2257/2019
Stärkung des Tanzes – Unterstützung der Kompanie Richard Siegal / Ballet of Difference
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Beschlussvorlage Rat
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Die Oberbürgermeisterin Dezernat, Dienststelle VII/46 Vorlagen-Nummer 2257/2019 Freigabedatum 25.06.2019 Beschlussvorlage zur Behandlung in öffentlicher Sitzung Betreff Stärkung des Tanzes – Unterstützung der Kompanie Richard Siegal / Ballet of Difference Beschlussorgan Rat Gremium Datum Beschluss: 1. Der stadtkölnische Beitrag für das interkommunale und vom Land NRW mitfinanzierte Projekt „Stärkung des Tanzes – Unterstützung der Kompanie Richard Siegal / Ballet of Difference“, wird auf 250 T€ für die Spielzeit 2019/20 und auf 250 T€ für die Spielzeit 2020/21 festgesetzt. 2. Zur Finanzierung dieses Beitrags wird der im Wirtschaftsplan der Bühnen Köln vorgeseh ene Betriebskostenzuschussanteil für die Vorbereitung einer neuen Schauspiel-Intendanz in Höhe von je 250 T€ für die Spielzeiten 2019/20 und 2020/21 für den Zweck „Stärkung des Tanzes – Unterstützung der Kompanie Richard Siegal / Ballet of Difference“ umge widmet. Die Bereit- stellung der Mittel erfolgt damit im Rahmen des bereits beschlossenen Wirtschaftsplans. Es ergeben sich keine haushaltsmäßigen Veränderungen. 3. Der Rat nimmt zur Kenntnis, dass aufgrund der tatsächlich genehmigten Fördermittel und der entsprechend anzupassenden künstlerischen Planung die im Erfolgsplan des Wirtschaftsplans der Bühnen Köln für die Spielzeit 2019/20 angesetzten Gesamtbeträge sowohl der geplanten Erträge als auch der geplanten Aufwendungen überschritten werden. Eine Veränderung des geplanten Jahresergebnisses ist dadurch nicht zu erwarten. Betriebsausschuss Bühnen der Stadt Köln 25.06.2019 Finanzausschuss 08.07.2019 Rat 09.07.2019 2 Haushaltsmäßige Auswirkungen Nein Begründung Wie in den Erläuterungen zum Wirtschaftsplan für die Spielzeit 2019/20 (1241/2019; Ratsbeschluss vom 21.05.2019) angekündigt, unterbreiten die Bühnen hiermit eine gesonderte Beschlussvorlage zur „Stärkung des Tanzes – Unterstützung der Kompanie Richard Siegal / Ballet of Difference“. Der stadtkölnische Beitrag für das interkommunale und vom Land NRW mitfinanzierte Projekt soll auf 250 T€ für die Spielzeit 2019/20 und auf 250 T€ für die Spielzeit 2020/21 festgesetzt werden. Zur Finanzierung dieses Beitrags soll der im Wirtschaftsplan der Bühnen Köln vorgesehene Betriebs- kostenzuschussanteil für die Vorbereitung einer neuen Schauspiel-Intendanz in Höhe von je 250 T€ für die Spielzeiten 2019/20 und 2020/21 für den Zweck „Stärkung des Tanzes – Unterstützung der Kompanie Richard Siegal / Ballet of Difference“ umgewidmet werden. Aufgrund der Vertragsverlänge- rung des aktuellen Schauspiel-Intendanten Stefan Bachmann bis 2023, die zum Zeitpunkt der Wir t- schaftsplanerstellung noch nicht bekannt war, werden die veranschlagten Mittel nicht zu dem vorge- sehenen Zeitpunkt und Zweck benötigt. Die Bereitstellung der Mittel würde damit im Rahmen des bereits beschlossenen Wirtschaftsplans erfolgen. Es ergeben sich mithin keine haushaltsmäßigen Veränderungen. Bisherige Beschlüsse zur Stärkung des Tanzes Immer wieder wurden Initiativen und Prüfaufträge zur Weiterentwicklung des bestehenden Tanza n- gebotes an d ie Bühnen Köln herangetragen. Zuletzt wurde eine Umschichtung innerhalb des B e- triebskostenzuschusses der Bühnen zugunsten des Tanzbudgets in Höhe von 100 T€ ab der Spielzeit 2018/19 beschlossen (0581/2017). Dieser Betrag fließt in die Erweiterung des Tanzgastspielangebo- tes. Im Hinblick auf die langfristige Perspektive der Tanzsparte sind weitere konkrete Beschlüsse bis- lang nicht gefasst worden. Die Überlegungen reichten hier von der Etablierung eines Kooperation s- modells bis hin zum Aufbau einer festen Kompa nie. Es sei an dieser Stelle auf die weiteren Ausfüh- rungen zur Weiterentwicklung der Sparte Tanz in der Vorlage 1250/2017 verwiesen. Auch in der Kulturentwicklungsplanung der Stadt Köln (0240/2019) ist ein Ausbau des Tanzangebots vorgesehen. Dort heißt es: „Das Kölner Publikum ist tanzbegeistert! An den Bühnen der Stadt Köln haben sich Tanzgastspiele beim Publikum als besonders beliebtes Kulturangebot etabliert. Tanz Köln ermöglicht Aufführungen führender Kompanien und seit der Spielzeit 2017/18 ko- operieren die Bühnen Köln und Tanz Köln für die Dauer von drei Jahren mit der inte r- nationalen Tanzkompanie BALLET OF DIFFERENCE. Die Bühnen zeigen seit zwei Jahren regelmäßig Produktionen von Kölner Choreografinnen und Choreografen im Staatenhaus. Derzeit gibt es aber keine Tanzkompanie als dritte Sparte der städt i- schen Bühnen. Mittelfristig soll ein eigenes Ensemble das Angebot der städtischen Bühnen komplettieren und ein Kristallisationspunkt der Kölner Tanzszene werden.“ Entwicklung der Kooperation mit Richard Siegal / Ballet of Difference… …von einer projektbasierten Kompanie in den Spielzeiten 2016/17 bis 2018/19… Die Kooperation von Schauspiel Köln, Tanz Köln und der auf Grundlage der Exzellenzförderung der Landeshauptstadt München neu gegründeten Tanzkompagnie Richard Siegal / Ballet of Difference begann in der Spielzeit 2016/17 und war zunächst auf drei Jahre angelegt. Die erste Produktion MY GENERATION feierte im Juli 2017 Premiere in München und wurde anschließend im Rahmen der Tanzgastspielreihe am Schauspiel Köln präsentiert. In der Spielzeit 2017/18 wurde die Zusammenar- 3 beit intensiviert: Es entstand das dreiteilige Werk ON BODY, das am Schauspiel Köln uraufgeführt wurde. In der Spielzeit 2018/19 entstand als dritte Stufe der Kooperation die Koproduktion zwischen Richard Siegal / Ballet of Difference und dem Schauspiel Köln mit dem Titel ROUGHHOUSE. In die- sem Crossover -Projekt stehen Schauspieler*innen des Schauspiel Köln und Tänzer*innen der Kom- panie gemeinsam auf der Bühne. Ergänzt wird die künstlerische Arbeit von Richard Siegal / Ballet of Difference regelmäßig durch Workshops, Lectures und Symposien sowie partizipative Projekte mit Akteuren der freien Tanzszene. Ermöglicht und finanziert wurde das dreijährige Projekt mit Unterstüt- zung des Ministe riums für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein - Westfalen, der Kulturstiftung des Bundes und den Partnern Tanz Köln, Schauspiel Köln, dem Kultur- referat der Landeshauptstadt München sowie dem Muffatwerk München. …zu einer assoziierten Kompanie am Schauspiel Köln in den Spielzeiten 2019/20 bis 2020/21… Für Richard Siegal / Ballet of Difference gilt das Ziel zwischen 2019 und 2021, die Stadt Köln als ein internationales Zentrum für zeitgenössischen Tanz zu re -etablieren. Die Angliederung der Kompanie als „Kompanie in residence“ an das Schauspiel Köln markiert bereits einen Schritt zur institutionellen Festigung des Tanzes. Nach zehn Jahren ohne eigene Tanzkompanie in Köln werden das Schauspiel Köln und Tanz Köln erstmals wieder mit ei ner Kompanie kooperieren, deren Tänzer*innen und Cho- reograf nicht nur im Rahmen der Tanzgastspiele zu Gast sind, sondern über einen längeren Zeitraum selbst in Köln produzieren. Neben der Etablierung neuer (hybrider) Ausdrucksformen wird ein Reper- toire für die Tanzkompanie aufgebaut werden, das neben einer Vielzahl von Neuproduktionen auch bereits bestehende, neu überarbeitete Choreografien Richard Siegals beinhaltet. Über ein solches Repertoire wird die Kompanie in der Lage sein, das bestehende tanzinteressierte Publikum über Iden- tifikation an sich zu binden, zu erweitern und darüber hinaus die Tanzstadt Köln über internationale Gastspiele weltweit zu repräsentieren. Indem Richard Siegal / Ballet of Difference der finanzielle Rahmen gesichert wird, kann zudem der Grundstein für eine eigene Tanzsparte gelegt werden. …mit Chance zur Verstetigung als eigene Tanzsparte an den Bühnen Köln Insbesondere die Profilförderung durch das NRW KULTURsekretariat im Rahmen des Programms „Neue Wege. Kommunale Theater & Orchester in NRW“ bietet eine langfristigste Perspektive: Gegen Abschluss des Projektzeitraums (hier: 2019 bis 2021) können erfolgreich geförderte Projekte eine Verstetigung der Förderung von 50% der Mittel beantragen. Dies unter der Voraussetzung, dass die in den Fördervereinbarungen zur Basisförderung des Landes NRW festgelegten kommunalen Z u- schüsse nicht gekürzt werden (Auflage im Zuwendungsbescheid). Finanzierung in den Spielzeiten 2019/20 bis 2020/21 Beitrag der Partner und weiterer Förderer Ermöglicht und finanziert wird die Arbeit von Richard Siegal / Ballet of Difference durch die Unterstüt- zung mehrerer Partner: Partner für 2019 bis 2021 Summe NRW KULTURsekretariat 'Neue Wege. Kommunale Theater & Orchester in NRW' 905 T€ Kunststiftung NRW 100 T€ (für 2019) 100 T€ (für 2020 ausstehend) Optionsförderung durch die Landeshauptstadt München 290 T€ Muffatwerk München 30 T€ Schauspiel Köln 600 T€* Tanz Köln 200 T€* Stadt Köln 500 T€ (ausstehend) *Die Einnahmen aus dem Projekt fließen zusätzlich in die Finanzierung. 4 Von Seiten der Bühnen Köln wird die Kooperation durch einen Koproduktionsbeitrag finanziert, der aus dem Etat der Tanzgastspiele und dem Produktionsetat des Schauspiel Köln finanziert wird. Dar- über hinaus stellt das Schauspiel Köln weitreichende Ressourcen für die Neuproduktionen (Wer k- stattkapazitäten und Arbeitszeit im Bereich Bühne und Kostüm, Proberäume, das spielfertige Depot für Proben und Aufführungen u.a.) zur Verfügung. Wirtschaftsplan der B ühnen Köln für die Spielzeit 2019/20 (1241/2019; Ratsbeschluss vom 21.05.2019) Aufgrund der zum Zeitpunkt der Wirtschaftsplanerstellung noch laufenden Förderanträge wurde im Erfolgsplan für die Spielzeit 2019/20 zunächst nur eine Produktion im Aufwand kalkuliert und ein ent- sprechender Ertrag von 300 T€ antizipiert. Basierend auf der Höhe der zwischenzeitlich tatsächlich realisierten Fördermittel wird die künstlerische Planung angepasst. Folglich werden die im Erfolgsplan angesetzten Gesamtbeträge sowohl der geplanten Erträge als auch der geplanten Aufwendungen überschritten werden. Eine Veränderung des geplanten Jahresergebnisses ist dadurch nicht zu e r- warten. §13 („Wirtschaftsplan und Wirtschaftsführung“) der Betriebssatzung der Bühnen Köln würde durch die nachträgliche Zusetzung nicht tangiert. Beitrag der Stadt Köln Als Beitrag der Stadt Köln war vorgesehen, dass der Betriebskostenzuschuss an die Bühnen um ei- nen zweckgebundenen Betrag von je 300 T€ für die Spielzeiten 2019/20 und 2020/21 erhöht wird – so wurde es in den E rläuterungen zum Wirtschaftsplan angekündigt. Mit der Bereitstellung eines ge- sonderten Zuschusses für die Kooperation mit Richard Siegal / Ballet of Difference würde die Stadt Köln ein wichtiges positives Signal – auch in Richtung der übrigen Fördergeber – für die Umsetzung der vielseitigen Forderungen nach einer Weiterentwicklung der Sparte Tanz setzen. Um die Realisierung des Projektes – insbesondere im Hinblick auf die langfristige Entwicklungsper- spektive von einer projektbasierten Arbeit hin zu einer Verstetigung als eigene Tanzsparte – sicherzustellen, schlagen die Bühnen die Umwidmung des bereits eingeplanten Sonderzuschusses in Höhe von je 250 T€ (statt 300 T€) für die Spielzeiten 2019/20 und 2020/21 vor. Begründung der Dringlichkeit Der Beschlus s über die Festsetzung bzw. Umwidmung der Mittel muss vor den Spielzeitferien der Bühnen (ab 13. Juli 2019) getroffen werden, um die künstlerische Planung rechtzeitig umsetzen und die entsprechenden Verträge abschließen zu können. Anlage Dossier zu „Ri chard Siegal / Ballet of Difference“ mit ausführlichen Informationen zur Kompanie und der Kooperation
Anlage 1_Dossier_Richard Siegal_Ballet Of Difference_Stand_Juni_2019
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Richard Siegal / Ballet of Difference Ein städte- und länderübergreifendes Projekt Köln – München Schauspiel Köln und Tanz Köln Gefördert im Rahmen von NEUE WEGE durch das NRW KULTURsekretariat und das Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes NRW. Gefördert durch das Kulturreferat der Landeshauptstadt München und durch die Kunststiftung NRW Eine Koproduktion mit dem Muffatwerk München Ballet of Difference | Foto: Ray Demski RICHARD SIEGAL / BALLET OF DIFFERENCE S. 03 2016 – 2018 | PILOTPHASE S. 05 2019 – 2021 | VERFESTIGUNG S. 06 2019 – 2021 | PLANENTWURF S. 08 2016 – 2018 | HISTORIE S. 19 TÄNZER*INNENPORTRÄTS - EINE AUSWAHL S. 26 PRESSESTIMMEN S. 29 Inhalt 3 RICHARD SIEGAL Der amerikanische Tänzer und Choreograf Richard Siegal versucht, in Zusammen - arbeit mit Künstler*innen unterschiedlichster Disziplinen, dem zeitgenössischen Tanz ein neues Gesicht zu geben. Richard Siegal stellte seine innovativen Projekte auf Festivals in der ganzen Welt vor und wurde hierfür mehrfach ausgezeichnet. Gründer und künstlerischer Leiter von The Bakery (2006) und Ballet of Difference (2016). Ausgezeichnet mit dem New York Dance and Performance Bessie Award, dem deutschen Theaterpreis Der Faust, S.A.C.D. Prize, a Beaumarchais, dem Mouson Award, dem Münchner Tanzpreis, und dem Danza&Danza Award als Cho - reograf des Jahres 2017, wird Richard Siegal international geachtet für eine Viel - zahl von Arbeiten wie Performances, Projekte mit Neuen Medien, Workshops und Veröffentlichungen. Er kreierte unter anderem für das Bayerische Staatsballett, GöteborgOperans Danskompani, Cedar Lake Contemporary Ballet, São Paulo Dance Company, Bodytraffic, Festival d‘Automne, The Forsythe Company, Rencontres Chorégraphiques, Ircam, Centre Pompidou, YCAM, Tanz im August, Ballett Frankfurt, Danspace/NYC, Théâtre National de Chaillot und die Ruhrtriennale. Seine Arbeiten mit Live-Musik enstanden u. a. in Zusammenarbeit mit Alberto Posadas (Glossopoeia), Diane Labrosse (Double Story), Lorenzo Bianchi (©oPirates, Homo Ludens, Black Swan, Three Stages), Eric-Maria Couturier (Op. Infinity, Homo Ludens), Wolfgang Zamistil (Homo Ludens, As If Stranger), Arto Lindsay (Muscle) und Hubert Machnik (Civic Mimic). Er arbeitet mit Architekt*innen und Industrie-Designer*innen wie Konstantin Grcic (UNITXT), François Roche (CIVIC MIMIC), Didier Faustino (STILL LIFE, THE WORLD TO DARKNESS AND TO ME), Virginie Mira (STRANGER TRILOGY, GLOSSOPOEIA), Peter Zuspan (MULTINATURAL (BLACKOUT), MUSCLE ) und Alexander Kada (Venice Bien - nale of Architecture). Die Kostüme für seine Stücke entwarfen unter anderem die Sty - listin Edda Gudmundsdottir, Modedesigner wie Bernhard Willhelm, Becca McCharen / Chromat und Marta Jakubowski oder die Kostümbildnerin Alexandra Bertaut. Richard Siegal war Artist-in-Residence am ZKM / Karlsruhe, Bennington College und an The Baryshnikov Arts Center, Festspielhaus St. Pölten und Muffatwerk / München. Von 2005 bis 2015 war er Associated Artist der Forsythe Company. Er ist ein MacDowell Fellow und Ehrenmitglied des Benois de la Danse des Bolshoi Ballet. BALLET OF DIFFERENCE Richard Siegal gründete 2016 eine neue Kompanie, die sich als Alternative zum insti - tutionalisierten Ballett der Gegenwart begreift. Die Kompanie Richard Siegal / Ballet of Difference vereint herausragender Tänzer*innen aus verschiedenen Nationen und Kulturen, die künstlerisch und gesellschaftlich so vielfältig und unterschiedlich ge - prägt wurden, das jeder ganz spezifische Fähigkeiten entwickelt hat, die er in die gemeinsamen Arbeit einfließen lässt. So stammt das Team aus 12 – 16 Tänzer*innen teilweise aus der internationalen freien Szene ebenso wie aus etablierten Kompanien. Diese künstlerische Vielschichtigkeit und Verschiedenheit ist Programm und so lotet Richard Siegal / Ballet of Difference Grenzen von dem aus, was in unserer Gesell - schaft als normal gilt. Die Kompanie ist als freie Gruppe organisiert, mit Basis in Köln und München. Sie unternimmt internationale Gastspielreisen und markiert die Grundlage von Siegals choreografischer Arbeit der nächsten Jahre. Richard Siegal / Ballet of Difference Richard Siegal Foto: Luis Alberto Rodriguez 4 MADE FOR WALKING | Foto: Ray Demski BOD | Foto: Ray Demski 5 RICHARD SIEGAL / BALLET OF DIFFERENCE ALS PROJEKTKOMPANIE IN KÖLN UND MÜNCHEN 2016 – Richard Siegal gründete mit Unterstützung des Ministeriums für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen und den Partnern Tanz Köln, Schau - spiel Köln, dem Kulturreferat der Landeshauptstadt München sowie dem Muffatwerk München seine 12-köpfige Kompanie Ballet of Difference. MAI 2017 – Mit MY GENERATION entstand der erste Abend der Kompanie, der drei - mal in München und einmal am Schauspiel Köln innerhalb der Tanzgastspielreihe des Tanz Köln gezeigt wurde. FEBRUAR 2018 – Der zweite Abend ON BODY feierte am Schauspiel Köln seine Urauf- führung. Nach drei ausverkauften Vorstellungen wurde der Abend dreimal in Mün - chen vor ausverkauften Haus, sowie zweimal im Rahmen der Tanzplattform Deutsch - land und an weiteren renommierten Gastspielhäusern in Deutschland gezeigt. FLANKIERT WURDEN DIE VORSTELLUNGEN VON VERSCHIEDENEN WORKSHOPS Unter dem Titel IF / THEN FÜR ALLE fand ein von Siegal entwickeltes Format statt, das in den beiden Partnerstädten die jeweilige lokale Tanzszene und non-Professio - nals (in Köln außerdem auch die Abteilung für Zeitgenössischen Tanz der Hochschule für Musik und Tanz Köln) in Siegals Arbeit integrierte. Darüber hinaus lancieren THOUGHT TANKS in München (Dezember 2017 und 2018) und Köln (April 2018) den wissenschaftlich philosophischen Diskurs. Offene Proben und Gespräche mit Künstler*innen geben dem Publikum einen Einblick in die Ar - beitsweise von Richard Siegal und seiner Kompanie. Mit Unterstützung des Ministeriums für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen fand im April 2018 das erste interdisziplinäre Kunstfestival NOISE SIGNAL SILENCE im Depot des Schauspiel Köln statt, welches ein heteroge - nes – vor allem junges und an Experimenten interessiertes Publikum anzog. ROUGHHOUSE EINE SPARTENÜBERGREIFENDE PRODUKTION AM SCHAUSPIEL KÖLN Am 20. Dezember 2018 erlebte unter dem Titel ROUGHHOUSE eine spartenüber - greifende Produktion mit Schauspieler*innen des Schauspiel Köln und T änzer*innen des Ballet of Difference seine Uraufführung und wurde fester Bestandteil des Re - pertoire des Schauspiel Köln. Dieses Projekt wird zusätzlich von der Kulturstiftung des Bundes gefördert. Die Produktion gastiert u. a. beim DANCE FESTIVAL 2019 in München und beim HOLLAND FESTIVAL in Amsterdam. INTERKULTURELLE FORSCHUNGEN Begleitet von einem Dokumentarfilmteam um den Regisseur Benedict Mirow unternahm Richard Siegal 2018 gemeinsam mit sechs Tänzer*innen seiner Kompanie eine Reise nach Lagos / Nigeria, die zu den Wurzeln der Choreografie UNITXT zurückführte. 2016 – 2018 | Pilotphase 6 RICHARD SIEGAL / BALLET OF DIFFERENCE ALS ASSOZIIERTE TANZKOMPA - NIE AM SCHAUSPIEL KÖLN IN KOOPERATION MIT DER STADT MÜNCHEN Ziel soll es sein, die Stadt Köln als ein internationales Zentrum für zeitgenössischen Tanz zu re-etablieren, um dem heterogenen und interdisziplinär interessierten Publi - kum in Köln Rechnung zu tragen. Die aktuelle Vielfalt der Tanzgastspiele wird mit der ganz persönlichen Handschrift des Choreografen Richard Siegal komplimentiert. Die Präsenz Siegals und des Ballet of Difference soll die ansässigen Tanzinstitutionen wie das Zentrum für zeitge - nössischen Tanz der Hochschule für Musik und Tanz Köln, das Deutsche Tanzarchiv, die Rheinische Musikschule Abteilung Tanz, die Sporthochschule Köln mit dem Ins - titut für Tanz und Bewegungskultur und die freie Tanzszene nachhaltig befruchten. Für die Kulturstadt Köln kann man nur von einem großen Gewinn sprechen, wenn durch die Unterstützung und Förderung von Richard Siegal und dem Ballet of Difference ihr Name noch weiter in die Welt hinausgetragen wird. BALLET OF DIFFERENCE EINE KOMPANIE IN KÖLN UND MÜNCHEN Richard Siegal / Ballet of Difference ist als international agierendes Netzwerk ange - legt, bei dem nicht nur Tänzer*innen, sondern darüber hinaus auch Künstler*innen anderer Disziplinen, Wissenschaftler*innen, Architekt*innen, Designer*innen und Computer-Spezialist*innen zueinander finden und gemeinsam interdisziplinäre und interkulturelle Projekte realisieren. Das kreative Zentrum von Richard Siegal / Ballet of Difference bilden derzeit zwei deutsche Städte. Auf der einen Seite München, wo Richard Siegal seine ersten Erfolge am Muffatwerk feierte, um wenig später mit Arbeiten am Bayerischen Staats- ballett internationale Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Auf der anderen Seite Köln, wo Richard Siegal mit dem Schauspiel Köln und Tanz Köln eine längerfristige Zusammenarbeit einging, deren vorläufiger Höhepunkt die spar - tenübergreifende Produktion ROUGHHOUSE (Uraufführung am 20. Dezember 2018) darstellt, bei der Tänzer*innen und Schauspieler*innen in einen künstlerischen Dia - log treten. Diese Produktion markiert den Start einer langfristigen und nachhaltigen künstlerischen Zusammenarbeit zwischen Richard Siegal / Ballet of Difference und Schauspiel Köln und Tanz Köln, bei der im Rahmen von interdisziplinären Projekten neue Ausdrucksformen performativer Künste entwickelt und lanciert werden sollen. ERWEITERUNG DES ÄSTHETISCHEN KOORDINATENFELDES Durch die Erweiterung seines ästhetischen Koordinatenfeldes um das Genre des Schauspiels, ergeben sich für Richard Siegal Möglichkeiten, die politischen, sozialen und wissenschaftlichen Diskurse, die als Elemente in seinen Arbeiten bereits ange - legt sind, noch weiter zu vertiefen. Zudem markiert die Zusammenarbeit (zwischen Zeitgenössischem Tanz, Ballett und Schauspiel auf der einen Seite, sowie der städte- und länderübergreifende Gestus auf der anderen) eine Art Pionierprojekt, dessen internationale Strahlkraft für beide Städte von Bedeutung ist. Die Städte Köln und München, können von dem Repräsentationscharakter einer zeitgenössischen inter - national relevanten und weltweit tourenden Kompanie profitieren. 2019 – 2021 | Verfestigung 7 MODELLCHARAKTER Siegals Ansatz, nicht nur unterschiedliche Kunst-Gattungen zusammenzubringen, sondern auch die freie Szene der jeweiligen Produktionsorte zu integrieren (etwa durch ein Projekt wie IF / THEN FÜR ALLE), kann zudem Modellcharakter entwickeln. Dabei spielt die Verbindung der beiden Städte Köln und München, sowie der beiden Bundesländer Nordrhein-Westfalen und Bayern eine wichtige Rolle: Durch die Ver - bindung der beiden Städte und Bundesländer ergibt sich für die oftmals lediglich lokal agierenden Gruppierungen die Möglichkeit, ihre Arbeit in unterschiedlichen Kontexten zu präsentieren und mit Gruppierungen anderer Bundesländer in direkten Austausch zu treten. Für den Zeitraum 2019 bis 2021 sind eine Vielzahl weiterer großer Projekte für Köln und München geplant, die Weichen für neue hybride Ästhetiken stellen und die Tanzstädte weltweit repräsentieren sollen. Darüber hinaus wird es eine Reihe von Workshops, Lectures und Projekten mit der freien Szene in Nordrhein-Westfalen und Bayern geben, die neue Verbindungen hervorbringen und bereits bestehende Be - ziehungen vertiefen, um schließlich eine gemeinsame Identität zu schaffen. EXCERPTS OF A FUTURE WORK ON THE SUBJECT OF CHELSEA MANNING | Foto: Ray Demski 8 RICHARD SIEGAL / BALLET OF DIFFERENCE Der Reichtum an unterschiedlichen künstlerischen Ausdrucksformen, an ästheti - schen, politischen und soziokulturellen Perspektiven, der Richard Siegal / Ballet of Difference so einzigartig erscheinen lässt und für Menschen unterschiedlicher Hinter - gründe und Genrationen attraktiv macht, soll in den kommenden Jahren noch weiter ausgebaut werden. Ziel ist es, durch eine hochfrequente Programmierung von neuen und bereits existierenden Arbeiten Richard Siegals, die Städte Köln und München als internationale Zentren des zeitgenössischen Tanzes zu etablieren. 2019 I. REPERTOIRE / TOURING Januar, Februar, Mai, Juni 2019: Repertoirevorstellungen von ROUGHHOUSE im Depot 1 des Schauspiel Köln Mai 2019: Einladung von ROUGHHOUSE zum DANCE Festival 2019 in München. Juni 2019: Einladung von ROUGHHOUSE zum HOLLAND FESTIVAL in Amsterdam. 2019: Präsentation von FROM LAGOS TO LOGOBI – INTERKULTURELLE FORSCHUN- GEN in München 2019: IF/THEN FÜR ALLE: THE MUSEUM EDITION 27. September 2019: Uraufführung von NEW OCEAN von Richard Siegal / Ballet of Difference am Schauspiel Köln Internationale Gastspiele mit NEW OCEAN II. PRODUKTIONEN ROUGHHOUSE von Richard Siegal / Ballet of Difference & Ensemble Schauspiel Köln Fünf Schauspieler*innen aus dem Kölner Ensemble und vier Tänzer*innen von Ballet of Difference stellen sich der neuen ständig präsenten und oft ver - störenden Kommunikation der postfaktischen Gesellschaft. Beide Gruppen haben für den Informationsaustausch ihre ganz eigenen „Werkzeuge“ ent - wickelt: Auf der einen Seite steht der Körper als Schnittstelle von affektiven Energien und Kräften, auf der anderen Seite der vermeintlich rationale Um - gang mit gesprochener Sprache. In ROUGHHOUSE wagen sie jenseits ihrer etablierten Ausdrucksformen den Dialog. Im Zusammentreffen dieser unter - schiedlichen Kommunikationskulturen reflektiert Richard Siegal die Medien - gesellschaft, in der rationale Argumente gegenüber emotionalen Urteilen zu - sehends abgewertet werden. Verstehen und Missverstehen werden so in ein wechselseitiges Spiel überführt, bei dem vermeintlich sichere Begriffe wie Wirklichkeit und Wahrheit in immer neuen Kontexten erscheinen. 2019 – 2021 | Planentwurf Gefördert durch: Kulturstiftung des Bundes • Kulturreferat der Landeshauptstadt München • Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nord - rhein-Westfalen Eine Koproduktion mit Tanz Köln, dem Muffatwerk München, Richard Siegal / The Bakery und Ecotpoia Dance Productions 9 FROM LAGOS TO LOGOBI – INTERKULTURELLE FORSCHUNGEN B e g l e i t e t v o n e i n e m D o k u m e n t a r fi l m t e a m u m d e n R e g i s s e u r B e n e d i c t Mirow unternahm Richard Siegal 2018 gemeinsam mit sechs Tänzer*innen seiner Kompanie eine Reise nach Lagos / Nigeria 1. Für Siegal markiert diese Reise eine Rückkehr zu den Wurzeln der Choreografie UNITXT 2. Die Urfas - sung des Stücks entstand 2012 als Workshop mit westafrikanischen Tänzer*in- nen in Lagos. Vor diesem Hintergrund wird offenbar, was sich im Blick auf die gegenwärtige Form des Stückes nicht unbedingt erschließt: UNITXT ist das Ergebnis interkultureller Übersetzungsprozesse: Vom Workshop in Lagos, bei dem die afrikanischen Tänzer*innen die Bewegungen Siegals aufnehmen und interpretieren, hin zu der Vermittlung der Resultate dieses Workshops durch Siegal an die Tänzer*innen des Bayerischen Staatsballetts. Den bisherigen Endpunkt dieser Übersetzungen von UNITXT markiert die Neuinterpretation 2018 durch das Ensemble von Richard Siegal / Ballet of Difference. Im Mai 2019 soll eine erste Veranstaltung stattfinden, die jene besondere Form der interkulturellen Kommunikation zum Thema hat. In diesem Kontext findet die Präsentation des Dokumentarfilms über Richard Siegal / Ballet of Diffe - rence statt, der u.a. auch die Lagos-Reise und den Workshop dokumentiert. Siegal und seine Tänzer*innen werden dann in einem öffentlichen Gespräch von ihren Begegnungen und Erfahrungen in Nigeria berichten. Im zweiten Teil des Abends wird Siegal auf den Tänzer Franck Edmond Yao von der El - fenbeinküste treffen, der auch Teil des Workshops in Lagos war. Zusammen mit Franck Edmond Yao wird Siegal das Stück LOGOBI (Regie: Gintersdorfer / Klaßen) aufführen. Der Austausch mit den afrikanischen Tänzer*innen soll als Ausgangspunkt für weitere Kollaborationen mit Richard Siegal / Ballet of Dif - ference in der Zukunft dienen. Inhaltlich stehen dabei die unterschiedlichen Bewegungskulturen von europäisch geprägter Balletttradition einerseits, af - rikanischen Tanztraditionen andererseits, im Zentrum. Das Stück wird voraus - sichtlich im alternativen Kunstzentrum KUNSTBLOCKBALVE (KBB) aufgeführt. 1 Die Entstehung der Kompanie Richard Siegal / Ballet of Difference wurde in den letzten Jahren durch das Nightfrog-Filmteam um Benedict Mirow dokumentiert. Der Dokumentarfilm wird derzeit in Kollaboration mit ARTE erarbeitet. 2 UNITXT, das Richard Siegal 2013 mit dem Ensemble des Bayerischen Staatsballetts zur Uraufführung brachte, markiert den Wendepunkt in Richard Siegals Karriere als Choreograf, der mit diesem Stück seine Auseinandersetzung mit dem klassischen Ballett begann. 2018 wur - de UNITXT für das unkonventionelle Ensemble von Richard Siegal / Ballet of Difference neu überarbeitet. Bis heute gilt UNITXT als Blick in die Zukunft der Kunstform Ballett und zeigt im besten Sinne, wie Tanz zur immersiven Erfahrung für die Zuschauer*innen werden kann. Workshop in Lagos / Nigeria | Foto: Nikan Ko Die Forschungsreise wurde gefördert vom Goethe-Institut 10 NEW OCEAN VON RICHARD SIEGAL / BALLET OF DIFFERENCE AM SCHAUSPIEL KÖLN CHOREOGRAFIE: RICHARD SIEGAL | URAUFFÜHRUNG: 27 SEP 2019 Mit diesem Stück wird Richard Siegal erstmals ein abendfüllendes Ballett für seine Kompanie am Schauspiel Köln erarbeiten. 3 Das Stück ist inspiriert von der choreografischen Arbeit Merce Cunninghams (1919-2009), der 2019 sei - nen 100. Geburtstag gefeiert hätte. Siegal zieht damit eine Verbindungsli - nie zum 2013 am Bayerischen Staatsballett entstandenen Abend EXITS AND ENTRANCES, in dessen Rahmen seine Arbeit UNITXT erstmals komplemen - tär zu Merce Cunninghams BIPED präsentiert wurde. Im Besonderen geht Siegal nun von Cunninghams legendärer Arbeit OCEAN aus – einer 1994 in Brüssel uraufgeführten letzten Zusammenarbeit zwischen Cunningham und dem Komponisten John Cage 4. Siegals Titel bezieht sich auf einen Satz aus Homers ILIAS, bei dem die göttliche Personifikation Okeanos nicht nur als die bewohnte Erde umgebender Strom und Vater aller Flüsse, sondern auch als Ursprung allen Lebens gilt. Inspiriert von Cunninghams Formensprache, des - sen Choreografie zirkulär organisiert und streng mathematisch in 128 Phrasen strukturiert war, versucht Siegal den Kreis als Form zu sprengen, um – als Reflex auf die ökologischen und soziopolitischen Umstände der Gegenwart – das Chaos in den Kosmos eindringen zu lassen. Musikalisch orientiert sich Siegals Auseinandersetzung mit dem ozeanischen Prinzip an John Cages ur - sprünglichen Ansatz: Als elektroakustische Neu-Komposition, die mit Origi - nal-Aufnahmen von Cages Musik arbeitet und das Publikum umhüllt, wird die Klangebene von NEW OCEAN zum immersiven Erlebnis für das Publikum. Als besonderen Gast hat Richard Siegal für diese Arbeit den 78jährigen Tänzer Gus Solomons Jr. eingeladen, der bereits im Rahmen von Siegals THREE STAGES TRILOGIE an der Ruhrtriennale (2015-2017) für begeisterte Reaktionen bei Publikum und Presse sorgte. Der 78-jährige Tänzer arbeite - te in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts intensiv mit Merce Cunningham zusammen. Während Richard Siegal / Ballet of Difference einen abstrahierten Blickwinkel auf Cunninghams ästhetische Ausdrucksformen suchen, wird Gus Solomons Jr. diese aus seiner persönlichen Erinnerung reflektieren. Auf diese Weise erscheint die Referenz an Merce Cunningham als multiperspekivischer Komplex, als Vexierspiel von Innen- und Außenansicht. 3 Anders als bei Triple-Bill-Formaten wie MY GENRATION oder ON BODY – die aus drei 20 bis 30-minütigen Teilen bestehen – markiert NEW OCEAN die erste abendfüllende Ballett-Produk - tion von Richard Siegal / Ballet of Difference. 4 OCEAN wurde 1990 – auf eine Schweizer Festival-Einladung hin – von Cage und Cunningham als gemeinsame, von James Joyce inspirierte Arbeit konzipiert. Cage plante das Werk für ein Orchester von 150 Musiker*innen, von denen jeder seine eigene Partitur mit einer eher zeitba - sierten Musikstruktur als mit Noten spielen würde. Er imaginierte seinen langjährigen Mitarbei - ter David Tudor, der zu dieser Zeit Musikdirektor für die Merce Cunningham Dance Company (MCDC) war, ein elektronisches Soundscape zu schaffen, das gleichzeitig mit der akustischen Orchestermusik live gespielt würde. Nach Cages Tod wurde die Fragment gebliebene Kompo - sition von Cages langjährigem Assistenten Andrew Culver nach den Kompositionsprinzipien des Meisters zu Ende gebracht. 11 IF/THEN FÜR ALLE: THE MUSEUM EDITION Zwischen 2008 und 2012 entwickelte Richard Siegal mit der IF/THEN-Me - thode ein eigenes choreografisches Sprachsystem, mit dem er zugleich an unterschiedlichen Diskursen der Kunst-, Medien- und Kommunikationswis - senschaften partizipierte. Im Rahmen seines Workshop-Projekts IF/THEN FÜR ALLE , das regelmäßig zwischen 2016 und 2018 in Köln und München stattfand, nahm Siegal erneut kommunikative Prozesse in den Fokus und ent - wickelte choreografische Techniken und Strategien für Vielheiten und intelli - gente Schwärme. Das Ziel von IF/THEN FÜR ALLE , einen Begegnungs- und Erfahrungsraum für Menschen unterschiedlichster Herkunft, Kultur und Ge - neration zu schaffen, löste sich auf wunderbare Weise ein. Die Zusammen - arbeit mit Laien und der freien Szene sowohl in Köln als auch in München erwies sich als Begegnung, die in beide Richtungen fruchtbar wirkte, was sich in begeisterten Rückmeldungen und zunehmenden Teilnehmer*innenzahlen einerseits, andererseits in erfolgreichen Aufführungsformaten, in denen die Workshop-Resultate präsentiert wurden. 5 Als eine von vielen Erkenntnissen, die aus diesen Versuchsanordnungen gewonnen wurden, zeigte sich der mas- sive Einfluss des Raumes auf körperliche Bewegungen genauso wie auf die Bewegungen des Denkens. Aus diesem Bewusstsein heraus, möchte Siegal das Format durch die Versetzung in neue räumliche Kontexte weiterentwi - ckeln. Anvisiert wird dabei eine Zusammenarbeit mit Münchner bzw. Kölner Kunstmuseen, durch die eine weitere Reflexionsebenen angelegt werden, die wiederum einen neuartigen interdisziplinären Dialog zwischen darstellenden und bildenden Kunstformen lancieren. 5 Der Ausgangspunkt für Siegals neuerliche Auseinandersetzung mit großen Menschengrup - pen rührte von den politischen Entwicklungen der letzten Jahre her: Während es in den letzten Jahren weltweit zu einer Vielzahl von Volksaufständen, mithin spontanen Gruppenbildungen und anschließenden Zerfallsprozessen kam, vereinten sich (mitunter als Effekt dieser Aufstän - de) wiederum große Gruppen, z.T. unterschiedlicher Stämme und Kulturen, auf ihren Flucht - linien quer durch Europa. Zentral in diesem Zusammenhang ist für Richard Siegal nach wie vor der Begriff der „Multitude“, der durch seine Renaissance in der post-marxistischen Schule um Michael Hardt, Antonio Negri und Paolo Virno vor allem die politische Dimension von Gemein - schaft untersucht (zum Begriff der Multitude, hier verstanden als „Singularitäten, die gemein - sam handeln“ vgl. Hardt, Michael und Antonio Negri: EMPIRE - DIE NEUE WELTORDNUNG . Campus 2003, Hardt, Michael und Antonio Negri: MULTITUDE. KRIEG UND DEMOKRATIE IM EMPIRE. Campus 2004, Virno, Paolo: GRAMMATIK DER MULTITUDE / DIE ENGEL UND DER GENERAL INTELLECT . Turia & Kant, 2008. In diesem Zusammenhang interessiert sich Siegal zudem für Konzepte Jean Luc Nancys, die ein „Mit-ein-ander-sein“, „Singulär-plural-sein“ vgl. Nancy, Jean-Luc: SINGULÄR PLURAL SEIN . Diaphanes: Zürich 2004) verhandeln. Vor diesem Hintergrund reflektiert IF/THEN FÜR ALLE Begriffe wie „Masse“, „Multitude“, „Vielheit“, „Ein - heit“, untersucht die Relationen zwischen den Begriffen und stellt „das Fremde“ „dem Vertrau - ten“ im Zuge kommunikativer Prozesse gegenüber. 12 2020 I. REPERTOIRE / TOURING Premiere Frühjahr 2020: LIEDGUT / NEUKREATION von Richard Siegal / Ballet of Difference am Schauspiel Köln Premiere Frühjahr 2020: METRIC DOZEN / MADE FOR WALKING / NEUKREATION von Richard Siegal / Ballet of Difference am Schauspiel Köln Premiere von BOD.Y WITHOUT ORGANS Richard Siegal / Ballet of Difference präsentieren: THE LAB #1: THE CIRCLE 2020: Präsentation von FROM L AGOS TO LOGOBI – INTERKULTURELLE FORSCHUN- GEN am Schauspiel Köln. Kooperation mit dem Prinzregenten Theater München anvisiert Internationale Gastspiele und Repertoirevorstellungen mit NEW OCEAN; LIEDGUT / NEUKREATION und METRIC DOZEN / MADE FOR WALKING / NEUKREATION II. PRODUKTIONEN LIEDGUT / NEUKREATION von Richard Siegal / Ballet of Difference am Schauspiel Köln Bei dieser Arbeit konzentriert sich Richard Siegal auf den Pop-Appeal sei - ner choreografischen Arbeit, indem er – vice versa – die Inszenierungen von Pop-Musik und Underground-Kultur einer eingehenden Analyse unterzieht 6. Für dieses Projekt wird Siegal zum ersten Mal mit der Musik des international renommierten Clubmusik-Duos Modeselektor zusammenarbeiten. Modese - lektor spielen mit Codes von subkulturellen Strömungen (Techno, Breakbeat, Urban und HipHop) und verarbeiten in ihren DJ-Sets Einflüsse unterschiedli - cher ethnischer Musikkulturen (afrikanische Rhythmen, Middle Eastern Music, etc.) bis hin zu großen Pop-Entwürfen (etwa in ihren Kollaborationen mit Thom Yorke von Radiohead). In seiner Choreografie verarbeitet Siegal Einflüsse aus HipHop-, Urban- und Club-Dance und untersucht dabei, wie ein pop-kulturel- les Gesten- und Bewegungsrepertoire Kategorien von Geschlecht und Rasse sowie die damit einhergehenden Machtverhältnisse zu unterlaufen in der Lage ist. Indem Siegal jene Underground-Codes der Straße mit Phrasen des klas - sischen Balletts reagieren lässt, provoziert er eine Implosion tradierter Unter - scheidungen zwischen E- und U-Kultur zugunsten neuer hybrider Formen. Eine Auseinandersetzung mit diesen Unterscheidungen markierte bereits die Produktion LIEDGUT, die Siegal 2014 am Hessischen Staatsballett lanciert hatte. Damals arbeitete er mit der Musik des in Chile lebenden Musikers Uwe Schmidt (alias AtomTM), dessen Kompositionen sich bewusst im ambivalenten Raum zwischen Club-, Pop- und Kunstmusik bewegen. Dessen titelgebende Komposition LIEDGUT kontextualisiert entsprechend Franz Schuberts Lied - tradition mit irritierenden Störsounds einer zunehmend digitalen Lebenswelt, die in Siegals Choreografie durch eine monolithisch anmutende Säule aus LED-Panels Ausdruck findet, die drohend über den Köpfen der Tänzer*innen schwebt und deren Bewegungen fortwährend beeinflusst. Die Choreografie wird in einer überarbeiteter Version wieder aufgenommen. 6 Vgl. Diederichsen, Diedrich: ÜBER POP-MUSIK , Kiepenheuer & Witsch , Köln 2014. Diede - richsen geht von Pop als theatralisches Zeichensystem aus, dessen kleinste Einheit die „per - formativ zu verstehende“ Pose markiert. Zentral ist sie, „weil sie etwas Neues in die Welt setzt: einen neuen Gedanken, ein neues Argument. Alle Erfindungen der Pop-Musik sind um Posen, um Ideen herumgebaut, was für ein fiktiver Mensch einer oder eine sein könnte.“ Im auf diese Weise aufscheinenden Verhältnis von Pop und Identität (bzw. der performativen Herstellung von Identitäten) treffen sich die Perspektiven Diedrichsens und Siegals, der die Pose literal als choreografisches Element versteht und im Kontext der sie umgebenden Pop-Kultur reflektiert. 13 METRIC DOZEN / MADE FOR WALKING / NEUKREATION von Richard Siegal / Ballet of Difference am Schauspiel Köln Es ist vor allem auch Bianchi-Hoeschs aufwühlender Soundtrack, der METRIC DOZEN zu einem physisch eindrücklichen Erlebnis macht. 2014 für das Ballet National de Marseille entwickelt, verdichtet abstrakte elektronische Klänge und radikale Bewegung zu einer intensiven Tour de Force, die einem die Luft zum Atmen nimmt: Spielerisch unterläuft Siegal hier Mittel des klassischen Balletts, indem er jede Bewegung sexuell auflädt und wiederum mit weite - ren Bewegungen kontextualisiert, die eher aus Underground-Techno-Clubs zu stammen scheinen, denn aus den Tanzhäusern dieser Welt. Indem er die US-amerikanische Subkultur des Voguing zitiert, greift Siegl bereits hier auf eine Tanzform zurück, die das konventionelle Verständnis von Identität (mit - hin Gender) unterläuft und stattdessen als performative Praxis hervorbringt. Den zweite Teil des Abends bildet das bereits 2017 in Köln gezeigte Stück MADE FOR WALKING . Ausgehend von afrikanischen Rhythmuskulturen hat Richard Siegal gemeinsam mit dem Komponisten Lorenzo Bianchi Hoesch ei - nen komplexen musikalischen Parcours entwickelt. Siegal choreografiert die Tänzer*innen des Ballet of Difference dabei nicht einfach zur Musik, sondern lässt sie mit ihren Körpern selbst Sounds produzieren. Aus den sich überla - gernden Bewegungs- und Klangmustern entsteht ein polyrhythmisches Zu - sammenspiel als Reflexion über Einheit und Vielheit, Gemeinschaft und Dif - ferenz. Den dreiteilige Tanzabend wird eine Neukreation Siegals abschließen. BOD.Y WITHOUT ORGANS Das ungewöhnliche Tanzprojekt BOD.Y WITHOUT ORGANS überwindet die räumliche Trennung zwischen Tänzer*innen und Publikum. Es gibt keine übergeordnete Perspektive mehr, von der aus eine ganzheitliche Sicht oder Orientierung möglich wäre. Vielmehr findet der Tanz zwischen den Zuschau - er*innen – daneben, dahinter, um sie herum – statt. Anvisiert wird eine Zu - sammenarbeit mit einem Münchner Kunstmuseum. Als Kunstmuseum, finden sich hier etablierte Pfade und Sichtachsen, die bestimmte Perspektiven auf Kunst und damit Relationen zu Kunstwerken herstellen. Mit diesen spielt der Choreograf Richard Siegal, in dem er sie durch die Tänzer*innen nachzeich - nen lässt, sie bestätigt oder verwirft, und sie in ein Spiel überführt. Für BOD.Y WITHOUT ORGANS erarbeitet Siegal mit seinen Tänzer*innen ein künstlich lernendes Tanzsystem, inspiriert von den Strukturen einer Ar - tificial Intelligence. Jede / r singuläre Tänzer*in verfügt dabei über ein jeweils eigenes Bewegungsrepertoire, mit dem sie oder er mit anderen Tänzer*in - nen in Kontakt treten kann. Kommt ein solcher Kontakt zustande, so entsteht ein Potenzial, so dass beide Tänzer*innen von der oder dem jeweils ande - ren bestimmte Bewegungen lernen können, die sie in der Folge an weitere Tänzer*innen weitergeben können. RICHARD SIEGAL / BALLET OF DIFFERENCE PRÄSENTIEREN: THE LAB #1: THE CIRCLE Mit neuen Education-Formaten unter dem Titel THE LAB widmet sich Richard Siegal / Ballet of Difference in Zukunft verstärkt der Weitergabe und Vermitt - lung von Tanz-Wissen sowohl an Professionals als auch Nicht-Professionals. Ziel ist es, die über viele Jahre gewonnenen Erkenntnisse zum bewegten menschlichen Körper und dessen Potenzialen an andere, vor allem jüngere Generationen, weiterzugeben. Um eine adäquate Lehrstruktur schaffen zu können, wird der Grundstein von THE LAB bei mehreren dreitägigen Work - shops mit Experten unterschiedlicher Provenienz gelegt, die in München (Studios Muffatwerk) und Köln (Probebühne Schauspiel Köln) stattfinden. THE WORLD TO DARKNESS AND TO ME Foto: Thomas Aurin METRIC DOZEN Foto: Wilfried Hösl 14 Die erarbeiteten Formate werden dann im Rahmen von THE LAB Blocksemi - naren von Richard Siegal selbst und selektierten Tänzer*innen der Kompanie weitergegeben (die nach der Workshop-Phase als Lehrer der The-Circle-Me - thode fungieren können). In München wird für die neuen Lehrangebote von Richard Siegal / Ballet of Difference eine Zusammenarbeit mit der Theater - akademie August Everding anvisiert. Der erste Fokus des Vermittlungsangebots THE LAB ist mit dem Titel THE CIRCLE versehen und richtet sich dezidiert an Non-Professionals. The Circ - le bezeichnet eine von Richard Siegal entwickelte Körpertechnik, die Geist und Körper in ein gesundes Verhältnis setzt, und die als tägliche Übung prak - tiziert werden kann. Sie verbindet Elemente des zeitgenössischen Tanzes, des rhythmischen Tanzes, afrikanischer Tanzformen, der Automassage, der Gyrokinesis (nach der Methode von Julio Horvath und Hillary Cartwright), der Sportwissenschaften, sowie bestimmte Aspekte von Stimmtraining und Atemübungen. THE CIRCLE konzentriert sich dabei auch auf Bewusstseins - aspekte, mithin die Frage nach dem Verhältnis von Selbst und Raum sowie Selbst und anderen. Im Rahmen der Workshops zu THE CIRCLE arbeitet Richard Siegal / Ballet of Difference mit Dr. med. Elisabeth Exner-Grave zusammen, die als Oberärztin der Orthopädie in Gelsenkirchen, als Leiterin des Kompetenzzentrums Tanz - Medizin und als Teil des Ärzteteams medicos.AufSchalke 7 über umfassende Erfahrungen und Expertise verfügt. Darüber hinaus als Teilnehmer bestätigt ist Patrick Rump, Leiter des interdisziplinären Gjuum-Kollektivs, das sich auf eine sportmedizinische Betreuung performativer Künste spezialisiert hat 8. Nach dem diskursiven Workshop-Teil, der Expert*innen und Tänzer*innen vorbehalten ist, findet täglich ein praxisorientierter Workshop statt, bei dem THE CIRCLE gemeinsam mit Non-Professionals praktisch erprobt und ent - wickelt wird. 7 medicos.AufSchalke ist ein interdisziplinäres Rehabilitations-, Sport- und Gesundheitszent - rum. Als offizieller Gesundheitspartner des FC Schalke 04 vereint das Haus ambulante orthopä - dische, kardiologische, psychosomatische und berufsorientierte Rehabilitation, Prävention und Sport. Formuliertes Ziel des Kompetenzzentrums ist die Wiederherstellung, der Erhalt und der Ausbau geistiger und körperlicher Kräfte. 8 Gjuum Science and Art versteht sich als Plattform, Netzwerk und Social Lab im Bereich Sport und Kultur. Als Kollektiv bestehend aus Wissenschaftler*innen, Therapeut*innen, Sportler*in - nen und Künstler*innen unterstützt Gjuum Künstler*innen von der Entwicklung einer Choreo - grafie bis zur täglichen Performance auf der Bühne. 15 2021 I. REPERTOIRE / TOURING 2021: Uraufführung von YOUNG CHOREOGRAPHER’S EVENING Richard Siegal / Ballet of Difference präsentieren : THE LAB #2: IF / THEN METHOD GLOSSARY Premiere: UNITXT AFRICAN DRUMS EDITION / IN A LANDSCAPE / NEUKREATION Premiere: SOLO FOR RICHARD SIEGAL Kooperation mit dem Prinzregenten Theater München anvisiert Internationale Gastspiele und Repertoirevorstellungen mit NEW OCEAN; LIEDGUT / NEUKREATION und METRIC DOZEN / MADE FOR WALKING / NEUKREATION II. PRODUKTIONEN YOUNG CHOREOGRAPHER’S EVENING 2021 soll der erste Y OUNG CHOREOGRAPHER’S EVENING von Richard Sie - gal / Ballet of Difference stattfinden. In diesem Rahmen will Richard Siegal die choreografischen Talente seiner Tänzer*innen fördern und ihnen eine Platt - form bieten, sich künstlerisch auszudrücken. Der Abend steht genauso wie die Veranstaltungen von THE LAB und IF / THEN FÜR ALLE im Zeichen der neuen edukativen Dimension von Richard Siegal / Ballet of Difference. Für Siegal funktioniert die Kompanie auf zwei parallelen Ebenen: Einerseits geht es um die Produktion neuer choreografischer Werke, die das ästhetische Pro - fil der Kompanie schärfen und permanent in neue Richtungen ausdehnen. Andererseits geht es um die Vermittlung einer choreografischen Grammatik, die auch von den Tänzer*innen als kreatives Potenzial für weitere Arbeiten genutzt werden soll. Siegal ist sich der Verantwortung gegenüber nachfol - genden Generationen von Choreograf*innen bewusst – nicht zuletzt weil er selbst als Tänzer des Ballett Frankfurt von William Forsythe die Gelegenheit erhielt, sich als Choreograf zu beweisen. BOD-Tänzer*innen wie etwa der Ita - liener Diego Tortelli, der bereits selbstständig erste Gehversuche in diesem Feld gemacht hat. Durch das Framing einer Veranstaltung wie den Y OUNG CHOREOGRAPHER’S EVENING, der den Ensemblemitgliedern nicht nur Coa- chings, sondern auch geschützte Probenbedingungen und finanzielle Mittel für ihre eigenen Arbeiten zur Verfügung stellt, legt Richard Siegal mit einer solchen Veranstaltung den Grundstein für die nachhaltige Weiterentwicklung seiner Tänzer*innen zu Choreograf*innen. Nicht zuletzt weist Richard Siegal / Ballet of Difference mit dem YOUNG CHOREOGRAPHER’S EVENING pers- pektivisch in die Zukunft der Kompanie. RICHARD SIEGAL / BALLET OF DIFFERENCE PRÄSENTIEREN: THE LAB #2: IF / THEN METHOD GLOSSARY Die zweite Ausgabe des edukativen Projekts THE LAB setzt den Fokus auf die 2005 von Richard Siegal entwickelte und mit dem SACD Preis des Mona - co Dance Forum ausgezeichnete IF / THEN Methode: Diese markiert ein an der Programmiersprache in der digitalen Computertechnik orientiertes cho - reografisches Prinzip, das auf einem dialogischen System beruht. Es handelt sich dabei um ein aus den Bereichen der Informatik und Computerspiele ab - geleitetes choreografisches, offenes Regelsystem zur Erarbeitung von multi - medialen Performances, in denen Tanz, Video, Musik, Sprache und digitale Technologien nach bestimmten Parametern zueinander in Beziehung gesetzt werden. Zur Zeit der Entstehung der IF/THEN Methode arbeitete Richard 16 Siegal im Rahmen seiner interdisziplinären Arbeitsplattform The Bakery mit Künstler*innen und Wissenschaftler*innen aus unterschiedlichen Bereichen an der Untersuchung kommunikativer Prozesse. Gewissermaßen als Neben - produkt der IF / THEN Methode entstand eine Sammlung unterschiedlicher Ausdrucksformen des Körpers. Auf diesen Forschungsergebnissen fußend, sucht THE LAB #2: IF / THEN METHOD GLOSSARY nach Prinzipien, auf denen jede Form von Kommunikation stattfindet – beobachtet in Körpern, die non - verbal miteinander kommunizieren. Diese Prinzipien sollen nun systematisch untersucht und kartografiert werden. Im Fokus stehen dabei nicht nur struk - turelle Parameter, die ein Sprachsystem ordnen, sondern die Auseinander - setzung mit irregulären Fällen, die das Regelwerk unterlaufen und in Frage stellen sowie nicht zuletzt auch Fragestellungen, die das (menschliche) Er - lernen eines solchen Systems betreffen. Als ästhetisches Produkt wird eine Buchpublikation angestrebt, die das Glossar dieser körperlichen Ausdrucks - formen in Wort und Bild festhält. Die Workshopphase – ähnlich wie bereits bei THE LAB #1 – b r i n g t u n t e r- schiedliche Expert*innen mit dem Ensemble von Richard Siegal / Ballet of Difference und Non-Professionals zusammen. Im Rahmen dieser Workshops werden die einzelnen Elemente eines Sprachsystems diskursiv analysiert und mit Hilfe der Tänzer*innen (Professionals und Non-Professionals) praktisch erprobt. Hier erfolgt die Planung und Strukturierung eines solchen Glossars gemeinsam mit Sprachwissenschaftler*innen, Spieltheoretiker*innen und Programmierer*innen für Systeme künstlicher Intelligenz. Für die praktische Erforschung, die ebenfalls im Rahmen der Workshops stattfindet, erfolgt eine Ausschreibung, für die sich vornehmlich Professionals (Tänzer*innen und Tanzwissenschaftler*innen) weltweit bewerben können. UNITXT AFRICAN DRUMS EDITION / IN A LANDSCAPE / NEUKREATION Nachdem Richard Siegals Opus Magnum UNITXT 2018 für das Ballet-of-Diffe- rence-Ensemble umgearbeitet und ins Repertoire der Kompanie aufgenom - men wurde, begaben sich Richard Siegal und seine Tänzer*innen im selben Jahr auf Spurensuche nach den afrikanischen Wurzeln des Stückes (vgl. FROM LAGOS TO LOGOBI – INTERKULTURELLE FORSCHUNGEN). Im Rahmen des Workshops in Lagos / Nigeria entstand bei Richard Siegal der Wunsch nach einer letzten Überschreibung des Stückes, das bereits so viele Transforma - tionen erfahren hat. Siegal möchte zwei der westafrikanischen Tänzer*innen, die an dem Workshop 2018 teilnahmen, fest ins Ballet-of-Difference-Ensem - ble aufnehmen. Auf diese Weise wird das Bewegungsrepertoire der Kom - panie noch einmal in eine neue Richtung erweitert, während auf diskursiver Ebene viel diskutierte Fragestellungen zu C ULTURAL APPROPRIATION auf unterschiedlichen Ebenen neu reflektiert werden können 10. Indem nun die afrikanische Kultur nicht mehr nur als Inspiration und Diskursgrundlage fun - giert, sondern unmittelbar am Diskurs teilnimmt bzw. mit den afrikanische Tänzer*innen direkt an der Entstehung der Ästhetik partizipiert, entsteht ein neues Kräfteverhältnis, das in die Zukunft weist. Auch die Musik bleibt von dieser Entwicklung nicht unberührt. Die digitalen Techno-Klänge Alva Notos, die die Ästhetik von UNITXT nachhaltig geprägt haben, weisen eine entfernte Verwandtschaft zu afrikanischen Drum-Kulturen auf11. Die nun entstehende neu Version von UNITXT übergibt die Komposition Alva Notos an ein nigerianisches Drum Ensemble, die die digitale Ästhetik in eine analoge Live-Performance übersetzen werden. UNITXT erfährt auf diese Weise eine letzte Überschreibung und präsentiert sich vielschichtig und mul - tiperspektivisch als interkultureller ästhetischer Dialog des 21. Jahrhunderts. 10 Die erwähnten Fragestellungen sind einigen BOD-Produktionen inhärent – allen voran UNITXT (durch die Entstehungsgeschichte in Nigeria), aber auch MADE FOR WALKING (als choreografische Reflexion afrikanischer Rhythmuskulturen). 11 Letztlich lässt sich die Repetition westlicher elektronischer Musik zumindest mittelbar auf Inspiration durch außereuropäische ethnische Musikkulturen zurückführen. So beruft sich Alva Noto auf Einflüsse wie die Minimal Music eines Terry Riley oder Steve Reich, die direkt von afrikanischer oder indonesischer (auf Wiederholungsprinzipien aufgebauter) Musik beeinflusst waren. Techno selbst entstand in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts als schwarze Subkultur in den marginalisierten Gegenden Detroits und nahm vor allem in den Anfangstagen explizit Bezug zur afrikanischen Diaspora. 17 IN A LANDSCAPE | Foto: Wilfried Hösl Als Kontrapunkt steht dem eine andere Arbeit Siegals gegenüber, die von der Musik Alva Notos ausgeht: Das 2016 entstandene Ballett I N A LAND - SCAPE, das im Rahmen des PORTRAIT RICHARD SIEGAL an der Bayerischen Staatsoper für Begeisterung sorgte, fußt musikalisch auf einer Zusammenar - beit Alva Notos mit dem japanischen Komponisten Ryuichi Sakamoto, dessen Klänge weniger an afrikanischen Rhythmen, denn an fernöstlicher Zen-Phi - losophie orientiert sind. Zur Klaviermusik Sakamotos, elektronisch verfrem - det von Alva Noto, entschleunigt Richard Siegal hier seine ansonsten rasend schnellen Bewegungen zu einer klaren Form voller Leerstellen, während die Dekonstruktionen subtil bleiben. Die futuristischen Kostüme und eine umher - fliegende Drone setzen die Perspektive in einer nicht allzu fernen Zukunft an, in der über klassische Balletttradition meditiert wird. Mit der Überarbeitung von IN A LANDSCAPE für das Ballet-of-Difference-Ensemble wird das Reper - toire der Kompanie um ein weiteres Meisterwerk Richard Siegals erweitert. SOLO FOR RICHARD SIEGAL Zum Abschluss des dreijährigen Programms wird Richard Siegal sein erstes Solo seit acht Jahren präsentieren. Siegal, der 2018 seinen 50. Geburtstag feierte, knüpft dabei an sein von Presse und Publikum begeistert aufgenom - mene Solo BLACK SWAN (2013) an. Richard Siegal hat vor, mit seiner Rückkehr auf die Bühne eine sehr persönliche und intime Arbeit abzuliefern. 18 Manifesto Yes to ballet Yes to difference Yes to constant transformation Yes to the body Yes to the mind Yes to color Yes to diversity Yes to equality Yes to inclusion Yes to multitude Yes to fluid identities Yes to fluid genders Yes to love Yes to sexuality Yes to intensity Yes to trance Yes to trans Yes to transcendence Yes to gravity Yes to the virtual Yes to the digital Yes to the spiritual Yes to the physical Yes to the worst of all possible worlds Yes to the future Yes to life 19 MY GENERATION Den Startschuss für Richard Siegal / Ballet of Difference markierte der dreiteilige Tanzabend MY GENERATION, der mit zwei Uraufführungen aufwartete. Programma - tisch wurden hier die sozialen und politischen Fragestellungen der neuen Kompanie formuliert. Außerdem manifestierte sich bereits in diesen drei Stücken die einzigarti - ge und aufregende Ästhetik des Richard Siegal / Ballet of Difference. BOD, kurz für Ballet of Difference, ist das signature piece von Richard Siegal / Ballet of Difference. Die Tänzer*innen stellen sich vor – als Gruppe wie als Individuen –, und präsentieren dabei ihre jeweils unterschiedlichen ästhetischen und kulturellen Prägungen. Aufblasbare Kostüme, entworfen von der New Yorker Modedesignerin Becca McCharen-Tran, überformen die Körper und hinterfragen traditionelle Zu - schreibungen von Ethnie und Geschlecht. Zu den arabisch beeinflussten Beats von DJ Haram, einer US-Amerikanerin mit Wurzeln im Mittleren Osten, wirbeln die Tän - zer*innen durch den Raum und formulieren die freudvolle Utopie einer kulturell reich- haltigen Zukunft. Mit EXCERPTS OF A FUTURE WORK ON THE SUBJECT OF CHELSEA MANNING erarbeitete Siegal ein Stück über die Whistleblowerin Chelsea Manning, die 2010 Tausende von geheimen militärischen Dokumenten über Menschenrechts - verstöße an Wikileaks weitergeleitet hatte. Damals unter dem Namen Brad - ley Manning Mitglied der US-Streitkräfte, vollzog sie ihre Geschlechtsumwand - lung im anschließenden Militärvollzug und wurde von Präsident Barack Obama in einer seiner letzten Amtshandlungen begnadigt. Richard Siegals emotional auf - geladenes Ballett setzt dem rigiden heteronormativen System des US-Militärs ein fluides Identitätskonzept und das Ideal eines freien Informationsflusses entgegen. POP HD ist die neu für Richard Siegal / Ballet of Difference bearbeitete Version der Choreografie MY GENERATION, die Richard Siegal 2015 für das Cedar Lake Contem- porary Ballet in New York schuf. Zu den hintergründigen elektronischen Kompositionen des in Chile lebenden Musikers Atom™ und in den grell überzeichneten Kostümen des Mode-Designers Bernhard Willhelm wagt Siegal mit dieser Arbeit eine augenzwinkern- de und ästhetisch überbordende Reflexion des Pop-Business der Gegenwart. 2016 – 2018 | Historie Premiere 11. Mai 2017 Muffatwerk München 14. Juli 2017 Schauspiel Köln BoD | Foto: Ray Demski EXCERPTS OF A FUTURE WORK ON THE SUBJECT OF CHELSEA MANNING | Foto: Ray Demski POP HD | Foto: Ray Demski 20 ON BODY Der zweite, ebenfalls dreiteilige Ballettabend des amerikanischen Star-Choreogra - fen: Mit ON BODY bewegt sich Richard Siegal / Ballet of Difference weiter entlang der Grenzlinien unserer sich so rapide wandelnden Gesellschaft. Umrahmt von den beiden energiegeladenen Produktionen für die ganze Company, steht die Uraufführung MADE FOR WALKING . Ausgehend von afrikanischen Rhyth - muskulturen hat Richard Siegal gemeinsam mit dem Komponisten Lorenzo Bianchi Hoesch einen komplexen musikalischen Parcours entwickelt. Siegal choreografiert die Tänzer des Ballet of Difference dabei nicht einfach zur Musik, sondern lässt sie mit ihren Körpern selbst Sounds produzieren. Aus den sich überlagernden Bewegungs- und Klangmustern entsteht ein polyrhythmisches Zusammenspiel als Reflexion über Einheit und Vielheit, Gemeinschaft und Differenz. UNITXT nahm bei seiner Uraufführung 2013 künftige Ballettformen vorweg und eta - blierte Richard Siegal als den Protagonisten einer neuen Generation von Choreo - graf*innen. UNITXT, ursprünglich mit Tänzer*innen aus Westafrika und dem Bayeri - schen Staatsballett kreiert, oszilliert zu den Beats des Elektronik-Avantgardisten Alva Noto zwischen klassischem Ballett und Technoclub. Im Rahmen von ON BODY wurde diese innovative Arbeit für das unkonventionelle Ensemble des Ballet of Difference neu überarbeitet. BOD, das programmatische Eröffnungsstück der neuen Kompanie, feiert die Vielfalt und stellt die heterogenen Biografien, singulären Erscheinungsformen und unter - schiedlichen Stile der Tänzer*innen in den Mittelpunkt. BOD | Foto: Ray Demski UNITXT | Foto: Ray Demski Premiere 22. Februar 2018 Schauspiel Köln, weitere Vorstellungen 23.+24.2. 1.-3. März 2018 Muffatwerk München BOD | Foto: Ray Demski 21 ROUGHHOUSE von Richard Siegal / Ballet of Difference & Ensemble Schauspiel Köln Fünf Schauspieler*innen aus dem Kölner Ensemble und vier Tänzer*innen von Ballet of Diffenerce stellen sich der neuen ständig präsenten und oft verstörenden welt - weiten Kommunikation der postfaktischen Gesellschaft. Beide Gruppen haben für den Informationsaustausch ihre ganz eigenen „Werkzeuge“ entwickelt: Auf der ei - nen Seite steht der Körper als Schnittstelle von affektiven Energien und Kräften, auf der anderen Seite der vermeintlich rationale Umgang mit gesprochener Sprache. In ROUGHHOUSE wagen sie jenseits ihrer etablierten Ausdrucksformen den Dialog. Im Zusammentreffen dieser unterschiedlichen Kommunikationskulturen reflektiert Richard Siegal die Mediengesellschaft, in der rationale Argumente gegenüber emo - tionalen Urteilen zusehends abgewertet werden. Verstehen und Missverstehen wer - den so in ein wechselseitiges Spiel überführt, bei dem vermeintlich sichere Begriffe wie Wirklichkeit und Wahrheit in immer neuen Kontexten erscheinen. Eine Koproduktion mit Tanz Köln, dem Muffatwerk München, Richard Siegal / The Bakery und Ecotpoia Dance Productions Premiere 20.12.2018 Schauspielhaus Köln weitere Vorstellungen 21.+22.12. und in 2019 Mai 2019 Festival DANCE 2019 München Juni 2019 HOLLAND FESTIVAL 2019 in Amsterdam. Gefördert durch: Kulturstiftung des Bundes • Kulturreferat der Landeshauptstadt München • Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nord - rhein-Westfalen WORKSHOP: IF / THEN FÜR ALLE Mit seinem Workshop-Projekt IF / THEN FÜR ALLE , das zwischen 2016 und 2018 jährlich in Köln und München stattfindet, nimmt Siegal kommunikative Prozesse in den Fokus. IF / THEN FÜR ALLE ist als community piece konzipiert, bei dem ein Begegnungs- und Erfahrungsraum für Menschen unterschiedlichster Herkunft, Kultur und Generation geschaffen wird. Richard Siegal möchte in diesem Kontext seine IF / THEN-Methode für kommunikative Prozesse innerhalb einer vergleichs - weise großen und in sich heterogenen Gruppe von Menschen fruchtbar machen (Siegal spricht von einer „choreografierten Vielheit“): Jugendliche, Schüler, Laien und Professionals, aber auch unterschiedliche bestehende Gruppen, wie Volkstanz- oder Street-Dance-Formationen partizipieren bei diesem Projekt. Im Rahmen von IF / THEN FÜR ALLE sucht Richard Siegal nach Möglichkeiten der engen Zusammenarbeit mit der freien Szene sowohl in Köln als auch in München. Durch die intensive Kollaboration mit unterschiedlichen Stilen und Bewegungsspra - chen kommt es zu einer Durchdringung unterschiedlicher Arbeits- und Probeweisen, die in die Erschließung neuer und unbekannter Ästhetiken mündet. IF / THEN FÜR ALLE | Foto: Stephanie Felber 22 INTERDISZIPLINÄRE ANSÄTZE: MUSIK, VISUAL ARTS UND WISSENSCHAFT Neben dem wegweisenden Crossover-Projekt ROUGHHOUSE zieht Richard Siegal / Ballet of Difference auf vielfache Weise Verbindungslinien zu anderen Künsten und wissenschaftlichen Disziplinen. Auf diese Weise entsteht ein einzigartiger Austausch zwischen Schaffenden aus unterschiedlicheren Bereichen, der in beide Richtungen befruchtend wirkt. Foto: Michael Saup Foto: Selma Lampart Foto: Selma Lampart 23 THOUGHT TANK Als zeitgenössische Ballett-Kompanie setzt Richard Siegal / Ballet of Difference das Ideal kultureller, ethnischer und sexueller Diversität als zentralen Grundsatz. Für Siegal und seine Kompanie gibt es eine ethische Dimension ästhetischer Erfahrun - gen – Kunst kann Gesellschaft verbessern. Im Rahmen des neu entwickelten Formats THOUGHT TANK wird Tanz in einen politisch aufgeladenen, gesprochenen Diskurs eingebettet. Dabei wird der Körper als Ort des Denkens definiert. THOUGHT TANK ist gleichermaßen Bewegung, moderierte Diskussion, Musik und Theater. Ästhetische Praxis und Reflexion durchdringen sich auf diese Weise wech - selseitig. Sinnlich erfahrbare Elemente des THOUGHT TANKS wie Choreografie und Musik stimulieren und inspirieren den parallel stattfindenden Diskurs, während die ausgesprochenen Statements und Beobachtungen wiederum Material für Bewegung und Musik bilden. Auf diese Weise präsentiert sich der THOUGHT TANK als Misch - form aus partizipativem Tanz, sozialer Skulptur und reflektierendem Gespräch. „Ein besonderes Ereignis / Format / Raum zum Bewegen, Denken und Reflektieren … Impulse ohne Impulsreferate und endlose Podiumsdiskussionen … konsequentes Anhalten … sich Inhalten, Erfahrungen, Formen und Ausdruck stellen … Haltung einnehmen … rhetorisch, körperlich, musikalisch, visuell – im Austausch … hybrid, durchlässig, mutig und offen … ein Format im Prozess, eine Chance für performative arts, das Ballet und die Kunst …“ Ursula Teich „Natürlich kann ich nicht für alle sprechen, aber dem Ausdruck verleihen, was ich in allen Gesichtern gelesen habe – dass wir an einem sehr besonderen, spannen - den und reibungslos organisierten Event teilnehmen durften, von dem etwas bleiben wird. Darum vielen Dank!“ Michael Steinbusch Fotos: Selma Lampart 24 NOISE SIGNAL SILENCE – DAS MEDIENKUNST FESTIVAL Am 29.10.2016 fand in München und am 28.04.2018 in Köln das neuartige Medien - kunstformat NOISE SIGNAL SILENCE statt. Zwischen Videoinstallationen und audio - visuellen Konzerten bewegen sich Siegal / Ballet of Difference an der Schwelle von analoger und digitaler Welt: Hoch- und Popkultur, Kunst und Wissenschaft durch - dringen sich hier wechselseitig. „So kann Ballett in diesen Tagen auch aussehen“ (Süddeutsche Zeitung) „intense, powerful and consistently engaging“ (Dance Europe) Um eine noch größere Vielzahl an neuen Verbindungslinien zu generieren, vermischt Richard Siegal die einzelnen Formate zu hybriden Veranstaltungen, die nicht mehr in den traditionellen Kategorien aufgehen. Auf diese Weise wuchs THOUGHT TANK – ursprünglich als reines Gesprächsformat gedacht – zuerst mit IF / THEN FÜR ALLE zusammen, um Kunst und Kunstreflexion einander näher zu bringen (München 2017). In einem zweiten Schritt verband sich dann beides mit NOISE SIGNAL SILENCE (Köln 2018), bei dem auf den performativen THOUGHT TANK auch choreografische Inter - ventionen der IF / THEN FÜR ALLE Teilnehmer*innen, etwa bei Konzerten, erfolgen. In diesem Rahmen zeigt Richard Siegal / Ballet of Difference sich in seiner Vielgestal - tigkeit, die neben Tanzliebhaber*innen auch junge Menschen, die sonst wenig mit Theater und Kunst zu tun haben, anzieht und begeistert. Fotos: Selma Lampart 25 26 CLAUDIA ORTIZ ARRAIZA – TANZ Claudia Ortiz Arraiza ist in Puerto Rico geboren. Ihre Ausbildung genoss sie am Conservatorio de Ballet Concierto de Puerto Rico unter der Leitung von Carlota Carrera. Zu ihren weiteren Lehrern zählten auch Lourdes Gómez, Alex Ursuliak und Konstanze Vernon. Nach ihrem Studium tanzte sie bis 2010 zuerst direkt für das de Ballet Concierto de Puerto Rico und wechselte danach nach München zum Junior Ballett des Bayerischen Staatsballetts, wo sie unter anderem in Choreografien von Richard Siegal, Jiří Kylián, Nacho Duato mitwirkte. 2013 wurde sie in die Hauptkom - panie aufgenommen und tanzte in diesem Zusammenhang in Siegals UNITXT oder Russel Maliphants SPIRAL PASS . Seit 2014 ist sie als Solistin beim Hessischen Staats - ballett in Wiesbaden unter Vertrag. Tim Plegge besetzte sie dort für die Cinderella und auch als deren Stiefschwester in seiner Produktion CINDERELLA . Zu ihren wei - teren Arbeiten für das Hessische Staatsballett zählen auch Siegals LIEDGUT , WALK ABOVE von Itzik Galili oder TRANSPARENT CLOUD von Marguerite Donlon. Seit 2017 ist sie Tänzerin bei Richard Siegal / Ballet of Difference. LÉONARD ENGEL – TANZ Léonard Engel ist gebürtiger Franzose und besuchte die Ballettschule der Pariser Oper. Im letzten Ausbildungsjahr tanzte er in CINDERELLA im Ballett der Pariser Oper. Anschließend bekam er 2005 sein erstes Engagement beim Victor Ullate Ballet Madrid und blieb dort für drei Spielzeiten. Von 2008 bis 2016 war Léonard Engel beim Bayerischen Staatsballett engagiert. Zunächst als Gruppentänzer, folgte im Juli 2012 die Ernennung zum Halbsolisten und mit Beginn der Spielzeit 2014 / 2015 die Ernen - nung zum Solisten. Seit 2017 ist er Tänzer bei Richard Siegal / Ballet of Difference. DIEGO TORTELLI – TANZ Geboren 1987 in Brescia (I), begann Diego Tortelli am Studio 76 unter der Anleitung von Alessandra Angiolani zu tanzen und setzte dies an der Accademia Nazionale di Roma fort. Mit 16 trat er in die Schule der Scala in Mailand ein und schloss seine Studien mit 19 bei Wayne Byars am Studio Harmonic in Paris ab. Im selben Jahr zog er nach Valencia (ES), wo er am Teatre de la Generalitat arbeitete. Nach drei lehrreichen Spielzeiten wurde er Mitglied des Luna Negra Dance Theater in Chicago (USA) unter der Leitung von Gustavo Ramirez Sansa - no. Ab 2012 tanzte er am Nationalballett von Marseille unter der Leitung von Frédéric Flamand. Diego Tortelli hat mit Choreografen wie Asun Noales, Gustavo Ramìrez, Nacho Duato, Ramòn Oller, Fernando Hernando Madagan, Emio Grego, Lucinda Child, Jiří Kylián, Frederic Flamand, Olivier Duboi und Richard Siegal zusammengearbeitet. 2015 verließ er das Nationalballett in Marseille um freischaffend zu arbeiten. Er stu - dierte Frédéric Flamands ORPHÉE ET EURYDICE mit dem Teatro Massimo in Palermo ein, arbeitete dort auch als Ballettmeister und gründete Kor’sia, eine Vereinigung mit drei anderen Künstlern in Madrid. Im Auftrag für Luna Negra Chicago, Norrdans und für das Gärtnerplatztheater entwarf er Kostüme. Er choreografierte für Intro - dans und Compañia Nacional de Danza / Madrid, Teatro Massimo in Palermo und für Eko dance project / Pompea Santoro. Er tanzte am Korzo in Den Haag und mit MM Dance in Reggio Emilia, als Gast - tänzer beim Bayerischen Staatsballett und freischaffend auch für Richard Siegal / The Bakery und kreiert seine eigenen Choreografien. Er ist seit 2017 Tänzer und Bal - lettmeister bei Richard Siegal / Ballet of Difference Tänzer*innenportraits - Eine Auswahl 27 ZUZANA ZAHRADNÍKOVÁ – TANZ Zuzana Zahradníková, geboren in Olomouc, Mähren, erhielt ihre Ausbildung am Prager Konservatorium. Schon während der Schulzeit tanzte sie kleinere Solorollen in DER NUSSKNACKER und LA FILLE MAL GARDÉE und gastierte am Theater in Brünn. Beim Ballettwettbewerb in Wien und beim Nurejew-Wettbewerb in Budapest wur - de sie Finalistin, beim Japanischen Ballettwettbewerb in Nagoya Halbfinalistin. Sie tanzte bei verschiedenen Gala-Abenden, unter anderem 1997 und 1998 bei der Birgit-Keil-Stiftung in Ludwigsburg, 1998 beim Gala-Abend anlässlich der Verleihung des Deutschen Tanzpreises an Birgit Keil und 1999 bei der Nurejew-Gedächtnis-Gala in Budapest. Nachdem sie 1999 als Volontärin nach München gekommen war, wurde sie mit der folgenden Spielzeit ins Corps de ballet des Bayerischen Staatsballetts engagiert und tanzte im Herbst 2002 in Ray Barras SCHWANENSEE ihre erste Solo - partie. Es folgten weitere Solo-Partien in PETIPA / BARTS LA BAYADÈRE, DON QUI - CHOTE, George Balanchines BRAHMS-SCHÖNBERG-QUARTETT sowie die Weiße Dame in Barras RAYMONDA . 2003 tanzte sie die Hermia in Neumeiers SOMMER - NACHTSTRAUM, die Brautmutter in Kyliáns SVADEBKA und in Forsythes THE SE - COND DETAIL sowie LIMB‘S THEOREM . Zu Beginn der Spielzeit 2004 / 2005 wurde sie zur Halbsolistin ernannt, 2007 / 2008 erfolgte die Beförderung zur Solistin. Sie tanzt seit 2017 bei Richard Siegal / Ballet of Difference MARGARIDA NETO – TANZ Die gebürtige Portugiesin erhielt ihre Ausbildung am Tanzconservatorium in Lissabon und erreichte das SemiFinale des Youth Amercan Grand Prix. Sie war Mitglied der Junior Company des Bayerischen Staatsballett und tanzt seit 2017 bei Richard Siegal / Ballet of Difference. „Diese Frau ragt gemeinhin auf Spitze noch weiter empor gen Bühnenhimmel denn auf platter Sohle. Auf Fotos kann man nachvollziehen, was man schon mit eigenen Augen bewundern durfte, ihre wahnsinnige Extension, stehend im Überspagat mit keck vorgeschobener Hüfte. Oder ein schräg gerecktes Bein, zielt, eine verführe - rische Waffe, um wenige Zentimeter mit dem Spitzenschuh am Kopf des Partners vorbei.“ Eva-Elisabeth Fischer MASON MANNIG – TANZ Der in Texas geborene Mason Manning studiert von 2014 bis 2018 an der renommier- ten Juilliard School in New York. Noch während seiner Ausbildung war er 2013 in Crys- tal Pites THE SECOND PERSON , Lightfoot & Leons SCHOOL OF THOUGHT sowie Jiři Kyliáns BELLA FIGURA am Nederlands Dans Theater zu sehen. 2016 tanzte er beim Springboard Danse Montreal in Crystal Pites T EN DUETS ON A THEME OF RESCUE sowie in Jiři Kyliáns SYMPHONY OF PSALMS als Teil des Juilliard Spring Repertory Concert mit. In Banff, Alberta, Canada war er außerdem 2017 in Sidi Larbi Cherko - aouis NOETIC zu sehen. 28 COURTNEY HENRY – TANZ Die gebürtige Amerikanerin erhielt ihre Ausbildung an der Fordham Universität Lincoln Center und schloss summa cum laude ab. Sie tanzte beim Alvin Ailey American Dance Theatre, beim Alonzo King Lines Ballet in San Francisco und seit 2018 bei Richard Siegal / Ballet of Difference. MATTHEW MIN RICH – TANZ Matthew Min Rich stammt aus Las Vegas, Nevada. Dort studierte an der Dance Zone unter Leitung von Jami Artiga and Kaydee Francis. 2004 machte er seinen Abschluss an der Las Vegas Academy of International Studies, Performing and Visual Arts. Von 2005 bis 2015 tanzte er für das Cedar Lake Contemporary Ballet in New York und arbeitete dabei mit Choreografen wie Ohad Naharin, Crystal Pite, Hofesh Schechter, Sidi Larbi Cherkaoui, Jacopo Godani oder Alexander Ekman. Mit Cedar Lake spiel - te er 2011 in dem Hollywood Motion Picture Film THE ADJUSTMENT BUREAU (deutscher Titel DER PLAN ) mit Matt Damon und Emily Blunt. Seit 2015 tanzt er mit der in Los Angeles beheimateten Company Bodytraffic Choreografien von Barak Marshall, Stijn Celis und Victor Quijada. Für seine Arbeit in Richard Siegals MY GENERATION wurde er 2015 im Pointe Magazine der 12 besten Vorstellungen genannt. Er tanzt seit 2017 bei Richard Siegal / Ballet of Difference. YVONNE COMPAÑA MARTOS – TANZ In Madrid geboren, erhielt Yvonne Compaña Martos ihre Ausbildung am Conser - vatorio Profesional de Danza Urunuela in Vitoria und an der klassischen Tanzschule Carmina Ocaña School of Ballet in Madrid. Während des Studiums trat sie bereits in zahlreichen klassischen Balletten auf. Ein erstes professionelles Engagement erhielt sie 2009 beim Corella Ballett unter Ballettdirektor und Gründer Ángel Corella. 2010-2016 tanzt Yvonne Compaña Martos für das Ballett Augsburg. Sie war u. a. eine Stiefschwester in Mauro de Candias CINDERELLA und solistisch in William Forsythes HERMAN SCHMERMAN , Itzik Galilis THINGS I TOLD NOBODY , Young Soon Hues Ballettabenden CARMINA BURANA und ROMEO UND JULIA, sowie in DIVERTIMEN- TO4AMADEUS, HEROES und LIEBE UND ANDERE TRAGÖDIEN . Besonders beein - druckte sie in der weiblichen Titelrolle von Eward Clugs RADIO AND JULIET. Sie tanzt seit 2017 bei Richard Siegal / Ballet of Difference. 29 RICHARD SIEGAL DIE DEUTSCHE BÜHNE, AUSGABE SEPTEMBER 2018 – „DIE KÖPFE DER SAISON 2018 / 19 IM TANZ“ Richard Siegal für „spartenübergreifend Arbeiten“ Begründet wird die Wahl zu einem „Kopf der Saison 2018 / 19“ mit Siegals spannendem interdisziplinärem Ansatz, vor kurzem zu erleben in der Regie und Choreographie für Leonard Bernsteins MASS für das Musiktheater im Revier Gelsen - kirchen sowie in den kommenden Monaten in CROSSOVER und in der neuen Krea - tion für das Staatsballett Berlin in einem Dreierabend mit George Balanchine und William Forsythe (Premiere Mai 2019). JAHRBUCH TANZ 2018 – KRITIKERUMFRAGE Kompanie des Jahres Nicole Strecker: Richard Siegal / Ballet of Difference (München / Köln) „Choreograph Richard Siegals feine Selektion großartig exzentrischer und erotischer TänzerInnen“ Tänzerin des Jahres Dorion Weickmann: Margarida Neto „zart und stahlhart, Kätzchen und Löwin – großartig!“ Katja Schneider: Margarida Neto in Richard Siegals MADE FOR WALKING „entspannte Präzision“ DANCE FOR YOU MAGAZINE – „BEST OF 2017-2018. KRITIKERUMFRAGE“ Beste / r Tänzerin / Tänzer Nicole Strecker: Claudia Ortiz Arraiza, Richard Siegal / Ballet of Difference (Köln / München), in BOD, UNITXT und POP HD von Richard Siegal Vesna Mlakar: Margarida Isabel de Abreu Neto, Richard Siegal / Ballet of Difference Beste Tanzkompanie des Jahres Nicole Strecker: Richard Siegal / Ballet of Difference (München / Köln) Das führende italienische Fachmagazin Danza&Danza verkündet in seiner aktuellen Ausgabe für März und April die Gewinner der renommierten Premi Danza&Danza für das Jahr 2017. Das Gastspiel des Ballet of Difference mit dem Debüt-Programm MY GENERATION im Juli 2017 beim Festival Tanz Bozen / Bolzano Danza scheint nachhaltigen Eindruck hinterlassen zu haben. Denn Richard Siegal wurde als – Zitat – „choreographische Offenbarung des Sommers 2017 in Italien“ zum Choreographen des Jahres gekürt. Pressestimmen 30 ON BODY BOD, MADE FOR WALKING, UNITXT Uraufführung 22. Februar 2018 Schauspiel Köln EIN TANZ, EIN TAUMEL, EINE FLUCHT Richard Siegal spannt mit BOD (kurz für „Ballet of Difference“) und dem ursprünglich fürs Bayerische Staatsballett verfassten UNITXT zwei ebenso vertraute wie überw. ltigende Exemplare der Gattung Virtuos-Tanz in den Dreier-Rahmen. Zwischen die beiden imposanten, die Sinne herausfordernden Stücke klinkt er ein intimes, vierköp - figesFormat. MADE FOR WALKING kommt zwar wie ein lockeres Impromptu daher, ist aber ein streng gegliedertes und durchdachtes Stilexperiment. Während die Tänzerkörper mit martialischer Luftkissen-Couture bewaffnet werden und jeder UNITXT -Satz mit dem choreografischen Skalpell herauspräpariert scheint, gestattet Siegal dem eingeschobenen Quartett eine gewisse Autonomie. Was sich daraus ergibt, beobachtet er selbst vom Mischpult aus. Robuste Stiefel ersetzen da die Spitzenschuhe, asymmetrisch geschnittene Uni - sex-Hängerchen schmeicheln den drei weiblichen Figuren ebenso wie dem männ - lichen Begleiter. Paarweise stehen sie einander gegenüber, wenn Margarida Neto mit „five, six, seven, eight“ das Startkommando für ein Klatschpräludium gibt, ei - nen selbstbezüglichen Prolog: Kreuz und quer sausen Handteller über die eigenen Schultern, den Nacken, den Hals, die Hüften. Die Finger schlagen den Takt für den Einsatz der MADE FOR WALKING -Boots. Diese Stiefel wiederum ziehen bestimm - te Muster auf den Boden, unter Abgabe enormer Knallgeräusche, aus denen eine vierstimmige Partitur entsteht. So wandert die Sohlen-Combo vom chorischen Unisono über Fuge, Solo, Kanon zur Reprise, transponiert also akustische Elemente ins Optische und macht anschau - lich, was sonst allenfalls geübte Konzertbesucher entschlüsseln können. Die körper - ästhetische Übersetzung funktioniert derart fantastisch, dass die Tänzer mit Fug und Recht in Stellvertretung ihres Publikums skandieren: „Alle Ohren sind jetzt in exzellenter Verfassung!“ Die musikalische Sensibilisierung wird außerdem mit trickreichen Barocktanz-Zitaten aufgepeppt. Siegal lässt erzklassische Kombinationen und Raummanöver andeuten, die der Stiefel-Look ins zeitgenössische verfremdet. So schiebt sein fußperkussives Kabinettstückchen Vergangenheit und Gegenwart ineinander, und ganz nebenbei erteilt der Choreograf auch noch eine persönliche Lektion. Diese betrifft seine Philosophie eines „Ballet of Difference“, das sich besetzungs - technisch weniger divers präsentiert, als Siegals Agenda vermuten lässt. Durch die Bank nämlich handelt es sich um hinreißende Tänzer, die sich einzig in Hautfarbe undHerkunft unterscheiden, auf künstlerischem Niveau aber miteinander absolut gleichziehen. Different ist jedoch der choreografische Ansatz, den Richard Siegal mit MADE FOR WALKING erprobt. Denn er hat hier keinen Ableger von UNITXT oder anderen Erfolgen, sondern ein genuin neues Tanzpflänzchen gezüchtet. Das macht sich gut im aufstrebenden Kölner Tanzreservat und wird sicher auch in München Beifall finden. Dorion Weickmann, Süddeutsche Zeitung 28.2.2018 GENIAL WEITERSPINNEN IST AUCH GENIAL Es gibt sie, diese Choreografien, bei denen man, wenn das Licht verlischt, wie ein Kind krähen möchte: „Noch mal!“ Noch mal das ganze Stück von vorn, noch - mal diesen Tanzirrsinn, von dem man nur einen Bruchteil wahrnehmen konnte. Richard Siegals vor fünf Jahren für das Bayerische Staatsballett entstandene Stück „Unitxt“ ist so ein Meisterwerk. 31 Zwölf Tänzer, die Körper federn weich im simpelsten aller Tanzschritte, dem Disco - schritt. Die Hände sind vor dem Schritt gefaltet als wären sie arme Sünder. Tatsächlich ist Buße angesagt, angesichts des dreisten Kidnappings von klassischem Spitzen- und Virtuosentanz, das sich Siegal in seinem UNITXT herausnimmt. Den Ballerinen mit dem strengen Haardutt zucken nämlich die Hüften, die Köpfe baumeln zum Headbanging und ihre spektakulär hohen Beine spreizen sich mit der aggressiven Erotik von Nachtclubtänzerinnen zur gewaltig pumpernden, sirrenden, schleifenden Industrial-Komposition von Alva Noto. Eine perfekte Choreografie, der zwar immer wieder die große stilistische Nähe zu William Forsythes wilden End-1980er Jahren vorgeworfen werden muss, aber eigent - lich egal: Genial weiterspinnen ist auch genial. Zudem: Siegal baut einen zusätzlichen Kniff ein: Irgendwann fliegt eine Tänzerin plötzlich durch die Luft wie eine Katze, die man im Nacken gepackt hat und tatsächlich: An den schwarzen Korsagen der Tänze - rinnen hat Kostümbildner Konstantin Grcic Haltegriffe befestigt, mit denen die Män - ner die Frauen nun lupfen und schleifen und nebenbei das Repertoire ballettöser Hebefiguren noch um ein paar Finessen erweitern. UNITXT ist der pulshochjagende Rausschmeißer an diesem dreiteiligen Abend, dem zweiten Programm, seit die Städte München und Köln gemeinsam Richard Siegals Kompanie „Ballet of Difference“ finanzieren. Tempo und Lässigkeit Das schon im vergangenen Jahr präsentierte Gründungsstück BOD zeigt Sie - gal nun wieder, spürbar überarbeitet und perfektioniert. Auch die Tänzer sind an Siegals anspruchsvollem Stil gewachsen. Jetzt stimmt die Lässigkeit, stimmt das Tempo. Diesen Reifungsprozess muss das neue Stück offenbar erst noch durchlau - fen. Erstmals hat Siegal für diese Uraufführung in Köln geprobt. Den Raum dazu habe er sich erst schaffen müssen, erzählt er. Andererseits sei die unruhige Probensitua - tion auch spaßig gewesen. So spricht ein höflicher Optimist, aber ob das so stimmt, bei einem Stück, das sich mit Polyrhythmen beschäftigt und doch wohl höchste Konzentration braucht? MADE FOR WALKING heißt das „Köln-Opus“, und wer dem Titel reflexartig „These Boots“ voranstellt, liegt richtig. Die Tänzer dieses Quartetts tragen schwarze Stiefel, mit denen sie energisch Rhythmus erzeugen. Steppen, soldatisch paradieren, pup - penhaft trappeln als wollten sie das martialische Marschieren auch karikieren wie einst die afrikanischen Goldminen-Arbeiter ihre Wärter beim Gumboot-Dance. Dazu Bodypercussion mit den Händen, was zu aufregender rhythmischer Komplexität füh - ren könnte, nur müssen die Tänzer die erst noch optimieren. „Alle Ohren sind jetzt in exzellenter Verfassung“, singen die Tänzer einmal sehr selbstironisch als Chor heraus. Eine präzise Interaktion der Körper, ein genaues Hinhören – so funktionieren Kollekti- ve, funktioniert die Einordnung in eine größere gemeinsame Idee. Um welchen Preis eine solche Gemeinschaftsbildung geschieht, zeigt Siegal auch. In den letzten Minuten zieht eine Frau des Quartetts, Courtney Henry, ihre Stiefel aus. Die Tänzerin mit den unglaublichen langen Armen und Beinen nimmt sich als Solistin den Raum, findet ihren ganz eigenen Rhythmus und was vorher immerzu kon - trolliert war, verströmt sich nun weich und explosiv. Eine Chiffre für Freiheit und die „Differenz“, die sich diese Kompanie als Devise auserkoren hat. Mutige Tänzer, eine eigenwillige Stückidee und ein Signal: Dass Siegal – wie schon in seinem bisherigen Werdegang – auch mit dem „Ballet of Difference“ noch viele ästhetische Richtungen einschlagen wird. Nicole Strecker, Kölner Stadt-Anzeiger 24.2.2018 32 AUF DEN PUNKT BRINGEN Der dreiteilige Abend zeigt Richard Siegal als aufmerksamen Schüler William Forsythes – nicht als Nachahmer, wohlgemerkt. Aber wie Forsythe versteht er es, den Zuschauer mit vielen gleichzeitigen Seh-Angeboten herauszufordern, es fließen Formationen ineinander und wieder auseinander, gehen Tänzer raus und wieder rein, als müsse das just in diesem Augenblick so sein, werden kleine Sequenzen wieder - holt, ist der Tanz insgesamt eine äußerst fein abgestimmte, exakt eingestellte Ma - schine. Diese Stücke müssen nichts bedeuten, müssen nicht über den reinen Tanz, die Bewegung von Körpern im Raum und Zeit hinausweisen. Es zählt die ästhetische Plausibilität der Bewegungspartitur. Bezeichnenderweise setzt Siegal den Spitzen - schuh nicht ein, um Weiblichkeit, Zierlichkeit zu signalisieren, sondern als Erweiterung der technischen, ja artistischen Möglichkeiten. Für das Bayerische Staatsballett entstand 2013 Siegals UNITXT. Angesichts furioser Prägnanz, Eleganz, Artistik, aber auch Lässigkeit bewies das Stück, dass da einer ent - schlossen war, den Spitzentanz in die Zukunft zu führen. In BOD (Uraufführung war 2017 in München, zum Start des Ballet of Difference) tragen die zehn Tänzer Teil-Tutus oder andere Applikationen aus Plastikschaum, setzen sich zu arabisch angehauchten Clubbeats DJ Harams viele emsi - ge Tanzrädchen in Bewegung, trumpft jedes Tänzer-Individuum mal auf, ord - net sich aber auch hier immer wieder in die Gruppe ein. Zur sparsamen, fast nur aus Rhythmus bestehenden Musik wird plastisch, wie grandios Siegals Bewegungssequenzen immer wieder auf den Punkt kommen. Sylvia Staude, Frankfurter Rundschau 23.2.2018 HAUPTSACHE JETZT Es gibt Momente in Siegals Stücken, insbesondere in BOD , da scheint sich der ge - samte Kosmos in der Choreografie zu spiegeln. Dann vereinigen sich auf subtile Wei - se – besonders für den, der offen dafür ist – die akustischen mit den gestalterischen Momenten; die Bewegungen des Körpers mit den Erfahrungen der eigenen Geschichte. Gleich zu Beginn von BOD ist solch ein Moment, der den Zuschauer mit seinen zirpenden und zwitschernden Klängen, dem Pfeifen und Glöckeln und aus der Tiefe aufsteigenden Bässen in eine archaische Welt versetzt. Unterschiede, Differenzen, aufgreifen und begreifen zu wollen, die Heterogenität des Lebens in all ihren Ausprägungen anzuerkennen und die Gemeinschaft in den Mittel - punkt zu stellen, ist sichtbar Siegals Anliegen. In MADE FOR WALKING geht er noch einen Schritt weiter. Mit dem Komponisten Lorenzo Bianchi Hoesch hat er dazu einen „musikalischen Parcours“ entwickelt, auf dem die Tänzer mit ihrem Körper, mit Tanz und Bewegung nicht nur selber auch einen Teil des Sounds erzeugen, sondern dieser Sound auch in der Bewegung sichtbar ist. Eine großartige Idee, denn die Körper der Tänzerinnen und Tänzer werden damit in doppelter Hinsicht künstlerisch-gestalten - des Subjekt der Inszenierung. Klaus Keil, tanzweb.org 23.2.2018 33 KOMPLEXE VIELFALT ON BODY von Richard Siegal / Ballet of Difference in der Münchner Muffathalle Das 2016 gegründete Ballet of Difference (BoD) tanzt seine Premieren abwechselnd in München und in Köln. Dieses Mal war Köln mit der Premiere dran, eine Woche später folgten drei völlig ausverkaufte Vorstellungen in München. Am Anfang des dreiteiligen Abends stand das blendende Signaturstück BOD , mit dem sich die 12-köpfige Company vorstellte. Sofort war die erstklassige tänzerische Qualität aller Ensemblemitglieder ersichtlich. Dabei schienen das Tempo, die Intensi- tät und das Selbstbewusstsein, das diese Company ausstrahlt, gegenüber dem be - reits starken Vorjahr gesteigert. Die voranpeitschende Musik von DJ Haram setzte immer neue TänzerInnen oder Gruppen von Tanzenden an verschiedenen Punkten der Bühne in Bewegung. Ihre fließenden Wechsel von Duos, Trios oder Quartetten weckten den Eindruck, als sehe man weit mehr Tanzende als die zehn auf der Bühne. Dabei wimmelte es von Eyecatchern, von denen man sich oft schnell lösen musste, weil schon die nächsten lockten: Abgesehen von den interessanten TänzerInnen- Typen wechselten expressive Posen mit wirbelnder Schnelligkeit, kraftvolle Ensemb - lemomente mit subtilen Staffelungen, ungewohnt geflexte Glieder mit verschobenen Achsen. Die spannende Dekonstruktion des von allen mühelos beherrschten klassi - schen Tanz-Vokabulars war von Humor und Geistesgegenwart getragen, überraschte mit witzigen Momenten und wurde mit lässigem Kippen aus der Körperspannung in authentische Attitüden des relaxten Alltags präsentiert. So ermöglichte die finale Sequenz nicht nur ein Wiedererkennen mit dem Tanz vom Anfang, sondern auch das mit der Persönlichkeit der Ensemblemitglieder. Nicht nur derer, die wie Nicola Strada, Léonard Engel, Claudia Ortiz Arraiza, Zuzana Zahradníková und die trotz ihrer Jugend bereits brillierende Margarida Neto unter Ivan Liska tanzten, sondern auch der ande - ren BoD-Tänzer, unter denen Tigran Mikayelyan, im Staatsballett zur Zeit aufs Abstell- gleis geschoben, kurzfristig einsprang. Sie alle sieht man in München viel zu selten. Mit MADE FOR WALKING folgte, was vor einer Woche in Köln Uraufführung hatte: ein auf die drei Tänzerinnen Claudia Ortiz Arraiza, Courtney Henry und Margarida Neto mit Matthew Rich reduziertes Kammerstück. Nach kompositorischen Vorstudien von Lorenzo Bianchi Hoesch, dem Komponisten von Richard Siegal, zeigten die vier in naturfarbenen Leinenkitteln und schwarzen Lederstiefeln, die einen eigenen Klang hatten, wie die Körper von Tänzer*innen selbst Musik machen. Von afrikanischer Poly- rhythmik inspiriert ließen sie mit ihren Schritten Rhythmen hören, die sie im Einklang mit ihren Bewegungen abwechslungsreich phrasierten, modifizierten und facetten - reich zu neuen Mustern entwickelten, die immer aus den Bildern ihrer Soli und Duet - te zu entspringen oder sich darin niederzuschlagen schienen. Der im Mittelteil vom Komponisten live eingespielte, sparsame Elektro-Sound bestätigte das Wechselspiel von Körpern und Musik und machte neben der Polyrhythmik auch unterschiedliche kulturelle Hintergründe der Tanzenden sichtbar, die, im Schlussteil wieder nur mit ihren Stiefeln, über erstaunlich lange Sequenzen mit ihrer exakten Musikalität in virtuosen Tanzbildern brillierten. Am Ende des Abends dann UNITXT, das 2013 mit seiner Uraufführung beim Bayerischen Staatsballett Richard Siegals Hinwendung zum klassischen Tanz markier - te. Seine drei Teile für das gesamte Ensemble mit den Namen „NOISE“, „SIGNAL “ und „SILENCE“ waren für die neuen Tänzer frisch überarbeitet und fanden mit ihrer hohen Dynamik wieder frenetischen Beifall. Es wurde evident, dass Richard Siegal intelligent auf der Höhe der Zeit, stellenweise seiner Zeit voraus, respektvoll mit ei - nem Team zusammenarbeitet, dessen virtuose, kreative Tänzer*innen hochpassio - niert ihre Persönlichkeiten frei entfalten. Die gegenüber denkbaren Vorbildern ge - steigerte Frequenz simultaner Highlights auf der Bühne seiner Stücke macht diese anstrengend, anspruchsvoll – aber auch zum atemberaubenden Genuss. Karl-Peter Fürst, tanzportal Bayern 6.3.2018 34 MY GENERATION BOD, CHELSEA MANING, POP HD Uraufführung 11. Mai 2017 Dance Festival Muffathalle München MÜNCHENS NEUE TANZ-COMPANY Das Ballet of Difference von Richard Siegal stellt sich und sein Ja zur gegenwärtigen Lebenswirklichkeit vor. Beim DANCE-Festival 2017 zeigte das Ballet of Difference als Projekt-Company nach nur sechswöchiger Probenzeit erstmals ein dreiteiliges Programm. Mit BOD fing es an: Im Halbdunkel wurde ein Paar sichtbar, zunächst als aufeinander bezogene Silhouetten. Zügig kamen die anderen acht Tänzer*innen des neuen Ensembles dazu und tanzten abrupt wechselnde Formationen. Die erstklassige Qualität war sofort erkennbar, die völlig synchrone Exaktheit der Linien im Unisono bestechend! Die Kostüme hoben die unterschiedlichen Typen der Tänzer*innen hervor, Formationen lösten sich mit der ihnen eigenen Dynamik überraschend auf und rückten Solist*in - nen als selbstbewusst präsente Individuen ins Zentrum. Das erinnerte an Forsythe, war aber eigenständig, immer getragen von eigenen Ideen, umgesetzt in ein ganz spezifisches Idiom. Die Musik sei ihm wichtig, sagte Siegal im Vorfeld, und man sah, wie sich ihrem physischen Input ebenso die Dynamik wie lässig schleifende Ausgän - ge verdankten. DJ Harams elektronischer Ethno-Sound erwies sich als hervorragend geeignet, Akzente zu setzen. Humorvolle Momente kamen dazu. Am Ende wurden die Tänzer im Gegenlicht wieder zu Silhouetten, was den Ensemble-Charakter ver - stärkte, doch glaubte man nun, schon die Schatten zu kennen. BOD steht für den Namen der Company Richard Siegels. Seine Choreografie war spannend und von persönlichkeitsstarken Künstlern präsentiert, eine klasse Visitenkarte! Dem peitschenden Sound setzte das zweite Stück eine phantastische Auswahl an at - mosphärischen Liedern entgegen. Gefühlvoll-getragen begannen Ausschnitte eines künftigen Balletts über die Whistleblowerin Chelsea Manning mit einem Paar, das androgyn zwischen den Geschlechtern sowie Sehnsucht und Entzug changierte. Das Solo eines dazukommenden Movers illustrierte intensiv Songs, die Belastungen the - matisierten. Das Trio trug gleiche, an einem Bein hochgeschlitzte Togen, was seine Wirkung erotisierte, und deutete Übergangsbereiche an: Transsexualität, Festhalten an Normen oder deren Bruch, Lüge und Wahrheit, Recht oder Unrecht. Man konnte überfordert sein, gleichzeitig dem vielschichtigen Geschehen zu folgen und auf die Texte zu hören. Doch sah man zwei männliche Ichs, in ihrem Gegensatz schwarz und weiß, die sich auf eine Frau projizierten. Ein Chor von fünf Gestalten in Umhängen mit spitzen Mützen wies auf den politischen Hintergrund hin, und nach einem homo - erotischen Moment blieb die Frau allein auf der Bühne zurück. Richard Siegal weiß, dass Handlungsballett nicht zeitgemäß ist, aber seine Art zu erzählen griff ein sym - ptomatisches Thema unserer Zeit auf, in der Lügen den Rang alternativer Fakten be - haupten. Das starke Gefühl seiner Interpreten drängte Zuschauer dazu, Gewissheiten zu überprüfen. Mit POP HD folgte ein programmatisches Aufbegehren gegen ästhetische Nor - men. Das aus sehr verschiedenen Kulturräumen stammende Ensemble bewies, dass ganz unterschiedliche Ästhetiken bestens unterhalten können, wenn ihr tänzerisches Niveau durchgängig so hoch ist. Richard Siegals interdisziplinäre Zusammenarbeit mit Modeschöpfer Bernhard Willhelm gewann als Plädoyer für kulturelle Vielfalt im Sound von Atom™ mitreißenden Drive. MY GENERATION von The Who wurde zu einem Hip-Hop-Exzess hochgepusht, der Riesenspaß machte. Als das Inferno zu ver - meintlich alltagstauglichem Tanz abebbte, trat die Problematik elektronisch in Trance getriebener Tänzer hervor, und anklingende Themen wie die digitale Mechanisie - rung des Menschen verrieten die intellektuelle Wachheit dieses Choreografen sowie das hohe gesellschaftskritische Potenzial seiner Stücke. München sollte sich mit dem „Ballet of Difference“ die kontinuierliche Arbeit einer Top-Company sichern, deren 35 Mitglieder die Technik des klassischen Tanzes lieben, aber ohne Scheuklappen mit Richard Siegal erkunden, wie Ballett noch heute, als Alternative zu seiner glorreichen Historie, zeitgemäße Beiträge zu unserer Lebenswirklichkeit liefert. Karl-Peter Fürst, Applaus 6 / 2017 TANZ DER VIELFALT Die Spannung ist groß. Bei den Veranstaltern, bei den Künstlern, bei den Zuschau - ern. An diesem Abend stellt der amerikanische Choreograf Richard Siegal endlich seine eigeneKompanie vor: das Ballet of Difference, kurz BOD. Siegal wird gefeiert als Schöpfer hochvirtuoser, hochenergetischer Ballette, als politisch wie intellektuell wagemutiger Verfechter uneingeschränkter menschlicher wie auch künstlerischer Vielfalt, aber auch des Komplexen und schwierigen, das dank der tänzerischen Mühe- losigkeit brillanter Könner Maßstäbe setzt. Richard Siegal ist einer, der sich traut,den Anspruch an sich selbst und seine Leute in ein großes Wort zu fassen und damit den Erwartungsdruck nochzu erhöhen: excellence. Die fantastischen Kostüme von Chromat / Becca McCharen-Tran, wahre Körperskulp - turen, aufblasbar wie die Schwimmflügel, abstehende Plastik-Tutus über Tänzerhüf - ten, wahlweise sexy Korsagen oder Rüstungen über bloßen Oberkörpern oder auch nur diagonal fixierte Kostüm-Fragmente als Blickfänger, die den Betrachter dazu auf- fordern, sie vor dem inneren Auge zu ergänzen. BOD, rast, ein denkbares künftiges Signet für die ganze Kompanie, als turbobe - schleunigte Feier des einzeln oder gleichzeitig getanzten Pas de deux voran. Frauen schrauben ihre Körper in diagonaler Hebung über Männerrücken oder starten, von ihren Partnern sicher gehalten, senkrecht im Froschsprung, die im Knie hochgezoge - nen Beine dabei extrem nach außen gedreht, in die Lüfte und sehen dabei auch noch unwiderstehlich sexy und elegant aus. Männer wie Frauen kreiseln, stürzen, jagen mit in V-Stellung emporgerankten Armen und schlaff aus den Gelenken hängenden Händen vorüber in einer Schau exzessiv optimierter Technik und Perfektion. DJ Haram steuert die Beats bei, den rhythmischen Bodensatz für die getanzten Synkopen, die für den ununterbrochenen Drive sorgen. Die Synkope bei sinnlich ge - schwungenem Körper als unverrückbare Konstante in Richard Siegals Choreografie hält den Tänzer am Laufen und den Zuschauer bei der Stange. Eva-Elisabeth Fischer, Süddeutsche Zeitung 12.5.2017 STARKE KNALLEFFEKTE Richard Siegal‘s Ballet of Difference überwältigt: hyperdynamisch, zeitgenössischer Po- wer-Tanz in irren Soli, Duetten oder sich durchwirkenden Formationen. Aufgepeitscht, rastlos angetrieben, von elektronisch scharfen Beats. Mega-stylische Kostüme. Unter Becca McCharens an verschiedensten Stellen wie Rettungswesen geblähten Kostüme mutieren die fantastischen Turbomover bald zu einem schwirrenden, die Blicke verwirrenden Kollektiv tolldreister Insekten. Vesna Mlakar, Abendzeitung 15.5.2017 36 AVANTGARDE UND SCHWARZER HUMOR Eröffnet aber wurde mit dem besten aus der eigenen Stadt: Richard Siegels Ballet of Difference zeigte sich mit dem Dreiteiler MY GENERATION erstmals einem großen Publikum. Eine heiß ersehnte Darbietung für die Münchner. Zur Uraufführung BOD erscheinen die Tänzer in aufblasbaren Luftmatratzenrö - cken von Becca McCharen. Zur veränderten Wiederaufnahme POP HD tragen sie grellbunte Sportklamotten, deren T-Shirts zu Röcken umfunktioniert wurden (Bernhard Wilhelm). Im ersten Fall gleichen sie phantastischen Insekten, in letzterem sehen sie aus, als trügen sie nicht Halsausschnitte, sondern riesige Vaginas vor sich her. Bei Siegal sind Männer und Frauen eben gleichberechtigt. Doch die Essenz von Siegels Werken ist natürlich die Choreographie, und die ist auch hier so stark, dass er sich optische Ablenkungen locker erlauben kann. Die Fülle an neuen Hebungen, die Siegal für diese Visitenkarte erfunden hat, ist berauschend. Isabel Winklbauer, Stuttgarter Nachrichten 16.5.2017 DIE TOTALE ENTGRENZUNG Richard Siegal ist Publikumsmagnet. Viermal ausverkaufte Muffathalle. Seine Arbei - ten entsprechen dem Zeitgeist, dem jugendlichen Lebensgefühl vor allem. In POP HD, 2015 für das Cedar Lake Ballet kreiert, nimmt Siegal Elemente der Popkultur auf. Die PostNeoKlassil à la Forsythe bricht er durchweg kapriziös mit Funk, Show- und Breakdance, mit Afro und zirzensischen Hebungen. Die Devise heißt: Vielfalt, totale Entgrenzung. Sein neu gegründetes Ballet of Difference zieht kraftexplodierend mit. In knallbunten Outfits, wie aus Flaggen und Sporttrikots geschneidert, flitzt und rockt die Crew auf Flachfuß und auf Spitze über die Bühne, so angeheizt von Elektrobeat von Atom™, dass unser eigenes Biosystem mit in Schwingung versetzt wird. Stylisch, schnell, multi-aktional, euphorisierend energetisch, das sind Siegels starke Attribute. Malve Gradinger, Münchner Merkur 15.5.2017 VOR DEM TANZ SIND ALLE GLEICH UNTERSCHIEDLICH Generell vollführen im Ballet of Difference Männer und Frauen dieselben Bewegun - gen, es herrscht Geschlechtergerechtigkeit. Das ist gut zu erkennen in BOD , wo die Herren Margarida Netos göttliche „Giselle“-Attituden aufgreifen. Aufblasbare Rö - cke oder Rockteile tragen sowieso alle. Im dritten Stück des Abends wiederum, in POP HD, bilden sich immer neue Gruppen und Paarungen, die nicht zwangsläufig aus Mann und Frau bestehen müssen – ebenso wie T-Shirts nicht zwangsläufig als Ober - teil getragen werden müssen. Die bunten Sportklamotten hängen mit Halsausschnitt zwischen den Beinen nach unten, was besser aussieht als man denken mag. Männer und Frauen sind gleich stark, egal in welchem Körper sie stecken. Alle Hautfarben und Haarlängen und Tanzausbildungen sind gleich stark, egal in welcher Kompanie sie vorher waren. Wenn diese Prinzipien zu neuen, ästhetischen und stabilen Formen finden, hat München vielleicht einen historischen Start erlebt. Isabel Winklbauer, Kulturvollzug Das Crossover-Ballettvokabular des gebürtigen US-Amerikaners und Wahlmünch - ners Siegel zu elektronischen Musik von DJ Haram oder Atom™ verstärkt den Eindruck, das zeitgenössische Ballett implodiere im globalisierten Kapitalismus. Ingrid Türk-Chlapek, tanz.at
Beratungsverlauf (3)
Beschluss: ungeändert beschlossen
Zur SitzungBeschluss: ungeändert beschlossen
Zur SitzungDetails
- Aktenzeichen
- 2257/2019
- Typ
- Beschlussvorlage Rat bzw. Hauptausschuss
- Datum
- 25.06.2019
- Erstellt
- 21.06.2019 13:02