V/0667/2023
Abschlussbericht zum Forschungsprojekt „Gedenken an die verfolgten Homosexuellen und vergessenen Opfergruppen der NS-Zeit sowie der Nachkriegsjahrzehnte“
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Anlage A
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Anlage A zur V/0667/2023 Kurzüberblick Bericht zum Abschluss des mit Ratsbeschluss v. 17.3.2021 initiierten Forschungsprojekts zu Schicksalen bisher „vergessener“ Verfolger in Münster während der NS-Zeit, zu deren fortwäh- render Diskriminierung in der Bundesrepublik und zur strafrechtlichen Verfolgung Homosexueller bis 1973. Ziele/Teilziele/Zielerreichung Der Bericht folgt den Zielen des Produktplans der beteiligten Ämter. Er dient der - Förderung der Gleichstellung von lesbischen, schwulen, bisexuellen, trans, inter und queeren Menschen in Münster, - der Erforschung, Dokumentation und Vermittlung der Stadtgeschichte, - dem Aufbau, der Pflege und Erschließung von Archivgut sowie - der Erforschung, Dokumentation und Vermittlung von Geschichte am authentischen Ort. Mit dem Bericht werden folgende Ziele umgesetzt: - Die Erforschung der Verfolgung während der NS-Zeit mit dem Fokus auf homosexuelle Menschen und sog. vergessene Opfergruppen (Sinti und Roma, Zeugen Jehovas, Eutha- nasie“-Opfer, Deserteure, „Asoziale“) in Münster. - Die Erforschung der strafrechtlichen Verfolgung homosexueller Männer sowie die fortwäh- rende soziale Ausgrenzung der anderen o.g. Verfolgtengruppen in der jungen Bundesre- publik. - Die Sicherung von Quellen der Emanzipations- und Bürger/innenrechtsbewegung von les- bischen, schwulen, bisexuellen, trans, inter und queeren Menschen in Münster. - Die Veröffentlichung didaktischer Materialien für die Einbindung der Verfolgtenschicksale in den schulischen Unterricht oder pädagogische Erinnerungsformate. - Sichtbarmachung von lesbischen, schwulen, bisexuellen, trans, inter und queeren Le- benswelten in Münster jährlich am 17.05. aus Anlass des an diesem Tag begangenen „In- ternationalen Tages gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transphobie“ (IDAHOBIT). Pflichtigkeitsgrad Die Maßnahme/Leistung ist vollständig pflichtig überwiegend pflichtig überwiegend freiwillig X vollständig freiwillig Unmittelbare, grundsätzliche Relevanz für Querschnittsthemen (Demographie, Gleichstellung, Inklusion, Klimaschutz, Migration) Der Bericht ist im Hinblick auf die Sichtbarmachung und Würdigung verfolgter Homosexueller während der NS-Zeit und der Opfer strafrechtlicher Verfolgung schwuler Männer in der jungen Bundesrepublik sowie im Hinblick auf die Sichtbarmachung von Lebenswelten von lesbischen, schwulen, bisexuellen, trans, inter und queeren Menschen in Münster relevant für die Gleichstel- lung von Menschen aller sexuellen und geschlechtlichen Identitäten. Die Anerkennung und Sicht- barmachung von Verfolgungsschicksalen aus marginalisierten gesellschaftlichen Teilgruppen und insbesondere von Menschen mit Behinderungen vor und nach 1945 ist relevant für die Inklusion.
Berichtsvorlage
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V/0667/2023 V/0667/2023 Öffentliche Berichtsvorlage Betrifft Abschlussbericht zum Forschungsprojekt „Gedenken an die verfolgten Homosexuellen und vergessenen Opfergruppen der NS-Zeit sowie der Nachkriegsjahrzehnte„ Beratungsfolge 23.11.2023 Kulturausschuss Bericht 23.11.2023 Ausschuss für Gleichstellung Bericht 29.11.2023 Integrationsrat Bericht Bericht: Ratsauftrag und Durchführung Am 17. März 2021 beschloss der Rat der Stadt Münster unter anderem auf Grundlage verschiedener Anträge (z.B. Antrag A -R/0072/2018), die Diskriminierung, Stigmatisierung, Verfolgung und Ermor- dung von Homosexuellen und LSBTIQ* -Menschen sowie we iterer „vergessener Opfer“ des NS - Regimes (1933 -45) – Sinti und Roma, Zeugen Jehovas, „Euthanasie“ -Opfer, Deserteure und als „Asoziale“ bezeichnete Personen – sowie deren anhaltende (strafrechtliche) Verfolgung bis in die 1970er Jahre historisch zu erforschen und aufzuarbeiten. Die Ergebnisse dieser Forschungen sollten in „zeitgemäßen“ Gedenkformaten sowie in der historisch -politischen Bildungsarbeit dargestellt wer- den. Ab Oktober 2021 nahm Timo Nahler als wissenschaftlicher Projektmitarbeiter breit angelegte Recher- chen vor allem in den Beständen des Stadtarchivs Münster, im Landesarchiv NRW, im Archiv des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe und in den Arolsen Archives (ehemals ITS) vor. Zu einzelnen Fällen nahm er weiterführende und tiefergehende Recherchen in einer Vielzahl regionaler und über- regionaler Kommunal- und Landesarchive vor, im Bundesarchiv (z.B. Abt. Militärarchiv, Abt. Perso- nenbezogene Auskünfte) sowie in den Sammlungen von Gedenkstätten (z.B. in Ravensbrück, Neu- engamme oder Hadamar) und Doku mentationszentren. Dabei stand er in engem fachlichen Aus- tausch mit den Mitarbeitenden der jeweiligen Institutionen sowie mit Historiker*innen in ähnlichen Forschungs-, Gedenk- und Ausstellungsprojekten (u.a. in Köln, Mainz, Hamburg, Erlangen, Flossen- bürg). Über den fortwährenden Austausch mit städtischen (z.B. Villa ten Hompel) und zivilgesell- schaftlichen Protagonist*innen (z.B. Verein Spuren finden e.V.) war das Forschungsprojekt in Müns- ters Gedenklandschaft verankert. Das Forschungsprojekt wurde von einem Fachbeirat begleitet, be- stehend aus Prof. Dr. Mechtild Black -Veldtrup (Leiterin der Abt. Westfalen des Landesarchivs NRW und Vorsitzende der Historischen Kommission für Westfalen), Dr. Julia Paulus und Dr. Christoph Lor- Stadtarchiv 10.11.2023 Ihr/e Ansprechpartner/in: Herr Dr. Erdmann Telefon: 492-4702 Erdmann@stadt- muenster.de - 2 - V/0667/2023 ke (beide LWL -Institut für westfälische Regionalgeschichte) sowie Norman Devantier (Vorsitzender des KCM Schwulenzentrums Münster e.V.). Über Pressemeldungen, Social Media Posts und schließ- lich auch über eine Plakat - und Flyeraktion wurde persönlicher Zugang zu Betroffenen bzw. ihren Hinterbliebenen und Nachfahren gesucht. Mit der Übernahme des Bestands „Rosa Geschichte“ verschiedener queerer Vereine im Rahmen die- ses Projektes wird ein einzigartiger Sammlungsbestand zur queeren (Emanzipations -) Geschichte Münsters zukünftig im Stadtarchiv fachgerecht archiviert und für Forsc hungs- wie Erinnerungsarbeit zugänglich gemacht. Gemeinsam mit dem LWL-Institut für westfälische Regionalgeschichte und Stu- dierenden der Universität Münster entstand in diesem Zusammenhang unter Leitung von Dr. Claudia Kemper und Dr. Julia Paulus eine Wanderausstellung zur schwullesbischen Geschichte Münsters seit den 1970er Jahren, die aktuell u.a. in Schulen Münsters gezeigt wird und online verfügbar ist: https://queer-muenster.de/. Die ursprünglich auf ein Jahr befristete Stelle wurde angesichts der bereits nach kurzer Zeit unerwar- tet hohen Zahl ermittelter, bisher unbekannter Opfer mit Ratsbeschluss vom 14.6.2022 (V/0315/2022/1) um ein Jahr bis Ende 2023 verlängert. Somit konnten gründliche Recherchen zu allen im Ratsbeschluss des Jahres 2021 genannten Verfolgtengruppen, eine angemessene Doku- mentation der Forschungsergebnisse sowie die Entwicklung und Umsetzung verschiedener zielgrup- penspezifischer Vermittlungsformate sichergestellt werden. Zudem ermöglichte die Projektverlänge- rung die Anbahnung von Kontakten zu den Nachkommen von NS-Verfolgten. Eine weitere Verlängerung wäre inhaltlich sinnvoll gewesen, ließ sich aber durch drittmittelfinanzierte Projektanträge nicht realisieren. Förderbedingungen von potenziellen Drittmittelgebern (konkrete Ver- suche bei Landesministerien, der Landeszentrale für politische Bildung, Wissenschafts- und Kulturstif- tungen z.T. in Kooperation mit dem LWL-Institut für Westfälische Regionalgeschichte, weiteren Archi- ven und/oder dem Geschichtsort Villa ten Hompel) schlossen die F ortsetzung bereits begonnener Projekte aus, forderten einen Münster verlassenden Untersuchungsraum oder stellten nur Sachkos- tenzuschüsse in Aussicht. Zusammenfassung der Forschungsergebnisse Formen eines individualisierten öffentlichen Gedenkens existierten in Münster zum Zeitpunkt des Pro- jektstarts im Oktober 2021 für insgesamt 36 Personen: Stolpersteine erinnern an ein homosexuelles NS-Opfer (Fritz Robert Ripperger), 22 Sinti* und Roma* (16 alleine für Angehörige der Familie Wag- ner), zehn Opfer der NS -Patient*innenverfolgung und einen ermordeten Zeugen Jehovas (Hermann Beverburg). An einen weiteren Zeugen Jehovas und Kriegsdienstverweigerer (Wilhelm Kusserow) erinnert eine Gedenktafel. Eine Installation erinnert seit den Skulpturprojekten 2007 an ein Opfer der nationalsozialistischen Zwangssterilisierungen (Paul Wulf). Keine Formen individualisierten öffentli- chen Gedenkens existieren für die Verfolgtengruppen der sogenannten Asozialen und Berufsverbre- cher sowie für Deserteure. Im Rahmen des Projekts wurden nun alle neu ermittelten Fälle zumindest mit biografischen Grundin- formationen dokumentiert, die einen über Meldeunterlagen und/oder Personenstandsregister (Geburt, Eheschließung(en), Todesfall) belegten Münsterbezug aufwiesen, und zwar ausgehend von den heu- tigen Stadtgrenzen. Bei Personen, die als Homosexuelle verfolgt wurden, galt zudem die Einschrän- kung, dass nur solche Fälle dokumentiert wurden, die nicht in Tateinheit stehen mit auch heute noch strafbaren Delikten, wie dem sexuellen Missbrauch von Schutzbefohlenen und Kindern. In gut zweijähriger Forschungstätigkeit (Oktober 2021 bis Dezember 2023) wurden für die verschie- denen „vergessenen“ NS -Verfolgtengruppen folgende bisher unbe kannte Fallzahlen ermittelt: 31 Männer, die zwischen 1933 und 1945 a uf Grundlage von §§ 175, 175 a verfolgt wurden, 68 Sinti* und Roma*, 141 Opfer der NS-Euthanasie, 29 Zeugen Jehovas, 43 Personen, die als „Asoziale“ oder „Berufsverbrecher“ verfolgt wurden sowie fünf Deserteure. Außerdem wurden mindestens zwischen 400 und 500 Münsteraner*innen zwangssterilisiert, von denen knapp 350 namentlich identifiziert wer- den konnten. - 3 - V/0667/2023 Lässt man die Fälle von Zwangssterilisierungen außen vor, so stieg im Rahmen des Forschungspro- jekts die Zahl namentlich bekannter „vergessener“ NS -Verfolgter von 36 auf 352 (211 wurden dem männlichen Geschlecht zugeordnet, 141 dem weiblichen). Zur strafrechtlichen Verfolgung homosexueller Männer in der Bundesrepublik (1945-64) wurden fer- ner 103 Fälle dokumentiert. Sofern die vorliegenden Basisinformationen genügend Anknüpfungspunkte für eine detaillierte Dar- stellung des jeweiligen Lebensweges und der Verfolgung boten, wurden weiterführende Recherchen durchgeführt. Eine umfangreiche Quellensammlung zu einer Vielzahl von Einzelschicksalen wurde zusammengetragen und wird auf verschiedenen Wegen veröffentlicht. Gedenkformate Um die Forschungsergebnisse dauerhaft sichtbar und für weitere Nutzungen verfügbar zu machen, wurden mehrere Formate entwickelt: - Ein Internetauftritt: Anhand von insgesamt 12 illustrierten Einzelbiografien werden Verfol- gungserfahrungen von Angehörigen der verschiedenen „vergessenen“ Verfolgtengruppen exemplarisch dargestellt: www.stadt-muenster.de/vergessene-verfolgte. - Eine didaktische Handreichung in der Reihe „Forschen und Lernen“ des Stadtarchivs, die Schulen und anerkannten Bildungsträgern aus Münster kostenlos zur Verfügung gestellt wird: Eine mit möglichen Arbeitsaufträgen versehene Zusammenstellung ausgesuchter Quellen zu individuellen Verfolgungserfahrungen bietet Lehrkräften eine Grundlage, die Themen „Verges- sene“ NS-Opfer, Umgang mit „vergessenen“ NS-Opfern in der frühen Bundesrepublik und heutiger Umgang mit sozialen Außenseitern und Randgruppen im Geschichtsunterricht zu be- handeln. - Ein wissenschaftlicher Forschungsbericht skizziert Recherchestrategien und relevante Quel- lenbestände zu „vergessenen“ NS-Verfolgten aus Münster und liefert somit Anknüpfungspunk- te für weiterführende Forschungen. Darüber hinaus steht das Stadtarchiv in Austausch mit dem Geschichtsort Villa ten Hompel sow ie dem Amt für Gleichstellung, damit die Forschungsergebnisse in der erinnerungskulturellen Arbeit der Einrichtungen Berücksichtigung finden. Konkret hat die Villa ten Hompel einen Thementag „ Ausge- grenzt und verfolgt: Lebensgeschichten vor und nach 1945 “ für Schulgruppen entwickelt, der inzwi- schen durch geschulte Teamende regelmäßig durchgeführt wird. Teil des Beschlusses war darüber hinaus, dass die Stadt Münster den Internationalen Tag gegen Homo-, Bi -, Inter- und Transphobie (IDAHOBIT) in der Stadtgesel lschaft verankert und so deutlich macht, dass lesbische, schwule, bisexuelle, trans*, inter* und queere Menschen ein selbstverständli- cher Teil der Stadtgesellschaft sind. Dazu findet auf Einladung des Amts für Gleichstellung regelmä- ßig am 17. Mai das Hisse n der Regenbogenflagge am Stadtweinhaus im Beisein des Oberbürger- meisters und mit Beteiligung von Vertreter*innen der LSBTIQ* Community statt. i. V. gez. Cornelia Wilkens Stadträtin Anlagen: Anlage A
Beratungsverlauf (3)
Beschluss: zur Kenntnis genommen
Zur SitzungBeschluss: zur Kenntnis genommen
Zur SitzungDetails
- Aktenzeichen
- V/0667/2023
- Typ
- Vorlagen
- Datum
- 08.11.2023
- Erstellt
- 02.11.2023 15:23