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Medizinische Versorgung wohnungsloser Menschen in Köln - Jahresbericht 2022

Mitteilung Ausschuss 1717/2023 vom 07.08.2023

Stand: Am 22.08.2023 im Gesundheitsausschuss beraten. Ergebnis: Kenntnis genommen.

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    Dezernat, Dienststelle V/53 Vorlagen-Nummer 07.08.2023 1717/2023 Mitteilung öffentlicher Teil Gremium Datum Ausschuss für Soziales, Seniorinnen und Senioren 17.08.2023 Gesundheitsausschuss 22.08.2023 Medizinische Versorgung wohnungsloser Menschen in Köln - Jahresbericht 2022 Der Mobile Medizinische Dienst (MMD) des Gesundheitsamtes der Stadt Köln bietet bereits seit 30 Jahren eine medizinische Grundversorgung für Menschen, die unter der Bedingung der Wohnungslosigkeit leben. Auch in 2022 bestanden noch Pandemie-bedingte Zugangsbeschränkungen zu den Einrich- tungen der Wohnungslosen- und Drogenhilfe. Dennoch hat der MMD mit 1.398 Patient*innen etwa genauso viele Menschen erreicht wie be- reits 2019 (1.389). Im letzten Jahr wurden insgesamt 8213 Behandlungen durchgeführt. Mit der Eröffnung des Drogenkonsumraums am Neumarkt wurde 2022 eine dort verortete, zu- sätzliche Sprechstunde etabliert. Medizinische Sprechstunden erfolgen nun in insgesamt 11 Einrichtungen unterschiedlicher Träger und an unterschiedlichen Orten in der Stadt. Darüber hinaus werden Patient*innen in den Krankenwohnungen am Salierring und der Victo- riastraße versorgt. Neben der unmittelbaren Behandlung ist der MMD in der gesundheitspflegerischen und medi- zinstudentischen Ausbildung engagiert. Der MMD ist Kooperationspartner der medizinischen Fakultäten der Universität zu Köln sowie der Universität Witten/Herdecke. Weiterhin erfolgt ein gesundheitspolitisches Engagement durch aktive Mitgliedschaft in der Bundesarbeitsgemein- schaft Wohnungslosenhilfe (BAGW). Der Jahresbericht 2022 des MMD zur „Medizinischen Versorgung wohnungsloser Menschen in Köln“ befindet sich in der Anlage. Gez. Dr. Rau
  • Jahresbericht MMD 2022

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    Mobiler Medizinischer Dienst Medizinische Versorgung wohnungsloser Menschen in Köln Jahresbericht 2022 Stadt Köln - Gesundheitsamt - Mobiler medizinischer Dienst …………. 2 I n h a l t 1. Grundlegendes in Kürze vorweg S. 3 2. 2022 – Zahlen und Fakten S. 6 3. Anhang: Ergänzende Informationen S. 16 3 1. Grundlegendes in Kürze vorweg Menschen, die unter den Bedingungen der Wohnungslosigkeit leben, leiden unter einer erhöhten Krankheitslast. Sowohl körperliche als auch psychiatri- sche Erkrankungen und Suchtkrankheiten treten um ein Vielfaches häufiger als in der sog. Wohnbevölkerung auf. Darüber hinaus ist ihnen der Zugang zum etablierten System der medizinischen Versorgung oft verschlossen oder zumindest erschwert. Aus diesem Grund bietet der mobile medizinische Dienst (MMD) des Ge- sundheitsamtes in Köln bereits seit deutlich mehr als 25 Jahren, genauer seit 1993, eine medizinische Grundversorgung für diesen Personenkreis an (für die von illegalen Drogen abhängigen Menschen bzw. Patient*innen in Form einer drogentherapeutischen Ambulanz / DTA). Den betroffenen Menschen wird entsprechend ihren besonderen Lebensbe- dingungen, ihrer jeweiligen psychosozialen Situation ein explizit nieder- schwelliges Behandlungsangebot gemacht. Dieses erfolgt grundsätzlich aus einer akzeptierenden Haltung und mit einem Konzept aufsuchender Arbeit, im direkten Lebensumfeld, „vor Ort“. Die Sprechstunden finden daher in Be- handlungsräumen, die verschiedenste Hilfseinrichtungen im gesamten Stadt- gebiet für den MMD vorhalten, statt. Dieses trägerübergreifende Konzept mit Nutzung gewachsener Strukturen hat sich gut bewährt. Die Inanspruchnahme ist selbstverständlich unentgeltlich, d.h. nicht an eine Krankenversicherung gebunden, und auf Wunsch auch anonym. Erfolgreiche medizinische Hilfe beruht hierbei vor allem auf einem tragfähi- gen und vertrauensvollen Kontakt, der oft erst nach einer langen Kontaktan- bahnung in der Lebenswirklichkeit der Betroffenen möglich ist. Viele woh- nungslose Menschen begegnen institutioneller Hilfe aufgrund häufiger vorhe- riger negativer Erfahrungen mit einem Grundmisstrauen. Besonders wichtig ist daher die zuverlässige Erreichbarkeit der Versorgungsangebote und die (insbesondere auch personale) Behandlungskontinuität. In den letzten 20 Jahren wurden auf diese Weise jährlich stets zwischen 1200 und 1400 verschiedene Menschen erreicht. Ein großer Teil unserer Pa- tientinnen und Patienten kennt und nutzt den MMD dabei bereits über viele Jahre. Die therapeutischen Entscheidungen beruhen oft lediglich auf einer genauen und gezielten Anamnese sowie symptombezogenen körperlichen Untersu- chung und setzen in der Regel ein hohes Maß klinischer Erfahrung voraus. Ergänzend werden diagnostische Hilfsmittel wie mobile Sonographie- und 12-Kanal-EKG-Geräte eingesetzt. Die übliche Teststreifen-Diagnostik (Urin, Blutzucker, Schwangerschaft etc.) ist verfügbar. Weitere apparative Diagnostik (Röntgen, Lungenfunktion, Labor) steht im Gebäude des Gesundheitsamtes zur Verfügung. Etliche Patient*innen halten 4 die dort vereinbarten Termine jedoch nicht ein: Bereits dieses Angebot ist somit zu hochschwellig. Ärztlich verordnete Medikamente werden in geringen Mengen kontrolliert ausgegeben, der Therapieverlauf wird überwacht. Die angebotenen krankenpflegerischen Hilfen gehen in hohem Maße über eine eher somatisch ausgerichtete ambulante Grund- und Behandlungs- pflege hinaus und erfordern neben gezielter Kontaktaufnahme auch psycho- soziales Krisenmanagement, Einüben lebenspraktischer Fähigkeiten u.a. Der Zugang zu den Klient*innen über die Kombination aus ärztlicher und pflegerischer Versorgung erweist sich als äußerst effektiv. Er bietet die Mög- lichkeit, Personengruppen, die bisher vom Hilfesystem nicht erreicht wurden, gesundheitlich und psychosozial zu stabilisieren. Der MMD nutzt die sozialarbeiterische und sozialpädagogische Kompetenz der freien Träger im engen Austausch und vernetzt die niedrigschwelligen Kontaktangebote der Suchthilfe und der Wohnungslosenhilfe in Köln mit den weiteren medizinischen Angeboten des städtischen Gesundheitsamtes (wie bspw. Gynäkologie, STI-Ambulanz, Tbc-Beratungsstelle, …), niedergelasse- ner Ärztinnen und Ärzte und der Krankenhäuser. So ist eine bestmögliche Ausschöpfung der psychosozialen und medizini- schen Ressourcen und auch eine Weiterentwicklung der Behandlungsan- sätze gewährleistet. Die gewünschten Synergieeffekte können nur im ständi- gen Diskurs zwischen den Partner*innen in den unterschiedlichen Hilfsange- boten sinnvoll genutzt werden. Ein Ziel der aufsuchenden medizinischen Versorgung ist es, den durch viel- fältige psychosoziale Probleme belasteten Menschen den Zugang zu der auch ihnen grundsätzlich zur Verfügung stehenden medizinischen Regelver- sorgung (wieder) zu eröffnen. Oft werden erst nach langen Zeiträumen und unter enger Begleitung auch weiterführende Kontakte in das etablierte medi- zinische Hilfesystem möglich. Trotz aller Bemühungen müssen die Therapieziele in vielen Fällen sehr kleinschrittig gewählt und mit großer Geduld verfolgt werden. Gemäß dem Konzept der „harm reduction“ geht es oftmals nur darum, zu- mindest weiteren gesundheitlichen Schaden zu vermeiden oder zu mildern sowie noch bestehende Therapie- bzw. Rehabilitationsoptionen möglichst lange zu erhalten. Die medizinische Versorgung unserer Patientinnen und Patienten ist auf- grund ihrer multiplen Problemlagen auch auf der Behandler*innenseite oft schwierig und belastend. Sie bedarf regelmäßiger interner Austausche und Absprachen, außerdem regelmäßiger Supervision und Förderung persönli- cher Resilienz. Der mobile medizinische Dienst ist Mitglied in der Bundesarbeitsgemein- schaft Wohnungslosenhilfe (BAG W). 5 Dem Leiter des MMD ist im Fachgebiet „Allgemeinmedizin“ von der Ärzte- kammer die Befugnis zur Weiterbildung angehender Fachärzt*innen erteilt worden. Durch die medizinischen Fakultäten der Universität zu Köln sowie der Uni- versität Witten/Herdecke ist der MMD als Ausbildungspraxis für Studierende der Medizin, die hier Blockpraktika absolvieren, anerkannt. Der MMD hat zudem fachärztlich internistische, psychiatrische, sozialmedizi- nische und suchtmedizinische Kompetenz. 6 2. 2022– Zahlen und Fakten Patient*innen und Behandlungen Im Jahr 2022 wurden in Köln durch den mobilen medizinischen Dienst (MMD) des Gesundheitsamtes 1398 verschiedene Menschen behandelt bzw. betreut, davon 1175 (84%) Männer und 223 (16%) Frauen. Es kam dabei zu 8213 Behandlungskontakten. Die Zahl der Behandlungskontakte ist seit 2014, seit der vollen Freizügigkeit der EU-Bürger*innen auch Osteuropas, angestiegen und liegt auch 2022 im Mittel dieser letzten Jahre. Der im Vorjahr zu beobachtende starke Anstieg der Zahl der Menschen, die den MMD als Patient*innen in Anspruch nahmen (2021: 1527, erstmals mehr als 1500), ist als besonderer und vorübergehender Effekt der SARS-CoV-2- Pandemie, hier insbes. der Notwendigkeit von Impfungen (vgl. S. 10), zu be- urteilen. Die Behandlungsfrequenz ist demgegenüber im Jahr 2022 im Wesentlichen gleich geblieben. 010002000300040005000600070008000900010000Behandlungskontakte 2000-2022 7 Wenn wohnungslose bzw. drogenabhängige Menschen trotz der eingangs beschriebenen Probleme das in Deutschland sehr gut aufgebaute und aus- gestattete medizinische Versorgungssystem aufsuchen, so ist die Akzeptanz oft gering: Diese Patient*innen beanspruchen viel Zeit und stören damit die gewohnten Abläufe, manche Mitpatient*innen fühlen sich durch das äußere Erscheinungsbild oder das Verhalten dieser Patient*innengruppe beeinträch- tigt, mitgeführte Hunde oder andere Tiere können nicht geduldet werden, und viele Patient*innen stehen bei Behandlungsbeginn unter dem Einfluss von Alkohol u./o. Drogen. Vielfach beruhen hierauf im Sinne einer gegenseitigen negativen Verstär- kung die Vorurteile der Betroffenen gegenüber dem etablierten medizini- schen System: Sie fühlen sich mit ihren Beschwerden nicht ausreichend ak- zeptiert und tlw. auch abgelehnt. Oft führt aber auch eine gestörte Selbstwahrnehmung, sei es durch psychi- sche Störungen oder infolge Alkohol- oder Drogenkonsums, zur Bagatellisie- rung von Krankheitssymptomen und infolge dessen zur Nicht-Inanspruch- nahme bestehender Angebote. 515 Menschen, 424 Männer und 91 Frauen, wurden im Jahr 2022 erstmals vom Mobilen Medizinischen Dienst behandelt; bei 36,8% der insgesamt be- handelten Patient*innen handelte es sich somit um Erstkontakte. Auch in den Vorjahren machte diese Untergruppe stets ca. ein Drittel der gesamten Pati- ent*innen aus. 54258656554149347344845055050857252053658048855252149550356662451513541427136913861321128812471224133412981349129813331405132714001393136113891376152713980200400600800100012001400160018002001200220032004200520062007200820092010201120122013201420152016201720182019202020212022Patient*innen gesamt / Erstkontakte 2001-2022 8 Nationalitäten Von den 2022 durch den MMD behandelten Patient*innen waren 735 (52,5%) deutscher Nationalität. Wohnungslose EU-Bürger*innen aus den östlichen Ländern Europas, von den baltischen Staaten über Polen bis zu den Staaten des Balkans und Süd- osteuropas, machen seit 2013 ca. 20% der durch den MMD Köln behandel- ten Patient*innen aus, wobei ein langsamer Anstieg der Patient*innenzahl aus dieser Subgruppe festzustellen ist. Im Jahr 2022 handelte es sich um 346 (24,7%) verschiedene Patient*innen aus dieser Personengruppe. - Die zuletzt genannten haben, von Notfällen abgesehen, in Deutschland kei- nen Anspruch auf medizinische Regelversorgung. Sie machen in Metropolre- gionen wie Köln bis zu 50% der Obdachlosen aus1. Es gibt zwar internatio- nale Abkommen, die die Inanspruchnahme des Gesundheitssystems in an- deren Ländern regeln, wenn entsprechende Bescheinigungen bzw. Versi- cherungsnachweise (bspw. EHIC) aus den Herkunftsländern vorgelegt wer- den können. Diese Möglichkeit ist jenen Patient*innen entweder unbekannt, oder die Beschaffung im Heimatland schwierig zu bewerkstelligen und mit Kosten verbunden. Deshalb, oder aus anderen Gründen, bleiben sie letztlich oft ohne Krankenversicherungsschutz. Dieser Personenkreis nutzt daher auch die Behandlungsangebote des MMD. Aus der Ukraine Geflüchtete haben nur ganz vereinzelt die Hilfe des MMD gesucht, da für diesen Personenkreis ein alternatives und gut funktionieren- des Hilfesystem etabliert war. 80 (5,7%) der Patient*innen stammten aus anderen europäischen Ländern (EU / Nicht-EU), 100 (7,2%) der Patient*innen aus nichteuropäischen Län- dern. Bei 137 Patient*innen liegen keine Angaben zur Nationalität vor. Herkunft der Patient*innen 2022 Deutschland 735 Osteuropäische Länder 346 Übrige europäische Länder 80 Länder außerhalb Europas 100 Keine Angabe 137 Sprechstundenangebot Die medizinischen Sprechstunden werden ganz überwiegend in festen Räumlichkeiten, d.h. in verschiedenen Kontaktcafés, Kontakt- und Bera- tungsstellen, Anlaufstellen etc. für unterschiedliche Zielgruppen angeboten, darunter eine Einrichtung für Jugendliche und junge Erwachsene, ein Dro- genkonsumraum und eine Einrichtung im Bereich der mann-männlichen 1 Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG W) 2020 9 Sexarbeit. Mit dem Behandlungsbus werden in drei weiteren Angeboten / Einrichtungen für wohnungslose Menschen medizinische Sprechstunden an- geboten. Die Sprechstunden finden mit großer Regelmäßigkeit zu festen Zeiten und an festen Orten statt. Nach gesonderter Vereinbarung oder auf Veranlassung werden Betroffene auch auf der Straße, auf ihrer „Platte“, besucht, oder im Rahmen von „medi- cal streetwork“ gemeinsam mit Streetworker*innen unterschiedlicher Träger in der Szene aufgesucht. Auch erfolgen nach vorheriger Absprache Hausbesuche im betreuten Woh- nen, in Notschlafstellen bzw. Obdachlosenhotels und in Einzelfällen Besuche im Krankenhaus. Im Gesundheitsamt selbst werden bei Bedarf ergänzende Untersuchungen durchgeführt (s.u.). Sprechstundenangebot MMD Beratungsbus B.O.J.E. (Auf Achse e.V. / Behandlungsbus) 2x wöchentlich Krankenwohnung Salierring (Diakonie) 2x wöchentlich Café Victoria / Frauencafé (Drogenhilfe Köln e.V.) 5x wöchentlich Straßensprechstunde am Appellhofplatz (mit Gesundheit für Wohnungslose e.V. / Behandlungsbus) 2x wöchentlich Wohnheim / Notschlafstelle in der Annostrasse (Johannesbund) 5x wöchentlich Kontakt- und Beratungsstelle für männliche Prostituierte (Looks e.V.) 1x wöchentlich Drogenkonsumraum Neumarkt (Gesundheitsamt) 3x wöchentlich Humanitäre Hilfen (Sozialdienst kath. Männer, Vorgebirgsstr.) 2x wöchentlich Café Rochus (Sozialdienst kath. Männer) 2x wöchentlich Kontakt- und Beratungsstelle für Drogenabhängige (Sozialdienst kath. Männer, Hauptbahnhof) 5x wöchentlich Kontakt- und Beratungsstelle für Wohnungslose (Sozialdienst kath. Männer, Hauptbahnhof) 5x wöchentlich Krankenwohnung Kosmidion (Spiritaner-Stiftung) 5x wöchentlich Kontakt- und Beratungsstelle für Drogenabhängige (Vision e.V. / Behandlungsbus) 1x wöchentlich Das Sprechstundenangebot wird im Hinblick auf die Erreichung der Zielgrup- pen regelmäßig überprüft und dem Bedarf angepasst. 10 Impfungen Als wichtige präventivmedizinische Maßnahme werden Schutzimpfungen durchgeführt. Im Jahr 2022 wurden insgesamt 204 Patient*innen geimpft. Impfungen gg. SARS-CoV-2/COVID-19 wurden zwar weiter angeboten, je- doch wurden diese nach Wegfall des öffentlich-administrativen Drucks nur noch in sehr geringem Umfang nachgefragt und in Anspruch genommen. Im Bereich der Mann-Männlichen Sexarbeit wurde im Jahr 2022 aufgrund ei- nes akuten Ausbruchsgeschehens eine MPox-Impfung angeboten, hier wur- den 14 Personen erreicht. Auch wurde, wie in jedem Jahr, im Herbst allen Patient*innen eine Grippe- schutzimpfung angeboten. Diese Impfung, die für die vulnerable Gruppe der Wohnungslosen u./o. Drogenabhängigen durchweg indiziert ist und in allen Sprechstunden beworben wurde, ist 2022 im Vergleich zum Vorjahr seltener durchgeführt worden, da sich weniger Menschen dazu entschlossen haben. Selbstverständlich erfolgen bei ungenügendem oder unklarem Impfschutz nach Verletzungen Tetanus (Tdap)-Schutzimpfungen. Auch weitere Impfun- gen (bspw. gg. Hepatitis-A / -B, Pneumokokken, …) werden nach individuel- ler Absprache vorgenommen. Die Impfungen wurden tlw. auch nach Absprache mit den entsprechenden Träger*innen vor Ort in Form besonderer Impfaktionen, z.B. für Patient*innen im „betreuten Wohnen“, im Frauenhaus oder im Umfeld von Sexarbeit, durchgeführt. Kostenträger*innen / Versicherungsstatus Einen wesentlichen Hinderungsgrund, der wohnungslosen Menschen den Zugang zu einer medizinischen Versorgung im Regelsystem erschwert, stellt vielfach die Kostenträger*innenfrage dar. So scheitern viele Patient*innen bereits an der Patient*innenannahme einer Arzt*innenpraxis oder Anmel- dung in einem Krankenhaus, weil sie keine Versicherungskarte einer gesetz- lichen Krankenkasse vorlegen können - obwohl in vielen Fällen ein Anspruch gegenüber einer gesetzlichen Versicherung oder dem Sozialamt besteht. Um die Behandlung trotzdem sicherstellen zu können ist hier eine unbüro- kratische Vorgehensweise erforderlich, bei der die aktuelle Erkrankung und keinesfalls die Kostenfrage im Vordergrund stehen darf. Von den 1398 Patient*innen, die im Jahr 2022 in den Sprechstunden medizi- nisch versorgt wurden, hatten 779 (55,7%) Ansprüche gegenüber einer ge- setzlichen Krankenversicherung (davon 13 Patient*innen im Basistarif einer privaten Krankenversicherung). 20 (1,4%) der Patient*innen gaben an, über das örtliche Sozialamt versichert zu sein. 415 (29,6%) verfügten über keinen Krankenversicherungsschutz. 11 Nach Haftentlassung kann es zunächst zu einer „Versicherungslücke“ kom- men, wenn die Patient*innen sich nicht sofort beim Jobcenter oder dem örtli- chen Sozialamt melden, um bei einer gesetzlichen Krankenversicherung an- gemeldet zu werden. Bei 184 (13,2%) der Patient*innen fehlt eine Angabe zu ihrem Versiche- rungsstatus, oder der Versicherungsstatus lässt sich nicht klären. Erfah- rungsgemäß haben ca. 20% der Patient*innen beim Erstkontakt Schwierig- keiten ihren Kostenträger*in zu benennen. Bei mehrfacher Inanspruchnahme der medizinischen Versorgung lässt sich häufig doch ein Kostenträger ermit- teln. Es ist anzunehmen, dass die Verteilung bei den Patient*innen „ohne Angabe“ oder „ungeklärt“ ähnlich ist wie bei denen, deren Kostenträger*in bekannt ist, so dass letztlich ca. zwei Drittel der Patient*innen Ansprüche ge- genüber einer gesetzlichen Krankenversicherung oder dem Sozialamt ha- ben. Behandlungskontakte Bei 8213 Behandlungskontakten ergibt sich eine durchschnittliche Zahl der Kontakte von 684,5,25 monatlich. Sie ist im Vergleich zum Vorjahr i. W. unverändert. Im November 2022 war die Inanspruchnahme der Sprechstunden in den ver- schiedenen Einrichtungen mit 783 Kontakten am höchsten. Die geringste Anzahl mit 517 Kontakten war im Oktober 2022 zu verzeich- nen. 55,71,429,77,45,8Versicherungsschutz bzw. Kostenträger*innen 2022 (%) [n=1398]GKVSozialamtkeinek.Angabeungeklärt 12 Die Intensität der Kontakte und der Zeitaufwand pro Behandlungskontakt ist hoch, da auch viele Patient*innen mit tlw. gravierenden chronischen Erkran- kungen u./o. chronischen Wunden sowie die Kommunikation tlw. stark beein- trächtigenden Verhaltensauffälligkeiten die Sprechstunden in Anspruch neh- men. Insbesondere ist die Versorgung von oft großflächigen und superinfizierten chronischen Wunden, z.B. nach injektionsbedingten Infektionen oder Abszes- sen, sehr langwierig und zeitaufwändig. Dies führt teilweise zu Wartezeiten für andere Patient*innen, die nicht immer toleriert werden. Altersstruktur Bei der Altersstruktur ergab sich im Jahr 2022 eine Spannweite von 14 bis 87 Jahren, dabei betrug das Durchschnittsalter der Frauen 44,1 Jahre, das der Männer 46,4 Jahre. Nur 14 Patient*innen waren jünger als 18 Jahre, aber 200 waren älter als 60 Jahre, davon 36 über 70 Jahre und 7 Patienten (ausschließ- lich Männer) sogar über 80 Jahre alt; im Vergleich zu den Vorjahren hat der Anteil älterer und hochbetagter Patient*innen jedoch nicht weiter zugenom- men. Der Altersgipfel liegt bei den Frauen zwischen 28 und 40 Jahren, bei den Män- nern zwischen 28 und 50 Jahren; die Frauen, die den MMD aufsuchen, sind tendenziell jünger. 7316567666286456356797397525177836820100200300400500600700800900monatl. Behandlungskontakte 2022 [n=8213] 13 Überweisung und Vermittlung In 108 Fällen wurde eine fachärztliche Mit- oder Weiterbehandlung in Praxen niedergelassener Ärzt*innen veranlasst. 160mal wurden Patient*innen we- gen somatischer Erkrankungen in Krankenhäuser eingewiesen. 5 Einweisun- gen erfolgten in die allgemeine Psychiatrie, 40 in die qualifizierte Entzugsbe- handlung. Zudem erfolgte zur Einleitung einer neuen Substitutionsbehand- lung eine Vermittlung zu einer der Substitutionsambulanzen bzw. zu nieder- gelassenen substituierenden Ärzt*innen. 21 Patient*innen, bei denen der Verdacht auf eine sexuell übertragbare Krankheit bestand, wurden an die STI-Ambulanz des Gesundheitsamtes überwiesen. Bei 37 Patient*innen ergaben sich aus der medizinischen Behandlung heraus Probleme, die eine Sofortvermittlung an eine/n Sozialarbeiter/in erforderlich machten, um eine adäquate Behandlung erst zu ermöglichen. In 18 Fällen erfolgte eine Ver- mittlung zur zahnmedizinischen Akutversorgung. 29 Patient*innen wurden in die Sprechstunde der Malteser Migranten Medizin weiter verwiesen. Im Gesundheitsamt wurde immer dann eine weiterführende Diagnostik (Röntgenuntersuchung der Lunge, STI-Ambulanz und Gynäkologie, Ultra- schall, EKG, Labor etc.) durchgeführt, wenn die entsprechende Untersu- chung zwar erforderlich, aber vor Ort nicht ausführbar bzw. eine Vermittlung an niedergelassene Ärzt*innen nicht möglich war (bspw. weil Unklarheit über eine/n Kostenträger*in bestand), die Art der Erkrankung ein weiteres Abwar- ten aber nicht zuließ. 050100150200250300350400450k.A <18 18-27 28-40 41-50 51-60 61-70 71-80 >80Altersgruppen (w/m/ges.)[n= 1398]wmges. 14 Ein besonders wichtiges Angebot für wohnungslose Patient*innen sind die Krankenwohnungen, die sich in Trägerschaft der Diakonie (Salierring) und der Spiritaner-Stiftung (Kosmidion, Victoriastraße) befinden. Dorthin werden Patient*innen mit Krankheitsbildern, die zwar keine Krankenhausbehandlung erfordern, die jedoch bei einem Leben auf der Straße, „auf der Platte“, auch nicht ausheilen würden, vermittelt. Dadurch steht ein kurzfristiges, häuslicher Pflege vergleichbares, Angebot zur Verfügung. Im Jahr 2022 ergaben sich bei der Betreuung der Patient*innen durch den mobilen medizinischen Dienst in diesem Setting (Visitentätigkeit) 400 Behandlungskontakte. Konsultationsgründe Betrachtet man die Konsultationsgründe in den Sprechstunden des Mobilen Medizinischen Dienstes nach den Hauptgruppen der „Internationalen statisti- schen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme“ (ICD-10-GM), so dominieren  Chirurgische Krankheitsbilder, darunter viele Verletzungen durch Un- fälle und körperliche Auseinandersetzungen, und  internistische Erkrankungen, wobei zunehmend auch chronische Krankheitsbilder auftreten (z.B. Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Atem- wegserkrankungen, onkologische Krankheitsbilder, Stoffwechsel- krankheiten…) Eine Häufung ist ebenfalls bei 0 20 40 60 80 100 120 140 160 180Entgiftung AlkoholEntgiftungDrogenKrankenhausSubstitutionsambulanzPsychiatrieZahnarztSozialarbeiterPraxis FacharztGesundheitsamt STI Tbc etc.MigrantenmedizinVermittlungen 2022 [n=639] 15  Erkrankungen der Haut festzustellen, worunter i.W. viele tlw. großflä- chige chronische Wunden bzw. Ulcera sowie Parasitosen (Pediku- lose, Scabies, Myiasis,…) subsummiert sind.  Psychiatrische Erkrankungen wurden ebenfalls häufig in den Sprech- stunden des MMD diagnostiziert, meist als Komorbidität. Bei dem überwiegenden Anteil der psychiatrischen Erkrankungen (ca. 2/3) handelte es sich dabei erwartungsgemäß um Abhängigkeitserkran- kungen, zudem wurden häufig andere psychiatrische Krankheitsbil- der, darunter viele chronische Psychosen, diagnostiziert, oft zusam- men mit einer gravierenden Suchterkrankung als sog. Doppeldiagno- sen. In 33 Fällen war die Sofortbehandlung vital bedrohlicher akuter Notfälle (da- von ca. die Hälfte Drogennotfälle) notwendig. Bei Betrachtung der absoluten Zahlen ist evident, dass viele Patient*innen Mehrfacherkrankungen an verschiedenen Organsystemen aufwiesen. 983094471654209205819044113781191070 500 1000 1500 2000 2500 3000 3500AugenChirurgieGynäkologieHautHNOInnere MedizinNeurologieOrthopädiePsychiatrieUrologieZahnmedizinBehandlungen nach Fachgebiet 2022 [n=9395] 16 3. Anhang: Ergänzende Informationen Detailliertere Angaben zur Tätigkeit in tabellarischer Form Erschwerende Faktoren bei der medizinischen Versorgung Wohnungslo- ser  Häufig schlechte Körper- und Kleidungshygiene  Veränderte Bewusstseinslage durch Suchtmittel oder Entzugssymptome, dadurch erschwerte Diagnostik und Behandlung  Misstrauen der Betroffenen gegenüber institutioneller Hilfe  Häufige Sprachbarriere  Fremd- und eigenaggressives Verhalten  Vor Ort Unruhe, hoher Geräuschpegel, tlw. Arbeit in einem Behandlungs- bus - und noch gelegentlich Zigarettenrauch  Beengte räumliche Behandlungsbedingungen, tlw. alternierend gemein- same Raumnutzung mit anderen Diensten  Verschiedene Einsatzorte mit z.T. längeren Anfahrtszeiten  Arbeit innerhalb unterschiedlicher Teamstrukturen Beratung und Vermittlung im Erkrankungsfall  Beratung zur Inanspruchnahme der Hilfen medizinischer Regelleistungen  Beratung und Vermittlung zur Suchtmittelentgiftung und Langzeitentwöh- nung  Vermittlung zur Inanspruchnahme von Sozialberatung in den entsprechen- den Einrichtungen, aber auch Ämtern (u.a. Sozialamt, Jobcenter)  Terminabsprachen und Vermittlung zu weitergehender Diagnostik und Be- handlung in Krankenhäuser, Praxen, Gesundheitsamt (Röntgen/Tuberku- loseüberwachung, STI-Ambulanz, Schwangerschaftskonfliktberatung etc.)  Begleitung zu Fachärztinnen/Fachärzten  Krankenhausbesuche Präventive Maßnahmen  Impfungen, bspw. gg. Influenza, Tetanus (Td, Tdap), Hepatitis B etc., seit 2021 auch SARS-CoV-2 / COVID-19 und seit diesem Jahr auch gg. MPox  Ernährungsberatung  Hygieneberatung (Körperhygiene, Hygiene des Schlafplatzes, Kleidungs- hygiene, „safer use“ bei i.v.-Drogenabhängigkeit, Nahrungshygiene, etc.)  Venenpflege / Beratung zur Injektionstechnik bei i.v.-Drogenabhängigen  Aufklärung zur Vermeidung von übertragbaren Krankheiten (u.a. STI, He- patitiden, HIV, Tuberkulose; „safer sex“ bei Sexarbeitern und –arbeiterin- nen) 17  Problematisierung lebenslagenspezifischer Verhaltensweisen bezüglich ihrer gesundheitlichen Relevanz (bspw. Umgang mit Drogenkonsum nach erzwungener Abstinenz durch Haft / veränderte Opiattoleranz; Unterblei- ben erforderlicher Dauerbehandlung chronischer Erkrankungen wie Hyper- tonie, Diabetes mell., COPD, Psychosen mit sich hieraus ergebenden Kon- sequenzen; Alkoholkonsum / Entzugssymptomatik etc.)  Rehabilitation nach schweren Erkrankungen (z.B. Unfall- oder Operations- folgen wie bspw. Amputationen, Stomaversorgung etc.) Vernetzung, Koordination und Kommunikation  Teamsitzungen und Supervisionen mit den Kooperationspartner*innen so- wie dienstintern  Teilnahme an unterschiedlichen Arbeitskreisen und Planungsgruppen (z.B. PSAG-Sitzungen, Planungsgruppen auf kommunaler und Landes- ebene, Dienstbesprechungen innerhalb des Gesundheitsamts)  Kooperation mit ehrenamtlich tätigen Initiativen und Vereinen  Kooperation mit anderen Einrichtungen des Gesundheitswesens in ambu- lanter und stationärer Versorgung  Kooperation mit Einrichtungen des Sozialhilfewesens  Vernetzung mit vergleichbaren Projekten und Initiativen in anderen Kom- munen  Mitgliedschaft und Mitarbeit in der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungs- losenhilfe (BAG W)  Weiterentwicklung des Konzeptes, Anpassung an Änderungen der jeweili- gen Rahmenbedingungen  Kommunikation mit Medien und interessierter Öffentlichkeit zur Positionie- rung der Arbeit im Hilfesystem und im städtischen Umfeld  Weiterbildung externer Helfer in medizinischen Fragen  Vorträge bzw. Vorlesungen für Studierende der Sozialen Arbeit und der Medizin, und für andere interessierte Gruppen  Betreuung von Praktika u. Famulaturen für Studierende der Medizin  Ausbildungsabschnitte von Auszubildenden der Gesundheits- und Kran- kenpflege Administrative Tätigkeiten  Behandlungsdokumentation  Ausstellung von Bescheinigungen u. Attesten für Behörden, Versicherun- gen u.ä.  Kurze medizinische Gutachten Logistik  Vorratshaltung von medizinischem Verbrauchsmaterial (Medikamente, Verbandsstoffe u. ä.)  Instrumentenpflege und -aufarbeitung  Bestandhaltung im Behandlungsfahrzeug  Fahrten zu verschiedenen Einsatzorten  Fahrzeuglogistik und Fahrzeugunterhaltung 18 Fortbildung und Supervision  Teilnahme an regionalen und überregionalen Kongressen und Tagungen zu relevanten Themen (gesundheitliche Folgen von Wohnungslosigkeit, Abhängigkeit von legalen und illegalen Suchtmitteln, …)  Interne Fortbildung mit Schwerpunkt auf zielgruppenspezifischen Behand- lungsstrategien  Monatliche Fallsupervisionen

Beratungsverlauf

  1. 17.08.2023

    Ausschuss für Soziales, Seniorinnen und Senioren

    TOP 12.20, Kenntnisnahme (Mitteilung). Ergebnis: Kenntnis genommen
  2. 22.08.2023 zuletzt

    Gesundheitsausschuss

    TOP 6.7, Kenntnisnahme (Mitteilung). Ergebnis: Kenntnis genommen

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