V/0230/2011
Jahresbericht der Stadtteilwerkstatt Nord 2010
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Berichtsvorlage
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V/0230/2011 DER OBERBÜRGERMEISTER Amt für Schule und Weiterbildung Betrifft Jahresbericht der Stadtteilwerkstatt Nord 2010 Beratungsfolge 08.06.2011 Ausschuss für Soziales, Gesundheit und Arbeitsförderung Bericht 14.06.2011 Ausschuss für Gleichstellung Bericht 28.06.2011 Ausschuss für Schule und Weiterbildung Bericht 06.07.2011 Ausschuss für Kinder, Jugendliche und Familien Bericht Bericht: Die Stadtteilwerkstatt Nord ist eine Einrichtung der Jugendberufshilfe und nahm ihre Arbeit im Jahr 2002 auf. Damit nimmt die Stadt Münster als Jugendhilfeträger ihre Aufgabe, für Jugendli- che, die besondere Unterstützung bei der Integration ins Arbeitsleben haben, – flankierend und ergänzend zum SGB II und SGB III – auf der Grundlage des SGB VIII § 13 tätig zu werden wahr. Die Stadt Münster hält für diese Jugendlichen zahlreiche Angebote und Maßnahmen in Koopera- tion mit den Trägern der Jugendhilfe vor. Eine dieser Einrichtungen ist die Stadtteilwerkstatt Nord. Die Stadtteilwerkstatt wurde als Kooperationsprojekt mit dem Jugendausbildungszentrum errichtet. Seit dem Bestehen der Stadtteilwerkstatt zeigt sich, dass sich das Konzept - ausgehend von der hohen Jugendarbeitslosigkeit in Münsters Norden – Jugendliche wohnortnah zu errei- chen und bei der Berufsorientierung zu unterstützen und ihnen so den Zugang Ausbildung und Beruf zu ermöglichen, bewährt hat. Der aktuelle Jahresbericht zeigt, dass nach wie vor die Notwendigkeit besteht, dies Angebot vor- zuhalten. Die Daten verdeutlichen, dass die Jugendlichen gefährdet sind und es erforderlich ist, diese jungen Menschen bei einem gelingenden Erwachsenenwerden zu unterstützen. Nur so gelingt es, dass sie zu eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeiten werden und ihnen die Teilhabe an der Gesellschaft und im Berufsleben ermöglicht wird. Bildung ist hier ein zentraler unverzichtbarer Bestandteil der vor fünf Jahren zusätzlich ins Konzept aufgenom- men wurde. Der seitdem stattfindende „Flankierende Unterricht“ ist eine wichtige Unterstützung für die Jugendlichen, denn ohne diesen Unterricht haben die Jugendlichen nicht einmal die Chance, eine weiterführende berufsvorbereitende Bildungsmaßnahme z.B. an einem Berufskol- leg zu absolvieren. Vorlagen-Nr.: V/0230/2011 Auskunft erteilt: Frau Dr. Ringbeck Herr Moorkamp Ruf: 492 28 80/ 5801 E-Mail: moorkamp@stadt-muenster.de Ringbeck@stadt-muenster.de Datum: 23.05.2011 Öffentliche Berichtsvorlage 2 V/0230/2011 Im Berichtsjahr wurden insgesamt 50 Jugendliche betreut. Der Altersdurchschnitt lag im Jahr 2010 bei 18,5 Jahren. Deutlich wird, dass die Problemlagen komplexer werden und nicht durch einmalige und kurzfristige Unterstützungsleistungen behoben oder beseitigt werden können. Die- se Entwicklung ist eine generelle Tendenz und es zeigt sich, dass sich ein Sockel an Arbeitslo- sen –und Langzeitarbeitslosen bildet, der von dem konjunkturellen Aufschwung nicht profitiert. Aus diesem Grund haben das Jobcenter und die Stadt eine Kooperationsvereinbarung geschlos- sen. Das Jobcenter hat das Belegungsrecht für 6 Plätze in der Stadtteilwerkstatt Nord. Diese Plätze werden von den Vermittlern und Fallmanager n im Jobcenter belegt und es erfolgt eine abgestimmte Hilfeplanung zwischen Jobcenter und Stadtteilwerkstatt Nord. Besonders auffällig ist die größer werdende Nachfrage nach alternativen Möglichkeiten der „Un- terbringung“ sog. schulmüder Jugendlicher. Diese Entwicklung zeigt, dass eine Lücke im System existiert, die geschlossen werden sollte. Dies erfordert spezielle, auf die Zielgruppe und Problem- lagen zugeschnittene Konzepte und Angebote. Mit den Hauptschulen aus Kinderhaus und Coer- de, in Kooperation mit der Stadtteilwerkstatt konnten in den letzten drei Jahren durch die Einrich- tung der sog. „Werkstattklasse“ Erfahrungen mit der Problematik und der Zielgruppe gesammelt werden. Diese Erfahrungen sind eine gute Basis für das im Rahmen der Schulentwicklungspla- nung zu entwickelnde Konzept für eine Produktionsschule. Im Kern wird es darum gehen, ein Angebot zu schaffen, das allen Schülerinnen und Schülern, die diese Hilfe und Unterstützung während der allgemeinen Schulpflicht benötigen, offen steht. Insbesondere ist es erforderlich, ein eigenständiges Konzept und Profil für so eine Einrichtung zu entwickeln. Dies zeigen die Erfah- rungen sehr deutlich. So sind weder die Kapazitäten noch die konzeptionelle Ausrichtung (Schwerpunkt „Vermittlung arbeitsmarktrelevanter Grundkompetenzen“ und „Berufsorientierung“) der Stadtteilwerkstatt Nord mit dem Fokus auf die 16 – 24 jährigen arbeitslosen Jugendlichen und jungen Erwachsenen aus Münsters Norden mit den Anforderungen an eine Produktionsschule in Einklang zu bringen. Gleichwohl wird es sinnvoll sein, die Stadtteilwerkstatt Nord mit einer Pro- duktionsschule eng zu verzahnen. i.V. gez. Dr. Andrea Hanke Beigeordnete Anlagen: Jahresbericht der Stadtteilwerkstatt Nord 2010
(Jahresbericht 2010
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1. Einleitung
Vor dem Hintergrund einer überdurchschnittlich hoh en Arbeitslosigkeit bei den unter 25-
jährigen Jugendlichen und jungen Erwachsenen in den Stadtteilen Coerde und Kinderhaus
wurde die Einrichtung als arbeitsweltbezogene Maßna hme der Jugendsozialarbeit im Jahr
2002 gegründet. Träger der Einrichtung sind die Sta dt Münster und das Jugendausbildungs-
zentrum (JAZ gGmbH).
Die Zahl der arbeitslosen Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Alter zwischen 15 und
25 Jahren ist in Coerde und Kinderhaus überdurchsch nittlich hoch. Ca. 22 % aller SGB II-
Beziehenden und 27 % der SGB II-Beziehenden Jugendl ichen leben in diesen beiden Stadt-
teilen.
Von den 50 Teilnehmenden des Jahres 2010 beendeten 38 ihre Tätigkeit in der Stadtteil-
werkstatt. Die restlichen 12 Jugendlichen verbliebe n über den Jahreswechsel in der Maß-
nahme und werden in 2011 weiter begleitet. Ein Drittel der Teilnehmenden konnte erfolgreich
in eine weiterführende Schule, in eine Ausbildung oder Berufsvorbereitung vermittelt werden.
Auffällig war, dass mittlerweile 31 % aller Anfrag en (88) von den Schulen aus dem gesamten
Stadtgebiet, von der Fachstelle Schulverweigerung u nd der Bildungsberatung des Amtes für
Schule und Weiterbildung kommen. Die Anfragen bezog en sich fast durchweg auf sog.
schulmüde Jugendliche im Alter von 13 bis 16 Jahren . Einige dieser Anfragen konnten posi-
tiv beantwortet werden. Im Jahr 2010 wurden 7 Jugen dliche als Schülerpraktikanten in der
Stadtteilwerkstatt geführt.
Als positiv zu bewerten ist das in 2010 neu eingef ührte Eingangsverfahren für die Teilneh-
mer/-innen. Das bausteinartige Verfahren, das aus e inem Erst- und einem Zweitgespräch,
einer Zeugnisabgabe und einem Probearbeitstag beste ht, macht die Motivation und die Be-
reitschaft der Bewerber/-innen zur Einhaltung von A bsprachen vor der Einmündung in die
Stadtteilwerkstatt deutlich. Diejenigen Jugendliche n, die dieses Verfahren nicht erfolgreich
durchliefen, konnten nicht aufgenommen werden. Insg esamt reduzierte sich durch das neue
Verfahren die Zahl der Abbrüche in den ersten Wochen deutlich.
Ein neues konzeptionelles Element bildeten die Bil dungsangebote in Form von Informations-
veranstaltungen und Workshops. Thematisch wurden in 2010 der Umgang mit Geld, die
Schuldenprävention und das Konsumverhalten der Jugendlichen bearbeitet.
Die konsequente Anwendung von Kompetenzfeststellun gsverfahren bildete einen weiteren
Schwerpunkt der pädagogischen Arbeit. Die Verfahren geben einen sehr guten Überblick
über die Kompetenzen und Fähigkeiten eines Teilnehm enden und sind die Basis für die indi-
viduelle Hilfeplanung.
Der vorliegende Bericht bezieht sich auf das Jahr 2010, in die Auswertung fließen auch die
Zahlen von 2009 und 2010 mit ein. Er umfasst die Da rstellung der Arbeitsschwerpunkte und
der durchgeführten Projekte. Außerdem gibt er einen Überblick über die Zielgruppe, die pä-
dagogischen Grundsätze und Angebote sowie einen Ausblick auf 2011.
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2. Zielgruppe und Problemlagen
2.1 Allgemeines
Ziel der Stadtteilwerkstatt Nord ist es, jungen Me nschen zum Ausgleich sozialer
Benachteiligungen zu verhelfen und Hilfen bei indiv iduellen Beeinträchtigungen anzubieten,
die ihre berufliche Ausbildung und Eingliederung in die Arbeitswelt sowie ihre soziale
Integration fördern. Die Arbeit der Stadtteilwerkst att Nord entspricht fachlich und inhaltlich
den Zielsetzungen des SGB VIII zur Förderung von be nachteiligten jungen Menschen und ist
originäre Aufgabe des öffentlichen Trägers der Jugendhilfe.
Zielgruppe der Stadtteilwerkstatt Nord sind junge Männer und Frauen, die arbeitslos sind und
ohne eine intensive Unterstützung und Betreuung kei ne Chancen auf Arbeit und Ausbildung
haben. Dies können sowohl Bezieherinnen und Beziehe r von Arbeitslosengeld II sein, als
auch Jugendliche, die nicht in einer Bedarfsgemeins chaft leben, aber einen erhöhten Unter-
stützungsbedarf haben, sowie Jugendliche, die in ei ner Einrichtung der Jugendhilfe leben
und deswegen keinen Anspruch auf Förderung nach dem SGB II oder III haben.
Im Mittelpunkt der Hilfestellungen und Maßnahmen d er Stadtteilwerkstatt Nord stehen sozial
benachteiligte und individuell beeinträchtigte junge Menschen. Die formalen Kriterien - sozia-
le Benachteiligungen und individuelle Beeinträchtig ungen (§ 13 SGB VIII) - reichen als Ziel-
gruppenbeschreibung nicht aus, da sie offen und all gemein gehalten sind. Als Merkmale der
Zielgruppe lassen sich nennen:
Soziale Benachteiligungen im engeren Sinne des Wortes sind
• bildungsbedingte Benachteiligung (fehlende oder sc hwache Schulabschlüsse, man-
gelnde Ausbildungsfähigkeit)
• ökonomisch bedingte Benachteiligung (Jugendliche i m Arbeitslosengeldbezug, gerin-
ges Einkommen, Verschuldungsproblematik)
• familiär bedingte Benachteiligung (unvollständige Familien, beengte Wohnverhältnisse,
geringes Familieneinkommen, hohe Kinderzahlen, geri nge berufliche Qualifikation der
Eltern, Alkoholismus, Verwahrlosung etc.)
• durch das soziale Umfeld bedingte Benachteiligung (Jugendliche aus der Erziehungs-
hilfe, Strafentlassene, Leben im sozialen Brennpunkt, mangelnde Mobilität etc.)
• geschlechtsspezifisch bedingte Benachteiligung (Mä dchen und junge Frauen mit ein-
geschränktem Berufswahlspektrum und Einbindung in familiäre Verpflichtungen)
• ethnisch bedingte Benachteiligung (Ausländer und A ussiedler, Migranten mit geringen
Sprachkenntnissen und geringer Verwertbarkeit beruflicher Vorerfahrungen)
Die verschiedenen Faktoren bestimmen jedoch nur im Einzelfall isoliert die Problematik des
Betreffenden. Vielmehr ist beim Großteil der Zielgr uppe davon auszugehen, dass jeweils
mehrere der genannten Merkmale gleichzeitig anzutreffen sind.
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Individuelle Beeinträchtigungen sind solche, die e ine Unterstützung in erhöhtem Maße not-
wendig machen, um die schulische und berufliche Aus bildung, die Eingliederung in die Ar-
beitswelt und die soziale Integration zu fördern. I ndividuelle Beeinträchtigungen lassen sich
in vier Merkmalsbereiche einteilen:
• Lernbereiche (Lernbeeinträchtigungen, Lernschwäche n, Lernstörungen)
• Leistungsbereiche (gehemmte Leistungsbereitschaft, eingeschränkte Auffassungsfä-
higkeit, ungenaue und ineffektive Arbeitsausführung en, geringe Sorgfalt und Genauig-
keit, niedrige Ausdauer und Belastungsfähigkeit, ge ringes technisches Verständnis,
mangelndes konstruktives Mitdenken im Arbeitsprozes s, ungenaue Selbsteinschät-
zung des eigenen Könnens, geringes Arbeitstempo)
• Entwicklungsbereiche („Funktionsuntüchtigkeit“ der Persönlichkeit, unzureichende so-
ziale Reife, verzerrte Kommunikation, schulische od er berufliche Identitätsverwirrung
(d. h. zu hohe Ansprüche bei zu geringem Können), g eschlechtliche Rollendiffusität,
allgemeine Beziehungsschwierigkeiten, Aufmerksamkei tsschwäche, Hyperaktivität, er-
höhte Aggressivität)
• psycho-soziale Bereiche (Bindungsschwäche im Sozia lkontakt, soziale Isolierung und
Suizidgedanken, Sozialisationsdefizite, Sucht als A usdruck innerer Probleme, Schul-
abbrüche und häufiger Wohnungswechsel, bedrohliche und chronische Krankheiten)
Einerseits kann die Zielgruppe aufgrund der großen Bandbreite der Benachteiligungen als
sehr heterogen bezeichnet werden, andererseits ist sie insofern als homogen zu charakteri-
sieren, als die Situation der Zielgruppe in der Reg el durch ein multifaktorielles Bedingungs-
gefüge geprägt ist.
Negative Erfahrungen in der schulischen Laufbahn, fehlende Struktur im familiären Umfeld
und das Aufwachsen in einer von Kritik geprägten Um gebung führten bei den Teilnehmen-
den dazu, dass sie kein positives Selbstbild und ge sundes Selbstvertrauen aufbauen konn-
ten. Sehr häufig mussten die Teilnehmenden in ihrer Entwicklung hören, was sie nicht kön-
nen oder wozu sie nicht in der Lage sind. In der Zu sammenarbeit mit der Stadtteilwerkstatt
erkennen die Teilnehmenden neue Möglichkeiten für s ich. Die Teilnehmenden sollen befä-
higt werden, eigene Ziele zu formulieren und berufliche Perspektiven zu entwickeln.
Der Arbeitsansatz der Stadtteilwerkstatt Nord sieh t vor, zunächst die positiven Ressourcen
der Teilnehmenden zu erkennen und zu fördern, und d abei zu unterstützen, ein gesundes
Selbstwertgefühl zu entwickeln. In diesem Zusammenh ang werden Vertrauen und Konse-
quenz als wichtige Bausteine der Zusammenarbeit ang esehen. Auf der Grundlage des so
geschaffenen Vertrauens können Verhaltensweisen ang esprochen und verändert werden,
die für einen späteren Einstieg in den Arbeits- und Ausbildungsmarkt dringend erforderlich
sind.
Die Stadtteilwerkstatt Nord verfügt über 15 Plätze und bietet die Arbeitsbereiche Holz, Textil
und Friseur/Kosmetik und Gartenbau an. Außerdem sin d die Jugendlichen im Rahmen einer
ganzheitlichen Förderung in verschiedene Projekte eingebunden.
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Tabelle 1: Teilnehmerinnen und Teilnehmer in der St adtteilwerkstatt Nord
2008 2009 2010
weiblich 34 56,7 % 24 49,0 % 19 38 %
männlich 26 43,3 % 25 51,0 % 31 62 %
gesamt 60 100 % 49 100 % 50 100 %
Im Jahr 2010 nutzten insgesamt 50 Jugendliche und junge Erwachsene die Angebote in der
Stadtteilwerkstatt Nord. Die Anzahl der Anfragen la g jedoch bei 88 (79 in 2009). Nicht allen
Anfragen konnte aufgrund der begrenzten Platzkapazi täten entsprochen werden. Mehrere
Jugendliche entschieden sich nach einem Erstgespräc h auch aus persönlichen Gründen
oder wegen einer größeren Entfernung zwischen Wohn- und Arbeitsort gegen einen Beginn
in der Stadtteilwerkstatt Nord. Mehrmals kam es auc h vor, dass einige Jugendliche starten
wollten, aber aufgrund ihrer individuellen Beeinträ chtigungen es nicht schafften, die Arbeit
aufzunehmen.
Seit 2007 gab es erstmals wieder einen deutlichen Überhang an männlichen Teilnehmern.
Der Altersdurchschnitt der Teilnehmerinnen und Teil nehmer lag bei durchschnittlich 18,5
Jahren. Differenziert nach Geschlecht sind die Jung en im Durchschnitt einige Monate älter
als die Mädchen.
Tabelle 2: Herkunft der Teilnehmerinnen und Teiln ehmer
Stadtteil
2008 2009 2010
Coerde 25 20 18
Kinderhaus 12 8 15
Sprakel 4 3 2
Handorf 1 4 5
Sonstige 18 14 10
Gesamt 60 49 50
18 Teilnehmende (36 %) kamen im Berichtsjahr aus d em Stadtteil Coerde, 15 kamen aus
Kinderhaus (30 %). Hinzu kamen 5 Teilnehmer aus Han dorf (10 %), 2 weitere aus Sprakel (4
%) und 10 Teilnehmende (20 %) aus anderen Stadtteilen Münster.
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Der hohe Anteil aus dem Norden Münsters ist konzept ionell beabsichtigt und zeigt gleichzei-
tig, dass der Standort in der Speicherstadt im Nord en Münsters entsprechend der Bedarfe
gut gewählt ist.
Von den 50 Teilnehmenden stammten 30 aus Deutschla nd, weitere 14 Jugendliche hatten
eine Migrationsvorgeschichte. 5 waren ausländische Teilnehmer ohne deutsche Staatsange-
hörigkeit. Die Zahl der Jugendlichen mit Migrations vorgeschichte stieg im Jahr 2010 von 30
auf 38 %.
Tabelle 3: Zugang zu den Angeboten
2008 2009 2010
Freie Träger vor Ort 5 4 16
Arbeitsgemeinschaft
Münster/ Jobcenter 24 13 8
Agentur für Arbeit 2 2 1
Selbstmelder 11 8 2
Fachstelle für Schulver-
weigerung 2 2 2
Bildungsberatung 2 4 3
Schulen 4 8 11
Kommunaler Sozialdienst 4 0 6
Sonstige 6 9 1
Gesamt 60 49 50
Der überwiegende Teil der Jugendlichen kam über di e freien Träger (16), wie z. B. dem Vin-
zenzwerk Handorf, dem VSE, dem VIP, der Caritas, de m LWL-Jugendheim Tecklenburg u.a.
zur Stadtteilwerkstatt. Eine steigende Zahl von Anf ragen kommt auch von den Schulen aus
dem gesamten Stadtgebiet. Hier hat sich die Zahl de r Anfragen in den letzten 3 Jahren fast
verdreifacht. Zählt man hierzu noch die Anfragen au s der Bildungsberatung des Amtes für
Schule und Weiterbildung sowie die Fachstelle für S chulverweigerung aus dem Amt für Kin-
der, Jugendliche und Familien, so bilden die Schüler die größte Gruppe der Interessenten.
Hier zeigt sich ein Problem, dass sich seit einige n Jahren abgezeichnet und nun noch ver-
stärkt sichtbar wird: Die Zahl der schulmüden Jugen dlichen steigt stetig an, die Schulen sind
auf der Suche nach alternativen Möglichkeiten der „ Unterbringung“ dieser Jugendlichen. In
der praktischen Arbeit wird deutlich, dass diesen J ugendlichen im Alter von 15 - 16 Jahren,
die oftmals einen Entwicklungsstand von 12-jährigen haben, die nötige Reife für eine Berufs-
orientierung fehlt. Die Beschäftigung in der Stadtt eilwerkstatt kommt für viele dieser Jugend-
lichen noch zu früh. Sie brauchen einen Ort, wo sie „nachreifen“ können, wo ihre Erzie-
hungsdefizite aufgearbeitet werden und wo sie noch schulische Bildung erhalten.
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Der Bedarf an einer entsprechenden Einrichtung wird immer größer. Diese Thematik wird ein
Schwerpunkt bei der Schulentwicklungsplanung sein. In diesem Zusammenhang wird ge-
prüft, inwieweit es durch veränderte Formen der Wis sensvermittlung (z. B. in einer Produkti-
onsschule) gelingt, diese Jugendlichen zu einem Sch ulabschluss und einer beruflichen Per-
spektive zu führen.
Tabelle 4: Schulische Voraussetzungen der Teilnehme rinnen und Teilnehmer
2008 2009 2010
Art des Abschlusses w m w m w m
10 14 8 10 6 10 Abgangszeugnis der
Förderschule 40 % 36,7 % 32 %
6 1 1 1 2 4 Abschlusszeugnis der Förder-
schule 11,7 % 4,1 % 12 %
4 3 1 3 0 1 Hauptschulabschluss nach
Klasse 10 (Typ A) 11,7 % 8,2 % 2 %
1 0 1 0 1 2 Hauptschulabschluss nach
Klasse 10 (Typ B) 1,7 % 2 % 6 %
4 5 3 2 2 5 Abgangszeugnis der Haupt-
schule 15 % 10,2 % 14 %
2 3 1 2 2 3 Hauptschulabschluss nach
Klasse 9 8,3 % 6,1 % 10 %
2 0 4 5 4 3 Noch Schüler/ in
3,3 % 18,4 % 14 %
5 0 5 2 2 3 Sonstiges
8,3 % 14,3 % 10 %
Gesamt 60 49 50
Die schulischen Voraussetzungen der Teilnehmenden haben sich in den letzten Jahren stark
verändert. Nur noch 18 % aller Teilnehmenden verfüg ten im Jahr 2010 über einen Haupt-
schulabschluss. 7 Jugendliche waren während der Tei lnahme noch in der Schule angemel-
det. In der Regel absolvierten sie in der Stadtteil werkstatt ein Praktikum, um den Übergang
von der Schule in eine Berufsvorbereitung einzuleit en, weil sie nicht mehr „beschulbar“ wa-
ren. 44 % aller Teilnehmenden waren als lernbehinde rt einzustufen und bedurften einer sehr
intensiven individuellen Förderung.
2.2 Dauer der Teilnahme und Verbleib der Teilnehmen den
In der Regel sind die Jugendlichen für eine Dauer von mindestens. 6 Monaten bis zu einem
Jahr Teilnehmende in der Stadtteilwerkstatt. Bezoge n auf alle Teilnehmenden betrug die
durchschnittliche Verweildauer 4,1 Monate in 2010 (5 Monate in 2008; 3,7 Monate in 2009).
Durch ein neues Eingangsverfahren mit einem aufbau enden System von Erst- und Zweitge-
spräch, Zeugnisabgabe und Probearbeitstag wurde err eicht, dass die Zahl der Frühabbre-
cher (1 - 3 Monate) im Jahr 2010 deutlich zurückgegangen ist.
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Die Jugendlichen, die eine Berufsausbildung aufgen ommen haben oder in eine berufsvorbe-
reitende Maßnahme vermittelt werden konnten, wurden durchschnittlich 7 - 10 Monate be-
treut. Deutlich wird hier, dass eine längere Betreu ungszeit die Chance auf eine Einmündung
in Ausbildung und Beruf wesentlich erhöht.
Neben der Vermittlung der Schlüsselqualifikationen im Bereich der sozialen Kompetenzen,
einer Berufsorientierung und Qualifizierung gehören die Vermittlung in Ausbildung, in eine
berufliche Tätigkeit, in eine weiterführende berufs vorbereitende Maßnahme oder in eine wei-
terführende Schule zu den Kernaufgaben der pädagogi schen Arbeit. Diese Vermittlung soll,
bei entsprechender Mitarbeit des Jugendlichen, auch dann erfolgen, wenn der Teilnehmende
die Maßnahme aus eigener Intention abbricht oder di e Teilnahme von Seiten der Stadtteil-
werkstatt gekündigt wird.
Die folgende Tabelle zeigt den Verbleib der Jugend lichen nach ihrer Teilnahme in der Stadt-
teilwerkstatt.
Tabelle 5: Verbleib der Teilnehmerinnen und Teilneh mer
2008 2009 2010 Art der Beendigung
Absolut In % Absolut In % Absolut In %
Rückvermittlung AMS 19 40,4 8 21,6 13 34,2
weiblich 13 3 4
männlich 6 5 9
Herkunftsschule - 0,0 5 13,5 3 7,9
weiblich - 3 -
männlich - 2 2
Eigene Arbeitsplatzsuche 3 6,4 1 2,7 5 13,2
weiblich 0 1 1
männlich 3 0 4
Arbeit 1. Arbeitsmarkt 4 8,5 - 0,0 - 0,0
weiblich 1 - -
männlich 3 - -
Ausbildung 8 17,0 9 24,3 5 13,2
weiblich 4 4 3
männlich 4 5 2
Ärztliche Behandlung 1 2,1 4 10,8 2 5,3
weiblich 1 3 1
männlich 0 1 1
Weiterführende Schule 1 2,1 1 2,7 4 10,4
weiblich 1 0 1
männlich 0 1 3
Ohne Vermittlung 6 12,8 7 18,9 3 7,9
weiblich 5 4 2
männlich 1 3 1
Weiterbetreuung KSD 5 10,7 2 5,5 3 7,9
weiblich 4 1 2
männlich 1 1 1
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Die Zahl der Rückvermittlungen an das Jobcenter la g mit 34,2 % zwischen den Zahlen von
2008 (40,4 %) und 2009 (21,6 %). Eine Rückvermittlu ng erfolgte bei eigenem Abbruch des
Teilnehmenden oder einer Kündigung durch die Stadtt eilwerkstatt. Ähnlich wie in 2009 konn-
te kein Teilnehmer direkt auf dem 1. Arbeitsmarkt F uß fassen. Erfreulich war, dass 13,2 % in
eine Ausbildung oder Ausbildungsvorbereitung und 10 ,4 % an eine weiterführende Schule
vermittelt werden konnten. Dies ist u. a. auf den e rgänzenden Stützunterricht zurückzufüh-
ren, der in Kooperation mit dem Verein Lernen Förde rn e.V. durchgeführt wurde. Hiermit
konnten diese Teilnehmer wieder dazu motiviert werd en, den Schulbesuch wieder aufzu-
nehmen, um sich auf einen Schulabschluss vorzuberei ten. Außerdem wurde durch den Un-
terricht das schulische Basiswissen verbessert, das s eine wichtige Voraussetzung für eine
Aufnahme in der Ausbildungsvorbereitung darstellt.
Fünf Teilnehmende begaben sich im Anschluss an die Teilnahme in der Stadtteilwerkstatt
auf die eigene Suche nach einem Arbeitsplatz. Mit Hilfe von Bewerbungstrainings wurden die
Jugendlichen auf diese Aufgabe vorbereitet.
Lediglich 3 Teilnehmende blieben ohne eine konkret e Anschlussperspektive, da sie sich ei-
ner nachgehenden Betreuung verweigerten.
3. Ziele und Leistungen
Die Stadtteilwerkstatt bietet im Bereich der Jugen dberufshilfe Maßnahmen zur Berufsorien-
tierung, der Qualifizierung und der Beschäftigung m it sozialpädagogischer Begleitung an.
Ziel ist es, Jugendlichen und jungen Erwachsenen di e Integration in das Berufsleben und
damit in die Gesellschaft zu erleichtern.
Mit den Berufsbereichen Holz, Textil, Kosmetik, Fr iseur und Gartenbau ist die Stadtteilwerk-
statt Nord - in Kooperation mit dem Jugendausbildun gszentrum (JAZ) - ein wichtiger Be-
standteil der Jugendberufshilfe. Ziel ist die Eingl iederung der Jugendlichen in den Ausbil-
dungs- und Arbeitsmarkt beziehungsweise in das Syst em der beruflichen Bildung. Das ge-
schieht durch Bündelung verschiedener Hilfen zu ein er auf den einzelnen Jugendlichen ab-
gestimmten individuellen Unterstützung und Förderung auf dem Weg ins Berufsleben.
3.1 Die Berufsorientierung
Um Schlüsselqualifikationen wie z. B. Pünktlichkei t, Durchhaltevermögen, Verlässlichkeit,
Flexibilität und Freundlichkeit im Umgang mit ander en Menschen zu erlangen ist es in erster
Linie nötig, einen Arbeitsbereich vorzufinden, in d em für den Teilnehmenden motivierende
Arbeit, freundliche Mitarbeiter und eine profession elle Ausstattung Anreiz bieten, um die
oben beschriebenen Qualifikationen zu erlangen.
Ergänzend zu den genannten Berufsfeldern erhalten die Jugendlichen auch Einblicke in die
Bereiche Hauswirtschaft, Maler und Lackierer und Metall.
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Arbeiten in den Berufsfeldern
• Holzwerkstatt
In der Holzwerkstatt erlernen die Teilnehmenden die Be- und Verarbeitung verschiedener
Holzarten und -formen mit den gängigen Holzverarbei tungsmaschinen. Wie in den vorhe-
rigen Jahren wurden auch in 2010 mehrere Auftragsar beiten für soziale Einrichtungen,
gemeinnützige Vereine, Schulen und Kindergärten durchgeführt:
o Reparatur von Klavierstühlen für die Westfälische Schule für Musik
o Möbel und Bilderrahmen für das Amt für Kinder, Jug endliche und Familien
o Deko-Gegenstände für die St. Franziskus Gemeinde
o Lampen für die Schulpsychologische Beratungsstelle
o Möbel für die KITA am Edelbach
o Requisiten für das Theaterstück „Coerde GmbH“
o Reparatur eines Holzpavillons und Anfertigung von Bänken für das Amt für Grün-
flächen und Naturschutz im Rahmen des Programms „So ziale Stadt“ in Kinder-
haus
o Möbel und Deko-Elemente für das Jugendzentrum und die KITA Sprakel
o Beteiligung an Aktionen im Stadtteil Coerde (Maiba umsetzen, Familienolympia-
de)
Außerdem bauten die Teilnehmer Staffeleien, Kinders pielzeug und Vögelkästen für den
Verkauf.
Im Mai wurde in Zusammenarbeit mit der Akademie Übe rlingen der Spielplatz „Maxi-Sand“
am Syndikatsplatz aufgebaut und im Oktober wieder demontiert und eingelagert.
• Friseur/ Kosmetik
Im Bereich Friseur/Kosmetik wurden theoretischen Gr undkenntnisse und werkpraktische
Fähigkeiten vermittelt. In den meisten Fällen wird an Modellköpfen gearbeitet oder die
Teilnehmerinnen stellen sich als Modelle zur Verfüg ung. Diese Arbeit dient dazu, das Er-
lernte realitätsnah anwenden zu können. Die Werksta tt ist ähnlich einem professionellen
Frisörsalon und einem Kosmetikstudio ausgestattet, so dass reale Arbeitsbedingungen
simuliert werden können.
• Textilwerkstatt
Im gesamten Zeitraum wurden diverse Produkte (z. B. Topflappen, Kochschürzen, Ta-
schen, Körnerkissen, etc.) hergestellt. Auch in der Nähwerkstatt bekommen die Teilneh-
merinnen durch die Beteiligung an Auftragsarbeiten Einblicke in die realistische Abwick-
lung von Aufträgen:
o Vorhänge und Dekostoffe für die KITA und das Jugen dzentrum Sprakel
o Turnbeutel für die KITA St. Nikolaus
o Requisiten und Kostüme für das Theaterstück „Coerd e GmbH“ des Künstlers
Thomas Nufer
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Durch diese Auftragsarbeiten erhalten die Teilnehme rinnen wirklichkeitsnahe Rahmenbe-
dingungen. Sorgfalt, Genauigkeit und das Arbeiten u nter Zeitdruck wurden trainiert und
eingeübt. Die Teilnehmerinnen erfahren, dass ihre M itarbeit notwendig ist und sehen,
dass die erstellten Produkte einen sinnvollen Zweck in diesen Einrichtungen erfüllen. Das
gibt ihnen das Gefühl, gebraucht zu werden und steigert das Selbstbewusstsein.
• Gartenbau
Im Jahr 2010 wurde der im vorherigen Jahr konzipier te Bauerngarten weiterentwickelt.
Nachdem in 2009 die Anlage der Beete, das Pflanzen von Sträuchern, Obstbäumen und
Hecken sowie der Bau der Zäune im Vordergrund stand , konnten die Teilnehmenden nun
erstmals Gemüse säen, pflegen und im Sommer ernten. Einige Teilnehmenden hatten
sogar die Gelegenheit, die Pflanzen während der ges amten Wachstumsperiode zu pfle-
gen und diese im Anschluss zu ernten. Der ganzheitl iche Ansatz des Gesundheitsprojek-
tes wurde dadurch deutlich, dass das geerntete Obst und Gemüse später in der Küche für
die Zubereitung von Speisen verwendet wurde.
3.2 Sozialpädagogische Grundsätze und Methoden
Das sozialpädagogische Handeln in der Stadtteilwer kstatt orientiert sich an folgenden
Grundsätzen:
• individuelle und ganzheitliche Förderung
Ausgangspunkt allen pädagogischen Handelns sind di e Kompetenzen der Teilnehmenden.
Nicht die Defizite, sondern die Ressourcen und Pote ntiale der Jugendlichen stehen im Mit-
telpunkt.
Obst und
Gemüse sä-
en
In der Küche
zu Speisen
verarbeiten
Ernährungs-
beratung
pflegen
ernten
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Der Ansatz beinhaltet, die Jugendlichen mit all ih ren Stärken und Schwächen als Persönlich-
keit wahrzunehmen und zum Ausgangspunkt methodisch- didaktischer Überlegungen in der
sozialpädagogischen Arbeit zu machen. Die Kompetenz en der Adressaten sollen dabei sys-
tematisch gestärkt und konstruktiv gefördert werden . Neben der Gestaltung der Biographie
(Initiative, Eigenverantwortung, Selbstreflexivität , Selbstvertrauen) sollen die sozialen Kom-
petenzen (Teamfähigkeit, Kommunikationsfähigkeit, s olidarisches Handeln) der Teilnehmen-
den gefördert werden.
Die Erweiterung theoretischer Fähigkeiten (Allgeme inbildung, fachliches Spezialwissen,
schulische Fähigkeiten) und fachpraktische Kenntnis se (Praxisanwendungen, Einsatz von
Material und Werkzeugen) stellen weitere Kompetenzbereiche dar.
Ergänzt werden kann diese Aufzählung noch durch di e immer wieder angesprochenen
Schlüsselkompetenzen des Arbeitslebens (Pünktlichke it, Ausdauer, Zuverlässigkeit). Die „ei-
genen“ Stärken der Jugendlichen werden zum Ausgangs punkt und Gegenstand von Lernsi-
tuationen gemacht. Jugendliche werden bei diesem An satz nicht ausschließlich als problem-
behaftet und defizitär gesehen.
Als Methoden kommen bei diesem Ansatz verschiedene Kompetenzfeststellungsverfahren
zum Einsatz. Zu Beginn der Teilnahme durchlaufen di e Jugendlichen das Verfahren IDA (In-
strumentarium zur Diagnostik von Arbeitsfähigkeiten ). Mit IDA können arbeitsrelevante
Schlüsselqualifikationen (kognitive Fähigkeiten, Fä higkeiten zur Art der Arbeitsausführung,
psychomotorische Fähigkeiten und Potentiale im Bere ich der Kulturtechniken / Kommunika-
tion) erhoben und beurteilt werden. Mit Hilfe von s tandardisierten Arbeitsproben, die „Papier-
und Bleistift-Verfahren“ und manuelle Aufgaben umfa ssen, kann so ein genaues Bild von
den Fähigkeiten des Teilnehmers erstellt werden.
Auf der Basis der IDA-Testung und durch Beobachtun gen in den Werkbereichen sowie im
Unterricht werden im weiteren Verlauf der Tätigkeit in der Stadtteilwerkstatt regelmäßige
MELBA-Bewertungen vorgenommen. MELBA ist ein Verfah ren, mit dem einerseits die An-
forderungen an eine Tätigkeit beschrieben und ander erseits die Fähigkeiten einer Person im
Verhältnis dazu dokumentiert werden können. Anhand von 29 verschiedenen Merkmalen
kann so eine sehr genaue und vor allem objektive un d vergleichbare Bewertung vorgenom-
men werden. Das Verfahren eignet sich besonders gut für die Beurteilung von Personen mit
starken Beeinträchtigungen im Bereich der Schlüssel qualifikationen, z. B. aufgrund einer Be-
hinderung.
• individuelle und ganzheitliche Förderung
Ein weiterer Ansatz des sozialpädagogischen Handel ns ist die individuelle und ganzheitliche
Förderung. Auch dieser Ansatz setzt bei den Stärken und Potentialen des Teilnehmenden
an. Neben der Vermittlung schulischen Wissens im er gänzenden Unterricht werden in den
Werkstätten fachpraktische und fachtheoretische Kom petenzen erweitert. Im Rahmen der
Einzelfallhilfe wird für jeden Teilnehmenden ein in dividueller Förderplan entwickelt, der die
ganze Persönlichkeit mit einbezieht. Die sozialpäda gogische Arbeit umfasst dabei die Unter-
stützung bei familiären Problemen und die Bearbeitu ng von Problemen aufgrund von Schul-
den, Drogenabhängigkeit, psychischen Krankheiten, A rmut, Kriminalität etc. Mit Hilfe der in-
terdisziplinären Arbeitsweise und der Zusammenarbei t mit Lehrern, Ärzten, Therapeuten,
Mitarbeitern der Arbeitsagentur und des Jobcenters wird das Ziel verfolgt, den Jugendlichen
in seiner Persönlichkeitsentwicklung zu unterstützen und die Ich-Stärke zu fördern.
- 15 -
• Interdisziplinäre Zusammenarbeit
Augrund der Mehrdimensionalität in der Zielsetzung der Einrichtung sowie der Ausgestaltung
von Leistungen ist eine gute Zusammenarbeit der obe n beschriebenen Berufsgruppen wich-
tig. Im Hilfeprozess werden die Jugendlichen dabei nicht nur als Empfänger von Hilfeleistun-
gen gesehen, sondern dazu motiviert, aktiv an der G estaltung der Hilfen mitzuwirken. Dies
setzt voraus, dass die pädagogischen Mitarbeiter di e Teilnehmenden mit ihren Wünschen,
Ängsten, Vorbehalten und Vorschlägen ernst nehmen.
In diesem Prozess hat die Kooperation und Netzwerk arbeit eine besondere Bedeutung. Der
Sozialpädagoge in der Stadtteilwerkstatt übernimmt hier die Rolle des „Fallmanagers“. Bei
Bedarf zieht er zur Bearbeitung besonderer Problemlagen zusätzliches Fachpersonal zur Be-
ratung und Unterstützung hinzu. Gegebenenfalls wird der Jugendliche auch an andere Ein-
richtungen vermittelt (z. B. Sozialpsychiatrischer Dienst, Jugendwohngruppe, Drogenbera-
tungsstelle, Schuldnerberatung, Jugendgerichtshilfe etc).
• Information und Beratung
Neben der Beratung im Einzelfall für die Jugendlic hen und deren Eltern gehören auch Infor-
mationsangebote z. B. in Form von Gruppenarbeit zu den eingesetzten Methoden. Im Jahr
2010 nahmen die Jugendlichen an mehreren pädagogisc hen Workshops teil. Thematische
Schwerpunkte waren im vergangenen Jahr der „adäquat e Umgang mit Geld“, das Konsum-
verhalten, die Schuldenprävention sowie die Auseina dersetzung mit der eigenen Biografie
und den sich daraus ergebenen Berufswünschen und -vorstellungen.
Das Projekt „Biografiearbeit“ wurde über einen Zei traum von 6 Wochen in Zusammenarbeit
mit Studierenden des Fachbereichs Sozialwesen der F H Münster durchgeführt. Die Ergeb-
nisse in Form von erstellten Collagen wurden anschl ießend in der Stadtteilwerkstatt ausge-
stellt.
3.3. Flankierender Unterricht
Angesichts der schulischen Defizite (s. Tabelle 4) die die Teilnehmer und Teilnehmerinnen
mitbringen, ist die Integration in den Arbeitsmarkt ohne eine intensive schulische Unterstüt-
zung kaum möglich. Vor diesem Hintergrund - ist neb en den Werkstattangeboten – flankie-
rend eine theoretische Wissensvermittlung erforderl ich, um vorhandene Lücken im Bereich
Lesen, Rechnen etc. zu schließen. Auf Grund der het erogenen Voraussetzungen muss der
Unterricht sehr individuell gestaltet werden. In Ab sprache mit den Schulen vor Ort, den Be-
rufskollegs und dem Amt für Schule und Weiterbildun g wird flankierend zu den Werkangebo-
ten Unterricht erteilt. Ziel des integrierten Unter richts in der Stadtteilwerkstatt ist, den Ju-
gendlichen wieder den Spaß am Lernen zurück zu gebe n. Viele Jugendliche haben in ihrer
Herkunftsschule schlechte Erfahrungen gemacht und d as „Lernen verlernt“. Perspektivisch
sollen die Jugendlichen dazu motiviert werden, eine n Schulabschluss nachzuholen oder die
Angebote der Berufskollegs wahrzunehmen.
Im Einzel- oder Kleingruppenunterricht können die Jugendlichen schulische Defizite ausglei-
chen und ihren Bildungsstand verbessern. Dabei kann auf die individuellen Bedürfnisse der
Teilnehmerinnen und Teilnehmer eingegangen und ein passgenauer schulischer Förderplan
erstellt werden. Die Teilnahme war grundsätzlich fr eiwillig, jedoch sollten alle Minderjährigen
grundsätzlich an dem Angebot teilnehmen.
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Es wird die Möglichkeit geboten, sich auf das Nachh olen eines Schulabschlusses vorberei-
ten zu können, bzw. Maßnahmen, die einen nachträgli chen Schulabschluss beinhalten auch
bestehen zu können. Im Vordergrund standen die Aufa rbeitung von Grundlagenwissen, das
Einüben von Lerntechniken und die Förderung der Eig enmotivation. Hinzu kam die Erarbei-
tung und Vertiefung neuer Lerninhalte.
Die Unterrichtsinhalte sind einerseits an die Inte ressen der Teilnehmenden und andererseits
an die Erfordernisse angelehnt, die z. B. eine Exte rnenprüfung zur Erlangung des Haupt-
schulabschlusses mit sich bringt. Die Lerninhalte u nd individuellen Ziele werden mit den
Teilnehmenden besprochen und an den jeweiligen Leistungsstand angepasst.
Mit der Durchführung des flankierenden Unterrichts wurde auch im Jahr 2010 der Verein Ler-
nen Fördern e.V. beauftragt. Eine Mitarbeiterin war mit 10 Stunden/Woche in der Stadtteil-
werkstatt mit dieser Aufgabe beauftragt. Sie verfügte über vielfältige Erfahrungen im Umgang
mit der Zielgruppe, da sie als Sozialpädagogin auch am Lernort-Süd von Lernen Fördern
e.V. eingesetzt war. Insgesamt wurden im Jahr 2010 420 Unterrichtsstunden angeboten.
20 Teilnehmerinnen und Teilnehmer (65 % männlich, 35 % weiblich), nahmen in 2010 am
ergänzenden Unterricht teil. 60 % verfügten über ke inen Schulabschluss. Der Großteil der
Teilnehmenden hatte vorher die Förderschule besucht , die anderen hatten vorher die Haupt-
schule besucht.
Von den drei zur Externenprüfung des Hauptschulabs chlusses angemeldeten Jugendlichen,
leistete eine die Prüfung ab und bestand diese. Die anderen beiden Teilnehmerinnen wurden
vorher aufgrund von häufigen Fehlzeiten wieder abgemeldet.
Fünf besonders schwache Jugendliche erhielten im B erichtszeitraum Nachhilfeunterricht von
einem erfahrenen Senior, der sich in der Stadtteilw erkstatt ehrenamtlich und freiwillig enga-
giert. Im Mittelpunkt dieses Stützunterrichts stand en bei einem Teilnehmer die Alphabetisie-
rung und bei den anderen die Grundlagen des Lesens und Schreibens.
3.4 Gesundheit, Ernährung und Sport
Die Themen Gesundheit, Ernährung und Sport bilden einen Schwerpunkt in der konzeptio-
nellen Arbeit der Stadtteilwerkstatt. Vor dem Hinte rgrund, dass viele Jugendliche schon im
jugendlichen Alter über massive gesundheitliche Pro bleme klagen und häufige Fehlzeiten
wegen Krankheiten aufweisen, wurde im Jahr 2007 ein Projekt zur Gesundheitsförderung in
der Stadtteilwerkstatt initiiert. Dieses Projekt wurde auch im Jahr 2010 erfolgreich fortgeführt.
Mit den Methoden der Ernährungsberatung, des Einze l- und des Gruppensports sowie der
vitaminschonenden Zubereitung des biologisch angeba uten Gemüses aus dem Bauerngar-
ten wurde das Ziel verfolgt, die Jugendlichen aufzu klären und sie zu einer bewussten und
gesünderen Ernährung zu führen. Der mangelnden Bewe gungsfähigkeit der Teilnehmenden
wurde durch ein, auf einzelne Teilnehmer abgestimmt es, Personal-Training begegnet. In
diesem individuellen Training konnte z. B. bei eine r Teilnehmerin die Gewichtsreduktion in
Angriff genommen werden, bei einem anderen Teilnehm er konnte so konsequent an der
Steigerung der Belastungsfähigkeit gearbeitet werden.
In dem wöchentlich angebotenen Gruppensport ging e s um die Schulung der allgemeinen
Beweglichkeit, der Vermittlung des Spaßes am Sport und um das Erzielen von Erfolgserleb-
nissen durch den Sport.
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Die Angebote wurden von einem Studenten der Sportw issenschaft und der Oecotrophologie
fachgerecht konzipiert und professionell umgesetzt. Insgesamt nahmen 48 Jugendliche an
den Gruppenangeboten teil. 8 Teilnehmende hatten au fgrund ihrer besonderen gesundheitli-
chen Probleme die Gelegenheit, am Einzelsportangebo t teilzunehmen. Sie erhielten einen,
auf ihre Person und Problemlage, abgestimmten Fitne ss- und Ernährungsplan. Die Grup-
penangebote wurden in der Sporthalle der Hauptschul e Coerde durchgeführt, die Einzeltrai-
nings fanden in den Fitnessräumen des Hochschulsports der Uni Münster statt.
3.5. Kooperationen
Für die Stadtteilwerkstatt ist die Zusammenarbeit mit freien Trägern, städtischen Diensten
und Einrichtungen seit vielen Jahren fester Bestand teil des Konzeptes. Die Formen der Ko-
operationen sind dabei sehr unterschiedlich. Sie re ichen von der Bereitstellung von Räum-
lichkeiten (Nähkurse des Jib, Metallprojekt der Upp enbergschule) über die Mitarbeit und Be-
teiligung in Arbeitskreisen (AK Coerde, AK Jugend K inderhaus und weitere) bis zu gemein-
sam konzipierten und durchgeführten Projekten.
Auch im Berichtsjahr bildete die Kooperation mit d en Schulen aus Münsters Norden einen
Schwerpunkt der Netzwerkarbeit. Das von den Hauptsc hulen Coerde und Kinderhaus im
Schuljahr 2008/2009 begonnene Werkstattprojekt mit schulmüden Jugendlichen wurde auch
in 2010 fortgeführt. Durchschnittlich 6 Schülerinne n und Schüler der Jahrgangsstufe 9 nah-
men an 2 Tagen in der Woche an den werkpädagogische n Übungen unter Anleitung eines
Tischlermeisters teil. Unterstützt wurde der Tischl ermeister dabei von den pädagogischen
Mitarbeitern der Stadtteilwerkstatt.
Die folgende Liste gibt eine Übersicht über die Ba ndbreite der Kooperationspartner:
Adolph-Kolping-Schule, Berufskolleg Jugendausbildungsze ntrum JAZ gGmbH
Agentur für Arbeit Jugendinformations- und -bildungsz entrum (Jib)
Anne-Frank-Schule, Berufskolleg Jugendwerkstatt (JAZ gG mbH /Jib)
Akademie Überlingen KatHO Münster, Fachbereich Soziale Arbeit
Amt für Grünflächen und Naturschutz Kommunaler Sozial dienst des Amtes für Kinder, Jugendliche und
Familien
Arbeitsgemeinschaft Münster (ARGE) Lernen fördern e.V.
Bezirksverwaltung Nord LWL-Jugendheim Tecklenburg (Am bulante Erziehungshilfen)
Bundesverband Alphabetisierung Polizei Münster
Dieter Blase (freischaffender Künstler) Schulen in den Stadtteilen (Hauptschule Coerde, Uppenberg-
schule, Hauptschule Waldschule Kinderhaus)
Drogenhilfe des Amtes für Kinder, Jugendli-
che und Familien
SKM
Erziehungsberatung der Caritas Sozialamt der Stadt Mün ster
Fa. Bröker Catering and Event Stadtteilbüro der Arbeite rwohlfahrt in Coerde
Fachhochschule Münster, Fachbereich Sozi-
alwesen
Timmermeisterschule
Gesundheitsamt der Stadt Münster Thomas Nufer (freis chaffender Künstler)
Handwerkskammer Münster V.S.E. Jugendhilfeeinheit Müns ter Nord
Heimatverein Sprakel-Sandrup-Coerde Weitere freie Trä ger der Kinder- und Jugendhilfe
HOT der Andreaskirchengemeinde Wuddi
Hochschulsport der Uni Münster Westfälisch-Lippisch e Vermögensgesellschaft (WLV)
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4. Fallbeispiele aus der Praxis
Fallbeispiel 1: L., weiblich, 22 Jahre
Ausgangssituation
L. ist in Gronau aufgewachsen. Sie lebte seit etwa einem Monat in Münster als sie in der
Stadtteilwerkstatt Nord startete. Sie teilte sich e ine Wohnung mit ihrem Verlobten und ihrer
dreijährigen Tochter.
L’s Mutter ist verstorben als L. acht Jahre alt wa r. Ihr Vater hat sie weiter großgezogen.
L. hat in Gronau eine Hauptschule besucht, aber ke inen Abschluss erreicht. Danach ist sie
auf eine Realschule in Gronau gegangen, hat das Sch uljahr aber abgebrochen, weil sie zu
sehr durch ihre damals zweijährige Tochter eingespannt war.
L. äußerte bereits im ersten Gespräch mit den Mita rbeitern der Stadtteilwerkstatt, dass sie
gerne eine Ausbildung zur Tischlerin machen möchte. Mit diesem Hintergrund wurde sie vom
Jobcenter Münster (zu dem Zeitpunkt noch Arbeitsgem einschaft Münster) zur Stadtteilwerk-
statt Nord vermittelt.
L. startete am 17.03.2010 als Teilnehmerin in der Holzwerkstatt der Stadtteilwerkstatt Nord.
Zielsetzung
L. hat sich für die Zeit in der Stadtteilwerkstatt das Ziel gesetzt, sich schulisch und handwerk-
lich auf die Tischlerausbildung vorzubereiten.
Außerdem hatte L. hohe Schulden, die sie in den Gr iff bekommen wollte, um sich auf die
spätere Ausbildung konzentrieren zu können.
Förder- und Entwicklungsprozess
Von Beginn an wurde deutlich, dass L. eine zuverlä ssige Teilnehmerin ist. Sie erschien re-
gelmäßig und pünktlich zur Arbeit. Da der Einstieg sehr gut funktionierte und L. über ihren
weiteren beruflichen Weg nachdenken konnte, wurde e ine psychologische Untersuchung bei
der Arbeitsagentur angefordert. Dadurch wurde beurt eilt, ob es für L. sinnvoll ist, ab dem
Sommer 2010 in eine Ausbildung zu gehen.
Anfang Mai 2010 gab es die Auswertung. L. konnte e ine überbetriebliche Ausbildung anstre-
ben. Sie wurde durch die Unterstützung der Mitarbei ter der Stadtteilwerkstatt Nord von der
Arbeitsagentur für die überbetriebliche Ausbildung in der Akademie Überlingen vorgemerkt.
L. setzte sich das Ziel, sich diesen Ausbildungsbe trieb anzugucken.
Außerdem begann sie im Mai mit dem Unterricht in d er Stadtteilwerkstatt. Sie hatte Schwie-
rigkeiten mit der deutschen Sprache. Diesen Plan ve rfolgte L. während der gesamten Zeit
gezielt und besserte somit ihren Wissensstand für die Ausbildung auf.
Sie zeigte ebenso Interesse und Motivation in der Holzwerkstatt und leistete sorgfältige Ar-
beit.
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Während der Zeit in der Stadtteilwerkstatt stellte sich heraus, dass L. seit Monaten ihre Post
nicht geöffnet hatte, sie dadurch Mahnverfahren nic ht bearbeitet hatte und sich dadurch im-
mense Schulden angesammelt hatten.
Da die Betreuung durch die Stadtteilwerkstatt Nord u.a. dazu dienen sollte, solche Probleme
zu bearbeiten, ist L. in Begleitung der Betreuung d er Stadtteilwerkstatt zur Schuldnerbera-
tung gefahren. Der Schuldnerberater riet L. Privati nsolvenz anzumelden. Die Höhe der
Schulden war mit ihren Einkünften nicht mehr zu beg leichen. Nach der Anzeige der Privatin-
solvenz konnte L. ihre Konzentration wieder auf ihre spätere Ausbildung legen.
Anfang August 2010 erhielt L. den Bescheid, dass s ie den Ausbildungsplatz in der Akademie
Überlingen bekommen hatte. L. unterschrieb den Ausb ildungsvertrag. Sie entschied sich da-
für, bis zum letzten Tag in der Stadtteilwerkstatt Nord zu bleiben, um ihre Tagesstruktur bei-
zubehalten.
Weiterer Verbleib
Am 24.08.2010 begann L. ihre Ausbildung zur Tischl erin in der Akademie Überlingen. Der
Übergang wurde durch die Stadtteilwerkstatt begleit et. Zum Einen fand ein Austausch mit
dem neuen Bildungsbegleiter von L. statt. Zum Ander en wurde L. von der Mitarbeiterin der
Stadtteilwerkstatt in der Übergangsphase in der Aka demie Überlingen besucht. Sie kam er-
folgreich in der Akademie an und verfolgte fortan ihr Ziel der Ausbildung zur Tischlerin.
Fallbeispiel 2: J., weiblich, 18 Jahre
Ausgangssituation
J. wohnte seit ihrem 14. Lebensjahr in einer Jugen dwohngruppe und wurde im Rahmen der
Jugendhilfe betreut. Die Begründung dieser Unterbri ngung waren schwerwiegende familiäre
Probleme. Eine Rückkehr in den elterlichen Haushalt hätte J’s Entwicklungs- und Verselbst-
ständigungsprozess verhindert. Ihre Familie lebte i n Münster. Ihre Mutter wohnte mit ihren
anderen drei Kindern zusammen. J’s Vater lebte nur zeitweise bei der Mutter. Als J. in der
Stadtteilwerkstatt begann, hatte sie alle zwei Woch en Besuchskontakte mit ihrer Mutter. J.
zeigte eine große Abhängigkeit zu ihrer Familie und ließ sich häufig negativ beeinflussen.
Dies zeigte sich vor allem in Bezug auf J’s Einstel lung zu ihren Betreuern. Nach Besuchs-
kontakten fiel es J. oft schwer, sich wieder auf di e Betreuer einzulassen. Aufgrund dessen
wurden die Besuchskontakte auf zweiwöchentliche Termine reduziert.
J. hat eine Förderschule in Münster besucht. Sie h at ein Abschlusszeugnis der 10. Klasse.
Danach ging sie ein Jahr lang keiner Arbeit nach, b is sie am 17.08.2009 in der Stadtteilwerk-
statt Nord startete.
Zielsetzung
Es zeigte sich direkt zu Beginn der Zusammenarbeit mit J, dass sie ein sehr geringes Selbst-
bewusstsein hatte und bestimmte Situationen nicht aushalten konnte.
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Ziel der Arbeit mit J. in der Stadtteilwerkstatt N ord war es demnach, J’s Selbstbewusstsein
zu stärken, sodass sie ihren beruflichen Weg verfolgen konnte.
Zudem wollte J. sich schulisch verbessern und am U nterricht teilnehmen.
Förder- und Entwicklungsprozess
J. war in der Textil-, Kosmetik- und Frisörwerksta tt der Stadtteilwerkstatt tätig. Mit regelmäßi-
gem und pünktlichem Erscheinen hatte J. keine Schwi erigkeiten. Sie war zuverlässig. Aller-
dings agierte sie anfänglich sehr vorsichtig und br auchte lange, um sich auf die Angebote
der Stadtteilwerkstatt einzulassen und sich den Mitarbeitern zu öffnen.
Anfänglich konnte J. bestimmte Situationen nicht au shalten. Sobald sie mit negativen Aspek-
ten konfrontiert wurde, hielt sie dem Druck nicht s tand und flüchtete aus dem Raum, im
schlimmsten Fall ging sie nach Hause. Diese Reaktio n stand in enger Verbindung mit dem
geringen Selbstbewusstsein von J. Sie erschien aber spätestens am nächsten Tag wieder in
der Stadtteilwerkstatt, so dass wir mit ihr daran arbeiten konnten.
Im Laufe der Zeit steigerte J. ihr Selbstbewusstse in und konnte vermehrt auch kritische Situ-
ationen aushalten. Nur noch in den seltensten Fällen flüchtete sie aus dem Raum.
Eine weitere Methode der Stadtteilwerkstatt zum Au sbau des Selbstbewusstseins war ein
Sportprojekt, an dem J. teilnahm. Sie erhielt Einze ltraining, bei dem sie die Aufmerksamkeit
des Trainers nur für sich beanspruchen konnte. Auch der Einzelunterricht, den sie in der
Stadtteilwerkstatt bekam, stärkte ihr Selbstbewusstsein.
Bei J. war ein hoher Redebedarf besonders auffälli g. Sie äußerte u. a. Suizidgedanken, wo-
mit sie Aufmerksamkeit suchte. Aus diesem Grund ga ben wir J. die Möglichkeit sich die Auf-
merksamkeit im Sportprojekt oder im Unterricht über andere Aspekte zu holen.
Hinderlich für J’s weiteren Weg schien die Konstel lation ihrer Wohnsituation. Es wurde deut-
lich, dass J. in einem ständigen Zwiespalt stand zw ischen dem, was die Betreuer der Stadt-
teilwerkstatt und die der Jugendhilfe ihr vermittel ten und dem, was sie zu Hause erlebte.
Aufgrund ihres geringen Selbstbewusstseins fiel es J. schwer, sich eine eigene Meinung zu
bilden. Sie war sehr beeinflussbar.
Auf Rat der beteiligten Sozialpädagogen stellte J. hat im Februar 2010 einen Antrag auf be-
treutes Wohnen. Dieser Antrag wurde bewilligt.
Bereits nach kurzer Zeit hielt J. jedoch die Termi nabsprachen mit ihrem Betreuer nicht ein.
Dies hing erneut mit dem Einfluss ihrer Familie zusammen.
Dadurch wurde deutlich, dass J’s beruflicher Weg m it ihrer Wohnsituation in Verbindung ge-
bracht werden musste.
Die Vorbereitung von J. in der Stadtteilwerkstatt Nord zielte vorerst auf eine Vermittlung in
eine berufsvorbereitende Bildungsmaßnahme ab, z. B. bei dem freien Träger Lernen fördern
oder in der LWL-Klinik Münster. Nach dieser Erkennt nis befürwortete die Stadtteilwerkstatt
Nord in Kooperation mit dem Jugendwohnheim und der Agentur für Arbeit, dass J’s berufli-
cher Weg am besten in einer Kombination aus Arbeit und Wohnen bestehen sollte.
Dies wurde von der Agentur für Arbeit unterstützt.
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Nachdem J. sich ebenso mit diesem Weg einverstande n erklärte, erkundigte sie sich mit Un-
terstützung der Stadtteilwerkstatt bei der Agentur, welche Einrichtung in Frage käme. Letzt-
endlich war das Jugenddorf Burgsteinfurt die beste Alternative.
Die Betreuer der Stadtteilwerkstatt begleiteten J. zu einem Besichtigungstermin der berufs-
vorbereitenden Bildungsmaßnahme und der daran anges chlossenen Wohnanlage in Burg-
steinfurt. J. war angetan und wollte dort im September 2010 beginnen.
Weiterer Verbleib
J. mündete am 06.09.2010, nach einem Jahr Teilnahm e in der Stadtteilwerkstatt Nord, in die
berufsvorbereitende Bildungsmaßnahme im Christliche n Jugenddorf Burgsteinfurt ein. Die
Betreuer der Stadtteilwerkstatt, der Betreuer des J ugendwohnheims aus Münster und ihr
Bruder begleiteten sie am ersten Tag dorthin. Die e rsten drei bis vier Wochen fiel es J. sehr
schwer, sich auf diesen neuen Schritt einzulassen. Sie suchte noch häufig den telefonischen
Kontakt zur Stadtteilwerkstatt. Die Mitarbeiter der Stadtteilwerkstatt besuchten sie in diesem
Zeitraum ein weiteres Mal und setzten die sozialpäd agogische Begleitung mit langsamen
Schritten aus. J. lebte sich letztendlich gut in Burgsteinfurt ein. Sie entschied sich für den Be-
reich Maler und Lackierer. Jedes zweite Wochenende fuhr sie zu ihrer Familie nach Münster
und schaffte es nach dem Wochenende, sich wieder au f den Weg nach Burgsteinfurt zu ma-
chen.
Fallbeispiel 3: D., männlich, 16 Jahre
Ausgangssituation
D. wohnte bei seinen Eltern in Münster. Seine Mutt er ging einer Beschäftigung nach. Er be-
suchte das letzte Schulpflichtjahr an der Waldschul e Kinderhaus. Die Schule hatte ihn be-
reits in eine Projektklasse versetzt, die an zwei T agen in der Woche ein Praxisprojekt Stadt-
teilwerkstatt durchführte. An den anderen drei Tage n der Woche fand in der Schule Unter-
richt statt. Dort wurde D. letztendlich aber ebenso vom Unterricht ausgeschlossen, da er eine
Auseinandersetzung mit einem Lehrer hatte.
Seine Schule suchte nach einer Alternative, wie er seine restliche Schulpflicht erfüllen konn-
te. Die Stadtteilwerkstatt Nord bot sich dafür an, da in Form eines Praktikums die Schulpflicht
abgeleistet werden konnte und D. die Einrichtung bereits kannte.
D. mündete am 22.03.2010 in der Stadtteilwerkstatt als Schülerpraktikant in der Holzwerk-
statt ein.
Zielsetzung
Das erste Ziel war es demnach, seine Schulpflicht in der Stadtteilwerkstatt abzuleisten.
Im Erstgespräch erzählte D. auch bereits, dass er ab dem Sommer 2010 seinen Hauptschul-
abschluss an dem Adolph-Kolping-Berufskolleg im Berufsvorbereitungsjahr erwerben wolle.
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Förder- und Entwicklungsprozess
In der ersten Woche wurde bereits deutlich, dass D . sich schnell von seiner Arbeit ablenken
ließ und dass er andere Teilnehmer in der Werkstatt immer wieder zu Blödsinn anstiftete.
Hinzu kam, dass er Anweisungen von Seiten der Stadt teilwerkstatt nicht ernst nahm. Dieses
Verhalten thematisierten die Betreuer der Stadtteil werkstatt Nord des Öfteren mit ihm. Er
nahm sich vor, sein Verhalten zu verändern und form ulierte, dass er sich auf seine Arbeit zu
konzentrieren wolle. Vor allem aber musste D. einen respektvollen Umgang mit den Teil-
nehmern und den Mitarbeitern üben.
Ein weiterer Punkt, an dem D. arbeiten musste, war seine Zuverlässigkeit. Er kannte das
Verfahren der Krankmeldung noch nicht. Er wollte so mit üben, sich selbst zu melden, wenn
er krank war und die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigu ng innerhalb von drei Tagen in der
Stadtteilwerkstatt Nord einzureichen. Damit sollte D’s Verantwortungsbewusstsein gefördert
werden.
Im handwerklichen Bereich hatte D. viel Potenzial. Diese positive Rückmeldung motivierte
ihn, weiterhin seine Ziele zu verfolgen.
D. nahm am Einzelunterricht in der Stadtteilwerkst att teil. Sein Wissensstand war entspre-
chend gut, so dass er für das Berufsorientierungsja hr 2010/2011 am Adolph-Kolping-
Berufskolleg angemeldet werden konnte.
Im Laufe der Zeit schaffte er es, sich auf seine A rbeit zu konzentrieren. Zudem zeigte er ver-
mehrt ein respektvolleres Verhalten. Auch seine Zuverlässigkeit verbesserte sich zusehends.
Durch die regelmäßige Teilnahme am flankierenden U nterricht D. erfüllte seine Schulpflicht
in der Stadtteilwerkstatt.
Weiterer Verbleib
Am 16.07.2010 wurde D. in der Stadtteilwerkstatt N ord verabschiedet. Nach den Sommerfe-
rien 2010 begann er das Berufsorientierungsjahr im Adolph-Kolping-Berufskolleg und erwirbt
zurzeit seinen Hauptschulabschluss.
5. Ausblick und Perspektiven 2011
Die immer größer werdende Nachfrage nach alternati ven Möglichkeiten der „Unterbringung“
sog. schulmüder Jugendlicher zeigt, dass eine Lücke im System besteht, die geschlossen
werden sollte. Die Kapazitäten und die konzeptionel le Ausrichtung (Schwerpunkt Berufsori-
entierung) der Stadtteilwerkstatt mit dem Fokus auf die 16- bis 24-jährigen arbeitslosen Ju-
gendlichen und jungen Erwachsenen aus Münsters Nord en lassen eine Kombination nicht
zu. Eine neu zu konzipierende Produktionsschule kön nte eine Antwort auf dieses Problem
sein.
Das Sport- und Ernährungsprojekt soll im Jahr 2011 weiter ausgebaut werden. Durch die
Einbindung der Projektleitung in das Programm „Stär ken vor Ort“ wird das Projekt qualitativ
und quantitativ wachsen und weiter ausdifferenziert werden können.
Im kommenden Jahr werden zudem die Informations- u nd Bildungsangebote in Form von
thematischen Workshops weiter entwickelt. In Planun g sind Workshops zu den Themen Se-
xualerziehung (Pro Familia), problematischer Medien konsum (Jib), Alkohol- und Drogen-
missbrauch (Drogenberatungsstelle) sowie der Besuch einer Justizvollzugsanstalt (SKM-
Jugendgerichtshilfe).
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Im Garten- und Gemüsebau soll die Umweltbildung st ärker in den Blickpunkt genommen
werden. Neben der fachpraktischen Arbeit im Garten sollen verstärkt Bildungsinhalte zum
Umwelt- und Naturschutz vermittelt werden.
Um den Jugendlichen die reale Arbeitswelt näher zu bringen; sollen die Teilnehmenden ne-
ben regelmäßigen Betriebsbesichtigungen auch im Rah men von Betriebspraktika persönli-
che Erfahrungen machen können.
Da die Personalstelle im Hauswirtschaftsbereich se it dem 31.07.2010 unbesetzt ist, soll
durch eine zusätzliche Projektfinanzierung eine Hon orarkraft in der Küche beschäftigt wer-
den, die mit und für die Jugendlichen Mahlzeiten zubereitet.
Zum 01.08.2011 kehrt die ehemalige Stelleninhaberi n nach zweijähriger Elternzeit mit einer
0,5-Stelle als Sozialpädagogin in die Stadtteilwerkstatt zurück.
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Beratungsverlauf (4)
Beschluss: zur Kenntnis genommen
Zur SitzungBeschluss: zur Kenntnis genommen
Zur SitzungBeschluss: zur Kenntnis genommen
Zur SitzungBeschluss: zur Kenntnis genommen
Zur SitzungOrte (2)
- Kinderhaus 12
- Edelbach
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Details
- Vorlagen-Nr.
- V/0230/2011
- Typ
- Vorlagen
- Datum
- 12.04.2011
- Erstellt
- 06.10.2020 14:37