A-W/0022/2010
Umbenennung des Carl-Diem-Weges in Julius-Hirsch-Weg
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Originalantrag
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Manfred Rösmann, Mitglied der BV-West Münster, 19.07. 2010 -Fraktionsvorsitzender- s.a. Anträge vom 23.05. 2007/25.02. 2008 An die BV Münster-West - z.Hd. Frau Bezirksvorsteherin Elisabeth Westrup - Pantaleonplatz 7 48161 Münster Umbenennung des Carl-Diem-Weges Die Bezirksvertretung wolle beschließen: Der Carl-Diem-Weg wird in Julius-Hirsch-Weg umbenannt. Begründung: Die SPD-Fraktion in der Bezirksvertretung Münster –West hatte seinerzeit zur Sitzung der BV- West am 31.05. 2007 einen Antrag zur Umbenennung des Carl-Diem-Weges in den „Julius- Hirsch-Weg“ eingebracht. In der Sitzung der BV-West am 23.08. 2007 hat die BV bei Stimmengleichheit (9 Für- und 9 Gegenstimmen) den Antrag der SPD-Fraktion abgelehnt. Ebenso wurde von der BV-West der Beschlussvorschlag der Verwaltung (s. V/0540/2007 vom 24.07. 2007 ), nach der die Entscheidung auf Umbenennung zurückgestellt werden solle, bis hierzu Forschungsergebnisse der UNI- Münster vorlägen, bei Stimmengleichheit abgelehnt. Die von der SPD-Fraktion beantragte „Aktuelle Stunde“ am 17.01. 2008 zu dem Thema: „Weshalb behindert der Oberbürgermeister die Entscheidung in Sachen Carl-Diem“, brachte kein Ergebnis. In der Sitzung am 06.03. 2008 wurde der Antrag von Thorsten Kornblum mit der Vorlage eines anhängenden Gutachtens von Dr. Peter Dohms, Staatsarchivdirektor a.D. des Landes NRW, erneut eingebracht. Eine Abstimmung ist bis heute nicht erfolgt, weil lt. Protokoll vom 11.03. 2008 keine Stellungnahme der Verwaltung vorlag. Es wurde aber in der Sitzung gleichzeitig interfraktionell vereinbart, die Entscheidung über die Umbenennung zurückzustellen, bis die entsprechenden Forschungsergebnisse der UNI-Münster hierzu vorlägen. Diese Forschungsergebnisse liegen nun vor. In einer dreijährigern Forschungsarbeit hat sich der Historiker Prof. Dr. Becker mit dem Leben und Wirken von Carl Diem auseinandergesetzt. (s. a. Spiegel 25/2010) Die Ergebnisse der Forschungen bestätigen die Auffassung der SPD-Fraktion, dass Männer, die u.a. zu Ende des Krieges mit Durchhalteparolen vor Hitlerjungen ihren Tod billigend in Kauf genommen haben, in unserer demokratischen Gesellschaft nicht durch eine Straßenbenennung posthum geehrt werden dürfen. Die SPD-Fraktion hält demnach ihren Antrag aufrecht. Das Anliegen dieses Antrags ist nicht eine Schuldzuweisung, sondern die Beendigung einer Ehrung und der damit verbundenen fragwürdigen Vorbildfunktion für den Sport in einer demokratischen Gesellschaft. Die nie verstummte, seit den 90er Jahren verstärkt geführte Kontroverse um den Sportfunktionär und –wissenschaftler Carl Diem kreist um die Frage, wie die sportpolitische Rolle Diems im Nationalsozialismus einzuordnen ist und wie sie im Zusammenhang mit seinen Verdiensten nach 1947 zu gewichten ist. Folgende Erkenntnisse zu seiner Rolle innerhalb des NS Regimes sind dabei unbestritten: Diem, u.a. aufgrund der jüdischen Verwandtschaft seiner Frau nie Mitglied der NSDAP gewesen und anfangs als politisch unzuverlässig eingestuft, wurde ab 1936 zur Schlüsselfigur der NS-Sportideologie und deren Organisationen. Unter seinen zahlreichen Publikationen stellt sein Hauptwerk, „Die Olympische Flamme“ (Berlin 1936), das wichtigste Zeitdokument der NS- Sportpropaganda dar. 1936 war er als Generalsekretär des Organisationskomitees der verantwortliche Gestalter der olympischen Spiele in Berlin. 1938 bis 1945 war er Leiter des Olympischen Instituts. Seit 1939 hatte er die Funktion des Gauleiters im NS-Bund für Leibesübungen, zuständig für Auslandskontakte, inne. Andere wichtige Funktionen, in denen er die Gleichschaltung des Sports betrieb, kamen hinzu. Sport war für Diem in erster Linie Wehrsport. Krieg und Sport waren für ihn aufs Engste miteinander verbunden: „Der Krieg ist der vornehmste, ursprünglichste Sport, der Sport par exellence und die Quelle aller anderen Sportarten (…) “ (in: Markus Wiskus: „Der Krieg ist der vornehmste Sport“, Leibeserziehung, Heft 12,1971, S. 409 ff.). In einer Denkschrift von 1941 fordert Diem die Beibehaltung der Olympischen Spiele auch während des Krieges; „Ich meine aber, dass man den Herrschaftsstandpunkt der überlegenen Rasse nur dann auf Dauer durchhält, wenn auch eine körperliche Gesundheit und Kraft dahinter steht und darum sehe ich in den Spielen für Europa genau das, was Coubertin in ihnen für Frankreich gesehen hat: die immerwährende Prüfung im härtesten Feuer und der stachelnde Anreiz, es den besten Völkern gleich zu tun (…)“ In seinem Aufsatz im „Reichssportblatt“ vom 25.06.1940, drei Tage nach dem offiziell verkündeten Sieg der deutschen Truppen über Frankreich, rühmt er „mit atemloser Spannung und steigender Bewunderung diesen Sturmlauf, diesen Siegeslauf“ und steht „staunend vor den Taten des Heeres“ und versichert, dass „der sportliche Geist, in dem Deutschlands Jungmannschaft aufgewachsen ist“ erst den „Sturmlauf durch Polen, Norwegen, Holland, Belgien und Frankreich“ und den „Siegeslauf in ein besseres Europa“ ermöglichte. Carl Diem zitiert in seiner am 18.3.1945 vor dem HJ-Volkssturmlehrgang auf dem Reichssportfeld in Berlin gehaltenen Rede den spartanischen Dichter Tyrtaios, dessen Gedicht u.a. die Zeilen enthält: “Schön ist der Tod, wenn der edle Krieger für das Vaterland ficht, für das Vaterland stirbt.“ (LG Darmstadt vom 17.1.2002). Auch Sätze wie "Sport ist freiwilliges Soldatentum" belegen Diems militaristische Haltung. In dem im Jahr 2000 erschienenen Buch von Achim Laude und Wolfgang Bausch "Der Sportführer: Die Legende um Carl Diem" erscheint der NS-Sportfunktionär als brauner Karrierist, der maßgeblichen Anteil an der Gleichschaltung des Sports hatte und bedingungslose Vaterlandsliebe predigte (Quelle: Der Tagesspiegel v. 10.07.2001). Nach der öffentlichen Distanzierung (1995) des Leiters der 1947 von Carl Diem gegründeten Deutschen Sporthochschule in Köln begannen zahlreiche Umbenennungen von Schulen, Straßen, Sporthallen und Ehrenplaketten. Die nationalistische, militaristische und rassistische Haltung Diems ist vorstehend herausgestellt. Es stünde der Friedensstadt Münster wohl an, dem Beispiel der Kommunen Würzburg (Geburtsstadt Diems), Mannheim, Hanau, Düren, Frechen sowie des Deutschen Leichtathletik Verbandes zu folgen und damit ihrerseits einen Beitrag zu einem humanen, gewaltfreien und der Völkerverständigung verpflichteten Sport zu leisten. Die Neubenennung erinnert an den jüdischen Sportler Julius Hirsch, der 1933 aus dem Karlsruher Sportverein ausgeschlossen wurde und 1943 nach Auschwitz deportiert wurde. Stellvertretend für die Generation ausgeschlossener und ermordeter Sportler schuf der DFB 2005 an ihn erinnernd den Julius-Hirsch-Preis. Er soll jährlich an Personen und / oder Vereine verliehen werden, die sich besonders "für Freiheit, Toleranz und Menschlichkeit sowie gegen nationalsozialistische, rassistische, fremdenfeindliche oder extremistische Erscheinungsformen" einsetzen. gez.: Manfred Rösmann und Fraktion
Beratungsverlauf (1)
Beschluss: Zwischenmitteilung zur Kenntnis genommen
Zur SitzungDetails
- Vorlagen-Nr.
- A-W/0022/2010
- Typ
- Antrag an die BV West
- Datum
- 20.07.2010
- Erstellt
- 06.10.2020 14:37