V/0952/2019
Teilhabe im Alter und Vermeidung von Altersarmut: Expertise zur Erwerbssituation älterer Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Münster
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Anlage A
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Anlage A zur V/0952/2019 Kurzüberblick Nach dem Abschlussbericht zu Teilhabe im Alter und Vermeidung von Altersarmut wurde Prof. Dr. Sporket beauftragt, eine Expertise zur Erwerbssituation älterer Arbeitnehmerinnen und Arbeit- nehmer (über 55-Jährige) in Münster zu erstellen: demografische Entwicklung des Arbeitsmark- tes, Beschäftigungssituation der Älteren in Münster, sozialversicherungspflichtige und geringfügi- ge Beschäftigung, Arbeitslosigkeit incl. Langzeitarbeitslosigkeit, Analyse der Maßnahmen der aktiven Arbeitsmarktpolitik. Ziele/Teilziele/Zielerreichung Mit der Vorlage wird das Ziel „Wir werden Münster zu einer Stadt mit höchster Lebens- und Erlebnisqualität weiterentwickeln mit hohem Wohnwert, Familienfreundlichkeit und sozialer Balance in der Stadtgesellschaft“ verfolgt. Das Teilziel lautet „Schaffung einer Datengrundlage zur Erwerbssituation älterer Arbeitnehmer- innen und Arbeitnehmer“. Zielerreichung: Mit den zur Verfügung stehenden und vorgelegten Daten ist lediglich eine An- näherung an die Arbeitsmarktlage Älterer in Münster möglich. Für ein tieferes Verständnis wären weitere und differenziertere Analysen erforderlich. Finanzierung Produktgruppe: 0503 Sicherung besonderer sozialer Bedarfe Auswirkungen auf den Ergebnisplan Ja X Nein Auswirkungen auf den Finanzplan Ja X Nein Im beschlossenen Haushaltsplan 2019 enthalten? Ja X Nein teilw. Im Entwurf des Haushaltsplans 2020 enthalten? Ja X Nein teilw. Belastungen in zukünftigen HH-Jahren? Ja X Nein Bereits veranschlagt? Ja X Nein Pflichtigkeitsgrad Die Maßnahme/Leistung ist vollständig pflichtig überwiegend pflichtig überwiegend freiwillig X vollständig freiwillig Unmittelbare, grundsätzliche Relevanz für Querschnittsthemen (Demographie, Gleichstellung, Inklusion, Klimaschutz, Migration) Die Vorlage und die Expertise wurden aufgrund des demographischen Wandels erarbeitet und verfolgen die Förderung des Austauschs und des Miteinanders der Generationen mit dem Ziel generationenübergreifender Solidarität unter Berücksichtigung sich wandelnder gesellschaftlicher Rahmenbedingungen und Strukturen.
Die Erwerbssituation älterer Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Münster
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Die Erwerbssituation älterer Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Münster Eine Expertise im Auftrag der Stadt Münster Prof. Dr. Mirko Sporket Fachhochschule Münster September 2019 1 2 Inhalt Inhalt ...................................................................................................................................... 2 Abbildungsverzeichnis ............................................................................................................ 3 1. Hintergrund der Untersuchung: Erwerbsarbeit und Alter................................................ 7 2. Demografie und Arbeitsmarkt in Münster .................................................................... 10 3. Zusammenfassende Darstellung der Experteninterviews .............................................. 14 3.1 Gespräche mit verbandlichen und kommunalen Akteuren .................................... 14 3.2 Gespräche mit Unternehmen und kommunalen Arbeitgebern .............................. 17 3.2.1 Strategische Aspekte ..................................................................................... 17 3.2.2 Gesundheitsförderung .................................................................................. 19 3.2.3 Arbeitszeitgestaltung .................................................................................... 20 3.2.4 Weiterbildung und Personalentwicklung ....................................................... 21 3.2.5 Vereinbarkeit von Arbeit und Pflege .............................................................. 22 4. Die Arbeitsmarktlage Älterer in Münster ...................................................................... 23 4.1 Beschäftigung ....................................................................................................... 23 4.1.1 Sozialversicherungspflichtige Beschäftigung .................................................. 23 4.1.2 Geringfügige Beschäftigung ........................................................................... 31 4.2 Arbeitslosigkeit ..................................................................................................... 35 4.2.1 Arbeitslosigkeit allgemein ............................................................................. 35 4.2.2 Langzeitarbeitslosigkeit ................................................................................. 41 4.3 Maßnahmen der aktiven Arbeitsmarktpolitik ........................................................ 46 5. Zusammenfassende Bewertung .................................................................................... 53 6. Ausblick ........................................................................................................................ 56 Literaturverzeichnis .............................................................................................................. 58 3 Abbildungsverzeichnis Abbildung 1: Prognose der Entwicklung der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter in Münster 2014-2030, absolute Zahlen ........................................................ 11 Abbildung 2: Entwicklung der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter 2014-2030 nach Altersgruppen in Münster, absolute Zahlen .............................................. 12 Abbildung 3: Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter nach Altersgruppen in Münster 2014-2030, in Prozent ........................................................................................ 12 Abbildung 4: Bevölkerung im Alter von 50 bis unter 65 Jahren nach Altersgruppen in Münster 2014-20130, in Prozent ............................................................... 13 Abbildung 5: Sozialversicherungspflichtig Beschäftigte am Arbeitsort Münster 2010-2016, absolute Zahlen ............................................................................... 23 Abbildung 6: Sozialversicherungspflichtig Beschäftigte am Arbeitsort Münster nach Alter 2010-2016, absolute Zahlen ...................................................................... 24 Abbildung 7: Sozialversicherungspflichtig Beschäftigte am Arbeitsort Münster nach Alter 2010-2016, in Prozent ............................................................................... 24 Abbildung 8: Veränderung der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten am Arbeitsort Münster nach Alter 2010-2016, in Prozent ................................................ 25 Abbildung 9: Entwicklung der über 55-Jährigen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten 2010-2016 nach Geschlecht, absolute Zahlen ..................... 25 Abbildung 10: Sozialversicherungspflichtig Beschäftigte am Arbeitsort Münster 60 Jahre und älter 2010-2016, absolute Zahlen ....................................................... 26 Abbildung 11: Sozialversicherungspflichtig Beschäftigte am Arbeitsort Münster 65 Jahre und älter2010-2016, absolute Zahlen ........................................................ 26 Abbildung 12: Beschäftigungsquoten Münster insgesamt und nach Altersgruppen 2012-2017, in Prozent ........................................................................................ 27 4 Abbildung 13: Beschäftigungsquoten Münster nach Altersgruppen 2012-2017, in Prozent ..................................................................................................... 28 Abbildung 14: Anteil der Teilzeitbeschäftigten an den sozialversicherungspflichtig Beschäftigten am Arbeitsort Münster nach Altersgruppen 2016, in Prozent ..................................................................................................... 28 Abbildung 15: Anteil der 55-jährigen und älteren sozialversicherungspflichtig Beschäftigten am Arbeitsort Münster nach Wirtschaftszweigen (WZ 2008) 2016, in Prozent ........................................................................................ 29 Abbildung 16: Altersstruktur der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten am Arbeitsort Münster nach Betriebsgröße 2016, in Prozent .......................................... 30 Abbildung 17: Qualifikationsstruktur der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten nach Altersgruppen 2016, in Prozent ................................................................. 30 Abbildung 18: Ausschließlich geringfügig Beschäftigte am Arbeitsort Münster nach Alter 2010-2016, absolute Zahlen ...................................................................... 31 Abbildung 19: Veränderung der ausschließlich geringfügig Beschäftigten am Arbeitsort Münster nach Alter 2010-2016, in Prozent ................................................ 32 Abbildung 20: Altersstruktur der ausschließlich geringfügig Beschäftigten am Arbeitsort Münster 2010-2016, in Prozent ................................................................. 33 Abbildung 21: Entwicklung der ausschließlich geringfügigen Beschäftigungsverhältnisse am Arbeitsort Münster nach Geschlecht 2010-2016, absolute Zahlen ....... 34 Abbildung 22: Entwicklung der ausschließlich geringfügig Beschäftigten im Alter von 65 Jahren und älter von 2010-2016 am Arbeitsort Münster, absolute Zahlen 34 Abbildung 23: Entwicklung der Arbeitslosigkeit und der Langzeitarbeitslosigkeit in Münster 2010-2017, absolute Zahlen ........................................................ 35 Abbildung 24: Entwicklung der Arbeitslosenquoten in Münster ab 50 Jahren 2010-2017, in Prozent ..................................................................................................... 36 5 Abbildung 25: Entwicklung der Arbeitslosigkeit insgesamt (SGB II+III) in Münster nach Alter 2010-2017, absolute Zahlen ............................................................. 37 Abbildung 26: Veränderung der Arbeitslosigkeit insgesamt (SGB II+III) in Münster nach Alter von 2010 bis 2017, in Prozent ........................................................... 38 Abbildung 27: Entwicklung der Arbeitslosigkeit insgesamt (SGB II+III) in Münster in den höheren Altersgruppen 2010-2017, absolute Zahlen ................................. 38 Abbildung 28: Anteilige Entwicklung der Arbeitslosigkeit insgesamt (SGB II+III) in Münster nach Alter 2010-2017, in Prozent .............................................................. 39 Abbildung 29: Veränderung Arbeitslosigkeit der 55-jährigen und älteren Männer und Frauen in Münster 2010-2017, 1= Basiswert 2010..................................... 40 Abbildung 30: Qualifikationsstruktur aller Arbeitslosen sowie der älteren Arbeitslosen in Münster 2017, in Prozent .......................................................................... 40 Abbildung 31: Entwicklung der Langzeitarbeitslosigkeit insgesamt (SGB II+III) in Münster nach Alter 2010-2017, absolute Zahlen ..................................................... 41 Abbildung 32: Veränderung der Langzeitarbeitslosigkeit insgesamt (SGB II+III) in Münster nach Alter von 2010 bis 2017, in Prozent .................................................. 42 Abbildung 33: Anteil der Langzeitarbeitslosen an Arbeitslosen insgesamt (SGB II+III) nach Altersgruppen 2010-2017.......................................................................... 43 Abbildung 34: Entwicklung der Langzeitarbeitslosigkeit insgesamt (SGB II+III) in Münster in den höheren Altersgruppen 2010-2017, absolute Zahlen ...................... 43 Abbildung 35: Entwicklung der Langzeitarbeitslosigkeit insgesamt (SGB II+III) in Münster nach Alter 2010-2017, in Prozent .............................................................. 44 Abbildung 36: Veränderung Langzeitarbeitslosigkeit der 55-jährigen und älteren Männer und Frauen in Münster 2010-2017, 1= Basiswert 2010 .............................. 45 Abbildung 37: Qualifikationsstruktur aller Langzeitarbeitslosen sowie der älteren Langzeitarbeitslosen 2017 in Münster, in Prozent ..................................... 46 6 Abbildung 38: Entwicklung von Bestand und Zugängen der Teilnehmer in arbeitsmarktpolitische Maßnahmen 2008-2019, absolute Zahlen in Tsd. .. 47 Abbildung 39: Bestand von Teilnehmenden in Maßnahmen der Arbeitsmarktpolitik mit SGB-Kostenträgerschaft der Teilnehmenden in Münster 2010-2016: Insgesamt (SGB III + SGB II), absolute Zahlen ............................................. 47 Abbildung 40: Veränderungen im Bestand der Teilnehmenden an Maßnahmen der aktiven Arbeitsmarktpolitik in Münster 2010-2016, 1=Basiswert=2010 ..... 48 Abbildung 41: Altersstruktur der Teilnehmenden in Maßnahmen der Arbeitsmarktpolitik mit SGB-Kostenträgerschaft der Teilnehmenden in Münster 2010-2016: Insgesamt (SGB III + SGB II), in Prozent ...................................................... 49 Abbildung 42: Entwicklung der arbeitsmarktorientierten Aktivierungsquoten Älterer und insgesamt in Münster 2010-2016, in Prozent ............................................ 50 Abbildung 43: Veränderungen der Maßnahmen der aktiven Arbeitsmarktpolitik 2010-2016 nach Maßnahmeart in Münster, in Prozent ...................................... 51 Abbildung 44: Anteile der jeweiligen Maßnahmearten nach Alter in Münster 2016, in Prozent ..................................................................................................... 52 7 1. Hintergrund der Untersuchung: Erwerbsarbeit und Alter Die von der Stadt Münster in Auftrag gegebene Studie hat das Ziel, die Erwerbssituation der älteren Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer auszuleuchten. Bisher liegen zu dieser Ziel-gruppe des Arbeitsmarktes für Münster nur recht wenige ausgewertete und aufbereitete Da-ten vor, so dass über die Zielgruppe nur vergleichsweise ungenaue Aussagen gemacht werden können. Mit der vorliegenden Expertise werden zum ersten Mal einige der für Münster vor-liegenden Daten der Bundesagentur für Arbeit ausgewertet und aufbereitet. Die in diesem Bericht dargestellten Daten bieten jedoch lediglich eine erste Annäherung an die Arbeits-marktlage Älterer in Münster, so dass sicherlich noch weitere und differenzierte Analysen (vor allem hinsichtlich bestimmter Subpopulationen) erfolgen müssen, um zu einem tieferen Ver-ständnis nicht nur der Arbeitsmarktlage der Älteren, sondern auch der hierauf bezogenen Dy-namik zu gelangen. Um die datenbezogene Analyse zu kontextualisieren war ein weiteres Ziel der Expertise die Zusammenstellung bereits bestehender Initiativen, Maßnahmen, Programme und Projekte auf betrieblicher, verbandlicher und/oder kommunaler Ebene, die sich mit der Beschäfti-gungsförderung älterer Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer befassen. Das Ergebnis der ins-gesamt elf Interviews mit unterschiedlichen Vertreterinnen und Vertretern von Betrieben, Verbänden und anderen arbeitsmarktrelevanten Akteuren fällt diesbezüglich jedoch insofern ernüchternd aus, als dass nur wenige Maßnahmen identifiziert werden konnten, die sich un-mittelbar an Ältere richten. Die Ergebnisse der Experteninterviews sind zusammenfassend in Kapitel 3 dargestellt. Während ältere Beschäftigte lange Zeit als arbeitsmarktpolitische und betriebliche „Verfü-gungsmasse“ instrumentalisiert wurden (vgl. Frerichs 2007, S. 78), ist das Interesse an dieser Personengruppe in den letzten Jahren – vor allem vor dem Hintergrund des demografischen Wandels und den damit einhergehenden Dynamiken auf dem Arbeitsmarkt – stark gestiegen. Insbesondere die von der Europäischen Union formulierten arbeitsmarkt- und beschäftigungs-politischen Ziele, die eine Anhebung der Erwerbsquote der über 55-Jährigen bis zum Jahr 2010 vorsahen, haben zu einer veränderten „Ältere-Arbeitnehmer-Politik“ in vielen Ländern der Eu-ropäischen Union geführt, die allesamt auf eine stärkere und längere Einbindung Älterer in den Arbeitsmarkt abzielten. Auch in Deutschland wurden vor diesem Hintergrund (nicht nur 8 mit Blick auf die Gruppe der älteren Beschäftigten) weitreichende renten- und arbeitsmarkt-politische Entscheidungen getroffen (vgl. Sporket 2011, S. 45 ff.). Darüber hinaus gab es eine Reihe an Maßnahmen, Programmen und Projekten, die unmittelbar auf die Verbesserung der Beschäftigungssituation Älterer ausgerichtet waren. Auch wenn Kausalitäten hier nur schwie-rig zu bestimmen sind, so hat sich in der Folge insgesamt eine stete Zunahme der Beschäfti-gung Älterer sowie gleichzeitig ein verzögerter Erwerbsaustritt gezeigt (vgl. Brussig & Ribbat 2014). Trotz dieser insgesamt positiven Entwicklung sind ältere Arbeitnehmerinnen und Arbeitneh-mer immer noch von bestimmten alterstypischen Arbeitsmarktrisiken betroffen, die sie zu ei-ner mehr oder weniger vulnerablen Gruppe am Arbeitsmarkt machen (vgl. Frerichs & Sporket 2016). Zu nennen sind hier insbesondere die erhöhten Krankheits- und Qualifikationsrisiken, die sich negativ auf die Beschäftigungsfähigkeit älterer Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer auswirken und zu einem vorzeitigen Ausstieg aus dem Erwerbsleben führen können. Zwar sind Ältere generell insbesondere durch tarifvertraglich festgelegte Kündigungsschutzregelungen besser vor Arbeitslosigkeit geschützt als jüngere Beschäftigte. Einmal arbeitslos geworden stellt sich die Rückkehr auf den Arbeitsmarkt für Ältere jedoch ungleich schwieriger dar, was sich nicht zuletzt in einem hohen Anteil an Langzeitarbeitslosen unter den älteren Arbeitslosen zeigt. Im Folgenden soll vor diesem Hintergrund die Erwerbssituation der über 55-Jährigen in Müns-ter in den Blick genommen werden. Dabei wird die Grenze, ab der Personen der Gruppe der älteren Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern zugerechnet werden, bei dem 55. Lebensjahr gezogen. Hierfür sprechen insbesondere die folgenden drei Gründe: zum einen zeigen allge-meine Arbeitsmarktdaten, dass die Gruppe der 50- bis unter 55-Jährigen vergleichsweise gut am Arbeitsmarkt positioniert ist – der Anteil, der in diesem Alter einer Erwerbstätigkeit nach-geht, ist im Vergleich zu anderen Altersgruppen überdurchschnittlich. Zum anderen wird die Erwerbssituation der über 55-Jährigen von einer Reihe arbeitsmarkt- und rentenrechtlicher Aspekte beeinflusst, die eine gesonderte Betrachtung dieser Altersgruppe rechtfertigen (vgl. Bundesagentur für Arbeit 2017, S. 5). Drittens schließlich – ein eher pragmatisches Argument – folgt diese Expertise damit der Altersklassifizierung der Bundesagentur für Arbeit, was eine Vergleichbarkeit der betrachteten Daten ermöglicht. 9 In einem ersten Schritt wird zunächst die demografische Entwicklung des Arbeitsmarktes in den Blick genommen (Kapitel 2). Die hier vorgestellten Prognosen beruhen auf Mikrozensus-Daten des Statistischen Landesamtes, die für Münster nach Altersgruppen ausgewertet wur-den. Im folgenden Kapitel 3 erfolgt eine zusammenfassende Diskussion der Ergebnisse der Interviews mit insgesamt elf betrieblichen und verbandlichen Akteuren sowie weiteren ar-beitsmarktrelevanten Akteuren. Im Anschluss daran wird die Beschäftigungssituation der Gruppe der Älteren in Münster betrachtet (Kapitel 4). Hier werden insbesondere altersdiffe-renzierte Daten zur sozialversicherungspflichtigen und geringfügigen Beschäftigung älterer Ar-beitnehmerinnen und Arbeitnehmer vorgestellt (Kapitel 4.1) sowie das Arbeitslosigkeitsge-schehen und vor allem auch die Langzeitarbeitslosigkeit in den Blick genommen (Kapitel 4.2). In einem weiteren Unterkapitel (Kapitel 4.3) erfolgt eine altersdifferenzierte Analyse der Maß-nahmen der aktiven Arbeitsmarktpolitik. Die Studie schließt mit einer zusammenfassenden Bewertung der vorgestellten Daten und ersten Handlungsempfehlungen. 10 2. Demografie und Arbeitsmarkt in Münster Der demografische Wandel – dies ist mittlerweile allgemein bekannt – wird in den kommen-den Jahren und Jahrzehnten zu einer Alterung und Schrumpfung der Bevölkerung in Deutsch-land führen. Treiber dieser Entwicklung sind die seit Jahrzehnten vergleichsweise niedrigen Geburtenraten unterhalb des so genannten Bestandserhaltungsniveaus sowie die stetig zu-nehmende Lebenserwartung. Als dritter Faktor haben die Wanderungsbewegungen einen Ein-fluss auf die altersmäßige Zusammensetzung der Bevölkerung sowie auf ihre Größe, wobei hier in den letzten Jahren – anders als bei der Geburtenentwicklung und der Entwicklung der Lebenserwartung – kein stabiler Trend auszumachen ist. Vielfach ist in diesem Kontext von einer dreifachen Alterung der Bevölkerung die Rede: ers-tens nimmt die Anzahl älterer Menschen aufgrund der gestiegenen Lebenserwartung zu. Zwei-tens nimmt ebenso der Anteil der älteren Menschen an der Gesamtbevölkerung zu – vor allem aufgrund des generellen Bevölkerungsrückgangs. Und drittens schließlich werden sowohl der Anteil der als auch die Anzahl an hochaltrigen Menschen, also der über 80-Jährigen, zuneh-men. Während dies alles für eine Gesamtbetrachtung der demografischen Situation der Bevölke-rung interessant und vor allem für die Frage der sozialen Sicherungssysteme auch relevant ist, interessiert für die Betrachtung des Arbeitsmarktes vor allem die Frage, wie sich die Bevölke-rung im erwerbsfähigen Alter entwickeln wird. Insgesamt wird auch hier von einer Abnahme des so genannten Erwerbspersonenpotenzials sowie von dessen Alterung ausgegangen (vgl. Fuchs et al. 2017). Die alleinige Betrachtung der demografischen Entwicklungsprozesse lässt jedoch keine siche-ren Aussagen zu der Frage zu, wie sich das Angebot an Arbeitskräften (und vor allem die Nach-frage nach Arbeitskräften) in den kommenden Jahren entwickeln wird. Um hier zu fundierten Aussagen zu kommen, muss vor allem auch die bisherige Erwerbsbeteiligung sowie die Er-werbsneigung bisher am Arbeitsmarkt unterrepräsentierter Gruppen in den Blick genommen werden. Prognosen zur diesbezüglichen Entwicklung sind jedoch mit großen Unsicherheiten behaftet. 11 Im Folgenden werden die Bevölkerungsprognosen für die Stadt Münster auf Basis des Zensus 2011 vorgestellt, wie sie vom IT.NRW zur Verfügung gestellt werden (vgl. zu den methodi-schen Grundlagen sowie zu den Prognosen zugrundeliegenden Annahmen Cicholas & Ströker 2015). Dabei wurde der Prognosezeitraum von 2014-2030 gewählt. Abbildung 1: Prognose der Entwicklung der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter in Münster 2014-2030, absolute Zahlen Quelle: IT.NRW, eigene Berechnung und Darstellung Abbildung 1 zeigt, dass in den kommenden Jahren bis zum Jahr 2024 die Bevölkerung im er-werbsfähigen Alter in Münster weiter zunehmen wird, und zwar von derzeit 212.000 Personen auf dann 227.000 Personen. Erst danach setzt die moderate Schrumpfung der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter ein, die 2030 mit etwa 225.000 Personen immer noch über dem Aus-gangswert 2014 liegt. Hier zeigt sich eine für Münster im Vergleich zu anderen Kommunen und Regionen recht komfortable Situation. 210.000212.000214.000216.000218.000220.000222.000224.000226.000228.000230.000 201420162018202020222024202620282030 12 Abbildung 2: Entwicklung der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter 2014-2030 nach Altersgruppen in Münster, absolute Zah-len Ein differenzierter Blick auf die Entwicklung der unterschiedlichen Altersgruppen (vgl. Abbil-dung 2) zeigt hier, dass in den kommenden Jahren mit einer Zunahme der Personen in den Altersgruppen 25 bis unter 45 Jahren sowie bei den 55- bis unter 65-Jährigen zu rechnen ist. Abnehmen werden die Zahlen hingegen bei den unter 25-Jährigen sowie bei den 45- bis unter 50-Jährigen. Dies führt insgesamt zu Verschiebungen in der Altersstruktur, die in Abbildung 3 dargestellt sind. Abbildung 3: Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter nach Altersgruppen in Münster 2014-2030, in Prozent 30.00035.00040.00045.00050.00055.00060.00065.00070.000 20142015201620172018201920202021202220232024202520262027202820292030bis unter 25 Jahre25 bis unter 35 Jahre35 bis unter 45 Jahre45 bis unter 55 Jahre55 bis unter 65 Jahre 2121212120201919191818181818181818 2525262627272828292929292828282827 181717171717171818181919202021212221212020191918171716161515151616161516161617171718181819191918181817 0%10%20%30%40%50%60%70%80%90%100% 20142015201620172018201920202021202220232024202520262027202820292030bis unter 25 Jahre25 bis unter 35 Jahre35 bis unter 45 Jahre45 bis unter 55 Jahre55 bis unter 65 Jahre 13 Hier zeigt sich, dass bis zum Jahr 2025 die Gruppe der 55- bis unter 65-Jährigen um vier Pro-zentpunkte auf dann 19 Prozent zulegen wird, während die Gruppe der 45- bis unter 55-Jäh-rigen im gleichen Zeitraum um sechs Prozentpunkte zurückgeht. Ein weiterer Aufwuchs ist zudem in der Gruppe der 25- bis unter 35-Jährigen zu erkennen. Diese legt bis zum Jahr 2022 um vier Prozentpunkte zu. Kontinuierlich bis zum Ende des Prognosezeitraums wird der Anteil der 35- bis unter 45-Jährigen wachsen, und zwar um vier Prozentpunkte auf dann 22 Prozent. Eine leichte Abnahme um 3 Prozentpunkte ist bei den bis unter 25-Jährigen zu erkennen. Eine massive Alterung des Erwerbspersonenpotenzials, wie sie in anderen – eher strukturschwa-chen – Regionen und Kommunen vorausgesagt wird, ist damit für Münster nicht zu erwarten. Ein differenzierter Blick auf die Gruppe der über 50-Jährigen zeigt jedoch, dass innerhalb die-ser Altersgruppe in den kommenden Jahren mit größeren Verschiebungen zu rechnen sein wird. Abbildung 4: Bevölkerung im Alter von 50 bis unter 65 Jahren nach Altersgruppen in Münster 2014-20130, in Prozent So zeigt die Abbildung 4, dass in den kommenden Jahren vor allem die rentennahen Jahr-gänge, also die 60- bis unter 65-Jährigen, anteilig zulegen werden, von derzeit 28 auf dann 38 Prozent. Arbeitsmarktdaten – auch für Münster (vgl. weiter unten) zeigen, dass insbeson-dere bei dieser Gruppe die Beschäftigungs- und Erwerbsquoten vergleichsweise gering aus-fallen, weshalb diese Entwicklung durchaus in den Blick zu nehmen ist. 3939393938373635333231292929293031 3333333334343535363636363534333231 2727282828282930313233343637383838 0%10%20%30%40%50%60%70%80%90%100% 2014201520162017201820192020202120222023202420252026202720282029203050 bis unter 55 Jahre55 bis unter 60 Jahre60 bis unter 65 Jahre 14 3. Zusammenfassende Darstellung der Experteninterviews Um die Arbeitsmarktlage und die Beschäftigungssituation der älteren Beschäftigten in Müns-ter kontextualisieren zu können, wurden im Rahmen der Expertise insgesamt 11 Expertenin-terviews durchgeführt. Hierbei wurden zum einen Gespräche mit der Handwerkskammer, der Industrie- und Handelskammer, dem DGB sowie mit dem Jobcenter geführt. In diesen Gesprä-chen sollte es vor allem darum gehen, inwiefern in diesen Institutionen die Gruppe der älteren Beschäftigten in den Blick genommen wird. Zum anderen wurden Gespräche mit insgesamt sieben Unternehmen bzw. Arbeitgebern aus Münster geführt, um zu eruieren, welche Maß-nahmen der Beschäftigungsförderung für ältere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dort umge-setzt werden. Hier ein Überblick über die geführten Gespräche: Nr. Organisation bzw. Branche Bezeichnung im Text 1 IHK Nord Westfalen IHK Nord Westfalen 2 Jobcenter Jobcenter 3 Handwerkskammer Münster Handwerkskammer Münster 4 DGB Münster DGB Münster 5 Gesundheits- und Sozialwesen Organisation 1 6 Öffentliche Verwaltung Organisation 2 7 Energie und Verkehr Organisation 3 8 Gesundheits- und Sozialwesen Organisation 4 9 Finanz- und Versicherungsdienstleistungen Organisation 5 10 Gesundheits- und Sozialwesen Organisation 6 11 Gesundheits- und Sozialwesen Organisation 7 Die Ergebnisse der Gespräche werden im Folgenden zusammenfassend dargestellt. 3.1 Gespräche mit verbandlichen und kommunalen Akteuren Sowohl das Gespräch mit der Handwerkskammer als auch das Interview bei der Industrie- und Handelskammer zeigte, dass die Thematik älterer Beschäftigter bei beiden Unternehmensver-bänden derzeit keine bzw. eine stark untergeordnete Rolle spielt. So zeigt sich die Handwerkskammer zwar interessiert am Thema und sieht auch dessen Be-deutung, verfolgt aber selbst keine Aktivitäten im Bereich der Beschäftigungsförderung Älte-rer im Handwerk. Lediglich das Thema der betrieblichen Nachfolge erscheint derzeit relevant, wird aber auch nicht systematisch angegangen. Dies ist insofern überraschend, als dass es 15 derzeit durchaus Arbeiten gibt, die sich insbesondere mit der Kompetenzförderung und Lauf-bahnentwicklung im Handwerk auseinandersetzen (vgl. u.a. Naegele 2016). Die IHK Nord Westfalen verfolgt das Thema „Ältere Beschäftigte“ derzeit nicht, da die Themen Fachkräftebedarf, Fachkräftegewinnung und -bindung für die Unternehmen wichtiger seien. Verwiesen wurde jedoch auf ein Projekt, das in den Jahren 2003-2005 durchgeführt wurde. Bei diesem Projekt ging es darum, in Kooperation mit acht münsterländischen Unternehmen die Folgen der Belegschaftsalterung auf betrieblicher Ebene zu analysieren und hieraus Hand-lungsempfehlungen für die Unternehmen abzuleiten. Die Ergebnisse des Projektes sind in der Veröffentlichung von Hentze & Hinkelmann (2005) zusammengefasst. Eine Wiederaufnahme der Thematik sei derzeit nicht geplant. Das Jobcenter Münster hat sich – gemeinsam in einem eigenen Beschäftigungspakt mit den Jobcentern Soest, Bonn und Rhein-Sieg – zwischen 2009 und 2015 am Bundesprogramm „Per-spektive 50plus“ beteiligt und im genannten Zeitraum zusätzliche Mittel in Höhe von 8 Mio. Euro erhalten, die für die Integration älterer Arbeitsloser genutzt werden konnten. Die Mittel konnten dabei flexibel für Personal und/oder Eingliederungsleistungen genutzt werden. Im Rahmen des Programms wurden eine Reihe von Maßnahmen mit unterschiedlichen Schwer-punkten entwickelt und umgesetzt. Neben der Einstellung von Jobcoaches, die sich gezielt um die Bedarfe und Belange der älteren Arbeitslosen gekümmert haben, wurden die Mittel vor allem für Maßnahmen im Bereich der Gesundheitsförderung aufgewendet, da etwa 80% der der Kundinnen und Kunden von zum Teil massiven gesundheitlichen Einschränkungen betrof-fen sind. Darüber hinaus wurden mit den Instrumenten „Individualcoaching“ und „Impuls 50plus“ die Vermittlungsbemühungen intensiviert. Es hat sich gezeigt, dass die Vermittlungs-quote bei den Kundinnen und Kunden 50+ im Projektzeitraum von vormals 7,8% (2009) auf max. 10,8% (2011) erhöht werden konnte. Im Jahr 2014 lag die Vermittlungsquote bei 10,2%. Viele der (auch finanziell geförderten) Integrationen erfolgen entweder in Integrationsunter-nehmen oder aber auch in Zeitarbeitsunternehmen, was vom Interviewpartner durchaus kri-tisch gesehen wird. Verstärkt werden müsse der Kontakt der Jobcoaches zu Unternehmen, um hier auch persönliche Beziehungen, die Vermittlungen in die entsprechenden Betriebe und Unternehmen unterstützen könnten, herzustellen. 16 Vor dem Hintergrund der gestiegenen Vermittlungsquoten kann das Programm durchaus als Erfolg gewertet werden. Gleichwohl wird auch beschrieben, dass sich die Situation für ältere Arbeitslose insofern als problematisch darstelle, als dass es aufgrund der Struktur des Arbeits-marktes in Münster mit einer hohen qualifizierten Dienstleistungs- und Verwaltungsdichte kaum passende Beschäftigungsmöglichkeiten für die Zielgruppe des Programms gebe. So konnte z.B. kein Unternehmen für die jährliche Auszeichnung im Rahmen der „Perspektive 50plus“ vorgeschlagen werden, das sich in besonderer Weise für ältere Arbeitslose einsetzt. Im Gespräch mit dem DGB Münsterland zeigte sich, dass das Thema „ältere Beschäftigte“ vor allem aus einer sozialpolitischen Perspektive betrachtet wird. Ein Problem der zu beobachten-den Altersarmut seien unterbrochene Erwerbsbiografien, die nicht zuletzt aufgrund einer eher geringen Qualifikation zustande kämen. Hier sei es auch Aufgabe der Gewerkschaften, dafür zu sorgen, dass junge Menschen in eine Ausbildung und schließlich in unbefristete und gut bezahlte Arbeit kämen. Ebenso wird Langzeitarbeitslosigkeit – insbesondere Älterer – als Folge veränderter Qualifikationsanforderungen gesehen, da viele Menschen mit den gestiegenen Anforderungen – bei ausbleibender Weiterbildung – nicht Schritt halten könnten. Hinsichtlich der Beschäftigungsförderung älterer Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer wird vor allem auf tarifvertragliche Regelungen verwiesen, die eine Möglichkeit der altersbezogenen Arbeits-gestaltung böten. So gibt es z.B. einige Tarifverträge, die – finanziert über so genannte Demo-grafiefonds oder aber über Lebensarbeitszeitkonten – ein vorzeitiges Ausscheiden der älteren Beschäftigten auch nach Wegfall der Altersteilzeitregelung ermöglichen. Andere Regelungen beziehen sich auf die Arbeitstätigkeit selbst, wie z.B. die Entpflichtung, ab einem bestimmten Alter im Akkordlohn arbeiten zu müssen. Insgesamt, so der Interviewpartner, seien die Be-triebe offener für das Thema Demografie geworden. In einigen so genannten Demografieta-rifverträgen sei z.B. eine regelmäßige Analyse der Altersstruktur vorgesehen, um das Thema bei der betrieblichen Planung zu berücksichtigen. Insgesamt müsse die Arbeitsorganisation und -gestaltung darauf ausgelegt sein, auch tatsächlich bis zum Eintritt in die Rente arbeiten zu können. Hier müssten jedoch auch die Betriebsräte noch stärker sensibilisiert werden, da das Thema für viele eher eine untergeordnete Rolle spiele. Hinsichtlich der Frage der Arbeit im Rentenalter ist es die Position des Interviewpartners, dass es kein „Aufweichen“ oder gar die Abschaffung der Altersgrenze bzw. keine „vollflexible 17 Altersgrenze“ geben dürfe. Allerdings soll es durchaus die Möglichkeit geben, auch nach Ren-teneintritt zu arbeiten. Wichtig sei es aber hier zu beobachten, wie sich die Beschäftigung von Menschen im Rentenalter auf die Stammbelegschaft in den jeweiligen Betrieben auswirke. Ein Arbeiten in der Rente aus der Not heraus solle durch ein höheres Rentenniveau vermieden werden. Für ältere Langzeitarbeitslose sei es ein sinnvoller Ansatz, einen sozialen Arbeitsmarkt zu etab-lieren, um einerseits dafür zu sorgen, dass diese Menschen ihren Lebensunterhalt selbst ver-dienen können und andererseits einer sinnvollen Tätigkeit nachgehen. 3.2 Gespräche mit Unternehmen und kommunalen Arbeitgebern Da es in den Gesprächen mit den Unternehmen und kommunalen Arbeitgebern vor allem um ein erstes Sondieren des Feldes ging, sind im Folgenden die in den Interviews beschriebenen Maßnahmen nicht unternehmensbezogen, sondern bereichsbezogen dargestellt. Vorrangig sollte es in den Gesprächen um Instrumente und Maßnahmen gehen, die sich unmittelbar an ältere Beschäftigte richten bzw. mit der Thematik des Alterns befassen. Insgesamt wurden Gespräche mit sieben Vertreterinnen und Vertretern von Unternehmen in Münster bzw. kom-munalen Arbeitgebern geführt. Die einzelnen in den Interviews beschriebenen Maßnahmen werden den Bereichen strategische Aspekte, Gesundheitsförderung, Arbeitszeitgestaltung, Weiterbildung und Personalentwicklung sowie Vereinbarkeit von Arbeit und Pflege zugeord-net. 3.2.1 Strategische Aspekte Oftmals wir das Thema Demografie auf organisationaler Ebene als strategisches Thema auf-gefasst, da es die Organisationen auf vielfältige Weise beeinflusst und vor Herausforderungen in unterschiedlichen Handlungsfeldern stellt. Um sich überhaupt der Thematik zu nähern, wird in vielen Organisationen eine Altersstrukturanalyse durchgeführt, die die Belegschaft hinsicht-lich der Altersstruktur (und in vielen Fällen nach weiteren Merkmalen wie Qualifikation, Ge-schlecht, Organisationseinheit, Arbeitsbereich u.a.) aufschlüsselt und somit auch Informatio-nen über die zukünftige Entwicklung der Belegschaftsstruktur geben kann und insgesamt – insbesondere die Führungskräfte – für das Thema der Belegschaftsalterung sensibilisiert. 18 Darüber hinaus kann als strategischer Aspekt die Frage der Institutionalisierung des Themas verstanden werden, z.B. im Rahmen von Betriebsvereinbarungen oder anderer Strukturen. So wurde in der Organisation 6 (Sozial- und Gesundheitswesen) bereits in den Jahren 2011-2013 das Projekt „Demografiekonzept für die Kernverwaltung“ durchgeführt. Im Anschluss an eine Altersstrukturanalyse, die insgesamt eine alterszentrierte Altersstruktur zeigte, wurden eine Reihe von Handlungsfeldern in den Bereichen Personalgewinnung, Personaleinsatz/-ent-wicklung und Personalaustritt identifiziert, die insbesondere vor dem Hintergrund der Beleg-schaftsalterung in den Blick genommen wurden. Hierzu gehörte es, bereits bestehende Maß-nahmen und Instrumente der Personalentwicklung vor dem Hintergrund organisationsdemo-grafischer Veränderungsprozesse neu zu bewerten, weiterzuentwickeln und gegebenenfalls auch neue Instrumente und Maßnahmen zu entwickeln. So wurden z.B. aus dem Projekt her-aus Maßnahmen und Instrumente im Bereich des Wissenstransfers und des betrieblichen Ge-sundheitsmanagements entwickelt. Auch bei der Organisation 5 (Finanz- und Versicherungsdienstleistungen) wurde das Thema Demografie im Rahmen eines Projektes aufgegriffen, damals zunächst in einer Studierenden-arbeit, in deren Rahmen Interviews mit Führungskräften und eine Altersstrukturanalyse durchgeführt und auf dieser Grundlage dann erste Vorschläge für Maßnahmen entwickelt wurden. Im Zentrum standen zum damaligen Zeitpunkt vor allem Fragen des Wissenstransfers bei Erreichen der Altersgrenze und nicht so sehr die Beschäftigungsförderung der Älteren selbst. Nicht zuletzt vor dem Hintergrund der Zunahme des Anteils älterer Beschäftigter wurde dann im Jahr 2008 ein betrieblicher Gesundheitsmanager eingestellt, der das Thema nicht nur am Standort Münster, sondern konzernweit voranbringt. Gleichwohl nimmt die Personalpolitik der Organisation 5 die älteren Beschäftigten nicht ge-sondert in den Blick und die meisten (durchaus zahlreichen) Maßnahmen in den Bereichen Gesundheitsförderung, Weiterbildung oder Laufbahnentwicklung zielen nicht unmittelbar auf die Zielgruppe der älteren Beschäftigten. Begründet wird dies damit, dass das Alter nicht das maßgebliche Kriterium mit Blick auf die Beschäftigungssituation sei und deshalb immer im Einzelfall entschieden werden müsse, was für den Mitarbeiter oder die Mitarbeiterin das Rich-tige sei. 19 Organisation 3 (Energie und Verkehr) ist mit zahlreichen Maßnahmen zur Beschäftigungsför-derung der älteren Beschäftigten in der Umsetzung, die weiter unten erläutert werden. Ein Großteil dieser Maßnahmen ist zudem in unterschiedlichen Betriebsvereinbarungen festge-schrieben (z.B. Betriebsvereinbarung „Ältere Mitarbeiter“ und Betriebsvereinbarung „Demo-grafischer Wandel“), so dass es eine verlässliche Grundlage für die jeweiligen Maßnahmen gibt. Die Betriebsvereinbarungen wurden vor allem umgesetzt, um nach dem Auslaufen der Altersteilzeitregelung Möglichkeiten der Beschäftigungsförderung für Ältere zu schaffen. Zu-dem führt das Unternehmen jährlich eine Altersstrukturanalyse durch. Auch Organisation 4 (Gesundheits- und Sozialwesen) hat sich mit den demografischen Verän-derungsprozessen auseinandergesetzt und den angeschlossenen Krankenhäusern ein EDV-ge-stütztes Instrument zur Analyse der Altersstruktur zur Verfügung gestellt. 3.2.2 Gesundheitsförderung Während einige der untersuchten Organisationen über ein eigenes betriebliches Gesundheits-management verfügen, sind spezifische, auf die Zielgruppe der älteren Beschäftigte ausgerich-tete Maßnahmen und Instrumente in diesem Bereich eher selten. Jedoch gibt es einige (klei-nere) Maßnahmen, die sich identifizieren ließen. Zwar verfolgt Organisation 1 (Gesundheits- und Sozialwesen) keinen systematischen Ansatz der Beschäftigungsförderung Älterer (so wird z.B. keine Altersstrukturanalyse erstellt), jedoch bietet das Unternehmen den Beschäftigten insbesondere Maßnahmen im Bereich der Ge-sundheitsförderung an. So können die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter insgesamt 24 Stun-den ihrer jährlichen Arbeitszeit für die eigene Gesundheitsförderung verwenden. Mitarbeite-rinnen und Mitarbeiter können z.B. das hauseigene Fitnessstudio oder aber die Gesundheits-angebote der beschäftigten Physiotherapeuten nutzen. Für die Mitgliedschaft in einem Sport-verein werden pauschal acht Stunden Arbeitszeit erlassen. Ältere Beschäftigte ab einem Alter von 55 Jahren können 32 Stunden auf ihre Arbeitszeit anrechnen lassen, da hier von einem größeren Belastungserleben ausgegangen wird. Bei der Organisation 3 (Energie und Verkehr) können die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ab einem Alter von 50 Jahren alle drei Jahre einen (freiwilligen) Gesundheitscheck durchführen lassen. 20 Bei der Organisation 5 (Finanz- und Versicherungsdienstleistungen) gibt es ein ähnliches An-gebot, das sich gezielt an die älteren Beschäftigten richtet: Für die über 45-jährigen Mitarbei-terinnen und Mitarbeiter wird eine Vorsorgeuntersuchung angeboten. Zwar richtet sich das Herz-Kreislauf-Screening der Organisation 2 (Öffentliche Verwaltung) nicht gezielt an ältere Beschäftigte. Eine altersbezogene Auswertung der Teilnahmedaten zeigte jedoch, dass das Angebot vor allem von den älteren, über 50-Jährigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern genutzt wurde. 3.2.3 Arbeitszeitgestaltung Im Bereich der Arbeitszeitgestaltung geht es mit Blick auf die älteren Beschäftigten zumeist um Fragen der Reduzierung der Arbeitszeit. Dies kann die tägliche bzw. wöchentliche Redu-zierung betreffen, aber auch die Ermöglichung eines vorzeitigen Eintritts in den Ruhestand. Dabei handelt es sich zum einen um in Betriebsvereinbarungen festgeschriebenen betriebli-chen Regelungen, zum anderen aber auch um tarifliche bzw. beamtenrechtliche Regelungen. Maßnahmen im Bereich der Arbeitszeitgestaltung, von denen auch ältere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter profitieren, die sich aber nicht gezielt an diese Beschäftigtengruppe richten, werden hier nicht berücksichtigt. So ist es bei Organisation 3 (Energie und Verkehr) den über 50-jährigen Beschäftigten z.B. möglich, durch Umwandlung der leistungsorientierten Vergütung die wöchentliche Arbeits-zeit zu reduzieren. Zudem können ältere Beschäftigte ihre Arbeitszeit durch Inanspruchnahme unbezahlten Urlaubs verkürzen: ab 50 Jahre fünf Tage, ab 55 Jahre 10 Tage und ab 60 Jahre 15 Tage. Ein früherer Ausstieg aus dem Erwerbsleben wird den Beschäftigten der Organisation 5 (Fi-nanz- und Versicherungsdienstleistungen) über das Ansparen von Arbeitszeit (Überstunden) auf einem Langzeitkonto ermöglicht. Zudem können die variablen Gehaltsanteile in Arbeits-zeit umgewandelt und ebenfalls auf dieses Langzeitkonto „eingezahlt“ werden. Bei der Organisation 2 (Öffentliche Verwaltung) greifen vor allem beamtenrechtliche Regelun-gen der wöchentlichen Arbeitszeitverkürzung. Während die reguläre Arbeitszeit für vollzeit-beschäftigte Beamtinnen und Beamte 41 Stunden pro Woche beträgt, reduziert sich die 21 Arbeitszeit für die 55- bis unter 60-Jährigen auf 40 und für die 60-Jährigen und älteren auf 39 Stunden. 3.2.4 Weiterbildung und Personalentwicklung Viele Untersuchungen zum Weiterbildungsverhalten zeigen, dass die Teilnahme an beruflicher und betrieblicher Weiterbildung mit zunehmendem Lebensalter abnimmt. Zwar verfügen na-hezu alle untersuchten Organisationen im Rahmen ihrer Personalentwicklung über ein gut ausgebautes Weiterbildungsprogramm. Jedoch ließen sich kaum Maßnahmen oder Angebote identifizieren, die sich gezielt an ältere Beschäftigten mit ihren besonderen Bedarfen richten. Ein Beispiel für eine solche Maßnahme ist das Seminar „Unterwegs – Mitten im Leben“ der Organisation 3 (Energie und Verkehr). Mit dem 50. Lebensjahr bekommt jeder Mitarbeiter bzw. jede Mitarbeiterin einen Geburtstagsbrief überreicht mit der Einladung zu einem fünftä-gigen Seminar. Thema des Seminars, das von einer externen Psychologin durchgeführt wird, ist es, die folgenden Fragen zu stellen: Wo stehe ich beruflich und privat? Was erwartet mich noch? Was erwarte ich? Wie steht es um meine Gesundheit? Neben der persönlichen Stand-ortbestimmung geht es in dem Seminar auch um Gesundheitsfragen und Bewegungsange-bote. Das Seminar wird von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sehr gut angenommen, so dass jährlich mehrere Seminare mit max. 12 Teilnehmenden stattfinden. Die Beschäftigten kommen nach Aussage der Interviewpartnerin sehr euphorisch aus diesen Seminaren und es komme tatsächlich auch nach den Seminaren zu beruflichen Veränderungen, z.B. im Rahmen eines Stellenwechsels innerhalb des Unternehmens. Besonders hervorgehoben wird der wert-schätzende Aspekt des Seminars, auch wenn die Beschäftigten hier zwei von fünf Tagen selbst einbringen müssen (Wochenende). Dieses Seminar gibt es seit 2005. Im Bereich der Personalentwicklung sieht die Betriebsvereinbarung „Demografischer Wandel“ der Organisation 3 vor, dass Beschäftigte bei eingeschränkter Leistungsfähigkeit auf Mischar-beitsplätze wechseln können. Ziel ist es, auch weiterhin Arbeitsplätze vorzuhalten, auf denen ältere leistungsgeminderte Beschäftigte arbeiten können (z.B. Post oder Archiv). Jedoch seien diese Arbeitsplätze aufgrund gestiegener Qualifikationsanforderungen oftmals auch keine klassischen Schonarbeitsplätze mehr. 22 Die Organisation 3 kooperiert zudem mit der Freiwilligenagentur in Münster, um (nicht aus-schließlich, aber vor allem) die älteren Beschäftigten auf die Möglichkeiten aufmerksam zu machen, sich zu engagieren. Hierdurch soll den älteren Beschäftigten bereits vor dem Eintritt in den Ruhestand die Bedeutung einer sinnstiftenden Tätigkeit für diese neue Lebensphase vermittelt werden. 3.2.5 Vereinbarkeit von Arbeit und Pflege Mit zunehmendem Alter der Beschäftigten steigt die Wahrscheinlichkeit, dass ein Elternteil pflegebedürftig wird. Hiermit sind zahlreiche private Veränderungen verbunden, die die Be-schäftigten in vielen Fällen auch vor berufliche Herausforderungen stellen. Vor diesem Hinter-grund spielt die „neue“ Vereinbarkeitsproblematik auch für die Betriebe und Organisationen eine immer größere Rolle. Vor diesem Hintergrund werden in einer Service-Abteilung der Organisation 7 (Gesundheits- und Sozialwesen) Beratungs- und Informationsangebote für pflegende Angehörige gemacht. Die Nachfrage nach diesen Angeboten sei in den letzten Jahren stetig gestiegen. Im Vorder-grund der individuellen Beratungen stehen dabei vor allem rechtliche Fragen zur Pflegeversi-cherung und zur Beantragung einer Pflegestufe. Darüber hinaus ist es aber auch Aufgabe des Büros, an entsprechende Stellen (z.B. an den Pflegestützpunkt) weiter zu vermitteln. Ein wei-terer Schwerpunkt der Arbeit bildet die Vermittlung von Informationen. Hierzu gehören z.B. regelmäßige Vernetzungstreffen von pflegenden Angehörigen zu unterschiedlichen Themen, zu denen auch externe Expertinnen und Experten eingeladen werden, Pflegekurse für pfle-gende Angehörige, Kurse zum Umgang mit Überlastung und Stress durch die Pflege oder auch Vorträge zu Demenz. Für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die aufgrund der Pflegesituation weitere Hilfe benötigen, wird ein Telefon-Coaching mit einem externen Dienstleister angebo-ten. 23 4. Die Arbeitsmarktlage Älterer in Münster Der folgende Teil der Expertise nimmt die Beschäftigungssituation der Älteren in Münster in den Blick. Grundlage bilden dabei in erster Linie Beschäftigungs- und Arbeitslosigkeitsdaten sowie Daten zu Maßnahmen der aktiven Arbeitsmarktpolitik, die von der Bundesagentur für Arbeit zur Verfügung gestellt wurden. Die zur Verfügung gestellten Daten wurden sekundär-analytisch nach Alter ausgewertet, um zu fundierten Aussagen zur Arbeitsmarktlage der älte-ren Menschen in Münster zu kommen. Im Folgenden werden zunächst unterschiedliche As-pekte der Beschäftigung thematisiert, um in Anschluss das Arbeitslosigkeitsgeschehen darzu-stellen. In einem dritten Teil findet sich die altersbezogene Auswertung der Maßnahmen der aktiven Arbeitsmarktpolitik. 4.1 Beschäftigung 4.1.1 Sozialversicherungspflichtige Beschäftigung Dem generellen Trend des Arbeitsmarktes in Deutschland folgend hat die sozialversicherungs-pflichtige Beschäftigung auch am Arbeitsort Münster in den letzten Jahren stetig zugenom-men. So stieg die Anzahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten von 2010 bis 2016 um etwa 20.000 Personen auf gut 160.000 (vgl. Abbildung 5), was einer Zunahme von 14 Prozent entspricht. Abbildung 5: Sozialversicherungspflichtig Beschäftigte am Arbeitsort Münster 2010-2016, absolute Zahlen Eine Betrachtung nach Altersgruppen zeigt hier, dass der Aufwuchs vor allem auf das Konto der 25- bis unter 35-Jährigen sowie der über 45-Jährigen geht, während für die Gruppe der unter 25-Jährigen kaum Veränderungen und für die Gruppe der 35- bis unter 45-Jährigen ein 140.506144.175147.571150.060153.384156.981160.280 020.00040.00060.00080.000100.000120.000140.000160.000180.000 2010201120122013201420152016 24 Rückgang zu konstatieren sind (vgl. Abbildung 6). Der stärkste Zuwachs ist bei der Gruppe der 55-Jährigen und Älteren festzustellen, von etwa 18.000 Personen in 2010 auf über 28.000 Per-sonen in 2016. Abbildung 6: Sozialversicherungspflichtig Beschäftigte am Arbeitsort Münster nach Alter 2010-2016, absolute Zahlen Diese unterschiedlichen Entwicklungen haben zu Verschiebungen in der Altersstruktur der so-zialversicherungspflichtig Beschäftigten geführt, die insgesamt auf eine Alterung hindeuten (vgl. Abbildung 7). Abbildung 7: Sozialversicherungspflichtig Beschäftigte am Arbeitsort Münster nach Alter 2010-2016, in Prozent 10.00015.00020.00025.00030.00035.00040.00045.000 2010201120122013201420152016unter 25 Jahre25 bis unter 35 Jahre35 bis unter 45 Jahre45 bis unter 55 Jahre55 Jahre und älter 1010101010101024242424242425 26252422222121 27272828282827 13131415161718 0%10%20%30%40%50%60%70%80%90%100% 2010201120122013201420152016unter 25 Jahre25 bis unter 35 Jahre35 bis unter 45 Jahre45 bis unter 55 Jahre55 Jahre und älter 25 Während hier für die meisten Altersgruppen die Anteile über den Zeitverlauf recht stabil ge-blieben sind, so ist bei den 35- bis unter 45-Jährigen ein Rückgang von 5 Prozentpunkten und bei den 55-Jährigen und Älteren ein Aufwuchs in gleichem Umfang festzustellen. Im Vergleich zu 2010 ist damit die Gruppe der älteren Beschäftigten über 55 Jahren jene Gruppe, die bis 2016 am stärksten zulegen konnte, nämlich um 57 Prozent (vgl. Abbildung 8), während die Gruppe der 35- bis unter 45-Jährigen um 9 Prozent zurückgegangen ist. Abbildung 8: Veränderung der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten am Arbeitsort Münster nach Alter 2010-2016, in Pro-zent Eine Betrachtung der Altersgruppe der über 55-Jährigen nach Geschlecht zeigt zudem, dass insbesondere die Frauen bei der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung zulegen konn-ten (vgl. Abbildung 9). Im Zeitraum von 2010 bis 2016 ist hier eine Zunahme um 72 Prozent, bei den Männern um 46 Prozent zu verzeichnen (ohne Abbildung). Abbildung 9: Entwicklung der über 55-Jährigen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten 2010-2016 nach Geschlecht, abso-lute Zahlen 817-9 16 57 - 20- 10-10203040506070unter 25 Jahre25 bis unter 35 Jahre35 bis unter 45 Jahre45 bis unter 55 Jahre55 Jahre und älter 10.108 14.717 7.898 13.614 7.0008.0009.00010.00011.00012.00013.00014.00015.000 2010201120122013201420152016MännerFauen 26 Doch nicht nur bei den Frauen, sondern auch in den höheren Altersgruppen fällt die Zunahme an sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung besonders hoch aus. Waren 2010 noch knapp 6.000 Menschen der über 60-Jährigen sozialversicherungspflichtig Beschäftigt, so waren es 2016 bereits knapp 11.000 Personen dieser Altersgruppe (vgl. Abbildung 10). Dies entspricht einer Zunahme um über 85 Prozent. Abbildung 10: Sozialversicherungspflichtig Beschäftigte am Arbeitsort Münster 60 Jahre und älter 2010-2016, absolute Zahlen Eine besondere Gruppe bilden die über 65-Jährigen, also jene Personen, die die Regelalters-grenze bereits überschritten haben. Ebenso wie bundesweit (vgl. Bundesagentur für Arbeit 2017a, S. 16 ff.) so ist auch am Arbeitsort Münster für diese Gruppe eine starke Zunahme zu verzeichnen: von 606 Personen im Jahr 2010 auf 1.143 Personen in 2016 – eine Zunahme von ebenfalls etwa 85 Prozent (vgl. Abbildung 11). Abbildung 11: Sozialversicherungspflichtig Beschäftigte am Arbeitsort Münster 65 Jahre und älter2010-2016, absolute Zah-len 5.8766.6477.4638.4379.2789.93210.899 -2.0004.0006.0008.00010.00012.000 2010201120122013201420152016 6066357287828709691.143 -2004006008001.0001.200 2010201120122013201420152016 27 Weiteren Aufschluss über die Lage der älteren Beschäftigten am Arbeitsmarkt gibt die Be-schäftigungsquote. Die Beschäftigungsquote ist der prozentuale Anteil der sozialversiche-rungspflichtig bzw. geringfügig Beschäftigten (am Wohnort) an der Bevölkerung im jeweiligen Alter. Auch hier zeigt sich, dass sich die Lage insgesamt, aber auch und gerade für ältere Men-schen am Arbeitsmarkt in den letzten Jahren deutlich verbessert hat (vgl. Abbildung 12). Von 2012 bis 2017 ist die Beschäftigungsquote insgesamt von 48,6 moderat auf 51,1 gestiegen. Besonders zulegen konnten im Vergleich der Altersgruppen die 55- bis unter 65-Jährigen (+7,7 Prozentpunkte). Abbildung 12: Beschäftigungsquoten Münster insgesamt und nach Altersgruppen 2012-2017, in Prozent Betrachtet man die Altersgruppen noch einmal untergliedert nach den 55- bis unter 60-Jähri-gen sowie den 60- bis unter 65-Jährigen, so ergibt sich hier ein durchaus differenziertes (wenn-gleich erwartbares) Bild (vgl. Abbildung 13). Im Vergleich der Altersgruppen liegt die Beschäf-tigungsquote der höheren Altersgruppe deutlich unter jener der jüngeren Altersgruppe der 55- bis unter 60-Jährigen. 48,6 49,0 49,3 50,0 49,8 51,1 58,6 58,7 59,0 59,7 59,3 60,6 58,8 59,4 60,1 60,6 61,2 62,5 43,2 45,1 46,9 48,3 49,5 50,9 40,0 45,0 50,0 55,0 60,0 65,0 201220132014201520162017Insgesamt25 bis unter 50 Jahre50 bis unter 55 Jahre55 bis unter 65 Jahre 28 Abbildung 13: Beschäftigungsquoten Münster nach Altersgruppen 2012-2017, in Prozent Der Abstand beträgt hier im Jahr 2017 knapp 16 Prozentpunkte. Gleichwohl zeigt sich bei der höheren Altersgruppe ein besonders starker Aufwuchs. Im Zeitraum von 2012 bis 2017 stieg die Beschäftigungsquote hier um knapp elf Prozentpunkte. Abbildung 14: Anteil der Teilzeitbeschäftigten an den sozialversicherungspflichtig Beschäftigten am Arbeitsort Münster nach Altersgruppen 2016, in Prozent Hinsichtlich der Arbeitszeit zeigt sich ab einem Alter von 35 Jahren ein Muster, das sich bis in die höheren Altersgruppen hält (vgl. Abbildung 14). Über die Hälfte der über 35-jährigen sozi-alversicherungspflichtig beschäftigten Frauen arbeiten in Teilzeit, während dies nur bei 10 bis 13 Prozent der Männer der Fall ist. Dieses Muster zeigt sich, wie die meisten anderen 43,2 45,1 46,9 48,3 49,5 50,9 52,6 53,9 55,1 56,5 57,4 58,1 31,5 34,3 37,0 38,5 39,9 42,3 30,035,040,045,050,055,060,0 20122013201420152016201755 bis unter 65 Jahre55 bis unter 60 Jahre60 bis unter 65 Jahre 182312101319 33 555755 1928333333 0102030405060 unter 25 Jahre25 bis unter 35Jahre35 bis unter 45Jahre45 bis unter 55Jahre55 Jahre und älter MännerFrauenInsgesamt 29 Entwicklungen auch, nicht nur für Münster, sondern für die gesamtdeutsche Situation (vgl. Bundesagentur für Arbeit 2017b, S. 10). Über alle Wirtschaftszweige hinweg liegt der Anteil an älteren Beschäftigten bei 18 Prozent. Überdurchschnittlich repräsentiert sind die über 55-Jährigen vor allem in der Energieversor-gung (28 Prozent), der öffentlichen Verwaltung (24 Prozent) und in der Erbringung von sons-tigen Dienstleistungen (22 Prozent), während der Anteil an älteren Beschäftigten im Gastge-werbe (11 Prozent), in der Erbringung freiberuflicher, technischer und wissenschaftlicher Dienstleistungen (12 Prozent), der Erbringung sonstiger wirtschaftlicher Dienstleistungen (14 Prozent) sowie im Bereich Kunst, Unterhaltung und Erholung (15 Prozent) eher unterdurch-schnittlich ist (vgl. Abbildung 15). Abbildung 15: Anteil der 55-jährigen und älteren sozialversicherungspflichtig Beschäftigten am Arbeitsort Münster nach Wirtschaftszweigen (WZ 2008) 2016, in Prozent Mit Blick auf die Betriebsgröße und ihren Einfluss auf die Beschäftigung Älterer lassen sich keine großen Unterschiede zwischen den Altersgruppen erkennen (vgl. Abbildung 16). Auffäl-lig ist lediglich, dass jüngere Beschäftigte anteilig stärker in kleineren und Kleinstbetrieben mit maximal 50 Beschäftigten beschäftigt sind als Ältere. 1918281616201116191912142417152218 051015202530Land und Forstwirtschaft, FischereiVerarbeitendes GewerbeEnergieversorgungBaugewerbeHandel; Instandh. u. Reparatur v. KfzVerkehr und LagereiGastgewerbeInformation u. KommunikationErbr. v. Finanz- u. Versicherungsdienstl.Grundstücks- u. WohnungswesenErbr. v. freiberufl., wissenschaftl. u. techn. Dienstl.Erbringung v. sonst. wirtschaftl. Dienstl.Öffentl. Verw., Verteidigung, Verteidigung; Sozialvers.Gesundheits- u. SozialwesenKunst, Unterhaltung und ErholungErbr. v. sonst. Dienstl.Insgesamt 30 Abbildung 16: Altersstruktur der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten am Arbeitsort Münster nach Betriebsgröße 2016, in Prozent Hinsichtlich der Qualifikationsstruktur ist zu erkennen, dass die über 45-Jährigen seltener ei-nen akademischen Berufsabschluss aufweisen als jüngere Beschäftigte (vgl. Abbildung 17). Während lediglich 17 bzw. 18 Prozent der höheren Altersgruppen einen solchen Abschluss vorweisen können, liegt der Anteil bei den 25- bis unter 35-Jährigen mit 30 Prozent knapp doppelt so hoch. Abbildung 17: Qualifikationsstruktur der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten nach Altersgruppen 2016, in Prozent Dies folgt dem generellen Trend einer zunehmenden Akademisierung und kann für ältere Be-schäftigte ein Qualifikationsrisiko bedeuten, da die nachrückenden Kohorten besser 87777 65545 98877 1312121112 1211111111 2324262725 2933323433 0%10%20%30%40%50%60%70%80%90%100%unter 25 Jahre25 bis unter 35 Jahre35 bis unter 45 Jahre45 bis unter 55 Jahre55 Jahre und älter 1-5 Beschäftigte6-9 Beschäftigte10-19 Beschäftigte20-49 Beschäftigte50-99 Beschäftigte100-499 Beschäftigte500 und mehr Beschäftigte 4911878 4052586666 530241817 6710910 0%10%20%30%40%50%60%70%80%90%100%unter 25 Jahre25 bis unter 35 Jahre35 bis unter 45 Jahre45 bis unter 55 Jahre55 Jahre und älter Ohne Berufsabschlussanerkannter Berufsabschlussakademischer Berufsabschlusskeine Angabe 31 ausgebildet sind. Der hohe Anteil an Personen ohne Berufsabschluss in der Gruppe der unter 25-Jährigen dürfte der Tatsache geschuldet sein, dass ein großer Teil die Ausbildung noch nicht abgeschlossen hat. Zusammengefasst lässt sich mit Blick auf die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung sa-gen, dass die Gruppe der über 55-Jährigen stark vom Aufwuchs der sozialversicherungspflich-tigen Beschäftigung profitiert hat, wobei zu beachten ist, dass insbesondere die Gruppe der über 60-jährigen und älteren Personen im Vergleich zu den 55- bis unter 60-Jährigen eine deutlich geringere Beschäftigungsquote aufweist. Hier beträgt der Unterschied knapp 16 Pro-zentpunkte. Arbeitsmarktpolitische Maßnahmen, die auf eine stärkere Integration der Älteren in sozialversicherungspflichtige Beschäftigung abzielen, sollten deshalb vor allem die Gruppe der über 60-Jährigen in den Blick nehmen. 4.1.2 Geringfügige Beschäftigung Der Aufwuchs bei der ausschließlich geringfügigen Beschäftigung fiel im Zeitraum von 2010 bis 2016 deutlich geringer als bei der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung aus. Waren in 2010 knapp 27.400 Menschen am Arbeitsort Münster ausschließlich geringfügig beschäf-tigt, waren es im Jahr 2016 knapp 28.400, was einer moderaten Zunahme von knapp vier Pro-zent entspricht (sozialversicherungspflichtige Beschäftigung: plus 14 Prozent). Abbildung 18: Ausschließlich geringfügig Beschäftigte am Arbeitsort Münster nach Alter 2010-2016, absolute Zahlen 2.0003.0004.0005.0006.0007.0008.0009.00010.00011.00012.000 2010201120122013201420152016unter 25 Jahre25 bis unter 35 Jahre35 bis unter 45 Jahre45 bis unter 55 Jahre55 Jahre und älter 32 Eine Betrachtung nach Altersgruppen zeigt, dass der moderate Aufwuchs in erster Linie auf das Konto der unter 25-Jährigen und in Teilen der 55-Jährigen und Älteren geht (vgl. Abbildung 18). Bei allen anderen Altersgruppen ist die ausschließlich geringfügige Beschäftigung im Zeit-verlauf zurückgegangen. Abbildung 19: Veränderung der ausschließlich geringfügig Beschäftigten am Arbeitsort Münster nach Alter 2010-2016, in Pro-zent Am größten fällt der Rückgang mit 30 Prozent bei den 35- bis unter 45-Jährigen aus, während die Zunahme bei den unter 25-Jährigen 18 und bei den 55-Jährigen und Älteren 16 Prozent beträgt (vgl. Abbildung 19). Diese Entwicklungen spiegeln sich auch in der Altersstruktur der ausschließlich geringfügig Be-schäftigten. Der Anteil der unter 25-Jährigen war 2016 mit 39 Prozent mit Abstand am größ-ten, gefolgt von den 55-Jährigen und Älteren (23 Prozent). Hingegen geht nicht einmal jedes zehnte ausschließlich geringfügige Beschäftigungsverhältnis auf das Konto der 35- bis unter 45-Jährigen (vgl. Abbildung 20). 18 -3 -30 -9 16 - 40- 30- 20- 10-102030unter 25 Jahre 25 bis unter 35 Jahre 35 bis unter 45 Jahre 45 bis unter 55 Jahre 55 Jahre und älter 33 Abbildung 20: Altersstruktur der ausschließlich geringfügig Beschäftigten am Arbeitsort Münster 2010-2016, in Prozent Wenig überraschend ist, dass wesentlich mehr Frauen ausschließlich geringfügig beschäftigt sind als Männer, wobei hier in den letzten Jahren leichte Verschiebungen zu konstatieren sind. Während die ausschließlich geringfügige Beschäftigung bei Männern im Zeitverlauf zugenom-men hat, bleibt die Anzahl der ausschließlich geringfügig beschäftigten Frauen nahezu stabil. Frauen stellen 2016 aber immer noch etwa 60 Prozent der ausschließlich geringfügigen Be-schäftigungsverhältnisse (vgl. Abbildung 21). Ein ähnlich hoher Wert wird auch für die Frauen in der Altersgruppe der 55-Jährigen und Älteren erreicht (ohne Abbildung). 34353636373839 212020202020191211111099812121212121111 20212222222223 0%10%20%30%40%50%60%70%80%90%100% 2010201120122013201420152016unter 25 Jahre25 bis unter 35 Jahre35 bis unter 45 Jahre45 bis unter 55 Jahre55 Jahre und älter 34 Abbildung 21: Entwicklung der ausschließlich geringfügigen Beschäftigungsverhältnisse am Arbeitsort Münster nach Ge-schlecht 2010-2016, absolute Zahlen Eine besonders hohe Zunahme der ausschließlich geringfügigen Beschäftigung lässt sich für die Gruppe der 65-Jährigen und Älteren beobachten (vgl. Abbildung 22). Hier ist eine Zunahme von über 25 Prozent zu verzeichnen, was dem bereits weiter oben genannten generellen Trend der Zunahme der Beschäftigung jenseits der Regelaltersgrenze entspricht. Hier domi-nieren geringfügige Beschäftigungsverhältnisse. Abbildung 22: Entwicklung der ausschließlich geringfügig Beschäftigten im Alter von 65 Jahren und älter von 2010-2016 am Arbeitsort Münster, absolute Zahlen 10.096 11.238 17.279 17.157 02.0004.0006.0008.00010.00012.00014.00016.00018.00020.000 2010201120122013201420152016MännerFrauen 2.6362.7382.9313.0823.1933.2063.312 -5001.0001.5002.0002.5003.0003.500 2010201120122013201420152016 35 4.2 Arbeitslosigkeit Die folgenden Betrachtungen stellen das Arbeitslosigkeitsgeschehen für die höheren Alters-gruppen ins Zentrum. Dabei werden die Arbeitslosigkeit insgesamt und die Langzeitarbeitslo-sigkeit gesondert voneinander thematisiert. Damit wird der Tatsache Rechnung getragen, dass Ältere von einem im Vergleich zu anderen Altersgruppen höheren Risiko betroffen sind, in Langzeitarbeitslosigkeit zu geraten. Sowohl für die Arbeitslosigkeit insgesamt als auch für die Langzeitarbeitslosigkeit werden Differenzierungen hinsichtlich bestimmter Aspekte wie Ge-schlecht und Qualifikation vorgenommen. 4.2.1 Arbeitslosigkeit allgemein Insgesamt hat sich die Arbeitslosigkeit in Deutschland positiv entwickelt. Nach der Arbeits-marktreform in 2005 hat es, trotz der Wirtschafts- und Finanzkrise in 2009, einen deutlichen Rückgang bei den Arbeitslosen gegeben, der bis heute anhält. Waren 2005 noch knapp 5 Mio. Menschen arbeitslos gemeldet, so waren es in 2017 gerade einmal noch 2,5 Mio. Menschen – Tendenz weiter sinkend. Wie die folgenden Daten zeigen werden, trifft diese Entwicklung auf Münster nur bedingt zu, denn hier ist seit 2010 durchaus eine Zunahme der arbeitslosen Menschen zu konstatieren, auch wenn die Arbeitslosenquote im selben Zeitraum gesunken ist. Dies liegt daran, dass im gleichen Zeitraum die Anzahl der Erwerbstätigen zugenommen hat. Abbildung 23: Entwicklung der Arbeitslosigkeit und der Langzeitarbeitslosigkeit in Münster 2010-2017, absolute Zahlen 8.629 9.252 2.777 3.9135.852 5.340 -1.0002.0003.0004.0005.0006.0007.0008.0009.00010.000 20102011201220132014201520162017Arbeitslosigkeit insgesamtdaunter LangzeitarbeitsloseArbeitslose ohne Langzeitarbeitslose 36 Der Aufwuchs der Arbeitslosigkeit geht dabei insbesondere auf das Konto der Langzeitarbeits-losigkeit, die im Berichtszeitraum um 41 Prozent zugelegt hat, während bei den Arbeitslosen ohne Langzeitarbeitslose ein Rückgang um 9 Prozent im Vergleich zu 2010 festzustellen ist (vgl. Abbildung 23). Die Arbeitslosenquote, die das Verhältnis der Arbeitslosen zu den abhängigen zivilen Erwerbs-personen anzeigt, ist in Münster im gleichen Zeitraum von 6,0 auf 5,4 Prozent gesunken. Abbildung 24: Entwicklung der Arbeitslosenquoten in Münster ab 50 Jahren 2010-2017, in Prozent Betrachtet man die Entwicklungen in den höheren Altersgruppen (vgl. Abbildung 24), so erge-ben sich hier durchaus zum Teil deutliche Unterschiede im Arbeitslosigkeitsgeschehen. Wäh-rend die Arbeitslosenquoten der über 60-Jährigen mit 5,0 Prozent sowie der 50- bis unter 55-Jährigen mit 5,2 Prozent knapp unter der Arbeitslosenquote insgesamt liegen, fällt die Arbeits-losenquote der 55- bis unter 60 Jährigen, auch wenn sie in den letzten Jahren gesunken ist, mit 6,2 Prozent immer noch höher aus als in den beiden anderen Altersgruppen. Auch die Arbeitslosenquote der 50- bis unter 55-Jährigen ist in den letzten Jahren gesunken und liegt nun mit 5,2 Prozent knapp unter der gesamten Arbeitslosenquote. Auffällig ist die Entwicklung bei den über 60-Jährigen. Lag ihre Arbeitslosenquote 2010 mit 2,8 Prozent weit unter der ge-samten Arbeitslosenquote, so liegt sie mit 5,0 Prozent heute wesentlich näher an diesem Wert. Die altersgruppenübergreifende Betrachtung zeigt zudem, dass dies die einzige der hier 2,03,04,05,06,07,08,0 2010201120122013201420152016201750 bis unter 55 Jahre55 bis unter 60 Jahre60 Jahre und älterInsgesamt 37 aufgeführten Altersgruppen ist, in der die Arbeitslosenquote in den letzten Jahren gestiegen ist. Während die Arbeitslosenquote also in den letzten Jahren gesunken ist, ist – wie bereits wei-ter oben angemerkt – die absolute Anzahl an arbeitslosen Menschen in Münster gestiegen, und zwar von gut 8.600 Personen in 2010 auf knapp 9.300 Menschen in 2017. Eine Betrach-tung nach Altersgruppen zeigt hier, dass dieser Aufwuchs der Arbeitslosigkeit vor allem auf das Konto der 25- bis unter 35-Jährigen und – noch weitaus stärker – auf das der 55-Jährigen und Älteren geht (vgl. Abbildung 25). Abbildung 25: Entwicklung der Arbeitslosigkeit insgesamt (SGB II+III) in Münster nach Alter 2010-2017, absolute Zahlen So hat die Anzahl der arbeitslosen über 55-Jährigen in den Jahren von 2010 bis 2017 um 56 Prozent zugelegt – im Vergleich der Altersgruppen die stärkste Zunahme –, während für die 35- bis unter 55-Jährigen ein Rückgang zu konstatieren ist. Zugelegt haben neben den Älte-ren die 25- bis unter 35-Jährigen (+10,4 Prozentpunkte) sowie, allerdings sehr moderat, die unter 25-Jährigen (+1,3 Prozentpunkte) (vgl. Abbildung 26). 7009001.1001.3001.5001.7001.9002.1002.3002.5002.700 20102011201220132014201520162017bis unter 25 Jahre25 bis unter 35 Jahre35 bis unter 45 Jahre45 bis unter 55 Jahre55 Jahre und älter 38 Abbildung 26: Veränderung der Arbeitslosigkeit insgesamt (SGB II+III) in Münster nach Alter von 2010 bis 2017, in Prozent Eine differenzierte Betrachtung der höheren Altersgruppe zeigt zudem, dass insbesondere die Gruppe der 60-jährigen und älteren Arbeitslosen stark angewachsen ist. Hier hat sich die Zahl der Arbeitslosen binnen sieben Jahren nahezu verdreifacht (vgl. Abbildung 27), während die Arbeitslosenzahl der „jüngeren Älteren“ vergleichsweise moderat zugenommen hat. Abbildung 27: Entwicklung der Arbeitslosigkeit insgesamt (SGB II+III) in Münster in den höheren Altersgruppen 2010-2017, absolute Zahlen Eine ähnliche Entwicklung in den höheren Altersgruppen lässt sich auch für die gesamtdeut-sche Situation feststellen. Hier ist ebenfalls die Zahl der arbeitslosen 60- bis unter 65-Jährigen in den letzten Jahren stark angestiegen. Als Gründe werden hier neben der demografischen 1,3 10,4 -5,7 -5,3 53,1 -10,00,010,020,030,040,050,060,0 bis unter 25 Jahre 25 bis unter 35 Jahre 35 bis unter 45 Jahre 45 bis unter 55 Jahre 55 Jahre und älter 874 997 267 749 -2004006008001.0001.200 2010201120122013201420152016201755 bis unter 60 Jahre60 Jahre und älter 39 Entwicklung – es sind einfach in den letzten Jahren mehr Menschen in diese Altersgruppe auf-gerückt -, der gestiegenen Erwerbsneigung und der schwierigen Arbeitsmarktsituation Älterer das Auslaufen von Sonderregelungen für Ältere, die sich vormals reduzierend auf die Arbeits-losigkeit ausgewirkt haben (vgl. Bundesagentur für Arbeit 2017a, S. 21). Diese Zunahme zeigt sich auch in der Entwicklung der Altersstruktur der Gruppe der arbeits-losen Personen (vgl. Abbildung 28). Der Anteil der 55-Jährigen und Älteren an allen Arbeitslo-sen ist von 2010 bis 2016 um sechs Prozentpunkte gestiegen und liegt heute bei 19 Prozent. Abbildung 28: Anteilige Entwicklung der Arbeitslosigkeit insgesamt (SGB II+III) in Münster nach Alter 2010-2017, in Prozent Männer sind in einem stärkeren Ausmaß von Arbeitslosigkeit betroffen als Frauen. Von den knapp 9.300 Arbeitslosen in 2017 sind 57 Prozent Männer. Diese Verteilung trifft auch auf die Altersgruppe der 55-Jährigen und Älteren zu (ohne Abbildung). Jedoch hat die Arbeitslosigkeit in den letzten Jahren bei den älteren Männern in einem stärkeren Maße zugelegt als bei den Frauen. So stieg die Anzahl der arbeitslosen 55-jährigen und älteren Männer von 2010 bis 2017 um das 1,59-fache, was einer Zunahme von 59 Prozent entspricht. Bei den Frauen lag dieser Wert bei 1,46 bzw. 46 Prozent (vgl. Abbildung 29). 109999999 2726272727282728 2525242322222222 2525252524232222 1315151617181919 0102030405060708090100 20102011201220132014201520162017bis unter 25 Jahre25 bis unter 35 Jahre35 bis unter 45 Jahre45 bis unter 55 Jahre55 Jahre und älter 40 Abbildung 29: Veränderung Arbeitslosigkeit der 55-jährigen und älteren Männer und Frauen in Münster 2010-2017, 1= Basis-wert 2010 Eine Betrachtung der Qualifikationsstruktur der arbeitslosen Personen nach Alter zeigt, dass ältere Arbeitslose eine bessere Qualifikationsstruktur aufweisen als alle Arbeitslosen (vgl. Ab-bildung 30). So haben von den älteren Arbeitslosen 41 Prozent keine abgeschlossene Berufs-ausbildung, während dies für die Hälfte aller Arbeitslosen zutrifft. Eine betriebliche und/oder schulische Ausbildung können 38 Prozent der älteren Arbeitslosen aufweisen gegenüber 30 Prozent bei allen Arbeitslosen. Und auch der Anteil der Akademiker ist mit 16 Prozent höher als bei allen Arbeitslosen (14 Prozent). Abbildung 30: Qualifikationsstruktur aller Arbeitslosen sowie der älteren Arbeitslosen in Münster 2017, in Prozent 1,591,46 0,000,200,400,600,801,001,201,401,601,80 20102011201220132014201520162017Männer 55 Jahre und älterFrauen 55 Jahre und älter 50 41 30 38 14 166 4 0%10%20%30%40%50%60%70%80%90%100% Arbeitslose insgesamtArbeitslose 55 Jahre und älterOhne abgeschlossene BerufsausbildungBetriebliche/schulische AusbildungAkademische Ausbildungkeine Angabe 41 Auch wenn die Daten hierüber keine unmittelbare Auskunft geben, so könnten diese unter-schiedlichen Qualifikationsstrukturen ein Hinweis darauf sein, dass ältere Arbeitslose trotz günstiger qualifikatorischer Ausgangslage einen schwierigeren Zugang zum Arbeitsmarkt ha-ben. 4.2.2 Langzeitarbeitslosigkeit Wie eingangs bereits gesagt, sind Ältere in einem besonderen Maße dem Risiko der Langzeit-arbeitslosigkeit ausgesetzt. Dabei scheint die Langzeitarbeitslosigkeit selbst ein wesentliches Einstellungshindernis zu sein. Untersuchungen haben gezeigt, dass Langzeitarbeitslose von Unternehmen und Betrieben bei der Besetzung von Stellen kaum berücksichtigt werden (vgl. Baur et al. 2016, S. 12). Vermutlich steht dahinter der Gedanke, dass die Produktivität mit zunehmender Dauer der Arbeitslosigkeit abnimmt. Gleichzeitig ist das Alter selbst ein Einstel-lungshindernis, da viele Betriebe – wenn auch nicht explizit – eine altersselektive Einstellungs-praxis verfolgen, bei der ältere Bewerberinnen und Bewerber regelmäßig weniger berücksich-tigt werden als jüngere (vgl. Sporket 2011, S. 119). Ältere Langzeitarbeitslose sind somit von einer doppelten Zugangsbarriere in Beschäftigung betroffen. Abbildung 31: Entwicklung der Langzeitarbeitslosigkeit insgesamt (SGB II+III) in Münster nach Alter 2010-2017, absolute Zah-len Dies wird durch die vorliegenden Daten auch für Münster bestätigt. Nachdem die Langzeitar-beitslosigkeit der 55-Jährigen und Älteren in den letzten Jahren deutlich zugelegt hat, bildet 020040060080010001200 20102011201220132014201520162017bis unter 25 Jahre25 bis unter 35 Jahre35 bis unter 45 Jahre45 bis unter 55 Jahre55 Jahre und älter 42 diese Gruppe nun die größte im Vergleich zu den anderen Altersgruppen (vgl. Abbildung 31). Waren 2010 noch 539 Menschen über 55 Jahre langzeitarbeitslos, so sind es 2017 knapp über 1107. Damit weist diese Gruppe die größte Dynamik auf, die sich – anders als in den jüngeren Altersgruppen – auch nach 2012 unvermindert fortgesetzt hat. Zwar hat auch in den anderen Altersgruppen die Langzeitarbeitslosigkeit bis 2012 zugenom-men. Jedoch sind hier die Zahlen ab diesem Zeitpunkt entweder nur moderat weiter gestiegen oder aber sogar wieder gesunken. Abbildung 32: Veränderung der Langzeitarbeitslosigkeit insgesamt (SGB II+III) in Münster nach Alter von 2010 bis 2017, in Prozent Insgesamt ist die Langzeitarbeitslosigkeit in Münster von 2010 bis 2017 um 41 Prozent auf nunmehr 3911 Personen gestiegen, wobei – wie bereits gesagt – der Aufwuchs in den Alters-gruppen unterschiedlich hoch ausfiel (vgl. Abbildung 32). Die Gruppe der 55-Jährigen und Äl-tere hat in diesem Zeitraum um 106 Prozent zugelegt, wohingegen die Zunahme vor allem bei den 35- bis unter 45-Jährigen sowie den 45- bis unter 55-Jährigen wesentlich geringer ausfällt (plus 14 bzw. 19 Prozent). Wiederum vergleichsweise hoch fällt der Zuwachs bei den jüngeren Altersgruppen aus (bis unter 25 Jahre: plus 58 Prozent; 25 bis unter 35 Jahre: plus 50 Prozent). Setzt man die Anzahl der Langzeitarbeitslosen ins Verhältnis zu allen Arbeitslosen, so zeigt sich auch hier die problematische Arbeitsmarktlage der Älteren. Während die Langzeitarbeitslosen über die Altersgruppen hinweg 42 Prozent aller Arbeitslosen stellen, liegt dieser Wert für die 58 50 14 19 106 020406080100120 bis unter 25 Jahre 25 bis unter 35 Jahre 35 bis unter 45 Jahre 45 bis unter 55 Jahre 55 Jahre und älter 43 Gruppe der 55-jährigen und Älteren bei 63 Prozent. Weit mehr als die Hälfte aller Arbeitslosen dieser Altersgruppe zählt also zu den Langzeitarbeitslosen (vgl. Abbildung 33). Abbildung 33: Anteil der Langzeitarbeitslosen an Arbeitslosen insgesamt (SGB II+III) nach Altersgruppen 2010-2017 Eine differenzierte Betrachtung der höheren Altersgruppen zeigt zudem, ähnlich wie bei der Arbeitslosigkeit insgesamt (vgl. Abbildung 27), eine besonders starke Zunahme der Langzeit-arbeitslosigkeit in der Gruppe der 60-jährigen und älteren Arbeitslosen. Hier hat sich die An-zahl nahezu vervierfacht (vgl. Abbildung 34), während sie bei den 55- bis unter 60-Jährigen um „lediglich“ 50 Prozent gestiegen ist. Abbildung 34: Entwicklung der Langzeitarbeitslosigkeit insgesamt (SGB II+III) in Münster in den höheren Altersgruppen 2010-2017, absolute Zahlen 781115141312122122242727292929353438414042434342444549505352534749525958616263 3233354040414242 010203040506070 20102011201220132014201520162017bis unter 25 Jahre25 bis unter 35 Jahre35 bis unter 45 Jahre45 bis unter 55 Jahre55 Jahre und älterInsgesamt 426 639 113 468 -100200300400500600700 2010201120122013201420152016201755 bis unter 60 Jahre60 Jahre und älter 44 Dies hat Konsequenzen für die Altersstruktur der Langzeitarbeitslosigkeit, wie die Abbildung 35 zeigt. Von 2010 bis 2017 hat der Anteil der älteren Langzeitarbeitslosen an allen Arbeitslo-sen um 9 Prozentpunkte auf nunmehr 28 Prozent zugelegt, während die Anteile bei allen an-deren Gruppen – in unterschiedlichem Maße – rückläufig sind (vgl. Abbildung 35). Abbildung 35: Entwicklung der Langzeitarbeitslosigkeit insgesamt (SGB II+III) in Münster nach Alter 2010-2017, in Prozent Eine Betrachtung der Langzeitarbeitslosigkeit nach Geschlecht zeigt, dass Männer mit 57 Pro-zent den größeren Anteil unter den Langzeitarbeitslosen stellen. Dies entspricht auch ihrem Anteil an allen Arbeitslosen (vgl. weiter oben) sowie der Verteilung in den höheren Altersgrup-pen. Hier stellen die Männer einen Anteil von 58 Prozent gegenüber 42 Prozent Frauen. An-zumerken ist, dass sich das Verhältnis von langzeitarbeitslosen Männern und Frauen im Zeit-raum 2010 bis 2017 durchaus verändert hat. 2010 lag das Verhältnis bei 53 zu 47 – die Lang-zeitarbeitslosigkeit bei den älteren Männern (Zunahme um 127 Prozent) hat folglich stärker zugelegt als bei den Frauen (Zunahme um 82 Prozent) (vgl. Abbildung 36). 1817181819191919 2826262423232323 3333323130292828 1922222325262828 0102030405060708090100 20102011201220132014201520162017bis unter 25 Jahre25 bis unter 35 Jahre35 bis unter 45 Jahre45 bis unter 55 Jahre55 Jahre und älter 45 Abbildung 36: Veränderung Langzeitarbeitslosigkeit der 55-jährigen und älteren Männer und Frauen in Münster 2010-2017, 1= Basiswert 2010 Bei der Betrachtung der Qualifikationsstruktur der Langzeitarbeitslosen fällt ebenso wie bei allen Arbeitslosen auf, dass die älteren Langzeitarbeitslosen im Vergleich zur Gruppe der Lang-zeitarbeitslosen insgesamt, besser ausgebildet sind (vgl. Abbildung 37). Weit weniger der äl-teren Langzeitarbeitslose haben keine abgeschlossene Berufsausbildung (45 gegenüber 57 Prozent insgesamt). Zudem ist sowohl der Anteil an Langzeitarbeitslosen mit einer schuli-schen/beruflichen Ausbildung (36 gegenüber 29 Prozent) als auch der Anteil an Akademikern (besonders ausgeprägt: 16 gegenüber 10 Prozent) deutlich höher als bei den Langzeitarbeits-losen insgesamt. Auch hier ließe sich die Vermutung anstellen, dass sich der Zugang zum Ar-beitsmarkt vor allem auf Grund des Alters als problematisch darstellt. Hier müssten aber wei-tere Untersuchungen angestrengt werden, um zu substanziellen Aussagen zu kommen. 2,27 1,82 0,00 0,50 1,00 1,50 2,00 2,50 20102011201220132014201520162017Männer 55 Jahre und älterFrauen 55 Jahre und älter 46 Abbildung 37: Qualifikationsstruktur aller Langzeitarbeitslosen sowie der älteren Langzeitarbeitslosen 2017 in Münster, in Prozent 4.3 Maßnahmen der aktiven Arbeitsmarktpolitik Im Vergleich zu 2010 ist die Anzahl der Teilnehmenden in Maßnahmen der aktiven Arbeits-marktpolitik in Münster um 41 Prozent auf knapp über 2.500 Personen in 2016 zurückgegan-gen, wobei der Rückgang bei den Älteren mit 51 Prozent stärker ausfiel als in den anderen Altersgruppen (vgl. Abbildung 39). Dies ist nicht zuletzt Folge einer veränderten Förderpolitik, die sich auch auf Bundesebene in einem starken Rückgang arbeitsmarktpolitischer Maßnah-men zeigt (vgl. Abbildung 38). 57 45 29 36 10 165 3 0%10%20%30%40%50%60%70%80%90%100% Langzeitarbeitslose insgesamtLangzeitarbeitslose 55 Jahre und älterOhne abgeschlossene BerufsausbildungBetriebliche/schulische AusbildungAkademische Ausbildungkeine Angabe 47 Abbildung 38: Entwicklung von Bestand und Zugängen der Teilnehmer in arbeitsmarktpolitische Maßnahmen 2008-2019, ab-solute Zahlen in Tsd. Quelle: Bundesagentur für Arbeit Für Münster zeigt sich ein besonders starker Rückgang für die Gruppe der 25- bis unter 55-Jährigen in der Zeit zwischen 2010 und 2012. Innerhalb dieser zwei Jahre ging die Teilnehmer-zahl in dieser Altersgruppe um fast die Hälfte zurück und stabilisierte sich in den darauffolgen-den Jahren in etwa auf diesem Niveau (vgl. Abbildung 39). Der Rückgang fiel bei der Gruppe der unter 25-Jährigen moderater aus. Hier ging der der Bestand an Teilnehmenden um gute 35 Prozent zurück. Abbildung 39: Bestand von Teilnehmenden in Maßnahmen der Arbeitsmarktpolitik mit SGB-Kostenträgerschaft der Teilneh-menden in Münster 2010-2016: Insgesamt (SGB III + SGB II), absolute Zahlen 1.234 796 2.696 1.574 309 152 050010001500200025003000 2010201120122013201420152016unter 25 Jahre25 bis unter 55 Jahre55 Jahre und älter 48 Zwar auf einem geringeren Niveau, dafür aber umso deutlicher fällt der Rückgang in der Gruppe der Älteren aus (vgl. Abbildung 40). Hier ging der Bestand an Teilnehmenden zwischen 2010 und 2013 um über 60 Prozent zurück und stieg danach wieder leicht an. Jedoch ist für diese Gruppe im gesamten Zeitraum von 2010 bis 2016 der stärkste Rückgang zu verzeichnen. Abbildung 40: Veränderungen im Bestand der Teilnehmenden an Maßnahmen der aktiven Arbeitsmarktpolitik in Münster 2010-2016, 1=Basiswert=2010 Wie Abbildung 41 zeigt sind lediglich 6 Prozent der Teilnehmenden 55 Jahre und älter, wäh-rend diese Gruppe 19 Prozent aller Arbeitslosen stellt. Ältere sind also in Maßnahmen der aktiven Arbeitsmarktpolitik deutlich unterrepräsentiert, was sich auch in anderen Zahlen, al-lerdings nicht in diesem Ausmaß, für die gesamtdeutsche Situation zeigt. So macht der Anteil an Älteren an allen Zugängen zu Maßnahmen der aktiven Arbeitsmarktpolitik (nicht Bestand) auf Bundesebene etwa 9 Prozent aus – ein leicht höherer Wert also (vgl. Bundesagentur für Arbeit 2017a, S. 22). 0,30,40,50,60,70,80,91 2010201120122013201420152016unter 25 Jahre25 bis unter 55 Jahre55 Jahre und älter 49 Abbildung 41: Altersstruktur der Teilnehmenden in Maßnahmen der Arbeitsmarktpolitik mit SGB-Kostenträgerschaft der Teil-nehmenden in Münster 2010-2016: Insgesamt (SGB III + SGB II), in Prozent Der Rückgang im Bestand der Teilnehmenden bei einem gleichzeitigen Aufwuchs der Arbeits-losigkeit hat Konsequenzen für die Aktivierungsquote. Die Aktivierungsquote setzt die die Zahl der Maßnahmeteilnehmenden in Relation zur Zahl der Arbeitslosen und gibt damit einen Hin-weis darauf, in welchem Umfang Personengruppen, die potenziell an einer arbeitsmarktpoli-tischen Maßnahme hätten teilnehmen können, aktiviert wurden und tatsächlich von einer Förderung profitiert haben. Die so gennannte arbeitsmarktorientierte Aktivierungsquote ist rechtskreisübergreifend und errechnet sich dabei wie folgt (Bundesagentur für Arbeit 2013, S. 11): Hier zeigt sich, dass die Aktivierungsquote über die Altersgruppen hinweg vor allem zwischen den Jahren 2010 und 2012 stark rückläufig war, und zwar sowohl altersgruppenübergreifend als auch bei den 55-Jährigen und Älteren. Im Verhältnis fiel der Rückgang bei den Älteren weit-aus deutlicher aus als insgesamt. So hat sich die Aktivierungsquote ab 2010 innerhalb von zwei Jahre etwa halbiert und danach leicht erholt (vgl. Abbildung 42). Im Jahr 2016 lag sie bei 8 29353736333132 64605759616362 7565666 0%10%20%30%40%50%60%70%80%90%100% 2010201120122013201420152016unter 25 Jahre25 bis unter 55 Jahre55 Jahre und älter 50 Prozent, während die Aktivierungsquote insgesamt bei 21 Prozent liegt. Diese Zahlen entspre-chen in etwa der bundesdeutschen Situation. Hier lag die Aktivierungsquote insgesamt bei 19,3 Prozent und jene der Älteren bei 11,6 Prozent, also jeweils leicht unter und über den für Münster errechneten Quoten. Die alleinige Betrachtung der Teilnahme an einer Maßnahme sagt natürlich noch nichts über deren Wirksamkeit oder Erfolg aus. Hier müssten weitere Analysen, die insbesondere die Ein-gliederungsquoten in den Blick nehmen, angestellt werden, um zu substanzielleren Aussagen zu kommen. Dennoch zeigen die hier dargestellten Quoten, dass Ältere weitaus weniger in Maßnahmen der aktiven Arbeitsmarktpolitik einbezogen werden. Abbildung 42: Entwicklung der arbeitsmarktorientierten Aktivierungsquoten Älterer und insgesamt in Münster 2010-2016, in Prozent Betrachtet man die Maßnahmen nach Maßnahmeart, so lassen sich hier deutliche Unter-schiede hinsichtlich der Zu- bzw. Abnahme im Zeitraum von 2010 bis 2016 erkennen. Die zur Verfügung gestellten Daten wurden entlang der Systematik der Bundesagentur für Arbeit in Maßnahmegruppen zusammengefasst (vgl. Bundesagentur für Arbeit 2018, S. 8 ff.). 21 11107898 33262119202221 05101520253035 201020112012201320142015201655 Jahre und älterInsgesamt 51 Abbildung 43: Veränderungen der Maßnahmen der aktiven Arbeitsmarktpolitik 2010-2016 nach Maßnahmeart in Münster, in Prozent Die Analyse zeigt, dass die Abnahme mit knapp 70 Prozent im Bereich der „Aufnahme einer Erwerbstätigkeit“ besonders deutlich ausfiel, während die „Besonderen Maßnahmen zur Teil-habe von Menschen mit Behinderung“ mit -2 Prozent nur moderat abnahmen und die Förde-rung im Bereich „Aktivierung und berufliche Eingliederung“ um 4 Prozent zulegen konnte (vgl. Abbildung 43). Der Rückgang aller anderen Maßnahmearten bewegt sich zwischen 36 und 55 Prozent. Vergleicht man nun, welche Rollen die jeweiligen Maßnahmearten in den unterschiedlichen Altersgruppen spielen, so zeigen sich auch hier – naturgemäß – deutliche Unterschiede (vgl. Abbildung 44). Während bei den jüngeren Personen Maßnahmen im Bereich der Berufswahl und Berufsausbildung mit 58 Prozent eine dominante Rolle spielen, verlieren diese Maßnah-men in den höheren Altersgruppen an Bedeutung. In der Gruppe der 25- bis unter 55-Jährigen stellen hingegen Maßnahmen im Bereich der beruflichen Weiterbildung mit 31 Prozent den größten Anteil. In der Gruppe der 55-Jährigen und Älteren wiederum bilden – ebenfalls mit 31 Prozent – Beschäftigung schaffende Maßnahmen den größten Anteil. 4-43-36 -69 -2-55-45-43-41 -70-60-50-40-30-20-10010Aktivierung und berufliche EingliederungBerufswahl und BerufsausbildungBerufliche WeiterbildungAufnahme einer ErwerbstätigkeitBes. Maßn. z. Teilh. v. Menschen mit Beh.Beschäftigung schaffende MaßnahmenFreie FörderungSonstige FörderungInsgesamt 52 Abbildung 44: Anteile der jeweiligen Maßnahmearten nach Alter in Münster 2016, in Prozent Mit 29 bzw. 26 Prozent steht die Aktivierung und berufliche Eingliederung in der mittleren und höheren Altersgruppe an zweiter Stelle. Insbesondere hat zudem die geförderte Beschäfti-gung für Ältere (z.B. über Eingliederungszuschüsse, auch speziell für Ältere), die einen Anteil von 23 Prozent aufweist, eine vergleichsweise hohe Bedeutung. Wesentlich geringer fällt im Vergleich zur mittleren Altersgruppe mit lediglich 12 Prozent der Anteil der beruflichen Wei-terbildung an den geförderten Maßnahmen aus. 24 13 29 26 19 58 2 0 21 4 31 12 12 216 23 9 18 5 1 10 212 31 2 3 1 231 4 5 0%10%20%30%40%50%60%70%80%90%100% Insgesamtunter 25 Jahre25 bis unter 55 Jahre55 Jahre und älterAktivierung und berufliche EingliederungBerufswahl und BerufsausbildungBerufliche WeiterbildungAufnahme einer ErwerbstätigkeitBes. Maßn. z. Teilh. v. Menschen mit Beh.Beschäftigung schaffende MaßnahmenFreie FördeungSonstige Förderung 53 5. Zusammenfassende Bewertung Die vorgestellten und diskutierten Daten zeichnen ein ambivalentes Bild der Situation Älterer auf dem Arbeitsmarkt: auf der einen Seite konnten die Älteren im Bereich der Beschäftigung in den letzten Jahren zum Teil kräftig zulegen, während auf der anderen Seite die Arbeitslo-sigkeit und insbesondere die Langzeitarbeitslosigkeit in der Gruppe der über 55-Jährigen deut-lich angestiegen ist. Im Folgenden sind die Kernergebnisse der Untersuchung noch einmal zu-sammengestellt: Beschäftigung • Die Beschäftigungsquoten der über 55-Jährigen sind in den letzten Jahren stark ange-stiegen – und zwar von guten 43 Prozent in 2012 auf knapp 51 Prozent in 2017. Die Älteren bilden damit jene Altersgruppe am Arbeitsmarkt, die ihre Beschäftigungsquote in diesem Zeitraum am stärksten steigern konnte. • Die Analyse zeigt zudem, dass dieser Aufwuchs in der Beschäftigungsquote in erster Linie der Zunahme an sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung geschuldet ist. Auch hier bilden die Älteren jene Gruppe, die anteilig den stärksten Zuwachs verzeich-nen konnte. Die sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnisse der über 55-Jährigen haben zwischen 2010 und 2016 um 57 Prozent zugelegt. Zwar konnte auch die ausschließlich geringfügige Beschäftigung Älterer in diesem Zeitraum zulegen, al-lerdings in einem weitaus geringeren Ausmaß, so dass davon auszugehen ist, dass die Zunahme der Beschäftigung Älterer vor allem auf die Zunahme sozialversicherungs-pflichtiger Beschäftigungsverhältnisse zurückgeht. • Gleichwohl zeigen die Daten auch, dass nicht alle Älteren gleichermaßen von dieser Entwicklung profitieren konnten. So weisen die über 60-jährigen Beschäftigten im Ver-gleich der Altersgruppen mit knapp über 42 Prozent die niedrigsten Beschäftigungs-quoten auf. Zwar konnte auch hier die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung zu-legen, erreicht aber nicht das Niveau der „jüngeren Älteren“. Da jedoch die Alters-gruppe der über 60-Jährigen demografisch bedingt in den kommenden Jahren weiter anwachsen wird (die große Generation der Babyboomer erreicht dann die höheren Altersgruppen), sollte diese Entwicklung genauer in den Blick genommen werden. 54 Arbeitslosigkeit • Die Arbeitslosigkeit Älterer und vor allem die Langzeitarbeitslosigkeit Älterer sind in den vergangenen Jahren enorm gestiegen, und zwar um gute 53 bzw. 106 Prozent zwi-schen 2010 und 2017. Damit bilden die Älteren jene Gruppe, die im Vergleich der Al-tersgruppen jeweils am stärksten zugelegt hat. • Besonders stark gestiegen ist die Arbeitslosigkeit bzw. Langzeitarbeitslosigkeit in der Gruppe der über 60-Jährigen (Langzeitarbeitslosigkeit: Zunahme von über 300 Prozent zwischen 2010 und 2017). • Mehr als 60 Prozent der älteren Arbeitslosen sind langzeitarbeitslos (insgesamt: 42 Prozent) und mehr als jeder Vierte aller Langzeitarbeitslosen ist 55 Jahre oder älter. • Die besonders problematische Situation älterer Arbeitsloser und Langzeitarbeitsloser wird bei einer Betrachtung der Qualifikationsstruktur der älteren Arbeitslosen deut-lich: Zwar sind die älteren Arbeitslosen und Langzeitarbeitslosen besser ausgebildet als die Arbeitslosen bzw. Langzeitarbeitslosen insgesamt. Gleichwohl gelingt es ihnen nicht in dem Maße wie Jüngeren, wieder in Beschäftigung zu kommen. Maßnahmen der aktiven Arbeitsmarktpolitik • Die Zahlen zeigen deutlich, dass Ältere in den Maßnahmen der aktiven Arbeitsmarkt-politik unterrepräsentiert sind. Zwar stellen sie 19 Prozent aller Arbeitslosen, jedoch sind sie lediglich mit 6 Prozent in Maßnahmen der aktiven Arbeitsmarktpolitik invol-viert. • Dies zeigt auch die so genannte Aktivierungsquote, die das Verhältnis zwischen Maß-nahmeteilnehmern und Arbeitslosen in den Blick nimmt. Hier zeigt sich für die über 55-Jährigen eine Quote von nur 8 Prozent, während diese Quote über die Altersgrup-pen hinweg bei 21 Prozent liegt. • Auffällig ist zudem, dass der Anteil der beruflichen Weiterbildung an den Maßnahmen für die Älteren mit 12 Prozent recht gering ist. Rahmenbedingungen In den Experteninterviews hat sich gezeigt, dass das Thema „Ältere Beschäftigte“ zwar bei einigen Institutionen und Unternehmen eine Rolle spielt und hier auch entsprechende 55 Maßnahmen eingeleitet und umgesetzt wurden. Andererseits wurde jedoch auch deutlich, dass die Thematik insbesondere in den Unternehmen und Betrieben kaum strategisch veran-kert ist und das Thema „Alter“ für die Personal- und Beschäftigungspolitik eher von nachran-giger Bedeutung ist. 56 6. Ausblick Die Ergebnisse der Expertise wurden vom Verfasser gemeinsam mit Vertreterinnen und Ver-tretern der Stadt Münster diskutiert, um auf dieser Grundlage dann erste Handlungsempfeh-lungen für die Stadt Münster ableiten zu können. Das Gespräch fand am 11.06.2019 statt, vertreten waren das Sozialamt sowie das Jobcenter. In dem Gespräch wurden die folgenden Aktivitäten diskutiert: • Es wurde die Frage aufgeworfen, inwiefern die Stadtverwaltung selbst bei dieser The-matik aktiv werden und das Älterwerden in Beschäftigung zum Thema machen könne. Eine Möglichkeit sei, das Thema im Rahmen des Projektes „Global nachhaltige Kom-mune“ einzubringen. Hier könnte es im so genannten Sustainable Development Goal (SDG) „Beschäftigung und Soziales“ verortet werden. • Zudem wird in der Gruppe die Idee zu einem Folgeprojekt entwickelt, das sich insbe-sondere an ältere Langzeitarbeitslose richtet und dabei vor allem ältere Arbeitslose bis zu einem Alter von 57 Jahren1 in den Blick nehmen könnte: Im Rahmen eines Studie-rendenprojektes in Kooperation mit der FH Münster könnten ältere Arbeitslose inter-viewt und hinsichtlich ihrer Bedarfe und Ressourcen, vor allem aber auch hinsichtlich ihrer Perspektiven befragt werden. Wie gestaltet sich die Wahrnehmung der Arbeits-losigkeit, wie gestalten sich Perspektiven? Welche Möglichkeiten der sinnstiftenden Tätigkeit außerhalb der Erwerbsarbeit werden von den Arbeitslosen gesehen? Welche Möglichkeiten könnten hier – auch kommunal – geschaffen werden? Dies sind Fragen, die im Rahmen eines solchen Projektes in den Blick genommen werden könnten. • Darüber hinaus wurde diskutiert, in welcher Weise das Thema mit anderen Akteuren in Münster vorangebracht werden könnte. 1 Es wurde in dem Gespräch angemerkt, dass die tatsächliche Arbeitslosigkeit Älterer noch höher ausfalle als in den Zahlen dargestellt, da alle Personen ab einem Alter von 58 Jahren, die mindestens seit zwölf Monaten Ar-beitslosengeld II beziehen und in dieser Zeit keine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung angeboten be-kommen haben, aus der Arbeitslosenstatistik herausfielen. 57 • Mittelfristig könnte die Überlegung sein, ein kommunales Bündnis zur Beschäftigungs-förderung Älterer (eventuell eine Art Think Tank) auf den Weg zu bringen. Hierfür müssten Verbände (IHK, HWK, Gewerkschaften) und Unternehmen gewonnen wer-den. Auftakt für ein solches Bündnis könnte eine Veranstaltung zum Thema „Demo-grafie und Arbeitsmarkt“ oder „Alter und Beschäftigung“ sein. • Hier sollte dann geschaut werden, inwiefern an bestehende Strukturen (z.B. Fach-kräfte-Initiative o.ä.) angeschlossen werden könnte, um bereits etablierte Strukturen für ein solche Bündnis nutzbar zu machen. 58 Literaturverzeichnis Baur, F./Roth, D. & Sieglen, G. (2016): Langzeitarbeitslosigkeit in Nordrhein-Westfalen. Struk-turen, Entwicklungen und Abgänge in Beschäftigung. IAB-Regional 2/2016. Nürnberg: Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Brussig, M. & Ribbat, M. (2014): Entwicklung des Erwerbsaustrittsalters: Anstieg und Differen-zierung. Altersübergangs-Report Nr. 2014-01. Duisburg. Bundesagentur für Arbeit (2018): Statistik zu Maßnahmen und Teilnehmenden an Maßnah-men der Arbeitsförderung (Förderstatistik). Grundlagen: Qualitätsbericht. Nürnberg: Bundesagentur für Arbeit. 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Berichtsvorlage
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V/0952/2019 V/0952/2019 Öffentliche Berichtsvorlage Betrifft Teilhabe im Alter und Vermeidung von Altersarmut: Expertise zur Erwerbssituation älterer Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Münster Beratungsfolge 19.11.2019 Ausschuss für Gleichstellung Bericht 27.11.2019 Ausschuss für Soziales, Stiftungen, Gesundheit, Verbraucher- schutz und Arbeitsförderung Bericht Bericht: Kernziel des vom Rat am 19.09.2012 (einstimmig) beschlossenen Maßnahmenprogramms zur Förde- rung von Teilhabe im Alter und zur Vermeidung von Altersarmut (Vorlage V/0405/2012) ist es, älteren Menschen mit geringem Einkommen mehr Teilhabemöglichkeiten zu verschaffen. So nimmt das Gros der Einzelvorhaben des Programms lebenslagenbezogene Aspekte des Alltags Betroffener in den Blick, die heute bereits über sehr wenige finanzielle Mittel verfügen, d. h. in Lebenslagenkonzepten von Armut als einkommensarm gelten. Eine reelle Perspektive für eine Verbesserung ihrer wirtschaft- lichen Situation besteht regelmäßig nicht, die Einzelmaßnahmen konzentrieren sich daher auf Teilha- beverbesserungen (Zugangserleichterungen, Begleitungen, persönliche Hilfestellungen und Vermitt- lungen) insbesondere in den Bereichen Kontakte und Begegnung, Gesundheit, Sport, Kultur, Freizeit sowie Mobilität. Ein Modul des Programms jedoch nimmt künftig eintretende Einkommensarmut im Alter in den Blick: Erhalt und Gewinnung älterer Beschäftigter sowie Sensibilisierung von Unternehmen, Betrieben und Behörden im Umgang mit dem demographischen Wandel markieren die inhaltlichen Gesichtspunkte dieses mit dem Arbeitstitel „Lokales Beschäftigungsbündnis“ überschriebenen Vorhabens. Ziel eines solchen Bündnisses zur Erhöhung der Erwerbsbeteiligung älterer Menschen war es, künftiger Alters- armut entgegenzuwirken. Der Abschlussbericht zum Maßnahmenprogramm zur Förderung von Teilhabe im Alter und zur Ver- meidung von Altersarmut (Vorlage V/0711/2015, S. 4 und 6) hat jedoch dargestellt, dass entspre- chende Überlegungen und Erörterungen zwischen Verwaltung und einzelnen Akteuren im Sektor Wirtschaft/Arbeitsmarkt bis dahin keine konkreten Ergebnisse zutage gefördert hatten. Angesichts der uneinheitlichen Bewertungen/Gewichtungen der Thematik seitens der einbezogenen Akteure, bei fehlenden verlässlichen wie differenzierten Informationsunterlagen und Prognosemodellen mit loka- lem Bezug, ergaben sich in diesem Rahmen keine Ansatzpunkte für weitere örtliche Maßnahmenpla- nungen. Vor diesem Hintergrund hatte die Verwaltung in Aussicht gestellt, eine geeignete Einrichtung Sozialamt 31.10.2019 Ihr/e Ansprechpartner/in: Frau Menke Telefon: 492-5025 MenkeChristine@stadt- muenster.de - 2 - V/0952/2019 (Hochschule oder Universität) mit der Anfertigung einer Expertise zu beauftragen, die diesem Aspekt künftiger Altersarmut folgt. Begleitet durch das Wissenschaftsbüro bei Münster Marketing beauftragte das Sozialamt Prof. Dr. Mirko Sporket, Professor für Soziologie an der Fachhochschule Münster, mit der Erstellung einer Ex- pertise zur Analyse der Erwerbssituation älterer Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Münster. Wenngleich sich im Rahmen einer explorativen Fallstudie kein Prognosemodell entwickeln lässt, das Fragen nach künftigen Häufigkeiten von Altersarmut in Münster direkt beantworten könnte, war es Zweck der Arbeit, jedenfalls genauere Informationen zur Arbeitsmarktlage in Münster, bezogen auf ältere Beschäftigte, zu erhalten. Die Expertise sollte daher die Dimensionen einer altersbezogenen Arbeitsmarktberichterstattung und Befunde zur Erwerbsbeteiligung älterer Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Münster darstellen, bestehende Maßnahmen zur Förderung der Erwerbsbeteiligung Älterer in Münster zusammenstellen und analysieren. Diese Expertise wird hiermit vorgestellt (s. An- lage). Um einen Einblick in Initiativen, Maßnahmen, Programme und Projekte auf betrieblicher, verbandli- cher und/oder kommunaler Ebene zu bekommen, wurden elf Interviews mit unterschiedlichen Vertre- terinnen und Vertretern von Betrieben, Verbänden und anderen arbeitsmarktrelevanten Akteuren ge- führt. Hieraus konnten jedoch nur wenige Maßnahmen identifiziert werden, die sich insbesondere bzw. zielgerichtet auch an Ältere richten. Für die Analyse der Erwerbssituation Älterer wurden die über 55-Jährigen in den Blick genommen. Die Expertise analysiert zuerst die demografische Entwicklung des Arbeitsmarktes in Münster. Auf dieser Basis werden dann die Ergebnisse der benannten Interviews diskutiert. Daran anschließend wird die Beschäftigungssituation der Älteren in Münster betrachtet, insbesondere Daten zur sozialver- sicherungspflichtigen und geringfügigen Beschäftigung, Arbeitslosigkeit incl. Langzeitarbeitslosigkeit. Ergänzt wird dies mit einer Analyse der Maßnahmen der aktiven Arbeitsmarktpolitik. Festgestellt wird, dass die Beschäftigungsquote der über 55-Jährigen von 43 % im Jahr 2012 auf knapp 51 % im Jahr 2017 stark angestiegen ist und die Älteren die Altersgruppe darstellen, die die Beschäftigungsquote am stärksten steigern konnte. Dies wird hauptsächlich durch eine Zunahme der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung erreicht (über 55-Jährige: Zunahme zwischen den Jah- ren 2010 mit 18.006 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten und 2016 mit 28.331 sozialversiche- rungspflichtig Beschäftigten um 57 %). Es kann aus den Daten jedoch auch abgelesen werden, dass sich diese Steigerung nicht auf alle Älteren gleichermaßen auswirkt, denn die über 60-Jährigen wei- sen im Vergleich der Altersgruppen mit knapp über 42 % die niedrigste Beschäftigungsquote auf, auch die Steigerungsquote fiel niedriger aus (2010: 5.876 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte; 2016: 10.899 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte). Da mit dem demografischen Wandel diese Altersgruppe in den kommenden Jahren wachsen wird, sollte die Entwicklung in diesem Altersbereich weiter beobachtet werden. Neben der Beschäftigungsquote haben andererseits aber auch die Arbeitslosigkeit und vor allem die Langzeitarbeitslosigkeit Älterer in der Zeit von 2010 bis 2017 mit 53 bzw. 106 % sehr stark zuge- nommen: 2010 waren 1.141 über 55-Jährige arbeitslos bzw. 539 langzeitarbeitslos, 2017 waren 1.746 über 55-Jährige arbeitslos bzw. 1.107 langzeitarbeitslos. Auch hier sind die Älteren die Alters- gruppe mit der höchsten Zunahme. Die Zahl langzeitarbeitsloser über 60-Jähriger erreichte 2017 den vierfachen Wert (468) von 2010 (113). Damit war diese Gruppe die mit der höchsten Steigerung der Langzeitarbeitslosigkeit in dem besagten Zeitraum. Obwohl die Älteren in der Gruppe der Arbeitslosen und Langzeitarbeitslosen insgesamt besser aus- gebildet sind als der Durchschnitt, gelingt es ihnen weniger, in Beschäftigung zu kommen als den Jüngeren. Maßnahmen der aktiven Arbeitsmarktpolitik wenden sich nur mit 6 % an die älteren Ar- beitslosen, obwohl diese einen Anteil von 19 % haben. Dies bestätigt die Aktivierungsquote, die bei den über 55-Jährigen nur bei 8 % liegt, während der Durchschnitt aller Altersgruppen ca. 21 % be- trägt. Auch der Anteil der beruflichen Weiterbildung an den Maßnahmen für Ältere ist mit 12 % sehr gering. Die Experteninterviews bestätigen im Ganzen, dass das Thema „Ältere Beschäftigte“ insbe- - 3 - V/0952/2019 sondere in Unternehmen und Betrieben strategisch kaum verankert ist und für die Personal- und Be- schäftigungspolitik eher nachrangige Bedeutung hat. Im Ergebnis ist auch mit den verfügbaren und im Zuge der Recherche erhobenen Daten lediglich eine Annäherung an die Arbeitsmarktlage Älterer in Münster möglich, besonders im Themenzusammen- hang Armutsrisiko im Rentenalter. Für ein tieferes Verständnis wären weitere Untersuchungen erfor- derlich, u. a. mit Blick auf die in der Studie angesprochene Vermutung eines strukturell schwierigeren Zugangs zum Ar- beitsmarkt gerade aufgrund des Lebensalters, zumal für ältere Langzeitarbeitslose, der späteren Rentenniveaus für heute (langzeit-)arbeitslose Ältere nach Qualifikation und Branchen sowie nach Geschlecht, und außerdem unter dem Aspekt der Lebenssituation älterer Arbeitsloser und ihrer individuel- len Perspektiven auf eine auskömmliche Versorgung im Rentenalter. In einer öffentlichen Veranstaltung in der VHS wird Prof. Dr. Sporket die Studie vorstellen. Eine Dis- kussionsrunde mit den arbeitsmarktpolitischen Sprecherinnen bzw. Sprechern der Ratsfraktionen unter Einbezug von Akteuren aus Wirtschaft, Gewerkschaften und Jobcenter wird die Ergebnisse und weitere Möglichkeiten zur Stärkung der Teilhabe Älterer am Arbeitsmarkt erörtern. Daraus können ggf. weitere Handlungsoptionen entwickelt werden. Die Mitglieder des Ausschusses für Soziales, Ge- sundheit und Arbeitsförderung erhalten eine Einladung zur Veranstaltung. In Vertretung gez. Cornelia Wilkens Stadträtin Anlagen: Expertise „Die Erwerbssituation älterer Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Münster“
Beratungsverlauf (2)
Beschluss: zur Kenntnis genommen
Zur SitzungBeschluss: einstimmig geändert beschlossen
Zur SitzungDetails
- Aktenzeichen
- V/0952/2019
- Typ
- Vorlagen
- Datum
- 16.10.2019
- Erstellt
- 06.10.2020 14:37