V/0936/2005
Einsatz von Open-Source-Software in der Stadt Münster
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Berichtsvorlage
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V/0936/2005 DER OBERBÜRGERMEISTER citeq Betrifft Einsatz von Open-Source-Software in der Stadt Münster Beratungsfolge 16.11.2005 Werksausschuss der citeq Bericht Bericht: 1. Anlass Der Einsatz von Open-Source-Software wird nicht er st seit g estern in Deutschland intensiv disku- tiert. Städte wie München, Mannheim oder Schwäbisch Hall haben sich mit großer Resonanz in der Medienlandschaft dazu entschlossen, Teile ihrer Infrastruktur mit Open-Source-Produkten auszustatten. Die Gründe für diese Entscheidungen sind vielfältig. In den Fokus sind in der Ver- gangenheit die Argumente Wirtschaftlichkeit, Sicherheit und Softwarefreiheit getreten. Letzteres wird in der Regel damit gleichgesetzt, dem allgemein fast als Monopolisten wahrgenommenen Softwarehersteller Microsoft erfolgreich Alternativen entgegensetzen zu können. Die citeq ist sich ihrer wirtschaftlichen Verantwortung für den IT-Einsatz bei der Stadt Münster bewusst und greift bereits seit langem bei Softwareentscheidungen das Thema Open-Source auf. Mit dieser Vorlage erläutert die citeq Open-Source in Abgrenzung zu Closed-Source-Software oder Freeware, zeigt den bisherigen Stand der Nutzung von Open-Source bei der citeq auf und definiert schließlich den Stellenwert von Open-Source für künftige Softwareauswahlverfahren in der Stadt Münster. 2. (Vereinfachte) Definition von Open-Source-Software Der Begriff Open-Source-Software bedeutet soviel wie „offene Quellen“. Daraus soll hervorge- hen, dass es sich nicht um kostenlose, sondern um freie Software im Sinne von freier Nutzbarkeit handelt. Hieraus ergibt sich, dass der Quellcode, der dem Programm zu Grunde liegt, von jedem einsehbar sein muss. Damit ist es möglich, individuelle Anpassungen, Änderungen oder Ergän- zungen bei der Software vorzunehmen. In Abgrenzung dazu bedeutet der Begriff Closed-Source- Software, dass der Quellcode des Programms nicht einsehbar ist. Für Open-Source-Software werden fälschlicherweise vielfach andere Begriffe wie beispielsweise „Freie Software“ oder Freeware verwendet. Die Bezeichnung Open-Source-Software darf aber nur dann verwendet werden, wenn die Software ganz bestimmte Kriterien erfüllt. Diese quelloffe- Vorlagen-Nr.: V/0936/2005 Auskunft erteilt: Herr Helmer Ruf: 492 18 26 E-Mail: helmer@citeq.de Datum: 03.11.2005 Öffentliche Berichtsvorlage 2 V/0936/2005 ne Software unterliegt der Zertifizierung durch verschiedene Instanzen wie der Open Software Initiative (OSI) und muss in allen Details veröffentlicht werden, die in der Open-Source-Lizenz geregelt sind. Free Software oder Freeware ist eine urheberrechtlich geschützte Software, die zur kostenlosen Nutzung zur Verfügung gestellt wird. Shareware ist eine Vertriebsform von Software, die vor dem Kauf getestet werden kann. Public Domain ist eine frei verfügbare kostenlose Software, welche zur öffentlichen Verbreitung freigegeben wurde. Für die letzten drei Softwarebezeichnungen trifft der Begriff Open-Source-Software nicht zu, hierbei handelt es sich um lizenzkostenfreie Soft- ware. Zusammenfassend wird eine Software dann als Open-Source bezeichnet, wenn aufgrund der vom Entwickler gewählten Lizenz • die Software nur inklusive des Quellcodes verbreitet werden darf • eine kostenlose Weitergabe – wiederum inklusive Quellcode- möglich ist • Änderungen im Quellcode durch jede Person möglich ist • der Quellcode der Software auch für andere Softwareprodukte verwendet werden darf, vor- ausgesetzt diese steht wieder unter einer Open-Source-Lizenz 3. Wie steht die citeq zu Open-Source-Produkten? Die citeq verfolgt seit Jahren die Strategie, dass IT-Lösungen anhand von ganzheitlich ausge- prägten Kriterien ausgewählt und eingeführt werden sollten. Dabei werden alle Arten von Soft- wareprodukten in die Entscheidung einbezogen. Wichtig ist, dass bei jeder Entscheidung die Aspekte der Wirtschaftlichkeit, der Zweckmäßigkeit, der Orientierung an den Kundenbe- darfen sowie der Integration in die Gesamtlandschaft der IT gleichermaßen abgewogen und bewertet werden. Der Einsatz von Open-Source-Lösungen ist in der gesamten IT-Infrastruktur möglich. Die citeq schließt im Umgang mit Open-Source keines der Ei nsatzfelder aus. Festzustellen bleibt jedoch, dass spezifische Branchenprodukte für den öffentlichen Bereich bis heute eher nicht als Open- Source-Software vertrieben werden. Hier werden die erforderlichen Schnittstellen zu anderen Softwareprodukten oder zu Spezialhardware üblicherweise als Argument für eine notwendige Ausweisung als Closed-Source-Software angeführt. Beispielhaft werden in der folgenden nach den Schwerpunkten der Softwarenutzung gegliederten Tabelle einige Produkte aufgeführt, die heute und teilweise bereits seit langer Zeit für die Stadt Münster eingesetzt werden. Systemsoftware Anwendungssoftware Client • Linux auf einzelnen PC • Webbrowser Firefox in bestimmten Bereichen • Tools zur pdf-Erzeugung (ghostscript) • Einbeziehung von OpenOffice in die Auswahl einer Bürosoftware in 2004/05 Server • Linux Betriebssystem (insbesondere für Oracle und SAP), • Apache Webserver • MySQL-Datenbank (vor allem für Internet-Datenbanken) • PHP und Perl für Internet- / Scrip- ting-Programme • O.S.I.R.I.S. zur Abbildung eines vir- tuellen Rathauses als Eigenentwick- lung auf Basis von Typo 3 • VNC (Serveradministration) Netzwerk • diverse Systemtools • Big Brother 3 V/0936/2005 3.1 Typische Missverständnisse und Fehler im Umgang mit Open-Source-Software Die Frage, ob eine Kommune oder eine Behörde auf Open-Source-Software setzen soll oder kann, ist häufig ideologisch belastet. Die citeq schließt sich dieser teilweise polemisch geführten Diskussion nicht an, sondern geht sachlich und ergebnisorientiert an die erforderlichen Analysen heran. Gleichwohl sind der citeq die Schlagworte und Thesen bekannt, die bei der Diskussion eingesetzt werden und die zu Missverständnissen und Fehlern führen können: Der Einsatz von Open-Source-Software sei kostenlos Durch den Einsatz von Open-Source-Produkten entsteht ein Einsparpotenzial, Lizenzen und Updates können ggf. kostenlos sein. Auf der anderen Seite entstehen jedoch zum Teil erheb- liche Migrationskosten, die bei der Auswahlentscheidung zu berücksichtigen sind. Hierzu zäh- len z.B. • Planungs- und Entwicklungskosten (Entwicklung und Pflege von Clients setzt geeignetes Personal voraus), • Systemkosten (ggf. Hardware, Software, Anpassung) und • Kosten für die Systemeinführung (Installation, Schulungskosten, Wartungskosten) Der Aufwand für die Einarbeitung in Open-Source-Produkte sei zu hoch Gerade in kleinen und kleineren mittelständischen Betrieben sind nach wie vor nur sehr weni- ge Personen mit allen Facetten der Informationstechnik betraut. Sie können nur dann wirt- schaftlich und kompetent ihre Infrastruktur betreiben, wenn sie ihre Produkte auf wenige Her- steller und ihre Technologieansätze konzentrieren. In der Regel bedeutet dies, so viele Lö- sungen wie möglich vom jeweiligen Marktführer abzunehmen. Je größer das Unternehmen, desto eher ergibt sich die Notwendigkeit, das IT-Personal zu spezialisieren. Mit spezialisier- tem IT-Personal treten dann Entscheidungskriterien in den Vordergrund, in denen beispiels- weise auch alternative Bedienkonzepte größere Chancen haben. Dies eröffnet im Einzelfall Open-Source-Lösungen konkrete Einsatzmöglichkeiten. Die citeq hat mittlerweile eine Größe erreicht, in der auch aus wirtschaftlicher Sicht heteroge- ne Strukturen geboten sind. Open-Source-Produkte seien unsicher Gerade bei Open-Source-Produkten ist im Grunde jede fachkundige Person in der Lage, den Quelltext einer Software zu lesen und nach eventuellen Schwachstellen zu suchen und diese auch zu beheben. Gefährliche Hintertüren oder Fehler in der Software werden frühzeitig er- kannt und können nicht vom Hersteller verharmlost werden. In der Vergangenheit hat sich gezeigt, dass Schwachstellen bei Open-Source-Produkten, insbesondere bei Softwarelösun- gen, die im Internet-Umfeld erfolgreich eingesetzt werden, um ein Vielfaches schneller beho- ben worden sind, als bei kommerziellen Softwareprodukten. Insofern liegt eher der Rück- schluss nahe, dass Open-Source-Produkte ein vergleichsweise hohes Sicherheitsniveau ha- ben. Im Umkehrschluss davon zu sprechen, dass kommerzielle Software per se unsicher sei, ist aber ebenso falsch. Die nachweislich besten Antivirenprodukte oder Firewall-Lösungen sind beispielsweise kommerziell. Diese setzen jedoch auch einen hohen Aufwand in die laufende Wartung ein. Open-Source-Produkte seien wirtschaftlicher als kommerzielle Produkte Häufig wird aus dem Umstand, dass Open-Sour ce-Produkte lizenzkostenfrei sind, geschlos- sen, dass sie damit auch kostengünstiger als kommerzielle Produkte seien. Der weitaus größ- te Anteil der Lebenszykluskosten einer Software entfällt jedoch auf den laufenden Betrieb und die Wartung eines Produktes. Je nach Einsatzgebiet der Software reduziert sich der Anteil der Kosten, die durch die Lizenzausgaben entstehen, auf deutlich weniger als 15 Prozent der Le- 4 V/0936/2005 benszykluskosten. Da in der öffentlichen Verwaltung bis zur Einführung des Neuen Kommu- nalen Finanzmanagements nach wie vor der Fokus auf den Ausgaben liegt und nicht auf den Kosten, wird dieser kleine Anteil in der Praxis zu stark in den Vordergrund gestellt. Mit Open-Source-Produkten könne man kein Geld verdienen Dies gilt nur für die Weitergabe der Nutzungslizenz. Firmen können aber mit der Distribution von Software und mit Dienstleistungen in der Einführung und Pflege von Software sehr wohl Geld verdienen. 3.2 Typische Merkmale, die bei der Abwägung von Open-Source vs. Closed-Source- Software zu bedenken sind Im Gegensatz zu den aufgeführten Missverständnissen, die bei den Softwareentscheidungen der citeq keine Rolle spielen, stehen typische Merkmale von Open-Source-Software, die sehr wohl in die Analyse und Entscheidung einzubeziehen sind: Fortschritt und Flexibilität werden gefördert Durch die weltweite Entwicklergemeinde wird die Software kontinuierlich angepasst, aufwän- dige und ressourcenintensive Releasewechsel finden nicht mehr explizit statt. Fehler und Si- cherheitsprobleme werden schnell behoben. Außerdem kann eine Anpassung an die eigenen Bedarfe stattfinden. Open-Source kann eine größere Herstellerunabhängigkeit in der IT-Infrastruktur bedeuten Die Verwen dung offener Standards gewährleistet zum einen die Systemsoftwareunabhängig- keit. Zum anderen sollten die Anwendungen unabhängig von einem bestimmten Betriebssys- tem einsetzbar sein. De facto gibt es derzeit jedoch eher wenige Open-Source-Anbieter. Open-Source kann erhöhte IT-Sicherheit durch offene und verteilte Entwicklung bieten Open-Source bedeutet mehr Wettbewerb im Softwaremarkt Langfristig b edeutet dies mehr Kosteneinsparungen. Des Weiteren wird somit der häufig we- nig nachvollziehbaren Preisgestaltung in Monopolstellungen entgegengewirkt. Fachanwendungen sind hoch spezialisiert und orientieren sich häufig an den Windows- Plattform en Viele Fachverfahrenshersteller wollen erst auf Linux als Open-Source-Betriebssystem portie- ren, wenn genügend Kundenanfragen vorliegen und die Kommunen als Kunden wollen erst dann auf Linux migrieren, wenn genügend Fachverfahren verfügbar sind. Daher herrscht momentan noch ein Mangel an Anwendungen gerade in Spezialbereichen. Die Migration muss auf allen Ebenen der Anwender voll akzeptiert werden Gerade die frühzeitige Einbindung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Prozess der Softwareauswahl oder g ar Migration aus bekannten Produktwelten ist ein entscheidendes Kri- terium für den Erfolg. 3.3 Aktuelle Entwicklungen zum Einsatz von Open-Source in anderen Kommunen Die citeq setzt Open-Source-Software, wie oben erläutert, immer dann ein, wenn der Einsatz wirtschaftlich, zweckmäßig, kundenorientiert ist und in die IT-Infrastruktur eingebunden werden kann. Im kommunalen Umfeld gibt es aber auch einige Beispiele für Städte, die einen generellen Schritt zur Nutzung von Open-Source-Software gewähl t haben. Dabei unterscheiden sich diese Städte 5 V/0936/2005 hinsichtlich der Größe und der Aufgabenvielfalt teilw eise deutlich. Um jedoch ein umfassenderes Gesamtbild zu erhalten, beobachtet die citeq regelmäßig diese Migrationsvorhaben: • Der Entwicklungsstand zum 2001 gestarteten Projekt LIMUX der Stadt München besagt, dass eine weitere Testphase für den Umstieg auf Linux-Clients bis Mitte 2006 durchgeführt wird. Eigentlich sollte die Gesamtumstellung zum Jahresende erfolgen, die weitere Entwicklung und der Erfolg des Projektes erscheinen zweifelhaft. • Die Stadt Schwäbisch Hall hat die Migration nach bisher 4 Jahren Projektdauer für ca. 400 Arbeitsplätze zum größten Teil vollzogen. Der noch fehlende Teil, das Bauwesen, stellt je- doch nach eigenen Angaben den aufwändigsten und teuersten Teil dar. • In der österreichischen Hauptstadt Wien ist eine sanfte Migration auf Grundlage der Linux- Distribution WIENUX eingeleitet worden, der Umstieg soll sukzessive bis zum Jahr 2010 er- folgen. • In Mannheim werden im Rahmen einer „sanften Migration“ erst serverbasierte Basisinfrastruk- turdienste auf Open-Source-Lösungen umgestellt. Sukzessive folgen dann PC und Fachan- wendungen. Eine terminliche Vorgabe ist nicht bekannt. Die Beispiele zeigen, dass ein genereller Umstieg auf Open-Source nur in langen Zeiträumen möglich ist und dass jeweils ein erheblicher Finanzierungsbedarf vorliegt, bevor die erwarteten Einsparungen im Lizenzkostenbereich greifen können. 4. Ausrichtung der citeq zum künftigen Einsatz von Open-Source-Software bei der Stadt Münster Die citeq wird auch weiterhin den Einsatz von Open-Source-Software nicht von einer generellen Entscheidung oder ideologisch unterstützten Zielsetzung abhängig machen, sondern Open- Source-Produkte dort in die Analysen und Entscheidungsläufe einbeziehen, wo sie angeboten wird bzw. verfügbar ist. • Bei jeder Softwareauswahl sind die ganzheitlichen Kriterien der Wirtschaftlichkeit, der Zweckmäßigkeit, der Bedarfsorientierung sowie der Integration in die IT-Infrastruktur zu be- werten • Open-Source wird bei jeder Software- oder Systementscheidung in den Prüfungsprozess ein- bezogen, soweit entsprechende Lösungen verfügbar sind • Auch künftig werden Open-Source-Produkte in die IT-Basisdienste integriert, vor allem im Bereich des E-Governments • Aus der langjährigen Erfahrung der citeq mit Softwareauswahlverfahren sind die Kriterien entwickelt worden, die auch künftig bei entsprechenden Anforderungen zum Tragen kommen. Hierzu zählen Einsparpotenziale, Nutzung von Standards und Plattformen, Gewährleistung der IT-Sicherheit, Abhängigkeit von Herstellern und Dienstleistern, Marktdurchdringung der Lösung, Anwenderfreundlichkeit Die bereits eingesetzten und in der unter Kapitel 3 aufgeführten Tabelle dargestellten Open- Source-Anwendungen werden auch weiterhin eingesetzt, solange und soweit nicht geänderte Marktentwicklungen eine Neubewertung erforderlich machen. Die citeq wird den Werksausschuss über die laufende Entwicklung weiter unterrichten. I.V. Dr. Heinrichs
Beratungsverlauf (1)
Details
- Vorlagen-Nr.
- V/0936/2005
- Typ
- Vorlage
- Datum
- 03.11.2005
- Erstellt
- 06.10.2020 14:37