AN/0478/2025
Anfrage des FachAK 3 zur Förderung der natürlichen Mehrsprachigkeit als Instrument zur Verbesserung der Schulerfolge
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Anfrage des Facharbeitskreises 3 betreffend Mehrsprachigkeit und Schulerfolge
8009 Zeichen
Facharbeitskreis 3 des Integrationsrates
An den
Vorsitzenden des Integrationsrates
Herrn T ayfun Keltek
An die
Geschäftsstelle des Integrationsrates
Frau Dr. Gülşen D ikbaş
Anfrage gem. § 4 der Geschäftsordnung des Integrationsrates
Gremium Datum der Sitzung
Integrationsrat 06.05.2025
Anfrage zur Förderung der natürlichen Mehrsprachigkeit als Instrument zur
Verbesserung der Schulerfolge
Sehr geehrter Herr Vorsitzender,
Spätestens mit dem sogenannten „PISA-Schock“ im Jahr 2001 stellte sich die Frage,
wie Kinder und Jugendliche aus benachteiligten sozialen Schichten und/oder mit
internationaler Familiengeschichte so unterstützt werden können, dass sie
Chancengleichheit und Bildungsgerechtigkeit erfahren. Der Landesintegrationsrat
NRW veröffentlichte damals einen Kommentar, dessen Titel unsere Hoffnung
ausdrücken sollte: „PISA macht alle w ach!“. Ergänzend wurde ein Sofortprogramm
erarbeitet, in dem bildungspolitische Maßnahmen vorgeschlagen wurden. Die ersten
beiden lauteten:
Koordinierte Alphabetisierung und mehrsprachiges Lernen in der Grundschule.
Deutschlernen und Mehrsprachigkeit in der Sekundarstufe.
Mit dem Kölner Ratsbeschluss 1017/2022 „Identität stärken – natürliche
Mehrsprachigkeit fördern!“ hat die Stadt Köln ein Positionspapier verabschiedet, das
die Bedeutung der natürlichen Mehrsprachigkeit in unserer Gesellschaft betont.
Herkunftssprachen - in der Regel die Erstsprachen von Kindern mit internationaler
Familiengeschichte - sind eng mit Identität, Selbstwertgefühl und Zugehörigkeit
verbunden. Ihre Ane rkennung und Förderung ist daher nicht nur ein Akt der
Wertschätzung, sondern auch eine gesellschaftliche und wirtschaftliche
Notwendigkeit.
Zentrale Aussagen des Positionspapiers:
Identitätsstärkung: Die Herkunfts- bzw. Erstsprache ist T eil der kulturellen
Identität. Ihre Missachtung kann die kindliche Entwicklung beeinträchtigen.
Chancengerechtigkeit: Mehrsprachigkeit unterstützt das Erlernen weiterer
Sprachen (z. B. Deutsch), fördert das metasprachl iche Bewusstsein, die
kognitive Entwicklung und verbessert die Bildungschancen.
Bildungssystem: Kitas und Schulen sollen vorhandene Sprachpotenziale
erkennen und fördern, anstatt sich ausschließlich auf Deutsch oder wenige
„prestigeträchtige“ Sprachen zu konzentrieren.
Gesellschaftlicher Nutzen: Mehrsprachigkeit ist weltweit die Norm. Sie stärkt
interkulturelle Kompetenz und ist eine Schlüsselqualifikation in einer
globalisierten Welt.
Politische und rechtliche Rahmenbedingungen: Sowohl das Land NRW als
auch die EU erkennen Mehrsprachigkeit als Bildungs- und Entwicklungschance
an und fordern deren gezielte Förderung.1
Natürliche Mehrsprachigkeit soll als Ressource verstanden und aktiv gefördert werden
– nicht nur zur besseren Integration, sondern auch zum Nutzen der gesamten
Gesellschaft.
Der Integrationsrat der Stadt Köln bittet daher die Bezirksregierung Köln, Maßnahmen
zur Förderung der natürlichen Mehrsprachigkeit als Instrument zur Verbesserung des
Schulerfolgs zu prüfen.
Vor diesem Hintergrund bittet der Integrationsrat der Stadt Köln die Verwaltung,
die folgenden Fragen an die Bezirksregierung K öln mit der Bitte um
Beantwortung weiterzuleiten:
1. Welche Projekte, Programme und Strukturen fördern innerhalb der
Bezirksregierung Köln die natürliche Mehrsprachigkeit von Schülerinnen und
Schülern mit internationaler Familiengeschichte? (Bitte differenzie rt nach
Schulform und Jahrgangsstufe).
2. Wie viele dieser Schülerinnen und Schüler profitieren aktuell von den in Frage
1 genannten Angeboten? Wie viele werden bislang nicht erreicht bzw. nicht
gezielt gefördert?
1 Teilhabe- und Integrationsgesetz NRW (2012) § 2, Absatz 3 : "Das Erlernen der deutschen Sprache ist für das
Gelingen der Integration von zentraler Bedeutung und wird daher gefördert. Die Wertschätzung der
natürlichen Mehrsprachigkeit ist ebenfalls von besonderer Bedeutung."
Kinderbildungsgesetz NRW (KiBiz), SGB VIII (2014) § 13c / Absatz 1, Satz 3 und 4 : "Die Mehrsprachigkeit von
Kindern ist anzuerkennen und zu fördern. Sie kann auch durch die Förderung in bilingualen
Kindertageseinrichtungen oder bilingualer Kindertagespflege unterstützt werden."
Die EU-Kommission hat in ihrem "Weißbuch zur allgemeinen und beruflichen Bildung" von 1995 die
Forderung formuliert, dass alle Schulabgänger*innen und Schüler*innen drei Gemei nschaftssprachen
beherrschen sollen und dass demzufolge Kinder und Jugendliche im Laufe ihrer Schulzeit außer ihrer
Erstsprache noch mindestens zwei weitere Sprachen lernen. Das kann zum Beispiel bedeuten: Deutsch als die
Landessprache; als zweite Sprache die Herkunftssprache und Englisch als Weltsprache. Wenn in diese
sprachenpolitische EU -Vorgabe die jeweils nichtdeutschen Herkunftssprachen eingebunden werden, dann
haben die Schulen eine Perspektive, die den Anforderungen einer Migrationsgesellschaft ents pricht.
3. Wie nachhaltig ist die Finanzierung der genannten Maßnahmen gesichert?
Welche Programme, Fördermittel oder Zuschüsse werden genutzt?
4. Welche Maßnahmen und behördlichen Strukturen sorgen für die Bündelung
und Koordination dieser Programme? Welche Akteurinnen und Akteuren sind in
die Beratungs- und Entscheidungsprozesse eingebunden?
5. Plant die Bezirksregierung Köln eine Ausweitung bestehender Projekte,
Programme und Strukturen zur Förderung der natürlichen Mehrsprachigkeit?
Begründung:
Mehrsprachigkeit ist ein integraler Bestandteil des gesellschaftl ichen Lebens in
Deutschland und NRW. Studien belegen ihren positiven Einfluss auf die kognitive
Entwicklung, die emotionale Stabilität und den schulischen Erfolg.2 Schulen profitieren
von einer besseren Zusammenarbeit mit Eltern, einem gestärkten
Zugehörigkeitsgefühl bei den Schüler*innen und verbesserten Leistungen. Auch
einsprachig aufwachsende Kinder können vom Kontakt mit mehrsprachigen Kontexten
im Sinne des gemeinsamen Lernens profitieren.
Trotz dieser Erkenntnisse fehlt es in der schulischen Praxis h äufig an Anerkennung
und gezielter Förderung von Mehrsprachigkeit. Schulen sind oft überfordert mit den
sprachlichen Herausforderungen, die mit zunehmender Diversität einhergehen.
Studien wie PISA, IGLU oder IQB zeigen, dass insbesondere Kinder mit internationaler
Familiengeschichte im Bildungssystem benachteiligt sind – etwa durch Überforderung
beim Übergang in weiterführende Schulen oder durch Unterforderung, wenn ihre
Herkunftssprachen unberücksichtigt bleiben.
Vor diesem Hintergrund sollten sowohl eine bessere individuelle Förderung aller
Kinder angestrebt als auch Bildungseinrichtungen bei der Erfüllung ihres
pädagogischen Auftrags unterstützt werden. Ziel ist es unter anderem, den
gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken. Bestehende gesetzliche Grund lagen
sollen anerkannt und deren Potenziale konsequent genutzt werden, um dieser
bildungspolitischen Schlüsselaufgabe gerecht zu werden.
Mit freundlichen Grüße
Facharbeitskreis 3 des Integrationsrates
2 Vgl. z.B. Gogolin, I., Neumann, U., Krüger -Potratz, M., & Dirim, İ. (2017). Mehrsprachige Kinder auf dem Weg
zur Bildungssprache Deutsch. Ergebnisse der KiBiS -Studie. Deutsches Institut für Internationale Pädagogische
Forschung (DIPF). (https://www.pedocs.de/volltexte/2017/14841/pdf/ )
Universität Hamburg, Fakultät für Erziehungswissenschaft. (2022). MEZ-Studie – Mehrsprachigkeit im
Zeitverlauf: Emotionale Stabilität und Identitätsentw icklung durch Sprachpflege .
(https://www.ew.uni-hamburg.de/ueber -die-fakultaet/aktuell -2022/22 -12-20-junge-forschung -
ticheloven.html )
Stiftung Kinder forschen. (o.J.). Das Gehirn hat Platz für viele Sprachen – Mehrsprachigkeit in der frühkindlichen
Bildung. (https://integration.stiftung -kinder -forschen.de/themen/sprachfoerderung/das -gehirn-hat-platz -fuer-
viele-sprachen )
Beratungsverlauf (1)
Details
- Aktenzeichen
- AN/0478/2025
- Typ
- Anfrage nach § 4 der GeschO des Rates
- Datum
- 28.04.2025
- Erstellt
- 28.04.2025 11:17