2011/0029
Abschlussbericht zur Befragung der Generation 65plus in Darmstadt-Wixhausen
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2011/0029
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Magistratsvorlage Eingang Magistrats- geschäftsstelle: 18.01.2011 an den Magistrat zur Kenntnis zur Beschlussfassung Beteiligt vor Magistratsbeschlussfassung: Dezernat V an die Stadtverordnetenversammlung OBW zur Befassung zur Kenntnis zur Beschlussfassung zur abschließenden Beschluss- fassung Fachausschuss Amt: Amt für Soziales und Prävention Behandlung in öffentl. Sitzung Ja Nein OBW bei abschl. Beschlussfassung Magistrat Ja Nein Internetfähig Verteiler: Vorlage-Nr. 2011/0029 Magistratsbeschluss-Nr. Betreff: Abschlussbericht zur Befragung der Generation 65plus in Darmstadt-Wixhausen Vorlage vom: 13.01.2011 Beschlussvorschlag: Der Magistrat nimmt den Bericht Alt werden im suburbanen Wohnquartier zur Befragung der Generation 65plus zur Kenntnis. Anlagen: Dokumentation Wixhausen Befragung Datenschutzrelevante Anlage: Beschluss des Magistrats vom 2 ... Begründung zur Magistratsvorlage vom 13.1.2011 Am 8. November 2006 verabschiedete der Ortsbeirat Wixhausen zum Thema „Alt werden in Wixhausen“ einen Antrag an den Magistrat „den Bedarf für ein seniorengerechtes Wohnen in Wixhausen zu ermitteln und ein entsprechendes Konzept zu erarbeiten und vorzulegen“. Aus diesem Antrag entwickelte sich ein umfangreiches Partizipationsprojekt im Stadtteil, bei dem auf unterschiedlichen Ebenen und zu unterschiedlichen Themen gemeinsam mit älteren Menschen, der Politik und der Verwaltung die altersgerechten Strukturen in Wixhausen analysiert und ausgewertet wurden. Im Rahmen des vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend geförderten Projektes “Alter schafft Neues – Aktiv im Alter“ schlossen sich konkrete Umsetzungsschritte an. Der Gesamtverlauf des Projektes Alt werden in Wixhausen wurde dem Magistrat und der Stadtverordnetenversammlung bereits mit Vorlage des Projektabschlussberichtes „Aktiv im Alter – Alt werden in Wixhausen“ zur Kenntnis gegeben (Vorlage-Nr. 2010/0333, Magistratsbeschluss Nr. 395 vom 18.08.2010). Die erfolgreiche Weiterführung des Projektes wird durch den, unter dem Dach des Deutschen Roten Kreuzes, gegründeten Verein „Aktive Senioren Wixhausen“ garantiert. Derzeit ist der Verein mit der Einrichtung und Renovierung der neuen Räumlichkeiten in der Alten Schule in der Ostendstraße beschäftigt. Am 28. Januar 2011 wird die offizielle Eröffnung der Begegnungsstätte stattfinden. Im Rahmen des Gesamtprojektes wurde darüber hinaus in enger Kooperation mit der Technischen Universität Darmstadt, Herrn Dr. Uwe Engfer vom Institut für Soziologie und seinen Studierenden sowie dem Amt für Wirtschaft und Stadtentwicklung eine repräsentative Befragung (Rücklauf ca. 51 %) der über 65-jährigen Wixhäuserinnen und Wixhäuser durchgeführt. Die Dokumentation der Befragungsergebnisse liegt vor und wird in der Anlage zur Kenntnis gegeben. Handlungsempfehlungen für den Stadtteil werden unter Punkt 7 beschrieben. Bereits im Rahmen des Beteiligungsprojektes Alt werden in Wixhausen wurden –auf der Basis der Erfahrungswerte der älteren Menschen im Stadtteil – einige der in der Handlungsempfehlung aufgeführten Punkte aufgegriffen. So wird beispielsweise derzeit die Planung eines seniorengerechten Wohnprojektes bearbeitet und Vertreterinnen und Vertreter der Aktiven Senioren Wixhausen sind in ÖPNV- Verkehrsentwicklungsplanungen eingebunden. Die bereits gegründete Bürgerhilfe der Aktiven Senioren Wixhausen kann ebenfalls als bereits umgesetzte Teil-Konsequenz der Empfehlungen benannt werden, die sich mit infrastrukturellen Maßnahmen insbesondere der Einkaufssituation befassen. Der auf Seite 128 ausgesprochenen Empfehlung „Beim Versuch, die Bedingungen des Altwerdens im Stadtteil zu verbessern, sollte die Einrichtung eines neuen Seniorentreffs deswegen hohe Priorität haben.“ konnte bereits mit dem Einzug der Aktiven Senioren in die Begegnungsstätte in der Alten Schule entsprochen werden (siehe oben). Grundsätzlich sind die Befragungsergebnisse sehr aufschlussreich und als Leitlinie für weitere Maßnahmen sinnvoll. Sie ersetzen selbstverständlich nicht den Dialog mit den älteren Menschen und eine strukturierte Bürgerbeteiligung auf der Grundl age, dass Seniorinnen und Senioren die besten Expertinnen und Experten ihrer eigenen Belange sind. Diese konstruktive Kommunikation wird weiterhin zentrales Instrument künftiger Entwicklungen und Maßnahmen bleiben. Darmstadt, 13.01.2011 Ak Jochen Partsch Stadtrat
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Inhalt
1. Einführung: Demographische Alterung und Raum …………….. 3
1.1 Demographische Alterung als Pr oblem und als Chance …………... 3
1.2 Räumliche Unterschiede der demographischen Alterung …………. 8
1.3 Anlass für die Studie in Darmstadt-Wixhausen ……………………... 16
2. Informationen zum Stadtteil und zur Methode der Umfrage …... 18
2.1 Themen der Befragung und Fragebogenentwicklung ………………. 18
2.2 Der Stadtteil Darmstadt-Wixhausen …………………………………... 22
2.3 Feldarbeiten, befragter Personenkreis und Rücklauf ……………….. 26
2.4 Sozialdemographie der Generation 65plus in Wixhausen …………. 30
3. Wohnung, Wohnungsausstattung, Veränderungswünsche ….. 40
3.1 Objektive und subjektive Indikatoren zur Wohnsituation …………… 40
3.2 Veränderungswünsche zur Wohnsituation…………………………… 50
4. Mobilität, öffentlicher Raum, Nahversorgung ………………..….. 55
4.1 Mobilitätsressourcen …………………………………………………… 57
4.2 Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs ………………………………. 60
4.3 Einkaufen und N ahversorgung ………………………………………… 64
4.4 Aufenthaltsqualität im Stadtteil ………………………………………… 67
5. Aktivitätsformen, Kontakte und Freizeitinteressen ………..…… 75
5.1 Aktivität älterer Menschen als Thema der Politik ……………………. 75
5.2 Soziale Kont akte ………………………………………………………… 78
5.3 Aktivitäten in Organisationen und ehrenamtliche Tätigkeiten ……… 85
5.4 Freizeitinteressen und Nutzung der Angebote ………………………. 93
6. Gesundheit und Hilfebedarf …………………………………………. 106
6.1 Gesundheit und medizinische Versorgung …………………………... 108
6.2 Hilfebedarf, Pflegebedarf und erhaltene Unterstützung …………….. 112
7. Zusammenfassung und Handlungsempfehlungen ……………… 123
8. Literaturverzeichnis …………………………………………………… 130
3
1. Einführung: Demogra phische Alterung und Raum
1.1 Demographische Alterung als Problem und als Chance
Die Tatsache, dass in den entwickelten Ländern die Alterung der Gesellschaft auf
absehbare Zeit kontinuierlich und wahrscheinlich auch beschleunigt voran schreitet,
ist heute allgemein bekannt, und es ist klar, dass es sich dabei um eine Entwicklung
handelt, die der politischen Gestaltung bedarf, wenn negative Folgen dieses demo-
graphischen Prozesses vermieden werden sollen. Die Ursachen der gesellschaftli-
chen Alterung sind demographische Mega-Trends, die nicht erst seit wenigen Jahren
beobachtet werden können, sondern die seit Jahrzehnten, ja seit über einem Jahr-
hundert andauern: zum einen der starke Rückgang der Geburtenrate, zum anderen
die immer weiter steigende Lebenserwartung (vgl. als Überblick Schimany 2003). Die
politische und normative Bewertung dieser Trends ist zwar durchaus kontrovers, aber
zumindest bei der Zunahme der Langlebigkeit wird mehrheitlich die Ansicht vertreten,
dass es sich um eine wünschenswerte Entwicklung handelt, die durch die unter-
schiedlichsten Maßnahmen weiter voran getrieben werden sollte. Der Rückgang der
Kinderzahl wird vielfach weniger positiv beurteilt, aber er beruht letztlich auf den frei-
en Entscheidungen vieler I ndividuen und Familien für ein en Lebensentwurf, in dem
Kinder nicht mehr den gleichen Stellenwert haben wie früher, und die Entscheidung
für ein Kind immer später im Lebenslauf getroffen wird.
In Deutschland wird der Trend zur Alterung der Bevölkerung noch dadurch verstärkt,
dass die Effekte der veränderten Fertilität und Mortalität nicht durch kompensierende
Effekte der Migration ausgeglichen werden. Zwar stabilisiert die Zuwanderung nach
Deutschland den Bevölkerungsstand, und bremst tendenziell den Alterungsprozess,
aber der Effekt ist nicht groß genug, um langfristig den Bevölkerungsrückgang und
das Fortschreiten der Alterung zu verhindern. Auf Basis der 11. Bevölkerungsvo-
rausberechnung des Statistischen Bundesamtes wird ein starker Anstieg des Alten-
quotienten für die nächsten Jahrzehnte prognostiziert: „Im Jahr 2006 entfielen auf
100 Personen im Erwerbsalter (20 bis unter 65 Jahre) 33 Ältere (65 und mehr Jahre).
Im Jahr 2030 wird dieser Altenquotient 50 bzw. 52 und im Jahre 2050 60 bzw. 64
betragen.“ (Grobecker & Krack-Rohberg 2008: 24) Die Zahl der Menschen im Alter
von „65plus“ steigt somit bis etwa Ende der 2030er Jahre von heute 16 Millionen auf
4
etwa 24 Millionen an. Danach nimmt diese Bevölkerungsgruppe wieder ab. Kontinu-
ierlich zunehmen wird allerdings auf absehbare Zeit die Zahl der Menschen im Alter
von 80 und mehr Jahren. Von knapp 4 Milli onen im Jahr 2006 wird sie auf rund 10
Millionen im Jahr 2050 anst eigen. Von der Gruppe „65plus“ werden dann 40% min-
destens 80 Jahre alt sein (ebenda). Vor dem Hintergrund dieser Zahlen wird von ei-
nem „dreifachen Altern der Bevölkerung“ gesprochen: „Darunter versteht man die
Gleichzeitigkeit der Zunahme (1) der absoluten Zahlen älterer Menschen, (2) ihres
Anteils an der Gesamtbevölkerung und (3) die überdurchschnittliche Zunahme des
Phänomens der Hochaltrigkeit.“ (Naegele 2008: 14)
Die immer größer werdende Zahl von älteren Erwachsenen, deren Aktivitäten nicht
mehr von Erwerbstätigkeit, Ausbildung, Familiengründung und andere für jüngere
Erwachsene typische Tätigkeiten geprägt sind, ist traditionell meist als soziales Prob-
lem thematisiert worden. Der Problemdruck zeigt sich sowohl auf individueller als
auch auf gesellschaftlicher Ebene (vgl. Schimany 2003: 375). Individuell müssen alte
Menschen und ihre Familien die mit der zunehmenden Langlebigkeit auftretenden
Probleme bewältigen (Probleme des Alterns), und gesellschaftlich erzwingt die Alte-
rung der Bevölkerung Anpassungsmaßnahmen in der Wirtschaft, in den sozialpoliti-
schen Sicherungssystemen, im Gesundheitswesen, usw. (Probleme der Alterung).
Im Diskurs über diese notwendigen gesellschaftspolitischen Reaktionen auf die Alte-
rung wird dabei häufig betont, dass der Erfolg solcher Anpassungen keineswegs ge-
sichert sei, und es die Gefahr gäbe, dass Wirtschaft, Politik und Gesellschaft hierbei
„überfordert“ seien. Die unabwendbare Tatsache der Alterung wird dann bisweilen zu
einem Bedrohungsszenario umgedeutet und zum Anlass genommen, eine radikale
Reform des deutschen Wohlfahrtsstaatsmodells zu fordern. Unter ähnlich negativen
Vorzeichen wurde in der Vergangenheit häufig auch das Altern der Individuen thema-
tisiert. Alt werden erschien als Verfallsprozess, als Rückzug aus der Gesellschaft,
Niedergang der körperlichen Kräfte und kognitiven Fähigkeiten, als Verarmungspro-
zess in vielen Dimensionen.
In Abgrenzung zu diesem Krisendiskurs über das Altwerden von Individuen und Be-
völkerungen ist in den vergangenen Jahren allerdings auch ein Diskurs über die posi-
tiven Seiten dieses Prozesses, über die Chancen seiner erfolgreichen Gestaltung
und die möglichen Gewinne für die Gesellschaft entstanden. Ausgangspunkt dieser
5
Überlegungen ist die Erkenntnis, dass das Alter nicht mehr eine kurze Phase zwi-
schen dem Ende des Arbeitslebens und dem Tod ist, sondern eine eigenständige
Lebensphase in der Normalbiographie eines Individuums, die als „Ruhestand“ ge-
sellschaftlich fest institutionalisiert ist (vgl. Conrad 1988, Kohli 1985), und die häufig
eine Dauer von mehr als zwei Jahrzehnten aufweist. Die Menschen, die – meist im
Alter von ca. 60 bis ca. 65 Jahren – in diese Lebensphase eintreten, sind in der Re-
gel körperlich und geistig fit, sie haben gegenwärtig meist solide Einkommen, und sie
sind in der Lage, ihre Aktivitäten und ihre Lebensführung aktiv und selbstständig zu
gestalten. Die nach dem biologisch-genetischen Alterns-Programm des Menschen
zwangsläufig zunehmenden Einbußen und Selbstständigkeitsverluste setzen erst
relativ spät ein. Die meiste durch die steigende Lebenserwartung gewonnene Zeit
kann – zumindest theoretisch – aktiv für ein sinnerfülltes Leben mit guter Lebensqua-
lität genutzt werden. Ob und wie diese „Potenziale des Alters“ 1 genutzt werden,
hängt damit sowohl vom Handeln der Individuen selbst ab, als auch von der Art und
Weise wie ihre Lebensbedingungen von den gesellschaftlichen und politischen Ak-
teuren gestaltet werden. Je nachdem wie diese Gestaltungsaufgabe gelöst wird,
können das Altern der Individuen und die Alterung der Gesellschaft mehr oder weni-
ger positiv verlaufen.
Mit dieser Wende vom Negativen zum Positiven im gesellschaftlichen Diskurs über
das Alter ist die Unterscheidung von zwei Phasen des höheren Erwachsenenalters
verbunden: Man spricht häufig vom „dritten“ und „vierten“ Lebensalter, oder von den
„jungen Alten“ und den „alten Alten“ (vgl. für Deutschland: Mayer & Baltes 1996). Die
Grenze zwischen beiden Phasen wird dann häufig beim 75. oder 80. Lebensjahr ge-
zogen. Die problematischen und negativen Seiten des Alters und der Alterung wer-
den dann nur noch im Hinblick auf die „alten Alten“ thematisiert. Zunehmende Funk-
tionseinbußen und Abhängigkeit von fremder Hilfe bedeuteten hohe Belastungen für
1 Die Verwendung des Begriffs „Potenziale des Alters“ korrespondiert mit einem umfassenden Verständnis der
Ressourcen und Entwicklungsmöglichkeiten im Alter. Er ist in sofern dem Begriff „Produktivität des Alters“
vorzuziehen, der die ökonomischen Dimension zu stark betont. Der 5. Altenbericht der Bundesregierung ver-
wendet den Begriff im Titel und will damit folgende Sachverhalte bezeichnen: „Unter ‚Potenzialen des Alters’
sind sowohl vom Individuum oder der Gesellschaft präferierte Lebensentwürfe und Lebensformen, die zur Wirk-
lichkeit werden können, als auch die den älteren Menschen für die Verwirklichung von Lebensentwürfen und
Lebensformen zur Verfügung stehenden Ressourcen zu verstehen. Dabei kann zwischen einer stärker individuel-
len und einer stärker gesellschaftlichen Perspektive differenziert werden. Während aus einer stärker individuel-
len Perspektive die Verwirklichung persönlicher Ziel- und Wertvorstellungen im Vordergrund steht, ist aus ge-
sellschaftlicher Perspektive vor allem von Interesse, inwieweit ältere Menschen zum einen auf Leistungen der
Solidargemeinschaft angewiesen und zum anderen in der Lage sind, einen Beitrag zum Wohl der Solidargemein-
schaft zu leisten.“ (BMFSFJ 2005: 28)
6
betreuende Familienmitglieder oder hohe gesellschaftliche Kosten, und auch für die
„alten Alten“ selbst seien die gewonnenen Jahre möglicherweise Jahre mit geringer
Lebensqualität. Hochaltrigkeit wird so zum sozialen Problem stilisiert.
Gänzlich anders stellt sich die Situation der Personen im „dritten“ Lebensalter, also
der etwa 60-80jährigen, dar. In vielen empirischen Studien ist für diesen Personen-
kreis eine sehr positive Situationseinschätzung gegeben worden: Kognitiv und psy-
chisch sind sie voll funktionsfähig; ihr Gesundheitszustand unterscheidet sich nicht
wesentlich von Erwachsenen im Erwerbsfähigkeitsalter; in den Ehen, Lebenspartner-
schaften und den familiären und freundschaftlichen Netzwerken gibt es noch wenig
Verlusterfahrungen; die materielle Situation ist meist zufrieden stellend, und potentiell
wären sie häufig in der Lage, noch produktive Tätigkeiten zu verrichten. In der zeitli-
chen Abfolge der empirischen Studien zeigt sich darüber hinaus, dass das Bild dieser
Altergruppe mit jedem in den Ruhestand nachrückenden Jahrgang in vieler Hinsicht
immer positiver wird. Die neuen Alterskohorten sind tendenziell noch gesünder, noch
besser gebildet, materiell noch besser abgesichert usw.2.
Vor diesem Hintergrund wird die Kategorie der „jungen Alten“ zunehmend als Chan-
ce begriffen. Die produktiven Tätigkeiten, die sie im Bereich der Freiwilligenarbeit,
des Ehrenamtes und der informellen Hilfenetzwerke leisten, werden stärker beachtet
und anerkannt. Die Gesundheits- und Seniorenwirtschaft, die Tourismusindustrie und
viele andere Wirtschaftsbranchen entdecken sie als potente Konsumentengruppe,
die Wirtschaftswachstum generiert und für die innovative Produkte entwickelt werden
können. Zudem werden die „jungen Alten“ heute zunehmend auch als Erwerbstätige
wieder interessant. Angesichts drohenden Arbeitskräftemangels und finanzieller
Probleme der Sozialleistungssysteme aktiviert die Heraufsetzung der Ruhestands-
grenze sie als Berufstätige, Steuer- und Beitragszahler, und nach Überschreiten der
neuen Ruhestandsgrenzen bleiben sie interessant als Reservoir für flexible Mini-
Jobber und berufserfahrene Freelancer.3
2 Wie lange dieser Trend noch anhält, ist – zumindest im Hinblick auf die finanzielle Absicherung – unklar. Es
gibt Anzeichen dafür, dass die finanzielle Situation im Alter für die heute jüngeren Erwerbstätigen schlechter
werden wird (vgl. Schmähl 2008).
3 Die Entdeckung der „jungen Alten“ und die daran anknüpfenden gesundheitswirtschaftlichen, sozialpoliti-
schen, wissenschaftlichen und arbeitsmarktpolitischen „Aktivierungsstrategien“ werden zunehmend auch sehr
kritisch analysiert. Ihr Kennzeichen ist häufig, dass Verhaltensnormen, die bislang nur für Menschen im jünge-
ren und mittleren Erwachsenenalter galten, auf die älteren Erwachsenen übertragen werden. An die „jungen
Alten“ werden Leistungsansprüche gestellt, sie werden in die Pflicht genommen, und – wenn sie die gesell-
7
Angesichts der Plastizität der Altersphase und angesichts der unterschiedlichen öko-
nomischen, kulturellen, familiären, lokalen regionalen Ausgangslagen ist nicht zu er-
warten, dass es in den nächsten Jahren zu mehr Einheitlichkeit der Lebensbedin-
gungen in diesem Abschnitt des Lebenslaufs kommen wird. Ganz besonders trifft das
für das „dritte“ Lebensalter zu. Stattdessen ist es viel wahrscheinlicher, dass die He-
terogenität der älteren Generation zunehmen wird. Soziale Ungleichheiten im Hin-
blick auf Bildung, Erwerbsbiographie, Familiensituation, Gesundheitsstatus, Einkom-
men und Vermögen, Migrationshintergrund und viele andere Faktoren, die sich wäh-
rend der ersten Phasen des Lebenslaufes heraus gebildet hatten, werden sich im
Alter nachhaltig im Positiven wie im Negativen auswirken. „Keine Altersgruppe ist in
sich heterogener als die Gruppe der Alten.“ (Häußermann 1996: 48) Ähnlich argu-
mentieren Beetz et al. (2009): „Entgegen den landläufigen Vorstellungen vom Altern
nehmen die individuellen Unterschiede mit dem Alter zu, so dass die Kategorie Alter
für sich allein genommen wenig aussagekräftig ist und nicht die jeweilige Lebenssitu-
ation voraussagen kann… Die Pluralisierung der Lebenslagen Älterer verstärkt sich
eher.“ (S. 16)
Die räumliche Dimension des Alterungsprozesses dürfte für die Heterogenisierung
dieser Bevölkerungsgruppe dabei von großer Bedeutung sein. Denn zum einen ist
die räumliche Umgebung außerordentlich wichtig für das Gelingen oder Misslingen
des Projektes „Erfolgreich Altern“; das ist das zentrale Thema der Ökologischen Ge-
rontologie (vgl. Lawton 1986, Saup 1993, Wahl, Mollenkopf & Oswald 1999, Friedrich
1995, Robert 2002). Und zum anderen reagieren die ökonomischen, gesellschaftli-
chen und politischen Akteure vor Ort unterschiedlich sensibel auf die mit der Alterung
einher gehenden Gestaltungsanforderungen. Vor diesem Hintergrund gibt es einen
wachsenden Bedarf an möglichst aktuellen und lokal-spezifischen Bestandsaufnah-
men zur Lebenssituation der ortsansässigen Seniorengeneration.
schaftlichen Erwartungen nicht erfüllen (können) – werden sie tendenziell diskriminiert. Wichtige Beiträge zur
Kritik der Aktivierungsdiskurse (aus der US-amerikanischen und der deutschen Diskussion) sind versammelt in
Van Dyk & Lessenich (2009).
8
1.2. Räumliche Unterschiede der demographischen Alterung
In der Demografie und in der Sozialgeografie werden sehr unterschiedliche Indikato-
ren verwendet, um räumliche Differenzen des Prozesses der Alterung zu beschrei-
ben.4 Gebräuchlich sind Mittelwerte („Durchschnittsalter in XY“), Anteile („Prozent-
satz der 65 jährigen und älteren in XY“) und Quotienten (z. B. „Anteil der 60jährigen
und Älteren bezogen auf die Personen im erwerbsfähigen Alter von 15-64 Jahren“ =
Altenquotient). Gemessen werden dabei sowohl das Niveau der Alterung als auch
die Veränderungen des Niveaus zwischen bestimmten Zeitpunkten. Man kann also
Regionen mit hohem Altersdurchschnitt von Regionen mit niedrigem Bestand an Äl-
teren unterscheiden, und zusätzlich beide Raumtypen danach, ob sie eher schnell
oder eher langsam altern.
UNTERSCHIEDLICHE „ALTERNDE RÄUME“
Die Abbildung 1.2.15 zeigt beispielhaft das Niveau der demografischen Alterung in
Deutschland im Jahre 2005 für die unterschiedlichen „Kreisregionen“ beschrieben mit
dem Indikator „Anteil der 65jährigen und Älteren“. Besonders alte Räume sind nach
Aussage dieses Indikators Teile der Ostseeküste von Schleswig-Holstein, die Lüne-
burger Heide, das Erzgebirge, Teile von Rheinland-Pfalz, Teile von Niedersachsen
und Sachsen-Anhalt sowie die Region um Garmisch-Partenkirchen.
Abbildung 1.2.2 zeigt für den Indikator „Anteil“ demgegenüber die prozentuale Ver-
änderung dieses Indikators im Zeitraum 1995 bis 2005. Sichtbar wird also nicht das
Niveau der Alterung, sondern die Schnelligkeit des Alterungsprozesses. In dieser
Darstellung wird sichtbar, dass insbesondere das Umland von Berlin, die küstenna-
hen Regionen von Mecklenburg-Vorpommern, das Umland von Hamburg und Bre-
men sowie generell die peripheren Regionen um die Kerne der Metropolregionen
besonders schnell alternde Räume sind.
4 Wenn in diesem Bericht von „Raum“ und „räumlich“ die Rede ist, dann wird ein alltagsnaher Raum-Begriff
zugrunde gelegt, der ein abgegrenztes, größeres oder kleineres Territorium, an einer bestimmten Stelle der Erd-
oberfläche bezeichnet. In diesem Sinn spricht man etwa vom „Mittelmeerraum“ oder vom „Raum Darmstadt“.
Für die deskriptive Übersicht, um die es im Folgenden allein geht, ist dieses Raum-Konzept völlig ausreichend.
Neuere Sozialraum-Konzepte, die man für gesellschaftsthe oretische und sozialgeographische Analysen benötigt
(vgl. Löw 2001), bleiben hier unberücksichtigt.
9
Abbildung 1.2.1 Am stärksten gealterte Regionen
Abbildung 1.2.2 Besonders schnell alternde Regionen
5 Die graphischen Darstellungen in Abb. 1.2.1 und Abb. 1.2.2 sind eigene Berechungen auf Basis der vom Bun-
desinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBS R) veröffentlichte Datenbank INKAR 2009 (Indikatoren
zur Raumforschung 2009).
10
Weder die zeitraumbezogenen noch die zeitpunktbezogenen Indikatoren geben Aus-
kunft über die Ursachen der demographischen Alterung. Umfang und Struktur (ins-
besondere die Altersstruktur) einer Bevölkerung werden durch drei Faktoren be-
stimmt: die Geburtenentwicklung (Fertilität), die Sterblichkeit (Mortalität) und die
Wanderungen der Bevölkerung (Migration). Bei großräumiger Betrachtung, insbe-
sondere auf der Ebene des internationalen Vergleichs ist der Geburtenrückgang die
wichtigste Ursache der demografischen Alterung, insbesondere wenn die Geburten-
ziffer (so wie in Deutschland) weit unter den Wert für den Bestandserhalt gefallen ist.
Auf dieser Ebene des großräumigen Vergleichs ist der Anstieg der Lebenserwartung
(oder: das Sinken der Sterblichkeit in den höheren Altersjahrgängen) die zweitwich-
tigste Ursache des demografischen Alterns. Auch hier ist der langfristige lineare Auf-
wärtstrend in Ländern wie Japan, Italien oder Deutschland ungebrochen.
Bei diesen beiden Bedingungsfaktoren (Fertilität und Mortalität), gibt es zwar regiona-
le Unterschiede im innerdeutschen Vergleich, aber insgesamt sind keine allzu drama-
tischen Differenzen festzustellen. Alle Regionen unterliegen in ähnlicher Weise die-
sem langfristigen, für Deutschland spezifischen Trend der natürlichen Bevölkerungs-
bewegung. Je kleinräumiger allerdings die Untersuchung angelegt ist, desto größer
werden tendenziell die Unterschiede, weil sich die großen Trends teils überlagern
und verstärken, teils gegenseitig kompensieren, vor allem aber weil die Migration als
Bestimmungsfaktor der Alterung stark in den Vordergrund rückt. Mit Blick auf die Mig-
ration als Ursache der demografischen Alterung lässt sich eine stärker ursachenori-
entierte Typologie von „alternden Räumen“ entwickeln. Unter sonst gleichen Um-
ständen altern Regionen insbesondere dann, wenn (1.) Jüngere überproportional
wegziehen, wenn (2.) die natürliche Alterung nicht durch den Zuzug von Jüngeren
kompensiert wird, oder wenn (3.) Ältere überproportional zuziehen.
Quantitativ ist die Binnenwanderung der Jüngeren ein viel bedeutsamerer Einfluss-
faktor als die Migration der Älteren. Dies liegt an der starken „Altersselektivität“ von
Migrationsprozessen generell. Überall nehmen Jüngere wegen ihrer Ausbildung, we-
gen der Heirat oder aus beruflichen Gründen in stärkerem Ausmaß Ortswechsel vor
als die Älteren. Aus diesem Grund ist der erste Typ von alterndem Raum, die Alte-
rung durch den Wegzug der Jüngeren , vermutlich der quantitativ wichtigste Typ. Bei-
spiele für diese Art von Alterung finden sich in vielen Ländern. Bekannt sind insbe-
11
sondere zwei Phänomene. Zum einen Dörfer im ländlichen Raum, aus denen im Zu-
ge der Industrialisierung und Urbanisierung die Jungen fortziehen und nur die Älteren
zurück bleiben. Zum anderen innerstädtische Altbaugebiete, die zeitweise im Zuge
der großen Suburbanisierungswelle in den 1960er bis 1980er Jahre einen ähnlichen
Exodus der jüngeren und ökonomisch aktiven Bevölkerungsteile erlebten. In der Ge-
genwart gibt es Wanderungen dieses Typs vor allem als innerdeutsche Ost-West-
Wanderung unter der insbesondere die wirtschaftlich strukturschwachen Regionen in
den östlichen Bundesländern leiden (vgl. Kemper 2003).
Der zweite Typ wanderungsbedingter demographischer Alterung sind die Räume, in
denen Ältere zuwandern. In erster Linie ist hier an die klassische Ruhestandswande-
rung, wie sie seit Jahrzehnten in den USA zu beobachten ist, zu denken. Nach dem
Abschluss ihrer Erwerbstätigkeit verlassen die Ruheständler die bisherigen Wohnorte
und ziehen in klimatisch günstigere, landschaftlich und infrastrukturell attraktivere
oder auch einfach preisgünstigere Gegenden (Longino 1995, Hennig 2003). Wenn –
wie in den USA zu beobachten – die wirtschaftlichen Chancen der „retirement migra-
tion“ systematisch genutzt werden, dann entstehen hochgradig alters-segregierte
Siedlungstypen des „older adult living“ in Rentnersiedlungen, in denen jüngere Per-
sonen nicht dauerhaft wohnen dürfen (Haas & Serow 2008). Auch in Europa gibt es
deutliche Tendenzen für einen quantitativen Bedeutungsgewinn der Alten- und der
Ruhestandsmigration insbesondere in England, den Niederlanden und den skandi-
navischen Ländern. In Deutschland gibt es diese Art von Migration nur auf einem
relativ niedrigen quantitativen Niveau, aber sie trägt in bestimmten Regionen und in
einzelnen Gemeinden deutlich zur demographischen Alterung bei. Der klassische
Fall ist die Zuwanderung der Älteren in Gemeinden, die stark durch Fremdenverkehr
und Kurwesen geprägt sind, der Umzug in die landschaftlich schönen Gebiete an
Ost- und Nordseeküste, im Alpenvorland oder aber der Umzug in die Erholungsge-
biete im relativen Nahbereich der größten städtischen Verdichtungsräume (Janich
1991, Friedrich 2008). Da die Richtung der Ruhestandsmigration überall gleich ist:
heraus aus den Kernbereichen der Metropolen und größeren Städte in die nahe ge-
legenen aber peripheren Räume, in weiter entfernte ländliche Gebiete oder sogar in
ausländische Tourismusgebiete, hat man sie auch als „counter-urbanization“ (also:
Umkehr der Urbanisierung) zu beschreiben versucht (Kontuly et al. 1986). Neuer-
dings gibt es Hinweise, dass diese Form der demografischen Alterung insbesondere
12
dort stattfindet, wo es auch Alterungsprozesse des zuvor genannten Typs gibt: So ist
Mecklenburg-Vorpommern z.B., wenn nur die älteren Jahrgänge betrachtet werden,
ein Zuwanderungsland! (Hoffman & Kraftczyk 2008) Freilich ist kaum zu erwarten,
dass die Abwanderung Jüngerer durch die Ruhestandsmigration kompensiert werden
könnte. Auch die schnelle Alterung des Berliner Umlandes ist zu einem guten Teil der
„Stadtflucht“ der älteren Erwachsenen zu verdanken (Goltz & Born 2005).
Zum dritten Typ von alterndem Raum gehören Regionen, die geographisch schwer
zuzuordnen sind. Es sind Räume, in dene n das Niveau der W anderungen sehr ge-
ring ist, in denen die Effekte der natürlichen Bevölkerungsbewegung (Langlebigkeit,
Geburtenrückgang) ausgeprägt zum Tragen kommen. Jüngere finden vor Ort wirt-
schaftliche und soziale Verhältnisse vor, die nicht als „push factor“ für eine Abwande-
rung wirken. Ältere haben in diesen Räumen starke Wurzeln geschlagen und haben
ebenfalls keine Anreize, fort zu ziehen. Solche Räume gibt es vermutlich vorwiegend
in den westlichen Bundesländern, wo zwar die wirtschaftlichen und sozialen Verhält-
nisse stabil und zufriedenstellend sind, die umfangreiche Bautätigkeit und der Bevöl-
kerungszuwachs jedoch der Vergangenheit angehören. Viele der suburbanen, durch
hohe Anteile von Eigentümerhaushalten geprägten Stadtteile am Rande der Groß-
städte und selbstständige Gemeinden in den Verdichtungsgebieten der Stadtregio-
nen dürften zu diesem Typ von alterndem Raum gehören. Familien, die in den
1960er und 1970er Jahren hier ansässig geworden sind, „altern am Platz“ (aging in
place), und Zu- und Abgänge im Bevölkerungsbestand durch Migration sind gering.
ALTERUNG DES SUBURBANEN RAUMS
Betrachtet man die demographische Alterung aus Sicht der Stadtforschung und ver-
sucht, die zentralen Aspekte des räumlichen Niederschlags dieser Prozesse auf den
Begriff zu bringen, dann kann man mit Walther (2007) drei Punkte besonders heraus
heben: „Ruhestandswanderungen, Randalterung und die Verinselung des Alterns in
den Städten“ (ebenda S. 278). Quantitativ und im Hinblick auf mögliche Folgeprob-
leme ist dabei die Ruhestandswanderung der Punkt, der politisch, als „Gestaltungs-
aufgabe“, am wenigsten Brisanz besitzt. Zum einen hat die annehmlichkeitsorientier-
te Ruhestandswanderung in Deutschland nicht annähernd die quantitative Relevanz,
die sie z. B. in den USA ha t, und zum anderen gehören die mobilitätsorientierten und
veränderungsbereiten Träger dieser Entwicklung vermutlich zu den ressourcenstar-
13
ken Haushalten, die gut in der Lage sind, die Angebote der einschlägigen Immobi-
lien-, Waren- und Dienstleistungsmärkte zu nutzen.
Problematisch könnten eher die beiden anderen Phänomene werden, die beide mit
der Immobilität der Älteren zusammen hängen. Die „Verinselung“ der Alterung meint
dabei die erhöhte Sesshaftigkeit der Älteren (u. U. in Verbindung mit einer ausge-
prägten Abwanderung Jüngerer) in den Großwohnsiedlungen der 1970er Jahre, in
homogenen Einfamilienhaussiedlun gen oder auch in unsani erten Altbauquartieren.
Wenn – wie zu erwarten – die Bevölkerung in di esen Wohnlagen durch den Baube-
stand „durchaltert“, muss politisch möglicherweise sehr sensibel auf sehr kleinräumi-
ge Differenzen des Alterungsprozesses reagiert werden (Walther 2007: 279).
Vor allem aber erscheint die „Randalterung“ oder die „suburbane Alterung“ gleichzei-
tig als unabwendbar und potentiell problematisch, als gerontologische Herausforde-
rung. Schon 1993 hieß es in einer Expertise zum Zweiten Altenbericht der Bundesre-
gierung mit Blick auf die Menschen im „vierten“ Lebensalter: „Die Suburbanisierung
des Alterungsprozesses in den alten Ländern erzeugt Problemdruck zwar nicht in
unmittelbarer Zukunft, dafür aber nach dem Jahr 2000 mit umso größerer Gewiss-
heit. Denn dann wächst die Zahl der Hochbetagten kräftig. Gegenüber dem Jahres-
ende 1993 wird die Zahl der Hochbetagten in den hochverdichteten Umlandkreisen
bis zum Jahr 2010 um 40% zunehmen, in den Kernstädte n dagegen ‚lediglich’ um
16%“. (Bucher, Kocks & Siedhoff 1998) Potentiell problematisch wird die Situation
dadurch, dass die räumliche Umwelt nicht mehr zur gealterten Bevölkerung passt.
Die in einem früheren Lebensabschnitt in den 1960er, 1970er Jahren getroffenen
Wohnstandortentscheidungen er weisen sich u. U. in s päteren L ebensphasen als
suboptimal. Bucher, Kocks & Siedhoff (1998 : 19) beschreiben das Problem der nach
Suburbia ausgewanderten Städter: „Die Wohnungswanderer suchen ein familien-
freundliches und naturnahes Wohnumfeld mit geringen ökologischen Belastungen,
dafür in Kauf genommen werden schlechtere Infrastrukturversorgung, ungünstigere
Erreichbarkeiten, eine stärkere Abhängigkeit von der individuellen Mobilität mit dem
PKW, höhere Zeit/Wegekosten, eine Veränderung des Zeitbudgets der Familienmit-
glieder. Während ihres Lebensverlaufs kann sich für die Bewohner die Bedeutung
dieser Faktoren ve rschieben: Ein familienfreundliches Umfeld muß nicht notwendi-
gerweise auch altenfreundlich sein.“ Ähnlich argumentiert Häußermann (1996: 57):
14
„Die suburbanen Einfamilienhausgebiete sind strukturell auf einkommensstarke, mo-
bile und autarke Haushalte zugeschnitten. Für immobile und auf Di enstleistungen
angewiesene Personen können sie zu einer Falle werden.“ Mit durchaus kritischen
Untertönen wird darauf hingewiesen, dass die in den zurück liegenden Jahrzehnten
zu beobachtende Funktionstrennung in den großen Städten sich nun gegen diejeni-
gen wendet, die zu den voran treibenden Kräften dieser Entwicklungen zählten (vgl.
auch Hochstadt 2008). Die suburbanen Städter praktizierten einen Lebensstil, der
dadurch gekennzeichnet war, dass für alle Aktivitäten, für Erwerbsarbeit, für Einkäu-
fe, für Kinderbetreuung, für Freizeitvergnügungen große Distanzen meist mit dem
Auto zurückgelegt werden mussten. Auf kleinräumige Vielfalt und dezentralisierte
Infrastrukturen und auf engmaschige soziale Netze im Wohnquartier war man nicht
angewiesen. Im Alter, wenn die Distanzempfindlichkeit wegen der höheren Mobili-
tätsbarrieren steigt, werden dann die negativen Konsequenzen dieser Lebensweise
offenbar. Vor diesem Hintergrund ist der alternde suburbane Raum möglicherweise
eine besondere Herausforderung für die Stadt- und Regionalentwicklung sowie die
kommunale Altenhilfe und Seniorenpolitik (vgl. auch Schreiner & Holz-Rau 2002).
FORSCHUNGSDEFIZITE ZUM THEMA: ALTWERDEN AM STADTRAND
Die Herausforderungen durch die demographische Alterung sind in der raumbezoge-
nen Forschung und in der Stadtentwicklungspolitik seit Jahrzehnten ein wichtiges
Thema. In ihrer Übersicht zu den Modellprogrammen und konzeptionellen Ansätzen
zu diesem Thema zeichnen Kreuzer & Scholz (2008) diese Entwicklung nach. Sie
beginnt mit Kritiken an der Wohnform des Altenheims in den 1960er und 1970er Jah-
ren, führt über die „Entdeckung“ der weiteren räumlichen Umwelt älterer Menschen in
den 1980er Jahren zum ExWoSt-Forschungsfeld „Ältere Menschen und ihr Wohn-
quartier“ (1988-1993) mit 21 Modellvorhaben in unterschiedlichen Gebietstypen
(BMRBS 1995). Weiterentwickelt werden die Ansätze zur Entwicklung moderner, se-
niorengerechter Wohnf ormen und Infrastrukturen im M odellprojekt „Selbstbestimmt
Wohnen im Al ter“ (1998-2001) des Bundesministeriums für Fa milie, Senioren, Frau-
en und Jugend. Seit Anfang des 21. Jh. nehmen sich dann in schneller Folge immer
mehr Forschungsinstitute, Stiftungen und Akteure der Seniorenpolitik des Themas an
(vgl. Kreuzer & Scholz 2008: 71ff.) Der suburbane Raum, der von Beginn der Subur-
banisierungsbewegung an vielfach kritisch betrachtet wurde, erweist sich dabei er-
neut als eine mögliche Problemregion in einer gealterten Gesellschaft.
15
Die Forschung zum Thema „Demographischer Wandel und suburbanisierter Raum“
ist seither spürbar in Gang gekommen. So hat das Bundesministerium für Verkehr,
Bau und Stadtentwicklung eine Untersuchung „Strategien für Wohnstandorte an der
Peripherie der Städte und in Umlandgemeinden“ in Auftrag gegeben und 2009 erste
Ergebnisse veröffentlicht (BMVBS/BBSR 2009). Ausgangspunkt ist die Tatsache,
dass im Zeitraum von 1961 bis 1980 rd. 10 Mio. Wohnungen, also etwa ein Drittel
des westdeutschen Bestands errichtet wurden, und diese Wohnungen nur zum klei-
nen Teil in der Kernstadt liegen, zum größeren Teil jedoch in homogenen Quartieren
am Stadtrand oder im Umland. Die Bausubstanz ist dabei völlig unterschiedlich. Es
gibt Quartiere mit hohem Anteil von Geschosswohnungsbau und Wohnhochhäusern,
reine Ein- und Zweifamilienhausgebiete und Quartiere, in denen die Bausubstanz
stärker gemischt ist, aber di e Ein- und Zweifamilienhäuser in der Regel dominieren.
„Während die Handlungsbedarfe der hochverdichteten Großwohnsiedlungen der
1960er und 1970er Jahre in der Vergangenheit bereits in zahlreichen Untersuchun-
gen thematisiert wurden, standen die gemischten Wohnquartiere mit einem hohen
Anteil an Einfamilienhausbebauung der 1960er und 1970er Jahre am Rand der Städ-
te bislang nicht im Fokus der quartiersbezogenen Forschung.“ (ebenda S. 16) Wie
sich die demographische Alterung in diesen – wohnungsmarktpolitisch eher weniger
brisanten – Quartieren darstellt, ist völlig unzureichend erforscht.
In diesem Zusammenhang kritisieren die Autor(inn)en eine bemerkenswerte Verzer-
rung des Diskurses über das Thema „Alter und Stadt“. Der Fokus der quartiersbezo-
genen Forschung liege nicht auf den suburbanen Quartieren, sondern kreise um
„Renaissance der Stadt“ oder „Reurbanisierung“ also vermeintlichen Entwicklungen,
für die es keinerlei empirische Belege gibt. (BMVBS/BBSR 2009: 16f.) Alle vorliegen-
den empirischen Untersuchungen stimmen im Gegenteil darin überein, dass es so-
wohl bei der Gesamtbevölkerung als auch speziell bei der Ruhestandsmigration wei-
terhin einen – wenn auch abgeschwächten – Trend zur Suburbanisierung gibt (in
Deutschland).
Ob die Situation in den suburbanen Quartieren so problematisch für das Altwerden
ist, wie oft behauptet wird, ist eine offene Frage. Zu ihrer Beantwortung sind in jedem
Fall weitere Untersuchungen nötig, denn bislang ist die These, dass die Älteren zu-
rück in die Städte ziehen, eine reine Behauptung, die zum Teil dem in der Politik, in
16
den Medien und in der Wissenschaft vorherrschendem Wunschdenken entsprungen
ist. Die Untersuchung im Stadtteil Darmstadt-Wixhausen versteht sich als ein Beitrag,
die Forschungsdefizite in diesem Bereich abzubauen. Präsentiert werden die Ergeb-
nisse einer Befragung in der die älteren Erwachsenen ab 65 („65plus“) Auskunft über
ihre Wohnsituation, die Beurteilung ihres Stadtteils, ihre Aktivitäten und ihren Hilfe-
bedarf geben sollten.
1.3 Anlass für die Studie in Darmstadt-Wixhausen
Die in Darmstadt ansässige Schader-Stiftung (http://www.schader-stiftung.de
) hat
sich zum Ziel gesetzt, den Dialog zwischen Gesellschaftswissenschaften und Praxis
zu fördern. Im Rahmen dieser Zwe cksetzung nehmen die Themen „Stadtentwick-
lung“ und „Demographischer Wandel“ seit geraumer Zeit einen zentralen Platz ein. In
diesem Themenfeld veranstaltete die Schader-Stiftung 2008-2009 u. a. einen bun-
desweiten Forschungswettbewerb zum Thema „Alternde Räume. Infrastruktur und
Nahversorgung“
6 Teilnehmen konnten an diesem Wettbewerb Lehrforschungsprojek-
te an Hochschulen, die an einer konkreten Fallstudie einen Aspekt des Problems der
demographischen Alterung aufgreifen wollten, um Handlungsanleitung zur Problem-
lösung zu erarbeiten. Der Wettbewerb wurde im Juni 2009 mit der Preisverleihung
und einer Fachtagung beendet.
Neben den in der Regel bundesweiten Aktivitäten zur Förderung des Dialogs zwi-
schen Gesellschaftswissenschaften und Praxis organisiert die Schader-Stiftung auch
ein lokales Dialog-Forum: Die „Darmstädter Runde“. Hier führt die Stiftung unter ihrer
Moderation in wechselnder Zusammensetzung Expertinnen und Experten aus der
lokalen Politik, der Stadtverwaltung, den Darmstädter Hochschulen und Forschungs-
instituten sowie der (Wohnungs-)Wirtschaft zusammen, um zu einem speziellen
Thema Kooperationen zwischen Praxis und Wissenschaft zu initiieren. Den For-
schungswettbewerb „Alternde Räume“ begleitend, befasste sich die Darmstädter
Runde daher in den Jahren 2008-2009 vor allem mit Fragen der demographischen
Alterung im lokalen Kontext.
6 http://www.schader-stiftung.de/docs/ergebnisbericht_veranstaltung.pdf; http://www.alternde-raeume.de/;
http://www.schader-stiftung.de/docs/pressemitteilung_alternde_raeume_220609.pdf . Der Wettbewerb fand im
Rahmen der Initiative „Nationale Stadtentwicklungspolitik“ statt und wurde vom Bundesminister für Verkehr,
Bau und Stadtentwicklung gefördert.
17
In dieser Runde wurde dann auch die Idee geboren, mit einem Lehrforschungspro-
jekt der Technischen Universität Darmst adt (Forschungsschwerpunkt Stadtforschung
/Institut für Soziologie) das Altwerden in einen suburbanen Stadtquartier zu untersu-
chen, das erst Ende der 1970er Jahre eingemeindet worden war: den Stadtbezirk
Darmstadt-Wixhausen. Das Lehrforschungsproje kt beteiligte sich (wie das andere in
Darmstadt angesiedelte Lehrforschungsprojekt außer Konkurrenz) am Wettbewerb
„Alternde Räume“, begann aber erst Ende 2008 mit der Arbeit und wurde erst Ende
2009 abgeschlossen.
Das Lehrforschungsprojekt war zudem eng abgestimmt mit einem gleichzeitig (Okto-
ber 2008 bis Dezember 2009) laufenden Projekt der Wissenschaftsstadt Darmstadt
„Aktiv im Alter – Alt werden in Wixhausen“. Dieses Projekt ging zurück auf die Initiati-
ve einer Partei im Stadtteil, wurde dann überparteilich aufgegriffen, vom Magistrat
der Wissenschaftsstadt Darmstadt beschlossen und aus Mitteln des Programms „Al-
ter schafft Neues – Aktiv im Alter – Wie wollen wir morgen leben?“ des Bundesminis-
teriums für Familie, Senioren, Frauen u nd Jugend finanziell gefördert. Im Rahmen
dieses Projektes wurden Experten-Anhörun gen und mehrere große öffentliche Ver-
anstaltungen mit den Bürgerinnen und Bürgern im Stadtteil durchgeführt, es wurde
damit begonnen, eine Altenhilfeplanung für den Stadtteil zu erarbeiten, und vor allem
gründeten sich im Verlauf des Projektes Arbeitsgruppen zu Themen, die sich auf den
Bürger-Foren als besonders wichtig für den Stadtteil heraus gestellt hatten. Aus der
Perspektive dieser Projektaktivitäten, war die Lehrforschung eine externe zusätzliche
Situations- und Bedarfsanalyse, wie sie wenige Jahre zuvor für einen anderen Stadt-
teil schon einmal von der Universität Heidelberg durchgeführt worden war (vgl. Hie-
ber et al. 2006).
18
2. Informationen zum Stadtte il und zur Methode der Umfrage
2.1 Themen der Befragung und Fragebogenentwicklung
Die Hinweise auf den Entstehungskontext der Untersuchung sollten deutlich gemacht
haben, dass hier nicht über eine rein akademische, mit langem theoretischen Vorlauf
konzipierte und in vollem Umfang aus Forschungsförderungsmitteln finanzierte Stu-
die berichtet wird, sondern über ein mit geringem Etat ausgestattetes Kooperations-
projekt von Stadtverwaltung und Universität, das sehr schnell in Gang gebracht wer-
den musste und das in allen Phasen der Durchführung auch stark von Erfordernissen
der „Praxis“ geprägt worden ist. Diese Praxisbezüge bestanden in zweierlei Hinsicht:
Zum einen handelte es sich um eine Lehrveranstaltung, in der 38 Studierende lernen
konnten, wie das in theoretischen Methodenveranstaltungen erworbene Wissen prak-
tisch umgesetzt werden kann, um innerhalb eines engen Zeitrahmens belastbare
empirische Informationen zu erheben. Der Forschungsprozess musste deshalb auch
auf die praktischen, organisatorischen und didaktischen Erfordernisse der Lehre
Rücksicht nehmen. Zum anderen gab es da s parallel laufende kommunalpolitische
Projekt mit der Zielsetzung, eine innovative Form der Altenhilfeplanung zu entwi-
ckeln. Hier waren der Informationsbedarf der Verwaltung und Anregungen aus der
Bürgerschaft zu berücksichtigen. Die grundsätzliche Entscheidung, die Situations-
analyse mit Hilfe einer schriftlichen Befragung vorzunehmen, war schnell getroffen;
denn mehrere Gründe sprachen dafür: Die Stadtverwaltung hatte mit diesem Instru-
ment bei der Untersuchung im Stadtteil Arheilgen gute Erfahrungen gemacht. Die
Methode ist kostengünstig und kann in einem Lehrforschungsprojekt gut umgesetzt
werden, und die erworbenen Kenntnisse sind berufsqualifizierend, weil die Methode
in vielen Praxiskontexten angewendet wird.
Obwohl es aus wissenschaftlicher Sicht auch reizvoll gewesen wäre, bei dieser loka-
len Studie stärker Erhebungstatbestände und Fragen zu berücksi chtigen, die eine
Vergleichbarkeit mit bundesweiten Repräsentativ-Umfragen wie z. B. dem „Alterssur-
vey“ (vgl. Kohli & Künemund 2005, Tesch-Römer et al. 2006) sichergestellt hätten,
haben wir uns gegen eine solche Schwerpunktsetzung entschieden. In vielen Punk-
ten wären wohl keine neuen Erkenntnisse zur Lebenssituation der heutigen Genera-
tion 65plus zutage gefördert worden. So dürfte z. B. der Wissensstand zur Entwick-
19
lung der Gesundheit und der Funktionsfähigkeit in der zweiten Lebenshälfte oder zur
sozioökonomischen Lage der heutigen Ruhestandsgeneration durch Daten aus
Wixhausen nicht wesentlich ergänzt wor den sein. Außerdem si nd viele De tailfragen
zu persönlichen Verhältnissen problematisch im Rahmen solcher extrem kleinräumig
angelegten Befragungen, weil eine Deanonymisierung der Daten leichter möglich ist
als bei einer bundesweiten Streuung der Befragten.
Mit den großen „Repräsentativ-Umfragen“ ist die Wixhäuser Befragung methodisch
insofern vergleichbar, als es sich hier ebenfalls um eine Erhebung bei Pe rsonen in
Privathaushalten handelt. Dies ist bei Seniorenbefragungen selbstverständlich immer
ein größeres Problem als bei Befragungen der jüngeren Bevölkerung, weil vermutlich
ein größerer Teil entweder zu den in Gemeinschaftsunterkünften Lebenden zählt
(Pflegeheime), die per definitionem ausgeschlossenen sind, oder weil der Gesund-
heits- und Allgemeinzustand so schlecht ist, dass die Person faktisch für eine Befra-
gung nicht mehr zur Verfügung steht. Über Personen, die wegen Pflegebedürftigkeit
in einem Altenheim leben, oder über schwer pflegebedürftige Menschen in Privat-
haushalten gibt die vorliegende Untersuchung damit keinerlei Auskunft. Wie alle an-
deren Umfragen ist auch die vorliegende nur in diesem eingeschränkten Sinn „reprä-
sentativ“ für die Generation 65plus. Im Fall von Wixhausen ist dies allerdings keine
wirkliche Ursache für Verzerrungen. Der Großteil der Menschen, der in der Vergan-
genheit in dieser Form abhängig von Pflegedienstleistungen geworden ist, hat den
Stadtteil verlassen müssen: Die Betroffenen sind entweder in eine Pflege-Einrichtung
oder in Haushalte von Betreuungs-Personen umgezogen.
Thematisch unterscheidet sich die vorliegende Befragung von den anderen Reprä-
sentativbefragungen durch eine starke Ausrichtung auf stadt- und sozialplanerische
Erhebungstatbestände. Die erhobenen Indikatoren decken verschiedene „Hand-
lungsfelder“ der lokalen Sozial- und Stadtentwicklungspolitik ab. Solche Handlungs-
felder können freilich ganz unterschiedlic h abgegrenzt und gewichtet werden. Einen
theoretisch gut abgeleiteten und gleichzeitig praktisch gut handhabbaren Ansatz hat
Kreuzer (2006: 71ff.) entwickelt. Er unterscheidet die Handlungsfelder „Wohnung“,
„Wohnumfeld“ und „Soziales“. Zum Wohnumfeld gehören dabei die Gestaltungsbe-
reiche „Öffentlicher Raum“, „Nahversorgungsangebote“ und „Freizeitangebote“; beim
Handlungsfeld „Soziales“ ist an die Bereitstellung von aktivierenden Angeboten und
20
Hilfs-, und Unterstützungsangeboten zu denken. In all diesen Bereichen kann plane-
risch angesetzt werden, um das Oberziel zu erreichen: Sicherstellung eines selbst-
bestimmten und selbständigen Lebens im Alter.
Um Bedarfslagen in diesen Handlungsfeldern empirisch zu identifizieren, steht jede
Untersuchung vor einem schwierigen Auswahlproblem. Um aus der fast unendlich
großen Zahl von in Frage kommenden Indikatoren „die wichtigsten“ auszuwählen,
braucht man genaue Kenntnis der lokalen Situation, einen präzisen Planungsauftrag
oder eine stringente theoretische Fragestellung. Angesichts der kurzen Planungs-
phase der Erhebung und angesichts des festen Terminplans in das das Lehrfor-
schungsprojekt eingebettet war, konnte hier nich t die Optimallösung angestrebt wer-
den, sondern die Auswahlentscheidungen mussten pragmatisch getroffen werden
und hatten ganz unterschiedliche Interessen und Wünsche der Beteiligten zu be-
rücksichtigen. Auch für den daran anschli eßenden Arbeitsschritt, die Umsetzung ei-
nes Erhebungstatbestands in eine konkrete Frageformulierung und zugehörige Ant-
wortvorgaben sowie ein ansprechendes Fragebogendesign stand nur wenig Zeit zur
Verfügung.
In dieser Situation hat das Projekt außerordentlich von einer Internet-Ressource pro-
fitiert, die im Rahmen des seniorenpolitischen Pilotprojektes NAIS
(Neues Altern in der
Stadt) der Bertelsmann Stiftung durch die Forschungsgesellschaft für Gerontologie e.
V. an der Universität Dortmund in Zusammenarbeit mit der Abteilung Psychologische
Alternsforschung der Universität Heidelberg erarbeitet wurde: Das Instrumentarium
„Sozialplanung Senioren“ (SoSe)
7 zur Ermittlung, Bewertung und Nutzung kommuna-
ler Kennzahlen und Indikatoren. Es ist als Hilfestellung für Gemeinden gedacht, die
einerseits eine datengestützte Neuorientierung ihrer Seniorenpolitik anstreben, ande-
rerseits aber nicht große Fachabteilungen unterhalten können, um die Planungs-
grundlagen für ein solches Vorhaben zu erarbeiten. Hier werden gut begründete Vor-
schläge gemacht, welche Indikatoren für welchen Zweck zu erheben sind, und es
werden vor allem zu fünf Themenfeldern
8 fertige Fragebogen-Vorlagen bereit ge-
stellt. Auch diese Themenfelder sind Handlungsbereiche für Interventionen im Rah-
men der lokalen Seniorenpolitik. Das Lehrforschungsprojekt hat ein Grundgerüst des
7 http://www.sozialplanung-senioren.de/
8 „1. Demografische und sozial-strukturelle Daten 2. Partizipation und bürgerschaftliches Engagement 3. Woh-
nen und Lebensführung 4. Bildung und Kultur 5. Gesundheit und Pflege“
21
eigenen Fragebogens dem SoSe-„Werkzeugskasten“ entnommen und an ausge-
wählten Beispielen weiterentwickelt und modifiziert. Außerdem waren lokalspezifi-
sche Ergänzungen und Anpassungen einzuarbeiten. Mit dieser Unterstützung konnte
in sehr kurzer Zeit ein professionelles Erhebungsinstrumentarium erstellt werden.
Der endgültige Fragebogen war ein stabiles, gut lesbares Heft von 24 Seiten 9, das –
meist in Form von geschlossenen Fragen – die folgenden Themenbereiche berührte,
die uns für das Altwerden im suburbanen Raum besonders wichtig erschienen: Fra-
gen zur Analyse der Wohnsituation und zu beabsichtigten Veränderungen in diesem
Bereich, Fragen zur Ausstattung des Wohnumfeld und zur Beurteilung des Quartiers
(dabei ein Schwerpunkt zur Mobilität), Fragen zur „sozialen Infrastruktur“ in
Wixhausen (Welche Art der Kontakte gibt es? Welche Angebote zur Gestaltung der
Freizeit gibt es? Wie werden sie beurteilt?), schließlich Fragen zum persönlichen Hil-
fe- und Unterstützungsbedarf und zur Ergiebigkeit des sozialen und sozialräumlichen
Umfelds bei der Befriedigung dieses Bedarfs. Die Erhebungen zu demografischen
und sozial-strukturellen Indikatoren wurden auf ein Minimum beschränkt; die Über-
sicht zu diesem Bereich enthält Kapitel 2.4.
Die Kapitel 3 bis 6 des vorliegenden Berichtes informieren über die zentralen Ergeb-
nisse der Befragung und interpretieren sie aus dem Blickwinkel der leitenden Frage:
Welche besonderen Chancen und welche Probleme sind mit dem Altwerden im sub-
urbanen Raum verbunden? In Kapitel 3 steht die Wohnung im Zentrum, in Kapitel 4
das Wohnumfeld und der St adtteil. Kapitel 5 behandelt die sozial e Einbindung und
die Freizeit der Befragten. Kapitel 6 schließlich ihren Hilfe- und Unterstützungsbedarf.
9 Methodisch wurde versucht, die wesentlichen Empfehlungen zu berücksichtigen, die von (und im Anschluss
an) Don A. Dillman vorgeschlagen worden sind (vgl. Dillman 1991, Dillman 2000, Porst 2001).
22
2.2 Der Stadtteil Darmstadt-Wixhausen
Wixhausen ist der nördlichste und jüngste Stadtteil der Wissenschaftsstadt Dar-
mstadt. Zum 1. Januar 1977 gab die Gemeinde ihre Eigenständigkeit auf und wurde
zum Ortsteil der Großstadt Darmstadt. Zuvor war einige Jahre lang eine andere Opti-
on, nämlich der Zusammenschluss mit den Nachbargemeinden Erzhausen und
Gräfenhausen, diskutiert worden. Diese Option wurde von vielen lokalen Politikern in
den drei Dorfgemeinden nördlich von Darmstadt lange Zeit bevorzugt. Letztlich setzte
sich aber das besonders von der Stadt Darmstadt vertretene Interesse durch, die
ehemalige Arbeiterwohngemeinde anzugliedern. Ursache dieses Interesses war die
zunehmende wirtschaftliche und siedlungsstrukturelle Nordorientierung der Dar-
mstädter Stadtentwicklung. Wixhausen war im Zuge der Suburbanisierung der
1960er und 1970er Jahre wichtiger Wohnstandort für Einpendler nach Darmstadt
geworden, und mit der Ansiedlung der „Gesellschaft für Schwerionenforschung“
(heute: GSI-Helmholtzzentrum) zu einem der wichtigsten Wissenschaftsstandorte in
der (späteren) „Wissenschaftsstadt“ Darmstadt. Seit Jahrzehnten ist die GSI eine der
weltweit bedeutendsten Forschungsanstalten der Physik mit derzeit etwa 1050 Be-
schäftigten, davon 300 Wissenschaftlern und Ingenieuren 10. Insofern gibt es auch
viele Einpendler nach Wixhausen, insbesondere arbeiten kurzfristig viele Forscherin-
nen und Forscher aus aller Welt in den Instituten (und wohnen teilweise kurzfristig im
Stadtteil).
11
GSI Helmholtzzentrum in Darmstadt-Wixhausen
10 Vgl. http://www.gsi.de/portrait/ueberblick.html (zuletzt besucht: 27.01.2010)
23
Stadtteile von Darmstadt
Mit etwa 5.800 Einwohnern ist Wixhausen der kleinste Stadtteil von Darmstadt. Aller-
dings verfügt er über eine relativ große Fläche, die im Osten vorwiegend – rund um
die Forschungsanlagen der GSI mit ihren unterirdischen weiträumigen Teilchenbe-
schleunigern – aus Waldgebieten besteht, im Westen aus Wohnbebauung und land-
wirtschaftlich genutzten Flächen. Hier wird seit Neuestem aber nicht nur traditionelle
Landwirtschaft betrieben, sondern es wird – in Form einer hochmodernen Biogas-
Anlage – auch erneuerbare Energie produziert. Die eigentlichen Gewerbegebiete des
11 Die GSI erforscht auch die Grundbestandteile der Materi e. Hier wurden und werden neue Elemente des Perio-
densystems der Elemente nachgewiesen. Das Element Ds mit der Ordnungszahl 110 heißt heute zu Ehren des
Standortes „Darmstadtium“.
24
Ortes sind nicht sehr Ortsbild prägend und wirtschaftlich nicht von allzu großer Be-
deutung.
Die Geschichte des Dorfes Wixhausen geht zurück bis ins Jahr 1116, in dem es
erstmals urkundlich erwähnt wurde. Kurz vor der Eingemeindung wurde 1976 die
650-Jahr-Feier des Ortes begangen. Nach einer wechselvollen Geschichte nimmt die
Gemeinde im Zuge der Industrialisierung im 19. Jahrhundert einen starken wirtschaft-
lichen Aufschwung. Viele pendeln als Arbeiter und Arbeiterbauern in die Betriebe der
Darmstädter Industrie. Seit 1884 verfügt der Ort über einen Bahnhof an der wichtigen
Rhein-Neckar-Bahn, die Frankfurt am Main mit dem Raum Mannhein-Ludwigshafen
verbindet. Infolge der verkehrsgünstigen Lage partizipiert Wixhausen stark an der
Bevölkerungszunahme im Rhein-Main-Gebiet nach dem 2. Weltkrieg. Durch die Auf-
nahme von Flüchtlingen und Vertriebenen wächst die Einwohnerzahl bis 1950 auf
etwa 3500. Der Kern des alten Dorfes liegt westlich der Bahnlinie, die wesentlichen
Erweiterungsgebiete mit umfangreicher Neubautätigkeit in den 1960er und 1970er
Jahren liegen östlich der Bahnlinie und erstrecken sich zum Teil noch über die das
Ortsgebiet nord-südlich durchschneidende Bundesstraße B3 nach Osten. Wie in vie-
len suburbanen Gemeinden ist der Anteil der Eigentümer vergleichsweise hoch, aber
es gibt auch mehrere z. T. größere Gebäudekomplexe des Geschosswohnungsbaus
mit Mieterhaushalten.
25
Die verkehrstechnische Anbindung des Stadtteils ist sehr gut. Aus dem Bahnhof an
der Rhein-Neckar-Strecke ist seit Ende der 1980er Jahre ein Haltepunkt der S-Bahn
auf der Strecke Bad Soden-Frankfurt-Darmstadt geworden. Im Eingliederungsvertrag
ist festgeschrieben, dass der Stadtteil immer durch eine eigene Buslinie an den
Nachbarortsteil Darmstadt-Arheilgen und damit an das Straßenbahnnetz angebun-
den sein muss. Es gibt weitere Busverbindungen in solche Nachbargemeinden, die
nicht zu Darmstadt gehören. Eine Bundesstraße führt durch den Ort. Zwei Autobah-
nen mit drei Auffahrten sind per Kraftfahrzeug innerhalb von 15 Minuten zu erreichen,
und zum Internationalen Flughafen Frankfurt sind es etwa 25 Minuten Autofahrt. Die
Nachteile dieser guten Anbindung sind eine relativ hohe Belastung durch Bahn-,
Flug- und teilweise Straßenlärm, sowie die Zweiteilung des Stadtteils durch eine
mehrgleisige Bahnstrecke. Insbesondere die Belastung durch den Lärm der auf der
Startbahn West Richtung Südosten startenden Flugzeuge wirkt sich negativ aus: sie
verhindert, dass im Stadtteil weitere Baugebiete ausgewiesen werden, und sie beein-
trächtigt die Lebensqualität vieler Bewohner.
Einerseits ist Wixhausen so heute eine verstädterte Gemeinde im Grünen am Rand
einer Großstadt mit intensivsten Verflechtungen in der Metropolregion Rhein-Main,
andererseits sind bis heute die mentalitätsgeschichtlichen Differenzen zwischen Dorf
26
und Stadt virulent. Für manche Alteingesessene wird man erst in der dritten oder
vierten Generation zum Einheimischen, und bleibt „Neubürger“ wenn man erst seit
einer Generation im Ort lebt. Bei der Unterzeichnung des Einbürgerungsvertrages
wies der damalige (und letzte) Bürgermeister der selbstständigen Gemeinde nicht
ohne Stolz auf das rege Vereinsleben im Dorf hin und wehrte sich mit den Worten
„Die Wixhäuser werden wahrscheinlich keine Städter werden.“ gegen die Vorstellung,
man werde fortan in der Einwohnerschaft der Großstadt untergehen.12 Verglichen mit
anderen Ortsteilen von Darmstadt oder ähnlich großen Orten im südlichen Rhein-
Main-Gebiet ist der Ausländeranteil im Stadtteil mit 13,4% eher gering (Wissen-
schaftsstadt Darmstadt 2008a: 28).
2.3 Feldarbeiten, befragter Personenkreis und Rücklauf
Bereits während der Phase, in der der Fragebogen entwickelt wurde, gab es eine
enge Zusammenarbeit des Forschungsprojektes mit der Wissenschaftsstadt Dar-
mstadt und den gewählten politischen Repräsentanten des Ortsteils Darmstadt-Wix-
hausen mit dem Ziel, die geplante Befragung der älteren Bürgerinnen und Bürger
bekannt zu machen, und für eine hohe Beteiligung zu werben. Gelegenheit dazu bot
sowohl die Anhörung der Experten im Oktober 2008 als auch die öffentliche Auftakt-
veranstaltung am 18.11.2008, in der das Konzept der Befragung präsentiert wurde,
und die Projektgruppe der TU Darmstadt die Möglichkeit hatte, sich vorzustellen. In
der Folgezeit erschienen in der Lokalpresse dann Artikel, die auf die Befragung hin-
wiesen, und der offizielle Internet-Auftritt der Stadt Darmstadt enthielt ebenfalls eine
für die Umfrage werbende Web-Seite.
ANGESTREBTE VOLLERHEBUNG DER GENERATION 65PLUS
Nach Auskunft des Statistischen Jahrbuches der Stadt (2008) gab es zum Stichtag
31.12.2007 im Ortteil Darmstadt-Wixhausen ca. 1150 Menschen, die das 65. Lebens-
jahr bereits vollendet hatten. Das waren 19,6% der Gesamtbevölkerung des Stadt-
teils. Die überschaubare Größe dieser Grundgesamtheit erlaubte es, eine Vollerhe-
bung zu planen, d. h. es sollte jeder einzelnen Person dieser Altersgruppe ein Fra-
gebogen mit der Bitte um Beteiligung zugestellt werden. Durch die enge Kooperation
zwischen Stadt und Universität war es möglich, Anfang 2009 eine Adressliste von
12 Zitiert nach „Darmstädter Tagblatt“ vom 18.08.1976
27
allen Personen, die am 31.12.2008 das 65. Lebensjahr vollendet hatten und mit
Erstwohnsitz im Stadtteil angemeldet waren, aus dem Einwohnermelderegister aus-
zulesen. Im gleichen Arbeitsgang wurden mehrere Adressaufkleber für jede Person
produziert. Dies war nötig, um allen aus der Zielgruppe individuell einen Fragebogen
über die Postanschrift zustellen zu können. Tatsächlich wurden die Briefe allerdings,
um Portokosten zu sparen, persönlich von den Studierenden des Lehrforschungspro-
jekts in die Briefkästen gesteckt.
Der Brief an die Bürgerinnen und Bürger enthielt den Fragebogen der TU Darmstadt
mit einem Rückumschlag, der mit dem offiziellen Freistempel der Wissenschaftsstadt
Darmstadt vorfrankiert war, und nach der Beantwortung in jeden Briefkasten einge-
worfen werden konnte. Empfänger der Fragebögen war freilich der Projektverant-
wortliche in der Universität und nicht etwa die Stadtverwaltung. Damit sollte auch
sichtbar werden, dass es um eine rein wissenschaftliche Umfrage und nicht etwa um
eine Erhebung von Verwaltungsdaten geht. Das starke Interesse der Stadt an der
Umfrage wurde aber dadurch nachdrücklich herausgestellt, dass jedem Brief ein offi-
zielles Anschreiben beigegeben war, in dem der Oberbürgermeisters Walter Hoff-
mann und der hauptamtliche Stadtrat Jochen Partsch gemeinsam für eine hohe Be-
teiligung an der Befragung warben. Bei Fr agen konnten sich die Angeschriebenen
sowohl an die Verantwortlichen in der Un iversität als auch an das Beratungs- und
Service-Zentrum für Ältere in der Stadtverwaltung wenden.
Insgesamt wurden 1155 Fragebögen auf diese Weise vorbereitet und zugestellt. Da
die Umfrage auch Informationen über kleinräumige Gebiete unterhalb des Gesamt-
stadtteils bieten sollte, wurde auf jedem Fragebogen kenntlich gemacht, zu welchem
der vier Wahlbezirke, die es in Darmstadt-Wixhausen gibt, er gehört (vgl. Abbildung
2.3.1). Bei der Organisati on des Rücklaufs wurde auf völlige Anonymität geachtet,
d.h. es wurde nicht abgeglichen, welche Personen schon geantwortet haben, und
welche noch einmal an das Ausfüllen der Fragebögen erinnert werden sollten. Statt-
dessen erhielten alle Angeschriebenen während der Laufzeit der Befragung eine
Erinnerungspostkarte, mit der denen gedankt wurde, die sich schon beteiligt hatten,
und diejenigen gebeten wurden, doch noch zu antworten, die es bis dahin nicht ge-
tan hatten. Die vollständige Anonymisierung von Anfang an entspricht dem in Dar-
mstadt üblichen Procedere bei Bürgerumfragen, und ist vermutlich bei so kleinräum-
28
lichen Erhebungen der einzig gangbare Weg, um das Vertrauen der Befragten in die
Anonymität der Auswertungen zu gewährleisten.
Abbildung 2.3.1 Wahlbezirke im Stadtteil Darmstadt-Wixhausen
860 + 870 = „Westteil“ / 880 + 890 = „Ostteil“ des Stadtbezirks
BETEILIGUNG AN DER BEFRAGUNG (RÜCKLAUF)
Selbstverständlich kann selbst bei intensivster „Werbung“ für eine Umfrage nicht er-
wartet werden, dass alle Angesprochenen sich auch beteiligen. Es gibt eine Vielzahl
von Gründen, die Menschen davon abhalten, an schriftlichen Befragungen teilzu-
nehmen: Desinteresse am Thema, fehlende Zeit, Verhinderung durch Reisen und
Krankheit, die Abneigung „Formulare“ auszufüllen, oder auch die Skepsis, „was mit
den Daten geschieht“. Bei Bevölkerungsbefragungen in Deutschland muss man des-
halb davon ausgehen, dass ein Drittel bis die Hälfte der um Antworten Gebetenen mit
Sicherheit ausfallen. Ob der Prozentsatz des Rücklaufs dann aber eher bei 10% oder
eher bei 60% der versandten Fragebögen liegt, ist ein methodisches Qualitätsmerk-
mal der Umfrage. Je höher der Prozentsatz, desto besser wird vermutlich die Ge-
samtheit der Personen abgebildet. Man kann davon ausgehen, dass der Kreis der
Teilnehmer und der der Nichtteilnehmer sozialstrukturell ähnlich zusammengesetzt
29
sind. Aus Forschungen für das Statistische Bundesamt ist allerdings bekannt, dass
die Art der Verzerrung durch Nichterreichbarkeit oder Verweigerung immer in eine
bestimmte Richtung geht (Vgl. Esser et al. 1989): Diejenigen, denen es relativ gut
geht (im Hinblick auf Bildung, Einkommen, Gesundheit, Lebenszufriedenheit usw.)
nehmen überproportional an Umfragen teil. Insofern sind die Ergebnisse immer et-
was „besser“ als sie wären, wenn sich alle beteiligen würden. Vermutlich wird auch
die vorliegende Untersuchung in gewissem Umfang von diesem Effekt betroffen sein.
Personen, die zu krank, „zu alt“, zu zurückgezogen sind, haben wir möglicherweise
weniger gut erreicht. Theoretisch denkbar ist natürlich auch der gegenteilige Effekt:
Unter Umständen haben sich auch gerade die aktivsten und fitten Bürg erinnen und
Bürger nicht beteiligt, weil sie zu beschäfti gt oder verreist waren, oder weil sie mein-
ten, dass Umfragen, die sich an die ältere Generation wenden, sie nicht betreffen. In
welche Richtung die Abweichung von der „Repräsentativität“ geht, lässt sich im kon-
kreten Fall nie eindeutig klären.
So bleibt als einziges Gütekriterium für die Aussagefähigkeit der Daten der Prozent-
satz der zurück gekommenen Fragebögen. Von den 1155 vorbereiteten Fragebögen
konnten rund 15 nicht zugestellt werden. Teils waren Personen zwischen dem Stich-
tag der Anschriftenermittlung und dem Befragungszeitraum (20.02.2009 –
31.03.2009) verzogen oder verstorben, teils war die Adresse nicht zu finden, oder es
gab sonstige Probleme mit der Zustell ung. Von den verbleibenden 1140 Fragebögen
kamen etwa 590 zurück, von denen 584 mehr oder weniger vollständig ausgefüllt
waren und verarbeitet werden konnten. Damit liegt der Rücklauf bei rund 51%. Das
ist ein vollauf ausreichender Wert, um „repräsentative“ Aussagen für die ältere Be-
völkerung des Stadtteils zu machen.
Da dem Auszug aus dem Einwohnermelderegister auch Geburtsjahrgang, Ge-
schlecht und Wahlbezirkszugehörigkeit zu entnehmen ist, können auch Rücklaufquo-
ten für bestimmte Teilgruppen berechnet werden. Tabelle 2.3.1 zeigt, dass die Betei-
ligung im „alten Dorf“ westlich der Bahnlinie und dort insbesondere im südlichen Teil
etwas geringer war, als in den Quartieren östlich der Bahnlinie. In dem Teil
Wixhausens, in dem der Anteil der Älteren an der Gesamtbevölkerung am höchsten
ist (21,1%), war die Beteiligung an der Umfrage am geringsten. Allerdings sind die
30
Unterschiede nicht so gravierend, dass die Aussagefähigkeit der Daten dadurch be-
einträchtigt wäre.
Tabelle 2.3.1 Rücklaufquoten nach Wahlbezirk
860
Nordwest
870
Südwest
880
Nordost
890
Südost
Personen 65+ insg. 241 224 342 346
Rücklaufquote 46,1% 38,8% 52,9% 53,5%
Anteil der 65+ an der
Gesamtbevölkerung 19,6% 21,1% 20,3% 18,9%
Tabelle 2.3.2 zeigt, dass es auch im Hinblick auf Alter und Gesch lecht Unterschiede
in der Beteiligung gibt. Die Männer waren mit 53,4% Rücklauf auskunftsfreudiger als
die Frauen (48,3%). Im Hinblick auf das Alter ist der Tabelle zu entnehmen , dass die
geringste Teilnahmebereitschaft bei den 65-69 bestand (44,3%), die 70 bis
79jährigen waren am auskunftsbereitesten, und bei den 80jährigen und Älteren sinkt
die Teilnahmequote dann wieder ab auf 46,1%. Auch hier sind die Unterschiede nicht
so gravierend, dass man konstatieren müsste, eine bestimmte Gruppe sei unterre-
präsentiert.
Tabelle 2.3.2 Rücklaufquoten nach Alter und Geschlecht
65-69 70-74 75-79 80+ Insg.
Frauen 42,6% 53,1% 49,2% 43,8% 48,3%
Männer 45,9% 57,4% 60,8% 48,9% 53,4%
insgesamt 44,3% 55,4% 54,2% 46,1% 51,2%
2.4. Sozialdemographie der Generation 65plus in Wixhausen
Obwohl die Untersuchung dem Ansatz nach eine Vollerhebung ist, sind die 584 Be-
fragten nur eine Stichprobe aus der Grundgesamt heit. Wie bei allen freiwilligen Um-
fragen bleiben die Nichterreichbaren und die Verweigerer im Dunkeln, trotzdem kann
diese Stichprobe nach den Maßstäben der Umfrageforschung als „repräsentativ“ für
die Generation 65plus in Wixhausen angesehen werden. Zweck dieses Abschnitts
ist, die Vorstellung einiger grundlegender Strukturmerkmale dieser Bevölkerungs-
gruppe im Stadtteil. Hier – wie in fast allen folgenden Kapiteln – werden neben den
Ergebnissen für die Gesamt stichprobe auch häufig die Ergebnisse fü r Frauen und
31
Männer getrennt berichtet. Da die Zusammenhänge der Lebensumstände und Mei-
nungen mit dem Lebensalter eine zentrale Frage dieser Erhebung sind, werden zu-
dem meist die Teilergebnisse für vier Altersgruppen ausgewiesen: 65-69jährige, 70-
75jährige, 75-80jährige und die 80jährigen und älteren. Die letzte Gruppe umfasst
eine große Altersspanne von über 20 Jahren, denn es gab auch einen über 100jähri-
gen Befragten. Da die älteste Altersgruppe aber auch so nur relativ schwach besetzt
ist, haben wir auf eine weitere Unterteilung verzichtet. Auf eine spezielle Namensge-
bung für die Gruppen wird ebenfalls verzichtet. Im Hinblick auf die Unterscheidung
von „drittem“ und „viertem“ Lebensalter soll hier die folgende Festlegung getroffen
werden: Die ersten drei unserer Altergruppen (65-79) sind dann das „dritte“ Lebens-
alter und die älteste Altersgruppe ist das „vierte“ Lebensalter, die „Hochaltrigkeit“, in
der altersbedingte Einschränkungen schon häufiger vorkommen.
ALTER, GESCHLECHT UND FAMILIENSTAND
Infolge der längeren Lebenserwartung der Frauen sind nur in den ersten beiden Al-
tersgruppen beide Geschlechter etwa gleichhäufig in der Stichprobe vertreten. Im
höheren Lebensalter sind dann die Frauen immer stärker in der Überzahl (vgl. Tabel-
le 2.4.1).
13
Tabelle 2.4.1 Geschlecht nach Altersgruppen (in%)
65-69 70-74 75-79 80+ Insg.
Geschlecht
Weiblich 48,8 51,6 55,6 60,4 53,3
Männlich 51,2 48,4 44,4 39,6 46,7
n 166 184 108 111 569
Tabelle 2.4.2 zeigt den typischen Zusammenhang von Alterung und Änderungen im
Familienstand in seinem geschlechtspezifischen Verlauf. Da Männer bei der Heirat
meist älter sind als ihre Frauen und außerdem sehr viel häufiger früher sterben,
nimmt der Anteil der Verwitweten Frauen von Altersgruppe zu Altersgruppe drastisch
zu und steigt von 6,2% bei den 65-69jährigen Frauen auf 65,2% bei den 80jährigen
und älteren. Der entsprechende Anteil steigt bei den Männern nur von 7,1% auf
20,5%. Das heißt, dass Männer auch im hohen Alter noch zu 77,3% mit ihren Partne-
32
rinnen zusammen leben und auf gewohnte Unterstützungs- und Versorgungsleistun-
gen zurückgreifen können. Zwei von drei Frauen im Alter von 80 und älter haben da-
gegen ihren Partner bereits verloren.
Tabelle 2.4.2 Familiensta nd nach Altersgruppen (in%)
65-69 70-74 75-79 80+ Insg.
Gesamte Stichprobe
Ledig 7,2 1,1 0,9 0,9 2,8
Verheiratet, zusammenlebend 80,1 71,7 63,0 46,8 67,7
Geschieden, getrennt 6,0 8,2 2,8 4,5 5,8
Verwitwet 6,6 19,0 33,3 47,7 23,7
Frauen
Ledig 2,5 1,1 1,7 1,5 1,7
Verheiratet, zusammenlebend 86,4 60,0 43,3 27,3 56,6
Geschieden, getrennt 4,9 11,6 1,7 6,1 6,0
Verwitwet 6,2 27,4 53,3 65,2 35,1
Männer
Ledig 11,8 1,1 0 0 4,2
Verheiratet, zusammenlebend 74,1 85,2 87,5 77,3 80,8
Geschieden, getrennt 7,1 4,6 4,2 2,3 4,2
Verwitwet 7,1 9,1 8,3 20,5 10,2
Den gleichen Tatbestand illustriert in etwas anderer Sichtweise Tabelle 2.4.3. Hier ist
die Personenzahl in den Haushalten der Generation 65plus dargestellt. Es dominie-
ren völlig die Ein- und Zweipersonen-Haushalte, im Durchschnitt nur 7,3% der Be-
fragten leben in Haushalten mit drei und mehr Personen. Die Durchschnittszahl von
25% Einpersonenhaushalten für die Gesamtstichprobe sagt wenig aus. Hinter ihr
verbergen sich ganz unterschiedliche Lebenslagen. So leben Männer in der von Ei-
genheimen dominierten Stadtrandgemeinde nur sehr selten allein (im Durchschnitt zu
14,5%). Für Frauen gilt diese Aussage nur für die 65-69jährigen (8,8%), in dem dann
folgenden Lebensjahrzehnt verlieren viele ihren Partner, und von den 75-79jährigen
müssen schon 50% allein leben. Der Anteil steigt dann aber nicht mehr sehr viel hö-
her (auf 56,5). Die recht niedrige Zahl von Einpersonenhaushalten ist typisch für die
suburbanen Quartiere, in die vor Jahren vor allem junge Familien gezogen waren.
Bundesweit leben (nach Auskunft des Mikrozensus) von den über 60jährigen etwa
35% in Einpersonenhaushalten und rd. 58% in Zweipersonenhaushalten (Backes &
Clemens 2008: 238).
13 Die Maximalzahl von 584 Befragten wird in vielen der folgenden Tabellen nicht erreicht, weil fast immer
einige Personen bestimmte Fragen nicht vollständig beantwortet haben. Deshalb wird, wo immer das nötig ist,
die Basis für die Prozentuierung mit angegeben. Dafür wird der Buchstabe n = Zahl der Fälle verwendet.
33
Tabelle 2.4.3 Personen im Haus halt nach Altersgruppen (in%)
65-69 70-74 75-79 80+ Insg.
Gesamte Stichprobe
Eine 13,4 22,1 31,2 41,9 25,0
Zwei 75,6 71,8 64,2 51,4 67,6
Drei oder mehr 11,0 6,1 4,6 6,7 7,3
Frauen
Eine 8,8 32,3 50,0 56,5 34,6
Zwei 82,5 61,3 46,7 38,7 59,3
Drei oder mehr 8,8 6,5 3,3 4,8 6,1
Männer
Eine 17,9 11,4 8,3 21,4 14,5
Zwei 69,0 83,0 85,4 71,4 77,4
Drei oder mehr 13,1 5,7 6,3 7,1 8,4
KINDER UND KINDERLOSIGKEIT
Die Biographien der allermeisten Personen der Generation 65plus waren und sind
vom Leben in Familien geprägt. 73,2% der Befragten haben ein Kind oder zwei,
13,6% haben sogar 3 oder mehr Kinder. Nur 12,8% sind kinderlos. Betrachtet man
nur die drei jüngsten Alterskohorten, dann scheint die Kinderlosigkeit auch in
Wixhausen mit den in den Ruhestand nachrückenden Personen zuzunehmen. Die
hohe Kinderlosigkeit (15,2%) in der höchsten Altersgruppe liegt möglicherweise auch
daran, dass die Fragestellung bereits verstorbene Kinder implizit ausgeschlossen
hatte.
Tabelle 2.4.4 Kinderzahl nach Altersgruppen (in%)
65-69 70-74 75-79 80+ Insg.
Gesamte Stichprobe
Keine 15,7 13,0 5,5 15,2 12,8
Eines 25,9 25,4 30,3 36,6 28,7
Zwei 48,2 43,8 51,4 35,7 44,5
Drei oder mehr 10,2 17,8 12,8 12,5 13,6
n 166 185 109 112 572
Genaue Aussagen darüber, wie weit die Kinder im Einzelfall von den Befragten El-
tern entfernt wohnen, lassen sich aus unseren Erhebungen nicht gewinnen. Eine
grobe Abschätzung des zentralen Indikators: „Gibt es Kinder in der Nähe?“ ist
gleichwohl möglich (vgl. Tabelle 2.4.5). Die Daten zeigen, dass in Wixhausen, wie
34
überall in verstädterten Räumen in Deutschland, zwar das Zusammenleben von
mehr als zwei Generationen in einem Haushalt fast verschwunden ist. 14 Aber sehr
häufig wohnen die engen Angehörigen in unmittelbarer Nachbarschaft oder sogar im
gleichen, oft im Familienbesitz befindlichen, Haus. In Wixhausen haben rund die
Hälfte der Befragten mit einem Kind dieses auch im gleichen Haus oder in der Nach-
barschaft in Wixhausen wohnen (49,3%). Ähnliches gilt für Befragte mit zwei Kindern.
Befragte mit drei oder mehr Kindern leben sogar zu 64,6% in dieser Konstellation.
Betrachtet man auch Kinder, die in anderen Stadtteilen von Darmstadt wohnen, oder
in Erzhausen, Egelsbach, Weiterstadt usw., also in Nachbarorten, als „nahe“ woh-
nende Angehörige, dann wird sichtbar, dass man mit 3 und mehr Kindern fast eine
Garantie hat, dass ein Teil der Kinder – rein entfernungsmäßig – gut erreichbar ist.
Und von den Befragten mit 1 oder 2 Kindern sind auch nur rund ein Viertel in der Si-
tuation, die Kinder relativ weit weg wohnen zu haben. Dieser aus Sicht der Senioren-
politik erfreuliche Befund ist natürlich Ausdruck der Tatsache, dass der prosperieren-
de südliche Rhein-Main-Raum und insbesondere die Region rund um die Wissen-
schaftsstadt Darmstadt in den vergangenen Jahrzehnten genug Bildungschancen
und Arbeitsplätze für die nachwachsenden Generationen zu bieten hatte. Anders als
in wirtschaftsstrukturell schwachen Regionen gab es wenig Druck, die heimatlichen
Gefilde für immer zu verlassen.
Tabelle 2.4.5 Entfernung zu Kind(ern) (in%)
1 Kind 2 Kinder 3 od. mehr
Das Kind oder mindestens ein
Kind wohnt in der Nachbar-
schaft in Wixhausen
49,3 45,8 64,6
Das Kind oder mindestens ein
Kind wohnt in DA oder Nach-
barorten von Wixhausen
26,2 39,4 58,2
n 167 257 78
14 Die Veränderungen des Zusammenlebens der Generationen auf der Basis der Alterssurvey-Daten analysiert
Hoff (2006).
35
SCHUL- UND BERUFSBILDUNG
Von der hier untersuchten Generation 65plus sind alle Personen noch vor dem oder
im Zweiten Weltkrieg geboren. Die jüngsten Befragten sind in den Jahren 1943/44
geboren. Nur für diese jüngsten Befragten beginnt die Schulkarriere also zu einer
Zeit, als BRD und DDR schon gegründet waren. Die Schulzeit der allermeisten Be-
fragten datiert auf die Endphase des Deutschen Reiches und auf die Kriegs- bzw.
unmittelbare Nachkriegszeit. Vom Aufbau eines modernen Bildungswesens in West-
deutschland hat also nur die jüngste Altersgruppe profitieren können. Tabelle 2.4.6
zeigt die unterschiedlichen allgemeinbildenden Schulabschlüsse.
Tabelle 2.4.6 Allgemeinbild. Schulabschluss nach Altersgruppen (in%)
65-69 70-74 75-79 80+ Insg.
Gesamte Stichprobe
Kein Schulabschluss 2,5 1,6 3,7 0 2,0
Haupt-/Volksschulabschluss 39,5 62,8 75,0 63,2 58,5
Mittl. Reife/Realschulabs. 34,0 18,0 12,0 23,6 22,5
Abitur/Fachabitur 23,5 16,4 8,3 10,4 15,7
Anderer Abschluss 0,6 1,1 0,9 2,8 1,3
Frauen
Kein Schulabschluss 2,6 2,1 3,3 0,0 2,0
Haupt-/Volksschulabschluss 38,5 64,9 83,3 69,8 62,7
Mittl. Reife/Realschulabs. 39,7 22,3 10,0 22,2 24,4
Abitur/Fachabitur 17,9 10,6 3,3 4,8 9,8
Anderer Abschluss 1,3 0 0 3,2 1,0
Männer
Kein Schulabschluss 2,4 1,1 4,3 0 1,9
Haupt-/Volksschulabschluss 40,5 61,4 63,8 52,4 53,6
Mittl. Reife/Realschulabs. 28,6 12,5 14,9 26,2 20,3
Abitur/Fachabitur 28,6 22,7 14,9 19,0 22,6
Anderer Abschluss 0 2,3 2,1 2,4 1,5
In den drei älteren Altersgruppen ist der Vo lksschulabschluss die Regel. Zwei Drittel
bis Drei Viertel der Befragten haben ihn erworben. In der jüngsten Altersgruppe sinkt
dieser Anteil bei Männern und Frauen gleichermaßen auf etwa 40%. Die Frauen be-
sitzen in dieser Gruppe zu etwa 57% die mittlere Reife oder einen noch höherwerti-
gen Schulabschluss. Das gleiche gilt, noch etwas stärker, für die Männer. Im Hinblick
auf die Geschlechtsunterschiede wird klar, dass es erst nach dem Krieg langsam für
Frauen die Chance gab, das Abitur als Schulabschluss zu machen. Von den Män-
nern dagegen hat fast jeder Vierte einen Schulabschluss, der zum Hochschulbesuch
36
berechtigt, damit ist der schulische Bildungsstand des männlichen Teils der Genera-
tion 65plus in Wixhausen bemerkenswert hoch.
Ein ganz ähnliches Bild ergibt sich, wenn man die berufsbildenden Abschlüsse be-
trachtet (Tabelle 2.4.7). Hier ist insbesondere die Heterogenität unter den Frauen
offensichtlich. Von denjenigen im Alter von 80 und mehr Jahren, haben 61% keinerlei
vollwertige Berufsausbildung erhalten. Bis zur jüngsten Gruppe sinkt dieser Anteil auf
unter 30%. Bei den Männern dagegen war eine Berufsausbildung auch in der ältes-
ten Altersgruppe die Norm. Die etwa 90% mit vollwertiger Berufsausbildung haben je
zur Hälfte entweder Berufe, für die eine einfache Lehre die abschließende Qualifika-
tion war, oder sie haben Berufe, die den Besuch von Meisterkursen, Fachschulen
oder Hochschulen voraussetzten.
Tabelle 2.4.7 Höchster berufsbild. Abschluss nach Altersgruppen (in%)
65-69 70-74 75-79 80+ Insg.
Gesamte Stichprobe
Keine Lehre 17,5 23,5 38,6 40,6 27,7
Abgeschlossene Lehre 46,9 46,9 40,6 39,6 44,4
Meister/Techniker/Fachschule 15,6 13,4 9,9 8,9 12,6
Hochschulabschluss 20,0 16,2 10,9 10,9 15,2
Frauen
Keine Lehre 29,5 38,9 57,7 61,0 44,4
Abgeschlossene Lehre 48,7 46,7 32,7 33,9 41,9
Meister/Techniker/Fachschule 10,3 4,4 5,8 1,7 5,7
Hochschulabschluss 11,5 10,0 3,8 3,4 7,9
Männer
Keine Lehre 6,1 8,0 16,7 12,2 9,7
Abgeschlossene Lehre 45,1 46,6 50,0 46,3 46,7
Meister/Techniker/Fachschule 20,7 22,7 14,6 19,5 20,1
Hochschulabschluss 28,0 22,7 18,8 22,0 23,6
Die Übersichten zu den Bildungsabschlüssen zeigen, dass sich in der hier betrachte-
ten Generation 65plus ein epochaler Wandel vollzogen hat, der mit jedem neu in den
Ruhestand einrückenden Altersjahrgang noch deutlicher werden wird: Der Abschied
von einem Familientyp, in dem allein der Mann berufstätig ist und das Geld verdient,
während die Frau sich als Hausfrau ohne formale Berufsqualifikation um Haushalt
und Kinder kümmert. Schon in der jüngsten hier betrachteten Altersgruppe hatten
auch die Frauen eine Berufsqualifikation und vermutlich auch mehr oder weniger um-
fangreiche Phasen der Erwerbsarbeit.
37
LETZTE ERWERBSTÄTIGKEIT UND FINANZIELLE SITUATION
Welche beruflichen Tätigkeiten zuletzt von der Generation 65plus ausgeübt wurden,
kann der Tabelle 2.4.8 entnommen werden. Abgesehen von dem erwähnten Wandel
im Bereich der Frauenerwerbstätigkeit zeigt sich in den Unterschieden zwischen den
Altersgruppen vor allem auch der Strukturwandel von der Industrie- zur Dienstleis-
tungsgesellschaft (Häußermann/Siebel 1995, Berger/Engfer 1982), der sowohl mit
einer Ausweitung der Angestellten- und Beamtentätigkeiten als auch einem Bedeu-
tungszuwachs höher qualifizierter Tätigkeiten verbunden war. Ein in diesem Sinne
„modernes“ Berufsprofil zeigt in Wixhausen allerdings nur die jüngste Alterskohorte.
Nahezu alle Befragten (auch die Frauen, die für längere Zeit Hausfrauen waren) ha-
ben im Laufe ihres Lebens eine Berufstätigkeit ausgeübt, nur 1,7% sind nie einer Er-
werbstätigkeit nachgegangen. Zum Zeitpunkt der Befragung allerdings sind praktisch
alle Befragten auch im Ruhestand. 93,4% sind gar nicht mehr erwerbstätig, 6,6%
sind noch stundenweise erwerbstätig. Auch an unseren Daten zeigt sich, dass Al-
tersarbeit dabei durchaus unterschiedliche Gründe hat: Teils arbeiten ältere Men-
schen, weil eine prekäre finanzielle Lage das erforderlich macht, teils arbeiten sie
aus Interesse an einer solchen Tätigkeit und den daraus resultierenden Kontakten
und auch ohne, dass sie es finanziell nötig hätten. Wie überall in Deutschland ist der
Umfang der Erwerbsarbeit im Alter auch in Wixhausen verschwindend gering. 15 Der
überwiegende Teil der Befragten ist im Ruhestand und bezieht eine eigene Rente.
Ohne eigene Rente sind 2,6% der befragten Männer und 14,4% der Frauen.
15 Vgl. als Überblick zum Eintritt in den Ruhestand und zur Erwerbsarbeit während des Altersrentenbezugs
Engstler 2006. Auf Grundlage der Daten des Alterssurveys sind von den 65-69jährigen noch etwa 9,5% neben-
her erwerbstätig, und auch von den 70-74jährigen sowie den 75-79jährigen noch etwa jede(r ) Zwanzigste.
38
Tabelle 2.5.8 Letzte berufliche Tätigkeit nach Altersgruppen (in%)
65-69 70-74 75-79 80+ Insg.
Gesamte Stichprobe
An-/ungelernte Arbeiter 5,0 10,3 11,7 8,7 8,7
Facharbeiter 11,2 15,5 18,4 9,6 13,7
Einfache/mittlere/höhere Ange-
stellte 50,9 36,8 35,0 34,6 40,2
Beamte im einfachem, mittlerem,
gehobenem Dienst 4,3 4,6 2,9 5,8 4,4
Beamte im höheren Dienst, Rich-
ter 4,3 3,4 1,9 1,0 3,0
Akademischer Freier Beruf 2,5 1,1 1,9 1,9 1,8
Selbstständige in Handel, Gewer-
be, Dienstleistung 6,8 6,9 2,9 6,7 6,1
Selbstständiger Landwirt 0,6 1,7 0 1,0 0,9
Mithelfende Familienangehörige 0,6 1,1 1,9 1,0 1,1
Im Haushalt / Nicht erwerbstätig
gewesen 11,2 13,8 20,3 24,0 16,2
Sonstiges 2,5 4,6 2,9 5,8 3,9
Frauen
An-/ungelernte Arbeiterin 5,1 12,5 16,7 13,1 11,3
Facharbeiterin 5,1 2,3 5,6 1,6 3,5
Einfache/mittlere/höhere Ange-
stellte 51,9 37,5 27,8 32,8 38,7
Beamtin im einfachem, mittlerem,
gehobenem Dienst 2,5 3,4 1,9 0 2,1
Beamtin im höheren Dienst, Rich-
ter 2,5 0 0 0 0,7
Akademischer Freier Beruf 0 1,1 0 0 0,4
Selbstständige in Handel, Gewer-
be, Dienstleistung 7,6 5,7 1,9 4,9 5,3
Selbstständige Landwirtin 0 1,1 0 0 0,4
Mithelfende Familienangehörige 1,3 2,3 3,7 1,6 2,1
Im Haushalt / Nicht erwerbstätig
gewesen 22,8 27,2 38,9 39,3 29,4
Sonstiges 1,3 6,8 3,7 6,6 4,6
Männer
An-/ungelernte Arbeiter 4,9 8,2 4,2 2,4 5,4
Facharbeiter 17,1 29,4 33,3 21,4 24,9
Einfache/mittlere/höhere Ange-
stellte 50,0 35,3 43,8 38,1 42,0
Beamte im einfachem, mittlerem,
gehobenem Dienst 6,1 5,9 4,2 14,3 7,0
Beamte im höheren Dienst, Rich-
ter 6,1 7,1 4,2 2,4 5,4
Akademischer Freier Beruf 4,9 1,2 4,2 4,8 3,5
Selbstständige in Handel, Gewer-
be, Dienstleistung 6,1 8,2 4,2 9,5 7,0
Selbstständiger Landwirt 1,2 2,4 0 2,4 1,6
Mithelfende Familienangehörige - - - - -
Im Haushalt / Nicht erwerbstätig
gewesen - - - - -
Sonstiges 3,7 2,4 2,1 4,8 3,1
39
Genaue Angaben zu Einkommen oder Vermögen wurden in der Umfrage nicht er-
fragt. Die richtige Interpretation von Einkommensangaben erfordert immer auch die
Gegenüberstellung der haushaltsspezifischen Ausgaben und damit recht umfangrei-
che und potentiell heikle Erhebungen. Aus diesem Grund wurden die Befragten ge-
beten, eine rein subjektive Einschätzung zur finanziellen Lage zu geben. Tab. 2.4.9
enthält die Übersicht zu diesem Indikator.
Tabelle 2.4.9 Finanzielle Situation nach Altersgruppen und Geschlecht (in%)
65-69 70-74 75-79 80+ Insg.
Gesamte Stichprobe
Komme sehr gut zurecht 9,8 11,2 9,5 14,7 11,2
Komme gut zurecht 54,6 40,8 45,7 41,3 45,9
Komme genau hin 15,3 22,3 22,9 27,5 21,4
Muss mich einschränken 17,8 20,7 17,1 8,3 16,7
Muss mich sehr einschränken 2,5 5,0 4,8 8,3 4,9
In allen Altersgruppen kommt die Mehrzahl der Befragten sehr gut oder gut mit den
Ruhestandsbezügen zurecht. Auf der anderen Seite muss sich etwa jede(r) fünfte
Befragte einschränken, weil das Geld nicht für alle gewünschten Konsumausgaben
ausreicht. Anhand dieser Selbstauskünfte kann ausgeschlossen werden, dass es im
Stadtteil überdurchschnittliche Probleme mit zu geringen Einkommen im Alter oder
gar Altersarmut in größerem Umfang gibt.
40
3. Wohnung, Wohnungsausstattung, Veränderungswünsche
Die Wohnung, ihre Größe, ihre Ausstattung und ihre Lage sind für alle Teile der Be-
völkerung eine zentrale Dimension der Lebensqualität und des Lebensstandards. Die
objektiven Merkmale der Wohnumwelt bestimmen zu einem großen Teil die individu-
ellen Entfaltungsmöglichkeiten, und die subjektive Zufriedenheit mit diesem Lebens-
bereich ist ein wesentlicher Einflussfaktor für die Lebenszufriedenheit insgesamt. Die
Bedeutung des Wohnens und die Wichtigkeit der einzelnen Aspekte der Wohnum-
welt variieren dabei sehr stark mit dem Alter und mit der Stellung im Lebenszyklus
(vgl. Motel et al. 2000). Gut empirisch belegt ist dabei die Tendenz eines im Alter ge-
ringer werdenden räumlichen Aktionsradius (Saup 1993). Auch Zeitbudgetuntersu-
chungen zeigen, dass die früher mit Erwerbsarbeit und damit meist außer Haus ver-
brachte Zeit nach Eintritt in den Ruhestand vorzugsweise durch häusliche Aktivitäten
ersetzt wird (Altergott 1988, Küster 1998, Engstler et al. 2004, Engfer 2008). Mit der
Zunahme altersbedingter körperlicher Einschränkungen schrumpfen die Umweltbe-
züge dann immer mehr auf die Wohnung, das Haus und das unmittelbar angrenzen-
de Wohnumfeld zusammen. „Wohnung und angrenzendes Nachbarschaftsgebiet
werden zu den wichtigsten räumlich-sozialen Kontexten, in denen sich das Leben
älterer Menschen abspielt. „Alltag im Alter heißt vor allem Wohnalltag.“ (Saup & Rei-
chert 1999: 245). Im hohen Alter wird das selbständige Wohnen zu einem zentralen
Kriterium der Lebensqualität. Insgesamt leben in Deutschland etwa 95% der Genera-
tion 65plus in normalen Privatwohnungen oder –häusern. Nur ein kleiner Teil wohnt
in speziellen Heimen für ältere Menschen (Backes & Clemens 2008: 238).
3.1 Objektive und subjektive I ndikatoren zur Wohnsituation
Bei den Analysen zur Beurteilung der Wohnung und des Wohnumfeldes ist es
zweckmäßig, kleinere Räume als den ganzen Stadtteil zu betrachten. Nur in Aus-
nahmefällen wird dabei allerdings die Ebene der kleinsten Einheit, der Wahlbezirke,
gewählt. Im Vordergrund steht die Unterscheidung von West- und Ostteil des Ortes.
Die Abgrenzung ist dabei alles andere als nur statistisch, denn eine wichtige Bahnli-
nie, die den Rhein-Main-Raum mit dem Rhein-Neckar-Raum verbindet, zerschneidet
den Ort, und der Weg von einem in den anderen Ortsteil führt entweder nur zu Fuß
(oder Fahrrad) durch eine Unterführung an der S-Bahnhaltestelle oder durch eine
große Straßenunterführung im Südteil des Ortes. Die Bausubstanz unterscheidet
41
sich in beiden Ortsteilen. Wie Tabelle 3.1.1 zeigt leben die Befragten im Westteil mit
dem alten Ortskern fast ausschließlich (zu 93,1%) in Ein- oder Zweifamilienhäusern
(auch landwirtschaftlichen Gebäuden) und nur zu 6,9% in Gebäuden mit drei oder
mehr Wohnungen. Den aus Großsiedlungen der 1960er und 1970er Jahre bekann-
ten Gebäudetyp des Wohnhochhauses gibt es nicht. Das ist im Ostteil deutlich an-
ders. Zwar dominieren auch hier die Ein- und Zweifamilienhäuser (69,6%), aber je-
de(r) dritte Befragte wohnt entweder in Hä usern mit 3-8 Wohnungen (13,5%) oder in
Geschosswohnungsbauten mit neun und mehr Wohnungen (17,0%). Letztere sind
zum Teil (moderat dimensionierte) Wohnhochhäuser, die gut von der Bundesstraße
wahrnehmbar sind, welche den Ortsteil im Osten durchzieht. Von Norden kommend
präsentiert sich Wixhausen durch diese markanten Gebäude als Entree zu einem
großstädtischen Siedlungsraum.
Tabelle 3.1.1 Gebäudetyp (in %)
Westteil Ostteil Insg.
Ein- und Zweifamilienhaus 90,1 69,3 76,6
Wohnhaus mit 3-8 Wohnungen 5,9 13,5 10,8
Wohnhaus mit 9 u. mehr Wohnungen 1,0 17,0 11,3
Landwirtschaftliches Wohngebäude 3,0 0,3 1,2
n 202 371 573
WOHNDAUER
Wie bei der Planung der Umfrage vermutet, ist der Stadtteil DA-Wixhausen ein gutes
Beispiel für das Phänomen der „Umlandalterung“, d.h. für einen Stadtteil, der im Zu-
ge der großen Bautätigkeit in den 1960er, 1970er und – schon geringer – 1980er
stark durch den Zuzug von (jungen) Familien gewachsen ist, und heute „doppelt“ al-
tert: Die Gebäude werden genauso älter wie die darin lebenden Menschen. Tabelle
3.1.2 gibt Auskunft darüber, wie lange die Befragten schon im Stadtteil leben. Dabei
gibt es die erwartbaren Unterschiede zwischen dem Westteil (alter Dorfkern) und
dem Ostteil (vielfach suburbane Erweiterungen). Etwa zwei Drittel der Befragten aus
dem Westteil (66,7%) sind schon vor 1963 in den Ortsteil zugezogen oder leben seit
Geburt hier. Im Ostteil sind nur rund ein Drittel der Befragten (35,1%) schon so lange
in Wixhausen ansässig. In diesem Teil sind fast 50% der Älteren in den Jahren 1964
bis 1983 zugezogen. Insgesamt liegt der Anteil der Befragten, die weniger als ein
Vierteljahrhundert im Ortsteil leben, nur bei 13,4%.
42
Tabelle 3.1.2 Seit wann in DA-Wixhausen? (in %)
Westteil Ostteil Insg.
Vor 1943 35,8 16,2 23,1
1944 - 1963 30,9 18,9 23,1
1964 - 1983 23,5 49,6 40,3
1984 bis heute 9,8 15,4 13,4
Im Durchschnitt wohnen die Befragten seit 46,2 Jahren am Ort, auch die jüngste Al-
tersgruppe (65-69) lebt im Durchschnitt schon seit 38,3 Jahren im Stadtteil. Ein Teil
der Befragten hat allerdings in dieser Zeit die Wohnung oder das Haus innerhalb des
Stadtteils gewechselt, denn die in der heutigen Wohnung verbrachte Zeitspanne ist
im Durchschnitt deutlich geringer. Insgesamt leben die Befragten seit 37,5 Jahren in
ihrer Wohnung. Die Jahrgänge 80plus leben – wie nicht anders zu erwarten – mit 45
Jahren im Durchschnitt viel länger in ihrer Wohnung als die Jüngeren (65-69) mit 32
Jahren.
Abbildung 3.1.1
Abbildung 3.1.1 zeigt im Detail, seit wie vielen Jahren die Befragten in Wixhausen
leben. Deutlich wird die große Zuzugswelle vor 34 Jahren, also rund um das Jahr
1975 herum, aber auch die beiden anderen Schübe: den ersten in den 1930er Jah-
ren und den zweiten nach 1945.
43
WOHNSTATUS UND WOHNUNGSGRÖßE
Als typische Stadtrandgemeinde mit einem alten Dorfkern und Erweiterungsgebieten
aus der Hochzeit der Suburbanisierung verwundert es nicht, dass die Mehrzahl der
Befragten im selbst genutzten Eigentum wohnt. Während in (West-)Deutschland
2006 der Anteil der Eigentümer in dieser Altersgruppe bei 56% liegt (Frick & Schu-
bert 2008: 227), wohnen in Wixhausen etwa drei Viertel im Eigentum. 68,9% besitzen
ein Haus, weitere 6,5% haben eine selbst genutzte Eigentumswohnung. Der Anteil
schwankt in den Altersgruppen nur wenig (vgl. Tab. 3.1.3). Durch die größere Zahl
von mehrgeschossigen Häusern mit Mietwohnungen im Osten des Stadtteil liegt der
Anteil der Eigentümer hier nur bei etwa 71%, im Westen dagegen liegt dieser Wert
bei etwa 82%.
Tabelle 3.1.3 Wohnstatus: Miete oder Eigentum (in %)
65-69 70-74 75-79 80+ Insg.
Zur Miete 24,1 23,8 29,0 22,3 23,9
Eigentumswohnung 3,6 7,6 8,4 7,1 6,5
Eigenes Haus 72,3 68,6 62,6 70,5 68,9
n 166 185 107 112 570
Ein hoher Anteil von Eigentumshaushalten ist in mehrerer Hinsicht ein Indikator für
gute Lebensqualität im Alter. Eigentümerhaushalte sind nicht nur einfach vermögen-
der als Haushalte ohne Immobilienbesitz und besitzen allein deshalb ein höheres
Sozialprestige, sie müssen im Alter auch einen deutlich geringeren Anteil des laufen-
den Einkommens für Wohnkosten aufwenden als Mi eterhaushalte (oder Bewohner
von Heimen), so dass relativ mehr für andere Formen des Konsums oder für sonstige
Ausgaben zur Verfügung steht (vgl. Voges 2008). Außerdem vermittelt Immobilienei-
gentum häufig das Gefühl von U nabhängigkeit und Sicherheit (zumindest vor
Vermieterwillkür und Mieterhöhungen).
Die Entscheidung, Eigentum am Stadtrand zu erwerben oder in ererbte Häuser zu
ziehen, wird meist in der Lebensphase getroffen, in der der Platzbedarf am größten
ist, weil Kinder im Haushalt aufwachsen. Nach dem Auszug der Kinder steht dieser
Platz dann in späteren Lebensjahren für andere Wohnzwecke zur Verfügung. Die
Verfügbarkeit von viel Wohnfläche im Alter sollte deshalb nicht vorschnell als „Über-
versorgung“ betrachtet werden oder nur negativ als möglicher Grund für Überbelas-
tungen bei der Haushaltspflege, sondern zunächst und vor allem als Chance, durch
44
genügend Platz zuhause, vieles von dem innerhäuslich kompensieren zu können,
was durch den eingeschränkten Aktionsradius außer Haus verloren geht (vgl. Voges
2008: 210).
Im Hinblick auf die Wohnungsgröße ist die ältere Bevölkerung im Wixhausen außer-
ordentlich gut versorgt. Die durchschnittliche Wohnungsgröße liegt bei 102 qm.
Westlich der Bahnlinie ist die durchschnittliche Wohnungsgröße mit 98 qm etwas ge-
ringer als östlich der Bahnlinie mit 104 qm. Die Befragten im „jungen Alter“ (65-74)
verfügen mit rd. 108 qm über deutlich mehr Wohnfläche als die Befragten im „älteren
Alter“ (75-79: 94 qm, 80+: 92 qm). Meist lebt man in diesem Alter ja auch noch mit
dem Partner oder der Partnerin zusammen. Tabelle 3.1.4. zeigt die Unterschiede in
der Wohnungsgröße aufgeschlüsselt nach Zahl der im Haushalt lebenden Personen.
Tabelle 3.1.4 Wohnungsfläche nach Größe des Haushalts (in %)
1 Person 2 Personen 3 und mehr Insg.
1 bis 70 37,2 12,9 20,0 19,3
71 bis 99 21,7 34,9 17,5 30,4
100 bis 129 24,0 28,6 35,0 28,0
130 und mehr 17,1 23,6 27,5 22,3
n 129 364 40 533
Im arithmetischen Mittel beträgt die Wohnungsgröße für Einpersonen-Haushalte 91
qm, für Zweipersonenhaushalte 106 qm und für Haushalte, in denen 3 oder mehr
Personen leben 112 qm. Mit Wohnungsflächen von 50 qm und weniger müssen nur
4,4% der Befragten auskommen; auf der anderen Seite leben die bestausgestatteten
4,2% der Befragten mit Wohnflächen von 180 qm und mehr.
Ähnlich wie der Indikator „Wohnfläche“ zeigt auch der Indikator „Zahl der Räume“
eine gute Ausstattung an. Nur 2% der Befragten wohnen in Ein-Raum-Wohnungen,
und 87,9% der Zweipersonenhaushalte haben mindestens drei Räume zur Verfü-
gung (vgl. Tab. 3.1.5). Die wenigen Älteren, die in Mehrpersonenhaushalten leben,
sind relativ am schlechtesten ausgestattet, denn immerhin 63,6% dieser vergleichs-
weise großen Haushalte haben nicht mehr als 4 Zimmer zur Verfügung.
45
Tabelle 3.1.5 Zahl der Räume na ch Größe des Haushalts (in %)
1 Person 2 Personen 3 und mehr Insg.
1 – 2 Räume 28,5 12,1 19,5 16,7
3 – 4 Räume 51,8 53,6 34,1 51,7
5 – 6 Räume 14,6 26,6 31,7 24,1
7 Räume u. mehr 5,1 7,7 14,6 7,5
n 137 379 41 557
Die subjektive Beurteilung der Wohnungsgröße durch die Befragten zeigt, dass es
flächendeckend im Stadtteil einen nahezu optimalen Ausgleich zwischen Bedürfnis-
sen und Wohnraumverfügbarkeit gibt. Dabei ist angesichts der guten Zahlen zur vor-
handenen Wohnfläche nicht überraschend, dass der Anteil der Befragten, die ihre
Wohnung zu klei n finden, unter 1% li egt. Bemerkenswert ist eher der Befund, dass
der Prozentsatz derjenigen, die ihre Wohnung „zu groß“ finden, auch nur bei 4%
liegt
16. Offensichtlich empfindet die überwältigende Mehrheit der Befragten die Größe
der Wohnung als genau angemessen – auch dann, wenn es sich um relativ große
Wohnungen und Häuser hand elt. Großzügiges Wohnen im Alter wird in Wixhausen
eher als Bereicherung und Entfaltungschance gesehen, denn als Belastung. So sind
große Wohnungen auch hilfreich für den Erhalt sozialer Netzwerke, weil sie gute Vo-
raussetzungen bieten, Gäste zu empfangen und zu beherbergen. Der Wunsch, sich
„zu verkleinern“ besteht nur bei einer sehr kleinen Gruppe. Auch die finanzielle Be-
lastung, die mit großen Wohnungen und Häusern verbunden ist, wird zumeist nicht
als störend empfunden. Gerade 3% der Befragten geben an, dass sie ihre Wohnung
„zu teuer“ finden. Das unterstreicht die oben erwähnte Tatsache der relativ geringen
Wohnkosten in den Eigentümerhaushalten, und es zeigt, dass auch die Mieterinnen
und Mieter mit dem Preisniveau am Stadtrand auf dem vergleichsweise teuren Dar-
mstädter Wohnungsmarkt relativ zufrieden sind.
WOHNUNGSAUSSTATTUNG UND BARRIEREFREIHEIT
Der Charakter von DA-Wixhausen als gepflegter Stadtrandsiedlung in einem prospe-
rierenden, westdeutschen Ballungsraum mit Dominanz von Ein- und Zweifamilien-
häusern ließ es als überflüssig erscheinen, detailliert Wohnungsausstattungsmerk-
male (wie z. B. Zentralheizung, Innen-WC, usw.) zu erheben, die andernorts (z. B. in
innerstädtischen Altbauquartieren in ostdeutschen Großstädten) möglicherweise
16 Fast alle Befragten, die ihre derzeitige Wohnung „zu groß“ finden haben 5 oder mehr Räume zur Verfügung.
46
noch die Lebenssituation der älteren Menschen erschweren. Die Entscheidung er-
wies sich als richtig, denn nur 1,6% der Befragten gaben an, dass die „schlechte
Ausstattung“ der Wohnung als störend empfunden wird. Unabhängig von den objek-
tiven Ausstattungsmerkmalen, die nicht bekannt sind, lässt sich so feststellen, dass
die Befragten mit den Wohnungen, so wie sie sind, meist zufrieden sind. Sogar bei
der normalen Abnutzung sieht man wenig Handlungsbedarf. Denn dass in ihrer
Wohnung etwas r enoviert werden müsste, meinen nur 8% der Befragten (10,7% im
Westteil, 6,6% im Ostteil von Wixhausen).
Die Art des Zugangs zur Wohnung insgesamt und zu einzelnen Zimmern in der
Wohnung oder im Haus wird im Alter ein wichtiges Thema. Treppen sind stets ein zu
überwindendes Hindernis, oft sind sie – besonders wenn sie zu schmal, zu steil oder
schlecht beleuchtet sind – geradezu eine Unfallgefahr. Sobald körperliche Beein-
trächtigungen zunehmen, bedrohen Treppen unter Umständen sogar die selbständi-
ge Lebensführung, weil alltägliche Situati onen wie größere Einkäufe, Hantieren mit
Fahrrädern, Kinderwagen oder dem Rollator nicht mehr ohne Hilfe gemeistert werden
können. Wenn Treppen zu hohen Barrieren werden, dann wird die selbstständige
Versorgung schwierig, die Mobilität wird behindert, und die Kommunikation mit ande-
ren Menschen außerhalb der Wohnung wird eingeschränkter. Im Extremfall wird die
Wohnung zum Käfig. Auch in einem von Ein- und Zweifamili enhäusern dominierten
Stadtteil wie Wixhausen gehören Treppen für die meisten älteren Menschen jedoch
zum Leben (vgl. Tab. 3.1.6 und 3.1.7). Für drei Viertel aller Befragten – quer durch
alle Gebäudetypen – gehören Treppen zum Wohnalltag. Dabei leben die ältesten
Befragten etwa zum gleichen Prozentsatz mit Treppen wie die jüngsten.
Nur ein kleiner Teil derjenigen, die Treppen benutzen müssen, um in die Wohnung
zu gelangen, verfügt über technische Aufstiegshilfen (Aufzüge). Insgesamt 12% ha-
ben diese Möglichkeit (vgl. Tab. 3.1.8). Nur in Hochhäusern sind Aufzüge die Regel,
aber selbst in manchen Gebäuden mit 9 und mehr Wohnungen gibt es keine Aufzü-
ge. Hier wird dann ein Umzug nötig, wenn man die Fähigkeit verliert, Treppen zu
steigen. Wie man Tab. 3.1.8 entnehmen kann, ist das in Ein- und Zweifamilienhäu-
sern nicht unbedingt der Fall, denn dort gibt es die Möglichkeit, mit relativ geringen
Kosten Treppenlifte zu installieren, um im vertrauten Wohnumfeld bleiben zu können.
Offenbar haben 3,2% der Befragten aus Ei n- und Zweifamilienhäusern ihr Haus ent-
47
sprechend angepasst. Darüber hinaus gibt es in dieser Form des Eigenheim-
Wohnens auch bessere Möglichkeiten, durch technisch unaufwendige Anpassungen
wie zusätzliche Handläufe, rutschfeste Treppenbeläge oder Entfernen von Stolperfal-
len die Benutzung der Treppen zu erleichtern. Mieter dürften es schwerer haben,
entsprechend individuell zugeschnittene Lösungen vom Vermieter zu bekommen.
Tabelle 3.1.6 Treppenbenutzung nötig nach Haustyp
17 (in %)
Ein- und
Zweifamilien-
haus
Wohnhaus
mit 3 bis 8
Wohnungen
Wohnhaus
mit 9 und
mehr Wohn. Insg.
Ja, nötig 76,4 79,0 75,0 76,1
Nein, nicht nötig 23,6 21,0 25,0 23,9
n 437 62 60 557
Tabelle 3.1.7 Treppenbenutzung nötig nach Alter (in %)
65-69 70-74 75-79 80+ Insg.
Ja, nötig 80,9 70,7 74,5 76,6 75,5
Nein, nicht nötig 19,1 29,3 25,5 23,4 24,5
n 166 185 107 112 570
Tabelle 3.1.8 Vorhandens ein von Aufzügen nach Haustyp (in %)
Ein- und
Zweifamilien-
haus
Wohnhaus
mit 3 bis 8
Wohnungen
Wohnhaus
mit 9 und
mehr Wohn. Insg.
Ja 3,2 2,1 66,7 12,0
Nein 96,8 97,9 33,3 88,0
n 310 47 57 418
Obwohl die große Mehrheit der älteren Generation im Alltag mit Treppensteigen le-
ben muss und nur selten ein Aufzug zur Verfügung steht, stört neun von zehn der
„Betroffenen“ dieser Aspekt der Wohnumwelt nicht. Nur 9,9% dieser Befragten geben
an, dass sie die Notwendigkeit, täglich Treppen zu steigen, stört. Ein geringfügig hö-
herer Anteil der Befragten stört sich an sonstigen Barrieren im unmittelbaren Wohn-
umfeld in der ei genen Wohnung, also z. B. an zu engen Tü ren oder nicht ebenerdi-
gem Einstieg in Duschen. Insgesamt sind es 14,3% der Befragten.
17 Landwirtschaftliche Wohngebäude wurden in der Tabelle nicht berücksichtigt.
48
HAUSHALTSAUSSTATTUNG MIT GEBRAUCHSGÜTERN
Es gibt keinen Konsens darüber, welche Möbel, Haushaltsgeräte, Accessoires, Infra-
struktureinrichtungen usw. einen Haushalt zu einem „gut“ ausgestatteten Haushalt
machen. Welche Dinge sich ein Haushalt anschafft, hängt nicht nur von objektiven
Bedarfslagen ab, sondern vor allem von subjektiven und individuellen Konsumpräfe-
renzen, Aktivitätsmustern, Lebensstilen und vor allem natürlich auch vom verfügba-
ren Haushaltseinkommen. Darüber hinaus gibt es zwar eine umfangreiche Literatur
zur Frage, welche Eigenschaften die Ausstattung des Haushalts oder bestimmte Ge-
brauchsgüter im Speziellen haben müssen, um als „altengerecht“ gelten zu können,
eine systematische Erhebung zu diesem Themenkomplex hätte aber den Rahmen
dieser Befragung gesprengt. Stattdessen haben wir uns auf ein kleines Set von Indi-
katoren beschränkt, die in ganz elementarer Form darüber Auskunft geben, ob im
betreffenden Haushalt die technischen Voraussetzungen vorhanden sind, um mobil
zu sein, an modernen Kommunikationsprozessen teilnehmen zu können und be-
quem Nahrung zubereiten zu können. In Tabelle 3.1.9 sind die Indikatoren zusam-
mengestellt.18
Tabelle 3.1.9 Indikatoren zur Haushaltsausstattung
„Ja, ist im Haushalt vorhanden“ (in%)
65-69 70-74 75-79 80+ Insg.
Fernsehgerät 98,2 98,4 98,1 98,2 98,3
Videogerät 74,7 66,5 65,9 41,5 64,5
DVD-Player 71,2 60,5 50,6 29,9 56,6
Mikrowelle 77,2 81,2 77,0 65,4 72,9
Computer 71,8 49,4 30,0 18,7 47,6
Internetzugang 63,5 38,8 21,3 12,6 39,1
Mobiltelefon 92,5 86,6 73,9 63,6 81,8
Auto 90,7 90,4 70,5 54,0 80,2
Die Zahlen in Tabelle 3.1.9 dokumentieren im wesentlichen Unterschiede zwischen
den Alterskohorten, d.h. es ist davon auszugehen, dass in 10-15 Jahren die heutigen
jungen Alten sich nicht an das Muster der heutigen 80plus-Generation angleichen
werden, sondern dass sie ihre Haushalte weiterhin so ausstatten werden wie derzeit.
Das betrifft insbesondere die Ausstattung mit moderner Unterhaltungselektronik-
18 In der Fragestellung wurde gefragt, ob die betreffenden Dinge vorhanden sind, und, wenn nicht, ob sie aus
finanziellen oder aus sonstigen Gründen fehlen. Nicht vorhandene Ausstattungsmerkmale fehlten nur ganz selten
(1-3% der Fälle) aus finanziellen Gründen, die Ergebnisse werden deshalb hier nicht gesondert ausgewiesen.
49
Technik und ganz besonders die Nutzung von Computer n und Internet. Auch an den
Daten dieser Befragung wird deutlich, dass eine neue Form von sozialer Ungleich-
heit, der „digital divide“ quer durch die derzeitige Generation der älteren Erwachse-
nen verläuft. Während in den Altersgruppen etwa ab 70 Jahren nur eine Minderheit
mit der EDV umgehen kann, ist es bei der jüngsten Altersgruppe schon die große
Mehrheit. Mit jedem nachrückenden Jahrgang wird sich vermutlich das Problem des
Nichtzugangs der Älteren zu einer zentralen Technologie der modernen Gesellschaft
verringern. Damit sind vor allem Chancen verbunden. Auf der Basis von Internet und
Mobiltelefonie könnten heute noch nicht vorstellbare technische Lösungen für Hilfs-
und Versorgungsbedarf entwickelt werden (vgl. Malanowski 2007, Malanowski &
Cabrera 2009, Hilpert, Paulus & Heinze 2008, Heinze 2008), Kommunikationsbezie-
hungen können trotz ausgeprägt häuslicher Lebensweise gepflegt und ausgebaut
werden, und mit dem Zugang zur virtuellen Welt werden sich auch die Freizeitaktivi-
täten weiter verändern. Möglicherweise konkurriert der Kaffee-Nachmittag im Alten-
treff dann stärker mit dem Surfen und Chatten im Internet als heute.
MULTILOKALES WOHNEN
In vielen Ländern, insbesondere in den wohlhabenden Ländern des „Westens“, findet
die Tatsache immer mehr Aufmerksamkeit, dass Haushalte mehr als einen regelmä-
ßigen Wohnstandort haben (vg. Hall & Müller 2004). Städter besitzen naturnahe
„Datschas“ im Umland. Touristen beginnen, sich in ihren bevorzugten Zielgebieten
Zweitwohnsitze zu kaufen oder zu mieten. Fernpendler benötigen einen Neben-
wohnsitz am Arbeitsort. Das Phänomen multilokalen Wohnens wird zwar meist mit
Blick auf die Erwerbstätigen und die Erfordernisse eines flexibilisierten Arbeitsmark-
tes diskutiert (
Sturm, G. & C. Weiske 2009, Rolshoven & Winkler 2009, Weichhart
2009), aber es ist auch ein populäres Thema in den Medien, wenn der Wohlstand
der gegenwärtigen Ruhestandsgeneration herausgestellt werden soll. Im Zentrum
der Aufmerksamkeit steht dann die kleine Gruppe wohlhabender Menschen, die nach
Belieben zwischen ihrem Hauptwohnsitz und ihren attraktiven Zweitwohnsitzen in
den Alpen oder an den Küsten der Meere oder in den mediterranen Kulturlandschaf-
ten hin und her pendeln.
Dieser Befragung liegt ein breit angelegtes Verständnis von multilokalem Wohnen
zugrunde. Es wurde nicht nur nach Zweitwohnsitzen in Deutschland und im Ausland
50
gefragt, sondern auch nach eher traditionellen und nicht notwendig kostenintensiven
Formen eines „zweiten Zuhauses“ wie dem Schrebergarten oder dem Dauer-Cam-
ping-Platz. Außerdem konnten die Befragten Sonstiges nennen, das für sie persön-
lich als „zweites Zuhause“ zählt. Dies waren dann z. B. auch regelmäßig aufgesuchte
Wohnungen von engen oder ferneren Verwandten (vgl. Tab. 3.1.10).
Tabelle 3.1.10 Vorhandensein ei nes „zweiten Zuhauses“ (in%)
65-69 70-74 75-79 80+ Insg.
Schrebergarten u. ä. 9,0 7,6 5,5 3,6 6,8
Ferienwohnung in D. 4,2 3,2 1,8 2,7 3,1
Ferienwoh. i. Ausland 2,4 2,2 1,8 0,9 1,9
Sonstiges 4,2 4,9 7,3 3,6 4,9
Alle Formen eines
„Zweiten Zuhauses“ 19,9 14,6 14,7 5,4 14,3
Die Schrebergärten (oder Ähnliches) sind die häufigste Form der naturnahen Ergän-
zung der städtischen Wohnung. Dass die Nutzung solcher naturnaher Erholungsorte
mit dem Alter sinkt, erscheint plausibel, wenn man in Rechnung stellt, dass mit dem
Alter Gartenarbeit auch zur Last werden kann. Auch der Besitz von Ferienwohnun-
gen sinkt mit dem Alter, aber hier kann ein vergleichbarer Effekt des Älterwerdens
nicht unbedingt unterstellt werden, genauso plausibel ist die Annahme, dass diese
Formen des residentiellen Tourismus bis ins höchste Alter attraktiv bleiben werden.
3.2 Veränderungswünsche zur Wohnsituation
Mit der Alterung der Gesellschaft wird die Frage immer wichtiger, wie gut die gebaute
Wohnumwelt zu den älter werdenden Mens chen „passt“ und welche Veränderungen
notwendig sind, um diese Passung zu verbessern. Im Zentrum dieses Problemkrei-
ses steht zunächst die Wohnung, dann aber auch darüber hinaus das ganze Wohn-
umfeld im Stadtteil.
Wenn Menschen und Haushalte altern, haben sie im Hinblick auf die Wohnung im
Prinzip drei Optionen: Sie können den Zustand der Wohnung im Großen und Ganzen
so belassen wie er ist und ihre Lebensführung daran anpassen. Sie können, zwei-
tens, die Wohnung ihren möglicherweise gewandelten Bedürfnissen baulich anpas-
sen, oder sie können, drittens, wenn die Passung nicht mehr stimmt, umziehen. Im
Falle eines Umzugs gibt es dabei prinzipiell immer die Alternative zwischen dem Um-
51
zug im Nahbereich oder einem Fernumzug. In der Demografie werden Fernumzüge
der 65jährigen und Älteren unter dem Begriff der „Ruhestandsmigration“ zusammen-
gefasst.19 Die Wahrscheinlichkeit, dass solche Umzüge stattfinden, ist auch in der
älteren Generation sehr ungleich verteilt, wenn man die verschiedenen Altersjahr-
gänge betrachtet. Die Umzugswahrscheinlichkeit steigt insbesondere im „vierten“
Alter stark an (vgl. Friedrich 1995), weil viele Personen die Fähigkeit verlieren, einen
eigenen Haushalt führen zu können. Man zieht dann z.B. in die Nähe zu verlässli-
chen Hilfen (z. B. eigenen Kindern) oder man begibt sich in institutionelle Betreuung
(z.B. in ein Altenpflegeheim). Aus anderen Ländern ist bekannt (und es wird für
Deutschland vermutet), dass die Wahrscheinlichkeit für einen Umzug auch im jünge-
ren Seniorenalter, in den ersten Jahren nach Eintritt in den Ruhestand, etwas erhöht
ist. Die Gründe für die Umzugsentscheidung der etwa 60-70jährigen sind allerdings
meist ganz andere. Hier spielt die Überlegung, ein angenehmeres räumliches, öko-
nomisches und/oder soziales Umfeld aufzusuchen, die entscheidende Rolle. Um-
zugsgründe sind dann z. B. der Wunsch, nach Ende der Erwerbsarbeit in die Region
zurück zu ziehen, aus der man stammt. Oder man entscheidet sich für bestimmte
landschaftlich, gesundheitlich oder kulturell reizvolle Orte, die man möglicherweise im
Rahmen touristischer oder beruflicher Aktivitäten kennen gelernt hatte. Ein dritter
wichtiger Grund ist eine Art „Stadtflucht“ der Senioren. Man verlässt die Innenstädte
und lässt sich in stadtnahen, aber preiswerteren und naturnäheren Orten nieder.
20
In Deutschland ist der Vorgang der Ruhestandsmigration wenig erforscht und als
Thema der Politik nicht etabliert. Allerdings scheint es in der Öffentlichkeit einen
Konsens zu geben, dass – von Ausnahmen abgesehen
21 – keine gezielten Anreize
für die Ruhestandsmigration gesetzt werden sollten. Auch die Planung oder gar För-
derung von gesonderten Altenwohngebieten mit einer zielgruppenspezifischen Infra-
struktur („Rentnerstädte“) ist in Deutschland eine Art Tabu-Thema. Die Förderung der
residentiellen Immobilität ist inoffizielles (oder auch erklärtes) Ziel der Seniorenpolitik.
19 Insbesondere in den USA und Kanada wird dieser Typ von Migration seit Jahrzehnten intensiv erforscht
(Longino 1995, http://www.wfu.edu/academics/gerontology/retirement-migration-biblio-info.htm ). Der For-
schungsstand in Deutschland ist sowohl zur innerdeutschen wie zur grenzüberschreitenden Ruhestandsmigration
sehr überschaubar (Kontuly et al. 1986, Friedrich 2002). Die Ruhestandsmigration hat freilich sehr vielfältige
und unterschiedliche Ursachen, die Unzufriedenheit mit der Wohnung ist nur einer von vielen Faktoren.
20 Prominentestes Beispiel in Deutschland ist die Ruhestandsmigration ins Umland von Berlin (vgl. Goltz &
Born 2005), aber ganz ähnliche Tendenzen gibt es auch im Ruhrgebiet und im Rhein-Main-Gebiet (Blotevogel
& Jeschke 2003, Friedrich 2004)
52
Vor diesem Hintergrund erscheinen dann seniorengerechte Anpassungen der Woh-
nung und des Wohnumfelds als vordringliche Maßnahmen. Das Risiko dieser Immo-
bilitätspräferenz ist, dass die erforder lichen Anpassungen ausbleiben und die Men-
schen dann spät und unfreiwillig in reine Altenpflegeheime umziehen müssen.
ZUFRIEDENHEIT MIT DER WOHNUNG UND DEM WOHNORT
Die Lebensqualität im Alter hängt ganz wesentlich von der Wohnzufriedenheit ab.
Diese wiederum wird durch eine Vielzahl von Faktoren bestimmt, die sich zu drei
Komplexen bündeln lassen: erstens Zufriedenheit mit der Wohnung selbst (z. B.
Größe, Ausstattung, Rechte als Eigentümer), zweitens Zufriedenheit mit dem Wohn-
umfeld im Stadtteil (bauliche und infrastrukturelle Qualität) und drittens mit den sozia-
len Kontakten und Interaktionen in de r Nachbarschaft. Die Wohnzufriedenheitsfor-
schung hat dabei festgestellt, dass die psycho-sozialen Aspekte des Verhältnisses zu
den Nachbarn wichtiger für die Zufriedenheit sind als die materiellen, physischen As-
pekte der Wohnsituation. Außerdem zeigt sich in Studien eine mit dem Alter anstei-
gende Wohnzufriedenheit (Adriaanse 2007).
In der vorliegenden Untersuchung wurde die Wohnzufriedenheit mit zwei Indikatoren
erhoben. Einmal wurde nach der Zufriedenheit mit der Wohnung gefragt (vgl. Tab.
3.2.1), zum anderen wurde gefragt, wie gern man in Wixhausen wohnt (vgl. Tab.
3.2.2). Im Hinblick auf die erste Frage ist das Bild sehr klar: Weniger als 5% sind mit
ihrer Wohnung „unzufrieden“ oder „Weniger zufrieden“. In der jüngsten Altersgruppe
ist die Unzufriedenheit ein wenig stärker ausgeprägt. Ein ähnlicher Befund zeigt sich
auch mit Blick auf die große Gruppe der Zufriedenen (95%). „Sehr zufrieden“ sind vor
allem die Ältesten. Auch in Wixhausen steigt die Zufriedenheit also mit dem Alter an.
Dies kann entweder bedeuten, dass die Älteren ihr Wohnumfeld durch Umbau oder
Umzug bereits erfolgreich an ihre Bedürfnisse angepasst haben, oder aber es be-
deutet möglicherweise nur eine Absenkung der eigenen Erwartungen an das Wohn-
umfeld in dem Bewusstsein, dass nachhal tige Veränderungen immer schwerer zu
erreichen sein werden.
21 In verschiedenen Großstädten gab es in der Vergangenheit auf kommunaler Ebene finanzielle Anreize für
Ältere, in kleinere Wohnungen umzuziehen, um in den frei werdenden Großwohnungen junge Familien unter zu
bringen.
53
Tabelle 3.2.1 Zufriede nheit mit der Wohnung (in %)
65-69 70-74 75-79 80+ Insg.
Sehr zufrieden 49,4 48,9 56,3 53,2 51,3
Eher zufrieden 44,0 48,3 40,8 42,2 44,4
Weniger zufrieden 6,0 2,8 2,9 3,7 4,0
unzufrieden 0,6 0 0 0,9 0,4
n 166 178 103 109 556
Tabelle 3.2.2 Wohnen Sie gern in Wixhausen? (in %)
65-69 70-74 75-79 80+ Insg.
Sehr gern 23,6 26,4 28,7 32,7 27,2
Gern 44,1 50,0 54,5 52,9 49,6
Teils/teils 29,8 19,5 12,9 11,5 19,8
Eher ungern 1,9 4,0 4,0 1,9 3,0
Sehr ungern 0,6 0 0 1,0 0,4
n 161 174 101 104 540
Der Effekt des Alters wird in der Beurteilung des Stadtteils Wixhausen noch ausge-
prägter. Zwar wohnen insgesamt rund Dreiviertel der Befragten „gern“ oder sogar
„sehr gern“ in Wixhausen, aber von den Ältesten sind es ca. 86% und von den
Jüngsten nur 68%. Die Gruppe, die mit dem Wohnen in Wixhausen sowohl Vor- als
auch Nachteile verbindet nimmt von etwa 30% (65-69jährige) auf etwa 11% (80plus)
ab. Nur rd. 3% der Generation 65plus wohnt eher ungern in diesem Stadtteil.
WOHNUNGSUMBAU
Bei der Entscheidung zwischen einem Umbau der Wohnung oder dem Umzug in ei-
ne andere Wohnung ist der Wohnstatus von ausschlaggebender Bedeutung. In
Wixhausen hat kein Mieter/keine Mieterin vor, die Wohnung altersgerecht anzupas-
sen. Von den 430 Eigentümern dagegen haben 25 (= 5,8%) diese Absicht. Es sind
ganz überwiegend die jüngeren Senioren, die Umbaupläne haben. Die Älteren haben
die erforderlichen Anpassungen also entweder schon in der Vergangenheit vollzogen
oder sie verzichten ganz darauf.
UMZUGSPLÄNE
Konkrete Pläne, in Zukunft umzuziehen, haben 7,6% der Befragten, d. h. 92,4% wol-
len, solange es geht, in der derzeitigen Wohnung bleiben. Diejenigen, die an einen
Umzug denken, wollen etwa zu gleichen Teilen entweder eine andere Wohn ung in
Wixhausen beziehen (2,1%), sie wollen zentraler in der Stadt wohnen (2,2%), oder
54
sie wollen an einen anderen Ort in Deutschland ziehen. Praktisch niemand hat vor,
ins Ausland zu ziehen22. In welcher Beziehung diese Umzugsabsichten zum tatsäch-
lichen Umzugsgeschehen stehen, ist ungeklärt. Zum einen ist nicht klar, wie fest die
Umzugsabsicht bei den Interessierten ist, und zum anderen sind diejenigen, die ihre
Umzugspläne schon in die Tat umgesetzt haben, von der vorliegenden Befragung
natürlich nicht erreicht worden. Die hier berichteten Zahlen sind also nur mit großen
Vorbehalten zu interpretieren, am ehesten sind sie als subjektive Indikatoren anzu-
sehen, wie „beliebt“ bestimmte Formen des Seniorenwohnens sind. Auch ist zu be-
denken, dass eine Reihe von Befragten z. T. auch mehrere und ganz verschiedene
Formen des Umzugs planen. Das ist durchaus sinnvoll, denn Umzugswünsche hän-
gen stark von anderen Änderungen in der Lebenssituation ab. Das, was man als
gemeinsame Zukunft mit der Partnerin/dem Partner plant, muss nicht dasselbe sein,
wie das, was man ins Auge fasst, wenn man die Partnerin/den Partner verliert.
Von den Mietern plant fast jede(e) Zehnte (9,3%), in eine andere Mietwohnung um-
zuziehen. Bei den Eigentümern sind es nur 4,4%, die sich in dieser Weise verändern
möchten. Dem gegenüber stehen 1,7%, die in Zukunft Wohneigentum erwerben wol-
len. Völlig unbeliebt sind private Haus- und Wohngemeinschaften, weniger als 1%
fassen einen solchen Umzug ins Auge. 2,6% wollen näher zu Personen ziehen, die
ihnen wichtig sind. In der gleichen Größenordnung liegt der Prozentsatz der Befrag-
ten, die sich vorstellen, in eine stationäre Pflegeeinrichtung umzuziehen (2,2%). Als
Alternative zum derzeitigen Wohnen sind spezielle Seniorenwohnformen am belieb-
testen. Etwa 7-8% der Befragten würden gern in betreutes Wohnen, Seniorenresi-
denzen oder speziell ausgestattete Wohnheime umziehen. Rechnet man die Mehr-
fachnennungen heraus, sind es insgesamt ca. 11% der Befragten, die einen Umzug
in diese Formen seniorengerechten Wohnens vorhaben. Das sind deutlich mehr
„Umzugsbereite“ als sich aus den Antworten auf die direkte Frage nach Umzugsplä-
nen ergibt. Vermutlich gibt es aber Einige, die einerseits zwar gern in der derzeitigen
Wohnung leben bleiben möchten solange es geht, di e andererseits aber – z.B. nach
dem Verlust der Partnerin/des Partners – in eine andere Wohnform umziehen wür-
den. Insgesamt gibt es also auch ein quantitativ bedeutsames Potential für Umzüge
im Alter (zum Umzug im Alter vgl. Heinze et al 1997).
22 Da der Ausländeranteil im Stadtteil Wixhausen äußerst gering ist, muss auch das Ausmaß der Rückwanderung
sehr klein sein.
55
4. Mobilität, öffentlicher Raum, Nahversorgung
Von zentraler Bedeutung für die Lebensqualität in einem Stadtteil oder suburbanen
Quartier sind zum einen die Infrastrukturausstattung des Quartiers selbst, zum ande-
ren aber auch seine Erreichbarkeit. Je besser ein Ortsteil mit Einkaufs- und Freizeit-
angeboten und sonstigen Versorgungsmöglichkeiten ausgestattet ist, desto beque-
mer wird das Leben dort für distanzempfindliche Personen. Da mit zunehmendem
Alter diese Abneigung, für die Erledigung der Alltagsaktivitäten größere Distanzen
überwinden zu müssen, ansteigt, ist eine gute Infrastruktur des Quartiers ein zentra-
ler Indikator für eine „altengerechte“ Umgebung. Andererseits können eine Vielzahl
von hochwertigen Warenangeboten und privatwirtschaftlichen Dienstleistungen sowie
herausragende kulturelle öffentliche Einrichtungen nicht in der Fläche, sondern nur
zentral in der Stadt oder in großflächigen Einzelhandelskomplexen an verkehrsgüns-
tigen Standorten im städtischen Umland angeboten werden. Deshalb ist es ebenso
wichtig, dass man solche Angebote vom Wohnort gut erreichen kann. Im Prinzip gibt
es nur zwei Möglichkeiten diese Erreichbarkeit zu gewährleisten: durch den motori-
sierten Individualverkehr (MIV), meist durch PKWs, oder durch die Einbindung des
Quartiers in die Netze des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV). Im Gegensatz
zum Stadtzentrum, wo es sowohl eine gute Infrastrukturausstattung als auch eine
gute Erreichbarkeit gibt, sind suburbane Quartiere häufig dadurch charakterisiert,
dass die Infrastruktur des Ortes oder Stadtteils eher schlecht ist und die Einbindung
in den ÖPNV mangelhaft. Zur Sicherstellung der Lebensqualität ist man dort deshalb
auf Gedeih oder Verderb darauf angewiesen, am MIV teilnehmen zu können. Bei der
Erhebung zu den Bedingungen des Altwerden in Wixhausen waren deshalb sowohl
Indikatoren zu den vorhandenen Mobilitätsmöglichkeiten der Generation 65plus, als
auch Indikatoren zur Infrastrukturausstattung der beiden Ortsteile von Wixhausen zu
erheben.
BEDEUTUNG DER MOBILITÄT IM ALTER
Gute Möglichkeiten außerhäuslich mobil zu sein, sind in der modernen Gesellschaft
ein wesentlicher Bestandteil (guter) Lebensqualität. Die Steigerung der Chancen zu
immer weiter ausgreifender, immer häufigerer und immer individuellerer Mobilität sind
geradezu ein Definitionsmerkmal des Begriffs der Moderne (vgl. Mollenkopf 2002). Je
selbst bestimmter und individueller man über Ziel, Termin, Route und Verkehrsmittel
56
bei außerhäuslicher Mobilität entscheiden ka nn, desto größer sind die Wahlfreiheiten
bei der Ausübung von Aktivitäten. Das gilt auch im Alter, wenn ein ganz wichtiger
Bereich der außerhäuslichen Aktivitäten, die Erwerbsarbeit, entfallen ist. Auch im
Alter ist Mobilität wichtig für die Versorgung mit den Dienstleistungen und Gütern des
täglichen Bedarfs, für die Pflege sozialer Beziehungen und für die Freizeitgestaltung.
Im Alter (wie auch in anderen Lebensphasen) gehört das Reisen, das zum Vergnü-
gen mobil sein als Tourist, zu den beliebtesten Freizeitbeschäftigungen überhaupt
(Schimany, P. 1998, Gibson 2002, Sellick 2004, Nimrod 2008). In der Studie von
Rudinger et al. (2004: 57ff.) wird auf der Basis qualitativer Interviews auch heraus
gearbeitet, dass die Wege und Wegzeiten selbst im Alter Freizeitqualität gewinnen.
Unabhängig von Anlass und Zweck der Wege werden sie in verschiedener Hinsicht
als positive Aktivitäten wahrgenommen: sie sind willkommener Anlass zu körperlicher
Bewegung, sie regen zur Auseinandersetzung mit Natur, Wetter und gebauter Um-
welt an, sie bieten Gelegenheiten für soziale Kontakte, Austausch von Neuigkeiten,
und sie strukturieren den Alltag. In der kommunalen Verkehrsplanung wird die Förde-
rung alltäglicher Mobilität älterer Menschen als wichtiger Baustein einer präventiven
Gesundheitspolitik entdeckt (vgl. Kasper 2007).
Vor diesem Hintergrund sind Mobilitätseinbußen eine der negativsten Begleiterschei-
nungen des Altwerdens. Probleme entstehen in der gegenwärtigen „Automobilgesell-
schaft“ insbesondere dann, wenn alters- oder gesundheitsbedingt Geh-, Hör-, Seh-
und Orientierungsfähigkeiten schwinden, und die selbstständige Benutzung eines
Kraftfahrzeugs nicht mehr möglich ist. Zwar ist umstritten, inwiefern der Erhalt der
Automobil-Tüchtigkeit der älteren Generation ein vordringliches Ziel der Seniorenpoli-
tik sein sollte (vgl. Kreuzer 2006: 57f.)
23, aber es ist unbestritten, dass in der heutigen
Zeit der Verlust der Fähigkeit, Auto zu fahren, ein das Leben stark veränderndes Er-
eignis ist, das die objektive und subjektive Lebensqualität drastisch mindert. Oft ist
ein Ausweichen auf andere Verkehrsmittel, wie etwa das Fahrrad, dann ebenfalls
nicht mehr möglich, und für das routinierte Benutzen des öffentlichen Nahverkehrs
fehlen vielfach die Erfahrungen. So reduzieren sich gleichzeitig die Zahl der außer-
häuslichen Wege und die zurückgelegten Distanzen, und das Zufußgehen wird zum
23 Beetz et al. (2009) fassen den Erkenntnisstand folgendermaßen zusammen: „Da es einen deutlichen Zusam-
menhang zwischen Automobilität und Lebenszufriedenheit gibt, sollte kein restriktiver Umgang mit Führer-
scheinentzug, sondern eine Unterstützung der Automobilität angestrebt werden, die gegenseitige Rücksichtnah-
me beinhaltet.“ (S. 105)
57
wichtigsten „Verkehrsmittel“ der Ältesten (Kreuzer 2006, Schreiner 2004, Hieber et al.
2006).
Art und Ausmaß der Mobilitätsprobleme im Alter hängen sowohl von den Ressourcen
und Fähigkeiten der Individuen ab, als auch von den Merkmalen des öffentlichen
Raums im jeweiligen Wohnviertel. Menschen, die das Auto nicht benutzen können,
und meist Fußwege zurück legen, haben es leichter, wenn die Wege zu den Nahver-
sorgungseinrichtungen kurz sind, nicht zugeparkt, ausreichend beleuchtet,
barrierefrei, nicht steil, gut gepflegt und auf denen die diversen Sturz- und Unfallge-
fahren minimal sind (vgl. Draeger & Klöckner 2001). Die folgenden Abschnitte infor-
mieren darüber, wie die Befragten in dieser Hinsicht den Stadtteil Wixhausen bewer-
ten und über welche Mobilitätsressourcen sie verfügen.
4.1 Mobilitätsressourcen
Wie in einem typischen Stadtrandquartier nicht anders zu erwarten, spielt das Auto
bis ins höchste Alter eine wichtige Rolle für die Mobilität der Befragten. In den unte-
ren Altersgruppen sind in neun von zehn Haushalten Kraftfahrzeuge vorhanden, und
auch die Haushalte der Altersgruppe 80plus verfügen noch etwa zur Hälfte über die-
se Möglichkeit der Mobilität. In allen Altersgruppen gibt es aber noch große Unter-
schiede zwischen Männern und Frauen, was das aktive Autofahren anbelangt (vgl.
Abbildung 4.1.1): In allen Gruppen fahren die Männer in der großen Mehrzahl noch
selbst, auch bei den 80jährigen und Älteren sind es noch knapp zwei Drittel. Frauen
– etwa ab dem Alter von 75 Jahren – sind meist nicht in der Lage, selbst Auto zu fah-
ren. Sofern sie noch mit ihrem Ehepartner zusammen leben, dürfte das ihre Mobili-
tätschancen nicht gravierend beeinträchtigen, aber wenn beide Ehepartner nicht
mehr Auto fahren können, oder wenn der Auto fahrende Mann verstirbt, dürfte die
Situation insofern problematisch werden, als man dann entweder von fremder Hilfe
abhängig wird oder im hohen Alter den Umstieg auf den öffentlichen Nahverkehr
schaffen muss. Die Zahl der Personen, die in diese Lage gerät, dürfte sich jedoch in
den nächsten Jahren eher verringern, denn die ins Alter nachrückenden Kohorten
der Frauen (und auch der Männer) werden in noch stärkerem Maße als die heutige
Generation 65plus das aktive Auto fahren gewöhnt sein. In der jüngsten hier betrach-
teten Altergruppe beträgt der Unterschied zwischen Männern und Frauen bei diesem
Indikator nur noch 13%. Anders als in früheren Kohorten wird es deshalb künftig
58
selbstverständlich sein, dass Frauen die Teilnahme am MIV gewährleisten, auch
wenn der – zumeist ältere – Partner das Autofahren aufgeben muss.24
Tabelle 4.1.1 Mobilitätsressourcen nach Altersgruppen und Geschlecht (in %)
65-69 70-74 75-79 80+ Insg.
Gesamte Stichprobe
Im Haushalt gibt es ein Auto 90,7 90,4 70,5 54,0 80,2
Ich fahre selbst noch aktiv Auto 81,9 76,3 52,9 36,7 66,3
Ich fahre noch Fahrrad 86,5 78,4 60,2 31,9 68,8
Ich benötige beim Gehen ein
Hilfsmittel (Stock, Rollator) 3,6 9,9 20,2 58,2 20,1
Frauen
Im Haushalt gibt es ein Auto 89,7 85,4 57,4 42,4 72,5
Ich fahre selbst noch aktiv Auto 75,0 59,6 30,2 17,2 49,3
Ich fahre noch Fahrrad 82,2 69,1 50,0 28,1 60,1
Ich benötige beim Gehen ein
Hilfsmittel (Stock, Rollator) 1,6 11,4 30,4 66,1 26,1
Männer
Im Haushalt gibt es ein Auto 91,7 95,5 83,0 72,5 88,4
Ich fahre selbst noch aktiv Auto 88,1 93,1 77,1 65,0 84,2
Ich fahre noch Fahrrad 90,4 87,5 71,1 37,8 78,0
Ich benötige beim Gehen ein
Hilfsmittel (Stock, Rollator) 5,3 7,0 9,5 44,7 13,3
Abbildung 4.1.1 Aktiv Autofahren nach Alter und Geschlecht (in %)
grau = Männer, dunkelgrau = Frauen
24 Beckmann et al. (2005) pr ognostizieren: „Bei den Frauen liegt der Anteil der Führerscheinbesitzerinnen im
Jahre 2002 … erst ab den Geburtsjahrgängen 1959 bis 1964 bei über 90%.... Entsprechend werden erst etwa
2030 die 70- bis 75-jährigen Frauen zu gut 90% einen Führerschein haben.“ (S. 53).
59
Wohl auch, weil es in Wixhausen keine beschwerlichen Steigungen oder Gefällstre-
cken gibt, erfreut sich auch das Fahrradfahren großer Beliebtheit zumindest in den
drei jüngsten Altersgruppen. Erst ab 80 begibt sich dann die Mehrheit der Befragten
(Männer wie Frauen) nicht mehr auf das Rad. Gemessen am Indikator „Verwendung
von Gehhilfen“ zeigt sich, dass etwa mit dem 80. Lebensjahr Mobilitätseinschränkun-
gen sichtbar werden. 58,2% der Frauen dieser Altersgruppe und 44,7% der Männer
benutzen Hilfen, um die außerhäuslichen Fußwege besser bewältigen zu können.
Einer der wenigen Punkte, in denen große Unterschiede in der Zufriedenheit zwi-
schen dem westlichen und dem östlichen Teil des Stadtbezirks festgestellt werden
können, ist die Zufriedenheit mit dem Parkplatzangebot. Westlich der Bahnlinie im
alten Ortsteil scheint die Situation viel problematischer zu sein. Interessanterweise
kritisieren gerade auch die älteren Menschen die Parkplatzsituation, die über kein
Auto verfügen. Möglicherweise gibt es Probleme, wenn sie Besuch empfangen wol-
len oder Mitfahrgelegenheiten wahrnehmen wollen.
Abbildung 4.1.2 Zufriedenheit mit Vorhandensein von Parkplätzen (in %)
7,5 14,1 11,8
37,9
53,8
48,3
54,6
32,1 39,9
0%
10%
20%
30%
40%
50%
60%
70%
80%
90%
100%
West Ost Insg.
weniger zufrieden
unzufrieden
eher zufrieden
sehr zufrieden
Wie in einem suburbanen Quartier nicht anders zu erwarten, spielt auch in
Wixhausen bei der überörtlichen Mobilität der motorisierte Individualverkehr für die
Generation 65plus die zentrale Rolle. Und vermutlich wird seine Bedeutung in der
Zukunft eher noch zunehmen, denn die Frauen unter den „jungen Alten“ werden,
wenn ins „hohe Alter“ vorrücken, wohl in ähnlicher Weise am Steuer aktiv bleiben,
wie die hochaltrigen Männer schon heute. Auch für die Fortbewegung auf kürzeren
60
Wegstrecken bietet das Autofahren einen Ersatz, wenn Gehen oder Fahrradfahren
aus gesundheitlichen Gründen schwerer fallen: „Für ältere Menschen stellt das Auto,
insbesondere vor dem Hintergrund gesundheitlicher Einschränkungen und zum Teil
weiter Wege zu Versorgungseinrichtungen, eine wichtige Möglichkeit der Aufrechter-
haltung einer selbstständigen Lebensführung dar“ (Hieber et al. 2006).
4.2. Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs
Suburbane Quartiere sind häufig schlecht an den ÖPNV angebunden. Für
Wixhausen gilt dies jedoch nicht. Im Ortsteil gibt es eine S-Bahn-Station, die die
Fahrgäste in südlicher Richtung innerhalb von etwa 5 Minuten zum Darmstädter
Hauptbahnhof bringt, wo Anschlussmöglichkeiten in alle Richtungen bestehen. In
nördlicher Richtung sind es mit der S-Bahn nur etwa 30 Minuten bis ins Zentrum der
Rhein-Main-Region in die Innenstadt von Frankfurt am Main. Auf dem Weg passiert
die S-Bahn mehrere weitere zentrale Orte der Metropolregion, ebenfalls mit An-
schlussmöglichkeiten in viele Richtungen. In beide Richtungen fahren S-Bahnen al-
lerdings nur im halbstündigen Takt. Im Stadtteil Wixhausen selbst verkehrt ein Auto-
bus, der einerseits als Ortsbus eine Runde dreht, und andererseits die Anbindung an
das Darmstädter Straßenbahnnetz (Endstation in Arheilgen) gewährleistet. Zugleich
führt dieser Bus die Fahrgäste ins Zentrum des alten Ortes Arheilgen, das heute der
größte Stadtteil im Norden Darmstadts ist, und viele Einkaufs- und Versorgungsmög-
lichkeiten bietet.
ZUFRIEDENHEIT MIT DEM ÖPNV IN WIXHAUSEN
Mit Hilfe mehrerer Indikatoren wurde die Zufriedenheit mit dem ÖPNV gemessen.
Der erste Indikator war Bestandteil einer größeren Liste von Einschätzungen zur
Wohnumgebung. Gefragt war nach der Zufr iedenheit mit der Anbindung des Stadt-
teils an das öffentliche Verkehrsnetz insgesamt. Mit 88,3% „Sehr zufrieden/zufrieden“
war die Zufriedenheit in diesem Bereich größer als bei allen anderen Aspekten. Da-
bei gab es nur minimale Unterschiede zwischen Männern und Frauen oder den Al-
tersgruppen. Auch Haushalte mit und ohne Kraftfahrzeug unterscheiden sich kaum.
Ein ähnlich positives Bild ergibt sich bei der gezielten Frage nach dem Bus- und S-
Bahn-Angebot (also den reinen Nahverkehrsmitteln): Rund 70% sind „sehr zufrie-
den/zufrieden“, etwa 20% sehen sowohl Vor- als auch Nachteile, aber „eher oder
61
sehr unzufrieden“ sind nur etwa 10%. Ein dritter Indikator bezog sich auf die Erreich-
barkeit der Haltestellen: Von allen, die sich zu diesem Punkt äußern, finden 92,1%
die Haltestellen gut erreichbar, für 7,9% sind sie eher nicht gut zu erreichen. Es han-
delt sich bei dieser Gruppe vor allem um hoch betagte Menschen, bei denen die
schlechte Erreichbarkeit von Haltestellen sicher auch auf gesundheitliche Einschrän-
kungen zurück zu führen ist.
Angesichts dieses positiven Bildes ist nicht verwunderlich, wenn nur ein kleiner Teil
der Befragten Verbesserungsvorschläge im Bereich des öffentlichen Verkehrsange-
bots hat. Etwa 9% der Befragten wünschen sich eine Verlängerung der Straßenbahn
nach Wixhausen, etwa ebenso viele sähen gern Verbesserungen bei der Busanbin-
dung nach Arheilgen, und etwa 8% möchten die Nachbarorte wie Egelsbach, Erz-
hausen, Weiterstadt besser angebunden sehen.
Tabelle 4.2.1 Erreichbarkeit von Haltestellen des ÖPNV (in %)
65-69 70-74 75-79 80+ Insg.
Gibt es und sind
gut erreichbar 95,1 95,5 94,1 78,8 92,1
Gibt es, aber nicht
gut zu erreichen 4,9 4,5 5,9 21,2 7,9
n 164 178 101 99 542
Abbildung 4.2.1 Zufriedenheit mit der Anbindung an den ÖPNV (in%)
48,8 47,8 47,1 40 46,5
43,4 40 42,3
42
41,8
7,8 12,2 10,6 18 11,7
0%
10%
20%
30%
40%
50%
60%
70%
80%
90%
100%
65-69 70-74 75-79 80+ Insg.
weniger zufrieden
unzufrieden
eher zufrieden
sehr zufrieden
62
Insgesamt sind nur 11,7% weniger zufrieden oder unzufrieden mit der Anbindung an
den ÖPNV. Bei der ältesten Altersgruppe, in der es viele allein lebende Frauen ohne
Pkw gibt, steigt dieser Anteil auf 18% an.
GERINGE TATSÄCHLICHE NUTZUNG DES ÖPNV
Die hohe Zufriedenheit mit dem ÖPNV-Angebot bedeutet allerdings nicht, dass das
Angebot von der älteren Generation auch intensiv genutzt wird. Im Gegenteil: Nur
8,4% benutzen den Bus wöchentlich (oder sogar täglich); und nur 4,4% benutzen die
S-Bahn so häufig. Faktisch ist die überwiegende Mehrheit der Älteren nur sehr selten
Kunde der öffentlichen Verkehrsträger. Über 80% der Befragten benutzen die S-
Bahn nie oder seltener als „mehrmals im Monat“. Für den Bus lautet der entspre-
chende Wert 72% (vgl. Tab. 4.2.2 und 4.2.3).
Tabelle 4.2.2 Benutzung der Busv erbindung nach Altersgruppen (in %)
65-69 70-74 75-79 80+ Insg.
Wöchentlich/täglich 8,5 7,7 10,2 7,5 8,4
Mehrmals im Monat 18,2 20,4 25,0 13,2 19,3
Seltener 58,8 60,8 52,8 50,9 56,8
Nie 14,5 11,0 12,0 28,3 15,5
n 165 181 108 106 560
Tabelle 4.2.3 Benutzung der S-Bahn nach Altersgruppen (in %)
65-69 70-74 75-79 80+ Insg.
Wöchentlich/täglich 5,4 3,8 2,8 5,6 4,4
Mehrmals im Monat 13,3 19,8 12,1 8,3 14,2
Seltener 68,1 61,0 59,8 44,4 59,7
Nie 13,3 15,4 25,2 41,7 21,7
n 166 182 17 108 563
Insgesamt deckt sich der Befund, dass 70-80% der älteren Menschen in Wixhausen,
Bus und Bahn allenfalls einige wenige Male im Jahr nutzen, gut mit den Ergebnissen
der Studie von Rudinger et al. (2004). Im suburbanen Raum spielt bis ins hohe Alter
das Automobil die zentrale Rolle, und nur etwa 20% der Älteren benutzen öffentliche
Verkehrsmittel halbwegs regelmäßig.
Angesichts des guten Ausbaustandes des ÖPNV in Wixhausen ist dieser Befund
auch ein guter Beleg für die These, dass die starke Präferenz für den MIV im subur-
63
banen Raum nicht allein raumstrukturelle Gründe hat, sondern gleichermaßen auch
Werthaltungen und die soziale Stellung zum Ausdruck bringt. 25 Viele der älteren
Menschen im suburbanen Raum des südlichen Rhein-Main-Gebietes waren es meist
ein Leben lang gewöhnt, bei allen Aktivitäten des Alltagslebens – vor allem auch als
Erwerbstätige – überörtlich und in alle geografischen Richtungen mobil zu sein. Sie
entwickeln so multiple „place attachments“, schätzen ihr Wohnquartier und die Dar-
mstädter City, aber auch die nahe gelegenen Gewerbegebiete an den nächsten Au-
tobahnauffahrten mit ihrem riesigen Waren- und Dienstleistungsangebot, und – je
nach biografischen Erfahrungen als Pendler(innen) – nutzen sie kompetent die Infra-
strukturen anderer nahe gelegener Großstädte (Frankfurt, Offenbach, Mainz, Wies-
baden) und des dazwischen liegenden Siedlungsraumes. Diese im Laufe des Lebens
erworbene hohe Mobilitätsbereitschaft und –k ompetenz wird im Alter tendenziell bei-
behalten. Das gleich gilt für die Wahl des Verkehrsmittels. Die regelmäßige Benut-
zung eines standesgemäßen Autos bezeugt zum einen die Kontinuität von Lebens-
standard und Lebensstil auch im Alter, und sie schützt davor, sich den tatsächlichen
oder vermeintlichen Gefahren und Unbequemlichkeiten des öffentlichen Personen-
transports aussetzen zu müssen.
26
Außerdem darf nicht vergessen werden, dass eine lebhafte regionale Mobilität unter
Inanspruchnahme verschiedener Verkehrsträger und Mobilitätsanbieter Qualifikatio-
nen voraussetzt, die in einem Autofahrerleben normalerweise nicht erworben wur-
den. „Fahrpläne lesen, Tickets kaufen, das richtige Gleis und die richtige Fahrtrich-
tung finden, Haltewunsch signalisieren, Türen öffnen usw. sind Aspekte, die sich un-
geübten Fahrgästen nicht selbst erschließen.“ (Kasper 2007:19). Vor diesem Hinter-
grund gehören zu einem „altengerechten“ Angebot des ÖPNV auch Schnupper-
Angebote und regelrechte Weiterbildungsmaßnahmen.
25 Schreiner (2004) verweist – wie andere Autoren aus dem gleichen Projektzusammenhang (vgl. Rudinger et al.
2004: 96) – auf den überraschenden Befund, dass nicht in den ländlichen Gemeinden, sondern in den suburbanen
Quartieren das Auto am stärksten benutzt wird. Während die ältere Landbevölkerung in ihren Freizeitaktivitäten
stark auf den Wohnort ausgerichtet ist, orientieren sich die Menschen im suburbanen Raum auch im Alter viel
stärker überörtlich. „Damit erscheint die deutlich höhere Pkw-Nutzung im suburbanen Raum kaum mehr als
raumstruktureller Effekt, sondern eher als Effekt unterschiedlicher „Mobilitätskulturen“ im Zusammenhang mit
stark unterschiedlichen Sozialstrukturen.“ (S. 138)
26 In der Studie von Beckmann et al. (2005) werden die Auswirkungen des demographischen Wandels auf den
ÖPNV folgendermaßen zusammengefasst: „Mit einem starken Rückgang der Nachfrage im öffentlichen Verkehr
ist als Folge des Bevölkerungsrückgangs, des abnehmenden Anteils von Kindern und Jugendlichen sowie des
höheren Pkw-Besitzes im Alter zu rechnen.“ (S. 50)
64
4.3 Einkaufen und Nahversorgung
Suburbane Quartiere werden vor allem deshalb als Problemregionen der demografi-
schen Alterung betrachtet, weil sie tendenziell nicht mehr die nahräumlichen Versor-
gungsangebote bereithalten, auf die immobile ältere Menschen angewiesen sind.
Wixhausen ist in dieser Hinsicht ein typischer Fall. Vor einigen Jahrzehnten, als der
Ort noch selbstständige Gemeinde war, die Neubaugebiete der 1960er und 1970er
Jahre noch nicht errichtet waren und die Individualmotorisierung gerade begonnen
hatte, gab es eine Vielzahl von kleinen Einzelhandelsgeschäften, Handwerkern und
Dienstleistungsbetrieben mitten im Ort. Mit fortschreitender Motorisierung und zu-
nehmender Unternehmens- und Verkaufsflächenkonzentration im Einzelhandel wa-
ren viele dieser Betriebe nicht mehr wettbewerbsfähig. Die Kundschaft wanderte zu
den großflächigen und preisgünstigeren Anbietern ab, und die Betriebe vor Ort muss-
ten aufgegeben werden. Heute gibt es im westlichen Ortsteil nur noch wenige Nah-
versorger (Bäckerei, Metzgerei, Apotheke, Drogeriemarkt vor allem) und im östlichen
Ortsteil ein etwas vielfältigeres Angebot, insbesondere einen Supermarkt mit dem
typischen Angebot eines Vollsortimenters mit Schwerpunkt Lebensmittel. Die fußläu-
figen Einkaufsmöglichkeiten sind also objektiv für die meisten Bewohner des Ortsteils
sehr eingeschränkt.27
Dafür gibt es hervorragende Einkaufsmöglichkeiten wenige Kilometer entfernt in allen
Nachbargemeinden oder Nachbarstadtteilen von Wixhausen (sowie selbstverständ-
lich in der Darmstädter City). In fünf Minuten ist mit dem Auto im Norden das große
Gewerbegebiet von Egelsbach am Ende der Autobahn 661 (Ostumgehung Frankfurt)
erreichbar. Hier gibt es vom Selbstbedi enungswarenhaus, über die großen Discoun-
ter und großflächigen Fachhandelsmärkte bis zum Bauernladen (fast) alle Betriebs-
formen des stationären Einzelhandels. Ein noch größeres und noch vielfältigeres
ähnliches Gewerbegebiet ist in rund 15 Minuten mit dem Auto in Weiterstadt an der
Autobahn 5 erreichbar. In nordwestlicher Richtung erreicht man in fünf Minuten mit
dem Auto Discounter, Supermarkt und Getränkehändler im Gewerbegebiet in Erz-
hausen. Nach Süden schließlich sind es wenige Minuten mit dem Auto oder Bus zu
den Geschäften in Arheilgen und vor allem zu den Betrieben des Darmstädter Ge-
27 Nach den Daten der Bürgerumfrage von 2006 ist Wixhausen der Stadtteil von Darmstadt, dessen Bevölkerung
bei Lebensmitteleinkäufen am stärksten die Gewerbegebiete außerhalb der Stadtgrenzen nutzt (vgl. Wissen-
schaftsstadt Darmstadt 2007: 67)
65
werbegebietes. Sofern man ein Auto zur Verfügung hat, sind von Wixhausen aus so
in kürzester Zeit umfangreichere und vielfältigere Einkaufsmöglichkeiten zu erreichen
als in den meisten innerstädtischen Quartieren. Wenn in der vorliegenden Befragung
nach Einkaufsmöglichkeiten und Dienstleistungen in der „Wohnumgebung“ gefragt
wurde, ist nicht ganz auszuschließen, dass viele Befragten diese leicht erreichbaren
Einkaufsmöglichkeiten in den Nachbarorten mit ins Kalkül gezogen haben und nicht
nur an die beschränkten Angebote im Ort selbst gedacht haben.
Insgesamt sind 58,6% der Generation 65plus in Wixhausen „sehr zufrieden“ oder
„eher zufrieden“ mit den Einkaufsmöglichkeiten, „weniger zufrieden“ sind 26,8% und
gänzlich unzufrieden sind 14,6%. Es gibt eine schwache Tendenz, dass die Zufrie-
denheit mit dem Alter abnimmt; aber auch von den 80jährigen und Älteren ist noch
die Mehrheit (50,5%) sehr oder eher zufrieden mit den vorhandenen Einkaufsmög-
lichkeiten. Allerdings sind diese Zahlen für die Gesamtheit der Befragten relativ irre-
führend, denn es gibt einen großen Unterschied zwischen dem Osten und dem Wes-
ten des Ortsteils bei der Beantwortung dieser Frage (vgl. Abbildung 4.3.1)
Abbildung 4.3.1 Zufriedenheit mit Einkaufsmöglichkeiten und Dienstleistungen
in der Wohnumgebung (in %)
7,8
28,3 21,2
30,7
40,9
37,4
61,5
30,8
41,3
0%
10%
20%
30%
40%
50%
60%
70%
80%
90%
100%
West Ost Insg.
weniger zufrieden
unzufrieden
eher zufrieden
sehr zufrieden
Im Westteil des Quartiers sind doppelt so viele Menschen weniger zufrieden oder
unzufrieden mit der Situation. Hier wird offenbar mit Blick auf die fehlenden fußläufi-
gen Angebote geantwortet.
Auf die direkte Frage nach der Erreichbarkeit bestimmter Einrichtungen der Nahver-
sorgung zeigt sich ein ähnliches Bild. Für drei Viertel der Befragten im Ostteil von
66
Wixhausen ist ein Supermarkt gut zu erreichen, im Westteil finden das nur 15,3% der
Befragten (vgl. Tab. 4.3.1). Nicht ganz so große Diskrepanzen zwischen den Ortstei-
len zeigen sich bei der Frage nach einem Kiosk (Tab. 4.3.2). Bei den sonstigen Ver-
sorgungsangeboten, nach denen gefragt wurde, ist das Niveau der Unzufriedenheit
wesentlich niedriger, und die Unterschiede zwischen den Ortsteilen sind gering. Über
80% der Befragten halten die Post für gut erreichbar, im Hinblick auf Bankdienstleis-
tungen sagen das sogar fast 84%. Ähnlich hoch liegt der Wert für Friseurdienstleis-
tungen (rd. 81%).
Tabelle 4.3.1 Supermarkt in der Wohnumgebung? (in %)
West Ost Insg.
Gibt es und ist
gut erreichbar 15,3 76,2 54,7
Gibt es, aber nicht
gut zu erreichen 42,1 12,8 23,1
Gibt es nicht,
vermisse ich 42,6 11,0 22,2
n 183 336 519
Tabelle 4.3.2 Kiosk in der Wohnumgebung? (in %)
West Ost Insg.
Gibt es und ist
gut erreichbar 42,6 74,4 62,8
Gibt es, aber nicht
gut zu erreichen 24,1 11,0 15,8
Gibt es nicht,
vermisse ich 33,3 14,6 21,4
n 162 281 443
Insgesamt zeigt sich in Wixhausen recht deutlich das Dilemma, in dem die Menschen
in suburbanen Quartieren häufig stecken. In jungen Jahren nutzen sie als rationale
und mobile Konsumenten die mit dem Auto erreichbaren günstigen Einkaufsmöglich-
keiten, aber sie entziehen damit den nahräumlichen Angeboten die Geschäftsgrund-
lage, und finden im Alter nicht mehr die bequem zu Fuß erreichbaren Angebote vor,
die sie sich in dieser Lebensphase häufig wünschen. Im Fall von Wixhausen ist –
angesichts der Größe und Vielfalt überörtlich vorhandener Verkaufsflächen – schwer
vorstellbar, dass die Probleme durch neue Betriebsansiedlungen gelöst werden kön-
nen. Nahe liegender sind als Lösungsansätze vielleicht mobile Formen des Einzel-
handels, die Einrichtung von Hol- und Bringdiensten oder die Mobilisierung nachbar-
schaftlicher oder verwandtschaftlicher Netzwerkhilfen auf der Basis des MIV.
67
4.4 Aufenthaltsqualität im Stadtteil
Die baulichen, infrastrukturellen und sozialen Merkmale eines Quartiers beeinflussen
wesentlich die Lebensqualität der dort ansässigen Bevölkerung. Das gilt zwar für alle
Personen unabhängig vom Alter, aber mit dem Bedeutungsgewinn des Wohnalltags
und mit dem Rückgang der Mobilitätsleistungen im fortgeschrittenen Erwachsenenal-
ter wird das unmittelbare Wohnumfeld ein gewichtigerer Einflussfaktor. Im Zuge der
Forschungen zum Thema „altengerechte Wohnquartiere“ (vgl. als Überblicke: Kreu-
zer 2006 und Kreuzer & Scholz 2008) ist dabei klar geworden, dass viele Dinge, die
älteren Menschen nützen, gleichermaßen auch für Menschen in anderen Phasen des
Lebenslaufs hilfreich sind, so dass stadtplanerische Sensibilität für die Bedürfnisse
der Älteren vielfach auch generationsübergreifend sinnvoll ist. Angesichts der kom-
plexen Befunde die zum Zusammenspiel von raumstrukturellen Merkmalen und indi-
vidueller Befindlichkeit oder individuellem Verhalten vorliegen, ist völlig klar, dass in
einer Untersuchung wie der vorliegenden nicht einmal ansatzweise versucht werden
kann, empirisch abzuschätzen, wie „altengerecht“ der Stadtteil DA-Wixhausen ist.
Dazu müssten neben Befragungen der Bevölkerung und von Personen mit Spezial-
wissen auch vielfältige und systematische Beobachtungen durchgeführt werden, z. B.
zu Hindernissen und Gefahrenq uellen auf Wegen, Stra ßen und den ve rschiedenen
Wohnumfeldern. Aus dem brei ten Spektrum der in der ökologischen Ge rontologie
identifizierten Faktoren, die für die Interdependenzen von Raumstruktur und Lebens-
qualität im Alter von Bedeutung sind, haben wir - relativ willkürlich – nur wenige As-
pekte heraus gegriffen und die Befragten um ihre subjektive Einschätzung in diesen
Punkten gebeten. Der Schwerpunkt lag dabei nicht auf der Beurteilung der baulichen
und landschaftlichen Umwelt, sondern konzentrierte sich stärker auf Indikatoren, die
darüber Auskunft geben, inwieweit der Stadtteil Anreize bietet, außerhäuslich aktiv zu
sein und soziale Kontakte zu haben.
NACHBARSCHAFT UND SICHERHEIT
Ältere Menschen, die zumeist lange im Quartier gewohnt haben und die in der gro-
ßen Mehrheit auch nicht vorhaben, weg zu ziehen, reagieren sehr sensibel auf Ände-
rungen in der Bewohnerschaft eines Quartiers. Wenn sich die sozioökonomische,
ethnische oder altersmäßige Zusammensetzung stark und schnell ändert, was in den
vergangenen Jahren in vielen innerstädtischen Quartieren vorgekommen ist, dann
68
verlieren die älteren Bewohner oft das Gefühl der Vertrautheit mit dem Viertel, sie
bekommen möglicherweise sogar Angst vor Gefahren und ziehen sich u. U. in die
eigenen vier Wände zurück. Suburbane Gebiete sind in dieser Hinsicht „altengerech-
ter“, da infolge der hohen Zahl von Eigentümern solche sozialen Um schichtungen
länger dauern oder ganz ausbleiben. In Wixhausen ist eine hohe Zufriedenheit der
Generation 65plus mit der Nachbarschaft festzustellen (vgl. Abb. 4.4.1). Insgesamt
sind nur 10,4% der Befragten weniger oder sogar unzufrieden mit den Nachbarn.
Zwar steigt die Unzufriedenheit in der höchsten Altersgruppe etwas an, was mögli-
cherweise etwas mit dieser Sensibilit ät gegenüber Veränd erungen zu tun haben
könnte, aber diese Differenzen zwischen den Altersgruppen sind minimal, und bei
den über 75jährigen ist der Anteil, der „sehr zufrieden“ mit den Beziehungen zur
Nachbarschaft ist, am höchsten.
Abbildung 4.4.1 Zufriedenheit mit der Nachbarschaft (in %)
38 42,9 51,5 47,7 44
53,4 46,9 38,6 38,3 45,6
8,6 10,2 9,9 14 10,4
0%
10%
20%
30%
40%
50%
60%
70%
80%
90%
100%
65-69 70-74 75-79 80+ Insg.
weniger zufrieden
unzufrieden
eher zufrieden
sehr zufrieden
Nicht ganz so positiv stellt sich das Sicherheitsgefühl dar (vgl. Abb. 4.4.2), obwohl
auch hier nur 17,8% weniger zufrieden oder unzufrieden sind. Mit dem Alter nimmt
der Anteil der Personen ab, die sich nicht sicher fühlen. Dies ist wohl dadurch zu er-
klären, dass die ältesten Befragten eher Situationen vermeiden, in denen man sich
typischerweise nicht sicher fühlt. So sind mit dem Rückgang der außerhäuslichen
Aktivitäten eben auch weniger Gänge bei Dunkelheit und schlechtem Wetter verbun-
den, und Orte, an denen die Gefahr besteht, dass man belästigt wird oder zum Kri-
minalitäts- oder Unfallopfer wird, vermeidet man konsequenter als die „jungen Alten“,
die sich u. U. auch in dieser Hinsicht noch „mehr zutrauen“.
69
Abbildung 4.4.2 Zufriedenheit mit der Sicherheit der Gegend
16,5 11,6
22,9 24,7 17,5
62,2 71,1
61,5 60,8
64,7
21,3 17,3 15,6 14,4 17,8
0%
20%
40%
60%
80%
100%
65-69 70-74 75-79 80+ Insg.
weniger zufrieden
unzufrieden
eher zufrieden
sehr zufrieden
GASTSTÄTTEN UND SPAZIERMÖGLICHKEITEN
Suburbane Quartiere können meist im Hinblick auf kommerzielle kulturelle und gast-
ronomische Angebote nicht mit Innenstadt-Bezirken und auch nicht mit touristisch
erschlossenen ländlichen Gemeinden konkurrieren. Genauso wenig können sie meist
das an Parkanlagen, Spazier- und Wandermöglichkeiten bieten, was sich z. B. in
Kurbädern oder auf dem Land findet. Ein gewisses Minimum sollte ein Quartier in
diesen Punkten jedoch bieten, um nicht gänzlich unattraktiv für außerhäusliche Akti-
vitäten in der Nähe der Wohnung zu werden.
Dass es Gaststätten und Cafés, in denen man sich treffen kann, Gäste einladen
kann oder einfach unter Leuten sein kann, in Wixhausen nicht gibt, empfinden nur
5,4% der Befragten. Eine Mehrheit von Dreiviertel der Befragten kennt diese Angebo-
te auch und findet sie auch gut erreichbar. Auffällig ist, dass bei den über 80jährigen
jeder Vierte die vorhandenen Gaststätten für schwer erreichbar hält. Das könnte
auch etwas mit der Zweiteilung des Ortsteils durch die Bahnlinie zu tun haben, die
bei eingeschränkter Gehfähigkeit eine erhebliche Barriere bildet.
Etwas kritischer werden die Spaziermöglichkeiten beurteilt (Tag. 4.4.2). Nur in der
jüngsten Altersgruppe finden drei von vier Befragten die Spaziermöglichkeiten gut
erreichbar. Bei den Älteren sinkt dieser Anteil in Richtung 50%. Zwischen 25-30% der
über 70jährigen finden, dass es Parks und Spaziermöglichkeiten in Wixhausen gar
70
nicht gibt. In die gleiche Richtung weisen die Antworten auf die direkte Frage, wie
zufrieden man mit der Erreichbarkeit von Spaziermöglichkeiten ist (Abb. 4.4.3). Auch
hier gibt es bei den über 70jährigen einen starken Anstieg der Unzufriedenheit. Das
bedeutet, dass einerseits im höheren Alter das Spazierengehen eine größere Bedeu-
tung bekommt, weil das Interesse und die Fähigkeit schwinden, frühere sportliche
„Outdoor-Aktivitäten“ zu betreiben, dass aber andererseits wenig Neigung besteht,
erst irgendwo hin zu fahren, um dann dort spazieren zu gehen.
Tabelle 4.4.1 Gaststätte, Café in der Wohnumgebung? (in %)
65-69 70-74 75-79 80+ Insg.
Gibt es und ist
gut erreichbar 76,7 83,9 83,1 63,0 77,8
Gibt es, aber nicht
gut zu erreichen 15,8 13,4 15,7 25,9 16,8
Gibt es nicht,
vermisse ich 7,5 2,7 1,1 11,1 5,4
n 146 149 89 81 465
Tabelle 4.4.2 Park/Spaziermöglichkeiten in der Wohnumgebung? (in %)
65-69 70-74 75-79 80+ Insg.
Gibt es und ist
gut erreichbar 74,3 59,0 54,1 55,4 62,4
Gibt es, aber nicht
gut zu erreichen 8,1 11,5 15,3 18,9 12,3
Gibt es nicht,
vermisse ich 17,6 29,5 30,6 25,7 25,3
n 148 156 85 74 463
Abbildung 4.4.3 Zufriedenheit mit der Nähe zu Parks/Grünanlagen (in%)
23,2 16,1 14,6 18,1 18,4
42,6
33,5 37,1 36,1 37,5
34,2
50,4 48,4 45,8 44
0%
10%
20%
30%
40%
50%
60%
70%
80%
90%
100%
65-69 70-74 75-79 80+ Insg.
weniger zufrieden
unzufrieden
eher zufrieden
sehr zufrieden
71
Abbildung 4.4.4 Zufriedenheit mit Sitzgelegenheiten im Ort (in%)
3,8 1,7 3,2 3,2 2,9
22,6
14,9
22,1 20 19,5
73,6
83,4 74,7 76,8 77,6
0%
10%
20%
30%
40%
50%
60%
70%
80%
90%
100%
65-69 70-74 75-79 80+ Insg.
weniger zufrieden
unzufrieden
eher zufrieden
sehr zufrieden
Noch deutlicher wird die Kritik an der Aufenthaltsqualität des Stadtteils für ältere
Fußgänger, wenn man die Antworten auf die Frage nach der Zufriedenheit mit den
Sitzgelegenheiten im Ort betrachtet. Quer durch alle Jahrgänge der Generation
65plus gibt es hier Unzufriedenheit. Zwischen 73,6% (65-69) und 83,4% (70-74) der
Befragten sind mit den Möglichkeiten, sich im Stadtteil außerhalb der eigenen vier
Wände und des eigenen Grundstücks zum Sitzen nieder lassen zu können, weniger
zufrieden oder unzufrieden. Für diesen Wunsch nach Sitzgelegenheiten gibt es meh-
rere Gründe. Zum einen sind besonders gestaltete Plätze mit Bänken usw. ideale
Treffpunkte, an denen man soziale Kontakte pflegen und neue Eindrücke sammeln
kann, und sie geben auch denjenigen eine Möglichkeit, sich an der frischen Luft auf-
zuhalten, die nicht über einen eigenen Garten oder Balkon verfügen. Zum anderen
sind Sitzgelegenheiten, die in bestimmten Abständen an den fußläufigen Verbin-
dungswegen und an den Straßen aufgestellt sind, für viele Ältere, die Probleme mit
dem Gehen haben, eine unerlässliche Voraussetzung, damit sie sich überhaupt auf
einen längeren Einkaufsweg oder auf einen Spaziergang begeben können. Sowohl
als Ort für eine Verschnaufpause als auch als geplantes Ambiente für soziale Be-
gegnungen sind Sitzgelegenheiten von zentraler Bedeutung im Alter, sie fördern die
selbstständige Versorgung, sie stärken die nachbarschaftlichen Beziehungen, und
sie dienen der Gesundheit.
72
SENIORENBEGEGNUNGSSTÄTTE
Gaststätten und Aufenthaltsmöglichkeiten im Freien sind nicht die einzigen Begeg-
nungsmöglichkeiten, die ein Quartier bieten sollte. Spezielle Seniorentreffs, Altenta-
gesstätten oder ähnlich bezeichnete Einrichtungen speziell für die ältere Bevölkerung
gehören zum klassischen Angebot der kommunalen Altenhilfe. Sie werden häufig
von Freien Trägern betrieben, haben ein lokal sehr unterschiedliches Konzept und
Programm, und sie sprechen damit oft nur ein bestimmtes Publikum an. Auch in
Wixhausen gibt es einen solchen Seniorentreff, der von der Arbeiterwohlfahrt betrie-
ben wird. Daneben gibt es eine kommunalpolitische Diskussion um einen weiteren
Treffpunkt und eine Bürgerinitiative, die sich zum Ziel gesetzt hat, eine solche Be-
gegnungsstätte zu gründen und zu betreiben. Vor diesem Hintergrund wurde auch
eine Frage nach der Seniorenbegegnungsstätte gestellt (vgl. Tab. 4.4.3)
Tabelle 4.4.3 Seniorenbegegnungsst ätte in der Wohnumgebung? (in %)
65-69 70-74 75-79 80+ Insg.
Gibt es und ist
gut erreichbar 13,3 22,6 36,4 15,5 21,3
Gibt es, aber nicht
gut zu erreichen 12,0 11,9 12,7 13,8 12,5
Gibt es nicht,
vermisse ich 74,7 65,5 50,9 70,7 66,2
n 75 84 55 58 272
Zunächst fällt auf, dass sich über die Hälfte der Befragten (und zwar in jeder Alters-
gruppe) zu diesem Thema überhaupt nicht geäußert hat. Offenbar fehlen hier entwe-
der die Informationen oder man will damit zum Ausdruck bringen, dass man an die-
ser speziellen Freizeiteinrichtung für Ältere kein Interesse hat. Bei denen, die geant-
wortet haben, gibt es erstaunlich große und schwer zu deutende Unterschiede zwi-
schen den Altersgruppen. Die jüngste Gruppe (65-69) und die älteste (80+) weisen
ein fast identisches Antwortmuster auf. Zu über 70% meinen sie, dass es keine Seni-
orenbegegnungsstätte gibt, sie sich ein solches Angebot aber wünschen. Nur 13,3%
bzw. 15,5% kennen das bestehende Angebot und finden es gut erreichbar. Bei den
75-79jährigen kennen mehr als ein Drittel das Angebot. In jedem Fall gibt es bei der
Hälfte der Wixhäuser Seniorinnen und Senioren, die sich für dieses Thema interes-
sieren, eine Zweidrittel-Mehrheit, die in diesem Bereich Defizite wahrnehmen und
sich ein (zusätzliches?) Angebot wünschen.
73
UMWELTBELASTUNGEN IM STADTTEIL
Anhand von zwei Indikatoren zum Müllproblem und zur Lärmbelastung kann abge-
schätzt werden, wie groß der Anteil der Älteren ist, die die Aufenthaltsqualität des
Quartiers im Hinblick auf Umweltbelastungen beeinträchtigt sehen. Bei der einen
Frage, die sich auf die Sauberkeit der Straßen bezog, gibt es nur eine Minderheit von
ca. 29% (etwa gleich stark in allen Altersgruppen), die hier weniger zufrieden oder
unzufrieden ist (vgl. Abb. 4.4.5).
Abbildung 4.4.5 Sauberkeit der Straßen (in %))
15,7 12 17,9 20,2 15,7
54,1 58,1 54,7 52,1 55,1
30,2 30 27,4 27,6 29,1
0%
10%
20%
30%
40%
50%
60%
70%
80%
90%
100%
65-69 70-74 75-79 80+ Insg.
weniger zufrieden
unzufrieden
eher zufrieden
sehr zufrieden
Abbildung 4.4.6 Lärmbelastung des Wohnumfelds (in %)
5,5 4,5 10,3 14,6 7,7
17,6 23,2
26,8
35
24,4
77 72,3
62,9
50,5
67,9
0%
10%
20%
30%
40%
50%
60%
70%
80%
90%
100%
65-69 70-74 75-79 80+ Insg.
weniger zufrieden
unzufrieden
eher zufrieden
sehr zufrieden
Ganz anders sieht es beim Thema Lärm aus. Hier sind insgesamt 67,9% der Befrag-
ten weniger zufrieden oder unzufrieden, und die Unzufriedenheit nimmt deutlich zu,
je jünger die Befragten sind. Bei den 65-69jährigen fühlen sich rd. 77% durch Lärm
beeinträchtigt. Welcher Lärm besonders stört, geht aus der Frage nicht hervor. Zum
74
Teil sind damit vermutlich die Geräusche der viel befahrenen Bahnlinie und der Bun-
desstraße gemeint, aber es ist klar, dass Wixhausen seit dem Bau der Startbahn
West des Frankfurter Flughafens ein großes Fluglärm-Problem hat, denn die Flug-
route eines Großteils der startenden Maschinen führt genau über den Ortsteil. Wie
Abhilfe aussehen könnte, ist ein beherrschendes Thema der kommunalen Politik,
zumal die wegen der Lärmbelastung ver hängten Baubes chränkungen die künftigen
Entwicklungsmöglichkeiten des Ortsteils drastisch beschneiden. Woran es liegt, dass
die Lärmprobleme so unterschiedlich in den Altersgruppen beurteilt werden, kann mit
den Daten dieser Umfrage nicht geklärt werden. Ein „Lebenszykluseffekt“ derart,
dass man sich mit dem Alter an den Lärm gewöhnt, dass man weniger hört oder sich
resignativ die unveränderbare Situation schönredet, ist ebenso plausibel wie ein
„Kohorteneffekt“. Dieser würde dann vorliegen, wenn die jüngeren Jahrgänge gene-
rell sensibler gegenüber Umweltbeeinträchtigungen wären, eher geneigt, Missstände
beim Namen zu nennen, und weniger duldsam, wenn es um die Minderung ihrer Le-
bensqualität geht.
75
5. Aktivitätsformen, Kontakte und Freizeitinteressen
5.1 „Aktivität“ älterer Menschen als Thema der Politik
Rein formal und quantitativ betrachtet sind ältere Menschen genauso aktiv wie jünge-
re. Sie füllen einen 24-Std.-Tag, eine 7-Tage-Woche und die 12 Monate des Jahres
ohne Unterlass mit Aktivitäten aus. Die verschiedenen Teilgruppen der Bevölkerung
unterscheiden sich allerdings erheblich nach der Art der Betätigungen, nach der
Dauer der einzelnen Tätigkeiten und nach der Reihenfolge, in der sie ausgeübt wer-
den. Die genaue statistische Erfassung dieser Unterschiede ist Gegenstand der Zeit-
verwendungsforschung und in Deutschland – seit Durchführung der „Zeitbudget-
Erhebungen“ 1991/92 und 2001/2002 – auch ein Arbeitsgebiet der amtlichen Statistik
(Ehling, Merz et al. 2001, Holz 2000, Ehling 2004, Küster 1998). Um solche Verglei-
che durchführen zu können, ist es notwendig, die unendliche Vielfalt der Alltagstätig-
keiten zu bestimmten Kategorien zusammenzufassen. Im Bereich der amtlichen Sta-
tistik wird z. B. mit einem hierarchischen System gearbeitet, das sich am harmoni-
sierten Aktivitätenverzeichnis der Zeitmessung für europäische Erhebungen orientiert
und auf der obersten Ebene neun Kategorien von Aktivitäten unterscheidet: 1. Per-
sönlicher Bereich, physiologische Regeneration, 2. Erwerbstätigkeit, 3. Qualifikation,
Bildung, 4. Haushaltsführung, Betreuung de r Familie, 5. Ehrenamtliche Tätigkeit,
Freiwilligenarbeit, informelle Hilfe, 6. Sozi ales Leben und Unterhaltung, 7. Teilnahme
an sportlichen Aktivitäten, Aufenthalt in Natur, 8. Hobbys und Spiele, 9. Massenme-
dien. Meist wird zu jeder Aktivität auch erfasst, ob man sich dabei zuhause aufhält
oder unterwegs ist, und welche Personen mit dabei sind.
Die verschiedenen Lebensalter unterscheiden sich zwar einerseits durch ein „alters-
typisches“ Aktivitätenprofil, innerhalb jeder Altergruppe gibt es aber auch eine große
Variabilität individ ueller Zeitverwendungsmuster. So ist für ältere Erwachsene ty-
pisch, dass sie vergleichsweise wenig Zeit mit Erwerbsarbeit und Qualifikation ver-
bringen, dafür aber die Zeiten des Medienkonsums und der physiologischen Regene-
ration (Schlafen, Essen, Körperpflege, usw.) ausdehnen. Zudem bringen sie die Akti-
vitäten in eigenwillige Sequenzen: Sie sehen z. B. am Vormittag fern und schlafen
am Nachmittag, und tendenziell reduzieren sie ihre außerhäuslichen Aktivitäten. Die
Altersphase im Lebenslauf ist insofern etwas Besonderes, als im Hinblick auf die
76
Zeitverwendung eine „späte Freiheit“ (Rosenmayr 1983) herrscht. Es gibt eine ver-
gleichsweise geringe Vertaktung durch Institutionen oder gesellschaftliche Normen,
und deshalb potentiell viel mehr Heterogeni tät und Variabilität als bei jüngeren Men-
schen. Wie bei jeder Freiheit besteht dabei das Problem, dass man guten Gebrauch
davon machen kann, oder aber dass man sie missbrauchen kann. Mit der Ausdeh-
nung und dem Bedeutungsgewinn der Altersphase im Lebenslauf haben Wissen-
schaft und Politik sich deshalb zum Ziel gesetzt, Normen und Beurteilungsmaßstäbe
für richtige und falsche Zeitverwendungsmuster zu erarbeiten. Die Zeitverwendung
im Alter ist zur „öffentlichen Gestaltungsaufgabe“ geworden (Bröscher et al. 2000).
AKTIVIERUNGSDISKURS
Die früher vorherrschende Auffassung, dass die Altersphase im Lebenslauf eine Zeit
des Rückzugs von der Gesellschaft sei, ist in der wissenschaftlichen Diskussion
längst durch „Aktivitäts-Theorien“ ersetzt worden, die auf die Produktivität und die
Potenziale älterer Menschen (besonders derjenigen im „dritten“ Alter) hinweisen. Die
neue Sichtweise des Alters behauptet im Kern, dass es sowohl für die Lebensqualität
der Individuen als auch für die Gesellschaft vorteilhafter ist, wenn man im Alter „aktiv“
und stark in die Gesellschaft integriert bleibt, und der Politik wird die Aufgabe zuge-
wiesen, die Voraussetzungen für ein aktives Leben im Alter zu schaffen. In Deutsch-
land ist dies spätestens mit dem fünften Altenbericht (
BMFSFJ 2005 ) zur leitenden
Maxime geworden. Alle Ebenen und Ressorts der Politik sind aufgefordert, sich an
der Aktivierung der „jungen Alten“ zu beteiligen.
28 Auch in den Zielsetzungen der
Kommission, die den sechsten Altenbericht (2010) koordiniert, wird dieses neue Bild
vom Alter propagiert. In ihrem Internetauftritt heißt es: „Damit die mit dem demografi-
schen Wandel einhergehenden Herausforderungen bewältigt werden können, wer-
den ältere Menschen in Zukunft noch stärker als heute Verantwortung für sich selbst
und für andere übernehmen müssen. (…) Zur Verwirklichung von Mitverantwortung
ist ein verbesserter Zugang älterer Menschen zum öffentlichen Raum notwendig. Bei
aller Verantwortung der Gesellschaft darf aber nicht übersehen werden, dass die
Rechte des einzelnen Menschen mit Verpflichtungen gegenüber der Gemeinschaft
28 Positionen, die diesen Aktivierungs-Diskurs in anderen Ländern kritisch kommentiert hatten, sind in Deutsch-
land kaum beachtet worden. Erst in jüngster Zeit, wird hierzulande verstärkt argumentiert, dass der Aktivie-
rungsdiskurs und der Umbau der sozialen Sicherungsinst itutionen zeitlich nicht zufällig zusammen fallen. Die
Mobilisierung von Potentialen und die Verpflichtung zur Eigenverantwortung sind auch eine Strategie, Staats-
aufgaben restriktiv zu definieren und finanziellen Überlastungen vorzubeugen (vgl. Van Dyk 2007, Lessenich
2009) Eine kritische Analyse der Modellprogramme des Bundes und der Länder findet sich bei Aner & Ham-
merschmidt 2008.
77
einhergehen. Insgesamt sind die heute älteren Menschen im Vergleich zu früheren
Generationen gesünder, sie verfügen über einen höheren Bildungsstand und über
bessere finanzielle Ressourcen. Nach Auffassung der Kommission leitet sich daraus
die Verpflichtung ab, vorhandene Ressourcen verantwortungsvoll einzusetzen. “29
Über Art und Ausmaß der „Verpflichtungen“, die die neue Bevölkerungsgruppe der
„jungen Alten“ zu erfüllen hat, wird vermutlich in Zukunft kontroverser debattiert wer-
den als in der Vergangenheit. Bezogen auf die Zeitverwendung für die Aktivität „Er-
werbsarbeit“ hat die Diskussion (mit den Vorschlägen, die gesetzliche Ruhestands-
grenze auf 67 oder sogar 70 Jahren herauf zu setzen) gerade erst begonnen.
Verglichen mit dem oben skizzierten Gesamtspektrum von Tätigkeiten konnten in der
vorliegenden Bestandserhebung nur sehr wenige Indikatoren zu Art und Niveau der
Aktivität der älteren Generation in Wixhausen erhoben werden. Insbesondere wurden
keine detaillierten Informationen zu erwerbswirtschaftlichen Tätigkeiten oder zur
Hausarbeit, zu Hilfe- und Betreuungsleistungen für die eigene Familie oder für fami-
lienfremde Haushalte und zur Zeitverwendung für die Gesundheitsvorsorge und
sportliche Aktivitäten erhoben. Diese Bereiche sind zwar zentral, wenn von der „Pro-
duktivität“ des Alters und „Aktivierung“ die Rede ist, weil hier der gesellschaftliche
Nutzen außer Frage steht und auch privat der Nutzen häufig den Aufwand übertrifft.
Der Ausschluss dieser Themen von der Erhebung schien jedoch gerechtfertigt, weil
von dieser lokalen Studie keine Informationen zu erwarten waren, die über das hin-
aus gingen, was aus den großen Repräsentativ-Erhebungen bekannt ist. Zu diesen
produktiven Tätigkeiten im engeren Sinn wurden allein zum Bereich „Ehrenamt“ eini-
ge Fragen aufgenommen, weil es ein spezielles Interesse bei den Projektbeteiligten
gab.
Die folgende Bestandsaufnahme zur gesellschaftlichen Teilhabe und Integration der
älteren Generation in Wixhausen ist deshalb höchst selektiv. Sie bietet nur Grundin-
formationen zu den sozialen Kontakten (und zur subjektiven Bewertung dieser Kon-
takte) und zur Zeitverwendung in der Freizeit. Beim Thema Freizeit lag dabei aus
nahe liegenden Gründen der Schwerpunkt bei den Fragen zur Nutzung der lokalen
Angebote und zur Beurteilung spezieller „Seniorenangebote“.
29
http://www.dza.de/nn_11836/SharedDocs/Publikationen/Altenbericht_20Publikationen/flyer__sechster__altenbe
richt,templateId=raw,property=publicationFile.pdf/flyer_sechster_altenbericht.pdf (zuletzt besucht 18.07.10)
78
5.2 Soziale Kontakte
Die meisten Menschen sind in jedem Abschnitt des Lebenslaufs eingebunden in ein
mehr oder weniger großes Netz von sozialen Beziehungen, das sich allerdings in
jeder Phase in charakteristischer Weise verändert. Im Zentrum des Netzwerkes ste-
hen die Paarbildung und die Familiengründung, die zumeist Basis und Ausgangs-
punkt für die stabilsten und lang andauernsten Sozialbeziehungen sind. Dazu kom-
men Freunde, Arbeitskollegen, Nachbarn und viele andere Menschen, die man als
Mitglieder in Organisationen, als Partner an Märkten oder in informellen Kontexten
mehr oder weniger gut kennen lernt. Zumeist sind diese Sozialbeziehungen multi-
funktional. Im Idealfall wird die in diesen Sozialkontakten verbrachte Zeit als ange-
nehm erlebt und steigert so das Wohlbefinden und die Lebensqualität, weil dabei die
Zuwendung und Anerkennung der sozialen Umwelt sichtbar werden (vgl. Schilling &
Wahl 2002 ). Eine der wichtigsten Funktionen der Sozialkontakte ist ihr Unterstüt-
zungspotential (vgl. Lang 2000). Neben der erwähnten „emotionalen“ Unterstützung
sind vor allem die „informative“ und die „instrumentelle“ Unterstützung zu nennen
(Voges 2008: Kap. 8). Da die Qualität sozialer Kontakte das Resultat eines komple-
xen Zusammenwirkens von Ausmaß, Art, Inhalt und Personenkonstellation ist, kann
man sie in Umfragen kaum zuverlässig messen. Meist wird aus der Quantität von
Kontakten auf ihre positive qualitative Wirkung geschlossen; in dieser Weise werden
auch die von uns erhobenen Indikatoren zur Häufigkeit von Kontakten interpretiert.30
In der Altersphase des Lebenslaufs gibt es charakteristische Veränderungen der so-
zialen Netzwerke. In der Regel werden die Netzwerke vor allem immer kleiner. Mit
dem Eintritt in den Ruhestand fallen Kontakte zu Arbeitskollegen, Geschäftspartnern
und all den Menschen fort, mit denen man beruflich zu tun hatte. Mit dem Auszug der
Kinder aus dem Elternhaus verschwinden auch deren Freunde und Bekannte aus
dem Blickfeld. Bürgerschaftliches Engagement und Vereinstätigkeiten werden nach
und nach eingeschränkt. Schließlich dezimieren schwere Krankheiten und der Tod
das Kontaktnetz. Die am stärksten das Leben verändernden Ereignisse sind der Ver-
lust des Lebenspartners und der engsten Familienangehörigen. Im Extremfall steht
30 Der in der vorliegenden Untersuchung verwendete Indikator ist nicht geeignet, die Dauer der Kontakte und die
Lage der Kontaktzeiten am Tag, in der Woche usw. zu messen. Dazu benötigt man Tagebuchaufzeichnungen,
wie sie in Zeitbudget-Studien verwendet werden. Über diese chronometrischen und chronologischen Details der
Kontaktzeiten berichtet – auf Basis der Daten von 1991/ 2 – Küster (1998: 101ff.) Festgestellt wurde, dass die
Kontaktzeiten im Ruhestand wesentlich kürzer sind als in jüngeren Jahren, und im Alter die Männer erheblich
79
am Ende die soziale Isolation, die subjektiv häufig negativ als „Einsamkeit“ erlebt
wird (Backes & Clemens 2008).
Welche Art von Personen im Alter wichtiger werden, ist weniger eindeutig zu be-
schreiben. Einerseits bleiben im kleineren Netzwerk die familiären Kontakte am
stabilsten und am längsten erhalten, andererseits nehmen mit dem Rückzug aufs
Lokale und Häusliche die Bedeutung der Nachbarn und – bei einsetzendem Hilfebe-
darf – die Kontakte zu formalen Unterstützungssystemen (Medizin, Pflege, Haus-
haltshilfen) also zu außerfamiliären Personen ebenfalls zu (Perren, Arber, et al.
2004).
HÄUFIGKEIT SOZIALER KONTAKTE ZUR FAMILIE
In der Befragung wurde nach den Kontakten zu verschiedenen Kategorien von Per-
sonen gefragt. Zum Teil existiert dieser Typ von Personen jedoch nicht als potentiel-
ler Partner für soziale Kontakte. So haben beispielsweise nicht alle Befragten Kinder,
Enkelkinder oder Vereinskollegen. Ausgewiesen werden in den folgenden Tabellen
deshalb jeweils die Werte für die Befragten, die über die potenziellen Kontaktpartner
verfügen und auch Auskunft gegeben haben. Bei denen, die nicht geantwortet ha-
ben, ist es nicht möglich zu unterscheiden, ob es sich um eine Antwortverweigerung
handelt oder ob es diesen Typ von Personen nicht im Kontaktnetz gibt.
Tabelle 5.2.1 Häufigkeit persönlicher Kontakte zu Kindern (in %)
65-69 70-74 75-79 80+ Insg.
täglich 26,8 26,6 32,7 41,1 30,5
mehrmals pro Woche 33,8 37,3 36,6 34,4 35,6
mehrmals pro Monat 29,6 31,0 22,8 15,6 26,1
seltener 9,9 5,1 7,9 8,9 7,7
n 142 158 101 90 491
Tabelle 5.2.2 Häufigkeit persönlicher Kontakte zu Enkeln (in %)
65-69 70-74 75-79 80+ Insg.
täglich 20,6 14,2 21,3 16,0 17,7
mehrmals pro Woche 29,9 30,0 24,0 18,7 26,4
mehrmals pro Monat 29,9 39,2 37,3 46,7 37,9
seltener 16,6 16,7 17,3 18,7 18,0
n 97 120 75 75 367
längere Sozialkontaktzeiten haben als Frauen. Die ältesten Frauen sind die Gruppe mit den geringsten Kontakt-
zeiten.
80
Im Kapitel 2.4 wurde darauf hingewiesen, dass die ältere Generation in Wixhausen
zum großen Teil engste Familienmitglieder in der unmittelbaren Nähe wohnen hat.
Dies ist ein allgemeines Merkmal suburbaner Quartiere mit hohem Anteil von Wohn-
eigentümern. Backes/Clemens (2008: 234) weisen auf die Bedeutung dieses Sach-
verhaltes hin: „Der Besitz eines eigenen Hauses erhöht die Wahrscheinlichkeit, mit
dem Wohnzusammenhang auch in ein generationsübergreifendes Hilfesystem der
Familie eingebunden zu sein.“ Am Beispiel der Kontakte zu Kindern wird diese enge
Einbindung sichtbar. Nur wenige Ältere (7,7%) haben selten persönlich Kontakt zu
ihren Kindern; die meisten sehen sie täglich oder mehrmals in der Woche. Je älter
die Befragten sind, desto häufiger wird der tägliche Kontakt. Das hat vermutlich et-
was mit dem steigenden Hilfebedarf zu tun, der häufigere Besuche der Kinder erfor-
derlich macht. Wenn Enkel vorhanden sind, dann hat man auch zu diesen häufig
Kontakt, aber in deutlich geringerem Maße als zu den Kindern. Anders als bei den
Kontakten zu den Kindern geht die Kontakthäufigkeit dabei zurück, wenn die Perso-
nen älter werden. Die Enkel werden selbstständig, führen ihr eigenes Leben und ste-
hen weit seltener für Hilfeleistungen zur Verfügung als ihre Eltern.
Intensive familiäre Kontakte gibt es praktisch nur zu den Nachkommen in direkter
Linie. Tab. 5.2.3 zeigt, dass kaum jemand tägliche Kontakte zu sonstigen Verwand-
ten hat. Quer durch alle Altergruppen sehen weit über 80% der Befragten Geschwis-
ter oder entfernte Verwandte allenfalls ein paar Mal im Monat oder noch seltener.
Typisch für familiale Netzwerke in Wixhausen sind enge Beziehungen zu den aus der
eigenen Kernfamilie hervor gegangenen Haus halten und eher seltene Kontakte zu
sonstigen Haushalten von Verwandten.
Tabelle 5.2.3 Häufigkeit persönlicher Kontakte zu sonst. Verwandten (in %)
65-69 70-74 75-79 80+ Insg.
täglich 4,3 2,0 1,2 2,8 2,7
mehrmals pro Woche 11,3 18,1 14,5 16,9 15,1
mehrmals pro Monat 38,3 34,2 49,4 35,8 38,3
seltener 46,1 45,6 34,9 46,5 43,9
n 141 149 83 71 444
81
Tabelle 5.2.4 Beurteilung der Häufigkeit von Kontakten zu Kindern (in %)
65-69 70-74 75-79 80+ Insg.
mehr als genug 8,5 8,9 10,8 12,2 9,8
genau richtig 70,9 70,7 68,6 71,1 70,4
könnte etwas mehr sein 18,4 16,6 15,7 12,2 16,1
zu wenig 2,1 3,8 4,8 4,4 3,7
n 141 157 102 90 490
Wie Tab. 5.2.4 ausweist gibt es kaum Änderungswünsche, was die Kontakthäufigkeit
zu Kindern betrifft. Etwa 70% finden den bestehenden Zustand genau richtig, und
von den restlichen 30% wünschen sich zwei Drittel eher etwas mehr und ein Drittel
eher etwas weniger Kontakthäufigkeit. Bei der Frage nach der Zufriedenheit mit den
Kontakten zu den sonstigen Verwandten fällt das Urteil fast genauso aus (keine
Tab.), der Anteil der Befragten, die sich etwas mehr Kontakte wünschen, ist ein we-
nig höher.
HÄUFIGKEIT SOZIALER KONTAKTE ZU NICHT-VERWANDTEN
Die Häufigkeit von Kontakten zu Personen, die nicht zur Verwandtschaft gehören,
zeigen die Tabellen 5.2.5 bis 5.2.8. Die große Bedeutung nachbarschaftlicher Kon-
takte geht aus Tab. 5.2.5 hervor. Zu Nachbarn hat man fast genauso häufig Kontakt
wie zu den eigenen Kindern, allerdings zeigen sich in diesem Befund auch die Gren-
zen eines rein auf Häufigkeiten beruhenden Vergleichs. Die bloße Häufigkeit sagt
wenig aus über den Wert solcher Kontakte. Möglicherweise handelt es sich dabei
häufig um wenig mehr als Grußkontakte oder sogar um als negativ empfundene Kon-
takte. Ruft man sich allerdings die lange Wohndauer der Befragten im Stadtteil und
die fast durchweg positive Beurteilung der Nachbarschaft (vgl. Abb. 4.2.1) in Erinne-
rung, dann wird ersichtlich, dass die häufigen Kontakte in der Nachbarschaft wohl zu
den Vorzügen eines suburbanen Wohnquartiers im Alter zählen. Man wohnt nicht
anonym, und kann vermutlich auch mit dem Unterstützungspotenzial nachbarschaft-
liche Netzwerke rechnen.
Tabelle 5.2.5 Häufigkeit persönlicher Kontakte zu Nachbarn (in %)
65-69 70-74 75-79 80+ Insg.
täglich 10,3 15,2 19,4 19,0 15,2
mehrmals pro Woche 39,3 35,1 30,1 27,4 34,0
mehrmals pro Monat 26,9 21,9 28,0 22,6 24,7
seltener 23,4 27,8 22,6 31,0 26,0
n 145 151 93 84 473
82
Freunde, Bekannte und Vereinskollegen trifft man typischerweise mehrmals im Mo-
nat (vgl. Tab. 5.2.6 und Tab. 5.2.7) oder seltener. Ein drastischer Einbruch der Kon-
takthäufigkeiten ist den Daten nicht zu entnehmen. Sie lassen im Gegenteil eher eine
bemerkenswerte Stabilität der sozialen Netzwerke erkennen. Eine Tendenz, dass
man sich im Alter von 80plus seltener mit den Freunden und Bekannten trifft, ist nur
sehr schwach sichtbar.
Tabelle 5.2.6 Häufigkeit persönlicher Kontakte zu Freunden/Bekannten (in %)
65-69 70-74 75-79 80+ Insg.
täglich 2,6 4,5 1,1 7,2 3,7
mehrmals pro Woche 30,5 31,2 21,8 25,3 28,3
mehrmals pro Monat 53,9 49,0 49,4 37,3 48,6
seltener 13,0 15,3 27,6 30,1 19,3
154 157 87 83 481
Tabelle 5.2.7 Häufigkeit persönlicher Kontakte zu Vereinskollegen (in %)
65-69 70-74 75-79 80+ Insg.
täglich 0 1,1 0 0 0,7
mehrmals pro Woche 23,5 20,0 15,5 22,0 20,5
mehrmals pro Monat 40,8 48,4 46,6 36,6 43,8
seltener 35,7 30,5 37,9 39,0 34,9
n 98 95 58 41 292
Kontakte zu ehemaligen Arbeitskollegen sind demgegenüber nicht sehr häufig (vgl.
Tab.5.2.9). Allein in der jüngsten Altersgruppe (65-69 Jahre) gibt es noch ein Viertel,
die solche Kontakte mehrmals im Monat haben. Ansonsten gibt es nur wenige Be-
fragte, die ehemalige Arbeitskollegen in der Nachbarschaft wohnen haben, oder die
sich mit ihnen häufiger treffen. Offenbar ist die heutige Ruhestandsgeneration in
Wixhausen früher zu ganz unterschiedlichen Arbeitsplätzen gependelt, und betriebs-
bezogene soziale Netzwerke haben sich nicht bilden oder zumindest nicht erhalten
können.
Tabelle 5.2.8 Häufigkeit persönlicher Kontakte zu Arbeitskollegen (in %)
65-69 70-74 75-79 80+ Insg.
täglich 0,9 0 0 0 0,3
mehrmals pro Woche 3,4 1,8 0 2,7 2,2
mehrmals pro Monat 24,1 13,8 11,3 16,3 17,4
seltener 71,6 84,4 88,7 81,4 80,1
n 116 109 53 43 321
83
BEURTEILUNG DER SOZIALEN KONTAKTE
Wichtiger vielleicht als der Blick auf die Kontakthäufigkeiten, ist die subjektive Beur-
teilung der Sozialkontakte durch die Befragten. Dabei bleibt zwar im Dunklen, welche
Beurteilungsmaßstäbe angelegt werden, ob die Befragten z.B. eher an das Hilfepo-
tenzial des Netzwerks oder z. B. an den Freizeitwert der Kontakte denken. Aus Abb.
5.2.1 geht hervor, dass insgesamt nur rd. 13% weniger zufrieden oder unzufrieden
mit den bestehenden Kontaktmöglichkeiten sind. Erwartungsgemäß verschlechtert
sich die Situation dabei mit zunehmendem Alter. Von der Gruppe 80plus sind doppelt
so viele Befragte eher weniger zufrieden als von der Gruppe 65-69. Ein ähnliches
Bild zeigt die Antwort auf die direkte Frage „Haben sie Ihrer Ansicht nach ausrei-
chend Gelegenheit, Kontakte zu pflegen und Menschen kennen zu lernen, mit denen
Sie gerne zusammen sind?“ (vgl. Tab. 5.2.9). Hier wird besonders bei den 75-
79jährigen und bei den 80plus der Wunsch erkennbar, mehr Gelegenheiten zu Be-
gegnungen zu haben.
Abbildung 5.2.1 Wie beurteilen Sie ihre sozialen Kontakte insgesamt?
30,1 29,6 27,4 23,6 28,2
60,1 59,8 56,6 57,5
58,8
9,8 10,6 16 18,9 13
0%
10%
20%
30%
40%
50%
60%
70%
80%
90%
100%
65-69 70-74 75-79 80+ Insg.
weniger zufrieden
unzufrieden
eher zufrieden
sehr zufrieden
Tabelle 5.2.9 Ausreichend Gelegenheit, Kontakte zu pflegen und
Menschen kennen zu lernen? (in %)
65-69 70-74 75-79 80+ Insg.
Nein 17,8 10,3 25,5 32,7 19,6
n 163 175 106 98 542
84
Tabelle 5.2.10 „Ich würde im Rahmen der Freizeitgestaltung gern
mehr Kontakt zu anderen Menschen haben.“ (in %)
65-69 70-74 75-79 80+ Insg.
ja 11,0 11,8 13,9 16,5 12,8
n 164 178 101 97 540
Bei diesem Wunsch, mehr Kontakte zu haben, spielt zum Teil auch das Motiv eine
Rolle, besser in Hilfenetzwerke eingebunden zu sein; denn auf eine an anderer Stelle
im Fragebogen gestellte Frage, die sich ausschließlich auf die Freizeitgestaltung be-
zog (vgl. Tab. 5.2.10), antworteten insgesamt nur 12,8% der Befragten „Ich würde
gern mehr Kontakt zu anderen Menschen haben.“ Von den 80plus wünschten sich –
bezogen auf Freizeitgestaltung – nicht 32,7% (Tab. 5.2.9) sondern nur 16,5% mehr
Kontakte.
HILFELEISTUNGEN FÜR ANDERE HAUSHALTE
Auch wenn bei der Betrachtung des Zusammenhangs von sozialen Netzwerken und
Alter meist die Frage im Zentrum steht, welche Hilfen die älteren Menschen aus die-
sem Netzwerk erhalten, darf doch nicht übersehen werden, dass ältere Menschen in
solchen Netzen ganz wesentlich auch als Hilfe gebende Seite aktiv werden. Wir ha-
ben in der vorliegenden Befragung diese Form der „Produktivität des Alters“ zwar
nicht ausführlich thematisiert, aber zumindest einen Indikator zu diesem Thema er-
hoben (vgl. Tab. 5.2.10)
Tabelle 5.2.10 Helfen Sie Personen außerhalb Ihres Haushalts? (in %)
65-69 70-74 75-79 80+ Insg.
ja 41,7 43,0 27,6 17,3 34,8
nein 58,3 57,0 72,4 82,7 65,2
n 151 165 98 98 512
Wie nicht anders zu erwarten, treten mit zunehmendem Alter die Befragten immer
seltener als Hilfe gebende Personen in Erscheinung, aber auch von der Gruppe
80plus ist es noch jede(r) Sechste, die/der regelmäßig oder gelegentlich anderen
Haushalten bei Besorgungen, kleineren Arbeiten oder bei der Betreuung von Kindern
oder kranken Menschen hilft.
85
5.3 Aktivitäten in Organisationen und ehrenamtliche Tätigkeiten
Wenn es um gesellsc haftliche Integration und Teilhabechancen geht, spielen die Or-
ganisationen der „Zivilgesellschaft“ eine wichtige Rolle. Das gilt für Menschen aller
Altersstufen, aber besonders natürlich für die ältere Generation, die ihre Leistungsfä-
higkeit, Qualifikation und Produktivität nicht mehr mit erwerbswirtschaftlichen Aktivitä-
ten unter Beweis stellen will oder kann. Aktive Mitgliedschaften, ehrenamtliche Funk-
tionen und Freiwilligenarbeit sind im Alter in erster Linie Freizeitaktivitäten. Unabhän-
gig von der gesellschaftlichen (oder sogar wirtschaftlichen) Nützlichkeit dieser Aktivi-
täten müssen Sie den Engagierten also zunächst einmal Spaß machen und Befriedi-
gung bieten. Wenn das der Fall ist, fördern sie die Zufriedenheit und steigern die Le-
bensqualität. Zumeist sind diese Aktivitäten ein willkommener Anlass, die Wohnung
zu verlassen, und sie sind häufig gemeinsames Tun mit anderen Menschen, deshalb
erweitern und stärken sie die sozialen Netzwerke der Engagierten, und sie berei-
chern den Alltag um Möglichkeiten, neue Erfahrungen zu machen.
Angesichts dieser positiven Auswirkungen wird die Förderung einer vielfältigen Infra-
struktur von Vereinen, Verbänden, Selbsthilfegruppen und Initiativen auch im Rah-
men der Seniorenpolitik als ein wichtiges Arbeitsgebiet der Stadtplanung und Kom-
munalpolitik angesehen, das im Rahmen der freiwillig erfüllten Aufgaben nicht ver-
nachlässigt werden sollte (Kreuzer & Scholz 2006). „Aufgabe der Kommune ist es
dabei, Netzwerke zu unterstützen, bei denen ältere Menschen sowohl Akteure als
auch Empfänger von Engagement sein können.“ (DV 2006: 536). Gerade im „vierten“
Alter, wenn die kleinräumigen Freizeitangebote immer wichtiger werden, haben sol-
che zivilgesellschaftlichen Netzwerke vor Ort einen Zusatznutzen gegenüber den rein
kommerziellen Freizeitangeboten, in deren Rahmen ältere Menschen nur als zah-
lungskräftige Kundschaft interessant sind.
AKTIVE MITGLIEDSCHAFT
Nach Aussagen in den Expertengesprächen zum Projekt „Altwerden in Wixhausen –
Aktiv im Alter“ gibt es eine große Vielfalt von zivilgesellschaftlichen Organisationen
im Stadtteil. Es soll sich um annähernd 50 Vereine, Ortsverbände, Initiativen und
ähnliches handeln. Allerdings ist nicht klar, wie diese Zählung vorgenommen wurde.
In jedem Fall gibt es aber ein vermutlich sehr breites Spektrum von
86
Engagementmöglichkeiten. So wundert es auch nicht, dass nur 24,9% der Befragten
in keiner der in den betreffenden Fragen angesprochenen Organisationen Mitglied
sind. Drei Viertel sind zumindest passive Mitglieder. Bei passiven Mitgliedschaften ist
allerdings fraglich, ob sie die oben erwähnten positiven Auswirkungen auf soziale
Netzwerke und Aktivität im Alltag haben. Passive Mitgliedschaften in der Kirche, in
Wohlfahrtsverbänden oder berufständischen Organisationen sind im Alter wohl eher
als reine Spendentätigkeit anzusehen. Rechnet man diese passiven Mitgliedschaften
heraus, dann reduziert sich die Zahl der zivilgesellschaftlich Engagierten auf 41,1%
(vgl. Tab. 5.3.1). Aktive Mitglieder oder sogar Funktionsträger(innen) in einer Organi-
sation sind 27,8% der Befragten. 13,3% sind sogar in zwei oder mehr Organisationen
aktiv. Dies müssen freilich nicht alles Aktivitäten im Stadtteil sein, denn die Frage
bezog sich auf alle Engagements unabhängig vom Ort. In Abb. 5.3.1 wird sichtbar,
dass sich mit fortschreitendem Alter der Anteil der Aktiven deutlich vermindert. In der
Altersgruppe 80plus sind nur noch 25,9% aktiv. Positiv ausgedrückt: Auch im „vier-
ten“ Alter ist noch jede(r) Vierte zivilgesellschaftlich engagiert.
Tabelle 5.3.1 Aktives Mitglied/Funkti on in Organisation/Verein (in %)
65-69 70-74 75-79 80+ Insg.
nirgends 47,6 56,2 65,1 74,1 58,9
in einer 34,3 31,4 22,9 17,0 27,8
in zwei oder mehr 18,1 12,4 11,9 8,9 13,3
n 166 185 109 112 572
Abb. 5.3.1 Aktives Mitglied/Funktion in Organisation/Verein (in %)
47,6 56,2 65,1 74,1
58,9
34,3
31,4
22,9
17
27,8
18,1 12,4 11,9 8,9 13,3
0%
10%
20%
30%
40%
50%
60%
70%
80%
90%
100%
65-69 70-74 75-79 80+ Insg.
in 2 oder mehr
in einer
in keiner
87
SPORTVEREINE
Die quantitativ mit Abstand wichtigste Aktivität ist Beteiligung in einem Freizeitsport-
verein. 22,1% der älteren Menschen sind in dieser Form aktiv (vgl. Tab. 5.3.2). Um
welche Art von Sport es sich handelt, wurde nicht detailliert ermittelt. Erfasst sind na-
türlich auch alle Mitgliedschaften in Sportvereinen jenseits der Stadtteilgrenzen. Mög-
licherweise sind im Fall von Sportvereinen auch die passiven Mitgliedschaften als
„Aktivitäten“ zu werten. Wenn man als älterer Mensch auch nach Beendigung der
„Sportkarriere“ noch die Kontakte zu den Freunden und Bekannten im Verein hält,
dürfte das ein Beleg dafür sein, dass man an der Geselligkeit in diesem Kreis beson-
ders viel Freude hat.
Tabelle 5.3.2 Aktivität im Freizeitsportverein (in %)
65-69 70-74 75-79 80+ Insg.
nein 58,2 66,8 73,0 83,7 68,6
passives Mitglied 10,0 10,3 9,0 6,7 9,3
aktives Mitglied 29,3 21,8 17,0 8,6 20,6
Funktionsträger(in) 2,5 1,1 1,0 1,0 1,5
Zahl der Fälle 160 175 100 105 540
KIRCHE UND RELIGION
Der starke Rückgang der Kirchenbindung, der sich gesamtgesellschaftlich beobach-
ten lässt, findet sich auch in den Daten zur älteren Generation in Wixhausen. Wäh-
rend von den ältesten Befragten noch über 88% Mitglied einer Kirche oder Religi-
onsgemeinschaft sind, sind es bei den 65-69jährigen nur noch rd. 67%. Für einen
vermutlich immer größer werdenden Teil der ins „junge Alter“ vorrückenden Jahrgän-
ge spielt die Religion als traditionell sehr wichtiger Engagementbereich keine Rolle
mehr. Der Anteil der konfessionslosen Personen ist in Wixhausen überraschend
hoch, denn im (westlichen) Bundesgebiet insgesamt sind von den „Rentnern“ 2006
12% ohne Kirchenmitgliedschaft (Scheuer 2008: 381).
Tabelle 5.3.3 Mitglied einer Religionsgemeinschaft (in %)
65-69 70-74 75-79 80+ Insg.
Ja 67,1 72,5 85,6 88,1 76,4
Nein 32,9 27,5 14,4 11,9 23,6
n 161 171 104 101 537
88
Von den Kirchenmitgliedern fühlen sich 20,9% ihrer Glaubensgemeinschaft stark
verbunden, 53,8% nur mittelmäßig und 25,3 % sagen, dass sie nur eine geringe Bin-
dung an die Kirche haben. Dementsprechend äußern sich auch nur 180 Befragte zur
Intensität ihrer Kontakte zur Kirchengemeinde (vgl. Tab. 5.3.4), von diesen wiederum
haben nur 27,3% (in absoluten Zahlen also etwa 50 Personen) häufiger Kontakt zu
anderen Mitgliedern der Kirchengemeinden. Als Feld für zivilgesellschaftliches Enga-
gement spielen die Kirchen in Wixhausen daher keine besonders wichtige Rolle.
Tabelle 5.3.4 Häufigkeit der Kontak te zur Kirchengemeinde (in %)
65-69 70-74 75-79 80+ Insg.
täglich / mehrmals
pro Woche 14,5 3,1 3,1 0 6,2
mehrmals im Monat 16,4 21,9 15,6 34,5 21,1
seltener 69,1 75 81,3 65,5 72,7
n 55 64 32 29 180
VERBÄNDE, PARTEIEN UND INTERESSENVERTRETUNGEN
Nur sehr wenige ältere Menschen engagieren sich aktiv in den Verbänden und Par-
teien. Da häufig mit dem Ende der Erwerbstätigkeit auch die Mitgliedschaft in be-
rufsständischen Verbänden und Gewerkschaften aufgegeben wird, sind von den älte-
ren Menschen in Wixhausen nur etwa 5% noch passive Mitglieder in diesen Verbän-
den, und weitere 2% bezeichnen sich als aktive Mitglieder oder Funktionsträ-
ger(innen). Ähnlich niedrig liegen die Werte für die Wohlfahrtsorganisationen. Hier
sind jedoch noch 4% aktive Mitglieder und weitere 2% in ehrenamtlichen Funktionen.
4,2% der Befragten sind Mitglied einer Partei, davon etwas über 1% „aktive Mitglie-
der“. Insgesamt erweist sich so, dass die in Mitgliederorganisationen aktiven Men-
schen, sich in ganz unterschiedlichen Bereichen engagieren; allein die Sportvereine
bilden einen sichtbaren Schwerpunkt.
Über die kommunalpolitische Interessiertheit der Bürgerinnen und Bürger informiert
Abb. 5.3.2. Angesichts fehlender Vergleichszahlen ist die Antwortverteilung schwer
zu interpretieren. Allerdings zeigt sich deutlich, dass das Interesse bei den ältesten
Bürgerinnen und Bürgern nur sehr wenig zurückgeht. Sofern man überhaupt die Ge-
schehnisse auf der lokalen Politikebene verfolgt, bleibt diese Aufmerksamkeit bis ins
höchste Lebensalter wach.
89
Abb. 5.3.2 Interesse an der Kommunalpolitik (in %)
15,7 12,8 10,4 9,2 12,5
26,5 30 30,2 24,8
28
40,4 35,6 36,8 41,3
38,3
15,1 16,7 16 20,2 16,8
2,4 6,6 4,6 4,55
0%
10%
20%
30%
40%
50%
60%
70%
80%
90%
100%
65-69 70-74 75-79 80+ Insg.
überhaupt nicht int.
eher nicht int.
teils/teils
eher interessiert
sehr interessiert
EHRENAMTLICHE AKTIVITÄTEN
Im Rahmen von politischen Konzepten zur Aktivierung der älteren Generation spielen
die ehrenamtlichen Aktivitäten verständlicherweise eine wichtige Rolle, denn durch
das Engagement in dieser Form stellen ältere Menschen vielleicht am deutlichsten
unter Beweis, dass sie noch etwas „leisten“ können und wollen, und dass sie aktiv an
den öffentlichen Belangen in der Gemeinde teilhaben (vgl. Backes 2000, Backes &
Höltge 2008). Im Unterschied zur informellen Arbeit in sozialen Netzwerken (Ver-
wandtschaft, Nachbarn, Freundeskreis) handelt es sich bei ehrenamtlichen Aktivitä-
ten um freiwillige und ohne Entgelt geleistete Arbeit in Organisationen (Verbänden,
Vereinen, Kirchen, usw.). Zwei Arten von Tätigkeiten sind dabei zu unterscheiden.
Zum einen die „Ehrenämter“ im engeren Sinn. Das sind „Ämter“, in die man durch
Bewerbungen und Auswahlverfahren (häufig formelle Wahlvorgänge) gelangt. Durch
sie kommt man in Positionen, in denen man an Entscheidungsprozessen teilnimmt,
organisiert, repräsentiert und gesellschaftliches Ansehen genießt. Zum anderen sind
es Tätigkeiten, die man als „Freiwilligenarbeit“ bezeichnen kann
31. Man leistet tatkräf-
tige Hilfe, führt Arbeiten für die „beauftragende“ Organisation durch. Man ist insge-
samt eher ausführend als planend und entscheidend tätig. Die erste Art von ehren-
amtlicher Aktivität wird ganz überwiegend von Männern ausgeübt, die zweite mehr-
heitlich von Frauen.
Ehrenamtliches Engagement steht bei jüngeren Menschen durchaus häufig im Kon-
text von beruflichen Interessen, weil man hier auch Qualifikationen und Kontakte er-
31 Künemund & Schupp 2008 wählen in ihrer Übersicht zu den Diskursen rund um das Ehrenamt die Unter-
scheidung von „politisches Ehrenamt“ und „soziales Ehrenamt“ (S. 145f.)
90
werben kann, die für eine Erwerbs- und Geschäftstätigkeit und von Nutzen sein
könnten. Bei älteren Menschen spielen solche Motive verständlicherweise keine gro-
ße Rolle mehr. Hier ist das Engagement stärker durch soziales Pflichtgefühl,
Gemeinwesenbezug und mitmenschliche Hilfsbereitschaft motiviert (vgl. Gensicke
2008). Allerdings sind diese altruistischen Motive allein nur bei wenigen Menschen
ausreichend. Solche Tätigkeiten müssen auch immer in gewisser Weise als Freizeit-
beschäftigung attraktiv sein. Bei den Ehrenämtern im engeren Sinn, die das Sozial-
prestige erhöhen, ist das vermutlich eher der Fall, als bei der reinen Freiwilligenar-
beit. Insofern ist zu erwarten, dass Frauen auch beim bürgerschaftlichen Engage-
ment eher in Ruhestand gehen als die Männer. Abb. 5.3.3 zeigt, dass dies in
Wixhausen auch tatsächlich der Fall ist.
Abbildung 5.3.3 Ehrenamtliches Engagement nach Alter und Geschlecht (in %)
Die Männer sind nicht nur mit rd. 28% stärker ehrenamtlich engagiert als die Frauen
(mit rd. 19%), der Anteil der Engagierten steigt sogar in den Altersgruppen der 70-
74jährigen noch an und erreicht in der Altersgruppe der 75-79jährigen Männer das
Maximum mit rd. 34% Beteiligung. Erst in der Altersgruppe der 80jährigen und älte-
ren geht das bürgerschaftliche Engagement dann sehr stark zurück (insbesondere
bei den Männern).
Insgesamt liegt die Quote der ehrenamtlich Engagierten in Wixhausen bei 23,3%. Ob
das als hoch oder niedrig bezeichnet werden kann, ist schwer zu beurteilen. Je nach
29 31
34
11
2828
24
12
9
19
0
5
10
15
20
25
30
35
40
65-69 70-74 75-79 80+ insgesamt
Männer Frauen
91
Fragestellung variiert diese Quote sehr stark. Die hier gewählte Fragestellung produ-
ziert eher hohe Werte, weil die Befragten auch bei sehr selten ausgeübten Tätigkei-
ten hier „ja“ ankreuzen konnten. Beispielsweise haben hier einige Befragten an ihre
Tätigkeiten als Wahlhelfer(in) gedacht. Insgesamt üben die Frauen vor allem soziale
Betreuungstätigkeiten aus, helfen bei Besuchs- und Abholdiensten, und arbeiten im
Büro mit. Bei den Männern stehen Vorstands-, Organisations- und Bürotätigkeiten an
erster Stelle gefolgt von Tätigkeiten als Übungsleiter, Berater und Ausbilder. Auch
öffentliche Ehrenämter und handwerkliche Tätigkeiten sind vor allem Männersache.
Die meisten Menschen üben die Tätigkeit ziemlich regelmäßig aus. 40,6% sind ein-
mal oder sogar mehrmals in der Woche aktiv; 45,1% mehrmals im Monat. 21,6% hal-
ten das ehrenamtliche Engagement für einen „sehr wichtigen“ Teil ihres Lebens, rd.
29% finden es „weniger wichtig“ oder „unwichtig“.
Wie in den großen Repräsentativ-Erhebungen zum bürgerschaftlichen Engagement
in Deutschland zeigt sich auch in der Stadtteil-Untersuchung in Wixhausen, dass die
überwältigende Mehrheit der Befragten nicht bereit ist, unentgeltlich zu arbeiten, oder
Ehrenämter zu übernehmen. Dass diese Form von Aktivität nur bei einer kleinen
Minderheit Interesse findet, wird regelmäßig selbst in Ländern wie den Niederlanden
oder den USA beobachtet, die als besonders aktiv in dieser Hinsicht gelten (Hank &
Erlinghagen 2008: 15). Die Gründe für diese ablehnende Haltung liegen auf der
Hand: Die meisten Menschen haben viele attraktive Alternativen der Zeitverwendung
in der Freizeit, die weniger verpflichtend sind, und weni ger an Arbeit erinnern. Wenn
man sich für andere Menschen engagieren will, tut man das häufig lieber in der Fami-
lie oder im Bekanntenkreis als in formellen Institutionen. Und in den zurück liegenden
Jahren haben häufig auch gesellschaftspolitische Vorbehalte gerade bei Älteren eine
Rolle gespielt, in dieser Form „wieder verpflichtet“ zu werden. „Es erscheint ihnen als
Widerspruch, wenn nicht als Zumutung, im Erwerbsarbeitssektor schon sehr früh
nicht mehr gebraucht zu werden, dafür aber im privat-sozialen Sektor arbeiten zu
sollen – unentgeltlich.“ (Aner & Hammerschmidt 2008: 270)
In der öffentlichen Diskussion zum Thema „Ehrenamt und Ruhestand“ wird häufig die
Meinung vertreten, dass Menschen, die in den Ruhestand eintreten, zum einen plötz-
lich sehr viel Zeit haben, und zum anderen auf der Suche nach sinnvollen Beschäfti-
92
gungen sind. Daraus speist sich dann die Hoffnung, viele von ihnen wären neu für
ein ehrenamtliches Engagement zu begeistern. Nach allen vorliegenden Studien ist
dies aber nicht der Fall. Erlinghagen (2008: 95ff.) diskutiert die Befunde zum Thema
und zeigt, dass ein solcher „Ruhestandseffekt“ allenfalls ganz schwach erkennbar ist.
Sehr viel besser zeigt sich in Studien ein „Erfahrungseffekt“: Im älteren Erwachse-
nenalter bleiben diejenigen bürgerschaftlich engagiert (und weiten ihr Engagement
eventuell sogar noch aus), die immer schon in dieser Form aktiv waren – und das ist
eben nur die erwähnte kleine Minderheit. So ist es auch wenig verwunderlich, wenn
in neueren Studien nachgewiesen wird, dass alle Appelle und Modellprogramme mit
dem Ziel, die ältere Generation für das Ehrenamt zu gewinnen, relativ erfolglos ge-
blieben sind (vgl. Künemund & Schupp 2008); der Anteil der Engagierten ist nicht
angestiegen. Sofern höhere Niveaus oder ein Anstieg gemessen wurde, scheint es
sich um einen Kohorteneffekt zu handeln: Jahrgangskohorten, die auch in jungen
Jahren überdurchschnittlich zivilgesellschaftlich aktiv waren, sind ins Rentenalter
vorgerückt.
Auch wenn dieser Forschungsstand wenig Anlass für Hoffnungen gibt, in größerem
Umfang unerschlossene Potentiale für ehrenamtliches Engagement zu finden, wurde
eine entsprechende Frage gestellt. Die Ergebnisse zeigt Tab. 5.3.5; sie sind zwie-
spältig. Auch in Wixhausen sind von den Nicht-Engagierten nur 3,4% tatsächlich inte-
ressiert, sich in dieser Form zu engagieren. Auf der anderen Seite lehnen fast zwei
Drittel (63,6%) ein solches Ansinnen rundweg ab. Zwi schen diesen beiden Gruppen
stehen aber diejenigen, die sich unter bestimmten Voraussetzungen vorstellen könn-
ten, aktiv zu werden. Es sind zumeist die jüngeren Befragten. Von den 65-69jährigen
zeigt sich fast jede(r) Zweite in dieser Weise offen für Neues. Allerdings geht aus un-
seren Daten nicht hervor, worauf genau es denn ankommt, dass ein Interesse ge-
weckt werden könnte. Möglicherweise könnte es sich lohnen, diese Gruppe im Stadt-
teil gezielter nach ihren Interessen zu befragen.
93
Tabelle 5.3.5 Interesse an ehrena mtlichen Tätigkeiten bei bisher
nicht engagierten Personen(in %)
65-69 70-74 75-79 80+ Insg.
Ja,
interessiert 5,9 4,5 0 1,6 3,4
Vielleicht/
Kommt drauf an 49,0 37,8 24,7 8,1 33,0
Nein,
nicht interessiert 45,1 57,7 75,3 90,3 63,6
n 102 111 73 62 348
„Wären Sie in Zukunft daran interessiert, Aufgaben oder Arbeiten zu übernehmen, die man freiwillig
oder ehrenamtlich ausübt?“
Wenn man eine Steigerung des ehrenamtlichen Engagements wünscht, kommt in
Wixhausen, wie sonst auch, nicht nur darauf an, attraktive Betätigungsmöglichkeiten
anzubieten, die gegenüber der Vielzahl sonstiger Freizeitangebote konkurrenzfähig
sind, sondern auch auf engagementfreundliche Rahmenbedingungen. Zu diesen ge-
hören an erster Stelle eine bessere finanzielle Ausstattung der Freiwilligenprojekte,
und dann die Bereitste llung geeig neter Räume, Angebote zur Weiterbildung und
fachliche Unterstützung durch Professionelle, bessere Anerkennung der Tätigkeiten,
unbürokratische Kostenerstattung und vielleicht auch eine bessere Vergütung der
Freiwilligen (vgl. Gensicke 2008).
5.4 Freizeitinteressen und Nutzung der Angebote
Die Planung von Freizeitangeboten für ältere Menschen steht vor dem Problem, dass
die Freizeitinteressen und die Freizeitbeschäftigungen im Ruhestand keineswegs
einheitlich sind. Womit man seine freie Zeit im Alter verbringt, hängt ab von der je
individuellen Biog raphie und den ganz unterschiedl ichen Erfahr ungshintergründen.
Werte und Einstellungen spielen ebenso eine Rolle wie der Gesundheitszustand, die
finanziellen Verhältnisse und die sozialen Netzwerke, in die man sich eingelebt hat.
Völlig unterschiedlich ist schon das, was man jeweils als „Freizeit“ versteht. Zwar
stehen ältere Menschen, die ihre Erwerbstätigkeit beendet haben, vor der Aufgabe,
ihr Zeitbudget neu zu strukturieren, aber sie haben natürlich nicht nur Freizeit, son-
dern sie arbeiten weiter in Wohnung und Garten, sie haben alltägliche Pflichten in
der Familie, in der Hauswirtschaft und vielleic ht auch Verantwortung für hilfsbedürfti-
ge Menschen in ihrem Netzwerk. In dieser Situation spielt für einen Teil der älteren
94
Menschen die Unterscheidung von „Arbeit“ und „Freizeit“ weiterhin eine große Rolle,
und die Freizeit wird möglicherweise bewusst geplant und mit besonderen Aktivitäten
gezielt gefüllt. Für einen anderen Teil der älteren Menschen dagegen wird mit der
Tatsache, dass man nun viel freier über die Dauer der Aktivitäten und über ihre Lage
am Tag, in der Woche, übers Jahr entscheiden kann, alles zur „Freizeit“: der Einkauf
ebenso wie die Enkelbetreuung, der Grünschnitt im Garten ebenso wie die Mahlzei-
ten oder die notwendigen Wege in die Stadt. Die Freizeitaktivitäten im engeren Sinn
sind dann vielleicht auf ein Minimum reduziert.
FREIZEITINTERESSEN IM ÜBERBLICK
Bei der Frage nach den Freizeitinteressen wurde ein weites Verständnis von Freizeit
zugrunde gelegt und auch Dinge angesprochen, die im Kontexte der Zeitbudgetfor-
schung auch z.B. als hauswirtschaftliche Aktivität oder physiologische Regeneration
firmieren würden. Bezogen auf alle Befragten gibt sich eine klare Hierarchie von Inte-
ressen (vgl. Abb. 5.4.1), die gut mit den Befunden aus anderen Untersuchungen zur
Zeitverwendung älterer Menschen übereinstimmt (vgl. Engstler u.a. 2004, Gauthier &
Smeeding 2004, Kloas 2001, Engfer 2008).
Abbildung 5.4.1 Wie wichtig sind die folgenden Aktivitäten bei der Freizeitgestaltung?
(Anteile „Sehr wichtig“ und „wichtig“ in %)
95
Drei Aktivitäten stehen an oberster Stelle, weil die allermeisten Befragten sie für
wichtig (oder sehr wichtig) halten: Einen festen Platz im Alltag haben sowohl das Le-
sen (Printmedien) als auch das Fernsehen, genauso wichtig ist die Mobilität zu Fuß
(das Spazierengehen). Weil fast alle Befragten diese Aktivitäten wichtig finden, gibt
es kaum Unterschiede zwischen den Altersgruppen. Auf den nächsten Plätzen in der
Wichtigkeit rangieren dann die sozialen Kontakte: das Treffen von Freunden und Be-
kannten und die Hilfe für die eigenen Kinder und Enkel. Hier sind die Unterschiede
nach dem Alter etwas ausgeprägter, in beiden Feldern sind die jüngeren Alten etwas
aktiver als die älteren. Drei weitere Aktivitäten werden ebenfalls noch mehrheitlich für
besonders wichtig gehalten: Gartenarbeit, Reisen/Ausflüge und Hobbys. Mit Aus-
nahme der Gartenarbeit, die vermutlich für alle in dieser Form Aktiven in ähnlicher
Weise vonstatten geht, dürften mit diesen Nennungen ganz unterschiedliche Aktivitä-
ten gemeint sein. Sowohl im Hinblick auf die vielfältigen Spielarten außeralltäglicher
touristischer Mobilität (vgl. Sellick 2004 ) w ie im Hinblick auf die unendliche Vielfalt
mehr oder weniger „ernsthaft“ betriebener Hobbys, dürften die Befragten hier ganz
heterogene Interessen haben. Die dann folgenden Aktivitäten werden jeweils nur von
der etwa der Hälfte oder einem noch geringeren Prozentsatz der Befragten für wich-
tig gehalten. Die in der Abbildung aufgeführten Prozentsätze beziehen sich auf alle
Befragten, sie sind deshalb nur als sehr grobe Übersicht zu interpretieren, denn eini-
ge Befragte haben ja z. B. keine Kinder oder Enkel, keinen Garten oder kein Hobby.
Detaillierte Analysen der Freizeitinteressen, die z. B. besser berücksichtigen, für wen
die betreffende Freizeitaktivität überhaupt in Frage kommt, müssen späteren Auswer-
tungen vorbehalten werden. Im vorliegenden Bericht werden nur einige wenige Akti-
vitäten exemplarisch betrachtet, um einigen Unterschieden zwischen älteren und
jüngeren Befragten nachzugehen.
EFFEKTE VON LEBENSALTER UND KOHORTENZUGEHÖRIGKEIT
Bei Analysen zur Zeitverwendung im Alter spielt die vergleichende Betrachtung der
Altersgruppen immer eine herausragende Rolle, insbesondere dann, wenn zwischen
eher „aktiven“ und eher „passiven“ Tätigkeiten unterschieden wird (vgl. z. B. Gauthier
& Smeeding 2003). Zweck solcher Untersuchungen im Kontext von Theorien zum
„erfolgreichen“, „aktiven“ oder „produktiven“ Altern ist dann häufig der Nachweis, in
welchem Alter die Aktivität nachlässt und passive Betätigungen dominieren. Diese
Untersuchungen haben dabei zum einen das Problem, sinnvoll zwischen „aktiven“
96
und „passiven“ Tätigkeiten zu unterscheiden (besonders im Bereich der Freizeitbe-
schäftigungen im engeren Sinn 32), zum anderen müssen sie meist mit Daten arbei-
ten, die es nicht erlauben, die Frage methodisch sauber zu entscheiden. Denn um
die Veränderung der Aktivitäten im Verlauf des Alterns genau untersuchen zu kön-
nen, müsste man die gleichen Personen mehrfach im Laufe der Jahre befragen. Sol-
che Untersuchungen sind sehr aufwendig und werden selten durchgeführt. Meist ar-
beitet man deshalb behelfsmäßig mit reinen Querschnittsuntersuchungen (wie z.B.
der vorliegenden) und schließt dann von den Unterschieden zwischen den Kohorten
auf Effekte des Älterwerdens. Eine solche Vorgehensweise kann zwar gerechtfertigt
werden, aber sie birgt die Gefahr zweier möglicher Fehlschlüsse. Zum einen die Ge-
fahr des „Lebenszyklus-Fehlschlusses“. Ein solcher liegt vor, wenn Unterschiede, die
zwischen Menschen verschiedener Geburtsjahrgänge bestehen, fälschlicherweise
als Effekte des Älterwerdens interpretiert werden. Umgekehrt handelt es sich um ei-
nen „Kohorten-Fehlschluss“, wenn man – fälschlicherweise – annimmt, dass die zwi-
schen Geburtsjahrgängen feststellbaren Unterschiede auch in Zukunft bestehen
bleiben werden, wenn die Personen ins noch höhere Alter vorgerückt sein werden.
So kann anhand einzel ner Querschnittsunters uchungen letztlic h nicht ent schieden
werden, ob die vergleichsweise höhere Aktivität der „jungen Alten“ ein Kennzeichnen
dieser Generation ist, das sie auch in Zukunft auszeichnen wird, oder ob sie ihre Ak-
tivitäten, wie die früheren Kohorten auch, im hohen Alter genauso reduzieren.
Die Daten der vorliegenden Querschnittsbefragung werden deshalb nur mit der ge-
botenen Vorsicht als Belege für Veränderungen der Freizeitinteressen interpretiert.
Relativ unproblematisch ist die Situation in den Fällen, wenn es kaum Unterschiede
zwischen den Altersgruppen gibt. Dies ist in der vorliegenden Untersuchung z. B. bei
den Aktivitäten „Bücher lesen“, „Spazierengehen“ und „Arbeit im Garten“ der Fall.
Besonders die Gartenarbeit ist erwähnenswert. Für über 70% der Befragten, die die
Frage beantworten, die also wohl einen Garten besitzen, spielt die Betätigung im
Grünen im nahen Wohnumfeld eine wichtige Rolle in der Freizeit. Die Vorliebe für
diese Art der körperlichen Aktivität lässt auch im höheren Alter nicht nach. Insofern
ist aus den Daten nicht abzulesen, dass die in jungen Jahren getroffene Entschei-
dung, im Eigenheim mit Garten am Stadtrand zu leben, im hohen Alter bereut wird,
32 Insbesondere Stebbins hat zur Unterscheidung von Formen der „ernsthaften“ und der „gleichgültigen und
flüchtigen“ Freizeitaktivitäten viel beachtete theoretische Überlegungen entwickelt (vgl. Stebbins 2007, Stebbins
1996, Stebbins 1997).
97
weil z. B. der Garten zur Belastung geworden ist. Ähnlich gering sind die Unterschie-
de zwischen den Altersgruppen bei den Aktivitäten „Kindern und Enkeln helfen“,
„Freunde besuchen“ und „Gaststätten/Restaurants“. Eine Tendenz abnehmender
Aktivität im hohen Alter ist bei diesen sozialen Kontakten allenfalls sehr schwach er-
kennbar.
Drei Freizeitinteressen werden von den älteren Befragten deutlich häufiger genannt
als von den jüngeren: das „Fernsehen“ (vgl. Tab. 5.4.1), der „Kirchenbesuch“ (keine
Tab.) und der „Seniorentreff“ (vgl. Abb. 5.4.2). Die zunehmende Wichtigkeit des
Fernsehens bei der Gestaltung der Freizeit ist in vielen Studien festgestellt worden
(vgl. Gilles et al. 2008), und man kann wohl davon ausgehen, dass es sich um einen
Effekt des Alterns handelt, insbesondere dann, wenn die Fähigkeit zur außerhäusli-
chen Mobilität abnimmt.
Tabelle 5.4.1 Wichtigkeit des Fernsehens (in %)
65-69 70-74 75-79 80+ Insg.
sehr wichtig 37,5 43,3 49,0 60,8 45,9
eher wichtig 46,9 39,3 43,1 25,5 39,7
weniger wichtig 13,1 15,7 6,9 10,8 12,4
unwichtig 2,5 1,7 1,0 2,9 2,0
n 160 178 102 102 542
Abbildung 5.4.2 Wichtigkeit des Seniorentreffs in der Freizeit (in%)
16 18 20
52
25
84 82 80
48
75
0%
10%
20%
30%
40%
50%
60%
70%
80%
90%
100%
Männer
65-74
Männer
75plus
Frauen
65-74
Frauen
75plus
Insg.
weniger wichtig/
unwichtig
sehr wichtig/ eher
wichtig
Auch bei der Einschätzung zur Wichtigkeit von Treffen in Seniorenbegegnungsstät-
ten kann man aus den Unterschieden zwischen den Altersgruppen einen Wandel der
Präferenzen herauslesen. Bei Männern und Frauen im Alter von 65-74 Jahren ist das
Interesse noch sehr gering. Maximal jede(r) Fünfte findet die dort stattfindenden Akti-
98
vitäten für die eigene Freizeitgestaltung „sehr wichtig“ oder „eher wichtig“. Bei den
Männern, die 75 Jahre oder älter sind, bleibt das Interesse ebenso gering. Das liegt
vermutlich daran, dass sie meist noch mit ihrer Partnerin zusammenleben und sich
dadurch weiter in den langjährig eingelebten sozialen Verkehrskreisen bewegen. An-
ders ist dies bei den Frauen im Alter von 75plus. Sie haben häufig den Partner schon
verloren und müssen sich bei den sozialen Kontakten dadurch neu orientieren, sie
fühlen sich vielleicht auch häufiger einsam, und die Wichtigkeit von Begegnungsstät-
ten, in denen man Gleichaltrige antrifft, nimmt dramatisch zu.
Die meisten der in Abb. 5.4.1 aufgeführten Aktivitäten werden mit steigendem Alter
als weniger wichtig eingeschätzt. Der Rückgang des Interesses ist bei den „Hobbys“
und bei der „handwerklichen Arbeit“ eher schwach. Etwas ausgeprägter ist er bei ty-
pischen außerhäuslichen Freizeitaktivitäten wie „Sportveranstaltungen besuchen“,
„Kinobesuche“ und „Ausflüge/Reisen“. Am deutlichsten sind die Altersunterschiede
bei sportlichen Aktivitäten und einigen bildungs- und kulturbezogenen Aktivitäten. Da
in diesen Bereichen einige zusätzliche Fragen zur Nutzung von Angeboten gestellt
wurden, sollen sie exemplarisch etwas näher betrachtet werden.
NUTZUNG VON SPORTANGEBOTEN
Wie Tab. 5.4.3 zeigt, ist den „jungen Alten“ der Sport sehr viel wichtiger als den Älte-
ren. Über 70% der 65-69jährigen finden Sport sehr oder eher wichtig für ihre Frei-
zeitgestaltung, bei den Personen im Alter von 80plus liegt dieser Anteil bei nur noch
ca. 30%. Sicher spielt auch in diesem Fall ein Alterseffekt eine Rolle, die körperlichen
Kräfte lassen eben nach. Aber es nicht ausgeschlossen, dass hier auch z. T. ein
Kohorteneffekt sichtbar wird. Möglicherweise hat für die „jungen Alten“ der Sport eine
größere Rolle in der Freizeit gespielt als für die Personen, die um 1925 oder noch
früher geboren wurden, und möglicherweise werden sie diese Vorliebe auch im
Hochbetagten-Alter noch beibehalten.
99
Tabelle 5.4.2 Wichtigkeit des Sports (in %)
65-69 70-74 75-79 80+ Insg.
sehr wichtig 33,1 26,9 16,9 16,7 25,6
eher wichtig 37,7 32,1 31,3 12,5 30,8
weniger wichtig 20,1 25,6 26,5 30,6 24,7
unwichtig 9,1 15,4 25,3 40,3 18,9
n 154 156 83 72 465
Die relative Wichtigkeit des Sports zeigt sich auch bei der Frage, ob man Sportange-
bote im Stadtteil Wixhausen und/oder in der Stadt Darmstadt schon einmal genutzt
hat.33 Rd. 31% haben die Sportangebote des Stadtteils schon einmal genutzt. Rd.
15% haben Angebote anderswo in Darmstadt genutzt. Zur Frage nach der Zufrie-
denheit mit den speziellen Sportangeboten für Senioren in Wixhausen äußert sich
knapp die Hälfte der Befragten nicht. Die Antwortenden zeigen sich überwiegend zu-
frieden, und der Anteil der weniger Zufriedenen wird mit steigendem Alter geringer
(vgl. Abb. 5.4.3).
Abb. 5.4.3 Zufriedenheit mit dem Sportangebot für Ältere in Wixhausen
18,7 16,5 14
23,9 17,9
52,3 49,5 57,9
50
52
29 33,9 28,1
16,1 23,5
0%
10%
20%
30%
40%
50%
60%
70%
80%
90%
100%
65-69 70-74 75-79 80+ Insg.
weniger zufrieden
unzufrieden
eher zufrieden
sehr zufrieden
Wegen des hohen Desinteresses einerseits und der hohen Zufriedenheit anderer-
seits ist die Zahl der Befragten, die Änderungswünsche angegeben haben (offene
Frage), sehr klein. Allerdings betreffen viele Nennungen den Sport. Einzelne Perso-
nen haben jeweils angeregt, dass es ein Hallenbad, eine Sauna, Wassergymnastik,
spezielle Sportangebote für Ältere (insbesondere Gymnastik), Koronarsport oder ein
Fitness-Studie geben sollte.
33 Bei allen Fragen zur Nutzung von lokalen Freizeitangeboten gibt es das Problem, dass rund ein Viertel der
Befragten die Fragen nicht beantwortet hat. In der vorliegenden Auswertung wird deshalb bei Prozent-Angaben
zur Nutzung als Prozentuierungsbasis die Gesamtheit aller Befragten genommen. Unterstellt wird also, dass die
Nicht-Antwortenden auch Nicht-Nutzer sind. Diese Annahme lässt sich damit rechtfertigen, dass es vermutlich
eine beträchtliche Gruppe gibt, die mit Familien-, und Haushaltstätigkeiten, mit privaten Beschäftigungen zuhau-
se und mit sozialen Kontakten die Zeit so gut füllt, da ss die angesprochenen organisierten Freizeitangebote we-
der wahrgenommen noch in Anspruch genommen werden.
100
NUTZUNG VON KULTURELLEN UND BILDUNGSANGEBOTEN
Bei der Diskussion um die Förderung der gesellschaftlichen Teilhabe der älteren Ge-
neration spielt immer auch das Thema „lebenslanges Lernen“ und dabei besonders
die fehlenden Kenntnisse und Fähigkeiten im Umgang mit der Digitaltechnik (Compu-
ter und „neue Medien“) eine große Rolle. Exemplarisch zeigt der Indikator „Internet-
nutzung“ (vgl. Tab. 5.4.3) in welch geringem Maße ein heute zentrales Kommunikati-
onsmittel Eingang in die Freizeit der Älteren gefunden hat. Auch in der jüngsten Al-
tersgruppe ist es nur jede(r) Zweite, für die/ den das Internet einen wichtigen Platz
unter den Freizeitbeschäftigungen einnimmt. Bei den Ältesten ist der Anteil der Inte-
ressierten verschwindend gering. Hier ist ein starker Kohorteneffekt sichtbar, denn
alle nachrückenden Jahrgänge werden vermutlich eine weit stärkere Internet-Affinität
aufweisen, und der Anteil der Internet-Interessierten wird auch bei den älter werden-
den Menschen nicht zurück gehen, sondern eher weiter ansteigen. In jedem Fall
dürften Weiterbildungsangebote zu neuen digitalen Medien (vom häuslichen Compu-
ter über die Mobiltelefonie und das mobile Internet bis zur digitalen Unterhaltungs-
elektronik) ein sehr sinnvolles Angebot sein, um auch im lokalen Kontext etwas zum
Abbau des „digital divide“, der derzeit noch die Generationen spaltet, beizutragen.
Tabelle 5.4.3 Wichtigkeit des Internets (in %)
65-69 70-74 75-79 80+ Insg.
sehr wichtig 29,2 15,2 5,3 3,3 16,5
eher wichtig 20,8 13,6 6,6 4,9 13,6
weniger wichtig 17,4 13,6 18,4 6,6 14,8
unwichtig 32,6 57,6 69,7 85,2 55,2
n 144 132 76 61 413
Wie nicht anders zu erwarten, geht das Interesse an Weiterbildungsangeboten im
Alter stark zurück. Aber in den beiden jüngsten betrachteten Gruppen ist bei einer
Minderheit ein deutliches Interesse sichtbar (vgl. Tab. 5.4.4) Hier ist allerdings völlig
offen, ob es sich um einen Kohorten- oder einen Lebensalterseffekt handelt. Bei den
„jungen Alten“ bleibt das Bewusstsein, dass man sich – angesichts des beschleunig-
ten technischen und sozialen Wandels – ständig weiterbilden muss, um den An-
schluss nicht zu verpassen, vielleicht auch dann wach, wenn man später einmal zu
den „alten Alten“ gehört. Im Gesamtdurchschnitt haben weniger als 10% der Befrag-
ten ein Kurs-Angebot zu den „neuen Medien“ bereits genutzt (fast alle in Darmstadt),
aber dieser Anteil ist bei den Jüngeren dreimal so hoch wie bei der Generation
101
75plus. Ähnlich ist das Bild bei den sonstigen Bildungs- und Weiterbildungsangebo-
ten. Ganz deutlich zeigt sich hier die Tendenz, dass die Jüngeren viel interessierter
am „lebenslangen Lernen“ sind als die heute Hochbetagten, denn da sich die Frage
auf die gesamte Vergangenheit bezog, hätte es auch sein können, dass das Weiter-
bildungsinteresse in allen Altergruppen auf dem gleichen Niveau gewesen wäre.
Tabelle 5.4.4 Wichtigkeit der Weiterbildung (in %)
65-69 70-74 75-79 80+ Insg.
sehr wichtig 5,4 5,5 2,6 0 4,2
eher wichtig 20,3 15,1 9,1 3,2 14,1
weniger wichtig 46,6 34,9 35,1 24,2 37,4
unwichtig 27,7 44,5 53,2 72,6 44,3
n 148 146 77 62 433
Tabelle 5.4.5 Wurden in der Verg angenheit Bildungs- und Weiterbildungs-
angebote bereits genutzt? (in %)
65-69 70-74 75-79 80+ Insg.
ja, in Darmstadt 36 16 12 7 19
ja, in Wixhausen 6 5 3 2 4
n 160 178 105 104 547
Auch beim Besuch sonstiger kultureller Veranstaltungen zeigen sich Unterschiede
zwischen den Altersgruppen (Tab. 5.4.5). Insgesamt haben weit mehr Menschen
schon einmal solche Angebote genutzt, und die Jüngeren sind stärker überörtlich
orientiert. Dies könnte daran liegen, dass die jüngeren Jahrgänge ein höheres forma-
les Bildungsniveau aufweisen, und deshalb vielleicht auch stärker an den zentralörtli-
chen Hochkultur-Angeboten in der Wissenschaftsstadt Darmstadt interessiert sind.
Tabelle 5.4.5 Wurden in der Verg angenheit kulturelle Veranstaltungen
bereits genutzt? (in %)
65-69 70-74 75-79 80+ Insg.
ja, in Darmstadt 46 33 16 20 31
ja, in Wixhausen 25 30 31 34 30
n 160 180 105 105 550
Interessant ist in diesem Zusammenhang der Befund, dass die geringere Nutzung
der Darmstädter Kulturangebote durch die älteren Senioren auch einher geht mit ei-
ner größeren Unzufriedenheit mit diesen Angeboten (vgl. Abb. 5.4.4). Es ist offenbar
nicht so, dass man die Angebote wegen schlechter Gesundheit, fehlender Mobilität
oder ähnlichen Gründen nicht nutzt, sondern es gibt hier wohl tatsächlich eine Dis-
102
krepanz zwischen den Präferenzen der älteren Senioren und dem angebotenen Pro-
gramm. Die Ursachen für diese Diskrepanz können mit den vorliegenden Daten nicht
ermittelt werden. Geprüft wurde, ob es einen Zusammenhang mit dem formalen Bil-
dungsniveau der Befragten gibt. Das Ergebnis hilft allerdings nicht viel weiter, denn
sowohl die Befragten mit dem niedrigsten Bildungsgrad als auch die mit dem höchs-
ten (akademischen) Bildungsniveau sind – verglichen mit den beiden mittleren Bil-
dungsniveaus – überproportional unzufrieden.
Abb. 5.4.4 Zufriedenheit mit dem Freizeit-, Kultur- und
Bildungsangebot für Ältere in Darmstadt
12,7 8,6 14,1 8,1 10,9
60 68,1 54,9
45,2
59,1
27,2 23,3 30,9
46,7
30
0%
20%
40%
60%
80%
100%
65-69 70-74 75-79 80+ Insg.
weniger zufrieden
unzufrieden
eher zufrieden
sehr zufrieden
Auf die offene Frage nach – in Wixhausen oder Darmstadt – fehlenden Angeboten
wurde mehrfach auch Bildungs- und Kulturangebote genannt. Bei insgesamt sehr
wenigen Nennungen wurden folgende Wünsche geäußert: Wissenschaftliche Vorträ-
ge, mehr Kurse der VHS, Computerkurse, Einführungskurse zu neuer Technik
(Unterhaltungselektronik, Bank- und ÖPNV-Automaten), Angebote für Menschen mit
Seh- und Hörbehinderungen, bessere Öffnung der TUD-Veranstaltungen, Musik- und
Kulturangebote in kleinem Kreis im Stadtteil.
FREIZEITMOBILITÄT IM SUBURBANEN QUARTIER
Die suburbane Lebensweise wird aus ökologischer Sicht meist sehr kritisch betrach-
tet, weil die funktionale Trennung von Wohnen, Arbeiten, Einkaufen usw. problemati-
sche Verkehrsströme generiert und die Auto-Mobilität pr aktisch unerlässlich werden
lässt. Diese Kritik betrifft natürlich auch das Leben im Alter, selbst wenn dann das
Pendeln an entfernte Arbeitsplätze entfällt. Möglicherweise ist es auch so, dass die
älteren Menschen im suburbanen Raum aus alter Gewohnheit stärker überörtlich und
103
überregional orientiert sind, und z. B. gern auch die Orte aufsuchen, in denen sie frü-
her gearbeitet haben, und in denen sie sich nach wie vor gut auskennen. Aber im
Hinblick auf die Freizeitmobilität im Alter gibt es möglicherweise auch gegenläufige
Effekte in Richtung Verkehrsvermeidung. Zentral in den Städten wohnende Men-
schen haben zwar in vieler Hinsicht den Vorteil kurzer Wege, aber richtig verkehrs-
vermeidend wirkt sich das nur dann aus, wenn es genügend Grünflächen wie z. B.
Parkanlagen gibt. Ansonsten erfordert der im Alter so wichtige und beliebte Aufent-
halt im Grünen größere Anfahrtszeiten, und private eigene Gärten gibt es selten.
Wenn andererseits die Arbeit in Haus und Garten im suburbanen Raum zu bevorzug-
ten Freizeitbeschäftigungen zählt, dann dämpft das möglicherweise das Freizeitver-
kehrsaufkommen. Allerdings konnte in der FRAME-Studie (Rudinger et al. 2006,
Föbker & Grotz 2006) dieser Effekt nicht nachgewiesen werden, da raumstrukturelle
Faktoren der Verkehrsgenerierung unentwirrbar mit sozialstrukturellen und gesund-
heitlichen Faktoren vermischt sind. Auch wenn Senioren im suburbanen Raum häufi-
ger gern auf dem eigenen Grundstück tätig sind, dann sind sie andererseits häufig
auch gesünder und wohlhabender, um gern häufiger besondere Freizeit-Events auch
über größere Distanzen aufzusuchen.
WARUM INTERESSIEREN SENIORENANGEBOTE NICHT?
Ein großer Teil der Befragten besucht nie oder nur sehr selten spezielle Veranstal-
tungen für ältere Menschen. Die Gründe dafür sind durchaus unterschiedlich. Der
wichtigste Grund ist, dass man genug Ge selligkeit und Un terhaltung auch ohne den
Besuch von solchen Veranstaltungen hat. Sehr wichtige Gründe für die „jungen Al-
ten“ sind dann – wenig überraschend – aber auch prinzipielle Vorbehalte, vielleicht
sogar Abwehrhaltungen, sich zur Zielgruppe der Senioren rechnen zu sollen. Die
Mehrheit der 65-69jährigen fühlt sich schlicht noch zu jung dafür, viele sind in der
Freizeit lieber mit jüngeren Menschen zusammen, und die Themen der Veranstaltun-
gen entsprechen nicht den eigenen Interessen. In abgeschwächter Form geben die
70-74jährigen die gleichen Gründe für das Desinteresse an Seniorenveranstaltungen
an. Diese beiden Altersgruppen sind offenbar gut versorgt: Entweder nutzen sie
problemlos das vielfältige Freizeitangebot für die Normalbevölkerung und ignorieren
die Seniorenveranstaltungen. Oder sie finden Veranstaltungen für ältere Menschen
interessant, und haben keinerlei Probleme sie auch zu besuchen, weil sie fit und mo-
bil sind.
104
Tabelle 5.4.6 Warum nutzen Sie keine Angebote für Senioren? (in%)
65-69 70-74 75-79 80+ Insg.
Weil ich mich noch zu jung fühle
genannt 55,7 35,2 11,6 2,3 31,5
Bin lieber auch mit jüngeren Menschen zusammen
genannt 23,4 18,8 5,3 10,5 16,3
Veranstaltungen entsprechen nicht meinen Interessen
genannt 34,2 27,9 20,0 19,8 27,0
Informationen über das Veranstaltungsangebot fehlen
genannt 21,5 15,2 14,7 7,0 15,7
Habe genug Unterhaltung und Geselligkeit
genannt 43,0 40,6 44,2 23,3 39,1
Brauche Hilfe, wenn ich Veranstaltungen besuchen will
genannt 1,3 1,8 11,6 40,7 10,1
Veranstaltungen zu weit von meiner Wohnung entfernt
genannt 6,3 10,3 13,7 23,3 11,9
Bin lieber selbst aktiv
genannt 16,5 17,0 12,6 7,0 14,3
Tageszeiten meist ungünstig
genannt 3,2 4,2 4,2 4,7 4,0
Dies ist in der Gruppe der 80jährigen und älteren anders. Die wichtigsten Hinde-
rungsgründe sind hier M obilitätseinschränkungen. 40,7% benötigen Hilfe, um zu den
Veranstaltungen zu gelangen, und sie haben vermutlich Probleme, solche Hilfe zu
organisieren. 23,3% finden, dass die Veranstaltungen zu weit von der Wohnung ent-
fernt stattfinden. Für diese Gruppe der Hochbetagten ließe sich die Qualität der Frei-
zeitgestaltung erheblich verbessern, wenn – z. B. durch Fahrdienste – der Zugang zu
den Angeboten verbessert würde.
GESAMTEINSCHÄTZUNGEN ZUR ZEITVERWENDUNG
Tabelle 5.4.7 Positive Einschät zungen zur Freizeitgestaltung ? (in%)
65-69 70-74 75-79 80+ Insg.
Mein Tag ist ausgefüllt, ich habe keine Langeweile
genannt 73,2 81,5 72,3 71,1 75,4
Ich gehe vielen sinnvollen Tätigkeiten nach
genannt 51,2 41,9 37,6 26,8 41,2
Ich habe genug Kontakt und fühle mich nicht allein
genannt 49,4 59,0 56,4 43,3 52,8
Ich habe endlich Zeit für mein Hobby
genannt 23,2 24,2 16,8 12,4 20,4
105
Anhand einiger Aussagen zur Zeitverwendung insgesamt und zu den sozialen Kon-
takten in der Freizeit konnten die Befragten bewerten in welchen Punkten sie eher
zufrieden und in welchen sie unzufrieden sind. Positive und negative Evaluierungen
sind in den Tabellen 5.4.7. und 5.4.8 zusammengestellt.
Tabelle 5.4.8 Negative Einschät zungen zur Freizeitgestaltung ? (in%)
65-69 70-74 75-79 80+ Insg.
Ich fühle mich nutzlos, hätte gern eine sinnvolle Aufgabe
genannt 4,3 2,2 4,0 0 2,8
Ich würde gern mehr Kontakt zu anderen Menschen haben
genannt 11,0 11,8 13,9 16,5 12,8
Mir fehlt ein richtiger Freizeitpartner
genannt 9,1 7,3 8,9 11,3 8,9
Mir fehlt Abwechslung. Jeder Tag ist wie der andere
genannt 3,0 4,5 6,9 12,4 5,9
Würde gern mehr unternehmen, aber dafür fehlt das Geld
genannt 13,4 15,7 11,9 5,2 12,4
Für meine Interessen gibt es kein geeignetes Freizeitangebot
genannt 3,7 3,9 3,0 3,1 3,5
Die positiven Aussagen zur Bewertung der Zeitverwendung werden sehr viel häufiger
gewählt als die negativen. Besonders erwähnenswert ist, dass drei Viertel der Be-
fragten explizit darauf hinweisen, dass ihr Tag ausgefüllt ist und sie keine Langeweile
verspüren. Dieses Gefühl des immer beschäftigt zu sein, ist unter den „jungen Alten“
genauso verbreitet wie unter den „alten Alten“. Umgekehrt sagt kaum jemand von
sich, dass er/sie sich nutzlos fühlt und gern eine sinnvolle Aufgabe hätte. Allein das
Gefühl mangelnder Abwechslung im täglichen Gleichklang nimmt von Altersgruppe
zu Altersgruppe etwas zu, aber selbst bei in der Gruppe 80plus sind nur es 12,4%,
die darunter leiden. Das Niveau der sozialen Kontakte geht mit dem Alter kaum zu-
rück. Allein das Gefühl, dass man sehr viele sinnvolle Aktivitäten entfaltet, und inten-
siv ein Hobby pflegt, ist bei den Ältesten nur halb so weit verbreitet wie bei der jüngs-
ten Altersgruppe
Negative Kommentare zur Freizeit und Zeitverwendung sind relativ selten. Nur 3,5%
finden kein Angebot für ihre Freizeitinteressen. 12,4% (etwas mehr bei den „Jungen
Alten“) haben zwar attraktive Freizeitangebote vor Augen, können sie aber nicht nut-
zen, weil das Geld für andere Dinge ausgegeben werden muss. Jeweils etwa jede(r)
zehnte Befragte wünscht sich generell mehr soziale Kontakte oder vermisst den
„richtigen“ Partner, die „richtige“ Partnerin in der Freizeit.
106
6. Gesundheit und Hilfebedarf
Im Zentrum dieses Kapitels steht der Versuch, einen Blick auf die mit dem Alter ein-
hergehenden Einschränkungen und Kompetenzverluste zu werfen. Denn eine der
großen Fragen der Altersforschung ist, mit welcher Lebensqualität die mit der stei-
genden Lebenserwartung gewonnenen Jahre verbracht werden. Handelt es sich um
„gute“ Jahre, die man gesund, aktiv und sozial integriert mit Lebensfreude genießen
kann, oder ist es eine verlängerte Phase chronischer Erkrankungen, verbunden mit
Leiden, Funktionseinbußen, Verlusterfahrungen und zunehmendem Überdruss am
Leben? Im Hinblick auf die Entwicklung der Gesundheit im Alter gibt es drei theoreti-
sche Positionen (vgl. Wurm & Tesch-Römer 2006: 367f.) Die erste Position ist die
pessimistische Erwartung: eine „Morbiditätsexpansion“. Das Leben verlängert sich
um Jahre, die mit schweren Krankheiten verbracht werden. Während früher nur rela-
tiv gesunde Menschen sehr alt wurden, gelingt es heute durch den Fortschritt der
Medizin, auch schwer kranke Menschen lange am Leben zu halten. Die zweite Posi-
tion behauptet die „Morbiditätskonstanz“. Die mit Behinderungen verbrachte Zeit am
Ende des Lebens wird nicht länger und nicht kürzer, sondern bleibt in etwa gleich,
aber sie verschiebt sich dur ch die gestiegene Lebenserwartung ins höhere Alter. Die
dritte Position schließlich ist die optimistische Variante: „Morbiditätskompression“.
Durch gestiegene Gesundheitsvorsorge, durch bessere gesellschaftliche Infrastruktu-
ren und durch den medizinischen Fortschritt bleibt man im Alter viel länger bei guter
Gesundheit, aber der Anstieg der Lebenserwartung erreicht in absehbarer Zeit das
biologische Maximum. Die in Krankheit und Leiden verbrachte Zeit verkürzt sich auf
eine kurze Spanne vor dem biologisch unausweichlichen Lebensende.
34
Eng verbunden mit der Frage nach der Entwicklung der Gesundheit im Alter ist die
Frage, in welcher Form auf den unausweichlich steigenden Hilfebedarf reagiert wird.
Werden die erforderlichen Hilfen von der Familie und/oder den freundschaftlichen
und verwandtschaftlichen Netzwerken bereitgestellt? In welchem Maße stehen staat-
liche und kommunale, zivilgesellschaftliche und kommerzielle Hilfsangebote zur Ver-
fügung? Erwartet wird in dieser Hinsicht allgemein eine starke Veränderung gegen-
über der Vergangenheit (vgl. als Überblick Kreuzer 2006: 43ff). Der Zahl der stabilen
34 Um zu entscheiden, welche Theorie zutrifft. sind langfristige Beobachtungen unterschiedlicher Geburtskohor-
ten erforderlich. Die heute erst ansatzweise vorliegenden Ergebnisse solcher Studien stützen eher die Positionen,
die Morbiditätskonstanz oder sogar Morbiditätskompression behaupten (vgl. Wurm & Tesch-Römer 2006: 368).
107
Partnerschaften und vor allem die Zahl der Kinder geht immer weiter zurück. Für Hil-
fenetzwerke ist besonders problematisch, dass es sich dabei nicht um das Ausblei-
ben von dritten, vierten und weiteren Kindern handelt, sondern um die Tatsache,
dass immer mehr Menschen völlig kinderlos bleiben. Damit sinkt auch die Zahl der
sonstigen Verwandten, und durch die modernen Mobilitätsanforderungen vergrößern
sich die räumlichen Dist anzen zwischen den Wohnorte n der Familienangehörigen.
Der Anstieg der Frauenerwerbstätigkeit führt außerdem dazu, dass das früher für
Pflegedienstleistungen zur Verfügung st ehende Potential an Arbei tskräften zurück-
geht. Insgesamt muss die Gesellschaft also die Aufgabe bewältigen, die früher vor-
herrschenden familiären Hilfenetzwerke durch außer-familiäre zu ersetzen. Dies kön-
nen zivilgesellschaftliche, staatlich oder kommunal unterhaltene oder privatwirtschaft-
lich-kommerzielle Strukturen sein.
Im Hinblick auf diese beiden großen Fragen: „Wie entwickelt sich die Gesundheit im
Alter?“ und „Wie wird der Hilfebedarf befriedigt?“ erreichen wir die Grenzen der Aus-
sagekraft unserer Umfrage, aber u. U. auch die der Umfrageforschung allgemein.
Eine zuverlässige Bestandsaufnahme zum Gesundheitszustand der älteren Bevölke-
rung im Stadtteil würde ein umfangreic hes Programm detaillierter Fragen (und ggf.
sogar die Erhebung von Bio-Markern) erfordern
35. Das gleiche gilt für die genaue
Erfassung der gegebenen und erhalten Hilfeleistungen im Haushalt und über die
Haushaltsgrenzen hinaus. Ein solcher Versuch hätte den Untersuchungsansatz und
die zur Verfügung stehenden Ressourcen vö llig überfordert. Außerdem ist daran zu
erinnern, dass Umfragestudien wie die vorliegende prinzipiell das gesamte Ausmaß
der Problemlage nicht erfassen können. Diejenigen mit den schlimmsten gesundheit-
lichen Einschränkungen sind in der Regel nicht mehr befragbar oder sie sind weniger
bereit, sich mit solchen Befragungen zu befassen. Sofern sie in Pflegeheimen woh-
nen, gehören sie zudem meist definitionsgemäß nicht zum Kreis der Zielpersonen.
Die folgende Ergebnisdarstellung bietet deshalb nur einen sehr kursorischen und auf
sehr grobe Indikatoren beschränkten Überblick zu den Themen „Gesundheit“ und
„Hilfe“. Sie kann Tendenzen aufweisen, ist aber keine ausreichende Basis, um kon-
krete Hilfestrukturen zielsicher zu planen.
35 Vgl. zu den methodischen Schwierigkeiten der Erfassung des Gesundheitszustands im Alter Künemund (2005:
104-110), zur Verwendung von Bio-Markern in der Umfrageforschung vgl. Hank et al. 2009.
108
6.1 Gesundheit und Zugang zu medizinischen Dienstleistungen
Das Krankheitsrisiko steigt im Alter an. Das hat verschiedene Ursachen. Erstens gibt
es negative physiologische Veränderungen an vielen Organen („Abnutzungserschei-
nungen“). Zweitens haben manche Krankheiten sehr lange Latenzzeiten, so dass nur
sehr alte Menschen davon getroffen werden können. Drittens treten irgendwann
Schäden auf, wenn man zu lange negativen Umwelteinflüssen ausgesetzt war (Rau-
chen, Lärm, Einnahme schädlicher Substanzen, usw.). Viertens altern alle Krankhei-
ten mit, und führen möglicherweise irgendwann zu Folgekrankheiten (vgl. Wurm &
Tesch-Römer 2006). Und fünftens schließlich sind viele alte M enschen anfälliger für
„normale“ Krankheiten. „An mehreren Krankheiten zugleich zu leiden, die häufig nicht
eindeutig voneinander zu trennen sind, wird zu einem charakteristischen Merkmal
der Hochaltrigkeit.“ (Voges 2008: 140) Wir haben darauf verzichtet, diese Multimorbi-
dität (und ihren Anstieg mit dem Alter) genau zu messen, und verwenden als Indika-
tor für den Gesundheitszustand eine einfache Frage zur Selbsteinschätzung: „Wie
würden Sie Ihren gegenwärtigen Gesundheitszustand beschreiben?“. Dieser Indika-
tor misst den Gesundheitszustand zwar nur grob, aber in Längsschnittstudien hat er
sich als valide erwiesen, denn er war von großer prognostischer Kraft für die zukünf-
tige Gesundheits- und Krankheitsentwicklung.
SUBJEKTIVER GESUNDHEITSZUSTAND
Abbildung 6.1.1 zeigt, dass fast vier von fünf Befragten mit ihrem Gesundheitszu-
stand zufrieden sind oder ihn sogar „sehr gut“ oder „gut“ finden. Der Anteil derjeni-
gen, der die Gesundheit als „weniger gut“ oder „schlecht“ einschätzt, nimmt dabei
erwartungsgemäß von Altersgruppe zu Altersgruppe zu, aber auch in der Altersgrup-
pe der 80jährigen und Älteren äußert sich nur ein Drittel der Befragten negativ über
den Gesundheitszustand. In Tab. 6.1.1 sind die Zahlen nach Geschlecht aufge-
schlüsselt. In den beiden untersten Altersgruppen (65-74) ist der Unterschied zwi-
schen den Männern und Frauen sehr gering. Die Männer schätzen ihren Gesund-
heitszustand ein wenig besser ein. Bei den 75-79jährigen wird dieser Unterschied
dann aber sehr viel stärker. Die Frauen dieser Altersgruppe sind weit überproportio-
nal unzufrieden. Bei den Hochaltrigen verlieren sich diese Unterschiede dann wieder.
109
Insgesamt ist der Befund zur Gesundheitseinschätzung wohl positiv zu werten, denn
Noll & Weick (2008: 195) geben für einen vergleichbaren Indikator auf Basis der Er-
hebungen im Sozioökonomischen Panel einen um etwa 10 Prozentpunkte höher lie-
genden Wert für „weniger guten“ oder „schlechten“ Gesundheitszustand an. Auch
dieser Befund weist darauf hin, dass die ältere Generation im suburbanen Raum
tendenziell in besseren Lebensumständen lebt als der Gesamtdurchschnitt der älte-
ren Menschen.
Abbildung 6.1.1 Subjektive Einschätzung der Gesundheit (in %)
Tabelle 6.1.1 Subjektiver Gesundheitszustand (in%)
65-69 70-74 75-79 80+ Insg.
Gesamte Stichprobe
sehr gut/gut 57,0 33,4 23,4 22,5 36,2
zufrieden stellend 30,9 51,9 47,7 43,2 43,3
weniger gut/schlecht 12,1 13,2 28,9 34,3 20,5
n 165 182 106 110 563
Frauen
sehr gut/gut 54,3 30,8 18,6 21,2 32,6
zufrieden stellend 30,9 52,1 40,7 43,9 42,3
weniger gut/schlecht 14,7 17,1 40,7 34,9 25,1
Männer
sehr gut/gut 59,5 36,4 27,6 25,0 40,3
zufrieden stellend 31,0 52,3 57,4 43,2 44,9
weniger gut/schlecht 9,5 11,3 15,0 31,8 14,8
110
ZUGANG UND NUTZUNG MEDIZINISCHER DIENSTLEISTUNGEN
Wie wichtig eine gut ausgebaute medizinische Infrastruktur für die Lebensqualität im
Alter ist, muss nicht im Einzelnen begründet werden, und braucht auch nicht erfragt
zu werden. Verglichen mit ländlichen Gebieten oder verkehrsmäßig schlechter er-
schlossenen suburbanen Räumen ist der Zugang zu medizinischen Einrichtungen in
einem Stadtteil der Großstadt Darmstadt sicher objektiv kein vordringliches Problem
der Seniorenpolitik. Bei den Fragen zu diesem Thema galt das Interesse daher eher
der Bewertung der Situation und der faktischen Nutzung dieser Einrichtungen. Die
Verfügbarkeit von Hausärzten wird beispielsweise sehr positiv beurteilt (vgl. Tab.
6.1.2). Allerdings gibt es bei den ältesten Menschen im Stadtteil dann schon zu
19,4% das Gefühl, diese Ärzte seien schlecht erreichbar. Offenbar ist damit gemeint,
dass der Fußweg zu diesen Praxen im Alter schon eine gewisse Barriere darstellt.
Tabelle 6.1.2 Hausarzt in der Wohnumgebung? (in %)
65-69 70-74 75-79 80+ Insg.
Gibt es und ist
gut erreichbar 91,8 94,4 87,6 80,6 89,6
Gibt es, aber nicht
gut zu erreichen 6,9 5,6 11,4 19,4 9,8
Gibt es nicht,
vermisse ich 1,3 0 1,0 0 0,5
n 159 178 105 108 550
Die Erreichbarkeit von Fachär zten wird dagegen viel kritischer beurteil t, obwohl we-
nige Kilometer entfernt in der Darmstädter City daran kein Mangel besteht. Ein Drittel
der Befragten äußert sich (wohl deswegen) zu dieser Frage gar nicht. Die Antwor-
tenden meinen zu rd. 74%, dass es keine Fachärzte gibt, und sie ein solches Ange-
bot im Stadtteil vermissen. Leider ist nicht zu klären, an welche Art von Facharztpra-
xen dabei gedacht ist. Da es zwei Apotheken in Wixhausen gibt, wundert es nicht,
dass 95% der Befragten diese Läden für gut erreichbar halten.
Nur ein sehr kleiner Teil der Befragten ist in der Situation, täglich oder mehrmals in
der Woche Kontakt zu Ärzten haben zu müssen (vgl. Tab. 6.1.3). Im Durchschnitt hat
etwa ein Drittel der Befragten mehrmals im Monat Arztkontakt, wobei dieser Anteil
von 25,7% bei den 65-69jährigen ansteigt auf 51,9% bei den 80plus. In der glückli-
chen Situation, nur gelegentlich im Jahr den Arzt aufsuchen zu müssen, sind 71,4%
111
der jüngsten Altersgruppe, aber immerhin auch noch 45,5% der über 80jährigen. Die
Frage zum Arztkontakt bringt damit ungefähr den gleichen Sachverhalt wie die Frage
zur subjektiven Gesundheitseinschätzung zum Vorschein: den relativ guten Gesund-
heitszustand der älteren Generation in Wixhausen.
Tabelle 6.1.3 Häufigkeit persönliche r Kontakte zu Ärzt(inn)en (in %)
65-69 70-74 75-79 80+ Insg.
täglich mehrmals pro Woche 2,8 1,4 0 2,6 1,8
mehrmals pro Monat 25,7 32,6 47,0 51,9 36,5
seltener 71,4 65,9 53,0 45,5 61,6
n 140 138 83 77 438
Dass das möglicherweise auch in Zukunft so bleiben wird, zeigt Tab. 6.1.4. Das Inte-
resse an Gesundheitsvorsorge-Angeboten steigt bei den „jungen Alten“ beträchtlich
an. Besonders die in der Stadt Darmstadt generell angebotenen Präventionsmaß-
nahmen und Untersuchungen werden zunehmend genutzt
Tabelle 6.1.4 Wurden in der Vergangenheit Angebote zur
Gesundheitsvorsorge genutzt? (in %)
65-69 70-74 75-79 80+ Insg.
ja, in Darmstadt 32,5 28,0 14,3 10,6 23,4
ja, in Wixhausen 15,0 13,5 14,3 10,6 13,5
n 160 178 105 104 547
Abbildung 6.1.2 Zufriedenheit mit der medizinischen Versorgung
24,8 23,3
33,3 41,3
29,1
55,8 61,7
54,3 42,3
54,9
19,4 15 12,4 16,4 16
0%
10%
20%
30%
40%
50%
60%
70%
80%
90%
100%
65-69 70-74 75-79 80+ Insg.
weniger zufrieden
unzufrieden
eher zufrieden
sehr zufrieden
Zusammenfassend zeigt Abb. 6.1.2 die insgesamt hohe Zufriedenheit mit der medi-
zinischen Versorgung im Stadtteil (und vermutlich auch bezogen auf die gesamte
Situation in Darmstadt und das südliche Rhein-Main-Gebiet). Dass die Zufriedenheit
112
bei den jüngsten Befragten geringer ist als bei den ältesten, ist wohl nicht mit einer
objektiv besseren Versorgung der Ältesten zu erklären, sondern eher dadurch, dass
die nachrückenden „jungen Alten“ kritischer und vielleicht anspruchsvoller im Hinblick
auf medizinische Dienstleistungen sind.
6.2 Hilfebedarf, Pflegebedarf und erhaltene Hilfen
Mit den Daten der vorlie genden Untersuchung ist es nicht möglic h, die intergenerati-
onalen Hilfebeziehung en zu analysieren, und auch alle and eren Hilfeb eziehungen
sind nicht darstellbar. Das liegt vor allem daran, dass hier bewusst eine sehr einseiti-
ge Perspektive gewählt wurde: die ältere Generation interessiert in dieser Untersu-
chung nur als potentiell hilfebedürftiger Teil der Bevölkerung, für den ggf. besondere
Angebote oder Unterstützungsleistungen geplant und bereit gestellt werden müssten.
Die Sichtweise ist deshalb einseitig, weil die „jungen Alten“ zunächst und vor allem
nicht als Hilfebedürftige, sondern als Hilfegebende in Erscheinung treten. Innerhalb
der Familie unterstützen sie vor allem die Ki nder und Enkelkinder, häufig in allen bei
Hilfeleistungen unterschiedenen Dimensionen: Sie helfen durch Arbeit und Rat, ge-
ben ihre Zeit und ihr Geld und nutzen ihre Kontakte zum Wohle der Nachkommen. In
abgeschwächter Form spielen natürlich auch die „alten Alten“ in dieser Weise eine
wichtige Rolle als Helfer(in). Im gesellschaftlichen Durchschnitt und insbesondere
über die gesamte Lebensspanne gerechnet, hilft die Elterngeneration der Kinderge-
neration weit mehr als umgekehrt (vgl. Brandt 2009: 21ff.).
Vor dem Hintergrund dieser Tatsachen kann es nicht verwundern, dass sich von den
„jungen Alten“ kaum jemand für dauerhaft hilfebedürftig hält (vgl. Abb. 6.2.1). Bei der
gewählten Fragestellung ist darüber hinaus zu vermuten, dass weniger das Alter die
Ursache von Hilfsbedürftigkeit ist, sondern eher bestimmte Behinderungen, die u. U.
auch bei Jüngeren, die in der vorliegenden Untersuchung nicht erfasst sind, mit ei-
nem ähnlichen Prozentsatz anzutreffen wären. Bei den 80jährigen und älteren steigt
der Anteil der Hilfebedürftigen dann drastisch an auf rund 32%. Umgekehrt formuliert:
Selbst von den Hochbetagten sind es zwei Drittel, die von sich sagen können, dass
sie keine kontinuierliche Hilfe benötigen.
36
36 Selbstkritisch ist auf ein Defizit der vorliegenden Bestandsaufnahme hinzuweisen, das erst während der Aus-
wertung deutlich wurde: Die besonderen Belastungen und der Unterstützungsbedarf von Personen der Generati-
on 65plus, die eine andere Person im Haushalt pflegen, können mit unseren Daten nicht analysiert werden.
113
Abbildung 6.2.1 „Sind Sie selbst aus Altersgründen oder wegen einer
Behinderung dauernd hilfebedürftig oder pflegebedürftig? (%)
Da in der Frageformulierung Hilfebedürftigkeit und Pflegebedürftigkeit gleichermaßen
thematisiert werden, ist hier zur Klarstellung auf wichtige Unterschiede zwischen „Hil-
fe“ und „Pflege“ hinzuweisen. Es handel t sich nicht nur um einen unter schiedlichen
„Schweregrad“ der Bedürftigkeit, sondern um qualitativ andersartige soziale Interakti-
onsbeziehungen. Bei der „Pflege“ gibt es einen unabweisbaren Bedarf, der von ir-
gendeiner helfenden Instanz befriedigt werden muss, wenn die bedürftige Person
nicht Schaden nehmen soll. Bei Hilfebeziehungen liegt demgegenüber nicht immer
Bedürftigkeit vor. Ältere Personen erhalten Hilfe vielleicht auch aus Liebe und Zunei-
gung, oder weil die Helfer sich verpflichtet fühlen oder sich einschmeicheln wollen
(vgl. Brandt 2009: 14ff.). Wenn man sie in Umfragen frag t, sehen sich die Menschen
dann nicht als hilfebedürftig an, obwohl sie vielleicht regelmäßig Hilfe erhalten.
MOBILITÄTSEINSCHRÄNKUNGEN UND HILFEBEDARF
Die im Alter zunehmenden Funktionseinbußen des Bewegungs- und Stützapparates,
die nachlassende Hör- und Sehfähigkeit, das Auftreten von Orientierungsschwierig-
keiten führen dazu, dass die Fähigkeit zur Mobilität eingeschränkt wird. Das betrifft
sowohl die Fähigkeit, bestimmte Verkehrsmittel zu benutzen (Auto, Fahrrad) als auch
Einbußen bei der Gehfähigkeit. Tabelle 6.2.1 zeigt, in welchem Ausmaß Frauen und
Männern in den verschiedenen Altersgruppen beim Gehen auf Hilfsmittel angewie-
sen sind. Die Durchschnittszahlen für alle Befragten sind hier wenig aussagekräftig,
114
denn bei den „jungen Alten“ gibt es solche Probleme praktisch nicht, aber bei den
über 80jährigen sind schon rd. 45% der Männer und 58% der Frauen darauf ange-
wiesen, beim Gehen Hilfen (Stöcke, Rollator, usw) zu benutzen. Für diese Menschen
wäre es sicher eine große Erleichterung, wenn das Wohnumfeld im Quartier mehr
Unterstützung bieten würde, also z.B. eine bessere Ausstattung mit Sitzgelegenhei-
ten zum „Verschnaufen“. Darüber hinaus ist an Dienstleistungen zu denken, die die
Mobilität der Betroffenen erhalten oder durch die Mobilität von Helfern substituieren.
Tabelle 6.2.1 Benutzung von H ilfsmitteln beim Gehen? (in%)
65-69 70-74 75-79 80+ Insg.
Gesamte Stichprobe
ja 3,6 9,9 20,2 58,2 20,1
Frauen
ja 1,6 11,4 30,4 66,1 26,1
Männer
ja 5,3 7,0 9,5 44,7 13,3
Ausgewählte mobilitätsunterstützenden Dienstleistungen wurden den Befragten zur
Burteilung vorgelegt, dabei ging es sowohl um die Mobilität im Alltag als auch um die
touristische Mobilität (vgl. Abb. 6.2.2). Insgesamt liegt das Interesse an diesen
Dienstleistungen auf recht niedrigem Niveau, und es unterteilt sich recht gleichmäßig
in einen kaufkräftigen Bedarf einerseits und einen Bedarf, der mangels Zahlungsfä-
higkeit (oder Zahlungsbereitschaft) durch kommerzielle Dienstleistungen nicht befrie-
digt werden kann, andererseits.
Abbildung 6.2.2 Dienstleistungsangebote, die man gern nutzen würde (in %)
115
Nicht weiter verwunderlich ist, dass die „jungen Alten“ eher an Dienstleistungen inte-
ressiert sind, die das Reisen erleichtern (Tierpflege bei Abwesenheit); die „alten Al-
ten“ dagegen eher an Dienstleistungen, die die eingeschränkte Funktionsfähigkeit bei
der Versorgung und bei notwendigen Gängen/Fahrten kompensieren. Besonders bei
den Hol- und Bringdiensten und bei der Personenbeförderung ist ein unbefriedigter
Bedarf erkennbar.
HILFEBEDARF BEI HAUSWIRTSCHAFTLICHEN TÄTIGKEITEN
Unterstützung bei hauswirtschaftlichen Tätigkeiten ist ein anderer Bereich, in dem
ältere Menschen Hilfe benötigen. Auch hier geht es allerdings z. T. um die Kompen-
sation von Mobilitätseinschränkungen. Wie Tab. 6.2.2 (und die Abb. 6.2.3 und 6.2.4)
zeigen ist der Hilfebedarf bei den „jungen Alten“ noch überschaubar. Er steigt in der
Gruppe der über 80jährigen dann aber sprunghaft an. In diesem Alter kann die
Mehrheit der Befragten die Erledigungen außer Haus nicht mehr ohne Hilfe bewälti-
gen. Bei den hauswirtschaftlichen Verpflichtungen, für die man die Wohnung nicht
verlassen muss, ist das Niveau des Hilfebedarfs in allen Altersgruppen deutlich ge-
ringer.
Abb. 6.2.3 Benötige Hilfen bei Erledigungen und Besorgungen
außer Haus (in %)
116
Tabelle 6.2.2 In welchen Bereichen wird Hilfe benötigt? (in%)
Abb. 6.2.4 Benötige Hilfe bei Haushaltsführung und Versorgung
Mahlzeiten und Getränken (in %)
Die Art der benötigten Unterstützung ist in den Abbildungen 6.2.5 und 6.2.6 näher
aufgeschlüsselt. Die Durchschnittswerte für alle Befragten sind in diesem Fall aussa-
gefähig, weil es durchaus auch bei den „jungen Alten“ Bedarf, man könnte auch sa-
gen „kaufkräftige Nachfrage“, bei vielen dieser haushaltsnahen Dienstleistungen gibt.
Andererseits gilt auch in diesem Bereich wieder die Regel, dass die Hochbetagten
hier am häufigsten Unterstützung benötigen. Da in der Frage gezielt nach haushalts-
nahen Dienstleistungen gefragt wurde, für die man zu zahlen bereit ist, ist der (je-
weils sehr kleine) Prozentsatz derjenigen, der mitteilt, dass die Dienstleistung ge-
braucht wird, aber nicht bezahlt werden kann, ein Indikator für ungelöste Probleme.
Möglicherweise sind diese haushaltsnahen Dienstleistungen ein lohnendes Betäti-
gungsfeld für nichtmonetäre nachbarschaftliche Hilfenetzwerke, Tauschringe oder
Freiwilligenarbeit.
65-69 70-74 75-79 80+ Insg.
Bei Besorgungen und Erledigungen außer Haus
ja 13,9 17,8 27,5 51,8 25,2
Bei Haushaltsführung, Versorgung mit Essen und Getränken
ja 7,2 12,4 14,7 33,9 15,6
117
Abbildung 6.2.5 Welche haushaltsnahen Dienstleistungen
werden benötigt? (in %) (Teil 1)
Abbildung 6.2.6 Welche haushaltsnahen Dienstleistungen
werden benötigt? (in %) (Teil 2)
ERHALTENE UNTERSTÜTZUNG
Welche Personen oder Institutionen können die Befragten um Hilfe bitten, wenn sie
solche brauchen? Bei kleineren Arbeiten, Besorgungen und Hilfen bei Krankheit ha-
ben – in allen Altersgruppen gleichermaßen – immerhin fast ein Viertel der Befragten
118
Niemanden, an den sie sich problemlos wenden könnten (vgl. Abb. 6.2.7). Das heißt
natürlich nicht, dass alle diese Haushalte unversorgt hilfebedürftig sind, denn ein Teil
davon ist auf solche Hilfe von außen auch gar nicht angewiesen, sondern kann sich
in den betreffenden Fällen auf die Hilfe des Partners oder der Partnerin verlassen.
Abbildung 6.2.7 Gibt es Personen außerhalb des Haushalts, an die
man sich wenden kann, wenn man Hilfe in Alltags-
dingen benötigt? (in %)
Schlüsselt man die Haushalte nach ihrer Größe auf, und ermittelt dann den Anteil der
Personen ohne Hilfe von außen (Tab. 6.2.3), wird erkennbar, dass die eigentliche
Problemgruppe die 17% der Einpersonenhaushalte sind, die Niemanden haben an
den sie sich problemlos wenden können.
Tabelle 6.2.3 Helfer(in) außerhalb des Haushalts vorhanden?
nach Personenzahl im Haushalt (in %)
1 Person 2 Personen 3 und mehr Insg.
ja 83,0 79,8 46,3 78,1
nein 17,0 20,2 53,7 21,9
135 362 41 538
Bei der Frage, wer am meisten in bestimmten Situationen hilft, ist es deshalb
zweckmäßig, Zweipersonenhaushalte und Alleinebende zu unterscheiden. Die Älte-
ren, die noch mit dem Partner/der Partnerin zusammen leben, sind nur zum ganz
geringen Prozentsatz auf Hilfen von außerhalb des Haushaltes angewiesen. Oft hel-
fen auch die Kinder. Nur wenn man mal eine Fahrgelegenheit benötigt springen
119
Nachbarn und Freunde ein (14%), oder bei schweren Haushaltsarbeiten beauftragt
man Professionelle (8%). Ganz anders ist die Situation bei den allein Lebenden (vgl.
Abb. 6.2.8).
Abbildung 6.2.8 Wer hilft Personen, die allein leben? (in %)
60 65
51
78
59 65 65 57 53
22 9
12
12
26 21 27
30 32
14
17
26
3 7 7 2
1 2
4 9 11 7 8 7 6 1412
0%
10%
20%
30%
40%
50%
60%
70%
80%
90%
100%
hand
werkliche Tät
igkei
t
leichte H
aus
arbei
t
schwere Haus
arbeit
Einkaufen
Fahrge
legen
he
it
Kran
kheit
Persön.
Rat
Tros
t, Aufmunter
ung
Einsamkeit
Kinder oder keine Hilfe nötig Freunde Nachbarn Profis niemand
Die mit Abstand wichtigsten Helfer sind hier die eigenen Kinder, aber deren Hilfeleis-
tungen können einen Partner/eine Partnerin im Haushalt nicht ausgleichen. Bei klei-
nen handwerklichen Arbeiten sind Alleinstehende auf Freunde und Nachbarn ange-
wiesen (23%), beauftragen Profis (13%) oder haben Niemanden (4%). Bei leichten
Tätigkeiten im Haushalt sind sie noch stärker auf Professionelle (16%) angewiesen,
oder haben eben keine Hilfe (9%). In allen Feldern gibt es einen nennenswerten Pro-
zentsatz von Alleinstehenden, die bislang ohne die benötigte Hilfe auskommen müs-
sen. Ob das ein Betätigungsfeld für Nachbarschaftshilfevereine oder Tauschringe
sein könnte, ist nicht ausgemacht, denn den größten nicht gedeckten Hilfebedarf gibt
im Bereich der schweren Hausarbeit und der emotionalen Unterstützung.
HILFEBEDARF BEI DER PFLEGE
Die dritte Stufe des Hilfebedarfs ist erreicht, wenn man selbst oder eine im Haushalt
lebende Person so hinfällig geworden ist, dass Unterstützung bei einfachen oder so-
gar schwierigen Pflegetätigkeiten notwendig wird. Solch einen Bedarf gibt es in
Wixhausen bei etwa 10% der Befragten, allerdings sagt dieser Durchschnittswert
120
wenig aus, denn bei Frauen wie bei Männern konzentriert sich der Hilfebedarf in der
Gruppe der Hochbetagten (vgl. Tab. 6.2.4). Vor allem handelt es sich bei diesen
noch in Privathaushalten lebenden Personen, um Menschen mit eher leichtem Pfle-
gebedarf (vgl. Tab. 6.2.5 und Abb. 6.2.9).
Tabelle 6.2.4 Altersbedingte Hilf s- oder Pflegebedürftigkeit? (in%)
65-69 70-74 75-79 80+ Insg.
Gesamte Stichprobe
ja 4,9 6,0 4,9 31,8 10,5
Frauen
ja 5,1 8,5 5,3 31,7 11,9
Männer
ja 4,8 2,3 4,4 30,2 8,1
Tabelle 6.2.5 In welchen Bereichen wird Hilfe benötigt? (in%)
65-69 70-74 75-79 80+ Insg.
Einfache Pflege: An- und Auskleiden, Waschen, Kämmen, Rasieren
ja 1,8 0,5 4,6 17,9 5,1
Schwierige Pflege: Umbetten, Toilette usw.
ja 1,2 0,5 1,8 6,3 2,1
Abbildung 6.2.9 Hilfe bei einfachen Pflegetätigkeiten erforderlich
Formell Leistungen aus der Pflegeversicherung erhalten 2,2% der Befragten, weitere
1,4% haben einen Antrag gestellt und bei 0,9% wurde ein Antrag zwar gestellt, aber
abgelehnt. Insgesamt sind also nach unseren Daten rund 5% der Befragten in dieser
121
prekären Situation. Ebenfalls in einer schwierigen Situation sind die pflegenden An-
gehörigen von an Demenz leidenden Menschen. Fragen, die sich an diese Gruppe
richten, haben 7,7% der Befragten beantwortet (45 Personen). Als Unterstützung
wünschen sich 18 Personen stundenweise Entlastung durch Helferkreise, 12 Perso-
nen wünschen sich Angebote von Betreuungsgruppen. Andere Angebote werden
weit weniger gewünscht.
EINRICHTUNGEN DER ALTENHILFE UND ALTENPFLEGE
Insgesamt wird die Infrastruktur der Altenhilfe im Stadtteil eher kritisch gesehen (vgl.
Abb. 6.2.9). Allerdings gilt für alle Einzelindikatoren, dass die Mehrzahl der Befragten
– wohl aus Unkenntnis – keine Einschätzungen abgeben konnte. Besonders gilt dies
für „Hilfsdienste“ und „ehrenamtliche Helfer“. In abgeschwächter Form auch für die
Beratungsstelle, ambulante Pflegedienste und Einrichtungen der Kurzzeitpflege.
Abbildung 6.2.9 Altenhilfe-Einrichtungen im Stadtteil
4 12
3 2 11
5
5
3 3 33
32 19
23 23
34 41
60 65 71 72
62 55
0%
10%
20%
30%
40%
50%
60%
70%
80%
90%
100%
Beratungsstelle
Amb
. Pfle
ge
HH-Hil
fsdienst
Eh
rena
mtl
. Hilfe
Kur
zzeitpfl
ege
Pflegehe
im
Weiß nicht /
Keine Angabe
fehlt und wird
vermisst
gibt es, schlecht
erreichbar
gibt es gut
erreichbar
122
Diejenigen, die ein Urteil abgeben, sind zumeist der Ansicht, dass es diese Angebote
nicht gibt und sie sie vermissen. Allein die Angebote der ambulanten Pflege werden
von einem beträchtlichen Teil der Befragten für gut erreichbar gehalten.
Da es im Stadtteil keine Einrichtung für die stationäre Pflege gibt, und der Bau eines
Pflegeheims immer wieder Thema der kommunalpolitischen Diskussion war, ist es
wenig verwunderlich, dass die Minderheit der Befragten, die sich zu diesem Thema
äußert, zu etwa 90% der Ansicht ist, dass ein solches Angebot fehlt. Dieser Anteil
liegt in allen Altersgruppen in etwa auf demselben Niveau. Dass bei Eintritt der Pfle-
gebedürftigkeit ein Umzug in einen anderen Stadtteil von Darmstadt notwendig wird,
sehen also fast alle, die sich für dieses Thema interessieren, nicht als die beste Lö-
sung an.
123
7. Zusammenfassung und Handlungsempfehlungen
Das Gesamtresümee zur Analyse der Situation der Generation 65plus im Stadtteil
Wixhausen fällt, wie nicht anders zu erwarten, zwiespältig aus. Einerseits gibt es Be-
funde, die darauf hindeuten, dass gute Chancen bestehen, im Ortsteil mit hoher Le-
bensqualität alt werden zu können. Andererseits gibt es kritische Punkte, die als Risi-
ken des Altwerdens in Wixhausen zu bezeic hnen sind. In diesen Punkten ist es sinn-
voll, Maßnahmen zu ergreifen, die die Qualität des Quartiers für ältere Menschen
verbessern und ein weniger problembeladenes Altern ermöglichen. Zu diesem Zweck
werden Handlungsempfehlungen formuliert, die sich aber meist nicht an einen be-
stimmten Akteur richten, sondern als Anregungen für die kommunalpolitische Dis-
kussion oder Selbsthilfe-Initiativen gemeint sind.
SOZIALSTRUKTUR UND WOHNEN
Zwei positive Aspekte der Lebenslage der älteren Generation im suburbanen Quar-
tier Wixhausen sind die materielle Lage und die Wohnsituation. Es gibt einen sehr
hohen Anteil (ca.75%) von Menschen, die im Eigentum leben. Im Allgemeinen ist
dadurch die finanzielle Belastung durch Wohnkosten im Alter geringer als bei Mie-
tern. Hinweise auf ein besonderes Altersarmuts-Problem im Stadtteil gibt es nicht.
Die Wohnungen und Häuser sind zudem im Durchschnitt sehr groß und zeitgemäß
ausgestattet. 14% verfügen darüber hinaus über einen weiteren „Wohnsitz“, den sie
als „zweites Zuhause“ bezeichnen. 95% sind mit der W ohnsituation zufrie den, und
92% wollen, solange es geht, in der derzeitigen Wohnung bleiben.
Die soziale Einbindung der älteren Generation ist überdurchschnittlich gut. Über zwei
Drittel leben noch mit dem Ehepartner/der Ehepartnerin zusammen, etwa 87% haben
ein oder mehrere Kinder, die häufig auch in gut erreichbarer Nähe wohnen. Nur 4%
finden, dass sie deutlich zu wenige Kontakte zu den Kindern haben. Besondere
Probleme mit dem Zusammenleben im Quartier gibt es offenbar nicht. 90% sind zu-
frieden mit der Nachbarschaft, und 82% sind zufrieden mit der Sicherheit im Stadtteil.
So wollen denn die meisten Befragten gern in Wixhausen alt werden.
Problematisch an der Wohnsituation ist, dass 75% der Be fragten Treppen und ande-
re Barrieren zu bewältigen haben, um die Räume nutzen zu können. Das birgt die
124
Gefahr, dass der Wunsch nach Verbleib im vertrauten Umfeld auch dann noch bei-
behalten wird, wenn die baulichen Verhältnisse die Lebensqualität mindern und die
selbstständige Lebensführung beeinträchtigen. Angesichts der ausgeprägten Ver-
bleibstendenz im Hinblick auf Wohnung und Quartier und angesichts der im höheren
Alter immer weiter zurück gehenden Bereitschaft zum Umzug sind deshalb Vorkeh-
rungen in zwei Richtungen zu treffen. Zum einen sollte frühzeitig dafür sensibilisiert
werden, welche baulic hen und technischen Anpassungen an der Wohnung (und der
engen Wohnumgebung) vorgenommen werden müssen, damit auch bei Behinderun-
gen der Verbleib möglich wird
37. Dazu müssten außerdem für den kleinen Kreis von
Personen, die nicht in funktionierende familiäre, freundschaftliche oder nachbar-
schaftliche Hilfenetzwerke eingebunden sind, hauswirtschaftliche Dienstleistungsan-
gebote verfügbar sein. Da in Zukunft die Kompetenzen der älteren Menschen im Be-
reich der Nutzung komplexer Computer- und Haustechnik erheblich ansteigen wer-
den, sind dabei auch verm ehrt technische Lösungen in Erwägung zu ziehen. Wenn
allein Lebende mit Hilfebedarf in großen Häusern, mit z. T. leer stehenden Zimmern
wohnen, gibt es zudem an Hochschulstandorten mit vielen Studierenden und ange-
spanntem Wohnungsmarkt (wie z. B. in Darmstadt) vielleicht auch Interesse an so-
zialen Innovationen wie dem Modell „mietfrei wohnen gegen Hilfe im Haushalt“.
Der zweite Lösungsansatz ist die Förderung des rechtzeitigen Umzugs in eine alten-
gerechte Wohnung – aber innerhalb des angestammten Quartiers. Für diese Strate-
gie des „Altwerdens in Wixhausen“ bietet der Stadtteil wenige Möglichkeiten, denn es
gibt kein Angebot an seniorengerechten Wohnformen, die von denen, die sich einen
Umzug vorstellen können, auch gewünscht werden. Hier ist es nahe liegend, mit po-
tentiellen Bauträgern und Ansprechpartnern der Wohnungswirtschaft Kontakt aufzu-
nehmen und die Realisierungschancen von Neu- oder Umbauten zu prüfen.
Für die Wohnform des klassischen Alten- und Pflegeheims gibt es unter den Befrag-
ten praktisch niemanden, der diese Art von Umzug für sich selbst plant. Andererseits
sind sehr viele Befragte der Meinung, dass es im Stadtteil eine solche Einrichtung
geben sollte.
37 Bei manchen Handlungsempfehlungen zur altengerechten Anpassung der Bausubstanz fragt man sich aller-
dings, ob sie ernst gemeint sind: „Eine altengerechte Einliegerwohnung kann in vielen Fällen auch durch die
Umnutzung einer Garage geschaffen werden.“ (Rosenbohm 2005: 123)
125
ANBINDUNG DES STADTTEILS UND MOBILITÄT
Sehr gute Bedingungen für das Altwerden im Stadtteil bietet dessen zentrale Lage in
der Metropolregion Rhein-Main. Sowohl für den motorisierten Individualverkehr wie
durch öffentliche Verkehrsmittel ist der Ortsteil gut erschlossen. Von hier erreicht
man schnell nicht nur die Angebote der Darmstädter City und der Darmstädter Ge-
werbegebiete, sondern in westlicher und nördlicher Richtung auch attraktive Gewer-
be- und Einzelhandelsstandorte von überregionaler Bedeutung sowie das Zentrum
der Metropolregion Frankfurt. Die Generation 65plus in Wixhausen ist auch gut ge-
rüstet, diese Angebote für Freizeit- und Einkaufszwecke zu nutzen. Über 80% der
Befragten haben ein Auto im Haushalt, von den über 80jährigen immerhin noch 54%.
In Zukunft werden diese Zahlen vermutlich weiter ansteigen, so dass noch mehr älte-
re Menschen am motorisierten Individualverkehr werden teilnehmen können. Um
diese Entwicklung umweltverträglich zu gestalten, gibt es großen Handlungsbedarf
auf gesamtwirtschaftlicher und gesamtgesellschaftlicher Ebene. Ob auch auf der lo-
kalen Ebene ein Beitrag geleistet werden kann, müsste geprüft werden. Beispiels-
weise bemängelt im Westteil des Quartiers eine Mehrheit der Befragten die Park-
platzsituation. Vielleicht müssten hier mehr Stellmöglichkeiten auf privaten Grundstü-
cken geschaffen werden. Den offenen Kommentaren ist auch zu entnehmen, dass es
einige unübersichtliche Kreuzungen sowie Ein- und Ausfahrten gibt, die vielleicht
durch zusätzliche Orientierungshilfen und Markierungen weniger riskant gestaltet
werden könnten.
Problematisch ist, dass die gute Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr zwar zu-
frieden zur Kenntnis aber kaum in Anspruch genommen wird. 70-80% der Befragten
nutzen Bus und S-Bahn nur wenige Male im Jahr. Angesichts der starken Präferenz
für den motorisierten Individualverkehr ist es wohl wenig realistisch, eine Änderung
der Situation durch eine kostenintensive Aufwertung des ÖPNV erreichen zu wollen.
Ein Teil der Befragten schlägt z. B. vor, die Taktzeiten der S-Bahn zu verdoppeln und
den Ortsteil direkt ans Darmstädter Straßenbahnnetz anzuschließen. Im ersten
Schritt sollte zunächst versucht werden, Nutzungs-Barrieren abzubauen, die Folge
der Unkenntnis und Ungeübtheit sind. Dazu k önnten Einführungsku rse der Ver-
kehrsbetriebe oder freiwillige ÖPNV-Lotsendienste organisiert werden.
126
NAHVERSORGUNG UND AUFENTHALTSQUALITÄT DES QUARTIERS
In einem Quartier gut alt werden zu können, heißt vor allem auch, sich dort in fußläu-
figer Distanz mit allem versorgen zu können, was man im Alltag benötigt. Dabei geht
es zum einen vor allem um den Einkauf für den täglichen Bedarf und die alltäglichen
Dienstleistungen wie Bank, Friseur, Gastronomie, Post usw. Zu diesen Punkten ist
der Befund sehr unterschiedlich, und hier gibt es wohl in Teilbereichen die größten
Probleme im Ortsteil. Relativ gut beurteilt wird die Zugänglichkeit der alltagsnahen
Dienstleistungen, demgegenüber werden die Einkaufsmöglichkeiten vor Ort als drin-
gend verbesserungsbedürftig eingeschätzt. Vor allem gibt es in dieser Frage eine
starke Kluft zwischen dem „alten Dorf“ westlich der Bahnlinie und den suburbanen
Stadterweiterungsgebieten im Ostteil des Quartiers. Das kleine Einkaufszentrum im
„Neubaugebiet“ gewährleistet nach Ansicht der Befragten im Großen und Ganzen die
Nahversorgung, weil es hier auch einen Supermarkt gibt. Im Westteil dagegen ist der
Großteil der einstmals vorhandenen Läden verschwunden, und es ist für gehbehin-
derte Menschen ohne Hilfe nur schwer möglich, z. B. Lebensmittel einzukaufen. Ob
die Neuansiedlung eines Discounters oder Supermarktes (wie von den Befragten
vielfach gewünscht) möglich ist, müsste geprüft werden. In jedem Fall ist es ratsam,
genauer zu ermitteln, wer im Ortsteil wegen Mobilitätseinschränkungen Schwierigkei-
ten hat, sich selbst zu versorgen und Hilfe benötigt. Hier könnten Hol- und
Bringdienste, Nachbarschaftshilfe oder mobile Verkaufsstellen kurzfristig Abhilfe
schaffen.
Im Zusammenhang mit den relativ langen Wegen zum Einkauf und zu den Dienstleis-
tungen zwischen West- und Ostteil, aber auch im Hinblick auf die Freizeitaktivität
„Spazierengehen“, werden häufig auch die Aufenthaltsmöglichkeiten auf den Straßen
und Wegen des Quartiers kritisiert. Es gibt zu wenige Sitzgelegenheiten im Ort und
erst recht außerhalb der geschlossenen Bebauung. Im „alten Dorf“ sind zudem die
Wege für Fußgänger stellenweise zu schmal, nicht barrierefrei und zugeparkt. Park-
artige Aufenthaltsräu me im Freien, eine Art „Ortsmittelpunkt“ und eine ei nladende
Gestaltung der Bahnunterführung werden gefordert. Ein Teil dieser Probleme wird
seit längerem in der lokalen Politik diskutiert. Im Hinblick auf die zusätzlichen Sitzge-
legenheiten ist eine Bestandsaufnahme nötig und eine Ergänzung auf den Wegstre-
cken mit erkennbaren Defiziten.
127
Der Raum des Fragebogens, der für zusätzliche Kommentare zur Verfügung stand,
wurde häufig benutzt, um auf das für die Beeinträchtigung der Lebensqualität (nicht
nur im Alter) zentrale Problem im Stadtteil hinzuweisen: den Fluglärm. Dieses Um-
weltproblem wurde in der vorliegenden Befragung nicht gesondert thematisiert, weil
ohnehin klar ist, dass mit einer Ausweitung des Flugverkehrs durch den Bau einer
zusätzlichen Landebahn am Frankfurter Flughafen und einer Ausweitung des Be-
triebs auf der Startbahn West erhebliche zusätzliche Belastungen auf den Stadtteil
zukommen. Dies wird insbesondere dann der Fall sein, wenn der Nachtflugbetrieb
ausgeweitet wird.
Vor dem Hintergrund der starken Fluglärmprobleme und des Verschwindens der
Nahversorgungsangebote, wird vielleicht verständlich, warum ein erheblicher Teil der
älteren Generation im Stadtteil (ganz besonders die Bewohner des „alten Dorfes“) die
Bestandsaufnahme zu den Vor- und Nachteilen des „Altwerdens in Wixhausen“ zum
Anlass nehmen, darüber Klage zu führen, dass der Ort sich – seit er zu Darmstadt
eingemeindet wurde – im Niedergang befinde. Die Wissenschaftsstadt Darmstadt sei
an der Entwicklung des kleinen, peripheren Stadtteils nicht mehr interessiert und set-
ze sich bei der Fluglärmbekämpfung nicht mit genügend Nachdruck für den Stadtteil
ein.
AKTIVITÄTEN UND FREIZEIT
Wie in anderen Repräsentativbefragungen zeigt sich auch in Wixhausen, dass die
große Mehrheit der Generation 65plus mit der Verwendung der Zeit weitgehend zu-
frieden ist. Weder gibt es Anzeichen für Langeweile oder Schwierigkeiten, mit der
Zeit etwas anzufangen, noch gibt es Hinweise auf „Rentnerstress“ oder Zeitnot. Mit
den hauswirtschaftlichen Aktivitäten, den fa miliären Kontakten, mit der Mediennut-
zung, mit persönlicher Pflege und mit ganz unterschiedlichen gezielten Freizeitaktivi-
täten wird die Zeit in einer Weise verbracht, wie sie für den moder nen Ruhes tand
typisch ist: entschleunigt und mit den Jahren immer häuslicher. Obenan rangieren
der Konsum von Printmedien und Fernsehen, Spaziergänge im Viertel und in der
Natur sowie soziale Kontakte zu Kindern, Enkeln und Freunden. Mit dem Einzug des
Internets in die Seniorenhaushalte wird die zentrale Rolle der Mediennutzung im Pri-
vaten vermutlich in Zukunft noch gestärkt werden.
128
Eine Minderheit von 41% ist darüber hinaus noch in Vereinen, Verbänden und Orga-
nisationen aktiv. Hauptsächlich handelt es sich um vereinsgebundene sportliche Ak-
tivitäten. Die jüngeren Befragen sind – wenig überraschend – hier aktiver als die älte-
ren, aber sie sind auch (zu etwa 30%) eher unzufrieden mit dem vorhandenen Ange-
bot. In diesem Bereich ist es also empfehlenswert, zusätzliche, möglicherweise neu-
artige Angebote auszuprobieren.
Eine kleine Minderheit von 23,8% der Befragten leistet noch Freiwilligenarbeit oder
ist in formellen Ehrenämtern aktiv. Die Männer üben solche Tätigkeiten häufiger und
länger aus als die Frauen. Die große Mehrheit der in diesem Feld nicht Aktiven ist an
solchen Tätigkeiten auch in Zukunft nicht interessiert. Allerdings gibt es bei den „jun-
gen Alten“ eine relativ große Gruppe von Aufgeschlossenen, die sich vielleicht durch
Mitmachangebote jenseits der etablierten St rukturen aktivieren ließe. Dieses Potenti-
al sollte ausgelotet werden.
Mit Art und Ausmaß der sozialen Kontakte sind die Befragten weitgehend zufrieden.
Negative Erfahrungen, also zu viele oder zu wenige Kontakte, berichten nur kleine
Minderheiten. So haben rd. 10% der Befragten „mehr als genug“ Kontakt zu ihren
Kindern und fühlen sich hier möglicherweise etwas überfordert. Dies ist ein normales
Risiko des Familienlebens und schafft keinen Handlungsbedarf. Auf der anderen Sei-
te haben fast 20% nicht ausreichend Gelegenheit, Kontakte zu pflegen, und es wün-
schen sich 13% mehr Kontakte im Rahmen der Freizeitgestaltung. Darüber hinaus
wünscht sich ein erheblicher Teil der Befragten eine (weitere) Seniorenbegegnungs-
stätte im Stadtteil. Vor allem für alleinstehende Frauen über 75 spielt der Senioren-
treff eine wichtige Rolle in der Freizeit. Beim Versuch, die Bedingungen des Altwer-
dens im Stadtteil zu verbessern, sollte die Einrichtung eines neuen Seniorentreffs
deswegen hohe Priorität haben.
GESUNDHEIT UND HILFEBEDARF
Die subjektive Gesundheitseinschätzung der Befragten ist besser als bei bundeswei-
ten Repräsentativbefragungen. Allerdings sind auch in Wixhausen rd. 20% der 75-
79jährigen und über 58% der 80jährigen und Älteren schon soweit eingeschränkt,
dass sie beim Gehen Hilfsmittel benutzen. Angesichts der problematischen Nahver-
sorgungssituation in Teilen des Stadtviertels bedeutet dies häufig, dass man auf Hilfe
129
bei Erledigungen und Besorgungen angewiesen ist. Von den Befragten im Alter von
80plus sagen dies 52%. Dieser Personenkreis benötigt auch zu 34% weitere Hilfen
bei der Haushaltsführung und der Mahlzeitenzubereitung. Dadurch, dass die meisten
Hilfsbedürftigen in familiäre oder außerfamiliäre Unterstützungsnetzwerke eingebun-
den sind, erhalten sie in der Regel die benötigte Hilfe auch. Ein kleiner Teil von –
meist allein lebenden – Menschen hat jedoch niemanden, an den er sich bei Hilfebe-
darf wenden kann. Hier sollte der Versuch gemacht werden, neue Formen von Hilfs-
angeboten (z. B. Kooperations- oder Tauschringe) zu schaffen und die bereits beste-
henden besser bekannt zu machen.
Bei der Analyse des Gesundheitszustands und des Hilfebedarfs der älteren Genera-
tion sind die Grenzen der Aussagefähigkeit dieser Befragung allerdings erreicht. Das
gewählte Design einer „Umfrage in Privathaushalten“ klammert gerade diejenigen mit
dem höchsten Grad an Beeinträchtigung und dem größten Hilfebedarf systematisch
aus. Außerdem war die Befragung nicht genügend darauf ausgerichtet, die Belas-
tungssituation von pflegenden Personen in Privathaushalten zu erfassen. Im Hinblick
auf ein zentrales Problem der gesellschaftlichen Alterung, die Versorgung der
Hochaltrigen mit schweren Einschränkungen, ist die vorliegende Umfrage deshalb –
auch für den Stadtteil Wixhausen – nur beschränkt aussagekräftig.
130
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Beratungsverlauf (2)
Orte (1)
- Ostendstraße
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Details
- Vorlagen-Nr.
- 2011/0029
- Typ
- Magistratsvorlage
- Datum
- 13.01.2011
- Erstellt
- 29.09.2026 00:00