1756/2018
Jahresbericht Beratungsbus B.O.J.E. 2017
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Die Oberbürgermeisterin Dezernat, Dienststelle V/53/530/1 Vorlagen-Nummer 22.06.2018 1756/2018 Mitteilung öffentlicher Teil Gremium Datum Gesundheitsausschuss 13.09.2018 Jahresbericht Beratungsbus B.O.J.E. 2017 Der Beratungsbus B.O.J.E (Beratung und Orientierung für Jugendliche und junge Erwachsene) ist ein niedrigschwelliges Kontakt- und Beratungsangebot für junge Menschen bis zur Vollendung des 27. Lebensjahres, die sich im Kölner Bahnhofsumfeld aufhalten. Es wird von AUF Achse KJSH e.V. in Kooperation mit dem Gesundheitsamt der Stadt Köln betrieben und vom Amt für Soziales und Senio- ren der Stadt Köln sowie u.a. vom Verein >>wir helfen<< des Kölner Stadt-Anzeigers unterstützt. Die B.O.J.E. ist ein umgebauter ehemaliger Linienbus, der als Anlaufstelle seit 1993 im direkten Lebens- umfeld der Zielgruppe auf der Rückseite des Hauptbahnhofs, am Breslauer Platz, steht. Der 2014 von den Kölner Verkehrsbetrieben zur Verfügung gestellte B.O.J.E.-Bus hat vor der Rückseite des Musi- cal Domes am Busbahnhof seinen festen Standplatz. In der Sitzung des Gesundheitsausschusses am 13.09.2018 stellt das Gesundheitsamt die Arbeit im Beratungsbus B.O.J.E. (Beratung und Orientierung für Jugendliche und junge Erwachsene) am Kölner Hauptbahnhof sowie das BOOT (Individuelles Beratungs- und Begleitungsangebot) vor. Das Angebot besteht aus der offenen Beratungssprechstunde im Bus (Dienstag & Donnerstag 11:00 – 12:30 Uhr) und/oder einer flexibel anpassbaren und optional sehr intensiven Begleitung der jungen Klient*innen. Es wurde 2017 sehr gut angenommen. Der Zugang erfolgte meist über B.O.J.E., in Einzelfällen auch über Vermittlung durch Dritte, überwiegend jedoch über die Besucherschaft selbst. Der Jahresbericht 2017 des Beratungsbusses B.O.J.E. ist als Anlage beigefügt. Gez. Dr. Rau
2017 Jahresbericht B.O.J.E.
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2017 JAHRESBERICHT B.O.J.E. JAHRESBERICHT 2017 2 Inhalt 03 Vorwort 04 Das Raumklima regulieren 06 B.O.J.E. in Zahlen 08 Besuche 10 Politischer Polemischer Wind weht durch die B.O.J.E. 12 »Kommst Du mit Einen rauchen?« 14 BOOT – individuelles Beratungs- und Begleitungsangebot 17 Bus an Bus – B.O.J.E. und MMD 18 Neue und bewährte Kooperationen 19 Ausblick 20 Impressum 12 » KOMMST DU MIT EINEN RAUCHEN? « 19 A 111919 17 BUS AN BUS – B.O.J.E. UND MMD BOO T – INDI VIDUELLE S BER ATU NGS - UND BE GLEITU NGSANG EB OT » Vielen Dank liebes B.O.J.E. -Team für die moralische Unterstützung und ein warmes und geborgenes Plätzchen zu schweren Zeiten – auch ein Dank für die Ärztliche Versorgung. Ich kann nur jedem raten, der den Weg in eine bessere Zukunft gehen will und nicht weiß, an wen er sich wenden soll: Beim B.O.J.E .-Team ist immer jemand da, der ein offenes Ohr für Euch hat und Ihr erhalten immer Hilfe und Rückendeckung.« [ Zitat auf Facebook vom 27.07.2017: Nachricht einer ehemaligen Besucherin ] Jahresbericht |2017 > Der Beratungsbus B.O.J.E. ( Beratung und Orientierung für Jugendliche und junge Erwachsene) ist ein niedrigschwelliges Kontakt- und Beratungsangebot für junge Menschen bis zur Vollendung des 27. Lebensjahres, die sich im Kölner Bahnhofsumfeld aufhalten. Es wird von Auf Achse KJSH e. V. in Kooperation mit dem Gesundheitsamt der Stadt Köln betrieben und vom Amt für Soziales und Senioren der Stadt Köln sowie vom Verein »wir helfen« des Kölner Stadt- Anzeigers unterstützt. –– Die B.O.J.E. ist ein umgebauter ehemaliger Linien- bus, der als Anlaufstelle seit 1993 im direkten Lebensumfeld der Zielgruppe, auf der Rückseite des Hauptbahnhofs, am Breslauer Platz, steht. Der 2014 von den Kölner Verkehrsbetrieben zur Verfügung gestellte B.O.J.E.-Bus hat vor der Rückseite des Musical Domes am Busbahnhof seinen festen Standplatz. X 3 EINZELANGEBOT VS. GRUPPENANGEBOT > Der Bus schien trotz seiner bescheidenen Maße ( 12,00 × 2,50 Meter ) an manchen Tagen zu groß, um überall genügend Aufmerksamkeit schenken zu können. Da galt es auf besondere Problem- und Bedürfnislagen individuell ein- zugehen, hier problematische Verhaltens- und Ausdrucksweisen im Gruppen- kontext zu regulieren und an anderer Stelle das Aufeinandertreffen all dieser Komponenten ausgleichend zu begleiten. BERATUNGS - UND SPIELEECKE IM VORDEREN BEREICH Im vorderen Bereich in der Nähe der Theke hielten sich bevorzugt diejenigen auf, die beim Spiel oder im Gespräch den intensiven Kontakt zu Mitarbeter*innen suchten. Geistige und psychische Behinderungen charakterisierten ihre Ver- haltensweisen oder Bewältigungsstrategien. Dabei wurde geduldig auf ihren individuellen Beratungsbedarf eingegangen – oft Begleitungsprozesse einge- leitet oder an bereits laufende Prozesse im Rahmen von BOOT ( individuelles Beratungs- und Begleitungsangebot ) angeknüpft. Häufi g waren damit Telefonate im abgegrenzten Fahrerbereich verbunden. B.O.J.E. JAHRESBERICHT 2017 Das Raumklima regulieren 4 SCHULBUSEFFEKT – DIE COOLEN UND LAUTEN AUF DER HINTEREN BANK Im hinteren erhöhten Sitzbereich entsprach die Situation häu fi g dem klassi- schen Bild eines Schulbusses. In unvorhersehbaren ( zeitlichen) Intervallen nah- men kleinere überwiegend männliche Gruppierungen den Raum für sich in Anspruch. Es gelang ihnen sukzessive in dem von Ihnen besetzten Teil des Busses mit einer oft sexualisierten Sprache den Ton anzugeben und zeitweise die Stimmung im ganzen Bus zu beein fl ussen. Dabei konfrontierten sie die übrigen Anwesenden mit einer Kombination aus eigenwillig defi niertem Humor und abwertenden Verhaltens- und Ausdrucksweisen. Oft beinhalteten diese ge- schlechterstereotype Klischees. Die Dosis des Erträglichen wurde schleichend erhöht bzw. im Kontakt mit Einzelnen, ob Mitarbeiter*in oder Besucher*in, zielsicher eingesetzt oder überschritten. JUGENDSPRACHE – ZWISCHEN AKZEPTANZ UND BEGRENZUNG An der Frage, ob die gewählte Sprache Teil der Jugendkultur und damit unauf- geregt zu akzeptieren sei, schieden sich gelegentlich die Geister. Denn auch über Sprache werden Grenzen verletzt. Unter diesem Blickwinkel sahen sich die Sitzmöglichkeiten AufbewahrungsmöglichkeitenAbstellmöglichkeiten 5 Mitarbeiter*innen gegen Ende des Jahres zunehmend mit der Frage konfron- tiert wie ein akzeptierendes Angebot auf angemessene und nachhaltige Weise Haltung zeigen und Grenzen setzen kann. ORIENTIERUNG IN RAUM UND SPRACHE Mit Blick auf dieses Thema wird deutlich, dass dem Raum eine pädagogische Bedeutung zukommt. Neben den Möglichkeiten, dort Beratung zu fi nden, bietet er unterschiedliche Möglichkeiten und Grenzen sich zu bewegen, zu verhalten oder in Szene zu setzen. Innerhalb der Zielgruppe sind Wertschätzung, ein respektvoller Umgang mit- einander und gegenseitige Akzeptanz nicht selbstverständlich. An dieser Stelle sind die Mitarbeiter*innen gefragt. In Abgrenzung von Alltags- und Jugend- sprache bieten sie auch hier Orientierung im Umgang miteinander. Sich als Gegenüber anzubieten, ist für die Arbeit mit Jugendlichen und jungen Erwach- senen von hoher Wichtigkeit. Dies gilt insbesondere für Menschen, mit denen sich außerhalb ihrer Lebenswelt/Subkultur kaum noch jemand auseinander- setzt, sei es aus Ablehnung oder aus Desinteresse, Resignation oder fehlender Zuständigkeit. X AKTIVER AUFENTHALTSBEREICH THEKENBEREICH RUHIGER AUFENTHALTSBEREICH 6B.O.J.E. JAHRESBERICHT 2017 > Die Öffnungszeiten der B.O.J.E. wurden im vergangenen Jahr konstant bei- behalten. Täglich nutzten durchschnittlich 20 Besucher*innen das Angebot an den 244 Öffnungstagen. An 7 Tagen musste der Bus wegen grober Regel- verstöße vorzeitig geschlossen werden. Die maximale tägliche Besuchszahl lag bei 40 Personen. X DURCHSCHNITTLICHE ANZAHL DER BESUCHER*INNEN MAXIMALE ANZAHL DER BESUCHER*INNEN 7 TAGE GESCHLOSSEN BESUCHER*INNEN MIT ERSTKONTAKT 28 MINDERJÄHRIGE BESUCHER*INNEN ANHALTEND WENIGE MINDERJÄHRIGE – HOHE FLUKTUATION Ein Blick auf die Besuchszahlen im Jahr 2017 zeigt, dass es kaum Veränderun- gen zu denen im Vorjahr 2016 gab. Der Anteil der minderjährigen Besucher* innen war mit 42 von insgesamt 343 unterschiedlichen jungen Menschen, ähn- lich wie im Vorjahr auffallend niedrig. In dieser Gruppe war die Fluktuation am höchsten. 28 von ihnen betraten den Bus zum ersten Mal. In der Gesamtbe- sucher*innengruppe gab es 145 Erstkontakte. B.O.J.E. in Zahlen ÖFFNUNGSTAGE20 40 145 244244 STOP –PRO–TAG– ERSTMALIG IM BUS: 7 TROTZ LEICHTEM ANSTIEG – FRAUENPOWER IN DER UNTERZAHL Allerdings gab es auf Seiten der weiblichen Besucherinnen sowohl bei den Erwachsenen als auch bei den Minderjährigen einen minimalen Anstieg. Insge- samt kamen 90 weibliche Erwachsene und 211 männliche sowie 30 minder- jährige Mädchen und 12 minderjährige Jungen. Die gegensätzliche Verteilung im Geschlechterverhältnis der beiden Altersgruppen bestätigt sich jedes Jahr erneut. MÄNNLICHE BESUCHER WEIBLICHE BESUCHERINNEN 211 90 MÄDCHEN < /one.alt/eight.alt JAHRE 30 JUNGEN < /one.alt/eight.alt JAHRE 12 343 BESUCHER*INNEN < /one.alt/eight.alt JAHRE 42 BESUCHER*INNEN INSGESAMT B.O.J.E. JAHRESBERICHT 2017 8 SAISON - UND LANGZEITBESUCHE > Wie jedes Jahr nutzten überwiegend wohnungslose junge Erwachsene das Angebot als Anlaufstelle und Treffpunkt. Darunter waren männliche Besu- cher im Alter von 18 bis 26 Jahren die präsente und dominierende Gruppe. Ab- gesehen von wenigen Ausnahmen kamen die minderjährigen Besucher*innen jeweils nur über einen kurzen Zeitraum. Zu Beginn des Jahres gab es jedoch eine Hand voll Mädchen, die das Angebot auch regelmäßig aufsuchten. Sie kannten sich meist untereinander und standen in loser oder fester Verbindung mit ein paar jungen Erwachsenen. Viele Mädchen zeigten sich eher zurückhaltend in der Kontaktaufnahme zu den Mitarbeiter*innen. Insgesamt wurden die Besuche von Mädchen im weiteren Verlauf des Jahres immer seltener. Dagegen zeigten junge Frauen ab Sommer wieder etwas mehr Präsenz im B.O.J.E.-Alltag. KLASSISCHE BESUCHER*INNENGRUPPE Die Besucher*innen brachten unterschiedliche Hintergründe und Lebensge- schichten mit. Viele von ihnen, die den Bahnhof immer wieder als zentralen Aufenthaltsort wählten, waren von Wohnungs- oder Obdachlosigkeit betroffen. Sie verfügten über in der Zielgruppe typisch brüchige Lebensverläufe und fehlende Kontakte zum sonstigen Hilfesystem. Zu ihnen gehörten gleich mehrere Besucher*innen, bei denen eine Lern- oder geistige Behinderung vor- lag. Wie die übrige Besucher*innengruppe zeigten sie teilweise psychische Auffälligkeiten und bis auf wenige Ausnahmen einen zeitweise mehr oder weniger problematischen Alkohol- oder Drogenkonsum. Den Spritzentausch nutzten unverändert hauptsächlich Menschen über 26 Jahre. Das Präventionsangebot Spritzentausch steht Konsument*innen jeden Alters offen. Diese Personen nutzen das Angebot im abgetrennten Fahrerbereich. Es gab 2017 unter den Tauscher*innen auch wieder ein paar jüngere Heroin- konsument*innen. Sie nahmen auch den Aufenthaltsraum und die Beratung in Anspruch. Besuche >26 SPRITZENTAUSCH: MEISTENS VON BESUCHER*INNEN ÜBER 26 JAHRE 9 IMMER WIEDER NEUER B.O.J.E. -POTPOURRI Daneben gab es wiederkehrende kurze Besuche von Punks oder Angehörigen alternativer Szenen, wie z. B. aus dem Hambacher Forst, aber auch aus Frank- reich, Argentinien, Spanien, Ungarn und anderen Ländern. Für sie stand eine kurzfristige, oft medizinische, Versorgung im Vordergrund. Unter den täglichen Nutzer*innen gab es auch eine kleine Gruppe junger Männer rumänischer Herkunft. Die Kommunikation mit ihnen fand auf deutsch oder englisch statt. X 18–26 A B C D E KURZ-BESUCHER*INNEN: PUNKS/ALTERNATIVE SZENEN GRÖSSTE BESUCHER*INNEN GRUPPE: MÄNNER VON 18–26 JAHREN A SPANIEN B FRANKREICH C DEUTSCHLAND D UNGARN E RUMÄNIEN B.O.J.E.- BESUCHER*INNEN AUS DEN LÄNDERN: 10B.O.J.E. JAHRESBERICHT 2017 Politischer Polemischer Wind weht durch die B.O.J.E. > Die Bundestagswahlen gingen 2017 nicht unbeachtet an den Besucher* innen vorüber. Besonders empfänglich waren manche für die Inhalte plakativer Wahlwerbung. Bereits vor den Wahlen waren die Themen Zuwanderung und Migration von den Besucher*innen aufgegriffen und thematisiert worden. Viele Ängste des »Zukurzkommens« wurden geäußert. Hierbei wurde Kritik laut wegen fehlender Perspektiven auf unkomplizierte Versorgung mit angemes- senem Wohnraum. Frustrierende Erfahrungen mit bürokratischen Hürden bei der Beantragung von Leistungen oder Sanktionen im SGB II-Bereich dienten als Begründung für die emotionale Steigerung in Hass und Neid. In der B.O.J.E. gab es keinerlei tatsächliche Berührungspunkte mit Ge fl üchteten. Andere Besucher*innen hingegen ordneten sich eher dem linken politischen Flügel zu und wollten dies auch im Bus kenntlich machen . Alles in allem löste die ausgrenzende Wahlwerbung Diskussionen zu ver- schiedenen Themen aus, blieb in der Essenz jedoch oberflächlich und ebbte schnell wieder ab. 11 B.O.J.E. JAHRESBERICHT 2017 12 »Kommst Du mit Einen rauchen?« > Cannabis war im Alltag der Besucher*innen allgegenwärtig, wurde nicht als problematisch eingestuft und bot im besten Fall gleich drei Dinge auf einmal: Gemeinschaft, Rausch und Befreiung von Symptomen. Denn der Konsum wurde nebenbei nicht selten mit dem Zweck der Regulation von störenden Gefühlen und Verhaltensweisen begründet: » … ohne Kiffen geht es nicht länger als vier Stunden, sonst bin ich unerträglich, dann kann man mich nicht aushalten.« (A., 17 J.) Es verwunderte daher auch nicht, dass einzelne immer wieder den Wunsch oder die Hoffnung äußerten »Gras bald auf Rezept« zu erhalten. Insgesamt gab es im vergangenen Jahr eine Reihe Besucher*innen, die vor diesem Hintergrund kaum motiviert waren ihren Konsum zu reduzieren. Die möglichen Kehrseiten eines exzessiven Konsums, wie psychotische Episoden oder paranoide Zustände wurden gerne verkannt: »Aber ich habe nix genommen, sogar Weed geraucht, habe Angst zu schlafen …« (L., 19 J.) TANZEN ZWISCHEN WUNSCH UND WIRKLICHKEIT Laut eigener Beschreibung verbrachten manche Besucher*innen die Nächte das Jahres 2017 gefühlt überwiegend in der Kölner Clubszene. Diese Verhaftung in der Partyszene war fest gekoppelt an den Konsum synthetischer Drogen. Einige beschrieben, wie sie beim Feiern und Tanzen stark in eigene Welten abtauchten und positive Gefühle nur noch in Kombination mit dem Konsum von Drogen erlebten. MITTWOCHENENDE Während der Schulferien veranstalten einige Clubs schon mittwochs Partys und verlegten dadurch den Start für Partywochenenden nach vorne. Der Begriff des »Mittwochenendes« wurde geprägt. Einigen Besucher*innen, die in der Regel keine Schulferien haben, blieb zur Regeneration nun nur noch der kurze Wochenanfang. In den Regenerationsphasen wurde auf Drogen wie z. B. Cannabis zurückgegriffen, um nach dem Konsum aufputschender Substanzen wieder entspannen zu können. 13 hk i »» IIcchh kkoonnssuummiieerree jetzt nicht mehr am Wochenende.« F., 19 J. ZWISCHEN WUNSCH … Sich als Teil der Partyszene zu emp fi nden und hier positive Begegnungen mit anderen Menschen zu erleben, wurde als sinn- und identitätsstiftend erlebt und beschrieben. In diesem Kontext wurde es möglich, unabhängig von beru fl ichem oder persönlichem Erfolg wahrgenommen zu werden und sich allein über das gemeinsame Interesse an Musik und Spaß zu defi nieren oder zu profi lieren. Dies schien zu einem starken Sogcharakter der Partyszene zu führen. … UND WIRKLICHKEIT Die Tage hingegen waren bei dieser Gruppe der Besucher*innen geprägt von Müdigkeit, Leistungsabfall und teils depressiven Episoden. Sie konnten kaum die Kraft aufbringen, sich um wichtige Dinge wie die Beantragung von Leis- tungen nach SGB II und die damit verbundenen Anforderungen zu kümmern. Termine konnten nicht eingehalten werden. Kontakt zum Hilfesystem zu halten wurde schon durch die Verschiebung des Tag-Nacht-Rhythmus erschwert. Zwar konnten wir oft nur sporadisch unterstützen, doch durch das konstante und zuverlässige Angebot B.O.J.E. immer wieder Kontakt halten. »ICH NEHME JETZT SCHON SEIT DREI WOCHEN NIX MEHR. NUR NOCH GRAS. « Aber auch junge Menschen, die sich ein Leben ohne jeglichen Konsum kaum vorstellen konnten, formulierten, wenn auch sehr kleinschrittige Ziele zur Konsumreduktion. Solche Veränderungen mochten für Außenstehende kaum wahrnehmbar sein, bedeuteten aber eine erste Bereitschaft zur Auseinander- setzung mit dem eigenen Konsumverhalten. Die B.O.J.E. diente eben solchen Menschen immer wieder als Andockstelle für Gespräche über realistische oder phantasievolle Zukunftspläne, in deren Richtung Schritte angeregt oder unter- stützt werden konnten. Das Ergebnis blieb offen oder erhielt manchmal andere Wendungen als zunächst erwartet. Es brachte aber Bewegung ins Leben und führte im besten Fall zu (signifi kanten) Veränderungen. X » Früher hatte ich mal ein Alkohol- problem, aber das hatte mit meiner Situation zu tun – jetzt konsumiere iicchh nniicchhttss mmeehhrr ... jjaa kkllaarr, kkiiffffeenn ttuuee ich manchmal, aber sonst nehme ich keine Drogen.« , C., 22 J. Konsumreduktion. ummrem B.O.J.E. JAHRESBERICHT 2017 14 BOOT individuelles Beratungs- und Begleitungsangebot V ERMITTLU NGS - KON TAKT E > Dank der Fördermittel des Vereins »wir helfen« des Kölner Stadtanzeigers konnten wir unserer Zielgruppe über das offene Angebot B.O.J.E. hinaus indi- viduelle Beratungen und Begleitungen anbieten. Dieser Bedarf an zusätzlicher fl exibler Unterstützung ist im Laufe der Jahre verstärkt aufgefallen. Der Ange- botsname BOOT gibt sinnbildhaft und in übertragenem Sinne die passende Ant- wort auf die beobachteten Bedürfnisse. STRANDEN – ANDOCKEN – LEINEN LOS Motivationsfl auten, unkoordinierte Rudermanöver und Schiffbrüche zeichnen den selbstgewählten Kurs der Zielgruppe aus. Eine nachhaltige Stabilisierung gelingt eher in Schleifen, wenn die Möglichkeit besteht, immer wieder neu anzu- docken. Denn in der intensiven Zusammenarbeit erleben die Mitarbeiter*innen die Klient*innen häu fi g als ambivalent im Arbeitskontakt. Der Bedarf ist hoch, die Motivation dagegen eher impulsiv. Um die Arbeitskontinuität zu halten, ist neben einem langen Atem vor allem immer wieder Kontakt nötig. Diesen Kon- takt ermöglicht das stabile offene Angebot B.O.J.E., mit seiner Attraktivität für die Klient*innen. Die Kombination beider Angebote erhöht die Erreichbarkeit, bewirkt damit die erforderliche Kontinuität in der Arbeit und ermöglicht, dass Ziele entwickelt und erreicht werden können. Nach einem Schiffbruch stranden die meisten wieder am Bahnhof, fi nden Orientierung und Halt an der B.O.J.E. und den (Wieder-)Einstieg ins BOOT. MIT INS BOOT NEHMEN Das Angebot besteht aus der offenen Beratungssprechstunde im Bus (Dienstag & Donnerstag 11:00 –12:30 Uhr) und / oder einer fl exibel anpassbaren und optional s e h r i n t e n s i v e n B e g l e i t u n g d e r j u n g e n K l i e n t * i n n e n . E s w u r d e 2 0 1 7 s e h r g u t angenommen. Der Zugang erfolgte meist über B.O.J.E., in Einzelfällen auch über Vermittlung durch Dritte, überwiegend jedoch über die Besucherschaft selbst. 15 LOGBUCH – BOOT IN ZAHLEN Insgesamt nutzten im vergangenen Jahr 48 unterschiedliche Personen das indi- viduelle Beratungs- bzw. Begleitungsangebot. Davon waren 29 Personen Erst- nutzer*innen, 19 hatten demnach bereits 2016 das Angebot wahrgenommen. Den Großteil machte die Gruppe der 18- bis 25-Jährigen mit 96 Prozent aus. Eine Minderjährige fand mit Unterstützung kurzfristig wieder den Weg ins Jugendhilfesystem. Etwa ein Fünftel der Fälle suchte in begrenztem Umfang Beratung in einzelnen Fragestellungen. Ein Teil dieser konnte kurzfristig in spezifi sche Hilfen weitervermittelt werden. Die meisten Besucher*innen benö- tigten jedoch längerfristige Begleitung und Unterstützung. Besonders arbeitsintensiv gestalteten sich die 132 geleisteten Begleitungen und 597 Vermittlungskontakte zwischen Klient*innen und anderen Stellen des Hilfesystems. 69 Beratungen fanden innerhalb der offenen Sprechstunde statt, weitere 318 Beratungsgespräche im Rahmen einzelner Begleitungsprozesse. Wichtige (Einstiegs-)Themen in die Beratung waren die Beantragung von Leis- tungen, Anbindung an psychiatrische Versorgung, Unterstützung bei der Kom- munikation u. a. mit Ämtern und Gerichten, Schuldenregulierung etc. Unzählige Kontakte über Handy und Facebook sowie B.O.J.E.-Besuche waren wichtige Hilfsmittel für die Beziehungsp fl ege und wesentliche Grundlage für eine erfolgreiche Unterstützung. > T EILNEHMEN DE PERSONE N » Hallo ich heiße D. (19 J.) ich habe ihre Nummer von J. – kannst du mir bei einer Sache helfen?« BERATUNGSGESPRÄCHE BEI BEGLEITUNGSPROZESSEN TETETETEGELEGELEEISTEIST BEGLEITUNGENT U N B.O.J.E. JAHRESBERICHT 2017 16 RAUS AUS DEM BOOT, REIN INS BOOT Die Dauer der Hilfeprozesse umfasste sehr unterschiedliche Zeiträume von bis zu einem Jahr oder mehr. Die Intensität richtete sich nach der Motivations- lage bzw. der psychischen Verfassung der Nutzer*innen. Eines der wichtigsten Anliegen war die Suche nach Möglichkeiten des eigenstän- digen Wohnens. Hierbei gab es etliche Vermittlungen ins ( ambulante) betreute Wohnen ( BeWo) . A l l e r d i n g s g i b t e s k a u m A n b i e t e r , d i e a u c h W o h n r a u m z u r Verfügung stellen können. Dauerhaft erfolgreiche Vermittlungen sind erheblich davon abhängig, wie gut es im Folgeangebot gelingt, eine tragfähige Beziehung zu den Betroffenen aufzubauen. Einzelne Nutzer*innen verloren daher den neugewonnen Wohnraum innerhalb kurzer Zeit wieder. Der Wechsel aus einer seit Jahren aus der Not heraus gep fl egten, unsteten, aber sehr autonomen Lebensweise in die eigenen vier Wände gestaltete sich nicht immer leicht. Als hochschwellig erlebte Anforderungen im Rahmen der Betreuung waren in einigen Fällen der Grund, den langersehnten Wohnraum wieder zu verlassen. Manche brauchten einen zweiten oder mehrere Anläufe um dauerhafte Stabilisierung zu fi nden. IM FLUSS BLEIBEN Auch in diesen Fällen konnte BOOT im Rahmen der fl exiblen Möglichkeiten die Zusammenarbeit wieder aufnehmen. Aus dieser Erfahrung heraus erwies es sich als sinnvoll, Übergänge fl ießend zu gestalten. Dort wo die Zielgruppe ihrem Ziel näher kam, entfernte sie sich gleichzeitig von Altbekanntem und Vertrautem. Dieser Schritt setzte voraus, sich auf etwas Neues einzulassen. Hierbei versuch- ten wir, die Klient*innen ein Stück weit in die für sie unbekannte Gewässer zu begleiten. Der Erfolg hing auch maßgeblich davon ab wie gut sich Kontakt und Austausch mit kooperierenden Personen und Einrichtungen des Hilfesystems gestalteten. Jede Vermittlungserfahrung erweiterte auch unseren Horizont und Erfahrungsschatz für die weitere Arbeit. X BER ATUN G EN WÄHREND DER OFFENEN SPRECHSTUNDE A LTER SG RUPPE: 18- BI S 25-JA HRE » E. hier, ich sollte mich bei dir melden … « E. (18 J.) 17 Bus an Bus – B.O.J.E. und MMD > Auch 2017 wurde die B.O.J.E. durch den Mobilen Medizinischen Dienst ( MMD) der Stadt Köln unterstützt. An zwei Tagen in der Woche, Montag und Don- nerstag von 14:30 –16:30 Uhr kamen ein Arzt und ein Krankenp fl eger zu den Öffnungszeiten dazu. In einem zum Behandlungszimmer umgebauten Kleinbus konnten so 237 einzelne Behandlungen an insgesamt 98 Patient*innen ( davon 70 männlich und 28 weiblich ) durchgeführt werden. HAND IN HAND Die Kombination aus niedrigschwellig sozialarbeiterischem und medizini- schem Angebot erwies sich erneut als sehr hilfreich. Der Zugang zu medizi- nischer Versorgung wurde für unsere Besucher*innen erleichtert. Durch die Besonderheit, dass das Team des MMDs bereits 2016 durch einen Facharzt für Psychiatrie erweitert wurde, konnte gerade Besucher*innen mit psychischen Problemlagen schnell und unkompliziert geholfen werden. X Mobiler Medizinischer Dienst Montag + Donnerstag 14:30 Uhr ––– 16:30 Uhr 18B.O.J.E. JAHRESBERICHT 2017 VERBESSERUNG BEI DER LÖSUNG INDIVIDUELLER PROBLEMLAGEN > Besonders zu erwähnen war 2017 der Kontakt zum Respekt-Projekt Work4You (Don Bosco Club). Eine enge Kooperation ermöglichte es einzelne Personen mit besonderen Schwierigkeiten zu stabilisieren und akute Notsituationen zu über- brücken. Work4You fi el uns durch ein besonderes Verständnis für die Bedürf- nisse der Zielgruppe auf und reagierte oft sehr fl exibel. Durch das zunächst drohende Projektende und damit verbundene personelle Wechsel bzw. Eng- pässe wurde die Kontinuität in Kontakt und Arbeit beeinträchtigt. In einigen Fällen kam es zur Zusammenarbeit mit gesetzlichen Betreuer*innen und Kontakten zu verschiedenen Betreuungsgerichten. Hierbei unterstützten wir bei notwendigen Betreuungswechseln bzw. motivierten einige Klient*innen, sich auf die Installationen einer Betreuung einzulassen. Weiterhin machten wir gute Erfahrungen mit einzelnen BeWo-Anbieter*innen. In der Ausweitung unserer Arbeit durch das individuelle Beratungs- und Be- gleitungsangebot BOOT, konnten bestehende Kooperationen intensiviert und ausgebaut werden. Dies galt auch für viele andere bereits bewährte Kontakte, wie beispielsweise die Brücke e. V., Proberaum ( SPZ Rodenkirchen ), den Reso- diensten der Stadt Köln sowie mit der Fachstelle Wohnen und anderen Einrich- tungen der klassischen Wohnungslosenhilfe. Die beständige Weiterentwicklung der Vernetzung mit den genannten und an- deren Einrichtungen führt zu einer Verbesserung bei der Lösung individueller Problemlagen unserer Klient*innen. Eine Unterstützung kann zielgerichteter und somit individueller erfolgen. X Neue und bewährte Kooperationen 19 > Das letzte Jahr hat gezeigt, B.O.J.E. ist mehr als eine niedrigschwelliges Beratungs- und Vermittlungsangebot. Der Raum ist das erste und wichtigste Medium in dieser Arbeit. Er schafft einen Ort, an dem sich junge Menschen in der Begegnung mit dem ihnen entgegengebrachten Interesse, den vermittelten Werten, Regeln und Grenzen orientieren und vergewissern können. Es wird eine Herausforderung bleiben allen Anforderungen gerecht zu werden, die e ine o ff ene Einri ch tung in di esem Rahm en mi t si ch bringt. Umso m ehr bra u - chen wir Zeit und Raum um abseits der B.O.J.E.-Öffnungszeiten auf individuelle Problemlagen einzugehen. Die Erweiterung des Angebots B.O.J.E. durch die individuelle Beratung und Begleitung BOOT hat es ermöglicht wesentliche Verbesserungen für einzelne Personen innerhalb einer Zielgruppe zu erreichen, die sich durch besondere Haltlosigkeit charakterisiert. Wir schauen zufrieden auf die erreichten Ziele zurück und hoffen nun auf eine langfristig gesicherte Finanzierung. Da nur so die erforderliche Zuverlässigkeit einer Zielgruppe geboten werden kann, die sich aus der Not heraus die Kunst des Treiben-Lassens zu eigengemacht hat. X Köln, April 2018 Ausblick B.O.J.E. JAHRESBERICHT 2017 AUF ACHSE Kinder-, Jugend- und soziale Hilfen Gereonshof 36 • 50670 Köln • Fon: 0221. 914 09 28-0• Fax: 0221. 914 09 28-10 E-Mail: info@auf-achse.de • www.auf-achse.de • Träger: KJSH e.V. Stand: April 2018 • Änderungen und Irrtümer vorbehalten • Fotos: ©AU F ACHSE 2018 gastdesign.de
Beratungsverlauf (1)
Details
- Aktenzeichen
- 1756/2018
- Typ
- Mitteilung Ausschuss
- Datum
- 22.06.2018
- Erstellt
- 25.05.2018 09:34