit als Hauslehrerin 1943 Umsiedlung nach Heidelberg-Handschuhsheim (zu ihrer Schwester) 1945 Wiederaufnahme der publizistischen Tätigkeit und Umzug nach Stuttgart 1946-1949 Mitglied des Landtags von Württemberg-Baden in Stuttgart (erst DVP, dann FDP) 1949 Umsiedlung nach Bonn-Bad Godesberg 1949 Mitbegründerin des Deutschen Rates der Europäischen Bewegung, dessen Vizepräsidentin 1950 Umsiedlung nach Bonn, Villa Hammerschmidt 1950 Gründung der „Elly-Heuss-Knapp-Stiftung Deutsches Müttergenesungswerk“ † 19. Juli 1952 in Bonn 249 Ehrungen: Ehrenbürgerin von Badenweiler Benennung zahlreicher Schulen und Straßen Wirken in der NS-Zeit Elly Heuss -Knapp, Politiker in, Publizistin und Sozialreformerin, war 1933 -1945 von ihrem öffentlich-politischen Wirken weitgehend ausgeschlossen. Einer breiteren Öffentlichkeit b e- kannt wurde sie nach 1945 als Ehefrau des ersten deutschen Bundespräsidenten; als ihr wichtigstes Vermächtnis gilt das von ihr 1950 ins Leben gerufene Müttergenesungswerk. Elly Heuss-Knapp und ihr Mann, Theodor Heuss, gelten (und galten) allgemein als Gegner des NS-Regimes. Theodor Heuss wurde von seiner Lehrtätigkeit an der Deutschen Hochschule für Politik entbunden; er verlor 1933 auch sein Reichstagsmandat. Heuss arbeitete in der NS-Zeit verstärkt an Biografien – für das Familieneinkommen trug vornehmlich Elly Heuss -Knapp Sorge. Auch sie war – wohl aufgrund einer Denunziation (Vater, S. 223, Strerath-Bolz, S. 83) – zur Aufgabe ihrer Lehrtätigkeit am Burckhardthaus (evangelisches Bildungsinstitut) gezwu n- gen. Eine Durchsuchung ihres Wohnhauses im Oktober 1933 verstärkte die allgemeine Ve r- unsicherung. Auf Anregung ihres Cousins Hermann Geiger -Otto, der die Wyb ert-Gaba-Werke in Basel le i- tete, begann Elly Heuss-Knapps Arbeit in der Werbebranche (zum Folgenden siehe die Briefe bei Vater, S. 230 ff.). Insbesondere im neuen Feld der Rundfunkwerbung betätigte sie sich mit großem (auch finanziellem) Erfolg. Sie verban d gereimte Werbebotschaften mit einem musikalischen Warenzeichen – Heuß-Knapp gilt allgemein als Erfinderin des „Jingles“ – und nahm zahlreiche Werbeschallplatten auf. Ende 1934 arbeitete sie im Werbereich bereits für ein Dutzend Firmen und bewarb bekannte Produkte und Marken, wie etwa Nivea (Beier s- dorf) und Persil (Henkel). Im Laufe ihrer Karriere als Werbefachfrau arbeitete sie auch für die Firmen/Marken AEG, Bosch, Hansaplast, Leica, Kaffee Haag, Kaloderma, Knorr, Osram, P y- ramidon und Reemtsma. 1937 kauften Elly Heuss-Knapp und ihr Mann das Haus in der Kamil- lenstraße 3 in Berlin, in dem sie schon seit Jahren zur Miete wohnten. Ab 1935/36 arbeitete Elly Heuss -Knapp erfolgreich an Werbefilmen, die teils staatlich su b- ventioniert wurden und im Kino liefen. Im Sommer 1939 etwa weilte sie zu Aufnahmen an einem Werbefilm für die Fischereiwirtschaft auf der Insel Baltrum. Werbung für private Fi r- men bzw. privaten Konsum wurde immer stärker reglementiert; als dauerhafte Einnahm e- quelle erwies sich die Werbung für Niv ea. Noch 1941 entwarf Heuss -Knapp für die Hautcr e- me eine Anzeige. Mit dem Werbeleiter der Produktlinie stand sie in einer Art freundschaftl i- chen Beziehung (Strerath-Bolz, S. 97). Wenngleich Tagebucheintragungen und Briefe Elly Heuss -Knapps ablehnende Haltu ng g e- genüber dem NS -Regime zu bezeugen scheinen, war sie als Werbefachfrau „zu Kompromi s- sen gezwungen“ (Horst Ferdinand): F ür das NS -Winterhilfswerk verfasste sie Werbetexte, ebenso im Januar 1940 im Auftrag des „Reichsinstituts für wirtschaftl iche Aufklärung“ eine Wäschefibel für Hausfrauen ( „Kriegswaschfibel“). Ein ähnlicher Auftrag erreichte sie von der 250 „Reichsstelle für Lederwirtschaft“ – bei der ihr Sohn Ernst Ludwig während des Zweiten Weltkriegs tätig war. Das Ergebnis war ein Propagandafilm zum Thema „Schuhpflege“. Neben ihrer Tätigkeit im Bereich der Werbung verfasste Elly Heuss -Knapp 1934 (im Alter von 53 Jahren) eine Autobiografie. Eigentlich vom Verlagsleiter des Ullstein -Verlags, Eduard Stadtler, dazu animiert, erschien das Buch unter dem Titel „Ausblick vom Münsterturm“ im Oktober 1934 im Hans -Bott-Verlag Berlin – Ullstein erschien eine Veröffentlichung zu der Zeit offenbar zu gefährlich. Elly Heus-Knapp pflegte Kontakte zu Mitgliedern der Bekennenden Kirche, hörte Predigten von Martin Niemöller in Dahlem und soll – so zuletzt ihre Biografin Ulrike Strerath -Bolz – auch aufgrund ihrer kirchlichen Kontakte spätestens ab 1938 von der Gestapo überwacht worden sein. Ab 1941 gab es für die Werbefachfrau kaum mehr Aufträge. Gesundheitlich angeschlagen (bereits 1933 und 1935 erlitt sie schwere Herzanfälle) zog sie sich gezwungenermaßen wei t- gehend aus der Werbearbeit zurück. Im Herbst 1943 verließ sie Berlin und folgte ihrem Mann auf den „Boschhof“ nach Oberbayern. Während Theodor dort im Auftrag der Famil ie Bosch an seiner Biografie über den 1942 verstorbenen Robert Bosch arbeitete, unterrichtete Elly Kinder der Familie Bosch als Hauslehrerin. Im November 1943 zog das Ehepaar nach Heidelberg, wo im Haus von Ellys Schwester Mar i- anne zwei Dachzimmer frei gew orden waren. In Heidelberg erlebte Elly Heuss -Knapp das Kriegsende, bevor sie noch 1945 nach Stuttgart übersiedelte, wo ihr Mann zum „Kultmini s- ter“ Württemberg -Badens ernannt worden war. Hier nahm sie ihre publizistische Tätigkeit wieder auf. Als „Krönung ihres sozialen Engagements“ (Goller, S. 22) gründete sie 1950 das Müttergenesungswerk. In der eingesehenen biografischen Literatur zu Elly Heuss Knapp steht ihr Wirken in der NS - Zeit nicht im Zentrum. Alexander Goller widmete dem Zeitraum nur wenige Seiten ; Heuss- Knapps Wirken als Werbefilmerin spart er vollständig aus. Ulrike Strerath -Bolz, die auch auf unveröffentlichte Dokumente zugreifen konnte, sich hier aber hauptsächlich auf die Briefed i- tion Margarethe Vaters stützte, rückte Elly Heuss -Knapp in die N ähe des Widerstands gegen das NS-Regime. Belegen lässt sich das kaum. Schon Vater begründete in ihrem Kommentar zu den Briefen aus der NS -Zeit die Beobachtung, dass sich in jenen Briefen kaum eindeutige Stellungnahmen finden lassen, mit Heuss -Knapps Angst vor der Gestapo (Vater, S. 223). Als Beleg für diese Annahme dienten Äußerungen, die Heuss -Knapp aus der Schweiz an em i- grierte Bekannte geschrieben hat, und die etwas freier ihr Gefühl der Unterdrückung wä h- rend der NS -Zeit dokumentierten. Die von Margareth e Vater 1961 herausgegebene Brie f- sammlung entspricht nicht einer wissenschaftlich-kritischen Edition. Es ließen sich keine Entnazifizierungsakten zu Elly Heuss-Knapp ermitteln. 251 Quellen: StadtA DA, ST 61 Heuss, Prof. Dr. Theodor und Heuss-Knapp Elly Literatur: Ferdinand, Horst: Heuss -Knapp, Elly. In: Ottnad, Bernd (Hrsg.): Baden -Württembergische Biogr a- phien, Bd. 2. Stuttgart 1999, S. 218-223. Goller, Alexander: Elly Heuss -Knapp. Gründerin des Müttergenesungswerkes. Eine Biographie. Köln/Weimar/Wien 2012. Pikart, Eberhard: Heuss, Elly Heuss-Knapp, geborene Knapp. In: NDB 9 (1972), S. 56 f. Strerath-Bolz, Ulrike: Elly Heuss-Knapp. Wie die First Lady ihr Herz für Mütter entdeckte. Berlin 2012. Vater, Margarethe (Hrsg.): Bürgerin zweier Welten: Elly Heuss -Knapp. Ein Leben in Briefen und Au f- zeichnungen. Tübingen 1961. 252 Hirschstraße (E 8), benannt 1918 nach Heinrich Hirsch (1854-1932) Direktor der Spar- und Darlehenskasse Arheilgen * 1. November 1854 in Darmstadt Heirat mit Maria Lang Bürgermeisterei-Sekretär in Arheilgen Direktor der Spar- und Darlehenskasse Arheilgen † 7. November 1932 in Arheilgen Ehrungen: 1910 Verleihung des Silbernen Kreuzes des Verdienstordens Philipps des Großmüthigen Wirken in der NS-Zeit Heinrich Hirsch , Direktor der Spa r- und Darle henskasse Arheilgen und Bürgermeisterei- Sekretär, hat kaum Spuren in den aufgesuchten Archiven hinterlassen. Da er bereits 1932 im Alter von 78 Jahren verstorben ist, existieren keine Entnazifizierungsdokumente; und da die Straße wohl schon zu Lebzeiten Hi rschs (1918) nach ihm benannt wurde, ließen sich auch keine Dokumente diesbezüglich recherchieren. Einzig die Sterbeurkunde liegt vor. Es gibt keine Hinweise auf eine Verbindung von Heinrich Hirsch zum NS-Regime. Quellen: Standesamt Arheilgen, Sterbeurkunde Heinrich Hirsch Regierungsblatt 1910, Beilage 31, S. 273. Literatur: --- 253 Hoelscherweg (E 7-8), benannt 1978 nach Richard Hoelscher (1867-1943) Zeichenlehrer und Kunstmaler * 5. Februar 1867 in Alsfeld 1873-1883 Schulbesuch in Alsfeld (Vorschule der Realschule sowie Realschule) 1883-1887 Studium an der Akademie der Bildenden Künste in Kassel 1886 erste Ölskizzen 1887 Prüfung als Zeichenlehrer an höheren Schulen in Berlin 1887/88 Militärdienst in Kassel („Einjährig-Freiwilliger“) 1888-1890 Zeichenlehrer an Schulen in Alsfeld und Offenbach am Main 1890 Umzug nach Darmstadt 1890-1914 Zeichenlehrer am Neuen Gymnasium in Darmstadt 1892 erste Ausstellung beim Kunstverein Darmstadt; in Sommerferien Studienreise nach Italien 1896 „Der Zeichenunterricht im Neuen Gymnasium“ (Programmabhandlung) 1898 Gründungsmitglied der „Vereinigung Darmstädter Künstler“ (1923 Vorsitzender in der Nachfo l- ge Adolf Beyers); Anstellung als Oberlehrer 1908 Mitglied des Kunstausschusses der Hessischen Landesausstellung 1908 Bildnis von Großherzog Ernst Ludwig von Hessen und bei Rhein für Mainzer Schwurgerichtssaal 1911-1914 Beurlaubung vom Schuldienst auf eigenen Wunsch ; Aufenthalt in Alsfeld und Darmstadt, Reisen nach London, Paris und in die Niederlande 1914 Verlassen des Schuldiensts auf eigenen Wunsch, fortan freischaffender Künstler 1917-1919 Freiwilliger beim vaterländischen Hilfsdienst 1919 Heirat mit Anna Ruths (Ehe kinderlos) 1919-1921 acht Wandbilder („Siegfriedbilder“) für Treppenhaus des Realgymnasiums in Darmstadt, gestiftet von Ludwig Wagner (London) Ca. 1921 -1928 Bilderzyklus mit Darstellungen aus der Edda für die Augustinerschule in Friedberg (letzte Bilder laut Esselborn 1936 angebracht) 1926 „Hessenkinder auf dem Schulweg“ (Sitzungssaal Landesamt für das Bildungswesen Darmstadt) 1934-1941 Werkschau sowie Teilnahme an großen Kunst-Ausstellungen in Darmstadt † 13. März 1943 in Darmstadt Ehrungen: 1907 Verleihung des Professorentitels durch Großherzog Ludwig von Hessen und bei Rhein 1928 Georg-Büchner-Preis [„in dankbarer Würdigung seines meisterlichen, von Heimatliebe und kl a- rem Menschentum geprägten Werkes“] 1942 Ehrenmünze der Stadt Darmstadt [anlässlich seines 75. Geburtstags] 254 Wirken in der NS-Zeit Richard Hoelscher, aus Alsfeld stammender Zeichenlehrer und Kunstmaler, lebte seit 1890 in Darmstadt. Das Gros seiner Werke war maßgeblich durch seine Heimat in der Schwalm g e- prägt, wo er weiterhin regelmäßig die Sommermonate verbrachte, sowie durch die Gegend um Darmstadt beeinflusst (Landschaftsmalerei, Porträts und andere M otive aus bäuerlichem Milieu). Zwischen 1933 und seinem Tod 1943 lebte Hoelscher als freischaffender Kunstmaler in Darmstadt. Seine eher einfachen Kompositionen sowie seine umfangreichen Bild -Zyklen wa- ren bis dahin weitgehend unpolitisch. „In den Jahren zwischen 1934 und 1943 schloss er sich jedoch deutlich der nationalsozialistischen Kunstauffassung an“, wie Barbara Bott konstatier- te (Bott, S. 147). Unter anderem malte er Bilder von trommelnden Pimpfen und Porträts von Adolf Hitler (Regionalmuseum Alsfeld, Nachlass Richard Hoelscher). Hoelscher, „Meister der Heimatkunst“, nahm in der NS -Zeit an großen Ausstellungen in Darmstadt teil: 1935 Darmstädter Kunstschau „Deutsche Meister“, 1940 Kunstausstellung im Städtischen Ausstellungsgebäude auf der Mathildenhö he und 1941 Zeitgenössische Kunst aus dem Südwestdeutschen Raume auf der Mathildenhöhe. Anlässlich seines 50 -jährigen Künstlerjubiläums zeigte die Kunsthalle Darmstadt 1934 eine umfassende Werkschau. Mit seiner „heimatlichen Kunst“ war er regelmäßig in der Zeitschrift „Volk und Scholle“ vertreten (bereits in deren ersten Ausgabe 1922). „Schon frühe hat er [Hoelscher] erkannt, wo die starken Wurzeln seiner Kraft und Eigenart liegen und hat sich allen fremdartigen Einflüssen und Modeströmungen fern gehalten“, urteilte Karl Esselborn 1937 anlässlich von Hoelschers 70. Geburtstags (Esselborn, S. 2). „Seine Kunst ist echt und wahrhaftig. Sie wurzelt in dem Volkstum seiner oberhessischen Heimat sowohl in der Form - wie in der Farbgebung. Ihr Grundzug ist ernst, sie vermeidet das Auffallende und Grelle, atmet aber eine tiefe Innerlic h- keit“ (ebenda, S. 7). Mit der Verleihung der Ehrenmünze der Stadt Darmstadt durch OB Otto Wamboldt anläs s- lich des 75. Geburtstags Hoelschers 1942 löste – so ein Gratulant im „Lauterbacher Anzeiger“ – „das nationalsozialistische Deutschland eine Ehrenpflicht ein, die es seinen würdigsten Kulturträgern schuldet“. Es ließen sich keine Nachweise für Mitgliedschaften in NS -Organisationen recherchieren. Da Richard Hoelscher im März 1943 verstarb, existieren auch keine Entnazifizierungsdokumente zu seiner Person. Quellen: HStAD, G 35 E Nr. 6279 HStAD, R 4, 27715 HStAD, R 12 P Nr. 2342 [Zeitungsartikel] 255 StadtA DA, ST 61, Hoelscher, Richard Regionalmuseum Alsfeld, Nachlass Richard Hoelscher Literatur: Bott, Barbara: Gemälde hessischer Maler des 19. Jahrhunderts im Hessischen Landesmuseum Dar m- stadt. Bestandskatalog. Heidelberg 2003, S. 146-156. Christ, Alexa-Beatrice: Hoelscher, Richard. In: Stadtlexikon Darmstadt (2006), S. 399. Esselborn, Karl: Ei n Darmstädter Maler -Jubiläum. Zum 70. Geburtstag von R. Hoelscher. In: Darmstädter Wochenschau, Februar 1937, S. 1-7. Gombert, Ludwig: Die Siegfrie dbilder im Realgymnasium zu Darmstadt. Stiftung von Ludwig Wagner in London. Darmstadt 1925. Hoelscher, Richard: Richard Hoelscher. Der Lebensweg des Künstlers von ihm selbst geschildert. In: Volk und Scholle 12 (1934), S. 360-362. 256 Irenenstraße (H 7), benannt 1872 nach Irene Prinzessin von Hessen und bei Rhein (1866-1953) Tochter von Großherzog Ludwig IV. von Hessen und bei Rhein * 11. Juli 1866 in Darmstadt 1878 Erkrankung an Diphterie; Tod der Mutter; fortan in Obhut ihrer Großmutter Victoria in England 1888 Heirat mit Heinrich Prinz von Preußen, drei Kinder Ehemann bei der preußisch-deutschen Kriegsmarine; Hauptwohnsitz Stadtschloss in Kiel 1889 Teilnahme an Jungfernfahrt des Kreuzers „Irene“ (zu Familientreffen auf Malta) 1894 Erwerb des Landguts Hemmelmark bei Eckernförde 1894 Reise zur Beerdigung Zar Alexander III. sowie zur Hochzeit ihrer Schwester nach St. Petersburg 1898 Seereise zur „Ostasiatischen Kreuzerdivision“ in Kiautschau 1918 nach „Matrosenaufstand“ Rückzug auf Landgut Hemmelmark 1928 Auswanderung des Sohns Waldemar nach Costa Rica; Aufnahme der Enkeltochter Barbara 1929 Tod des Ehemanns und dessen Bestattung im Familien-Mausoleum auf Hemmelmark 1939-1945 zeitweise Aufenthalt auf Schloss Kamenz in Schlesien sowie in Berlin und Potsdam 1945 Rückkehr nach Hemmelmark † 11. November 1953 in Hemmelmark Ehrungen: --- Wirken in der NS-Zeit Über Irene Pri nzessin von Hessen und bei Rhein, dritte Tochter des Darmstädter Thronfo l- gerpaares (Ludwig IV. Großherzog von Hessen und bei Rhein und Alice Prinzessin von Gro ß- britannien), liegen nur wenige Informationen zu ihrem Wirken in der NS-Zeit vor. Bei Eckhart G. Franz heißt es: „Im Zweiten Weltkrieg lebte Prinzessin Irene z. T. auf Schloss Kamenz in Schlesien, das Sohn Wald e- mar von seinem Vetter Joachim Albrecht von Preußen geerbt hatte. Waldemar starb auf der Flucht 1945, während die Mutter, zusammen mit der vom Kriegsausbruch in Europa überraschten Enkelin Barbara […] unbeschadet ins zunächst von der Royal Air Force beschla gnahmte Hemmelmark zurück- kehrte“ (Franz, S. 372 f.). Es ließen sich keine Entnazifizierungsakten zu Irene ermitteln, die bei Kriegsende 1945 b e- reits 78 Jahre alt war. Quellen: StadtA DA, ST 61, Irene von Hessen, Prinzessin Literatur: Franz, Eckhart G. (Hrsg.): Haus Hessen. Biografisches Lexikon. Darmstadt 2012, S. 371-373. 257 Heinrich-Jobst-Treppe (J 9), benannt 2001 nach Heinrich Jobst (1874-1943) Bildhauer und Medailleur * 6. Oktober 1874 in Schönlind (heute Ortsteil von Vilseck, Oberpfalz) 1880 Umzug nach München Ab 1888 Ausbildung zum Bildhauer bei Johann Hauptmann in München 1896-1898 Schüler der Kunstakademie München 1898-1901 Gehilfe verschiedener Bildhauer, Mitarbeiter von Georg Wrba 1901-1907 Fachlehrer an der Bildhauerklasse der Städtischen Kunstgewerbeschule München; Arbe i- ten im Jugendstil 1907-1914 Mitglied der Darmstädter Künstlerkolonie; Zusammenarbeit und Freundschaft mit einigen Mitgliedern der Künstlerkolonie sowie mit Paul Meissner 1907-1911 Lehrer für Plastik am Großherzoglichen Lehratelier für angewandte Kunst 1908 Relief am Portal des Hochzeitsturms sowie Portalschmuck am Zentralbad, Darmstadt 1908 Beteiligung an Hessischer Landesausstellung für freie und angewandte Kunst in Darmstadt 1909 Triton-Brunnen und Hessen-Löwe auf dem Paulusplatz, Darmstadt 1909/10 Beneke-Brunnen, Bad Nauheim 1911-1913 Sprudelhof, Bad Nauheim 1913 Liebig-Denkmal, Luisenplatz Darmstadt Ca. 1914 Löwen sowie Fahnenmasten vor dem Hessischen Landesmuseum, Darmstadt 1915 Ernst-Ludwig-Brunnen (heute Ludo-Meyer-Brunnen), Offenbach 1919 Involviert an Gründung des Verbands der bildenden Künstler in Hessen 1924 Heirat mit Felicitas Fehr (vier Kinder) 1928 Leibgardisten-Denkmal (Gefallenen-Ehrenmal), Darmstadt 1933 Justus-Liebig-Plakette 1934 Hitler-Büste 1934-1940 Beteiligung an großen Kunst-Ausstellungen in Darmstadt 1938 Hakenkreuz-Dekor am Neubau der Materialprüfungsanstalt, Darmstadt † 10. Februar 1943 in Darmstadt Ehrungen: 1909 Ernennung zum Professor durch Großherzog Ernst Ludwig von Hessen und bei Rhein 1909 Goldene Medaille Internationale Kunstausstellung München 1943 Gedächtnisausstellung im Landesmuseum 258 Wirken in der NS-Zeit Heinrich Jobst, vielseitiger Bildhauer und Medailleur, Mitglied der Künstlerkolonie, lebte seit 1907 in Darmstadt. Er hat in Darmstadt zahlreiche Werke hinterlassen, wovon jene im ö f- fentlichen Raum (etwa Liebig -Denkmal, Löwen vor dem Landesmuseum, Leibgardiste n- Denkmal, Reliefs und Ba uplastiken an Hochzeitsturm, Zentralbad und Hauptbahnhof) sowie seine Grabdenkmale (Kittler, Olbrich, von Römheld) wohl die bekanntesten darstellen. Z u- dem entwarf er ab 1907 zahlreiche Medaillen und Plaketten, darunter um 1920 die Ve r- dienstmedaille der Stadt Darmstadt. Zwischen 1933 und seinem Tod 1943 wirkte Jobst in Darmstadt. Er war kein Mitglied der NSDAP, muss hingege n Mitglied der RKK gewesen sein (wenngleich sich dafür keine Belege finden ließen). Im Auftrag der Firma E. Merck gestaltete er 1933 eine Justus-Liebig-Plakette (Quarg, S. 123). 1934 fertigte er Hitler-Büsten an; auch eine Göring-Büste entstammte seiner Werkstatt. Für den Neubau der Materialprüfungsanstalt in Darmstadt 1938 entwarf er drei dekorative Elemente an der Fassade des Eingangsbere ichs, darunter ein Adler, der in seinen Krallen ein Hakenkreuz im Lorbeerkranz hält. Ein im Stadtarchiv Darmstadt überlieferter Brief legt nahe, dass Jobst eine Hitler -Büste in öffentlichem Auftrag anfertigte. Der Brief vom 16.10.1934 an Oberst Ferdinand von Hahn, von Jobst unterzeichnet „Mit Heil Hitler! bin ich ganz ergebenst“, bestätigt den „Empfang von 800 M[ark] für die Hitlerbüste die Herr Reichsst atthalter Sprenger erworben hat “. Nach Fertigstellung sollte die bronzene Büste an die „Vertretung Hesse ns in Berlin“ versandt we r- den. Es wurden Postkarten mit dem Motiv der Hitler -Büste angefertigt (eine davon ist im Nachlass Buxbaum überliefert, StadtA DA, ST 45 Bux baum). In zeitgenössischen Zeitungsarti- keln finden sich Aufnahmen des dekorativen Hakenkreuz-Elements an der Fassade der Mate- rialprüfungsanstalt, von Jobst entworfen und von seinem Mitarbeiter Hermann ausgeführt. Ein Sohn des Künstlers, Heinrich Jobst (jun.), bezeugte in einem Brief aus dem Jahr 1997 se i- ne Erinnerung an die NS -Zeit (auf dass sein Vater „nicht in einem falschem Licht gesehen“ werde): „Nun könnte man annehmen, daß er mit der NS -Regierung einverstanden war, weil er einige Hitle r- büsten, eine Göringbüste und ein paar Hakenkreuze an Baudekorationen geschaffen hat. Die Gründe für seine A nnahme solcher Aufträge liegen einmal darin, daß er eine Familie mit vier Kindern zu e r- nähren hatte; zum anderen war ihm bewußt, daß, wenn er als Nichtparteimitglied einen derartigen Auftrag verweigert hätte, die Gestapo bald im Atelier erschienen wäre.“ Nach der im genannten Schreiben dokumentierten Erinnerung des Sohnes habe der Vater unter „dieser Zwangssituation“ sehr gelitten, zumal „er [der Vater] Hitler […] regelrecht zu hassen begann“. Niemals habe er den Vater „Heil Hitler!“ sagen hören. In die NSD AP sei Heinrich Jobst trotz verlockender Angebote, „teils mit versteckten Drohungen“ versehen, nie eingetreten. Der Heimatforscher Karl-Heinz Hohenschuh, der sich eingehend mit dem Werk von Heinrich Jobst beschäftigte, sah den Künstler ebenfalls in finanziellen Zwängen – auch, weil nach 1933 Aufträge jüdischer Auftraggeber kaum mehr möglich waren. Obwohl die nationalsozialist i- 259 sche Geisteshaltung „zweifellos Einfluss“ auf das Werk Heinrich Jobsts gehabt hätte, habe dieser den Nationalsozialismus abgelehnt: „Die mitunter zu hörende Meinung, Jobst sei ein willfähriger Zuarbeiter der Nazis gewesen, ist a b- surd. Sie kann nur von Leuten geäußert werden, welche die Umstände der Zeit von 1933 bis 1945 nicht aus eigenem Erleben kennen und deshalb aus heutiger Sicht ni cht begreifen können. Da sich Jobst wiederholtem Drängen, in die NSDAP einzutreten, erfolgreich widersetzen konnte, ist das G e- genteil richtig […]. Er war vielmehr ein Künstler, der sich nur seinem Werke verpflichtet sah“ (Hohe n- schuh, S. 19). Hohenschuh gab (ohne hierzu eine Quelle zu nennen) an, „eine Gruppe hochrangiger SS - Leute“ sei in Jobsts Atelier erschienen, habe den Auftrag zur Hitler -Büste erteilt und sogleich eine entsprechende Anzahlung getätigt (Hohenschuh, S. 119). Einem Bericht der Frankfurter Rundschau zu Folge sei die „Führerbüste“ selbst während der NS-Zeit nur kurzzeitig zu sehen gewesen, da Oberpräsident Prinz Philipp von Hessen „die Arbeit des Bildhauers Heinrich Jobst für derart misslungen hielt, dass ein neuer Guss auf die Zeit nach dem Krieg verlegt wurde“ (FR vom 23.04.2005). Heinrich Jobst war während der NS -Zeit an großen Ausstellungen in Darmstadt beteiligt: 1934 Deutsche Frühjahrs -Ausstellung, 1935 Darmstädter Kunstschau „Deutsche Meister“, 1937 Lebendige Darmstädter Kunst, 1940 Kun stausstellung im Städtischen Ausstellungsg e- bäude auf der Mathildenhöhe. Noch im Sommer 1943, wenige Monate nach dem Tod des Künstlers, fand in den Räumen des Hessischen Landesmuseums eine Gedächtnisausstellung zu Ehren von Heinrich Jobst statt, von O B Otto Wamboldt feierlich eröffnet. Kriegsbedingt konnte nur ein Teil seiner A r- beiten ausgestellt werden. Da Heinrich Jobst 1943 starb, ließen sich keine Entnazifizierungsdokumente recherchieren, die etwa nähere Angaben zu Mitgliedschaften in NS-Organisationen hätten liefern können. Quellen: HStAD, R 12 P Nr. 2660 HStAD, G 37 Nr. 3664 [Unter HStAD, R 4, zahlreiche Bilder von Werken Jobsts] StadtA DA, ST 45 Buxbaum Nr. 31 StadtA DA, ST 61, Jobst, Prof. Heinrich [http://www.dfg-vk-darmstadt.de/Lexikon_Auflage_2/JobstHeinrich.htm] Zugriff: 19.09.2016 Literatur: Dotzert, Roland/Wolbert, Klaus (Hrsg.): Kunst im öffentlichen Raum. In Darmstadt 1641 -1994, bearb. von Emmy Hoch und Erich Eck. Darmstadt 1994. 260 Esselborn, Karl: Hessische Lebensläufe. Darmstadt 1979, S. 209-212 [Original 1937]. Hohenschuh, Karl Heinz: Heinrich Jobst (1874 -1943). Ein Darmstädter Bildhauer aus Bayern. Dar m- stadt 2005. Müller, Bernhard: Neuere Arbeiten von Heinrich Jobst. In: Deutsche Kunst und Dekoration 41 (1917 - 1918), S. 288-296. Quarg, Gunter: Medaillen und Plaketten von Heinrich Jobst. In: Kunst in Hessen und am Mittelrhein 34 (1994), S. 115-123. Schmidt, Joachim: Paulusplatz-Geschichten. 100 Jahre im Tintenviertel. Darmstadt 2014. Ulmer, Renate: Jobst, Heinrich. In: Darmstädter Stadtlexikon (2006), S. 449 f. Ulmer, Renate: Jugendstil in Darmstadt. Darmstadt 1997, S. 188-192. 261 Jakob-Jung-Straße (E 8-9), benannt 1953 nach Jakob Jung (1867-1943) Bürgermeister in Arheilgen * 21. März 1867 in Wixhausen 1892 Heirat mit Katharina [???] in Arheilgen, zwei Kinder; Umzug nach Arheilgen Bis 1914 Dreher bei der Firma Carl Schenck 1905-1910 Vorsitzender des Gewerkschaftskartells Arheilgen (mit Unterbrechung 1908) 1907-1919 Vorsitzender der SPD-Arheilgen 1908 auf einer Versammlung der antisemitischen Chris tlich-Sozialen entkräftete Jung die Argumente des Referenten 1914 Gemeinderechner in Arheilgen (Bürgermeisterei) 1918 Mitglied des (fünf Mitglieder umfassenden) Arbeiter-, Bauern- und Soldatenrats in Arheilgen 1919-1933 Bürgermeister von Arheilgen (1919 und 1925 ohne Gegenkandidat gewählt) 1920 Kreisbeigeordneter (1925 wiedergewählt) 1923 als Bürgermeister von Arheilgen Ablehnung der Anerkennung der „Rheinischen Republik“; am 26. Oktober daraufhin inhaftiert und bis 6. Dezember im französischen Militärgefän gnis in Wiesb a- den festgehalten 1933 Absetzung als Bürgermeister mit Verweis auf die „Verordnung zur Sicherung der Verwaltung in den Gemeinden“ durch die NSDAP 1940 Tod seiner Ehefrau Katharina † 19. August 1943 in Darmstadt Ehrungen: 1931 Ehrung für 31 Jahre Tätigkeit im Konsumverein, dessen Aufsichtsratsvorsitzender er war Wirken in der NS-Zeit Jakob Jung, SPD-Bürgermeister von Arheilgen, wurde im April 1933 von den Nationalsoziali s- ten aus seinem Amt entlassen. Die SPD war mit 43,5 Prozent der Stimmen no ch bei der Reichstagswahl im März 1933 stärkste Partei in Arheilgen geblieben. Dennoch wurde Jakob Jung als SPD -Bürgermeister am 3. April 1933 durch den NSDAP -Ortsgruppenleiter von Arheilgen, Julius Birkenstock, entlas- sen; mit Verweis auf die „Verordnung zur Sicherung der Verwaltung in den Gemeinden“ (Ab- setzungsbescheid veröffentlicht bei Mampel, S. 215, siehe auch S. 207 f.). Über Jungs Wirken zwischen 1933 und seinem Tod 1943 ließen sich nur wenige Informati o- nen recherchieren. Laut Georg Mampel galt der l angjährige Vorsitzende der SPD -Arheilgen als überzeugter Sozialdemokrat, der sich als Gemeinderat sowie als Bürgermeister von A r- heilgen für die Belange Benachteiligter eingesetzt hatte. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts be- 262 zog er offen gegen antisemitische Pos itionen Stellung. Seine beiden Söhne, ebenfalls SPD - Mitglieder, bekamen in der NS -Zeit Schwierigkeiten bzw. wurden ebenfalls entlassen und mussten sich neue Arbeit suchen (Mampel, S. 211 f.). Im Oktober 1931 äußerte sich Jung anlässlich einer Ehrung für se ine langjährige Tätigkeit als Aufsichtsratsvorsitzender des Konsumvereins zu den Grundgedanken, die seinem Wirken in der Genossenschaftsbewegung als Richtlinie dienten: „Demokratie, Brüderlichkeit, Wohlwollen und Nächstenliebe als geistiges Band. Nur wenn die Nächs- tenliebe wieder tiefere Wurzeln fasst, kann der Gedanke der Brüderlichkeit wieder den Boden der Zukunft gewinnen. Wir brauchen keine Gewinnmenschen, sondern die Erhaltung des Lebens muß Grundsatz bleiben“ (Beilage zum hessischen Volksfreund vom 16.10.1931). Aufgrund des Tods von Jakob Jung im Jahr 1943 ließen sich keine Entnazifizierungsdokume n- te recherchieren. Quellen: HStAD, P 9 Nr. 325/16 [Jakob-Jung-Straße] StadtA DA, ST 61 Jung, Jakob StadtA DA, Meldebogen Literatur: Engels, Peter: Arheilgen. In: Stadtlexikon Darmstadt (2006), S. 39-43. Mampel, Georg: 1878-1978. 100 Jahre Sozialdemokratie in Arheilgen. Darmstadt 1986. 263 Junkersweg (H 7), benannt 1985 nach Hugo Junkers (1859-1935) Erfinder, Konstrukteur, Unternehmer * 3. Februar 1859 in Rheydt (heute Stadtteil von Mönchengladbach) 1867-1874 Besuch der Höheren Bürgerschule Rheydt 1875-1878 Höhere Gewerbeschule in Barmen, Abschluss: Abitur 1878-1883 Studium an den Technischen Hochschulen Charlottenburg, Karlsruhe und Aachen 1883 Bauführer-Prüfung; Konstrukteur in rheinländischen Maschinenfabriken 1888-ca. 1893 Tätigkeit in der Dessauer Continental-Gasgesellschaft 1892 Herstellung des ersten Zweitakt -Gegenkolben-Gasmotors; Patent auf das Kalorimeter (Apparat zur Bestimmung des Heizwerts von Gasen) 1894 Entwicklung des ersten Gasbadeofens auf der Grundlage des Kalorimeters 1895 Gründung der Firma „Junkers & Co“ (ICO) in Dessau, Fabrik für Gasapparate (ab 1911 auch Bau von Flugzeugen) 1897-1912 Professor für Maschinenbau und Thermodynamik an der TH Aachen 1898 Heirat mit Therese Bennhold aus Dessau, zwölf [!] Kinder 1902 Gründung eines Forschungslaboratoriums in Aachen (Entwicklung von Ölmotoren) ab 1909 auf Grundlage vorhergehender Forschungen Hinwendung zum Flugzeugbau 1910 „Patent über eine körperliche Gestaltung der Tragflächen“ (Flügel-Konstruktion) 1915 Entwicklung und Erstflug des ersten Ganzmetallflugzeugs (J 1) 1917-1919 „Junkers-Fokker AG“ (ILA) in Dessau 1919 Gründung der „Junkers -Flugzeugwerke AG“ (ILA) in Dessau; Bau des ersten Ganzmetall - Verkehrsflugzeugs (F 13), zentral für die Entwicklung der deutschen Luftfahrt 1921 „Abteilung Luftverkehr der Junkerswerke“; eigenes Unternehmen zur Organisation des Inlan d- flugverkehrs 1923 „Junkers Motorenbau GmbH“ (Jumo) in Dessau 1923 Errichtung einer Flugzeugfabrik in Fili (bei Moskau) 1924 „Junkers Luftverkehr AG“ (ging aus „Abteilung Luftverkehr“ hervor und 1926 in der „Deutschen Lufthansa AG“ auf) ab 1925 enge wirtschaftliche Beziehungen zum Bauhaus in Dessau; Beginn der Freundschaft zu Wa l- ter Gropius ab 1932 Produktion der „Ju 52“ (bis Anfang der vierziger Jahre meistgebautes Verkehrsflugzeug) 1933 Junkers wird zur Übereignung seiner Patente und Aktien an das Deutsche Reich gezwungen; Ausscheiden aus dem Unternehmen 1934 „Forschungsanstalt Prof. Junkers GmbH“; Metallhausforschung † 3. Februar 1935 in Gauting bei München 264 Ehrungen: 1897 Ernennung zum Professor für Maschinenbau und Thermodynamik (TH Aachen) 1919 Ehrendoktor (Dr. Ing. e. h.) der TH München 1925 Ehrendoktor (Dr. phil. h. c.) der Universität Gießen 1928 Ehrenbürger in Dessau, Rheydt und Aachen 1929 Ehrensenator der TH Karlsruhe und der TH München 1933 Senator der Deutschen Akademie 2001 Technikmuseum „Hugo Junkers“ in Dessau Wirken in der NS-Zeit Hugo Junkers, Erfinder, Konstrukteur und Unterne hmer, gilt als herausragender deutscher Flugzeugpionier. Er besaß bis 1933 zahlreiche wichtige Patentrechte , unter anderem im B e- reich des Flugzeugbaus. Bereits wenige Tage nach der „Machtübernahme“ durch die Nationalsozialisten wurde Hugo Junkers aufgefordert, seine privaten Patentrechte auf seine Firmen zu übertragen. Als er dies ablehnte, wurde vom anhalti nischen Oberstaatsanwalt Erich Lämmler ein Verfahren gegen ihn wegen Verdachts auf Spionage eingeleitet (Vorwurf: Landesverrat). Im Mai 1933 wurde Junkers untersagt, während des Verfahrens Dessau zu verlassen; im Juni 1933 unterschrieb Junkers (im Beisein von Lämmler) die Übertragung von über hundert privaten Patenrechten auf seine Firma (ILA). In der Literatur kursieren Mutmaßungen, wonach Hermann Göring für die Zwangsmaßnahmen verantwortlich zeichn ete – der zehn Jahre zuvor von Junkers als Testpilot abgelehnt worden war. Im August 1933 erhielten die Dessauer Junkers -Werke einen umfangreichen Staatsauftrag zur Produktion mehrerer Tausend Flugzeuge für die Luftwaffe. Anfang Oktober wurde dann im Reichsluftfahrtministerium (RLM) der Beschluss gefasst, Junkers zu r Übergabe von 51 % seiner Aktien an die Regierung zu zwingen. Oberstaatsanwalt Lämmler beorderte Junker s, der sich in Bayrischzell (nahe München) aufhielt, nach Dessau. Am 17. Oktober 1933 wurde Junkers unter Polizeiaufsicht nach Dessau gebracht und offenbar noch in der gleichen Nacht zum Verzicht auf seine Aktienmehrheit genötigt. Im November 1933 wurden schließlich Geschäftspapiere von Junkers Firmen beschlagnahmt. Junkers musste auf Veranlassung des RLM seine Ämter als Aufsichtsratsvorsitzender bzw. Geschäftsführer niederlegen; er verlor den Einfluss auf seine sämtlichen Werke. Im Deze m- ber 1933 wurde er aus Dessau ausgewiesen. Ohne polizeiliche Gene hmigung durfte er sein Landhaus in Bayrischzell zunächst nicht verlassen. In seinen letzten Lebensjahren widmete sich Junkers insbesondere Forschungen im Bereich des Leichtmetallbaus auf dem Bausektor: dem Metallhaus (dazu ausführlich Lauff und Scheif- fele). 1934 gründete er zu diesem Zweck die Forschungsanstalt Prof. Junkers GmbH Mün- chen. In München richtete er sich im Frühjahr 1934 (nach der Lockerung des Arrests) eine Werkstatt ein und lebte mit seiner Familie in der Stadt (Blunck, S. 276). – Schon seit Mitte 265 der 1920er Jahre hatte Junkers Kontakte zum Bauhaus in Dessau gepflegt (Lauff, S. 84 ff., Scheiffele, S. 160 ff.); 1929/30 hatte es erste gemeinsame Architekturprojekte gegeben. Im Zuge der Aufrüstung wurden die Junkers -Werke (unter Beibehaltung des N amens) zu e i- ner der größten Produktionsstätten für Militärflugzeuge ausgebaut. Junker s selbst starb 1935 in der Nähe von München. Auf die Entwicklung seines ehemaligen Unternehmens zum kriegswichtigen Betrieb und der Produktion der Sturzkampfbomber (Stukas ) hatte er keinen Einfluss mehr. Es ließen sich keine Entnazifizierungskaten zum 1935 verstorbenen Flugzeugpionier reche r- chieren. Eine wissenschaftlichen Maßstäben genügende Biografie zu Hugo Junkers war nicht verfügbar. Quellen: --- Literatur: Behrsing, Gert: Junkers, Hugo. In: NDB 10 (1974), S. 695-697. Blunck, Richard: Hugo Junkers. Der Mensch und das Werk. Berlin 1942. Budraß, Lutz: Die Enteignung von Hugo Junkers. In: Ders.: Flugzeugindustrie und Luftrüstung in Deutschland 1918-1945. Düsseldorf 1998, S. 320-335. [NICHT eingesehen, in ULB nicht am Standort!] Klee, Ernst: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. Frankfurt am Main 42013, S. 293. Lauff, Sebastian: Der Traum vom Bauen. Hugo Junkers und die Architektur. Berlin 2001. Lorenz, Holger: Kennzeichen „Junkers“. Ingenieure zwischen Faust-Anspruch und Gretchen-Frage. Die technischen Entwicklungen und politischen Wandlungen der Junkerswerke von 1931 bis 1961. Mar i- enberg 2005. Scheiffele, Walter: Bauhaus, Junkers, Sozialdemokratie. Ein Kraftfeld der Moderne. Berlin 2003. Schmitt, Günter: Hugo Junkers und seine Flugzeuge. Stuttgart 1986. 266 Kirnbergerstraße (R 7), benannt 1965 nach Ferdinand Kirnberger (1875-1962) Finanz- und Justizminister im Volksstaat Hessen * 12. Januar 1875 in Mainz Besuch des humanistischen Gymnasiums Studium der Rechtswissenschaften an den Universitäten Freiburg im Breisgau, Berlin und Gießen 1901 Große juristische Staatsprüfung Referendar an verschiedenen Mainzer Gerichten; Assessor an verschiedenen Kreis ämtern (darunter auch jenes in Darmstadt) 1905 Heirat mit Auguste Humann, vier Kinder 1906 Kreisamtmann und Feldbereinigungskommissar in Friedberg 1912 Tätigkeit beim Kreisamt Offenbach 1914-1918 Teilnahme am Ersten Weltkrieg; 1915 zum Oberleutnant beförde rt (Feldartillerie); Verset- zung Ende 1915 in das stellvertretende Generalkommando des 18. Armeekorps (Hauptmann d. R.) 1915 Ernennung zum Regierungsrat (noch während er „im Felde“ war) 1917 im Zuge seiner Versetzung nach Darmstadt Übersiedlung der Familie in die Residenzstadt 1920 Oberregierungsrat beim Landesernährungsamt 1920/21 Oberregierungsrat der Hessischen Provinzialdirektion Mainz (Familie bleibt in Darmstadt) 1922 Ernennung zum Ministerialrat im Hessischen Ministerium des Innern und Mitglied des Ve rwal- tungsgerichtshofs in Darmstadt 1926-1934 Präsident des Katholischen Akademikerverbands (KAV) 1927/28 Nach dem Tod von Otto von Brentano Hessischer Innenminister (Zentrum) 1928-1933 Hessischer Finanz- und Justizminister unter Bernhard Adelung (1931 auch Übernahme des Landwirtschaftsressorts) 1929 Wahl in das Zentralkomitee der deutschen Katholiken Seit 1930 (Mit -)Herausgeber der Schriftenreihe „Kirche und Gesellschaft. Soziologische Veröffentl i- chungen des Katholischen Akademikerverbandes“ 1933 Versetzung in den Ruhestand (durch NS-Regime) 1933 Mitorganisator der „3. Soziologische Sondertagung“ des KAV in Maria-Laach 1944 im Zuge der „Brandnacht“ Zerstörung seiner Wohnung und der gesamten Einrichtung; zunächst Aufenthalt im Odenwald („Notwohnung“ in Fränkisch-Crumbach), dann in Bensheim 1945 Gründungsmitglied der CDU-Darmstadt (ohne Amt) Ab 1946 Autor der neu gegründeten Zeitschrift „Neues Abendland“ 1946-1951 Direktor (Präsident) des Verwaltungsgerichts Darmstadt 1947 erneut Präsident des nun wiedergegründeten KAV 1949 Rückkehr der Familie nach Darmstadt 1954 Gründungsmitglied der Darmstädter Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit † 25. Juni 1962 in Darmstadt 267 Ehrungen: 1914 Eisernes Kreuz II. Klasse 1915 Hessische Tapferkeitsmedaille (verliehen durch Großherzog Ernst Ludwig von Hessen und bei Rhein) 1924 Ehrenmitglied der katholischen Studentenverbindung K.D.St.V. Rheinpfalz Darmstadt 1952 Großes Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland 1954 Ehrenpräsident des KAV 1960 Silberne Verdienstplakette der Stadt Darmstadt Komturkreuz des Gregorius-Ordens (verliehen mittelbar durch den Papst) Wirken in der NS-Zeit Ferdinand Kirnberger, Hessischer Finanz - und Justizminister im Volksstaat Hessen, war pr o- minenter Verwaltungsbeamter und Politiker des Ze ntrums in Hessen und Präsident des K a- tholischen Akademikerverbands (KAV). Kirnberger war für das Zentrum 1927 zunächst als Innenminister in Nachfolge des verstorb e- nen Otto von Brentano in das Kabinett des Volksstaats Hessen (unter Carl Ulrich) gerückt. Von 1928 bis zur Auflösung 1933 wirkte er als Finanz- und Justizminister unter der Regierung Bernhard Adelungs, ab 1931 auch für den Landwirtschaftssektor zuständig. Im März 1933 wurde Kirnberger vom NS -Regime seines Amts enthoben und in den Ruh e- stand versetzt. Der biografischen Literatur folgend war Kirnberger zwischen 1933 und 1945 nicht mehr öffentlich -politisch tätig und widmete sich vornehmlich wissenschaftlichen bzw. philosophischen Überlegungen. Ein Ergebnis jener letztgenannten Überlegungen stellte 1947 die Veröffentlichung „Laiengespräche über den Staat“ dar; ein fiktiver Dialog zweier Pers o- nen, die sich über gesellschaftlich relevante Themen austauschen. Bei den entfalteten staatstheoretischen Gedanken spielten Säulen der „Abendländischen Bewegung“ – christli- che Werte, abendländische Kultureinheit, Föderalismus – eine zentrale Rolle. Bis 1934 blieb Kirnberger jedoch Präsident des KAV (zum Folgenden Albert 2010, S. 48-96). Der KAV hatte sich in der Weimarer Zeit zu einer starken Stimme des Sozialkatholi zismus entwickelt. Seit 1926 stand der Verband unter der Leitung von Ferdinand Kirnberger, wen n- gleich Generalsekretär Franz Xaver Münch die eigentliche Leitfigur darstellte – auch Kirnber- ger selbst sah in Münch den „ überragenden geistigen Führer “ des KAV ( Morsey 2002, S. 23, dazu auch ebenda, S. 16). Kirnberger hingegen nahm stärker repräsentative Aufgaben wahr. Anders als zahlreiche katholische Vereine in Deutschland stellte sich der KAV 1933 nicht g e- gen das NS -Regime, sondern versuchte sich vielmehr im „B rückenbau zum Nationalsoziali s- mus“ (Albert 2010, S. 76-78). Marcel Albert hielt die – bereits von Zeitgenossen vertretene – Auffassung für korrekt, „ dass 1933 keine andere katholische Institution in Deutschland in vergleichbar spektakulärer Weise auf di e n eue Regierung zugegangen war “ (Albert 2010, S. 90). Der Generalvorstand des KAV (zu dem seit 1929 neben Kirnberger und Münch noch Franz Xaver Landmesser zählte) sah den Nationalsozialismus anfangs als Chance an, seine Interessen verwirklichen zu können. Al s treibende Kraft hinsichtlich der Annäherung an den 268 Nationalsozialismus kann Landmesser angesehen werden (Conze, S. 53). Auf den „Soziolog i- schen Sondertagungen“ des KAV in Maria Laach (1931 -1933) nahm die Diskussion um Stä n- destaatskonzeptionen (in Anlehnung an Othmar Spann, „Ehrengast“ und einziger Redner der ersten Sondertagung) breiten Raum ein. Eine gesellschaftsphilosophische Tagung des KAV im Oktober 1931 „schwamm unter dem Titel ‚Religion – Rasse – Volkstum – Nation‘ im Strom der Zeit“, wie Vanessa Conze konstatierte (Conze, S. 54). Als einen Höhepunkt der „Harmonisierungsversuche des Katholizismus gegenüber dem Nat i- onalsozialismus“ (Conze, S. 55) insgesamt ließe sich die „3. Soziologische Sondertagung“ des KAV im Juli 1933 bezeichnen (dazu ausführlic h Albert 2004, S. 71-91). Als Redner zur Vera n- staltung (Titel: „Idee und Aufbau des Reiches“) geladen waren Vizekanzler Franz von Papen sowie der Oberpräsident der Rheinprovinz, Hermann von Lüninck. Von Papen verkündete auf der Tagung den tags zuvor (unter seiner Mitwirkung in Rom) verhandelten Konkordat s- abschluss, der von den Anwesenden mit Begeisterung aufgenommen wurde, wenngleich sich später auch kritische Stimmen erhoben. Der Generalvorstand sandte am folgenden Tag ein Telegramm an Adolf Hitler: „Wir durften gestern anläßlich unserer Tagung über die Reichsidee aus dem Munde des Herrn Viz e- kanzlers v[on] Papen in der Benediktinerabtei Maria -Laach die Grundgedanken des soeben unte r- zeichneten Konkordates vernehmen. Wir erfuhren, in wie weitherziger Weise Sie, Herr Reichskanzler, Ihre Person führend eingesetzt haben für eine großherzige Regelung des Verhältnisses von Kirche und Staat. Wir danken Ihnen, Herr Reichskanzler, für diese säkulare Tat und verbinden hiermit das Versprechen überzeugter Mitarbeit am Au fbau des neuen Deutschland“ ( unterzeichnet von Kirnbe r- ger, Münch, Landmesser, zitiert nach Albert 2004, S. 83, FN 162). 1934 legte Kirnberger sein Amt als Präsident des KAV nieder. Bezüglich der Motive hinsich t- lich seiner Entscheidung finden sich in der Li teratur unterschiedliche Vorschläge: Er habe seinen Status als Beamter nicht gefährden wollen; er habe sich aus politischen Gründen (als ehemaliger Zentrumsminister) für die Niederlegung entschieden (vgl. Albert 2010, S. 96 f.). Marcel Albert hält als Grun d „die konkordatsgemäße Neustrukturierung des KAV“ für wah r- scheinlich: ab 1934 musste der KAV viel stärker genuin religiös als gesellschaftlich -politisch ausgerichtet werden. Bis zur Niederlegung seines Amts trug Kirnberger die rechtskatholische Ausrichtung des KAV sowie die Versuche der Annäherung an das NS-Regime mit. Der katholi- sche Philosoph Dietrich von Hildebrand, der sich von Beginn an gegen den Nationalsoziali s- mus stellte, vertrat die Ansicht, Kirnberger habe sich von Münch instrumentalisieren lasse n. Schuld an der „Geistesverwirrung bei meinem lieben, so frommen und antinationalsozialistischen Kirnberger [war] natürlich Münch. Münch war ihm intellektuell und als envergure der Persönlichkeit so überlegen, daß es für ihn nicht schwer war, Kirnberger z u veranlassen, sich [in Bezug auf den Nationalsozialismus, HK] seinem ‚wishful thinking‘ anzuschließen“ (Hildebrand, S. 40). Dass die Hinwendung des KAV zum „Volks -“ und „Volksgemeinschaftsgedanken“ durchaus im Sinne seines Präsidenten erfolgte, legen Äuße rungen Kirnbergers aus seiner Zeit als He s- sischer Minister nahe: Anlässlich einer Jubiläumsfeier des „Vereins für das Deutschtum im Ausland“ rekurrierte er in seiner Rede auf das Bild der „Bluts- und Schicksalsgemeinschaft 269 mit dem österreichischen Bruder volk“. Zudem verwendete er die Begriffe „Volk“ und „Deutschsein“ gemäß deutschnationaler Ausdeutung: „Das Bedürfnis engster Fühlung mit den Volksgenossen im Ausland darf eben nicht politischer B e- rechnung entspringen, sondern muß wahre Herzensangelegenheit un d heilige Pflicht des ganzen deutschen Volkes werden. […] Das sind wir unseren Brüdern draußen schuldig, die bedrängt von fremdem Volkstum ihr Deutschsein hochhalten“ (DZ vom 11.01.1932). Nach der Zerstörung seines Wohnhauses 1944 zog Kirnberger übergangsw eise in den Ode n- wald, in eine sogenannte „Notwohnung“ in Fränkisch -Crumbach. Später ließ er sich dann in Bensheim-Schönberg nieder. In der Nachkriegszeit wurde Kirnberger erster Direktor des Verwaltungsgerichts Darmstadt (1946-1951). Er gründete die CDU in Darmstadt mit und wurde 1947 erneut zum Präsidenten des (in diesem Jahr wiedergegründeten) KAV gewählt. Gemeinsam mit seiner Frau kehrte er 1949 nach Darmstadt zurück. Kirnberger war als Vertreter der „Abendländischen Bewegung“ (wie andere am „Brückenbau zum Nationalsozialismus“ beteiligte konservative Katholiken) auch nach 1945 tätig, etwa als Autor der 1946 gegründeten Zeitschrift „Neues Abendland“ (Conze, S. 55, Schildt, S. 39 f.). Es ließen sich im HHStAW (überraschenderweise) keine Entnazifizierungsdo kumente zu Fe r- dinand Kirnberger recherchieren. Quellen: HStAD, G 21 B Nr. 5549 HStAD, G 35 E Nr. 9114 HStAD, R 4 [Fotos] HStAD, R 12 P Nr. 2920 StadtA DA, ST 61, Kirnberger, Ferdinand Literatur: Albert, Marcel: „Zwecks wirksamer Verteidigung und Vertretung der katholischen Weltanschauung“. Der Katholische Akademikerverband 1913-1938/39. Köln 2010. Albert, Marcel: Die Benediktinerabtei Maria Laach und der Nationalsozialismus. Paderborn et al. 2004. Conze, Vanessa: Der Katholische Akademikerverband. In: Dies.: Das Europa der Deutschen. Ideen von Europa in Deutschland zwischen Reichstradition und Westorientierung (1920 -1970). München 2005, S. 51-56. Franz, Eckhart G.: Kirnberger, Ferdinand. In: Stadtlexikon Darmstadt (2006), S. 489. Hildebrand, Dietrich von: Me moiren und Aufsätze gegen den Nationalsozialismus 1933 -1938 (he r- ausgegeben von Ernst Wenisch). Mainz 1994. Kirnberger, Albert: Geschichte der Familie Kirnberger. Mainz ²1951. 270 Kirnberger, Ferdinand: Laiengespräche über den Staat. Augsburg 1947. Lange, Thomas/Triebel, Lothar (Hrsg.): „Geh nicht den alten Weg zurück!“ Festschrift zum sechzigjäh- rigen Bestehen der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit 1954-2014. Darmstadt 2014. Morsey, Rudolf: Görres -Gesellschaft und NS -Diktatur. Die Geschichte der Görres-Gesellschaft 1932/33 bis zum Verbot 1941. Paderborn 2002. Schildt, Axel: Zwischen Abendland und Amerika. Studien zur westdeutschen Ideenlandschaft der 50er Jahre. München 1999. 271 Thomasstraße (P 7), benannt 1953 nach Thomas Kirschner (1864-1942) Förster in Eberstadt * 14. November 1864 in Eberstadt 1881 Gesellenprüfung zum Weißbinder 1891 Heirat mit Dorothee Kern 1896 Flurschütze in Eberstadt 1901 Vorprüfung zum Forstwart 1903 Fachprüfung zum Forstwart 1905 Forstwart der Forstwartei Eberstadt III 1910 Forstwart der Forstwartei Eberstadt II 1930 Versetzung in den Ruhestand 1938 Revierförster außer Dienst † 22. September 1942 in Nieder-Ramstadt Ehrungen: --- Wirken in der NS-Zeit Thomas Kirschner, Förster in Eberstadt, war 1933 bereits 69 Jahre alt. Üb er sein Wirken in der NS-Zeit von 1933 bis 1942 ließen sich kaum Informationen recherchieren. Da Kirschner 1942 verstarb, liegen keine Entnazifizierungsdokumente vor. Es gibt keine Hi n- weise auf eine Verstrickung in das NS-System. Quellen: HStAD, G 33 B Nr. 1163 HStAD, G 33 B Nr. 1164 HStAD, G 35 E Nr. 9147 HStAD, G 38 Eberstadt Nr. 140 HStAD, G 38 Eberstadt Nr. 165 HStAD, R 12 P Nr. 2926 Literatur: --- 272 Gretel-Klein-Platz (Q 7), benannt 2008 nach Gretel Klein (1911-2005) Sozialpolitikerin und Stadtälteste * 16. April 1911 in Eberstadt (geb. Kirschner) Gelernte Schneiderin und Krankenschwester 1926 Mitglied der SPD 1928 Mitglied der Naturfreunde Ca. 1932-1938 Einlegerin bei der „G. C. Klebe“ Eberstadt 1935 Mitglied des DRK 1949 Vorstand des SPD-Ortsvereins Eberstadt 1956-1981 Stadtverordnete in Darmstadt; Mitglied in Fachausschüssen (Sozial - und Gesundheitswe- sen), Krankenhauskommission, Sozialhilfekommission 1971 Mitglied der letzten Prüfungskammer für Kriegsdienstverweigerer 1977 Stadtälteste und Alterspräsi dentin bei der konstituierenden Sitzung der Stadtverordnetenve r- sammlung Darmstadt † 18. September 2005 in Darmstadt Jugendschöffin und langjährige Vorsitzende der AWO sowie des DRK (zusammen mit ihrem Mann) in Eberstadt Ehrungen: Bürgerehrung der Stadt Darmstadt Ehrenbrief des Landes Hessen Ehrenkreuz des DRK 1976 Bundesverdienstkreuz 2001 Goldene Ehrennadel der SPD für 75 Jahre Parteizugehörigkeit Wirken in der NS-Zeit Anna Margarete „Gretel“ Klein, gelernte Schneiderin und Krankenschwester, war schon als Jugendliche (1926) der SPD beigetreten. Bekannt aufgrund ihres sozialen Engagements als „Engel von Eberstadt“, wirkte sie lange Jahre in der Lokalpolitik (langjährige Stadtverordnete, Alterspräsidentin und Stadtälteste in Darmstadt). Sie betreute unter and erem eine Altenstu- be in Eberstadt und setzte sich für die Belange von Jugendlichen ein. Die Informationen über Gretel Klein in der NS -Zeit beschränken sich auf den von ihr ausg e- füllten Meldebogen im Entnazifizierungsverfahren (HHStAW). Darin gab sie an, in keiner NS- Organisation Mitglied gewesen zu sein (alle entsprechenden Fragen mit „nein“ beantwo r- tet). In den 1930er Jahren war sie demnach Arbeitnehmerin (Einlegerin) bei der „G. C. Klebe Eberstadt“ (Einkommen: 600-700 RM); für 1942/1945 gab sie keine berufliche Tätigkeit mehr 273 zu Protokoll. Sie wurde nach Überprüfung ihrer Angaben als „nicht betroffen“ eingestuft (17.04.1947). Anlässlich der Einweihung des Gretel -Klein-Platzes 2008 ließ OB Walter Hoffmann wissen: „Gretel Klein muss für uns Vorbild sein. Ein e menschliche Gesellschaft und die Demokratie sind nur möglich, solange es Menschen wie Gretel Klein gibt“ (Presse -Archiv Wissenschafts- stadt Darmstadt). Quellen: HHStAW, Abt. 520/Darmstadt-Zentral, Nr. 39910 (nur Meldebogen) StadtA DA, ST 61 Klein, Gretel Presse-Archiv Wissenschaftsstadt Darmstadt https://www.darmstadt.de/presseservice/archiv-einzelansicht/index.htm?tx_news_pi1[news]=1331&tx_news_pi1 [controller]=News&tx_news_pi1[action], Zugriff: 17.10.2016 Literatur: --- 274 Erika-Köth-Weg (G 9), benannt 2001 nach Erika Köth (1925-1989) Darmstädter Kammersängerin * 15. September 1925 in Darmstadt Schulbesuch in Darmstadt Um 1931 Debüt im Kinderchor des Darmstädter Landestheaters 1933 Erkrankung an Leukämie; sechs Monate vollkommene Lähmung der Beine Mitglied des BDM Um 1940 kaufmännische Lehre in einer Darmstädter Kohlenhandlung Bis 1944 parallel zur Lehre Ausbildung an der Hessischen Landesmusikschule in Darmstadt 1944 Arbeit in einer Munitionsfabrik in Ober-Ramstadt 1945 Reinigungsarbeit in der Cambrai-Fritsch-Kaserne in Darmstadt im Zuge der „Sühnemaßnahmen“ 1945 Fortsetzung der Gesangsausbildung (mit Stipendium) an der Akademie für Tonkunst in Dar m- stadt; Ausbildung zur Sopransängerin 1947 Erfolg bei einem Gesangswettbewerb von Radio Frankfurt 1948 erstes Engagement am Pfalztheater in Kaiserslautern 1950-1953 Engagement beim Badischen Staatstheater in Karlsruhe 1951 Heirat mit dem Schauspieler Ernst Dorn 1953-1978 Ensemblemitglied der Bayerischen Staatsoper in München 1953-1971 Gastspiele an renommierten Opernhäusern sowie zahlreiche Tourneen, auch in die UdSSR sowie nach Japan 1955-1958 Mitwirkende in 3 Spielfilmen 1973-ca. 1978 Dozentin für Gesang an den Musikhochschulen Köln und Mannheim 1978 Rückzug von der Opernbühne; Übersiedelung nach Neustadt-Königsbach an der Weinstraße 1984 Gründerin der „Internationalen Meistersingerkurse“ in Neustadt an der Weinstraße † 20. Februar 1989 in Speyer Ehrungen: 1956 Johann-Heinrich-Merck-Ehrung der Stadt Darmstadt 1962 Goldene Medaille des Mozart-Vereins Darmstadt Verdienstorden von Rheinland-Pfalz sowie Bayerischer Verdienstorden 1975 Verdienstkreuz I. Klasse des Verdienstordens der BRD Wirken in der NS-Zeit Erika Köth, international erfolgreiche Opern - und Operettensängerin aus Darmstadt, ve r- brachte ihre Kindheit und Jugend in Darmstadt. 275 Zu Beginn der NS -Zeit erkrankte Erika Köth – 1933 acht Jahre alt – an Leukämie; ihre Beine waren über Monate gelähmt und es sollte Jahre dauern, bis sie wieder sicher laufen konnte. Köth lebte nach dem frühen Tod des Vaters mit der Mutt er und den Großeltern im Darm - städter Martinsviertel. Sie war Mitglied des BDM, absolvierte eine kaufmännische Lehre bei einer Kohlenhandlung in Darmstadt und besuchte parallel dazu die Hessische Landesmusi k- schule in Darmstadt. Die Gesangsausbildung musste nach Schließung der Schule 1944 unte r- brochen werden; Köth wurde zum Arbeitsdienst in einer Munitionsfabrik in Ober -Ramstadt verpflichtet. Nach Kriegsende war Köth (möglicherweise aufgrund ihrer Zugehörigkeit zum BDM) zu einer sogenannten „Sühneleistung“ verpflichtet worden. In einem Presseartikel 1969 hieß es die s- bezüglich: „Da die Maid beim BDM als ehemalige Blockflötenspielerin ein Kreuz machen musste, wurden ihr als Sühne für nazistische Betätigung einige Wochen Putzen der Küchenräume in der Cambrai -Fritsch- Kaserne aufgebrummt. ‚Ohne allzu großes Schuldbewußtsein, dafür mit langem Besen, kleinem E i- mer, und weiter Tasche trat ich an […]‘“ (DE vom 15.11.1969). Später sortierte sie Karteikarten im Arbeitsamt. Köth sang abends vor amerikanischen Solda- ten, wa r einziges weibliches Mitglied der 13 -köpfigen „Wilhar -Melodikers“, nahm den G e- sangsunterricht an der Akademie für Tonkunst mit einem Stipendium versehen wieder auf und gewann 1947 [oder 1948] unter 300 Teilnehmenden den ersten Preis bei einem G e- sangswettbewerb von Radio Frankfurt – Auftakt einer internationalen Gesangskarriere als Koloratursopranistin. Es ließen sich keine Entnazifizierungsakten zu Erika Köth recherchieren. Quellen: HStAD, O 59 Faust Nr. 24 HStAD, O 61 Boss Nr. 100 HStAD, R 4 Nr. 3426 HStAD, R 12 P Nr. 3263 Literatur: Adam, Klaus: Herzlichst! Erika Köth. Darmstadt 1969. Foltz, Gisela: Erika Köth. In: Brüchert, Hedwig (Hrsg.): Rheinland -Pfälzerinnen. Frauen in Politik, G e- sellschaft, Wirtschaft und Kultur in den Anfangsjahren des Landes Rhein land-Pfalz. Mainz 2001, S. 258-262. Kesting, Jürgen: Die großen Sänger, Bd. 3. Hamburg 2008, Erika Köth: S. 1792-1794. Steinbeck, Karin: Köth, Erika. In: Stadtlexikon Darmstadt (2006), S. 508 f. Werner, Günter: Erika Köth. Ihr Herz ist voller Musik. Landau in der Pfalz 1984. 276 Korellweg (O 8), benannt 1978 nach Adolf Korell (1872-1941) Pfarrer und Politiker * 20. März 1872 in Ober-Kleen (Kreis Alsfeld) 1878-1885 Volks- und Bürgerschule in Gießen 1885-1891 Gymnasium in Gießen 1891-1895 Studium der Theologie in Gießen 1891 Mitglied der Burschenschaft „Germania Gießen“ 1895/96 Besuch des Predigerseminars in Friedberg 1896 Pfarrverwalter in Alsfeld 1897-1900 Pfarrdienst in Darmstadt und anschließend in Düdelsheim (Kreis Büdingen) 1900-1912 Pfarrer in Königstädten (Kreis Groß-Gerau) 1901 Heirat mit Mathilde Disqué (drei Kinder) 1903 Mitglied der Freisinnigen Volkspartei (1906, 1909, 1912 erfolglose Kandidaturen für den Reich s- tag) 1906 „Fall Korell“: Korell habe in der Stichwahl geheim den Kandidaten der Sozialdemo kraten (nicht den Nationalliberalen) unterstützt und zum Wahlsieg verholfen (Disziplinarverfahren eingestellt) 1911-1918 Mitglied des Hessischen Landtags (Fortschrittliche Volkspartei) 1912-1928 Pfarrer in Nieder-Ingelheim (Rheinhessen) 1917/18 freiwilliger Feldgeistlicher einer Infanterie-Division 1920-1928 Mitglied des Reichstags (DDP) 1923/24 nach zwischenzeitlicher Ausweisung aus Nieder-Ingelheim (Grund: Teilnahme an separatisti- schen Aktivitäten) kurzzeitig Pfarrverwalter in Rendel (Oberhessen) 1924 gemeinsam mit Theodor Heuss Sprecher der DDP -Fraktion für die deutschen Weinbaugebiete betreffenden Gesetze im Reichstag 1927-1931 erneut Mitglied des Hessischen Landtags (DDP) 1928-1931/32 Minister für A rbeit und Wirtschaft im Volksstaat Hessen (Ende 1931 Au flösung des Ministeriums zugunsten des Finanz- und Innenministeriums) Ca. 1932-1937 wohnhaft in Wiesbaden 1937-1939 wohnhaft in Camberg 1940 Pfarrer in Eschbach im Taunus (Landkreis Usingen) † 17. September 1941 in Darmstadt Ehrungen: 1923 Ehrensenator der Universität Gießen Adolf-Korell-Straße in Rüsselsheim 277 Wirken in der NS-Zeit Adolf Korell, Pfarrer und Politiker, Minister des Volksstaats Hessen in der Regierung Adelung (1928-1931), hinterließ in der NS -Zeit kaum öffentliche Spuren. Als eines der wenigen Do- kumente aus der Zeit 1933 -1941 befindet sich in seinem Nachlass ein Reisepass, ausgestellt im Januar 1935 (HStAD, O 26). Pfarrer in Ruhe Hermann Gunkel, Korells Biograf im Stadtlexikon Darmstadt, vermerkte zu Korells Wirken 1933 bis zu seinem Tod 1941: „Mit der NS-Zeit begannen für den aufrechten Demokraten Korell und seine Frau schwere Jahre. Sie kamen nur notdürftig unter, in Wiesbaden bis 1937 und in Camberg 1937 bis 1939. Nach langen B e- mühungen konnte Korell 1940 in Eschbach (Landkreis Usingen) in de n Gemeindepfarrdienst zurück- kehren. Er starb in D[armstadt] auf der Durchreise zu einer Nachkur in Neunkirchen im Odenwald.“ Ludwig Luckemeyer kam in der NDB zu einem ähnlichen Ergebnis: „K[orell] litt im Dritten Reich persönlich unter seiner demokratische n Vergangenheit. Nachdem seine Pension als Minister 1933 entfallen und er bei s einer Ernennung zum Minister 192 8 aus dem Dienst der Evangelischen Kirche ausgeschieden war, lebte er von einer kleinen Rente, bevor er 1940 ins Pfarramt (Eschbach im Taunus) zurückkehren konnte.“ Karl Holl, der Briefe an den linksliberalen Adolf Korell von Philipp Köhler, einem Vertreter des kleinagrarisch-mittelständigen Antisemitismus‘ im Großherzogtum Hessen, aus dem Jahr 1910 analysierte (aus dem Nachlass Korell), hielt fest : „[…] Korell war nicht nur kein Antis e- mit, sondern darüber hinaus ein überzeugter und leidenschaftlicher Gegner des Antisem i- tismus“ (Holl 1967, S. 154; Holl stützte sich bei seiner Einschätzung allerdings auf Aussagen von Angehörigen Korells). Es ließen s ich keine Entnazifizierungsakten zum 1941 verstorbenen Pfarrer und Politiker r e- cherchieren. In den eingesehenen Quellen fanden sich keine Hinweise auf eine Verstrickung in das NS-System. Quellen: HStAD, O 26 [Nachlass Adolf Korell] HStAD, R 12 P Nr. 8001 StadtA DA, ST 61, Korell, Adolf und Mathilde Literatur: Gunkel, Hermann: Korell, Adolf. In: Stadtlexikon Darmstadt (2006), S. 514. Holl, Karl: Die Darmstädter Reichstagswahl von 1906 und der „Fall“ Korell. In: Archiv für Hessische Geschichte und Altertumskunde NF 27 (1962/67), S. 121-161. Holl, Karl: Antisemitismus, Kleinbäuerliche Bewegung und demokratischer Liberalismus in Hessen. Drei Briefe Philipp Köhlers an Adolf Korell. In: Archiv für Hessische Geschichte und Altertumskunde NF 30 (1967), S. 150-159. Luckemeyer, Ludwig: Korell, Adolf. In: NDB 12 (1979), S. 583 f. Schumacher, Martin (Hrsg.): M.d.R. Die Reichstagsabgeordneten der Weimarer Republik in der Zeit des Nationalsozialismus. Politische Verfolgung, Emigration und Ausbürgerung 1933 -1945. Düsseldorf 31994, S. 261. 278 Kröhweg (K 7), benannt 1954 nach Heinrich Reinhard Kröh (1841-1941) Kunstmaler * 7. Mai 1841 in Darmstadt Ab 1847 Schulbesuch in Darmstadt (zunächst Institut Schwalbach, dann Realschule) 1858 Zeichenunterricht bei August Lucas 1860 Besuch der Museumszeichenschule von Galerieinspektor Carl Ludwig Seeger in München 1863 Studium an der Münchner Akademie beim Historienmaler Carl von Piloty 1868 Wechsel an die private Kunstschule von Karl Raupp in Nürnberg Ca. 1870 Rückkehr nach Darmstadt 1872 Ernennung zum Großherzoglich-Hessischen Hofmaler in Darmstadt 1873 Gründung einer eigenen Kunstschule in Darmstadt 1876 Heirat mit Philippine Luise Müller, drei Kinder 1879 Zusammenlegung von Atelier und Kunstschule in eigenem Haus in der Kiesstraße, Darmstadt 1888 Mitglied der Münchener Künstlergenossenschaft; später auch (führend) in der Darmstädter Sektion der Allgemeinen Deutschen Kunstgenossenschaft (Ehrenmitglied 1931) 1889 Beteiligung mit Werken an der Eröffnungsausstellung der Kunsthalle Darmstadt; n eben Po r- traits verstärkt Landschaftsmalerei 1898 erste von drei Reisen nach Norditalien, Gardasee (weitere folgten 1907 und 1910) 1911 umfangreiche Einzelausstellung des Darmstädter Kunstvereins 1929 Tod seiner Ehefrau 1931 Einzelausstellung der Allgemeinen Deutschen Kunstgenossenschaft Darmstadt 1937 Unterstützung aus dem „Künstlerdank“ 1940 Beteiligung an der Kunstausstellung Darmstadt † 14. Dezember 1941 in Darmstadt Ehrungen: 1911 Verleihung des Professorentitels durch Großherzog Ernst Ludwig von Hessen und bei Rhein 1928 Silberne Preismünze der Stadt Darmstadt 1931 Ehrenmitglied des Reichsverbandes bildender Künstler 1936 Jubiläumsausstellung anlässlich seines 95. Geburtstags in Darmstadt 1941 Jubiläumsausstellung anlässlich seines 100. Geburtstags im Landesmuseum Darmstadt 279 Wirken in der NS-Zeit Heinrich Reinhard Kröh, Darmstädter Landschaftsmaler sowie Maler am Darmstädter Hof, war 1933 bereits 92 [!] Jahre alt. Die künstlerischen Fähigkeiten des „Altmeister[s] der künstlerisch Schaffenden in Dar m- stadt“ wurden in der NS -Zeit nicht angezweifelt (hierzu und zum Folgenden BArch Berlin, BDC, R 55/31842 ). Kröh war auch in hohem Alter noch künstlerisch aktiv, seine wirtschaftl i- chen Verhältnisse galten allerdings als prekär, weshalb die „Landesstelle Hessen -Nassau des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda“ den Antrag auf Unterstützung aus dem „Künstlerdank“ befürwortete. Unter dem Punkt „Die politische Zuverlässigkeit“ hieß es: „ist gegeben“ (Vermerke der mit der Prüfung des Gesuchs befaßten Stel len, 10.06.1937). Kröh galt als „der älteste heute noch schaffende Künstler Deutschlands“, der „unwandelbare Treue zur deutschen Art und Kunst in seinem Schaffen bewiesen“ habe (Spende Künstle r- dank an Professor Kröh-Darmstadt, [Friedrich] Ringshausen, 10.03.1937). Anlässlich der Jubiläumsausstellung 1936 in Darmstadt wurde das „deutsche Wesen seiner Kunst“ herausgestellt („befruchtet vom Erleben echt deutscher Landschaft“, Hessische La n- deszeitung vom 04.05.1936). Die (obligatorischen) Schreiben der NS -Prominenz anlässlich seines 100. Geburtstags 1941 gedachten seiner „von grunddeutscher Haltung beseelten schöpferischen Arbeit als Landschaftsmaler“ (Adolf Hitler), bescheinigten ihm ein „von tiefer Heimatliebe getragen[es] Schaffen“ (Joseph Goebbels) und lobte n, dass der „Odenwaldm a- ler“ auch „in den Jahren künstlerischer Verwilderung deutscher Meisterschaft treu gebli e- ben“ sei (Jakob Sprenger). In der Presseberichterstattung wurde dem „Nestor der deutschen Künstlerschaft“ (Hessische Landeszeitung vom 11.05.1941) ebenfalls besonders seine „Treue zu den Idealen der deutschen Kunst“ (OB Otto Wamboldt) zu Gute gehalten. Laut Ernst Klee habe Gauleiter Sprenger 1941 auch die Verleihung der Goethe -Medaille für Kunst und Wi s- senschaft für Kröh beantragt, mit der Begründu ng, dieser habe den „Weg zum Führer längst vor der Machtergreifung“ gefunden (Klee, S. 340). Für Heinrich Reinhard Kröh, der noch 1941 im Alter von 100 Jahren in Darmstadt starb, li e- ßen sich keine Entnazifizierungsdokumente ermitteln; über Mitgliedschaften in NS -Orga- nisationen ist nichts bekannt. Quellen: BArch Berlin, BDC, R 55/31842 StadtA DA, ST 61, Kröh, Prof. Heinrich [et al.] Literatur: Esselborn, Karl: Hessische Lebensläufe. Darmstadt 1979, S. 245 f. Klee, Ernst: Das Kulturlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. Frankfurt am Main 2007. Lorenz, Inge: Der Maler Heinrich Reinhard Kröh (1841 -1941) und die Motive des Odenwaldes. In: Der Odenwald. Zeitschrift des Breuberg-Bundes 40 (1993), S. 148-164. Magistrat der Stadt Darmstadt et al. (Hrsg.): Heinrich Reinhard Kröh 1841 -1941. Leben und Werk. Darmstadt 1992. Netuschil, Claus K.: Kröh, Heinrich Reinhard. In: Stadtlexikon Darmstadt (2006), S. 524 f. 280 Leydheckerstraße (H 6-7), benannt 1956 nach Otto Leydhecker (1869-1950) Arzt * 20. November 1869 in Darmstadt Besuch des LGG Studium der Medizin an Universitäten in Marburg, Heidelberg, München, Göttingen und Berlin 1893 Dissertation „ Ueber einen Fall von Carcinom des Ductus thoracicus mit chyloe sem Ascites“ an der Universität Heidelberg 1895-1945 praktischer Arzt in Darmstadt; auch Bahn - und Theaterarzt – letztere bis 1937/38 als ei n- ziger in Darmstadt – sowie Schularzt und Arzt am Städtischen Altenheim (Versorgungsamt) Lehrer an der Kunstschule von Adolf Beyer und Ludwig Habich (Anatomie für K ünstler) sowie am Fröbel’schen Institut 1908 Heirat mit Elisabeth Sternfeld (adoptiert, geb. Klappach), drei Söhne (alle drei Ärzte) 1910 Umzug in Heinrichstraße 23 (Praxis und Wohnhaus) 1933-1945 Mitglied der NSDAP (Mitglieds-Nr. 2290692, Eintritt: 01.05.1933) Ca. 1933-1945 Mitglied der NS-Ärztekammer Ca. 1933-1945 Mitglied der NSV 1944/45 Ruhestand (im Alter von 75 Jahren) 1944 nach Zerstörung des Wohnhauses zwischenzeitlich wohnhaft in Hetzbach (Odenwald), Ben s- heim, Eberstadt, Künstlerkolonie Darmstadt 1945 zunächst wohnhaft in Vacha (Rhön), dann wieder in Darmstadt 1946/49 Wiederaufbau des Hauses in der Heinrichstraße 23 † 22. September 1950 in Darmstadt Mitglied der Bach- und der Goethe-Gesellschaft Ehrungen: --- Wirken in der NS-Zeit Otto Leydhecker wi rkte 50 Jahre als praktizierender Arzt in Darmstadt, so auch zwischen 1933 und seinem Ruhestand 1944/45. Er entstammte einer Darmstädter Ärztefamilie: sein Großvater sowie sein Vater arbeiteten in führender Funktion in Darmstädter Kliniken; auch die drei Söhne von Otto Leydhecker waren Ärzte. Leydhecker wurde 1933 (im Alter von 64 Jahren) Mitglied der NSDAP (Mitglieds -Nr. 2290692, Eintritt: 01.05.1933) und war Mitglied der NS-Ärztekammer sowie der NSV (jeweils ohne Amt). Im Zuge seines Entnazifizierungsverf ahrens (zum Folgenden HHStAW, Abt. 520/Darmstadt - Zentral, Nr. 503725) gab Leydhecker zu Protokoll, dass er in keiner anderen NS -Organisation 281 als der oben genannten Mitglied war. Er habe sich dazu gezwungen gesehen, der NSDAP beizutreten, da er anderenfalls seinen Beruf nicht mehr hätte ausüben können (er war n e- ben seiner Tätigkeit als Hausarzt auch als Bahnarzt, Schularzt, Theaterarzt sowie für das Ve r- sorgungsamt tätig) und damit die Ausbildung seiner Söhne finanziell nicht mehr gesichert gewesen wäre. Zudem sei sein Schwiegervater Sternfeld [Adoptivvater seiner Frau, HK] Jude gewesen, sein Austritt aus der NSDAP hätte daher die Familie in Gefahr gebracht. Die Angaben Leydheckers werden von Zeugen gestützt, darunter der Präsident der Ärzt e- kammer Darmstadt, Richard Hammer, und der Darmstädter Bürgermeister Julius Reiber. Als Zeuge, dessen antinationalsozialistisches Verhalten verbürgt ist, sei hier Pfarrer Karl Grein zitiert: „Herr Dr. med. Otto Leydhecker […] ist mir schon seit meiner frühesten Jug end bekannt. In den Ja h- ren der N aziherrschaft hatte ich oft Gelegenheit mich mit ihm zu unterhalten, bei welchen Gespr ä- chen er die Nazi-Methoden empörend ablehnte. L[eydhecker] ist politisch nicht in Erscheinung getre- ten und erfolgte sein Eintritt in die NSDAP m.E. n ur aus Selbsterhaltungstrieb; zumal er beamteter Arzt war und auf Grund der nichtarischen Herkunft sein er Ehefrau sich schützen musste “ (Pfarrer Grein, Darmstadt-Arheilgen, 21.06.1947). Wie neueste Untersuchungen belegen, lag die Quote der NSDAP -Mitgliedschaft bei den Är z- ten der beiden hessischen Ärzte -Kammern mit 53,2 % (inklusive Anwärter 61 %) noch höher als im Reichsdurchschnitt (Hafeneger, S. 232). Otto Leydhecker wurde von der Spruchkammer Darmstadt -Stadt als „Mitläufer“ (Kateg o- rie IV) eingestuft, da er während der NS -Zeit nicht „irgendwie politisch in Erscheinung getr e- ten“ sei. Er musste eine einmalige Zahlung von 300, - RM entrichten. In der Urteilsbegrü n- dung vom 30.10.1947 hieß es: „Sein Schwiegervater, ein Herr Sternfeld[,] war Nichtarier, ein ältes ter Sohn ist nach schweren Mi ß- handlungen als Antifaschist gestorben, ein zweiter Sohn vermutlich im Februar 1944 als Opfer der NSDAP erschossen worden. Es ist unter diesen Umständen durchaus verständlich, wenn der B e- troffene durch seinen Eintritt und durch sein Verbleiben bei der NSDAP geglaubt hat, seine Familie schützen zu können.“ Laut Meldebogen (StadtA DA, ST 61) ist Leydheckers zweitältester Sohn Friedrich (*1911) in Russland „gefallen“ (am 12.02.1943); die Söhne Johann (*1909) und Wolfgang (1919 -1995) überlebten die NS-Zeit (beide laut entsprechendem Vermerk Mitglied der NSDAP). Quellen: BArch Berlin, BDC, NSDAP-Mitgliederkartei HHStAW, Abt. 520/Darmstadt-Zentral, Nr. 503725 HStAD, H 3 Darmstadt Nr. 71802 HStAD, H 3 Darmstadt Nr. 71803 [Leydhecker, Elisabeth] StadtA DA, ST 61 Leydhecker, Familie Literatur: Hafeneger, Benno/Velke, Marcus/Frings, Lucas: Geschichte der hessischen Ärztekammern 1887 - 1956. Autonomie – Verantwortung – Interessen. Schwalbach im Taunus 2016. 282 Lippmannstraße (K 7), benannt 1959 nach Johannes Lippmann (1858-1935) Maler * 14. Januar 1858 in Offenbach Besuch der Realschule in Offenbach Zeichenunterricht bei Professor Hermann Müller, der an der Offenbacher Kunstgewerbeschule unter- richtete; spätere Lehrer: Bildhauer Joseph Keller sowie der Frankfurter Maler Ferdinand Klimsch 1875-1877 zur Kunstausbildung in Dresden 1878 Ausbildung am Städelschen Kunstinstitut in Frankfurt am Main Einjährig-Freiwilliger beim Infanterieregiment 81 Ab 1880 Lithograph in Offenbach; Arbeit für die Lithograp hische Anstalt Schoembs, deren künstler i- scher Leiter und Mitinhaber er später wurde; Kuratoriumsmitglied der Offenbacher Kunstgewerb e- schule 1882 Heirat mit Frieda Schoembs (drei Kinder) 1889-1935 Mitglied der Freimaurerloge „Carl und Charlotte zur Treue“ in Offenbach 1895-1897 Sommeraufenthalte bei Paul Schulze -Naumburg in Kösen (Thüringen); Anregungen in Landschaftsmalerei 1898 Atelier in Lützelbach im Odenwald; fortan verstärkt Landschaftsmalerei 1904 Beteiligung an einer Ausstellung im Münchner Glaspalast 1907 Erwerb eines Grundstücks in Lichtenberg im Odenwald 1908 Umzug in neues Haus nach Lichtenberg im Odenwald; fortan freischaffender Maler 1922 Mitbegründer des Gesangsvereins Lichtenberg-Niedernhausen † 8. Februar 1935 in Darmstadt Ehrungen: 1915 Verleihung des Professorentitels durch Großherzog Ernst Ludwig von Hessen und bei Rhein 1924 Ehrenmitglied des Odenwaldklubs [laut Dierks: 1929] 1928 Ehrenbürger von Lichtenberg 1928 Jubiläumsausstellung anlässlich seines 70. Geburtstags in der Kunsthalle Darmstadt 1930 Georg -Büchner-Preis [„dem treuen und meisterlichen Schilderer Odenwälder Menschen und Landschaften“] 1933 Jubiläumsausstellung anlässlich seines 75. Geburtstags in der Kunsthalle Darmstadt 1935 Gedächtnisausstellungen anlässlich seines Todes in Darmstadt und Offenbach 1985 Gedächtnisausstellung anlässlich seines 50. Todestags, Museum Schloss Lichtenberg 2008/09 Ausstellung anlässlich seines 150. Geburtstags auf Schloss Lichtenberg 283 Wirken in der NS-Zeit Johannes Lippmann, vor allem bekannt durch s eine Landschaftsbilder und bildlichen Darstel- lungen des Arbeitslebens der bäuerlichen Bevölkerung, lebte seit 1908 als freischaffender Maler in Lichtenberg im Odenwald. Bei der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 war der „Maler des Odenwaldes und seiner Menschen“ (Dierks, S. 4) bereits 75 Jahre alt. Er starb im Februar 1935 im Alter von 77 Jahren an Lungenkrebs. Die Krankheit hatte ihn seine letzten beiden Lebensjahre g e- schwächt, wie Karl Esselborn in seinem Nachruf berichtete (Esselborn, S. 120 f.). Esselborn charakterisierte Lippmanns Malerei als „wunderbar klar und logisch durchdacht“, wobei sie dennoch ausgesprochen natürlich wirkte. Zum Künstler selbst äußerte sich Esselborn wie folgt: „Mit tiefer Religiosität hat er sich in die Landschaft einge lebt, die ihm ein beseelter Organismus ist. […] Die Sicherheit und Geschlossenheit seiner Gestalten und Landschaften machen seine Bilder, d e- nen man es mitunter anmerkt, daß er von der Lithographie herkommt, im besten Sinne volkstümlich. Bis zuletzt war Lip pmann ein rüstig Schaffender, seine urwüchsige Kunst hat ihn selbst jung erhalten und sein jung gebliebenes Fühlen trat auch in der Begeisterung zu Tage, womit er die nationale Erh e- bung begrüßte“ (Esselborn, S. 120; auch Hessische Landeszeitung vom 11.02.1935). Schon Adolf Beyer bezeichnete 1928 Johannes Lippmann als „charaktervollen, bodenständig gesunden Odenwaldmaler“ (Beyer, S. 327). Anlässlich der Johannes -Lippmann-Gedächtnis- ausstellung im Kunstverein Darmstadt, bei deren Eröffnung der Leiter der NS -Kulturge- meinde Darmstadts, Studiendirektor Moser, als Redner auftrat, wurde besonders die stets „deutsche Kunst“ Lippmanns hervorgehoben. Im Darmstädter Tagblatt hieß es: „Lippmann ist sich immer treu geblieben, alle Richtungen und Ismen konnten ihn nicht aus der Bahn werfen. Er blieb ein echter deutscher Künstler in der besten Bedeutung dieses Wortes“ (DT vom 15.04.1935). Max Streese äußerte sich in ähnlicher Weise und bewertete die Bedeutung sowie die Einstellung des Künstlers wie folgt: „Johannes Lippman n zählte zu den wenigen, die schon vor mehr als einem Menschenalter fühlten und wußten, was d e u t s c h e gesunde Kunst ist und daß sie eines Tages alles Undeutsche, Blu t- fremde, überwinden muß, wenn sie als deutsche Kunst sich selbst bewähren will. […] [ F]ür Johannes Lippmann gab es keine Kunst, die nicht blut- und schollegebunden ist. Für ihn war es nicht nötig, eine Forderung dazu im Schlagwort von Blut und Boden aufzustellen. Er wußte und kannte den une r- schöpflichen Reichtum, der aus dem ewig lebendig sprudelnden Urquell der Natur strömt, der Lan d- schaft, der Heimat, des Volkes, dem allen er blutverbunden war“ (DT vom 14.04.1935). Auch anlässlich einer Ausstellung in der Kunsthalle Darmstadt 1937 bezeichnete Max Streese Lippmanns Werke als „Zeugen echter und wahrer Heimatkunst“ (DT vom 04.04.1937). In den biografischen Beiträgen von Margarete Dierks und Jutta Reisinger -Weber wurden Lippmanns letzte Lebensjahre nicht im Kontext zum NS -Regime untersucht. Lippmanns Bi o- grafin Reisinger-Weber konstatierte auf ihrer Homepage jedoch: „Wie vielen Malern seiner Zeit, erging es Johannes Lippmann. Seine Werke wurden posthum von den Nationalsozialisten für ihre Ideologie vereinnahmt. Dies belegen Zeitungsartikel von 1935 und 1940.“ 284 Es ließen sich zum 1935 verstorbenen Maler keine Entnazifizierungsunterlagen finden; Hi n- weise auf Mitgliedschaften in NS-Organisationen fanden sich im eingesehenen Material nicht dokumentiert. Quellen: StadtA DA, ST 61 Lippmann, Johannes, Prof., Maler [http://dr-reisinger-weber.jimdo.com/johannes-lippmann], Zugriff: 03.12.2016 Literatur: Beyer, Adolf: Johannes Lippmann. In: Volk und Scholle 6 (1928), S. 324-327. Esselborn, Karl: Johannes Lippmann. In: Volk und Scholle 13 (1935), S. 118-121. Dierks, Margarete: Im Odenwald. Landschaft und Menschen im Werk des Malers Johannes Lippmann 1858-1935. Fischbachtal 1985. Reisinger-Weber, Jutta: Johannes Lippmann (1858 -1935) – Maler des Odenwalds und seiner Me n- schen. In: Der Odenwald. Zeitschrift des Breuberg-Bundes 57 (2010), S. 144-161. 285 Prinz-Ludwig-Weg (H 7), benannt 1988 nach Ludwig Prinz von Hessen und bei Rhein (1908-1968) Sohn des letzten Großherzogs Ernst Ludwig von Hessen und bei Rhein * 20. November 1908 in Darmstadt Kindheit und Jugend auf Schloss Wolfsgarten sowie im Neuen Palais in Darmstadt; Hausunterricht 1926 externes Abitur am Realgymnasium Darmstadt Ca. 1930-1936 Studium der Kunstgeschichte in Darmstadt, Lausanne und München; begonnene Di s- sertation „Das Problem der künstlichen Beleuchtung in der Malerei“ nicht abgeschlossen Ca. 1933-1936 Mitglied der Deutschen Studentenschaft 1933-1935 Wehrübungen (Sommer 1933 in Ohrdruf; Herbst 1934 bis Sommer 1935 beim Kavallerie - Regiment 118) 1936/37 Kulturattaché an der deutschen Botschaft in London 1937 Heirat mit Margaret Campbell Geddes; nach Tod großer Teile der Familie (Flugzeugabsturz) Rückkehr im November nach Darmstadt, Adoption der Tochter seines verunglückten Bruders 1938 Umzug in Schloss Wolfsgarten (bei Langen) 1938-1945 Mitglied der NSDAP 1938-1945 Mitglied der NSV Mitgliedschaften im Reichsbund Deutsche Jägerschaft sowie im NS-Reichskriegerbund Ca. 1939-1943 mit Kriegsbeginn Dienst als Leutnant in verschiedenen Stäben, zuletzt an der Panze r- truppenschule Krampnitz (nach „Prinzenerlass“ 1940 nicht im Kampfeinsatz); Rittmeister der Reserve (Kavallerie-Regiment 6) 1942-1944 Fördermitglied des NSFK 1943 als Angehöriger eines ehemals regierenden Fürstenhauses Ausschluss aus der Wehrmacht; Rückkehr nach Wolfsgarten Nach 1945 Engagement für Wiederaufbau von Darmstadt sowie Unterstützung von Kunst -, Kultur - und karitativen Einrichtungen in Darmstadt (involviert etwa in Schaffung des Bauhaus -Archivs, Neue Künstlerkolonie, Rat für Formgebung, Schlossmuseum); Veröffentlichung von Gedichten unter dem Pseudonym „Ludwig Landgraf“; lebte mit seiner Frau weiterhin auf Schloss Wolfsgarten 1958 Mitwirkung am deutschen Pavillon auf der Expo in Brüssel 1960 Adoption von Moritz von Hessen(-Kassel) † 30. Mai 1968 in Frankfurt am Main Ehrungen: 1958 Silberne Verdienstplakette der Stadt Darmstadt 1958 Goethe-Plakette des Landes Hessen 1964 Ehrenzeichen des DRK 1972 Erinnerungstafel im Chorraum der Stadtkirche Darmstadt 286 Wirken in der NS-Zeit Ludwig Prinz von Hessen und bei Rhein, zweiter Sohn des Großherzogs Ernst Ludwig, kehrte 1937 aus London nach Darmstadt zurück, um das Familienerbe anzutreten. Zu Beginn der NS-Zeit war Ludwig Student; er hatte Kunstgeschichte in Darmstadt, Lausanne und München studiert. Eine bei Prof. Wilhelm Pinder in München begonnene Dissertation über „Das Problem der künstlichen Beleuchtung in der Malerei“ brachte er nicht zum A b- schluss (Pinders nationale Auffassung von Kunstgeschichte war leicht mit der NS -Kunstauf- fassung in Einklang zu bringen gewesen; Pinder bekannte sich zum Nationalsozialismus, Bushart, S. 449). Im Zuge seines Studiums wa r Ludwig (automatisch) Mitglied der Deutschen Studentenschaft (Mitgliedszeitraum unklar, HHStAW). In den Jahren 1933 -1935 nahm Ludwig an zwei größeren Wehrübungen teil; im Sommer 1933 in Ohrdruf sowie von Herbst 1934 bis Sommer 19 35 beim Kavallerie -Regiment 118 (Franz 2012, S. 388). Im Oktober 1935 wurde er bei einem Autounfall auf der Autobahn zw i- schen Darmstadt und Frankfurt am Main schwer verletzt (Hessische Landeszeitung vom 09.10.1935). Im Oktober 1936 ging Ludwig als Honorarattaché (Kulturattaché) an die deutsche Botschaft nach London, einer Einladung des neu ernannten deutschen Botschafters Joachim von Ri b- bentrop folgend. Ludwig war verlobt mit Margarte Geddes, die 1937 anstehende Hochzeit stand allerdings unter keinem guten Stern: Zunächst musste die Zeremonie wegen des Todes seines Vaters Großherzog Ernst Ludwig verschoben werden, vom 23. Oktober 1937 auf den 20. November 1937. Dann stürzte das Flugzeug, das Familienangehörige des Bräutigams von Frankfurt nach London bringen sollte, bei einer Zwische nlandung im Nebel bei Ostende (Be l- gien) ab. Unter den zu beklagenden Todesopfern befanden sich Ludwigs älterer Bruder Er b- großherzog Georg Donatus, dessen Ehefrau Cäcilie und die gemeinsamen Söhne Ludwig und Alexander sowie Ludwigs Mutter Eleonore. Die Hoch zeit wurde in London vollzogen; das junge Paar zog noch im November nach Darmstadt, wo Ludwig das Familienerbe antrat und seine kleine Nichte Johanna (die nicht mitgereist war) adoptierte. Den Wohnsitz verlegte die Familie nach Schloss Wolfsgarten; Johanna starb bereits 1939 an Meningitis. Ludwig war (eigenen Angaben im Zuge der Entnazifizierung folgend, HHStAW) Mitglied der NSDAP (1938-1945), der NSV (1938 -1945), des Reichsbunds Deutsche Jägerschaft sowie im NS-Reichskriegerbund. Im Gedenken an seinen flug begeisterten Bruder existierte eine fö r- dernde Mitgliedschaft beim NSFK: „Laut Feststellung meiner Verwaltung wurde 1 -RM m o- natl. Förderbeitrag 1942-1944 gezahlt. Offenbar in Erinnerung an meinen Bruder, der Flieger war“ (HHStAW). Mit Kriegsbeginn 1939 wurde Ludwig eingezogen, er leistete als Leutnant Kriegsdienst „zu- meist in Stabsstellen, zuletzt in der Panzertruppenschule Krampnitz“ (Franz 2012 , S. 488). 1939 war er in Potsdam stationiert. Aufgrund des sogenannten Prinzenerlasses dürfte er ab 1940 von Kampfeinsätzen ausgeschlossen gewesen sein. Als Angehöriger eines ehemals r e- gierenden Fürstenhauses wurde er schließlich 1943 aus der Wehrmacht ausgeschlossen und 287 kehrte nach Schloss Wolfsgarten zurück. Er verließ die Wehrmacht im Rang eines Rittmei s- ters der Reserve (Kavallerie-Regiment 6). Ludwig sorgte dafür, dass Teile der großherzoglichen Sammlung aus Darmstadt evakuiert wurden und so die „Brandnacht“ 1944 überdauerten und nach dem Krieg in Darmstadt e r- neut ausgestellt werden konnten. Im Entnazifizierungsver fahren gab Ludwig als Selbsteinschätzung „Höchstens Mitläufer“ zu Protokoll. Die oben genannten Mitgliedschaften in NS -Organisationen wurden im Zuge des Verfahrens weder bestätigt noch dementiert; von der angefragten lokalen Verwaltung wu r- de Ludwig als Mitläufer eingestuft, der „keine politische Tätigkeit ausgeübt“ habe. Streit gab es hinsichtlich des Sühnebescheids – nicht bezüglich der tatsächlichen Einstufung als „Mi t- läufer“ (Kategorie IV), sondern hinsichtlich des zu Grunde gelegten Streitwerts in Höhe von 6.259.000 RM, woraus sich zusätzlich zur „Sühneleistung“ von 2.000 RM eine „Verfahren s- gebühr“ in Höhe von 312.950 RM errechnete (zuzüglich 6, - RM für Porto und Auslagen, 10.04.1948). Der Streitwert wurde nach Einspruch von Ludwigs Rechtsbeistand nachtr äglich auf 1.757.000 RM korrigiert; Sühneleistung und Einstufung blieben hingegen bestehen (23.07.1948). Quellen: HHStAW, Abt. 520/Darmstadt-Zentral, Nr. 502506 HStAD, D 26 [„Wolfsgarten-Archiv“, von Eckhart G. Franz ausgewertet] StadtA DA, ST 61 Prinz Ludwig von Hessen und bei Rhein [zwei Mappen] Literatur: Bushart, Magdalena: Pinder, Georg Maximilian Wilhelm, Kunsthistoriker. In: NDB 20 (2001), S. 448 - 450. Franz, Eckhart G.: Ludwig Prinz von Hessen und bei Rhein. In: Stadtlexikon Darmstadt (2006), S. 580 f. Franz, Eckhart G. (Hrsg.): Haus Hessen. Biografisches Lexikon. Darmstadt 2012, S. 387-389. 288 Von-der-Marwitz-Weg (J 10), benannt 2004 nach Gebhard von der Marwitz (1914-1993) Großherzoglicher Vermögensverwalter * 22. Juni 1914 in Jena 1933 Abitur an der Deutschen Oberschule Berlin-Zehlendorf 1933 Studium der Rechtswissenschaften (Hauptfach Jura, Nebenfach VWL) in Heidelberg (nur So m- mersemester) 1933 Umzug von Heidelberg nach Potsdam (dort wohnhaft 1933-1939) Ab 1933 Studium der Rechtswissenschaften in Berlin 1933-1935 Mitglied der SA 1938 Geschichtsreferendar in der Justizverwaltung (Beamter) 1939-1945 Kriegsteilnehmer (Kriegsmarine, 01.09.1943: Oberleutnant zur See der Reserve) Ca. 1945-1947 Kriegsgefangenschaft 1947/48 wohnhaft in Troisdorf (bei Bonn) Ca. seit 1947 Mitglied der CDU 1948 Umzug nach Frankfurt am Main; Heirat mit Christa Zeiss (zwei Kinder) 1948-1949 Persönlicher Referent des ersten Frankfurter OB Walter Kolb (CDU) In leitender Funktion bei Frankfurter Banken, darunter Bankhaus Bethmann 1951 Wahl in den Vorstand des DRK-Bezirksverbands Frankfurt (Schatzmeister) 1958-1982 Mitglied des Präsidiums des DRK-Landesverbands Hessen 1960-1990 Generalbevollmächtigter des großherzoglichen Vermögens (des Hauses Hessen und bei Rhein) 1962 Umzug von Kronberg im Taunus nach Darmstadt 1962-1970 Vorsitzender des DRK-Bezirksverbands Frankfurt (bis 1983 zweiter Vorsitzender) 1965-1969 Schatzmeister des CDU-Kreisverbands Darmstadt 1972-1977 Ehrenamtlicher Stadtrat im Magistrat der Stadt Darmstadt (CDU) 1977-1981 Stadtverordneter (stellvertretender Stadtverordnetenvorsteher) in Darmstadt; Vorsitz im Haupt- und Finanzausschuss 1974-1989 Aufsichtsratsmitglied der Carl Schenck AG † 4. Juni 1993 in Darmstadt Ehrungen: 1987 Bundesverdienstkreuz am Bande 1989 Ehrenmitglied des DRK-Bezirksverbands Frankfurt am Main 289 Wirken in der NS-Zeit Gebhard von der Marwitz, lange Jahre Generalbevollmächtigter des großherzoglichen Ve r- mögens (des Hauses Hessen und bei Rhein) , seit 1962 in Darmstadt ansässig und politisch sowie kulturell aktiv, war während der NS-Zeit Student der Rechtswissenschaften und Soldat der Kriegsmarine. Kurz nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten legte Gebhard von der Marwitz an der Oberschule in Berlin-Zehlendorf Anfang April 1933 sein Abitur ab. Direkt im Anschluss an seinen Schulabschluss wechselte er zum Studium der Rechtswissenschaften an die Univers i- tät Heidelberg, wo er allerdings nur für das Sommersemester 1933 eingeschrieben blieb (Hauptfach Jura, Nebenfach VWL, UA Heidelberg). Er zog zum Winters emester von Heide l- berg nach Potsdam und studierte fortan Rechtswissenschaften in Berlin. Für von der Martwitz‘ Wirken in der NS -Zeit ließen sich nur wenige Informationen reche r- chieren. Die folgende Darstellung stützt sich weitgehend auf Selbstangaben in se inem Mel- debogen im Zuge des Entnazifizierungsverfahrens in Frankfurt am Main (HHStAW). Demnach war von der Marwitz 1938 Gerichtsreferendar in der Justizverwaltung (verbeamtet, Beginn der Tätigkeit unklar ). Er war Mitglied der SA von November 1933 bis April 1935 (SA-Mann); er war kein Mitglied der NSDAP oder einer anderen NS -Organisation. Bis Kriegsbeginn lebte er in Potsdam, von 1939 bis 1945 war er bei der Kriegsmarine, seit September 1943 als Ober- leutnant zur See der Reserve. Unter nicht näher zu klärende n Umständen geriet er 1945 in Kriegsgefangenschaft, aus der er 1947 entlassen wurde. Das Entnazifizierungsverfahren in Frankfurt am Main wurde eingestellt, da von der Marwitz bereits vom Entnazifizierungsausschuss zuständig für den Landkreis Bonn, wo er 19 47/48 lebte, entlastet worden war (Entnazifizierungs -Hauptausschuss des Regierungsbezirks Köln Landkreis, 06.10.1947, Kopie in HHStAW). Quellen: HHStAW, Abt. 520/11, Nr. 11143/1-2 HStAD, D 27 A Nr. 154 HStAD, R 12 P Nr. 4078 UA Heidelberg, Studentenakte (StA Marwitz 1930-1940) StadtA DA, ST 61 Marwitz, Christa von der + Gebhard Literatur: --- 290 Wilhelm-Michel-Straße (L 8), benannt 1953 nach Wilhelm Michel (1877-1942) Philosoph und Schriftsteller * 9. August 1877 in Metz 1883 Rückkehr der Familie in die Heimat des Vaters (Frankenstein in der Pfalz) 1883-ca. 1887 Besuch der Dorfschule in Frankenstein in der Pfalz Ca. 1887-1896 Besuch des humanistischen Gymnasiums in Mainz (der Heimat seiner Mutter) 1896-1900 Studium der Rechtswissenschaften in München 1900/01 Militärdienst als „Einjährig-Freiwilliger“ in Mainz 1901 Arbeit als freier Schriftsteller in München 1902 erste Veröffentlichung in der „Münchner Zeitung“ (Kunstberichterstatter) 1904 „Apollon und Dionysos. Dualistische Streifzüge“ (sein erstes Buch) 1906-1930 Mitarbeiter der Zeitschrift „Die Weltbühne“ 1911 „Friedrich Hölderlin“ 1913 Umzug nach Darmstadt: Schriftleitung der Kunstzeitschriften des Darmstädter Kunstverlegers Alexander Koch 1914-1918 Kriegsteilnehmer, zunächst Infanterie, dann bis Kriegsende Schriftleitung der von der deutschen Heeresleitung herausgegebenen „Gazette des Ardennes“ in Charleville (Gefreiter) 1915 Heirat mit Herta Koch (Tochter des Alexander Koch), vier Kinder [Michels dritte Ehe; Angabe 1937: insgesamt zehn Kinder; Angabe 1938: acht Kinder (mit Namen)] 1919 Mitbegründer der Künstlervereinigung „Darmstädter Sezession“ 1919 „Darmstadts Zukunft als Kunststadt“ Ab 1920 Mitarbeiter beim „Hessischen Volksfreund“, vor allem Kunst- und Theaterkritiken 1922 Aufruf „An die republikanische Intelligenz Darmstadts“ im „Hessischen Volksfreund“ 1922 „Verrat am Deutschtum. Eine Streitschrift zur Judenfrage“ 1926 „Martin Buber. Sein Gang in die Wirklichkeit“ 1927 „Der abendländische Zeus“ 1928-1930/33 Mitglied des „Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold“, Ortsgruppe Darmstadt (Nr. 422) 1928-1942 Autor der Zeitschrift „Eckart“ 1930 „Die Schicksalsfrage des Nationalismus“ 1931 [1932] „Bekenntnis zur Kirche“ 1932 „Wir heißen Euch hoffen“ 1933-1942 Mitglied der Reichsschrifttumskammer 1934-1942 Mitglied des RLB 1936 „Das Herz im Alltag“ 1937 „E. Merck Darmstadt“; „Darmstadt. Ein Gespräch“ 1939 „Nietzsche in unserem Jahrhundert“ 1940 „Das Leben Friedrich Hölderlins“ (Hölderlin-Biografie) † 16. April 1942 in Darmstadt 291 Ehrungen: 1925 Georg-Büchner-Preis Wirken in der NS-Zeit Wilhelm Michel, Schriftsteller und Philosoph, lebte seit 1913 in Darmstadt, wo er 1942 ve r- starb. In der NS -Zeit publizierte er vor allem zahlreiche Essays in Zeitungen und Zeitschriften (darunter auch NS-Publikationsorgane) sowie 1940 seine große Hölderlin-Biografie. „M[ichel] ist ein Gesinnungslump ureigenster Prägung“ (Gestapo Darmstadt, 06.02.1940, BArch Be r- lin, BDC, R 9361-V/8350). In der biografischen Literatur wurde insbesondere Michels Beschäftigung mit dem Dichter Hölderlin, mit dessen L eben und Werk er sich über 40 Jahre beschäftigte, als nachwirkende Leistung hervorgehoben. Auf Michels Einbettung in die NS -Zeit hingegen fanden sich kaum Hinweise. In der Zeit zwischen 1933 und seinem Tod 1942 veröffentlichte Michel Dutzende von Essays in zahlreichen Zeitungen und Zeitschriften. Wie seine eigenen Angaben an die Reichskammer Deutscher Schriftsteller dokumentieren, schrieb er neben regelmäßigen Be i- trägen im „Darmstädter Tagblatt“ auch (unregelmäßig, aber jeweils in zweistelliger Anzahl) Artikel für die NS -Tageszeitung „NSZ Rheinfront“ sowie für die Zeitschriften „Westmark“, „Völkische Kultur“ und „Eckart“. In den 1920er Jahren hatte sich Michel wiederholt für die Republik und gegen den Antisem i- tismus ausgesprochen. In seinem 1922 veröffentlic hten Aufruf „An die republikanische Inte l- ligenz Darmstadts!“ etwa forderte er die „Männer der geistigen Arbeit“ zur Teilnahme an einer Demonstration auf „für das freie entschlossene republikanische Deutschland“, das er durch „Landesfeind[e] im Innern“ bedr oht sah. Im letzten Absatz des Aufrufs (unterzeichnet mit „im Namen zahlreicher Kameraden, Wilhelm Michel“) hieß es: „Schließt die Reihen mit euren Brüdern von Fabrik und Werkb ank! Zeigt denen, die das Wort ‚Geist‘ nur als Lästerung im Munde führen, daß de r deutsche Geist endgültig Partei genommen hat für die Zukunft und Entwicklung, für Freiheit und Republik!“ (Hessischer Volksfreund vom 25.06.1922). Michels ebenfalls 1922 erschienene Publikation „Verrat am Deutschtum. Eine Streitschrift zur Judenfrage“ las sich als deutlich formulierte Absage an den Antisemitismus – und vor allem als eine Klage darüber, dass Antisemitismus zu Unrecht mit „Deutschtum“ gleichg e- setzt würde. Es ließen sich zahlreiche Textbeispiele aus der 47 Seiten umfassenden Strei t- schrift nennen; die folgende längere Passage steht exemplarisch für deren Stoßrichtung (und Wortwahl): „Man beruft sich, indem man sich als übe lriechender Coyote benimmt, auf deutsches Wesen, deu t- schen Geist, deutsches Blut. Man behauptet, echtes Deutschtum zu bewäh ren, indem man schäbig ist wie eine Kellerassel, ordinär wie ein Strizzi, schamlos wie ein Leichenfledderer, betrügerisch wie ein Wechselfälscher. Der Antisemitismus ist nicht bloß eine Sache zwischen Juden und Judenhassern. Er ist in erster Linie eine Sac he zwischen Deutschen und einer Horde von Verrätern aller edlen, gei s- tigen, ritterlichen Überlieferungen des Deutschtums, die wir als etwas Verehrungswürdiges in uns tragen. Er ist unser aller Entehrung. Er ist die Schmach, die uns auf Jahrhunderte ans Gal genholz an- 292 prangert. Er ist die brennende Schande all derer, die im Deutschtum ein edles, ausgezeichnetes Werkzeug zur Verwirklichung der Menschheit erblicken. Er ist unverzeihliche Felonie, Urfall der U n- treue gegen Volk und Land, er ist die frechste Untern ehmung gegen das Deutschtum, die jemals ins Werk gesetzt wurde“ (Verrat am Deutschtum, S. 10). Michel war Mitglied des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold (Ortsgruppe Darmstadt), Mitarbei- ter der Zeitschrift „Die Weltbühne“ und persönlich bekannt mit Wilhelm Leu schner sowie Martin Buber. Seine Veröffentlichung „ Martin Buber. Sein Gang in die Wirklichkeit “ (1926) stand in der NS -Zeit auf der „Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums“ ( BArch Berlin, BDC, R 9361 -V/8350). Noch im Mai 1932 zeigte ein Foto M ichel gemeinsam am Tisch mit Wilhelm Leuschner, dem Intendanten des Darmstädter Landestheaters Gustav Hartung und Thomas Mann (andere Datierung: 1931, HStAD, R 4 Nr. 13486). Erklärungsbedürftig erscheint anhand Michels Werdegangs in den 1920er Jahren, dass er auch in der NS -Zeit ununterbrochen veröffentlichen durfte (und veröffentlichte). Er war bis zu seinem Tod 1942 Mitglied der Reichsschrifttumskammer, publizierte nach 1933 – wie oben erwähnt – zahlreiche Artikel (in der Regel in Form von Essays), auch i n den genannten NS-Publikationsorganen. Als eine erste Annäherung an den Nationalsozialismus ließe sich Michels Veröffentlichung „Wir heißen Euch hoffen . Betrachtungen zur neuen Weltstunde “ lesen, die der Philosoph bereits 1932 verfasste. Der Rezensent des Darmstädter Tagblatts las die „Hoffnung auf eine neue nationale Lebensmächtigkeit“, wenn Michel formulierte: „Was die Geschichte jetzt als Menschenform zur Führung bringen will, das ist die dem Deutschen eigene Wesensform. So fest es steht, daß die bisher ige Richtung des Zivilisationsgeistes dieser Me n- schenform feindliche war, so fest steht es, daß die neue Wendung ihr günstig ist. Der Deutsche hat sich nur als Deutscher zu erfüllen, um dieser Zeit gemäß zu sein. Das hat nichts mit einem leichten Leben oder mit einer Gewähr für deutschen Welterfolg zu tun, aber es schenkt uns die Freude, unser Dasein nach eignen Takten leben zu können“ ( Wilhelm Michel: „Wir heißen Euch hoffen!“; Rezension von Herbert Nette im DT vom 09.10.1932). Michels Hoffnung, die von ihm vertretene Geisteshaltung eines „wahren Deutschtums“ ließe sich mit dem (oder gerade durch den) Nationalsozialismus vorantreiben, zur führenden Gei s- teshaltung gestalten, durchwirkt später wiederholt seine Essays im „Darmstädter Tagblatt“ (zu DT-Beiträgen 1933-1936 vgl. StadtA DA, ST 61). Die (eingesehenen) Beiträge waren w e- der antisemitisch noch weitgehend in propagandistischem NS -Jargon verfasst. Michels Z u- stimmung zu den „Errungenschaften“ des NS -Regimes sowie die Anschlussfähigkeit seines Begriffs von „Deutschtum“ an die politische Gegenwart wurden darin aber wiederholt deu t- lich. Im Juli 1935 erörterte Michel etwa „Die Frage nach dem, was ‚deutsch‘ ist“. Das von ihm propagierte „Deutschtum“ stünde demnach keineswegs im Widerspruch zu Europa – ganz im Gegenteil: Was „deutsch“ ist, sei ohne Einbettung in europäische Werte gar nicht denkbar. Der Weg der Deutschen durch die Jahrhunderte sei dennoch geprägt von einem „Durchg e- 293 hen durch so vieles Fremde und Halbfremde, das doch nicht organisch einverleibt werde n konnte“. In der (politischen) Gegenwart habe sich dies hingegen grundlegend geändert: „Es ist die gegenwärtige deutsche Stunde mit ihrer Frage nach dem, was ‚eigentlich‘ deutsch ist. Es ist die Stunde, da der Deutsche als endlich festgewordenes Staatsvol k sich aus den unorganischen Frü h- verbindungen mit ‚Rom‘ herausnimmt, da er seine geschöpfliche Eigenheit betont unter Berufung an die großen Mächte von Blut und Boden – nicht um sich in ein ‚deutsches Abseits‘ einzuriegeln unter Verleugnung Europas, sonder n ganz im Gegenteil: um den alten hohen Werten des Erdteils endlich lebensrichtig zu begegnen und den germanisch -deutschen Beitrag zur europäischen Kultur und Me n- schenform in einem zweiten ‚kaiserlichen‘ Tun geschichtlich zu befestigen“ (DT vom 12.07.1935). Im weiteren Verlauf des Essays hieß es weiter: „Unser Fragen nach dem Eignen hat keinen weltflüchtigen, keinen stadtflüchtigen Sinn; es hat auch durchaus keinen zivilisationsflüchtigen Sinn. Wir ziehen uns mit der Frage nach dem, was deutsch ist, nicht aus dem Wettbewerb der Weltvölker zurück! Wir treten erst mit voller Kraft in ihn ein! Könnten wir an diesem Inhalt der heutigen deutschen Selbstbesinnung irgendwelchen Zweifel hegen: die A u- tobahnen, die unser Land durchstrahlen, die mächtige deutsche Techn ik, die vorbildliche Verarbe i- tung brennendster moderner Sozialfragen, die wahrhaft schöpferischen deutschen Vorstöße zur Neugestaltung der Völkerbeziehungen würden uns zurufen: Fort mit solchem Zweifel! […] Aber e m- por mit dem stolzen Wissen, daß diese Selb stbesinnung uns als desto rüstigere Kämpfer hinausweist auf das Feld der weltgültigen Tat.“ Technische Errungenschaften und die Sozialpolitik des NS -Regimes wurden auch in anderen Veröffentlichungen von Michel positiv dargestellt, so in „Darmstadt. Ein Ges präch“ (1939) der Anschluss an die „großartige Reichsautobahn“ (S. 5). In dem Band „E. Merck Darmstadt“ (1937), zu dem Michel den Text verfasste, lobte er im Kapitel „Soziale Einrichtungen“ die Zusammenarbeit mit der „Deutschen Arbeitsfront“ sowie mit der „NS-Gemeinschaft ‚Kraft durch Freude‘“: „Kameradschaftlicher Geist, Gefühl der Werkgemeinschaft und auf beiden Seiten der ernste Wille, die großen einschlägigen Gesichtspunkte unserer neuen Volksordnung voll zu verwirklichen, geben dieser Zusammenarbeit da s Gepräge und die Erfolgsgrundlage. In ihr drückt sich die Erkenntnis aus, daß das Werk nur ein Teil der Volksgemeinschaft ist und daß daher alle Maßnahmen des Werkes von dem gleichen Geist getragen sein müssen, von dem das ganze Volk getragen wird“ (E. Me rck Darm- stadt, S. 90). Im Essay „Freude macht Freude“, in dem viel von Liebe, Herzensmilde und Verzeihen als he i- lenden Kräften die Rede war, verwies Michel bezüglich der „Herzensachtung von jedem, der mit ehrlichen freudigen Willen mitschafft am Aufbau uns eres Volkes“ (im Kontext eher u n- vermittelt) auf Adolf Hitler: „Standesdünkel, Gesinnungsdünkel, Vorbehalte kleinlicher Art – sind sie überall schon soweit abg e- räumt, wie sie es angesichts der großen Schicksalsverbundenheit aller Deutschen sein müßten? Der Führer hat jedem die Bruderhand gereicht, der es redlich mit Volk und Vaterland meint. Hast du das auch schon getan?“ (DT vom 20.12.1935). Immer wieder thematisierte Michel in seinen Essays religiöse bzw. religionsgeschichtliche Fragestellungen. Dabei fäll t auf, dass für ihn das (protestantische) Christentum elementarer 294 Bestandteil des „Deutschtums“ war; dass es seiner Ansicht nach keinen „Kampf zwischen Christentum und Volkstum“ gab, „sondern ein bisher nie dagewesenes Mächtigwerden des einen im andern, de s einen durch das andere“ („Die Bühne im neuen Deutschland“, DT vom 01.05.1935). Es sollte „das deutsche Herz demütig und tapfer durch Leiden und Tat die Wir k- lichkeit Gottes, die Herrlichkeit des gottgestifteten Lebens neu in die menschliche Seele bringen“ (ebenda, unter Bezug auf die Veröffentlichung „Wesen und Mächte des heldischen Theaters“ von Erich von Hartz). „Volksgemeinschaft“, „Deutschtum“, „Deutschlands Ber u- fung“ – Themen und Begrifflichkeiten, die Michel in seinen Beiträgen immer wieder aufgriff, häufig in Zusammenhang gesetzt mit der von ihm konstatierten Besonderheit des „deu t- schen Wesens“: „[…] – aber sieghaft hebt sich aus den wilden und leuchtenden Bildern die schwertführende Gewalt des Deutschtums heraus, seine weltgestaltende Berufung, das Bewußtsein, daß es etwas Großes ist Deutscher zu sein und deutsches Schicksal mitzuleben!“ („Erinnerung als Kraftspender“, DT vom 23.01.1935). Zeitgenossen betrachteten Michels „Wendung“ vom Republikaner der 1920er Jahre zum Befürworter des Nationalsozialismus‘ skeptisch bis ablehnend. Der Architekt Ernst W. Müller bezeichnete in einem in Auftrag gegebenen Dossier Michel als „eine stadtbekannte Persö n- lichkeit der roten Aera, der sich nach Konjunktur beliebig dreht“ ( Müller an Regierungsrat Reiner, März 1934 , HStAD, G 5 Nr. 15). 1934 veröffentlichte die Zeitschrift „Der Datterich. Rhein-mainischer Beobachter“ eine sich über mehrere Ausgaben erstreckende Kampagne gegen Michel. Die Titelseite der Ausgabe vom 02.11.1934 zeigte in Form einer Karikatur zwei Wetterhähne mit Michels Konterfei: Bei jenem von 1920 blies der Wind von links, bei dem von 1934 von rechts. Darunter stand zu lesen: „Wenn einer auf hoher Warte steht, / Und sich nach jedem Winde dreht Und schmettert ohne innere Müh‘ / Mal links, mal rechts sein Kikeriki Dann nimmt man solchen wendigen Mann / Nicht ernster als jeden Wetterhahn!“ Auf der Titelseite der Ausgabe vom 09.11.1934 fand sich der erwähnte Aufruf von Michel aus dem Jahr 1922 nochmals abgedruckt. Und das Titelblatt vom 23.11.1934 schmückte das ebenfalls bereits erwähnte Foto, das Michel noch 1932 mit Leuschner, Hartung und Thomas Mann an einem Tisch zeigte, untertitelt mit: „Im Mai in diesem Kreis betroffen, / Im Juni heißt er uns schon ‚hoffen‘ – Wie nützlich ist doch allezeit / Die Gabe rascher Wendigkeit!“ Im Textteil der Zeitschrift wurde Michel eine opportunistische Haltung unterstellt, sein Be i- trag „Wir heißen euch hoffen“ in das Jahr 1933 datiert und als Reaktion auf die geänderten politischen Verhältnisse hin gedeutet. Michel nahm zu den Vorwürfen explizit Stellung – in- dem er darauf hinwies, der Text sei bereits im „Juni -Juli 1932 geschrieben“, das Buch könne daher nur „eigene, freierwachsende Einsichten“ darstellen. Auch sei sein deutsches Nati o- nalbewusstsein nachweislich keineswegs neu. Tatsächlich hatte sich Michel bereits in seinem Beitrag „Die Schicksalsfrage des Nationalismus“ mit der Entwicklung des Nationalismus in Deutschland auseinandergesetzt. Er sah darin eine neue Entwicklung hinsichtlich des Nati o- 295 nalismus und verwies bere its 1930 darauf, dass „wir ohne Ausnahme gezwungen sind, über alte Schablonen hinaus zu denken“. Das „künftige Deutschland“, so Michel weiter, werde weder von den alten Linken noch von den alten Rechten allein geprägt sein, „sondern von neuen Kräfteverbindungen, in denen möglicherweise auch das nationalistische Element eine Rolle spielen wird“ (Die Schicksalsfrage, S. 460). [Er wendete sich gegen „primitive“ Gewalt, machte sich stark für Geist und Gottgläubigkeit in Bezug auf Nationalismus.] Die Autoren des „Datterich“ werteten in ihrer Replik (09.11.1934, S. 2) Michels Gegenrede als unzureichend: Im Sommer 1932 habe er bereits den Aufstieg des Nationalsozialismus erkennen können; an ihrer Einschätzung änderten daher Michels Erklärungsversuche nichts: „Es steht fest, daß Wilhelm Michel über ein Jahrzehnt lang zur geistigen Prominenz der linken Ric h- tung zählte und sich als solcher öffentlich und häufig bemerkbar machte. Es steht fest, daß Wilhelm Michel ehedem ein Buch verfaßte, in welchem er die Vertreter der heute herrschenden Anschauu n- gen mit Ausdrücken belegte, die einfach nicht wiederzugeben sind. Andererseits steht fest, daß Wi l- helm Michel ohne jeden erkennbaren Übergang plötzlich das Gegenteil von dem anbetet, was er früher vertrat, und unter dem Motto ‚ Was geb‘ ich für mein schläächt‘ Geschwätz von gestern‘ das derzeit Gültige hymnisch besingt.“ 1940 kam die Darmstädter Gestapo in einem Dossier über Michel zu einem ganz ähnlichen Ergebnis, das im oben vorangestellten Zitat kulminierte: „M[ichel] ist ein Gesinnungslump ureigenster Prägung“ (Gestapo Darmstadt, 06.02.1940, BArch Berlin, BDC, R 9361 -V/8350). Michel wurde in dem Dossier als Intellektueller der „Systemzeit“ charakterisiert, dessen „marxistische Gesinnung“ und „Haltung gegenüber dem Judentum“ Au sdruck in den oben bereits genannten Veröffentlichungen aus dem Jahr 1922 fanden; auch der Verweis auf das veröffentlichte Foto aus dem Jahr 1932 fehlte nicht. Seine Parteinahme bezüglich des Nati o- nalsozialismus wurde auch hier als Opportunismus bewertet: Wenngleich er in „staatspolit i- scher Hinsicht“ nach 1933 nicht in Erscheinung getreten sei, so sei doch dringend empfohlen, „seiner Wandlungsfähigkeit eiserne Schranken zu setzen“: „Nach den obigen Ausführungen bestehen an der Zugehörigkeit des M[ichel] zur Reichsschrifttums- kammer, zu der die hiesige Dienststelle bisher zur Stellungnahme nicht aufgefordert wurde, aus staatspolizeilichen Gründen erhebliche Bedenken.“ Entsprechend wurde Michel von der NSDAP -Gauleitung als politisch unzuverlässig bewertet und g efordert, „die Mitgliedschaft des Michel zur Reichsschrifttumskammer aufzuheben“ (Gauhauptstellenleiter, Gauleitung Hessen -Nassau, 23.06.1941, BArch Berlin, BDC, R 9361 - V/8350). Dennoch blieb Michel bis zu seinem Tod Mitglied der Reichsschrifttumskammer: „Die Kammer hat sich eingehend mit der Frage befasst, ob M[ichel] auszuschließen war, hat es j e- doch dann bei der Mitgliedschaft belassen mit Rücksicht darauf, daß er nach der Machtübernahme nicht mehr nachteilig in Erscheinung getreten war“ (Schriftsteller Wilhelm Michel, Ihr Schreiben vom 28.9.42, BArch Berlin, BDC, R 9361-V/8350). Der Reichsschrifttumskammer war im Übrigen schon früher bekannt, dass Michels politische Vergangenheit Fragen aufwarf: In einem Schreiben an den Herausgeber der Monatsschrift „Völkische Kultur“ machte die Kammer bereits im Februar 1935 (auf Anfrage) darauf au f- merksam, dass man Michel ob seiner bekannten Angriffe auf den Antisemitismus „auf ke i- 296 nen Fall“ als Nationalsozialisten bezeichnen könne (Schreiben vom 14.02.1935, BArch Berlin, BDC, R 9361-V/8350). Da Wilhelm Michel 1942 verstarb, ließen sich keine Entnazifizierungsakten recherchieren. Quellen: BArch Berlin, BDC, R 9361-V/8350 HStAD, G 5 Nr. 15 HStAD, R 4 Nr. 13486 [erwähnte Gruppenaufnahme zu Tisch] HStAD, R 12 P Nr. 4183 Deutsches Literaturarchiv Marbach, Nachlass Wilhelm Michel [NICHT eingesehen] StadtA DA, ST 61, Michel, Wilhelm Literatur: Michel, Wilhelm: Verrat am Deutschtum. Eine Streitschrift zur Judenfrage. Hannover/Leipzig 1922. Michel, Wilhelm: Martin Buber. Sein Gang in die Wirklichkeit. Frankfurt am Main 1926. Michel, Wilhelm: Die Schicksalsfrage des Nationalismus. In: Der Morgen. Monatsschrift der Juden in Deutschland 6 (1930/31), Heft 5 (Dezember 1930), S. 458-465. Michel, Wilhelm: Wir heißen euch hoffen! Betrachtungen zur neuen Weltstunde. Darmstadt 1932. Michel, Wilhelm: E. Merck Darmstadt. Darmstadt 1937 [herausgegeben von E. Merck Darmstadt, „Den Text verfaßte […] Schriftsteller Wilhelm Michel, Darmstadt“]. Michel, Wilhelm: Darmstadt. Ein Gespräch. Darmstadt 1939. Michel, Wilhelm: Der Kriegsrat Johann Heinrich Merck. Berlin 1941. Netuschil, Claus K.: Michel, Wilhelm. In: Stadtlexikon Darmstadt (2006), S. 633. 297 Rudolf-Mueller-Anlage (J 8-9), benannt 1974 nach Rudolf Mueller (1869-1954) Oberbürgermeister der Stadt Darmstadt * 4. August 1869 in Gießen Besuch des Ludwig -Georgs-Gymnasiums in Darmstadt sowie des Kaiser -Wilhelm-Gymnasiums in Hannover (Abitur in Hannover) Studium der Rechtswissenschaften in Gießen, Tübingen, Göttingen, Jena und Berlin Nach abgeschlossenem Studium Tätigkeiten im Hessischen Staatsdienst (Großherzogliches Polizeiamt Darmstadt, Staatsministerium, Innenministerium) 1900 Heirat mit Martha Wölkel (drei Kinder) 1904 kurzzeitig stellvertretender Kabinettssekretär im Staatsministerium 1908 Kreisamtmann in Heppenheim 1909 juristischer Beigeordneter der Stadt Darmstadt 1910/11 Titel „Bürgermeister“ in Darmstadt (1921 für weitere zwölf Jahre bestätigt) 1914-1918 zunächst Teilnahme am Ersten Weltkrieg, dann Rückversetzung in die Verwaltung in Darmstadt 1919 Mitbegründer der Deutschen Demokratischen Partei in Hessen 1929-1933 Oberbürgermeister der Stadt Darmstadt 1929-1933 Vorsitzender des Odenwaldklubs (des Gesamtverbands der Odenwaldvereine; 20 Jahre Vorsitzender der Ortsgruppe Darmstadt, 50 Jahre Mitglied des Odenwaldvereins) 1931 New-York-Reise 1933 Absetzung als OB durch die Nationalsozialisten (Ende März) 1945 Treuhänder der amerikanischen Militärregierung für die Grube Messel † 1. Juni 1954 in Darmstadt Ehrungen: 1932 Ehrensenator der Universität Gießen 1936 Ehrenmitglied des Odenwaldklubs 1949 Ehrenbürger der Stadt Darmstadt Wirken in der NS-Zeit Rudolf Mueller, Jurist, leitender Beamter und schließlich ab 1929 OB der Stadt Darmstadt, wurde vom NS-Regime Ende März 1933 aus seinem Amt fristlos entlassen. Über Muellers Wirken in der Zeit zwischen 1933 und 1945 ist wenig bekannt. In einem Pre s- sebericht hieß es bezüglich der Zeit nach seiner Entlassung: „Rudolf Mueller zog sich damals aus dem öffentlichen Leben zurück und widmete sich vornehmlich seiner Liebe zur Kunst“ (DT vom 04.08.1969). Auch der Beitrag von Susanne Kiraly im Stadtlexikon Darmstadt geht 298 nicht auf die Zeit ein [es wird lediglich – fälschlicherweise – auf seinen Vorsitz des Ode n- waldklubs ab 1936 verwiesen; er wurde 1936 zum Ehrenmitglie d ernannt]. Kurz vor seiner Entlassung Ende März wandte sich Mueller mit einem Schreiben an die Mitarbeiter der Stadt(verwaltung) Darmstadt. Er bezog sich auf den Wahlsieg der Nationalsozialisten in He s- sen am 13. März 1933 und ließ im Zuge dessen wissen: „Es ist klar, dass diese Entwicklung auch in den bürgerlichen Kreisen nicht überall kritiklos hing e- nommen worden ist, und es sind oft nicht die schlechtesten Elemente, die sich nicht dazu entschli e- ßen konnten oder können, gleichsam über Nacht sich zu einer anderen Weltanschauung zu beke n- nen“ (17.03.1933, An die städtischen Beamten, Angestellten und Arbeiter, gezeichnet [ohne „Heil Hitler!“] Rudolf Mueller). Aber auch die Kommunen müssten sich entsprechend der neuen Lage verhalten, so Mueller weiter, und er warb um Loyalität der städtischen Beamten, Angestellten und Arbeiter: „Und diese Einstellung zu der neuen Lage kann im Hinblick auf die Not des Vaterlandes und die No t- wendigkeit eines Wiederaufbaus bei einer ruhigen Fortentwicklung nur eine positive sein, einerlei, ob diese oder jene Einzelmaßnahme der Regierung innerlich gutgeheißen werden sollte oder nicht“ (ebenda, Hervorhebung im Original). Deutschland dürfe schließlich nicht im „Chaos“ versinken, weshalb die Angesprochenen ihre Pflicht zu tun hätten; si e hätten sich „unbeschadet der unbedingten Wahrung einer gerec h- ten und objektiven Einstellung zu allen Bevölkerungsgruppen“ treu und loyal zu verhalten. Gegen die kursierende Behauptung, er sei SPD -Mitglied gewesen, verwahrte sich Mueller kurze Zeit später vehement und öffentlich. Er sei tatsächlich schon seiner Herkunft nach „bürgerlicher“ Einstellung und habe sich – trotz seines Eintritts 1919 in die „Demokratische Partei“ – parteipolitischer Arbeit weitgehend verschlossen: „Mein Interesse und meine Kräft e gehörten ausschließlich der Verwaltung meiner Heimatstadt. Das Urteil über mein Wollen und den Erfolg meiner 24jährigen kommunalen Arbeit wird eine ruhigere Zeit fällen“ (in der Presse veröffentlichte Stellungnahme vom 13.04.1933, StadtA DA). Über Muellers Wirken nach seiner Entlassung als OB durch die Nationalsozialisten bis 1945 gab lediglich der von ihm selbst am 26. April 1946 ausgefüllte Meldebogen im Zuge seines Entnazifizierungsverfahrens Aufschluss (HHStAW). Demnach war der abgesetzte OB weder in der NSDAP noch in einer ihrer Unterorganisationen Mitglied (alle Fragen mit „nein“ bean t- wortet). Ob er Mitglied einer der NSDAP verbundenen Organisation war, konnte er nicht mit Bestimmtheit ausschließen („Diese Sachen besorgte immer meine im Jahr 1945 ver storbene Frau“). Als OB a. D. bezog er bis 1945 reduzierte Einkünfte (jährlich zwischen 10.000 und 16.000 RM). Auf die Frage, in welche Gruppe er sich einordnen würde, antwortete er „In gar keine Gruppe“ mit folgender Begründung: „Ich wurde als Antifaschis t am 30.3.33 von dem Hitler-Regime aus meinem Amt fristlos entlassen und dadurch geldlich und moralisch schwer geschädigt“. Seit Juli 1945 arbeitete er als Treuhänder der Grube Messel für die amerikan i- sche Militärregierung in Darmstadt, die ihn als politis ch entlastet ansah. Rudolf Mueller wur- de am 03.02.1947 schließlich als „Vom Gericht nicht betroffen“ eingestuft. 299 Quellen: HHStAW, Abt. 520/Darmstadt-Zentral, Nr. 03656 (nur Meldebogen) HStAD, O 29 Nr. 50 HStAD, R 4 Nr. 1384 HStAD, R 4 Nr. 21045 HStAD, R 12 P Nr. 4336 StadtA DA, ST 61 Müller, Rudolf Literatur: Kiraly, Susanne: Mueller, Rudolf. In: Stadtlexikon Darmstadt (2006), S. 651. 300 Elisabeth-Noack-Platz (H 9), benannt 1997 nach Elisabeth Noack (1895-1974) Musikwissenschaftlerin und Musikpädagogin * 29. Juli 1895 in Mainz 1901-1911 Besuch der Höheren Töchterschule in Darmstadt (nach der Übersiedlung der Eltern) 1911-1915 Besuch der Ludwigs -Oberrealschule in Darmstadt (August 1914: Notreifeprüfung, März 1915: Abitur) 1915 Diakoniehilfsschwester im Städtischen Krankenhaus Darmstadt 1915-1917 private Musikstudien (1915/16 auch an der TH Darmstadt) 1917-1921 Studium der Musikwissenschaft an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin 1919 Abiturergänzungsprüfung (Latein) 1921 Promotion in Musikwissenschaften „Georg Christoph Strattner (ca. 1645-1708)“ 1921 Musiklehrerin an verschiedenen Darmstädter Schulen 1921-1923 Kantorin der Evangelischen Johannesgemeinde Darmstadt 1921-1934 Mitglied des Reichsverbands deutscher Tonkünstler (im erweiterten Hauptvorstand) 1922 Staatliche Hessische Prüfung für Gesangslehrer an höheren Schulen (als erste Frau) 1922-1945 Mitglied des Tonika-Do-Bunds für musikalische Erziehung 1922-1923 Leiterin des Seminars für Musiklehrer an der Akademie für Tonkunst Darmstadt 1923-1924 Musiklehrerin am privaten Landerziehungsheim Hochwaldhausen (Oberhessen) 1924-1929 Musiklehrerin (ab 1925 Studienrätin) an der Helene -Lange-Schule in Schneidemühl (Pr o- vinz Grenzmark Posen-Westpreußen) 1925 Preußische Staatsprüfung für das künstlerische Lehramt (in Berlin) und Pädagogische Staatsprü- fung (in Schneidemühl) 1925 „Die Bibliothek der Erfurter Michaeliskirche“ 1927 „Mein erstes Singbuch“ (für Grundschüler nach Tonika-Do-Lehre konzipiert; mehrteilig) 1929-1934 Dozentin für Musik an der Pädagogischen Akademie Kiel (1932-1934: Hilfsdozentin) 1929-1931 Lehrbeauftragte an der Landeskirchlichen Schule für Kirchenmusik Eckernförde 1930 Gauleiterin Schleswig-Holstein im Reichsverband akademisch gebildeter Musiklehrerinnen 1930 Rundfunkbeiträge zum Thema „Volkslied“ 1932 „Grenzen und Möglichkeiten des musikalischen Schulfunks und seiner unterrichtlichen Auswe r- tung“ 1933/34 Lehrbeauftragte für Musikerziehung an der Hochschule für Lehrerbildung Kiel 1934-1956 (mit Unterbrechung) Studienrätin an der Hindenburgschule (1 947 umbenannt in Käthe - Kollwitz-Schule) Kiel Bis 1934 Mitglied im Allgemeinen Deutschen Lehrerinnenverein, dort in mehreren Ausschüssen 1934-1945 Mitglied der NSV 301 1934-1945 Mitglied des NSLB 1935-1945 Mitglied der NS-Frauenschaft [Musikalische Leiterin, Gau Schleswig-Holstein] 1937-1945 Mitglied der NSDAP (Nr. 5444166) 1937-1945 Mitglied des Reichskolonialbunds (RKB) 1937-1945 Mitglied des Volksbunds für das Deutschtum im Ausland (VDA) 1938 „Chorerziehung“ 1938-1940 „Deutsche Musiklehre für junge Menschen“ (unveröffentlichtes Manuskript) 1939-1945 Mitglied des Reichsluftschutzbunds (RLB) 1940-1945 Mitglied der Reichsmusikkammer (Abteilung Verleger) 1940-1957 Leiterin des Tonika-Do-Verlags für Musikerziehung in Kiel 1946-1951 Dozentin für Musik an der Pädagogischen Hochschule Kiel 1956 Ruhestand (bis April 1957 noch als „Hilfslehrkraft“ an der Käthe-Kollwitz-Schule tätig) 1957 Rückkehr nach Darmstadt 1964 „Wolfgang Carl Briegel. Ein Barockkomponist in seiner Zeit“ 1967 „Musikgeschichte Darmstadts vom Mittelalter bis zur Goethezeit“ † 20. April 1974 in Darmstadt Ehrungen: 1970 Johann-Heinrich-Merck Ehrung der Stadt Darmstadt (anlässlich ihres 75. Geburtstags) Wirken in der NS-Zeit Elisabeth Noack, Musikwissenschaftlerin und Musikpädagogin, war in der NS -Zeit als Studi- enrätin und Dozentin im Bereich der Musikausbildung in Schleswig -Holstein tätig. Seit 1940 leitete sie zudem den Tonika -Do-Verlag in Kiel. Sie war Mitglied der NSDAP und weiterer NS - Organisationen. Die promovierte Musikwissenschaftlerin (Promotion 19 21), in Darmstadt sozialisiert, hatte zu Beginn der 1920er Jahre als Musiklehrerin an verschiedenen Darmstädter Schulen gea r- beitet und an der Akademie für Tonkunst das Seminar für Musiklehrer geleitet, bevor sie über Hochwaldhausen (Oberhessen, 1923/24) und Schneidemühl (Provinz Grenzmark Posen- Westpreußen, 1924-1929) nach Kiel gelangte. Von 1929 bis 1931 war sie Lehrbeauftragte an der Landeskirchlichen Schule für Kirchenmusik Eckernförde. Zu Beginn der NS-Zeit agierte sie als Dozentin für Musik an der Pädagogischen Akademie Kiel, wo sie seit 1929 lehrte (ab 1932 eigenen Angaben folgend aufgrund von „Sparmaßnahmen“ als „Hilfsdozentin“). Im Winte r- semester 1933/34 war sie zugleich Lehrbeauftragte für Musikerziehung an der Hochschule für Lehrerbildung Kiel . 193 4 wechselte sie schließlich als Studienrätin an die Hindenbur g- schule in Kiel (1932-1936 Städtisches Hindenburg-Oberlyzeum), an der sie bis zu ihrer Pens i- onierung 1956 als (Musik -)Lehrerin tätig blieb (die Hindenburgschule wurde 1947 umb e- nannt in Käthe -Kollwitz-Schule). Ihrer eigenen Aussage nach wurde sie 1934 mit Bezug auf das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ – gegen ihren Willen – von der 302 Hochschule in den Schuldienst zurückversetzt ( BArch Berlin, BDC, R 9361 -V/81804 sowie LASH). Elisabeth Noack war über viele Jahre in Fachverbänden für Musiker und Musiklehrende tätig, teils in führender Funktion. Von 1921 bis 1934 war sie Mitglied des Reichsverbands deu t- scher Tonkünstler ( zeitweise im erweiterten Hauptvorstand und Geschäftsführende Vor sit- zende der Ortsgruppe Kiel ), von 1940 bis 1945 in der Reichsmusikkammer (Abteilung Verl e- ger). Bereits 1930 wurde sie als Gauleiterin Schleswig-Holstein im Reichsverband akademisch gebildeter Musiklehrerinnen geführt. Von 1934 bis 1945 war sie Mitglied de s NSLB. Auf der Karteikarte des NSLB findet sich vermerkt: „Schulungsleiterin f[ür] musik[alische] Kurse NS - Frauenschaft, Gau Schleswig -Holstein seit 1932“. [ Im Bundesarchiv sowie in Publikationen zum NSLB finden sich Hinweise auf eine Elisabeth Noack, die als „Reichsfachgruppenleiterin, Reichsfachschaft VII (Sozialpädagogische Berufe)“, innerhalb des NSLB in führender Funktion tätig war. Hierbei handelt es sich aller Wahrscheinlichkeit nach um eine Frau gleichen N a- mens aus Thüringen (Stadtroda), die seit 1 928 der Berufsorganisation der Kindergärtneri n- nen, Hortnerinnen und Jugendleiterinnen vorstand und nach 1945 ein Waisenhaus in Weimar leitete, siehe BArch Berlin, NS 12; Feiten, S. 92; www.stiftunghaar.de.] Darüber hinaus war Noack Mitglied in folgenden NS -Organisationen (HHStAW; BArch Berlin, BDC, R 9361 -V/81804): 1934 -1945 in der NSV sowie in der NS -Frauenschaft ( Musikalische Leiterin, Gau Schleswig -Holstein), 1937-1945 in der NSDAP (Mitglieds -Nr. 5444166, rückd a- tiert auf 01.05.1937, Antrag vom 21.12.1937, BArch Berlin, BDC, NSDAP-Mitgliederkartei), im Reichskolonialbund (RKB) und im Volksbund für das Deutschtum im Ausland (VDA). Von 1940 bis 1957 leitete sie den Tonika -Do-Verlag in Kiel, ein gemeinnütziges Unterne h- men, dessen Erlöse weitgehend in den Druck neuer musikpädagogischer Werke flossen. Der Verlag wurde seit 1928 von Maria Leo geführt, die die Leitung 1935 wegen ihrer „nichtar i- schen Abstammung“ aufgeben musste und den Verlag an ihre Freundin Dorothea Gotzmann verkaufte. Nach deren Tod 1939 übernahm Elisabeth Noack 1940 die Leitung des Verlags. Überlieferte Korrespondenz dokumentiert ein langjähriges freundschaftliches Verhältnis zwischen Maria Leo und Elisabeth Noack (ULB Darmstadt, [Teil -]Nachlass Elisabeth Noac k, Kasten 11). Auch mit dem Ehepaar Inna und Richard Glaser, das sich 1938 zur Emigration in die USA gezwungen sah, verband Noack eine langjährige Freundschaft – Noack war 1956 als Bevollmächtigte im Entschädigungsfall Richard Glaser eingesetzt (ULB Darmst adt, [Teil - ]Nachlass Elisabeth Noack, Kasten 5). Zwischen 1938 und 1940 verfasste Noack eine „Deutsche Musiklehre für junge Menschen“ , die allerdings nicht veröffentlicht wurde (Manuskript in ULB Darmstadt, [Teil -]Nachlass Elisa- beth Noack, Kasten 1). Das t radierte Manuskript weist kaum politische Äußerungen auf; bei der Auflistung der in der Tradition des „Gemeinschaftssingens“ stehenden Institutionen fa n- den die aktuellen NS-Kreise (etwa „Sing- und Spielscharen der Hitlerjugend“) Erwähnung und unter „Literatur für Gemeinschaftssingen“ wurde auf NS-Liederbücher verwiesen. 303 Entnazifizierungsverfahren In Fragebögen der Britischen Militärregierung gab Elisabeth Noack zu Protokoll, sie sei von 1935 bis 1938 von der Gestapo überwacht worden, „wegen Widerstands gege n den Nati o- nalsozialismus“ (zum Folgenden BArch Berlin, BDC, R 9361 -V/81804 sowie LASH). Wegen „politischer Unzuverlässigkeit“ bestand die Gefahr, so Noack weiter, dass sie ihre Schulstelle und die Verbeamtung verlöre. Dies allein sei der Grund für ihren E intritt in die NS - Frauenschaft sowie in die NSDAP gewesen („Drohungen bewogen mich, in die NS - Frauenschaft einzutreten und schließlich dem Zwang zum Eintritt in die Partei nachzug e- ben“) – eine Darstellung, die von befreundeten Lehrerinnen gestützt wurde. [ Seitens des Entnazifizierungsausschusses war Noack nahegelegt worden, „Bescheinigungen glaubwürd i- ger Persönlichkeiten beizubringen“ die bestätigten, „daß Sie durch besonderen Zwang der Verhältnisse oder durch Druck zum Eintritt in die NSF und in die Partei gebracht worden“ sei, Schreiben vom 24.08.1946, LASH Abt. 460 Nr. 4228.] Zudem sei sie insbesondere durch ihren persönlichen Einsatz für Maria Leo in Gefahr ger a- ten. Um ihre jüdische Freundin zu schützen, wand sich Noack (wiederum eigenen Angaben folgend) am 18.12.1941 an den „damaligen Stabsführer SS Himmler“. Darauf folgten Verhöre durch die Gestapo sowie Gerichtsverfahren: „Auf dieses vorsichtig und sachlich verfasste Schreiben erfolgte keine Antwort. Stattdessen wurde ich im Gebäude der Gestapo […] am 27.1.42 durch einen jungen Regierungsrat verhört nach allen M e- thoden der Einschüchterung: Anschreien, Bedrohen, Aussageerpressung durch Bedrohung anderer Freunde usw. Auch die Drohung mit der ‚schärfsten Strafe, die wir haben‘, dem Konzentrationslager, wurde ausgesprochen. Die Anklage wurde weitergeleitet an die Partei und sollte von dort an die Schulbehörde weitergehen zum Zweck der Einleitung eines Disziplinarverfahrens. Am 9.3.42 erfolgte meine Vernehmung beim Kreisgericht, am 13.8. beim Gaugericht. Da i ch inzwischen zur notwendigen Rücksprache in Berlin bei Maria Leo war, lief ich unmittelbar in Gefahr, in ein Konzentrationslager überführt zu werden“ (BArch Berlin, BDC, R 9361-V/81804). Nur ihr Anwalt habe Letzteres verhindern können, was dieser in einer „Eidesstattlichen Ver- sicherung“ bestätigte. Maria Leo beging im September 1942 Selbstmord. Der zuständige Entnazifizierungsausschuss schloss sich im September 1946 Noacks Darste l- lung an, woraufhin sie im Schuldienst verbleiben konnte. In der Begründung hieße es: „Die Bescheinigungen glaubwürdiger Persönlichkeiten […] ergeben, dass N[oack] in ihrem Musikl e- ben aufgegangen ist, daß sie in einem jüdischen Kreise verkehrt und gewirkt hat und den Mitgliedern dieses Kreises trotz starker Gefährdung treu geblieben ist und in Gefahren geholfen hat. Sie hat in der Schule der nationalsozialistischen Direktorin Widerstand geleistet. N[oack] gehörte weder erzi e- herisch noch religiös, noch gar politisch zur Partei“ (18.09.1946, Deutscher Entnazifizierungsau s- schuss auf der Landesebene Schleswig-Holstein, Abteilung Universität, LASH Abt. 460 Nr. 4228). Unter Druck geriet Noack, als der oben genannte Vermerk in der Kartei der NS -Frauenschaft auftauchte ( „Schulungsleiterin f[ür] musik[alische] Kurse NS -Frauenschaft, Gau Schles wig- Holstein seit 1932“). In allen Fragebögen hatte Noack stets betont, in keiner NS -Organisation je ein Amt inne gehabt zu haben. Die Dokumentation einer leitenden Funktion in der NS - 304 Frauenschaft (und das seit 1932) stellte ihre Glaubwürdigkeit stark in F rage. Ihr wurde Falschaussage und damit Fragebogenfälschung unterstellt – und sie wurde vom Schuldienst suspendiert. Noack verteidigte ihre Aussagen vehement. Sie habe tatsächlich nie ein Amt begleitet. Auf Anfrage habe sie lediglich mit einigen Frauen ges ungen und ihnen Gesangsun- terricht erteilt („ Being asked by the NS Frauenschaft to sing with some of its members, and instruct them in voice -training, I occasionally gave them lessons “) – wie sie dies bereits seit 1925 in unterschiedlichen Kreisen getan hät te, darunter auch mit Frauen des „Freiwilligen Arbeitsdiensts“ der SPD. Wie Noack in einem Schreiben an die Stadt Kiel berichtete, wurde sie im Oktober 1947 von den Vorwürfen freigesprochen: „Am 19. Juni 47 wurde ich wegen angeblicher Fragebogenfälschung s uspendiert. Die Gerichtsve r- handlung vor dem C. C. Court am 6. Oktober 47 ergab meine völlige Unschuld. Die Ursache für die Beschuldigung war ein Fehler in der Nazi -Hauptkartei“ (15.12.1947, an Städtisches Schulamt, Betreff: Gehaltszahlung, LASH Abt. 811 Nr. 7883). Zur Bestätigung ihrer Rehabilitierung wurde die ursprüngliche Entnazifizierungsbeschein i- gung als wieder gültig gewertet, ihr ein Entlastungszeugnis ausgestellt und die Suspendi e- rung aufgehoben. Ein Brief an Richard Glaser vom 7. Juli 1947, in dem Elisabeth Noack ihre Zerrissenheit in der Zeit des Nationalsozialismus und ihre Gedanken zur Frage der Schuld darlegte (ULB Dar m- stadt, [Teil-]Nachlass Elisabeth Noack, Kasten 5), gibt Auskunft darüber, wie sie ihr Verhältnis zum NS-Regime einordnete bzw. n ach außen hin gesehen haben wollte. Tenor des Briefs ist, dass Noack selbst sich stets innerlich und im engen Freundeskreis gegen den Nationalsozi a- lismus positioniert habe, aber sich gezwungen sah, bis zu einem gewissen Grad mit dem NS - Regime zu kooperieren, um sich und andere nicht in Gefahr zu bringen. Ein „unentrinnbares Netz“ habe über den Menschen gelegen, so Noack. Sie sei weder vorbereitet gewesen auf die „Tyrannei“ noch habe sie schließlich eine Wahl gehabt ( „Wo gab es das in der Welt, dass man Leut en sagte: entweder wir gehen gegen Dich vor, oder Du trittst in unseren Verein ein?“). Der folgende Absatz mag veranschaulichen, wie Noack ihr Verhältnis zum NS -Regime rückblickend bewertete bzw. kommunizierte: „Als ich dann für Maria Leo an Himmler schrie b, um wenigstens den Versuch zu machen, ihr zu he l- fen, da wusste ich schon, dass das mit 99 % Wahrscheinlichkeit keine Hilfe, sondern nur ein Bekenn t- nis zu ihr und gegen die Nazis wäre. Aber es musste versucht werden. Und als dies missglückt war und die Gestapo mir den Prozess machte und ich ins KZ sollte, - da wäre ich gegangen, wenn sie nicht in der infam raffinierten Weise gedroht hätten, den ganzen Kreis um Leo mit hineinzuziehen. Ich hä t- te die Konsequenz ziehen müssen, fest meine Meinung sagen müssen u nd sterben müssen. Aber – genutzt hätte das praktisch nichts und niemand. Leo war nicht zu retten, das hatte man mir eindeutig gesagt. Ich selbst wäre als Wahnsinnige oder Sittlichkeitsverbrecherin oder sonst verscharrt worden“ (Hervorhebung im Original). Noack hielt die These der „Kollektivschuld“ für unangemessen, klammerte namentlich die Jugend und „einfache Gemüter“ aus und differenzierte zwischen der „nationalsozialistischen Räuberbande“ (den „wirklichen Halunken“) und denjenigen, die sich „verführen“ ließen – 305 eigentlich aber keine Wahl hatten. Letztere – und zu denen sie sich selbst zählte – hätten eine Mitschuld zu tragen: „Ihr müsst nicht fragen: Warum habt Ihr nicht laut geschrien, wenn Ihr nicht wisst, dass wir einen Knebel im Mund hatten. Und doch fühle ich mich mitschuldig. Denn ich war nicht unwissend […].“ Quellen: BArch Berlin, BDC, NSDAP-Mitgliederkartei BArch Berlin, BDC, R 9361-V/81804 BArch Berlin, BDC, R 9361-V/148637 LASH Abt. 460.19 Nr. 428 Geschäftszeichen K 271 LASH Abt. 460 Nr. 4228 Geschäftszeichen 312/G/52102 LASH Abt. 811 Nr. 7883 ULB Darmstadt, (Teil-)Nachlass Elisabeth Noack [Kästen 1, 5 und 11] StadtA DA, ST 61 Noack, Elisabeth Literatur: Bill, Oswald: Noack, Elisabeth. In: Stadtlexikon Darmstadt (2006), S. 675. Feiten, Willi: Der Nationalsozialistische Lehrerbund. Entwicklung und Organisation. E in Beitrag zum Aufbau und zur Organisationsstruktur des nationalsozialistischen H errschaftssystems. Weinheim 1981. Hesse, Alexander: Die Professoren und Dozenten der preußischen Pädagogisc hen Akademien (1926 - 1933) und Hochschulen für Lehrerbildung (1933-1941). Weinheim 1995. [zu Noack S. 537-539] Schweitzer, Philipp: Noack, Elisabeth. In: Unverricht, Hubert (Hrsg.): Musik und Musiker am Mitte l- rhein. E in biographisches, orts - und landesgesch ichtliches Nachschlagewerk , Bd. 1. Mainz 1974, S. 124 f. [Manuskript eingesehen, StadtA DA, ST 61 Noack, Elisabeth]. 306 Orffweg (C 7-8), benannt 1977 [!] nach Carl Orff (1895-1982) Komponist und Musikpädagoge * 10. Juli 1895 in München Um 1900 erster Unterricht für Klavier, Orgel und Cello 1905-1912 Besuch des Gymnasiums in München (ohne Abschluss) 1911 „Eliland. Ein Sang vom Chiemsee“ (erster Liederzyklus) 1912 erstes Chorwerk nach Friedrich Nietzsches „Also sprach Zarathustra“ 1912-1914 Studium an der Akademie der Tonkunst in München 1917 Kriegsdienst im Ersten Weltkrieg (verschüttet im Schützengraben) 1918-1919 Kapellmeister an Münchener Kammerspielen, am Nationaltheater Mannheim sowie am Landestheater Darmstadt 1920 Heirat mit Alice Solscher (eine Tochter, Scheidung 1925) 1924 Mitbegründer der „Günther -Schule“ (neue Verbindung von Bewegung und Musik); Leiter der Abteilung für tänzerische Musikerziehung an der „Günther-Schule“ 1929-1932 Brecht-Kantaten (persönliche Bekanntschaft mit Berthold Brecht 1924) 1930-1935 „Schulwerk für Kinder“ (Veröffentlichung seiner musikalisch -pädagogischen Arbeiten, gemeinsam mit Gunild Keetman) 1932 „Lukas-Passion“; Übernahme der Leitung des Münchner Bach-Vereins 1935 „Das Paradiesgärtlein“ (Ballett nach Lautensätzen des 15. Jahrhunderts) 1936 „Einzug und Reigen der Kinder“ (für die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in Berlin) 1937 Uraufführung der Bühnenkomposition „Carmina Burana“ in Frankfurt am Main 1939 Heirat mit Gertrud Willert (Scheidung 1953) 1939 Uraufführung von „Der Mond“ (Märchenoper) und von Shakespeares „Sommernachtstraum“ (mit neuer Musik von Orff, die jene von Mendelssohn Bartholdy ersetzte) 1943 Uraufführung von „Die Kluge“ und von „Catulli Carmina“ 1947 Uraufführung von „Die Bernauerin“ 1949 Uraufführung von „Antigone“ 1950-1960 Leiter einer Meisterklasse für musikalische und dramatische Komposition an der staatl i- chen Hochschule für Musik in München 1950-1954 „Musik für Kinder“ (fünfbändige Neufassung des Schulwerks) 1952 neue Komposition zu Shakespeares „Sommernachtstraum“ 1954 Heirat mit Luise (verwitwete) Schnell (geb. Rinser, Scheidung 1959) 1955 Umzug nach Diessen am Ammersee 1959 Uraufführung des Bühnenwerks „Ödipus, der Tyrann“ 1960 Heirat mit Liselotte Schmitz 307 1961 Leiter des neugegründeten Orff-Instituts an der Akademie „Mozarteum“ in Salzburg 1972 Komposition des „Gruß der Jugend“ zur Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in München † 29. März 1982 in München Ehrungen: 1944 Aufnahme als Komponist auf die „Gottbegnadeten-Liste“ 1947 Musikpreis der Stadt München 1950 Ernennung zum Professor 1956 Orden „Pour le Mérite“ für Wissenschaften und Künste 1959 Ehrendoktor der Universität Tübingen; Bayerischer Verdienstorden 1965 Goetheplakette der Stadt Frankfurt am Main 1971 Goldene Medaille der Humboldt-Gesellschaft 1972 Ehrendoktor der Universität München 1972 Großes Verdienstkreuz mit Stern und Schulterband der Bundesrepublik Deutschland 1974 Österreichisches Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst 1975 Ehrenbürger der Stadt München 1984 Gründung der Carl Orff-Stiftung Wirken in der NS-Zeit Carl Orff, Komponist und Musikpädagoge, gilt als einer der bedeutendsten Komponisten im „Dritten Reich“ (Kater 1995, S. 2) und sein 1934 -1937 entstandenes Bühnenwerk „Carmina Burana“ als „weltweit am häufigsten aufgefüh rte Komposition der Musik des 20. J[ahr- hunderts]“ (Dangel-Hofmann, S. 590). Orffs „Schulwerk“, ein umfangreiches musikpädagog i- sches Konzept für Kinder (unter Einbezug der sogenannten „Orff -Instrumente“), erlangte im Bereich der Musikpädagogik internationale Bedeutung. Carl Orffs Wirken in der NS -Zeit ist seit Mitte der 1990er Jahre zum viel diskutierten Gege n- stand der historischen Forschung geworden. Dabei wurde seine Verflechtung mit dem NS - Regime sehr unterschiedlich bewertet (zu den unterschiedlichen Po sitionen vgl. Kater 2004, besonders S. 151-154): Manche Autoren sahen in Orff vor allem einen Komponisten, dem von den Nationalsozialisten Unrecht zugefügt wurde; andere stellten in den Vordergrund, dass Orff mit dem NS -Regime kollaborierte (bis hin zu der Behauptung, Orff selbst sei Nati o- nalsozialist gewesen und seine Musik symptomatisch für die NS -Ideologie). Ausführlich hat sich der Historiker Michael H. Kater mit Orffs Rolle im Nationalsozialismus auseinanderg e- setzt. Kater zeichnete das Bild eines egoze ntrischen, im Grunde unpolitischen Künstlers („ Er hielt sich aus jeder Kontroverse heraus, bei der es um etwas anderes als sein eigenes Leben und seine Musik ging“, Kater 2004, S. 160), der kein Nazi war: „Wie es eindeutig ist, dass Orff in der Weimarer Re publik nie ein Linker war, so ist es sämtlichen ve r- fügbaren Quellen zufolge ebenso eindeutig, dass er das meiste, was Nationalsozialismus und Drittes Reich repräsentierten, vor und nach Hitlers Machtübernahme missbilligte und dass er nie der NSDAP beitrat“ (Kater 2004, S. 160). 308 Primitivität und Bruta lität der Nationalsozialisten waren mit Orffs Vorstellung von Ästheti k sowie der Rolle des Künstlers nicht vereinbar. Orff verstand es aber, sich mit dem NS-Regime zu arrangieren und erfolgreich zwischen den NS -Ebenen zu lavieren: seine Arbeit war ab 1937 durchaus und ab 1940/41 sogar sehr erfolgreich. Als Komponist und als Musikpädag o- ge gelang es ihm demnach, auch unter den Nationalsozialisten Anerkennung zu finden. Um seine beruflichen Ziele zu erreichen, um zu m Beispiel NS -Institutionen von seinem „Schu l- werk“ zu überzeugen – das seines Erachtens nach sowohl in der HJ als auch beim BDM Ve r- wendung finden konnte –, nutzte bzw. intensivierte er Kontakte zu Personen, die mit dem NS-Regime in Verbindung standen bzw. sich für ihn und sein Werk einsetzen konnten (Kater 2004, S. 161-165, sowie 1995, S. 16-18). Bereits 1936 wurde seine Auftragsarbeit „Einzug und Reigen der Kinder“ im Zuge der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in Berlin aufge- führt (Klee). Eine herausragende Stellung in Orffs Werk nahm die 1937 in Frankfurt am Main uraufgefüh r- te Kantate „Carmina Burana“ ein, an der der Komponist seit 1934 gearbeitet hatte. Die Pr e- miere verlief allgemein erfolgreich, wurde aber von prominenten Vertretern der nationals o- zialistischen Kulturkritik scharf kritisiert, darunter eine Besprechung von Herbert Gerigk im „Völkischen Beobachter“. Vor allem drei Aspekte des Stücks erwiesen sich als problematisch: Orffs Komposition knüpfte nicht an eine romantische Tradition an (auch w enn es weit von Atonalität entfernt war), der Text bestand aus einer Mischung aus Latein, Mittelhochdeutsch und mittelalterlichem Französisch, und der Inhalt war offen sexuell (wenn nicht pornogr a- fisch). Aus diesen Gründen hatte das Stück zunächst Schwieri gkeiten an anderen deutsc h- sprachigen Bühnen gespielt zu werden – es war aber keineswegs verboten und wurde auch weiterhin aufgeführt. Allen Problemen zum Trotz, entwickelte sich „Carmina Burana“ dann während des Zweiten Weltkriegs zum „phantastischen Erfolg“ (Kater 2004, S. 171). Spätestens ab 1941 stand der Komponist Orff bei einflussreichen Protagonisten des NS - Regimes hoch im Kurs (Kater 1995, S. 20). Schon kurz nach der Premiere der „Carmina Bur a- na“ 1937 bekam er vom Oberbürgermeister der Stadt Frankfur t am Main, Friedrich Krebs, einen Geldpreis in Höhe von 500, - RM zugesprochen – höher als die erhaltene Summe war dessen politischer Wert einzustufen. Krebs, erklärter Antisemit, war es ein besonderes A n- liegen, die Kultur der Stadt Frankfurt von ihrer jüdi schen Tradition zu separieren (hierzu und zum Folgenden ausführlich Hanau, S. 250-257). Der Erfolg von Orffs „Carmina Burana“ an der Frankfurter Oper wurde – ganz im Sinne von Krebs – überregional wahrgenommen. Im Früh- jahr 1938 erhielt Orff seitens der Sta dt Frankfurt dann das Angebot, für Shakespeares „Sommernachtstraum“ eine neue Musik zu komponieren – die jene des „nichtarischen“ Felix Mendelssohn Bartholdy ersetzen sollte. Orff nahm das Angebot an, obwohl ihm die polit i- sche Dimension nicht verborgenen g eblieben sein konnte. Kater wertete das Engagement auch als Ausdruck dafür, dass sich Orff seiner Position im „Kulturestablishment noch immer nicht sicher war“ (Kater 2004, S. 169 – zudem habe er den Vorschuss von 5.000, - RM gut gebrauchen können, vgl. auch Hanau, S. 253 ff.). Das Stück wurde im Oktober 1939 in Fran k- furt am Main uraufgeführt (Orff hatte sich schon 1917 erstmals an einer Bühnenmusik zum „Sommernachtstraum“ probiert). Die Rezeption der Aufführung fiel unterschiedlich aus 309 (auch Orff selbst zeigte sich nicht uneingeschränkt zufrieden) – die Auftraggeber aber waren angetan: Im Frühjahr 1940 erhielt Orff ein Angebot über einen Vertrag, der ihm von April 1940 bis Ende 1942 im Monat 500, - RM zusicherte (den Orff vermutlich, aber nicht nac h- weislich angenommen hat, Hanau, S. 256). Als Gegenleistung wurden unter anderem Ko m- positionen von ihm erwartet, die in Frankfurt uraufgeführt werden sollten. Als einziges E r- gebnis dieser Zusammenarbeit erschien die Uraufführung von „Die Kluge“ (1943). Wie and e- re Premieren außerhalb von Frankfurt (Märchenoper „Der Mond“ 1939 und „Catulli Carm i- na“ 1943) konnte auch das Stück nur bedingt an den Erfolg der „Carmina Burana“ anknü p- fen. Als ein weiterer Verehrer von Orffs Kompositionen erwies sich Baldur von Schirach, seit 1940 Gauleiter von Wien. Im Auftrag der Gauverwaltung Wien erhielt Orff einen Vertrag, der ihm von April 1942 bis April 1944 monatlich 1.000, - RM einbrachte – und damit einen guten Teil seines Einkommens sicherte (dazu ausführlich Kater 2004, S. 174 f.). 1942 bekam Orff zudem einen „Staatszuschuss“ von 2.000, - RM durch die Reichsmusikka m- mer zugesprochen. Allerdings geht aus den tradierten Dokumenten der Reichsmusikkammer hervor, dass selbst 1942 noch nicht alle Protagonisten der NSDAP von Orffs politischer Zu- verlässigkeit überzeugt schienen. Seitens der NSDAP -Gauleitung München-Oberbayern etwa hieß es in einer Anfrage an das Gaupersonalamt der NSDAP: „Bei unserer Dienststelle bestehen Bedenken weltanschaulicher Art gegen das von ihm [Orff] herau s- gegebene ‚Sc hul-Werk‘, und wir distanzieren uns auch von seinem musikalischen Schaffen“ (29.05.1942, Auskunft über den Komponisten Carl Orff, BArch, BDC, R 9361-V/81883). Den überlieferten angefragten Stellungnahmen ist zu entnehmen, dass Orff tatsächlich w e- der der NS DAP noch einer ihrer Unterorganisationen angehörte, er politisch kaum in E r- scheinung trat und offensichtlich nichts Nachteiliges über ihn bekannt war (BArch, BDC, R 9361-V/81883). [Für Eleonore Buenings Behauptung, Orff sei „erst spät (1940) in die Pa r- tei“ eingetreten, ließen sich keine Belege recherchieren; noch 1943 gab Orff hingegen selbst an, kein Mitglied der NSDAP zu sein, vgl. Buening: Die Musik ist schuld.] Laut Kater – dem von Kritikern, wie dem ersten Direktor des Orff -Instituts, Hans Jörg Jans , ein positivistischer Umgang mit Quellen sowie eine annähernd „inquisitorisch“ anmutende Methodik vorgeworfen wurde („ Komponist sein in einer bösen Zeit“ , DIE WELT, 11.02.1999 ) – profitierte Orff von „Vergünstigungen und Privilegien“ (Kater 2004, S. 176) des NS- Regimes. Insbesondere die Beziehung zum Propagandaministerium habe sich, so Kater, au s- nehmend positiv entwickelt. Im Sommer 1944 wurde Orff als Komponist in die Liste der au s- erwählten Künstler aufgenommen (Rathkolb, S. 176), was ihn vom Kriegsdienst al ler Art b e- freite. Orff war also weder Mitglied der NSDAP noch schien er ideologisch mit dem Nationalsozi a- lismus konform. Wenngleich zu Beginn der NS -Zeit von führenden Personen der NS - Kulturkritik scharf angriffen und von Teilen der Partei stets misstrauis ch betrachtet, gelang ihm – insbesondere während des Zweiten Weltkriegs – schließlich eine erstaunliche berufl i- che Karriere während der NS-Zeit: 310 „1944 befand sich Orff auf dem Gipfel einer Karriere, die sich wie durch ein Wunder vollständig g e- wandelt hatte. Der mittellose Komponist, der zu Beginn des Nazi -Regimes beinahe zum politischen Opfer geworden wäre, wurde nun gefeiert und offiziell anerkannt“ (Kater 2004, S. 176). Nach 1945 versuchte Orff offenbar bewusst (und erfolgreich), sich als Opfer des NS -Regimes zu inszenieren – oder zumindest seine Karriere im „Dritten Reich“ in einem anderen Licht darzustellen. Kater vertrat die Auffassung, Orff habe dafür ganz gezielt drei Legenden la n- ciert (Kater 2004, S. 168), die zum Teil bis in die Gegenwart ihre Wirkm ächtigkeit nicht ei n- gebüßt haben. So behauptete Orff erstens, sein Stück „Carmina Burana“ sei von 1936 bis 1940 komplett verboten und über die gesamte Zeit des „Dritten Reichs“ unerwünscht gew e- sen. Zweitens gab er an, seinen Verlag angewiesen zu haben, all e seine Werke zu vergessen, die er vor 1937 komponiert hatte. Die erste Legende ist erwiesenermaßen falsch, für die zweite fanden sich zumindest keine Belege. Drittens habe Orff in einem Gespräch mit dem amerikanischen Offizier Newell Jenkins eine Rolle im aktiven Widerstand angedeutet: G e- meinsam mit seinem Freund Kurt Huber sei Orff Mitbegründer einer „Art Jugendgruppe“ gewesen (Huber gründete bekanntermaßen die „Weiße Rose“). Für diese Behauptung, die seinen aktiven Widerstand gegen das NS -System belegen sollte, diente allerdings allein die Erinnerung von Jenkins als Quelle (anders als Kater bezweifelten manche Historiker – darun- ter Oliver Rathkolb – deren Glaubwürdigkeit). Bei einem Gespräch im OMGUS-Hauptquartier in Bad Homburg im Frühjahr 1946 schien Or ff keine Verbindung zur „Weißen Rose“ angeg e- ben zu haben. Kater begründete dies damit, dass Orff zu diesem Zeitpunkt (nach dem Tre f- fen mit Jenkins) sich bereits dagegen entschieden hatte, eine Funktion als Lehrer oder Inte n- dant anzustreben – wofür er dring end eine entsprechende Eingruppierung benötigt gehabt hätte (ausführlich zu diesem Komplex Kater 2004, S. 178 ff.). Nach Katers Recherchen und deren Ausdeutung waren alle drei Legenden erfunden und verfolgten einzig das Ziel, Orffs „Selbstgleichschaltung“ zu verschleiern: „Orffs Legende von einer gegen das Dritte Reich gerichteten Aktivität muss im Kontext seiner beiden anderen […] Legenden interpretiert werden: dass die Carmina Burana von den Nazis auf eine schwa r- ze Liste gesetzt wurde und daher das Werk e ines Widerstand Leistenden war und dass – um die Ein- zigartigkeit dessen zu betonen – all seine früheren Werke keine Rolle spielten und von seinem Verl e- ger in den Reißwolf gesteckt werden sollten. Alle drei Legenden waren miteinander verflochten und dienten nur einem einzigen Zweck: die Basis für einen makellosen Carl Orff in der Nachkriegszeit zu schaffen“ (Kater 2004, S. 185). Entnazifizierungsakten wurden in der Literatur nicht genannt; eine Anfrage beim Staatsa r- chiv München ergab keinen Treffer. Quellen: BArch, BDC, R 9361-V/30618 BArch, BDC, R 9361-V/81883 Staatsarchiv München, Anfrage Entnazifizierungsakten 311 Literatur: Buening, Eleonore: Die Musik ist schuld. In: DIE ZEIT 28 (1995). Dangel-Hofmann, Frohmut: Orff, Carl. In: NDB 19 (1999), S. 588-591. Hanau, Eva: Nationalsozialistische Kulturpolitik in Frankfurt am Main und Carl Orff. In: Archiv für M u- sikwissenschaft 56 (1999), S. 245-257. Kater, Michael H.: Carl Orff. Ein Mann der Legenden. In: Ders.: Komponisten im Nationalsozialismus. Acht Porträts. Berlin 2004, S. 150-191. Kater, Michael H.: Carl Orff im Dritten Reich. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 43 (1995) S. 1-35. Klee, Ernst: Das Kulturlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. Frankfurt am Main 2007, S. 443. Prieberg, Fred K.: Musik im NS-Staat. Frankfurt am Main 1982. Rathkolb, Oliver: Führertreu und gottbegnadet. Künstlereliten im Dritten Reich. Wien 1991. 312 Hartmuth-Pfeil-Weg (Q 8), benannt 1963 [bis 1966: Pfeilweg] nach Hartmuth Pfeil (1893-1962) Grafiker und Zeichner * 13. Februar 1893 in Höchst am Main 1907 Umzug der Familie nach Darmstadt 1908-1910 Besuch der Kunstschule von Adolf Beyer in Darmstadt 1910-1914 Studium an der Kunstgewerbeschule München, vor allem bei Prof. Julius Dietz 1914-1918 Kriegsteilnehmer als Kriegsfreiwilliger, Flugzeugführer 1918 Rückkehr nach Darmstadt; selbständiger Grafiker, ab 1921 besonders im Bereich der Werbung 1919 „Theater im Theater“ (erste Folge Darmstädter Karikaturen von Hartmuth Pfeil) Ab 1920er Jahre Zusammenarbeit mit dem Verlag Eduard Roether in Darmstadt 1924-1933 „Bienche Bimmbernell“, Illustrationen zu Sonntagsnachmittagsbetrachtungen von Robert Schneider im Darmstädter Tagblatt 1927 Lehrer an der Kunstgewerbeschule in Frankfurt am Main 1929-1960 Werbegrafiker für Fichtel & Sachs (Kugellagerhersteller) in Schweinfurt 1934-1944 Mitglied der Reichskammer der bildenden Künste 1936 Illustrationen zu „Darmstädter Wörterbuch“ von Johann Sebastian Dang 1936/38-1944 Mitglied des (NS) Reichsbunds für Leibesübungen (NSRL) 1937-1957 Kalendergestaltung für Fichtel & Sachs (Kugellagerhersteller) in Schweinfurt 1940 [1941] Polizeihilfsdienst, Revier Oberwachtmeister der Reserve 1940-1944 Mitglied der NSV 1941 Illustrationen zu „Wachstubengeschichten“ von Heinrich Rüthlein 1941-1944 Mitglied des Reichsluftschutzbunds (RLB) 1944 verpflichtet zu „Schanzarbeiten“ am sogenannten „Westwall“ 1944-1949 nach „Ausbombung“ wohnhaft in Groß-Umstadt 1948-1961 „Pimm“, Darmstädter Echo (in fünf Bänden 1950-1959 auch in Buchform) 1957 Illustrationen zu „Belehr endes und ergötzliches Büchlein von der Darmstädter Straßenbahn“ (Text: Karl Friedrich Borée) 1949 Rückkehr nach Darmstadt; Wiederaufnahme seiner Tätigkeit als Werbegrafiker und Illustrator 1957-1962 Zeichnungen zum Zeitgeschehen für die Neue Presse, Frankfurt am Main 1962 „Familie Bimbernell“ im Darmstädter Tagblatt † 4. Juni 1962 in Darmstadt Ehrungen: 1942 Kunstpreis der Stadt Darmstadt 1953 Ausstellung zum 60. Geburtstag im Hessischen Landesmuseum Darmstadt 313 1958 Bronzene Verdienstplakette der Stadt Darmstadt 1958 Ausstellung zum 65. Geburtstag in der Kunsthalle Darmstadt 1964 Gedächtnisausstellung (Grafik) in der Landes- und Hochschulbibliothek Darmstadt Wirken in der NS-Zeit Hartmuth Pfeil, Zeichner und Grafiker, wurde in Darmstadt insbesondere durch se ine Karika- turen bekannt, vor allem durch jene in der lokalen Presse („Bienche Bimmbernell“, „Pimm“). Der „Chronist mit dem Zeichenstift“ war als Werbegrafiker und Buchillustrator erfolgreich. In Darmstadt gestaltete er zudem die Werbung für das Heinerfest und für die Karnevalsgesel l- schaft „Narhalla“ (deren Ehrenpräsident er war) sowie zahlreiche Bühnendekorationen für die Hessische Spielgemeinschaft. Pfeils Wirken in der NS -Zeit wird in der biografischen Literatur als dem Regime gegenüber distanziert dargestellt – wenn es denn überhaupt thematisiert wird. Während des Zweiten Weltkriegs diente Pfeil zeitweise an der „Heimatfront“ als „Revier Oberwachtmeister der [Polizei-]Reserve“; manche Bilder aus dem Sommer 1940 unterzeichnete er mit jener Dienstbezeichnung (siehe Keil, S. 118-124), im Meldebogen zu seinem Entnazifizierungsve r- fahren (HHStAW) gab er als Zeitraum seines Diensts bei der Polizei -Reserve Darmstadt aller- dings „Aug[ust] bis Okt[ober] 1941“ zu Protokoll (Ernennung zum Oberwachtmeister de m- nach am „1 0.8.41“). Durch seine Tätigkeit als Werbegrafiker beim Kugellagerhersteller Fic h- tel & Sachs wurde er schließlich von dieser Art Reserve -Dienst befreit (so Keil, S. 369). Im Spätsommer 1944 erhielt Pfeil (im Alter von 51 Jahren) die Einberufung zu Schanzarb eiten am sogenannten „Westwall“. Er war eigenen Angaben in seinem Meldebogen folgend Mi t- glied der NSV (1940 -1944), des RLB (1941 -1944), des NSRL (ca. 1936 -1944, bis 1938 DRL) sowie der Reichskammer für bildende Künste (1934-1944). Obgleich ein großer Teil seines Werks (wie auch seine Wohnung) in der „Brandnacht“ 1944 zerstört wurde, sind (aquarellierte) Zeichnungen, Entwürfe, Plakate und Werbegrafiken aus der Zeit von 1933 bis 1945 überliefert (Institut Mathildenhöhe, Nachlass Pfeil); viele davon zugänglich über die Veröffentlichung „Hartmuth Pfeil. Werke aus fünf Jahrzehnten“ aus dem Jahr 1987. Darin heißt es zur Biografie des Grafikers: „Der Nationalsozialismus fand in Pfeil keinen Freund. Schon immer gehegte Skepsis wich mit for t- schreitender Zeit wachsender Abneigung, obwohl der Künstler vermutlich Förderung gefunden hätte, da er selber nicht ‚artfremd‘ war und sein Schaffen mit der von den damaligen Machthabern geäc h- teten und verfolgten ‚entarteten Kunst‘ nichts zu schaffen hatte. So wurde seine Arbeit ni cht behin- dert, aber er profitierte nichts vom NS -System, wußte stets kühle Distanz zu wahren und ließ sich, soweit das irgend möglich war, auch nicht für dessen Propaganda einspannen“ (Keil, S. 369). Die in der Publikation veröffentlichten Zeichnungen und Plakate sind denn auch weitgehend frei von nationalsozialistischem Pathos; wenn NS -Symbole zu sehen sind, dann eher in da r- stellender Form: Im Kapitel „Rauher Wind und böse Zeiten“ (S. 117-155) finden sich Zeic h- nungen, Skizzen und Aquarelle, die etwa Soldat en, Polizisten und Funktionäre in NS - Uniformen zeigen, Alltagssituationen während der NS -Zeit festhalten und die Arbeiten am 314 sogenannten „Westwall“ dokumentieren. Ein Aquarell stellt die vierköpfige Familie Pfeil mit Gasmasken dar (unterzeichnet mit „Famil ienglück“, Meine Familie, PF [19]42, S. 125). Pfeil skizzierte und zeichnete beim „Wettkampftag der SA“ (1942, S. 130 f.), beim „Luftschutzwie- derholungslehrgang“ (1942, S. 126 f.) sowie beim „Tag der Wehrmacht“ (1942, S. 128 f.). Ein aquarelliertes Selbstb ildnis in Polizeiuniform ist unterzeichnet mit „20.8.40, Nie wieder Krieg“. Alltagsszenen, die keinen direkten Zusammenhang zur NS -Zeit dokumentieren, finden sich zudem zahlreich in den anderen Kapiteln des Buchs. Werbedokumente wiederum legen n a- he, dass s eine Arbeit als Werbegrafiker zumindest in der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg erfolgreich weiterverlief, etwa in Form der intensiven Zusammenarbeit mit dem Kugellage r- hersteller Fichtel & Sachs (Plakatserie 1936, S. 349). Wenn sich diese Zusammenarbeit für seine Befreiung vom Dienst bei der Polizei-Reserve als ausschlaggebend bewerten ließ, hatte sie wohl auch in den 1940er Jahren Bestand. Dafür spräche auch das nahezu unveränderte Einkommen Pfeils zwischen 1932 und 1943 (laut seiner eigenen Angaben im Melde bogen, HHStAW). Auch mit der Heag in Darmstadt gab es eine Zusammenarbeit, wie die mit Zeic h- nungen von Pfeil bestückten Quittungsblätter der Heag dokumentieren (zumindest bis 1938, StadtA DA, ST 61). Plakate aus der Feder Hartmuth Pfeils, die sich in der P lakatsammlung der ULB Darmstadt befinden, belegen, dass der Grafiker auch aktiv NS -Symbole in seine gestalterische Arbeit einbezog und Plakate gestaltete, die für NS -Veranstaltungen warben. Offensichtlich war es Pfeil zumindest nicht durchgängig möglich, s ich nicht für die „Propaganda einspannen“ zu lassen. Bei den vorliegenden Plakaten aus den Jahren 1934, 1935 und 1941 handelt es sich um Werbung für Veranstaltungen im Kontext des NS -Regimes: Das Plakat für die Ausstellung „Handwerk tut Not“ (1934) wirbt a uf stilisierten Zahnrädern in orange und schwarz mit gr o- ßem weißem Hakenkreuz; ein Plakat mit dem Titel „Stamm Langemarck. Das Werden und Schaffen der jungen Nation“ (Datierung: 7. April 1935 ) zeigt die Skizze eines jugendlichen Trommlers, auf dessen Trommel Pfeil über deren gesamte Höhe eine Sigrune platzierte; die obere Hälfte eines Plakats, das auf „Kulturelle Veranstaltungen im Kriegsjahr 1941“ verweist, zieren Eichenlaub und Schwert gekreuzt, darüber ein golden strahlendes Hakenkreuz in schwarz und wei ß. Alle drei Plakate wurden bei der Firma (Druckerei und Verlag) Eduard Roether in Darmstadt gedruckt, deren künstlerischer Mitarbeiter Pfeil seit den 1920er Jahren war („Roether druckt, Pfeil entwirft“, Keil, S. 369). Nach der „Ausbombung“ 1944 lebte Pfei l in Groß -Umstadt, bevor er 1949 wieder nach Darmstadt zurückkehrte. In seinem Entnazifizierungsverfahren wurde er als nicht betroffen eingestuft – was seiner im Meldebogen dokumentierten Selbsteinschätzung entsprach. U n- ter „Bemerkungen“ äußerte er: „1944 Total ausgebombt. Mein ganzes künstlerisches L e- benswerk (Bilder, Zeichnungen[,] und Sammlungen) wurden vernichtet“ (Groß -Umstadt, 27.04.1946). 315 Quellen: HHStAW, Abt. 520/Dieburg, NB (A-Z), Pfeil, Hartmuth ULB Darmstadt, Plakatsammlung, plak 16/29 Da + plak 19/20 Da + plak 19/33 Da StadtA DA, ST 61 Pfeil, Harmuth [sic!] Institut Mathildenhöhe, Nachlass Pfeil Literatur: Kaiser, Hermann: Hartmuth Pfeil. Der Darmstädter Chronist mit dem Zeichenstift. Mit einer biogr a- phischen Skizze und Werkverzeichnis. Darmstadt 1967. Keil, Heinrich: Hartmuth Pfeil. Werke aus fünf Jahrzehnten. Darmstadt 1987. Welsch, Sabine: Pfeil, Hartmuth. In: Stadtlexikon Darmstadt (2006), S. 707. 316 Planckstraße (C 9-10), benannt 1972 nach Max Planck (1858-1947) Physiker * 23. April 1858 in Kiel 1867 Übersiedlung nach München 1871-1874 Besuch des Maximilian-Gymnasiums in München (1874 Abitur) 1874-1879 Studium der Physik und der Mathematik in München und Berlin 1879 Promotion in München, „Über den zweiten Hauptsatz der mechanischen Wärmetheorie“ 1880 Habilitation in München, „Gleichgewichtszustände isotroper Körper in verschiedenen Temper a- turen“ 1880-1885 Privatdozent an der Universität München 1885-1889 Außerordentlicher Professor für Theoretische Physik an der Universität Kiel 1887 Heirat mit Marie Merck (vier Kinder) Ab 1889 Professor an der Universität Berlin; ab 1892 Ordinarius (Lehrstuhl für Theoretische Physik); Emeritierung 1926 (danach noch weiter an der Universität tätig) 1894 Aufnahme in die Preußische Akademie der Wissenschaften 1900 sogenanntes „Plancksches Strahlungsgesetz“; Geburtsstunde der Quantenphysik („Plancksches Wirkungsquantum“) 1903 Dekan der Philosophischen Fakultät der Universität Berlin 1905 Umzug in Villenkolonie Grunewald 1908 „Die Einheit des physikalischen Weltbilds“ 1911 Heirat mit Marga von Hoeßlin (nach dem Tod von Marie Planck 1909, ein Sohn) 1912-1938 Ständiger Sekretär der Preußischen Akademie der Wissenschaften 1913/14 Rektor der Universität Berlin 1914 „Dynamische und statistische Gesetzmäßigkeit“ 1915 „Das Prinzip der kleinsten Wirkung“ 1916 Wahl zum Senator der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft (KWG) 1920 Mitbegründer der „Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft“ (später DFG) 1922 „Vorlesungen über Thermodynamik“ 1930-1936/37 Präsident der KWG 1935 „Die Physik im Kampf um die Weltanschauung“ 1938 Rücktritt aus Akademie der Wissenschaften 1943 Gast bei Carl Still in Rogätz bei Magdeburg (Berliner Wohnung stark beschädigt) 1944 Wohnhaus in Berlin bei Luftangriff völlig zerstört 1945 Übersiedlung nach Göttingen 1945-1946 nochmals (kommissarischer) Präsident der KWG † 4. Oktober 1947 in Göttingen 317 Ehrungen: 1914 Mitglied der American Academy of Arts and Sciences 1915 Orden „Pour le Mérite“ für Wissenschaften und Künste 1918 Ehrenmitglied der Deutschen Chemischen Gesellschaft 1918 Nobelpreis für Physik (Verleihung 1919) 1921 Liebig-Denkmünze des Vereins Deutscher Chemiker 1926 Mitglied der Leopoldina 1928 Adlerschild des Deutschen Reichs 1929 Max -Planck-Medaille (höchste Auszeichnung für theoretische Physik der Deutschen Physikali- schen Gesellschaft; erste Träger 1929: Max Planck und Albert Einstein) 1933 Harnack-Medaille der KWG 1937 Ehrensenator der KWG 1938 Asteroid Nr. 1069 wurde zu Plancks Ehren Planckia genannt 1945 Goethepreis der Stadt Frankfurt 1946/47 Ehrenpräsident der KWG; Ehrenpräsident der Max-Planck-Gesellschaft 1947 Ehrenbürger der Stadt Kiel Ehrendoktor der Universitäten Berlin (TH), Frankfurt, München (TH), Rostock, Athen, Cambridge, Glasgow, Graz, London Wirken in der NS-Zeit Max Planck, hoch dekorierter Physik-Nobelpreisträger und herausragender Repräsentant der Physik sowie der Naturwissenschaften allgemein, verhielt sich dem NS -Regime gegenüber zu Beginn weitgehend loyal. Bei der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 war Planck, der bis 1936/37 Pr äsident der Kaiser -Wilhelm-Gesellschaft (KWG) blieb, bereits im 75. L e- bensjahr. Max Planck war ein „bürgerlich-national gesinnter deutscher Patriot“ (Kohl, S. 59), oder, wie Fritz Stern es formulierte, für „ Planck waren Staatstreue und patriotischer Stolz Selbstver- ständlichkeiten und Erbgut der Familie“ (Stern, S. 37) . Seine (anfängliche) Loyalität gege n- über dem NS -System ließe sich aus eben dieser Grundhaltung heraus deuten, wie Plancks Biograf Dieter Hoffmann nahelegte: „P[lanck]s gesellschaftspolitisches Denken wurzelte im deutschen Kaiserreich und war nachhaltig von nationalkonservativen Anschauungen, preuß[ischem] Pflichtgefühl und Obrigkeitsgläubigkeit sowie den Idealen von Ordnung und Gerechtigkeit geprägt. Der Revolution von 1918 und der Weimarer Republik stand er verständnislos gegenüber, wenngleich er mit seinem wissenschaftsorganisator i- schen Wirken praktisch zur (wissenschafts)politischen Stabilisierung der ungeliebten Republik be i- trug. Gegenüber dem ‚Dritten Reich‘ verhielt sich P[lanck] zunächst weitgehend kompromißbereit, wodurch nicht zuletzt die Selbstgleichschaltung der Kaiser -Wilhelm-Gesellschaft (KWG) gefördert wurde. Mit der Festigung der NS -Terrorherrschaft entwickelte P[lanck] jedoch zunehmend eine elitä- re innere Distanz zum Nazi -Regime, die gelegentliches Aufbegehren und Zivilcourage einschloß – so 318 als er 1935 eine Gedenkfeier für den im Exil verstorbenen Fritz Haber (1868 -1934) organisierte “ (Hoffmann 2001, S. 499; ausführlicher Hoffmann 2008, S. 84-103). Planck war Mitglied der DVP, bis zu deren Auflösung durch die Nationalsozialisten (wann er der Partei beitrat, ist unklar). Und tatsächlich existieren mehrere Belege dafür, dass sich Planck formal dem NS-Regime andiente; er seine „Kompromissbereitschaft“ relativ weit fass- te, wenn es daru m ging, der deutschen Wissenschaft (und im Besonderen der KWG) ein Mindestmaß an Freiheit zu erhalten. Plancks Devise lautete – wie schon nach dem Ersten Weltkrieg – „Durchhalten und Weiterarbeiten“. Obwohl es Planck – nach Fritz Stern – „niemals i n den Si nn gekommen“ wäre , Menschen nach rassischen oder religiösen Kriterien zu beurteilen (Stern, S. 39, hier noch in Bezug auf die Zeit vor 1933, vgl. auch S. 61), wandte er sich im Juli 1933 mit folgenden Worten an I n- nenminister Frick: „Dem Herrn Reichsministe r des Innern beehre ich mich ergebenst mitzuteilen, daß die Kaiser - Wilhelm-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften gewillt ist, sich systematisch in den Dienst des Reiches hinsichtlich der rassenhygienischen Forschung zu stellen“ (14.07.1933, zitiert nach Klee). Bereits im Mai 1933 sandte Planck von der Mitgliederversammlung der KWG ein Telegramm an Adolf Hitler, in dem er feierlich gelobte, „daß auch die deutsche Wissenschaft bereit ist, an dem Wiederaufbau des neuen nationalen Staates, der Schutz un d Schirmherr zu sein g e- willt scheint, nach besten Kräften mitzuarbeiten“ (23.05.1933, BArch Berlin, R 43/II, Nr. 1227a). Planck, der Wehrkraft und Wissenschaft als wichtige Stützen für die Stärke Deutsc h- lands betrachtete (Fischer, S. 254), ging davon aus, dass nur eine Kooperation mit dem NS - Staat die Freiheit der deutschen Wissenschaft gewährleisten konnte. Er war zum einen be- müht um ein „formal normales Verhältnis zu den Nationalsozialisten, weil er die Autorität einer gewählten Staatsmacht nicht anzweife lte“ (Kohl, S. 95). Zum anderen dachte er sich dem hohen Anpassungsdruck 1933 unterwerfen zu müssen, wenn er sein Amt nicht an einen Nationalsozialisten verlieren wollte. Sein Amt als Präsident der KWG wollte er demnach nicht aufgeben, um größeren Schaden von der Institution abzuwenden. Er hielt „ es für taktisch klüger, den neuen Machthabern Konzessionen zu machen, je schneller und zuvorkomme n- der, desto besser“ (Kohl, S. 85). Weitere Beispiele für diese Vorgehensweise – die von Teilen der Forschung als „Sel bstgleichschaltung“ der KWG interpretiert wurde – waren etwa die Neuwahlen des Senats der KWG sowie die Anwendung des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7. April 1933“ (dazu ausführlich Kohl, S. 85-90). Auf die Frage von Otto Hahn, o b es nicht möglich sei, international anerkannte deutsche Wissenschaftler zu einem Protest gegen die Vertreibung jüdischer Kollegen zu bewegen, antwortete Planck: „Wenn Sie heute 30 solcher Herren zusammenbringen, dann kommen morgen 150, die dagegen sprechen, weil sie die Stellen der anderen haben wollen“ (zitiert nach Fischer, S. 248; zur Einordnung vgl. Stern, S. 58). Planck traf sich – in seiner Funktion als Präsident der KWG – mit führenden Kräften des NS - Regimes, darunter das Treffen mit Adolf Hitler ( 16. Mai 1933, BArch Berlin, R 43/II, Nr. 319 1227a), dessen Inhalt bzw. Bewertung in der Forschung umstritten ist. Planck selbst verö f- fentlichte seine Erinnerung an den Verlauf des Gesprächs 1947 in den „Physikalischen Blä t- tern“. Demnach habe er sich bei dem Treffen mit dem „Führer“ für den Verbleib Fritz Habers in Deutschland eingesetzt. Auf Hitlers Anmerkung, alle Juden seien Deutschlands Feinde, habe Planck entgegnet, es gäbe „doch verschiedenartige Juden, für die Menschheit wertvo l- le und wertlose, unter ers teren alte Familien mit bester deutscher Kultur“ – eine Aussage, die Planck von Kritikern als antisemitisch ausgelegt wurde; andere Forscherinnen und Fo r- scher sahen darin einen rein taktischen, pragmatischen Versuch, sich für jüdische Wisse n- schaftler einzusetzen (vgl. etwa Kohl, S. 91 f., Fischer, S. 252 f.). Auch Plancks Freundschaft zu Albert Einstein lieferte Belege für seine anfängliche Kompr o- missbereitschaft gegenüber dem NS -Regime – sowie für seinen Einsatz für die Freiheit der Wissenschaft. Planck war wesentlich mit dafür verantwortlich, dass Einsteins Relativitätsth e- orie in der wissenschaftlichen Community Gehör fand; er hatte Einstein nach Berlin geholt. Aber auch Planck stellte sich 1933 nicht öffentlich der NS -Hetze gegen Einstein entgegen; obwohl er privat eine andere Auffassung vertrat, protestierte er nicht offiziell gegen die B e- handlung seines Freundes (Fischer, S. 242-248, Hoffmann 2008, S. 86-89). Sein Festhalten an Einsteins Forschungsergebnissen brachte Planck allerdings in Schwierigkeiten, da NS - Institutionen darin einen Beleg für Plancks politische Unzuverlässigkeit sahen (Kohl, S. 61). Die oben bereits erwähnte Gedächtnisfeier zu Ehren Fritz Habers ließe sich als offene Parte i- nahme für einen jüdischen Kollegen bewerten. Am 29. Januar 1935 organisierte Planck – gegen den erklärten Widerstand seitens des NS -Regimes – eine Gedenkfeier anlässlich des ersten Todestags des herausragenden Wissenschaftlers. Seine Versuche 1933, die Entlassung Habers rückgängig zu machen, waren bekanntermaßen gesch eitert. Ulrike Kohl wertete die Veranstaltung als einen „Akt der ‚passiven Opposition‘“ (Kohl, S. 90-94, hier 94). Vereinzelt hatte sich Planck für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler eingesetzt (Hoffmann 2008, S. 89 f.); es wurde ihm aber auch vorgew orfen, sich zu wenig gegen die Umsetzung des „G e- setzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ engagiert zu haben (Kohl, S. 88 f.). Dieter Hoffmann konstatierte hinsichtlich Planck Verhalten gegenüber jüdischen Mitgliedern der Akademie eine „Mischung vermeintlich privaten Anstands und öffentlicher Selbstve r- leugnung im Dienste offensichtlicher Unmenschlichkeit“ (Hoffmann 2008, S. 99). Ab 1936 zog sich Planck zunehmend aus den Geschäften der Generalverwaltung der KWG zurück. Anlässlich des 25. Gründungsj ubiläums der KWG im Januar 1936 trug er noch ein loyal gehaltenes Telegramm an Hitler vor – hielt in seiner Ansprache aber auch die Erinne- rung an jüdische Wissenschaftler wach , was seitens der amerikanischen Presse und auch beim anwesenden amerikanischen B otschafter registriert und als mutig interpretiert wurde (Kohl, S. 108). Plancks Präsidentschaft endete offiziell 1936; im darauffolgenden Jahr wurde sein Nachfolger Carl Bosch in das Amt eingeführt. Die Einrichtung des Kaiser -Wilhelm- Instituts für Physik 1938 ging noch maßgeblich auf Plancks Engagement während der Zeit seiner Präsidentschaft zurück. Als 1938 die Akademie der Wissenschaften gleichgeschaltet wurde, trat er aus Protest zurück. Schon Plancks 1935 gehaltene Rede über „Die Physik im Kampf um die Weltanschauung“ galt Ernst Peter Fischer als Beleg dafür, „dass Planck als Per- 320 sönlichkeit des öffentlichen Lebens die notwendigen Anpassungen nach außen hin unte r- nahm, ohne dass seine Gesinnung davon tangiert wurde“ (Fischer, S. 261). Die von Planck vertretene „Theoretische Physik“ geriet verstärkt unter Kritik von Protagonisten der „Deu t- schen Physik“, die nun in einflussreichen Positionen saßen. Trotz seines fortgeschrittenen Alters blieb Planck wissenschaftlich aktiv, reiste und hielt auch nach 1937 zahl reiche Vorträ- ge. Laut Hoffmann stand Planck „nun weltanschaulich und politisch in deutlicher Distanz zur NS-Ideologie wie zum Regime überhaupt“ (Hoffmann 2008, S. 102). Bei einem Luftangriff auf Berlin wurde Plancks Haus 1943 schwer beschädigt und unb e- wohnbar. Er nahm daraufhin die Einladung des Industriellen und Freunds Carl Still auf dessen Gut nach Rogätz an der Elbe an. Im Sommer reiste Planck wie üblich mit seiner Frau in die Alpen. Auf der Rückreise machte er im Oktober 1943 in Kassel Station, wo er e inen Vortrag halten sollte. Bei einem Luftangriff auf Kassel wurde das Haus zerstört, in dem er unterg e- bracht war. In einem Brief formulierte er daraufhin die Frage „Wann wird dieser Wahnsinn ein Ende nehmen?“. Im Februar 1944 wurde schließlich sein Berlin er Wohnhaus völlig ze r- stört. Im Zuge des Attentats auf Hitler geriet Plancks Sohn Erwin in Haft (Hoffmann 2008, S. 103 f.). Max Planck wand sich zunächst erfolglos an Heinrich Himmler und nach der Verurteilung seines Sohns im Oktober 1943 persönlich an Hitler: „Mein Führer! Ich bin zutiefst erschüttert durch die Nachricht, dass mein Sohn Erwin vom Volksg e- richtshof zum Tode verurteilt worden ist. Die mir wiederholt von Ihnen, mein Führer, in ehrenvollster Weise zum Ausdruck gebrachte Anerkennung meiner Leist ungen im Dienste unseres Vaterlandes berechtigt mich zu dem Vertrauen, dass Sie der Bitte des im 87sten Lebensjahr stehenden [sic!] G e- hör schenken werden. Als Dank des deutschen Volkes für meine Lebensarbeit, die ein unvergängl i- cher geistiger Besitz Deutsc hlands geworden ist, erbitte ich das Leben meines Sohnes“ (zitiert nach Fischer, S. 289). Doch auch diese und weitere Eingaben (an Hermann Göring und erneut an Himmler) ände r- ten nichts an der Vollstreckung des Todesurteils am 23. Januar 1945. Als Rogätz im Frühjahr 1945 zur Kampfzone wurde, sahen sich Planck und seine Frau zur Flucht gezwungen. Sie gelangten nach äußert anstrengenden Tagen noch im Mai 1945 nach Göttingen, wo sie bei einer Nichte Plancks unterkamen. Planck übernahm 1945 noch einmal kommissarisch die Präsidentschaft der KWG, die ihm zu Ehren 1948 in Max -Planck- Gesellschaft (MPG) umbenannt bzw. neu gegründet wurde. Es ließen sich zu Max Planck, der im Oktober 1947 nach längerer Krankheit verstarb, keine Entnazifizierungsakten recherchieren. Quellen: BArch Berlin, R 43/II, Nr. 1227a Literatur: Fischer, Ernst Peter: Der Physiker. Max Planck und das Zerfallen der Welt. München 2007. 321 Hoffmann, Dieter: Planck, Max. In: NDB 20 (2001), S. 497-500. Hoffmann, Dieter: Max Planck. Die Entstehung der modernen Physik. München 2008. Klee, Ernst: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. Frankfurt am Main 42013, S. 463. Kohl, Ulrike: Die Präsidenten der Kaiser -Wilhelm-Gesellschaft im Nationalsozialismus. Max Planck, Carl Bosch und Albert Vögler zwischen Wissenschaft und Macht. Stuttgart 2002. Planck, Max: Mein Besuch bei Adolf Hitler. In: Physikalische Blätter 3 (1947), S. 143 Stern, Fritz: Max Planck: Größe des Menschen und Gewalt der Geschichte. In: Ders.: Das feine Schweigen. Historische Essays. München 1999, S. 35-63. 322 Poepperlingweg (K 9), benannt 1974 nach den Brüdern Hermann Poepperling (1890-1944) und Ludwig Poepperling (1885-1939) Pädagogen und Schulreformer Der ursprüngliche Magistrats -Beschluss vom 15.04.1970 sah vor, einer Straße in Darmstadt (Stic h- straße zur Erich -Kästner-Schule) den Namen „Hermann -Poepperling-Weg“ zu geben; auf Antrag von OB Ludwig Engel, anlässlich des 80. Geburtstags von Hermann Poepperling 1970 (StadtA DA, Nac h- lass Carlo Schneider, Straßennamen in Darm stadt I). Die beschlossene Benennung erwies sich z u- nächst als „nicht realisierbar“. 1974 wurde schließlich eine Straße im Neubaugebiet „Am Jungfer n- weg“ – nun nach den Brüdern Hermann und Ludwig Poepperling („fortschrittliche Schulreformer“) – in „Poepperlingweg“ benannt (StadtA DA, Nachlass Carlo Schneider, Straßennamen in Darmstadt II). Hermann Poepperling (1890-1944) * 12. September 1890 in Bingen 1911 Promotion in Gießen, „Studien über den Monolog in den Dramen Shakespeares“ 1913 Umzug von Mainz nach Darmstadt 1914-1918 Teilnahme am Ersten Weltkrieg 1918 Heirat mit Luise Lahr in Alzey 1920 Preisarbeit „Die Erziehung unserer Jugend im Geiste der Völkerversöhnung auf Grundlage deut- scher Bildung“ (Veröffentlichung 1975) 1921 Oberlehrer am Realgymnasium zu Darmstadt 1922 Heirat mit Elisabeth „Elsa“ Diehl in Darmstadt (zwei Kinder) 1924 Konrektor in Darmstadt 1932 Oberstudiendirektor an der Liebig-Oberrealschule in Darmstadt 1933 wegen seiner demokratischen Einstellung seines Amts als Direktor der Liebig -Oberrealschule in Darmstadt enthoben; fortan Studienrat an der der Liebig-Oberrealschule Ca. 1934-1944 Mitglied des NSLB † 19. Mai 1944 in Darmstadt Ehrungen: 1918 Rückkehr aus Erstem Weltkrieg „ordensgeschmückt“ Wirken in der NS-Zeit Hermann Poepperling, Pädago ge und Bildungsreformer, hinterließ in der NS -Zeit vergleichs- weise wenige Spuren. Infolge der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde er 1933 aus führendem Amt an der Liebig-Oberrealschule in Darmstadt entlassen. Obwohl Hermann Poepperling 1944 versta rb, existiert ein Entnazifizierungsmeldebogen zu seiner Person (HHStAW). Ausgefüllt wurde dieser von seiner Witwe, Elisabeth Poepperling. 323 Demnach war Hermann Poeperling in keiner NS -Organisation Mitglied, außer im NS -Lehrer- bund (ohne Zeitangaben). Unter dem Punkt „Bemerkungen“ schrieb Elisabeth Poepperling: „Mein 1944 verstorbener Mann wurde im Jahre 1933 wegen seiner demokratischen Einstellung se i- nes Amts als Direktor der Liebig-Oberschule in Darmstadt enthoben“ (11.06.1948, HHStAW). Unter dem Eindruck de s Ersten Weltkriegs hatte Hermann Poepperling die Preisschrift „ Die Erziehung unserer Jugend im Geist der Völkerversöhnung auf der Grundlage deutscher Bi l- dung“ (1920) verfasst, die erst 1975 gedruckt wurde. Darin zeigte er sich als entschlossener Kriegsgegner, der die Vermittlung der Friedensidee als zentrale Aufgabe schulischer Bildung betrachtete: „Prüft man die pazifistische Bewegung auf ihre wesentlichen begrifflichen Merkmale, so ergeben sich diese: ihre Ideenhaftigkeit, ihr Glaube an eine Entwicklungs möglichkeit der Menschheit, ihr Wille zur praktischen Sittlichkeit und ihr Weltanschauungsgehalt. Die Inbeziehungsetzung dieser Merkmale zum deutschen Geist liefert die Begründung für die Berechtigung pazifistischer Jugendbildung, denn dem deutschen Geist sind die genannten begrifflichen Wesensmerkmale eigen. Es ist entscheidend, wo und wie die zukünftige Schule, die von verstärktem Willen zur philosoph i- schen Durchdringung der Vielheit ihrer Stoffe beseelt sein muß, die Friedenspädagogik als Erzi e- hungsaufgabe und die Friedensgesinnung als Weltanschauungsfrage lösen kann und will“ (S. 74). Hermann Poepperling plädierte eindringlich für die Lektüre von Kants „Vom ewigen Frieden“ in der Schule, um den pazifistischen Gedanken in den Köpfen der Schülerschaft zu v eran- kern. „Am 28. April 1933 wurde Hermann Poepperling seines Amts als Oberstudiendirektor enth o- ben“, hieß es im Geleitwort zur Veröffentlichung von 1975 (S. 5-8, hier S. 5; Poepperling blieb aber als Studienrat an der Schule, Hessisches Regierungsblatt 19 33, S. 127), verfasst vom ehemaligen OB Ludwig Engel, der Hermann Poepperling in der NS -Zeit als Rechtsbe i- stand zur Seite gestanden hatte. Engel zufolge litt Poepperling in den Jahren nach 1933 an einem schweren Zuckerleiden. Dennoch musste er sich aufgrun d einer Denunziation 1940 „vor der Gestapo und einem Sondergericht in Darmstadt“ verantworten (S. 7, auf den Inhalt des Verfahrens ging Engel nicht näher ein), was ihn „an den Rand der physischen Erschö p- fung“ brachte. Engel (selbst ehemaliger Schüler Poepp erlings) beschrieb Hermann Poeppe r- ling als Vorbild – und dessen Schicksal als Mahnung an zukünftige Generationen. Als Pädag o- ge habe sich Poepperling früh und stets unbeirrt gegen den Nationalsozialismus gestellt: „Schon frühzeitig erkannte er die Gefahr de s Nationalsozialismus und versuchte, in seinen Schülern eine demokratische Grundgesinnung zu wecken durch die Erziehung zur Achtung des einzelnen und seiner Rechte, zur Toleranz und zur Humanität, um die Jungen immun gegen das totalitäre Gift zu machen. Der Gedanke der Völkerversöhnung war für ihn keine Utopie, sondern eine Idee“ (S. 6, vgl. auch wortgleiche Passage und Ausführungen darüber hinaus, DE 08.04.1950). Hermann Poepperling, der in der Berichterstattung nach 1945 durchgehend als Opfer des NS-Regimes beschrieben wurde (StadtA DA, ST 61), starb 1944 als „gesundheitlich gebroch e- ner Mann“. Es ließen sich keine Hinweise auf eine Verstrickung mit dem NS -Regime recher- chieren. Ludwig Engel konstatierte in seinem Antrag auf Straßenbenennung 1970: 324 „Hermann Poepperling wäre nach meiner Meinung nach 1945 der geborene Hessische Kultusminister gewesen und auch geworden. Die Tragik seines Lebens entschied anders“ (02.04.1970, OB Engel, Benennung einer Strasse nach Oberstudiendirektor Dr. Hermann Poepperling, Stadt A DA, Nachlass Carlo Schneider, Straßennamen in Darmstadt I). Quellen: HHStAW, Abt. 520/Darmstadt-Zentral, Nr. 55242 (nur Meldebogen) HStAD, G 35 E Nr. 17613 [Poepperling, Elisabeth] Hessische Regierungsblätter 1933-1934 StadtA DA, ST 61 Poepperling, Dr. Hermann + Ludwig StadtA DA, Nachlass Carlo Schneider, Straßennamen in Darmstadt I + II Literatur: Poepperling, Hermann: Die Erziehung unserer Jugend im Geist der Völkerversöhnung auf der Grun d- lage deutscher Bildung [Geleitwort von Ludwig Engel]. Darmstadt 1975. Ludwig Poepperling (1885-1939) * 14. Januar 1885 in Mainz 1907 Umzug von Alzey nach Darmstadt 1908 Volontär an der Realschule in Alzey 1908/09 Lehramtsreferendar an der Höheren Bürgerschule in Dieburg 1909/10 Lehramtsassessor am Gymnasium Fridericianum in Laubach 1910 Heirat mit Elisabeth „Elsa“ Braun (mindestens ein Kind) 1910 Lehrer am Realgymnasium in Darmstadt 1917 Oberlehrer am Realgymnasium in Darmstadt 1920 Konrektor am Realgymnasium in Darmstadt 1924 Oberstudiendirektor an der Oberrealschule zu Mainz 1933 Amtsenthebung „unter Belassung der Amtsbezeichnung ‚Oberstudi enrat‘ und des Die n- steinkommens“; Studienrat am Gymnasium in Mainz (Adam-Karrillon-Gymnasium) 1934 Dienstentlassung und Versetzung in den Ruhestand 1934 Aufhebung der Dienstentlassung/Ruhestandsversetzung 1934-1939 Studienrat am Realgymnasium Gießen † 9. September 1939 Ehrungen: --- 325 Wirken in der NS-Zeit Wie sein jüngerer Bruder Hermann, war Ludwig Poepperling als Lehrer und in führender Funktion im Schulbetrieb tätig; auch er beschäft igte sich mit Reformen des (höheren) Schu l- wesens (StadtA DA, ST 61). Ludwig Poepperling, der zu Beginn der 1920er Jahre als Konrektor am Darmstädter Rea l- gymnasium tätig war, wirkte seit 1924 als Oberstudiendirektor an der Oberrealschule in Mainz. Zum 1. Ma i 1933 wurde er seines Amts enthoben und „ unter Belassung der Amtsb e- zeichnung ‚Oberstudi enrat‘ und des Diensteinkommens“ als Studienrat an das Gymnasium zu Mainz versetzt, das 1933 -1945 den Namen „Adam -Karrillon-Gymnasium“ trug und seit 1953 „Rabanus-Maurus-Gymnasium“ heißt (StadtA Mainz). Im Frühjahr 1934 wurde Ludwig Poepperling aus dem Schuldienst entlassen: als Daten fanden sich in den Quellen der 29.03.1934 („Dienstentlassung“, Regierungsblatt 1934, S. 100) sowie der 29.05.1934 („Ve r- setzung in den Ruhestand“, HStAD, G 35 E Nr. 17689). Doch bereits im Spätsommer des gle i- chen Jahres wurde die Dienstentlassung bzw. Ruhestandsversetzung rückgängig gemacht: „Die auf Grund des § 4 des Reichsgesetzes zur Wiederherstellu ng des Berufsbeamtentums vom 7. April 193 3 erfolgte Entlassung des oben Genannten wurde durch Urkunde vom 30. August 1934 […] zurückgenommen. […] Vom 1. Oktober 1934 an entfallen die Bezüge, weil Oberstudiendirektor Poepperling von diesem Tage an zum Studienrat am Realgymnasium in Gießen ernannt wurde“ (Hes- sisches Staatsministerium, gezeichnet [Friedrich] Ringshausen, an die Direktion des Adam -Karrillon- Gymnasiums Mainz, 06.10.1934, StadtA Mainz, siehe auch Hessisches Regierungsblatt 1934, S. 155). Bis zu seinem Tod 1939, wenige Tage nach Kriegsbe ginn, diente Ludwig Poepperling als St u- dienrat am Realgymnasium in Gießen. Es ließen sich keine Entnazifizierungsdokumente r e- cherchieren. In den eingesehenen Unterlagen fanden sich keine Hinweise bezüglich einer Verstrickung mit dem NS-Regime. Quellen: HStAD, G 35 E Nr. 17614 HStAD, G 35 E Nr. 17689 HStAD, G 53 Laubach Nr. 231 Hessische Regierungsblätter 1933-1934 StadtA DA, ST 61 Poepperling, Dr. Hermann + Ludwig StadtA Mainz, 209/511 Literatur: --- 326 Ottilie-Rady-Weg (D 7), benannt 2002 nach Ottilie Rady (1890-1987) Kunsthistorikerin * 13. April 1890 in Darmstadt 1896-1900 Ausbildung am Reineck’schen Institut in Darmstadt 1900-1906 Besuch der Viktoria-Schule in Darmstadt 1914/15 Besuche bei ihrem Cousin Carl Thiemann in Dachau 1915 Geburt der (unehelichen) Tochter Else (Vater: Heeresflieger Paul Hermann Sieglitz) 1915-1917 Vorbereitung auf nachträgliches Abitur; Besuch des Darmstädter Pädagogiums (1917) 1917 Erlangung der Hochschulreife am Realgymnasium Gießen (als Externe) 1917-1922 Studium der Kunstgeschi chte und der Archäologie an der TH Darmstadt (ein Semester) sowie an Universitäten in Bonn und Frankfurt am Main 1922 Promotion in Kunstgeschichte an der Universität Frankfurt am Main, „Das weltliche Kostüm von 1250-1410 nach Ausweis der figürlichen Grabsteine im mittelrheinischen Gebiet“ 1922-1937 Assistentin für Kunstgeschichte an der TH Darmstadt (lange Zeit bei Professor Paul Har t- mann) in der Abteilung für Kultur- und Staatswissenschaften, ab 1931/32 in der Abteilung Architektur (zu der Kunstgeschichte nunmehr gehörte); ab 1929 als Privatdozentin 1929 Habilitation im Fach Kunstgeschichte an der TH Darmstadt (damit erste habilitierte Kunsthist o- rikerin in Deutschland), „Leben und Werke des Bildhauers Johann Baptist Scholl d. J. (1818-1881)“ 1929-1932 Privatdozentin für Kunstgeschichte am Pädagogischen Institut in Mainz 1934-1937 außerordentliche Professorin an der TH Darmstadt (als eine von zwei Frauen) 1937 Kündigung ihrer Assistentenstelle (April) an der TH Darmstadt; Umzug nach Berlin unter Beu r- laubung von ihrer Tätigkeit als Dozentin 1937-1942 Journalistin in Berlin ; Arbeit am Institut für w issenschaftliche Projektion des Dr. Franz Stoedtner, dort Katalogisieren von Diapositiven für den Kunstgeschichtsunterricht 1939 Niederlegen der Lehrtätigkeit an der TH Darmstadt 1939 „Elsa Pfister-Kaufmann, Julius Kaufmann. Ein Künstlerehepaar“ 1942 Heirat mit Franz Stoedtner (Ottilie Stoedtner) 1946-1959 nach dem Tod ihres Mannes Franz Stoedtner Leiterin des Instituts für wissenschaftliche Projektion (seit 1948 in Düsseldorf angesiedelt) 1959 Heirat mit ihrem Cousin Carl Thiemann (Ottilie Thiemann-Stoedtner); Umzug nach Dachau 1966 nach Tod ihres Ehemanns dessen Nachlass -Verwalterin; fortan biografische Studien zu Dacha u- er Künstlern und Künstlerinnen 1981 „Dachauer Maler. Die Kunstlandschaft von 1801-1946“ † 12. April 1987 in Dachau Ehrungen: --- 327 Wirken in der NS-Zeit Ottilie Rady, 1929 erste habilitierte Kunsthistorikerin Deutschlands, arbeitete zu Beginn der NS-Zeit als Assistentin und Privatdozentin an der TH Darmstadt. Als gebürtige Darmstädterin hatte Rady bereits an der TH Darmstadt ein Semester Kunstg e- schichte und Archäologie studiert. Nach ihrer Promotion 1922 in Frankfurt am Main erhielt sie eine Assistentenstelle als Kunsthistorikerin bei Paul Hartmann in der Abteilung für Kultur- und Staatswissenschaften an der TH Darmstadt , ab 1931/32 in der Abteilung Architektur, zu der Kunstgeschichte nunmehr gehö rte. Nach ihrer Habilitation 1929 war sie als Privatdoze n- tin an der TH Darmstadt tätig. Zu Beginn der NS -Zeit war Rady eine von drei Frauen im Leh r- körper des Instituts, wobei eine ihrer beiden Kolleginnen bereits nach dem Wintersemester 1932/33 die Hochschule verließ (Hanel, S. 375). Am 15. Oktober 1934 wurde Rady zum a u- ßerordentlichen, außerplanmäßigen Professor [!] ernannt (Regierungsblatt 1934, S. 172). Im Frühjahr 1937 verließ Rady Darmstadt und zog nach Berlin. Unter welchen Umständen das Dienstverhältnis als Assistentin an der TH Darmstadt endete, ließ sich nicht eindeutig klären. In der biografischen Skizze vo n Freia Neuhäuser, einer Freundin Ottilies, hieß es: „Da sich Frau Professor mit der Ideologie des Nationalsozialismus nicht einverstanden erklären konnte, wurde ihr gekündigt, ohne Zusage auf einen anderen Tätigkeitsbereich“ (Neuhäuser, S. 34). In von ihr selbst erstellten tabellarischen Lebensläufen (jeweils nach 1945 verfasst) finden sich folgende Angaben: „1937, 1. April verliere ich die Darmstädter Assistentenstelle im Zuge der nazistischen Umbesetzung von Frauenberufen auf Männer. 1937 ff. Ge zwungenermaßen ging ich damals i n den ‚Freien Beruf‘ nach Berlin, […]“ (Prof. Dr. Ottilie Thiemann-Stoedtner, Dachau, 10.10.1962, StadtA DA, ST 61). „1937 1. April. Meine Assistentenstelle an der T. H. Darmstadt wird gekündigt, ohne Zusage auf eine andere Unterbringung. Als Dozentin beurlaubt, übersiedle ich nach Berlin in den freien Beruf. 1939 Nach Beendigung meiner Beurlaubung lege ich meine Darmstädter Lehrtätigkeit freiwillig ni e- der“ (1976, StadtA DA, ST 61). In Berlin arbeitete Rady zunächst als Journalistin. 1939 erschien ihre biografische Arbeit „Elsa Pfister-Kaufmann, Julius Kaufmann. Ein Künstlerehepaar “. Sie lernte den Kunsthistoriker und Fotografen Dr. Franz August Stoedtner kennen, in dessen „Institut für wissenschaftliche Pro- jektion“ sie Diapositive (Lichtbilder) für den Kunstgeschichtsunterricht aussuchte und katalo- gisierte. Am 16.12.1942 heiratete Rady mit Franz Stoedtner ihren verwitweten, zwanzig Ja h- re älteren Chef, der im Januar 1946 starb. Ottilie Stoedtner übernahm daraufhin (als Erbin) das „Institut für wissenschaftliche Projektion“. Es ließen sich keine Entnazifizierungsdokumente zu Ottilie Rady (bzw. Stoedtner; nach ihrer zweiten Heirat 1959: Thiemann-Stoedtner) recherchieren. Das „Institut für wissenschaftliche Projektion“ sowie der angeglieder te Verlag befanden sich bis 1948 im Ostteil Berlins (Ottilie Stoedtner verlegte 1948 Institut und Verlag nach Düsseldorf). 328 Quellen: Regierungsblatt 1934 StadtA DA, ST 61 Thiemann-Stoedtner, Prof. Dr. Ottilie UA Darmstadt, Pressemappe Stoedtner [?] Literatur: Hanel, Melanie: Normalität unter Ausnahmebedingungen. Die TH Darmstadt im Nationalsozialismus. Darmstadt 2014. Holtmann-Mares, Annegret: Ottilie Rady (1890 -1987) – mit Willen und Beharrlichkeit zum Ziel. In: hoch3, Mai 2015, S. 18. Neuhäuser, Freia: Zum 90. Geburtstag der ersten habilitierten Kunsthistorikerin Deutschlands, Frau Prof. Dr. Ottilie Thiemann-Stoedtner. In: Amperland 16 (1980), S. 32-36. Rady, Ottilie: Zum Andenken an Prof. Dr. Paul Hartmann [ohne Ort, ca. 1944]. Rady, Ottilie: Elsa Pfister-Kaufmann, Julius Kaufmann. Ein Künstlerehepaar. Frankfurt am Main 1939. Thiemann geb. Rady, Ottilie: Die Schule des Herrn Elias. In: Erlebte Vergangenheit. Darmstädter Bü r- ger erzählen. Darmstadt 1986, S. 160 f. Wächter, Marion: Gezeugt – geboren – verleugnet. Leben und Herkunft der Else Faust (1915 -1956). In: Hessische Familienkunde 28 (2005), S. 185-190. 329 Mina-Rees-Straße (K 6), benannt 2004 nach Mina Rees (1902-1997) Amerikanische Mathematikerin * 2. August 1902 in Cleveland/Ohio (USA) Aufgewachsen und Schulbesuch in New York City Bis 1923 High School und erstes Studium der Mathematik am Hunter College, New York City 1923-1925 Master in Mathematik an der Columbia University, New York City 1925-1945 Dozentin für Mathematik am Hunter College, New York City 1929-1931 Beurlaubung; Promotion an der University of Chicago , „Division algebras associated with an equation whose group has four generators” 1943-1945 erneute Beurlaubung; als geschäftsführende Assistentin Koordination einer Gruppe hoc h- rangiger Mathematiker (Applied Mathematics Panel des Office of Scientific Research and Develo p- ment), die im Auftrag der US -Regierung über militärische Anwendungen im Bereich der Mathematik berieten 1946-1953 Leitung der Mathematik -Abteilung am neu geschaffenen Office of Nav al Research (US - Navy); Beratung der US-Regierung und andere r staatlicher Stellen bei der Förderung neuer Comp u- terprojekte (1949-1952 Director of the Mathematical Sciences Division, 1952/53 Deputy Science D i- rector) 1950 „The federal computing machine program“ 1952 „On the solution of nonlinear hyperbolic differential equations by finite differences“ (Veröffen- tlichung zusammen mit Richard Courant und Eugene Isaacson) 1953-1961 Dekanin am Hunter College, New York City 1955 Heirat mit dem Physiker Leopold Brahdy 1961-1972 Professorin an der neu gegründeten City University, New York City (1961-1967 Dean of Graduate Studies, 1967-1969 Provost of the Graduate School and University Center) 1964-70 Mitglied des US National Science Board 1969-1972 Präsidentin der Graduate School an der City University, New York City 1971 Vorsitzende der American Association for the Advancement of Science (als erste Frau) Ab 1972 im Ruhestand; weiterhin beratend und forschend tätig † 25. Oktober 1997 in New York City Ehrungen: 1945 President’s Certificate of Merit (USA), King’s Medal for Service in the Cause of Freedom (GB) 1962 Award of Distinguished Service (Mathematical Association of America) 1965 Achievement Award (American Association of University Women) 1983 Public Welfare Medal (höchste Auszeichnung der National Academy of Sciences, USA) 1989 Computer Pioneer Award (IEEE Computer Society) Vielfache Ehrendoktorin (an ca. 20 Universitäten und ähnlichen Bildungseinrichtungen) 330 Wirken in der NS-Zeit Die Amerikanerin Mina Rees gilt als bedeutende Mathematikerin und Pionierin der Comp u- tergeschichte, die während des Zweiten Weltkriegs eine Gruppe von Mathematikern koord i- nierte und damit zum Kriegserfolg der Alliierten beitrug. Rees arbeitete in der NS-Zeit als Mathematik-Dozentin (Assistant Professor, ab 1940 Associa- te Professor) am Hunter College, New York. 1943 ließ sie sich von ihrer wissenschaftlich - lehrenden Tätigkeit beurlauben, um in Washington, D. C., die Stelle der geschäftsführenden Assistentin beim Leiter des Applied Mathematics Panel zu übernehmen. In diesem Gremium waren von der US -Regierung bedeut ende Mathematiker zusammengezogen worden, um über militärische Forschungen und Anwendungen im Bereich der Mathematik zu beraten. Mina Rees war als Wissenschaftsmanagerin in leitender Funktion tätig: „In that position and as secretary to the panel, Rees was in a central position with respect to the problems that were posed by the various military constituents, efforts to extract the mathematical essence of the problems, and the task of finding mathematicians to solve them. Rees represented the government in contracting the problems to various universities throughout the country“ ( Green et al., S. 867). In diversen Projekten beschäftigte sich Rees unter anderem mit Strömungsproblemen bei der U -Bootabwehrtechnik oder bei Raketenantrieben. Für ihre Arbeiten wurde sie später sowohl von der US -Regierung als auch von der britischen Regierung mit hohen Ehrungen ausgezeichnet. Während des Zweiten Weltkriegs erhielt Rees wichtige Einblicke in die Ent- wicklung elektronischer Rechenanlagen, die sie nach dem Krieg in ihrer (wissenschaftlichen) Karriere (auch in ihrer Funktion als Politik-Beraterin) nutzen sollte. Mina Rees war als Mathematikerin und Wissenschaftsmanagerin auf höchster Ebene in mil i- tärische Forschung während des Zweiten Weltkriegs involviert – allerdings auf Seiten der Amerikaner und daher gegen das NS-Regime in Deutschland. Quellen: [http://www.frauen-informatik-geschichte.de/index.php?id=64] Zugriff: 27.12.2016 Literatur: Broome Williams , Kathleen: Improbable Warriors: Women Scientists and the U.S. Navy in World War II. Annapolis, Maryland, 2001. [NICHT eingesehen] Green, Judy/La Duke, Jeanne/Mac Lane, Saunders/Merzbach, Uta C.: Mina Spiegel Rees (1902-1997). In: Notices of the American Mathematical Society 45 (1997), S. 866-873. Shell-Gellasch, Amy: In Service to Mathematics: The Life and W ork of Mina Rees. Boston 2001. [NICHT eingesehen] 331 Otto-Röhm-Straße (G-H 6-7), benannt 1965 nach Otto Röhm (1876-1939) Chemiker und Unternehmer * 14. März 1876 in Öhringen/Württemberg Besuch der Lateinschule in Blaubeuren und des humanistischen Gymnasiums in Ulm 1891 Abschluss der Mittleren Reife 1891-1894 Apothekerlehre in Blaubeuren 1894-1897 Apothekergehilfe in Biberach, Zürich und Ulm sowie Militärdienst als Einjährig-Freiwilliger 1897/98 Studium der Pharmazie in München als „außerordentlicher Student“ 1898-1901 Studium der Pharmazie und Chemie an der Universität Tübingen (Vollstudium der Chemie nach erfolgreicher Approbationsprüfung in Stuttgart ab 1899) 1901 Promotion über die „Polymerisationsprodukte der Akrylsäure“ an der Universität Tübingen 1902 Tätigkeit bei Firma E. Merck sowie bei Landwirtschaftlicher Versuchsanstalt in Darmstadt 1903 Assistent am städtischen Untersuchungsamt in Stuttgart 1904 Hauptprüfung zum Nahrungsmitteltechniker in Stuttgart; Veröffentlichung „Maßanalyse“ 1904-1906 Assistent am städtischen Gaswerk in Gaisburg 1907 Gründung des Unternehmens Röhm & Haas OHG in Esslingen (gemeinsam mit Otto Haas) Ab 1907 Entwicklung technischer Enzyme zur Lederherstellung (Beizmittel „Oropon“), für Waschmit- tel, zur Textilverarbeitung und Fruchtsaftklärung 1909 Umzug der chemischen Fabrik Röhm & Haas von Esslingen nach Darmstadt 1909 Heirat mit Elisabeth Soyka in Dresden (zwei Kinder) Ab 1911 Forschungen auf dem Gebiet der Acrylchemie 1914 Erfindung von Burnus (Wäsche-Einweichmittel) Ab 1914 Ausbau der Enzymproduktion im Werk in Darmstadt (für Herstellung von Waschmitteln, Textilien, Kosmetika, pharmazeutische Präparate sowie von Fruchtsäften) 1928 Synthetisieren von Methacrylaten im Labor 1933 Erfindung des PLEXIGLASES ® (gemeinsam mit Walter Bauer sowie weiteren Mitarbeitern) 1936 Bericht über „Organisches Glas“ (PLEXIGLAS ®) auf Hauptversammlung der GDCh in München 1936 PLEXIGLAS ®-Exponate auf der Ausstellung „Deutschland“ in Berlin Ab 1937/38 Herstellung von PLEXIGLAS ® vornehmlich für militärische Zwecke (Flugzeugbau) 1938 Umwandlung der Röhm & Haas AG in eine GmbH; Ausscheiden als Vorstandsvorsitzender † 17. September 1939 in Berlin Ehrungen: 1920 Verdienstkreuz für Kriegshilfe 1922 Ehrenbürger der TH Darmstadt (seit 1924 unter Bezeichnung Ehrensenator geführt) 1925 Ehrenpräsident des Syndikats der griechischen Gerber 332 1935 Präsidiumsmitglied der Deutsch-Britischen Gesellschaft 1937 Grand Prix und Goldmedaille für PLEXIGLAS ® auf Pariser Weltausstellung 1937 Ernennung zum Generalkonsul von Bulgarien durch König Boris III. Wirken in der NS-Zeit Otto Röhm, Chemiker, Unternehmer und Erfinder, war während der NS -Zeit Firmenchef der Röhm & Haas AG mit Sitz in Darmstadt (ab 1938 GmbH, ab 1971 Röhm GmbH, seit 2007 Evonik Röhm GmbH). Er entwickelte 1933 mit PLEXIGLAS ® einen Werkstoff, der ab 1937 vor allem für militärische Zwecke genutzt wurde. Röhm schien dem Nationalsozialismus kritisch gegenüber gestanden zu haben. Für die von Otto Röhm und Otto Haas 1907 gegründete Firma war die Anwendung von PLE- XIGLAS ® in der Rüstungsindustrie von großer wirtschaftlicher Bedeutung, besonders in der Zeit des Zweiten Weltkriegs – als Röhm selbst bereits verstorben war. Auf der Hauptve r- sammlung der Gesellschaft Deutscher Chemiker hielt Röhm 1936 erstmals einen öffentlichen Vortrag zu dem „Organischen Glas“ (Trommsdorff, S. 237, 280). Die Firma nahm daraufhin die Möglichkeit wahr, auf internationalen Ausstellungen ihr Produkt hohen Regierungsve r- tretern zu präsentieren („100 Jahre Zukunft“, S. 49): Auf der Berliner Ausstellung „Deutsc h- land“ (1936) fanden aus PLEXIGLAS ® gefertigte Exponate (darunter auch eine Geige) in der Ehrenhalle Platz; auf der Weltausstellung 1937 in Paris erhielt PLEXIGLAS ® höchste Auszeich- nungen. Das Werksgelände in Darmstadt wurde in der Folge ausgeweitet, neue Fertigungs - und Verarbeitungsanlagen gebaut, die insbesondere den Bedarf für die Produktion von Flu g- zeugkanzeln dienten: Röhm & Haas wurde zum Rüstungsunternehmen. Zu Beginn der NS - Zeit hatte sich die politische Entwicklung noch negativ auf das (Auslands -)Geschäft der Röhm & Haas AG unter ihrem Vorstandsvorsitzenden Otto Röhm ausgewirkt. Das Unternehmen verlor jüdische Großkunden in der polnischen Lederindustrie und litt unter den scharfen D e- visenvorschriften. Seit Mitte der 1930er Jahre expandierte das Unternehmen: Lag die Mitar- beiterzahl 1934 bei 450, konnte Otto Röhm schon 1937 den 1.000 Mitarbeiter begrüßen. Als Röhm 1939 starb, beschäftigte sein Unternehmen über 1.800 Mitarbeiter bei einem Jahre s- umsatz von über 22 Millionen RM (Klitzsch, S. 715). Während das Unternehmen durch die Aufrüstung seitens des NS -Regimes von gewinnbri n- genden Rüstungsaufträgen profitierte – das Interesse des NS -Regimes an den Kunststoffen veränderte die gesamte Firmenstruktur (hierzu ausführlich „100 Jahre Zukunft“, S. 49 ff.) –, blieb Röhms Verhä ltnis zum Nationalsozialismus – laut seiner Biografen – distanziert (Edschmid, S. 57 ff., Trommsdorff, S. 270 f.). Als problematisch erwies sich für Röhm wä h- rend der NS -Zeit die jüdische Herkunft seiner Frau, die 1936 verstarb. Dies galt auch als Grund für sein Ausscheiden aus wichtigen Fachgremien. In der Biografie von Ernst Tromm s- dorff hieß es zusammenfassend: „Der Verlust seiner Frau, die politische und persönliche Belastung durch den Nationalsozialismus, die Diffamierung seiner Familie – sein Sohn mußte sein Studium in Heidelberg 1935 abbrechen und in Paris fortsetzen – das alles drückte auf ihn“ (Trommsdorff, S. 281). 333 Kasimir Edschmid zitierte aus Tagebuch - und Kalenderblättern persönliche Notizen Röhms, die seine Distanz zum NS -Regime belegen sollen. N ach Trommsdorff soll sich Röhm – trotz seiner exponierten Stellung als Vorstandsvorsitzender eines Rüstungsbetriebs – mit polit i- schen Aussagen zurückgehalten, „Bekenntnisse zum Hitler -Reich“ verweigert und Juden pe r- sönlich geholfen haben (S. 271). Überprüf en lassen sich diese Darstellungen anhand der spärlich vorliegenden bzw. zugänglichen Quellen aus der Zeit nur schwer. Allerdings legen die im Firmenarchiv überlieferten Dokumente nahe, dass Otto Röhm „dem NS -Regime – bei aller Pragmatik – weiterhin kritisch gegenüberstand“ („100 Jahre Zukunft“, S. 54). Seine U n- abhängigkeit schwand jedoch zunehmend; er geriet im Zuge der „Gleichschaltung“ des U n- ternehmens innerhalb des Unternehmens ins Hintertreffen (laut Auskunft des Konzerna r- chivs der Evonik Industries AG liegen keine neuen Quellen vor, die die Einschätzung aus dem Jahr 2007 in Frage stellten; zur Unternehmensgeschichte in der NS -Zeit siehe daher „100 Jahre Zukunft“, S. 46-61; persönliche Dokumente Otto Röhms befinden sich nach Auskunft des Konzernarchivs nach wie vor in Familienbesitz). Im Herbst 1937 erlitt Röhm einen Schlaganfall; seine gesundheitliche Verfassung erzwang in den letzten Lebensjahren ärztliche Auflagen. Er unternahm 1938 noch eine Reise nach Bulga- rien, wo er in Sofia zu einer Audienz bei K önig Boris III. geladen war (dieser hatte ihn 1937 zum Generalkonsul in Frankfurt am Main ernannt, Edschmid, S. 62, Trommsdorff, S. 272). Im Zuge der Umwandlung der Röhm & Haas AG in eine GmbH im November 1938 gab Otto Röhm seinen Vorstandsvorsitz ab. Sein Sohn gleichen Namens, der seit 1937 seinen Vater im Unternehmen unterstütze, kam als Geschäftsführer aufgrund seiner jüdischen Herkunft nicht in Frage; Otto Röhm jun. wurde 1940 auf Anweisung des Hessischen Gauleiters Jakob Sprenger aus der Firma verwiese n und zu Zwangsarbeit herangezogen („100 Jahre Zukunft“, S. 54). Laut Angaben seitens des Konzernarchivs liegen dort keine Unterlagen vor, die Entlassungen von Betriebsangehörigen aufgrund rassischer oder politischer Verfolgung dokumentierten (dazu auch „1 00 Jahre Zukunft“, S. 48 f.). Noch unter Röhms Leitung (1936/37) erwarb das Unternehmen allerdings Gelände (rund 10.000 m²), das zuvor der jüdischen Firma Herz B o- denheimer gehörte („100 Jahre Zukunft“, S. 56). Wenngleich Röhm & Haas den Erwerb b e- zahlte, einigte sich das Unternehmen im Zuge eines Rückerstattungsverfahrens nach 1945 in einem Vergleich auf eine Entschädigung. Der umfangreiche Einsatz von Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen im Unternehmen fand erst nach Röhms Ausscheiden aus der Firmenle i- tung (bzw. nach seinem Tod) während der Kriegsjahre statt („100 Jahre Zukunft“, S. 58-61). Eva Wittig – die auch die Texte für die mehrfach genannte Jubiläumsschrift anfertigte – be- schrieb Röhms Wirken in der NS-Zeit im Stadtlexikon Darmstadt wie folgt: „Die größte Entdeckung gelang ihm zusammen mit dem Chemiker Walter Bauer und weiteren Mita r- beitern 1933 m it PLEXIGLAS ® . Der glasklare, leicht zu verarbeitende Kunststoff, fand während der NS-Zeit nahezu ausschließlich für die Herstellung von Flugzeugkanzeln für Rüstungszwecke Verwen- dung. Das brachte Röhm in ein Spannungsfeld zwischen unternehmerischer Verantwortung Staat und Gesellschaft gegenüber und privater Sorge um die Zukunft seiner Familie, da seine Kinder über die 334 Linie seiner verstorbenen Frau jüdischer A bstammung und damit rassischer Verfolgung du rch das Regime ausgesetzt waren“ (Wittig, S. 757). Es ließen sich keine Entnazifizierungsakten zum 1939 verstorbenen Otto Röhm im HHStAW recherchieren. Röhm scheint kein Mitglied der NSDAP gewesen zu sein; ob er in anderen NS- Organisationen Mitglied war, ließ sich anhand der ausgewerteten Informationen nicht ermi t- teln. Quellen: HStAD, R 4 Nr. 21049 StadtA DA, ST 61 Röhm, Dr. Otto + Otto (Sohn) Evonik Industries AG, Konzernarchiv [Röhm-Archiv] Literatur: 100 Jahre Zukunft. Die Röhm GmbH von 1907 bis 2007 [Jubiläumsschrift, herausgegeben von der Röhm GmbH, Text: Eva Wittig]. Darmstadt 2007. Edschmidt, Kasimir: In Memoriam Dr. Otto Röhm. Z um 50jährigen Bestehen der Chemischen Fabrik Röhm & Haas Darmstadt. Darmstadt 1957. Klitzsch, Rainer: Röhm, Otto Karl Julius. In: NDB 21 (2003), S. 715 f. Trommsdorff, Ernst: Dr. Otto Röhm. Chemiker und Unternehmer. Düsseldorf/Wien 1976 [²1984]. Wittig, Eva: Röhm, Otto Karl Julius. In: Stadtlexikon Darmstadt (2006), S. 756 f. 335 Peter-Roßmann-Weg, benannt 2013 nach Peter Roßmann (1884-1950) Gastwirt und Metzgermeister * 3. Juli 1884 in Neutsch im Odenwald (heute Gemeinde Modautal) Seit 1912 wohnhaft in Darmstadt 1914 Heirat mit Elisabeth Delp (vier Kinder) Ca. 1914 Wohnhaus mit Metzgere i in der Frankfurter Straße 79, später an gleicher Stelle Gastwir t- schaft „Zum Rosengarten“: Metzger und Gastwirt („Roßmanns Rosengarten“) 1935-1945 Mitglied der DAF † 17. September 1950 in Darmstadt Ehrungen: --- Wirken in der NS-Zeit Peter Roßmann war während der NS-Zeit als Metzger und Gastwirt in Darmstadt tätig. In der Darmstädterstraße 79 betrieb er die Gaststätte (mit Metzgerei) „Zum Rosengarten“ als Fami- lienbetrieb. Über Peter Roßmanns Wirken in der NS -Zeit beschränken sich die recherchierten Informa ti- onen auf dessen eigene Angaben im Zuge seines Entnazifizierungsverfahrens (Meldebogen, HHStAW). Demnach war Roßmann, wie bereits erwähnt, 1933 -1945 als „selbständiger G e- werbetreibender“ (Metzger, Gastwirt) tätig. Sein jährliches Gesamteinkommen beziffert e er für den angefragten Zeitraum (1932 -1945) mit 5.000-7.000 RM. Laut seiner Angaben war er 1935-1945 Mitglied der DAF, darüber hinaus weder Mitglied einer weiteren NS -Organisation noch Angehöriger der Wehrmacht. Roßmann wurde am 28. März 1947 als „Vom Gesetz nicht betroffen“ eingestuft und damit entlastet. Es ließen sich keine Hinweise auf eine Verstrickung Peter Roßmanns mit dem NS -Regime recherchieren. Quellen: HHStAW, Abt. 520/Darmstadt-Zentral, Nr. 29916 (nur Meldebogen) StadtA DA, Melderegisterblätter HStAD Bestand H 3 Nr. 72642 [Kennkartenmeldebogen] Literatur: --- 336 Rüthleinweg (L 8), benannt 1956 nach Heinrich Rüthlein (1886-1949) Darmstädter Heimatdichter * 26. September 1886 in Darmstadt 1892-1900 Besuch der Knabenmittelschule in Darmstadt (einer seiner Lehrer dort: Karl Schaffnit) Ausbildung und Anstellung in einem Büro 1909-1911/1919-1933 Mitglied der SPD 1909 Beginn seiner schriftstellerischen Tätigkeit Um 1909 „Die Bekehrung“ (erstes Bühnenstück, einaktige Posse, in kleinem Kreis aufgeführt) 1910-1913 weitere Lustspiele, darunter „Die Villa“, „Die Brieftasche“, „Die Maibowle“ 1912 Heirat mit Margarethe Katharina Eichel (ein Sohn) 1914-1918 Teilnahme als Soldat am Ersten Weltkrieg 1919-1949 Verwaltungstätigkeit/Beamter bei der Stadt Darmstadt 1920 „Der Glasschrank“ (bekanntestes Mundartstück) 1921 „Der Schieberfeind“ 1929 „Die weißen Handschuhe“ 1932 „Pistole und Tabakpfeife“ 1933 Degradierung vom Stadtinspektor zum Stadtobersekretär 1934-1937 Mitglied der Reichsschrifttumskammer (Mitglieds-Nr. 11346) 1934-1945 Mitglied der NSV 1934-1945 Mitglied des Reichsbunds der Deutschen Beamten (RDB) 1937 „Fräulein Mandarin“ (Uraufführung in Erfurt) 1941 „Wachstubengeschichten“ 1944 Zerstörung unveröffentlichter Manuskripte im Zuge der „Brandnacht“ 1945-1949 Tätigkeit im Versorgungsamt; Stadtamtmann beim Standesamt der Stadt Darmstadt † 3. Juli 1949 in Darmstadt Ehrungen: --- Wirken in der NS-Zeit Heinrich Rüthlein, Darmstädter Heimat- und Mundartdichter in der Tradition Ernst Elias Ni e- bergalls, war über die gesamte NS-Zeit in der Darmstädter Stadtverwaltung beschäftigt. Während der Weimarer Republik war Rüthlein Mitglied der SPD. Wie es in einer politischen Beurteilung durch die Darmstädter Gestapo 1937 hieß (hierzu und zum Folgenden 01.11.1937, Geheime Staat spolizei an Reichsschrittumskammer, BArch Berlin, BDC, R 9361 - 337 V/10246), nahm er an SPD -Veranstaltungen teil und „unterstützte den Marxismus auch durch Spenden“. Aufgrund seiner Mitgliedschaft in der SPD bzw. der daraus geschlossenen „marxistischen Einstellung“ wurde Rüthlein 1933 vom Stadtinspektor zum Stadtobersekretär degradiert; von einer Dienstentlassung wurde jedoch abgesehen, da er „sein Amt stets ei n- wandfrei versehen hat und als ein stets hilfsbereiter Mensch und Kamerad bekannt war“. Nach der Machtü bernahme durch die Nationalsozialisten fiel Rüthlein laut Einschätzung der Gestapo nicht politisch auf. Er galt weiterhin als politisch unzuverlässig, aber ungefährlich: „Seine jetzige politische Einstellung wird dahingehend beurteilt, daß er als langjähri ger früherer SPD- Mann, der schon von seinem Vater entsprechend beeinflußt worden war, innerlich seiner alten Überzeugung treu geblieben ist. Es wird ihm indessen nicht zugetraut, daß er sich jemals aktiv staat s- feindlich betätigen würde“ (01.11.1937, Geheim e Staatspolizei an Reichsschrittumskammer, BArch Berlin, BDC, R 9361-V/10246). Rüthlein – der 1937 von der Mitgliedschaft in der Reichsschrifttumskammer befreit worden war, da der Umfang seiner schriftstellerischen Tätigkeit als zu gering g ewertet wurde – stell- te 1941 einen Antrag auf (erneute) Aufnahme in die Kammer. Hintergrund war die ang e- dachte Veröffentlichung der „Wachstubengeschichten“, die das Darmstädter Soldatenleben vor 1914 zum Inhalt hatte (1941 veröffentlicht mit Illustrationen von Hartmuth Pf eil). Sein Aufnahmegesuch wurde offensichtlich abgelehnt, ihm aber nachträglich ein Befreiung s- schein für die Veröffentlichung ausgestellt (BArch Berlin, BDC, R 9361 -V/10246). Laut B e- richterstattung in den lokalen Medien (nach 1945) soll eine Szene der „Wachstubengeschich- ten“ wegen „Verächtlichmachung der Offiziere“ Anstoß im Reichspropagandaministerium genommen haben (StadtA DA, ST 61). Einzelne Bühnenstücke (Einakter, Lustspiele, Schwä n- ke) wurden während der NS -Zeit aufgeführt, darunter im Mai 1937 die Ura ufführung des Stücks „Fräulein Mandarin“ in Erfurt. Laut eigener Angaben in seinem Meldebogen 1946 (HHStAW) war Rüthlein 1934 -1945 j e- weils ohne Amt Mitglied der NSV und des Reichsbunds der Deutschen Beamten (RDB); da r- über hinaus in keiner anderen NS -Organisation tätig. Unter dem Punkt „ Bemerkungen“ no- tierte er : „Ich wurde als Sozialdemokrat (Mitglied 1909 bis April 1933) degradiert und ve r- folgt.“ Rüthlein wurde als „Vom Gesetz nicht betroffen“ (24.03.1947) eingestuft. Quellen: BArch Berlin, BDC, R 9361-V/10246 HHStAW, Abt. 520/Darmstadt-Zentral, Nr. 16426 (nur Meldebogen) HStAD, H 3 Nr. 8922 HStAD, R 12 P Nr. 5308 StadtA DA, ST 61 Rüthlein, Heinrich und Carl Heinrich Literatur: Eilers, Helge: Rüthlein, Heinrich. In: Stadtlexikon Darmstadt (2006), S. 765. Esselborn, Karl: Hessische Lebensläufe. Darmstadt 1979, S. 413-415 [Erstveröffentlichung 1926]. Keil, Heinrich: Hartmuth Pfeil. Werke aus fünf Jahrzehnten. Darmstadt 1987. 338 Sauerweinstraße (D 8), benannt 1968 nach Ludwig Sauerwein (1879-1951) Arheilger Lehrer und Heimatforscher * 9. Februar 1879 in Roßdorf 1894-1900 Besuch des Lehrerseminars in Darmstadt 1900-1906 Lehrer an der Volksschule Arheilgen 1906-1909 Lehrer an der Gemeindeschule zu Rudlos (Kreis Lauterbach) 1909-1914 Lehrer an der Gemeindeschule zu Angersbach (Kreis Lauterbach) 1914-1948 Lehrer an der Volksschule Arheilgen (bis zur Pensionierung) 1932-1945 Mitglied des NS-Reichskriegerbunds (NSRKB) 1934-1945 Mitglied des NS-Lehrerbunds (NSLB) 1934-1945 Mitglied der NSV 1944 Zerstörung seines Wohnhauses in Darmstadt-Arheilgen im Dezember † 9. Oktober 1951 in Darmstadt Ehrungen: 1960 [1967] Gedenktafel am Arheilger „Dreimärker“ Wirken in der NS-Zeit Ludwig Sauerwein, in Roßdorf geborener Lehrer und Heimatforscher, lebte über die gesamte NS-Zeit als Volksschullehrer in (Darmstadt-)Arheilgen. Über Sauerweins Wirken in der NS -Zeit ist wenig bekannt. Neben seiner Tätigkeit als Volk s- schullehrer war er in der Heimatgeschichtsforschung aktiv. Bei einem Luftangriff auf Dar m- stadt während des Zweiten Weltkriegs wurd e eine seiner Töchter, die mit ihren Kindern zu Besuch war, getötet. Eine Tochter veröffentlichte 1962 (also posthum) „Die Geschichte A r- heilgens“, aus den von ihr aus dem 1944 zerstörten Wohnhaus geborgenen Unterlagen ihres Vaters. Sauerwein war Mitglied i n zahlreichen Vereinen und Chören und half den Volksbil- dungsverein und die Volksbibliothek ins Leben zu rufen (Koch, S. 772). Laut seiner eigenen Angaben im Zuge des Entnazifizierungsverfahrens (HHStAW) war Ludwig Sauerwein Mitglied des NSRKB (1932 -1945) sowie des NS-Lehrerbunds und der NSV (jeweils 1934-1945). Es ließen sich (auch in weiteren Beständen) keine Mitgliedschaften in anderen NS-Organisationen recherchieren. Sein Einkommen betrug 1933 -1945 zwischen 420, - und 460,- RM. Laut seines Meldebogens aus dem Jahr 1946 war er verwitwet ( HStAD, H 3 Nr. 72758). Ludwig Sauerwein wurde im April 1947 als vom Gesetz „Nicht betroffen“ eingestuft (HHStAW), was seiner Selbsteinschätzung entsprach. 339 Quellen: HHStAW, Abt. 520/Darmstadt-Zentral, Nr. 36792 (nur Meldebogen) HStAD, H 3 Nr. 72758 Regierungsblätter 1906, 1909 und 1914 StadtA DA, ST 61 Sauerwein, Ludwig Literatur: Koch, Roland: Sauerwein, Ludwig. In: Stadtlexikon Darmstadt (2006), S. 772 f. Sauerwein, Ludwig: Die Geschichte Arheilgens. Darmstadt-Arheilgen 1962. 340 Scharounweg (F 9), benannt 1978 nach Hans Scharoun (1893-1972) Architekt * 20. September 1893 in Bremen 1900-1912 Besuch des Gymnasiums in Bremerhaven 1912-1914 Studium der Architektur an der TH Berlin-Charlottenburg 1914 freiwillige Meldung zum Kriegsdienst 1915 Arbeit an Militär-Baubüro zum Wiederaufbau Ostpreußens 1917 stellvertretender Leiter des Bauberatungsamts in Insterburg/Ostpreußen 1918-1925 Arbeit als freier Architekt in Insterburg/Ostpreußen; Freundschaften mit Otto Bartning, Walter Gropius, Mies van der Rohe, Bruno Taut 1919 Mitglied der Architektenvereinigung „Die Gläserne Kette“ 1920 Heirat mit Annemarie „Aenne“ Hoffmeyer in Bremerhaven (Scheidung 1960) 1921-1925 diverse Wettbewerbsbeiträge 1925-1932/33 Professor an der Staatlichen Akademie für Kunst und Kunstgewerbe in Breslau 1926 Architekturbüro in Berlin mit Adolf Rading und Paul Kruchen; Mitglied der Architektenverein i- gung „Der Ring“ 1927-1932 Städtebauliche Entwürfe und Bautätigkeit (Siedlungsbau, Junggesellenhaus) in Berlin 1928/29 Ledigenheim in Breslau 1930-1933 Haus Schminke in Löbau 1933 Übersiedlung von Breslau nach Berlin; Arbeit als freier Architekt 1933-1942 Bautätigkeit in Berlin: Einfamilienhäuser und Wohnungsbau, darunter 1933 -1940 Wohn- anlage in Berlin-Spandau (erste Phase bereits 1930-1932) Ca. 1934-1945 Mitglied der Reichskammer der bildenden Künste (Mitglieds-Nr. A 8533) 1945-1946 Stadtbaurat in Berlin (Leiter der Abteilung für Bau - und Wohnungswesen); Wiederaufbau unter dem Leitbild der „Stadtlandschaft“ 1947-1958 Ordinarius für Städtebau an der Fakultät für Architektur der TU Berlin 1947-1950 Direktor des neu gegründeten Instituts für Bauwesen an der Akademie der Wissenscha f- ten 1951 Entwurf einer Volksschule in Darmstadt („Meisterbauten Darmstadt“, nicht umgesetzt) 1954-1961 Großsiedlung Charlottenburg-Nord in Berlin 1954-1971 Hochhausbauten in Stuttgart 1955-1968 Präsident der Akademie der Künste Berlin 1957-1963 Meisterentwurf der Philharmonie Berlin 1958 „Hauptstadtwettbewerb“ (2. Preis): Idee der Stadtlandschaft 1960 Heirat mit Margit von Plato 341 1971 Mitglied der Académie d’Architecture, Paris † 25. November 1972 in Berlin Ehrungen: 1954 Ehrendoktor der TU Berlin 1954 Berliner Kunstpreis 1959 Großes Bundesverdienstkreuz der BRD 1968 Ehrenpräsident der Akademie der Künste, Berlin 1959 Plakette der Freien Akademie der Künste, Hamburg 1962 Ehrensenator der TU Berlin 1964 Großer Preis des Bundes Deutscher Architekten (für die Berliner Philharmonie) 1965 Auguste-Perret-Preis der Union Internationale des Architectes, Paris 1965 Ehrendoktor der Universität Rom 1968 Großer Preis des Landes NRW für Baukunst 1969 Ehrenbürger von Berlin 1971 Ehrenmitglied des Colegio de Arquitectos del Peru Wirken in der NS-Zeit Hans Scharoun, deutscher Architekt des 20. Jahrhunderts und bedeutende r Vertreter der organischen Architektur, lebte und wirkte während der NS-Zeit in Berlin. Scharoun war 1932/33 von Breslau nach Berlin gezogen, wo er fortan als freier Architekt wirkte; bereits seit 1926 unterhielt er dort gemeinsam mit anderen Architekten ein Stadtbü- ro, seit 1927 konzentrierte Scharoun seine Entwurfstätigkeit auf die Metropole. Sein Büro befand sich nun in der Passauer Straße, bis die Räumlichkeiten 1943 bei einem Luftangriff zerstört wurden. Während der gesamten NS -Zeit blieb Scharoun in D eutschland – anders als einige seiner Kollegen, die zuvor gemeinsam mit ihm in den Architektenvereinigungen „Die Gläserne Kette“ und „Der Ring“ organisiert waren. Wie Andreas Tönnesmann in seinem Be i- trag zu Hans Scharoun „Im Dritten Reich“ darstellte, arbe itete Scharoun in der NS -Zeit konti- nuierlich als Architekt – gemessen an der Quantität erfolgreicher als zuvor –, ging aber von Beginn an persönlich auf Distanz zum NS -Regime, schwieg öffentlich und versuchte, „Berü h- rungen mit der Sphäre des Politischen ko nsequent zu meiden“ (Tönnesmann, S. 46). Als Ar- chitekt konnte sich aber auch Scharoun den politischen Gegebenheiten nicht entziehen, wie Tönnesmann mit Blick auf dessen Werk und Wirken treffend konstatierte: „Scharouns Bauten nach 1933 können nicht nach dem Gesichtspunkt gestalterischer Qualität in wich- tige und unwichtige geschieden werden; sie sind in ihrer ganzen Breite Teil seines Œuvres. Lassen die Einzelhäuser allein noch den Schluss zu, Scharoun habe den Weg der ‚inneren Emigration‘ gesucht und sei letztlich an der Intransigenz des Systems gescheitert, so zeigt der gleichzeitige Wohnungsbau, daß es diesen Weg tatsächlich nie gegeben hat. Umgekehrt läßt die ideelle und künstlerische Vera r- mung, die Scharouns Siedlungsbauten seit 1934 mitvollziehen, die a bgeschirmte Raumkunst der Pr i- vathäuser unaufrichtig und prätentiös erscheinen. Hier zeigt sich erneut, daß die Vorstellung vom 342 unpolitischen, neben dem Regime arbeitenden Architekten dringend der Revision bedarf. Planen und Bauen wurde nach 1933 notwendig zur politischen Handlung – nicht nur deshalb, weil sich Behörden und Architektenschaft willfährig ‚gleichschalten‘ ließen, sondern auch, weil ‚politikfreie‘ Räume nur dort existierten, wo das Regime sie im eigenen Interesse zuließ. Scharouns Beispiel zeigt als eines von vielen, daß niemand, der auf die Neutralität dieser Räume vertraute, der Verstrickung in die Wide r- sprüche des Systems entgehen konnte“ (Tönnesmann, S. 69 f.). Scharoun konnte bis 1942 insgesamt 13 Einfamilienhäuser verwirklichen (hauptsächli ch in Berlin und Brandenburg, dazu ausführlich Tönnesmann, S. 46-60). Er sah sich zu Konzessi o- nen an NS -Architekturvorstellungen gezwungen, etwa die Dachgestaltung betreffend. Z u- gleich gelang es ihm wiederholt, die reaktionäre Ideologie des Bauens durch Ko mpromisse zu unterlaufen: Straßenfronten unterschieden sich etwa stilistisch markant von fantasievo l- len Gartenfassaden. Widersprüche kennzeichneten Scharouns Einfamilienhausbauten, in der Innen- wie in der Außengestaltung. Tönnesmann interpretierte sie wen iger als Opposition denn als Hinweis auf Distanz zum NS -Regime (Tönnesmann, S. 52); um als Architekt in der NS-Zeit arbeiten zu können, sah sich Scharoun zu opportunistischem Verhalten gezwungen: „Seine Häuser suchen deprimierende Alltagserfahrungen nicht auszudrücken, sondern zu kompensie- ren, und sie zeigen sich dort zum Nachgeben gegenüber der Diktatur bereit, wo Kompromißlosigkeit die bauliche Realisierung gefährdet hätte“ (Tönnesmann, S. 55). Stärker noch als im Bereich der Einfamilienhäuser brachte der öffentliche Siedlungsbau den Architekten Scharoun zwangsläufig in die Nähe zum NS -Regime. Zwischen 1933 und 1940 konnte er wenigstens sechs Siedlungen und Wohnanlagen in Berlin und in Bremerhaven u m- setzen (ausführlich dazu Tönnesmann, S. 60-70). Scharoun selbst nahm zu diesen Bauten in der Zeit nach 1945 keinen öffentlichen Bezug mehr auf. Das früheste Projekt führte – unter neuen Vorzeichen – ein Bauvorhaben in Berlin -Spandau fort, dessen erste Bauphase bereits 1932 abgeschlossen war. Den Eindruck von Kon tinuität konnte die 1934/35 umgesetzte Pl a- nung Scharouns nicht verwirklichen; spätere Projekte, wie die Klein - und Mittelhaussiedlung in Berlin-Kladow (Bauauftrag 1935), waren noch stärker von „stilistische[m] Opportunismus“ (Tönnesmann, S. 66) bzw. dem „Verlust früherer Ideale“ (drittes Siedlungsprojekt in Breme r- haven, Planung 1938, S. 68) gekennzeichnet. Singulär erscheint in Scharouns Œuvre der verwirklichte Bau eines privaten Schwimmbads für den Brandenburger Hutfabrikanten Silbermann, den Scharoun geme insam mit Hermann Mattern 1937 plante. Die realisierte Anlage neben der Fabrik – für die Kinder Silbermanns, die als Juden vom Besuch öffentlicher Badeanstalten ausgeschlossen waren – wurde vermut- lich nur bis Sommer 1939 genutzt. Das Ensemble bestach durch selbstverständliche Eleganz: „Unbehelligt von Auflagen und Einsprüchen, aber wohl auch im Bewußtsein, für Opfer des Regimes zu bauen, scheint Scharoun hier für einen Moment zu neuer innerer Freiheit gefunden zu haben“ (Tönnesmann, S. 71). Scharouns letzte r Bau in der NS -Zeit wurde 1942 ausgeführt. Dokumentiert in seiner Akte der RKK – Scharoun war Mitglied der Reichskammer der bildenden Künste (Mitglieds -Nr. A 8533, Zeitraum unklar, Belege 1936-1944 – von ihm 1945/46 in den unten genannten Frag e- bögen nicht erwähnt) – findet sich auf Anfrage vom März 1942 der Verweis auf ein Bauvo r- 343 haben in Berlin-Reinickendorf der Wohnstädtebaugesellschaft Berlin Charlottenburg. Zudem erwähnte Scharoun hier ein Projekt mit der Bezeichnung „500 Mann -Bunker“, das er im Auf- trag des Generalinspektors für die Reichsleitung/Generalbauleitung „zur Vorlage gebracht“ habe (13.03.1942, Anfrage des Landesleiters der Reichskammer der bildenden Künste beim Landeskulturwalter Gau Berlin, gesamte tradierte RKK-Akte unter Landesarchiv Berlin, A Rep. 243-04, 7969 [ Film 148, Bilder 0452 -0490, Zitat Bild 0475]). Für die Berechnung seines Ja h- resbeitrags wurde von der Reichskammer der bildenden Künste für das Jahr 1935 ein ste u- erpflichtiges Jahreseinkommen von 6.178,- RM zugrunde gelegt. Während der Kriegszeit fertigte Scharoun – der nicht zum Kriegsdienst eingezogen worden war – zahlreiche Aquarelle, Bleistift- und Federzeichnungen an (vgl. dazu Threuter). Die En t- würfe in Form von „Architekturphantasien“ stellten öffentliche Bauten in den Mittelpunkt. Es ließen sich zu Hans Scharoun keine Entnazifizierungsakten recherchieren; eine entspr e- chende Anfrage beim zuständigen Landesarchiv Berlin blieb ohne Treffer. Im Fragebogen der Militärregierung gab er im August 1945 ein jährliches Einkommen von 15 -20.000 RM für den fraglichen Zeitraum (1933 -1944) zu Protokoll; er verneinte darin alle Fragen nach Mitglie d- schaften in der NSDAP bzw. in deren Hilfsorganisationen (11.08.1945, Military Government of Germany, Fragebogen , Landesarchiv Berlin, C Rep. 124 -02, 12002). Auch im Personalfr a- gebogen der Stadt Berlin verneinte Scharoun alle Fragen zu Mitgliedschaften in NSDAP und der Partei nahe stehenden Organisationen, nannte hier als durchschnittliches Jahresei n- kommen 12.000 RM und gab unter „Bemerkungen“ an: „Entlassung aus dem Angestelltenverhältnis bei der Akademie durch die nationalsozialistische Ve r- waltung wegen meiner künstlerischen und politischen Einstellung“ (25.02.1946, Personalfragebogen, Magistrat der Stadt Berlin, Landesarchiv Berlin, C Rep. 124-02, 12002). Scharoun wirkte nach dem Zweiten Weltkrieg als Ordinarius der Fakultät Architektur an der Technischen Universität Berlin. Im Zuge eines Antrags der Hochschule für Bildende Künste auf Berufung Scharouns als Leiter einer Meisterklasse 1948/49 ebendort hi n hieß es seitens der dafür Verantwortlichen (Abteilung für Volksbildung), Studenten der TU Berlin würden Scharouns Vorlesungen und Übungen meiden. Des Weiteren wurde eine Ablehnung des A n- trags politisch begründet: „Hinzu kommt, dass die Persönlichkeit von Scharoun in politischer Hinsicht – vorsichtig ausgedrückt – mindestens zu einigen Bedenken Anlass gibt“ (16.02.1949, Abteilung für Volksbildung, gezeichnet Dr. Kruspi, an Stadtrat May, im Haus, Landesarchiv Berlin, B Rep. 014, 1818). Welcher Art die hier erwähnten Bedenken waren, wurde nicht näher erläutert. Quellen: Landesarchiv Berlin, A Rep. 243-04, 7969 (Film 148) [Personenakte RKK] Landesarchiv Berlin, B Rep. 014, 1818 Landesarchiv Berlin, C Rep. 124-02, 12002 [Personalakte] 344 Literatur: Bürkle, Johann Christoph: Hans Scharoun. Zürich 1993. Geist, Johann Friedrich/Kürvers, Klaus/Rausch, Dieter: Hans Scharoun. Chronik zu Leben und Werk. Berlin 1993. Hoh-Slodczyk, Christine: Scharoun, Bernhard Hans Henry. In: NDB 22 (2005), S. 576-578. Herbig, Bärbel: Die Darmstädter Meisterbauten. Ein Beitrag zur Architektur der 50er Jahre. Dar m- stadt 2000. Tönnesmann, Andreas: Im Dritten Reich. In: Hoh -Slodczyk, Christine et al.: Hans Scharoun – Architekt in Deutschland 1893-1972. München 1992, S. 46-77. Threuter, Christina: Hans Scharouns Architekturzeichnungen aus der Zeit von 1939 bis 1945. Fran k- furt am Main 1994. 345 Robert-Schneider-Straße (H 8), benannt 1947 nach Robert Schneider (1875-1945) Darmstädter Mundartdichter * 6. Dezember 1875 in Darmstadt 1882-1890 Besuch der Volksschule in Darmstadt Ca. 1890-1893 Ausbildung zum Buch- und Steindrucker 1893-1910 Arbeit als Steindrucker 1900 Heirat mit Elisabethe Hitter (zwei Kinder) 1900 erste Veröffentlichungen von Gedichten in Darmstädter Mundart (in lokaler Presse) 1903 „Heinerblut“ (erster Gedichtband) 1908 „Heinerblut“ (Band 2) Ab 1909 Beiträge im Darmstädter Tagblatt (Pseudonym: Bienche Bimmbernell) 1910 „Die Wildsau un annern lustige Sache in Hesse-Darmstädter Mundart“ (Humoresken) 1911 Übernahme einer Zigarrenfiliale in Darmstadt 1914-1918 Teilnahme am Ersten Weltkrieg als „Frontkämpfer“, Landsturmbataillon Darmstadt (1915 Kompanie-Feldwebel) 1919-1920 Tätigkeit (Gehilfe) bei der Zentralstelle für Landesstatistik in Hessen 1920-1945 Beschäftigung bei der Hessischen Versi cherungsanstalt für gemeindliche Beamte; z u- nächst aushilfsweise, später als Beamter (Ober-Sekretär) 1922 „Lyrisches und Lustiges“ Seit 1923 (bis zur Auflösung) Mitglied der Darmstädter Freimaurerloge „Johannes der Evangelist zur Eintracht“ (schließlich „Meister vom Stuhl“) 1925 „Gedichte“ 1925 Mitbegründer der „Hessischen Spielgemeinschaft“ 1926-1931 Mitglied des Journalisten- und Schriftstellervereins Darmstadt Ab 1930 „Sonndagsnachmiddags. Betrachdunge in Hesse -Darmstädter Mundart von Bienche Bim m- bernell“ 1933 Lobeshymne auf Hindenburg und Hitler („Bienche Bimmbernell“, Darmstädter Tagblatt) 1933-1935 Mitglied des Reichsverbands Deutscher Schriftsteller (1935 aufgelöst); Fachgruppenref e- rent der Untergruppe „Mundartdichtungen“ in der Fachgruppe „Erzähler“ d er Verbandsgruppe Darmstadt Gau Hessen-Nassau 1933-1941 Mitglied der Reichsschrifttumskammer 1934-1945 Mitglied der NSV [wohl auch des RLB] 1939 „Kraut un Riewe. Gedichte un Geschichte in Hesse-Darmstädter Mundart“ 1940 „Därrobst. Gedichtcher un Geschichtcher in Darmstädter Mundart“ † 18. Mai 1945 in Darmstadt (Suizid) 346 Ehrungen: 1914/18 Eisernes Kreuz I. Klasse und Hessische Tapferkeitsmedaille 1947 Gedenktafel an Robert Schneiders Geburtshaus in Darmstadt 1975 Robert-Schneider-Denkmal in Darmstadt Wirken in der NS-Zeit Robert Schneider, Darmstädter Heimat - und Mundartdichter, der vor allem Gedichte und Humoresken veröffentlichte, war während der NS -Zeit als verbeamteter Ober -Sekretär bei der Hessischen Versicherungsanstalt für gemeindliche Beamte angestellt. Als Schriftsteller war Robert Schneider Mitglied der Reichsschrifttumskammer (1933 -1941). Zudem war er Mitglied des Reichsver bands Deutscher Schriftsteller, bis dieser 1935 aufg e- löst wurde ; er agierte als Fachgruppenreferent der Untergruppe „Mundartdicht ungen“ in der Fachgruppe „Erzähler“ der Verbandsgruppe Darmstadt Gau Hessen -Nassau (BArch Ber- lin, BDC, R 9361-V/10902). „Problematisch und nicht genau zu klären ist Schneiders Verhältnis zum Nationalsozialismus. Zum einen beschreibt Robert Stromberger in s einen persönlichen Aufzeichnungen, dass sein Großvater Robert Schneider im Dritten Reich quasi Schreibverbot gehabt habe. Zum anderen hat Robert Schneider in einer Ausgabe seines „Bienchen Bimbernell [sic!]“ vom 5. Mai 1933 die nationalsoziali s- tische Herrschaft begrüßt und seine ganze Hoffnung auf Besserung in Hitler und Hindenburg gesetzt. Dies war jedoch eine einmalige Veröffentlichung. […] Wir können den Sachverhalt leider nicht en d- gültig aufklären, weil wir keine Dokumente besitzen, die eine objektive B eurteilung erlauben “ (31.05.2011, Provisorische Stellungnahme zum Mundartdichter Robert Schneider, an das Kulturamt, Stadtarchivar Peter Engels, StadtA DA, ST 61). Wie von Peter Engels korrekt dargestellt, liegen bezüglich Robert Schneiders Einstellung zum NS-Regime unterschiedliche Einschätzungen vor – die auf unterschiedlich gearteten Quellen basieren. Die erwähnte vielstrophige Ausgabe des „Bienche Bimmbernell“ endet mit folge n- der Strophe: „Hindeburch un Adolf Hitler Sinnbild deitscher Aanichkeit! Als des Volkes wahre Mittler Jetzt un aach for alle Zeit!“ Der Beitrag im Darmstädter Tagblatt vom Mai 1933 (StadtA DA, ST 61) wurde als Beleg dafür gewertet, dass Robert Schneider dem Nationalsozialismus nahe gestanden habe (Kautz, S. 58 f., 82 f.). Demgegenüber erinnerte sich Schneiders Enkel, Robert Stromberger, in seinen Lebenserinnerungen sehr detailliert an einen Besuch des Darmstädter Bürgermeisters [ve r- mutlich OB Otto Wamboldt, HK] im gleichen Jahr. Strombergers Erinnerung nach habe sein Großvater in dem Gespräch auf seine schriftstellerische Freiheit verwiesen und im Anschluss sich selbst ein „Schreibverbot“ auferlegt (Stromberger, S. 71 ff.). Nun war Stromberger 1933 drei Jahre alt und – wie er selbst schrieb – bei dem Gespräch nicht direkt zugegen. Tats äch- lich wurde Schneiders sehr erfolgreiche Kolumne „Bienche Bimmbernell“ allerdings eing e- 347 stellt (ob dafür Schneider selbst verantwortlich zeichnete, ließ sich nicht verifizieren); anläs s- lich einer Jubiläumsaugabe 1938 erschien „vum Bienche Bimmbernell“ noc hmals der eher unpolitische Beitrag „Wie de Datterich in de Himmel kumme is“ (DT vom 23.10.1938, 200 Jahre Darmstädter Tagblatt; siehe auch ‚Därrobst [1940]‘, S. 12-20). Die von Robert Schneider während der NS -Zeit veröffentlichten Mundart -Gedichtbände „Kraut un Riewe “ (1939) und „Därrobst“ (1940) sind weitgehend frei von NS -Jargon; inhalt- lich erscheinen die Beiträge in der Regel unpolitisch. Als politisch zu deutendes Gedicht ließe sich „Deitscher Friehling“ (veröffentlicht 1940 in „Kraut un Riewe“, S. 21 f., Zeit der Verfa s- sung unklar) bezeichnen, dessen dritte Strophe lautete: „Deutsches Härz, du host erdrage Viele Johrn der Nod und Schmach, – Loß die falsche Welt drum sage Was se immer sage mag. Guck, en neier Himmel blaue Will jetzt iwwer’s deitsche Land Hab drum Hoffnung und Verdraun, Dann wärd lug un Drug zu Schand. Hab Gedult, es wärd allmehlich Heller jetzt uff Schritt un Dritt, Deitsches Härz, sei deshalb freehlich, Blieh un sing un frei dich mit!“ Aus dem tradierten Bestand der Reichsschrifttumskammer (hierzu und zum Folgenden BArch Berlin, BDC, R 9361 -V/10902) geht hervor, dass Robert Schneider in den Jahren 1936 und 1937 rund 1.000, - RM aus schriftstellerischer Tätigkeit einnahm; 1940 waren es noch rund 300,- RM. Aufgrund seiner Angaben wurde Schn eider 1941 aus der Mitgliedschaft zur Gru p- pe der Schriftsteller entlassen, da er die Vorgaben für „Berufsschriftsteller“ nicht (mehr) e r- füllte (die Entlassung wurde ausdrücklich formal begründet, Mitgliedschaft gelöscht: 11.10.1941). Aus den überlieferten Dokumenten geht weiterhin hervor, dass Schneider seit 1934 Mitglied der NSV war und sich sonst keiner NS -Organisation zurechnete. In einem Fr a- gebogen aus dem Jahr 1938 gab er seine Mitgliedschaft zur Loge „Johannes der Evangelist zur Eintracht in Darmstadt“ mit dem Zusatz „Meister“ zu Protokoll. Schneiders Zugehörigkeit zur genannten Loge spielte auch bei seiner Beurteilung durch die Gestapo Darmstadt eine Rolle: „Gegen Schneider liegt – ausser seiner früheren Zugehöri g- keit zu einer Loge – in politischer Be ziehung nichts Nachteiliges vor. Ruf und Leumund sind gut“, hieß es auf Anfrage der Reichsschrifttumskammer (29.06.1938, Betreff: Obersekretär Robert Schneider, Gestapo, Staatspolizeistelle Darmstadt ). Die zuständige NSDAP -Stelle b e- scheinigte auf die gleiche Anfrage, dass Schneider kein NSDAP-Mitglied war und nur der NSV sowie dem RLB angehört habe. Schneiders politische Haltung wurde (aus Sicht der NSDAP) kritisch beurteilt: „Vor der Machtübernahme stand er den Demokraten nahe. Er war Mitglied der Freimaur erloge ‚Jo- hannes der Evangelist zur Eintracht‘ in Darmstadt bis zur Auflösung und war zuletzt Meister vom 348 Stuhl. Das Verhalten des Schneider läßt noch zu wünschen übrig. Die Volksgemeinschaft lehnt er ab. Den Deutschen Gruß erwidert er nur ungern. Die poli tische Zuverlässigkeit kann nicht bejaht wer- den“ (12.05.1938, NSDAP Gauleitung Hessen -Nassau, an die RSK Berlin -Charlottenburg, Hervorh e- bung im Original). Die 1947 erfolgte Umbenennung einer Straße nach Robert Schneider in Darmstadt war b e- reits 1945 vorgeschlagen worden, mit folgender Begründung: „[…] er war Dichter, Demokrat und Freimaurer und ist – daran kann kein Zweifel bestehen – ein Op- fer des Krieges geworden“ (09.10.1945, Betreff: Nazismus und Militarismus, an Oberbürgermeister – Hauptverwaltung, Abt. für Gewerbewesen [unterzeichnet: Rüthlein], StadtA DA, Straßenbenennu n- gen I (bis 1951) [ehemals 62.32.01]). Es ließen sich zu Robert Schneider, der im Mai 1945 Suizid beging, keine Entnazifizierungsa k- ten recherchieren. Quellen: BArch Berlin, BDC, R 9361-V/10902 HStAD, R 4 Nr. 23086 StadtA DA, ST 61 Schneider, Robert StadtA DA, Straßenbenennungen I (bis 1951) [ehemals 62.32.01] Literatur: Esselborn, Karl: Robert Schneider, 1875 -1945, Mundartdichter. In: Hessische Lebensläufe. Darmstadt 1979, S. 425-428 [Erstveröffentlichung 1926]. Deppert, Fritz: Schneider, Robert. In: Stadtlexikon Darmstadt (2006), S. 798. Kautz, Fred: „Weh der Lüge! Sie befreiet nicht“. Der Umgang mit der NS-Vergangenheit im „Stadtlexi- kon Darmstadt“. Ein deutsches Beispiel. Lich 2008. Schneider, Robert: Kraut un Riewe. Gedichte un Geschichte in Hesse -Darmstädter Mundart. Dar m- stadt ²1951 [Erstveröffentlichung 1939]. Schneider, Robert: Därrobst. Gedichtcher un Geschichtcher in Darmstädter Mundart. Darmstadt 1940. Stromberger, Robert: Aus dem Bub werd nix. Lebenserinnerungen. Darmstadt 2010. 349 Schwippertweg (F 9), benannt 1978 nach Hans Schwippert (1899-1973) Architekt * 25. Juni 1899 in Remscheid 1917 Abitur, Kriegshilfsdienst in der Landwirtschaft 1918 Teilnahme am Ersten Weltkrieg als Soldat 1920-1924 Studium der Architektur an den THs in Hannover, Darmstadt und Stuttgart 1924 Diplomarbeit an der TH Stuttgart bei Paul Schmitthenner; Praktika in Holzwerkstätten und A r- chitekturbüros, etwa in Berlin bei Erich Mendelsohn; Möbelentwürfe und Innenraumgestaltung 1927 erstes Wohnhaus (für Eltern in Duisburg) 1927-1934 Lehrtätigkeit an der Handwerker- und Kunstgewerbeschule in Aachen 1928 Heirat mit Lies Eisinger (Scheidung 1934) 1928-1934 Mitglied des Werkbunds 1930 Katalog „Neuer Hausrat“ Ca. 1931-1943 Aufträge für den Kunst-Dienst Dresden bzw. Berlin 1932-1939 zwölf Einfamilienhäuser, davon allein acht in Aachen 1934 „Über die Wiedervereinigung der Baukunst mit den freien Künsten“ 1934/35 Assistentenstelle für Entwurf- und Zeichenübungen an der TH Aachen Ca. 1934-1945 Mitglied der Reichskammer der bildenden Künste Ca. 1936-1945 Mitglied der Reichsdozentenschaft 1936-1946 Lehrtätigkeit im Bereich Handwerkskunde und Freihandzeichnen an der TH Aachen 1936-1945 Mitglied der NSV 1937 St. Michaels-Altar im Pavillon „Catholique Pontifical“ als Beitrag zur Weltausstellung in Paris 1938 Veröffentlichung „Schwippert Hausrat 1938“ 1938-1942 Mitarbeit an „Deutsche Warenkunde“ 1938-1943 Entwürfe für Behelfsheime mit Möblierungsvarianten 1940 „Gerät und Volk“ (Vortragsmanuskript) 1942 „Von Wohnzeug und Werkzeug“, „Die Bank“, „Der Stuhl“ 1943 Dissertation an der TH Aachen, „Wertware und Werkkunde“ 1943/44 Habilitation an der TH Aachen, „Von Werklehre und Werkerziehung“ 1944/45 Bürgermeister in Aachen (zivile Übergang sregierung); kommissarischer Leiter des Bauamts der Stadt Aachen 1946 kommissarische Leitung der Architekturklasse an der Kunstakademie in Düsseldorf 1946-1961/68 Professur für Werklehre und Wohnbau an der TH Aachen (unterschiedliche Angaben) 1948/49 Bau des ersten Deutschen Bundestags in Bonn 1950 Heirat mit Gerdamaria Terno 350 1950 Gründungsmitglied des Bundes Deutscher Architekten (BDA) 1950-1963 Nach Wiedergründung des Deutschen Werkbunds dessen erster Vorsitzender 1950/51 Bau des Großkraftwerks „Anna“ in Eschweiler 1951/52 Beteiligt an den Darmstädter Gesprächen „Mensch und Technik“ sowie „Mensch und Raum“ 1952 Gründungsmitglied des Rats für Formgebung 1953-1971 verschiedene Kirchbau-Projekte (Wiederaufbau, Ausbau, Neubau), Wohnhäuser und Ve r- waltungsgebäude 1954/55 Wohnhaus für den Generalintendanten Gustav Rudolf Sellner in Darmstadt 1957 Wohnhochhaus im Hansa-Viertel in Berlin (im Zuge der „Interbau“) 1958 Konzeption des deutschen Beitrags „Städtebau und Wohnen“ zur Weltausstellung in Brüssel 1958-1960 Georg-Büchner-Gymnasium in Darmstadt (erster Entwurf bereits 1951) 1959-1966 Direktor der Staatlichen Kunstakademie in Düsseldorf 1960-1968 Wohnhochhäuser für Studenten in Aachen 1967-1973 Geschirr- und Besteckentwürfe für die Firma Carl Pott in Solingen † 18. Oktober 1973 in Düsseldorf Ehrungen: 1935 Ehrenkreuz für Frontkämpfer (verliehen „Im Namen des Führers und Reichskanzlers […] in Eri n- nerung an den Weltkrieg 1914/18“) 1937 Ehrenurkunde [zweithöchste Auszeichnung nach Grand Prix] anlässlich der Weltausst ellung in Paris für „Deutschen St.-Michael-Altar“ (im Pavillon Catholique Pontifical) 1954 Verdienstkreuz des Deutschen Roten Kreuzes 1957 Großer Staatspreis NRW 1959 Großes Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland Mitglied zahlreicher Akademien und ähnlicher Zusammenschlüsse Wirken in der NS-Zeit Hans Schwippert, Architekt und Gestalter, der nach 1945 als Architekt der jungen Bundesr e- publik reüssierte, agierte in der NS -Zeit als Architekt und Hochschullehrer ( nicht zu verwech- seln mit seinem jüngeren B ruder, dem Bildhauer Kurt Schwippert ). Als sein bekanntestes Bauwerk gilt der Deutsche Bundestag in Bonn (1948/49); in Darmstadt war er zu Beginn der 1950er Jahre an den Darmstädter Gesprächen beteiligt und zeichnete unter anderem für den Bau der Georg -Büchner-Schule verantwortlich (1958 -1960). Wenngleich Schwippert weder Mitglied der NSDAP war noch der NS -Ideologie nahegestanden zu haben schien, standen die Veröffentlichungsorgane, in denen er publizierte, spätestens ab 1938 nachweislich im Dienst der NS-Propaganda. Schwipperts Wirken in der NS -Zeit wurde in der Biografie von Agatha Buslei -Wuppermann (Dissertation, veröffentlicht 2007) thematisiert und im Beitrag von Christopher Oestereich (2010 [a]) nochmals ausführlich kritisch diskutiert, wobei hierzu di e unten genannten zentra- 351 len Quellenbestände herangezogen und ausgewertet wurden. Im umfangreichen Katalog zu Hans Schwippert aus dem Jahr 2010 finden sich zudem wichtige Texte Schwipperts kommen- tiert abgedruckt (Oestereich 2010 [b]). Tenor des Forschungsstands zu Schwipperts Wirken in der NS -Zeit ist, dass er weder NSDAP - Mitglied war noch der NS -Ideologie nahe stand, in seinem Schaffen aber zu weitreichenden Kompromissen gegenüber dem NS -Regime bereit war. Agatha Buslei -Wuppermann fasste den von ihr konstatierten „Anpassungswillen“ (S. 94) Schwipperts wie folgt zusammen: „Als Opportunist wusste er sich der jeweiligen Lage anzupassen, so wie es ihm nützlich erschien. Auch stilistisch lehnte er sich vorübergehend an den Repräsentationsstil des ‚Dritten Reiches ‘ an. Es gilt als erwiesen, dass sich seine Auftraggeber im Laufe der NS -Zeit in Stellung und Rang steigerten. Auftraggeber für seine Möbel für Volkswohnungen war kein Geringerer als Heinrich Himmler“ (Bu s- lei-Wuppermann, S. 95). Schwippert lehrte seit 1927 an der Handwerker- und Kunstgewerbeschule in Aachen . Nach deren Schließung im Frühjahr 1934 begleitete er eine Assistentenstelle für Entwurf- und Zei- chenübungen an der TH Aachen , wo er ab 1936 einer Lehrtätigkeit im Bereich Handwerk s- kunde und F reihandzeichnen nachging. Erst 1942 – als er eine Professur vertrat – kam der Anstoß zur Promotion, die er 1943 mit einer Dissertation über „Wertware und Werkkunde“ erfolgreich abschloss. Noch im gleichen Jahr begann er mit der Habilitation, veröffentlicht 1944 unter dem Titel „Von Werklehre und Werkerziehung“. Schwippert war als Lehrender an der TH Aachen Mitglied der Reichsdozentenschaft und als Architekt Mitglied der Reichs- kammer der bildenden Künste . Laut eigener Angaben (nach 1945) war er seit 1936 zudem Mitglied der NSV. Vor 1933 war Schwippert Mitglied des Werkbunds; er trat parteipolitisch nicht in Ersche i- nung, stand betont konservativ-religiösen Kreisen nahe und arbeitete häufiger in kirchlichem Auftrag. Auch nach 1933 schien er sich mit politisch relevanten P rojekten zunächst nicht zu beschäftigen. Christopher Oestereich, der besonders intensiv Quellen zu Schwipperts Wirken in der NS-Zeit analysiert und kontextualisiert hat, kam daher zu dem Schluss: „[…] Schwippert blieb öffentlich vollkommen apolitisch, eine Nähe zu Idee und Politik der Nationalso- zialisten ist nirgendwo nachweisbar“ (Oestereich [a], S. 78). Auffallend erscheint jedoch, dass sich Schwippert – der neben seiner Lehrtätigkeit zwischen 1932 und 1939 ein Dutzend Einfamilienhäuser baute (Werhahn, S. 83, Buslei-Wuppermann, S. 228 f.) – in den Dienst der NS -Propaganda stellte, als Architekt für die Kriegswirtschaft tätig war und auch nicht davor zurückschreckte, in NS -Organen zu publizieren, die offen die rassenideologisch fundamentierte Siedlungspolitik des NS-Regimes propagierten. Wie einige seiner Kollegen aus dem Werkbund (darunter Otto Bartning und Theodor Heuss) arbeitete Schwippert von 1931 bis 1943 regelmäßig für den – der Evangelischen Kirche n a- hen – „Kunst-Dienst“ (KD), der 1928 in Dresden geg ründet worden war (hierzu und zum Fo l- genden ausführlich und differenziert Dieter Kusske). Der KD wurde 1934 in die Reichska m- mer der bildenden Künste eingegliedert und diente als ausführendes Organ der Abteilung „Evangelische Reichsgemeinschaft christlicher Kunst“. Von 1937 an fungierte der KD wieder 352 als selbständiger Verein, allerdings wesentlich im Auftrag des Propagandaministeriums. Die Darstellungen in der Sekundärliteratur hinsichtlich der Rolle des KDs in der NS -Zeit schwan- ken zwischen „Verdrängung und Viktimisierung“ (Kusske, S. 72-102). Spätestens mit der kriti- schen Untersuchung von Hans Prolingheuer (2001), der den KD als „ mit beachtlichen Gel d- mitteln, mit Macht- und Weisungsbefugnis ausgestattetes evangelisches Kunstorgan des NS- Staates“ beschrieb (S. 50), ist die lange vorherrschende und teils weiterhin vertretene De u- tung des KDs als Ort der inneren Emigration für ehemalige Werkbündler (vgl. Droste „Ve r- schworene Gemeinschaft“, S. 128 f.) kritisch zu hinterfragen sowie die Darstellung der Mi t- glieder des KDs als „Opfer“ des NS -Regimes vergleichbar den Juden weitgehend widerlegt (Prolingheuer, S. 259). „Mit Gott und Goebbels für ‚christliche Kunst‘ !“ – so ließe sich Pr o- lingheuers Einschätzung des KDs in der NS -Zeit zugespitzt und in dessen Worten zusamm en- fassen (S. 11). Im Auftrag des KDs und des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda war Schwippert für verschiedene Ausstellungen mit verantwortlich. So gestaltete Schwippert den Entwurf für Kapelle und Altar des deutschen Beitrags zum „ Catholique Pontifical “ auf der Weltausstellung in Paris 1937 (der Vatikan hatte ausgewählten Ländern die Gestaltung von Altären ermöglicht; an der Ausführung des deutschen Beitrags waren – dem Konzept der Werkgemeinschaft folgend – weitere Künstler beteiligt, Kusske, S. 266). 1939 war er an der Ausstellung „Hausrat und Leben“ in Antwerpen beteiligt (Oestereich [a], S. 80). Die Ausste l- lungsbeteiligungen erfolgten ehrenamtlich (!). Des Weiteren verfasste Schwippert Beiträge für die vom KD organisierte „Deutsche W arenkunde“, einer Enzyklopädie von qualitativ hochwertigen deutschen Gebrauchsgütern, in Anlehnung an das vom Werkbund 1915 e r- stellte „Warenbuch“. Seit Ende 1937 war Schwippert Mitarbeiter der „Deutschen Ware n- kunde“; er wirkte 1937 -1939 im Auftrag des Prop aganda-Ministeriums als Bearbeiter ve r- schiedener Warengruppen. Schwippert veröffentlichte seit 1934 Beiträge in NS -Publikationsorganen. Sein „Plädoyer für eine Neuorientierung gestalterischer Arbeit im Sinne einer Integration aller Künste“ (Oest e- reich [a], S. 80) – eigentlich eine klassische Werkbund -Idee – erschien 1934 unter dem Titel „Über die Wiedervereinigung der Baukunst mit den freien Künsten“ (Oestereich [b], S. 525- 528) in der Zeitschrift „Volk im Werden“, die sich der Verbreitung originär national sozialisti- schen Gedankenguts verschrieben hatte. Der Beitrag war Teil einer Sonderveröffentlichung des KDs zum „kommenden Neubau der Nation“, wie es einleitend hieß, und nimmt im G e- samtwerk eine Ausnahmestellung ein, da er auf den politischen Kontext dezid iert Bezug nahm: „Dies ist die Hoffnung einer neuen Zeit, daß sie solche Haltung wahrmache. Wie mag sich das braune SA.-Gewand vor imitierten Seidentapeten und zwischen Plüschmöbeln und neben jenen ungeheuerl i- chen Sammlungen von Kitsch, früheren Reiseanden ken oder heutigem angeblichem Kunstgewerbe ausmachen? Man sollte nicht einige Stunden marschieren und Kameradschaft üben, um wie nach einem anstrengenden Ausfluge in ein ganz anderes Land, nachher wieder in falsche Ansprüche und in den aufgelegten Schwinde l vollgestopfter und angeblich gemütlicher Häuser und Wohnungen zum Ausruhen zurückzukehren“ (zitiert nach Abdruck, Oestereich [b], S. 527). 353 Bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs beweg ten sich Schwipperts Veröffentlichungen hauptsächlich um das Thema „Gesamtkunstwerk Bau“ und erschienen auch in Zeitschriften, die im Laufe der NS -Zeit verboten wurden (etwa in „Kunst und Nation“). Während des Zwe i- ten Weltkriegs veröffentlichte er nur mehr in Publikationsorganen, die zu der Zeit als Sprac h- rohre der nationalsoz ialistischen Ideologie dienten, etwa in der Zeitschrift „Neues Bauer n- tum“ („fachwissenschaftliche Zeitschrift fü r das ländliche Siedlungswesen“) bzw. in deren Beilage „Der Landbaumeister“, wobei der Veröffentlichungskontext sich nur bedingt in der inhaltlichen Ausrichtung der Texte widerspiegelte: „Schwipperts Publikationstätigkeit in den Kriegsjahren beschränkt sich vollkommen auf Schriften, die im Auftrag oder im Dienst der nationalsozialistischen Rasse - und Vernichtungspolitik erscheinen. Seine Schriften selbst weisen demgegenüber keine auch noch so kleine Andeutung auf, ihr Autor hätte sich der nationalsozialistischen Ideologie angenähert. Weder im Duktus noch im Inhalt weicht er von seinen früheren Positionen ab“ (Oestereich [b], S. 523). In der Beilage „Der Landbaumeister“ erschien 1942 eine Reihe mit Aufsätzen von Schwippert unter dem Titel „Wohnzeug und Werkzeug“, gedacht als „Aufbau einer bäuerlichen Gerät e- kunde“, darunter die Beiträge „Bank“ und „Stuhl“ (hierzu und zum Folgenden Oestereich [b], S. 534-538; Varianten der genannten Beiträge nahm Schwippert in seine Habilitation auf). Im folgenden Jahr erschienen unter seinem Namen zwei Mappenwerke mit Konstruktionszeic h- nungen zu einfachen Möbeln (zur „Herstellung von Primitivmöbeln und Notgeräten der S ied- lerselbsthilfe“): „Ländliche Möbel in einfacher Herstellung“ sowie „Behelfsmöbel in Selbstherstellung“ – beide herausgegeben vom „Reichskommissar für die Festigung deu t- schen Volkstums“, Heinrich Himmler. Einer der Chefplaner der NS -Siedlungspolitik war SS- Oberführer Prof. Konrad Meyer -Hetling, seines Zeichens Herausgeber der Zeitschrift „Neues Bauerntum“. Christopher Oestereich hob diesen Kontext in seiner Beurteilung von Schwi p- perts Wirken in der NS -Zeit hervor (nach dem Verweis auf weitere ehemalige Mi tglieder des Werkbunds in Diensten des NS -Regimes, hinsichtlich der Siedlungspolitik vor allem bezogen auf die Kriegszeit): „Die nationalsozialistische Siedlungsp olitik ist ebenso wenig unpolitisch wie Industriebau oder Wi e- deraufbau; ihr Charakter ist jedo ch vielmehr verbrecherisch per se. Ihre Voraussetzungen – Vertrei- bung und Mord – gehören ebenso zu der deutschen Politik im Krieg wie sie eine Funktion im gesa m- ten großen Plan des Völkermordens besitzt. Dies ist der Hintergrund, vor dem Schwippert im Auftr ag der SS Möbelentwürfe für den Bedarf ländlicher Siedler veröffentlicht“ (Oestereich [b], S. 523 f.). Der Beginn des Kriegs 1939 beeinträchtigte Schwipperts berufliche Tätigkeit erheblich. Seine Lehrtätigkeit wurde stark eingeschränkt; private Bauaufträge , die er wie erwähnt bis 1939 ausführte, stellten keine Einnahmequelle mehr dar. „Von Herbst 1939 bis zum Frühjahr 1940 war Hans Schwippert neben seiner Arbeit an der TH vor allem mit Auslandspropaganda b e- schäftigt“, resümierte Oestereich ([a], S. 82; auch zum Folgenden). Als Referent und Berater war er für das „Deutsche Frauenwerk“ und für das BDM -Werk „Glanz und Schönheit“ tätig. Im Mai 1940 bot er sich dem Luftwaffenführungsstab in Berlin an („Wehrbetreuung“ bei der Truppe). Schwippert war aber auch weit er als Architekt tätig: Er plante um 1943/44 Notu n- terkünfte für die Montanblock-Baustab GmbH der „Reichswerke Hermann Göring“ und 1944 354 für die Rüstungsindustrie. Im Frühjahr 1944 wurde Schwippert mit der Bauleitung im Zuge der Verlegung der Veltrup-Werke von Aachen und Werl in Tunnel nahe der belgischen Gre n- ze betraut (Bauvorhaben „Steinershall Dompfaff 209“); das Unternehmen Veltrup spielte eine zentrale Rolle bei Entwicklung und Produktion von Jagdflugzeugen. Der Einsatz Dutze n- der sogenannter „Ostarbeiter “ lag laut einer Notiz von Schwippert vom Juli 1944 nicht in seiner Verantwortung; durchgeführt wurde die Maßnahme von der OT-Einsatzgruppe Ruhr. Schwippert nutzte seine unterschiedlichen Betätigungsfelder, um nicht in den Kriegsdienst als Soldat eingezogen zu werden. Anfangs schützte ihn sein Einsatz als Frontkämpfer im Er s- ten Weltkrieg, für den er 1935 noch ausgezeichnet worden war (Buslei -Wuppermann, S. 26). Ab 1940 ließ er sich vom KD und von der „Deutschen Warenkunde“ in mehreren Schreiben bestätigen, dass er als Mitarbeiter unabkömmlich sei (Breuer, S. 243, Werhahn, S. 320; vgl. zu Schreiben seitens der TH Aachen Buslei -Wuppermann, S. 26). In einem im Universitätsa r- chiv der RWTH Aachen tradierten Schreiben aus dem Jahr 1943 hieß es: „[…] laut vorliegen der Belege ist Dipl. -Ing. Schwippert durch den Reichskommissar für die Festigung des Deutschen Volkstums und durch den Reichsführer SS und Chef der Deutschen Polizei mit Sonde r- aufgaben betraut“ (05.05.1943, Schreiben der TH Aachen an das Wehrdienstkommando Aachen, zitiert nach Buslei-Wuppermann, S. 95). Schwippert wurde demnach – wenn er in Aachen weilte – zum Werkluftschutzdienst der Hochschule herangezogen; der Einberufung zur „Heimatflak“, die Ende April 1943 vorlag, konnte er aufgrund des Schreibens hingegen entgehen. Nach dem Ende der NS -Herrschaft im Raum Aachen war er von November 1944 bis März 1945 Bürgermeister und bekleidete das Amt des kommissarischen Leiters des Bauamts der Stadt Aachen. Er wurde ins Oberpr ä- sidium berufen und übernahm bis Novembe r 1946 die Abteilung Bauwesen, aus der das Wiederaufbauministerium des Landes NRW hervorgehen sollte (Buslei -Wuppermann, S. 27). Im Juni 1946 zog er nach Düsseldorf, behielt aber eine kleine Wohnung in Aachen, wo er bereits im April 1946 zum Ordentlichen Professor an der RWTH ernannt worden war. Schwipperts nach außen vertretene Selbstwahrnehmung seiner Rolle in der NS -Zeit deutete sich in einem Vortrag an, den er 1964 anlässlich einer Ausstellungseröffnung hielt: „Ich gedenke der Zeit, da ein verschworener Trupp, im Kunstdienst Berlin getarnt, gemeinsam die 1000 Jahre durchschritt“ (zitiert nach Oestereich [a], S. 78). Zu Lebzeiten Schwipperts fand keine kritische Aufarbeitung der Rolle des KDs in der NS -Zeit statt. Schwippert selbst äußer te sich öffentlich nicht zu seiner persönlichen Verstrickung mit dem NS-Regime in der oben genannten Form (zu Äußerungen, in denen sich Schwippert als Vorsitzender des wieder gegründeten Werkbunds für die Übernahme kollektiver Verantwo r- tung allgemein einsetzte, vgl. Oestere ich [a], S. 84). Christopher Oestereich beschrieb das „System der informell verschworenen Mitläufer“, das nahezu die gesamte technische Elite der Architekten umfasste, um mit Blick auf Schwippert zu folgendem Schluss zu gelangen: „Hans Schwippert zeigte eb enfalls das typische Verhaltensmuster des oberflächlich unbela s- teten, doch durchaus nicht gänzlich unbeteiligten vormaligen NS -Volksgenossen. Er bekan n- 355 te sich nie zu seinen Tätigkeiten für die SS oder für die Rüstungsproduktion. Seine Publikat i- onen waren nicht zu leugnen; die Organe, in denen sie erschienen waren, jedoch mit Beilä u- figkeit zu verschleiern“ (Oestereich [a], S. 84). Auf Anfrage ließen sich im LAV NRW keine Entnazifizierungsakten recherchieren; im unten genannten Bestand fanden sich aber Unterl agen zu seinem Entnazifizierungsverfahren. Er gab in seinem Meldebogen zu Protokoll, „in künstlerischer Tätigkeit beschränkt gewesen zu sein“ (zitiert nach Buslei -Wuppermann, S. 28); für seine politische Integrität konnte er mit Mies van der Rohe (Chicago) und August Hoff (Köln) glaubwürdige Zeugen benennen. Quellen: Deutsches Kunstarchiv Nürnberg (im Germanischen Nationalmuseum), Nachlass Hans Schwippert [Bestand noch unverzeichnet] LAV NRW R, NW 355 Nr. 275 [alte Signatur: Hauptstaatsarchiv NRW Düsseldorf, NW 355 Nr. 275] UA RWTH Aachen, PA 5748 Literatur: Breuer, Gerda/Mingels, Pia/Oestereich, Christopher (Hrsg.): Hans Schwippert 1899-1973. Moderation des Wiederaufbaus. Berlin 2010. Buslei-Wuppermann, Agatha: Hans Schwippert 1899-1973. Von der Werkkunst zum Design. München 2007 [Dissertation]. Droste, Magdalena: Der Kunst Dienst. Kunsthandwerk und Design zwischen Kirche und NS -Staat. In: Die nützliche Moderne. Graphik & Produ kt-Design in Deutschland 1935 -1955. Münster 2000, S. 116- 130. Kusske, Dieter: Zwischen Kunst, Kult und Kollabora tion. Der deutsche kirchennahe „Kunst -Dienst“ 1928 bis 1945 im Kontext. Bremen 2013. Oestereich, Christopher [a]: „Die 1000 Jahre durchstehen“? Hans Schwippert im Dritten Reich. In: Breuer, Gerda (Hrsg.): Hans Schwippert 1899 -1973. Moderation des Wieder aufbaus. Berlin 2010, S. 76-86. Oestereich, Christopher [b]: Schriften und Äußerungen 1928-1973. Eine Anthologie. In: Breuer, Gerda (Hrsg.): Hans Schwippert 1899-1973. Moderation des Wiederaufbaus. Berlin 2010, S. 480-679. Prolingheuer, Hans: Hitlers fromme Bilderstürmer. Kirche und Kunst unterm Hakenkreuz. Köln 2001. Werhahn, Charlotte M. E.: Hans Schwippert (1899 -1973). Architekt, Pädagoge und Vertreter der Werkbundidee in der Zeit des deutschen Wiederaufbaus . München 1987 [Dissertation]. 356 Elisabeth-Selbert-Straße (G 9), benannt 1989 nach Elisabeth Selbert (1896-1986) Politikerin und Juristin * 22. September 1896 in Kassel (geb. Rhode) 1903-1907 Besuch der Volksschule 1907-1912 Besuch der Amalienschule (Mädchen-Mittelschule) 1912-1913 Besuch der Gewerbe- und Handelsschule des Frauenbildungsvereins Kassel 1913-1914 Auslandskorrespondentin einer Kasseler Import- und Exportfirma 1916-1921 Postbeamtenanwärterin bzw. Postbeamtin im Telegraphendienst der Reichspost 1918 Eintritt in die SPD 1918-1933 Mitglied des Bezirksvorstands der SPD in Kassel 1919-1925 Mitglied des Gemeindeparlaments in ihrem Wohnort Niederzwehren bei Kassel 1919 Beginn des Engagements für politische Bildung von Frauen und für Gleichberechtigung (Vortr ä- ge, Veröffentlichungen) 1920 Heirat mit Adam Selbert (zwei Kinder) 1920 aktive Teilnahme an der Reichsfrauenkonferenz in Kassel (als Delegierte der SPD) 1924 Delegierte der SPD-Frauenkonferenz in Berlin 1925 (externes) Abitur an der Kasseler Luisenschule 1926-1929 Studium der Rechts - und Staatswissenschaften an den Universitäten in Marburg (als ei n- zige Frau) und in Göttingen (als eine von fünf Frauen) 1930 Promotion in Göttingen, „Ehezerrüttung als Scheidungsgrund“ 1933 Reichstags-Kandidatur für hessische SPD auf Landesliste 1933 Erwirken der Freilassung ihres Mannes aus dem KZ Breitenau 1934 Zweites Staatsexamen in Berlin; gegen NS-Widerstand Zulassung zur Anwaltschaft 1934 Übernahme der Kanzlei zweier jüdischer Rechtsanwälte in Kassel; bis 1945 für den Unterhalt der Familie maßgeblich verantwortlich 1934[36]-1945 Mitglied des NSRB 1938-1945 Mitglied der NSV 1938-1945 Mitglied des RLB 1943 Zerstörung der Kanzlei bei Bombenangriff auf Kassel 1944 Umzug in ein Hotel nach Melsungen 1945 Wiederöffnung der Kanzlei (nun auch Zulassung als Notarin); politisch zunächst im „Überparte i- lichen Ausschuß“ der Stadt Kassel aktiv 1945-1953 Mitglied im Bezirks- und Parteivorstand der SPD Hessen-Nord 1946-1952 Stadtverordnete in Kassel 1946-1958 Mitglied des Hessischen Landtags 357 1948/49 Mitglied im Parlamentarischen Rat (Ausarbeitung des Grundgesetzes der künftigen BRD) 1949 Kandidatur für Sitz im ersten Deutschen Bundestag (scheiterte knapp) 1958-1981 Tätigkeiten als Rechtsanwältin † 9. Juni 1986 in Kassel Ehrungen: 1956 Großes Bundesverdienstkreuz 1969 Wappenring der Stadt Kassel 1978 Wilhelm-Leuschner-Medaille seit 1983 Elisabeth-Selbert-Preis der hessischen Landesregierung für wissenschaftliche und journali s- tische Arbeit im Geiste der Gleichstellung von Mann und Frau 1984 Ehrenbürgerin der Stadt Kassel Zahlreiche Straßen und Schulen in Deutschland tragen ihren Namen Wirken in der NS-Zeit Elisabeth Selbert, Juristin und Politikerin, bekannt als eine der vier „Mütter des Grundgese t- zes“ und als „Anwältin der Gleichberechtigung“, war während der NS-Zeit als Rechtsanwältin in Kassel tätig. Das Wirken von Elisabeth Selbert in der NS -Zeit wurde in der unten stehenden Literatur b e- reits eingehend thematisiert, zentrale Quellenbestände – wie etwa Selberts Nachlass im A r- chiv der deutschen Frauenbeweg ung sowie Interviews nach 1945 – wurden von den Aut o- rinnen ausgewertet. Selberts eigenen Angaben im Meldebogen des Entnazifizierungsverfahrens folgend (HHStAW; Angaben decken sich weitgehend mit jenen aus anderen Quellen, auf die bereits in der Literatur B ezug genommen wurde) war Selbert als Rechtsanwältin ungefähr seit 1934 Mitglied des NSRB [wobei der NS Rechtswahrerbund erst 1936 aus dem „Bund Nationals o- zialistischer Deutscher Juristen“ hervorging]. Selbert war demnach seit 1938 Mitglied der NSV und des RLB sowie seit 1940 Mitglied des Deutschen Frauenwerks. Selberts Mann, Adam Selbert, wurde 1933 als stellvertretender Bürgermeister von Niede r- zwehren bei Kassel (dem Wohnort der Familie Selbert) entlassen und im Sommer des gle i- chen Jahres als „Staatsfeind“ (er galt als „Roter“) einen Monat im KZ Breitenau in „Schut z- haft“ festgehalten (Drummer/Zwilling 1999, S. 48; Notz verortete ihn fälschlicherweise „ein i- ge Monate im KZ in Weidenau“). Elisabeth Selbert erwirkte mit „juristischen Argumenten“ (Drummer/Zwilling 2010) seine Freilassung; Adam Selbert stand während der NS -Zeit unter Aufsicht der Gestapo. 1934 legte Elisabeth Selbert in Berlin das zweite juristische Staatsexamen ab (laut Dru m- mer/Zwilling im Oktober, laut Notz im Frühjahr) und beantragte nach besta ndener Prüfung ihre Zulassung als Rechtsanwältin. Zu der Zeit war bereits abzusehen, dass Frauen generell von Berufen in der Justiz ausgeschlossen werden sollten. Im Juli 1934 trat eine neue Justi z- 358 ausbildungsverordnung in Kraft, im Dezember 1934 das Gesetz zur Änderung der Rechtsa n- waltsordnung, woraufhin Frauen als Anwälte nicht mehr zugelassen wurden (1935 wurden nur mehr Anträge männlicher Bewerber positiv beschieden). Dennoch erhielt Selbert am 15.12.1934 die Zulassung zur Anwaltschaft – gegen den Willen des Präsidenten des Reich s- justizprüfungsamts, der Rechtsanwaltskammer sowie des Gauleiters (hierzu und zum Fo l- gende Drummer/Zwilling 1999, S. 51, Notz, S. 84 f.). Der Präsident des Oberlandesgerichts befand sich auf Dienstreise; zwei ältere Richter des Kasseler Oberlandesgerichts, die Selberts Vater als Justizbeamten und wohl auch sie selbst gut kannten, händigten ihr in Vertretung ihre Zulassung aus. Da Adam Selbert während der NS -Zeit ohne großen Verdienst blieb (er war 1933/34 in den Ruhestand versetzt worden, erhielt nur eine kleine Rente und arbeitete zeitweise in der Kanzlei seiner Frau), zeichnete Elisabeth Selbert bis 1945 maßgeblich für das Familieneinkommen verantwortlich. Im Dezember 1934 bezog Selbert eine Kanzlei in guter Lage. Die Sozietät hat te zuvor zwei jüdischen Rechtsanwälten gehört, die sich zur Emigration gezwungen sahen. Laut Gisela Notz, die sich auf Aussagen Selberts stützte, hatte Selbert den Voreigentümern die Einric h- tungsgegenstände ordnungsgemäß bezahlt, „[d]ie Praxisübernahme hat sie korrekt abgew i- ckelt und sich auch nicht finanziell bereichert“ (Notz, S. 86). Allerdings profitierte Selbert von der Emigration der jüdischen Kollegen, worauf Heike Drummer und Jutta Zwilling in ihrer Einschätzung verwiesen: „Elisabeth Selbert vereinf acht im Rückblick ihre Darstellung, indem sie lediglich die für Geld erwo r- benen Einrichtungsgüter und Bücher aus jüdischem Besitz erwähnt. Denn realiter übernimmt sie 1934 die komplette Sozietät von Karl Elias und Leon Roßmann am Königsplatz 42. […] Trotz ihrer gro- ßen Abscheu gegen Ausgrenzung und Antisemitismus profitiert Elisabeth Selbert von der Verjagung ihrer Kollegen und hat als berufsunerfahrene Anwältin einen ausnehmend günstigen Karrierestart“ (Drummer/Zwilling 1999, S. 52 f.). In der Zeit nach 194 5 setzte sich Selbert in der Debatte um das „Treuhändergesetz“ im He s- sischen Landtag für diejenigen ein, die „jüdisches Vermögen gutgläubig und loyal erworben“ hatten. Andererseits verwies sie wiederholt auf die unrühmliche Rolle der Justiz im „Dritten Reich“ und setzte sich dafür ein, dass die (wenigen) zurückgekehrten Juden rasch und unb ü- rokratisch staatliche Hilfen erhielten (Drummer/Zwilling, S. 53 f., Zitat S. 53). In der Folge florierte die Kanzlei. In Interviews nach 1945 erinnerte sich Elisabeth Sel bert vornehmlich an Wirtschaftsstraf - und Familienrechtssachen (vgl. Böttger, S. 142 f.). Von g e- nuin politischen Verfahren (wie Hochverratsprozessen) blieb sie ob ihrer politischen Vorg e- schichte ausgeschlossen. Drummer/Zwilling beschrieben Selberts Wirken als Anwältin in der NS-Zeit dennoch treffend als „Gratwanderung“: Auch familienrechtliche Themen mussten unter den Vorgaben des NS -Regimes verhandelt werden; der ideologische Einfluss machte selbst vor dem Ehe - und Scheidungsrecht nicht halt – auch wenn Se lbert in der Rückschau die Auffassung vertrat, dass Hitler bis 1938 „die Justiz noch nicht erobert“ gehabt habe (Zitat Selbert nach Dertinger, S. 18). Ihren eigenen Aussagen folgend versuchte Selbert gemeinsam mit einigen Kollegen Widerstand gegen das NS -Regime zu leisten, insofern das möglich war. So erreichten sie etwa geringe Strafen, wo Freisprüche möglich erschienen wären – um Ge- 359 nossen durch Gefängnisstrafen vor dem befürchteten Zugriff der Gestapo zu bewahren ( In- terview Selbert, siehe Böttger, S. 142). Eine ähnliche „Gratwanderung“ erforderte ihre Anwaltstätigkeit in jüdischen Angelegenhe i- ten (Beurkundungen, Kaufverträge etc.), die sie ihrer Erinnerung folgend emotional stark belasteten. Unfreiwillig wurde Selbert zur „Mitseherin, Mithörerin und Mitwis serin des ve r- brecherischen Handelns während der NS -Zeit“ (Drummer/Zwilling, S. 56). In der Rückschau verwies Selbert wiederholt darauf, dass sie für die Versorgung ihrer Familie verantwortlich war und sich entsprechend zu Vorsicht gezwungen sah: „Aber ich musste natürlich eine gewisse Vorsicht walten lassen, weil ich der Ernährer der Familie war und keinesfalls die Existenz aufs Spiel setzen konnte. Aber ich habe keinerlei Kotau gemacht, ich bin gelegentlich auch wegen des Hitlergrußes, den ich ablehnte , vor den Präsidenten zitiert worden“ (Interview Selbert, siehe Böttger, S. 142). 1938 trat Selbert (wohl auf Anraten von Freunden) der NSV bei, um nicht weiter aufzufallen. Zwischen Juli 1940 und Oktober 1943 vertrat sie als Anwältin mehrere Kasseler Kollegen (da- runter auch Georg August Zinn), die in den Kriegsdienst eingezogen worden waren. Ein z u- sätzliches Einkommen resultierend aus der zusätzlichen Arbeit ließ sich nicht ermitteln. Für das Jahr 1943 nannte sie rund 13.000 RM als Jahreseinkommen (HHStAW). Be im verheeren- den Bombenangriff auf Kassel im Oktober 1943 wurde ihre Kanzlei vollkommen zerstört. Selbert arbeitete fortan viel in ihrer Wohnung; die (Arbeits -)Situation war offensichtlich zeitweise chaotisch. Als sich die Lage 1944 gefühlt weiter verschlec hterte, entschloss sich das Ehepaar Selbert (beide Söhne waren an der Front) vorübergehend im nahe gelegenen Melsungen, im Hotel „Lindenlust“, Unterschlupf zu finden. In Melsungen erlebte Elisabeth Selbert dann auch das Kriegsende. In der Nachkriegszeit ar beitete Selbert als Juristin und Politikerin. Sie war an der Neugrü n- dung der SPD in Kassel führend beteiligt, übernahm politische Verantwortung in der Stadt - und Landespolitik und ist heute bekannt als eine der „Mütter des Grundgesetzes“, wobei sie sich vo r allem erfolgreich für die Aufnahme der Gleichberechtigung in die Verfassung ei n- setzte. Im Zuge ihres Entnazifizierungsverfahrens 1946 wurde Elisabeth Selbert als „NB“ [Nicht b e- troffen] eingestuft, was ihrer Selbsteinschätzung entsprach (HHStAW). Quellen: HHStAW, Abt. 520/Darmstadt-Stadt, NB S II, Nr. 700 (nur Meldebogen) Stiftung Archiv der deutschen Frauenbewegung Kassel, Bestand NLP11-ES [nicht eingesehen] Literatur: Böttger, Barbara: Das Recht auf Gleichheit und Differenz. Elisabeth Selbert und der Kampf der Frauen um Art. 3 II Grundgesetz. Münster 1990. Dertinger, Antje [Bevollmächtigte der Hessischen Landesregierung für Frauenangelegenheiten]: El i- sabeth Selbert. Eine Kurzbiographie. Wiesbaden 1986. 360 Drummer, Heike/Zwilling, Jutta (1999): Elisabeth Selb ert. Eine Biographie. In: Hessische Landesregie- rung (Hrsg.): „Ein Glücksfall für die Demokratie“. Elisabeth Selbert (1896 -1986). Die große A nwältin der Gleichberechtigung. Frankfurt am Main 1999, S. 9-160. Drummer, Heike/Zwilling, Jutta (2010): Selbert, ge borene Rhode, Martha Elisabeth. I n: NDB 24 (2010), S. 210 f. Hessische Landesregierung (Hrsg.): „Ein Glücksfall für die Demokratie“. Elisabeth Selbert (1896-1986). Die große Anwältin der Gleichberechtigung. Frankfurt am Main 1999. Notz, Gisela: Dr. Elisabeth Selbert. In: Dies.: Frauen in der Mannschaft. Sozialdemokratinnen im Pa r- lamentarischen Rat und im Deutschen Bundestag 1948/49 bis 1957. Bonn 2003, S. 80-110. Selbert, Elisabeth: Rede zur Gleichstellung von Mann und Frau (1949). In: Rathgeb, Eberhard: Di e engagierte Nation. Deutsche Debatten 1945-2005. München 2005, S. 57-61. 361 Henriette-Sennhenn-Straße (D 7), benannt 2002 nach Henriette Sennhenn (1919-1996) Ärztin * 25. März 1919 in Grevenbroich 1927-1938 wohnhaft in Gürzenich-Düren 1933-1938 Mitglied des BDM (Nr. 1468293, JM-Führerin) 1938 Abitur am Gymnasium in Düren 1938 knapp halbjähriger Dienst beim RAD 1938-1943 Studium der Medizin an der Universität Köln (wohnhaft in Gürzenich und Köln) 1941-1945 Mitglied der NSDAP (Mitglieds-Nr. 8310819) 1943 Promotion in Medizin an der Universität Köln, „Zur Spaltung von Peptiden durch menschliche Serumenzyme“ 1943 Übersiedelung als Hilfskassenärztin nach Darmstadt-Arheilgen, wo sie bis zu ihrem Tod lebte 1943-1949 zunächst Assistentin, dann Teilhaberin in der Pra xis von Dr. Emil Voltz in Darmstadt - Arheilgen Nach 1949 eigene Praxis in Darmstadt-Arheilgen als Allgemeinmedizinerin 1989 Mitgründerin und Vorstand (bis zu ihrem Tod) des Vereins „Sag ja zum Kind e. V.“ in Darmstadt † 27. Dezember 1996 in Darmstadt Ehrungen: 1981 Bundesverdienstkreuz am Bande Wirken in der NS-Zeit Henriette Sennhenn, die 1943 als junge Hilfsärztin nach Darmstadt -Arheilgen kam, dort über Jahrzehnte als Allgemeinmedizinerin praktizierte und unter anderem beim DRK -Blutspende- dienst aktiv war, stammte ursprünglich aus dem Rheinland, wo sie die NS -Zeit als Schülerin und Studentin erlebte. Seit 1941 war sie Mitglied der NSDAP. „Die Ärztin, die auf Grund ihres Geburtsjahrganges 1919 zu den Jugendlichen zählt, wurde im Jahre 1943 als Hilfskassenärz tin in Darmstadt-Arheilgen dienstverpflichtet und wie alle im Krieg notdiens t- verpflichteten Ärzte nach einer Anordnung der Regierung des damaligen Landes Hessen am 30.9.1945 entpflichtet. Sie ist bis 30.9.1946 als Assistentin dem Dr. med. Voltz in Arheilge n zugeteilt, und muß ab 1.10.1946 ihre ärztliche Ausbildung vervollständigen. Für eine eigene Arztstelle kommt sie, da in Hessen nicht beheimatet, sondern in die britische Besatzungszone gehörend, vorerst nicht in Betracht. Vor 1943 war sie in ihrer Heimat Düren/Rheinland, sodaß über ihre politische Tätigkeit vor 1943 bei uns nichts bekannt ist. Auch aus der Zeit ab 1943 sind keine Unterlagen über eine akt i- vistische Betätigung im Sinne der NSDAP bei mir bekannt“ (26.09.1946, Vorsitzender der Ärzteschaft für den Regierungsbezirk Darmstadt, Dr. [Richard] Hammer [!]). Bis 1938 besuchte Henriette Sennhenn das Gymnasium in Düren, das sie mit dem Abitur abschloss. Zum Studium zog es sie an die Universität Köln; sie blieb aber zunächst in ihrem 362 Wohnort Gürzenich (h eute Stadtteil von Düren, rund 35 Kilometer östlich von Aachen) g e- meldet. In Köln studierte sie zehn Semester Medizin (Physikum 1940, UA Köln) und beendete ihr Studium 1943 mit einer Dissertation „Zur Spaltung von Peptiden durch menschliche Se - rumenzyme“ (veröffentlicht in: Zeitschrift für die gesamte experimentelle Medizin 109 [1943], S. 742-749). Sennhenn war Mitglied des BDM (Nr. 1468293 ); laut Eintrag auf ihrer Matrikelkarteikarte seit 01.11.1933 (UA Köln), laut eigener Angaben im Zuge ihres Entnazifizi erungsverfahrens war sie im „Jungmädelbund“ 1934-1938 als „JM-Führerin“ (HHStAW). Anfang 1941 beantrag- te Sennhenn eine Mitgliedschaft in der NSDAP, seit 01.04.1941 wurde sie als Mitglied der NSDAP-Ortsgruppe Birgel (einer Nachbargemeinde von ihrem Wohnort Gürzenich) geführt (Mitglieds-Nr. 8310819, BArch Berlin, BDC, NSDAP-Mitgliedskartei). Nach ihrer Promotion 1943 gelangte Sennhenn, wie oben in der angefragten Stellungnahme von Richard Hammer zu lesen, als notdienstverpflichtete Hilfskassenärztin nach Darm stadt- Arheilgen, wo sie – zunächst als Assistentin, später als Teilhaberin – in der Praxis von Emil Voltz arbeitete, die sie nach dessen Tod 1949 übernahm (StadtA DA, ST 61, Voltz, Emil). Ihr Jahresverdienst 1943 -1945 betrug 3.900 RM (HHStAW). Ab November 1944 war auch ihre Mutter Amalie in Darmstadt-Arheilgen gemeldet (unter anderer Adresse, laut Meldeangaben verwitwet, HStAD, H 3 Nr. 44192). Im Zuge ihres Entnazifizierungsverfahrens stufte sich Henriette Sennhenn selbst zunächst als „Mitläuferin“ ein, mit folgender Begründung : „Zwang zur Mitgliedschaft durch Schule und später Universität“ (20.04.1946, Meldebogen, HHStAW). Im August berief sie sich – schließ- lich erfolgreich – auf das in der Presse angekündigte „Amnestie -Gesetz für die Jugend“ (Schreiben vom 10.08.1946): Am 21.10.1946 wurde ihr Verfahren mit Verweis auf die „A m- nestie-Verordnung für Jugendliche vom 19.9.1946“ eingestellt (Stichtag für das Gesetz war der 01.01.1919). Im Vordruck der Spruchkammer Darmstadt war zu lesen: „Die Beweisau f- nahme hat wesentlich Nachteiliges für die Gesamthaltung der Betroffenen nicht ergeben.“ Quellen: BArch Berlin, BDC, NSDAP-Mitgliedskartei HHStAW, Abt. 520/Darmstadt-Zentral, Nr. 510366 HStAD, H 3 Nr. 44192 StadtA DA, ST 61 Sennhenn, Dr. Henriette StadtA DA, ST 61, Voltz, Emil UA Köln, Bestand Zugang 489/8 [Matrikelkartei II 1935-1945] Literatur: --- 363 Georg-Spengler-Straße (E 8), benannt 1953 nach Georg Spengler (1884-1940) Darmstädter SPD-Politiker * 16. April 1886 in Arheilgen 1920-1933 Vorsitzender der SPD-Arheilgen 1922 Tod seines Vaters Philipp Spengler (Gründungsmitglied der SPD-Arheilgen) 1922-1933 Beigeordneter der Gemeinde (Darmstadt-)Arheilgen 1923 einer der 28 Verhafteten aus Arheilgen im Zuge der „Rhei nischen Republik“ war „Reichsbahn- bediensteter Georg Spengler, Vorsitzender der SPD und der SPD-Gemeinderatsfraktion“ 1930 Wiederwahl zum Beigeordneten in Arheilgen (Gegenkandidat: Kommunist) 1932 Aufruf zur Gründung der „Eisernen Front“ Arheilgen 1933 Entlassung als Beigeordneter durch NSDAP -Ortsgruppenleiter; Niederlegen des Mandats als Gemeinderatsmitglied † 5. Mai 1940 in Darmstadt-Arheilgen Ehrungen: --- Wirken in der NS-Zeit Georg Spengler, Schlosser und Lokalpolitiker für die SPD in Arheilgen, sah sich im Mai 1933 zur Aufgabe seiner politischen Aktivität gezwungen. Über Georg Spenglers Wirken in der NS -Zeit ließen sich nur wenige Informationen ermitteln. Als zentrale Literatur erwies sich die Jubiläumsschrift „ 1878-1978. 100 Jahre Sozialdemokr a- tie in Arheilgen “ von Georg Mampel aus dem Jahr 1986, in der sic h Spenglers politisches Wirken dokumentiert findet – und daher nur wenig Biografisches für die Zeit nach 1933. Bis 1933 war Spengler in führender Funktion für die SPD in der Lokalpolitik tätig, seit 1922 als Beigeordneter in Arheilgen. In einem Rundschreib en Anfang 1932 hatte er seine Reich s- bannerkammeraden zur Gründung der Eisernen Front in Arheilgen auf gerufen („Wir müssen der Stoßtrupp in der [Eisernen] Front sein!“ , 10.01.1932, siehe Mampel, S. 186 f.). Im April 1933 wurde Spengler gemeinsam mit Bürgerm eister Jakob Jung vom NSDAP -Ortsgruppen- leiter Julius Birkenstock entlassen (Engels, S. 43, vgl. auch Biografie Jakob Jung, HK). Anfang Mai 1933 sahen sich alle acht Gemeinderatsmitglieder der SPD, darunter auch Spengler, d a- zu gezwungen, ihre Ämter aufzuge ben: „Auf Grund der veränderten Verhältnisse legen die Unterzeichnenden ihre Mandate als Gemeind eratsmitglieder hiermit nieder“, hieß es in e i- ner entsprechenden Erklärung (03.05.1933, zitiert nach Mampel, S. 208). Während der NS -Zeit stand Georg Spengler u nter Beobachtung; er musste sich regelmäßig (und zwar täglich) auf der Bürgermeisterei melden, wie Georg Mampel berichtete (S. 210). 364 Es ließen sich für den 1940 verstorbenen Georg Spengler, der in seiner Sterbeurkunde als „Hilfswerkführer“ bezeichnet wurde (Sterberegister Darmstadt -Arheilgen), keine Entnazif i- zierungsdokumente recherchieren. Es fanden sich im eingesehenen Material keine Hinweise auf eine Verflechtung mit dem NS-Regime. Quellen: Sterberegister Darmstadt-Arheilgen (1940), Nr. 27. Literatur: Engels, Peter: Arheilgen. In: Stadtlexikon Darmstadt (2006), S. 39-43. Mampel, Georg: 1878-1978. 100 Jahre Sozialdemokratie in Arheilgen. Darmstadt 1986. 365 Reinhold-Staudt-Platz (Q-R 7), benannt 1996 nach Reinhold Staudt (1928-1978) Politiker * 16. September 1928 in Weilmünster Besuch der Volksschule in Heppenheim und des Realgymnasiums in Bensheim 1948 Abitur 1949-1951 Studium der Evangelischen Theologie an der Universität Heidelberg (drei Semester) Ab 1951 Studium der Germanistik, Volkskunde, Soziologie und Philosophie an der Universität Fran k- furt am Main 1952-1956 Verlagsangestellter Ab 1955 Redakteur von „Lebendiges Darmstadt“ 1956-1960 Geschäftsführer des Verkehrs- und Verschönerungsvereins Darmstadt 1957 Promotion zum Dr. phil., „Studien zum Patenbrauch in Hessen“ 1960 Eintritt in die SPD; später Mitglied des SPD-Unterbezirksvorstands Darmstadt-Stadt 1960-1963 Leiter der Pressestelle der Stadt Darmstadt 1963-1971 Pressereferent und Leiter des Verkehrs- und Werbeamts der Stadt Darmstadt 1970 Ernennung zum Magistratsdirektor 1971-1973 Presse- und Kulturreferent der Stadt Darmstadt 1973-1976 hauptamtlicher Stadtrat für das Dezernat Schule, Jugend und Sport in Darmstadt (SPD; Ruhestandsversetzung nach Annahme des Bundestagsmandats) Ab 1976 Mitglied der Neuen Darmstädter Sezession 1976-1978 Mitglied des Deutschen Bundestags für die SPD (Direktkandidat Wahlkreis Darmstadt, bis zu seinem Tod) 1976-1978 Geschäftsführer der Neuen Darmstädter Sezession Ab 1977 Ordentliches Mitglied des Sportausschusses und des Aussch usses für Bildung und Wisse n- schaft im Deutschen Bundestag † 11. September 1978 in Darmstadt Ehrungen: --- Wirken in der NS-Zeit Reinhold Staudt (verheiratet, vier Kinder), seit 1960 in den Diensten der Stadt Darmstadt, Magistratsdirektor, hauptamtlicher St adtrat und bis zu seinem Tod 1978 Mitglied des Bu n- destags für die SPD, war bei Kriegsende 1945 erst 16 Jahre alt. Während der NS-Zeit besuchte Reinhold Staudt zunächst die Volksschule in Heppenheim und später das Realgymnasium in Bensheim (Abitur schließli ch 1948). Zu Reinhold Staudts Leben 366 und Wirken zwischen 1933 und 1945 liegen in den unten genannten Quellen und der g e- nannten Literatur darüber hinaus keine Informationen vor. Quellen: HStAD, R 12 P Nr. 6280 [Zeitungsartikel 1973-1981] StadtA DA, ST 61 Staudt, Familie [http://www.darmstaedtersezession.de/person/reinhold-staudt], Stand: 09.05.2017 Literatur: Dotzert, Roland: Die Darmstädter Kommunalpolitik seit 1945. Darmstadt 2007. Staudt, Reinhold: Darmstadt – Porträt einer Stadt. Darmstadt 1967. Vierhaus, Rudolf/Herbst, Ludolf (Hrsg.): Biographisches Handbuch der Mitglie der des Deutschen Bundestages 1949-2002, Bd. 2 N-Z. München 2002. 367 Stauffenbergstraße (K 7), benannt 1968 nach Claus Schenk Graf von Stauffenberg (1907-1944) Offizier der Wehrmacht und Mitglied des militärischen Widerstands * 15. November 1907 in Jettingen 1913-1916 Besuch einer Privatschule Ab 1916 Besuch des Eberhard-Ludwigs-Gymnasiums in Stuttgart (1926 externes Abitur) 1923 Begegnung mit Stefan George, Aufnahme in dessen Kreis 1926 Eintritt in das Reiterregiment 17 (später Kavallerie-Regiment 17) in Bamberg 1927-1928 Besuch der Infanterie-Schule in Dresden 1928-1929 Besuch der Kavallerie-Schule in Hannover 1929 Offiziersprüfung (Jahrgangsbester der Kavallerie) 1930 Beförderung zum Leutnant 1931 Geschützzugführer beim Kavallerie-Regiment 17 in Bamberg 1933 Beförderung zum Oberleutnant 1933 Heirat mit Nina Freiin von Lerchenfeld (fünf Kinder) 1934-1936 Bereiteroffizier und später Adjutant an der Kavallerie-Schule in Hannover 1936 Beginn des Studiums an der Kriegsakademie in Berlin; Englandaufenthalte 1937 Beförderung zum Rittmeister 1938 2. Generalstabsoffizier (Ib) im Stab der 1. Leichten (ab 1939 6. Panzer -)Division in Wuppertal; Teilnahme an der Besetzung des Sudetenlandes 1939-1943 Kriegsteilnehmer (Polen, Frankreich, Ukraine, Tunesien) 1940 Hauptmann im Generalstab; Gruppenleiter der Organisationsabteilung im Generalstab des Hee- res 1941 Beförderung zum Major im Generalstab 1942 Einsatz beim Oberkommando des Heeres in Winniza (Ukraine) 1943 Beförderung zum Oberstleutnant im Generalstab 1943 Versetzung nach Tunesien als 1. Generalstabsoffizier (Ia) der 10. Panzerdivision; im April schw e- re Verwundung durch Jagdfliegerangriff; im Juli Entlassung aus dem Lazarett in München; im Oktober Ernennung zum Chef des Stabes im Allgemeinen Heereswaffenamt in Berlin unter General Friedrich Olbricht 1943 Einbezug in die militärischen Umsturzversuche und schließlich treibende Kraft des militärischen Widerstands („Operation Walküre“-Pläne) 1944 zum 1. Juli Beförderung zum Oberst im Generalstab 1944 Lagebesprechungen mit Adolf Hitler 1944 am 20. Juli Attentat(versuch) auf Adolf Hitler; Umsturzversuch † 20./21. Juli 1944 Hinrichtung in Berlin (im Innenhof des Bendlerblocks) 368 Ehrungen: 1929 „Ehrensäbel“ für herausragende Leistungen in der Offiziersausbildung 1940 Eisernes Kreuz I. Klasse 1943 Goldenes Verwundetenabzeichen 1943 Deutsches Kreuz in Gold Zahlreiche posthume Ehrungen in Form von Gedenktafeln, Gedenksteinen etc., Gedenkstätten, N a- mensgebungen (Schulen, Kasernen, Straßen etc.) Wirken in der NS-Zeit Claus Schenk Graf von Stauffenberg, der am 20. Juli 1944 das (misslungene) Attentat auf Adolf Hitler ausführte, war während der NS -Zeit ein hochrangiger Militär, der im Zweiten Weltkrieg in führender Funktion im Einsatz war und ab 1940 im Generalstab des Heeres diente (1944 ernannt zum Oberst). 1943 schloss er sich dem militärischen Widerstand gegen das NS-Regime in der Person Adolf Hitlers an und entwickelte sich schließlich zu einem (aus - )führenden Akteur der Umsturzpläne. Zu Claus Schenk Graf von Stauffenberg existieren tausende Seiten biografischer Literatur – die sich zumeist in großem Umfang auf die Aussagen von Zeitgenossen stützen und weit w e- niger auf tradierte Selbstzeugnisse rekurrieren (können). Die f olgenden Ausführungen stü t- zen sich auf die 2015 veröffentlichte Darstellung von Peter Steinbach (unter anderem seit 1983 Wissenschaftlicher Leiter der ständigen Ausstellung „Widerstand gegen den Nationa l- sozialismus“ in Berlin, der in seine Überlegungen explizit die unten genannten Biografien von Eberhard Zeller, Bodo Scheurig, Joachim Kramarz, Christian Müller, Peter Hoffmann und H a- rald Steffahn einbezog) sowie auf die Biografie von Eberhard Zeller aus dem Jahr 1994. Auf eine detaillierte Darstellung der Um sturzpläne sowie der Ereignisse vom 20. Juli 1944 wird im Folgenden mit Verweis auf die angegebene Literatur verzichtet. Stauffenberg schlug nach dem Abitur 1926 eine militärische Laufbahn ein, bestand 1929 die Offiziersprüfung als Jahrgangsbester der Kava llerie und war 1930 im Alter von 23 Jahren – außergewöhnlich jung – zum Leutnant befördert worden. In das Jahr 1933 datieren – neben der Machtübernahme seitens der Nationalsozialisten – drei für Stauffenberg wichtige Erei g- nisse: Seine Beförderung zum Oberl eutnant, seine Heirat mit Nina Freiin von Lerchenberg sowie der Tod seines „Meisters“ Stefan George, zu dessen Kreis er und seine Brüder seit zehn Jahren gehörten. Bis zum Sommer 1934 diente Stauffenberg beim Kavallerie -Regiment 17 in Bamberg (ab März 1931 Geschützzugführer). Im Herbst 1934 wechselte er als Bereiteroffizier an die Kaval- lerie-Schule in Hannover, wo er bis 1936 tätig war; im Oktober 1936 begann er ein Studium an der Kriegsakademie in Berlin. Befördert zum Rittmeister (1937), wurde Stauffenber g im August 1938 als „Ib“ zur 1. Leichten Division in Wuppertal (ab Oktober 1939: 6. Panzer- Division) kommandiert. Als 2. Generalstabsoffizier war er verantwortlich für die Versorgung der Einheit, mit der er an der Besetzung des Sudentenlands beteiligt war. 369 Am Überfall auf Polen im September 1939 war die 1. Leichte Division „an der Südflanke maßgeblich beteiligt“ (Steinbach, S. 69, vgl. auch Zeller, S. 68 ff.). Mit der (in 6. Panzer- Division umstrukturierten) Einheit zog Stauffenberg, im Januar 1940 zum Hau ptmann im Generalstab ernannt, im Mai 1940 in den Krieg gegen Frankreich, bevor er Ende Mai 1940 zum Generalstab/Oberkommando des Heeres (OKW) versetzt wurde. Im April 1941 wurde er erneut befördert (zum Major im Generalstab) und bezog im Juni das Hauptqua rtier des OKW in der Nähe von Angerburg in Ostpreußen, bei dem er bis Ende Januar 1943 Dienst tat (zw i- schenzeitlich – Juni-Oktober 1942 – stationiert im Hauptquartier des Generalstabs bei Wi n- niza in der Ukraine). Kurz nachdem er zum Oberstleutnant im Gener alstab befördert worden war, wurde Stau f- fenberg Anfang Februar 1943 als „Ia“ (1. Generalstabsoffizier) der 10. Panzer -Division nach Tunis kommandiert. Anfang April 1943 wurde er dort bei einem Luftangriff schwer verwu n- det. Er verlor sein linkes Auge, im tu nesischen Feldlazarett mussten zudem seine rechte Hand sowie zwei Finger der linken Hand amputiert werden. Er gelangte noch im April 1943 ins Lazarett nach München; die dortige Behandlung wurde unterbrochen durch Genesung s- aufenthalt in Lautlingen, dem Wohnort seiner Familie. Im September 1943 wurde Stauffenberg zum Chef des Stabs im Allgemeinen Heeresamt bei General Friedrich Olbricht ernannt (offizieller Dienstantritt in Berlin: 01.10.1943; Aufgabe n- gebiet: Personal - und Materialbewirtschaftung des Heeres). Am 1. Juli 1944 erfolgte seine Beförderung zum Oberst im Generalstab. Stauffenberg war während des Zweiten Weltkriegs mit folgenden Auszeichnungen geehrt worden: Eisernes Kreuz I. Klasse (1940), Goldenes Verwundetenabzeichen sowie Deutsches Kreuz in Gold (1943). Im Juni/Juli 1944 gelangte er im Zuge von Lagebesprechungen meh r- fach in direkten Kontakt zu Adolf Hitler. Die posthumen Ehrungen von Claus Schenk Graf von Stauffenberg, so auch die Straßenb e- nennung in Darmstadt 1968, bezogen sich allerdings nicht a uf sein militärisches Wirken in der oben skizzierten Form, sondern auf seinen Widerstand gegen das NS -Regime, der sich seit 1943 in zahlreichen Treffen in Widerstandskreisen, insbesondere im Kreise des militär i- schen Widerstands manifestierte – und schließlich im Attentat vom 20. Juli 1944 sowie dem Umsturzversuch („Operation Walküre“) gipfelte. Die aktuelle Forschung geht davon aus, dass Staufenberg nicht nur entschlossen war, Hitler umzubringen und das NS -Regime zu stürzen, nicht „nur“ ausführende, sondern auch treibende Kraft war und als ein Motor innerhalb der deutschen Widerstandsbewegung(en) angesehen werden muss. Bekanntermaßen scheiterte das Attentat auf Adolf Hitler und auch der sich an den vorgesehenen Tod des Diktators a n- schließende politische Umsturz gelang nicht. Stauffenberg wurde noch in der Nacht vom 20. auf den 21. Juli 1944 im Innenhof des Bendlerblocks in Berlin hingerichtet. Stauffenbergs zahlreiche Treffen mit Kräften des Widerstands, die Vorbereitungen des A t- tentats und des Umsturzes sowie die Abläufe des 20. Juli 1944 sind bekannt und in der ang e- gebenen Literatur (und in vielen anderen Werken) detailliert, im Falle des 20. Julis teils minu- tiös nachgezeichnet, sofern die Quellenlage dies zuließ. Unstrittig ist Stauffenbergs Veran t- 370 wortung für die Tat; manche Autoren gingen davon aus, dass Stauffenberg schließlich – un- ter Bezug auf seinen Mentor Stefan George – Hitler als „Personifizierung des Bösen schlechthin“ (Steinbach, S. 17) betrachtete. Stauffenberg habe den Unrechtscharakter des NS-Regimes – dessen Teil er in führender militärischer Funktion über Jahre hinweg war – erkannt und gehandelt, obwohl er einen soldatischen Eid geschworen hatte. Stauffenberg kann sicher nicht als Anhänger einer parlamentarischen Demokratie bezeichnet werden; b ei einem erfolgreichen Umsturz wäre voraussichtlich um die Struktur Deutschlands gerungen worden. Stauffenberg als Patrioten zu charakterisieren, der zunächst mit nationalistischen und revisionistischen Zielen des NS -Regimes sympathisierte (was zutrifft), griffe allerdings in seiner Bewertung deutlich zu kurz, wie Peter Steinbach argumentierte: „Welches Deutschland das Resultat dieser Auseinandersetzungen geworden wäre, wissen wir nicht. Aber Stauffenberg nur zum Symbol des Rückwärtsgewandten zu machen, wei l er aus den Horizonten seiner Zeit handelte, wäre unhistorisch. Es wäre ebenso leichtfertig, ihn zum Träger der freiheitlichen Grundordnung zu erhöhen. Diese Ordnung war ein Resultat der Niederlage. Der Mensch Stauffe n- berg war Produkt und Gegensatz seiner Zeit. […] Er handelte nicht, als es zu spät war, sondern er handelte, weil er zu den wenigen seiner Zeit gehörte, die Verantwortung suchten und deshalb den ‚entscheidenden Wurf‘ riskierten. Dies war weitaus gefährlicher, als bis zum Ende des Krieges zur Fahne zu stehen, die das Hakenkreuz trug, wie viele, die ihre Feigheit als Eidtreue verklärten . […] Stauffenberg wollte durch seine Tat einen Unrechtsstaat beseitigen. Er ist deshalb nicht nur eine Person der deutschen, sondern der europäischen Geschichte. Seine Tat hätte Europa vor der Kat a- strophe eines bis zum bitteren Ende geführten Krieges bewahrt, der Europa verwüstete und schlie ß- lich für 40 Jahre teilte. Seine Persönlichkeit muss deshalb immer auch in den Zusammenhang der deutschen und zugleich der europäischen Geschichte gerückt werden“ (Steinbach, S. 17 f.). In der deutschen Erinnerungskultur war bis in die 1960er Jahre die Einschätzung der Nati o- nalsozialisten, die Stauffenberg und seine Mitstreiter als Verräter ansahen, überaus wir k- mächtig. Die Einschätzung Staufenbergs wurde (auch später) kontrovers diskutiert, changie r- te zwischen „Würdigung und Verurteilung“ (vgl. zu einzelnen Phasen Steinbach, S. 20 ff.). In der aktuellen Forschungsliteratur wird unter anderem darauf verwiesen, dass Stauffenberg auch Kontakte zum zivilen Widerstand suchte, was lange Zeit kaum Beachtung fand (Stei n- bach, S. 112). Einzelne Äußerungen Stauffenbergs, etwa abfällige Bemerkungen gegenüber der polnisch-jüdischen Bevölkerung in einem Feldpostbrief aus dem Jahr 1939, wurden w ie- derholt als Beleg dafür angebracht, dass sich Stauffenberg nicht (oder nur bedingt) als „Held“ eigne. In der heutigen offiziellen Erinnerungskultur überwiegt die Ansicht führender Widerstandshistoriker, die darauf verweisen, dass Stauffenberg als „Produk t seiner Zeit“, als Soldat der Wehrmacht, der an seinen Eid gebunden war, Verantwortung (mit ihm bewussten Konsequenzen) übernommen habe, um das von ihm als Unrechtssystem erkannte NS - Regime beseitigen zu wollen. Literatur: Hoffmann, Peter: Claus Schenk Graf von Stauffenberg und seine Brüder. Stuttgart 1992. Hoffmann, Peter: Stauffenberg und der 20. Juli 1944. München 1998. 371 Kramarz, Joachim: Claus Graf von Stauffenberg. 15. November 1907 – 20. Juli 1944. Das Leben eines Offiziers. Frankfurt am Main 1965. Scheurig, Bodo: Claus Graf von Stauffenberg. Berlin 1964. Steffahn, Harald: Stauffenberg. Reinbek bei Hamburg ³2002. Steinbach, Peter: Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Wagnis – Tat – Erinnerung. Stuttgart 2015. Ueberschär, Gerd R.: Stauffenberg. Der 20. Juli 1944. Frankfurt am Main 2004. Zeller, Eberhard: Oberst Claus Graf Stauffenberg. Ein Lebensbild. Paderborn et al. 1994. 372 Dolf-Sternberger-Weg (J 9-10), benannt 1996 nach Dolf Sternberger (1907-1989) Sprachkritiker und Politikwissenschaftler * 28. Juli 1907 in Wiesbaden 1913-1916 Besuch der Grundschule („Vorschule“) in Wiesbaden 1916-1925 Besuch des Staatlichen Realgymnasiums in Wiesbaden (Abitur 1925) 1925-1932 Studium der Theaterwissenschaft, Germanistik und Kunstgeschichte, später hauptsächlich der Philosophie in Kiel, Frankfurt am Main, Heidelberg und Freiburg im Breisgau 1931 Heirat mit Ilse Bella Blankenstein (geb. Rothschild, ein Stiefsohn), Trauzeugin: Hannah Arendt 1932 Promotion zum Dr. phil. bei Paul Tillich in Frankfurt am Main, „Der verstande ne Tod. Eine U n- tersuchung zu Heideggers Existential-Ontologie“ (veröffentlicht 1934) 1932-1933 Rezensionen in der „Zeitschrift für Sozialforschung“ 1932-1934 Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der von Professor Viktor von Weizäcker geleiteten S o- zialpolitischen Arbeitsgemeinschaft in Heidelberg 1934-1943 Redakteur der „Frankfurter Zeitung“ (Mitarbeit seit 1927), seit 1935 Ressortleiter für Wi s- senschaft, Erziehung und Bildung 1934-1939 Essays in der „Neuen Rundschau“ 1938 „Panorama oder Ansichten vom 19. Jahrhundert“ (weitere Auflagen 1947, 1955) Ca. 1943-1945 nach dem vom NS-Regime verhängten Berufsverbot 1943 (Streichen von „Berufsliste“) Tätigkeit in einem Fabrikbüro in Heidelberg 1945-1949 Begründer, Mitherausgeber und Autor der Zeitschrift „Die Wandlung“ ( zusammen mit Karl Jaspers, Alfred Weber, Werner Krauss und später auch Marie -Luise Kaschnitz), darin die Glosse „Wörterbuch des Unmenschen“ 1946-1966 regelmäßige politische Kommentare im Hessischen Rundfunk 1947-1955 Lehrbeauftragter für Politische Wissenschaft an der Universität Heidelberg 1947-1967 Vorsitzender der Deutschen Wählergesellschaft (von ihm mitbegründet) Ab 1949 Kolumnist der Frankfurter Allgemeinen Zeitung 1950 „Figuren der Fabeln“ Ab 1951 Leiter einer politikwissenschaftlichen Forschungsgrup pe, aus der sich das politische Seminar des Alfred-Weber-Instituts und 1958 das Institut für Politische Wissenschaft der Universität Heide l- berg entwickelte 1950-1958 (Mit-)Herausgeber der Zeitschrift „Die Gegenwart“ 1952-1961 Gründungsmitglied und Vizepräsident der Deutschen UNESCO-Kommission 1955-1960 Honorarprofessor an der Universität Heidelberg 1957 „Aus dem Wörterbuch des Unmenschen“ (weitere Auflage 1967) 1958 „Gefühl der Fremde“ Ab 1959 Mitarbeiter und Berater bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung 373 1960 Mitbegründer und Herausgeber der Politischen Vierteljahresschrift 1960-1972 Professor für Politische Wissenschaft an der Universität Heidelberg (Amtsbezeichnung ordentlicher Professor seit 1962) 1962-1964 Vorsitzender der Deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaft 1962-1972 Direktor des Instituts für Politische Wissenschaft der Universität Heidelberg 1963 Vizepräsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung 1964 Gastprofessor an der Universität Chicago (USA) 1964-1970 Präsident des Deutschen PEN-Zentrums 1972 Emeritierung (Entbindung von seinen amtlichen Verpflichtungen auf eigenen Antrag) † 27. Juli 1989 in Frankfurt am Main Ehrungen: 1970 Ehrenvorsitzender der Deutschen Wählergesellschaft 1971-1977 Ehrenpräsident des PEN-Zentrums der Bundesrepublik Deutschland 1967 Goethe-Plakette des Landes Hessen 1967 Johann-Heinrich-Merck-Ehrung der Stadt Darmstadt 1974 Großes Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland 1977 Wilhelm-Leuschner-Medaille des Landes Hessen 1977 Literaturpreis der Bayerischen Akademie der schönen Künste 1980 Ehrendoktor der Universität Sorbonne (Paris) 1982 Ehrendoktor der Universität Trier Wirken in der NS-Zeit Dolf (eigentlich Adolf) Sternberger, nach 1945 ein herausragender Vertreter der Politikwi s- senschaften in Deutschland und zugleich erfolgreicher Publizist im politisch -kulturellen B e- reich, arbeitete während der NS -Zeit als Redakteur der Frankfurter Zeitung (bis 1943), verö f- fentlichte kultur- bzw. sprachkritische Beiträge und gilt als Vertreter d er sogenannten „ve r- deckten Schreibweise“. Grundlegende Arbeiten über Dolf Sternbergers Schaffen in der NS -Zeit veröffentlichte Wil - liam J. Dodd (Professor of Modern German Studies an der University of Birmingham), der sich – anders als die meisten Biografen, die den Politikwissenschaftler Sternberger nach 1945 ins Zentrum stellten (vgl. Münkler, Vogel) – der sprachkritischen Veröffentlichungen Ster n- bergers widmete und dessen umfangreichen Nachlass im Deutschen Literaturarchiv in Ma r- bach in diesem Sinne auswertete. In einem Lebenslauf aus dem Jahr 1948 äußerte sich Sternberger wie folgt zu seinem Wirken in der NS-Zeit: „Von 1932 bis 1934 wirkte ich in einer sozialpolitischen Arbeitsgemeinschaft mit Sitz in Heidelberg mit und lebte währenddessen von einem Stip endium der Notgemeinschaft der deutschen Wisse n- schaft. Die akademische Laufbahn blieb mir infolge meiner Ehe mit einer Jüdin verschlossen. So wu r- 374 de ich, übrigens ohne Bedauern, Journalist. Ich war der letzte Redakteur der Frankfurter Zeitung, der noch von Dr. Heinrich Simon, dem damaligen Besitzer, persönlich engagiert wurde. Vom August 1934 bis genau zum 5. Mai 1943 war ich Redakteur an der Frankfurter Zeitung, immer mit Sitz in Frankfurt selbst, und bearbeitete dort die Angelegenheiten der Bildung, Kirche und Wissenschaft; ausserdem veröffentlichte diese Zeitung zahlreiche literarische Beiträge von mir. Leider konnte ich einen Posten im Auslande aus den vorerwähnten Gründen nicht übernehmen, namentlich nachdem mir im Jahre 1938 die Erteilung eines neuen Re isepasses vom Frankfurter Polizeipräsidium verweigert worden war. Ich darf sagen, dass ich in meiner publizistischen Wirksamkeit während der Hitler -Zeit eine ent- schieden humanistische Richtung trotz aller Schwierigkeiten und Gefährdungen durchgehalten habe . Nach einer Reihe von Konflikten wurde ich am 5. Mai 1943 durch den Reichspropagandaminister – zusammen mit drei anderen Kollegen aus der Redaktion [Hausenstein, Reifenberg und Suhr, HK] – aus der sogenannten Berufsliste gestrichen und musste das Haus sof ort verlassen. Zum Militärdienst wurde ich nicht eingezogen, da ich infolge eines Erlasses Hitlers von Ende 1940 zum Kriegsdienst ‚nicht zu verwenden‘ war [wegen seiner Ehe mit einer Jüdin, HK]. Unter akuter Bedrohung durch die Gestapo siedelten meine Frau und ich im Juli 1943 fluchtartig nach Heidelberg über. Die folgenden Jahre verbrachte ich, unter dauernden Bedrängnissen, in einem Fabrikbüro in Heidelberg; diese T ä- tigkeit bot mir immerhin die Gelegenheit[,] die menschliche Arbeit in der modernen Industr ie an einem Beispiel zu studieren. Der vielfach drohenden und mehrmals über mich verhängten Einber u- fung zur Zwangsarbeit konnte ich glücklich entgehen“ (Curriculum Vitae von Dr. Dolf Sternberger [1948], zitiert nach Dodd 2007, S. 301 f.). Wie Dodd überzeug end darlegte, lässt sich Sternberger als Vertreter der „inneren Emigrat i- on“ bezeichnen, wobei sich der Biograf der Schwierigkeiten der Begrifflichkeit durchaus b e- wusst zeigte (Dodd 2007, S. 22-25). Sternberger bediente sich bei seinen Veröffentlichungen im Themenbereich der Kultur - und Sprachkritik nachweißlich einer „Technik des indirekten Ausdrucks“ (Dodd 2007, S. 24), die sich als „verdeckte Schreibweise“ (so Sternberger selbst 1950) bezeichnen lässt und darunter Eingang in die Forschungsliteratur fand ( ausführlich dazu Dodd 2007, S. 149-219). Anhand der zeitgenössischen Rezeption von Sternbergers Ve r- öffentlichung „Panorama oder Ansichten vom 19. Jahrhundert“ (1938) ließ sich etwa nac h- weisen, dass schon den Zeitgenossen das „zwischen den Zeilen Lesen“ dur chaus gelang – auch der NS-Zensur, wie ein Gutachten der Reichsstelle zur Förderung des deutschen Schrift- tums („Amt Rosenberg“) belegte (Dodd 2015, S. 69 f.). Allerdings gelang es jenem Rezense n- ten (Urteil: „unter allen Umständen abzulehnen“, vgl. Ehrke -Rotermund/Rotermund, S. 203) nur eine der drei rekonstruierten Ebenen des „verdeckten Schreibens“ zu dechiffrieren. Dodd kam daher zu dem Ergebnis, das manche der „verdeckten“ Angriffe auf den Nationa l- sozialismus auch dem suchenden Leser seitens der Vertrete r des NS-Regimes zugänglich wa- ren. Es schienen allerdings deutliche Unterschiede im „Dechiffrierungsapparat“ der Lese r- schaft zu bestehen; die „verdeckte Schreibweise“ war demnach „[k]ein Geheimnis also, aber nur bedingt ein offenes“ (Dodd 2015, S. 76). Die Haltung Walter Benjamins, der Sternberger in einem Brief und einer Rezension des Mitläufertums bezichtigte, wurde in der akadem i- schen Diskussion lange übernommen, ohne Benjamins „Diskursposition“ (Dodd 2015, S. 66) zu hinterfragen (dazu auch Ehrke -Rotermund/Rotermund, S. 221 f.). Allen Schwächen und Fehlschlüssen im Zusammenhang mit Sternbergers Sprachkritik – die seit den 1960er Jahren heftig diskutiert und kritisiert wurde – zum Trotz, rückte Dodd Sternbergers aufklärerische 375 Motivation, einen „in der pub lizierenden ‚inneren Emigration‘ geformte[n] Habitus der Hel l- hörigkeit“ (Dodd 2007, S. 30) in den Vordergrund seiner Analyse und kam zu dem Ergebnis, dass sich Sternberger „als hervorragenden und auch mutigen Exponenten der Essayistik der ‚inneren Emigration‘ ausweisen“ lasse (Dodd 2007, S. 218). Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten erschien Sternberger eine akad e- mische Laufbahn als illusorisch (hierzu und zum Folgenden Dodd 2007, S. 75-78, 84-88). Sei- ne 1932 vorgelegte Dissertation „Der ve rstandene Tod. Eine Untersuchung zu Heideggers Existential-Ontologie“ (veröffentlicht 1934) war in einem Gutachten von Theodor W. Adorno noch außergewöhnlich lobend und mit dem „Anspruch auf das Prädikat ‚vorzüglich‘“ b e- zeichnet worden. Bis 1934 stand Ster nberger in regem Kontakt zu Adorno und weiteren Ve r- tretern der „Frankfurter Schule“; er veröffentlichte 1932/33 in den ersten beiden Jahrgängen der „Zeitschrift für Sozialforschung“ Buchbesprechungen. Sternbergers Frau – mit der er zum Teil gemeinsam publi ziert hatte – erhielt nun als Jüdin Publikationsverbot. Die wirtschaftl i- che Existenz des Ehepaares wurde anfangs über ein Stipendium der Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft (Vorgängerorganisation der DFG) sichergestellt, doch war klar, dass dies nic ht von langer Dauer sein konnte. In der Redaktion der Frankfurter Zeitung wurde Sternberger dann das neu geschaffene Ressort der Bildungspolitik zugeteilt. Die Frankfurter Zeitung gehörte zu den wenigen Publikationsorganen, „in denen ‚das andere Deutschlan d‘ noch durch Abtasten und Umgehen der Zensur ein kodiertes Leben szeichen von sich geben konnte“ (Dodd 2007, S. 24). Bis Mai 1943 konnte Sternberger in der Redaktion der Frankfu r- ter Zeitung arbeiten und publizieren. Nach 1945 lobte er wiederholt den solida rischen Z u- sammenhalt innerhalb der Redaktion und die daraus erwachsenden Freundschaften; als pr ä- gende Erfahrung in der NS-Zeit schilderte er die Treue in seiner Ehe. In Folge der Veröffentlichung des Beitrags „Figuren der Fabel“ in der Frankfurter Zeitung vom 25.12.1941, soll im Propagandaministerium eine Akte zu Sternberger angelegt worden sein, die allerdings auf Intervention des Berliner Büros der Frankfurter Zeitung vernichtet worden sein soll (Dodd 2007, S. 78; in den Beständen des ehemaligen BDC im BA rch Berlin ließ sich keine Akte zu Sternberger auffinden, HK; Text und ausführlicher Kommentar zu „F i- guren der Fabel“ bei Ehrke-Rotermund/Rotermund, S. 194-222). Über Sternbergers Wirken nach seinem Ausschluss aus der Frankfurter Zeitung im Mai 1943 und seine Tätigkeit in einem Heidelberger Industriebetrieb (siehe Zitat oben) gibt es wenige belastbare Informationen. Laut einer autobiografischen Notiz soll er bis Frühjahr 1945 bei der Firma Stotz -Kontakt GmbH beschäftigt gewesen sein (Dodd, S. 76, FN 17); da s Kriegsen- de erlebte er in einem Sanatorium in Baden -Baden. Nachdem eine Neugründung der Fran k- furter Zeitung zunächst an der Pressepolitik der amerikanischen Militärregierung scheiterte, führten Verhandlungen über eine Zeitschrift von „gehobenem Niveau“ im Oktober 1945 zum Erfolg: In der ersten Ausgabe der Zeitschrift „Die Wandlung“ erschien die erste Glosse des „Wörterbuchs des Unmenschen“, das Sternberger in Zusammenarbeit mit seinen langjähr i- gen Kollegen Gerhard Storz und Wilhelm Süskind 1957 als Buchpublikation herausgeben soll- te. 376 Es ließen sich weder im HHStAW (zuständig für Frankfurt am Main) noch im Generalla n- desarchiv Karlsruhe (zuständig für Heidelberg) Entnazifizierungsakten zu Dolf Sternberger recherchieren. Quellen: Deutsches Literaturarchiv, Marbach am Neckar, Nachlass Sternberger [NICHT eingesehen] Generallandesarchiv Karlsruhe, 480 Nr. 11412 [Wiedergutmachungsakte 1950-1961, NICHT eingesehen] UA Heidelberg, PA 3030 UA Heidelberg, PA 5985-5987 UA Heidelberg, Rep 27-1887 StadtA DA, ST 61 Sternberger, Prof. Dr. Dolf Literatur: Dodd, William J.: Die „verdeckte Schreibweise“ ein offenes Geheimnis?: Dolf Sternbergers Panorama oder Ansichten vom 19. Jahrhundert (1938) im Spiegel der zeitgenössischen Rezensionen. In: Roth, Kersten Sven et al. (Hrsg.): S prache, Universität, Öffentlichkeit: Sprachwissenschaftliche Beobachtun- gen und sprachkritische Anmerkungen. Festschrift für Jürgen Schiewe zum 60. Geburtstag. Bremen 2015, S. 65-78. Dodd, William J.: Jedes Wort wandelt die Welt. Dolf Sternbergers politisch e Sprachkritik. Göttingen 2007. Dotzert, Roland: Die Darmstädter Kommunalpolitik seit 1945. Darmstadt 2007 . [S. 227: Träger der Wilhelm-Leuschner-Medaille]. Drüll[-Zimmermann], Dagmar: Heidelberger Gelehrtenlexikon 1933-1986. Berlin et al. 2009, S. 603 f. Ehrke-Rotermund, Heidrun/Rotermund, Erwin: Zwischenreiche und Gegenwelten. Texte und Vorst u- dien zur ‚verdeckten Schreibweise‘ im „Dritten Reich“. München 1999. Münkler, Herfried: Dolf Sternberger (190 7-1989). In: Jesse, Eckhard/Liebold, Sebastian (Hrsg.): Deut- sche Politikwissenschaftler. Werk und Wirkung. Von Abendroth bis Zel lentin. Baden -Baden 2014, S. 739-752. Vogel, Bernhard: Dolf Sternberger und die Politische Wissenschaft. In: Mohr, Arno/Nohlen, Dieter (Hrsg.): Politikwissenschaft in Heidelberg. 50 Ja hre Institut für Politische Wissenschaft. Heidelberg 2008, S. 240-246. 377 Robert-Stolz-Straße (C 7), benannt 1977 nach Robert Stolz (1880-1975) Österreichischer Komponist * 25. August 1880 in Graz 1896 Staatsprüfung für Musik am Wiener Staatskonservatorium 1897 Opernkorrepetitor am städtischen Theater Graz 1902 Kapellmeister am Stadttheater Salzburg 1903 Operettendebüt „Schön Lorchen“ am Stadttheater Salzburg, es folgen über 50 Operetten 1904 Engagement als Dirigent am Deutschen Theater Brünn 1905/07-1917 Musikalischer Leiter und Direktor am Theater an der Wien 1905 Erstaufführung der Operette „Die lustige Witwe“ am Theater an der Wien (dirigiert von Stolz) 1914-1918 Kriegsdienst im Ersten Weltkrieg (unter anderem als Kapellmeister) 1924 Eröffnung eines eigenen Theaters; nach dessen Konkurs Umzug nach Berlin 1920er Jahre Komponieren von Opern, Singspielen, Musicals, Musiken für Eisspiele und Liedern; d a- runter weltbekannte Schlager („Servus Du“, „Ob blond ob braun, ich liebe alle Frau‘n“) 1930 Komposition der Partitur für den Tonfilm „Zwei Herzen im Dreivierteltakt“ 1936 Operette „Zum Goldenen Halbmond“ 1935-1937 Komposition von Filmmusik, darunter „Der Himmel auf Erden“ (1935), „Die Austernlilli“ (1937), „Musik für Dich“ (1937). 1938/39 Emigration über Paris in die USA (1940) 1941/42 Ausbürgerung und Beschlagnahme seines Vermögens durch die Nationalsozialisten 1941/45 Oskar -Nominierungen für seine Kompositionen zu den Filmen „Spring Parade“ von Henry Koster und „It happened tomorrow“ von René Clairs 1946 Rückkehr nach Österreich Ab 1952 Kompositionen für die Wiener Eisrevue † 27. Juni 1975 in Berlin Ehrungen: 1934 Große Medaille (Beste Musik) Internationale Filmfestspiele von Venedig 1946 Professor honoris causa durch die Österreichische Regierung 1962 Großes Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland 1964 Erstes Ehrenmitglied der Volksoper Wien 1965 Ehrenring der Stadt Graz 1968 Ehrenring des Landes Steiermark 1969 Filmband in Gold für langjähriges und hervorragendes Wirken im deutschen Film 1969 Ehrenring der Bregenzer Festspiele 378 1970 zahlreiche Ehrungen anlässlich seines 90. Geburtstags, darunter Ehrenbürger der Städte Wien und Graz, Ehrenmedaille der Stadt Rotterdam, Ehrenring der GEMA, Österreichisches Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst 1971 Jerusalem-Medaille (für Fluchthilfe in NS-Zeit) 1973 Ehrenmitglied der Wiener Volksoper Wirken in der NS-Zeit Robert Stolz, Komponist und Dirigent, der als bedeutender Wiener Operettenkomponist gilt, emigrierte 1938/39 aus Österreich zunächst nach Frankreich und 1940 in die USA. Seine M u- sik galt im „Dritten Reich“ fortan als „unerwünscht“, Stolz wurde 1941/42 ausgebürgert. Seit 1924 arbeitete Stolz aus Karrieregründen vornehmlich in Berlin (in Wien war er mit e i- nem eigenen Theater gescheitert). Er galt als „einer der erfolgreichsten Komponisten der leichten Muse“ (Semrau 2007, S. 183) und wurde durch Schlagermelodien in den neuen M e- dien Tonfilm und Radio populär. Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten wurden seine Werke weiter aufgef ührt und durchaus positiv besprochen. Semrau etwa z i- tierte eine wohlwollende Kritik aus dem „Völkischen Beobachter“ anlässlich der Premiere der Operette „Zum Goldenen Halbmond“ im März 1936 am Nationaltheater in Osnabrück (Semrau 2007, S. 184, Semrau 2000, S. 138). Auch hochrangige NS -Akteure äußersten sich anerkennend (vgl. Semrau 2000, S. 141, Stolz, S. 356). Doch Stolz ließ sich nicht in den Dienst der Nationalsozialisten stellen, sondern emigrierte 1938/39 zunächst nach Paris und Ende März 1940 in die U SA. Seinen eigenen Angaben in seinen Lebenserinnerungen folgend (vgl. neben Stolz/Stolz auch Semrau 2000, S. 143 f.), verließ Stolz bereits im März 1938, im Zuge des sogenannten „Anschlusses“ Österreichs, seine Heimat und ging über Zürich nach Paris ins Exil. Von Frankreich aus emigrierte er Ende März 1940 schließlich in die USA. Es gibt in der Literatur Zweifel an der Version von Stolz, nach der er noch am 12. März 1938 Wien verlassen haben will, aufgrund eines Anrufs seines Bruders, den er als Warnung ve r- standen haben wollte und wonach er seine Abreise als Flucht vor der Gestapo interpretierte. Ein von Stolz unterschriebenes Dokument vom 11. April 1939 bestätigte seitens des Magis t- rats der Stadt Wien sein Heimatrecht (Semrau 2000, S. 145, Semrau 2007, S. 184). Unabhän- gig von dem unklaren Zeitpunkt genieße, so Semrau, die konsequente Entscheidung von Stolz, seine Heimat zu verlassen, Anerkennung: „Anzunehmen ist jedenfalls, dass Stolz, zu welchem Datum auch immer, seine Heimat aus freien St ü- cken, aus Abscheu vor der Kulturpolitik des Reiches und aus Solidarität mit seinen jüdischen Freu n- den verließ“ (Semrau 2007, S. 185). Ganz ähnlich äußerte sich Oliver Rathkolb, der intensiv zu „Künstlereliten im Dritten Reich“ (1998) arbeitete. Auf die Frage, welche promin enten Unterhaltungskünstler Österreich wäh- rend der NS-Zeit freiwillig verlassen hätten, nannte Rathkolb einzig Robert Stolz: „Mir fällt in diesem Zusammenhang nur der Komponist Robert Stolz ein […] Der verließ Österreich ohne Not nach dem Anschluss, weil i hm vor dem Regime einfach ekelte“ (Rathkolb laut Hager, siehe Literatur). 379 Während der Zeit seines Pariser Exils und wohl auch noch in den USA suchten Repräsenta n- ten des NS-Regimes Kontakt zu Stolz, um ihn zu einer Rückkehr ins „Reich“ zu bewegen. Stolz sollte keine Repressalien zu befürchten haben; er ließ sich auf das Angebot dennoch nicht ein. Stolz‘ Abstammung war wiederholt umstritten; die – aus Sicht des NS -Regimes – einwand- freie Herkunft eines Großelternteils galt noch 1941 als ungeklärt. Zudem galt s eine damalige Frau (Stolz war insgesamt fünfmal verheiratet) als „Volljüdin“ (was allerdings ebenfalls u m- stritten war, vgl. BArch Berlin, BDC, R 9361 -V/83514). Der Komponist arbeitete erwiesene r- maßen mit zahlreichen Juden zusammen; manche seiner Kollegen s ollen ihn selbst für „j ü- disch“ gehalten haben. Nicht verifizieren ließ sich die in der Literatur tradierte Geschichte, wonach Stolz vor 1938 mehrere Male politisch Verfolgte (darunter Frauen und Kinder) illegal bei Fahrten von Berlin nach Wien über die Gre nze gebracht haben soll (noch bei Semrau 2000, S. 141 f., zuletzt Weniger, S. 489). Die Idee, den Wagen des bekannten Komponisten mit Hakenkreuzfahne auszustatten, sei demnach seinem Chauffeur gekommen; es habe bei Grenzkontrollen (von 21 solcher Fahrten ist die Rede) keine Probleme gegeben. Belegen hingegen lässt sich, dass sich die Berichterstattung gegenüber Robert Stolz nach dem Verlassen Österreichs wandelte, das heißt kritisch bis ablehnend wurde. So hieß es e t- wa zum „freiwilli[en] Emigrant[en]“ im „Völkischen Beobachter“ Ende 1939: „In Deutschland ist man aber so großzügig gewesen, die Musik des Herrn Stolz in Nahrung zu setzen. Wenn Monsieur Stolz auch kein Jude ist, so wird man wohl kaum einen Unterschied zwischen seiner Handlungsweise und der seine r jüdischen Freunde erkennen“ (Musikalische Emigration in Nöten, Berliner Zeitung vom Dezember 1939, zitiert nach Eidam, S. 143). Auch in internen Vermerken der Reichsmusikkammer wurde die Emigration von Stolz krit i- siert, welcher schließlich dessen offizie lle Ausbürgerung am 28. März 1942 folgte (ein en t- sprechender Erlass war bereits im Sommer 1941 ergangen). Aufführungen seiner Komposit i- onen wurden als „unerwünscht“ bezeichnet, zumal er sich im Exil negativ zum „Dritten Reich“ geäußert habe: „St[olz] ist nach dem Anschluss Österreichs zuerst nach Paris und nach Beendigung des französischen Feldzugs nach USA emigriert. In Interviews, die in amerikanischen Zeitungen erschienen sind, erging er sich in wüsten Beschimpfungen des Führers und des Nationalsozialism us‘, sodass seine Ausbürg e- rung seitens des deutschen Konsulats in Boston beantragt wurde. Lt. Beschluss der Reichsmusikprü f- stelle vom 4.4.1941 ist die Verbreitung aller Kompositionen von Robert Stolz im gesamtdeutschen Bereich unerwünscht, da er sich durch Deutschland und den Nationalsozialismus verächtlichmachen- den [sic!] und herabwürdigenden [sic!] Interviews in amerik[anischen] Zeitungen ausserhalb der deutschen Volksgemeinschaft gestellt hat“ (Vermerk in Akte Robert Stolz der RKK/RMK, BArch Berlin, BDC, R 9361-V/83514). Wie Stolz in seinen Lebenserinnerungen beschrieb, war die Zeit im Pariser Exil für ihn keine leichte. Er traf dort immerhin auf seine fünfte Frau, Yvonne Louise Ulrich, genannt „Einzi“ (vgl. Semrau 2000, S. 120 ff.). In den USA reüssierte er mit Beiträgen zu Filmmusiken, die sogar Oskar -Nominierungen nach sich zogen (aber nicht entsprechend ausgezeichnet wu r- den). Seine eigenen Bühnenstücke, teils am Broadway in New York aufgeführt, blieben wei t- 380 gehend erfolglos. Nach Semrau habe Stolz in de n USA dennoch „einen wichtigen Beitrag zur Popularisierung der wienerischen Unterhaltungsmusik geleistet“ (Semrau 2007, S. 187). Im November 1946 kehrte Stolz nach Österreich zurück (über die – von Stolz aktiv geförderte – Legendenbildung hin zum „personif izierten Evergreen“ und „Walzerkönig“ vgl. Semrau 2007). Auf Entnazifizierungsunterlagen fanden sich in der Literatur keine Hinweise. Quellen: BArch Berlin, BDC, R 9361-V/83514 Literatur: Eidam, Klaus: Robert Stolz. Biographie eines Phänomens. Berlin 1989. Hager, Angelika: Wie österreichische Publikumslieblinge sich mit dem NS -Regime arrangierten. In: profil vom 23.02.2010 [ https://www.profil.at/home/wie-publikumslieblinge-ns-regime-262724], Z u- griff: 11.05.2017. Prieberg, Fred K.: Musik im NS-Staat. Frankfurt am Main 1982. Rathkolb, Oliver: Führertreu und gottbegnadet. Künstlereliten im Dritten Reich. Wien 1998. Semrau, Eugen: Robert Stolz. Sein Leben. Seine Musik. Salzburg/Wien/Frankfurt am Main 2002. Semrau, Eugen: Mehr als ein Leben. Konstruktion und Funk tion der Robert -Stolz-Legende. In: Scha l- ler, Wolfgang (Hrsg.): Operette unterm Hakenkreuz. Zwischen hoffähiger Kunst un d „Entartung“. Berlin 2007, S. 179-197. Stolz, Robert/Stolz, Einzi: Servus Du. Robert Stolz und sein Jahrhundert. München 1980. Weniger, Kay: „Es wird im Leben dir mehr genommen als gegeben ...“. Lexikon der aus Österreich emigrierten Filmschaffenden 1933 bis 1945. Eine Gesamtübersicht. Hamburg 2011. 381 Straubplatz (L-M 6), benannt 1983 nach Hans Straub (1899-1962) Vorsitzender des Siedlerbunds der Heimstättensiedlung * 24. Juni 1899 in Hausen an der Fils (Kreis Göppingen) Dreher bei der Firma Carl Schenk in Darmstadt 1926 Umzug von seiner Heimatgemeinde Hausen an der Fils nach Darmstadt, der Heimat seiner z u- künftigen Frau 1927 Heirat mit Katharina Zimmermann in Darmstadt 1938 Bezug des Siedlerhauses im Pulverweg 6 (Heimstättensiedlung Darmstadt-Süd) 19XX-1962 Vorsitzender (Gemeinschaftsleiter) des Siedlerbunds der Heimstättensiedlung Darmstadt - Süd Bis 1933 Mitglied der SPD und des Reichsbanners 1933-1945 Mitglied der DAF 1939-1945 Mitglied der NSV 1942-1945 Mitglied des RLB 1946 2. Vorsitzender des von ihm mitbegründeten „Landesverbands Hessischer Kleinsiedler e. V.“ 1949-1960 1. Vorsitzender des „Landesverbands Hessischer Kleinsiedler e. V.“ (ab 1954 „Deutscher Siedlerbund, Landesverband Hessen e.V.“) † 23. Oktober 1962 in Darmstadt Ehrungen: 1960 Ehrenvorsitzender des „Deutschen Siedlerbunds, Landesverband Hessen e.V.“ Wirken in der NS-Zeit Hans Straub, über lange Jahre Vorsitzender des Siedl erbunds der Heimstättensiedlung in Darmstadt, war während der NS-Zeit als (Eisen-)Dreher Angestellter der Firma Carl Schenck. Laut eigener Angaben im Zuge seines Entnazifizierungsverfahrens (HHStAW) war Hans Straub von 1933 an organisiert in der DAF, ab 19 39 in der NSV und ab 1942 im RLB. Im en t- sprechenden Meldebogen bezeichnete er sich als „ aktiv bis 1933 im Reichsbanner u[nd in der] SPD“. Im Januar 1947 wurde er als „Vom Gesetz nicht betroffen“ eingestuft. Unter A n- gaben zur Wehrmacht hatte er „entfällt“ n otiert; im Melderegister der Stadt Darmstadt fand sich unter dem Datum 19./24.7.45 der Eintrag „Ehemann kam vom Wehrdienst“ (StadtA DA). Straub war 1926 nach Darmstadt gezogen, in die Heimatstadt seiner zukünftigen Frau (Heirat mit Katharina Zimmermann 192 7). Seit 1938 war er Hausbesitzer im Pulverhäuserweg 6 (Heimstättensiedlung): I m nördlichen Teil des Pulverhäuserwegs wurden 1937/38 von der „Nassauischen Heimstätte “ Einfamilienhäuser gemäß dem Reichsheimstätte ngesetz erric h- tet und nach drei jähriger Bewährung den Siedl ern als Eigentum übergeben. Nach seiner e r- wähnten Rückkehr vom „Wehrdienst“ war Straub ebendort wieder wohnhaft gemeldet. 382 Hans Straub war bis zu seinem Tod 1962 Vorsitzender (Gemeinschaftsleiter) des Siedle r- bunds der Heimstättensiedlung Darms tadt-Süd. Nach dem Zweiten Weltkrieg fungierte er zugleich als Vorsitzender des „Landesverbands Hessischer Kleinsiedler e. V.“ (ab 1954 „Deu t- scher Siedlerbund, Landesverband Hessen e.V.“). Quellen: HHStAW, Abt. 520/Darmstadt-Zentral, Nr. 2051 (nur Meldebogen) HStAD, H 3 Nr. 45759 StadtA DA, Melderegister Literatur: Deutscher Siedlerbund, Landesverband Hessen e.V. (Hrsg.): Deutscher Siedlerbund, Landesverband Hessen e.V. 50 Jahre 1946 -1996. Jubiläumsschrift zum 50jährigen Bestehen des Landesverbandes. Oberursel 1996. Festschrift zur Feier des 25jährigen Bestehens der Hei mstättensiedlung Darmstadt -Süd 1932 -1957. Darmstadt 1957. 1932-1982. 50 Jahre Heimstättensiedlung. Darmstadt 1982. 383 Stühlingerweg (E 8), benannt 2004 nach Wilhelm Stühlinger (1906-1990) Pfarrer * 11. August 1906 in Reinheim 1917-1926 Besuch des Alten Realgymnasiums in Darmstadt (von Reinheim pendelnd, Abitur 1926) 1926-1933 Studium der Germanistik und Geschichte in Frankfurt am Main und Gießen, dann der Evangelischen Theologie an den Universit äten in Gießen, Heidelberg, Tübingen und Göttingen (dort I. Staatsexamen und Assistent seines Lehrers Prof. Carl Stange) 1933-1945 Mitglied der NSDAP Um 1934 Besuch des Predigerseminars in Friedberg und Lehrvikariat in Wöllstein (Rheinhessen) 1935 Ordination in der Mainzer Christuskirche 1935-1940 Pfarrverwalter der Evangelischen Kirchengemeinde in Bechtolsheim (Rheinhessen) 1935 Heirat mit Gertrud Bender (vier Kinder) 1940-1949 Pfarrer in Bechtolsheim (unterbrochen durch Kriegsdienst/Kriegsgefangenschaft) 1940-1945 Kriegsdienst (Luftwaffe, Wehrmachtspfarrer) und (französische) Kriegsgefangenschaft 1949-1973 Pfarrer der Evangelischen Michaelsgemeinde in Darmstadt 1949-1970 Vorsitzender des Evangelischen Bundes in Darmstadt 1952-1964 Mitglied der Synode der EKHN (laut anderer Angaben: 1949-1967) 1952-1958 Vorsitzender des Vorstands der „Vereinigten Martinsgemeinde“, Initiator mehrerer Ba u- maßnahmen (darunter Komplex Michaelskirche) 1952-1970 Dekan des Evangelischen Dekanats Darmstadt-Stadt Ab 1953 Mitglied im Verwaltungsrat des Hessischen Diakonievereins (Diakonie) 1954 unter den Erstunterzeichnern der Gründung der Gesellschaft für christlich -jüdische Zusammen- arbeit in Darmstadt 1973 Pfarrer im Ruhestand 1973-1976 Mitarbeit bei der Aktion „Essen auf Rädern“ in Darmstadt 1976-1978 vertretungsweise Pfarrdienst in der Evangelischen Petrusgemeinde in Darmstadt 1978-1979 vertretungsweise Pfarrdienst in der Evangelischen Auferstehungsgemeinde in Darmstadt - Arheilgen 1979-1987 Veröffentlichungen unter „ Erlebtes und Erlauschtes in Poesie und Prosa “ („Ernst und he i- ter und so weiter“ 1979, „Besinnliches und Fröhliches“ 1981, „Frisch, fromm, fröhlich, frei“ 1987) † 26. Oktober 1990 in Darmstadt Ehrungen: 1970 Silberne Verdienstplakette der Stadt Darmstadt 1976 Kronenkreuz in Gold des Diakonischen Werks 1987 Bundesverdienstkreuz 384 Wirken in der NS-Zeit Wilhelm Stühlinger, der seit 1949 als Pfarrer und später als Dekan in Darmstadt wirkte und vor allem in der Michaelsgemeinde Spuren hinterlassen hat, schloss in der NS -Zeit seine Ausbildung zum evangelischen Pfarrer ab und arbeitet als Gemeinde - und Kriegspfarrer. Stühlinger war seit 1933 Mitglied der NSDAP. Zu Beginn der NS-Zeit beendete Stühlinger sein Studium der Evangelischen Theologie in Gö t- tingen, wo er als Assistent seines Le hrers Prof. Carl Stange, eines konservativ -lutherischen Theologen, wirkte. Er besuchte anschließend das Predigerseminar in Friedberg (Oberhe s- sen), ging 1934 zum Abschluss seiner Ausbildung (Lehrvikariat) nach Wöllstein (Rheinhessen) und wurde im Mai 1935 i n der Christuskirche zu Mainz ordiniert. Daraufhin wechselte er zunächst als Pfarrverwalter, später als Pfarrer an die evangelische Kirchengemeinde im nahe gelegenen Bechtolsheim (Rheinhessen, heute wie Wöllstein Landkreis Alzey -Worms), wo er schließlich bis 1949 wirken sollte. Im November 1935 heiratete er Gertrud Bender. Unterbrochen wurde seine Tätigkeit als Gemeindepfarrer durch seinen Militärdienst im Zweiten Weltkrieg (zum Folgenden Deutsche Dienststelle [WASt], Personenrecherche): Stü h- linger war Anfa ng 1940 einem Truppenteil der Luftwaffe zugeordnet (laut Meldung vom 08.02.1940: Landesschützenkompanie 2/XII der Luftwaffe). Im Februar 1942 trat er von der „Flakhorst-Kompanie (E) Darmstadt“ in den „Stab Kriegslazarett -Abteilung (mot.) 607“ mit Einsatzraum Südrussland (Meldung vom 16.02.1942). Im November 1943 wurde als seine Dienststellung „Kriegspfarrer“ vermerkt (Meldung vom 05.11.1943; in welchem Zeitraum er als Kriegspfarrer tätig war, ist unklar). 1944/45 operierte sein Truppenteil (4./Kriegslazaret t- Abteilung [mot.] 607) am Oberrhein; laut Presseberichten nach 1945 geriet Stühlinger in französische Kriegsgefangenschaft, aus der er noch 1945 wieder nach Bechtolsheim zurüc k- kehrte. Wilhelm Stühlinger trat 1933, noch als Student in Göttingen, der NSDAP bei (Eintritt: 01.05.1933, Mitglieds -Nr.: 3185158, BArch Berlin, BDC, NSDAP -Mitgliederkartei; zwischen der Ortsgruppe Göttingen und der Ortsgruppe Bechtolsheim findet sich der Eintrag „Ort s- gruppe Friedberg Gau Schlesien“; dabei dürfte es sich um eine falsc he Gaubezeichnung han- deln, was der Besuch des Predigerseminars in Friedberg [Oberhessen] nahelegt). Nach 1945 gab Stühlinger an, dass er 1937 wegen seiner Tätigkeit für den Evangelischen Bund angezeigt worden sei und ab 1938 keinen Religionsunterricht mehr habe halten dürfen (Zentralarchiv der EKHN, Personalakte). Beide Angaben ließen sich nicht verifizieren, zumal das Protokollbuch der Evangelischen Kirchengemeinde Bechtolsheim nicht tradiert wurde: Laut Vermerk von Stühlinger im Protokollbuch nach 1945 la g das Buch seit Kriegsende nicht mehr vor (Auskunft von Pfarrer Markus Krieger, Bechtolsheim, vom 29.06.2017). Es ließen sich keine Entnazifizierungsdokumente zu Wilhelm Stühlinger recherchieren; eine Anfrage beim Staatsarchiv Koblenz, zuständig für Bechtolsheim, blieb ohne Ergebnis. Quellen: BArch Berlin, BDC, NSDAP-Mitgliederkartei 385 Deutsche Dienststelle (WASt), Personenrecherche Zentralarchiv der EKHN, Personalakte HStAD, R 12 P Nr. 6459 Evangelische Kirchengemeinden Bechtolsheim, Biebelnheim, Ensheim & Spiesheim StadtA DA, ST 61 Stühlinger, Wilhelm Literatur: Gunkel, Hermann: Stühlinger, Wilhelm. In: Stadtlexikon Darmstadt (2006), S. 903. Lange, Thomas: „… im weitesten Sinn all derer, die guten Willens sind“. Die ersten Jahrzehnte der GCJV Darmstadt. In: Ders./Triebel, Lothar (Hrsg.): „Geh nicht den alten Weg zurück!“ Festschrift zum sechzigjährigen Bestehen der Gesellschaft für Christlich -Jüdische Zusammenarbeit 1954 -2014, S. 17- 49. 386 Christine-Teusch-Weg (G 9), benannt 2001 nach Christine Teusch (1888-1968) Politikerin und Lehrerin * 11. Oktober 1888 in Köln-Ehrenfeld Katholische Schulbildung in Köln 1910 Lehrerinnenexamen 1910-1913 Oberlehrerin am Lyzeum Marienberg in Neuss 1913 Rektorenprüfung in Koblenz 1913-1917 im Schuldienst der Stadt Köln 1915-1917 Vorsitzende des „Katholischen Lehrerinnenvereins“ des Bezirksverbands Köln 1917 Beurlaubung von der Lehrtätigkeit: Leitung einer Nebenstelle für Frauenarbeit bei der Militä r- verwaltung in Essen (zuständig für Rüstungsarbeiterinnen) Seit 1918 Tätigkeiten in der katholischen Frauen- und Gewerkschaftsarbeit 1918 Verbandssekretärin des neu gegründeten Frauendezernats in der Kölner Zentrale des „Gesam t- verbandes der christlichen Gewerkschaften" 1919 Wahl in die verfassungsgebende Weimarer Nationalversammlung (als jüngstes Mitglied und als eine von sechs Frauen des Zentrums) 1920-1933 Mitglied des Reichstags für das Zentrum (Mitglied des Sozialpolitischen Ausschusses, als Schriftführerin berufen in das Präsidium des Reichstags) 1923-1965 Vorsitzende des Deutschen N ationalverbands der Katholischen Mädchenschutzvereine mit Sitz in Freiburg im Breisgau 1933-1936 Rückkehr in die Lehrtätigkeit nach Auflösung des Reichstags: Volksschullehrerin in Köln 1936 vorzeitige Pensionierung (offiziell aus gesundheitlichen Gründen) 1945 Mitglied der CDU (Landesvorstand Rheinland) 1946 Vorstandsmitglied der CDU in der britischen Besatzungszone 1946 „Die christliche Frau im politischen Zeitgeschehen“ 1946/47-1966 Landtagsabgeordnete in NRW 1947-1954 Kultusministerin von NRW (als zweite Frau in Deutschland Ministerin auf Landesebene) 1953 Leitung der Kultusministerkonferenz Mitbegründerin der „Studi enstiftung des Deutschen Volkes“ , des „Deutschen Akademischen Au s- tauschdienstes“ sowie der „Forschungsgemeinschaft der deutschen Wissenschaft“ † 24. Oktober 1968 in Köln Ehrungen: 1954 Ehrensenator[in] der RWTH Aachen 1956 Großes Verdienstkreuz mit Stern und Schulterband der BRD (als erste Frau) 1963 Ehrenbürgerin der Universität Köln Benennung zahlreicher Straßen und Plätze (insbesondere in NRW) 387 Wirken in der NS-Zeit Christine Teusch, über Jahrzehnte in der katholischen Frauen - und Gewerkschaftsarbeit täti- ge Politikerin und Lehrerin, erste Kultusministerin Nordrhein -Westfalens (1947-1954), muss- te während der NS -Zeit ihre politische Arbeit als R eichstagsabgeordnete aufgeben, war aber weiter im karitativen Bereich tätig. Die folgenden Informationen stützen sich weitgehend auf die „politische Biografie“ zu Chri s- tine Teusch, die 2014 von Kathrin Zehender auf Basis einer Dissertation erschien. Zehend er hatte noch die Gelegenheit, den Nachlass von Teusch im Historischen Archiv der Stadt Köln auszuwerten, bevor dieser nach dem Einsturz des Gebäudes 2009 zu großen Teilen zerstört wurde bzw. bis heute nicht mehr zugänglich ist. Teusch war seit Bestehen de s Reichstags 1920 dessen Mitglied für das Zentrum, die Partei des politischen Katholizismus‘. Sie engagierte sich besonders in sozialpolitischen Fragen, war Mitglied des Sozialpolitischen Ausschusses (stellvertretende Vorsitzende) und als Schriftfü h- rerin berufen in das Präsidium des Reichstags. Sie konnte ihr Mandat bis zuletzt behaupten, wurde sogar am 21. März 1933 nochmals als Schriftführerin in das Präsidium des Reichstags gewählt. Bei der Abstimmung über das umstrittene „Ermächtigungsgesetz“ soll sie i ntern dagegen votiert haben, schloss sich dann aber – wie alle ihre Parteikollegen – der Mehrheit innerhalb der Fraktion an, die schließlich geschlossen dafür stimmte. Nach der Gleichschaltung des Reichstags durch das NS -Regime und der erzwungenen Selbs t- auflösung der Zentrumspartei im Juli 1933 war Christine Teuschs politische Karriere zunächst beendet – und eine für sie schwierige Zeit begann, wie ihre Biografin konstatierte: „Das Dritte Reich wurde für Christine Teusch zur Leidenszeit. Das Ende des politi schen Katholizismus, die Verfolgung von Katholiken, insbesondere der Beamten, und die massiven Einschränkungen in der katholischen Verbandsarbeit waren für sie nur schwer zu verkrafte n. Auch persönlich erging es ihr nicht gut. Sie musste Verhöre, Hausdurch suchungen und Drohungen des NS -Regimes ertragen. All dies zehrte an ihrer Gesundheit, um die es schon in den 1920er Jahren nicht gut bestellt war“ (Z e- hender, S. 95). Anfang April 1933 erreichte Teusch ein Schreiben, das ihre Wiedereinberufung in den Kölner Schuldienst in Aussicht stellte, da der Reichstag „bis auf weiteres beurlaubt“ sei (Zehnder, S. 95). Laut des Schreibens war ihr Dienstantritt für Herbst 1933 avisiert; in persönlichen Aufzeichnungen fanden sich bereits vor den Sommerferien Einträge, die auf Tätigkeiten im schulischen Lehrbetrieb verwiesen. In ihrem Nachlass fanden sich zudem zahlreiche Kran k- meldungen dokumentiert, teils über längere Zeiträume. Im Frühjahr 1934 musste Teusch Durchsuchungen erdulden (zeitlebens unverheiratet, lebte sie zusa mmen mit ihrer Zwillings- schwester Käthe in einer Wohnung in Köln -Ehrenfeld) sowie Verhöre seitens der Gestapo ertragen. Daraufhin wurde sie in den Kölner Vorort Worringen (straf -)versetzt, konnte aber über den Kontakt zu einer Schulrätin eine Rückversetzun g in ihren Heimat -Stadtteil Köln - Ehrenfeld erwirken (Juni 1934). „Als prominente Vertreterin des politischen Katholizismus und bekannte Verfechterin der Weimarer Republik war Teusch von Anfang an dem Terror des NS-Regimes ausgesetzt“, resümierte Zehnder na ch Studium des Teusch’chen Nachlasses 388 (S. 96). In Folge wiederholter Krankmeldungen bzw. Kuraufenthalte und einer amtsärztlichen Untersuchung (Herbst 1935) wurde Teusch schließlich zum 1. Juni 1936 wegen Dienstunf ä- higkeit in den vorzeitigen Ruhestand versetzt (im Alter von 47 Jahren). Kathrin Zehender äußerte Zweifel daran, dass Teuschs schlechter Gesundheitszustand allein für die Dienstunfähigkeit verantwortlich zu machen sei (S. 98, 103). Sie begründete ihre Zweifel mit der regen Arbeits - und Reisetätigkeit, die Teusch auch weiterhin etwa im Ra h- men ihrer Funktionen als Vorsitzende des Deutschen Nationalverband s der Katholischen Mä d- chenschutzvereine und anderer katholischer Verbände wahrnahm (belegbar anhand von Kale n- dereintragungen). Daher könne auch von „ innerer Emigration“ und einem völlig zurückgez o- genen Leben Teuschs, wie in der Literatur wiederholt zu lesen ist (exemplarisch Eich, S. 85; Morsey, S. 205), nicht die Rede sein. Trotz einschneidender Maßnahmen seitens des NS - Regimes gegen die katholische V erbandsarbeit zugunsten von NS -Organisationen (dem Mädchenschutz wurden etwa Stellenvermittlungen untersagt, die Bahnhofsmission aufg e- löst, ebenso weitere katholische Verbände), blieb Teusch in führender Funktion intensiv in die Arbeit etwa des Mädchenschu tzes involviert. Zu ihrem engen Kreis an Bezugspersonen (zu denen sie teils über die gesamte NS -Zeit in regelmäßigem Kontakt stand) gehörten auch Personen des (katholischen) Widerstands gegen das NS -System. Es ließe sich daraus alle r- dings kein aktiver Widerstand gegen das NS-Regime rekonstruieren: „Weder die erschwerten Bedingungen durch die NS-Herrschaft noch Drohungen, Verfolgung oder die Kriegswirren konnten Christine Teusch daran hindern, sämtliche Kontakte innerhalb des Verbandsk a- tholizismus aufrecht z u erhalten und nach wie vor reichsweit tätig zu sein. Dabei ging es primär d a- rum, die katholischen Verbände im Nationalsozialismus, aber nicht etwa gegen ihn zu erhalten. So leistete Teusch in erster Linie ‚passiven Widerstand‘. Mit katholischen Widerstand skreisen stand sie allenfalls indirekt über dessen Mitglieder in Kontakt“ (Zehender, S. 99, Hervorhebung im Original; vgl. auch Lauterer, S. 245 f.). Selbst während des Krieges wurden Konferenzen und Tagungen abgehalten , an deren Pl a- nung und Durchführung Teusch beteiligt war. Gemeinsam mit ihrer Schwester Käthe reiste Teusch während der Kriegszeit zu teils längeren Erholungsaufenthalten, etwa nach Heigenbrücken (Spessart), St. Peter (Schwarzwald), Si m- pelveld (Niederlande), Prüm (Eifel) und Reit im Winkel. H äufig hielt sie sich vor Ort in kirchl i- chen Einrichtungen auf (Klöstern etc.) , wo sie als ehemalige Zentrumspolitikerin und Vo r- standsmitglied unterschiedlicher katholischer Verbände gern gesehen war. Die let zten Kriegsmonate verbrachte Teusch im Karolinen -Hospital in Neheim -Hüsten. Der Grund für den Aufenthalt ist in der Literatur umstritten (vgl. Zehender, S. 111 f.; Lauterer, S. 246 f.): Sie soll dort mit ihrer Zwillingsschwester nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 u n- tergetaucht sein; es gibt auch Hinweis e (Briefe und Berichte Dritter) die nahe legen, dass Teusch dort zumindest die letzte Zeit vor Kriegsende in sogenannter „Schutzhaft“ verbrac h- te, ja sogar von der SS umgebracht werden sollte . Andere Autoren gehen hingegen davon aus, Teusch habe sich nicht aufgrund politischer Verfolgung nach Neheim -Hüsten begeben, sondern da sich ihre Schwester (bei einem Bombenangriff auf Köln verletzt) im dortigen 389 Hospital zur Genesung aufhielt. Teusch habe demnach ihren Aufenthalt erst nach 19 45 ent- sprechend umgedeutet: „Auch kann von einer Verhaftung, wie sie bei Sozialdemokratinnen und Kommunistinnen schon 1933 gang und gäbe war, keine Rede sein. Teusch stellte später ihr Leben in der beschützenden Klausur des Franziskanerklosters sinnentstellend als Schutzhaft dar. Diese Stilisierung korrespondiert mit dem angeblichen Mordversuch der SS unmittelbar vor dem Einmarsch der Amerikaner […] “ (Lauterer, S. 246 f., Hervorhebung im Original). Christine Teuschs Entnazifizierungsakte liegt im Landesarchiv Nordrhein -Westfalen vor [ bis- lang nicht eingesehen]. Quellen: Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abt. Rheinland, Bestand NW 1049 (Hauptausschuss Regierung s- bezirk Köln) Nr. 18438 [NICHT eingesehen] Literatur: Eich, Klaus-Peter: Schulpolitik in Nordrhein-Westfalen 1945-1954. Düsseldorf 1987. Küppers, Heinrich: Christine Teusch. In: Heyen, Franz -Josef (Hrsg.): Rheinische Lebensbilder. Köln 1997, S. 197-215. Morsey, Rudolf: Christine Teusch (1888-1968). In: Fürst, Walter (Hrsg.): Aus dreißig Jahren. Rheinisch- Westfälische Politikerporträts. Köln 1979, S. 202-209. Lauterer, Heide -Marie: Parlamentarierinnen in Deutschland 1918/19 -1949. Königstein im Taunus 2002. Zehender, Kathrin: Christine Teusch. Eine politische Biografie. Düsseldorf 2014. 390 Thießweg (J 9), benannt 1981 nach Frank Thiess (1890-1977) Schriftsteller * 13. März 1890 auf Gut Eluisenstein bei Uexküll (in der Nähe von Riga, heute Lettland) 1893 Emigration der Familie nach Berlin Schulzeit in Berlin (mehrfacher Schulwechsel) und Aschersleben Studium der Germanistik, Geschichte und Philosophie in Berlin und Tübingen 1913/14 Promotion, „Die Stellung der Schwaben zu Goethe“ 1915 im April kurzzeitiger Einzug als Armierungssoldat an die Ostfront, bereits im Mai „untauglich“ entlassen 1915 Heirat mit einer Lehrerin (Trennung 1919) 1916-1919 Redaktionsassistenz beim Berliner Tagblatt sowie weitere journalistische und schriftstelle- rische Tätigkeiten 1919/20 Aufenthalt in München, Mittenwald und Berlin 1920/21 Dramaturg an der Volksbühne in Stuttgart 1921 „Der Tod von Falern“ (Romandebut) 1921-1923 Theaterkritiker beim „Hannoverschen Anzeiger“ 1922 Heirat mit Florence Losey (zweite Ehe) Seit 1923 freier Schriftsteller in Berlin und am Steinhuder Meer 1923 „Die Verdammten“ 1924-1931 Romanzyklus „Jugend“ („Der Leibhaftige“, „Das Tor zur Welt“, „Abschied vom Paradies“, „Der Zentaur“) 1927 „Frauenraub“ 1933 „Die Verdammten“ und „Frauenraub“ auf „Lister der unerwünschten Literatur“ 1933 „Johanna und Esther“ 1934 „Der Weg zu Isabelle“ (verfilmt 1939 unter dem Titel „Der Weg zu Isabel“) 1935 „Der ewige Taugenichts“ (Bühnenstück) 1936 „Tsushima“ 1937 „Stürmischer Frühling“ 1938-1945 Tätigkeiten wie Drehbücher für UFA-Filmproduktionen 1941 „Das Reich der Dämonen“ 1941 Heirat mit Yvonne de Juge (dritte Ehe) in Rom (ein Kind) 1942/1946 Doppelroman über Caruso: „Neapolitanische Legende“ und „Caruso in Sorrent“ 1944 Geburt der Tochter Irene in Wien 1945-1952 Aufenthalt in Bremen(-Oberneuland) 1945 sogenannte „große Kontroverse“ mit Thomas Mann über die „innere Emigration“ 391 1947-1975 umfangreiches literarisches Werk 1950 Vizepräsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung 1952 Umzug nach Darmstadt, wo er bis zu seinem Tod lebte und wirkte 1952-1953 Herausgeber der Zeitschrift „Neue Literarische Welt“ 1955 Vizepräsident der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz, Leiter der Liter a- turklasse † 22. Dezember 1977 in Darmstadt Ehrungen: 1950 Ehrenmitglied des Schutzverbands deutscher Autoren 1955 Großes Verdienstkreuz der BRD 1955 Johann-Heinrich-Merck-Ehrung der Stadt Darmstadt (erster Träger) 1960 Silberne Verdienstplakette der Stadt Darmstadt 1961 Großes Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich 1968 Goethe-Plakette des Landes Hessen 1968 Konrad-Adenauer-Preis Wirken in der NS-Zeit Frank Thiess, Schriftsteller und „Drahtzieher im Literaturbetrieb“, der von 1952 bis zu seinem Tod 1977 in Darmstadt lebte, wirkte in der NS -Zeit einerseits als Autor sehr erfolgreicher (in hoher Auflage veröffentlichter) Bücher, der zumindest anfangs versuchte, seine Arbeit dem NS-Regime anzupassen bzw. Kontakte zu seinen Gunsten zu nutzen, andererseits waren ei n- zelne seiner Werke verboten, manche konnten als regimekritisch gelesen werden. Thiess war in der Nachkriegszeit umstritten und geriet aufgrund von Veröffentlichungen in den 1960er Jahren erneut in die Kritik. „In der Tat handelt es sich bei Thiess‘ antibolschewistischen, antidemokratischen, elitären und org a- nisch geprägten Vorstellungen sowie seinem Bekenntnis zur christlich -abendländischen, humanisti- schen Tradition um konservativ -revolutionäres Gedankengut“ (Wolf, S. 308, in Bezug auf Thiess‘ R o- man „Das Reich der Dämonen“, annähernd Wortgleich schon Westenfelder, S. 286). Die (Forschungs-)Literatur zum Autor Frank Thiess und zu dessen Wirken in der NS -Zeit ist umfangreich wie uneinheitlich: De utungen schwanken von (verdecktem) Widerstand gegen das NS-Regime bis hin zu dessen offensichtlicher Unterstützung. Yvonne Wolf stellte in ihrer Dissertation zu „Frank Thiess und der Nationalsozialismus“ in den „historischen Werken“ des Autors (auf deren U ntersuchung ihre Analyse basierte) ein „ambivalentes Changieren zw i- schen völkisch -nationalen und NS -kritischen Positionen“ fest (Wolf, S. 9). Helmut Böttiger, der sowohl den Nachlass von Frank Thiess in der ULB auswertete (Stand: 2009) wie Dok u- mente im Deu tschen Literaturarchiv in Marbach (darunter Thiess‘ Tagebuch aus dem Jahr 1945) kam zu folgendem Schluss: „Es fällt auf, dass die Grundlinien des Thiess’schen Denkens immer dieselben bleiben, ob in der We i- marer Republik, dem ‚Dritten Reich‘ oder in der Nac hkriegszeit und in der Bundesrepublik: Immer 392 geht es um das aristokratische Prinzip des ‚Geistes‘, der eine Führungsrolle übernehmen soll, und um eine Beschwörung der Gefahr, die von der Masse ausgeht“ (Böttiger, S. 32). Thiess ließe sich zu den Anhängern einer „konservativen Revolution“ zählen, die während der Weimarer Republik die parlamentarische Demokratie vehement ablehnten und in gewi s- ser Weise dem Nationalsozialismus den Weg ebneten. Er war aber weder Mitglied der NSDAP noch schien er deren Auftreten zu goutieren: „Doch die Nazis, die konkrete Ausformung der völkisch -antidemokratischen Strömungen der Weima- rer Zeit, waren Thiess durchaus unsympathisch. Seine Haltung war zu elitär für die kleinbürgerlich - pöbelhaften Massen und die krakeelenden NSDAP -Funktionäre, er fühlte sich von ihnen abgestoßen. Das ‚Geistige‘, die ‚deutsche Kultur‘ waren für ihn die obersten Werte“ (Böttiger, S. 16). Es ließen sich aber durchaus Belege dafür auffinden, dass Thiess zumindest bis 1936 Mittel und Wege zu finden suchte (und auch fand), um weiterhin schriftstellerisch tätig zu sein bzw. publiziert werden zu dürfen – und dabei zu (ausformulierten) Konzessionen an das NS - Regime bereit war. Als Beispiel, das auch in der Literatur häufig genannt wurde, dient das von Frank Thie ss ver- fasste Vorwort zur 1933 erschienen Neuauflage seines 1924 publizierten Romans „Der Lei b- haftige“, erster Band seines Romanzyklus‘ „Jugend“ (in der Neuauflage S. 9-15, Vorwort zur „vom Dichter durchgesehenen Sonderausgabe“ in Auszügen auch bei Loewy, S . 199 f.). Darin deutete Thiess den Text in unterschiedlichen Dimensionen als anknüpfungsfähig an den N a- tionalsozialismus, gab nachträglich denjenigen Recht, die ihn als „antisemitischen Roman“ lasen (vgl. auch Deppert, S. 919) und rief dazu auf, „mit ausg ekehrtem Herzen in ein neues Zeitalter aufzubrechen!“. Von der Kritik (vgl. etwa Grimm, S. 44), so ist in der Literatur zu lesen, sei stets übersehen worden, dass der Verlag Zsolnay das Vorwort initiiert und Thiess „offenbar nolens volens mitgespielt“ habe , um weiter veröffentlichen zu dürfen (Ange r- mann, S. 249 und 260, Zitat S. 260, beim Sachverhalt rekurrierend auf Wolf, S. 4). Thiess selbst allerdings nannte in einem Brief an Staatsrat Hans Hinkel vom Oktober 1934 „Die Leibhaftigen“ als einen jener Roman e, aufgrund derer er sich „den unauslöschlichen Hass der jüdischen Literatenschaft und der jüdischen Presse zugezogen hatte, während sie z u- gleich in ihrer Art als geistige Wegbereiter des neuen Deutschlan d ihre Aufgabe erfüllen durften“: „Ich habe 1924 im ‚Leibhaftigen‘ im ersten Zeitroman der Nachkriegsliteratur so rücksichtslos die Mechanisierung und Verjudung des deutschen Denkens dargestellt, dass ich mir damit fast die g e- samte Linkspresse zu entrüsteten Feinden machte“ (beide Zitate 26.10.1934, Frank T hiess, an Staats- rat Hans Hinkel, BArch Berlin, BDC, R 9361-V/11407). Die „unverwechselbare Deutschheit“ seiner Bücher, so Thiess weiter, sei über die Grenzen des „Dritten Reichs“ wahrgenommen und erkannt worden: „Diese Bücher hatten zur Folge, dass man mic h als typischen Vertreter des neuen Deutschland zu Vorträgen ins Ausland rief, wo ich mehr als irgend ein anderer für das Verstehen des nationalsoziali s- tischen Gedankengutes wirken konnte“ (26.10.1934, Frank Thiess, an Staatsrat Hans Hinkel, BArch Berlin, BDC, R 9361-V/11407). 393 Mehrfach wandte sich Thiess bei Problemen an Staatsrat/Staatskommissar Hans Hinkel (vgl. Dokumente in RKK-Akte Thiess, BArch Berlin, BDC, R 9361-V/11407 sowie im Deutschen Lite- raturarchiv in Marbach, vgl. zu Letzteren Böttiger, S. 17), wiederholt setzte sich Hinkel (e r- folgreich) für den Autor ein. Mit einem Brief vom 30. Januar 1936 bedankte sich Thiess bei Hinkel dafür, dass dieser „schon soviel Gutes für mich getan“ habe und bat erneut um Unter- stützung, diesmal hinsichtlich der noch nicht endgültig genehmigten Aufführung eines Bü h- nenstücks („Der ewige Taugenichts“). Hans Hinkel, seit 1933 Reichsorganisationsleiter des Kampfbundes für deutsche Kultur und Dritter Geschäftsführer der Reichskulturkammer , war zu der Zeit im Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda als Sonderbeauftra g- ter für „Kulturpersonalien“ zuständig („Sonde rreferat Hinkel – Judenfragen“) und zeichnete damit maßgeblich für die „Entjudung“ des deutschen Kulturbetriebs verantwortlich. Wenngleich zwei von Thiess ‘ Werken 1933 auf die „Liste der unerwünschten Literatur“ g e- setzt worden waren („Die Verdammten“ und „Frauenraub“), ist „ein Totalverbot der Werke von Thiess […] nicht ergangen und auch nicht zur Durchführung gelangt“ (05.09.1935, [R u- dolf] Erckmann an Staa tskommissar Hinkel, im Haus [ Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda ], BArch Berlin, BDC, R 9361 -V/11407). Die Reichsstelle zur Förderung des deutschen Schrifttums sah Thiess offensichtlich kritisch; laut Hinkel hatte sie ein Totalverbot dessen Werks angestrebt. Thiess‘ Publikationen wurden aber von Fall zu Fall geprüft, wie es hieß, und es gab zunächst keine Beanstandungen bezüglich der nach 1933 verfassten Texte. Zumindest für eine Förderung von Thiess sahen allerdings auch andere NS -Stellen keinen Grund: „Ein Anlaß zur Förderung von Thiess bestand auf der anderen Seite nicht, da seine Probleme, seine Darstellungen und seine Diktion so stark den Charakter des individualistischen liberalen Zeitalters tragen, daß er nicht als einer der vorwärtsw eisenden Autoren angesehen werden kann“ (05.09.1935, [Rudolf] Erckmann an Staatskommissar Hinkel, BArch Berlin, BDC, R 9361-V/11407). In seinem bereits erwähnten Schreiben an Hans Hinkel vom Oktober 1934 begründete Thiess gegenüber dem Staatskommissar auch seine Nicht-Mitgliedschaft in der NSDAP: „Um endlich auch die negativen Seite[n] dieser Angelegenheit zu berühren, so lag der Grund, der mich verhinderte, in die Partei einzutreten, lediglich darin, dass ich seit 1920 öffentlich gegen das Parteiensystem a ls solches Stellung genommen hatte und einen Mangel an Folgerichtigkeit darin erblickte, in die NSDAP einzutreten, so lange sie sich ‚Partei‘ nannte. Dazu kam, dass die Bildung der Harzburger Front mich plötzlich ein Zusammengehen mit der Reaktion fürchten liess, wogegen ich große Bedenken hatte. Dass dem Führer trotzdem das grosse politisch -taktische Manöver ohne Preisgabe seiner Ziele gelang, darf uns heute nicht veranlassen, die, welche einst darum bangten, als Gegner abzulehnen“ (26.10.1934, Frank Thies s, an Staatsrat Hans Hinkel, BArch Berlin, BDC, R 9361 - V/11407). Thiess konnte 1936 den Roman „Tsushima“ über den russisch -japanischen Seekrieg 1905 veröffentlichen – der schließlich in hunderttausender Auflage publiziert und zum größten Verkaufserfolg für Thiess überhaupt wurde –, „kein faschistisches oder nationalsozialist i- sches Buch, doch ein Werk, das die beiden unter dem Nationalsozialismus protegierten Ge n- res des historischen und des Kriegsromans in sich vereinte“ und den Anforderungen des 394 Marktes genügte (Wolf, S. 184, ausführlich dazu S. 125-185). Reinhold Grimm vertrat 1972 die Auffassung, dass zumindest dieser Roman keineswegs als Beitrag zur „inneren Emigrat i- on“ gelesen werden könnte (Grimm, S. 45 f.). In der Literatur ebenfalls umfangreich diskut iert wurde Thiess‘ 1939 begonnener und 1941 veröffentlichter Roman „Das Reich der Dämonen“ (etwa Wolf, S. 186-308, Helbig 2000, He l- big 2005, S. 143-148, Angermann, S. 251 f.). Er wurde teils als „sehr bedeutendes Werk der literarischen ‚Inneren Emigration‘ “ bewertet (Angermann, S. 252), das einen „erheblichen Grad an Oppositionsgeist offenbaren“ würde (Helbig 2005, S. 146). Häufig wurde in der Lit e- ratur darauf verwiesen, dass das Werk, dessen erste Auflage rasch vergriffen war, vom NS - Regime schließlich verboten wurde (so etwa Loewy, S. 325). Marcus Hajduk hingegen vertrat die These, das Buch sei nie verboten, sondern lediglich ein Besprechungsverbot durch das Amt Rosenberg ausgesprochen worden – das wiederum auch nur einen Monat währte (Hajduk, S. 396). Thiess selbst habe, so Hajduk unter Berufung auf Barbian (Barbian, S. 413), in seiner Selbstinszenierung als Opfer des NS -Regimes das Verbot in die Welt gesetzt. Als erwiesen erscheint zumindest, dass das Werk nicht – wie Thiess behauptete – „prompt nach Erscheinen des Werkes“ verboten wurde (Thiess 1972, S. 133). Thiess hatte den Roman sp ä- ter als „Geschichtswerk des Widerstands“ bezeichnet (Thiess 1972, S. 135). Louis Ferdinand Helbig kam am Ende seiner ausführlichen Erörterungen (Helbig 2000) zu folgendem Schluss: „Sein Roman ‚Das Reich der Dämonen‘ verdient das Prädikat ‚Geschichtswerk des Widerstands‘ und er als Schöpfer Anerkennung dafür, die Notwendigkeit zum Widerstand bewußt gemacht zu haben, denn geistiger Widerstand beginnt stets mit Bewußtsein“ (Helbig 2000, S. 126). Andere Autoren urteilten zurückhaltender, da in besagtem Werk kein Aufruf zum Wide r- stand gegen ein – wie auch immer geartetes – Unrechtssystem zu lesen sei (vgl. etwa We s- tenfelder, S. 280-288). Grimm machte darauf aufmerksam, dass viele d erjenigen Stellen, die tatsächlich als „regimekritisch“ angesehen werden könnten, erst in den Auflagen nach 1945 eingefügt wurden, nicht aber in den ersten beiden Auflagen zu finden waren („1. -10. Ts.“ und „10.-31. Ts.“), welche in der NS-Zeit erschienen (Grimm, S. 43). Norbert Angermann, emeritierter Professor für Osteuropäische Geschichte und ausgewies e- ner Fachmann für die mittelalterliche Geschichte des Baltikums, der sich 2008 in seinem Au f- satz „Frank Thiess und der Nationalsozialismus “ mit dem Wirken v on Thiess in der NS -Zeit auseinandersetzte, bewertete „Das Reich der Dämonen“ ebenfalls als „regimekritisch“. A n- germann gelangte nach der Auswertung umfangreichen Quellenmaterials (darunter der Thiess’sche Nachlass in der ULB Darmstadt) zu folgender Beurteilung: „Als Ergebnis der vorliegenden Materialzusammenstellung kann aber festgehalten werden, daß Thiess das nationalsozialistische Regime entschieden ablehnte. Dieses Bild läßt sich auch durch Publ i- kationen aus der Nachkriegszeit bestätigen, in denen der Autor immer wieder seinen Abscheu vor Hitler und dessen Schergen zum Ausdruck bringt“ (Angermann, S. 255). Angermann, der auch andere Romane von Thiess als „regimekritisch“ deutete, verwies unter anderem auf das maschinenschriftliche, unveröffentlichte Man uskript „Wie war es mö g- lich?“ aus dem Nachlass Frank Thiess der ULB Darmstadt (undatiert, vermutlich gegen 395 Kriegsende verfasst), in dem Thiess auf die totalitäre Kontrolle während des „Dritten Reichs“ verwies und damit in gewisser Weise auch seine „Flucht“ in die „innere Emigration“ legit i- mierte (vgl. ausführlicher Angermann, S. 255 f.). – Kürzlich gelangten neue Quellen in den Nachlass der ULB (der derzeit neu verzeichnet wird), darunter Tagebücher von Frank Thiess aus den 1930er Jahren. Norbert Angermann fand nach Auswertung der Tagebücher aus den Jahren 1933-1935 sich in seiner früheren Beurteilung von Frank Thiess‘ Einstellung zum N a- tionalsozialismus bestätigt: Anfangs habe Thiess die „klaren Verhältnisse“ nach der „Mach t- ergreifung“ zwar begrüßt, doch no ch 1933 (und in der Folgezeit verstärkt) habe er sich in den Tagebüchern deutlich kritisch gegenüber dem NS -Regime geäußert (laut Gespräch mit Norbert Angermann am 11.06.2017 in Darmstadt). Eine kritische Auswertung des erweite r- ten Nachlasses steht noch aus. Auf den ersten Blick überraschend erscheint, dass Thiess gleichzeitig mit so unterschiedl i- chen Personen wie dem Philosophen Hermann Graf Keyserling und dem Monarchisten Fried- rich Reck -Malleczewen befreundet war sowie mit dem l inken Revolutionär Kurt Hil ler; es verbanden die Genannten mit Thiess „die gemeinsamen vitalistischen und aristokratischen Züge“ (so Böttiger, S. 18). Am verblüffendsten aus heutiger Sicht erscheint jedoch die lang- jährige und intensive Freundschaft mit dem jüdischen Schriftsteller H ermann Broch, in dem Thiess nach 1945 fraglos einen integren Fürsprecher hatte. Broch, der sich 1938 zur Emigr a- tion aus Österreich (über Großbritannien in die USA) gezwungen sah, stand mit Thiess bis 1938 und dann wieder ab 1948 in regem Briefkontakt (groß e Teile in ULB Darmstadt, Nac h- lass Frank Thiess). Der überlieferte Briefwechsel (rund 200 Briefe) gibt Aufschluss darüber, wie sich Thiess gegenüber Broch – der die Machtübernahme der Nationalsozialisten von B e- ginn an als Katastrophe wahrnahm – zum NS-Regime äußerte: „Die deutsche Situation sehe ich nicht so verzweifelt an wie sie. Sie werden sich auch darüber klar sein, dass rein politisch gesehen ein großer Fortschritt dadurch zustande gebracht wurde, dass en d- lich klare Verhältnisse, scharf akzentuierte F ronten geschaffen worden sind. Den Weg des radikalen Nationalstaates mussten wir gehen, nachdem die deutschen Kommunisten dumm genug gewesen sind, die Zeichen der Zeit nicht zu begreifen und starr bei ihrem Parteischema und den Dogmen der III. Internationalen blieben“ (Brief von Thiess an Broch vom 18.03.1933, zitiert nach Böttiger, S. 20). Spätere Briefe können als Hinweis darauf gelesen werden, dass Thiess dem Nationalsozi a- lismus ablehnend gegenüberstand: „Ich mache mir gewiss keine Illusionen über das, w as Österreich heute ist und nach der ganzen Wel t- lage heute sein kann, aber ich weiß Sie dort und ein paar andere Menschen, die mir lieb sind, zu all e- dem ist die Luft bei Euch, wie ungesund Ihr sie auch mit Recht empfinden mögt, nicht mit diesen Miasmen der Verlogenheit, der Angst und des Hasses geladen und allein durch die Tatsache offener Grenzen nach allen Ländern frischer als bei uns, wo man es tageweise kaum noch zu ertragen ve r- mag“ (Brief von Thiess an Broc h vom 13.01.1935, ULB Darmstadt, Nachlass Thie ss, zitiert nach Bötti- ger, S. 21, Hervorhebung im Original). Als intimer Kenner des genannten Briefwechsels kann Paul Michael Lützeler angesehen we r- den, Rosa May Distinguished Univers ity Professor in the Humanities sowie Direktor des Max Kade Center for Co ntemporary German Literature (Washington University in St. Louis), de s- 396 sen ausführlich kommentierte Publikation des Briefwechsels noch 2017 erscheinen soll (Wallstein-Verlag Göttingen). Lützeler bewertete das Verhältnis zwischen Thiess und Broch – auf Anfrage – wie folgt: „Es entwickelte sich bald eine wirkliche Freundschaft, und Thiess blieb der denkbar beste Berater und gleichzeitig kritische Leser Brochs bis 1938, als Broch, da er Jude war, ins Exil gehen musste. In den für Broch ausgesprochen schwierigen Monaten zwischen März und Juli 1938 blieb Thiess ein treuer Freund und schickte ihm auf Bitten Brochs hin auch das Manuskript seines antifaschistischen Romans ‚Die Verzauberung‘ über die Schweiz nach England nach. Broch gehörte zu einer Reihe von jüdische n Freunden von Frank Thiess, aber mit keinem blieb er so eng befreundet wie mit Broch. Als nach dem Krieg Thiess als Gefolgsmann der Nazis bezeichnet wurde, veröffentlichte Broch 1948 sowohl in der New Yorker Exilzeitschrift ‚Aufbau. Reconstruction‘ [vgl. Böttiger, S. 22] wie auch in der ‚Hamburger Akademischen Rundschau‘ eine ‚Erklärung‘, in der er betonte, dass er Frank Thiess immer nur als Verächter der Nationalsozialisten gekannt habe, und dass – anders als viele sog. ‚Arier‘ – Thiess ihm auch vor der F lucht nach England 1938 geholfen habe“ (E -Mail von Paul Michael Lützeler vom 14.06.2017). Als weiteres Indiz für die Ablehnung nationalsozialistischen Gedankenguts wertete Lützeler (wie andere Autoren auch) die Tatsache, dass Thiess 1932 den jüdischen Verl eger Paul Zsol- nay wählte und im Zsolnay -Verlag auch nach 1933 publizierte. Von Paul Zsolnay, dem Thiess freundschaftlich verbunden blieb, liegt denn auch ein Leumundsschreiben für Frank Thiess von September 1945 vor, in dem der Verfasser seine Überzeugung zum Ausdruck brachte, dass Thiess („mein intimer Freund“) „die Nazis und alles, wofür sie eintraten, hasste“ (23.09.1945, Paul Zsolnay, London, an Herrn Stier tom Moehlen, Staatsarchiv Bremen, Nach- lass Senator a. D. Hermann Wolters 7, 143-58). Thiess hielt sich seit 1923 hauptsächlich in Berlin und am Steinhuder Meer auf. Während der NS-Zeit wechselte er häufiger seinen Aufenthaltsort; sein Landgut am Steinhuder Meer ve r- kaufte er 1936 (laut Angermann aufgrund „finanzieller Schwierigkeiten“, S. 249), er hielt sich zeitweise in Österreich auf, zwischenzeitlich auch in Italien (Loewy, S. 325). Im Oktober 1941 heiratete er in Rom (in seiner dritten Ehe) Yvonne de Juge; seine Tochter Irene wurde im Januar 1944 in Wien geboren ( Staatsarchiv Bremen, Meldekarte ). Thiess „schlug sich im N a- tionalsozialismus als Drehbuchautor durch“, konstatierte Helmut Böttiger (Böttiger, S. 22): Von 1938 bis 1945 wurden Drehbücher aus seiner Feder von der UFA verfilmt; auch sein 1934 veröffentlichter Roman „Der Weg zu Isabelle“ kam 19 39 in die Kinos (unter dem Titel „Der Weg zu Isabel“). Der Film „Diesel“ (1942), für den Thiess ebenfalls das Drehbuch g e- schrieben und der die stets siegreiche deutsche Technik zum Gegenstand hatte, erhielt das Prädikat „staatspolitisch wertvoll“ (Klee, S. 610). Ebenfalls 1942 erschien im Übrigen auch der erste Teil von Thiess‘ zweiteiliger Romanbiografie über den Tenor Enrico Caruso („ Nea- politanische Legende“). Zu Beginn des Jahres 1945 weilte er im Rahmen von Recherchen zu einer Filmproduktion der UFA (Fi lm über den Aufbau der Zeiss -Werke) in Dresden, später befand er sich in Berlin, wie sich jeweils anhand seiner Tagebuchaufzeichnungen aus dem Jahr 1945 rekonstruieren lässt. 397 Das Kriegsende erlebte Thiess schließlich in Bremen – unter einigermaßen skurrilen Umstän- den: Von April bis Oktober 1945 hielt er sich mit seiner Ex -Frau Florence bei deren (neuen) Schwiegereltern, dem alten Ehepaar Apking auf, während seine Frau Yvonne mit der g e- meinsamen Tochter Irene im Salzkammergut weilte, in Bad Aussee – dem ehemaligen Domi- zil von Hermann Broch (Tagebuch 1945, Deutsches Literaturarchiv in Marbach, vgl. Böttiger, S. 25 ff.). Thiess blieb in Bremen und lebte ab Oktober 1945 in Bremen -Oberneuland ( dort gemeldet bis Oktober 1952 an drei unterschi edlichen Adressen, Sta atsarchiv Bremen, Me l- dekarte), bevor er im Herbst 1952 nach Darmstadt übersiedelte. Nach Kriegsende lieferte sich Thiess die sogenannte „große Kontroverse“ mit Thomas Mann, in der er den emigrierten Literaten heftig attackierte und für sich die Wortführers chaft der „inneren Emigration“ reklamierte (und auch die Verwendung der Begrifflichkeit „innere Emigration“ seit 1934 – wie Böttiger belegt möglicherweise nicht zu Unrecht, S. 17; vgl. zu anderer Meinung Grimm, S. 42 f., dem der Nachweis vom November 1934 allerdings noch nicht vorlag). Einen umfassenden Überblick über Thiess‘ Rolle in der „großen Kontroverse“ lieferte Marcus Hajdu in seiner Dissertation 2002 (erschienen 2003). Hajdu wertete darin auch Briefe von und an Thiess in diesem Kontext aus (S. 354-409), deren kritische Komme n- tare aufschlussreiche Hinweise über Thiess‘ Verhältnis zum NS -Regime lieferten. Hajdu ve r- suchte nachzuweisen, dass sich Thiess nach 1945 ganz bewusst als Opfer des NS -Regimes zu inszenieren suchte. Eine weitere Kontroverse um den Autor Frank Thiess entspann sich im Zuge der Verleihung des umstrittenen Konrad -Adenauer-Preises an Thiess und zwei weitere Preisträger 1968. Dabei wurde Thiess seine positive Besprechung des geschichtsrevisionistischen Buchs „Der erzwungene Krieg“ des am erikanischen Historikers David L. Hoggan aus dem Jahr 1962 vo r- geworfen. Thiess hatte die Thesen Hoggans über die Vorgeschichte des Zweiten Weltkriegs unkritisch übernommen (was selbst Norbert Angermann als „bedauerlich“ be - bzw. veru r- teilte, S. 256). Massive Proteste lösten zudem Thiess Beiträge in der „Deutschen National - Zeitung und Soldaten -Zeitung“ aus dem Jahr 1965 aus. In einem Beitrag wies Thiess darauf hin, dass es „prinzipiell richtig, ja notwendig“ sei, neben der deutschen Schuld auch nich t- deutsche Verbrechen zu berücksichtigen – „[n]icht um die deutschen Untaten zu verkleinern, sondern um den anderen vor Augen zu führen, wessen der Mensch überhaupt fähig ist und daß es keine Unterschiede zwischen bösen und guten Nationen gibt“ (Thiess 1965, zitiert nach Angermann, S. 257). Das ständige Schreien nach „Bestrafung Schuldiger“ mit Blick auf die NS-Zeit verhindere eine wirkliche Einkehr, so Thiess weiter. Im Zuge der Proteste gegen die Preisverleihung veröffentlichten 50 deutsche Professoren eine Erkläru ng, in der sie die Veröffentlichungen in rechtsextremen Publikationsorganen brandmarkten und die Preisve r- leihung sowie deren Begleitumstände „als Symptome gefährlicher Irreführung und befrem d- licher Fehleinschätzung“ werteten (unter den Unterzeichnern: Karl Otmar Freiherr von Ar e- tin, Theodor Eschenburg und Dolf Sternberger, DE vom 11.05.1968). Heinz Winfried Sabais, der die Laudatio auf Thiess halten sollte (vgl. StadtA DA, ST 61), setzte sich in der Kontrove r- se für Thiess ein; Thiess selbst ließ wissen: 398 „Die im Zusammenhang mit dem Adenauerpreis gegen mich gerichteten Unterstellungen und Angri f- fe werde ich weder mit Gegenerklärungen noch Verleumdungsprozessen beantworten. Wer mein Lebenswerk, meine autobiographischen Bücher und meine Haltung während der Hitl erjahre kennt, wird diesen Standpunkt zu würdigen wissen. Meine Zeit ist mir zu kostbar, um sie mit Pressegefec h- ten zu verschwenden“ (DT, 11.05.1968). Die Preisverleihung wurde zunächst verschoben, später in Abwesenheit von Thiess (und von Sabais) durchgeführt. Im Darmstädter Tagblatt kommentierte Max Peter Maaß die Angriffe auf Thiess im Zuge der Preisverleihung mit Unverständnis: „Wir setzen uns Irrtümern aus, wenn wir nonkonformistische Persönlichkeiten in Schubladen politischer Richtungen einor d- nen wollen“ (DT vom 14.05.1968). In einem Leserbrief setzte sich Thiess 1970 für die Freilassung des schwerkranken Rudolf Heß ein („Gnade für Heß“, Bayern -Kurier vom 03.01.1970): Die Grausamkeit einer langjährigen Einzelhaft stünden im Widerspruch zur christlichen Moral. Außerdem habe Heß alles unte r- nommen, um einen Krieg zwischen Deutschland und England zu verhindern. Bereits 1947 hatte Thiess einen Brief der Witwe von Alfred Jodl ( Chef des Wehrmachtführungsstabes im Oberkommando der Wehrmacht während des Zweiten Weltkriegs, der im Oktober 1946 hin- gerichtet worden war) beantwortet: „Sie schrieben, dass er [Alfred Jodl, HK] in Nürnberg sein Leben für Deutschland gab, und ich möchte diesen Satz vielleicht noch anders verstehen als Sie ihn gemeint haben, nämlich in je nem symbol i- schen Sinne des freien Opfers trotz der scheinbaren Unfreiheit, in der er sich befand, und darin liegt die Größe des Todes und seine Fruchtbarkeit. Vom Standpunkt der Pharisäer aus gesehen, wurde auch Jesus bestraft, doch die Christen wendeten d iese ‚Strafe‘ in ein Opfer, das er für die Sünden der Menschheit brachte, und so ging von Golgatha ein Strom des Lebens aus“ (02.03.1947, Frank Thiess an Luise Jodl, Deutsches Literaturarchiv Marbach, zitiert nach Böttiger, S. 32). Zu Frank Thiess ließen s ich keine Entnazifizierungsakten ermitteln. Er war, wie erwähnt, von 1945 bis 1952 in Bremen(-Oberneuland) gemeldet (Staatsarchiv Bremen, Meldekarte), bevor er von dort nach Darmstadt zog; es konnten aber weder ein Meldebogen noch eine Spruc h- kammer-Akte ausfindig gemacht werden. Quellen: BArch Berlin, BDC, R 9361-V/11407 Staatsarchiv Bremen, Nachlass Senator a. D. Hermann Wolters 7, 143-58 Staatsarchiv Bremen, Meldekarte ULB Darmstadt, Nachlass Frank Thiess [auszugsweise eingesehen] Deutsches Literaturarchiv Marbach [NICHT eingesehen] StadtA DA, ST 61, Thiess, Dr. Frank E-Mail von Paul Michael Lützeler vom 14.06.2017 399 Literatur: Angermann, Norbert: Frank Thiess und der Nationalsozialismus. In: Garleff, Michael: Deutschbalten, Weimarer Republik und Drittes Reich, Bd. 2. Köln/Weimar 2008, S. 245-262. Barbian, Jan -Pieter: Literaturpolitik im „Dritten Reich“. Institutionen, Kompetenzen, Betätigungsfe l- der. München 1995. Böttiger, Helmut: „Nie wird der Geist eines modernen Staates unserer Auffassung von Geist entspr e- chen“. Drahtzieher im Literaturbetrieb (1): Frank Thiess. In: Ders.: Doppelleben. Literarische Szenen aus Nachkriegsdeutschland. Begleitbuch zur Ausstellung. Göttingen 2009, S. 12-33. Deppert, Fritz: Thiess, Frank. In: Stadtlexikon Darmstadt (2006), S. 918 f. Dotzert, Roland: Die Darmstädter Kommunalpolitik seit 1945. Darmstadt 2007. [S. 225: Erster Träger der Johann-Heinrich-Merck-Ehrung 1955] Grimm, Reinhold: Innere Emigration als Lebensform. In: Ders./Hermand, Jost (Hrsg.): Exil und Innere Emigration. Third Wisconsin Workshop. Frankfurt am Main 1972, S. 31-73. Hajdu, Marcus: „Du hast einen anderen Geist als wir!“. Die „große Kontrov erse“ um Thomas Mann 1945-1949. Gießen 2003 [Dissertation Gießen 2002]. Helbig, Louis Ferdinand: Auseinandersetzungen um Dik tatur und Emigration. Frank Thiess im R o- manwerk und im öffentlichen Disput. In: Kroll, Frank -Lothar (Hrsg.): Europäische Dimensionen deutschbaltischer Literatur. Berlin 2005, S. 133-154. Helbig, Louis Ferdinand: „Das Reich der Dämonen“ als „Geschichtswerk des Widerstandes“. Frank Thiess und die „Innere Emigration“. In: Kroll, Frank -Lothar (Hrsg.): Deutsche Autoren des Ostens als Gegner und Opfer des Nationalsozialismus. Beiträge zur Widerstandsproblematik . Berlin 2000, S. 111-126. Klee, Ernst: Das Kulturlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. Frankfurt am Main 2007. Loewy, Ernst: Literatur unterm Hakenkreuz. Das Dritte Reich und seine Dichtung. Frankfurt am Main 1983 [Original 1969]. Thiess, Frank: Es gibt keinen Unterschied zwischen bösen und guten Nationen. In: Deutsche National- Zeitung und Soldaten-Zeitung vom 21.05.1965. Thiess, Frank: Jahre des Unheils. Fragmente erlebter Geschichte. Wien/Hamburg 1972. Westenfelder, Frank: Genese, Problematik und Wirkung nationalsozialistischer Literatu r am Beispiel des historischen Romans zwischen 1890 und 1945. Frankfurt am Main et al. 1989 [Dissertation Karl s- ruhe 1987]. Wolf, Yvonne: Frank Thiess und der Nationalsozialismus. Ein konservativer Revolutionär als Dissident. Tübingen 2003. 400 Inge-Vahle-Weg (M 6), benannt 2004 nach Inge[borg] Vahle[-Gießler] (1915-1989) Künstlerin * 6. Februar 1915 in Krevese (Altmark) als Ingeborg Gießler Umzug der Familie nach Stendal (Altmark) 1934 Abitur am Oberlyzeum in Stendal 1934-1935 Studium an der Hochschule für Ku nsterziehung in Berlin -Schöneberg sowie der Philos o- phie und Kunstgeschichte an der Kunstakademie in Berlin 1935-1938 Studium an der Kunstakademie in Düsseldorf 1938-1956 freiberuflich künstlerische Tätigkeit in Stendal (plastisch, grafisch und textil) 1939 Heirat mit Fritz Vahle (zwei Kinder) 1942 Geburt des Sohns Friedrich-Eckart (genannt Fredrik), 1945 Geburt des Sohns Karsten Ab 1946 Ausstellungen (zunächst mit ihrem Mann Fritz Vahle) und Ausstellungsbeteiligungen im In - und Ausland 1955 „Bildteppich der Gegenwart“ 1956 Übersiedlung nach Darmstadt; weiterhin künstlerische Tätigkeit: Malerei, Tapisserien, Mosaike, textile Objekte 1959 Glasmosaike in der Georg-Büchner-Schule in Darmstadt 1963-1969 Glasfenster der Evangelischen Stephanuskirche in Gelsenkirchen-Buer 1968-1978 zahlreiche (Einzel-)Ausstellungen im In- und Ausland, darunter in Darmstadt 1968 (Kuns t- halle) und 1975 (Staatstheater) 1969 „Künstler in Darmstadt“ Seit 1970 Mitglied des Deutschen Werkbundes In 1980er Jahren Autorin sogenannter „Ringbüch er“ (Bild - und Schriftcollagen, darunter ca. 1988 „Gegenwärtige Vergangenheit“), Rauminstallationen † 26. November 1989 in Darmstadt Ehrungen: 1954 Diplom d‘honneure, X. Triennale in Mailand 1957 Diplom der Zusammenarbeit, XI. Triennale in Mailand 1975 Johann-Heinrich-Merck-Ehrung der Stadt Darmstadt Wirken in der NS-Zeit Inge Vahle, seit 1956 in Darmstadt lebende Künstlerin, deren künstlerisches Repertoire nach 1945 unterschiedliche Ausdrucksformen umfasste (Malerei, Collagen, Tapisserien und and e- re textil e Objekte, Mosaike, Ringbücher, Rauminstallationen), war in der NS -Zeit Schülerin, Studentin und freischaffende Künstlerin. 401 Vahle (damals noch Gießler) besuchte das Oberlyzeum in Stendal, das sie 1934 mit dem Ab i- tur verließ. Sie zog zum Studium zunächst na ch Berlin, wo sie an der Hochschule für Kunster- ziehung in Berlin-Schöneberg sowie an der Berliner Kunstakademie Philosophie und Kuns t- geschichte studierte. 1935 wechselte sie zum Studium an die Kunstakademie in Düsseldorf; dort lernte sie ihren späteren Man n Fritz Vahle kennen (Heirat 1939), der ebenfalls an der Kunstakademie tätig war. Der damalige Direktor der Kunstakademie, Peter Grund, sollte Inge Vahle 1963 in das dreiköpfige Team holen, das die Entwürfe für die Evangelische Stephanu s- kirche in Gelsenkir chen-Buer erarbeitete; Vahle gestaltete die Betonglaswände der Kirche (Umsetzung ab 1968, also erst nach Grunds Tod). Von 1938 an arbeitete Inge Vahle als freischaffende Künstlerin in Stendal, bis sie 1956 mit ihrer Familie in den Westen, nach Darmstadt zo g. 1942 wurde ihr Sohn Friedrich-Eckart (ge- nannt Fredrik) geboren, 1945 der zweite Sohn Karsten. Ihr künstlerisches Schaffen war zu der Zeit von Landschaftsmalerei geprägt, insofern die veröffentlichten Bilder aus den 1930er und 1940er Jahren als exemplari sch für diesen Lebensabschnitt angesehen werden können (vgl. Klein 2015, S. 8-11). Ihr Mann Fritz war 1940 -1945 als Soldat im Kriegsdienst (Fran k- reich, Norwegen, Russland). Es ließen sich zu Inge Vahle, die bis 1956 in Stendal lebte, keine Entnazifizierung sakten re- cherchieren. Quellen: HStAD, R 12 P Nr. 6728 StadtA DA, ST 61 Vahle, Fritz, Inge, Fred(e)rik Literatur: Christ, Alexa-Beatrice: Vahle, Inge. In: Stadtlexikon Darmstadt (2006), S. 936. Inge und Fritz Vahle. Retrospektive [Katalog Kunsthalle]. Darmstadt 1993. Klein, Christiane (Hrsg.): Inge Vahle. Textil – Textur – Text. Darmstadt 2015. Vahle, Inge: Ausstellungskatalog Kunsthalle Darmstadt. Darmstadt 1968. 402 Viktoriastraße/Viktoriaplatz (H 7), benannt 1872/1892 [!] nach Viktoria von Hessen und bei Rhein (1863-1950) Enkelin von Königin Viktoria von Großbritannien und Irland 5. April 1863 auf Schloss Windsor Castle (London) 1883-1912 Vorsitz im Alice-Hospital und für die Alice-Schwesternschaft in Darmstadt 1884 Heirat mit Prinz Ludwig von Bat tenberg (ab 1917 Louis Mountbatten, Marquess of Milford H a- ven) in Darmstadt (vier Kinder) 1885 Geburt der ersten Tochter auf Windsor Castle Ab 1887/88 Hauptwohnsitz auf Malta; längere Aufenthalte auf Schloss Heiligenberg (Jugenheim) Ab 1902 Ehemann hauptsä chlich in der Admiralität in London eingesetzt (1912 -1914 Erster Seelord, Chef der britischen Kriegsmarine) 1916 Hochzeit des ältesten Sohnes George 1921 Tod ihres Ehemanns, fortan Wohnung im Kensington Palace (London) 24. September 1950 in London Ehrungen: 1884 Benennung der Viktoriaschule in Darmstadt Wirken in der NS-Zeit Prinzessin Viktoria von Hessen, verwitwete Marchioness of Milford Haven, lebte lange Zeit ihres Lebens in Großbritannien. Bei Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 war Viktoria im 70. Lebensjahr. Sie lebte nach dem Tod ihres Ehemanns 1921 in einer Wohnung im Kensington Palace. Als dieser wäh- rend des Zweiten Weltkriegs bombardiert wurde, zog sie nach Windsor Castle; sie starb 1950 in London. Viktoria stand während der NS -Zeit in Kon takt unter anderem zu ihren Familienmitgliedern in Darmstadt, musste 1937 den Tod ihres Bruders sowie kurze Zeit später den Tod weiterer Verwandter beim bekannten Flugzeugunglück in Ostende beklagen sowie 1938 den Tod i h- res ältesten Sohnes George. Es ließen sich keine Informationen recherchieren, die eine Verstrickung mit dem NS -Regime nahelegten. Quellen: StadtA DA, ST 61 Viktoria von Hessen, Prinzessin Literatur: Franz, Eckhart G.: Battenberg, Ludwig Prinz von. In: Stadtlexikon Darmstadt (2006), S. 61. Franz, Eckhart G. (Hrsg.): Haus Hessen. Biografisches Lexikon. Darmstadt 2012. Knodt, Manfred: Viktoria – die Namensgeberin der Viktoriaschule. Darmstadt 1995. 403 Emil-Voltz-Straße (E 8), benannt 1953 nach Emil Voltz (1881-1949) Praktischer Arzt * 7. April 1881 in Langenbergheim Studium der Medizin an der Universität Gießen 1908 Promotion in Medizin an der Universität Gießen, „ Beitrag zur Frage der chirurgischen Behan d- lung der Wanderniere“ (Referent: Peter Poppert, Chirurgie) Seit 1910 wohnhaft in (Darmstadt-)Arheilgen 1911 Heirat mit Anna Hoffmann aus (Darmstadt-)Arheilgen (zwei Kinder) Praxis als Praktischer Arzt in (Darmstadt-)Arheilgen Ca. 1934-1945 Mitgliedschaften in DAF, NSV, RKB, RLB, NSRL sowie Opferring 1935 Tod seiner Frau Anna (geb. Hoffmann) 1937-1945 Mitglied der NSDAP 1938-1945 Mitglied des NS Reichskriegerbunds 1939-1945 Mitglied des NS-Ärztebunds † 30. Oktober 1949 in Darmstadt-Arheilgen Ehrungen: --- Wirken in der NS-Zeit Emil Voltz war über die gesamte NS -Zeit als Praktischer Arzt mit eigener P raxis in (Dar m- stadt-)Arheilgen tätig. Er war Mitglied der NSDAP sowie weiterer NS-Organisationen. Die Informationen zum Wirken von Emil Voltz in der NS -Zeit gründen hauptsächlich auf se i- ner Entnazifizierungsakte (HHStAW) sowie auf der NSDAP -Mitgliederkartei (BArch Berlin, BDC). Laut letzterer war Voltz, wohnhaft in der Darmstädterstr. 52 in Darmstadt -Arheilgen, seit 01.05.1937 Mitglied der NSDAP (Aufnahme beantragt am 19.05.1937; Mitglieds -Nr.: 5902693). Im Fragebogen zu seinem Entnazifizierungsverfahren ga b er an, seit 1938 „Anwär- ter“ der NSDAP gewesen zu sein. Zudem nannte er seine Mitgliedschaft im NS -Ärztebund („5.5.39-zuletzt“) als einzige weitere Mitgliedschaft in „einer Naziorganisation“. Im Zuge der anschließenden Nachforschungen konnten jedoch weite re Mitgliedschaften in NS -Orga- nisationen sowie in Organisationen, die unter nationalsozialistischem Einfluss standen, e r- mittelt werden: In der Parteistatistischen Erhebung (der NSDAP) aus dem Jahr 1939 fanden sich unter Emil Voltz Mitgliedschaften in DAF, NSV, RKB, RLB, NSRL sowie Opferring (ab 01.12.1934) dokumentiert. Der angefragten Ärztekammer war „eine aktive Tätigkeit im Si n- ne des Nationalsozialismus nicht bekannt“ (Sühnebescheid vom 20.02.1947). Emil Voltz, dessen Frau Anna 1935 verstorben und desse n Sohn (* 1913) „im Donbogen“ 1942 „gefallen“ war (HStAD, H 14 Darmstadt Nr. F 444/1199 ), gab als jährliches steuerpflic h- 404 tiges Gesamteinkommen in der NS -Zeit rund 20.000 RM zu Protokoll; er hatte eine/n Ang e- stellte/n in seiner Praxis. Auf die Frage „In wel che Gruppe des Gesetzes gliedern Sie sich ein?“ notierte er: „Mitläufer = nominelles Mitglied“. Als „Mitläufer“ (Gruppe IV) wurde er auch seitens der Spruchkammer Darmstadt -Stadt eingestuft (20.02.1947); er hatte eine Geldsühne in Höhe von 2.000 RM zu trag en. [Im Fragebogen hatte er mit „7.4.88“ ein fa l- sches Geburtsdatum angegeben.] Seit 1943 wurde Voltz von der Ärztin Henriette Sennhenn in seiner Praxis unterstützt, die zunächst als seine (notdienstverpflichtete) Assistentin, später als seine Teilhaberin f ungierte. Nach Voltz‘ Tod 1949 übernahm Sennhenn die Arheilger Praxis (er bedachte sie – laut einer Ergänzung zu seinem Testament zehn Tage vor seinem Tod – mit der Einrichtung der Praxis, HStAD, H 14 Darmstadt Nr. F 444/1199). Die Straßenbenennung Emil Vo ltz zu Ehren erfolgte 1953/54 im Zuge noch ausstehender Umbenennungen nach der Eingemeindung von Arheilgen zu Darmstadt 1937 (Stichwort: Doppel-Benennungen). Quellen: BArch Berlin, BDC, NSDAP-Mitgliederkartei HHStAW, Abt. 520/Darmstadt-Zentral, Nr. 505053 HStAD, H 3 Nr. 73739 HStAD, H 14 Darmstadt Nr. F 444/1199 UA Gießen, Promotionsdatenbank StadtA DA, Ordner Darmstädter Straßennamen StadtA DA, ST 61, Voltz, Emil Literatur: Voltz, Emil: Beitrag zur Frage der chirurgischen Behandlung der Wanderniere. Gießen 1908. 405 Walbeweg (H 9), benannt 1965 nach Heinrich Walbe (1865-1954) Architekturprofessor und Denkmalpfleger * 6. März 1865 in Lauban (Schlesien) Besuch der Landesschule Pforta (Abitur 1884) 1884-1889 Studium der Architektur an der TH Aachen 1889 Militärdienst als Einjährig-Freiwilliger in München 1890-1894 Referendariat als Regierungsbauführer in Bad Nauheim sowie in Köln; Beginn seiner Lauf- bahn in staatlichen Bauverwaltungen 1895 Heirat mit Mathilde Meißner (drei Kinder) 1895-1902 Tätigkeiten als Architekt und Baumeister in Köln, Sorau und Halle an der Saale (dort zum Stadtbaumeister ernannt) 1902-1933 ordentlicher Professor für Baukunst an der TH Darmstadt Ab 1902/03 Denkmalpfleger für die Provinz Oberhessen 1907-1909 Rektor der TH Darmstadt Ab 1912 (spätestens) Mitglied des Deutschen Werkbunds 1912-1920 Errichtung des Verwaltungsgebäudes der Firma Merck in Darmstadt 1913-1916 Dekan der Architekturfakultät an der TH Darmstadt 1920 Gefallenendenkmal im Hochschulstadion in Darmstadt 1920-1921 erneut Rektor der TH Darmstadt Ab 1922 Kirchenbaumeister der EKHN: Neubauten, Wiederaufbau, Sanierungen Ab 1924 Denkmalpfleger auch für den südlichen Teil der Provinz Starkenburg 1928-1930 erneut Dekan der Architekturfakultät an der TH Darmstadt 1933 Ruhestandsversetzung 1942 „Das hessisch-fränkische Fachwerk“ Bis 1943 öffentliche Vorlesungen zum Thema „Alte Bauweisen in Hessen, praktische Denkmalpflege“ 1944-ca. 1947 nach Zerstörung seines Wohnhauses in Darmstadt für drei Jahre Umzug nach Nördli n- gen (dort wohnte ein Sohn) Ab ca. 1947 gemeinsam mit seiner Frau in einem Darmstädter Altersheim in Heppenheim † 20. Januar 1954 in Heppenheim Ehrungen: 1907 Verleihung des Ritterkreuzes I. Klasse des Verdienstordens Philipps des Großmüthigen 1908 Geheimer Baurat 1932 Ehrendoktor der Universität Gießen (Dr. theol. h. c. – für seine Verdienste um den Wiederau f- bau von Kirchen) 1953 Bundesverdienstkreuz 406 Wirken in der NS-Zeit Heinrich Walbe, über Jahrzehnte als Professor für Baukunst an der TH Darmstadt und als Denkmalpfleger im Großh erzogtum Hessen tätig, beantragte 1933 seine Versetzung in den Ruhestand. Er publizierte in der NS -Zeit Beiträge zu Baukunst - und Heimatforschung, darun- ter das Standardwerk „Das hessisch-fränkische Fachwerk“ (1942). Seit 1902 wirkte Walbe an der Architektu r-Abteilung der TH Darmstadt als Professor für Baukunst; er versah wiederholt Ämter als Dekan und Rektor der Hochschule. Zugleich mac h- te er sich als Denkmalpfleger für den Erhalt zahlreicher Kunstdenkmäler im Großherzogtum Hessen verdient und wirkte als Ki rchenbaumeister der Evangelischen Landeskirche (heute: EKHN). Politisch ließ er sich als national -konservativ einstufen; er vertrat in den 1920er Ja h- ren die Deutsche Volkspartei in der Darmstädter Stadtverordnetenversammlung. Im Herbst 1933 beantragte Walb e seine Versetzung in den Ruhestand. Manfred Efinger fo l- gend, waren für seine Entscheidung nicht allein altersbedingte Gründe verantwortlich: „Nach den heftigen Auseinandersetzungen an der TH Darmstadt im Frühjahr 1933 und den nationa l- sozialistischen Anfeindungen durch Studierende und Dozenten stellte der 68 -jährige Heinrich Walbe am 14. September 1933 den Antrag auf Versetzung in den Ruhestand. Diesem Antrag wurde bereits am 23. Oktober 1933 durch Reichsstatthalter Jakob Sprenger (1884 -1945) stattgegeben. Dass Walbe keinesfalls aus freien Stücken aus dem Amt geschieden war, deutet ein Schreiben an, das er am 30. Oktober 1933 an den TH-Rektor Hans Busch (1884-1973) richtete“ (Efinger 2015). Auch Melanie Hanel wollte einen Zusammenhang zwischen Walbes Ruhesta ndsgesuch und den Ereignissen an der Architektur -Abteilung im Jahr 1933 (Stichwort: „Lieser -Affäre“) nicht ausschließen (Hanel, S. 95). Walbe, der weder Mitglied der NSDAP noch der SA war (Hanel, S. 214), zeigte sich im Zuge des Entnazifizierungsverfahrens von Karl Lieser (zu dem Walbe als Zeuge beitrug) über dessen gehässige Kommentare bezüglich der politischen bzw. ch a- rakterlichen Eigenschaften seiner Kollegen empört – stimmte aber den fachlichen Urteilen Liesers zum Teil zu (HHStAW, Abt. 520 DZ Nr. 51978 2, auch Hanel, S. 115). Im erwähnten Schreiben an Rektor Busch zeigte sich Walbe dankbar für seine Zeit als Professor an der TH Darmstadt, bedauerte aber zugleich, dass gerade in seinem letzten Semester „das Vertrauen zwischen Studenten und Dozenten fast ganz aufgehoben zu sein schien“ (UA Darmstadt, 103 Nr. 693/2). Nach der offiziellen Emeritierung 1933 hielt Walbe bis 1943 weiterhin Vorlesungen zum Thema „Alte Bauweisen in Hessen, praktische Denkmalpflege“ an der TH Darmstadt ( UA Darmstadt, 103 Nr. 693/2 ). Er war zudem weiterhin als Denkmalpfleger und Bauforscher (publizistisch) tätig. Hervorzuheben seien die maßgeblich von ihm beeinflusste Instandse t- zung der Michaelskapelle (Königshalle) in Lorsch (Rückbaumaßnahmen abgeschlossen 1935) sowie die Beschreibungen der Kunstdenkmäler des Kreises Gießen, die 1933/1938 als Bände des Hessischen Denkmalwerks (Kunstdenkmäler im Volksstaat Hessen) erschienen. Das „Jahrbuch der Volks - und Heimatforschung in Hessen und Nassau 1933 -1938“ (herausgege- ben von Friedrich Ring shausen im „Verlag Volk und Scholle“) veröffentlichte 1938 Walbes Überlegungen zu historischen Siedlungs - und Hausformen in Hessen; 1942 erschien schlie ß- 407 lich das Standardwerk „Das hessisch-fränkische Fachwerk“ (Schriften der Volks- und Heimat- forschung, Bd. 4). Die genannten Veröffentlichungen lassen Walbe als einen Vertreter „g e- sunder deutscher Baukunst“ (Heinz Rudolf Rosemann 1936, zitiert nach Durth, S. 244) e r- scheinen, dokumentierten aber – über den Veröffentlichungszusammenhang hinaus – keine inhaltliche Nähe Walbes zum NS -Regime. Auch Zeitungsmeldungen anlässlich seines 70sten Geburtstags 1935 legen keine persönliche Verstrickung mit dem NS -Regime nahe (StadtA DA, ST 61). Nach der Zerstörung seiner Darmstädter Wohnung im September 1944 zog Walbe mit sei ner Frau nach Nördlingen (der jüngste Sohn Wolfgang wirkte als Amtsgerichtsrat in Nördlingen; er starb in den letzten Kriegstagen). Seine letzten Lebensjahre verbrachte Walbe dann g e- meinsam mit seiner Frau in einem Altersheim der Stadt Darmstadt in Heppenh eim (Müller, S. 124). Es ließen sich zu Heinrich Walbe, der bei Kriegsende 80 Jahre alt war, keine Entnazifizi e- rungsdokumente recherchieren, weder im HHStAW noch im für Nördlingen zuständigen StA Augsburg. Quellen: HHStAW, Abt. 520 DZ Nr. 519782 [Entnazifizierungsverfahren Karl Lieser] StA Augsburg, Spruchkammer Nördlingen Akten 2903 [Entnazifizierungsverfahren Ilse Walbe (Schwiegertochter), NICHT eingesehen] HStAD, R 4 [mehrere Fotos] HStAD, R 12 P Nr. 6870 Regierungsblätter 1903-1933 UA Darmstadt, 103 Nr. 693/2 [Personalakte] UA Darmstadt, 918 [Teilnachlass Walbe] StadtA DA, ST 61, Walbe, Prof. Heinrich Literatur: Durth, Werner: Architekten an der Technischen Hochschule Darmstadt 1930-1950. In: Dinç kal, No- yan/Dipper, Christof/Mares, Detlev (Hrsg.): Selbstm obilisierung der Wissenschaft. Technisch e Hoch- schulen im „Dritten Reich“. Darmstadt 2010, S. 233-253. Efinger, Manfred: Der Architekturprofessor Heinrich Walbe (1865-1954). In: Hoch³ 11 (2015), S. 22. Guther, Max: Die Architekturprofessoren der THD von 184 1 bis 1945 und ihre Planungen für Hoc h- schule und Stadt Darmstadt. In: THD Jahrbuch 1980, S. 107-143. Hanel, Melanie: Normalität unter Ausnahmebedingungen. D ie TH Darmstadt im Nationalsozialismus . Darmstadt 2014. Müller, Otto: Heinrich Walbe. In: Mitteilung sblätter des Historischen Vereins für Hessen 3 (1954), S. 123 f. 408 Viefhaus, Marianne [online überarbeitet von Manfred Efinger]: Walbe, Heinrich. In: Stadtlexikon Darmstadt (2006), S. 955. Walbe, Heinrich: Siedlungs - und Hausformen in Modellen dargestellt. I n: Ringshausen, Friedrich (Hrsg.): Jahrbuch der Volks- und Heimatforschung in Hessen und Nassau 1933-1938. Darmstadt 1938, S. 209-214 (+ Tafeln 39-46). 409 Wilhelm-Walcher-Weg (B 8), benannt 2008 nach Wilhelm Walcher (1910-2005) Physiker * 7. Juli 1910 in Kaufbeuren (Allgäu) 1916-1920 Besuch der Volksschule in Kaufbeuren 1920-1926 Besuch der Realschule in Kaufbeuren 1926-1929 Besuch der Oberrealschule in Kempten (Allgäu), Abitur 1929 1929-1931 Studium der technischen Physik an der TH München (Vordiplom) 1931-1933 Studium der Physik an der TH Berlin (Diplom im Oktober 1933) 1933-1937 wissenschaftlicher Assistent am Physikalischen Institut der TH Berlin, unter anderen bei Gustav Hertz 1933-1939/1945 Mitglied des NSKK 1937 Promotion an der TH Berlin bei Hans Kopfe rmann, „Über einen Massenspektrographen hoher Intensität und die Trennung der Rubidiumisotope“ 1937-1942 Wechsel mit Kopfermann als dessen Assistent an das Institut für Experimentalphysik der Universität Kiel 1938-1948 Veröffentlichungen zu „(massenspektroskopischer) Isotopentrennung“ 1940 Heirat mit Erika Baumbach, geb. Büchner (zwei Kinder) Ab 1939 (externer) Mitarbeiter der Firma Telefunken 1940-1945 Mitglied der NSV 1940/41-1945 Mitglied des NS-Dozentenbunds 1942 Habilitation an der Universität Kiel, „Beiträge zur massenspektroskopischen Isotopentrennung“ 1942 kurzzeitige Vertretungsprofessur an der Universität Kiel (Lehrstuhl für Experimentalphysik) 1942-1947 Wechsel mit Kopfermann als dessen Assistent an das 2. Physikalische Institut der Universi- tät Göttingen 1944 Ernennung zum Oberassistenten 1947-1978 Professor und Direktor des Physikalischen Instituts der Philipps-Universität Marburg 1949 Dekan der Naturwissenschaftlichen Fakultät der Philipps-Universität Marburg 1950 Vorsitzender des Philosophischen Fakultätentags 1952-1954 Rektor der Philipps-Universität Marburg 1957 Aktion gegen atomare Aufrüstung („Göttinger 18“) 1959-1961 Vorsitzender des Verbands Deutscher Physikalischer Gesellschaften (heute Deutsche Phy- sikalische Gesellschaft) 1961-1967 Vizepräsident der DFG 1969 maßgeblich beteiligt an der Gründung der GSI 1978 Emeritierung † 9. November 2005 in Marburg 410 Ehrungen: 1975 Großes Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland 1976 Ehrendoktor der Ruhr-Universität Bochum 1989 Ehrenmitglied der Deutschen Physikalischen Gesellschaft Wirken in der NS-Zeit Wilhelm Walcher, Physiker, nach 1945 an der Gründung der GSI maßgeblich beteiligt, arbe i- tete während der NS -Zeit als Wissenschaftler an Physikalischen Instituten der TH Berlin s o- wie der Universitäten in Kiel und Göttingen. Während des Zweiten Weltkriegs war er an Pr o- jekten der Rüstungsforschung beteiligt, darunter das deutsche Uranprojekt. Walcher schloss im Herbst 1933 sein Studium der Physik an der TH Berlin erfolgreich ab („Mit Auszeichnung bestanden“, hierzu und zum Folgenden UA Göttingen, Kur Walcher, Wil- helm – die Göttinger Kuratoriumsakten umfassen auch Walchers Personalakten der Universi- tät Kiel). Er blieb bis 1937 als wissenschaftlicher Assistent am Physikalischen Institut der TH Berlin und erlernte vor allem bei Gustav Hertz das Rüstzeug für seine wissenschaftliche Ka r- riere. Seine Dissertation 1937 „Über einen Massenspektrographen hoher Intensität und die Trennung der Rubidiumisotope“ an der TH Berlin betreute Hans Kopfermann, dem er noch im gleichen Jahr als Assistent an das Institut für Experimentalphysik der Universität Kiel fol g- te, um weiter vor allem im Bereich der massenspektroskopischen Isotopentrennung fo r- schen zu können. Vorliegende Angebote seitens der Industrie schlug Walcher zu Gunsten des wissenschaftlichen Arbeitens aus; ein Vermerk weist allerdings darauf hin, dass er neben den Einkünften im Rahmen seiner Assistentenstelle „einige Einkünfte“ resultierend aus einem „Mitarbeiterverhältnis zur Firma Telefunken “ verbuchen konnte. Auch nach Kriegsende gab Walcher ab 1939 eine „Mitarbeitervergütung (Telefunken)“ an, die bei etwa 2.500 RM jäh r- lich gelegen haben dürfte (Fragebogen der Militärregierung vom 25.05.1945, NLA Hannover, Nds. 171 Hildesheim Nr. 322 ; sein Assisten tengehalt betrug demnach 1934 -1938 zwischen 3.000 und 3.900 RM, sein Einkommen insgesamt belief sich 1939 -1944 auf 6.500-7.600 RM). Die Verlängerung seiner Assistentenstelle wurde wiederholt bewilligt; auch seitens der NS - Dozentenschaft formierte sich dage gen kein Widerstand. Walchers Chef, Hans Kopfermann, machte sich für ihn stark und lobte seine wissenschaftlichen wie pädagogischen Fähigkeiten. Im Mai 1940 heiratete Walcher Erika Baumbach (geb. Büchner), noch während seiner Kieler Zeit kamen die Söhne Th omas (1941) und Stephan (1942) zur Welt. Seine Frau war zuvor verheiratet mit dem Physiker Siegfried Baumbach – der am gleichen Kieler Institut tätig war, derzeit aber im Krieg Dienst tat. Es gab Bestrebungen, einen der beiden Wissenschaftler zu versetzen, die aber vor Walchers Wechsel nach Göttingen offenbar nicht umgesetzt wurden. Mit seinen „Beiträgen zur massenspektroskopischen Isotopentrennung“ habilitierte sich Walcher an der Universität Kiel und vertrat im Sommersemester 1942 sogleich den Lehrstuhl für Experimentalphysik. Zudem wurde er im Juni 1942 zum Dozenten der Physik an der Un i- versität Kiel ernannt. Für die Behauptung, Walchers Habilitationsschrift sei wegen politischer Unzuverlässigkeit zunächst abgelehnt worden und nur durch die Einflussnahme Kopfer- 411 manns schließlich angenommen worden (Wikipedia), fanden sich im eingesehenen Quelle n- material keine Belege. Im Herbst 1942 folgte Walcher wiederum Kopfermann an das 2. Physikalische Institut der Universität Göttingen. Neben Walcher wurde mit Wolfgang Paul auch Kopfermanns zweiter Assistent zum 1. Oktober 1942 aus Kiel nach Göttingen versetzt (04.07.1942, Reichsminister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung), der mit Walcher bereits an der TH Berlin st u- diert hatte und – wie Walcher – Kopfermann bereits nach Kiel gefolgt war. Obwohl Walcher offensichtlich über den Oktober 1942 hinaus noch vertretungsweise das Institut für Exper i- mentalphysik in Kiel leitete (bis sein Nachfolger den Dienst antreten konnte), zog er mit der Familie im August 1942 nach Göttingen. Zwei Jahre später, im August 1944 wurde Walcher an der Universität Göttingen zum Oberassistenten ernannt; wiederum hatte sich Kopfe r- mann für ihn eingesetzt. Walcher war zu keiner Zeit Mitglied der NSDAP. Laut eigener Angaben in Fragebögen der Militärregierung 1945 und 1946 war er von 1940/41 bis 1945 Mitglied des NS -Dozenten- bunds und der NSV, von November 1933 bis September 1939 Mitglied des NSKK. Auch in Fragebögen zur NS -Zeit hatte er regelmäßig als einzige Mitgliedschaft in einer NS -Organi- sation das NSKK angegeben (allerdings auch nach 1939 nicht auf einen Austritt verwiesen). Bis 1947 blieb Walcher am 2. Physikalischen Institut, bevor er als Professor für Experime n- talphysik an die Philipps-Universität nach Marburg wechselte, wo er über drei Jahrzehnte als Direktor des Physikalischen Instituts wirkte. Über Details zu seiner Forschungsarbeit wä h- rend seiner Göttinger Zeit gaben die eingesehenen Quellen kaum Aufschluss. In einem Schriftenverzeichnis aus dem Jahr 1944 verwies Walcher neben den gen annten Aufsätzen auf „Ferner: Verschiedene geheime Berichte“. Als aufschlussreich erwiesen sich hier die Fo r- schungsergebnisse von Gerhard Rammer, der 2004 mit seiner Arbeit „ Die Nazifizierung und Entnazifizierung der Physik an der Universität Göttingen“ ebenda promovierte. Rammer wer- tete (neben umfangreichem Archivmaterial) Interviews aus , die Mark Walker mi t Wilhelm Walcher geführt hatte („Wilhelm Walcher, befragt von Mark Walker, 4. Juni 1985. Privatbe- sitz“, Rammer, S. 587). Wie Wolfgang Paul blieb auch W ilhelm Walcher über die gesamte Göttinger Zeit uk -gestellt (Rammer, S. 160; vgl. auch Steiner, S. 199). Grund dafür war offenbar ihre Reklamation für Arbeiten im Bereich der Isotopentrennung für den Uranverein (Paul kann wie Walcher hier als Experte angesehen werden, Habilitation 1944 „Ein Massenspektrometer zur Bestimmung von Isotopenmischungsverhältnissen“). Wie Walcher war Paul 1933 in Form einer „symbol i- sche[n] politischen Anpassung“ (Rammer, S. 160) dem NSKK beigetreten – allerdings trat er, Wolfgang Paul, im Mai 1937 auch der NSDAP bei. Die Überlieferung zu Rüstungsprojekten am Göttinger Institut ist nur bruchstückhaft überliefert. Eine Auflistung „Kriegsarbeit von Instituten der Mathematisch -Naturwissenschaftlichen Fakultät der Universi tät Göttingen“ vom Februar 1943 belegt, dass Walcher (in leitender Funktion) mit seinen Kollegen an ve r- schiedenen Rüstungsprojekten höchster Dringlichkeitsstufen forschte: 412 „Die Abteilung 2 (altes Kieler Institut) bearbeitete einen SS -Auftrag des Heeres, einen SS -Teilauftrag der Kriegsmarine und einen SS -Teilauftrag der Luftwaffe. Die wissenschaftlichen Mitarbeiter waren Wilhelm Walcher (leitend), Wolfgang Paul (Assistent) und [Helmut] Schaefer (Mitarbeiter)“ (Rammer, S. 301 – SS steht hier für die Dringlichkeitsstufe!). Das 2. Physikalische Institut arbeitete schon 1941, bevor Kopfermann mit seinem Kieler Team nach Göttingen gelangte, an zahlreichen Kriegsaufträgen für Heereswaffenamt, Kriegs- marine und Reichsluftfahrtministerium. Als Spezialist für Massenspektroskopie war Walchers Wissen auch und besonders im Forschungsbereich der Kernspaltung gefragt. „ Mit seinen Fähigkeiten war er im deutschen Uranprojekt willkommen, wo er an einer massenspektr o- skopischen Methode zur Trennung des U 235 Isotops vom natürlichen Uran arbeit ete“ (Rammer, S. 158). Davon zeugen auch seine beiden Aufsätze in der Zeitschrift für Physik aus dem Jahr 1944 (siehe Literatur). Walcher gelang es – Rammer folgend – mit „politischer Mi- nimalanpassung“ (und damit ist die Mitgliedschaft im NSKK gemeint, S. 159) Kariere zu m a- chen. Neben seiner Forschungstätigkeit war er stets in die Lehre am Institut eingebunden (zu Lehrveranstaltungen ab 1943 vgl. Rammer, S. 437 f.). Gerade an Walchers Mitwirken am deutschen Uranprojekt waren nach Kriegsende auch die Alliierten stark interessiert: „Von den in Deutschland durchgeführten physikalischen Forschungen genoss vor allem das Uranpr o- jekt die besondere Aufmerksamkeit der Alliierten. Die mit der Ermittlung aller diesbezüglichen Aktiv i- täten beauftragte Alsos-Mission suchte, die vorrückenden alliierten Truppen begleitend, all jene Orte auf, in denen das Uranprojekt betrieben wurde und wo daran beteiligte Wissenschaftler vermu tet wurden. In der sogenannten ‚Strassburg Summary‘ listeten die Alliierten 242 deutsche Wissenschaf t- ler auf und bewerteten in einer Zehn-Punkte-Skala ihre Bedeutung für das Uranprojekt. Unter den 24 wichtigsten Personen (6 bis 10 Punkte) befand sich nur ein Physiker aus den Göttinger Universitätsi n- stituten. Dies war Wilhelm Walcher (6 Punkte), dessen Ar beiten zur Isotopentrennung von Bede u- tung waren“ (Rammer, S. 310). Offensichtlich wurde gegen Walcher kein Entnazifizierungsverfahren eröffnet. Laut han d- schriftlichem Vermerk auf dem Fragebogen der Militärregierung vom 25.05.1945 lag gegen Walcher kein belastendes Material in den Beständen der NSDAP vor („Nothing against him in NSDAP Files“, NLA Hannover, Nds. 171 Hildesheim Nr. 322). Quellen: BArch, B 522/Philosophischer Fakultätentag NLA Hannover, Nds. 171 Hildesheim Nr. 322 [Entnazifizierungsakten] UA Marburg, Bestand 308/13 UA Kiel, Bestand 47 Universität [Kieler Kuratoriumsakten in UA Göttingen, Kur Walcher Wilhelm!] UA Göttingen, Kur Walcher, Wilhelm Literatur: Kamke, Detlef: Prof. Dr. Ing., Dr. rer. nat. h. c. Wilhelm Walcher 70 Jahre. In: Physikalisc he Blätter 36 (1980), S. 234 f. 413 Rammer, Gerhard: Die Nazifizierung und Entnazifizierung der Physik an der Universität Göttingen. Göttingen 2004 [Dissertation]. Steiner, Peter M.: Wolfgang Paul im Gespräch. In: Frieß, Peter/Ders. (Hrsg.): Forschung und Tech nik in Deutschland nach 1945. München 1995, S. 197-214. Walcher, Wilhelm: Über eine Ionenquelle für massenspektroskopische Isotopentrennung. In: Zei t- schrift für Physik 122 (1944), S. 62-85. Walcher, Wilhelm: Trennung der Thalliumisotope. I. Massenspektrosk opische Trennung. In: Zei t- schrift für Physik 122 (1944), S. 401-406. 414 Wiesenthalweg (L 7), benannt 1988 nach Georg Wiesenthal (1909-1972) Historiker, Archäologe, Volkskundler * 29. November 1909 in Darmstadt 1916-1919 Besuch der Bessunger Mittelschule 2 1919-1928 Darmstädter Realgymnasium (Abitur 1928) 1928-ca. 1934 Studium der Geschichte, Germanistik, Volkskunde und Kunstgeschichte in Frankfurt am Main (1928-1930) und in Gießen (Mitglied der Burschenschaften Tuiskonia und Adelphia) 1932-1945 Mitglied der NSDAP (Mitglieds-Nr. 927952, Eintritt: 01.02.1932) 1934 vorgeschichtliche Ausgrabungen auf dem Glauberg (Oberhessen) Ca. 1935-1938 Tätigkeiten (Volontär) in der vorgeschichtlichen Abteilung des Hessischen Landesm u- seums und beim Hessischen Denkmalarchiv in Darmstadt 1935-1945 Mitglied des NSDStB (laut eigener Angabe) 1936/37 Dissertation „Die alten Namen der Gemarkung Glauberg “ (veröffentlicht 1936, Promotion s- urkunde März 1937) 1937-1938 NSDAP-Blockleiter in Darmstadt 1938-1939 Assistent am Museum der Stadt Worms 1938-1939 Mitarbeit beim SD (Sicherheitsdienst der SS) in Worms 1938-1941 Veröffentlichungen in „Volk und Scholle“, darunter „ Sonnenrad und Hakenkreuz in rhei n- hessischen Bodenfunden“ (1939) 1939 „Das Wormser Stadtgebiet in vor - und frühgeschichtlicher Zeit mit einer archäologischen Sie d- lungskarte“ 1939-1945 Kriegsdienst (Dienstrang zuletzt: Leutnant) 1940 Heirat mit Herta DXXXsch [?] in Darmstadt 1945-1950 Russische Kriegsgefangenschaft 1950 für kurze Zeit nochmals am Museum der Stadt Worms tätig Ca. 1950-1953 Tätigkeit beim Amt für Bodendenkmalpflege in Darmstadt Ab 1953 Tätigkeit am Stadtmuseum Darmstadt (Leiter, als Sachbearbeiter im Dienst der Stadt Dar m- stadt); zahlreiche lokalhistorische Publikationen und Vorträge; Mitglied des Heinerfestausschusse s sowie der Vereinigung Alt Darmstadt 1953 „Darmstadts Bodenurkunden“ 1955 „Darmstädter Anekdoten“ 1956 „Darmstädter Kalender“ 1968 „Stadtführer Darmstadt“ † 28. Juni 1972 in Darmstadt Ehrungen: --- 415 Wirken in der NS-Zeit Georg „Schorsch“ Wiesenthal, Darmst ädter Heimatforscher, in Darmstadt besonders ab den 1950er Jahren als Leiter des Stadtmuseums Darmstadt und Autor zahlreicher lokalgeschich t- licher Veröffentlichungen präsent, war noch vor 1933 Mitglied der NSDAP, zeitweise Bloc k- leiter und kurzzeitig in Diensten des Sicherheitsdienstes der SS. Wiesenthal studierte ab 1928 Geschichte, Germanistik, Volkskunde und Kunstgeschich te, bis zum Wintersemester 1929/30 in Frankfurt am Main, anschließend an der Ludwigsuniversität in Gießen. Er war aktives Mitglied der Burschenschaften Tuiskonia und Adelphia. Im Sommer und Herbst 1934 nahm er an vorgeschichtlichen Ausgrabungen auf dem Glauberg (Kreis Büdingen) teil; 1936 erschien „zur Erlangung der Doktorwürde bei der Philosophischen F a- kultät der Hessischen Ludwigsuniversität zu Gießen“ seine Dissertation „Die alten Namen der Gemarkung Glauberg“. Seit Juli 1935 war er in Darmstadt als Volontär in der vorgeschichtli- chen Abteilung der Kunst - und historischen Sammlungen des Hessischen Landes museums tätig (bis ca. 1937) sowie beim Hessischen Denkmalarchiv im Schloss. Von 1938 an wirkte er als Assistent am Museum der Stadt Worms. Zwischen 1937 und 1941 veröffentlichte Wiesenthal zahlreiche Artikel zu vor - und frühg e- schichtlichen Themen mit lokalem bzw. regionalem Fokus in der Ze itschrift „Volk und Scho l- le“ sowie in weiteren Zeitschriften und Zeitungen. Wie in seinem Beitrag „ Sonnenrad und Hakenkreuz in rheinhessischen Bodenfunden “ (1939) spannte er teils einen Bogen von der (germanischen) Frühgeschichte bis in die derzeitige Gegenwart: „Auch das Hakenkreuz wird als uraltes Heils - und Sonnenzeichen oft in vorgeschichtlichen Gräbern gefunden. Es wurde aus dem Radkreuz, der einfachsten Darstellung des Sonnenrads […], entwickelt. Dieses alte Heilszeichen und Sinnbild des Lebens lebt s chon seit Jahrtausenden auf deutschem B o- den. […] Es hält sich durch das ganze Mittelalter, auch in der christlichen Kunst; es behauptet sich vor allem in den Werken der Volkskunst und wird im Anfang unseres Jahrhunderts Sinnbild der völk i- schen Bewegung, bis es heute in der Fahne des Dritten Reiches wieder seine Bedeutung als Heilsze i- chen nordischen Wesens und germanischen Volkstums erlangt hat“ (Wiesenthal, Georg: Sonnenrad und Hakenkreuz in rheinhessischen Bode nfunden. In: Volk und Schol le 17 (1939), S. 205-210, Zitat S. 205; vgl. auch Beiträge in der Hessischen Landeszeitung, StadtA DA, ST 61). Bereits zu Beginn des Jahres 1932 war Wiesenthal der NSDAP beigetreten ( Mitglieds-Nr.: 922952, Eintritt : 01.02.1932 , BArch Berlin, BDC, NSDAP -Mitgliederkartei). Lau t eigener A n- gaben (HHStAW) fungierte er von 1937 bis 1938 als Blockleiter der NSDAP. In seinem Meld e- bogen im Zuge des Entnazifizierungsverfahrens gab er zudem zu Protokoll, dass er zu seiner Zeit in Worms (1938 -1939) Mitarbeiter des SD (Sicherheitsdienst d er SS) gewesen war (mit dem Vermerk: „Mitarbeit ohne V -Mann Ausweis“). Von 1935 bis 1945 war er – ebenfalls seinen eigenen Angaben folgend – Mitglied des NSDStB. Von 1939 bis 1945 war Wiesenthal als Soldat der Wehrmacht im Kriegsdienst; seine Tru p- penzugehörigkeiten, Dienstgrade und Einsatzorte lassen sich anhand der angefragten Info r- mationen der Deutschen Dienststelle (WASt) relativ detailliert rekonstruieren: Aus den d o- kumentierten Meldungen geht hervor, dass Wiesenthal 1940 dem Pionier -Bataillon 229 a n- gehörte (unterstellt der 197. Infanterie-Division) mit Einsatzraum Posen (später: Niederla n- 416 de), 1941 in der Bäckerei -Kompanie 112 diente (unterstellt der 112. Infanterie-Division, Dienstgrad: Kriegs -Verwaltungsinspektor), 1942/43 als Zahlmeister dem Armee -Verpfle- gungsamt 515 zugewiesen war (Einsatzräume: Weißrussland, Südrussland), von welchem er im Oktober 1943 zur Wehrkreisverwaltung XII Wiesbaden abging. Im März 1944 war er in Reims stationiert (Stab III/Grenadier -Regiment 1058, 91. Infanterie-Division), i m Mai 1944 wurde er der Verwaltungs-Kompanie 179 zugeteilt. Laut eigener Angaben war er von August bis Dezember 1944 als Fahnenjunker beim Pionier -Ersatz-Bataillon 34 und anschließend bei der Pionier -Schule 1 Dessau -Roßlau stationiert, zuletzt (laut HHStAW seit 01.04.1945) im Dienstrang eines Leutnants. Anfang Mai 1945 geriet Wiesenthal in Dömitz an der Elbe in Kriegsgefangenschaft und blieb schließlich bis Ende 1949 in einem sowjetischen Kriegsgefangenenlager in Minsk (Weißrus s- land) in Haft. Zum Jahresbegi nn 1950 entlassen, kehrte er über das Heimkehrer -Lager „Waldschänke“ in Bad Hersfeld für kurze Zeit nach Worms zurück (laut Knieß), um noch im Frühjahr 1950 zum Amt für Bodendenkmalpflege nach Darmstadt zu wechseln (gemeldet in Darmstadt seit März 1950, HStAD, H 3 Nr. 58996). Das Entnazifizierungsverfahren gegen den Spätheimkehrer Georg Wiesenthal wurde unter Bezug auf das „Gesetz zum Abschluss der politischen Befreiung in Hessen vom 30.11.1949 “ eingestellt. In der Begründung wurde explizit darauf verwiesen , dass „der Tatbestand die Einstufung in die Gruppe der Belasteten oder Hauptschuldigen nicht rechtfertigt, insbeso n- dere die Beweisunterlagen für eine solche Einstufung nicht ausreichend erscheinen“ (22.12.1950 Zentralberufungskammer Hessen; ein entspreche nder Beschluss erfolgte am 10.01.1951, beides HHStAW). Seinerzeit angefragte Informationen und Dokumente, vo r- nehmlich zu Wiesenthals Tätigkeit beim SD, konnten nicht ermittelt werden. Seit 1973 verfügt das Stadtarchiv über einen umfangreichen Nachlass zu G eorg Wiesenthal, der laut Auskunft von Dr. Peter Engels jedoch keine persönlichen Dokumente zu Wiesenthals Wirken in der NS-Zeit enthält. Quellen: BArch Berlin, BDC, NSDAP-Mitgliederkartei Deutsche Dienststelle (WASt), Personenrecherche HHStAW, Abt. 520/Frankfurt (A-Z), Wiesenthal, Georg HStAD, H 3 Nr. 58996 HStAD, R 12 P Nr. 7172 UA Gießen, Promotionsdatenbank StadtA DA, ST 61 Wiesenthal, Dr. Georg und Karl (Vater) StadtA DA, Nachlass Georg Wiesenthal StadtA Worms, 202/160 417 Literatur: Knieß, Friedrich Wilhelm: Wiesenthal, Georg. In: Stadtlexikon Darmstadt (2006), S. 989 f. Wiesenthal, Georg: Die alten Namen der Gemarkung Glauberg. Gießen 1936. Wiesenthal, Georg: Sonnenrad und Hakenkreuz in rheinhessischen Bodenfunden. In: Volk und Scholle 17 (1939), S. 205-210. 418 Windausweg (F 8), benannt 1976 nach Adolf Windaus (1876-1959) Chemiker * 25. Dezember 1876 in Berlin 1883-1895 Besuch des Französischen Gymnasiums in Berlin 1895-1899 Studium zunächst der Medizin (1895 -1897), dann der Chemie an den Universitäten Fre i- burg im Breisgau und Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin 1899 Promotion an der Universität Freiburg im Breisgau bei Heinrich Kiliani, „Neue Beiträge zur Kenntnis der Digitalisstoffe“ Um 1900 Militärdienst in Berlin als Einjährig-Freiwilliger 1900-1901 Vo lontärassistent am Institut für Chemie der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin (bei Emil Fischer) 1901-1913 Tätigkeit an der Universität Freiburg im Breisgau (seit 1906 außerordentlicher Professor) 1903/04 Habilitation an der Universität Freiburg im Breisgau, „Über das Cholesterin“ 1913-1915 ordentlicher Professor für Medizinische Chemie an der Universität Innsbruck 1915 Heirat mit Elisabeth Resau (drei Kinder) 1915-1944 Professor für Chemie und Direktor des Allgemeinen Chemischen Instituts an der Univers i- tät Göttingen 1919-1924 Mitglied der Demokratischen Partei 1925-1938 Untersuchungen hauptsächlich im Bereich der Vitamin-Forschung 1935 Ruhestandsgesuch (abgewiesen) 1938 Forschungsreise nach Paris 1944 Emeritierung (auf eigenen Wunsch) † 9. Juni 1959 in Göttingen Ehrungen: 1922 Mitglied (seit 1943 Ehrenmitglied) der Deutschen Akademie der Naturfor scher Leopoldina Ha l- le/Saale 1927 Adolf-von-Baeyer-Denkmünze des Vereins Deutscher Chemiker 1928 Nobelpreis für Chemie 1938 Pasteur-Médaille (Paris) 1938 Treuedienst-Ehrenzeichen 1. Stufe (für 40 Jahre Dienstleistung) 1941 Goethe-Medaille für Kunst und Wissenschaft (verliehen durch Adolf Hitler, ausgehändigt 1942) 1943 Kriegsverdienstkreuz I. und II. Klasse 1951 Großes Verdienstkreuz der BRD (ausgehändigt 1952) 1952 Orden Pour le Mérite für Wissenschaften und Künste 1959 Bundesverdienstkreuz mit Stern 419 1977 Adolf-Windaus-Medaille der Universität Göttingen Ehrendoktor der Universitäten Göttingen und Freiburg (1949) sowie der Tierärztlichen Hochschule Hannover (1953) und der TH München (Ehren-)Mitglied weiterer Akademien und wissenschaftlicher Gesellschaften, darunter Ehrenmitglied des Vereins Deutscher Chemiker Wirken in der NS-Zeit Adolf Windaus, Chemiker und Nobelpreisträger, war während der NS -Zeit bis zu seiner Em e- retierung 1944 Direktor des Chemischen Instituts der Universität Göttingen. Windaus wirkte seit 1915 als Professor für Chemie an der Universität Göttingen, über lange Jahre fungierte er als Direktor des Allgemeinen Chemischen Instituts. Für seine herausragen- de Forschung im Bereich der Vitamine erhielt er 1928 den Nobelpreis für Chemie; die Vit a- minforschung bildete auch nach 1933 seinen Forschungsschwerpunkt (dazu ausführlich Haas, S. 40-83, vgl. auch Stoff, S. 123-137). Windaus galt als einer der führenden Chemiker seiner Zeit. Über Windaus‘ Haltung zum NS -Regime lieferten Unterlagen aus dem ehemaligen BDC (BArch Berlin, BDC, VBS 1/1200025989 ), aus seiner umfangreichen Personalakte der Unive r- sität Göttingen (UA Göttingen, Kur[atoriumsakten] Windaus, Adolf) sowie aus seinem Entna- zifizierungsverfahren ( Niedersächsisches Landesarchiv, Nds. 171 Hildesheim Nr. 324 ) Au f- schluss. An der Qualität seiner wissenschaftlichen Forschung bestand auch seitens der NSDAP keiner- lei Zweifel, wie aus politischen Beurteilungen au s den Jahren 1934, 1939 und 1941 hervo r- ging – an seiner Einstellung gegenüber „Führer und Bewegung“ hingegen sehr wohl: Bei aller wissenschaftlichen Verdienste sei Windaus „weltanschaulich keineswegs tragbar“ hieß es in einer Stellungnahme vom Juni 1934 (h ierzu und zum Folgenden BArch Berlin, BDC, VBS 1/1200025989). Er sei und bleibe Demokrat, habe etwa den Besitzer eines Hotels offen mit Boykott gedroht, wenn dieser die Hakenkreuzfahne hisste. Aus parteipolitischer Perspektive erschienen Vortragsreisen ins Ausland sowie besondere Ehrungen kritisch zu prüfen bzw. abzulehnen. Auch später – laut der tradierten Beurteilungen aus den Jahren 1939 und 1941 – ließen sich keine Hinweise darauf finden, dass Windaus „seine frühere grundsätzliche a b- lehnende Haltung geg enüber dem heutigen Staat geändert“ habe (12.10.1941, NSDAP - Ortsgruppe „Hainberg“ Göttingen). Er wurde allgemein als politisch uninteressiert bezeic h- net; als Forscher, der nur an seiner Wissenschaft interessiert gewesen sei („Er lebte in sple n- did isolation“). In einem späten Vermerk über die (aus Sicht der Partei eher unbefriedigende) Situation an der Mathematisch -Naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Göttingen hieß es: „Windaus, Adolf o. emer. o. Professor der Chemie grüsst bis zum heutigen Tag bewusst nicht mit dem deutschen Gruss, hat es abgelehnt, auf dem G e- biet der Gaskriege zu arbeiten, ein wissenschaftlich hochbedeutender und innerlich unbedingt vo r- nehmer Mann, aber im ganzen von durchaus vormärzlichen [sic!] Stil“ (Abschrift ohne Datum, we nn tatsächlich nach Emeritierung: Juni 1944 oder später). 420 Windaus, der offenbar keiner NS-Organisation angehörte (Mitgliedschaft im RLB nicht ausge- schlossen, Niedersächsisches Landesarchiv, Nds. 171 Hildesheim Nr. 324 ) und nach 1933 aus dem Präsidium der D eutschen Chemischen Gesellschaft sowie dem Vorstand der Kaiser - Wilhelm-Gesellschaft entfernt wurde, geriet wiederholt in Konflikt mit Verantwortlichen des NS-Regimes, wenn es um Stellenbesetzungen und andere dienstliche Handlungen in seinem universitären Verantwortungsbereich (etwa Habilitationen) ging. Er weigerte sich zudem an politischen Kundgebungen der NSDAP teilzunehmen oder zur Teilnahme daran aufzurufen. Relativ g ut dokumentiert ist ein Vorgang aus dem Jahr 1935 (UA Göttingen, Kur Windaus, Adolf sowie Niedersächsisches Landesarchiv, Nds. 171 Hildesheim Nr. 324): Ein e Gruppe na- tionalsozialistischer Studenten zeigte Mitarbeiter von Windaus bei der SA an, die mit dem einzigen jüdischen Doktoranden am von Windaus geleiteten Institut für Organische Chemie verkehrten. Windaus wandte sich daraufhin im September 1935 an das Ministerium für Wi s- senschaft, Erziehung und Volksbildung mit der Bitte um seine Entpflichtung zum April 1936 – da er nicht das Gefühl habe, für ein entschiedenes Vorgehen gegen die „Ruhest örer“ auf den Rückhalt des Ministeriums zählen zu können. Der jüdische Doktorand sei ein „ordentlicher, begabter und fleissiger Mann, der bei mir sein Doktorexamen machen will“. Windaus beklag- te sich in dem Schreiben auch darüber, dass Assistenten - wie Habilitationsstellen nicht mehr nach Begabung und Prinzipien der Leistung vergeben würden – wie er dies schon immer praktizierte –, und zog vor diesem Hintergrund persönliche Konsequenzen: „Ich bin zu alt, um die ethischen Anschauungen, in denen ich aufgewach sen bin, noch ändern zu kön- nen. Da es mir unmöglich ist unter den gegenwärtigen gespannten Zuständen in Göttingen wisse n- schaftlich weiter zu arbeiten, halte ich es für das Richtige, meinen Platz zu räumen und ihn frei zu machen für einen Mann, der die jetz ige Entwicklung und die Jugend besser versteht als ich“ (02.09.1935, Windaus, an das Ministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung, Berlin). Windaus wurde daraufhin nach Berlin bestellt und ihm erläutert, dass sein Rücktritt nicht erwünscht sei; den Hauptaktivisten der „aufsässigen Studenten“ wurde ein Wechsel der Un i- versität nahegelegt (dem sie folgten). Tatsächlich wurde der jüdische Student, Klaus Neisser, in Göttingen promoviert; er emigrierte nach seiner Promotion nach Brasilien (Deichmann, S. 84). Bis 1938 war es Windaus möglich, Reisen zu Vorträgen und Tagungen im Ausland wahrne h- men (belegt sind Reisen in die Schweiz, nach Holland und 1938 letztmals eine Forschungsre i- se nach Paris, UA Göttingen, Kur Windaus, Adolf); allerdings wurden ihm e inzelne Auslands- reisen untersagt. Sein Einkommen belief sich auf bis zu 220.000 RM jährlich (1941 -1944); neben seinem Gehalt erhielt er eine „Beteiligung am Reingewinn der Firma E. Merck- Darmstadt an dem Vitaminerlös“ ( Niedersächsisches Landesarchiv, Nds. 171 Hildesheim Nr. 324, zu entsprechendem Vertrag aus dem Jahr 1927 vgl. Haas, S. 38 f. sowie 97 ff.). Im März 1943 bat Windaus erneut um eine Versetzung in den Ruhestand; dieses Mal machte er gesundheitliche Gründe geltend. „Selbstverständlich werde ich m ich bemühen, krieg s- wichtige Arbeiten fortzusetzen“ , fügte er dem Schreiben abschließend noch an (04.03.1943, an den Dekan der Mathematisch -Naturwissenschaftlichen Fakultät, UA Göttingen, Kur 421 Windaus, Adolf). Über ein Jahr später wurde seinem Gesuch schließ lich entsprochen (Emeri- tierung im Mai/Juni 1944). Während der Kriegszeit war Windaus – entgegen aller Vorbehalte seitens der NSDAP – mit der Goethe-Medaille für Kunst und Wissenschaft ( 1941 verliehen durch A dolf Hitler, ausg e- händigt 1942) sowie mit dem Kriegsverdienstkreuz I. und II. Klasse ausgezeichnet worden. Im November 1945 verfasste Adolf Windaus einen zehn seitigen, maschinengeschriebenen Bericht, in dem er sich mit Fragen der Schuld in Bezug auf das „Dritte Reich“ beschäftigte (Niedersächsisches Landesarchiv, Nds. 171 Hildesheim Nr. 324). Er brachte darin seine Ge g- nerschaft zum Nationalsozialismus zum Ausdruck , die sich nach Kriegsende noch verschärft habe, als er von den Gräueltaten in Konzentrationslagern hörte, die ihm zuvor – anders als von den Alliierten allgemein behauptet – so nicht bekannt gewesen seien. Windaus wendete sich in seiner Darstellung gegen eine „Kollektivschuld“ der Deutschen (ohne dass der Begriff genannt wurde) und verwies abschließend auf das, was ihm als „Schuld der Alliierten “ e r- schien. Er selbst verstand sich – bei aller konsequenten Ablehnung des Nationalsozialismus – nicht als dem aktiven Widerstand zuzurechnen, da er nie einer „politischen Untergrundb e- wegung“ angehört habe. Quellen: BArch Berlin, BDC, VBS 1/1200025989 Niedersächsisches Landesarchiv, Nds. 171 Hildesheim Nr. 324 UA Göttingen, Kur[atoriumsakten] Windaus, Adolf Literatur: Haas, Jochen: Vigantol. Adolf Windaus und die Geschichte des Vitamin D. Stuttgart 2007. Stoff, Heiko: Wirkstoffe. Eine Wissenschaftsgeschicht e der Hormone, Vitamine und Enzym e, 1920 - 1970. Stuttgart 2012. Deichmann, Ute: Flüchten, Mitmachen, Vergessen. Chemiker und Biochemiker in der NS -Zeit. Wein- heim 2001. 422 Würthweg (J 8), Benennung beschlossen 1956 (benannt 1959) nach Joseph Würth (1900-1948) Darmstädter Verleger und Kunstdrucker * 17. März 1900 in Darmstadt Besuch des Ludwig-Georgs-Gymnasiums in Darmstadt 1915 Mitbegründer der Vereinigung „Die Dachstube“; Illustrator, Setzer und Mitherausgeber des gleichnamigen Flugblatts (1915-1918) 1918 Abitur 1918-1920 Studium der Kunstgeschichte in Frankfurt am Main 1919 Gründungsmitglied der Darmstädter Sezession und zeitweise deren Geschäftsführer (1926) 1921-1923 Herausgeber der Theaterzeitschrift „Das neue Forum“ 1921/1927 Gründung des „Darmstädter Verlags“ (seit 1927 „Darmstädter Verlag. Handpresse Joseph Würth“; Vorgänger: „Verlag der Dachstube“); fortan Verlegen bibliophiler Bücher – handgesetzt, handgedruckt und handgebunden 1929 Heirat mit Charlotte „Lotte“ Weygandt 1934-1944 Mitglied der Reichskulturkammer Ca. 1940-1944 Mitglied des RLB Ca. 1942-1944 Mitglied der NSV 1944 „In memoriam Carlo Mierendorff“; Organisation der Beerdigung von Carlo Mierendorff auf dem Waldfriedhof in Darmstadt 1944-1946 nach Zerstörung von Wohnung und Werkstatt in Darmsta dt wohnhaft in Ruhpolding (Villa Edelweiß) 1946-1948 wieder Druck bibliophiler Bücher sowie der Jugendzeitschrift „Helle Segel“ † 12. Oktober 1948 in Darmstadt Ehrungen: --- Wirken in der NS-Zeit Joseph „Pepy“ Würth, Verleger, Setzer und Kunstdrucker, lebt e und arbeitete bis 1944 in Darmstadt. Nach der Zerstörung seiner Werkstatt und großer Teile seines Besitzes zog er nach Ruhpolding, von wo aus er 1946 wieder nach Darmstadt zurückkehrte. Würth druckte und verlegte auch während der NS -Zeit in seinem 1927 o ffiziell gegründeten „Darmstädter Verlag. Handpresse Joseph Würth“ vor allem bibliophile Bücher, bei denen es eher um das handgemachte Erscheinungsbild denn um eine hohe Auflage ging. Seine Wer k- statt/Druckerei befand sich nach wie vor auf dem Anwesen seine s Wohn- und Elternhauses in der Hoffmannstraße 19 – wo bereits 1915 „Die Dachstube“ gegründet worden war. 423 Es erschienen handgefertigte Bücher unter anderem von Fritz Usinger („Die Stimmen“ 1934 , „Die Geheimnisse“ 1937, „Geist und Gestalt “ 1939, „Hermes“ 1941), Wilhelm von Ploennies („Leberecht vom Knopf“ 1935) und Kasimir Edschmid („Das Drama von Panama“, 1937 in einer Auflage von 1.500 Exemplaren) sowie drei „Jahreszeiten“ -Bände des Illustrators Albert Schäfer-Ast (1938-1942). Zwischen 1938/40 und 1944 ers chienen weitere bibliophile Han d- pressendrucke, darunter ein Schiller -Gedichtband („Der junge Eros“ 1940) sowie 1944 der Almanach „Ein gutes Jahr 1944“, letzterer herausgegeben von Henriette von Schirach. Würth soll sich dazu gezwungen gesehen haben, den al s Weihnachtsgabe des Kriegsbetreuung s- diensts entstandenen Almanach herzustellen, um weiter als Verleger tätig sein zu können (vgl. Material in StadtA DA, ST 61). Als besonders aufwändig produzierter Druck sollte 1944 die „Carmina Burana“ von Carl Orff auf Würths Handpresse hergestellt werden, „in lateinisch, altfranzösisch und althochdeutsch gedruckt, mit handschriftlichen Noten und Texten von Carl Orff und 42 handkolorierten Zeichnungen von Eva Schwimmer“ (StadtA DA, ST 61). In enger Zusammenarbeit mit Orf f und Schwimmer entstand ein Prachtband, dessen Auflage von 1.700 Exemplaren schon vor Drucklegung ausverkauft war. Beim verheerenden Luftangriff auf Darmstadt am 11./12. Se p- tember 1944 verbrannte die gesamte bereits versandfertige Auflage. Erhalten blieb allein ein Andruck, den Carl Orff später der Witwe Würths zur Verfügung stellte. Neben der Auflage der „Carmina Burana“ wurden auch weitere Originalzeichnungen und Handschriften sowie große Teile von Würths Besitz zerstört. Im Jahr 1944 organisierte Würth die Beisetzung von Carlo Mierendorff auf dem Darmstädter Waldfriedhof, anlässlich derer Theodor Haubach die Gedenkrede hielt. Würth hatte den Leichnam seines in Leipzig bei einem Luftangriff im Dezember 1943 getöteten Freundes nach Darmstadt bringen lassen (wie nach 1945 zu lesen war gegen den Willen des dortigen Ga u- leiters), wo seine Asche im Grab der Eltern beigesetzt wurde (am 22.02.1944). – Mierendorff hatte noch 1941 die deutsche Übersetzung von Texten des schwedischen Lyrikers Carl M i- chael Bellmann un ter Pseudonym bei Würth verlegen lassen („Bachanal im Grünen“, mit Federzeichnungen von Eva Schwimmer). In Presseberichten nach 1945 wurde wiederholt darauf verwiesen, dass Würth auch wä h- rend der NS -Zeit zu den Freunden aus der „Dachstuben“ -Zeit den Kontak t zu halten suchte; seine Werkstatt sei bis zur Zerstörung 1944 eine „Oase der Freiheit“ gewesen (so Kurt Heyd im DE vom 15.03.1980). Nach der Zerstörung seines Wohnhauses und der angeschlossenen Druckerei im Herbst 1944 zog Würth (auf Vermittlung seines F reundes Kasimir Edschmid) mit seiner Frau und seiner Mutter nach Ruhpolding (Oberbayern), in die Villa Edelweiß, von wo aus er im September 1946 nach Darmstadt zurückkehrte. Bis zu seinem frühen Tod 1948 war er wieder als Verl e- ger in Darmstadt tätig (Ertei lung der Verlagslizenz – unter der alten Firmenbezeichnung – durch die Militärregierung am 27. Juni 1946); die alte Handpresse konnte allerdings nicht wieder in Gang gebracht werden. 424 Laut eigener Angaben im Zuge seines Entnazifizierungsverfahrens (HHStAW) war Joseph Würth seit 1934 Mitglied der Reichskulturkammer, etwa seit 1940 des RLB und seit 1942 der NSV (er gab im Meldebogen die Eintritte in RLB und NSV mit Fragezeichen an und datierte alle Mitgliedschaften bis 1944). Er war demnach kein Mitglied der W ehrmacht, als steue r- pflichtiges jährliches Gesamteinkommen (in RM) gab er für 1934 „Kein“, für 1938 „ca. 1.000“ und für 1943 „6.972“ zu Protokoll. Unter Selbsteinschätzung vermerkte er „ Unbelastet“, als Begründung dafür gab er an: „Weil ich keiner Naziorga nisation unter 1 angehört und in de n- jenigen unter 2 keine Tätigkeit ausgeführt habe“ (10.05.1946, Ruhpolding). Er wurde als „Vom Gesetz nicht betroffen“ (Stempel undatiert) eingestuft. Quellen: HHStAW, Abt. 520/Darmstadt-Zentral, Nr. 44239 (nur Meldebogen) HStAD, H 3 Darmstadt Nr. 11865 HStAD, R 4, 21063 HStAD, R 12 P Nr. 7335 StadtA DA, ST 61 StadtA DA, Benennung von Straßen/Umbenennung von Straßen, Bd. 1 [Provenienz: Hochbauamt (1949-1964)] StadtA DA, Archiv-Kasten mit Mappen Kommission für Straßenbenennung [1956-1977] Literatur: Netuschil, Claus K.: Würth, Joseph. In: Stadtlexikon Darmstadt (2006), S. 1008 f. Netuschil, Claus K.: Der Darmstädter Verlag – Handpresse Joseph Würth. Ein Beitrag zur Verlagsg e- schichte und Buchkunst in Darmstadt 1927-1948. Darmstadt 1980. 425 Zerninstraße (P 6-7), benannt 1949 [noch zu Lebzeiten!] nach Heinrich Zernin (1868-1951) Darmstädter Kunstmaler * 23. November 1868 in Darmstadt 1873 Umzug in die Neckarstraße 9 in Darmstadt 1875-1887 zunächst Besuch des Instituts von Theodor Maurer, anschließend des Realgymnasiums in Darmstadt (bis zur Untersekunda); erster Zeichenunterricht beim Maler August Fritz 1887 Militärdienst als Einjährig-Freiwilliger 1887-1891 letzter Schüler des Darmstädter Kunstmalers Heinrich Hoffmann Ca. 1889 -1890 Besuch der großherzoglichen Museumszeichenschule im Darmstädter Residen z- schloss, Unterricht bei Ludwig Hofmann-Zeitz (gemeinsam mit seinem Vetter Leo Kayser) 1891-1892 Schüler des Darmstädter Kunstmalers Heinrich Richard Kröh Ab 1892 freischaffender (Landschafts-)Maler 1892/93 nach Aufenthalt in Berlin mehrmonatiger Aufenthalt mit Leo Kayser in München, Naturst u- dien, Bekanntschaft mit Paul Weber 1893-1925 neben der (Landschafts-)Malerei umfangreiches Werk an Radierungen 1894 Heirat mit Magdalena „Leni“ Hufnagel; von München Rückkehr nach Darmstadt 1895 Italienreise (mit Frau Leni und Leo Kayser), Besuch bei Arnold Böcklin in der Nähe von Florenz Um 1900 Kopien alter Militärbilder im Auftrag seines Bruders Alfred Zernin 1900 Herausgabe einer Mappe mit Lithografien (im Selbstverlag) 1913 Umzug nach (Darmstadt-)Eberstadt, fortan dort wohnhaft 1918 zum Hilfsdienst verpflichtete Hilfskraft beim Stadtmuseum Darmstadt (bei Karl Noack, Kunstg e- schichtliche Sammlungen); etwa zu der Zeit auch Mitarbeit an den „Hessisc hen Biographien“ sowie am Künstlerlexikon Thieme-Becker Ab 1920 Leiter des Ortsvereins Darmstadt der Allgemeinen Deutschen Kunstgenossenschaft Ca. 1934-1945 Mitglied der RKK, der NSV, des RLB und des RKB 1937/39 Spende „Künstlerdank“ 1938 Gesamtausstellung seines Werks in der Kunsthalle Darmstadt 1944 Zerstörung seines Ateliers in der Rheinstraße in Darmstadt 1949 Tod seiner Frau † 17. November 1951 in Darmstadt Ehrungen: 1938 Ausstellung (Gesamtschau) anlässlich Zernins 70. Geburtstags in der Kunsthalle Darmstadt 1942 Kulturpreis der Stadt Darmstadt (gemeinsam mit dem Komponisten Paul Zoll) 1968 Gedächtnisausstellung anlässlich seines 100. Geburtstags im Justus-Liebig-Haus in Darmstadt 426 Wirken in der NS-Zeit Heinrich Zernin, Darmstädter Kunstmaler, Schüler u nter anderem von Heinrich Hoffmann und Heinrich Reinhard Kröh, wirkte auch während der NS -Zeit als Kunstmaler in Darmstadt( - Eberstadt). Seit 1913 lebte Heinrich Zernin in (Darmstadt -)Eberstadt, sein geräumiges Atelier in Dar m- stadt (Rheinstraße) nutzte er z unehmend als Lager für sein umfangreiches Werk. Über sein Wirken in der NS-Zeit lieferte die biografische Literatur nur wenige Informationen. Eine Nähe zum Nationalsozialismus wurde ihm einhellig abgesprochen. Seine Biografin Anette Wagner - Wilke äußerte sich etwa wie folgt: „In den 1930er Jahren wird es ruhiger um Heinrich Zernin. Mit dem sich verbreitenden nationalsozi a- listischen Gedankengut sympathisiert er nicht. In den Jahren des Zweiten Weltkrieges lebt Heinrich Zernin zurückgezogen in Eberstadt und arbeitet weiter an seinen Bildern“ (Wagner-Wilke, S. 18). Anlässlich Zernins 70. Geburtstags 1938 zeigte die Kunsthalle Darmstadt eine Gesamtausstel- lung seines Werks, die laut zeitgenössischer Presseberichte von Publikum und Kritik sehr wohlwollend aufgenommen wurde (StadtA DA, ST 61). Ernst W. Müller etwa würdigte Zer n- ins künstlerisches Werk und schloss mit den Worten: „Zernin hat seiner Heimat viel gegeben, die Heimat aber weilte lange, lange Jahre nicht bei sich selbst, sondern bei ihren liberalistischen F einden und gab Zernin nur kargen Lohn. Er aber ging nie mit der Mode[,] sondern blieb sich selber und der Heimat treu. Mögen nun endlich auch unserem deutschen Maler Heinrich Zernin die wohlverdienten Herbstreben reifen“ (23.11.1938, StadtA DA, ST 61). Im Jahr 1942 erhielt Zernin den Kulturpreis der Stadt Darmstadt zugesprochen, gemeinsam mit dem Komponisten Paul Zoll. Leider, so war zu lesen, war zur Preisverleihung durch OB Otto Wamboldt „Altmeister Zernin krankheitshalber am Erscheinen verhindert“ (Stadt A DA, ST 61). Auch Claus K. Netuschil verwies in einer biografischen Skizze auf Zernins Fernbleiben anlässlich jener Feierlichkeiten: „In den damaligen Zeitungsmeldungen hieß es, Zernin entschuldige sein Fernbleiben krankheitsha l- ber. Der Künstler, der keineswegs konform mit dem politischen System des dritten Reiches ging, feh l- te bei der Preisverleihung aus Gründen der Überzeugung. Nach dem Krieg wollten viele nicht verst e- hen, warum Zernin den Preis überhaupt angenommen hatte. Zur Ablehnung f ehlte dem 74 -jährigen die Kraft“ (Netuschil 1978 [keine Seitenzahlen]; vgl. ähnliche Deutung bei Wagner-Wilke, S. 18). Zernin war Mitglied der Reichkulturkammer für bildende Künste (Mitglieds-Nr. 1170) sowie – eigenen Angaben im Zuge seines Entnazifizierungsverfahrens fol gend (HHStAW) – Mitglied der NSV, des RKB und des RLB. Zu zeitlichen Angaben sah er sich 1946 nicht in der Lage, da alle Unterlagen in seinem Atelier verbrannt seien . Er gab zudem eine „einmalige Altersspe n- de vom Künstlerdank 1200 M“ zu Protokoll. Wie tradierte Unterlagen aus der RKK-Akte Zern- ins dokumentieren ( BArch Berlin, BDC, R 55/33399 ), verteilte sich der Betrag offenbar auf mehrere Einzelspenden ab 1937. Die Zuwendungen aus dem „Künstlerdank“ mussten jeweils beantragt und begründet werden. Vor der Ge nehmigung wurden unter anderem bei den lokalen NSDAP -Parteiorganen Erkundigungen eingeholt. Zu Zernin – der zu keiner Zeit Mi t- 427 glied der NSDAP war – wurde entsprechend die NSDAP -Ortsgruppe Darmstadt -Eberstadt angefragt; gegen eine Zuwendung bestanden offensichtlich keine Bedenken: „Der angefragte Kunstmaler Heinrich Zernin war vor der Machtübernahme schon national eingestellt und großer Judengegner und bejaht den heutigen Staat bedingungslos. Z. ist also politisch zuverlä s- sig“ (17.08.1938, Ortsgruppe Eberstadt der NSDAP, i. A. Amtsleiter Hütten, an das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda Spende „Künstlerdank“, BArch Berlin, BDC, R 55/33399, Hervo r- hebung im Original). Zernins Lebensverhältnisse wurden wiederholt als „bescheiden“, seine wirtsch aftliche Lage als „schlecht“ bezeichnet , seine künstlerische Begabung als „herausragend“ bzw. „übe r- durchschnittlich“ beurteilt. Der Altmeister selbst machte geltend, dass er kaum mehr Bilder verkaufte und zu „70 % arbeitsunfähig erklärt“ sei. Anlässlich ei ner Anfrage 1939 gab der Ortsgruppenleiter der NSDAP-Ortsgruppe Darmstadt-Eberstadt folgende Auskunft: „Der Kunstmaler Heinrich Zernin ist politisch zuverlässig. Er ist mir persönlich seit etwa 1920 bekannt, hat sich niemals aktiv oder passiv gegnerisch be tätigt und hat schon Jahre vor der Machtübernahme mit der Bewegung sympathisiert. Seine wirtschaftlichen Verhältnisse sind gering. Künstlerisch b e- trachtet gehörte er einer älteren Schule an, doch sind seine Bilder, insbesondere seine Aquarelle heute noch r echt ansprechend. Insbesondere hat Zernin niemals Konzessionen an den Kulturbo l- schewismus gemacht“ (10.05.1939, Ortgruppenleiter der NSDAP -Ortsgruppe Darmstadt -Eberstadt, an das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda Spende „Künstlerdank“, BA rch Berlin, BDC, R 55/33399). Beim Luftangriff auf Darmstadt im September 1944 wurde Zernins Atelier in der Rheinstraße und darin große Teile seines Œuvres zerstört (Wagner -Wilke beziffert den Verlust mit 400 Bildern, S. 19). Im Zuge seines Entnazifizierungsverfahrens stufte sich Zernin selbst in „die Gruppe der Unbe- lasteten“ ein, mit der Begründung: „Nach Artikel 9 des Gesetzes ist keine [sic!] der dort a n- geführten Absätze auf mich anwendbar, da ich po litisch ganz uninteressiert bin “. Er wurde am 18.04.1947 als „Vom Gesetz nicht betroffen“ eingestuft. Quellen: BArch Berlin, BDC, R 55/33399 HHStAW, Abt. 520/Darmstadt-Zentral, Nr. 42910 (nur Meldebogen) HStAD, H 3 Nr. 74084 HStAD, R 12 P Nr. 7398 StadtA DA, ST 61, Zernin, Heinrich StadtA DA, ST 45, Nachlass Franz Best Literatur: Heinrich Zernin als Dokumentator seiner Heimatstadt. Darmstadt 1979. Netuschil, Claus K.: Heinrich Zernin (1868-1951). Darmstadt 1978. 428 Netuschil, Claus K.: Zernin, Heinrich. In: Stadtlexikon Darmstadt (2006), S. 1015. Netuschil, Claus K.: Von Eugen Bracht bis Pierre Kröger. E in Darmstädter B ilderschatz von 1900 bis 2000. Darmstadt 2014. [zu Zernin S. 100 ff.] Wagner-Wilke, Annette (Hrsg.): Heinrich Zernin (1868 -1951). Ein Eberstädter Heimatmaler. Dar m- stadt ²2013. 429 Abkürzungsverzeichnis ADGB Allgemeiner Deutscher Gewerkschaftsbund AdJb Archiv der deutschen Jugendbewegung AOK Allgemeine Ortskrankenkasse AWO Arbeiterwohlfahrt BArch Bundesarchiv BDA Bund Deutscher Architekten BDC Berlin Document Center BDM Bund Deutscher Mädel BK Bekennende Kirche BRD Bundesrepublik Deutschland CDU Christlich Demokratische Union Deutschlands DAF Deutsche Arbeitsfront DAM Deutsches Architekturmuseum Frankfurt am Main DC Deutsche Christen DDR Deutsche Demokratische Republik DE Darmstädter Echo DESY Deutsches Elektronen-Synchrotron DFG Deutsche Forschungsgemeinschaft DGB Deutscher Gewerkschaftsbund DJ Deutsches Jungvolk DJH Deutsches Jugendherbergswerk DNVP Deutschnationale Volkspartei DRK Deutsches Rotes Kreuz DT Darmstädter Tagblatt EJW Evangelisches Jugendwerk EKHN Evangelische Kirche in Hessen und Nassau EKNH Evangelische Landeskirche Nassau-Hessen FAZ Frankfurter Allgemeine Zeitung Gestapo Geheime Staatspolizei GDCh Gesellschaft Deutscher Chemiker GSI Gesellschaft für Schwerionenforschung HEAG Hessische Eisenbahn-Aktiengesellschaft [1941: Hessische Elektrizitäts-Aktiengesellschaft] HJ Hitler-Jugend HK Holger Köhn HHStAW Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden HStAD Hessisches Staatsarchiv Darmstadt HWA Heereswaffenamt JM Jungmädelbund KAV Katholischer Akademikerverband KD Kunst-Dienst KDAI Kampfbund Deutscher Architekten und Ingenieure 430 KDF Katholischer Deutscher Frauenbund KKD Kirchenkampf KWG Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft KZ Konzentrationslager LDP Liberaldemokratische Partei (Hessens 1946-1948) MA Militärarchiv MdB Mitglied des Deutschen Bundestags MPG Max-Planck-Gesellschaft NDB Neue Deutsche Biographie NS Nationalsozialistisch/Nationalsozialismus NSBDT Nationalsozialistischer Bund Deutscher Technik NSBO Nationalsozialistische Betriebszellenorganisation NSDAP Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei NSDDB Nationalsozialistischer Deutscher Dozentenbund NSBDT Nationalsozialistischer Bund Deutscher Technik [vor 1936: Techniker] NSDStB Nationalsozialistischer Deutscher Studentenbund NSFK Nationalsozialistisches Fliegerkorps NSKK Nationalsozialistisches Kraftfahrkorps NSKOV Nationalsozialistische Kriegsopferversorgung NSRB Nationalsozialistischer Rechtswahrerbund NSRL Nationalsozialistischer Reichsbund für Leibesübungen NSV Nationalsozialistische Volkswohlfahrt OB Oberbürgermeister PG/Pg.(Pgg) (NSDAP-)Parteigenosse(n) RAD Reichsarbeitsdienst RFR Reichsforschungsrat RKB Reichskolonialbund RKdbK Reichskammer der bildenden Künste RKK Reichskulturkammer RLB Reichsluftschutzbund RM Reichsmark RWTH Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule SA Sturmabteilung SD(-UA) Sicherheitsdienst des Reichsführers SS(-Unterabteilung) SPD Sozialdemokratische Partei Deutschlands SS Schutzstaffel StadtA (DA) Stadtarchiv (Darmstadt) StAM Staatsarchiv München SZ Süddeutsche Zeitung TH(D) Technische Hochschule (Darmstadt) UA Universitätsarchiv VDA Verein für das Deutschtum im Ausland [1933: Volksbund für das Deutschtum im Ausland]
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Punkt 12: Abschlussbericht des Fachbeirats zur Überprüfung Darmstädter Straßennamen (V-Nr. 2019/0153) Stadtv. Akdeniz (Bü90/Die Grünen) stellt folgenden Antrag: In der Magistratsvorlage findet sich auf Seite 5 unter Pkt. 2 die Formulierung "... insbesondere da zuvor die Vorbereitungen für das Brandnachtjubiläum im Vordergrund stehen." Um diese unglücklich e Formulierung aus der Vorlage zu nehmen stellt die Fraktion Bü90/Die Grünen den Antrag, in der Vorlage eine redaktionelle Änderung vorzunehmen: " ... insbesondere da zuvor die Vorbereitungen für die Ausstellung zum Gedenken an die Brandnacht vor 75 Jahren im Vordergrund stehen." Der Änderung wird zugestimmt. Stimmenthaltung: 2 Stimmen aus AfD Die AfD-Fraktion beantragt Einzelabstimmung der Umbenennung der Hindenburgstraße . Der Umbenennung der Hindenburgstraße wird zugestimmt. Gegenstimmen: 1 Stimme aus AfD, 1 Stimme aus FDP und 1 Stimme aus UWIGA Stimmenthaltung: 2 Stimmen aus FDP Stadtv. Bauer (UWIGA) stellt folge nden Antrag: Der Beschlussvorschlag wird um eine Ziffer 5. wie folgt ergänzt: Gebühren, die Anwohnern der betroffenen Straßen durch die Tätigkeit städtischer Dienststellen im Zusammenhang mit der Umbenennung der Straßen entstehen, werden von der Stadt Da rmstadt übernommen. Dem Antrag wird einstimmig zugestimmt. Den restlichen Punkten der Vorlage wird zugestimmt. Gegenstimmen: 2 Stimmen aus AfD, 1 Stimme aus FDP und 1 Stimme aus UWIGA Stimmenthaltung: 2 Stimmen aus FDP
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Magistratsvorlage
Eingang Magistrats-
geschäftsstelle:
02.05.2019
an den Magistrat
zur Kenntnis
zur Beschlussfassung
Beteiligt vor
Magistratsbeschlussfassung:
Dezernat I an die Stadtverordnetenversammlung
OBW zur Befassung
zur Kenntnis
zur Beschlussfassung
zur abschließenden Beschluss-
fassung Fachausschuss
Amt: Kulturamt
OBW bei abschl.
Beschlussfassung Magistrat
Behandlung in
öffentl. Sitzung
Ja
Nein
Verteiler:
I 41 414
III 62
Stvv
Ja
Nein
Vorlage-Nr. 2019/0153
Magistratsbeschluss-Nr.
185
Internetfähig
Produkt-Nr.:
Kostenstelle: Investitionsnummer:
Kostenträger: Sachkonto:
Betreff: Abschlussbericht des Fachbeirats zur Überprüfung Darmstädter Straßennamen
Vorlage vom: 30.04.2019
Beschlussvorschlag:
1. Der Magistrat nimmt von dem Abschlussbericht des Fachbeirats Straßennamen
Kenntnis und dankt den Mitgliedern des Beirats für ihre geleistete Arbeit.
2. Der Magistrat schlägt vor, den Empfehlungen des Beirats zur Umbenennung der Straßen zu
folgen für:
Hans von der Au
Gustav Brandis
Walter Georgii
Peter Grund
Christian Heinrich Kleukens
Richard Kuhn
- 3 -
Alarich Weiss
Paul von Hindenburg
3. Die Ergebnisse und Entscheidungen sind öffentlich in geeigneter Form vorzustelle n, zu
erläutern und zu vermitteln.
4. Die Umbenennungen sollen erfolgen nach Abschluss des Informationsprozesses und der
Findung neuer Namen.
Anlagen: StraßennamenbeiratBewertungen
Untersuchte Biographien
Datenschutzrelevante Anlage:
Folgekosten: Ja Nein
Beschluss des Magistrats vom 08.05.2019
Der Vorlage wird zugestimmt.
- 4 -
Begründung zur Magistratsvorlage vom 30.04.2019
Die Stadtverordnetenversammlung der Stadt Darmstadt hatte den Magistrat mit Beschluss
vom 19. Februar 2013 beauftragt, alle Namensgeberinnen und Namensgeber von
Darmstädter Straßennamen daraufhin zu überprüfen, ob deren Leben bzw. politische
Einstellung sich mit den Werten einer freiheitlich demokratischen Gesellschaft vereinbaren
lässt. Der Magistrat hat diesem Beschluss am 2. September 2013 (Vorlage 2013/0247)
zugestimmt.
Daraufhin hat Oberbürgermeister Jochen Partsch am 27. April 2015 einen Fachbeirat
Straßennamen berufen, der sich aus Historikerinnen und Historikern sowie Beschäftigten der
städtischen Kulturverwaltung zusam mensetzte. Mitgewirkt haben:
Dr. Annegret Holtmann-Mares
Universitätsarchiv der TU Darmstadt
Dr. Johannes Kistenich-Zerfaß
Hessisches Staatsarchiv Darmstadt
Dr. Thomas Lange
Archivpädagoge am Hessischen Staatsarchiv Darmstadt i. R.
Prof. Dr. Dieter Schott
Institut für Geschichte der TU Darmstadt
Dr. Peter Engels
Stadtarchiv Darmstadt
Prof. Dr. Ludger Hünnekens
Kulturreferent der Stadt Darmstadt
Die konstituierende Sitzung fand am 26. Mai 2015 statt. Den Vorsitz des Beirats übernahm
Oberbürgermeister Jochen Partsch; die Geschäftsführung lag beim Leiter des Stadtarchivs
Darmstadt.
Der Fachbeirat hat seinerseits den Historiker Dr. Holger Köhn , der einschlägige Erfahrungen
in diesen Forschungsfeldern besitzt, beauftragt, die Biographien der zu untersu chenden
Personen zu erarbeiten und insbesondere die Bezüge zur NS -Zeit zu erforschen.
Insgesamt traf sich der Beirat zwischen Mai 2015 und Januar 2018 zu 13 Arbeitssitzungen.
Die Ergebnisse wurden Herrn Oberbürgermeister Jochen Partsch bei zwei Terminen a m 30.
August 2017 und am 30. Juli 2018 vorgestellt und erläutert.
In einem ersten Arbeitsschritt wurde aus den rund 530 Namen von Straßen, Wegen und
Plätzen, die nach Personen benannt sind, eine Liste mit etwa 190 Namen zusammengestellt,
deren Geburtstag vor dem 1. Januar 1929 liegt und die in der NS-Zeit gelebt haben. Das
Stichjahr wurde in Anlehnung an vergleichbare Untersuchungen gewählt. Eine Ausnahme von
dieser Regel bildete Paul von Hindenburg. Er wurde aufgrund der schon mehrfach in der
Öffentlichkeit geführten Diskussion in die Liste aufgenommen, obwohl seine Lebenszeit nur
bis in den Beginn der NS-Zeit reicht.
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Aus der Liste von etwa 190 Namen hat der Beirat nach einer Kurzprüfung diejenigen
Personen ausgeschieden, die aus verschiedenen Gründen (NS -Opfer, Widerstandskämpfer,
Ausländer, offensichtlich unverdächtige Personen, bereits im Rahmen des Projekts
„Ehrengräber“ untersuchte Personen) nicht zum Kreis der im Beschluss der
Stadtverordnetenversammlung genannten Personen gehörten. Nach der Kurzprüf ung blieben
110 Personen übrig, für die Dr. Holger Köhn Biographien auf wissenschaftlicher Grundlage
erarbeitete. Dafür wertete er die bereits vorliegende Fachliteratur sowie viele, auch bisher
unbekannte Quellen in zahlreichen Archiven aus. Die Ergebnisse wurden jeweils ausführlich
und nach wissenschaftlichen Kriterien im Fachbeirat erörtert.
Gegenstand der Untersuchung war das Leben der einzelnen Namen geben den Personen in
den Jahren 1933 bis 1945 und ihre mögliche Verstrickung in das nationalsozialistis che
System. Untersucht wurde, ob die jeweilige Person das NS -Regime aktiv unterstützte bzw.
eine führende Position im NS-Staat inne hatte oder ob ihre Haltung eher als Mitläufertum
anzusehen war. Auch die Haltung zum Rassismus im Allgemeinen und zum Antise mitismus
im Besonderen war Gegenstand der Untersuchung.
Als Ergebnis wird Folgendes festgehalten: Von den 110 überprüften Personen war der Beirat
in 93 Fällen einmütig der Meinung, den Straßennamen beizubehalten. In weiteren fünf Fällen
war der Beirat nach kritischer Würdigung für die Beibehaltung des Straßennamens: Richard
Hammer, Arnold Krieger, Albin Müller, Heinz Winfried Sabais, Carl Christoph Schmelzer.
In sieben Fällen empfiehlt der Beirat einstimmig die Umbenennung der betreffenden Straße:
Hans von der Au
Gustav Brandis
Walter Georgii
Peter Grund
Christian Heinrich Kleukens
Richard Kuhn
Alarich Weiss
In fünf Fällen war der Beirat im Hinblick auf die Umbenennung geteilter Meinung und
plädierte mehrheitlich, aber nicht einstimmig für eine Umbenennung:
Robert Cauer
Bernhard Hoetger
Karl Krolow
Max Ratschow
Paul von Hindenburg
Der Fachbeirat hat eine fundierte und sorgfältige wissenschaftliche Aufarbeitung und
Bewertung der Biografien der Namensgeberinnen und Namensgeber vorgenommen. In den
Fällen, in denen sich der Beirat einstimmig für eine Umbenennung ausgesprochen hat, soll
der Empfehlung gefolgt werden.
Des Weiteren soll die Hindenburgstraße ebenfalls umbenannt werden. Zwar liegt hierzu kein
einstimmiges Votum des Beirats vor, die historischen und politischen Argumente, die in der
Einschätzung des Beirates benannt sind, sind nach Auffassung des Magistrats eine
ausreichende und zwingende Grundlage für die Umbenennung der Straße.
Im nächsten Schritt sollen die Bürgerinnen und Bürger über die Ergebnisse der Überprüfung
in geeigneter Form informiert werden. Entscheidungsprozess und Kontext der vorgesehenen
Umbenennungen werden erläutert und transparent gemacht.
Vorgesehen sind dazu unter anderem:
1. Information der Bürgerschaft mittels einer Kurzbroschüre ; Weiterführende Informationen
auf den digitalen städtischen Informationskanälen.
2. Eine oder mehrere Informationsveranstaltungen , in denen Mitglieder des Fachbeirats und
des Magistrats die Entscheidungen erläutern und mit der Bürgerschaft diskutieren. Die
Informationsveranstaltungen werden ab Oktober 2019 geplant, insbesondere da zuvor die
Vorbereitungen für das Brandnachtjubiläum im Vordergrund stehen.
3. Der Fachbeirat Straßennamen hat sich während seiner Beratungen mit der Vermittlung
seiner Ergebnisse an die Öffentlichkeit befasst. Ein zentraler Punkt im Konzept des
Fachbeirats soll eine Ausstellung sein, die im Frühjahr 2020 realisiert werden kann. Die
Ausstellung soll die Arbeit des Beirats darstellen und seine Entscheidungsfindung in der
Öffentlichkeit vermitteln. Im Begleitprogramm dieser Ausstellung sollen Vorträge von
Beiratsmitgliedern oder von externen Expert innen und Experten stattfinden. Ausstellung und
ggf. Vorträge werden anschließend publiziert.
Die Umbenennungen der genannten Straßen sollen nach Abschluss der Informationsphase
und der Findung neuer Namen erfolgen. Hierzu sollte der Beirat für Straßenbenennung
Empfehlungen für die Neubenennung erarbeiten. Dafür soll zum Einen auf die der
Straßenbenennungskommission vorliegende Liste bereits geprüfter Namensvorschläge
zurückgegriffen werden, die mangels neu zu benennender Straßen bisher noch nicht
verwendet werden konnten. Darüber hinaus sind Vorschläge aus der Bürgerschaft
einzubeziehen, die im Rahmen des Informationsprozesses zur Straßenumbenennung
gesammelt werden.
Darmstadt, den 30.04.2019
I/414
Dezernat I Dezernat III
i.V.
Jochen Partsch Jochen Partsch
Oberbürgermeister Oberbürgermeister
Beratungsverlauf (4)
Orte (123)
- Dieburger Straße
- Rheinstraße
- Robert-Cauer-Straße
- Dolivostraße
- Adelungstraße
- Wittmannstraße 29
- Sandbergstraße 42
- Bartningstraße
- Günter-Behnisch-Straße
- Peter-Behrens-Straße
- Otto-Berndt-Straße
- Ottilie-Bock-Straße
- Böcklerstraße
- Jovanka-Bontschits-Straße
- Borsdorffstraße
- Robert-Bosch-Straße
- Franziska-Braun-Straße
- Wilhelmstraße
- Damaschkestraße
- Esselbornstraße
- Eysenbachstraße
- Darmstädter Straße 6
- Fritz-Glenz-Straße
- Kahlertstraße 41
- Gruberstraße
- Arheilger Straße
- Heinheimer Straße
- Robert-Schneider-Straße
- Schwanenstraße 12
- Elisabeth-Hattemer-Straße
- Gerhart-Hauptmann-Straße
- Hirschstraße
- Irenenstraße
- Jakob-Jung-Straße
- Kirnbergerstraße
- Thomasstraße
- Kiesstraße
- Leydheckerstraße
- Heinrichstraße 23
- Lippmannstraße
- Wilhelm-Michel-Straße
- Planckstraße
- Mina-Rees-Straße
- Otto-Röhm-Straße
- Frankfurter Straße 79
- Sauerweinstraße
- Elisabeth-Selbert-Straße
- Henriette-Sennhenn-Straße
- Georg-Spengler-Straße
- Stauffenbergstraße
- Robert-Stolz-Straße
- Viktoriastraße
- Emil-Voltz-Straße
- Hoffmannstraße 19
- Zerninstraße
- Neckarstraße 9
- Dornheimer Weg
- Georgiiplatz
- Luisenplatz
- Hoetgerweg
- Krolowweg
- Max-Ratschow-Weg
- Hammerweg
- Kriegerweg
- Albinmüllerweg
- Schmelzerweg
- Andresweg
- Aßmuthweg
- Bäumerweg
- Liesjeweg
- Franz-Best-Weg
- Borngässerplatz
- Brambachweg
- Peter-Brix-Weg
- Brücherweg
- Helene-Christaller-Weg
- Christiansenweg
- Fritz-Dächert-Weg
- Dernburgweg
- Ludwig-Engel-Weg
- Helmut-Fuchs-Weg
- Stefan-George-Weg
- Habichweg
- Wilhelminenplatz
- Schloßgartenplatz
- Georg-Hensel-Weg
- Elly-Heuss-Knapp-Weg
- Hoelscherweg
- Paulusplatz
- Junkersweg
- Gretel-Klein-Platz
- Erika-Köth-Weg
- Korellweg
- Kröhweg
- Prinz-Ludwig-Weg
- Orffweg
- Hartmuth-Pfeil-Weg
- Poepperlingweg
- Ottilie-Rady-Weg
- Peter-Roßmann-Weg
- Rüthleinweg
- Scharounweg
- Schwippertweg
- Dolf-Sternberger-Weg
- Straubplatz
- Pulverhäuserweg 6
- Stühlingerweg
- Christine-Teusch-Weg
- Thießweg
- Inge-Vahle-Weg
- Walbeweg
- Wilhelm-Walcher-Weg
- Wiesenthalweg
- Windausweg
- Würthweg
- Forstmeisterplatz 1949
- Auf der Ludwigshöhe
- An der Stadtkirche
- Heinrich-Jobst-Treppe
- Von-der-Marwitz-Weg
- Feldbergstraße 1952
- Büschelstraße
- Viktoriaplatz
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Details
- Vorlagen-Nr.
- 2019/0153
- Typ
- Magistratsvorlage
- Datum
- 30.04.2019
- Erstellt
- 29.09.2026 00:00