V/0483/2022
Prüfung der Errichtung von „Hygieneboxen“ und „Verrichtungsboxen“ auf dem Straßenstrich an der Siemensstraße
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Berichtsvorlage
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V/0483/2022 V/0483/2022 Öffentliche Berichtsvorlage Betrifft Prüfung der Errichtung von „Hygieneboxen„ und „Verrichtungsboxen“ auf dem Straßenstrich an der Siemensstraße Beratungsfolge 24.08.2022 Ausschuss für Soziales, Gesundheit, Verbraucherschutz und Arbeitsförderung Bericht 25.08.2022 Ausschuss für Gleichstellung Bericht Bericht: Am 5. Mai 2022 wurde von den Fraktionen Bündnis 90/Die Grünen/GAL, SPD und der Ratsgruppe Volt folgender Antrag an den Ausschuss für Soziales, Gesundheit, Verbraucherschutz und Arbeitsförderung gestellt: „1. Die Verwaltung möge prüfen, ob auf dem Straßenstrich an der Siemensstraße eine sog. „Hygienebox“ aufgestellt werden kann. Hierbei handelt es sich um eine T oilettenanlageeinschließlich Waschmöglichkeit. 2. Die Verwaltung wird zudem gebeten, über Vor- und Nachteile sog. Verrichtungsboxen zu berichten und die Erfahrungen anderer Städte einzuholen einschließlich der mit der Einrichtung solcher Verrichtungsboxen verbundenen Kosten. Die Möglichkeit, in Münster Verrichtungsboxen zur Verfügung zu stellen, soll geprüft werden.“ Die Verwaltung beantwortet die Fragen wie folgt: In Münster findet Straßenprostitution traditionell an der Siemensstraße (verteilt über fast 2 km) statt. An Wochenenden bieten durchschnittlich ca. 15 Frauen (meist bulgarischer Herkunft) und in der Woche ca. 8-10 Frauen dort ihre Dienste an. Bislang fand diese Prostitutionsform praktisch ausschließlich an der Siemensstraße statt. Neuerdings werden allerdings Bestrebungen erkennbar, einen weiteren Standort im Osten von Münster zu nutzen. Die Straßenprostitution wird in Münster ausschließlich von Frauen angeboten, die offiziell selbstständig tätig sind. Dadurch greifen die weitgehenden Regelungen nach der Arbeitsstättenverordnung nicht. So greift u.a. nicht die Pflicht zu Erstellung einer Gefährdungsbeurteilung. Danach hat der Arbeitgeber gem §§ 3, 3a Arbeitsstättenverordnung „Maßnahmen zum Schutz der Beschäftigten … nach dem Stand der T echnik, Arbeitsmedizin und Hygiene festzulegen“. Der Arbeitgeber hat weiterhin dafür zu sorgen, dass Arbeitsstätten so eingerichtet und betrieben werden, dass Gefährdungen für die Sicherheit und Gesundheits- und Veterinäramt 11.08.2022 Ihr/e Ansprechpartner/in: Herr Dr. Schulze Kalthoff T elefon:492-5300 SchulzeKalthoff@stadt- muenster.de - 2 - V/0483/2022 die Gesundheit der Beschäftigten möglichst vermieden und verbleibende Gefährdungen (z.B. Infektionsschutz) möglichst geringgehalten werden. Zu 1. Die Aufstellmöglichkeiten für eine übergangsweise oder dauerhafte Aufstellung einer Hygienebox sind an der Siemensstraße sehr begrenzt und liegen in anderen Zuständigkeitsbereichen innerhalb der Stadtverwaltung und städtischen Ausschüssen. Für eine vorrübergehende Errichtung im öffentlichen Verkehrsraum ist das Ordnungsamt zu beteiligen. Nach erster Einschätzung dürften die dortigen Gehwege allerdings nicht so bemessen sein, dass sie eine derartige Nutzung zulassen. Bei Aufstellung auf einer städtischen Privatfläche sind das Amt für Immobilienmanagement und ggfs. das Stadtplanungsamt sowie das Bauordnungsamt einzubeziehen. Das Amt für Immobilienmanagement teilte dazu inzwischen mit, dass zurzeit keine städtischen Privatflächen zur Aufstellung einer Hygienebox in dem in Frage kommenden Gebiet zur Verfügung stehen. Soweit die Hygienebox fest mit dem Boden verankert werden soll, ist zusätzlich eine Gestattung über das Amt für Mobilität und Tiefbau notwendig. Weiterhin wäre ggfs. die ämterübergreifende Projektgruppe einzubeziehen, die sich mit Fragen zur Vergabe, Bewirtschaftung und Finanzierung von öffentlichen T oilettenbefasst. Nachfolgend werden einige grundsätzlich geeignet erscheinende T oilettensysteme mit Wasch- /Duschgelegenheiten mit ihren jeweiligen Kosten beispielhaft gelistet: Ein Stromanschluss für Licht und eine Frostwächterheizung erscheint in jedem Fall notwendig. Neben Kaufangeboten gibt es auch zahlreiche Möglichkeiten zur Miete oder Leasing (z.B. TS Rental Mobile Solutions aus Münster). Zu 2. „Verrichtungsboxen“ sind abgeschirmte Parkplätze, die einer Garage ähneln und Prostituierten die Möglichkeit bieten, ihre Freier zu bedienen. Die Freier fahren mit ihren Autos in die Box, in der sie vor fremden Blicken geschützt Sex haben können. In der Regel werden Verrichtungsboxen durch sanitäre Einrichtungen für die Prostituierten ergänzt. Auch „Panikknöpfe“ zur Alarmierung gehören zum Standard. Durch einen Notausgang wird dafür gesorgt, dass die Frauen im Notfall Platz haben, das Auto zu verlassen. Erstmals zur Verfügung gestellt wurden diese Einrichtungen 1986 im niederländischen Utrecht mit dem Ziel, den Straßenstrich auf ein kontrolliertes Gelände zu verlagern, zu dem Zuhälter und Drogendealer keinen Zutritt haben. In Deutschland war Köln 2001 die erste Stadt, die das Modell anwendete. Es folgten Bonn, Dortmund und Berlin. Kosten öffentliche Toilettenanlage ~ 150.000 € Bereitstellung (einschl. Strom,- Trinkwasser- und Abwasseranschluss) + Bewirtschaftung und Instandhaltung (derzeit durchschnittlich ca. 17.000 € pro Jahr) TOI TOI & DIXI Sanitärsysteme oder Toilette mit Waschbecken Alternativ: Sanitärcontainer mit Dusche ~ 4.000 € Bereitstellung + tägliche Bewirtschaftung und Instandhaltung ~ 8.000 € Bereitstellung + tägliche Bewirtschaftung und Instandhaltung EcoToilette: Basic_Small + Sonderanpassung ~ 36.000 € Unterhalt pro Jahr (Beispielrechnung Stadt Berlin) - 3 - V/0483/2022 In der Stadt Bonn wurde ein „Verrichtungsgelände“ errichtet, das seitdem das einzige Gebiet der Stadt ist, auf dem der Straßenprostitution nachgegangen werden darf. Es wird behördlich und von einem Sicherheitsdienst überwacht. Bedingung für die Nutzung ist eine eingeführte Sexsteuer. Während die Stadt Dortmund aufgrund von Bürgerprotesten die Verrichtungsboxen entfernt hat, zieht die Stadt Köln eine positive Bilanz und wies dabei darauf hin, dass es für die Prostituierten eine deutliche Zunahme der Gesundheitsvorsorge gebracht habe und sie gleichzeitig weniger Opfer von Gewaltverbrechen würden. In Berlin gehen die Meinungen zur mobilen Mischvariante aus Verrichtungsbox und Öko-T oilette auseinander. Die Doppellösung soll beiden Problemen – Fäkalien und öffentlicher Vollzug – Rechnung tragen. In der „Verrichtungsbox“ ist nicht viel Platz, die sexuellen Handlungen erfolgen hier offenbar im Stehen direkt neben der offenen Bio-T oilette.Aus hygienischer Sicht ein No-Go. Zudem werden die Verrichtungsboxen zum Drogenkonsum missbraucht oder durch Vandalismus oft unbrauchbar. Kostenbeispiele: Köln: ~ 500.000 € pro Jahr für sechs Verrichtungsboxen Berlin: ~ 144.000 € pro Jahr für vier Eco-T oilettenmit Verrichtungsmöglichkeit Eine Verbesserung der hygienischen Verhältnisse und somit der gesundheitlichen Situation für die Prostituierten kann nur erreicht werden, wenn die Anlagen, T oilette oder Verrichtungsbox regelmäßig/engmaschig und zuverlässig gereinigt werden. Die Bewirtschaftung und Instandhaltung der öffentlichen T oiletten in Münster wurde nach einem Vergabeverfahren an die Wall AG übertragen. Der Vertrag mit der Wall AG läuft bis zum Jahr 2023. Aktuell befasst sich eine ämterübergreifende Arbeitsgruppe mit der Neuausschreibung und/oder künftigen Organisation und Ausrichtung. Eine zusätzlich errichtete T oilettenanlagemuss separat vergütet werden. Als Folge der Privatisierung und privaten Finanzierung des T oilettenwesens stellt die Stadt Münster für den Betrieb und die Errichtung öffentlicher T oiletten keine Mittel in den Haushalt mehr ein. T oiletten außerhalb des Vertrags mit der Wall AG müssen daher durch gesonderte Mittel bereitgestellt werden. Reaktionen der Nachbarschaft: Es gibt seit mindestens acht Jahren regelmäßig Beschwerden aus der Anwohnerschaft der Siemensstraße, vor allem in den Sommermonaten, in denen die Prostitution wahrnehmbarer ist. Es gibt einen regelmäßigen Beschwerdeführer, der sich häufiger auch im Namen der Anwohnerschaft an das Ordnungsamt gewandt hat. Zum aktuellen Antrag wurde am 26.05.2022 ein Leserbrief eines Anwohners in den Westfälischen Nachrichten veröffentlicht, der mit der Ankündigung endet, die Anwohnerschaft werde die Aufwertung der Straßenprostitution im Bereich der Siemensstraße nicht klaglos hinnehmen. Im Jahr 2022 sind beim Ordnungsamt bislang etwa zehn Beschwerden eingegangen. Konkreter Anlass sind häufig Ruhestörungen, ergänzend wird aber in der Regel auch der allgemeine Unmut über den Straßenstrich als solchen und die milieutypischen Begleiterscheinungen geäußert. Der Umfang entspricht in etwa dem der Vorjahre, pandemiebedingt Vorteile Nachteile Verbesserung der Hygienebedingungen für die Sexarbeiterinnen Standortsuche aufwändig (Möglicherweise) weniger Gewaltopfer Hohe Anschaffungskosten Definierter Standort Hohe Bewirtschaftungskosten Möglichkeit der Kontrolle Hoher Kontrollaufwand Erhöhung der Attraktivität der Straßenprostitution und damit der Nutzungsfrequenz Niedrige gesellschaftliche Akzeptanz; ggf. Zunahme des bürgerschaftlichen Widerstandes Nur in Verbindung mit Sperrzone im weiteren Stadtgebiet sinnvoll (Gefahr der Abwanderung an anderen Standort) - 4 - V/0483/2022 war es in den Jahren 2020 und 2021 ruhiger. Aktuell ist erneut eine Beschwerde beim Büro des OB eingegangen. Eine Anwohnerin fordert, die Siemensstraße zum Sperrbezirk zu erklären. Für die Festlegung eines Sperrbezirks ist die Bezirksregierung zuständig. In Vertretung gez. Cornelia Wilkens Stadträtin Anlagen: Anlage A Anlage 1, Antrag vom 05.05.2022
Anlage A
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Anlage A zur V/0483/2022 Kurzüberblick Antwort der Verwaltung auf den Antrag an den Ausschuss für Soziales, Gesundheit, Verbraucherschutz und Arbeitsförderung der Fraktionen der Bündnis 90/Die Grünen, der SPD und der Ratsgruppe Volt vom 5. Mai 2022 Prüfung der Errichtung von „Hygieneboxen“ und „Verrichtungsboxen“ auf dem Straßenstrich an der Siemensstraße Ziele/Teilziele/Zielerreichung Ziel ist die Beantwortung der in dem o.g. Antrag von der Politik aufgeworfenen Fragen. Finanzierung Produktgruppe: 0701 Gesundheitsdienste Auswirkungen auf den Ergebnisplan Ja Nein Auswirkungen auf den Finanzplan Ja Nein Im beschlossenen (Nachtrags-)Haushaltsplan JJJJ enthalten? Ja Nein teilw. Im Entwurf des (Nachtrags-)Haushaltsplan JJJJ enthalten? Ja Nein teilw. Belastungen in zukünftigen HH-Jahren? Ja Nein Bereits veranschlagt? Ja Nein Keine finanziellen Auswirkungen sondern nur ein Bericht. Pflichtigkeitsgrad Die Maßnahme/Leistung ist vollständig pflichtig überwiegend pflichtig überwiegend freiwillig X vollständig freiwillig Unmittelbare, grundsätzliche Relevanz für Querschnittsthemen (Demographie, Gleichstellung, Inklusion, Klimaschutz, Migration) Die in dem o.g. Antrag formulierten Fragen wollen die Möglichkeiten zu einer Verbesserung der Situation der auf dem Straßenstrich in Münster tätigen Frauen ergründen. Insofern handelt es sich um Themen, die die Gleichstellung betreffen.
Antrag Verrichtungs- und Hygieneboxen
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Münster, 05.05.2022
Antrag an den Sozialausschuss
1. Die Verwaltung möge prüfen, ob auf dem Straßenstrich an der Siemensstraße eine sog.
„Hygienebox“ aufgestellt werden kann. Hierbei handelt es sich um eine Toilettenanlage
einschließlich Waschmöglichkeit.
2. Die Verwaltung wird zudem gebeten, über Vor- und Nachteile sog.
Verrichtungsboxen zu berichten und die Erfahrungen anderer Städte einzuholen einschließlich
der mit der Einrichtung solcher Verrichtungsboxen verbundenen Kosten. Die Möglichkeit, in
Münster Verrichtungsboxen zur Verfügung zu stellen, soll geprüft werden.
Begründung:
Die Sexarbeiterinnen auf dem Straßenstrich in Münster haben dort keine Möglichkeit, ein WC
aufzusuchen bzw. sich nach dem Geschlechtsverkehr frisch zu machen. Durch die Aufstellung
einer Hygienebox würden die Arbeitsbedingungen der Frauen erheblich verbessert.
Verrichtungsboxen ähneln einem Carport und bieten Prostituierten die Möglichkeit, ihre Arbeit
geschützt vor fremden Blicken zu erledigen. Die Freier fahren mit ihren Autos in die Box, in der
das Geschäft abgewickelt wird. Verrichtungsboxen werden durch sanitäre Einrichtungen für
die Prostituierten und Panikknöpfe ergänzt. Sie bieten den Sexarbeitenden in der
Straßenprostitution Schutz und Sicherheit, die Zahl an Gewaltvorfällen geht deutlich zurück.
Die Situation der Sexarbeitenden wie auch der Anwohnenden kann deutlich verbessert
werden."
gez.
gez. gez. gez.
Sylvia Rietenberg Maria Winkel Tim Pasch
Harald Wölter und Fraktion Helene Goldbeck
und Fraktion und Ratsgruppe
Anlage 6 zur Niederschrift
über die Sitzung des Auschschusses für Soziales,
Gesundheit, Verbraucherschutz und Arbeitsförderung
am 05.05.2022
Beratungsverlauf (2)
Beschluss: zur Kenntnis genommen
Zur SitzungBeschluss: zur Kenntnis genommen
Zur SitzungOrte (1)
- Siemensstraße
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Details
- Aktenzeichen
- V/0483/2022
- Typ
- Vorlagen
- Datum
- 10.08.2022
- Erstellt
- 10.08.2022 09:45