2536/2021
Modellprojekt zur Weiterentwicklung der Verwandten- und Netzwerkpflege
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Mitteilung Ausschuss
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Die Oberbürgermeisterin Dezernat, Dienststelle IV/51 Vorlagen-Nummer 15.07.2021 2536/2021 Mitteilung öffentlicher Teil Gremium Datum Jugendhilfeausschuss 07.09.2021 Modellprojekt zur Weiterentwicklung der Verwandten- und Netzwerkpflege „ Neue Spuren auf vertrautem Terrain“ Chancen der Verwandten- und Netzwerkpflege entdecken Die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die im familiären und familiennahen Umfeld ein neues Zuhau- se finden, weil das Zusammenleben mit den Eltern nicht (mehr) möglich ist, steigt seit Jahren auch im Rheinland an. Familienangehörige und Bekannte, die ein Kind oder einen Jugendlichen aus ihrem Umfeld in Verwandten- und Netzwerkpflege betreuen, übernehmen eine elementare Aufgabe in der Gesellschaft, die neben Anerkennung und Wertschätzung für ihr Engagement vor allem ein professi- onelles und auf ihre Bedürfnisse angepasstes Unterstützungssystem in der Pflegekinderhilfe benöti- gen. Seit der Zentralisierung des Pflegekinderdienstes (PKD) im Amt für Kinder, Jugend und Familie im September 2012 wird der Verwandtenpflege besondere Aufmerksamkeit zuteil, da bereits zum dama- ligen Zeitpunkt ersichtlich war, dass diese Pflegeform expandiert, die Erkenntnisse und Verfahrens- wege aus dem Bereich der Fremdpflege aber nicht eins zu eins übertragbar sind. Zum Stichtag 31.12.2011 wurden 230 Verwandtenpflegeverhältnisse durch den PKD in Köln betreut, zum Stichtag 31.12.2020 waren es bereits 265. Die Anzahl der Fremdpflegeverhältnisse liegt relativ konstant, jeweils zum Stichtag, bei ca. 390. Bereits 2012 wurde im PKD ein Qualitätszirkel zur Verwandtenpflege installiert, der es sich zur Auf- gabe gemacht hat, sich mit den spezifischen Bedingungen und Bedarfen dieser Pflegeform zu be- schäftigen und adäquate Handlungsoptionen zu erarbeiten. In 2017 entwickelte sich die Idee eines Multiplikator*innen Teams – Team Verwandte - innerhalb der Mitarbeiterschaft des PKD. Das Thema Verwandten- und Netzwerkpflege wurde 2018 vom Institut Perspektive gGmbH im Rah- men eines vom Landschaftsverband Rheinland geförderten Modellprojektes aufgegriffen. Drei Mo- dellstandorte aus dem Rheinland – Düsseldorf, Köln und Aachen – erklärten sich bereit, zusätzlich zu ihrer täglichen Arbeit mit den Kindern und Familien am Modellprojekt mitzuwirken, um dem Institut realistische Einblicke in ihre Praxis aus der Begleitung von Verwandten- und Netzwerkpflegeverhält- nissen zu ermöglichen. Verlauf des Projektes Das Projekt startete am 23. November 2018 und fand seinen Abschluss im Rahmen einer übergrei- fenden Veranstaltung mit den Projektteilnehmenden und geladenen Gästen aus der Fachwelt am 25.11.2019 – coronabedingt in digitalem Format. In der Erhebungsphase (01.01. – 31.12.2019) wurden an jedem Standort Interviews mit Fachkräften, Pflegeeltern, Eltern und Jugendlichen geführt. Des Weiteren fand, ebenfalls an jedem Standort, eine Gruppendiskussion mit Pflegeeltern statt. Die Gewinnung von beteiligungs-bereiten Pflegeeltern, El- tern und Jugendlichen stellte sich für die beteiligten Fachkräfte, primär die Multiplikator*innen des „Teams Verwandte“, arbeitsintensiver dar als erwartet. 2 In der Auswertungsphase, die vom 01.06.2019 – 30.06.2020 dauerte, fanden an jedem Standort zwei regionale Arbeitstreffen statt. Darüber hinaus wurden zwei überregionale Arbeitstreffen (eines davon in Köln) sowie eine Methodenwerkstatt veranstaltet. Aufgrund der Corona Pandemie wurde das regionale Arbeitstreffen im April 2020 und das überregio- nale Treffen im Juni 2020 in digitaler Form durchgeführt. Eine für 09. Mai 2020 terminierte Zukunftswerkstatt, bei der die am Projekt beteiligten Pflegeperso- nen, Eltern und Jugendlichen / ältere Pflegekinder im Focus standen und die als Präsenzveranstal- tung in Düsseldorf stattfinden sollte, fiel ebenfalls der Corona Pandemie zum Opfer und musste in abgespeckter Form durch eine digitale Zukunftswerkstatt ersetzt werden. Was noch aussteht ist die Präsentation der Projekt Ergebnisse an den einzelnen Standorten. Diese Veranstaltungen sind noch nicht terminiert und sollen möglichst als Präsenzveranstaltungen erfolgen, wenn dies wieder möglich ist. Ergebnisse des Projektes und Schlussfolgerungen für den PKD Köln Die Ergebnisse des Projektes sind detailliert und anschaulich in dem mittlerweile auch in Druckversi- on vorliegendem Handout zum Modellprojekt dargestellt. //perspektive-institut.de/wp-content/uploads/2020/11/lvr-bericht-2020_perspektive- institut_web_20201211.pdf Folgende Erkenntnisse und Ergebnisse sind für die fachliche Weiterentwicklung der Verwandten- und Netzwerkpflege im PKD relevant: Grundlage und Voraussetzung für eine vertrauensvolle und gelingende Zusammenarbeit zwischen den Pflegefamilien, bestehend aus Pflegeperson, jungem Mensch und Eltern und der PKD Fachkraft ist deren empathische und wertschätzende Haltung gegenüber der Familie. Im PKD sind Fachkräfte beschäftigt, die explizit äußern, dass sie besonders gerne mit Verwandten- pflegefamilien arbeiten und damit bereits eine wertschätzende Haltung erkennen lassen. Durch den kollegialen Austausch in den Teams werden Haltungen sichtbar und bei Bedarf veränderbar, so dass sich der PKD auch in der Breite zu einem, den Verwandten zugewandten Dienst, entwickeln kann. Das am 01.09.2020 in Köln gestartete Multiplikator*innen Projekt „Team-Verwandte“ unterstützt in vielfältiger Weise den angestrebten, ressourcenorientierten, Blick auf bestehende und zukünftige Verwandtenpflegeverhältnisse. In den Arbeitstreffen des Modellprojektes ist dieses Köln spezifische Multiplikator*innen Projekt auf großes Interesse gestoßen und hat in der Dokumentation auch einen impulsgebenden Platz gefun- den. Die oftmals prekäre finanzielle Situation in Verwandten- und Netzwerkpflegestellen wirkt sich im An- erkennungsverfahren in vielschichtiger Art und Weise hemmend auf die gewünschte, auf Vertrauen basierende, Zusammenarbeit aus. Wenn die Pflegeeltern Sorge haben, dass die Thematisierung ih- res Pflegegeldbedarfes zu einer negativen Beurteilung führt oder die Anerkennung als Pflegestelle in Frage stellt, werden sie vielleicht nicht nur dieses Thema vermeiden, sondern grundsätzlich vorsichtig sein und ihre Einlassungen dahingehend abwägen, ob diese den Erwartungen der Fachkraft entspre- chen könnten. Eine mit Antragstellung einsetzende Pflegegeldzahlung (ohne Erziehungsbeitrag) führt, lt. Aussagen von Jugendämtern mit entsprechender Praxis, zu konstruktiveren und oftmals schnelleren Ergebnis- sen. Die Problematik wird im Jugendamt Köln aufgegriffen mit dem Ziel, hier ein optimaleres Verfahren zu entwickeln. 3 Verwandten- und Netzwerkpflegeeltern erleben sich oftmals, gerade zu Beginn eines Pflegeverhält- nisses oder in herausfordernden gesundheitlichen, wirtschaftlichen oder erzieherischen Situationen massiv belastet. Den Pflegefamilien in dieser Situation eine unterstützende und ergänzende, ambulante Hilfe zur Erzie- hung an die Seite zu stellen, um das Pflegeverhältnis langfristig zu stabilisieren, erweist sich häufig als schwierig, mitunter als unmöglich. Im Projekt wurde sichtbar, dass dies in den beiden anderen beteilig- ten Standorten (Düsseldorf und Städte Region Aachen) gängige Praxis ist. Es erscheint dringend ge- boten, einen einheitlichen gesamtstädtischen Verfahrensweg anzustreben. Dies sollte gelingen, da die rechtlichen Rahmenbedingungen einen größeren Spielraum zulassen als dies bisher in einzelnen Be- reichen gesehen wurde. Das Jugendamt Köln strebt hier eine Optimierung an. Ein besonderes Augenmerk gilt es auf die im Projekt dargestellten Methoden der pädagogischen Be- gleitung von Verwandtenpflegefamilien zu werfen. Die Netzwerkerkundung mit Jugendlichen ermöglicht einen Zugang zu ihrer Lebenswelt und das An- erkennen von sensiblen Themen kann Vertrauen schaffen. Die Anwendung der Methode – Zukunfts- rat - stellt echte Partizipation von Jugendlichen dar und sollte fester Bestandteil im Hilfeplanverfahren werden. Ebenso stellt die Methode – Familienrat - bei Verwandtenpflegeverhältnissen ein Instrument dar, mit dem lösungsorientiertes Handeln umgesetzt werden kann. Es sollte sowohl im Beratungsprozess des PKD als auch im Hilfeplangespräch seinen Raum finden. Dies kann nur gelingen, wenn die Fachkräfte des PKD und ASD hinreichend Kenntnisse über diese Methoden erlangen können, die Möglichkeit des Einübens gegeben ist und seitens der Leitungsebene (-n) die Erwartung zur Umsetzung besteht. Die Fokussierung auf die benannten Methoden ist eine der größten Herausforderungen in der Weiter- entwicklung der Verwandten- und Netzwerkpflege, da sie von den Fachkräften die ehrliche Auseinan- dersetzung mit ihrer Rolle einfordert; sie beinhaltet aber auch die größtmögliche Chance auf Wirk- samkeit. Im Jugendamt Köln werden derzeit Möglichkeiten ausgelotet, den Fachkräften hier eine größere Me- thodenvielfalt zur Verfügung zu stellen. Last but not least gilt es, nicht nur in der Verwandten- und Netzwerkpflege, sondern auch in der Fremdpflege, den leiblichen Eltern der Kinder (mehr) Raum zu geben. Sie geraten schnell aus dem Blick der Fachkräfte oder werden als „Problem“ wahrgenommen. Dabei ist den Fachkräften durchaus bewusst, dass die Eltern ebenfalls einen wichtigen Baustein für ein ge- lungenes Pflegeverhältnis darstellen. Im Projekt stellte sich die Beteiligung der Eltern als die schwierigste Aufgabe dar. Aus den Beiträgen (und aus anderen Projekten) lässt sich aber das Resümee ziehen, dass für die Eltern ein eigenstän- diges Angebot, jenseits der fallführenden Dienste des Jugendamtes geschaffen werden sollte, um ihre Beteiligung sicherzustellen. Durch entsprechende Kooperation aller am Pflegeverhältnis beteilig- ten Fachkräfte lässt sich der Transfer relevanter Themen sicherstellen. Die Schaffung dieses notwendigen Angebotes, dass in der Vergangenheit aus dem Blick geraten war, derzeit wieder konkret in Angriff genommen. Fazit und Perspektive Im Verlauf des Projektes hat sich gezeigt, dass die Unterschiede zwischen Verwandtenpflege- und Netzwerkpflegefamilien häufig umfänglicher sind als im Vorfeld angenommen. Die Betrachtung von Netzwerkpflege als eigene Pflegeform, z. B. auch im Rahmen eines Projektes, ist lohnenswert unter anderem auch im Hinblick auf die Akquise von Netzwerkpflegepersonen. Das Multiplikator*innen Projekt Team Verwandte im PKD der Stadt Köln ist in diesem Zusammen- hang nochmals hervorzuheben. Mit diesem Team ist der Pflegekinderdienst der Stadt Köln, im Sinne der Weiterentwicklung der Verwandten- und Netzwerkpflege, hervorragend aufgestellt. Mit dem „Team Verwandte“ besteht eine echte Chance, die Erkenntnisse aus dem abgeschlossenen Projekt, gewinnbringend für alle an einem Pflegeverhältnis beteiligten Personen umzusetzen. In Folge des Modellprojektes wird aktuell in Kooperation mit dem Projekt Kinderfreundliche Kommune daran gearbeitet, Pflegekindern aus Verwandtenpflegeverhältnissen „eine Stimme zu geben“. Ange- strebt werden die Basis für eine (digitale) Vernetzung miteinander, sowie bessere Partizipations- und Beschwerdemöglichkeiten. Gez. Voigtsberger
Beratungsverlauf (1)
Beschluss: Kenntnis genommen
Zur SitzungDetails
- Aktenzeichen
- 2536/2021
- Typ
- Mitteilung Ausschuss
- Datum
- 15.07.2021
- Erstellt
- 12.07.2021 07:35