Stärkung des Tanzes
Beschlussvorlage Rat bzw. Hauptausschuss 1416/2022 vom 19.05.2022
Stand: Am 20.06.2022 im Rat ungeändert beschlossen.
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Beschlussvorlage Rat
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Die Oberbürgermeisterin Dezernat, Dienststelle VII/46 Vorlagen-Nummer 1416/2022 Freigabedatum 19.05.2022 Beschlussvorlage zur Behandlung in öffentlicher Sitzung Betreff Stärkung des Tanzes – Weiterförderung der Kompanie Richard Siegal / Ballet of Difference am Schauspiel Köln Beschlussorgan Rat Gremium Datum Beschluss: 1. Der Rat nimmt zur Kenntnis, dass die zusätzlich durch die Bühnen akquirierte Projektförderung der Kompanie Richard Siegal / Ballet of Difference am Schauspiel Köln für den Projektzeitraum 01.09.2021 bis 31.12.2023 aus dem Programm „Neue Wege“ des Ministeriums für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen, aufgeteilt auf drei Spielzeiten (2021/22, 2022/23, 2023/24), insgesamt 1.519.727 € beträgt. 2. Der Beitrag der Stadt Köln für das Projekt „Richard Siegal / Ballet of Difference am Schauspiel Köln“ beträgt je 250 T€ für die Spielzeiten 2021/22 und 2022/23. Diese Beiträge der Stadt Köln sollen aus den Jahresüberschüssen zum 31.08.2020 und zum 31.08.2021 finanziert werden: Für die Spielzeit 2021/22 wird die zu diesem Zweck gebildete Rücklage aus dem beschlossenen Jahresabschluss zum 31.08.2020 in Höhe von 250 T€ (3429/2021; Ratsbeschluss vom 03.02.2022) verwendet. Die Bereitstellung des Beitrags für die Spielzeit 2022/23 in Höhe von 250 T€ soll analog erfolgen. Im Vorgriff auf die Feststellung und Ergebnisverwendung des Jahresabschlusses zum 31.08.2021 erklärt der Rat die Bereitschaft, von dem prognostizierten Jahresüberschuss eine Rücklage für die Finanzierung des Projektbeitrages in Höhe von 250 T € zu bilden und entsprechend zu verwen- den. 3. Zusätzlich zum Beitrag der Stadt Köln stellen die Bühnen Köln Eigenmittel in Höhe von insgesamt 800 T€ zur Verfügung, die sich aus einem Budgetanteil der Tanzgastspiele – 100 T€ für 2021/22 und 100 T€ für 2022/23 – und einem Anteil der Basisförderung des Landes NRW – 466,7 T€ für 2022/23 und 133,3 T€ für 2023/24 – zusammensetzen. Die Bereitstellung der Mittel erfolgt im Rahmen des bereits beschlossenen Wirtschaftsplans bzw. der Mittelfristplanung (1620/2021; Ratsbeschluss vom 16.09.2021). 4. Der Rat nimmt zur Kenntnis, dass aufgrund der tatsächlich genehmigten Fördermittel und der ent- sprechend anzupassenden künstlerischen Planung die im Wirtschaftsplan der Bühnen für die Spielzeit 2021/22 (1620/2021; Ratsbeschluss vom 16.09.2021) angesetzten Gesamtbeträge so- wohl ertrags- als auch aufwandsseitig überschritten werden. Das Budget des Ballet of Difference ist so gestaltet, dass Aufwand und Ertrag deckungsgleich sind und somit ein neutrales Ergebnis erzielt wird. Sollten die Erträge nicht in der geplanten Höhe erzielt werden können, wird die künst- lerische Planung entsprechend angepasst und die Aufwände reduziert. Eine Veränderung des Betriebsausschuss Bühnen der Stadt Köln 31.05.2022 Finanzausschuss 13.06.2022 Rat 20.06.2022 2 geplanten Jahresergebnisses der Bühnen ist daher nicht zu erwarten. Es ergeben sich keine Auswirkungen auf den Gesamthaushalt der Stadt Köln. 5. Das Berichtswesen erfolgt wie bisher parallel zu den Quartalsberichten zum Wirtschaftsplan. 3 Begründung Entwicklung der Kooperation mit Richard Siegal / Ballet of Difference Die projektbasierte Kooperation von Schauspiel Köln, Tanz Köln und der auf Grundlage der Exzel- lenzförderung der Landeshauptstadt München neu gegründeten Tanzkompagnie Richard Siegal / Ballet of Difference begann in der Spielzeit 2016/17. Seit der Spielzeit 2019/20 ist die Kompanie fest an das Schauspiel Köln angegliedert. Erstmals seit zehn Jahren verfügen die Bühnen Köln damit wieder über eine Tanzkompanie, deren Tänzer*innen und Choreograf über einen längeren Zeitraum selbst in Köln produzieren. Dank der Weiterförderung des Projekts durch das Programm „Neue Wege“ des Ministeriums für Kul- tur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen können die Bühnen das Projekt in den Spiel- zeiten 2021/22 bis 2023/24 fortführen. Detaillierte Informationen zur künstlerischen Planung können Anlage 2 entnommen werden. Die Projektlaufzeit endet am 31.12.2023. Die Förderung durch das Programm „Neue Wege“ bietet eine langfristigste Perspektive: Erfolgreich geförderte Projekte können nach Abschluss der Projektlaufzeit un ter bestimmten Voraussetzungen eine Verstetigung der Förderung in Höhe von 50% der durchschnittlichen jährlichen Fördersumme beantragen. Finanzierung in den Spielzeiten 2021/22 bis 2023/24 (Projektlaufzeit bis 31.12.2023) Ermöglicht und finanziert wird die Arbeit von Richard Siegal / Ballet of Difference am Schauspiel Köln durch die Unterstützung mehrerer Partner: Partner für 2021 bis 2023 Summe Programm „Neue Wege“ 1.519.727 € Kunststiftung NRW 200.000 € Landeshauptstadt München 200.000 € Muffatwerk München 20.000 € Bühnen Köln 600.000 € Tanz Köln 200.000 € Stadt Köln 500.000 € Geplante Einnahmen 437.264 € Gesamtbudget 3.676.991 € Von Seiten der Bühnen Köln wird das Projekt durch einen Beitrag unterstützt, der aus dem Budget der Tanzgastspiele (200 T€) und einem Anteil des Erhöhungsbetrages aus der Stärkungsinitiative des Landes NRW finanziert wird (600 T€). Die Einnahmen aus dem Projekt fließen zusätzlich in die Fi- nanzierung. Darüber hinaus stellt das Schauspiel Köln weitreichende Ressourcen für die Neuproduk- tionen (Werkstattkapazitäten und Arbeitszeit im Bereich Bühne und Kostüm, Proberäume, das spiel- fertige Depot für Proben und Aufführungen u.a.) zur Verfügung. Den hier dargestellten Erträgen stehen geplante Aufwände in gleicher Höhe gegenüber, sodass ins- gesamt ein ausgeglichenes Ergebnis erwartet wird. Wirtschaftsplan der Bühnen Köln für die Spielzeit 2021/22 (1620/2021; Ratsbeschluss vom 16.09.2021) Aufgrund der zum Zeitpunkt der Wirtschaftsplanerstellung noch laufenden Förderanträge wurde im Wirtschaftsplan für die Spielzeit 2021/22 keine Budgetierung des Projekts vorgenommen. Im Rahmen 4 des Jahresabschlusses werden die Erträge und Aufwendungen des Pr ojekts in die Ist -Daten des Schauspiels übernommen. Folglich werden die im Wirtschaftsplan angesetzten Gesamtbeträge so- wohl ertrags- als auch aufwandsseitig überschritten werden. Da das Budget des Ballet of Difference so gestaltet ist, dass Aufwand und Ert rag deckungsgleich sind und somit ein neutrales Ergebnis er- zielt wird, ist eine Veränderung des geplanten Jahresergebnisses jedoch nicht zu erwarten. Die Planung der Erträge und Aufwände für die Spielzeiten 2021/22 bis 2023/24 ist Anlage 1 zu ent- nehmen. Über die wirtschaftliche Entwicklung wird der Betriebsausschuss Bühnen in einer gesonder- ten Anlage zu den Quartalsberichten unterrichtet werden. Beitrag der Stadt Köln Mit der Bereitstellung eines gesonderten Zuschusses für die Kooperation mit Richard Siegal / Ballet of Difference setzt die Stadt Köln ein wichtiges positives Signal – auch in Richtung der übrigen Förder- geber. Wie in den vorherigen Spielzeiten wird der Beitrag der Stadt Köln auf je 250 T€ für die Spielzeiten 2021/22 und 2022/23 festgeset zt. Für die Spielzeit 2021/22 wird die zu diesem Zweck gebildete Rücklage aus dem beschlossenen Jahresabschluss der Bühnen Köln zum 31.08.2020 in Höhe von 250 T€ (3429/2021; Ratsbeschluss vom 03.02.2022) verwendet. Die Bereitstellung des Beitrags für die Spielzeit 2022/23 in Höhe von 250 T€ soll aus dem prognostizierten Jahresüberschuss des noch nicht festgestellten Jahresabschlusses zum 31.08.2021 der Bühnen Köln erfolgen. Damit ist eine Finanzierung des städtischen Beitrags aus den Mitteln der Bühnen ge währleistet. Es erfolgt keine zusätzliche Erhöhung des Betriebskostenzuschusses der Stadt Köln zugunsten des Pro- jektes; es ergeben sich keine haushaltsmäßigen Veränderungen. Anlagen Anlage 1: Ertrags- und Aufwandsplan für die Spielzeiten 2021/22 bis 2023/24 Anlage 2: Begleitbroschüre zum Projektantrag -
Anlage 1_Ertrags- und Aufwandsplan für die Spielzeiten 2021-22 bis 2023-24
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Anlage 1 RICHARD SIEGAL / BALLET OF DIFFERENCE AM SCHAUSPIEL KÖLN Budget der Spielzeiten 2021/22 bis 2023/24 (01.09.2021 bis 31.12.2023) 2021/22 2022/23 2023/24 SUMME in T€ in T€ in T€ in T€ Erlöse 1.251,3 1.542,3 383,4 3.177,0 1. Umsatzerlöse 141,5 231,8 63,9 437,2 2. Sonstige Betriebliche Erträge 1.109,8 1.310,5 319,5 2.739,8 1. Programm „Neue Wege“ 744,5 589,1 186,2 1.519,7 2. Kunststiftung NRW 100,0 100,0 0,0 200,0 3. Landeshauptstadt München 165,3 34,7 0,0 200,0 4. Muffatwerk München 0,0 20,0 0,0 20,0 5. Bühnen Köln 0,0 466,7 133,3 600,0 6. Tanz Köln 100,0 100,0 0,0 200,0 Aufwendungen -1.501,3 -1.792,3 -383,4 -3.677,0 3. Materialaufwand -440,7 -506,6 -106,5 -1.053,8 4. Personalaufwand -987,6 -1.210,6 -263,0 -2.461,2 5. Sonstige Betriebliche Aufwendungen -73,0 -75,1 -13,9 -162,0 Ergebnis (Deckung erfolgt aus Rücklagen) -250,0 -250,0 0,0 -500,0 -
Anlage 2_Begleitbroschüre Projektantrag_ Ballet of Difference am Schauspiel Köln_20220214
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Eine Produktion von Schauspiel Köln und Tanz Köln Gefördert vom Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen in Zusammenarbeit mit dem NRW KULTURsekretariat, durch das Kulturreferat der Landeshauptstadt München und die Kunststiftung NRW In Koproduktion mit dem Muffatwerk München INHALTSVERZEICHNIS EINLEITUNG 3 2016 – 2019 | WAS BISHER GESCHAH 5 2020 – 2021 9 THE NEAR – FAR | PLANENTWURF 11 2021 | NORTH / SOUTH 12 2022/2023 | FAR EAST / WEST 15 2023 | COLOGNE INTERNATIONAL SUMMER LAB OF DANCE 17 COLOGNE INTERNATIONAL SUMMER LAB OF DANCE | PROTOTYPISCHER ZEITABLAUF 18 2022 | NEAR EAST / WEST 19 2023 | NEW LOCATIONS 20 TIMELINE SPIELZEIT 2021/2022 22 TIMELINE SPIELZEIT 2022/2023 23 TIMELINE SPIELZEIT 2023/2024 2 4 BIOGRAFIEN – EINE AUSWAHL 2 6 PRESSESTIMMEN 3 4 KONTAKT Ursula Teich Company Management Richard Siegal / Ballet of Difference am Schauspiel Köln Tel.: +49 (0)221 221 35469 ursula.teich@schauspiel.koeln www.balletofdifference.com www.schauspielkoeln.de 3 Der Choreograf Richard Siegal gehört zu den bedeutendsten Vertretern der internationalen Tanzszene mit Engagements an vielen großen Häusern und Kompanien in der ganzen Welt. 2016 ist es in einer gemeinsamen Kooperation und beglückenden Kraftanstrengung von Schauspiel Köln und Tanz Köln, dem Muffatwerk in Mün - chen, den Städten Köln und München und dem Land NRW gelungen, unter der Leitung von Richard Siegal das Ballet of Difference zu gründen. Damit wurde nicht nur eine modellhafte, städte- und länderübergreifende Zusammenarbeit manifestiert, sondern es entstand auch eine in jeder Hinsicht besondere Kompanie: Das Ballet of Difference hat seinen Arbeitsschwer - punkt in Köln, doch es ist mit Köln und München in zwei Städten zugleich beheimatet. Produktionen entstehen an beiden Orten (vor allem in Köln), werden ausgetauscht und ziehen von diesen beiden Städten aus als international gefragte Gastspiele weiter in die Welt. Doch das Ballet of Difference verbindet nicht nur Städte, sondern vor allem Arbeitsweisen: Es nutzt die Struktur und die starken Produktionsbedingungen eines institutionellen Hauses wie des Schauspiel Köln und ist gleich - zeitig mit der Flexibilität einer freien Kompanie aufgestellt, die sich im permanenten Austausch mit weiteren Partner*innen, freien Künstler*innen und Festivals befindet. Das Ballet of Difference interagiert interdisziplinär nicht nur in der Zusammenarbeit mit den sie tragenden Institutionen, sondern auch in allen Grenzbereichen die sich aus der Zusammenarbeit des Tanzes mit anderen Künsten ergeben: Mit Schauspiel, Musik, Bildender Kunst oder auch mit Design und Architektur. Vor allem aber ist das Ballet of Difference in jeder Hinsicht divers. Nicht nur in der programmatischen Zusammen - stellung seiner Tänzerinnen und Tänzer mit ihren vielfältigen Herkünften aus verschiedenen Nationen und Kulturen, sondern auch in seiner inhaltlichen und künstlerischen Auseinandersetzung mit Vielfalt und Diversität. Denn die Arbeit des Ballet of Difference ist neben dem Streben nach hoher künstlerischer Professionalität immer auch künst - lerische und gesellschaftliche Forschungsarbeit: In Bezug auf die Frage nach Identität, vermeintlicher Normalität und Fremdheit und dem Zusammentreffen von kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Gegensätzen. Die Kompanie und ihr Choreograf Richard Siegal sind dabei in der künstlerischen Arbeit permanent auf der Suche nach adäquaten künstlerischen Formen, um eine Welt der erlebten Diversität umfassend und adäquat zu beschreiben. Die noch junge Geschichte des Ballet of Difference ist bisher eine starke Erfolgsgeschichte. Sowohl Publikum als auch Presse reagieren mit hohem Zuspruch und mit Begeisterung auf die Kompanie, und es ist in kurzer Zeit gelungen, dem Tanz in Köln ein neues und klar erkennbares Gesicht zu geben und dabei ein eigenes Repertoire an Choreografien und Ausdrucksformen zu entwickeln, die in der fortschreitenden Arbeit permanent wiederauf - genommen und weiterentwickelt werden. Bis Sommer 2021 ist der Bestand des Ballet of Difference als feste Kompanie gesichert. Nun gilt es für die Zeit danach einerseits die Nachhaltigkeit und die Verstetigung der begonnenen Arbeit zu gewährleisten. Zugleich plant Richard Siegal mit dem Ballet of Difference aber auch die nächsten Schritte in der Fortentwicklung seines ästhetischen und künstlerischen Ansatzes: Mit dem Programm THE NEAR-FAR soll der Kosmos der Kulturen symbolisch einmal von Nord nach Süd und einmal von Ost nach West durchmessen, und so die eigene Perspektive und Position untersucht und produktiv in Frage gestellt werden. Zudem soll die lokale Verankerung der Kompanie in Köln, das auf eine große Tanztradition zurückblickt aber lange Zeit über kein großes eigenes Tanzensemble an seinen städtischen Bühnen verfügte, verstärkt werden. Dabei soll das, was die Kompanie ausmacht, noch stärker auch auf den Ort zurückstrahlen, wo sie nun beheimatet ist. Anknüpfend an die Geschichte der SOMMERAKADEMIE DES TANZES , die über Jahrzehnte die Kölner Tanzszene mit internationalen Choreografen verband und Köln zu einer Pilgerstätte für junge Tanzschaffende machte, soll mit dem COLOGNE INTERNATIONAL SUMMERLAB OF DANCE ab 2022 Köln unter der Führung von Richard Siegal / Ballet of Difference am Schauspiel Köln wieder zu einem regelmäßigen Treffpunkt der internationalen Tanzszene werden, an dem junge Talente zum gemeinsamen Arbeiten auf hochkarätige Choreografen treffen. Das Ensemble des Ballet of Difference besteht derzeit aus 12 Tänzerinnen und Tänzern. Mit ihnen gemeinsam hat Richard Siegal seit der Gründung verschiedene Choreografien erarbeitet. Es gehört zur Arbeitsweise von Richard Siegal, die einzelnen Choreografien immer wieder miteinander zu verbinden, einzelne Abende neu zu kombinieren und zu montieren und weiterzuentwickeln. So ist in kürzester Zeit ein eigenes »Archiv« an Arbeiten entstanden. Um dieses Archiv adäquat weiter pflegen und entwickeln zu können und auch mit anderen, früheren Arbeiten von Richard Siegal kombinieren zu können, reicht die Anzahl von 12 Ensemblemitgliedern nicht aus. Es ist daher geplant und für die Fortführung der Arbeit wichtig und notwendig, die Ensemblestärke ab 2021 von 12 auf 14 Tänzerinnen und Tänzer zu erhöhen. EINLEITUNG 4 EXCERPTS OF A FUTURE WORK ON THE SUBJECT OF CHELSEA MANNING | Foto: Ray Demski BOD | Foto: Ray Demski MADE FOR WALKING | Foto: Ray Demski POP HD | Foto: Ray Demski ROUGHHOUSE | Fotos: Thomas Schermer UNITXT | Foto: Ray Demski UNITXT | Foto: Ray Demski 5 Richard Siegal gründete 2016 eine neue Kompanie, die sich als Alternative zum insti- tutionalisierten Ballett der Gegenwart begreift. Die Kompanie Richard Siegal / Ballet of Difference vereint herausragender Tänzer*innen aus verschiedenen Nationen und Kulturen, die künstlerisch und gesellschaftlich so vielfältig und unterschiedlich ge - prägt wurden, das jede*r ganz spezifische Fähigkeiten entwickelt hat, die er in die gemeinsamen Arbeit einfließen lässt. So stammt das Team teilweise aus der inter - nationalen freien Szene ebenso wie aus etablierten Kompanien. Diese künstlerische Vielschichtigkeit und Verschiedenheit ist Programm und so lotet Richard Siegal / Ballet of Difference Grenzen von dem aus, was in unserer Gesellschaft als normal gilt. Die Kompanie war ursprünglich als freie Gruppe organisiert, mit Basis in Köln und München. Seit der Spielzeit 2019/20 ist das Schauspiel Köln die neue Heimat von Richard Siegal und dem Ballet of Difference. RICHARD SIEGAL / BALLET OF DIFFERENCE ALS PROJEKTKOMPANIE IN KÖLN UND MÜNCHEN 2016 – Richard Siegal gründete mit Unterstützung des Ministeriums für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen und den Partnern Tanz Köln, Schauspiel Köln, dem Kulturreferat der Landeshauptstadt München sowie dem Muffatwerk München seine Kompanie Ballet of Difference. MAI 2017 – Mit MY GENERATION entstand der erste Abend der Kompanie, der dreimal in München und einmal am Schauspiel Köln innerhalb der Tanzgastspielreihe von Tanz Köln gezeigt wurde und sowohl national, als auch international tourte. FEBRUAR 2018 – Der zweite Abend ON BODY feierte am Schauspiel Köln seine Uraufführung. Nach drei ausverkauften Vorstellungen wurde der Abend dreimal in München vor ausverkauften Haus, sowie zweimal im Rahmen der Tanzplattform Deutschland und an weiteren renommierten Gastspielhäusern in Deutschland gezeigt. Flankiert wurden die Vorstellungen von verschiedenen Workshops IF / THEN FÜR ALLE – ein von Siegal entwickeltes Format, das in den beiden Partner- städten die jeweilige lokale Tanzszene und non-Professionals (in Köln außerdem auch die Abteilung für Zeitgenössischen Tanz der Hochschule für Musik und Tanz Köln) in Siegals Arbeit integrierte. THOUGHT TANKS – lancierten in München (2017 und 2018) und Köln (2018) den wissenschaftlich philosophischen Diskurs. Offene Proben und Gespräche mit Künst - ler*innen gaben dem Publikum Einblicke in die Arbeitsweise der Kompanie. NOISE SIGNAL SILENCE – das interdisziplinäre Medienkunstfestival fand erstmals 2016 in München statt, bevor es 2018 mit Unterstützung des Ministeriums für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen erstmals am Schauspiel Köln gezeigt wurde und ein heterognes, vor allem junges und an Experimenten interes - siertes Publikum anzog. 2016 – 2019 | WAS BISHER GESCHAH 6 20. DEZEMBER 2018 – Uraufführung der spartenübergreifenden Produktion ROUGHHOUSE. Gemeinsam mit Schauspieler*innen des Schauspiel Köln und einer Auswahl von Tänzer*innen der Kompanie Ballet of Difference kreierte Richard Siegal das Crossover-Projekt ROUGHHOUSE. Der Titel rührt von dem Verb »roughhousing« her, das eine Art spielerisches Kämpfen bei Kindern bezeichnet. In rasanten Schnitten voller Slapstick- Elemente und hintergründigem Humor inszeniert Siegal die Begegnung zwischen Schauspiel und Tanz als doppelbödiges Spiel der Zeichen. Worte und Körper wirbeln über die Bühne. Überzeugungen werden unterlaufen. Wahrheiten erscheinen und vergehen. Alle kommunizieren, keiner versteht. Besser gesagt: Jeder versteht etwas anderes. Jedem seine eigene Wahrheit. Aber ist ein Verstehen zwischen zwei Individuen überhaupt wahrscheinlich? Oder gar möglich? Ist Wahrheit noch eine stabile Kategorie des 21. Jahrhunderts? Und was würde der Verlust dieser Kategorien für eine Gesellschaft bedeuten? Dazu hat Siegal eigens einen Theatertext verfasst, in dem die Sprache als Werkzeug der Sinnvermittlung radikal in Frage gestellt wird. In dicht gepackten Szenen reden sich Schauspieler*in - nen und Tänzer*innen um Kopf und Kragen, und berühren dabei doch die dring - lichsten Diskurse der Mediengesellschaft unserer Zeit. Im Anschluss an die uraufführung ging die Produktion in das Repertoire des Schauspiel Köln über und gastierte u. a. beim DANCE FESTIVAL 2019 in München und beim HOLLAND FESTIVAL in Amsterdam. Die Produktion wurde zusätzlich von der Kulturstiftung des Bundes gefördert. CHOREOGRAFIE / REGIE / TEXT Richard Siegal DRAMATURGIE Tobias Staab / Stawrula Panagiotaki KOMPOSITION Lorenzo Bianchi Hoesch BÜHNE Jens Kilian / Richard Siegal LICHT Gilles Gentner KOSTÜME Flora Miranda VIDEO Lea Heutelbeck ÜBERSETZUNG Tobias Staab BALLETTMEISTERIN Caroline Geiger SPORTWISSENSCHAFTLICHE BETREUUNG Gjuum PRODUKTIONSLEITUNG Miria Wurm ENSEMBLE Yuri Englert, Marlene Goksch, Nicola Gründel, Stefko Hanushevsky, Courtney Henry, Seán McDonagh, Claudia Ortiz Arraiza, Diego Tortelli ROUGHHOUSE | Fotos: Thomas Schermer 7 RICHARD SIEGAL / BALLET OF DIFFERENCE AM SCHAUSPIEL KÖLN 27. SEPTEMBER 2019 – NEW OCEAN markiert Richard Siegals erstes abend- füllendes Ballett am Schauspiel Köln. Das Stück ist inspiriert von der choreografischen Arbeit Merce Cunninghams (1919-2009), der 2019 seinen 100. Geburtstag gefeiert hätte. Siegal zieht damit eine Verbindungslinie zum 2013 am Bayerischen Staats - ballett entstandenen Abend EXITS AND ENTRANCES, in dessen Rahmen seine Arbeit UNITXT erstmals komplementär zu Merce Cunninghams BIPED präsentiert wurde. Im Besonderen geht Siegal nun von Cunninghams legendärer Arbeit OCEAN aus, die als Zusammenarbeit mit John Cage geplant war, der 1992 während der Vorbereitungen verstarb. NEW OCEAN versteht sich weniger als Nachfolger des gigantischen Projekts, das schließlich als Tanz im Rund, umfangen von einem Orchester aus 150 Musiker*innen 1994 uraufgeführt wurde. Im Reflex auf die ökologischen Ent - wicklungen der Gegenwart, entwirft Richard Siegal vielmehr ein streng mathema - tisches System, das mittels eines eigens entwickelten Algorithmus Datensätze des Klimawandels in choreografische Handlungen übersetzt. Bestimmte Arbeitsprinzipien Cunninghams greift Siegal dabei auf und verbindet sie mit der Formensprache seines Ballet of Difference. CHOREOGRAFIE / BÜHNE Richard Siegal LICHT UND VIDEO Matthias Singer KOSTÜME Flora Miranda MUSIK Alva Noto + Ryuichi Sakamoto DRAMATURGIE Tobias Staab TÄNZER*INNEN Margarida de Abreu Neto, Jemima Rose Dean, Gustavo Gomes, Mason Manning, Andrea Mocciardini, Claudia Ortiz Arraiza, Zuzana Zahradníková, Long Zou TOURDATEN 11. - 13. Oktober Festival MilanOltre, Teatro Elfo Puccini, Milan, Italy 16. Oktober Festival Reggio Emilia, Italy 06. Dezember Festspielhaus St. Pölten, Austria 13. Dezember Forum am Schlosspark Ludwigsburg, Germany Fotos NEW OCEAN: Thomas Schermer 8 NEW OCEAN | Fotos: Thomas Schermer 9 Der Reichtum an unterschiedlichen künstlerischen Ausdrucksformen, an ästhetischen, politischen und soziokultu - rellen Perspektiven, der Richard Siegal / Ballet of Difference am Schauspiel Köln so einzigartig erscheinen lässt und für Menschen unterschiedlicher Hintergründe und Generationen attraktiv macht, soll in den kommenden Monaten noch weiter ausgebaut werden. Im Januar 2020 beginnt Richard Siegal / Ballet of Difference am Schauspiel Köln erstmals seine Proben mit einem zwölfköpfigen Ensemble. Eine Neukreation wird am 9. April 2020 am Schauspiel Köln uraufgeführt und anschlie - ßend in zwei Vorstellungen am 16. und 17. April 2020 ihre Münchner Premiere in der Muffathalle feiern. Für dieses Stück arbeitet Richard Siegal erstmals mit dem Musiker Markus Popp. Popp gehört mit seinem Musikprojekt OVAL seit Jahren zu den international angesehensten und einflussreichsten Produzenten zeitgenössischer elektronischer Musik. Ergänzt wird das künstlerische Team um die Modedesignerin Flora Miranda und den Lichtkünstler Matthias Singer. Beide waren bereits in der Produktion NEW OCEAN involviert und maßgeblich an der Ästhetik des Abends beteiligt. Die Saison 2019/2020 schließt Richard Siegal / Ballet of Difference am Schauspiel Köln mit METRIC DOZEN / LIEDGUT / MY GENERATION ab. Für diesen dreiteiligen Ballettabend studiert das Ensemble Repertoirestücke von Richard Siegal in einer überarbeiteten Version ein. In METRIC DOZEN, 2014 für das Ballet National de Marseille entwickelt, verdichtet sich Bianchi Hoeschs aufwühlender Soundtrack mit radikalen Bewegungen zu einem physisch eindrücklichen Erlebnis. Spielerisch unterläuft Siegal hier die Mittel des klassischen Balletts und zitiert die US-amerikanische Subkultur des Voguing. Damit greift er auf eine Tanzform zurück, die das kon - ventionelle Verständnis von Identität (mithin Gender) unterläuft und stattdessen als performative Praxis hervor - bringt. Den zweiten Teil des Abends bildet die Produktion LIEDGUT, die Siegal 2014 mit dem Hessischen Staats - ballett lancierte. Die titelgebende Komposition des Musikers Uwe Schmidt (alias Atom™) kontextualisiert Franz Schuberts Liedtradition mit irritierenden Störsounds einer zunehmend digitalen Lebenswelt, die in Siegals Choreo - grafie durch eine monolithisch anmutende Säule aus LED-Panels Ausdruck findet, die drohend über den Köpfen der Tänzer*innen schwebt und deren Bewegungen fortwährend beeinflusst. MY GENERATION bildet den Abschluss des dreiteiligen Abends. Siegal schuf das Stück 2015 für das Cedar Lake Contemporary Ballet in New York. Zu den hintergründigen elektronischen Kompositionen von Atom™ und in den grell überzeichneten Kostümen des Mode-Designers Bernhard Willhelm wagt er mit dieser Arbeit eine augenzwinkernde und ästhetisch überbordende Reflexion des Pop-Business. Mitte August 2020 startet Richard Siegal / Ballet of Difference am Schauspiel Köln in die Spielzeit 2020/2021. Die Saison wird mit der Münchner Premiere von NEW OCEAN im Prinzregenttheater am 19. und 20. September 2020 eröffnet. Anschließend konzentriert sich die Kompanie auf das produktive Schaffen, um am 6. November 2020 erneut einen Abend von Richard Siegal in Köln zur Premiere zu bringen. Eine letzte Produktion markiert am 23. April 2021 eine große Neukreation in Köln die voraussichtlich am 20. und 21. Mai 2021 im Prinzregenttheater ihre Münchner Premiere feiert. Von Januar 2020 bis Ende August 2021 sind zudem nationale und internationale Gastspiele geplant sowie eine Vielzahl weiterer Projekte für Köln und München, die Weichen für neue hybride Ästhetiken stellen und die Tanz - städte weltweit repräsentieren sollen. Darüber hinaus wird es eine Reihe von Workshops, Lectures und Projekten mit der freien Szene in Nordrhein-Westfalen und Bayern geben, die neue Verbindungen hervorbringen und bereits bestehende Beziehungen vertiefen, um schließlich eine gemeinsame Identität zu schaffen. Damit nähern sich Richard Siegal / Ballet of Difference Schritt für Schritt dem Ziel, durch eine hochfrequente Programmierung von neuen und bereits existierenden Arbeiten Richard Siegals, die Städte Köln und München als internationale Zentren des zeitgenössischen Tanzes zu etablieren. 2020 – 2021 10 MY GENERATION | Fotos: Ray Demski METRIC DOZEN | Fotos: Wilfried Hösl LIEDGUT | Fotos: Regina Brocke 11 THE NEAR – FAR | PLANENTWURF »Es ist hier also der Fremde nicht in dem bisher vielfach berührten Sinn gemeint, als der Wandernde, der heute kommt und morgen geht, sondern als der, der heute kommt und morgen bleibt. Er ist innerhalb eines bestimmten räumlichen Umkreises fixiert, aber seine Position in diesem ist dadurch wesentlich bestimmt, dass er nicht von vornherein in ihn gehört, dass er Qualitäten, die aus ihm nicht stammen und stammen können, in ihn hineinträgt. Die Einheit von Nähe und Entferntheit, die jegliches Verhältnis zwischen Menschen enthält, ist hier zu einer, am kürzesten so zu formulierenden Konstellation gelangt: die Distanz innerhalb des Verhältnisses bedeu - tet, dass der Nahe fern ist, das Fremdsein aber, dass der Ferne nah ist. « aus: Georg Simmel EXKURS ÜBER DEN FREMDEN Der Begriff des »Fremden« ist heute in vielen Kontexten – nicht zuletzt in allen aufkeimenden und immer stärker werdenden rechtspopulistischen Strömungen – vor allem negativ besetzt. Der Fremde gilt als Eindringling, wird als Gefahr wahrgenommen, als Konkurrent um Ressourcen und als Bedrohung für die eigene Identität. Schnell ist von Überfremdung die Rede, davon, dass jemand »nicht hierher gehört« oder dass er kein Recht auf dieses oder jenes habe. Wir hier, die anderen dort, und jeder ist sich selbst der Nächste – so macht es am wenigsten Angst. Aber ist dieses »wir« ohne den »anderen« überhaupt denkbar? Ist es nicht gerade die Begegnung mit dem anderen, der oder das nicht ist wie ich selbst, die uns überhaupt erst erkennen lässt, wer wir selbst wirklich sind? Und ist diese Begegnung nicht auch Voraussetzung für Veränderung, für Weiterentwicklung des eigenen Ich? Ja mehr noch: Ist ohne die Begegnung mit dem Fremden das Bewusstsein einer eigenen Identität überhaupt möglich? Oder gar wünschenswert? Im Selbstverständnis des Ballet of Difference kann das Fremde keinen negativen Beigeschmack haben. Denn die - ser Kompanie ist das Fremde und auch das Anderssein immer inhärent. Nicht nur qua Definition und Namensge - bung, sondern auch aufgrund der bewussten Diversität in der Zusammenstellung des Tanzensembles, in dem fast jeder Tänzer und jede Tänzerin einer anderen Nation entstammt und eine sehr eigene Kultur, eine eigene Identität – und nicht zuletzt dadurch geprägte Bewegungen und einen eigenen Tanzstil – mitbringt. Aber ist diese Vielfalt der eigenen Kulturen und damit eine Vielfalt auch von Fremdheitserfahrungen schon Merk - mal einer eigenen – nun auch gemeinsamen – Identität? Und was bedeutet die Nähe in der Fremde der eigenen Welterfahrung für das Verhältnis zu dem gemeinsamen Ort, an dem sich diese von Diversität geprägte Kompanie gemeinsam niederlässt – sei es auf Zeit oder um zu bleiben? Richard Siegal nutzt die Besonderheit der Zusammensetzung seiner Kompanie um der Beschreibung dieses seltsamen Verhältnisses aus Nähe und Ferne gesellschaftlich und künstlerisch genauer auf den Grund zu gehen. THE NEAR-FAR überschreibt er den Arbeitszyklus, dem er sich – inspiriert von Georg Simmels klugem EXKURS ÜBER DEN FREMDEN – ab Sommer 2021 für zwei Jahre widmen will. Dabei wird es – anknüpfend an die bisherigen Arbeiten des Ballet of Difference und auch an ältere Choreografien von Richard Siegal – darum gehen, dem, was uns als das Fremde gegenübersteht und begegnet, möglichst nahe zu kommen und dabei die Distanz zwischen dem, was wir vermeintlich sind, und dem, was wir in dem Anderen erkennen, möglichst scharf auszuloten. Dafür braucht es eine Neugier und eine Offenheit für das, was uns als scheinbar oder tatsächlich fremd gegenüber steht. Es braucht aber auch eine Kenntnis der eigenen Perspektive, eine Begegnung mit und eine Erforschung des Anderen und im besten Fall die Fähigkeit, sich die Qualitäten dessen, was man dort vorfindet zu eigen zu machen – also zu lernen und etwas Neues in das eigene Weltbild zu integrieren. Und natürlich in den eigenen künstlerischen Kanon. »Denn«, so sagt es der Choreograf Richard Siegal, »es ist ein Geben und Nehmen. Künstler hören zu und entwickeln sich, indem sie auf andere reagieren.« Diesem Reagieren auf andere soll die Zeit zwischen 2021 und 2023 in besonderem Maße gewidmet sein. 12 LOGOBI 05 Tanzstück von Gintersdorfer/Klaßen mit Gadoukou La Star und Richard Siegal Logobi ist ein Straßentanz aus der Elfenbeinküste. Der Tänzer sagt mit seinen Bewe - gungen: »Schau mich an, ich werd‘ bald ein Star, aber vorher kann ich dich auch noch mal verprügeln...« Straßenkompetenz und Entwicklung neuester Tanztrends fallen in der Metropole Abidjan zusammen: Logobi ist nur einer von vielen Tänzen, die täglich neu entstehen und die ivorische Alltagswirklichkeit abbilden. In der Aufführungsserie LOGOBI konfrontiert das Künstlerkollektivs Gintersdorfer/ Klaßen die ivorischen Tänzer und Choreografen Gotta Depri und Franck Edmond Yao mit europäischen Kolleg*innen. Gotta Depri und Franck Edmond Yao sind mit den Straßentänzen in Abidjan großgeworden und haben sie mittlerweile zu glamourösen Bühnenauftritten im In- und Ausland ausgebaut. In der Choreografie LOGOBI zeigen sie, zusammen mit unterschiedlichen Künstler*innen der europäischen zeitgenös - sischen Tanzszene, Verbindungslinien und Abgrenzungen zwischen den aktuellen, ivorischen Tänzen, traditionellem afrikanischen Tanz und der europäischen Tanzent - wicklung. In LOGOBI 05 trifft der Tänzer Franck Edmond Yao aka Gadoukou La Star – Jet-Set- Star und dreimaliger Preisträger des African Award für den besten afrikanischen Tänzer in Paris – auf Richard Siegal, der in diesem Stück nicht als Choreograf, sondern selbst als Tänzer mitwirkt. Im Dialog auf der Bühne stellen die beiden nicht nur das System des afrikanischen Tanzes dem System des europäischen Tanzes gegenüber und demonstrieren Elemente aus der jeweiligen Aufführungspraxis, sondern begeg - nen sich auch als zwei großartige Performerpersönlichkeiten auf der höchsten Ebene ihrer Kunst. LOGOBI 05 wurde unter anderem zur Deutschen Tanzplattform 2010 eingeladen, Richard Siegal erhielt für seine Mitwirkung den Deutschen Theaterpreis DER FAUST in der Kategorie »Darstellerische Leistung Tanz«. LOGOBI 05 wird im Herbst 2021 erstmals in Köln zu sehen sein. DRAW A LINE Ein Dokumentarfilm von Benedict Mirow Grenzen sind zum Überschreiten da: Das gilt für das Leben, die Kunst und für Tänzer- innen und Tänzer sowieso. Benedict Mirow hat die Arbeit des Choreografen Richard Siegal und des noch jungen Ensembles des Ballet of Difference über einen längeren Zeitraum begleitet – auf der Reise nach Lagos und in der anschließenden künstlerischen Verarbeitung der Reiseerfahrungen und der Begegnungen mit den afrikanischen Tänzer*innen: Was in Lagos mit afrikanischen Tänzerinnen und Tänzern entwickelt wurde, interpretiert nach dem Bayerischen Staatsballett nun das Ballet of Difference neu – »Tanz 2.1«, fasst Siegal zusammen. Beats und Tanzszenen alternieren in DRAW A LINE mit Einblicken in die BoD-»Familie«. Deren Optimismus und Energie ist ansteckend: »Kann Kunst die Welt verändern? Das Ballet of Difference hat schon mal damit angefangen.« (Julia Teuchmann) 2021 | NORTH / SOUTH Im ersten Teil des neuen Projektabschnittes trifft der Norden auf den Süden: Die zweite Hälfte des Jahres 2021 widmen sich Richard Siegal und das Ballet of Difference am Schauspiel Köln den Ausdrucksformen des afrikani - schen Tanzes und den Unterschieden zu einer europäisch geprägten Tanzsprache. Dieser Begegnung von Afrika und Europa ist eine ausführliche Beschäftigung von Richard Siegal und seinem Ensemble mit der (Tanz-)kultur des afrikanischen Kontinents vorausgegangen. Begleitet von dem Dokumentar - filmer Benedict Mirow unternahm Richard Siegal gemeinsam mit sechs Tänzerinnen und Tänzern des Ballet of Difference im Jahr 2018 eine Forschungsreise nach Lagos in Nigeria. Diese Reise markierte die Rückkehr zum Ursprung des Stückes UNITXT, das Richard Siegal im Jahr 2013 mit dem Ensemble des Bayerischen Staatsballett zur Uraufführung brachte und das einen wichtigen Wendepunkt in seiner Arbeit als Choreograf markiert. Grundlage für UNITXT war eine interkulturelle Kommunikation der Tänzer*innen aus Deutschland mit Tänzer*innen aus Lagos. Bereits im Vorfeld dieser Reise hatte die Produktion LOGOBI 05 Premiere, die in Zusammenarbeit mit dem Künst - lerkollektiv Gintersdorfer/Klaßen und dem ivorischen Tänzer Franck Edmond Yao entstand und die im Zuge von NORTH/SOUTH in Köln gezeigt werden soll: 13 Der Film DRAW A LINE feierte seine Weltpremiere 2019 auf dem DOKfest München in Kooperation mit dem Internationalen Festival für zeitgenössischen Tanz der Landeshauptstadt München DANCE und wird nun im Depot des Schauspiel Köln zu sehen sein. MADE TWO WALKING / MADE ALL WALKING Zweiteiliger Ballettabend von Richard Siegal Die langjährige Beschäftigung von Richard Siegal mit dem afrikanischen Tanz und seinen kulturellen und gesellschaftlichen Wurzeln mündet der Neukreation MADE ALL WALKING des Ballet of Difference, an der das gesamte Ensemble beteiligt sein wird. Inspiriert von afrikanischen Rhythmuskulturen hat Richard Siegal gemeinsam mit dem Komponisten Lorenzo Bianchi Hoesch bereits in der 2017 entstandenen Produktion MADE FOR WALKING einen komplexen musikalischen Parcours entwickelt. Siegal choreografiert dabei die Tänzer*innen von Ballet of Difference nicht einfach zur Musik, sondern lässt sie mit ihren Körpern selbst Sounds und Rhythmen produzieren. Im Jahr 2019 entwickelte Richard Siegal MADE FOR WALKING für eine Performance im Lapanto-Ausstellungssaal des Museum Brandhost in München weiter: Für MADE TWO WALKING kommen zu den Tänzerinnen des Ballet of Difference die afrikani - schen Gasttänzer*innen Ordinateur und Annick Choco dazu, sowie der aus Yaoundé in Kamerun stammende Musiker Njami Sitson. Aus der Begegnung von Hoeschs und Sitsons Musik und aus den sich überlagernden Bewegungs- und Klangmustern ent - steht ein polyrhythmisches Zusammenspiel als Reflexion über verschiedene Kulturen und über Einheit und Vielheit, Gemeinschaft und Differenz. Mit der Neukreation MADE ALL WALKING vollendet Richard Siegal nun diesen Zyklus. Dafür wird die Zahl der Musiker*innen und Tänzer*innen vergrößert: Das gesamte Ensemble des Ballet of Difference ist Teil von MADE ALL WALKING. Dabei wird die begonnene Auseinandersetzung mit der afrikanischen Tanz- und Musikkultur fortgesetzt, bei der das Ensemble des Ballet of Difference die Fähig - keiten der afrikanischen Tänzer*innen und Musiker*innen mit dem eigenen Musik- und Bewegungsrepertoire verbindet: Die Proben beinhalten eine Forschungsphase, in der die Tänzerinnen und Tänzer gemeinsam einen Trommelworkshop bei Njami Sitson absolvieren, der musikalische Grundlage und Ausgangspunkt für eine Rhyth - mus- und Klangbasis für MADE ALL WALKING werden wird. MADE ALL WALKING wird als Doppelabend mit MADE TWO WALKING Premiere in Köln haben und von hier aus ins Repertoire nach München und Köln und auf internationale Gastspielreise gehen. ÜBER IDENTITÄTEN UND DIE FIKTION DER ZUGEHÖRIGKEIT Panel-Diskussion mit dem Philosophen Kwame Anthony Appiah Immer wieder sucht Richard Siegal nach philosophischen und wissenschaftlichen Referenzpunkten für seine eigene Arbeit. Der britisch-ghanaische Philosoph Kwame Anthony Appiah stellt in seinem 2019 erschienenen Buch IDENTITÄTEN einen auf die Schlüsselkategorien »Religion«, »Land«, »Hautfarbe«, »Klasse« und »Kultur« be - ruhenden starren Identitätsbegriff entschieden in Frage. An seine Stelle setzt er auf einen diversen, vielschichtigen und flexiblen Identitätsbegriff, bei dem die Identitä - ten »vielschichtig sind und in komplizierter Weise miteinander agieren«. In einem Panelgespräch in den Räumen des Schauspiel Köln sollen Appiahs Identi - tätsbegriff der Vielfalt mit den Arbeitserfahrungen von Künstlerinnen und Künstlern des Ballet of Difference abgeglichen und diskutiert werden und so neue Impulse für die weitere Entwicklung der gemeinsamen Arbeit gesetzt werden. 14 LOGOBI 05 | Fotos: Regina Brocke 15 Zu den Proben- und Erkenntnisprozessen des Ballet of Difference gehört das Prinzip, sich immer wieder nicht nur inhaltlich, sondern auch konkret räumlich aus dem Bereich der eigenen Erfahrungszone hinauszubegeben und eine der eigenen Ausdrucksform ferne künstlerische Sprache unmittelbar am Ort ihres Entstehens und in ihrem gesellschaftlichen Kontext zu studieren und zu erfahren. Dazu gehören regelmäßige künstlerische Forschungs- und Recherchereisen, die das Ensemble des Ballet of Difference gemeinsam unternimmt. Dabei gilt das Interesse natürlich Rhythmen, Klängen, Musik und vor allem Tanz- und Bewegungskulturen und –repertoires, aber auch der Erfahrbarkeit und Annäherung an das konkrete kulturelle, mentale und gesellschaftliche Umfeld, aus dem heraus diese entstehen und zu verstehen sind. Für den zweiten Teil des Projektes THE NEAR-FAR begibt sich das Ballet of Difference auf die Reise von West nach Ost und dabei hinein in den Bereich der asiatischen Kultur – nach Japan. Eine Forschungsreise dorthin soll Grund - lage für den neu entstehenden Ballettabend BALLETT OF OBEDIENCE (AT) werden. 2022/2023 | FAR EAST / WEST BALLET OF OBEDIENCE (AT) Ballettabend von Richard Siegal Innerhalb der japanischen Kultur gibt es eine große Tradition und Affinität zu präzise abgestimmten synchron durchgeführten Bewegungen. An japanischen Schulen lernen Schüler zur Morgenbegrüßung in exakt abgestimmten Abständen zueinander zu stehen, und an japanischen Universitäten wird sogenanntes Synchrongehen oder »Precision Walking« sogar zur sportlichen Disziplin: »Syudan Koudou« nennt sich dieses synchrone Marschieren in Gruppenformationen, die sich in genau abgezirkelten Bewegungsabläufen und Gehchoreografien in komplizierten Wegen begegnen, kreuzen und mischen. Praktiziert wird diese Traditionssportart vor allem an der 1893 gegründeten Nippon Sports Science University. Aus westlicher Sicht erinnert dieses Synchrongehen an das gleichförmige Marschieren militärischen Drills, das sich aber mit einer ästhetischen Virtuosität verbindet. Dabei geht der Einzelne komplett im Kollektiv des Bewegungscorpus der Gruppe auf, jedes individuelle Ausscheren hätte eine Zerstörung der Formation und der Geschlossen - heit des Ablaufes und des daraus entstehenden ästhetischen Bildes zur Folge. Sieht so also eine Gesellschaft aus, in der die Monokultur der Bewegung zu ihrem Abbild wird und sich als gesellschaftliches Ideal die individuelle Identität des Einzel - nen der Gruppe vollständig unterordnet und damit keine Abweichungen und Unter - schiede zulässt? In der also das Fremde schon deshalb keine Legitimität besitzt, weil es sich originär über Unterschiedlichkeit definiert? Oder braucht nicht gerade diese präzise Abstimmung einer gemeinsamen Bewegung eine spezielle Form der Affir - mation und eine besondere Aufmerksamkeit und Sensibilität für den anderen und seine Nähe, weil ohne dessen uneingeschränkte Wahrnehmung eine gemeinsame synchrone Bewegung gar nicht möglich wäre? Und erinnert diese Art von gemeinsa - mer synchroner Bewegung nicht zuletzt auch an die nicht weniger präzisen und um Synchronität bemühten tänzerischen Bewegungsabläufe eines klassischen Corps de Ballet? Das Ballet of Difference begibt sich hinein in diesen für die meisten Ensemblemit - glieder fremden kulturellen Kosmos und lotet aus, wie sich diese Bewegungssprache mit den eigenen, von Individualität geprägten Tanzsprachen vereinbaren lässt. Überwiegt das Gefühl einer als dystopisch und fanatisch empfundenen Einengung, oder führt das Aufgehen des eigenen Willens im Kollektiv vielleicht sogar zu einer reinigenden Glückseligkeit? Und welche mentalen und körperlichen Fähigkeiten 16 braucht es eigentlich, um eine solche Gemeinsamkeit herzustellen? Das Ballet of Difference wird versuchen, die Faszination des »Syudan Koudou« mit der eigenen Formensprache zusammenzubringen – sei es als Affirmation oder als Abgrenzung. Die Auseinandersetzung mit den japanischen Synchronmarschierern wird so zur eigenen Perspektiv- und Positionsbestimmung der Kompanie. Der dabei entstehende Abend BALLET OF OBEDIENCE (AT) und die Auseinander - setzung mit der Disparatheit der Begegnung des Einzelnen mit dem Kollektiv soll genau wie die ihm vorangehende Reise nach Japan erneut von dem Dokumentar - filmer Benedict Mirow begleitet und dokumentiert werden. Dabei sollen diesmal die Aufnahmen von Benedict Mirow aus Japan auch als Video-Art mit in den entstehen - den Abend einfließen. BALLET OF OBEDIENCE (AT) wird in Köln uraufgeführt werden und dann ebenfalls in München Premiere haben und auf internationalen Gastspielen gezeigt werden. 17 Es gehört eigentlich zu den Selbstverständlichkeiten eines jeden öffentlich geförderten Künstlers, etwas von dem, was ihm an Unterstützung widerfährt und das, was er dadurch kann, an die weiterzugeben, die nach ihm kommen. Talentförderung, Austausch mit dem Nachwuchs und das Teilen von künstlerischen Leidenschaften sollten zu jedem Künstlerleben dazugehören. In Köln waren diese Weitergabe des künstlerischen Feuers und die produktive Begegnung von Tänzerinnen und Tänzern aller Generationen jahrzehntelang sozusagen institutionalisiert. Die Ende der Neunzehnhundertfünfziger Jahre von Heinz Laurenzen in Krefeld ins Leben gerufene und 1961 nach Köln übergesiedelte SOMMERAKADEMIE DES TANZES trug entscheidend zur Festigung des Rufes von Köln als international renommierte Tanzstadt bei. Alljährlich im Sommer verwandelte sich Köln in ein Tanzfestival: die INTERNATIONALE SOMMERAKADEMIE DES TANZES, die für Tanzstudierende aus Deutschland und später aus der ganzen Welt den Semesterabschluss bildete, fand mit unzähligen Kursen und Dozent*innen aus aller Welt statt. Koryphäen des internationalen Tanzes kamen zusammen, um in Köln teilweise auf mehrere hundert Studierende und junge Tänzer*innen zu treffen, mit denen sie arbeiteten, probten und tanzten. Es ging darum, gemeinsam zu trainieren, zu diskutieren und Kontakte zu knüpfen. Das Ballet of Difference will diese Tradition, die mit der Einstellung der SOMMERAKADEMIE DES TANZES im Jahr 2000 endete (und die damit auch den Niedergang des Tanzrenomeés Kölns mit beförderte), wiederaufleben lassen. Im Sommer 2022 soll erstmals das COLOGNE INTERNATIONAL SUMMER LAB OF DANCE in Köln stattfinden. Dafür verwandelt sich die Spielstätte des Schauspiel Köln in Mülheim mit Depot 1, Depot 2, den Proberäumen und dem CARLsGARTEN in der spielfreien Zeit des Schauspiels für 10 Tage in eine pulsierende Tanzakademie und ein daraus entstehendes offenes Tanzfestival. Tagsüber arbeiten Studierende aus aller Welt in Workshops mit den bekannten Choreograf*innen und erfahrenen Tänzer*innen aus ihren Kompanien. Es wird gemeinsam trainiert und später gemeinsam gegessen und diskutiert. Abends sind die Veranstaltungen öffentlich, der CARLsGARTEN wird zum Festivalzentrum, das Depot zum Aufführungsort. Choreograf*innen und Studierende präsentieren in Showcases Teile ihrer Arbeit und demons- trieren ihre Arbeitsweise, es gibt ein Programm aus Filmen, Musik, Tanz und gemeinsamem Tanzen (Swing Dance, Contra Dance, Milonga, etc.). Entsprechend der Philosophie des Ballet of Difference versteht sich das neue beziehungsweise reimplentierte SUMMER LAB als »Academy of Differences«. Nicht das Monochrome wird gesucht, sondern auch hier die Begeg - nung des Unterschiedlichen im Gemeinsamen: Ballett trifft auf Biomechanik, Street- und Clubstyle auf Martial Arts, Klassik auf Moderne. Und genau so sollen auch die Dozent*innen und Choreograf*innen ausgewählt werden, die beim SUMMER LAB etwas von ihrem Wissen und Können weitergeben. Für das erste SUMMER LAB ist die Teilnahme von Choreo - graf*innen und Vertreter*innen von Kompanien wie Sidi Larbi Cherkaoui, Crystal Pite, Alexander Ekman, Akram Khan, Sharon Eyal und Richard Siegal / Ballet of Difference geplant. Das erste COLOGNE INTERNATIONAL SUMMERLAB OF DANCE ist für den Sommer 2022 geplant. Anschließend soll es biennal stattfinden. 2023 | COLOGNE INTERNATIONAL SUMMER LAB OF DANCE 18 ALLE TEILNEHMER*INNEN 9.00-10.00 BIOMECHANIK (Patrick Rump - GJUUM Science and Art) 10.15-11.45 BALLETT (Ronald Savkovic) 11.45-13.00 MITTAGSPAUSE (Offenbach im CARLsGARTEN) NACHMITTAGS AUFTEILUNG DER TEILNEHMER*INNEN IN 2 GRUPPEN GRUPPE A 13.00-15.30 REPERTOIRE 1 (Richard Siegal / Ballet of Difference am Schauspiel Köln) 16.00-18.30 REPERTOIRE 2 (Crystal Pite) GRUPPE B 13.00-15.30 REPERTOIRE 1 (Crystal Pite) 16.00-18.30 REPERTOIRE 2 (Richard Siegal / Ballet of Difference am Schauspiel Köln) 19.00 ABENDESSEN (Offenbach im CARLsGARTEN) ÖFFENTLICHE VERANSTALTUNG 20.00-23.00 ALL THAT JAZZ – Filmvorführung SWING DANCE – Tanz und Live-Musik COLOGNE INTERNATIONAL SUMMER LAB OF DANCE | PROTOTYPISCHER ZEITABLAUF 19 Um die Distanz und die Gemeinsamkeit des Nahen und Fernen auszuloten, gilt es nicht immer weit zu reisen. Diversität, Vielfalt, Begegnung und Aneignung finden sich auch im Kosmos des eigenen Ortes und es reicht bisweilen, die eigene Stadt von Ost nach West und von Nord nach Süd zu durchqueren, um Unbekanntes im Bekannten zu fin - den und beides zueinander in Beziehung zu setzen. Deshalb plant das Ballet of Difference auch eine Reihe, in der Tänzer*innen mit Choreografien und einer besonderen Tanzmethode Orte der Stadt erforschen und mit ihnen in einen künstlerischen Dialog treten. 2023 | NEAR EAST / WEST BOD.Y WITHOUT ORGANS »When you will have made him a body without organs, then you will have delivered him from all his automatic reactions and restored him to his true freedom. Then you will teach him again to dance wrong side out as in the frenzy of dance halls and this wrong side out will be his real place.« Anton Artaud: Excerpt from TO HAVE DONE WITH THE JUDGEMENT OF GOD Das ungewöhnliche Tanzprojekt BOD.Y WITHOUT ORGANS überwindet die räumliche Trennung zwischen Tänzer*innen und Publikum. Es gibt keine übergeordnete Perspektive mehr, von der aus eine ganzheitliche Sicht oder Orientierung möglich wäre. Vielmehr findet der Tanz zwischen den Zuschauer*innen – daneben, dahinter, um sie herum – statt. Dafür verlässt das Ballet of Difference die angestammten Aufführungsorte der klassischen Spielhäuser und Hallen und begibt sich unmittelbar hinein in die Stadt, um dort bespiel - bare Orte zu finden. Anvisiert wird eine Zusammenarbeit beispielsweise mit der Zentral - moschee in Köln-Ehrenfeld, mit einem oder mehreren Museen oder mit Orten der Kölner Clubszene. Jeder Ort bringt dabei sein eigenes kulturelles Koordinatensystem mit, auf dass die Choreografien von BOD.Y WITHOUTN ORGANS reagieren und sich beziehen. In einem Kunstmuseum finden sich etablierte Pfade und Sichtachsen, die bestimmte Perspektiven auf Kunst und damit Relationen zu Kunstwerken herstellen. In der Moschee gibt der Ritus des Gebetes und der Religionsausübung bestimmte Wege und Abläufe vor. Mit diesen spielt der Choreograf Richard Siegal, indem er sie durch die Tänzerinnen und Tänzer nachzeichnen lässt, sie bestätigt oder verwirft, und sie in ein Spiel mit dem Ort und den Zuschauern überführt. Für BOD.Y WITHOUT ORGANS erarbeitet Siegal mit seinen Tänzerinnen und Tänzern ein künstlich lernendes Tanzsystem, inspiriert von den Strukturen einer Artificial Intelligence. Jede singuläre Tänzerin und jeder Tänzer verfügt dabei über ein jeweils eigenes Bewe - gungsrepertoire aus dem eigenen Bewegungsarchiv oder dem Archiv des Ballet of Diffe - rence, mit dem sie oder er mit anderen Tänzer*innen in Kontakt treten kann. Kommt ein solcher Kontakt zustande, so entsteht ein Potenzial, so dass beide Tänzer*innen von der oder dem jeweils anderen bestimmte Bewegungen lernen können, die sie in der Folge an weitere Tänzer*innen weitergeben können. Die Begegnung und die Annäherung an das Unbekannte und Fremde ist also eine Doppelte: An das tänzerische Gegenüber und an den Ort der Begegnung selbst. Diese Technik der Entstehung von selbstlernenden Systemen des Choreografierens korrespondiert eng mit dem von Richard Siegal zwischen 2008 und 2012 entwickelte cho - reografische Sprachsystem der »IF/THEN-Methode«, mit dem er zugleich an unterschied- lichen Diskursen der Kunst-, Medien- und Kommunikationswissenschaften partizipierte. Im Rahmen seines Workshop-Projekts IF/THEN FÜR ALLE, das regelmäßig zwischen 2016 und 2018 in Köln und München stattfand, nahm Siegal erneut kommunikative Prozesse in den Fokus und entwickelte choreografische Techniken und Strategien für Vielheiten und intelligente Schwärme. Das Ziel von IF/THEN FÜR ALLE war dabei, einen Begegnungs- und Erfahrungsraum für Menschen unterschiedlichster Herkunft, Kultur und Generation zu schaffen und diesen Profis und Laien gleichermaßen zugänglich zu machen. Als eine von vielen Erkenntnissen, die aus diesen Versuchsanordnungen gewonnen wurden, zeigte sich der massive Einfluss des Raumes auf körperliche Bewegungen genauso wie auf die Bewegungen des Denkens. Aus diesem Bewusstsein heraus, möchte Siegal das Format durch die Versetzung in neue räumliche Kontexte weiterentwickeln. 20 Die Verbindung von Nahem und Fernen und in der Konsequenz auch das Aufbrechen der klaren Grenzen von Akteur*innen, Zuschauer*innen und Ort soll auch im Jahr 2023 als zentrale künstlerische Untersuchung des Ballet of Difference fortgesetzt werden. Bis zum Sommer des Jahres in einer breiten nach neuen künstlerischen Formen suchende Veranstaltungsreihe und zum Abschluss mit einem großen Ensembleabend eines Ballettryptichons von Richard Siegal. 2023 | NEW LOCATIONS DIFFERENT SPACES Immersion – Virtual Reality – Installation Unter dem Begriff der Immersion versammeln sich in unterschiedlichen Künsten und Kunstdisziplinen eine Reihe von Techniken und Strategien, die Zuschauer*innen in das jeweilige Kunstwerk eintauchen lassen. Nicht erst seit Richard Wagners Vision einer totalen Theaterillusion, gibt es ästhetische Versuche, Atmosphären oder »environments« zu erschaffen, die sich mit der Wahrnehmung verbinden und die Wahrnehmenden dabei im besten Falle transformieren. Bereits in der Renaissance - malerei oder in den Bühnenbildern des Barock wurden Mittel in Anschlag gebracht, um die Grenzen zwischen Bild und Betrachter verschwimmen zu lassen oder gar aufzulösen. Durch die rasanten Entwicklungen neuer Technologien im Bereich Video und Virtual Reality, hat der Begriff der Immersion in den letzten Jahren eine Renaissance erfah - ren. In immersiven Kunstwerken wird eine Mediengesellschaft reflektiert, deren Mit - glieder*innen sich permanenten Versuchen gegenübersehen, von der Wirtschaft und der Politik sinnlich verführt, mithin: geformt und manipuliert zu werden. Mit DIFFERENT SPACES soll in Form eines Immersive-Arts-Festivals eine Plattform geschaffen werden, auf der Kunstwerke unterschiedlicher Disziplinen das kritische Potenzial dieser neuen Technologien verhandeln und erschließen. Nicht zuletzt weil sich Ballet of Difference als interdisziplinäre Kompanie begreift, die über den Teller - rand der eigenen Kunstform sieht und die aktuelle gesellschaftliche und ästhetische Diskurse aufgreift, erscheint DIFFERENT SPACES als notwendige Erweiterung der Ausdrucksformen der Kompanie. Bei DIFFERENT SPACES wird unter anderem die VR-Arbeit DAS TOTALE TANZTHEATER gezeigt, die von der Kulturstiftung des Bundes im Rahmen des einhundertjährigen Bauhaus-Jubiläums gefördert und im Rahmen des Berliner Bauhaus100-Festivals zur Uraufführung gebracht wurde. Die Bewegungen der Avatare, denen man im Rahmen der Installation begegnet, wurden von Richard Siegal choreografiert – auf der Basis von Motion-Capture-Technologien, die die Körper der Tänzer*innen von Ballet of Difference scannten. Als weiteres Highlight von DIFFERENT SPACES ist die Europa-Premiere von SUB geplant, einer immersiven Video-Installation des in New York lebenden Medien - künstlers Kurt Hentschäger. Die Besucher*innen der Installation sehen sich dabei Lichtreflexen in einem absolut dunklen Raum ausgesetzt, die sich in die Körper einzuschreiben scheinen. Schließlich wird auch der Musiker und bildende Künstler Carsten Nicolai (den unter seinem Musiker-Alter-Ego Alva Noto bereits eine langjährige Kollaboration mit Richard Siegal verbindet) eine 360°-Klanginstallation präsentieren, in der die Sounds einen eigenen Raum erzeugen. Kuratiert wird DIFFERENT SPACES von Ballet of Difference Dramaturg Tobias Staab, der seit einigen Jahren immersiven Kunstwerken im Rahmen von Festivals Plattfor - men bereitet, etwa im Rahmen der Ruhrtriennale, des DIVE-Festivals für immersive Künste (Bochum), des Melt!-Festivals (Gräfenhainichen) oder von Bauhaus100 (Berlin). 21 100% NOTO: UNITXT / IN A LANDSCAPE / OVAL Dreiteiliger Ballettabend von Richard Siegal Es gehört zu der besonderen Arbeitsweise von Richard Siegal, bereits erarbeitet Choreografien und neue Arbeiten aus unterschiedlichen Kontexten zusammenzuführen, zu überarbeiten und neu zu kombinieren. Erst durch diese Zusammenführung und neue Kontextualisierung werden die großen Abende des Ballet of Difference komplett und vollständig. Nachdem Richard Siegals Opus Magnum UNITXT 2018 für das Ballet of Difference umgearbeitet und ins Repertoire der Kompanie aufgenommen wurde, begaben sich Richard Siegal und sein Ensemble im selben Jahr auf Spurensuche nach den afrikani - schen Wurzeln des Stückes. Im Rahmen des Workshops in Lagos / Nigeria entstand bei Richard Siegal der Wunsch nach einer letzten Überschreibung des Stückes, das bereits so viele Transformationen erfahren hat. Siegal möchte zwei der westafrika- nischen Tänzer*innen, die an dem Workshop 2018 teilnahmen, ins Ballet of Difference aufnehmen. Auf diese Weise wird das Bewegungsrepertoire der Kompanie noch einmal in eine neue Richtung erweitert, während auf diskursiver Ebene viel diskutierte Fragestellungen zu »cultural appropriation« auf unterschiedlichen Ebenen neu reflektiert werden können. Indem nun die afrikanische Kultur nicht mehr nur als Inspiration und Diskurs - grundlage fungiert, sondern unmittelbar am Diskurs teilnimmt bzw. mit den afrika- nischen Tänzer*innen direkt an der Entstehung der Ästhetik partizipiert, entsteht ein neues Kräfteverhältnis, das in die Zukunft weist. Auch die Musik bleibt von dieser Entwicklung nicht unberührt. Die digitalen Techno- Klänge Alva Notos, die die Ästhetik von UNITXT nachhaltig geprägt haben, weisen eine entfernte Verwandtschaft zu afrikanischen Drum-Kulturen auf. Die nun entste - hende neue Version von UNITXT übergibt die Komposition Alva Notos an ein nigeria- nisches Drum Ensemble, die die digitale Ästhetik in eine analoge Live-Performance übersetzen werden. UNITXT erfährt auf diese Weise eine letzte Überschreibung und präsentiert sich vielschichtig und multiperspektivisch als interkultureller ästhetischer Dialog des 21. Jahrhunderts. Als Kontrapunkt steht dem eine andere Arbeit Siegals gegenüber, die von der Musik Alva Notos ausgeht: Das 2016 entstandene Ballett IN A LANDSCAPE, das im Rahmen des PORTRAIT RICHARD SIEGAL an der Bayerischen Staatsoper für Begeisterung sorgte, fußt musikalisch auf einer Zusammenarbeit Alva Notos mit dem japanischen Komponisten Ryuichi Sakamoto, dessen Klänge weniger an afrikanischen Rhythmen, denn an fernöstlicher Zen-Philosophie orientiert sind. Zur Klaviermusik Sakamotos, elektronisch verfremdet von Alva Noto, entschleunigt Richard Siegal hier seine ansonsten rasend schnellen Bewegungen zu einer klaren Form voller Leerstellen, während die Dekonstruktionen sub il bleiben. Die futuristischen Kostüme und eine Drohne setzen die Perspektive in einer nicht allzu fernen Zukunft an, in der über klassische Balletttradition meditiert wird. Mit der Überarbeitung von IN A LANDSCAPE für das Ballet of Difference am Schauspiel Köln wird das Repertoire der Kompanie um ein weiteres Werk Richard Siegals erweitert. Abgeschlossen wird das Tryptichon 100 % NOTO durch die Zusammenführung mit einer Arbeit Richard Siegals, die erst im Jahr 2019 für das Berliner Staatsballet ent - stand. OVAL wurde ebenfalls zur Musik von Alva Noto choreografiert und von Richard Siegal als formales und inhaltliches Gegenstück zu UNITXT und IN THE LANDSCAPE konzipiert. Mit der Premiere in Köln sind nun erstmals alle drei Stücke als Tryptichon und in einer überarbeiteten Version des Ballet of Difference zu sehen. 22 TIMELINE SPIELZEIT 2021/2022 2021 | Herbst NORTH / SOUTH 02.10.2021: Premiere ORLANDO nach Virginia Wolf Eine Kooperation von Schauspiel Köln und Richard Siegal / Ballet of Difference mit Schauspielerinnen und Tänzer*innen beider Ensembles 10.12.2021: Uraufführung MADE TWO WALKING / MADE ALL WALKING, Depot 2 • MADE TWO WALKING / MADE ALL WALKING Uraufführung des zweiteiligen Ballettabends von Richard Siegal • DRAW A LINE Dokumentarfilm von Benedict Mirow PLUS: Bis Ende der Spielzeit 2021/22 nationale und internationale Gastspiele und Repertoirevorstellun - gen der Produktionen MADE TWO WALKING / MADE ALL WALKING und ORLANDO in Köln, München 2022 | Februar 11.02.2022: Premiere dreiteiliger Ballettabend TRIPLE, Depot 1 • All for one / Two for the show • Metric Dozan • My Generations 2022 | Mai 20.05.2022: Uraufführung des Balletts XERROX Vol. 2 (Arbeitstitel) Ein Ballettabend choreografiert zur gleichnamigen Komposition von Alva Noto Nach den Monaten der Erforschung und Entwicklung neuer Formen zur Koexistenz von Tanz und Corona steht die Arbeit von Richard Siegal / Ballet of Difference an einem Scheideweg. „Es ist an der Zeit, sich wieder auf das Format des Tanzes als Live-Erlebnis zu besinnen“, so der Choreograf Richard Siegal. Die - ses Ziel vor Augen wird Richard Siegal ein ambitioniertes Langzeitprojekts in Angriff nehmen: Eine Reihe choreografischer Arbeiten zu den musikalischen Arbeiten von Alva Noto, die sich als entscheidend für die Entwicklung der elektronischen Musik erwiesen haben. Richard Siegal konzentriert sich dabei auf Alva Notos Xerrox-Serie, die aus vier Teilen besteht, wobei der Choreograf Xerrox Vol. 2 an den Anfang stellt. Eine Choreografie, die sich durch den charakteristischen raffinierten Tanzstil und die extreme Körperlich - keit auszeichnet, für die das aus 14 Solotänzer*innen bestehende Ensemble bekannt geworden ist. Der Lichtdesigner Matthias Singer wird die Tänzer*innen in das klare, satte Licht tauchen, das seine Zusam - menarbeit mit Siegal in der Vergangenheit so unverwechselbar gemacht hat. PLUS: Repertoirevorstellungen der Produktionen TRIPLE und MADE TWO WALKING / MADE ALL WALKING und Gastspiele in München, Italien und Frankreich 23 TIMELINE SPIELZEIT 2022/2023 2022 | Herbst Ende August 2022 – Mitte September 2022 (3 Wochen) BALLET OF OBEDIENCE (AT) Forschungsreise zur Vorbereitung des Balletts nach Japan Kooperation mit dem Goethe Institut Tokio 19.11.2021: Premiere Petruschka, Igor Stravinski | Der Zwerg, Alexander von Ziemlinsky Ein zweiteiliger Abend in Kooperation mit der Oper Köln Richard Siegal Richard Siegal entwickelt die Choreografie für das Ballett Petruschka. Es tanzt sein Ensemble, das Ballet of Difference am Schauspiel Köln Premiere PLUS: Repertoirevorstellungen der Produktionen TRIPLE und MADE TWO WALKING / MADE ALL WALKING, XERROX und Gastspiele national und international (tba) 2023 | Frühling FAR EAST / WEST Mehrteiliges Format von Richard Siegal / Ballet of Difference am Schauspiel Köln bestehend aus: 24.03.2023 BALLET OF OBEDIENCE (AT) _ Uraufführung Ballettabend von Richard Siegal NEAR EAST / WEST Format für unkonventionelle Aufführungsorte von Richard Siegal / Ballet of Difference am Schauspiel Köln bestehend aus: 11.05.2023 BOD.Y WITHOUT ORGANS Uraufführung interdisziplinäres Tanzprojekt von Richard Siegal Gastspiele: 20./21.01.2023: Ludwigsburg Mitte April 2023: Ludwigshafen 19./20.05.2023: Prinzregententheater München 2023 | Sommer COLOGNE INTERNATIONAL SUMMER LAB OF DANCE (Pilotprojekt in Kooperation mit Sommerangeboten der Tanzszene in Köln) von Richard Siegal / Ballet of Difference am Schauspiel Köln 24 TIMELINE SPIELZEIT 2023/2024 2023 | Herbst NEW LOCATIONS Format von Richard Siegal / Ballet of Difference am Schauspiel Köln bestehend aus: • DIFFERENT SPACES Immersion – Virtual Reality – Installation kuratiert von Tobias Staab • DAS TOTALE TANZTHEATER Virtual Reality Installation • SUB Immersive Video-Installation von Kurt Hentschäger • 100% NOTO: UNITXT / IN A LANDSCAPE / OVAL Dreiteiliger Ballettabend von Richard Siegal Nationale und internationale Gastspiele und Repertoirevorstellungen von MADE TWO WALKING / MADE ALL WALKING; BALLET OF OBEDIENCE (AT) und 100% NOTO: UNITXT / IN A LANDSCAPE / OVA 25 Fotos: Ray Demski 26 BIOGRAFIEN – EINE AUSWAHL RICHARD SIEGAL – CHOREOGRAFIE Blitzschnelle Pirouetten, Spitzentechnik vom Feinsten, groovende Gruppen, durch den Raum gleitend oder mit messerscharfer Präzision Richtungen wechselnd – Richard Siegals Choreografien entwickeln von der ersten Sekunde an Sogwirkung. Er bringt Extreme von Licht und Schatten, Geräusch und Stille, bewegte Objekte und Tanz,die das Ballettsystem auf ganz besondere Weise entgrenzen und vorantreiben. Der amerikani- sche Tänzer und Choreograf Richard Siegal sucht, in Zusammenarbeit mit Künstler*innen unterschiedlichster Disziplinen, dem zeitgenössischen Tanz ein neues Gesicht zu geben. Richard Siegal stellte seine innovativen Projekte auf Festivals in der ganzen Welt vor und wurde hierfür mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem New York Dance and Performance Bessie Award, dem S.A.C.D. Prize, dem Deutschen Theaterpreis Der Faust und dem Münchner Tanzpreis 2013. Siegal ist ein MacDowell Fellow und Ehrenmitglied des Bolschoi Balletts Benoit de la Danse. Er arbeitete als Choreograf für das Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe, das Bennington College (Vermont, USA) und das Baryshnikov Arts Center (New York City, USA). Zwischen 1997 und 2004 tanzte er im Ensemble des Ballett Frankfurt unter der Leitung von William Forsythe. Von 2005 bis April 2015 war Richard Siegal associated artist bei The Forsythe Company. Er ist seit 2010 artist in residence am Muffatwerk München und in der Saison 15/16 auch am Festspielhaus St. Pölten in Österreich. Er kreierte für das Ballett Frankfurt, das Ballet National de Marseille, die Göteborg Danskompani, das Bayerische Staatsballett, das Hessische Staatsballett, für das Cedar Lake Contemporary Ballet, für Bodytraffic in Los Angeles und für die São Paulo Dance Company (Premiere Juni 2016). Seine Choreografien werden getanzt vom Bayerischen Staatsballett II / Junior Company, Ballett Dortmund (Premiere Februar 2017), Ballett des Theater Bielefeld und von Bodytraffic. 2016 gründet Richard Siegal eine neue Kompanie, die sich als Alternative zum ins - titutionalisierten Ballett der Gegenwart begreift: Richard Siegal / Ballet of Difference. Die Kompanie ist als freie Gruppe organisiert und vereint eine Reihe herausragender Tänzer*innen, die auf völlig unterschiedliche Art und Weise geprägt worden sind und die unterschiedliche Arten von Wissen und unterschiedliche Fähigkeiten erlangt haben. Die Verschiedenheit ist hier Programm: Richard Siegal / Ballet of Difference lotet die Grenzen von dem aus, was in unserer Gesellschaft als normal gilt. Die im Jahr 2017 erfolgreich gestartete Kooperation zwischen der Kompanie Richard Siegal / Ballet of Difference und Tanz Köln sowie dem Schauspiel Köln festigte sich in der Spielzeit 2018/19 mit der Produktion ROUGHHOUSE. Hier teilten sich die Tänzer*in- nen aus der Kompanie mit den Kölner Ensemblemitgliedern die Bühne. Die Produktion wurde später zum Holland Festival in Amsterdam und zum DANCE Festival nach München eingeladen. Ab der Spielzeit 2019/20 ist das Schauspiel Köln die neue Heimat von Richard Siegal und dem Ballet of Difference. Richard Siegal Foto: Luis Alberto Rodriguez Richard Siegal / Ballet of Difference am Schauspiel Köln Foto: Mario Bolte / www.ambientcity.de 27 MARTINA CHAVEZ – TANZ Martina Chavez, geboren in San Antonio, Texas, begann ihre Tanzausbildung im Alter von 9 Jahren bei Buddy und Susan Treviño und am Maryland Youth Ballet. Zu Beginn ihre professionelle Karriere als Tänzerin absolvierte sie zunächst ein Volontariat am Washington Ballet, schloss sich 2006 dem Oregon Ballet Theatre an und wurde im Folgejahr festes Mitglied der Kompanie und 2014 zur Solistin ernannt. Im Jahr 2018 trat sie dem Victor Ullate Ballet in Madrid bei. Ab 2020 gehört sie zur Kompanie von Richard Siegal / Ballet of Difference am Schauspiel Köln. MARGARIDA DE ABREU NETO – TANZ Die 1996 in Portugal geborene Margarida Isabel De Abreu Neto begann ihre Aus - bildung am Tanzkonservatorium von Lissabon und absolvierte ihren Abschluss dank eines Stipendiums, das sie für das erfolgreich erreichte Halbfinale des Youth America Grand Prix erhielt, an der Tanz Akademie Zürich im Jahr 2015. Mit Beginn der Spiel - zeit 2015/2016 erhielt sie ein Engagement an der Junior Company des Bayerischen Staatsballetts wo sie unter anderem mit den Choreografen Maria Barrios, Dustin Klein und Davide Bombana arbeitete. Im April 2017 schloss sie sich dem Ballet of Difference an und wirkte unter anderem an der Produktion ROUGHHOUSE am Schauspiel Köln mit. Als Gasttänzerin war sie darüber hinaus am Virtual Reality Projekt DAS TOTALE TANZTHEATER 360 (Kooperation mit ARTE/ZDF), das anlässlich des Bauhaus-Jubiläums im Januar 2019 in der Akademie der Künste Berlin präsentiert wurde, sowie in der Produktion O, AUGENBLICK (Regie Tobias Staab) am Schauspiel- haus Bochum beteiligt. GUSTAVO GOMES – TANZ Gustavo ist ein Performer, Choreograph und bildender Künstler mit Sitz in Köln, Deutschland.Im Jahr 2007 wurde er mit der Goldmedaille des Brasília International Dance Seminar und einem besonderen Zuschuss des brasilianischen Kulturminis - teriums für kulturelle Beiträge ausgezeichnet. Er hatte Engagements an den Tanz - kompanien des Stadttheater Osnabrück unter Nanine Linning (2010-2012) und Mauro di Candia (2012-2014), des Staatstheater Braunschweig unter Jan Pusch (2014-2015), der Tanzkompanie Dresden - Frankfurt unter Jacopo Godani (2015-2019) und ist seit 2019 Gastkünstler für Richard Siegal / Ballet of Difference am Schauspiel Köln. Er hat an Performances von Choreograph*innen und bildenden Künstler*innen wie Wil - liam Forsythe, Jacopo Godani, Richard Siegal, Roy Assaf, Marie Chouinard, Rafael Bonachela, Shang-Chi Sun und anderen mitgewirkt. Seine künstlerische Arbeit besteht darüber hinaus im Kreieren eigener Choreogra - phien und Performances in und außerhalb von Deutschland, in denen sein großes Interesse an bildender Kunst und Video-Performance zum Ausdruck kommt. JEMIMA ROSE DEAN – TANZ Jemima Rose Dean wurde in Westaustralien geboren und erhielt im Alter von 16 Jah - ren ein Vollstipendium für die Ausbildung an der Tanz Akademie Zürich. 2009 war sie Finalistin beim Prix de Lausanne. Nach Abschluss ihres Studiums wurde sie 2010 Grup- pentänzerin am Bayerischen Staatsballett unter der Leitung von Ivan Liška und tanzte unter anderem in Werken von William Forsythe, John Neumeier und John Cranko. 2013 wechselte sie in das Ensemble des Friedrichstadt-Palastes Berlin, wo sie mit Thierry Mugler, Jean-Paul Gaultier, Brian Friedman, Itzik Galili und Ronald Savkovic zusammen- arbeitete. 2017 entschied sich Jemima dazu, freischaffende Tänzerin und Performerin zu werden. Als Gastkünstlerin arbeitete sie am Theater Basel in der Produktion LA CAGE AUX FOLLES unter der Regie von Martin G. Berger, mit dem Künstlerkollektiv TRANSFORMA im Stück MANUFACTORY und als choreografische Assistentin bei der Fernsehproduktion BABYLON BERLIN von Tom Tykwer. Im selben Jahr wurde Jemima darüber hinaus eingeladen, in Marguerite Donlons STROKES THROUGH THE TAIL mit dem Donlon Dance Collective zu tanzen. 2018 kam sie zum Ballet of Difference und trat in Richard Siegal´s Arbeiten UNITXT, BOD und ROUGHHOUSE auf. 28 LIVIA GIL – TANZ Geboren in Rio de Janeiro, Brasilien, begann Livia Gil ihre 9-jährige Ballettausbil - dung an der Escola Estudal de Dança am Theatre Municipal von Rio de Janeiro bei Maria Olenewa. Nach erforlgreicher Teilnahme am Prix de Lausanne in 2012 wurde ihr ein Stipendium an der English National Ballett School in London angeboten, wo sie 2014 ihren Abschluss machte. Im selben Jahr entschloss sie sich in Deutschland zu arbeiten was zu Engagements am Leipziger Ballett, dem Ballett Augsbrug und dem Hessischen Staatsballett führte. Ihr Repertoire umfasst Werke von Wayne McGregor, Alexander Ekman, Ohad Naharin, Jeroen Verbruggen, Uwe Scholz, Tim Plegge, Mario Schröder, Alejandro Cerrudo, Kerry Nicholls, George Baldachine uvm. Ab Ja - nuar 2020 ist sie Teil von Richard Siegal / Ballet of Difference am Schauspiel Köln. MASON MANNING – TANZ Mason Manning stammt aus Dallas, Texas, und ist Absolvent der Booker T. Washington High-School für Performing and Visual Arts. Während seiner Ausbildungszeit wurde er von der Texanischen Kulturstiftung zum Texas Young Master in Dance ernannt und mit der höchsten Auszeichnung der National Young Arts Foundation für Modern Dance honoriert. Im Anschluss an seine Grundausbildung studierte er Tanz an der Juilliard School in New York City und tanzte hier in Arbeiten von Crystal Pite, Jiri Kylian, Aszure Barton, Jose Limon, Richard Alston und weiterer renommierter Cho - reograf*innen. Nachdem er als Gasttänzer bei der Los Angeles Contemporary Dance Company Bodytraffic beschäftigt war, erhielt er 2018 sein erstes Festengagement in Deutschland am Ballett im Revier Gelsenkirchen unter der künstlerischen Leitung von Bridget Breiner. Seit der Spielzeit 2019/20 ist Mason Teil der Kompanie Richard Siegal / Ballet of Difference am Schauspiel Köln. NICOLÁS MARTINEZ – TANZ Nicolás Martínez ist ein uruguayischer Tänzer und Performer. Sein Interesse und Talent für Musik und Tanz entwickelt sich schon in jungen Jahren. Im Alter von 10 Jahren beginnt er ein Musikstudium und besucht auch einige Tanzstunden. Zwei Jahre später beginnt er, sich schließlich ganz dieser Disziplin zu widmen, bildet sich in viel - zähligen Tanzstilen aus und nimmt an Wettbewerben teil, bei denen er mehrere Preise gewinnt. Im Alter von 18 Jahren beginnt er sein Ausbildung zum Balletttänzer an der Nationalen Tanzschule in Uruguay. Im Jahr 2017 erhält er ein Engagement am Natio - nalballett von Uruguay unter der Leitung von Julio Bocca und ist bis 2019 in Stücken wie RUSSIAN HAMLET, CHACONA, THE MERRY WIDOW, DON QUIJOTE, ONEGIN und anderen zu sehen. Ab Januar 2020 ist Nicolás als Tänzer der Kompanie Richard Siegal / Ballet of Difference am Schauspiel Köln engagiert. SEAN LAMMER – TANZ Sean Lammer ist ein amerikanischer Tänzer, Choreograf und Lehrer. Er begann seine Ausbildung im Alter von 13 Jahren, als er die Pennsylvania Academy of Ballet unter der Leitung von John White und Margarita De Saá besuchte. Sean ist Absolvent der Walnut Hill School for the Arts (‚15) und der Juilliard School (‚19) und hatte im Laufe seiner Ausbildung das Glück, die Werke von Merce Cunningham, Nacho Duato, Roy Assaf, Twyla Tharp, Ohad Naharin, Martha Graham, José Limón und Stephanie Batten Bland zu tanzen. Sean verbrachte die Jahre 2019-2021 als Freelancer in und um New York City und arbeitete mit einer Vielzahl von Künstler*innen und Kompanien zusam - men, darunter GALLIM, Helen Simoneau Danse, MADBOOTS, Madeline Hollander, David Michelak und Robert und Shana ParkeHarrison. Seit August 2021 ist Sean Mit - glied Richard Siegal / Ballet of Difference am Schauspiel 29 EVAN SUPPLE – TANZ Evan Supple stammt aus Toronto, Kanada und erhielt seine erste Tanzausbildung bei Elite Danceworx und der National Ballet School of Canada. Er erwarb einen Bachelor of Fine Arts in Tanz am Marymount Manhattan College, wo er Werke von Azure Bar - ton, Alexandra Damiani, Dwight Rhoden, Desmond Richardson und Paul Taylor tanz - te. Während seiner Zeit in Marymount gründete er ein pädagogisches Outreach-Pro - gramm, um über 200 Kindern des öffentlichen Schulsystems von New York City Tanz näher zu bringen, welches bis heute fortläuft. Darüber hinaus trat er in dieser Zeit bei der Abschlusszeremonie der Pan American Games auf und tourte mit dem Nikolais- Louis Dance Theater zum Yang Liping International Dance Festival nach China. Unmit- telbar nach seinem Abschluss trat Evan dem Aspen Santa Fe Ballet bei, wo er drei Spiel- zeiten lang tanzte und Werke von Alejandro Cerrudo, Alex Ekman, Jorma Elo, Nicolo Fonte, Fernando Melo, Jiri Kylian und Cayetano Soto aufführte. Vor kurzem war er in der Netflix-Serie Tiny Pretty Things zu Gast, die im Herbst 2020 erstmalig ausgestrahlt wird. Evan Supple wird ab 2020 das Richard Siegal / Ballet of Difference am Schauspiel Köln ergänzen. ALLISON MCGUIRE – TANZ Allison McGuire stammt aus Chicago und begann ihre professionelle Karriere 2017 als Auszubildende bei Visceral Dance Chicago. Während dieser Zeit wurde sie als Modern Dance Finalist bei YoungArts ausgezeichnet. Sie studierte Tanz an der Juil - liard School, wo sie in Werken von José Limón, Alejandro Cerrudo, Jacopo Godani und neue Kreationen von Bryan Arias, Nelly Van Bommel, Andrea Miller und Matthew Neenan performte. Im Sommer 2020 wurde Allison beauftragt, für die ISHIDA Dance Company in Austin, Texas, zu arbeiten. Ab August 2021 ist Allison als Tänzerin bei der Kompanie Richard Siegal / Ballet of Difference am Schauspiel Köln engagiert. IAN J. SANFORD – TANZ Der in Maryland geborene Ian J. Sanford begann seine formale Ausbildung an der Baltimore School for the Arts im Alter von sechzehn Jahren. Im Juni 2021 schloss Ian sein Studium an der Juilliard School in New York City mit einem BFA in Tanz ab. Während seines Studiums an der Juilliard School wurde Ian mit dem Noble Founda - tion Scholarship und dem Benjamin Harkarvy Scholarship in Tanz ausgezeichnet. Im Laufe seiner Ausbildung tanzte Ian Werke von George Balanchine, José Limón, Bryan Arias, Martha Graham, Cayetano Soto, Didy Veldman, Crystal Pite, Marco Goecke, Paul Lightfoot, Sol León, Dimo Milev, Andrea Miller, Mats Ek und Lukas Tumilak. Seit August 2021 ist Ian als Gasttänzer bei Richard Siegal / Ballet of Difference am Schau - spiel Köln engagiert. NENA SORZANO (NENASH) – TANZ Nena Sorzano (NENASH) stammt aus Caracas, Venezuela, wo sie ihr Studium des klassi- schen Balletts und der Waganowa-Methode absolvierte. Im Jahr 2003 wurde sie Solis- tin des Ballet Contemporaneo de Caracas unter der Leitung von Maria Eugenia Barros und tanzte choreographische Werke von Mauricio Wainrot, Roberto de Oliviera, Mauro Galindo und Thierry Malandain. Von 2006 bis 2009 war NENASH als Solistin des Ballet Nacional de Caracas engagiert, wo sie zahlreiche Solorollen tanzte. Im Jahr 2007 war NENASH Halbfinalistin des Concurso di Roma und belegte später den 4. Platz beim Wettbewerb „Young Ballet of the World“ in Sotschi. Im Jahr 2009 kam sie nach Europa, wo sie bis 2015 als Solistin in der Tanzcompagnie des Landestheaters Innsbruck unter der Leitung von Enrique Gasa Valga tanzte. 2014 erhielt sie einen Solistenvertrag beim Ballett Dortmund unter der Leitung von Xin Peng. Dort tanzte sie in Werken von Demis Volpi, Benjamin Millipied, Douglas Lee, Craig Davidson, Jiri Bubenicek, Richard Siegal, William Forsythe und Edward Clug, um nur einige zu nennen. Im Jahr 2021 begann NE- NASH mit dem „Blackout Project“, einem vom Kulturbüro Dortmund geförderten Film, der den Rassismus innerhalb der Ballettwelt beleuchtet. Seit August 2021 ist NENASH Mitglied von Richard Siegal / Ballet of Difference am Schauspiel Köln. 30 LONG ZOU – TANZ Long Zou erhielt eine umfassende Tanzausbildung an der Guang Zhou Art School in China sowie der Central School of Ballet in London und erreichte 2007 beim Prix de Lausanne das Halbfinale. In Festengagements am Singapore Dance Theatre 2012, dem Jinxing Dance Theatre, Shanghai 2013 – 2015 sowie der Kompanie Les Ballets Trockadero de Monte Carlo, New York City 2009 – 2011 und 2016–2019 tanzte Long Zou vielzählige Titelrollen und gastierte mit den Kompanien auf internationalen Tour- neen in Ländern wie Australien, Deutschland, Japan, Spanien, USA, Italien, Frank - reich, Mexiko uvm. Seit Oktober 2019 ist Long Zou festes Mitglied im Tanz Ensemble des Richard Siegal / Ballet of Difference am Schauspiel Köln. MADISON VOMASTEK – TANZ Madison Vomastek ist Absolventin der Gründungsklasse der Glorya Kaufman School of Dance an der University of Southern California unter der künstlerischen Leitung von William Forsythe und Jodie Gates. Sie hat Repertoire von Alejandro Cerrudo, Aszure Barton, Crystal Pite, Jodie Gates, Jiri Kylian und William Forsythe aufgeführt. Im Februar 2019 spielte sie die Hauptrolle in USC Kaufmans New York City Debüt im Joyce Theatre. Nach ihrem Abschluss wurde sie 2020 für die Wiederaufnahme von West Side Story am Broadway engagiert, die von Anne Teresa De Keersmaeker choreografiert und von Ivo Van Hove inszeniert wurde. Die Show wurde aufgrund der COVID-19-Pandemie eingestellt. Madison war außerdem Gastkünstlerin bei Richard Siegals Ballet of Difference am Schauspiel Köln in 2019, sowie beim Aspen Santa Fe Ballet (2018), Gala De Danza (2018), dem Guggenheim Museum (2020), Laguna Dance Festival (2016 - 2019) und dem Los Angeles County Museum of Art (2016). Madison ist Tänzerin, Pädagogin, Achtsamkeitspraktikerin und künstlerische Leiterin. Außerhalb ihrer Tätigkeiten als Performerin interessiert sie sich für Landwirtschaft. Dies ist Madisons erste Spielzeit als festes Ensemblemitglied beim Ballet of Difference am Schauspiel Köln. 31 FLORA MIRANDA – FASHION DESIGN Flora Miranda ist eine österreichische Modedesignerin mit Sitz in Antwerpen, Belgien. Sie erhielt ihren Master-Abschluss 2014 an der renommierten Royal Academy of Fine Arts in Antwerpen und gilt in der Kulturszene als aufstrebender Star. Der Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt auf dem Menschen, seinen Sinnen und seiner Wahr - nehmung. In ihren Designs versucht Miranda Einschränkungen und praktischen Über- legungen der Mode aufzulösen. Mit intellektuellen Konzepten und intuitiver Produk - tion hinterfragt sie die veraltete Idee der High Couture und erforscht Techniken, die von der Designtradition oder -geschichte losgelöst sind. Die Welt der Flora Miranda ist außerirdisch, extravagant, extrem und exklusiv! DJ HARAM – MUSIK DJ Haram aus New Jersey ist in viele Szenen involviert. Darunter etwa die Noise-Szene ihrer Wahlheimat Philadelphia oder die HipHop-Szene (mit Moor Mother als 700 Bliss). Und das ist längst nicht alles. Es wäre auch seltsam, wenn eine Produzentin, die auf so vielen Hochzeiten tanzen lässt, sich über Szenen definierte. Eine ihrer Platt- formen ist das New Yorker Discwoman-Kollektiv. Aber auch Breakbeats und Synths erinnern bei DJ Haram an das Tanzmusik-Kontinuum der großen Nachbarstadt ihres Geburtsortes. Auf ihrer ersten physischen EP GRACE sind ungewöhnliche Klang- und Rhythmus-Kombinationen nicht nur plakatives Distinktionsmerkmal, sondern integ - raler Bestandteil von DJ Harams künstlerischer Vision und Spiegel ihrer Biografie. In NO IDOL sind Flöten- und Percussion-Samples eine catchy Verneigung vor ihrem nahöstlichen Background. ANNICK CHOCO - TANZ (GAST) Badekou Annick Prisca Agbadou aka Annick Choco ist eine ivorische Tänzerin und Sängerin. Bevor sie ihre Solokarriere begann, tanzte sie u. a. für den ivorischen Pop - star Serge Beynaud und spielte 2016 als Gast in DER BOTSCHAFTER und DER INTER- NATIONALE STRAFGERICHTSHOF von Gintersdorfer/Klaßen. Sie ist seit November 2016 festes Mitglied von LA FLEUR. KWAME ANTHONY APPIAH – ANALYTISCHE PHILOSOPHIE Kwame Anthony Appiah wurde 1954 als Sohn eines Ghanaers und einer Engländerin in London geboren und wuchs mit Eltern und Geschwistern in Kumasi in Ghana auf. Seine Familie väterlicherseits ist verwandt mit der Königsfamilie von Ashanti, die müt- terlichen Vorfahren gehören zur englischen Oberklasse. Auch als Kind verbrachte er immer wieder längere Zeit in England. Appiah studierte in Cambridge, ging 1981 in die USA und hat heute, nach Stationen unter anderem in Harvard und Princeton, einen Lehrstuhl für Philosophie und Jura an der New York University. 2007 veröffent - lichte er sein Buch DER KOSMOPOLIT. PHILOSOPHIE DES WELTBÜRGERTUMS , sowie IDENTITÄTEN. DIE FIKTIONEN DER ZUGEHÖRIGKEIT. 32 RYUICHI SAKAMOTO – KOMPOSITION Sakamoto graduierte an der Tokyo National University of Fine Arts and Music mit den Schwerpunkten elektronische und ethnische Musik. Seine Karriere begann in den späten 1970er-Jahren, namentlich mit seinem ersten Soloalbum 1000 KNIVES OF RYUICHI SAKAMOTO. Ungefähr zur selben Zeit gründete er zusammen mit Haruomi Hosono und Yukihiro Takahashi die einflussreiche japanische Elektropop-Band Yellow Magic Orchestra, die in Asien ungefähr den Stellenwert von Kraftwerk in Europa hat. Mit dem Stück COMPUTER GAME hatte die Band im Jahr 1979 einen Top-20-Erfolg in den britischen Charts. Im Laufe seiner Karriere arbeitete Sakamoto mit vielen anderen bedeutenden Künstlern wie Towa Tei (ex-Deee-Lite), Iggy Pop und David Sylvian (des- sen Alben Brilliant Trees und Secrets of the Beehive er unter anderem produzierte) sowie David Byrne, mit dem er den Soundtrack zum Film DER LETZTE KAISER aus dem Jahr 1987 aufnahm. Für diesen Soundtrack erhielt Sakamoto 1988 gemeinsam mit Byrne einen Oscar. Seit 2002 hat Sakamoto mehrere Alben gemeinsam mit Alva Noto für dessen Label Raster-Noton eingespielt, das Duo tourte weltweit. 2018 wurde er in die Wettbewerbsjury der 68. Internationalen Filmfestspiele Berlin berufen. MATTHIAS SINGER – LICHT DESIGN Matthias Singer, geboren 1984 in München, studierte Elektro- und Informationstechnik an der Technischen Universität München, wo er u.a. eine Simulationsumgebung zur Erforschung der Wechselwirkungen von elektromagnetischen Feldern und neurona - len Netzwerken entwickelte. Parallel dazu konzipierte und realisierte er Licht- und Videoinstallationen, die nicht als für sich stehende Objekte anzusehen sind, sondern die Umgebung miteinbeziehen, auf sie reagieren und somit enge Verbindungen zwischen Raum, Menschen und Musik herstellen. Seine Arbeiten wurden u.a. auf der Münchner Biennale, der Ruhrtriennale und den Münchner Kammerspielen gezeigt. Er arbeitete auch für diverse Bands, darunter Andromeda Mega Express Orchestra und Africa Express, sowie für Sony und den Bayerischen Rundfunk. CARSTEN NICOLAI – KOMPOSITION Der in Berlin lebende Künstler und Musiker verwendet für sein musikalisches Werk das Pseudonym Alva Noto. 1965 in Karl-Marx-Stadt geboren, ist er Teil einer Künst - lergeneration, die intensiv im Übergangsbereich zwischen Musik, Kunst und Wissen - schaft arbeitet. Mit einem starken Bekenntnis zum Reduktionismus kreiert er mit seinen Sound-Experimenten eigene Codes von Zeichen, Akustik und visuellen Symbolen. Diverse musikalische Projekte umfassen bemerkenswerte Kollaborationen mit Ryuichi Sakamoto, Ryoji Ikeda (cyclo), Blixa Bargeld oder Mika Vainio. Nicolai tourte ausgiebig als Alva Noto durch Europa, Asien, Südamerika und die USA und konzertierte u.a. am Solomon R. Guggenheim Museum in New York, San Francisco Museum of Modern Art, Centre Pompidou in Paris und der Tate Modern in London. Zusammen mit dem japani- schen Musiker und Komponisten Ryuichi Sakamoto schrieb Nicolai die Musik zu Alejan- dro González Iñárritus preisgekrönten Film THE REVENANT. Unter den Pseudonymen Noto und Alva Noto veröffentlichte Nicolai eine umfangreiche Anzahl von Tonträgern, welche er bei zahlreichen Live-Performances in nationalen und internationalen Konzert- häusern, Clubs und Museen präsentiert hat. ORDINATEUR - TANZ (GAST) Pohe Cedric Kevin Bah aka Ordinateur wurde 2016 bei den Oscars der ivorischen Musik als Bester Tänzer ausgezeichnet. Seine Karriere begann im Jahr 2000 an der Seite der renommierten Musiker Kedjevera, Eric Olomide und DJ Arafat. Dank Or - dinateurs Originalität und einer verblüffenden Fußtechnik, die ihm den Spitznamen »Magic feet « einbrachte, entwickelte er sich schnell zu einer der herausragendsten Persönlichkeiten der Coupé Décalé-Szene. Neben Auftritten in der Elfenbeinküste, Burkina Faso und Marokko leitete er Workshops im Kamerun. Seit Oktober 2016 lebt Ordinateur in Paris, er tritt dort in Nachtclubs auf und gibt Tanzkurse in ganz Europa, u. a. am Centre National de la Danse in Pantin. Seit der Gründung im Jahr 2016 ist Ordinateur Mitglied von LA FLEUR. 33 NJAMY SITSON – KOMPOSITION Njamy Sitson ist ein Weltbürger mit afrikanischen Wurzeln. Der gebürtige Kameruner lebt in Deutschland, spielt vielerlei Instrumente, ist Komponist, Schauspieler, Erzähler und Musiktherapeut. Am Freien Musikzentrum in München und an der Medical School of Hamburg (MSH) lehrt er afrikanische Musik mit Schwerpunkt auf »Polyphone Gesänge und Percussion aus Zentralafrika «. Außerdem leitet er Gesangswerkstätten für Chöre und klassische Orchester in ganz Europa. Für den ARD-Film BLUTIGE STEI- NE komponierte er die Musik mit. Njamy Sitson spielte an der Seite von Barbara Rud- nik im Film OKTOBERFEST sowie in MANDELA – DAS MUSICAL mit Charles Huber (DER ALTE). Zuletzt war er als Hauptdarsteller in dem Kinofilm MEIN DEUTSCHLAND von Martin Pfeil zu sehen. Zusammenarbeit mit Wolfgang Lackerschmid, Prof. Peter Michael Hamel, Pandit Kishor Gosh, Meister-Sitarspieler aus Indien, Rhani Krija und dem »Romeo-und-Julia-Chor « der königlichen Oper in Stockholm. Er tourte mit ver - schiedenen hochwertigen Besetzungen: DAKTARIMBA mit Wolfgang Lackerschmid, dem World Percussion Ensemble und »Heimatlieder aus Deutschland « und als Vocal-Solist mit dem Classica Orchestra Afrobeat aus Bologna. Von Njamy Sitson sind zwei CDs erschienen, AFRICAN ANGEL und KULU. Mit seinem Chor singt er auf der CD WELTENBRAND von Konstantin Wecker. Njamy Sitsons Lebensmotto ist es, »eine Völkerverständigungsmusik schaffen und weitergeben «. TOBIAS STAAB – DRAMATURGIE Tobias Staab, geboren 1981 in Stuttgart, studierte Theaterwissenschaft, Philosophie und Neuere Deutsche Literatur an der Ludwig-Maximilians-Universität München und lehrte im Anschluss am Institut für Theaterwissenschaft. Zudem arbeitete er am thea - terwissenschaftlichen Forschungszentrum Sound and Movement (SaM) für Gegen - wartstheater und Neue Medien. Parallel dazu trat er als Konzertveranstalter, DJ und Musikjournalist in Erscheinung. Mit Ritournelle etablierte er 2012 ein Festival für avan- cierte elektronische Pop-Musik in den Münchner Kammerspielen und begann dort seine Arbeit als Dramaturg. Von 2015 bis 2017 arbeitete er als Kurator und Dramaturg für die Ruhrtriennale unter Leitung von Johan Simons. Er arbeitete u. a. mit den Re - gisseuren Johan Simons, René Pollesch und Julian Rosefeldt zusammen. Außerdem lancierte er unterschiedliche Programme und Festivals in den Bereichen Musik sowie performative und installative Künste ( MELT FESTIVAL, NOISE SIGNAL SILENCE, PANTA RHEI FESTIVAL, BAUHAUS FESTIVAL 2019). Er war 2016 Mitgründer des Ballet of Difference. Seit der Spielzeit 2018/2019 ist er Dramaturg am Schauspielhaus Bochum, wo er auch das Programm des Oval Office sowie die Reihe Konzerte im Schauspielhaus kuratiert. O, AUGENBLICK in der Spielzeit 2018/2019 ist seine erste Inszenierung am Schauspielhaus Bochum. Tobias Staab arbeitet als freier Dramaturg für das Richard Siegal / Ballet of Difference am Schauspiel Köln. 34 PRESSESTIMMEN EINE HOMMAGE AN MERCE CUNNINGHAM Dass ein anderthalb Stunden langes, völlig abstraktes Tanzstück zum Schluss mit lang anhaltendem, begeisterten Applaus gefeiert wird, ist wohl eher die Ausnahme. Dem Choreografen Richard Siegal mit den Tänzerinnen und Tänzern des Ballet of Difference ist dies heute Abend im Depot 1, der Spielstätte des Schauspiels Köln, mit Bravour gelungen. Der Erfolg der Uraufführung von „New Ocean“, Siegals neuem Tanzstück an neuer Tanzstätte ist ein guter Auftakt für seine künstlerische Arbeit in [...] Klaus Keil, tanzweb.org 27.9.2019 TANZ AUF SCHMELZENDEM EIS Das Licht ist auf den Zuschauern, die Bühne liegt noch im Dunkeln. Es erklingt eine Musik, wie aus einer Jukebox. Das Zuschauerlicht geht langsam aus und die Bühne zeigt einen großen, auf dem Boden liegenden Kreis. Es wirkt, als würde eine dünne Schneeschicht die Bühne bedecken, die von drei weißen Wänden gerahmt wird. Als drei Tänzer die Bühne betreten und zu tanzen beginnen, ist es still. Die Kostüme stellen ihre Körper aus und heben Geschlechteridentitäten auf. Die Tänzer sind ganz bei sich und tanzen individuelle Bewegungsabläufe. Zielgerichtet treten sie auf und vollführen ihre Tänze wie eine Aufgabe, wobei jeder an einer anderen Aufgabe zu arbeiten scheint, jeder in seiner eigenen Welt. Wie Skulpturen halten sie plötzlich inne, scheinen, im wahrsten Sinne des Wortes, einzufrieren in ihrer eisigen, weißen Umgebung. Siegals Ballet of Difference benutzt Elemente des Klassischen Balletts alternierend mit Bewegungsformen des Modern Dance. Sequenzen werden geloopt oder an anderer Stelle wiederholt. Immer wieder legen sich einzelne der insgesamt acht Tänzer auf den Boden, während die anderen ihre Abläufe fortsetzen. Einer der Männer tanzt durchgängig Spitze: Hier wirkt der klassische Tanz wie zitiert – der Spit - zentanz als ursprünglich „weibliche Domäne“ wird hier zum choreografischen Muster eines männlichen Tänzers (fantastisch: Long Zou). Das Licht markiert den Verlauf der Zeit und wir sehen die Tänzer wie Schattenfiguren, wie tanzende Scherenschnitte. Elektronische Sounds und minimalistische Tonfolgen durchbrechen unvermittelt die Stille. Getanzt wird auf einer sich verändernden videoprojizierten Eisfläche: Eiskris - talle, die sich verschieben und Muster bilden. Elektronische Sounds und minimalis - tische Tonfolgen durchbrechen unvermittelt die Stille. Man denkt an schmelzendes, knirschendes und knisterndes Eis. Weißer Rauch dringt durch herabfahrende Röhren auf die Bühne und umhüllt Tänzer und Zuschauer. Er hebt die Grenze auf zwischen Agierenden und Zusehenden. Als wären sie miteinander verbunden in dieser eisigen Umgebung. Dabei ist die Stille des Raums so präsent, dass der Atem der Tänzer hörbar wird. Am Ende ist die Bühne leer bis auf den Rauch, der im Laufe des Stücks zugenommen hat. Mit einem lauten Knall fällt die den Zuschauern gegenüberste - hende hintere Bühnenwand auf die Bühne und stößt dem Publikum den Qualm ins Gesicht. Damit werden wir Zuschauer auf uns selbst zurückgeworfen. Wir zerstören unsere eigene Welt. Es sind unsere Abgase, die uns ins Gesicht wehen. Wir selbst haben das Schmelzen des Polareises zu verantworten. In „New Ocean“ entwirft Siegal (zusammen mit dem Lichtkünstler Matthias Singer) ein mathematisches System, das mittels eines eigens entwickelten Algorithmus Datensätze des Klimawandels in choreografische Handlungen übersetzt. So basiert die Choreografie auf einer grafi - schen Darstellung des Ausmaßes, in dem das Polareis die Meere in der Polarregion bedeckt. So technisch diese Methode klingt, ermöglicht sie trotzdem die besondere Einzigartigkeit jeder einzelnen Vorstellung. Siegals „äußeres“ Material für seine Cho - reografie sind 13 Polarmeere, deren Veränderung und letztendlich die Verringerung siehe auch aktueller Pressespiegel Schauspiel Köln 35 des sie bedeckenden Eises im Zeitraum von 25 Jahren, angefangen 1994 (dem Jahr der Uraufführung von Cunninghams „Ocean“) bis heute. Das „innere“ Material sind vom Choreografen entwickelte Bewegungsmuster, die die Tänzer ihrerseits bear - beiten und verwandeln. Im Verlauf der kommenden vier Monate wird die choreo - grafische Umsetzung der grafischen Darstellung von 13 verschiedenen Polarmeeren gezeigt. Das bedeutet, dass jede Aufführung auf einem anderen grafischen System gründet und somit einmalig ist. Die Uraufführung vom 27.09.2019 basierte auf dem Polarmeer Baffin. Es ist eine Choreografie, die von den Daten des Eises abhängt. Das bedeutet, dass in einer möglichen wahrscheinlichen Zukunft, wenn es kein polares Eis mehr geben wird, dieser Tanz nicht aufgeführt werden kann. Richard Siegal sagt über sein Stück: „Dieser Tanz wird verschwinden.“ Am Aufführungsabend war dieser Tanz aber noch sehr präsent. Zurück bleibt eine Stimmung, die Beklommenheit und Begeisterung in sich vereint: der Klimawandel als großes, allgegenwärtiges Thema, umgesetzt in ästhetisch vollkommenen Bewegungen. Standing Ovations und johlen - der Beifall für die Tänzer, den Choreografen und das Team beschlossen diesen be - sonderen Abend. Verena Blatz, Die Deutsche Bühne 28.9.2019 UNNAHBAR WIE POLAREIS Siegal muss als Kompaniechef exzellent darin sein, aus Tänzern das Beste an Technik und Charisma heraus zu meißeln. Das vor allem beweist sein neuer Abend „New Ocean“, der eigentlich alle Zutaten des Scheiterns in sich birgt: eine anspruchsvolle Choreografie, eine spröde Inszenierung, ein verquastes Konzept. Und trotzdem ist er faszinierend. Wir begreifen kaum, was passiert auf der Bühne, worauf das alles zusteuert. Bis Richard Siegal mit einem spektakulären Überraschungseffekt am Ende dem Publikum den Atem nimmt. So ist das eben mit dem Sterben von Planet und Tanzkunst. Man nimmt es nicht richtig wahr. Bis ein Sturm über uns hinwegfegt. Nicole Strecker, Kölner Stadt-Anzeiger 30.9.2019 MODETREIBSTOFF FÜR TANZELEGANZ Mit geradezu mathematischer Exaktheit brandet Richard Siegals „New Ocean“ ge - gen die ersten Sitzreihen im Kölner Depot. Die Dramaturgie des zweiteiligen Abends wird per Zufallsgenerator bestimmt und von einem Algorithmus gesteuert, der mit Eckdaten des Klimawandels operiert – seit 1994. Damals inszenierte Merce Cun - ningham, Pionier der Kontingenz-Choreografie, das Opus „Ocean“. Siegal greift das Konzept auf, ohne es zu plündern. Schließlich liegen beider Tanzwelten – Postmo - dernist der eine, Postklassizist der andere – weit auseinander. Siegal choreografiert bilderbuchmäßig das Nacheinander von Ebbe und Flut. Vor der Pause entfaltet er sein Bewegungsmaterial in meditativer Andacht und pflanzt es in eine minimalakusti - sche Klangkulisse. Danach dreht nicht nur Alva Notos E-Partitur auf. Vielmehr wirbeln die Tänzer über ein Wellenmeer, das sich als schwarz-weiße Projektion unter ihren Füßen ausbreitet: zusehends exzessiv und gefährdet, weil in der Zivilisationsfal - le gefangen und von Naturkräften zermalmt. Siegal kommuniziert diese Ideen mit körpersemiotischer Raffinesse, übersetzt sie in verschraubte Positionen, die weder Vor- noch Rückwärts zulassen, oder hoch- fliegende Beine, sprich: rauschhafte Ener - gieverschwendung. Bis der letzte Tänzer im vernebelten Off verschwindet und ein neuer, ohrenbetäubender Urknall den Kreislauf von Werden und Vergehen schließt. Das Ballet of Difference macht seinem Namen an diesem Abend alle Ehre: Der lang - mähnige Long Zou betanzt den Spitzenschuh wie eine russische Primaballeri- na, und Mason Mannings superblondierte Erscheinung zischt so mysteriös dahin wie Rutger Hauer im Science-Fiction-Film „Blade Runner“. Das Design ist jedenfalls längst inter - national satisfaktionsfähig. Fortsetzung erwünscht! Dorion Weickmann, Süddeutsche Zeitung 1.10.2019 36 MAN HÄTTE EINE STECKNADEL FALLEN HÖREN Diese „Leere“ bestimmte den gesamten ersten Teil der Choreografie. Keine Aus - stattung, keine Musik – nur die reine Bewegung. Großartig. 45 Minuten lang. Man hätte eine Stecknadel fallen hören. Kein Hüsteln, kein Räuspern oder Rascheln, wie es oftmals gerade in die stillen Momente platzt, störte die erste Bewegungssequenz des Tänzerpaares, das zum tonlosen Einstieg die Bühne betreten hatte und nach ei - nem kurzen Verzögerungsmoment zum Tanz ansetzte. Mit diesem kurzen Stillstand nach Einnahme ihrer jeweiligen Ausgangsposition bringen die Tänzer sichtbare Ruhe in eine Choreografie, die vom Tempo der Tanzsequenzen und der Schnelligkeit der Bewegungen geprägt ist. Da schießt ein Arm in die Höhe, zeitgleich knickt das Stand- bein ein, der Schwung des fallenden Armes bringt den Körper in eine Drehung, die in einer Anspannung der Schultern mündet, die fallend die Bewegungssequenz abschließt. Weitere Tänzer betreten die Bühne, suchen sich ihren Ausgangspunkt und setzen zu einer eigenen Sequenz an. Die absolute Stille im gesamten ersten Teil des Tanzstückes (die auch vom Publikum durchgehalten wird) lenkt den Blick in kon - zentrierter Form auf die Ausführung des Tanzes. Nur ab und zu ertönt ein metallischer Schlag als würde ein Riegel ins Schloss fallen. Es ist ein fast nur still zu erfahrender Genuss, den Tanz dieses großartigen, technisch versierten und ausdrucksstarken Ensembles zu verfolgen. Nun ist „New Ocean“ aber ein zweigeteiltes Stück. Und so wurde nach der Pause ein Schwenk von der kontemplativen Ruhe zum aktuellen Zeitgeschehen vollzogen. Plötzlich war der Klimawandel auch auf der Tanzbühne präsent. Kein Bruch zum ersten Teil, sondern inhaltliche Erweiterung, die auch vom Publikum goutiert wurde. Und selbst Merce Cunningham hätte dagegen sicher nichts einzuwenden, galten er und sein Lebens- und Arbeitspartner John Cage („Music of changes“) doch als Sozialutopisten. Klaus Keil, tanzweb, Nachtkritik EIGHT OUTSTANDING DANCERS The metaphorical sea of the original is transformed, in Siegal’s full-length ballet, into something more tangible, about current affairs and climate change. What it retains from its archetype is the same aura, the circular stage, and its composition through choreographic phrases. Here, however, the sequence of those phrases is determined by an algorithm based on data sets about how the polar ice caps have melted over the past thirty years. This fascinating concept is contextualised on stage in an interesting way: vapour seeps in from overhead in the first act, performed in complete silence; while in the second act, danced to Alva Noto and Ryuichi Sakamoto’s electronic score, there are ‘geographical’ video projections onto the floor, created by Matthias Singer, who also designed the dazzling lighting. In New Ocean, eight outstanding dancers move completely independently from each other, except for a brief duet in Act II which is initially synchronised then out of step. Together, the ensemble creates a sort of wave motion, a sequence of potential ‘somatic practices’ performed through the classical academic code: pointe work, balances, arabesques that suddenly meet gravity (not release but a willful act) before being regenerated in a new exertion, new balances-imbalances, tilts, twists of the torso, ports de bras with hands turned inwards. This lexicon is incorporated into Siegal’s language, orchestrated with surgi - cal precision in the space, embellished with highfashion costumes and a beautifully refined set. Complete with an atmospheric final coup de theatre, pointing out natu - re’s revolt against oblivious humanity. Maria Luisa Buzzi, The Dance Scene, 15.11.2019 37 BOD | Fotos: Ray Demski
Beratungsverlauf
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31.05.2022
Betriebsausschuss Bühnen der Stadt Köln
TOP 3.2, Vorberatung (Fachausschuss). Ergebnis: ungeändert beschlossen
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