1057/2023
Mitteilung zur Bürgereingabe nach § 24 GO NRW - "Schutz unserer Kinder", AZ.: 192/22
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Anlage 2 Antwortschreiben
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Die Ämter und Dienststellen der Stadtverwaltung finden Sie unter www.stadt-koeln.de. Fragen zu den Dienstleistungen der Stadt Köln beantwortet Ihnen montags - freitags von 7 - 18 Uhr das Bürgertelefon unter der einheitlichen Behördenrufnummer 115 oder 0221/221-0 / 2 Stadt Köln, 02-1-4, 50605 Köln Bürgeramt Innenstadt Anregungen und Beschwerden an Rat und Bezirksvertretungen Bezirksrathaus Innenstadt Ludwigstraße 8, 50667 Köln www.stadt.koeln Auskunft Frau Shepperson, Zimmer 507 T: 0221 221-22072, F: 0221 221-6569933 geschaeftsstelle-anregungen-beschwerden@stadt- koeln.de Sprechzeiten Montag bis Freitag : 08.00 bis 12.00 Uhr und nach Vereinbarung Ihr Schreiben Mein Zeichen Datum 192/23 27.02.2023 Bürgereingabe nach § 24 GO– „Schutz unserer Kinder“ Aktenzeichen 192/22 B Sehr geehrter, vielen Dank für Ihr Schreiben vom 10. November 2022. Sie schlagen vor, an allen Spielplätzen, Schulen und Kindertageseinrichtungen in Köln-Sülz Messungen der Stickstoffdioxid- und Feinstaubwerte vorzunehmen. Werden die von der WHO in 2021 empfohlenen Grenzwerte überschritten, so sollen die Straßen für den motorisierten, dieselbetriebenen Verkehr gesperrt werden. Ihr Schreiben wurde durch mehrere Fachämter geprüft. Grundsätzlich wird ein Kon- zept, das die Luftwerte im gesamten Stadtgebiet inklusive der Spiel- und Aktionsflä- chen für Kinder und Jugendliche verbessern soll, begrüßt. Die Überwachung der Luftqualität in Köln erfolgt durch das Landesamt für Natur, Um- welt und Verbraucherschutz NRW (LANUV NRW). Auf Kölner Stadtgebiet wird die Luftqualität mit insgesamt 16 Passivsammlern und vier kontinuierlich betriebenen Messstationen überwacht. Damit liegt eine gute Kenntnis der Luftqualität im Stadtge- biet vor. Um Luftimmissionen fernab der Messstellen zu bewerten, werden außerdem Luftschadstoffmodellierungen vorgenommen, Aktuell werden die Grenzwerte für die Luftschadstoffe NO2, PM10 und PM 2,5 deut- lich eingehalten. Seit mehreren Jahren ist eine kontinuierliche Abnahme der Luft- schadstoffbelastung festzustellen. Ein Vergleich mit den Empfehlungen der WHO ergibt, dass die strengen Luftqualitätsleitziele und die empfohlenen Zwischenziele, teilweise heute schon an stark belasteten Straßenabschnitten eingehalten werden. Dies zeigt die folgende Grafik am Beispiel von Feinstaub (PM10): - 2 - / 3 Die Messung von Ultrafeinstaub wird derzeit vorwiegend aus wissenschaftlichem Inte- resse in Begleitung von Forschungseinrichtungen und Landesumweltämtern betrie- ben. Aufgrund fehlender gesetzlicher Grundlagen existiert derzeit kein Vergleichswert, der eine Beurteilung der durch eine neue, eigene Messstation gewonnenen Daten er- möglichen würde. Für die Einrichtung und jährliche Analytik einer solchen Dauermess- station müssten ca. 200.000,- Euro für Anschaffung, Wartung und laufende Kosten veranschlagt werden. Die zusätzliche Errichtung von Luftmessgeräten für Stickstoffdi- oxid sowie Feinstaub PM 2,5 und PM 10 im straßenseitigen Außenbereich von Spiel- plätzen, Schulen und Kitas in Köln-Sülz bedeutet somit einen nicht leistbaren finanzi- ellen und auch organisatorischen Aufwand. Inwieweit die WHO-Empfehlungen in EU-Recht und in die Bundesgesetzgebung auf- genommen werden, kann noch nicht abgesehen werden und bleibt abzuwarten. Der Verwaltung liegen daher keine Hinweise vor, welche die Forderung zusätzlicher Mess- punkte gegenüber dem Land rechtfertigen würden. Aufgrund der fehlenden Aussagekraft und der Kosten beabsichtigt die Umweltverwal- tung nicht, neben dem Messnetz des Landes, ein städtisches Messnetz oder eine Dauermessstelle für Luftschadstoffe einzurichten. Die Messwerte des LANUV NRW können über den folgenden Link eingesehen wer- den: https://www.lanuv.nrw.de/umwelt/luft/immissionen/berichte-und-trends Für die Forderung „bei einer dreitägigen Mittelwertüberschreitung der Grenzwerte nach WHO-Empfehlung 2021, die jeweils angrenzenden Straßenbereiche für den die- selbetriebenen Pkw-Verkehr direkt zu sperren“ existiert keinerlei Rechtsgrundlage. - 3 - Das Amt für Kinder, Jugend und Familie und das Amt für Verkehrsmanagement haben sich auch mit Ihrer Anregung befasst und teilen mit, dass Luftwerte gesamtstädtisch zu sehen sind - im gesamten Stadtgebiet leben Kinder und halten sich dort auf. Das Sperren von Straßen hat zur Folge, dass längere Wege gefahren werden müssen und Staus, bei dem ohnehin schon großen Verkehrsaufkommen, entstehen. Hierdurch wiederum werden erhebliche Mehrabgase freigegeben, die sich auf das gesamte Stadtgebiet auswirken. Es würde lediglich eine Verlagerung passieren, jedoch nicht eine Verbesserung. Zudem wäre bei Sperrungen der Öffentliche Personennahverkehr (Busse und Bah- nen) betroffen, so dass gegebenenfalls auch dieser eingestellt werden würde. Dadurch wären einige Personen gezwungen anstatt des Öffentlichen Personennah- verkehrs wieder den privaten Pkw zu nutzen. Ich hoffe, dass ich Ihnen mit diesen Informationen weiterhelfen konnte. Sollten Sie noch Fragen haben, können Sie sich gerne direkt an das Umwelt- und Verbraucher- schutzamt, Herrn Hartwig unter Telefonnummer: 0221-221/22749 oder per E-Mail: umwelt-verbraucherschutz@stadt-koeln.de wenden. Die Bezirksvertretung Lindenthal erhält eine Mitteilung Ihrer Bürgereingabe sowie die- ses Antwortschreiben. Sollten Sie eine Beratung der Angelegenheit in der Bezirksvertretung Lindenthal wün- schen, teilen Sie dies bitte der Geschäftsstelle für Anregungen und Beschwerden an Rat und Bezirksvertretungen, geschaeftsstelle-anregungen-beschwerden@stadt- koeln.de mit. Mit freundlichen Grüßen Im Auftrag gez. Dr. Ulrich Höver
Mitteilung BV
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Dezernat, Dienststelle I/02/02-1 Vorlagen-Nummer 1057/2023 Mitteilung öffentlicher Teil Gremium Datum Bezirksvertretung 3 (Lindenthal) 08.05.2023 Mitteilung zur Bürgereingabe nach § 24 GO NRW - "Schutz unserer Kinder", AZ.: 192/22 Die Bürgereingabe und das Antwortschreiben werden der Bezirksvertretung Lindenthal hiermit zur Kenntnis gegeben. gez. Dr. Ulrich Höver
Anlage 1 Eingabe
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Anregung nach 824 GO NRW - Schutz unserer Kinder 10.11.2022 Sehr geehrte Frau Bezirksbürgermeisterin Weitekamp, sehr geehrte Damen und Herren in der Bezirksvertretung Lindenthal, Kinder sind die zukünftigen Erwachsenen von morgen, Schädigungen ihrer in Wachstum und Reifung befindlichen Organe können teilweise zeitlebens nicht mehr wettgemacht werden. Diese Aussagen gelten in Kenntnis zahlreicher Untersuchungen in den vergangenen Jahren, viele davon sind in der WHO-Publikation „Luftverschmutzung und Kindergesundheit“ vom Oktober 2018 (!) erfasst und damit seit Jahren bekannt. Studien mit Kindern belegen z.B., dass schon NO2-Konzentration größer 20 ug/m? in der Außenluft zu vermehrten Hospitalisierungen wegen schweren unteren Atemwegsinfektionen führen, die Folgeerkrankungen der Lunge und Atemwege verursachen. Zudem erhöht die Exposition mit Luftschadstoffen das Risiko von Kindern, Asthma zu entwickeln. Leider orientieren sich die gesetzlichen Richtwerte noch immer an veralteten Werten (siehe Anlage 1), welche die Gesundheit aller (jungen) Kölner:innen gefährden. Natürlich hätte jede Kommune schon seit Jahren die Möglichkeit aktiver gegen diese bekannte Gesundheitsgefährdung unserer Kinder vorzugehen, aber wir wissen ja, wie das läuft, da wird nur das Notwendigste und nicht das Sinnvollste unternommen. Da ich der festen Überzeugung bin, dass wenigstens für die Bezirksvertretung Lindenthal die Gesundheit ihrer (jungen) Bürger:innen oberste Priorität besitzt, rege ich daher an: Die Bezirksvertretung Lindenthal möge beschließen, dass im ersten Schritt alle Spielplätze, Schulen und Kitas in Köln-Sülz zeitnah mit Messgeräten für Stickstoffdioxid sowie Feinstaub PM 2,5 und PM 10 im straßenseitigen Außenbereich ausgestattet werden und bei einer dreitägigen Mittelwert- Überschreitung der Grenzwerte nach WHO-Empfehlung 2021, die jeweils angrenzenden Straßenbereiche für den dieselbetriebenen Pkw-Verkehr direkt gesperrt werden. Eine Aufhebung der Sperrung kann wieder erfolgen, wenn der dreitägige Mittelwert die Grenzwerte nach WHO- Empfehlung 2021 unterschritten ist. Die Gesundheit der Kinder (aber auch aller Bürger:innen) bedankt sich für ihre weise Beschlussfindung. Zwei allgemein verständliche Fachartikel zur Problemstellung füge ich der Anregung noch an. Mit freundlichen Grüßen Anlage 1 Neue WHO Leitlinien (Jahresmittel-Werte) Luftschadstoff WHO 2005 WHO 2021 EU-Grenzwert Stickstoffdioxid 40 ug/m? 10 ug/m? 40 ug/m? PM2,5 10 ug/m? 5 ug/m? 25 ug/m® PM1O 20 ug/m? 15 ug/m? 40 ug/m? Pädiatrische Allergologie » 04/2018 » Weitere Themen 37 UMWELTMEDIZIN Feine und ultrafeine Stäube beeinflussen wesentlich die Kindergesundheit (Teil 1) Thomas Lob-Corzilius, Osnabrück In der von unterschiedlichen Medien rezipierten Pressemitteilung der GPA vom Mai 2017 (‚Kinderärzte und Umweltmediziner fordern strikte Einhaltung der EU-Grenzwerte für Feinstaub und Stickoxid“ [2]) wurde v. a. auf die Bedeutung der verkehrshedingten Emissionen für die Kindergesundheit verwiesen. Dieser Artikel befasst sich nun ausführlicher mit den physikochemischen und (patho-)physiologi- schen Grundlagen der Feinstäube und ultrafeinen Partikel. Er lenkt ferner die Aufmerksamkeit auf andere Feinstaubquellen wie Ammoni- ak, aber auch Silvesterfeuerwerke, die ebenfalls einen bedeutsamen Beitrag zur Luftschadstoffbelastung national, aber auch europaweit leisten. In der kommenden Ausgabe sollen dann die gesundheitlichen Auswirkungen sowie weitere, sinnvolle Minimierungsstrategien diskutiert werden. Was ist Feinstaub? Feinstaub besteht aus einem komple- xen Gemisch fester und flüssiger Parti- kel unterschiedlicher Größe und Stoffe. Feinstaub ist ubiquitär verbreitet und hat teilweise natürliche Quellen wie Pol- len, Insektenbestandteile, Mineralien und aufgewirbelten Sand, z.B. aus der Landwirtschaft, aber auch aus Wüsten Abbildung 1.3 adınaclie schiedlichen Quellen ländlicher Hintergrund städtisch verkehrsnah \ städtischer Hintergrund BE stammend. Andere Anteile kommen aus Verbrennungsprozessen und Transport in Verkehr, Industrie und Haushalt wie Ruß, Reifen- und Bremsabrieb, Metalle und Salze. Entstehen die Partikel durch gasförmige Vorläufersubstanzen wie z.B. dem Am- moniak, werden sie als sekundäre Fein- stäube bezeichnet. Mehr als zwei Drittel : lausunter- mit frdl. Genehmigung des Umweltbundesamts, modifiziert nach [3] D aller Feinstäube sind sekundärer Natur. Landwirtschaftliiche Emissionen ma- chen mit ca. 40% den höchsten relativen Anteil an der Feinstaubbelastung aus. Dies wird im Jahresmittel als sog. Hinter- grundbelastung bezeichnet (Abb. 1). In wissenschaftlichen Publikationen werden Feinstäube unterteilt in: ! Lungengängige Stäube mit einer Grö- Be bis zu 10 um (PM 10), entsprechend der Größe einer Zelle; sie werden als Feinstäube bezeichnet, I Partikel bis zu 2,5 um (PM 2,5), ent- sprechend der Größe eines Bakte- riums, werden als Feinststäube be- zeichnet. Feinststäube können bis in die terminalen Bronchien und Alveolen inhaliert werden. I Schließlich werden noch die ultrafei- nen Partikel (UFP) mit einer Größe bis zu 0,1 um (PM 0,1) unterschieden; dies entspricht in etwa der Größe von Viren oder noch kleiner. Die UFP's werden über das alveolokapilläre Interstitium in die Blutbahn aufgenommen, über den Kreislauf verteilt und können somit systemisch wirksam werden. Möglicherweise sind sie auch in der Lage, die Blut-Hirn-Schranke zu über- winden. 38 Pädiatrische Allergologie » 04/2018 » Weitere Themen Grenzwerte und Mess- verfahren Zum Schutz der menschlichen Gesund- heit gelten seit dem 1. Januar 2005 für die europäische Union für die Feinstaub- fraktion bis PM 10 ein Tagesgrenzwert von 50 uıg/m?, der nicht öfter als 35-mal im Jahr überschritten werden darf sowie ein zulässiger Jahresmittelwert von 40 g/m®. Für die noch kleineren Partikel PM 2,5 ist seit 1. Januar 2015 ein Zielwert von 25 ug/m? im Jahresmittel verbind- lich einzuhalten, ab dem 1. Januar 2020 dürfen die PM 2,5-Jahresmittelwerte den Wert von 20 ug/m? nicht mehr über- schreiten. Die von der WHO schon seit Jahren emp- fohlenen Richtwerte liegen mit 20 g/m? für PM 10 und mit 10 ug/m? für PM 2,5 nur bei der Hälfte der Grenzwerte der eu- ropäischen Union! Gemessen wird das Gewicht auf Filtern bezogen auf die Partikelgröße pro m? Luft. Gegenüber 10 um Partikeln sind bei gleichem Gewicht >50-mal mehr Teil- chen mit einer Größe von 2,5 um in der Luft pro m®, von den ultrafeinen Partikeln (PM 0,1) sind sogar 10.000-mal mehr. Entscheidend ist aber deren reaktive Oberfläche, an die eine Vielzahl toxischer und auch karzinogener Substanzen wie die Polyzyklischen Aromate (PAK: Ben- zol, Phenol etc.) andocken und damit in den Körper gelangen können. Primäre UFP's haben eine kurze Lebensdauer (Minuten bis Stunden) und bilden über Koagulations- und/oder Kondensations- reaktionen rasch größere, komplexe Ag- gregate bis etwa 1 tm. Sie befinden sich im Allgemeinen in frischen Emissionen aus Verbrennungsprozessen wie Kraft- fahrzeugabgasen und photochemischen Reaktionen in der Luft [5]. Stickoxide, Feinstaub und UFP Die wachsende Bedeutung von Feinstaub und UFP's im Gemisch verkehrsabhängi- Vergleichsmessungen NOx Dresden Schlesischer Platz (29.01.-05.02.2007) 30.000 ——— — 350 |] — UFP 20-500 nm 25.000. | Nox 300 % | © 20000. — —— " 5 | 5 |* | 200 9 E 15.000 S | 1 S | 150 =, Se | ° 5. 10.000 - E | 0 = & 5.000 150 ea u ED. ann Mo. Di. Mi. Do. Fr. Sa. So. Mo. 29.01 30.01 31.01 01.02 02.02 03.02 04.02 05.02 maszen Freistaat 5 Sachsen a ern le Süchsisches Landesamt für Umwelt und Geologie mit frdl. Genehmigung von Dr. Holger Gerwig, jetzt beim Umweltbundesamt. ger Luftschadstoffe wird auch durch die aktuelle Diskussion um die gesundheit- lichen Wirkungen von Stickoxiden (NO;) deutlich. Wissenschaftlich wird intensiv die Frage diskutiert, inwieweit diese dem NO, als Gas alleine zuzuschreiben sind oder ob NO, nicht vielmehr als gut mess- barer und wesentlicher Indikator für ein Gemisch verkehrsabhängiger Luftschad- stoffe, wie ultrafeine Partikel, Ruß (ele- mentarer Kohlenstoff), PAK etc. dient. Illustriert wird diese Hypothese z.B. durch Luftschadstoffmessungen, die im Rahmen des UFIPOLNET-Projekts mit dem Ziel einer Dauermessung von Ultra- feinstaubpartikel-Größenverteilungen in Dresden erfolgten [6] (Abb. 2). In der Gra- fik wird eine gute Korrelation zwischen Stickoxiden (NO,) und der Anzahl ultra- feiner und feiner Partikel für eine Mes- sung über 8 Tage im Jahr 2007 gezeigt. Interpretierbar ist sie nur bei gleicher Belastungsquelle (hier der Kraftfahr- zeugverkehr). Mit Einführung der Diesel- partikelfilter in den letzten 10 Jahren hat sich dieses Verhältnis geändert. Dazu gibt es aber bisher keine Folgeuntersu- chungen. Im Februar 2018 hat das Umweltbundes- amt einen ausführlichen Abschlussbe- richt zur „Quantifizierung von umweltbe- dingten Krankheitslasten aufgrund der Stickstoffdioxid-Exposition in Deutsch- land“ [7] vorgelegt. In der dazu erschie- nenen Pressemitteilung wird dargelegt, dass sich „für das Jahr 2014 statistisch etwa 6.000 vorzeitige Todesfälle aufgrund von Herz-Kreislauf-Erkrankungen auf die NO,-Hintergrund-Belastung im ländlichen und städtischen Raum zurückführen lassen, Die Studie zeigt außerdem: Die Belastung mit Stickstoffdioxid steht im Zusammenhang mit Krankheiten wie Dia- betes mellitus, Bluthochdruck, Schlagan- fall, der chronisch obstruktiven Lungen- erkrankung (COPD) und Asthma". [8]. Diese klare Zuordnung ist nicht unwider- sprochen geblieben. So hat Wichmann in seinem Diskussionsbeitrag „Gesund- heitliche Risiken von Stickstoffdioxid im Vergleich zu Feinstaub und anderen verkehrsabhängigen Luftschadstoffen“ [4] dargelegt, dass „die Datenlage zu Ef- fekten der Langzeitexposition von NO, we- niger eindeutig ist. In den quantitativen Abschätzungen auf die Mortalität sehen US-Environmental Agency und WHO/EU die Datenlage zu vorzeitigen Todesfäl- len und verlorenen Lebensjahren als be- grenzt an. [..] Die Beweiskraft für Effekte der Langzeitexposition von Feinstaub (PM 2,5) auf die Mortalität (Gesamtsterblich- keit) sowie Herz-Kreislauf- und Atem- wegserkrankungen wird von WHO/EU und US-EPA als hoch angesehen. [...] WHO/EU verweist darauf, dass NO, möglicherweise ein Schadstoffgemisch repräsentiert und man nicht ausschlie- un 120% 100% 80% 60% N Pädiatrische Allergologie » 04/2018 » Weitere Themen 39 ßen kann, dass derartige Abschätzungen nicht die Wirkungen des NO,-Gases al- lein wiedergeben.“ Die hier erwähnten, gesundheitlichen Auswirkungen von Luftschadstoffen werden ausführlich im Teil 2 der kom- menden Ausgabe dieses Journals darge- stellt werden. Ammoniak als wichtige Feinstaubquelle Ammoniak (NH) ist ein giftiges Gas mit einem stechenden Geruch, das Augen und Atemwege reizt. Sobald es freige- setzt wird, reagiert es rasch mit anderen Luftschadstoffen und bildet Ammoni- umsulfat sowie -nitrat als Feinststaub- partikel <PM 2,5. Über 90% der Ammo- niakemissionen in Europa stammen aus der Landwirtschaft. Der größte Teil 40% 20% 0% 1990 1995 2000 davon entsteht in der Tierhaltung, meist bei der Zersetzung von Harnstoff oder Eiweiß in der Gülle von Nutztieren. Am- moniumnitrat, das aus der Reaktion von Ammoniak mit Salpetersäure hervor- geht, trägt in vielen westeuropäischen Städten mit einem Anteil von 10-20% zur Feinstaubbelastung bei. In Regionen mit intensiver Massentierhaltung, wie z.B. im westlichen Niedersachsen, liegt der Anteil noch wesentlich höher. Am- moniumsulfat und -nitrat verbleiben als sekundärer Feinstaub für einige Tage, teilweise sogar bis zu einer Woche in der Atmosphäre und werden über große Ent- fernungen transportiert, beeinträchtigen somit Ökosysteme sowie die Gesundheit von Menschen in ganzen Regionen [9]. Wie die Abbildung 3 des Umweltbun- desamts belegt, sind die Ammoniak- emissionen in Deutschland als einzigem 2010 2015 u Stickstoffoxide — Staub (Gesamt) ie Ammoniak = Staub (PMI0) —— NMVOC == Staub (PM2,5) ui Schwefeldioxid ir Kohlenmonoxid Quelle: Umweltbundesamt, Nationale Trendtabellen für die deutsche Berichterstattung atmosphärischer ‚Emissionen seit 1990, Emissionsentwicklung 1990 bis 2016 (Endstand 02/2018) mit frdl. Genehmigung des Umweltbundesamts 40 Pädiatrische Allergologie » 04/2018 » Weitere Themen 1990 1995 2010 2015 WEnergiewirtschaft a Militär und weitere kleine Quellen Verkehr; ohne land- und forstwirtschaftlichen Verkehr Haushalte und Kleinverbraucher: mit Militär und weiteren kleinen Quellen (u.a. land- und forstwirtschaftlichem Verkehr) Luftschadstoff in den letzten 25 Jahren nach anfänglicher leichter Reduktion in den letzten 5 Jahren noch angestiegen! Davon stammen um die 95% aus der Landwirtschaft mit ihrer intensiven Mas- sentierhaltung (Abb. 4). Diese Entwicklung erfolgte trotz der lange bekannten und in der EU verein- barten, nationalen Emissionshöchst- menge (NEC) für Deutschland von 550 Kilotonnen pro Jahr. Soweit absehbar wird dies nach dem Stickoxid die nächs- te Vertragsverletzungsklage vor dem Europäischen Gerichtshof nach sich ziehen. Minimierungsstrategien Diese lassen sich prinzipiell in kurz-, mit- tel- und längerfristige Strategien unter- scheiden [9]. \ 2000 2005 Verarbeitendes Gewerbe WVerkehr Mindustrieprozesse Landwirtschaft 2 Haushalte und Kleinverbraucher = Abfall und Abwasser Quelle: Umweltbundesamt, Nationale Trendtabellen für die deutsche Berichterstattung atmosphärischer Emissionen seit 1990, Emissionsentwicklung 1990 bis 2016 (Endstand 02/2018) Durch Verkleinerung der offenen Oberfläche bei der Güllelagerung können Ammoniakemissionen rasch reduziert werden. Dazu gehören: ! Abdecken des Güllebehälters durch einen Deckel, ein Dach oder eine Plane, ! Zugabe von Schwimmdecken wie Kunststofffolien, Stroh, Torf oder Rinde, ı das Ermöglichen einer natürlichen Kruste auf der Gülleoberfläche, ı den Ersatz von Güllegruben durch abgedeckte Tanks oder offene Tanks mit größerer Tiefe, ı Güllesäcke oder Aufbewahrungs- kisten. Eine verbesserte Bodendüngung kann durch andere Ausbringungs- methoden rasch umgesetzt und da- durch der Luftkontakt mit Ammoniak mit frdl. Genehmigung des Umweltbundesamts vermindert werden, beispielsweise durch i Verbreiten der Gülle durch einen Schleppschlauch oder Schlepp- schuh, ! Verwenden von Gülle-Injektoren zum direkten Einspritzen, ! Einarbeiten von Mist und Gülle in den Boden, I Verdünnen der Gülle um mindes- tens 50% durch Niederdruckbe- wässerungsysteme. Der Einsatz von eiweißarmem Futter hat erheblichen Einfluss auf die re- sultierenden Ammoniakemissionen und ist zudem eine kostengünstige Strategie. Dies geschieht durch: ! das Erhöhen des Anteils nicht stär- "kehaltiger Polysaccharide im Futter, i die Zugabe von Futterergänzungs- mittel zur Senkung des pH-Werts. 4. Prinzipiell rasch umsetzbar wäre eine individuelle Reduktion des Fleisch- konsums, aber häufig ändert das Wissen um die Bedeutung von Ver- änderung nicht zwingend das eigene Verhalten. Mittel- und langfristig wird unsere Gesellschaft wie bei ande- ren Nachhaltigkeitsthemen [1] eine gezielte Veränderung der landwirt- schaftlichen Produktionsweise und Rückbau der intensiven Massentier- haltung herbeiführen müssen. ninl £ Dicke Luf R t zum Jahreswechsel Aber nicht nur die Landwirtschaft setzt erhebliche Mengen an Feinstäuben frei, auch die jährlichen Silvesterfeuerwerke tragen erheblich dazu bei. Dabei werden rund 5000 Tonnen Feinstaub (PM10) frei gesetzt, dies entspricht in etwa 17% der jährlich im Straßenverkehr abgegebenen Menge. Wie schnell die Feinstaubbelastung nach dem Silvesterfeuerwerk abklingt, hängt v.a. von den Wetterverhältnissen ab. Kräftiger Wind hilft, die Schadstoffe rasch zu verteilen. Bei windschwachen Pädiatrische Allergologie » 04/2018 » Weitere Themen 4 Wettersituationen mit eingeschränktem vertikalem Luftaustausch die Schadstoffe jedoch über viele Stun- den in der Luft und reichern sich in den verbleiben unteren Atmosphärenschichten an. So wurden zum Jahreswechsel 2016/2017 in Leipzig 1860 g/m? gemessen, Aber auch in München und Nürnberg lagen die Konzentrationen über 1000 ug/m?. In Städten, in denen auch sonst erhöh- te Feinstaubkonzentrationen gemessen werden, führt diese Zusatzbelastung durch Silvesterfeuerwerk oft zu beson- ders deutlichen Überschreitungen des Tagesmittelwerts bis hin zu 100 g/m? [10]. Die optimale Minimierungsstrategie ist es, den Konsum an Feuerwerksartikeln schon bei der nächsten Jahreswende zu- mindest zu reduzieren, wenn nicht ganz zu vermeiden. Kinder- und Jugendarzt Allergologie, Kinderpneumologie, Umwelt- medizin Sprecher der WAG Umweltmedizin der GPA thlob@uminfo.de Literatur 1 Dehmer R, Lob-Corzilius Th. Der stille Frühling - ein Leben ohne Insekten. Päd. Allerg. 3/2018, 33-36 2 Gesellschaft für Pädiatrische Allergologie und Um- weltmedizin e.V.: Pressemitteilung. Kinderärzte und Umweltmediziner fordern strikte Einhaltung der EU-Grenzwerte für Feinstaub und Stickoxide Mai 2017, 7 www.gpau.de/mediathek/pressemittei- lungen 3 Lenschow et. al. Some ideas about the sources of PM10, Atmospheric Environment 2001; 35: S23- 33 4 Wichmann HE. Gesundheitliche Risiken von Stick- stoffdioxid im Vergleich zu Feinstaub und anderen verkehrsabhängigen Luftschadstoffen. Umwelt — Hygiene - Arbeitsmed 2018; 23 (2): 67-71 5 7 https://www.ersnet.org/publications/air-quality- and-health 6 7 https: //www.umwelt.sachsen.de/umwelt/down- load/luft/UFIPOLNET_mtk42_070514.pdf 7 A https://www.umweltbundesamt.de/publikatio- nen/quantifizierung-von-umweltbedingten-Krank- heitslasten @ 7 https: //www.umweltbundesamt.de/no2-krank- heitslasten 9 A https://climpol.iass-potsdam.de/sites/clinpol/ files/wysiwyg/files/fact_sheet_ammoniak_de.pdf 10 7 https://www.umweltbundesamt.de/themen/ dicke-luft-jahreswechsel 42 Pädiatrische Allergologie » 01/2019 » Umweltmedizin UMWELTMEDIZIN Feine und ultrafeine Stäube beeinflussen wesentlich die Kindergesundheit (Teil 2) Thomas Lob-Corzilius, Osnabrück Teil 1 des Beitrags über Feinstaub ist in der Ausgabe Pädiatrische Allergologie 04/2018 erschienen und befasst sich mit den physi- ko-chemischen und (patho-)physiologischen Grundlagen der Feinstäube und ultrafeinen Partikel. Er lenkt neben den bekannten Ver- kehrsemissionen die Aufmerksamkeit auf andere relevante Feinstaubquellen aus Landwirtschaft und Feuerwerken, die ebenfalls einen bedeutsamen Beitrag zur Luftschadstoffbelastung national, aber auch europaweit leisten. Im Teil 2 sollen nun weitere Feinstaubquellen sowie die gesundheitlichen Auswirkungen auf die Kinder und sinnvolle Minimierungsstrategien analysiert werden. Bewusst wird aber nicht näher auf die Erkrankungen des Erwachsenenalters eingegangen, wie COPD, Lungenkarzinom, Schlaganfälle, Myokardinfarkte und Diabetes Typ 2, die durch Feinstaub mit induziert werden. Hierzu sei auf die sehr übersichtliche und komprimierte A Publikation der Schweizerischen Gesellschaft für Pneumologie und der Schweizerischen Lungenstiftung verwiesen [7]. Aktuelle WHO-Studie _ Im Oktober 2018 hat die WHO die um- fängliche 71 Studie „Air Pollution and Child Health: Prescribing clean air“ vorgelegt, in der sie anhand epidemio- logischer Daten und einer Fülle von Studien folgende zusammengefasste Aussagen trifft [15]: Im Jahre 2016 at- meten weltweit 93% aller Kinder unter 15 Jahren - davon 630 Millionen unter 5 Jahren - ständig verunreinigte Luft mit Feinstaubkonzentrationen mit PM2,5 oder kleiner ein, die oberhalb der durch die WHO formulierten Richtwerte für die Luftqualität lagen. In den armen oder Schwellenländern der Welt betrifft die Luftverschmutzung 98% aller Kinder unter 5 Jahren, in den hochentwickelten Ländern immerhin noch 52%, also mehr als jedes 2. Kind (Abb. 1). Eine Milliarde Kinder unter 15 Jahren v.a. in Afrika und Asien (Indischer Subkonti- Abbildung 1. Anteil von Kindern unter 5 Jahren, die ın Regionen leben, in denen die WHO-Richtwerte bzgl. der Luft D . .. . Population above Air Quality Guidelines (PM, ,) ER Move s0% Data not avalable Bl 15-006 DON Notappliabie 5-7 E 10-50% 31 Under 10% — ——— 0 850 1700 3400 Kilometers mit frdl. Genehmigung der WHO aus [15] nent, Indochina, China) atmet belastete Luft ein, die im Haushalt durchs Kochen, Heizen oder die Beleuchtung mit offener Verfeuerung von Holz, Bioabfällen und Kohle oder durch die Verbrennung von Treibstoff, wie z.B. Kerosin, entsteht. Zusammen mit der äußeren Luftver- schmutzung führte diese Belastung 2016 zu mehr als 600.000 Todesfällen von Kindern unter 15 Jahren. Davon sterben 13% aller Kinder unter 5 Jahren an einer Pneumonie, jede zweite akute Infektion des unteren Atemtrakts ist in den armen oder Schwellenländern durch die Luftver- schmutzung bedingt. Erklärbar sind diese Erkrankungen u.a. durch die Tatsache, dass Neugeborene und kleine Kinder eine deutlich höhere Atemfrequenz mit einer dadurch erhöh- ten inhalativen Depositionsrate haben, sie in der frühen Wachstumsphase oh- nehin mehr empfindlich sind und einen Großteil ihres frühen Kinderlebens bo- dennah in Hütten, Häusern oder Woh- nungen verbringen, die gegenüber den WHO-Empfehlungen mitunter bis zu 100- fach erhöhte Konzentrationen von PM2,5 enthalten. In Deutschland gibt es etwa 11,7 Millio- nen sogenannter Einzelraumfeuerungs- anlagen. Ihr Einsatz in Wohngebieten gilt als bedeutsame Feinstaubquelle [14], wobei die Schadstoffemissionen längst nicht die Konzentration anderer Länder erreicht. Meist werden Kamine und Öfen zusätzlich zur Zentralheizung betrieben — sei es aus Gründen der Behaglichkeit oder auch als kostengünstige Alterna- tive. Allerdings verursacht auch das sachgerechte Heizen mit Holz deutlich größere luftverschmutzende Emissionen von Feinstaub und polyzyklischen aro- matischen Kohlenwasserstoffen (PAK) als mit Heizöl oder Erdgas. Davon nicht betroffen sind emissionsarme Pelletöfen und -heizkessel. Pädiatrische Allergologie » 01/2019 » Umweltmedizin 43 Für Einzelraumfeuerungsanlagen gilt seit 2010 die 1. Bundesimmisionsschutzver- ordnung (BImSchV) mit konkreten Grenz- werten auch für den Ausstoß an Staub. Die Einhaltung dieser Werte wird seither geprüft, bevor ein Gerätetyp auf den Markt kommt. Staubabscheider für neue Klein- feuerungsanlagen müssen eingebaut wer- den, bei alten innerhalb einer Übergangs- zeit nachgerüstet werden. Dennoch kann bei winterlichen Inversionswetterlagen die gesundheitsschädliche Feinstaubbelas- tung in Wohngebieten ansteigen. Feinstaubbelastung der Schwangeren und die Folgen für das Kind Über den Einfluss der Feinstaubbelas- tung während der Schwangerschaft auf Geburtsgewicht, Frühgeburtlichkeit und frühkindliche Krebserkrankung liegt eine Reihe von epidemiologische Studien vor, von denen drei ausführlicher dargestellt werden sollen. In einer 2014 publizierten US-amerikani- schen Studie wurden über 420.000 Ba- bys eingeschlossen, die 2004 und 2005 in Florida geboren wurden. Über die ge- “ samte Schwangerschaft konnte schon bei niedrigen PM2,5-Konzentrationen zwischen 9,7 und 10,2 1g/m? eine signi- fikant positive Assoziation zu einem er- höhten Risiko von niedrigem Geburtsge- wicht am Termin und Frühgeburtlichkeit festgestellt werden [4]. In der bislang größten populationsbezoge- nen kanadischen Studie von 2016 wurden mehr als 3 Millionen Neugeborene zwi- schen 1999 und 2008 eingeschlossen und die mütterliche Exposition mit PM2,5 am Wohnort während der Schwangerschaft mittels fixer Messstationen und satelli- tengestützter Abschätzungen untersucht [13]. Es fand sich auch hier ein geringer, aber eindeutiger Zusammenhang zwi- schen einem Anstieg des PM2,5 um 10 1g/ m? über die gesamte Schwangerschaft hinweg für „Small for Gestional Age“ (odds ratio = 1,04; 95% CI 1,01-1,07) und redu- ziertes Geburtsgewicht am Termin (-20,5 9; 95% CI -24,7 bis -16,4). Allerdings fand sich keine Signifikanz zwischen einem An- stieg des PM2,5 und Frühgeburtlichkeit. Hingegen konnte in einer 2017 publizierten Metaanalyse gezeigt werden, dass das Ri- siko für Frühgeburten eindeutig ansteigt, wenn die Mütter während der Schwanger- schaft mit PM2,5 belastete Luft durch Die- selabgase oder offene Holzfeuer in Innen- räumen einatmen [10]. In einer weiteren kanadischen Studie von 2016 mit einem ähnlichen Design wurde der mögliche Einfluss von pränataler Luft- schadstoffbelastung mit PM2,5 auf die Entwicklung von frühkindlichem Krebs an mehr 2.350.000 Kindern untersucht, die zwischen 1988 und 2012 in der Provinz Ontario geboren wurden [9]. Von diesen erkrankten 2044 noch in ihrer Kinderzeit an einem Tumor, was der auch in Deutsch- land statistischen Wahrscheinlichkeit von 1:1000 Kindern entspricht. Die Exposition mit PM2,5 über die gesamte Schwanger- schaft, gemessen mit einer Zunahme des Interquartilsabstands, war assoziiert mit einem wachsenden Astrozytomrisiko (HR pro 3,9 ug/m? = 1,38 (95% Cl: 1,01-1,88). Insgesamt belegen die zitierten Studien aus hochentwickelten Industriestaaten, dass Feinstaubpartikel nach der Einat- mung über die mütterliche Lunge in die Blutbahn aufgenommen und im Körper und die Plazenta verteilt werden, von wo sie über die Nabelschnur zum Feten ge- langen und in ihm wirken können. Bedenkt man ferner, dass die beschriebenen Wir- kungen schon bei niedrigen PM2,5-Kon- zentrationen nachweisbar sind, ist die Aussage der WHO über die armen und Schwellenländer hochplausibel: Frühge- burtlichkeit stellt mit einer Todesrate von 44 Pädiatrische Allergologie » 01/2019 » Umweltmedizin 16% weltweit in der Neonatalzeit den wich- tigsten Faktor für kindlichen Tod bei unter 5-Jährigen dar und übertrifft damit akute Infektionen der tiefen Atemwege [13]. Einfluss von Feinstaub- belastung auf die kindliche Lunge 2007 konnte in einer kalifornischen Me- taanalyse belegt werden, dass das kind- liche Lungenwachstum u.a. gemessen am FEV, über einen Zeitraum von 8 Jah- ren mit 81 ml bei den Kindern vermindert war, die innerhalb von 500 m an einer Hauptverkehrsstraße lebten im Vergleich zu jenen, die 1500 m oder mehr davon entfernt lebten [3]. In der 2008 veröffentlichten Münchner Geburtskohortenstudie konnte eindeutig die Assoziation zwischen der Feinstaub PM2,5-Konzentration und dem Risiko von Kindern, an Asthma zu erkranken, belegt werden: Mit einem OR von 1,58 stieg dies um 58% an, wenn die Kinder unmittelbar, also <50 m, an Hauptver- kehrsstraßen wohnten im Vergleich zu Kindern; die >1000 m entfernt lebten. Et- was niedriger, aber noch signifikant, lag der Inzidenzanstieg bei Pollinosis und Atopischem Ekzem [11]. In einer Anfang 2016 publizierten Meta- analyse, in der 15 Studien ausgewer- tet wurden, konnte diese Beobachtung bezogen auf den Feinstaub PM2,5 al- lerdings nicht reproduziert werden [5]. Eine Erklärung dafür könnte sein, dass die PM2,5-Konzentration Anfang der 2000er Jahre höher lag als nach der ge- setzlich verpflichtenden Einführung von Feinstaubfiltern bei den meisten Verbren- nungsmotoren im Verkehr 10 Jahre später. In einer anderen Metaanalyse von 2012 wurden 19 Studien eingeschlossen. Hier fand sich eine geringe, aber positive As- soziation zwischen Feinstaubkontakt (PM10) mit erhöhter Inzidenz von pfei- fender Atmung (Wheezing) bei Kindern (meta-OR: 1,05, 95% CI: 1,04-1,07) [2]. Anfang 2017 erschien eine weitere Me- taanalyse, in der 41 weltweit durchge- führte Studien bewertet wurden: Danach lag das relative Risiko, Asthma zu entwi- ckeln, bei 1,48, d.h. ein Anstieg um 48%, wenn die mittlere jährliche Belastung mit Stickoxiden über 30 ug/m? lag [8]. Die Be- obachtung bezieht sich zwar auf Sticko- xide, allerdings ist eine Koinzidenz des Auftretens mit gleichzeitig emittierten, aber nicht gemessenen Ultrafeinparti- keln (UFP's) sehr wahrscheinlich, sodass eine Co-Wirkung möglich ist (s. Teil die- ses Berichts). Bei den erwähnten Studien und Metaana- Iysen ist aber grundsätzlich zu beachten, dass die gemessenen oder in Rechenmo- dellen verwendeten Feinstaubkonzen- trationen nicht immer die tatsächliche Belastung von Babys/Kleinkindern wi- derspiegeln, wie der im November 2018 in England erschienene Review-Artikel zeigt [12]. In ihm wird die Luftschad- stoffbelastung von Babys und Klein- Veränderung der Immun- antwort hin zu Allergie = TH2-Stimulation | \ Sensibilisierung kindern untersucht, die in Kinderwägen unterschiedlicher Größe und Höhe - als Einzel- oder Doppelsitzer - entlang von Verkehrsstraßen geschoben werden. Erfasst wurden Feinstäube der Größe PM10, PM2,5 sowie Ultrafeinpartikel s0,10 um, Kohlenstoff und Stickoxide mit dem Ergebnis, dass die Babys in ihren Kinderwägen bis zu 60% mehr Schadstoffe inhalieren als begleitende Erwachsene. Denn die Auspuffgase sind im ersten Meter über der Fahrbahn be- sonders konzentriert und liegen damit in der Atemzone (ca, 0,85 m) der im Kinder- wagen sitzenden Babys. Die pulmonale Pathophysiologie im Kin- desalter erklärt sich zum einen durch eine luftschadstoffinduzierte, bronchi- ale Schleimhautinflammation als Basis für ein hyperirritables Bronchialsystem, sodass andere asthmatische Trigger- faktoren wirksam werden können; zum anderen wird die Th2-Immunantwort ak- tiviert und dadurch die Sensibilisierung begünstigt als Voraussetzung für eine mögliche spätere Allergie (Abb. 2). Ferner bewirken Feinstäube und ins- besondere die UFP auch an der Lunge Entzündung der Atemwegsschleimhäute Infektionen | Körperliche Anstrengung Bes Nicht allergisches Asthma einen oxidativen Stress, der sich nega- tiv auf das Lungenwachstum und damit die Lungenfunktion auswirkt und auch Infektionen des tiefen Atemtrakts be- günstigt. Einfluss von Feinstaub auf die neurologische vicklung 2016 wurden die Daten der beiden deut- schen Geburtskohortenstudien GINIplus and LISAplus publiziert. Im Alter der zum Zeitpunkt der Erhebung 10- bis 15-jähri- gen Kinder bzw. Jugendlichen wurde mit einem OR von 1,14 eine positive Assoziati- on gefunden zwischen einem Hyperakti- vitäts- und Aufmerksamkeitsdefizit-Syn- drom (ADHS) und der PM2,5-Absorption gemessen am Geburtsort und den Wohn- adressen im Alter von 10 und 15 Jahren (mithin eine 14%ige Erhöhung) [1]. In der oben zitierten Kinderwagenstudie wird ebenfalls auf die Bedeutung von Verkehrsemissionen - z.B. an Partikel gebundene toxische Metalle - für mög- liche Frontallappenschäden sowie Ein- schränkungen der Kognition und Hirn- entwicklung hingewiesen [12]. Pädiatrische Allergologie » 01/2019 » Umweltmedizin 45 Die WHO-Studie benennt in ihrer Zusam- menfassung, dass die Schadstoffbelas- tung der Luft die neurologische Entwick- lung der Kinder beeinflusst, erkennbar an schlechteren Ergebnissen in kognitiven Tests sowie der geistigen und motori- schen Entwicklung [7]. Als pathophysiologische Erklärung wird auf zwei mögliche Aufnahmepfade ver- wiesen: Zum einen scheinen Feinststäu- be und UFP nach der inhalativen Aufnah- me über die Lunge ins Kreislaufsystem auch die Blut-Hirn-Schranke zu überwin- den. Zum zweiten wird eine direkte Auf- nahme über den Riechnerv in das Fron- talhirn postuliert. Im Gehirn angelangt, wirken die Feinstäube und UFP als oxida- tiver Stress auf die Nervenzellen; sie kön- nen ferner die Regulierungsfunktion des vegetativen Nervensystems verändern. Wie in einem Mausmodell der Alzheimer- Erkrankung des IUF (Leipnitz-Institut für umweltmedizinische Forschung) da- rüber hinaus gezeigt werden konnte, be- schleunigte eine Langzeitinhalation von Dieselmotorabgasen die Beta-Amyloid- Plaque-Bildung im Gehirn und ging mit Beeinträchtigungen der motorischen Fä- higkeiten der Tiere einher. Die Autoren schließen: „Mit unserer toxikologischen Studie schla- gen wir eine Brücke zu den bestehenden epidemiologischen Befunden. Unsere Er- gebnisse weisen darauf hin, dass es einen kausalen Zusammenhang zwischen Luft- verschmutzung und Erkrankungen des zen- tralen Nervensystems gibt.“ [6] Minimierungsstrategien — Kinder und Jugendliche sind die Erwach- senen von morgen, deshalb sind sie in den sensiblen Phasen ihres Wachstums besonders schutzbedürftig. Dies gilt, wie oben ausführlich dargestellt, genauso für die Pränatalzeit, also für allen Schwan- geren. Was in dieser Zeit an Entwicklung versäumt wird, kann später nicht mehr nachgeholt werden. Die WHO-Publikati- on spricht deshalb bei entsprechender Schädigung von einer „lebenslänglichen Strafe"! Um diese zu vermeiden, bedarf es wei- terhin konsequenter regulatorischer 46 Pädiatrische Allergologie » 01/2019 » Umweltmedizin Strategien auf nationaler und interna- tionaler Ebene, kurz- und mittelfristig weltweit einer drastischen Reduktion und technischen Innovation bei der Ver- brennung fossiler Energieträger im Ver- kehr, zum Heizen und zur Produktion von Lebensmitteln wie anderer Güter und deren Ersatz durch intensive Förderung emissionsneutraler regenerativer Ener- gien. Dies alles würde die notwendige CO,-Reduktion bewirken, die laut dem Weltklimarat (IPCC) den globalen Tempe- raturanstieg auf 1,5°C begrenzen könnte. Damit ist wirksamer Emissionsschutz auch nachhaltiger Klimaschutz. Aus pädiatrisch umweltmedizinischer Sicht ergeben sich daraus folgende For- derungen: I Wie schon in der 7 Pressemitteilung der GPA 2017 formuliert, muss die Einhaltung der EU-Jahresgrenzwerte für Feinstaub und Stickoxiden von 40 Hg/m? kurzfristig durch geeignete ge- setzgeberische und verkehrsienkende Maßnahmen erzwungen werden. Im Sinne einer primären Verhältnisprä- vention müssen mittelfristig weltweit die von der WHO empfohlenen Richt- werte von 20 g/m? für PM10 und 10 ng/m? PM2,5 als verbindliche Grenzwerte umgesetzt werden. Hier kann die „High Tech Region“ Europa mit gutem Beispiel vorangehen. Die Schadstoffmessung muss vor Kinderbetreuungseinrichtungen und Schulen, die an vielbefahrenen Stra- ßen liegen, auf „Kindernasenhöhe"er- folgen. Staatliche Aufsichtsbehörden sind ge- fordert, auch in Deutschland sog. Real driving emissions Messungen (RDE- Test) für die Neuzulassung von PKW wie LKW durchzusetzen. Wie schon in der Schweiz erfolgt, müssen alle dieselbetriebenen LKW, Busse und Baufahrzeuge, die vor 2014 zugelassen wurden, eine Nachrüstung mit Feinstaubfiltern erhalten, um so die Emission von UFP drastisch zu reduzieren. Denn zu deren Minderung reicht die SCR-Katalysatortechnik mit Adblue nicht aus, da diese alleine (das allerdings effektiv) die Stickoxidemis- sion reduziert. Im Sinne der Verhaltensprävention sollten Kinderwagenspaziergänge an vielbefahrenen Straßen auf das Not- wendigste reduziert werden, genauso wie die Mitnahme von Kindern auf Rä- dern bzw. Radanhängern. Man sollte also lieber einen Umweg in Kauf neh- men, wenn möglich. Stoßlüften von Zimmern an vielbefah- renen Straßen sollte nur vor und nach dem Berufsverkehr erfolgen. Literatur 1 Fuertes E et al. Traffic-related air pollution and hy- peractivity /inattention, dyslexia and dyscalculia in adolescents of the German GINIplus and LISAplus birth cohorts. Environment International 2016; 97: 85-92 2 Gasana J, Dillikar D, Mendy A, Forno E, Ramos Vieira E. Motor vehicle air pollution and asthma in children: A meta-analysis Environmental Research 2012; 117:36-45 3 Gauderman J, Vora H, McConnell R et al. Effect of exposure to traffic on lung development from 10 to 18 years of age: a cohort study, Lancet 2007; 369: 535-537 4HaS, Hu H, Roussos-Ross D, Haidong K, Roth J, Xu X. The effects of air pollution on adverse birth out- comes. Environ Res. 2014; 134: 198-204 5 Heinrich J, Guo F, Fuertes E (2016) Traffic-Related Air Pollution Exposure and Asthma, Hayfever, and Allergic Sensitisation in Birth Cohorts: A Systemat- ic Review and Meta-Analysis. Geoinfor Geostat: An Overview 2016; 4: 4.53 6 Hullmann M, Albrecht C, van Berlo D et al. Diesel engine exhaust accelerates plaque formation in a mouse model of Alzheimer's disease. Part Fibre Toxicol 2017; 14: 35. (71 http://www.iuf-duessel- dorf.de/pm20170913/articles/den-auswirkun- gen-von-luftverschmutzung-auf-das-gehirn-auf- der-spur.html) 7Karrer W, Brändli 0. Zum Jahr der Lunge 2010: Ein Schweizer Modell für Europa, A https://www. lungenliga.ch/fileadmin/user_upload/LLS/02_ HauptNavigation/O1_LungeSchuetzen/Luft_ und_Gesundheit/air-quality-GER.pdf ı Das „Wohlfühlheizen" mit Kaminen und Öfen ist deutlich zu reduzieren, bei Inversionswetterlagen komplett zu vermeiden. ! Insbesondere in Städten ist der Sinn eines fossil betriebenen Individual- verkehrs täglich zu hinterfragen und wenn möglich sind Alternativen wie ÖPNV oder Rad zu nutzen, wozu natür- lich auch das E-Bike gehört. Kinder- und Jugendarzt ‚Allergologie, Kinderpneumologie, Umweltmedizin Sprecher der WAG Umweltmedizin der GPA thlob@uminfo.de — 0 LLIIÜLI( @ Khreis H, Kelly C, Tate J, Parslow R, Lucas K, Nieu- wenhuijsen M (2017) Exposure to traffic-related air pollution and risk of development of childhood asthma, Environment International 2017, 100: 1-31 9 Lavigne E et al. Maternal exposure to ambient air pollution and risk of early childhood cancers: Apop- ulation-based study in Ontario, Canada Environ- ment International 2016; 100: 139-147 10 Malley © ‚ Kuylenstierna J, Vallack H, Henze D, Blen- cowe H, Ashmore M. Preterm birth associated with maternal fine particulate matter exposure: A global, regional and national assessment. Environment In- ternational 2017; 101: 173 11 Morgenstern V, Zutavern A, Cyrys J, Brockow I, Koletz- ko S, et al. Atopic diseases, allergic sensitization, and exposure to traffic-related air pollution in children. Am J Respir Crit Care Med 2008; 177: 1331-1337 12 Sharma A, Kumar P. A review of factors surround- ing the air pollution exposure to in-pram babies and mitigation strategies, Environment International 2018; 120: 262-278 13 Stieb DM et al. Associations of pregnancy outcomes and PM2.5 in a national Canadian study. Environ- mental Health Perspectives 2016; 124: 243-249 14 Umweltbundesamt. Emissionen aus Kleinfeuerungs- anlagen in Wohngebieten. Meldung vom 24.4.2018 unter 7 https://www.umweltbundesamt.de/the- men/gesundheit/umwelteinfluesse-auf-den-men- schen/besondere-belastungssituationen/emis- sionen-aus-kleinfeuerungsanlagen-in#textpart-] 15 WHO (2018) Air Pollution and Child Health, Pre- scribing clean air, 7 http://www.wha.int/ceh/pub- lications/air-pollution-child-health/en/
Beratungsverlauf (1)
Beschluss: Kenntnis genommen
Zur SitzungDetails
- Aktenzeichen
- 1057/2023
- Typ
- Mitteilung BV
- Datum
- 29.03.2023
- Erstellt
- 28.03.2023 10:23