V/0078/2015
Männergesundheit in Münster 2015
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Berichtsvorlage
2139 Zeichen
V/0078/2015 DER OBERBÜRGERMEISTER Amt für Gesundheit, Veterinär - und Lebensmittelangelegenheiten Betrifft Männergesundheit in Münster 2015 Beratungsfolge 30.09.2015 Ausschuss für Soziales, Stiftungen, Gesundheit, Verbraucherschutz und Arbeitsförderung Bericht 22.10.2015 Ausschuss für Gleichstellung Bericht 27.10.2015 Kommission zur Förderung der Inklusion von Menschen mit Behinderungen Bericht Bericht: 1. Ausgangslage Mit dem Beitritt der Stadt Münster zur Europäischen Charta für die Gleichstellung von Frauen und Männern war die Aufgabe verbunden, einen Aktionsplan aufzustellen. Dazu erar beiteten die Dezernate und Ämter ihre Ziele. Im Handlungsfeld Gesundheit ist als Ziel festgehalten, eine Bestandsaufnahme und Ma ß- nahmenentwicklung zum Thema Männergesundheit zu erstellen, die deutlich machen sollen, warum eine nähere Betrachtung der Gesu ndheit von Männern angezeigt ist und welche Akt i- vitäten es zum Thema Männergesundheit bislang gibt. 2. Sachstand zur weiteren Umsetzung Der Auftrag dazu wurde mit Berichtsvorlage Nr. V/0108/2013 konkretisiert. Das Gesundheit s- amt hat zwischenzeitlich einen Männergesundheitsbericht erstellt. Zur Erarbeitung notwend i- ger Handlungsempfehlungen und zur Umsetzungsunterstützung wurde am 13.05.2015 der Kommunalen Gesundheitskonferenz gemäß § 24 des Gesetzes über den öffentlichen G e- sundheitsdienst des Landes NRW, das Berichtsvorhaben vorgestellt. Ein Facharbeitskreis der Kommunalen Gesundheitskonferenz soll im Anschluss an die Berichterstattung in Fachau s- schüssen des Rates zum Herbst eingerichtet werden. Es haben bereits interessierte Mitgli e- der, Expertinnen und Exper ten aus Einrichtungen Interesse an der Entwicklung geeigneter Handlungsempfehlungen und der weiteren Umsetzung, signalisiert. In Vertretung Gez. Cornelia Wilkens Stadträtin Vorlagen-Nr.: V/0078/2015 Auskunft erteilt: Herr Dr. Weth Ruf: 492 53 02 E-Mail: WethClaus@stadt-muenster.de Datum: 09.09.2015 Öffentliche Berichtsvorlage 2 V/0078/2015 Anlagen: Gesundheitsbericht „Männergesundheit in Münster 2015“
Maennergesundheitsbericht2015
110599 Zeichen
Gesundheitsbericht
Männergesundheit in Münster 2015
Amt für Gesundheit, Veterinär - und
Lebensmittelangelegenheiten
2
Impressum
Herausgeberin Stadt Münster, Amt für Gesundheit, Veterinär- und
Lebensmittelangelegenheiten
Berichtsverfasser Dr. Claus Weth
Wissenschaftliche Beratung Univ. Prof. Dr. med. Klaus Berger
Institut für Epidemiologie und Sozialmedizin der Universität
Münster
Texte In Zusammenarbeit mit Fachabteilungen des
Gesundheitsamtes, anderer Fachämter und Institutionen
Abbildungen/Tabellen Jana Lena Giesekus
Druck Burlage Münster
August 2015
Liste der Mitautorinnen und -autoren:
Anneke Graunke, Sozialpsychiatrische Versorgung
Johanna Hovemann, Experteninterviews
Dr.med. Axel Iseke, Jungengesundheit
Männernetzwerk Münster, Experteninterview
Renate Ostendorf, Männer und Selbsthilfe
Christiane Ptok, Expertinneninterview
Doris Rüter, Männer mit Behinderungen
Petra Schlickbernd, Sucht im Alter
Prof. Dr. med. Gudrun Schneider, Expertinneninterview
Dr. med. Norbert Schulze Kalthoff, Redaktion
Dr.med. Armin Schuster, Experteninterview
Dr. med. Annette Siemer-Eikelmann, Sozialpsychiatrische Versorgung
Claudia Welp, Beratung im Rahmen der Europäischen Charta für die Gleichstellung
3
Inhaltsverzeichnis
1 Warum ein Männergesundheitsbericht? ................................ ................................ ............ 4
2 Daten und Fakten zum Gesundheitsstatus ................................ ................................ ........ 5
2.1 Lebenserwartungen ................................ ................................ ................................ .... 5
2.2 Bevö lkerungsentwicklung und Altersstruktur ................................ .............................. 6
2.3 Herz - Kreislauferkrankungen ................................ ................................ ...................... 7
2.4 Krebserkrankungen ................................ ................................ ................................ .... 8
2.5 Psyc hische Erkrankungen ................................ ................................ ........................ 10
2.5.1 Psychische Gesundheit bei Männern auch mit Migrationsvorgeschichte in Münster
................................ ................................ ................................ .......................... 12
2.5.2 Suizide ................................ ................................ ................................ .............. 14
2.6 Soziale Unterschiede in der Mortalität und Lebenserwartung ................................ ... 15
2.7 Gesundheit von Männern mit und ohne Migrationsvorgeschichte ............................. 16
2.8 Männer mit Behinderungen ................................ ................................ ...................... 16
3 Was fällt auf – Unterschiede in der Gesundheit von Männern und Frauen ...................... 17
4 Gesundheit durch Vorsorge ................................ ................................ ............................. 19
4.1 Jungengesundheitsvorsorge ................................ ................................ .................... 19
4.2 Gesundheitsvorsorgeprogramme für Männer ................................ ........................... 21
5 Gesund bleiben – Kriterien und Ansatzpunkte für Gesundheitsförderung und Prävention vor
Ort ................................ ................................ ................................ ................................ ........ 22
5.1 Ernährung ................................ ................................ ................................ ................ 23
................................ ................................ ................................ ................................ ........... 23
5.2 Bewegung ................................ ................................ ................................ ................ 25
5.3 Entspannung ................................ ................................ ................................ ............ 25
5.4 Alkoholkonsum ................................ ................................ ................................ ......... 25
5.5 Tabakkonsum ................................ ................................ ................................ ........... 2 6
5.6 Gesundheitsförderung, Prävention und V orsorge vor Ort ................................ ......... 27
6 Altersspezifische Betrachtungen ................................ ................................ ..................... 31
6.1 Jungengesundheit ................................ ................................ ................................ .... 31
6.2 Gesundheit von Männern während der Arbeitsphase ................................ ............... 32
6.3 Gesundheit im Alter ................................ ................................ ................................ .. 33
6.3.1 Aktivitäten in Münster ................................ ................................ ........................ 35
6.3.2 Sucht im Alter ................................ ................................ ................................ .... 36
7 Handlungsempfehlungen und Umsetzung ................................ ................................ ....... 39
Literaturverzeichnis ................................ ................................ ................................ ................ 40
Tabellenverzeichnis ................................ ................................ ................................ ................ 41
4
1 Warum ein Männergesundheitsbericht?
Mit dem Beitritt der Stadt Münster zur Europäischen Charta für die Gleichstellung von Frauen und
Männern war die Aufgabe verbunden, einen Aktionsplan aufzustellen. Der Rat der Stadt Münster
hat am 19. Oktober 2011 einstimmig den ersten Aktionsplan zur Eu ropäischen Char ta in Münster
verabschiedet. Im Handlungsfeld Gesundheit ist als Ziel festgehalten, eine Bestandsaufnahme
und Maßnahmenentwicklung zum Thema Männergesundheit zu erstellen. Das Gesundheitsamt
ist diesem Vorschlag gefolgt und hat mit Berichtsv orlage V/0109/2013 vom 31. 05.2013
Empfehlungen und Schritte zur weiteren Umsetzung des Themas Männergesundheit
angekündigt. Dabei wurde auf den zu erwartenden und nun auch im Dezember 2014
veröffentlichten M ännergesundheitsbericht des Bundes verwiesen, der empirisch gesicherte,
grundlegende Informationen zu dieser Thematik liefer t . Der Münsteraner Bericht macht deutlich,
warum eine nähere Betrachtung der Gesundheit von Männern angezeigt ist , welche Aktivitäten
es zum Them a Männergesundheit vor Ort bislan g gibt . In einem weiteren Schritt sollen mit
Unterstützung durch die Kommunale Gesundheitskonferenz Handlungsempfehlungen aufgezeigt
und gemeinsam umgesetzt werden.
Das Gesundheitsamt der Stadt Münster hat in den zurückliegenden Jahren in seiner
Gesundheit sberichterstattung die Gesundheitslagen soweit als möglich immer stärker auch
geschlechterspezifisch aus differenziert .
Als Medizin - und Gesundheitsstandort und aus unterschiedlichen Lehr - und Forschungsbezügen
der Hochschulen in Münster gibt es eine Vielza hl von Aktivitäten zur Erhaltung der
Männergesundheit. So propagieren z.B. die K liniken mit der niedergelassenen Ärzteschaft die
Inanspruchnahme von Vorsorgeuntersuchungen und Vorsorgemaßnahmen durch Männer u. a.
zu Prostata - , Herz - und Krei slauferkrankungen, Schlaganfall oder Diabetes. Die Aktivitäten des
Fördervereins des Prostatazentrums am Universitätsklinikum Münster sprechen insbesondere
ältere Män ner an. Schulen, Kindertages - und Freizeiteinrichtungen in Münster bieten immer mehr
junge nbezogene Förderangebote an. Auch die Beratungsstellen der Jugend - , Sozial - und
Gesundheitshilfe werden auf unterschiedlichste Weise mit dem Thema Männergesundheit
konfrontiert und zeig en uns, wie wichtig auch der Einblick in die geschlechtersensiblen
Unte rschiede der Gesundheitsförderung ist .
Das Thema Männergesundheit gelangt derzeit auch bundesweit immer mehr in den Fo k us der
Gesellschaft und entwickelt sich zu einem eigenen Forschungs - und Praxisfeld. Untersucht
werden z.B. Fragen zu den Themen Männer u nd Lebensstil, Männe r und Psyche, Männer und
Sucht, ältere Männer und Gesundheit, Männer und Behinderungen. Auch soziologische
Perspektiven zu Männer und Familie, Männer und Arbeitswelt, Männer und Sexualität spielen
eine Rolle. Fragen zu den Potenzialen, die Männer für Ihre Gesundheit haben , gewinnen an
Bedeutung.
Vor wenigen Monaten hat sich in Münster auf Initiative des Frauenbüros das MännerNetz werk
Münster gegründet, da s sich mit geschlechterspezifische n Fragestellungen für Män ner in Münster
auseinander setzt . Vertrete r des Caritasverband es für die Stadt Münster, d er Diakonie, d er
Friedenskirche Münster, de s Verein s pro familia, d es Bistums Münster sowie d es
Gesundheit samt es wirken daran mit. Das MännerNetzwerkMünster ist offen für Interessier te.
Eine Ho mepage „Münsters Männer online“ wurde erstellt, die vielfältige Informationen zum
Thema Männer zur Verfügung stell t : www.maennernetzwerk - muenster.de
Da mit besteht in Münster die Möglichkeit, das Thema Männer - und somit auch das Thema
Männergesundh eit - sichtbarer zu positionieren.
5
2 Daten und Fakten zum Gesundheitsstatus
Bis vor wenigen Jahren war es noch schwierig, differenzierte Informationen über die
gesundheitliche Lage, die Gesundheitsvorsorge, die Lebensweise sowie das
Gesundheitsverhalten von Männern zu erhalten. Ein Erster Deutscher Männergesundheitsbericht
erschie n im Oktober 2010 (Bardehle & Stiehler, 2010) . Ein weiterer Männerg esundheitsbericht
aus dem Jahr 2013 (Weißbach & Stiehler) hat die Psychische Gesundheit im Fokus. Daneben
beschäftigen sich Kran kenkasse n in unterschiedlichen Gesundheitsreports mit ausgewählten
Gesundheitsindikatoren zum Thema Männergesundheit. Das Robert Koch - Institut im
Geschäftsbereich des Bundesgesundheitsministeriums hat einen ersten staatlichen Bericht zur
Männergesundheit, der über zahlreiche Aspekte der Männergesundheit in Deutschland
informieren wird , erarbeitet. Mit ihm soll eine objek tive, gesicherte Grundlage für den öffentlichen
Diskurs geschaffen werden. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) pflegt ein
Männergesundheitsportal www.männergesundheitsportal.de Dies es Portal bietet zahlreiche
seriöse und fachlich geprüfte männerspezifisch e Gesundheitsinformationen an.
Eine Befragung zur Gesundheit in den Jahren 2003 und 2010 zeigt, dass die subjektive
Bewertung der Gesundheit von Männern 2010 besser eingeschätzt wir d als 2003. Auf der
anderen Seite ist bei vielen aufgezeigten Krankheiten ein Anstieg erkennbar. Lediglich die
Raucherquote ist zurückgegangen und erhöhte Blutfette steigen nicht weiter an.
Indikator 2003 2010
Subjektive Gesundheit („sehr gut” und „gut“) 73,8 % 74,6 %
Chronische Erkrankungen 34,7 % 35,2 %
Diabetes (Lebenszeitprävalenz) 5,4 % 8,5 %
Koronare Herzerkrankung (Lebenszeitprävalenz) 7,7 % 9,9 %
Arthrose (Lebenszeitprävalenz) 15,9% 17,9%
Asthma (Lebenszeitprävalenz) 5,2 % 7,9 %
Bronchitis (Lebenszeitprävalenz) 6,9 % 7,5 %
Adipositas (BMI= > 30,0) 12,8 % 16,1 %
Bluthochdruck (Lebenszeitprävalenz) 26,6 % 31,6 %
Erhöhte Blutfette (Lebenszeitprävalenz) 31,7 % 31,3 %
Sportlich aktiv 60,9 % 63,7 %
Sportlich aktiv (>4h pro Woche) 22,5 % 25,4 %
Rauchquote 38,3 % 33,9 %
Tabelle 1 - Ausgewählte Gesundheitsindikatoren bei Männern in Deutschland in den Jahren
2003 und 2010 (Weißbach & Stiehler, 2013, S. 23)
2.1 Lebenserwartungen
Die Kennzahlen zur Lebenserwartung und Sterblichkeit sind wichtige Indikatoren zur
Beschreibung der gesundheitlichen Lage der Bevölkerung. Die Lebenserwartung ist im Laufe der
letzten Jahrzehnte erheblich angestiegen. Dies gilt für Männer wie auch für Frau en (s. hierzu
insbesondere Nr. 3 des Berichtes) . Wichtige Messzahlen der Lebenserwartung sind u.a. die
mittlere und die fernere Lebenserwartung. Die mittlere Lebenserwartung zum Zeitpunkt der
Geburt liegt aktuell bei Frauen bei 84 Jahren, bei den Männern bei aktuell 79 Jahren. Die fernere
6
Lebenserwartung beschreibt die noch zu erwartende Lebenszeit in einem bestimmten Alter. Die
Tabelle 2 zeigt die Entwicklung der fernen Lebenserwartung im Alter von 65 Jahren seit
1991/1993 nach Geschlecht .
Tabelle 2 - Entwicklung der fernen Lebenserwartung im Alter von 65 Jahren seit 1991/1993
nach Geschlecht (Starker, 2013, S. 12)
2.2 Bevölkerungsentwicklung und Altersstruktur
Das Statistische Bundesamt erwa rtet bei seiner Bevölkerungsberechnung 2009, dass im Jahr
2060 nur 16% der Einwohner in Deutschland unter 20 Jahre alt sein werden, 45% den
Altersbereich von 20 bis 59 einnehmen und 39% über 60 Jahre alt sein werden. Ursachen für
diesen demografischen Wand el sind das niedrige Geburtenniveau und die Zunahme der
Lebenserwartung . Der demografische Wandel läuft regional unterschiedlich. Während
Ballungsräume und ihr Umland boomen, stehen bereits heute ländliche Gebiete vor gravierenden
Problemen hinsichtlich de r Entwicklung des A rbeitsmarktes, der Abwanderung und der damit
einhergehenden Alterung der Bevölkerung sowie der Sicherung der Infrastruktur . Dazu zählt auch
die gesundheitliche Vorsorge und Versorgung . Diese Situation erfordert große Anforderungen an
die Gestaltungskraft von Bund, Ländern und Kommunen (BAGSO, 2013) . Es bleibt zu
beobachten und ggf. zu bewerten, ob und wie die momentane Migrationsbewegung die
prognostizierte Altersentwicklung beeinflusst.
Auch wenn die Stadt M ünster auf die nächsten Jahre hin gesehen wohl noch zu den privilegierten
Regionen gehören wird, ist der demografische Wandel genauestens zu beobachten. Die Stadt
hat hierauf be r eits vor einigen Jahren reagiert und unterzieht alle politischen Beschlüsse ei nem
sog. „Demograficheck“. Ein regelmäßiger Austausch auch zwischen den einzelnen Fach - und
Planungsbereichen der Stadtverwaltung sensibilisiert zu dieser Thematik . Die Gesundheit älterer
Männer mit männerspezifischen Gesundheits - problemen wird an Bedeutun g gewinnen und muss
bei den Überlegungen zu einer bedarfsgerechten gesundheitlichen Vorsorge und Versorgung
stärker als bisher mit in den Fokus genommen werden.
0
5
10
15
20
25 Ferne Lebenserwartung (Jahre)
Jahr
Männer
Frauen
7
Tabelle 3 - Bevölkerungsentwicklung und Altersstruktur. Bevölkerung in absoluten Zahlen,
Anteile der Altersgruppen in Prozent, 1960 - 2060 (BAGSO, 2013, S. S.5 ; zitiert nach
Statistisches Bundesamt)
In Münster stell t sich die Situation wie folgt dar:
Tabelle 4 - Stadt Münster - Bevölkerungsentwicklung und Bevölkerungsprognose nach
Altersgruppen
2.3 Herz - Kreislauferkrankungen
S chädigungen des Herz - Kreislaufsystems zählen auch heute noch zu den häufigsten
Erkrankungen und führenden Tode sursachen bundesweit. 260 . 000 Menschen erleiden in
Deutschland jährlich einen Herzinfarkt . Ähnliches gilt für den Schlaganfall, von dem in
Deutschland mehr als 150 . 000 Menschen jedes Jahr getroffen werden. Von Herz - Kreislauf -
0,0
10,0
20,0
30,0
40,0
50,0
60,0
70,0
80,0
90,0
1960 1970 1980 1990 2000 2010 2020 2030 2040 2050 2060
Einwohner (in Mio.)
Jahr
unter 20 Jahre (in%) 20 bis unter 60 Jahre (in%) 60 Jahre und älter (in%)
17,4
20,0
26,3
19,4
23,6 20,4 37,3 36,2 30,5
39,2 38,9
57,9 53,9 50,0 54,2
46,6 47,1
52,4
55,3 55,3
30,0 28,4
45,1 45,5
18,4 21,1 21,7
26,8
16,1 16,7 17,0 15,7 15,6
79 , 0
73,1
7 9,8 7 8,4 82,3
8
Erkrankungen werden in den Indu strienationen mehr Männer als Frauen betroffen und sterben
daran, vor allem vorzeitig, d.h. vor Erreichen des 65. Lebensjahres.
Besonders gefährdet sind Männer mit Risikofaktoren wie:
Rauchen
Erhöhte Blutfettwer t e
Zuckerkrankheit
Alkoholmissbrauch
Bewegun gsmangel
Falsche Ernährung
Familiäre Häufung (genetische Disposition)
Stress
sowie
Patienten nach überstandenem Herzinfarkt
Viele dieser vorwiegend vermeidbaren Risikofaktoren finden sich bei Männern häufiger als bei
Frauen aufgrund eines anderen Gesundheitsverhaltens. Auch biologische Faktoren, die Frauen
begünstigen, werden diskutiert. Eine reduzierte Lebensqualität, Arbeitsunfähigkeit, Invalidität und
Frühberentung sind Folgen. Herz - Kreislauf - Erkrankungen verursachen die höchsten Kosten im
deutschen Gesundheitswesen. Auch wenn sich in den zurückliegenden Jahren aufgrund von
Prävention, Früherkennung und verbesserte n Behandlungsmöglichkeiten die Situation
verbessert hat, kommt neben der ärztlichen Behandlung , der Aufklärung und der
Primärprävention eine besondere Bedeutung zu . Siehe hierzu auch Nr. 4 (vgl. hierzu auch
Gesundheitsberichterstattung des Bundes, „Gesundheitliche Lage der Männer in Deutschland“ ,
S.22; Hrsg. R obert Koch Institut, 2014)
2.4 Krebserkrankungen
Unter der Bezeichnung Krebs werden bösartige Gewebeneubildungen, einschließlich Lymphome
und Leukämien verstanden. Obwohl Krebserkrankungen in der Öffentlichkeit auch mit einem
höheren Lebensalter assoziiert werden, versterben durch bösartige Neubildungen viele
Betroffene vorzeitig, d.h. vor Erreichen des 65 . Lebensjahres.
9
Tabelle 5 - Prozentualer Anteil der häufigsten Tumorlokalisationen an allen Krebsneu -
erkrankungen bei Männern in Deutschland im Jahr 2008 (Starker, 2013, S. 34) .
Das Epidemiologische Krebsregister NRW zählte im Jahr 2011 insgesamt 1609
Neuerkrankungen in Münster . 862 Frauen und 747 Männer waren davon betroffen. Die
häufigsten Krebsneuerkrankungen bei Männern in Münster waren: Prostata 184, Darm 102,
Lunge 93, Harnblase 76, Niere 32, Bauchspeicheldrüse 27, Leber und Galle 27, Mund - und
Rachen 17, Magen 14, Kehlkopf 12 , Speiseröhre 11
Tabelle 6 - Prozentualer Anteil der häufigsten Tumorlokalisationen an allen Krebssterbefällen
bei Männern in Deutschland im Jahr 2008 (Starker, 2013, S. 35)
Das Epi demiologische Krebsregister NRW zählte 2012 insgesamt 752 Krebstodesfälle in
Münster . 357 Männer und 395 Frauen waren davon betroffe n. Die häufigsten
Krebssterblichkeiten bei Männern bezogen sich davon auf: Lunge 75 , Prostata 50, Darm 34,
Bauchspeicheldrüse 22, Niere 11, H arnblase 10, Mund und Rachen 9, Spe iseröhre 7
1,5
1,9
3
3,6
3,9
4,6
13,8
14,3
25,7
0 5 10 15 20 25 30
Kehlkopf
Speiseröhre
Bauchspeicheldrüse
Niere
Mundhöhle und Rachen
Harnblase
Lunge
Darm
Prostata
Anteil (in %)
Lokalisation
Krebsneuerkrankungen, die
tabakassoziiert sein können
=32,2%
1,1
2,6
3,1
3,2
3,3
6,3
10,5
11,8
25,5!
0 5 10 15 20 25 30
Kehlkopf
Niere
Harnblase
Speiseröhre
Mundhöhle und Rachen
Bauchspeicheldrüse
Prostata
Darm
Lunge
Anteil (%)
Lokalisation
Krebssterbefälle, die
tabakassoziiert sein können
= 45,1%
10
Lungenkrebs verursacht die meisten Sterbefälle. Bei 9 von 10 Männern wird der Lungenkrebs auf
aktives Tabakrauchen zurückgeführt. Rauchen gilt aber auch als Risiko für eine ganze Gruppe
weiterer Krebserkrankungen s. Tabellen 5 + 6 . Entwicklung von steigenden Erkrankungsraten und
fallenden Sterberaten kennzeichnet vor allem die Situation beim Prostatakrebs, zu der eine
frühzeitige Diagnosestellung beigetragen haben dürfte (vgl. Gesundheitsberichterstattung des
Bundes, „Gesundheitliche Lage der Männe r in Deutschland“ S. 36, Hrsg. R obert Koch Institut
2014) .
2.5 Psychische Erkrankungen
Psychische Erkrankungen werden bei Männern seltener diagnostiziert als bei Frauen. Gestiegen
sind in den zurückliegenden Jahren allerdings bei Männern die Fehlzeiten im Be ruf aufgrund
psychischer Störungen. Zu den wichtigsten Störungen gehören Depressionen, Angststörungen,
s omatoforme Störungen (körperliche Beschwerden, die sich nicht oder nicht hinreichend auf eine
organische Erkrankung zurückführen lassen) und Abhängigkei tsstörungen. Experten gehen von
einer hohen Dunkelziffer depressiver Erkrankungen bei Männern aus. Die Diagnose Depression
von Männern wird vielfach noch als stigmatisierend erlebt und so finden Erkr ankte Zuflucht zum
Begriff des chronischen Erschöpfungssyndroms, zum „ Burnout “. Burnout ist zwar nicht identisch
mit Depression, allerdings kann sich aus einem Burnout - Syndrom eine Depression oder eine
Suchtst örung entwickeln (vgl. Bardehle & Stiehler, 2010, S. 149 - 153) .
Vermehrter sozialer Rückzug, der oft verneint wird
Burnout: Berufliches Überengagement, das mit Klagen über Stress maskiert wird
Abstreiten von Kummer und Traurigkeit
Zunehmend rigide Forderung nach Autonomie (in Ruhe gelassen werden)
Hilfe von anderen nicht annehmen: „ich kann das schon allein“ - Syndrom
Ab - oder zunehmendes sexuelles Interesse
Zunehmende Intensität oder Häufigkeit von Ärgerattacken
Impulsivität
Vermehr ter bis exzessiver Alkohol - und /oder Nikotinkonsum (süchtig nach TV,
Sport, etc.
Ausgeprägte Selbstkritik, bezogen auf vermeintliches Versagen
Versagensangst
Andere für eigene Probleme verantwortlich machen
Verdeckte oder offene Feindseligkeit
Unruhe und Agitiertheit
Konzentrations - , Schlaf - und Gewichtsprobleme
Tabelle 7 - Vorgeschlagene diagnostische Kriterien für „männliche Depression“ (Pollack,
1998)
Jede dritte Frühverrentung ist mittlerweile durch eine psychische Störung bedingt. Verschiedene
individue lle und soziale Faktoren sind für die Entstehung depressiver Störungen ursächlich.
Männer weisen dabei eine andere depressive Symptomatik auf als Frauen. Diese umfasst Ärger -
Attacken , eine gesteigerte Risikobereitschaft, Feindseligkeiten, gesteigerte n Alk oholkonsum,
eine Kombination aus Irritabilität (Reizbarkeit, Empfindlichkeit), Aggressivität und antisozialem
Verhalten. Dem Krisenverhalten wird oft mit exzessivem Suchtverhalten als Kompensation
11
begegnet. Männer sind im Gegensatz zu Frauen eher gehemmt, psychotherapeutische Hilfen in
Anspruch zu nehmen. Ihr Hilfesuchverhalten unterschei det sich von dem der Frauen.
Neben individuellen Folgen psychischer Störungen wie z.B. verminderte Lebensqualität und
Wohlbefinden treten wirtschaftliche Folgen durch Produ ktionsausfälle aufgrund von Fehlzeiten
am Arbeitsplatz auf vgl. Gesundheitsberichterstattung des Bundes „Gesundheitliche Lage der
Männer in Deutschland, S.56 ff, Hrsg. Robert Koch Institut (vgl. Gesundheitsberichterstattung des
Bundes, S. 56ff) .
Die 10 wi chtigsten Einzeldiagnosen nach AU Tagen
Frauen
Rang ICD Bezeichnung Tage*
1. M54 Rückenschmerzen 974,2
2. F32 Depressive Episode 953,4
3. J06 Akute Infektionen an mehreren oder nicht näher bezeichneten
Lokalisationen oder oberen Atemwege 763,7
4. F43 Reaktionen auf schwere Belastungen und
Anpassungsstörungen 508,9
5. F48 Andere neurotische Störungen 289,5
6. C50 Bösartige Neubildung der Brustdrüse (Mamma) 288,1
7. M51 Sonstige Bandscheibenschäden 266,7
8. J20 Akute Bronchitis 264,5
9. M75 Schulterläsionen 235,0
10. F45 Somatoforme Störungen 232,1
Männer
Rang ICD Bezeichnung Tage*
1. M54 Rückenschmerzen 1338
2. J06 Akute Infektionen an mehreren oder nicht näher bezeichneten
Lokalisationen oder oberen Atemwege 667,7
3. F32 Depressive Episode 562,8
4. M51 Sonstige Bandscheibenschäden 330,2
5. M23 Binnenschädigung des Kniegelenkes (internal derangement) 296,3
6. M75 Schulterläsionen 293,4
7. T14 Verletzungen an einer nicht näher bezeichneten Körperregion 272,1
8. F43 Reaktionen auf schwere Belastungen und
Anpassungsstörungen 253,2
9. J20 Akute Bronchitis 253,2
10. A09 Diarrhoe und Gastroenteritis, vermutlich infektiösen Ursprungs 224,4
Tabelle 8 - Die häufigsten Krankheiten, die bei Männern und Frauen (BKK Dachverband) im
Jahr 2011 zur Arbeitsunfähigkeit führten (Weißbach & Stiehler, 2013, S. 22)
12
Tabelle 9 - Krankheitstage wegen Burn - out - Syndrom je 1000 BKK Versicherte nach
Geschlecht, 2004 - 2011 (Weißbach & Stiehler, 2013, S. 21)
2.5.1 Psychische Gesundheit bei Männern auch mit Migrationsvorgeschichte in
Münster
Der Sozialpsychiatrische Dienst des Gesundheitsamtes der Stadt Münster wertet regelmäßig die
Inanspruchnahme des Dienstes durch Menschen , auch mit Migrationsvorgeschichte , aus . Waren
es 2012 noch 274 KlientInnen mit Migrationsvorgeschichte, wurden 2013 bereits 337 gezählt.
Tabelle 10 - KlientInnen mit und ohne Migrationsvorgeschichte 2013
Die Tabelle 10 zeigt, dass migrationsspezifische Aspekte in der alltäglichen Arbeit von
zunehmender Bedeutung sind. So ist die mitarbeiterbezogene We iterbildung, z.B. durch die
Teilnahme an entsprechenden Fortbildungen, Workshops etc. ein wichtiger Aspekt für eine
effektive und kultursensible Hilfeplanung und Hilfevermittlung. Nur so kann dazu beigetragen
werden, Ressourcen, Integrationshemmnisse und Z ugangsbarrieren besser zu erkennen und zu
berücksichtigen.
4,6
10,1
16,0
24,2
34,9
47,1
63,2
86,9
6,0
13,9 21,8
33,6
49,0
62,7
82,1
110,3
3,5 7,2 11,6
17,0
24,0
35,0
48,4
68,4
0,0
20,0
40,0
60,0
80,0
100,0
120,0
2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011
AU - Tage je 1000 Mitglieder ohne Rentner
Gesamt Frauen Männer
48,4%
50,8%
51,6%
49,2%
46%
47%
48%
49%
50%
51%
52%
mit Migrationsvorgeschichte (n=337) ohne Migrationsvorgeschichte (n=1599)
weiblich männlich
13
Tabelle 11 - D iagnoseverteilung nach Geschlecht 2013 – Gesamtheit aller Klienten im
Sozialpsychiatrischen Dienst
Tabelle 12 - Abhängigkeitserkrankungen (n= 521) – Gesamtheit aller Klienten im
Sozialpsychiatrischen Dienst
Der Anteil männlicher Klienten mit Migrationsvorgeschichte ist größer als der der weiblichen
Klient i nnen mit M igrationsvorgeschichte . Der Anteil der Minderjährigen mit Mi grations -
vorgeschichte ist ebenfalls höher als der der Minderjährigen ohne Mi grationsvorgeschichte . Etwa
2/3 der Klient/innen mit Mi grationsvorgeschichte sind nicht in Deutschland geboren. Bei den
8,8%
0,4%
25,3%
41,1%
3,1%
0,2%
8,8%
24%
0% 5% 10% 15% 20% 25% 30% 35% 40% 45%
multiple Abhängigkeit
Abhängigkeitserkrankung
nicht näher spezifiziert
illegale Drogen
legale Drogen
(Alkohol, Medikamente)
weiblich männlich
10,6%
4,4%
1,6%
1,5%
8,4%
0,3%
14,2%
16,3%
15%
24,5%
3,1%
9,7%
2,1%
0,8%
1%
10,5%
3,5%
19,5%
22,3%
15%
11,9%
3,7%
0% 5% 10% 15% 20% 25% 30%
nicht näher bezeichnete
psychische Störung (F99)
Verhaltens- u. emotionale
Störungen mit Beginn in der…
Entwicklungsstörungen (F8)
Intelligenzminderung (F7)
Persönlichkeits- u.
Verhaltensstörungen (F6)
Verhaltensauffälligkeiten
mit körperlichen Störungen u.…
Neurotische-, Belastungs- u.
somatoforme Störungen (F4)
Affektive Störungen (F3)
Schizophrenie, schizotype u.
wahnhafte Störungen (F2)
Psychische u. Verhaltensstörungen
durch psychotrope Substanzen (F1)
Organische, einschl.
symptomatische psychische…
weiblich (n= 1449) männlich (n=1420)
14
Frauen stehen Affektiven Störungen (F3) und bei den Männern Abhängigkeits - erkrankungen
(F1) an erster Stelle. Dies gilt sowohl für KlientInnen mit und Migrations - vorgeschichte. Bei 1/3
der Klient Innen mit Migrationsvorgeschichte sind schwere familiäre Probleme ursächlich. Zudem
l iegen häufiger eine soziale Isolation, finanzielle Probleme und /oder eine mangelnde Compliance
(Zusammenarbeit im Rahmen der Therapie), vor.
2.5.2 Suizide
In Deutschland gibt es trotz insgesamt rückläufiger Suizidzahlen mehr Tote durch Suizid als durch
Verkeh rsunfälle. Im Jahr 2011 haben bundesweit 7.646 Männer und 2.556 Frauen einen Suizid
begangen. Suizidversuche werden allerdings etwa zu zwei Dritteln von Frauen begangen, aber
zwei Drittel aller Suizidopfer sind Männer . Diese Zahlen bestätigen sich auch für Münster. Ältere
Männer ab 65 Jahren sind besonders betroffen. (vgl. Bardehle & Stiehler, 2010, S. 152ff.)
Suizide Münster
Stadt 2010 - 2012
2010 2011 2012
Männlich 19 15 17
Weiblich 8 3 7
insgesamt 27 18 24
Tabelle 13 - Suizide Stadt Münster 2010 - 2012 (IT. NRW, 2014)
Die auffällige Geschlechterdifferenz im suizidalen Verhalten ist bis heute noch nic h t ausre i chend
erforscht. Ein wesentlicher Risikofaktor für Suizid ist eine Depression . Schätzungen zur Folge
haben etwa 80% der Suizidenten jeden Alters an einer Depression gelitten. Suizidpräventive
Angebote , z.B. durch spezielle Beratungsdienste werden eher von Frauen genutzt , da sie , im
Gegensatz zu Männern, aktive Hilfen suchen. Suizidpr ophylaxe, die Männern gerecht wird, ist
dringend erforderlich (vgl. Bardehle & Stiehler, 2010, S. 153 - 157) .
Sozial struktur ell Psychosozial Medizinisch Biologisch
Anomie Scheidung/Trennung Frühere
Suizidversuche(M+F)
Genetische
Disposition
Soziale Desintegration Pensionierung Suizid in Familie Erniedrigte 5 -
Hydroxy -
indolsäure -
Spiegel im Liquor
Bevölkerungsdichte Arbeitslosigkeit Psychische
Erkrankungen, insb.
Depression
Volumenreduktion
im präfrontalen
Kortex
Gesellschaftlicher
Umbruch
Allein lebend Alkohol - /
Drogenabhängigkeit
Individualismus Geringes Einkommen Chronische
Erkrankungen
Homosexualität Nikotinkonsum
Impulsivität/
Aggressivität
Tabelle 14 - Risikofaktoren für Suizid bei Männern (Möller - Leimkühler, 2008) .
15
2.6 Soziale Unterschiede in der Mortalität und Lebenserwartung
Ein niedriger sozialökonomischer Status geht mit einem erhöhten Mortalitätsrisiko und einer
verringerten Lebenserwartung einher. Männer und Frauen aus höheren Statusgruppen leben
nicht nur länger, sie können auch mehr Lebensjahre in guter Gesundheit verbringen. Dies sind
Ergebnisse aus za h lreichen Studien , die das Robert Koch Institut RKI aktuell kommentiert hat
( Gesundheitsberichterstattung des Bundes, GBE Kompakt 2/2014 5. Jahrgang) . Menschen m it
einem geringeren Status, gemessen zumeist über Angaben zu Einkommen, Bildung und Beruf,
haben ein höheres Krankheitsrisiko, häufiger Beschwerden und mehr Risikofaktoren . Diese
Situation stellt Anfor derungen an Gesundheitsförderung und Prävention . Diskussionen und
Verlaufsbeobachtungen über gesellschaftliche Solidarität und Chancengerechtigkeit müssen
stattfinden. Die sozialen Unterschiede in der Mortalität und Lebenserwartung stellen für Public
Healt h und Gesundheitspolitik eine große Herausforderung dar . Dies wird z.B. an dem Thema
Rauchen s. beide folgenden Tabellen, deutlich (Wilkinson, 2008; Marmot, 2010) .
Tabelle 15 - Anteil der männlichen Raucher nach Bildung in den verschiedenen Altersgruppen
(Starker, 2013, S. 30) .
Tätigkeit (KldB - 92) Rauchquote
Zahnärzte 13,3
Apotheker 14,8
Elektroingenieure 15,2
Verwaltungsfachleute (höherer Dienst) 15,6
Gymnasiallehrer 15,7
Hochschullehrer und verwandte Berufe 16,1
Dachdecker 55,5
Maler und Lackierer ohne nähere Angaben 56,2
Sonstige Bauhilfsarbeiter, Bauhelfer 56,3
Isolierer, Abdichter 57,7
Gerüstbauer 58,1
Restaurantfachleute, Stewards 58,3
Gebäudereiniger, Raumpfleger 59,8
Tabelle 16 - Rauchquoten nach Berufsgruppen bei 18 - bis 59 - jährigen vollzeitbeschäftigten
Männern (Starker, 2013, S. 31) .
0
10
20
30
40
50
60
18-29 30-44 45-64 65+
Anteil (in %)
Altersgruppen (Jahre)
Niedrig Mittel Hoch
16
2.7 Gesundheit von Männern mit und ohne Migrationsvorgeschichte
Ethnische und migrationsbedingte Differenzen rücken als Determinanten gesundheitlicher
Ungleichheit zunehmend in den Blickwinkel der epidemiologischen Forschung. “Internationale
und nationale Erg ebnisse liefern Hinweise, dass Migrantenpopulationen bzw. ethnische
Minderheiten in einigen Bereichen größeren gesundheitlichen Risiken unterliegen als Personen
ohne Migrationshintergrund. Berichtet werden be ispielsweise höhere Erkrankungen an
Infektionskr ankheiten wie Tuberkulose, HIV und Hepatitis B und C, eine stärkere Betroffenheit
von Übergewicht und Adipositas, eine schlechtere Zahngesundheit. In anderen Bereichen
scheinen Personen aus Migrantenfamilien genauso oder sogar weniger gefährdet zu sein als
Personen ohne Migrationshintergrund“ . So leiden Migranten seltener unter Asthma,
Neurodermitis und Heuschnupfen und haben eine geringere Sterblichkeit an koronaren
Herzerkrank ung en“ (Schenk, 2007) .
2.8 Männer mit Behinderungen
D er Teilhabebericht der Bundesregierung über die Lebenslagen von Menschen mit
Beeinträchtigungen 1 informiert über die subjektive Einschätzung sowie objektive Indikatoren des
Gesundheitszustands sowie das Gesundheitsbewusstsein und Gesundheitsverhalten von
M enschen mit Beeinträchtigungen. Auch die Zugänglichkeit allgemeiner Gesundhei tsleistungen
wird thematisiert ( Bundesministerium für Arbeit und Soziales 2013 , Teilhabebericht der
Bundesregierung über die Lebenslagen von Menschen mit Beeinträchtigungen).
Die Indikatoren aus dem Bereich Ge sundheit zeigen folgendes Bild:
Menschen mit Beeinträchtigungen bewerten ihren körperlichen Gesundheitszustand und ihr
psychisches Wohlbefinden deutlich schlechter als Menschen ohne Beeinträchtigungen.
Menschen mit Beeinträch tigungen müssen - gemessen an der Häufigkeit der Arztbesuche –
häufiger medizinische Leistungen in Anspruch nehmen als Menschen ohne
Beeinträchtigungen.
Vielfach sind Arztpraxen nicht barrierefrei und nicht auf Patientinnen und Patienten mit
unterschiedlichen Beeinträchtigungen eingerichtet.
Junge Erwachsene mit Beeinträchtigungen legen weniger Wert auf gesundheitsbewusste
Ernährung und trinken häufiger regelmäßig Alkohol.
Unter Menschen mit Beeinträchtigungen im Alter von unter 30 Jahren find en sich
h äufiger Raucherinnen und Raucher als unter Menschen ohne Beeinträchtigungen
( Bundesministerium für Arbeit und Soziales, Teilhabebericht 2013, s. o. , S.192)
Bei den meisten Ergebnissen der Untersuchungen zu den einzelnen Indikatoren zeigt sich, dass
es nur geringfügige Unterschiede zwischen Frauen und Männern mit Beeinträchtigungen gibt.
Der Teilhabebericht weist aber darauf hin, dass 18 - bis 29 jährige Männer mit Beeinträchtigungen
besonders häufig nicht auf eine gesundheitsbewusste Ernährung achten (Männer mit
Beeinträchtigungen: 30 %, Frauen mit Beeinträchtigungen: 13 %; Männer ohne
1 Der Begriff „Menschen mit Beeinträchtigungen umfasst im Teilhabebericht die Menschen, die nach dem
Sozialgesetzbuch IX als behindert anerkannt sind und darüber hinaus auch diejenigen, der en körperliche
Strukturen oder - funktionen beeinträchtigt sind und die über längere Zeit Beeinträchtigungen ihrer
Aktivitäten und/oder ihrer Teilhabe erfahren (ohne amtlich festgestellte Behinderung) (Bundesministerium
für Arbeit und Soziales, 2013) .
17
Beeinträchtigungen: 16 %, Frauen ohne Beeinträchtigung: 6 %. (Bundesminister ium für Arbeit
und Soziales 2013, Teilhabebericht , s.o., S. 204 )
Auch der Forschungsbericht „Lebenssituation und Belastung von Männern mit Behinderungen
und Beeinträchtigungen in Deutschland – Haushaltsbefragung thematisiert die gesundheitliche
Versorgun g von Männern mit Behinderung ( Bundesminis terium für Arbeit und Soziales 2013 ,
Forschungsbericht 435: Lebenssituation und Belastung von Männern mit Behinderungen und
Beeinträchtigungen in Deutschland - Haushaltsbefragung – Abschlussbericht ).
(Bundesministerium für Arbeit und Soziales, 2013) . Im Kapitel „Beeinträchtigungen,
Unterstützung und gesundheitliche Versorgung wird festgestellt, dass die Ergebnisse der
Stichproben „Männer mit Behinderungen“ und „Frauen mit Behinderungen“ sich bei den meisten
Punkten in Ausprägung und Verteilung stark ähneln. Die Zufriedenheit mit der gesundheitlichen
Versorgung weicht bei Männern und Frauen mit Beeinträchtigungen voneinander ab. 55 % der
Frauen und 64 % der Männer mit Beeint rächtigungen sind mit der g esundheitlichen Versorgung
zufrieden oder sehr zufrieden. Im Gegensatz zu den Männern nutzt ein größerer Anteil der
befragten Frauen Angebote und Dienste für Menschen mit Behinderungen, u.a. ambulante
Gesundheitsdienste (Männer 21%; Frauen 28 %). Eine Projektgruppe der Gesundheitskonferenz
„Gesundheitliche Versorgung von Menschen mit Behinderung“ erarbeitet
Handlungsempfehlungen zur Erreichung des Zieles:
Eine wohnortnahe, barrierefreie und flächendeckende Versorgung mit Präventi ons - ,
Rehabilitations - , Pflege - und allgemeinen Gesundheitsangeboten wird langfristig sichergestellt,
die für Menschen mit und ohne Behinderungen zugänglich ist. Teilziele werden in den Bereichen
Aus - , Fort - und Weiterbildung in medizinischen und pflegeris chen Berufen,
Gesundheitsinformationen in Leichter Sprache, Quartiersentwicklung und Präventions - angebote
für Menschen mit Behinderungen erarbeitet. Dort wo es notwendig erscheint, werden auch
genderspezifische Fragestellungen erörtert.
3 Was fällt auf – Un terschiede in der Gesundheit von Männern und
Frauen
Männer und Frauen unterscheiden sich i n Bezug auf Ihr Gesundheitsbewuss tsein und – befinden,
auf ihr Gesundheitsverhalten und ihr Krankheitsspektrum. Auch in der Krankheitsbewältigung
werden Unterschiede deutlich.
Die Lebenserwartung von Frauen ist im Dur ch schnitt um fünf Jahre höher als die von Männern.
Das unterschiedliche Mortalitäts - und Morbiditätsspektrum von Frauen und Männern ist bedingt
durch verschiedene Rahmenbedingungen für Gesundheit , Unterschiede in den gesundheitlichen
Belastungen und Ressourcen, in der Gesundheitsversorgung und im Gesundheitsverhalten .
Männer haben häufiger Übergewicht, rauchen häufiger, trinken mehr Alkohol, haben häufiger
Herz - Kreislauf beschwerden und erleiden zehn Jahre früher einen Herzinfarkt . Sie führe n einen
riskanteren Lebensstil , haben ein größeres Unfallrisiko, eine höhere Suiz id rate und erkranken
häufiger an Aids als Frauen. Männer nehmen Angebote zur Vorsorge und Gesundhei tsförderung
weniger häufig wah r. Das Verhältnis zur Inanspruchnahme von Früherkennungsuntersuchungen
liegt aktuell zwischen 4/10 , die Teilnahme an Gesundheitsförderungsangeboten bei 3/10
zugunsten von Frauen ( Quellen: Statistisches Bundesamt, BZgA, TK, DKV) .
18
Tabelle 17 - Anteil der Personen mit mindestens einem Unfall mit ärztlicher Behandlung in
den letzten 12 Monaten nach Alter (Starker, 2013, S. 20) .
„ Neben biologischen Faktoren haben a uch soziale Determi nanten wie Arbeit, Bildung und
Einkommen Einfluss auf eine unterschiedliche Lebenserwartung. Frauen und Männer
unterscheiden sich nach Alter, sozialer Position, Herkunft und besonderen Belastungen in
einzelnen Lebensabschnitten. Die Vereinbarkeit von Familie, Beruf , zeitliche Belastungen durch
weitere vielfältige Aufgaben , geschlechterspezifische Bedingungen i n der Arbeitswelt ,
unterschiedliche Wahrnehmung von Gesundheitschancen und Inanspruchnahme von Prävention
und Versorgung tragen zur gesundheitlic hen Ungleichheit bei“ (Robert - Koch - Institut, 2013) .
Psychische Störungen bei Männern sind von wachsender Bedeutung. Der
Männergesundheitsbericht 2013 zur Thematik der Psychischen Gesundheit zeigt Risiken deutlich
auf. Männer si nd insgesamt gesehen nicht seltener psychisch krank als Frauen. Während Frauen
häufiger an Erkrankungen wie Depression, Angst - und psychosomatischen Störungen leiden,
sind Männer häufiger von Alkohol - und Drogenabhängigkeit, antisozialen
Persönlichkeitsstö rungen und Gewalttätigkeit betroffen (Weißbach & Stiehler, 2013, S. 65) . Die
Suizidzahlen weisen im Jahr 2011 7228 Männer und 2388 Frauen auf. Dabei sind die Zahlen in
den zurückliegenden Jahren stetig gestiegen. Anstiege werden bei Jungen im Alter zwischen 15
und 24 Jahren, bei Männern im Alter von 45 bis 59 Jahren und im Rentenalter ab 70 Jahre
beobachtet (Weißbach & Stiehler, 2013, S. 24) . Gesundheitsrisiken in der Arbeitswelt sind
bedingt durch f ehlende Arbeitsplatzsicherheiten und geringe Arbeitseinkommen gestiegen. Die
globalen Krisensituationen führen darüber hinaus zu sozi alen Unsicherheiten in
Lebenssituationen, die die psychischen und psychosozialen Anforderungen an die
Stressbewältigung erhöhen und zu höheren Risiken für soziale Desintegration und psychische
Störungen speziell bei Männern führen (vgl. Weißbach & Stiehler , 2013, S. 19) .
Das Thema der psychische n Gesundheit bei Jungen ist in der Literatur bisher nur wenig sichtbar.
Es finden sich nur wenige Differenzierungen , die bei Jungen eine ganz besondere Rolle beim
Erwachsenwerden spielen. Im Vordergrund jungenbezogener Diskurse stehen häufig
Phänomene wie Aggression , Gewalt und Kriminalität oder der gefährdete Bildungserfolg. Bei
psychischen Pro blemen stehen gesellsch aftliche Entstehungsbedingung en bisher zu wenig im
Fokus. Umfeld, Wohlergehen, Emotionalität und sozialisations bedingte Risiken und Ressourcen
spielen insbesondere bei Jungen eine wichtige Rolle in der Entwicklung.
21,1
16,2
11,1
7,8
5,6
3,4
12
7,1
5,5 5,7 5,1 4,3
0
5
10
15
20
25
18-24 25-34 35-44 45-54 55-64 65+
Anteil (%)
Altersgruppen (Jahre)
Männer Frauen
19
Jungen besuchen häufiger Förderschulen a ls Mädchen, Lern - und Entwicklungsstörungen treten
be i Jungen wesentlich öfter auf. Familien mit Jungen benötigen deutli ch häufiger Unterstützung
durch gesundheitliche und soziale Hilfesysteme. Jungen haben einen stärkeren
Bewegungsdrang als Mädchen. Sie s ind risikobereiter aber auch empfindlicher und vulnerabler
als Mädchen. D ies erklärt sich aus biologischen, psychischen und sozialen Einflüssen und ihre n
Wechselwirkung en (BPTK Newsletter, 2014) .
4 Gesundheit durch Vorsorge
Vorsorge n ist besser als Heilen . Dieses bekannte Sprichwort bringt es auf den Punkt:
Vorsorgeuntersuchungen helfen , Krankheiten frühzeitig zu erkennen und mit einer größeren
Heilungschance zu behandeln. Rechtzeitige Gesundheitsvorsorge kann viel Leid erspa ren und
die Lebensqualität und Lebenserwartung erhöhen.
4.1 Jungengesundheitsvorsorge
Die Vorsorge beginnt mit der Schwangerschaft und soll im Kindes - und Jugendalter durch
Inanspruchnahme der gesetzlichen Früherkennungs - und Vorsorgeplanungen bis zum 14
Lebensjahr ergänzt werden. Einzelne Entwicklungsschritte wie Sehen, Hören, Sprechen,
Bewegung, geistige - , s oziale und emotionale Entwicklungen werden begleite t und unterstütz t .
Kompetenz en werden gefördert und Stress bewältig ung erlernt . Bei Entwicklungsauffälligkeiten
greifen Frühfördermaßnahmen. Diese Entwicklungs schritte gelten für Jungen und Mädchen.
Entwick lungsp rogramme gibt es vielfältige, aber weniger geschlechterdifferenziert. Der Bedarf
wird aber deutlich gesehen. Projekte wie Frühe Hilfen , der Partnerprozess Gesund aufwachsen
für alle , K ein Kind zurück lassen u.a. sollen Eltern, PädagogInnen, Einrichtungen und Praxen bei
der Unterstützung hilfreich sein.
U1
Unmittelbar nach der
Geburt (gelbes
Vorsorgeheft)
Überprüfung von Atmung und Herzschlag
Erhebung on Körpergewicht, Körperlänge sowie Kopfumfang des
Kindes
Überprüfung von Hautfarbe des Neugeborenen, der
Muskelspannung und der Reflexe
Neugeborenenscreening: Blutentnahme am zweiten oder dritten
Lebenstag und Untersuchung auf Anzeichen angeborener
Krankheiten
Früherkennung auf angeborene Hörstörungen
U2
Drei bis maximal zehn
Tage nach der Geburt
(gelbes Vorsorgeheft)
Untersuchung von Motorik und Organen, wie Herz, Lunge, Magen
und Darm
Überprüfung des Stoffwechsels und der Hormonproduktion
U3
Vierte bis sechste
Lebenswoche
(gelbes Vorsorgeheft)
Kontrolle der Körperhaltung des Babys
Ultraschalluntersuchung um zu überprüfen, ob eine Fehlstellung
im Hüftgelenk vorliegt
Erhebung von Körpergewicht, Körperlänge sowie Kopfumfang des
Kindes
20
Überprüfung des Hörvermögen
U4
Dritter bis vierter
Lebensmonat
(gelbes Vorsorgeheft)
Überprüfung von Bewegungsverhalten und motorischer
Entwicklung
Eingehende körperliche Untersuchung
Kontrolle von Hüftgelenk, Nervensystem sowie Hör - und
Sehvermögen
Ggf. Routineimpfung
U5
Sechster und siebter
Lebensmonat
(gelbes Vorsorgeheft )
Eingehende körperliche Untersuchung
Altersgemäße Entwicklung: Das Kind sollte beispielsweise bereits
in der Lage sein, erste Laute zu bilden und sich vom Rücken auf
den Bauch zu drehen
U6
Zehnter bis zwölfter
Lebensmonat
(gelbes Vorsorgeheft)
Beweglichkeitskontrolle und Sprache: Das Kind sollte sitzen,
krabbeln und stehen können. Auch die ersten Schritte an der Hand
fallen in dieses Lebensalter. Das Kind kann auf vertraute
Geräusche reagieren und erste Worte wie „Mama“ oder „Papa“
sagen
U7
21. bis 24.
Lebensmonat
(gelbes Vorsorgeheft)
Überprüfung von Sinnesorganen und motorischer Entwicklung:
Das Kind sollte sicher laufen können, sowie in der Lage sein,
bekannte Gegenstände zuzuordnen und sie zu benennen
Untersuchung der geistigen, die sozialen und der
Sauberkeitsentwicklung
U7a
34. bis 36.
Lebensmonat
(gelbes Vorsorgeheft)
Untersuchung der körperlichen Gesundheit
Untersuchung auf psychische Krankheiten
Überprüfung auf sonstige Auffälligkeiten, Sprachentwicklungs -
störungen, Übergewicht
Erkennen von allergischen Erkrankungen
U8
46. bis 48.
Lebensmonat
(gelbes Vorsorgeheft)
Untersuchung der körperlichen Beweglichkeit und
Koordinationsfähigkeit, der Muskelkraft und des Zahnstatus
Untersuchung des körperlichen Geschicklichkeit (zum Beispie l
stehen auf einem Bein)
Neben dem Seh - und Hörvermögen sowie der Sprachentwicklung
achtet der Arzt nun auch genau auf das soziale Verhalten, den
Grad der Selbstständigkeit und auf die Kontaktfähigkeit des Kindes
U9
Fünf bis fünfeinhalb
Lebensjahre
(gelbes Vorsorgeheft)
Untersuchungen wie U8, besonders wichtig im Jahr vor der
Einschulung
Tabelle 18 - Vorsorgeuntersuchungen für Kinder - entnommen von www.familienratgeber -
nrw.de
Seit 2006 bekommen Kinder und Jugendliche ein zusätzliches Vorsorgeheft mit vier weiteren
Vorsorgeuntersuchungen, für die aber die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten nicht
übernehmen.
U 10
Sechs bis sieben Jahre
(grünes Vorsorgeheft)
Erkennen von Entwicklungsstörungen z.B. Lese - Rechtschreib - ,
Rechenstörungen, ADHS etc.
U11
Acht bis neun Jahre
Erkennen von Sozialisations - und Verhaltens - und
Schulleistungsstörungen
21
(grünes Vorsorgeheft) Erkennen von Zahn - , Mund - und Kieferanomalien
Beratung zu gesundheitsbewusstem Verhalten
J1
Zwölf bis vierzehn
Jahre
(gesonderter
Dokumentationsbogen
Jugendgesundheitsuntersuchung zur körperlichen, sozialen und
sexuellen Entwicklung
Aufklärung über gefährdende Verhaltensweisen
J2
Fünfzehn bis siebzehn
Jahre
(grünes Vorsorgeheft)
Internistische und orthopädische Untersuchung
Erkennen von Verhaltens - und Sozialisationsstörungen
Fragen der Sexualität
Tabelle 19 - Zusätzliche Vorsorgeuntersuchungen für Kinder entnommen von
www.familienratgeber - nrw.de
4.2 Gesundheitsvorsorgeprogramme für Männer
Alter Früherkennungsuntersuchungen Was wird gemacht?
Ab 35 Check - up 35: Früherkennung
Herz - Kreislauferkrankungen,
Diabetes und Nierenerkrankungen.
Alle zwei Jahre:
Anamnese (gezielte Erhebung der
medizinischen Vorgeschichte des
Patienten ) und Erstellen
Risikoprofil
Körperliche Untersuchung
Blutdruckmessung, Kontrolle des
Cholesterins und des Blutzuckers
Kontrolle des Urins
Beratung zum
Untersuchungsergebnis
Ab 35 Früherkennung Hautkrebs Alle zwei Jahre:
Anamnese
Untersuchung der gesamten Haut
Beratung zum
Untersuchungsergebnis
Ab 45 Früherkennung
Krebserkrankungen der Prostata
und der äußeren Geschlechts -
organe
Jährlich:
Anamnese
Inspektion und Abtasten der
äußeren Geschlechtsorgane
Enddarmaustastung zur
Untersuchung der Prostata
Untersuchung örtlicher
Lymphknoten
Beratung zum
Untersuchungsergebnis
Ab 50 Früherkennung Darmkrebs Beratung über Ziel und Zweck des
Früherkennungsprogramms
Jährlich:
22
Test auf nicht sichtbares
(okkultes) Blut im Stuhl
Beratung zum
Untersuchungsergebnis
Ab 55 Früherken n ung Darmkrebs Zweite Beratung über Ziel und
Zweck des Darmkrebs -
früherkennungsprogramms
Patientenaufklärung zur
Koloskopie
Darmspiegelung(Koloskopie)
Beratung zum
Untersuchungsergebnis
Nach zehn Jahren:
Zweite Darmspiegelung
Oder:
Alle zwei Jahre: Test auf nicht
sichtbares Blut im Stuhl
Beratung zum
Untersuchungsergebnis
Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen die Kosten für die
Früherkennungsuntersuchungen für die genannten zeitlichen Abstände (also z.B. den Check -
up 35: ab 35 Jahren, alle zwei Jahre).
Tabelle 20 - Vorsorge - und Früherkennungsuntersuchungen für Männer
5 Gesund bleiben – Kriterien und Ansatzpunkte für
Gesundheitsförderung und Prävention vor Ort
Das Leben ist ein natürlicher biologischer Prozess . Er ist individuell von Mensch zu Mensch
unterschiedlich und wird sowohl von genetischen Faktoren als auch äußeren Faktoren wie
Umwelteinflüsse n und Lebensweise n beeinflusst. Der Körper ist dabei einem Alterungsprozess
unterworfen. Jeder von uns hat, abgese hen von den genetischen Anlagen , die wir nicht ändern
können , und gesundheitspolitischen Einflüsse n , die Möglichkeit , etwa s für seine Gesundheit , die
Gesunderhaltung , also für seine eigene Lebensqualität zu tun. Dies gilt für Männer und Frauen
gleichermaßen.
Gesundheit zu fördern und Krankheiten zu vermeiden sind die zentralen Aufgaben von
Gesundheitsförderung und Prävention. Sie tragen dazu bei, Wohlbefinden, Mobilität und
Lebensqualität der Menschen jeden Alters und aller sozialer Schichten zu verbessern und sind
unverzichtbare Bausteine für Gesundheit und ein langes Leben (vgl. Positionspapier des GKV
Spitzenverbandes v. 27 .06.2013).
Gesund bleiben bedeutet z.B. sich gesund zu ernähren, sich ausreichend zu bewegen und zu
entspannen, verantwortlich mit Alkohol umzugehen und ein rauchfrei es Leben zu führen .
Daten und Informationen zur Lage und Situation vor Ort liegen für alle Themenbereiche nicht
durchgängig vor. Ergebnisse aus Befragungen und Interviews geben aber wertvolle
Informationen zu bestimmten Situat ionen und Verhaltensweisen (si ehe hierzu insbesondere 5.6).
23
5.1 Ernährung
Eine Gesunde Ernährung bedeutet sich ausgewogen zu ernäh ren. Fett und Zucker werden von
Männern und Frauen in größerem Maße konsumiert und sollten auf eine empfohlene Menge
reduziert werden. Gemüse und Obst gehören häufiger auf den Speiseplan. Studien zeigen, dass
Männer in der Regel ein anderes Essverhalten haben als Frauen: Männer orien tieren sich bei der
N ahrungswahl tendenziell weniger als Frauen an gesundheitlichen Gesichtspunkten –
Ernährungsthemen haben für sie keine allzu große Bedeutung , so die Bundeszentrale für
gesund heitliche Aufklärung BZgA . Übergewicht und Essstörungen sind dann Folgen einer
Fehlernährung, die zu Adipositas , Diabetes oder Herzkreislauferkrankungen führen können.
Jeder zweite Erwachsene in NRW ist übergewichtig. Information und Technik Nordrhein -
West falen (IT. NRW, 2014) berichtet über Körpergewicht und Größe, ausgewertet nach den
Jahren 2005, 2009 und 2013. Danach ist die Übergewichtigkeit im genannten Zeitraum stetig
gestiegen. 2013 waren bereits 52,8 % der Erwachsenen in NRW übergewichtig. Der Anteil der
Männer lag bei 62,4 und der der Frauen bei 43,5 % In Münster stellt sich die Situation wesentlich
günstiger dar: Der Anteil übergewichtiger Männer lag 2013 bei 38,3% der der Frauen 29,5 %
zusammen bei 39,4 %.
24
Männer und Frauen in Münster
Frauen in Münster
Männer in Münster
Tabelle 21 - Bevölkerung in Nordrhein - Westfalen mit Angaben zu Körpergewicht und - größe (IT. NRW, 2014)
nicht
adipös adipös massiv
adipös
unter-
gewichtig
normal-
gewichtig
übergewichtig
Bevölkerung (Männer und Frauen) in Nordrhein-Westfalen mit A ngaben zu Körpergewicht und -größe 2005, 2009 und 2013
– Ergebnisse des Mikrozensus*) –
GKZ
Verwaltungsbezirk
–––––––––––––
Jahr
Bevölkerung am Ort der Hauptwohnung (ab 18 Jahren)
insgesamt
Anzahl Anteil 2) in Prozent Durchschnittswerte
darunter Personen, die Angaben zu Körpergewicht und -größe gemacht haben
zusammen
Body-Mass-Index (BMI) Klassifikation 1)
Körpergröße
in Meter
Körpergewicht
in Kilogramm BMI 1)
Nordrhein-Westfalen
2005 14 736 000 11 558 000 2,5 48,0 35,8 12,9 0,7 1,72 75,3 25,5
2009 14 829 000 10 720 000 2,2 46,4 36,6 14,0 0,9 1,72 76,1 25,7
2013 14 628 000 10 314 000 2,1 45,1 36,6 15,1 1,1 1,72 76,9 25,9
Münster, Stadt
2005 230 000 182 000 3,5 63,4 28,7 9,1 0,7 1,73 73,5 24,5
2009 228 000 175 000 2,1 55,5 32,5 10,9 0,3 1,73 74,5 24,9
2013 255 000 165 000 2,8 57,3 29,2 9,6 0,6 1,74 74,9 24,7
Münster, Stadt
2005 122 000 96 000 5,7 69,1 21,5 8,0 0,9 1,67 66,1 23,6
2009 119 000 91 000 3,1 63,1 25,7 9,1 0,2 1,67 66,8 24,0
2013 135 000 83 000 4,6 65,2 21,5 8,0 0,1 1,67 66,2 23,6
Münster, Stadt
2005 108 000 86 000 1,0 57,1 36,6 10,3 0,5 1,80 81,8 25,2
2009 108 000 84 000 1,0 47,3 39,9 12,8 0,3 1,80 82,9 25,6
2013 120 000 81 000 0,9 49,1 37,1 11,1 1,1 1,81 83,7 25,6
5.2 Bewegung
Männer sind häufiger übergewichtig als Frauen . Gesund bleiben, heißt daher auch in Bewegung
bleiben . Bewegung sollte unkompliziert in den Alltag eingebaut werden. Wege zur Arbeit , zum
Bäcker , zur Schule zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurücklegen, d ie Treppe und nicht den Fahrstuhl
nutzen, in der Mittagspause eine Runde um den Block laufen oder einen Abendspaziergang in
die Tageszeitplanungen mit einbauen sind schon erste Schritte in die richtige Richtung. Sport für
die Gesundheit wäre ein nächster Schritt. Sportgruppen und Sportvereine bieten für jede
Altersgruppe Bewegungsangebote nach Bedarf an. De r Reha bilitations sport unterstützt zudem
Menschen nach Erkrankungen. Die Angebotspalette ist sehr vielseitig. Die gesetzliche
Krankenversicherung ist mit vielen Programmen aktiv unterwegs. Viele der Aktivitäten sind
allerdings sporadisch und nicht nachhaltig angelegt . Hier bedarf es noch eine r besseren
Vernetzung von Akteuren und Projekten bundesweit. Unter dem Mo tto „Bewegte Kommune“
erarbeitet derzeit das Gesunde Städte - Netzwerk mit der B armerGEK ein neues innovatives
Bewegungsangebot für Menschen in der Gesunden Stadt.
5.3 Entspannung
Körperliche oder seelische Anspannungen können durch Überlastungen am Arbeitsplatz, in der
häuslichen Versorgung oder durch verschiedenste Überforderungen durch Leistungsdruck
entstehen. Stress, Burnout können Folge n s ein. U nterschiedlichste Entspannungsverfahren
bewirken eine Steigerung des Wohlbefindens , Linderung - und eine bessere Bewältigung von
Beschwerden.
5.4 A lkoholkonsum
Ein erhöhter Alkoholkonsum steigert das Risiko für Herz - Kreislauf - Erkrankungen, für Krankheiten
der Leber und einige Krebsarten. Hinzu kommt das Risiko der Abhängigkeit.
Übermäßiger Alkoholkonsum ist besonders ein Problem von Männern im mittleren Lebens alter
aber in wachsendem Maße auch ein Problem von Kindern und Jugendlichen. „Die KIGGS –
Studien zeigen, dass schon im Alter von elf Jahren knapp 20% der Jungen und 12% der Mädchen
Alkohol getrunken haben, 45% der Kinder im Alter von 13 Jahren haben nach Selbstangaben
Erfahrungen mit Alkoholkonsum. Regelmäßig, d.h. mindestens einmal pro Woche, trinken 18%
der männlichen Jugendlichen im Alter von 14 Jahren Alkohol. Diese Quote steigt mit dem Alter
kontinuierlich bis auf 67% der 17 - jährigen jungen Männer. Mädchen berichten seltener einen
regelmäßigen Alkoholkonsum mit 9% (14 Jahre) bis 40% (17 Jahre). Eltern unterschätzen den
Alkoholkonsum ihrer Kinder“ (Gesundheitsberichterstattung des Bundes, 2008, S. 7 - 8) . Mit dem
Präventionsgesetz, das im Juni 2015 v erabschiedet worden ist , soll dem Thema
Alkoholprävention , als eines der bundesweiten Präventionsziele , eine besondere
Aufmerksamkeit zukommen.
26
5.5 Tabakkonsum
Tabakkonsum birgt viele Risiken. A llem voran stehen Herz - Kreislauf - Erkrankungen,
A temwegserkrankungen und bei 23 % aller Krebsfälle ist das Rauchen die Ursache . Den größten
Einfluss hat das Rauchen für Lungenkrebs, Krebserkrankungen der Harnblase, der Speiseröhre,
der Bauchspeicheldrüse, des Darms sowie im Kopf und Halsbereich . 28% der Mä nner und 19%
der Frauen rauchen . Analysen aus 2012 über Ergebnisse aus 45 Studien zu 33
Nichtraucherschutzgesetzen zeigen eindeutig: „Überall, wo Rauchverbote eingeführt wurden,
sank im folgenden Zeitraum die Anzahl der Krankenhausfälle in bemerkenswerte m Umfang: um
15 % bei Herzinfarkten, um 16 % bei Schlaganfällen und um 25 % bei Asthmaanfällen. Der
Rückgang von Frühgeburten, Krankheitsfällen bei Schwangeren, Asthmaerkrankungen bei
Kindern sowie im Bereich von Herz - und Kreislauferkrankungen bei Erwachs enen belegt immer
deutlicher die Wirksamkeit von Nichtraucherschutzgesetzen (vgl. (Tamayo, 2014) .
Tabelle 22 - Anteil der Raucher an der männlichen Bevölkerung nach Alter (Starker, 2013, S.
29)
Tabelle 23 - Aufhörquote (Anteil der Ex - Raucher an Männern, die jemals mit dem Rauchen
begonnen haben) in der männlichen Bevölkerung nach Alter (Starker, 2013, S. 32)
20,7
26,8
38,7
46,7
57,3
78,3
0
10
20
30
40
50
60
70
80
90
18-24 25-34 35-44 45-54 55-64 65+
Anteil (in %)
Altersgruppen (Jahre)
40,0
47,2
40,6
37,2
31,0
13,7
0,0
5,0
10,0
15,0
20,0
25,0
30,0
35,0
40,0
45,0
50,0
18-24 25-34 35-44 45-54 55-64 65+
Raucher
27
5.6 Gesundheitsförderung , Prävention und Vorsorge vor Ort
In Münster haben Gesundheitsförderung und Prävention einen hohen Stellenwert. Die Stadt ist
Mitglied im Gesunde Städte - Netzwerk der Bundesrepublik Deutschland , ein bundesweiter
Zusammenschluss von Kommunen, d er sich für eine Verbesserung der kommunale n
Gesundheitsförderung als gesamtstädtische Querschnittsaufgabe und Gesellschaftsaufgabe
einsetzt . Ziel ist die Stärkung der gesundheitsförderlichen Kompetenzen und die
Eigenverantwortung jedes Einzelne n und ein langfristiges Zusammenwirken aller Akteure
innerhalb und außerhalb des Gesundheitswesens. Die Chancen auf Gesundheit sollen
verbessert werden durch die Stärkung von Ressourcen und Senkung von
Gesundheitsbelastungen. Zu den Ressourcen zählen Selbs tbewusstsein, Kompetenzen,
Information, Bildung, Handlungswissen, angemessene Partizipation, Verhaltensspielräume,
Unterstützung durch soziale Netze . Gesundheitsbelastungen können sein chemische,
physikalische und biologische Umweltbelastungen, körperliche und seelische Überlastungen,
falsche Ernährung, Bewegungsmangel, erhöhter Konsum von Suchtmittel oder auch soziale
Isolation. Das Gesunde Städte - Netzwerk ruft seine Mitglieder auch dazu auf, die Gesundheit von
Jungen und Männern stärker in den Fokus des G eschehens zu nehmen. Das Gesundheitsamt
greift im Rahmen seiner kommunalen gesundheitsförderlichen Aufgaben die Gesunde Städte -
Strategien auf und kommuniziert unterschiedliche Themen über die Kommunale
Gesundheitskonferenz.
Seit vielen Jahren werden durch das Männerforum Münster Männergesundheitstage
durchgeführt . Das Männerforum Münster ist ein gemeinnütziger Verein der 1994 gegründet
wurde. Entsprungen aus der Idee der Selbsthilfe leistet der Verein seine Arbeit ehrenamtlich vgl.
www.maennerforum - muenster.de
Das M ännernetzwerk Münster befindet sich derzeit in der Aufbauphase . Die Netzwerkakteure
sind Experten , die sich in ihren professionellen Arbeitsbereichen mit männerspezifischen Themen
befassen und hierfür auch Position beziehen wollen , auch zum Thema Männergesundheit. Das
Männernetzwerk will über männer spezifische Angebote in Münster informieren, thematisiert und
reflektiert die Rolle von Männern in der Gesellschaft und beteiligt sich am fachlichen Diskurs zu
männerspezifischen Themen. Dies geschieht durch kontinuierlichen Austausch, Organisation von
Fachveranstaltungen, Positionierung von männerspezifischen Themen und Fragestellungen im
kommunalpolitischen Bereich u.a. Die Aktivitäten werden unterst ützt durch die Pflege einer
Homepage vgl. www.maennernetzwerk - muenster.de
Da bewertete Informationen seitens der Beratungsdienste zur Männergesundheit in Münster nicht
vorliegen, wurde das Männernetzw erk , deren Mitglieder aus unterschiedlichen
Beratungsbereichen in Münster kommen, mittels eines standardisierten Fragebogens zur
Bewertung der Situation vor Ort befragt.
Auf die Frage „Nehmen Sie in Ihrer alltäglichen Arbeit geschlechterspezifische Umgangsweisen
mit Gesundheit und Krankheit wahr?“ antworteten 50% der Teilnehmer mit ja bzw. nein . 75% der
Befragten halten allerdings einen geschlechterspezifischen Umgang von Männern mit
Gesundheit und Krankheit in der Beratungsarbeit für wichtig . Das Ge sundheitsbewusstsein von
Männern bewerten die Beratungsdienste eher gering . Unterschiede im Gesundheitsverhalten
zwischen Männern in festen Partnerschaften und Männern ohne eine solche begründen die
Befragten recht unterschiedlich . Sie sprechen von einem ungesunden Lebensstil alleinstehender
Männer und von einem gesundheits - bewussteren Verhalt en von Männern in einer Partnerschaft
aufgrund von Regelmäßigkeiten im gemeinsamen Lebensalltag. Auf der anderen Seite wird auch
der gesundheitsbewusste Mann beschrie ben, der auf Attraktivität und Gesundheit besonderen
Wert legt. 50% der Befragten haben Strategien entwickelt, um Männer in der Beratungsarbeit
28
besser zu erreichen. Beratungsangebote sind speziell auf Männer abgestimmt, Männer sowie
Frauen werden Beratung en auf Befragung und Wunsch durch männliche bzw. weibliche
Mitarbeit erInnen angeboten, dies gilt teilweise auch für Onlineberatungen (Mail - und
Chatberatungen) .
Aufgrund der guten Vernetzung der Beratungsstellen auf örtlicher - und auch überregionaler
Ebene, gibt es vermehrt männerspezifische Beratungsangebote, Fachtagungen, Fortbildungen
und Publikationen , auch im Sinne von Männern für Männer. Männer entwickeln dabei einen
eigenen Kommunikationsstil. Sie benötigen ein eigenes Anspra chekonzept. Die Bera tungsarbeit,
sowie der gesamte Soziale Bereich sind in ihrer Sprache, in ihren Konzepten und ihren
Angeboten noch sehr stark weiblich orientiert. Alle Befragten aus den Beratungsdiensten sehen
allerdings die Notwendigkeit, sich stärker für Männer einzusetz en.
Rollenbilder von Männern und Frauen haben sich gravierend verändert, Männer müssen sich neu
positionieren. Ein besserer Diskurs über Männer und ihre Rolle wird gewünscht. Besondere
Bedarfe zu einem geschlechterdifferenziertem Vorgehen werden in der Jungenarbeit gesehen,
z.B. durch eine bessere Besetzung der Bildungseinrichtungen mit männlichen Pädagogen ,
Lehrern und Erziehern. Jungen erleichtert dies e eine Identität mit dem gleichen Geschlecht.
Werdende und junge Väter sind besondere Zielgrup pen weil es hier um Einbeziehung der Väter
bzw. um gemeinsame Erziehungsfragen geht. Gesundheit s tellt ebenfalls ein wichtiges Thema
dar, schon weil das G esundheits - und Risikoverhalten von Jungen und Männer ein riskanteres
ist, als das der Mädchen und Fra uen.
Das Thema Frauen ist schon seit vielen Jahren ein gesellschaftlich etabliertes Thema.
Gleichstellung und Geschlechtergerechtigkeit funktioniert auf Dauer aber nur, wenn beide
Geschlechter in den Blick genommen werden. Gleichberechtigung muss dabei auf Augenhöhe
erfolgen. Die Teilnehmer an der Befragung haben aus dem Kontext der eigenen Beratungsarbeit
heraus aber auch aufgrund eigener Lebenserfahrungen den Wunsch, sich für das Thema Männer
zu engagieren in der Hoffnung , dass passgenauere Angebote für Männer entwickelt werden, das
Thema Mann ein sichtbareres gesellschaftliches Thema wird und die Gleichstellung auch hier in
Münster vorangebracht wird (Hovemann & Weth, Expertenbefragung Männernetzwer k Münster,
2014) .
Aus Sicht de s Hausärzteverbundes Münster , der für diesen Bericht zu einem Interview zur
Verfügung gestanden hat, wird eine „Zweiteilung“ im Gesundheitsbewusstsein und im
Gesundheitsverhalten von Männern gesehen. Auf der einen Seite s ind es die jungen Männer, die
in Fitnessstudios gehen und „Körperkultur“ betreiben und da neben das „Gros des Mannes“
welches, weniger um die eigene Gesundheit bemüht ist. Gesundheit ist nach Beschreibung des
Hausärzteverbu ndes Münster statusabhängig. Sozia l schwache Menschen haben ein eher
geringeres Gesundheitsbewusstsein und dadurch schneller einen schlechteren
Gesundheitszustand .
Im Gesundheitsbewusstsein unterscheiden sich auch Männer von den Frauen. Frauen nehmen
Vorsorgeuntersuchungen häufiger und von sich aus in Anspruch, Männer müssen dazu vielfach
aufgefordert werden. Frauen vereinbaren häufig Vorsorgetermine für ihre Männer, umgekehrt
erlebt man dies nicht. „Was nicht weh tut, muss man nicht beachten“, so beschreibt der
Hausärzteverb u nd Mü nster die Sichtweise des Mannes. Auf die Frage nach einer Wehleidigkeit
des Mannes beobachten die Ärzte, dass Männer bei schweren Erkrankun gen meist gut mit ihrer
Situation umgehen.
Zum Hausarzt kommen Männer insbesondere mittleren Alters wegen Arbeitsunfähigkeit oder
wegen Schmerzen. Der Hausarzt versucht Patienten , soweit es sinnvoll ist, in Gesundheits -
programme einzugliedern. Häufiger als früher treten Männer mit psychischen Krankheiten an den
29
Hausarzt heran. Geriatrische Fragestellungen steigen . Zivilisationskrankheiten allgemein wie
Adipositas und Diabetes erfahren eine starke Zunahme.
Männer sind in ihrer Arzt - Patienten - Kommunikation v erschlossener als Frauen und stellen sich
häufig erst dann den Problemen, wenn sie wirklich akut sind. Die Frage nach einer
geschlechterspezifischen Strategie im Umgang mit den Patienten wird bejaht. „ Frauen kann man
einfacher erklären, was wichtig ist “ . D er Mann muss mit möglichen zukünftigen
Gesundheitsproblemen offener konfrontiert und ggf. „härter herangenommen“ werden. Bei
Männern überlegt man eher „Wie provokativ kann ich mit meiner Aussage sein - nicht so
mis sionierend, eher konfrontieren“ (Hovemann & Weth, Interview mit dem Vorsitzenden des
Hausärzteverbundes Münster Dr. med. Armin Schuster, 2014) .
Wie gesundheitsbewusst erleben Sie den Mann von heute, so lautete eine Frage gerichtet an die
Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie der Universitätsklinik Münster . „ Den Mann
von heute gibt es so ja nicht “ . Man kann sagen, dass Männer weniger gesundheitsbewusst sind
als die Frau en . Dies betrifft das Gesundheitsvorsorgeverhalten, die Ernährung, aber auch
Themen wie Suchtmi ttelkonsum. Zum Bereich der psychischen Gesundheit fällt es Männern
schwerer, Probleme vor sich selbst zuzugeben und sie größere Hemmschwellen haben, sich an
den Hausarzt zu wenden, durch welchen die Patienten oft überwiesen werden. Gründe liegen
beispiel sweise im starken Selbstbild, in der Angst vor Stigmatisierung und davor, als „Weichei“
da zu stehen. Männer gehen eher technisch mit sich selbst um. Wahrnehmung und Ausdruck von
Gefühlen stellen sich für Männer schwieriger dar. Männer gehen oft hart mit s ich um und nehmen
ihre eigenen Grenzen nicht so wahr.
In die psychosomatische bzw. psychotherapeutische Behandlung der Klinik gelangen etwa 2/3
Frauen und 1/3 Männer, wobei die Anzahl der Männer steigt. Dort werden behandelt:
Meist somatoforme Diagnosen un d dissoziative Störungen (körperliche Beschwerden) ohne
ausreichenden organischen Befund und Mischbilder
Auch: Depressionen, Angststörungen, posttraumatische Belastungs störungen
Frauen werden öfter O p fer von Gewalt im nahen familiären Bereich - Männer öfter Opfer im
öffentlichen Bereich.
In die Klinik kommen Frauen oder Männer aufgrund des individuellen, persönlichen
Leidensdruck s freiwillig – oft in Zusammenhang mit Überforderungen oder Konflikten in Beruf
und/oder Familie . Die formale Überweisung der Patienten und Patientinnen erfolgt durch den
Hausarzt oder den Facharzt. Männer äußern dabei beim Arzt eher körperliche Beschwerden,
welche dann psychische Ursachen haben. In der Therapie angekommen öffnen sich neue
Erfahrungsw elten, körperliche Auswirkung en auf die Psyche werden erkannt. Von gemischten
Gruppenangeboten profitieren sowohl Patientinnen als auch Patienten. Bei Frauen ist im
Vergleich zu Männern die Hemmschwelle , psychische Erkrankungen bei sich und anderen zu
akzeptieren, niedriger. Sie sind offener als Männer und können besser von Gefühlen und
Beziehungserfahrungen berichten.
Eine stärkere Thematisierung geschlechterspezifischer Unterschiede in der Medizin wird seitens
der Klinik für absolut wichtig erachtet. Der Patient muss da abgeholt werd en, wo er gerade steht.
Bei Männern geht es eher darum, Gefühle zu thematisieren. Männer sprechen eher m i t
Partnerinnen über Probleme und Gefühle und nicht mit Freunden – Frauen oft auch mit
Freundinnen. En t stigmatisierung ist wichtig . Männern hilft es auc h, wenn Prominente sich äußern,
z.B. im Fall des Fußballspielers Robert Enke, der depressiv war. Der Zugang in der
psychosomatischen Medizin und der Psychotherapie ist allgemein individuell . Im persönlichen
Kontakt wird geschlechterdifferenziert vorgegange n. Im Zusa mmenhang mit Migration ist der
Aspekt „Männerbild – Frauenbild“ vor allem bei muslimischem Hintergrund wichtig (Hovemann &
30
Weth, Interview mit Prof. Dr. med. Gudrun Schneider, Leitende Oberärztin der Klinik für
Psychosomatik und Psychotherapie am Uniklinikum Münster, 2014) .
Männer gesundheit ist auch Thema der Selbsthilfe und der Selbsthilfe - K ontaktstelle des
Paritätischen Wohlfahrtsverbandes am Dahlweg in Münster . Die Selbsthilfegruppen
beschäftigen sich mit sehr vielfältigen Themen: mit der Bewältigung bzw. dem Umgang einer
chronischen Erkrankung oder einer Psychiatrischen Erkrankung , wie Borderline - Störungen,
Depression oder Phobien , mit Krebserkrankungen, Essstörungen, Suchterkrankungen uvm.
Männer tun si ch zunächst häufig schwer mit der Inanspruchnahme von Selbsthilfe angeboten .
Dennoch gibt es auch in Münster Selbsthilfegruppen nur für Männer, beispielsweise die Prostata
Selbsthilfegruppe. Dies gilt auch für Gruppen mit ganz speziellen Anliegen wie das T he ma
Transidentität/Intersexualität oder für Väter nach Scheidung oder Trennung. In vielen
Selbsthilfegruppen z.B. zu Herzerkrankungen, Rheuma oder auch Suchterkrankungen sind
ebenfalls viele Männer zu finden.
Bei psychischen Erkrankungen oder auch Essstörungen suchen vor allem junge Männer,
meistens aufgrund von Überlastungen durch Beruf oder Studium , Hilfe durch den Besuch von
Selbsthilfegruppen in Münster , so die Selbsthilfe K ontaktstelle . Das „klassische Klientel“ in der
Selbsthilfe sind Frauen u nd Männer mittleren und älteren Alters . Durch das besondere
Verständnis unter Gleichbetroffenen, können viele Menschen ihre Kräfte und Fähigkeiten
(wieder) entdecken, diese mobilisieren und letztlich lernen, sich selbst zu helfen und die eigene
Situation b esser zu bewältigen.
Die Themen, die zukünftig weiter an Bedeutung gewinnen werden, sind weiterhin die psychischen
Erkrankungen aber auch Themen, die die Veränderungen unserer Gesellschaft deutlich machen,
wie z.B. das Thema Onlinesucht (Weth, Interview mit Renate Ostendorf, Selbsthilfekontaktstelle
Münster) .
Unterstützungsangebote für Krebspatienten und deren Angehörige
In Münster gibt es über die Kliniken und Praxen im Rahmen der Nachsorge verschiedene
Beratungsangebote für Patienten und auch deren Angehörige. Prostatakrebs zählt zu den
häufigsten Krebserkrankungen bei Männern. Die Ursache für das vermehrte Auftreten dieser
Tumorerkrankung ist u.a. die steigende Lebe nserwartung, denn mit dem Älterwerden wächst
auch das Risiko für diesen Krebs. Untersuchungen zur Früherkennung dieser Krebserkrankung
werden immer noch selten genutzt. Das Prostatazentrum am UKM bietet im Rahmen seiner
interdisziplinären Kooperation mit b eteiligten Kliniken und Instituten seit seiner Gründung im Jahr
2003 Betroffenen, Interessierten sowie niedergelassenen Ärzten in Münster und Umgebung
Informationen und Unterstützung zu allen Fragen rund um das Thema der Prostataerkrankungen .
Es wird dabei vom Förderverein des Prostatazentrums aktiv unterstützt. Der Förderverein sieht
seine Aufgabe in der ideellen und materiellen Förderung des Prostatazentrums am UKM, der
Erarbeitung von Präventions - , Beh a ndlungs - und Rehabilitationsmöglichkeiten und insbes ondere
in der Verbesserung des Informationsstandes der Öf fentlichkeit zu den Erkrank ung en der
Prostata . Über Fachveranstaltungen wurden in den zurückliegenden Jahren viele Männer und
deren Angehörige erreicht. De m Förderverein gelingt es, das Thema in die Stadtgesellschaft zu
tragen (Weth, Interview mit Christiane Ptok, Geschäftsführerin des Prostatazentrums und des
Fördervereins am Uniklinikum Münster, 2015) .
Unterstützungsangebote für männliche Krebspatienten ab 60 Jahren wurden vor einigen Jahren
vom Zentrum für Krebsmedizin der Universitätsklinik (Comprehensive Cancer Center
Münster), entwickelt. Das Projekt gibt Männern Hilfe zu psychoonkologischen Fragestellungen .
31
Erfahrungen daraus zeigen, dass es schwierig ist, Männe r zu m Mitmachen zu gewinnen, wobei
grundsätzlich nach erfolgter Teilnahme ein positives Feedback durch die Teilnehmer erfolgt.
Seit vielen Jahren arbeitet in Münster und auch seit einiger Zeit im Münsterland die
Krebsberatungsstelle in Trägerschaft des Tumor - Netzwerkes im Münsterland e.V., de m
Krankenhausträger, Kliniken, Praxen u.a. als Mitglieder angehören. Die Stadt Münster unterstützt
finanziell die Arbeit. Die B er atungsangebote sind vielseitig. Psychoonkologische Krebsberatung
und Begleitung, Sozial e Arbeit in der ambulanten psychosozialen Krebsberatung, Vorträge,
Gesundheitskurse, Bewegung und Sport, Ernährung, medikamentöse Therapie und
Selbsthilfeunterstützung gehören zu den Leistungen der Krebsberatungsstelle. Im
hauptamtlichen Beratungsteam arbe iten keine Männer.
Seit Jahren liegt der Anteil der Inanspruchnahme von psychoonkologischen Einzelberatungen
durch betroffene Männer deutlich unterhalb der Inanspruchnahme Quote durch Frauen. So betrug
der Anteil in 2014 25% (Betroffene Männer) im Vergleic h zu 47% (Betroffene Frauen). Laut
epidemiologischem Krebsregister betreffen die vier häufigsten Krebsneuerkrankungen bei
Männern in Münster die folgenden Organe in absteigender Reihenfolge: Prostata, Darm, Lunge
und Harnblase.
Es wird angeregt, die Inans pruchnahme Quote der betroffenen Männer durch geeignete
Maßnahme zu steigern. Dies könnten spezielle gender - und zielgruppenspezifische Ansätze in
der Öffentlichkeitsarbeit und Beratung sein.
6 Altersspezifische Betrachtungen
6.1 Jungengesundheit
Deutschland hat einen hohen Lebensstandard und sowohl ein gut ausgebautes Bildungs - als
auch ein Gesundheitssystem. Es besteht Konsens, dass die Gesundheit von Kindern und
Jugendlichen zu keiner Zeit in Deutschland so gut war, wie in der heutigen Zeit. Kl assische
Infektionskrankheiten oder Mangelkrankheiten sind heute eine Seltenheit. Ebenso leben Kinder
mit chronischen Erkrankungen beispielsw eise der Atemwege oder der Herz Kreislauforgane
heute mit wesentlich weniger Einschränkungen und in höherer Lebensq ualität.
Sorgen machen dagegen aber seit einigen Jahrzehnten die sogenannten „neuen Morbiditäten“ =
„Neue Krankheiten“. Zu diesen werden psychische und psychiatrische Erkrankungen,
Verhaltensauffälligkeiten, Allergien und asthmatische Erkrankungen aber auc h
Stoffwechselstörungen wie Körperübergewicht und Fettleibigkeit gezählt. Es entspricht dem
Stand der Wissenschaft, dass es für diese Krankheiten oder „Normabweichungen“ in der Regel
keine klaren Ursachen sondern eher ein Ursachengeflecht oder Ursachenbün del gibt. In vielen
Fällen liegen nicht allein klassische Gesundheitsrisiken zu Grunde, die sich im
Gesundheitssystem einfach behandeln ließen. Nicht selten bestehen Risikofaktoren im Bereich
der persönlichen Bildung, des sozialen Standes oder der individu ellen Biographie.
Demnach gelingt es auch kaum alleine im Gesundheitssystem wirksame Vorsorge - oder
Präventionsmechanismen zu entwickeln bzw. nachhaltig wirksame Therapien anzubieten. Dabei
machen viele Untersuchungen deutlich, dass gerade auch diese neuen Morbiditäten zwischen
Jungen und Mädchen ungleich verteilt sind.
Wichtigste Datenquelle für diese Fragestellungen ist der Kinder - und Jugendgesundheitssurvey
(KIGGS), des Robert - Koch - Instituts (RKI). Nach einer umfangreichen Datenerhebung in einer
repräs entativen und bundesweit ausgelegten Untersuchungsabfolge in den Jahren 2003 - 2006
sind in der weiteren Zeit bis heute weitere Untersuchungen und Befragungen dazu gekommen.
32
Die im Folgenden zitierten Ergebnisse beziehen sich vornehmlich auf die telefonische n
Befragungen, die in der Zeit zwischen 2009 - 2012 erfolgt s ind (sogenannte „ KIGGS - Welle 1 “ ).
Die oben genannt en guten Lebensbedingungen spiegeln sich auch im persönlichen
Gesundheitsgefühl der be fragten Kinder und Jugendlichen wieder . Nur 6,3% der Befra gten
bezeichnen ihre subjektive Gesundheit als mittelmäßig, schlecht oder sehr schlecht. Hier finden
sich kaum Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen. Gefragt, ob denn beim Kind chronische
Krankheiten oder Gesundheitsprobleme bestehen trifft dies bei Jun gen mit 17,9% schon
wesentlich häufiger zu, als bei Mädchen mit 14,3%. Dabei wird bei Jungen beispielsweise
häufiger ein Asthma bronchiale angegeben als bei gleichaltrigen Mädchen.
Häufiger sind auch Jungen von Unfällen und Unfallfolgen betroffen. Es gaben 17% der Jungen
aber nur 14% der Mädchen an, in den letzten 12 Monaten einen b ehandlungsbedürftigen Unfall
erlitten zu haben.
Deutlicher wird der Unterschied bei Symptomen, die für das Risiko einer psychischen Erkrankung
stehen. In einer standardisierten B efragung fand man entsprechende Risikowerte bei 23,4% der
Jungen aber nur bei 16,9% der Mädchen. Deutlich sind die Unterschiede auch bei der Diagnose
von Aufmerksamkeitsstörungen (ADHS). Während diese Diagnose bei Jungen im Alter von 3 - 17
Jahren in 8,0% di agnostiziert wurde, gilt das für Mädchen in nur 1,7%. Anzeichen für
Essstörungen dagegen findet man häufiger bei Mädchen (28,9%) als bei Jungen (15,2).
Deutlich ist der Unterschied zwischen den Geschlechtern auch bei der Frage nach persönlich
erlittener Ge walterfahrung. Während 32,4% der befragten Jungen angeben, in den letzten 12
Monaten entsprechende Erfahrungen gemacht zu haben liegt die Quote bei Mädchen mit 17,5%
knapp halb so hoch.
Eine Angleichung hat sich in den letzten Jahren gegeben beim Konsum vo n Alkohol und Tabak.
Etwa 11% der Jungen und Mädchen geben regelmäßiges Rauschtrinken an, etwa 12% rauchen,
knapp die Hälfte davon täglich. Kaum Unterschiede zwischen den Geschlechtern finden sich auch
bei der Verbreitung von Übergewicht und Adipositas.
Be reits diese Auflistung der jüngsten Erkenntnisse der KIGGS - Studie machen deutlich, dass trotz
der allgemein guten Lebens - und Aufwachsens bedingungen für Kinder und Jugendliche in
Deutschland, kein Grund besteht, in den Bereichen Gesundheitsvorsorge, Krankh eits -
vorbeugung und Prävention nachzulassen. Die zunehmende Verbreitung „ neuer “ und
multifaktorieller Störungsbilder sowie der hohe Anteil von Kindern und Jugendlichen mit
Risikofaktoren für psychische Erkrankungen deuten darauf hin , dass in der modernen
Gesellschaft zielgruppenspezifische und vernetzte Angebote zur Gesunderhaltung und
Krankenbehandlung erforderlich sind.
Der immer wieder feststellbare Zusammenhang zwischen subjektivem Gesundheitsempfinden,
körperlichen und psychischen Krankheiten aber auc h gesundheitlichem Risikoverhalten auf der
einen Seite und persönlicher Bildungsbiographie und sozialem Status auf der anderen Seite
lassen bewusst werden , dass eine systematische Vernetzung von Jugend - , Gesundheits - und
Sozialhilfe aber auch vom Bildungsw esen erforderlich sind , wie es bereits der 13. Kinder - und
Jugendbericht der Bundesregierung von 2008 formuliert hat, um der Krankheitsentwicklung von
Jungen und von Mädchen im systemischen und gesellschaftlichen Maße wirksame Maßnahmen
entgegenzusetzen.
6.2 Gesundheit von Männern während der Arbeitsphase
Die Situationen an Arbeitsplätzen können extrem belastend sein. Männer sind stärker als Frauen
von Berufskrankheiten und Arbeitsunfällen betroffen. Sie sind chemischen und physikalischen
33
Stoffen oder Umständen, die eine schädigende, krankheitserzeugende Wirkung auf den
Organismus oder auf ein Körperorgan ausübt, häufiger ausgesetzt. Sie leisten vermehrt
körperliche schwere Arbeit in gesundheitsgefährdetem Ausmaß und leiden in größerem Umf ang
an „Verschleiß - Krankheiten“ die zu Frühberentungen und einer höheren Frühsterblichkeit von
Männern im Allgemeinen führen ( vgl. Bardehle & Stiehler, 2010, S. 85) .
Betriebliche Gesundheitsförderung als Teil des Betrieblichen Gesundheit s managements hat i n
den zurückliegenden Jahren ein zunehmendes Interesse bei Arbeitgebern als auch
Arbeitnehmern gefunden. Ziel ist es, die Gesundheit, das Wohlergehen und die
Leistungsfähigkeit der Beschäftigten zu fördern, gesundheitliche Risiken zu senken und die
gesundh eitlichen Bedingungen in Betrieben zu verbessern. Ein gutes Gesundheitsmanagement
in Betrieben, stärkt die Motivation der Beschäftigten, minimiert Krankheits - und
Produktionsausfälle und führt so auch zur Steigerung der Produktivität und Wettbewerbsfähigke it.
Dabei stehen ganzheitliche Konzepte mit Schwerpunkten wie „Sport und Bewegung“, „Gesunde
Ernährung“ , Stressbewältigung“ und „Work - Life - Balance“ im Vordergrund der Bemühungen.
D as am 16.06.2015 verabschiedete Bundespräventionsgesetz stärkt die Gesundheitsförderung
in Betrieben. Rahmenbedingungen dafür sollen verbessert werden , die betriebliche
Gesundheitsförderung soll enger mit dem Arbeitsschutz verknüpft werden . D ie Betriebs -
ärztlichen Dienste sollen in die Konzeption und Durchführung von Maßnahmen der
Gesundheitsförderung stärker eingebunden werden. Die Krankenkassen haben den
Unternehmen Beratung und Unterstützung an zu bieten.
Da es sich bei diesen Aktivitäten primär um betriebliche Angelegenheiten und Leist ungen handelt,
wird an dieser Stelle auf weitere Ausführungen dazu, verzichtet.
6.3 Gesundheit im Alter
Ab einem bestimmten Alter kann es sein, da s s eine Lesebrille benötigt wird, Fakten schneller als
vorher vergessen werden, die Konzentrationsfähigkeit nach lässt und mehr Zeit für die eig ene
Regenerierung benötigt wird. Risikofaktoren wie Rauchen, Alkohol, Adipositas u.a. können
zunehmend chronische Krankheiten nach sich ziehen. Auf der anderen Seite können aber auch
aufgrund von Lebenserfahrung Krisen besser bewältigt werden (Bardehle & Stiehler, 2010, S.
58) . Zwischenzeitlich gibt es umfangreiche Literatur zum Thema Alter und Älter werden. Eine
geschlechterspezifische Sichtweise ist aber auch heute leider noch eher selten. Dabei spielt die
p sychische Gesundheit von Männern auch im Alter eine stetig steigende Rolle. Der
Männergesundheitsbericht 2013 hat das Thema Psychische Gesundheit im Fokus (Weißbach &
Stiehler, 2013) .
Folgende entwicklungspsy chologische Besonderheiten im späten Lebensalter beschreibt der
Erste Deutsche Männergesundheitsbericht:
Umstellung auf das Rentenalter
Erneute Änderung der Partnerschaftssituation durch „Ganztagskontakt“
Neuanpassung hinsichtlich täglicher Aufgaben und Verpflichtungen
Mehr Zeit für Hobbys und andere Aktivitäten
Zunehmende Beschäftigung mit Krankheiten und altersbedingten Veränderungen des Körpers
Krankheit und Tod der meist langjährigen Partnerin bzw. des meist. langjährigen Partners
Zunehmende Konfr ontation mit Krankheiten und dem Tod von Freunden und Bekannten
Altersdepression
Konfrontation mit der Möglichkeit von altersgerechtem Wohnen bis hin zum Pflegeheim
Tabelle 24 - Entwicklungspsychologische Besonderheiten im spätem Lebensalter
34
Die Andrologie beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Männergesundheit und speziell auch
der Männergesundheit im Alter. Erste Männergesundheitszentren etablieren sich,
Männerberatungs konzepte und Männersprechstunden werden eingerichtet. Ziel ist dabei auch ,
Männer für ein gesundheitsbewusstes Verhalten zu motivieren. Nicht zuletzt soll ein zeitgemäßes
Männergesundheitsbild entwickelt werden .
Gesundes Älterwerden wird heute vor allem i m Sinne einer aktiven Lebensgestaltung
interpretiert.
Die aktive Lebensgestaltung älterer Menschen ist gebunden :
an Fähigkeiten, Fertigke iten und Interessen des Menschen (d urch körperliche, seelisch -
geistige und soziale Aktivitäten trägt der Mensch bis ins hohe Alter zur Erhaltung der
Fähigkeiten, Fertigkeiten und Interessen bei )
an die materielle und soziale Sicherung (s ie sind für das Lebensgefühl älterer Menschen
von zentraler Bedeutung )
an die Gestaltung der räumlichen, sozialen und infrastrukturellen U mwelt
(s ie ist bedeutsam für Mobilität und soziale Integration und gibt Anregungen zur Aktivität z.
B. in Bildungseinrichtungen, Institutionen, Selbsthilfe etc . )
an die Einstellung der Gesellschaft gegenüber Alten und älteren Menschen
(i n dem Maße, in dem sich die Gesellschaft die Erfahrungen und das Wissen älterer
Menschen, deren Kompetenz als Humanvermögen begreift, steigt auch die Bereitschaft sich
für die Gesellschaft zu engagieren).
( vgl. Empfehlungen der Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsfö rderung e.V.)
Das Gesunde Städte - Netzwerk hatte sich im Jahr 2007 in Berlin gemeinsam mit der
Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung BzgA und dem Deutschen Städtetag mit dem
Thema „ Gesund älter werden in Städten und Regionen “ beschäftigt und dazu einen Berliner
Appell erarbeitet mit der Zielsetzung , möglichst vielen Menschen ein langes Leben zu
ermöglichen und gleichzeitig für die verlängerte Lebenszeit eine h ohe Lebensqualität zu
erreichen.
Zwei Grundsätze sind dabei von ents cheidender Bedeutung:
ein Verständnis von Gesundheitsförderung als Querschnittsaufgabe, die möglichst viele
Bereiche von Gesellschaft, Politik und Verwaltung einbezieht sowie
die systematische Beteiligung der älteren Menschen und ihrer Organisationen an
k ommunalen Planungs - und Entscheidungsprozessen.
Festgestellt wurde, dass eine geschlechterspezifische Sichtweise für die Bedürfnisse älterer, aber
noch selbständig lebender Menschen kaum vorhanden ist.
Im Rahmen ihrer Möglichkeiten sollten auf kommunaler Ebene folgende Handlungsfelder
fokussiert werden:
Gesundheitsförderung und Prävention für älter werdende Menschen, insbesondere für die
„jungen Alten“ und sozial schlechter gestellten Gruppen, sollten stärker als bisher in das
Blickfeld der kommunalen Vera ntwortung und auch des Öffentlichen Gesundheitsdienstes
gestellt und ressortübergreifend angegangen werden.
35
Vorhandene Angebote von Gesundheitsförderung und Prävention werden qualitativ und
quantitativ weiterentwickelt und ausgebaut. Dabei ist ein vernetz tes Handeln der privaten und
öffentlichen Träger und Beteiligten anzustreben und zu verstärken. Vernetzte Aktionsformen
führen zu besseren Ergebnissen.
Angebote und Projekte für ältere Menschen werden wohnortnah eingerichtet. Die möglichst
leichte Erreichb arkeit erleichtert deren Nutzung. Sie müssen auch für einkommensschwache
Gruppen annehmbar sein. Wo nötig und möglich, sind sie um aufsuchende Angebote (z.B.
Besuchsdienste) zu ergänzen.
Angebote sind geschlechterorientiert zu entwickeln.
Die Dimension der psychischen Gesundheit wird ausdrücklich einbezogen.
Gesundheits - und Pflegekonferenzen – so sie noch nicht etabliert sind – sollen in den
Kommunen und Kreisen eingerichtet werden.
Die Bereitschaft in der Gesellschaft, sich für die eigenen Angehörigen un d die im
unmittelbaren sozialen Umfeld lebenden Menschen zu engagieren, wird intensiver
unterstützt. Neue Möglichkeiten werden geschaffen und erprobt. Dazu gehören auch
unkonventionelle Formen des Bürgerengagements.
Im Jahr 2012 wurde mit Unterstützung dur ch das Bundesgesundheitsministerium durch den
Verbund gesundheistziele.de das Nationale Gesundheitsziel „ Gesund älter werden “ , erarbeitet .
Zu den Handlungsfeldern Gesundheitsförderung und Prävention, m edizinische, psychosoziale
und pflegerische Versorgung und zu besonderen Herausforderungen wurden Ziele, Teilziele und
Maßnahmen zur Umsetzung erarbeitet. Diese s Nationale Gesundheitsziel kann örtlichen
Aktivitäten bei der Ermittlung , Erarbeitung und Umsetzung von Maßnahmen hilfreich sein und
bietet sich als A rbeitshilfe an.
6.3.1 Aktivitäten in Münster
In Münster beschäftigen sich seit einigen Jahren Einrichtungen Gruppen und Akteure mit dem
Thema Gesundheit und Alter .
Die Kommunale Gesundheitskonferenz hat diese Aktivitäten genutzt und im Jahr 20 08 einen
Facharbeitskreis mit der Erarbeitung von H a ndlungsempfehlungen beauftragt. D iese von der
Gesundheitskonferenz verabschiedeten Handlungsempfehlungen haben auch die Gesundheit
von älteren Männern mit in den Fokus genommen . Bewegt und mitten drin, Gut ernährt und
wirklich fit, psychische Gesundheit und soziale Teilhabe sind wesentliche Schwerpunkte der
Empfehlungen. Die Gesundheitskonferenz hat eine sukzessive Umsetzung in einzelnen Schritten
im Sinne einer gemeinschaftlichen und gesellschaftlichen Teilhabe al ler Akteure mit Beteiligung
der älteren Menschen empfohlen. So arbeiten heute in Münster auch durch die Vernetzung
unterschiedliche Akteure aus dem Ehrenamt, der Wohlfahrtspflege und Ämter n zum The ma
Gesundheit und Alter. Sie bieten Informationen, Beratung , Begleitung oder Arbeitshilfen zu
unterschiedlichen Themen für Männer und Frauen an , wie:
Gesundheitsförderung im Alter
Sturzprävention
36
Pflegeberatung
Wohnen im Alter
Körperliche und geistige Betätigung im Alter
Freizeit, Begegnung und Bildung im Alter
Ein Seniorenportal rundet die Angebote ab. Eine geschlechterspezifische Betrachtung ist bisher
eher selten .
Unter dem Motto „Gesund und aktiv älter werden in Münster“ laden das Gesundheits amt, die
Kommunale Seniorenvertretung und die Selbsthilfekontaktste lle Münster seit 20 12 Senioren und
Seniorinnen zu einem jährlichen Fachaustausch ein. Die Veranstaltungsinhalte orientieren sich
an Bedarfen aus de m K r eis der Senio r inn en und Senioren . G eschlechterspezifische
Fragestellungen sollen besondere Berücksichtigu ng finden .
Das Sozialamt der Stadt hat zudem in seiner Seniorenarbeit das Querschnittsthema
Gesundheitsförderung mit im Fokus und kooperiert dazu mit dem Gesundheitsamt.
6.3.2 Sucht im Alter
Die Personengruppe ältere Menschen i st in Bezug auf das Thema Sucht sowohl von der
Suchtforschung als auch von der Suchtprävention eine bisher wenig beachtete Zielgruppe .
Ein mangelndes Problembewusstsein in der medizinischen und pflegerischen Versorgung z. B.
in Bezug auf Medikamentengabe wird immer wieder beobachtet un d durch den Arznei mittelreport
2011 der B ARMER GEK , bestätigt. Stationäre Einweisungen werden auch aufgrund multimorbider
Erkrankungen selten auf Grund der Diagnose „Sucht“ , sondern eher wegen anderer, z. B.
psychischer Erkrankungen vorgenommen, obwohl eine manifeste Abhängigkeit das eigentliche
Problem darstellt. Sucht spielt sich vielfach „hinter verschlossenen Türen“ ab, wird nicht rich tig
erkannt bzw. bagatellisiert .
Verschiedenste Ursachen können in eine Sucht führen:
Das Wegbrechen sozialer Kontakte, Einsamkeit, Gefühle der zunehmenden Wertlosigkeit,
Ängste und familiäre Probleme sind häufige Ursachen, die zu Konflikten mit dem Umfeld,
zum Rückzug aus der Gesellschaft, zu weiteren gesundheitlichen Einschränkungen, zur
Verwahrlosung bis hin zur Depress ion und Entwicklung von Suchterkrankungen führen
können.
Beendigung des Berufslebens, Anpassung an einen neuen Lebensabschnitt
Gefühl nicht mehr gebraucht zu werden
Einsamkeit, Wegfall sozialer Netze, Verwitwung, Verlust von Freunden und Angehörigen
unzureichende Freizeitgestaltung
Heimaufnahme
erlernte Hilflosigkeit durch Rollen - oder Kompetenzverlust
nachlassende körperliche und intellektuelle Fähigkeiten
Zunahme von Krankheiten und körperlichen Beschwerden
zunehmende gedankliche Beschäftigung mit d em Tod
vgl. (Dech; Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS))
37
Datenlage bundesweit
Es gibt bislang wenige Studien zur Häufigkeit, Entstehung, Verlauf und Behandlung von
Suchtkrankheiten im höheren Lebensalter. Erste Ergebnisse aus Wissenschaft und
Praxisprojekten verschaffen uns jedoch Einblicke in die Situation und zeigen Bedarfe und
notwendige Hilfen auf (s. siehe auch DHS und Förderschwerpunkt „Sucht im Alter“, BMG) .
17,8 % der Frauen und 28,4 % der Männer in Deu t schland über 65 Jahre wird ein
R isikoalkoholkonsum, also ein Genuss oberhalb der o. g. Empfehlungen, zugeschrieben, der zu
einer Abhängigkeit führen kann. Je höher die Bildungsgruppe, umso größer ist der
Alkoholmissbrauch ( Gesundheitsberichterstattung des Bundes (2008) Alkoholkonsum und
alkoholbezogene Störungen , Themenheft Bd.40, Hrsg. Robert Koch Institut) .
Nach einer Studie des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG) schätzen Pflegekräfte, dass ca.
14 % der Menschen die von ambulanten Pflegediensten un d in stationären Einrichtungen betreut
werden, Alkohol oder Medikamentenprobl eme haben (Pressemitteilung der Drogenbeauftragten
der Bundesregierung 20.10.2010)
Zum Medikamentenmissbrauch gibt es eine Vielzahl von Beschreibungen und Hinweisen seitens
der DHS und der Suchthilfeeinrichtungen. Auch Forschungsberichte machen auf Missstände
aufmerksam. Die Beauftragte der Bundesregierung für Drogenfragen schätzt, dass es in der BRD
ca. 1,4 bis 1,9 Millionen Medikamentenabhängige gibt. Dabei sind im Gegensatz zum
Alkoholmissbrauch Frauen häufiger betroffen als Männer . Der Arzneimittelreport 2011 der
BarmerGEK beschreibt, dass 20 % der Versicherten, vor allem die Älteren, 80 % der
Arzneimittelmengen verordnet bekommen (Barmer GEK, 2011, S. 11) .
Vermutlich wird aufgrund der demografischen Entwicklung die absolute Zahl älterer Erwachsener
mit Alkoholproblemen deutlich steigen. So wird bis zum Jahr 2030 nach einer
Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes die Zahlen der über 60 - Jährigen
um etwa 40 % zunehmen.
Die Konsummuster Älterer sind insgesamt weniger auffällig als die jüngerer Menschen mit
Alkoholproblemen. Ältere tri nken in der Regel insgesamt weniger exzessiv und ihre
Rauschzustände sind weniger ausufernd. Sie trinken eher über den Tag verteilt und halten dabei
einen gewissen Alkoholpegel konstant. Auch die Trinkorte sind andere: Ältere trinken eher zuhause
und allei n, also unbemerkt. In diesem Zusammenhang ist auch auf den verdeckten Alkoholkonsum
hinzuweisen. Stärkungsmittel und Hustensäfte enthalten bis zu 80 % Alkohol. In Kombination mit
weiteren Medikamenten, weiterem Alkoholkonsum oder bei Alkoholproblemen in de r
Vergangenheit kann dies sehr problematische Nebenwirkungen nach sich ziehen.
Schließlich stehen bei Männern und Frauen im höheren Erwachsenenalter andere
Alkoholfolgeschäden im Vordergrund als in jüngeren Jahren. Neben häuslichen Unfällen, wie
Stürzen, sind dies vor allem eine – nicht durch Altersabbau verursachte – verminderte körperliche
und geistige Leistungsfähigkeit und Voralterung der Organe sowie alkoholassoziierte Krankheiten
wie Lebererkrankungen bis hin zur Leberzirrhose, hirnorganische Schädig ungen und
Krebserkrankungen, z. B. der Speiseröhre, der Bauchspeicheldrüse, des Enddarms und der
weiblichen Brust. Ein besonders schwerwiegendes, noch nicht ausreichend beachtetes Problem
ist das der Wechselwirkungen zwischen Medikamenten und Alkohol (Deut sche Hauptstelle für
Suchtfragen (DHS)) .
38
Bewertung der Situation in Münster:
Mit dem Bericht „Sucht im Alter“ hat sich das Gesundheitsamt im Jahr 2013 durch Recherchen
und Befragungen in Praxen, Versorgungseinrichtungen und Experteninterviews ein Bild üb er die
Situation und Versorgung älterer Menschen mit Suchtproblemen verschafft. Zur Erstellung des
Berichtes wurden Daten aus diversen Anbietern der Sucht - , Kranken - und Altenhilfe in Münster
erhoben. Insgesamt nahmen vier psychiatrische Fachkliniken und f ünf Beratungsstellen an der
Umfrage des Gesundheitsamtes teil. Zudem beteiligten sich 23 niedergelassene Hausärztinnen
und - ärzte sowie Fachärzte für Psychiatrie/ Psychotherapie oder Nervenheilkunde aus Münster
an der Umfrage.
Hierbei zeigte sich, dass si ch das Suchtverhalten von Männern deutlich von dem der Frauen
unterscheidet. Di es gilt insbesondere für den Miss brauch von Alkohol und Medikamenten sowie
für die Inanspruchnahme von Hilfe - , Beratungs - und Behandlungsleistungen allgemein.
Fragen und Hypothesen zu Problemstellung und Ursachen
• Sucht im Alter ist in der Öffentlichkeit ein wenig beachtetes Problem.
• Fehlen ausreichende Informationsmöglichkeiten über das Krankheitsbild, Hilfesystem, die
Diagnostik und Therapieformen?
• Fehlen zielgruppen - un d genderspezifische Konzepte?
• Gibt es zu wenige niederschwellige Beratungs - / Informationsangebote?
• Sind Sucht - und Altenhilfe unzureichend vernetzt und deren Mitarbeiter in diesem
speziellen Themengebiet unzureichend qualifiziert?
• Ist das Hilfesystem von der medizinischen Versorgung bis hin zur Apotheke zu wenig
sensibilisiert im Themenfeld Sucht im Alter?
Umfrageergebnis Beratungsstellen (Rücklauf 100 %)
Ältere Menschen gehören bisher nicht zum Klientel. Die Einrichtungen sind nicht auf die
Altersgrup pe 65+ ausgerichtet. Es besteht keine offizielle Vernetzungsstruktur zwischen Alten -
und Suchthilfesystemen.
Umfrageergebnis Kliniken (Rücklauf 100 %)
Alkoholbedingte Anlässe dominieren. Einweisungen bzgl. Abhängigkeit/Missbrauch
von Sedativa sind bei Fra uen häufiger als bei Männern. Die Krankenhausfalldaten für Münster
aus dem Jahr 2010 zeigen keine besonderen Auffälligkeiten, wobei ältere Patientinnen und
Patienten mit einer Suchtproblematik vielfach mit einer anderen Diagnose in die stationäre
Versorgu ng eingewiesen werden. Im Jahr 2010 hat es vier Sterbefälle im Alter 80 und älter (2x
w. und 2x m.) klassifiziert im Sinne ICD F10 – F 19 (psychiatrische Erkrankungen) gegeben.
Umfrageergebnisse aus den Arztpraxen (Rücklauf 21 %)
Die Ergebnisse lassen k eine verlässliche Berechnung zu. Nach Aussage der Praxen weisen 3 – 5
% der Patientinnen und Patienten einen Alkoholmissbrauch und etwa die Hälfte davon eine
manifeste Alkoholabhängigkeit auf. Ähnliches gilt für Patienten in Bezug auf einen
Beruhigungsmittel missbrauch.
39
Umfrageergebnisse aus den Interviews
niederschwellige, altersgemäße Beratungsangebote müssen ausgebaut werden
teilstationäre psychotherapeutische Behandlungsangebote für medikamenten - abhängige
Senioren müssen geschaffen werden
über geeignet e Pflegemaßnahmen für Opiat - /Methadonabhängige ältere Menschen muss
in Zukunft nachgedacht werden
soziale Netze und Betätigungsmöglichkeiten fehlen und müssen ausgebaut werden
ambulant und stationär betreute Wohnformen müssen ausdifferenziert und ausgeweit et
werden
besonderer Pflegebedarf von suchtkranken Menschen in der Altenhilfe muss sichtbarer
werden
gesamter Bereich muss koordiniert werden
Ausbau von Fortbildungsangeboten für Therapeuten, Helfer und Laien
Thema muss aus der Grauzone heraus stärker in die Öffentlichkeit gelangen,
Endstigmatisierung
Problembewusstsein in der medizinischen und pflegerischen Versorgung zur
Medikamentengabe muss sich verändern
Sucht ist ein gesellschaftliches Thema
Entwicklung einer abgestimmten präventiven Arbeit durch unt erschiedliche
Partner vor Ort
Weitere Informationen zum Thema Sucht im Alter gibt der zitierte Bericht des Amtes für
Gesundheit, Veterinär - und Lebensmittelangelegenheiten der Stadt Münster.
7 Handlungsempfehlungen und Umsetzung
Das Gesundheitsamt hat am 13.05.2015 der Kommunale n Gesundheitskonferenz Münster die
Aktivitäten zur Erarbeitung des Männergesundheitsberichtes vorgestellt . Bisher haben sich der
Stadtsportbund, die LWL Klinik, die Ev. Familienbildungsstätte, das Männernetzwerk Münster,
das Frauenbüro, die FDP sowie die SPD Fraktion bereit erklärt, als Arbeitskreis der Kommunalen
Gesundheitskonferenz zum Thema Männergesundheit , an der Entwicklung geeigneter
Handlungsempfehlungen und der weiteren Umsetzung mitzuwirken.
Nach der Vorlage de s Berichtes in Fachausschüssen des Rates der Stadt wird dieser neue
Arbeitskreis der Kommunalen Gesundheitskonferenz seine Arbeit aufnehmen.
40
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Belastung von Männern mit Behinderungen und Beeinträchtigungen in Deutschland -
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Wilkinson, P. (2008). Income inequality and socioeconomic gr adients in mortality. American
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41
Tabellenverzeichnis
Tabelle 1 - Ausgewählte Gesundheitsindikatoren bei Männern in Deutschland in den Jahren
2003 und 2010 (Weißbach & Stiehler, 2013, S. 23) ................................ ......................... 5
Tabelle 2 - Entwicklung der fernen Lebenserwartung im Alter von 65 Jahren seit 1991/1993
nach Geschlecht (Starker, 2013, S. 12) ................................ ................................ ........... 6
Tabelle 3 - Bevölkerungsentwicklung und Altersstruktur. Bevölkerung in absoluten Zahlen,
Anteile der Altersgruppen in Prozent, 1960 - 2060 (BAGSO, 2013, S. S.5; zitiert nach
Statistisches Bundesamt) ................................ ................................ ................................ 7
Tabelle 4 - Stadt Münster - Bevölkerungsentwicklung und Bevölkerungsprognose nach
Altersgruppen ................................ ................................ ................................ .................. 7
Tabelle 5 - Prozentualer Anteil der häufigsten Tumorlokalisationen an allen Krebsneu -
erkrankungen bei Männern in Deutschland im Jahr 2008 (Starker, 2013, S. 34). ............ 9
Tabelle 6 - Prozentualer Anteil der häufigsten Tumorlokalisationen an allen Krebssterbefällen
bei Männern in Deutschland im Jahr 2008 (Starker, 2013, S. 35) ................................ .... 9
Tabelle 7 - Vorgeschlagene diagnostische Kriterien für „männliche Depression“ (Pollack, 1998)
................................ ................................ ................................ ................................ ..... 10
Tabelle 8 - Die häufigsten Krankheiten, die bei Männern und Frauen (BKK Dachverband) im
Jahr 2011 zur Arbeitsunfähigkeit führten (Weißbach & Stiehler, 2013, S. 22) ................ 11
Tabelle 9 - Krankheitstage wegen Burn - out - Syndrom je 1000 BKK Versicherte nach
Geschlecht, 2004 - 2011 (Weißbach & Stiehler, 2013, S. 21) ................................ .......... 12
Tabelle 10 - KlientInnen mit und ohne Migrationsvorgeschichte 2013 ................................ ...... 12
Tabelle 11 - Diagnoseverteilung nach Geschlecht 2013 – Gesamtheit aller Klienten im
Sozialpsychiatrischen Dienst ................................ ................................ ......................... 13
Tabelle 12 - Abhängigkeitserkrankungen (n= 521) – Gesamtheit aller Klienten im
Sozialpsychiatrischen Dienst ................................ ................................ ......................... 13
Tabelle 13 - Suizide Stadt Münster 2010 - 2012 (IT. NRW, 2014) ................................ .............. 14
Tabelle 14 - Risikofaktoren für Suizid bei Männern (Möller - Leimkühler, 2008). ......................... 14
Tabelle 15 - Anteil der männlichen Raucher nach Bildung in den verschiedenen Altersgruppen
(Starker, 2013, S. 30). ................................ ................................ ................................ ... 15
Tabelle 16 - Rauchquoten nach Berufsgruppen bei 18 - bis 59 - j ährigen vollzeitbeschäftigten
Männern (Starker, 2013, S. 31). ................................ ................................ .................... 15
Tabelle 17 - Anteil der Personen mit mindestens einem Unfall mit ärztlicher Behandlung in den
letzten 12 Monaten nach Alter (Starker, 2013, S. 20). ................................ ................... 18
Tabelle 18 - Vorsorgeuntersuchungen für Ki nder - entnommen von www.familienratgeber -
nrw.de ................................ ................................ ................................ ........................... 20
Tabelle 19 - Zusätzliche Vorsorgeuntersuchungen für Kinder entnommen von
www.familienratgeber - nrw.de ................................ ................................ ........................ 21
Tabelle 20 - Vorsorge - und Früherkennungsuntersuchungen für Männer ................................ . 22
Tabelle 21 - Bevölkerung in Nordrhein - Westfalen mit Angaben zu Körpergewicht und - größe (IT.
NRW, 2014) ................................ ................................ ................................ .................. 24
Tabelle 22 - Anteil der Raucher an der männlichen Bevölkerung nach Alter (Starker, 2013, S.
29) ................................ ................................ ................................ ................................ 26
Tabelle 23 - Aufhörquote (Anteil der Ex - Raucher an Männern, die jemals mit dem Rauchen
begonnen haben) in der männlichen Bevölkerung nach Alter (Starker, 2013, S. 32) ..... 26
Tabelle 24 - Entwicklungspsychologische Besonderheiten im spätem Lebensalter .................. 33
42
Beratungsverlauf (3)
Beschluss: zur Kenntnis genommen
Zur SitzungBeschluss: zur Kenntnis genommen
Zur SitzungBeschluss: zur Kenntnis genommen
Zur SitzungOrte (1)
- Dahlweg
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Details
- Aktenzeichen
- V/0078/2015
- Typ
- Vorlagen
- Datum
- 06.08.2015
- Erstellt
- 06.10.2020 14:37