V/0023/2020
Familiensprechstunde - Abschlussbericht eines Präventionsprojektes für Kinder und Jugendliche mit psychisch kranken oder suchtkranken Eltern
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Anlage A
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Anlage A zur V/0023/2020 Kurzüberblick Die Familiensprechstunde für Kinder psychisch erkrankter und suchterkrankter Eltern ist ein Prä- ventionsprojekt in psychiatrischen Kliniken, das im Rahmen der Landesinitiative NRW „Starke Seelen“ vom Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales NRW (MAGS) im Zeitraum zwi- schen dem 01.10.2016 und dem 31.03.2019 finanziell gefördert wurde. Das Gesundheits- und Veterinäramt der Stadt Münster führte die Familiensprechstunde als Pilotprojekt in der LWL-Klinik Münster durch. Die finanzielle Förderung durch das Land NRW betrug 55.000 Euro, der kommu- nale Eigenanteil belief sich auf 15.000 Euro. Der Abschlussbericht liegt dem MAGS seit November 2019 vor. 2019 ermöglichte eine Stellenerweiterung im Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienst der Ab- teilung „Psychische Gesundheit“ des Gesundheits- und Veterinäramtes die Verstetigung des Prä- ventionsangebotes. Seit dem 01.04.2019 wird die Familiensprechstunde als Regelangebot in mo- difizierter Form in der LWL-Klinik Münster fortgesetzt. Ziele/Teilziele/Zielerreichung Die Familiensprechstunde in der LWL-Klinik hat das Ziel, betroffene Kinder und Jugendliche als Angehörige frühzeitig zu erreichen, nachhaltig zu fördern und ihre Gesundheit zu stärken. Das Präventionsangebot spricht insbesondere die Familien an, die Angebots- und Hilfestrukturen im Stadtteil nicht ausreichend, nicht vernetzt und nicht zielführend nutzen können. Durch die Einbin- dung der Familiensprechstunde in die kommunalen Präventions- und Hilfeketten in Münster wer- den Doppelstrukturen vermieden, Schnittstellen zu anderen Hilfesystemen verbessert und Netz- werkstrukturen ausgebaut. Die ressourcenorientierte Familiensprechstunde hat sich als niedrigschwelliges und flexibles Prä- ventionsangebot bewährt. Es stellt eine Ergänzung zu den bisherigen Förder- und Hilfestrukturen in der Stadt dar. Finanzierung Produktgruppe: 0701 Gesundheitsdienst Auswirkungen auf den Ergebnisplan Ja x Nein Auswirkungen auf den Finanzplan Ja x Nein Im beschlossenen (Nachtrags-)Haushaltsplan 2020 enthalten? Ja Nein x teilw. Im Entwurf des (Nachtrags-)Haushaltsplan JJJJ enthalten? Ja Nein teilw. Belastungen in zukünftigen HH-Jahren? Ja Nein x stellen- planab- hängig Bereits veranschlagt? Ja Nein Pflichtigkeitsgrad Die Maßnahme/Leistung ist vollständig pflichtig überwiegend pflichtig x überwiegend freiwillig vollständig frei- willig Unmittelbare, grundsätzliche Relevanz für Querschnittsthemen (Demographie, Gleichstellung, Inklusion, Klimaschutz, Migration) Die Vorlage nimmt Bezug auf das Thema: Inklusion bei psychisch besonders belasteten Perso- nengruppen.
Berichtsvorlage
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V/0023/2020 V/0023/2020 Öffentliche Berichtsvorlage Betrifft Familiensprechstunde - Abschlussbericht eines Präventionsprojektes für Kinder und Jugendliche mit psychisch kranken oder suchtkranken Eltern Beratungsfolge 11.03.2020 Ausschuss für Soziales, Stiftungen, Gesundheit, Verbrauche r- schutz und Arbeitsförderung Bericht 17.03.2020 Kommission zur Förderung der Inklusion von Menschen mit B e- hinderungen Bericht 18.03.2020 Ausschuss für Kinder, Jugendliche und Familien Bericht 05.05.2020 Ausschuss für Gleichstellung Bericht Bericht: Psychische Erkrankungen und Suchterkrankungen der Eltern belasten die gesamte Familie, insb e- sondere aber die gesundheitliche und soziale Entwicklung der schutzbedürftigen Kinder. Obwohl sich in den letzten Jahren in der Stadt Münster differenzierte Angebote und Vernetzung s- strukturen für Kinder psychisch kranker und suchtkranker Eltern entwickelt haben, erhielten die belas- teten Familien in der Regel immer noch zu spät die notwendigen und adäquaten Unterstützungen, oft erst nach dem Auftreten vielfältiger Probleme. Ein gezielterer Zugangsweg über die elterlichen B e- handlungsstrukturen fehlte. Auf der Grundlage dieser Erkenntnisse entwickelte das Gesundheits - und Veterinäramt 2015 das Präventionsprojekt „Familiensprechstunde in psychiatrischen Kliniken“. 2016 bewilligte das damalige Ministerium für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter des Landes NRW (MGEPA), im Rahmen der Landesinitiative „Starke Seelen“, die finanzielle Förderung des Pilotprojektes in der LWL -Klinik Münster. Die Umsetzung erfolgte vom 01.10.2016 bis zum 31.03.2019. Die projektbezogene Familiensprechstunde richtete sich sowohl an die betroffenen Eltern als auch an deren minderjährige Kinder. Sie sprach insbesondere die Familien an, die Angebots- und Hilfestruktu- ren im Stadtteil nicht ausreichend, nicht vernetzt oder nicht zielführend nutzen konnten. Es wurden bis zu acht Beratungs- und Diagnostikgespräche für jede Familie angeboten. Diese waren geschlechte r- gerecht und kultursensibel ausgerichtet. Es gab keine diagnostischen Ausschlusskriterien. Die Ber a- tung beinhaltete sowohl verhältnisbezogene als auch verhaltensbezogene Elemente und berücksic h- tigte die Lebenswelten der Familien (Setting -Ansatz). Dabei wurde der altersangepassten Informat i- onsvermittlung und Aufklärung der Kinder über die Erkrankung des betroffenen Elternteils (Psych o- edukation) ein besonderer Stellenwert eingeräumt. Nach den Erstkontakten in der Klinik konnten die Gespräche im Gesundheitsamt oder im häuslichen Kontext (Hausbesuche) fortgesetzt werden. Neben den Eltern und deren minderjährigen Kindern Gesundheits- und Veterinäramt 26.02.2020 Ihr/e Ansprechpartner/in: Frau Dr. Siemer-Eikelmann Telefon: 492-5350 Siemer-Eikelmann@stadt- muenster.de - 2 - V/0023/2020 wurden auch wichtige Bezugs personen (z. B. Großeltern) in die Beratung einbezogen. Ferner kon n- ten sich psychisch erkrankte schwangere Frauen beteiligen. Zur Stärkung der Betroffenensicht (Partizipation) wirkte im Projekt von Beginn an eine Genesungsb e- gleiterin (Expertin aus Erfahrung, Ex-IN NRW e. V.) mit. Die wissenschaftliche Begleitung und Evaluation des Projektes übernahm das Zentrum für Empir i- sche Pädagogische Forschung (zepf) der Universität Koblenz-Landau. Den politischen Gremien der Stadt Münster wurde im Oktober 2018 ein Zwischenbericht vorgelegt. Seit November 2019 liegt der Abschlussbericht des Projektes vor. Die Auswertung der Daten ergab, dass die ressourcenorientierte Familiensprechstunde in der LWL - Klinik eine niederschwellige und flexible Ergänzung zu den bisherigen Förder - und Hilfestrukturen in der Stadt darstellt. 55 Familien hatten sich am Projekt beteiligt, 55 % von ihnen waren dem Gesundheits - und Veteri- näramt bislang nicht bekannt gewesen. Insofern konnten viele Eltern durch das Projekt erstmalig auf die Möglichkeiten zur präventiven Unterstützung ihrer Kinder hingewiesen werden. Besonders positiv ist zu bewerten, dass Familien mit zusätzlichen Risikofaktoren (Migration, Alleine r- ziehung, fi nanzielle Not) zur Inanspruchnahme von Hilfen motiviert werden konnten. Bei einko m- mensschwachen Familien erwies sich die stets mitgedachte Finanzierung präventiver Maßnahmen (z. B. Sport-, Musik- und Kreativangebote) als überaus wirksam. Durch die Unterstützung dieser Familien bei der Beantragung von Geldern (Stiftungen, Bildungs - und Teilhabepaket) wurden die empfohlenen Maßnahmen für die Kinder konsequenter umgesetzt. Auch aus systemischer Sicht wurden durch die Familiensprechstunde positive Entwicklunge n ange- stoßen. Die Betroffenen bestätigten, dass sie im Projekt neue Erkenntnisse im Umgang mit der E r- krankung, der familiären Kommunikation und den sozialraumorientierten Unterstützungsmöglichkeiten erwerben konnten. Viele Familien nahmen leider nicht bis zum Abschluss am Projekt teil: Nur 36 Familien schlossen die Basisdokumentationen komplett ab, nur 25 Familien beendeten das Projekt mit allen Evaluationsb ö- gen. Diese – auch in anderen Studien beschriebene - hohe „Dropout“-Rate war den Besonderheiten dieser hochbelasteten Familien und der aufwändigen Evaluation geschuldet. Die Familiensprechstunde in der LWL -Klinik fügte sich in das bereits bestehende und gut funktioni e- rende Netzwerk kommunaler Angebote und Kooperationen in Münster ein - ohne Parallelstrukturen zu entwickeln. Die untersuchten Kinder und Jugendlichen konnte n in der Familiensprechstunde früh- zeitiger als bisher zur Gesundheitsförderung motiviert werden. Dennoch lagen bei fast 45 % von ihnen bereits auffällige oder grenzwertige psychische St örungen vor, v. a. im Bereich Aufmerksa m- keit, Ängstlichkeit und Depressivität. Dies entspricht den Ergebnissen anderer Studien. Die guten Kenntnisse der Beraterinnen zu universellen, selektiven und indizierten Präventionsang e- boten in der Stadt Münster ermöglichten es, passende Hilfen für die betroffenen Kinder und Jugendl i- chen zu vermitteln und Zugangshemmnisse zu reduzieren. Es wurden insgesamt 67 Angebote von primär stärkenden Maßnahmen im Freizeitbereich, über Patenschaften bis hin zu ärztlich - therapeutischen Hilfen empfohlen . Als besonders wirksam wurde die Vermittlung in die spezifischen Gruppenangebote für Kinder psychisch kranker Eltern (Auryn -Gruppen) und Kinder suchtkranker E l- tern (Tembo-Gruppen) erlebt. Während der Projektzeit hat es sich bewährt, dass die Federführung für die Familiensprec hstunde beim Gesundheitsamt ange siedelt ist . Auch der Abschlussbericht der Arbeitsgruppe „Kinder ps y- chisch- und suchterkrankter Eltern“ der Bundesregierung von Dezember 2019 weist darauf hin, “dass dem Öffentlichen Gesundheitsdienst eine zentrale und wirkungsvolle Rolle als Koordinator für regi o- nale Netzwerke zukommt, indem er die Leistungen der Prävention, der Kinder- und Jugendhilfe sowie psychiatrischer Hilfen für psychisch erkrankte Eltern zusammenbringt.“ Die Familiensprechstunde wird seit dem 01.04.2019 in modifizierter Form in der LWL-Klinik als Rege- langebot des Kinder - und Jugendpsychiatrischen Dienstes der Abteilung „Psychische Gesundheit“ des Gesundheitsamtes mit durchschnittlich 10 Wochenstunden fortg esetzt (Verstetigung). Auf Wunsch kann sie auch in den anderen psychiatrischen und psychotherapeutischen Kliniken in Mün s- ter durchgeführt werden. - 3 - V/0023/2020 Trotz der positiven Erfahrungen gibt es aber auch Verbesserungsbedarf , hier erfolgt eine Anpassung der Familiensprechstunde: Die Familiensprechstunde sollte noch von deutlich mehr Patientinnen und Patienten der Klinik in Anspruch genommen werden. Insbesondere müssen die Zugangshemmnisse der unterre- präsentierten psychotischen und suchterkrankten Eltern genauer identifiziert und vermindert werden. Hierzu bedarf es gezielter Anstrengungen. Die Anzahl der Evaluationsbögen wird reduziert, um die Familien zu entlasten. Die Rolle der unterrepräsentierten Väter sollte stärker in den Blick genommen werden. Es bedarf weiterer Anstrengungen, die Kooperation zwischen der Erwachsenenpsychiatrie und der Jugendhilfe zu verbessern. Die psychiatrischen und psychotherapeutischen Praxen in Münster, die bislang kaum in die Vernetzung eingebunden sind, sollten vermehrt über die Familiensprechstunde informiert wer- den. In Vertretung Cornelia Wilkens Stadträtin Anlagen: Abschlussbericht Präventionsprojekt: Familiensprechstunde Kinder und Jugendliche mit psychisch kranken oder suchtkranken Eltern als Angehörige frühzeitig erreichen und nachhaltig fördern
Familiensprechstunde_Abschlussbericht2019-druck
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1
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In Kooperation mit
Gefördert durch
Impressum:
Herausgeberin: Stadt Münster
Gesundheits- und Veterinäramt
Projektverantwortung
sowie Text und Redaktion: Dr. Annette Siemer-Eikelmann
Projektdurchführung: Roswitha Sterz
Julia Düvel
Wissenschaftliche Begleitung
und Evaluation: PD Dr. Gabriele E. Dlugosch, ZEPF
November 2019
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Inhaltsverzeichnis
1. Hintergrund
1.1. Kinder psychisch kranker und suchtkranker Eltern
1.2. Präventive Projekte
1.3. Situation in Münster
2. Familiensprechstunde
2.1. Projektentwicklung
2.2. Umsetzung
3. Projektauswertung
3.1. Fragestellungen
3.2. Messinstrumente
3.3. Ergebnisse
3.4. Diskussion
4. Schlussfolgerungen
4.1. Fazit für die Praxis
4.2. Ausblick
Literatur
Anhang
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1 Hintergrund
1.1 Kinder psychisch kranker und suchtkranker Eltern
Psychische Erkrankungen und Suchterkrankungen der Eltern belasten die gesamte Familie,
insbesondere aber die schutzbedürftigen Kinder.
Zu Kindern psychisch kranker Eltern gibt es schon seit mehreren Jahrzehnten
Forschungserkenntnisse und gesundheitsförderliche Projekte. Deshalb wird diese
Risikogruppe im Theorieteil quantitativ etwas mehr berücksichtigt als Kinder suchtkranker
Eltern. Dies ist aber keine inhaltliche Gewichtung.
„Kinder psychisch kranker Eltern haben durch eine Verschränkung genetischer und
psychosozialer Belastungsfaktoren ein deutlich höheres Risiko selbst psychisch zu
erkranken. Sie sind oftmals über einen langen Zeitraum elterlichen Verhaltensweisen
ausgesetzt, die sie weder verstehen noch verarbeiten können. Dies führt zu einer
Verunsicherung in der eigenen Wahrnehmung. Die Tabuisierung der psychischen
Erkrankung erschwert den offenen Umgang mit der Krankheit und verstärkt die soziale
Isolierung der Kinder. Ausgeprägte Schuld- und Verantwortungsgefühle gegenüber dem
erkrankten Elternteil belasten den Alltag. Hinzu kommen Störungen im Bindungsverhalten
und im Ablöseprozess, wenn der Rückgriff auf eine emotional sichere und kontinuierliche
Elternbasis nicht gegeben ist“ (Siemer-Eikelmann 2015, Seite 4).
„Erwachsene mit psychischen Erkrankungen verfügen meist über kleinere soziale Netzwerke
und weniger unterstützende Kontakte als gesunde Menschen“ (Stiawa und Kilian 2017, Seite
602). Sie sind öfter alleinerziehend. Aber auch Armut, Arbeitslosigkeit, Wohnungsverlust,
frühe Mutterschaft, elterliche Misshandlungserfahrungen und familiärer Stress sind bei
diesen Familien überrepräsentiert (Albermann et al. 2019). Insbesondere die Kumulation
mehrerer Stressfaktoren verstärkt die erzieherische Überforderung der Eltern und erhöht die
Wahrscheinlichkeit einer ungünstigen kindlichen Entwicklung. Deshalb stellen psychisch
kranke und suchtkranke Eltern eine bedeutsame Risikogruppe für kindliche Misshandlungen
und Vernachlässigungen dar (Herpertz und Grabe 2019).
Elterliche Erkrankung und kindliche Entwicklung können sich in einem unheilvollen Kreislauf
selbst verstärken: Je höher die Stressexpositionen der Kinder sind, desto wahrscheinlicher
kommt es zu kindlichen Entwicklungsstörungen, die eine weitere psychische
Dekompensation der Eltern begünstigen, was wiederum negative Auswirkungen auf die
Sicherstellung der kindlichen Bedürfnisse hat und die familiäre Funktionalität weiter
einschränkt.
Bei konservativer Schätzung und Berücksichtigung von Komorbiditäten kann davon
ausgegangen werden, dass ca. drei Millionen Kinder und Jugendliche in Deutschland im
Laufe ihrer Kindheit von einer psychischen Erkrankung ihrer Eltern betroffen sind (Herpertz
und Grabe 2019). Mindestens ebenso viele Minderjährige sind durch eine Suchterkrankung
ihrer Eltern belastet (Klein et al. 2012). 72% der psychisch erkrankten Eltern leben mit ihren
Kindern zusammen (Lenz 2011).
Trotz der deutlich erhöhten Auffälligkeitsraten betroffener Kinder und Jugendlicher zeigt
immerhin ein Drittel keine klinisch relevanten Störungen (Hoff und Pietsch 2012). Diese
Widerstandskraft wächst unter fördernden und wohlwollenden Bedingungen. Die Familien
sind deshalb auf ein gut entwickeltes Netzwerk flexibler struktureller, sozialer, pädagogischer
und therapeutischer Hilfen angewiesen. Hierdurch wird es den belasteten Mädchen und
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Jungen erleichtert, ihre Fähigkeiten und Ressourcen für eine gesunde
Persönlichkeitsentwicklung zu nutzen.
„Die Sensibilisierung von Fachpersonen für dieses Thema, frühe Interventionen und die
angemessene Unterstützung betroffener Familien können daher wesentlich zu einer
Verbesserung der kindlichen Entwicklungsstörungen, ihrer Lebensqualität und zu einer
Reduktion späterer psychischer Störungen beitragen“ (Wiegand-Grefe et al. 2019, Seite 77).
1.2 Präventive Projekte
„Das Prinzip der Präventionsansätze für die Risikogruppe der Kinder psychisch kranker
Eltern besteht darin, die häufig vorhandenen psychosozialen Belastungen zu reduzieren und
individuelle und soziale Schutzfaktoren zu stärken, um eine normale Entwicklung zu
ermöglichen“ (Mattejat und Remschmidt 2008, Seite 417).
Die ersten deutschsprachigen Publikationen und Initiativen, die sich mit dem Thema „Kinder
psychisch kranker Eltern“ beschäftigten, entstanden vor 25 Jahren. Seither sind Kinder als
belastete Angehörige langsam aber kontinuierlich in den Fokus der Fachöffentlichkeit
gerückt.
In den letzten 10 Jahren entwickelten sich viele kommunale und überregionale Projekte für
eine verbesserte Versorgungssituation dieser hochbelasteten Familien. Auch Politik und
Forschungsinitiativen erkannten die Notwendigkeit, Kinder psychisch kranker und
suchtkranker Eltern möglichst früh in ihrer Entwicklung zu stärken.
2011 gab der Dachverband Gemeindepsychiatrie e. V. erstmals ein Projekte- und
Finanzierungshandbuch „Hilfen für Kinder psychisch kranker Eltern“ heraus (Görres und
Pirsig 2011). Dieses basierte auf einer breit gestreuten bundesweiten Onlinebefragung vieler
Organisationen aus dem Bereich der Jugendhilfe und der Gesundheitshilfe, bei der
bestehende bewährte Konzepte und länderbezogene Bedarfe ermittelt und veröffentlicht
wurden.
Die Kinderkommission des Deutschen Bundestages befasste sich 2013 mit der Situation von
Kindern psychisch kranker Eltern und empfahl, Präventionsstrukturen dort zu schaffen, wo
die Familien bereits mit dem Gesundheitssystem oder mit psychosozialen Strukturen Kontakt
haben (Walter-Rosenheimer 2013).
Der Deutsche Bundestag hat den fachlichen Diskurs aufgegriffen und im Juni 2017
einstimmig den Antrag „Hilfen für Kinder psychisch kranker Eltern“ beschlossen (Deutscher
Bundestag 2017). Hierdurch sollten förderliche Rahmenbedingungen und Hemmnisse
identifiziert, Schnittstellenprobleme aufgedeckt, Lösungsvorschläge erarbeitet und
verbindliche Netzwerkstrukturen aufgebaut werden. Eine zeitlich befristete interdisziplinäre
Arbeitsgruppe traf sich erstmalig im März 2018, um die Thematik zu bearbeiten - unter
Beteiligung des Familien-, des Sozial- und des Gesundheitsministeriums, der
Krankenkassen, relevanter Fachverbände und -organisationen, sowie weiterer
Sachverständiger. Ein Abschlussbericht wird Ende 2019 erwartet.
Es gibt bisher keine systematische Etablierung präventiver Angebote für Kinder und
Jugendliche psychisch kranker und suchtkranker Eltern in Deutschland. Darüber hinaus fehlt
es an einer systemübergreifenden Vernetzung (Kölch et al. 2019). Bislang sind die
vielfältigen Praxisinitiativen oft zeitlich befristet, nicht zielführend koordiniert und nicht
ausreichend hinsichtlich der Effekte evaluiert.
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Es gibt grundsätzliche Probleme: Nicht jedes Programm ist gleichermaßen für jede
Problematik und jede Konstellation geeignet. Unterschiedliche Erkrankungen der Eltern (z.B.
Depression, Schizophrenie, Sucht), Schweregrade und Verläufe bedingen differente
Vorgehensweisen. Auch altersspezifische Entwicklungsaufgaben, Resilienzfaktoren und
Belastungsgrade der Kinder müssen Berücksichtigung finden. Bei fast allen Konzepten
werden Effektmodulationen durch den sozioökonomischen Status (Armut, Arbeitslosigkeit,
Wohnverhältnisse) nicht hinreichend berücksichtigt. Familien mit psychisch kranken oder
suchtkranken Eltern sind durch Komm-Strukturen generell schlecht erreichbar. Sie gehören
überproportional oft zu Studienabbrechern (hohe Dropout-Rate), deren Ergebnisse somit
nicht in die Bewertungen einfließen (Wiegand-Grefe et al. 2019).
Die meisten Projekte, die sich an Kinder psychisch kranker oder suchtkranker Eltern richten,
wollen die selektive Prävention für diese Risikogruppe fördern.
Eine indizierte Intervention läge dann vor, wenn nur die Kinder psychisch kranker oder
suchtkranker Eltern angesprochen würden, die bereits Auffälligkeiten zeigen. Darüber hinaus
gibt es die universelle Prävention, die sich an alle Kinder richtet. Diese wird beispielsweise in
den breit und systematisch angelegten „Frühen Hilfen“ für Familien mit Säuglingen und
Kleinkindern gewährt (Pillhofer et al. 2016).
Zunächst stärkten die Präventionsprojekte vorwiegend die elterlichen Beziehungs- und
Erziehungskompetenzen. Es wurde aber deutlich, dass vor allem ab dem Schulalter die
betroffenen Kinder selbst von frühen Interventionen zur Steigerung der Selbstwirksamkeit
und Emotionsregulation profitieren. Neben diesen individuellen (verhaltensbezogenen)
Ansätzen wurden gleichzeitig strukturelle (verhältnisbezogene) Verbesserungen der
Rahmenbedingungen als notwendig angesehen, damit sich die Hilfen nicht in einzelnen
Maßnahmen erschöpfen, sondern systematisch, koordiniert, integriert und abgestimmt ihre
Wirksamkeit entfalten können. Die Umsetzung des Präventionsgesetzes in NRW (Hirsch
2019) fordert, dass Projekte zur Gesundheitsförderung sowohl verhaltens- als auch
verhältnisbezogene Maßnahmen beinhalten müssen, die in den Lebenswelten der Familien
(Kommunen) angesiedelt sind (Setting-Ansatz).
Die Familien mit psychisch kranken oder suchtkranken Eltern haben meist wenig Kenntnis
über Präventionsmaßnahmen oder gesundheitsfördernde Angebote. Im „Dschungel“ der
sozialraumorientierten Hilfestrukturen fühlen sie sich oft verloren. Auch wenn sie informiert
sind, gibt es zahlreiche Zugangshemmnisse: Zeitliche und organisatorische Überforderung,
Scham, Angst vor Stigma, Isolation, mangelndes Vertrauen in die Hilfesysteme, Sorgen vor
externer Kontrolle und Kindesentzug, fehlende Krankheitseinsicht oder Verdrängung der
kindlichen Belastungen.
Deshalb sind Fragen zur Passgenauigkeit der Hilfen wesentlich: Erreichen die Angebote die
Familien? Werden die individuellen Bedarfe der betroffenen Familien ausreichend
berücksichtigt? Sind die Hilfen koordiniert und abgestimmt? Sind die Angebote eingebettet in
die kommunalen Vernetzungsstrukturen?
Hinsichtlich der altersbezogenen Fähigkeiten und Bedürfnisse der betroffenen Kinder und
Jugendlichen kommen im Vorschulalter (bis zum 6. Lebensjahr), in der mittleren
Entwicklungsphase (6.-12. Lebensjahr) und im Jugendalter (ab dem 12. Lebensjahr)
unterschiedliche Interventionen zum Einsatz.
In den ersten Lebensjahren der Kinder steht die Beratung und Unterstützung der erkrankten
Eltern im Vordergrund, um ihre emotionale Feinfühligkeit zu stärken, ihre Erziehungsfähigkeit
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zu fördern und die Bindungsvoraussetzungen zu verbessern. Ab dem Grundschulalter
werden die Kinder verstärkt in den Fokus genommen. Nun geht es vor allem um die
Unterstützung von Ressourcen und Bewältigungsstrategien aber auch um
Emotionsregulation und soziale Kompetenzen. Im Jugendalter stehen entsprechend den
Entwicklungsaufgaben die Loyalitätskonflikte sowie die Förderung der Autonomie und der
Selbstwirksamkeit im Vordergrund der Interventionen.
Ab dem 8. Lebensjahr haben sich psychoedukative Interventionen als förderlich und wirksam
erwiesen, (Lenz 2010; Schaub 2010). Hierbei erhalten Kinder und Jugendliche im
dialogischen Prozess altersangemessene Informationen zur elterlichen Erkrankung. Ziel ist
es, Ängsten, Verantwortungsverschiebungen und Schuldgefühlen früh zu begegnen.
Vorreiter familienorientierter Hilfen bei psychisch kranken Eltern ist William Beardslee aus
Boston. Er entwickelte bereits in den 90er Jahren präventive familiäre Interventionsstrategien
bei depressiven Eltern und deren Kindern im Alter zwischen 8 und 15 Jahren (Beardslee et
al. 1997). Die evidenzbasierte „Preventive Family Intervention“ (FI) wurde seither in
mehreren europäischen Ländern adaptiert. Eine deutsche Übersetzung liegt seit 2009 vor
(Beardslee 2009).
Auch das seit über 10 Jahren bestehende finnische Programm „Effective Family Programm“
(EFP) hat sich aus der Familienintervention nach Beardslee entwickelt. Das Programm ist
ausgerichtet auf Minderjährige im Alter zwischen 8 und 16 Jahren mit einem psychisch
erkrankten Elternteil. Ziele sind Ressourcenstärkung der Kinder, Elterntraining und
Netzwerkbildung. In einer randomisierten kontrollierten Studie konnten bei den Kindern u. a.
eine Reduktion von emotionalen Symptomen und eine signifikante Steigerung des
prosozialen Verhaltens nachgewiesen werden (Punamäki et al. 2013).
Weitere evaluierte Präventionsprojekte sind in verschiedenen europäischen Ländern, USA
und Australien entwickelt worden (z. B. CHAMPS, PATS, You are okay, Sterk, A Jump
Foreward).
Von den deutschen Initiativen und Projekten für Kinder psychisch kranker und suchtkranker
Eltern werden exemplarisch einige Programme näher erläutert. Sie sind überwiegend
evidenzbasiert evaluiert, konnten meist an verschiedenen Standorten etabliert werden und
sind teilweise in verbindliche Kooperationsstrukturen eingebettet.
Das Manual „Ressourcen psychisch kranker und suchtkranker Eltern stärken“ (Lenz 2018)
zielt darauf ab, die Eltern in ihren Erziehungs- und Beziehungskompetenzen zu fördern und
hierdurch die Risiken von Kindeswohlgefährdungen zu mindern. Es eignet sich deshalb
besonders im Vorschulalter. Das Gruppenprogramm wurde zwischen 2016 und 2018 von 68
Kooperationspartnern in 26 Kreisen und kreisfreien Städten in NRW implementiert und
evaluiert (Krane-Naumann und Lenz 2018). Der Caritasverband für die Stadt Münster e. V.
(Kinder-, Jugend- und Familienhilfen) war beteiligt. Die abschließende Befragung der
Teilnehmer und Fachkräfte ergab positive Effekte bei den Eltern hinsichtlich der
Mentalisierungsfähigkeit, der Stressregulation und dem Ausbau sozialer Beziehungen.
Das 2010 entwickelte Bielefelder Programm „Kanu“ richtete sich zunächst an Kinder und
Jugendliche zwischen 6 und 14 Jahren, deren Eltern affektiv oder schizophren erkrankt sind.
In einer kleinen randomisiert kontrollierten Studie zeigten sich signifikante Verbesserungen in
den familiären Kategorien: Zuwendung, Ablehnung, Zutrauen (Wiegand-Grefe et al. 2019).
Mittlerweile gehört Kanu als Kooperationsprojekt zur Regelversorgung in der Stadt Bielefeld.
Es besteht aus Eltern- und Kindergruppen, Familiengesprächen, Patenschaftsangeboten,
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Elterncafé und Vernetzung (Evangelisches Klinikum Bethel und Deutscher Kinderschutzbund
e. V. Bielefeld 2017).
Alle kindlichen Altersgruppen zwischen 3 und 21 Jahren und alle elterlichen Diagnosen deckt
das familienbezogene Interventionsprogramm „Children of mentally ill parents“ (CHIMPS) ab.
Im multizentrischen bundesweiten Projekt sollen Kinder und Jugendliche von psychisch
kranken oder suchtkranken Eltern frühzeitig während der elterlichen Behandlung in der
Erwachsenenpsychiatrie auf ihren Unterstützungsbedarf untersucht werden. Im Fokus der
Familien-, Eltern- und Kindergespräche stehen die Psychoedukation, die Implementierung
weiterführender Hilfen und die familienorientierte Intervention (Kölch et al. 2019).
Kinder, die nicht auffällig sind, erhalten eine Präventionsmaßnahme (CHIMPS-P). Kinder, die
bereits Störungen zeigen, profitieren von einer familienorientierten Therapie (CHIMPS-T).
Für Kinder in ländlichen Regionen mit eingeschränktem Zugang zu Versorgungsangeboten
ergänzt mittlerweile eine Online-Intervention mit therapeutischer Begleitung das
Projektdesign (e-CHIMPS). In einer randomisiert kontrollierten Vorstudie 2007 bis 2011
zeigten sich signifikante Verbesserungen der Lebensqualität, der psychischen Gesundheit,
der sozialen Unterstützung und der Krankheitsbewältigung (Wiegand-Grefe 2019). Der
Ansatz wurde 2014 bis 2018 in randomisiert kontrollierten Studien erneut evaluiert, gefördert
vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF). Abschließende Ergebnisse
liegen noch nicht vor.
Für Familien mit suchterkrankten Eltern gibt es bislang kaum evidenzbasierte präventive
Konzepte. Das „Trampolin“-Manual ist eines der wenigen, das als Bundesmodellprogramm
zwischen 2008 und 2012 entwickelt, standardisiert und evaluiert wurde. Die Erprobung lief
an 27 Standorten in Deutschland. Das Gruppenprogramm richtet sich an Kinder im Alter
zwischen 8 und 12 Jahren, deren Eltern eine stoffgebundene Abhängigkeit aufweisen. Das
Manual beinhaltet den Umgang mit Emotionen, Copingstrategien, Enttabuisierung der Sucht
und Reduktion der psychischen Belastung. Im Abschlussbericht an das Bundesministerium
für Gesundheit (BMG) wurden positive Effekte hinsichtlich der psychischen Belastung der
Kinder, der Kenntnisse über Suchtverhalten und der Stressbewältigungskompetenz attestiert
(Klein et al. 2012).
Da die Studienlage insgesamt auf zu wenigen validen Daten fußt, können beim derzeitigen
Forschungsstand keine generalisierbaren Aussagen zu effektiven präventiven Interventionen
bei betroffenen Kindern und Jugendlichen abgeleitet werden (Wiegand-Grefe et al. 2019).
Die geringe Teilnehmerzahl und die hohe Abbrecherquote (Dropout-Rate) erschweren die
Übertragbarkeit der Ergebnisse. In der Vorstudie bei CHIMPS beispielsweise setzten von
anfangs 53 Familien (T1) nur 27 (T2) das Projekt fort, in der Kontrollgruppe (Warteliste)
wirkten 14 Familien mit (Wiegand-Grefe 2019).
Die Betroffenensicht in Form einer trialogischen Partizipation (gleichberechtigte Beteiligung
der Betroffenen, der Angehörigen und der Fachleute) ist in der Entwicklung der
Forschungsprojekte bislang weitestgehend vernachlässigt worden.
10-30 % der aufgenommenen Mütter und Väter in psychiatrischen Kliniken haben
minderjährige Kinder (Clemens et al. 2018). Die meisten Psychiaterinnen und Psychiater
sind über die Versorgungs- und Betreuungssituation der Kinder ihrer Patientinnen und
Patienten unzureichend informiert (Franz et al. 2012). 37% der behandelten Väter und Mütter
aus mehreren psychiatrischen Kliniken in Deutschland beklagten, dass sich die Ärzteschaft
nicht ausreichend nach der Versorgung der Kinder erkundigt (Schmid et al. 2008). Somit ist
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es naheliegend, dass dort – in den Behandlungsstrukturen der Eltern – die Familien
systematisch identifiziert und in Präventionsangebote vermittelt werden sollten.
Ein gelungenes Beispiel für die systematische präventive Einbeziehung von Kindern und
Jugendlichen in die Klinikbehandlung ihrer psychisch kranken Eltern stammt aus Norwegen.
Hier wurde bereits 2010 gesetzlich verankert, dass sich spezialisierte Mitarbeitende in
psychiatrischen Kliniken um die Belange der betroffenen Kinder kümmern müssen. Dies
beinhaltet eine systematische Identifizierung von betroffenen Familien. Falls die Kinder und
Jugendlichen noch keine notwendige Unterstützung erhalten, besteht die Verpflichtung sie
an spezialisierte Fachstellen weiterzuleiten und mit diesen eng zusammenzuarbeiten. Alle
Fachkräfte der Klinik werden sensibilisiert und geschult. Eine quasi-experimentelle
Befragung der Klinikmitarbeitenden 2010, 2013 und 2015 bestätigte eine signifikante
Verbesserung ihres Basiswissens (Lauritzen und Reedtz 2016).
1.3 Situation in Münster
Bereits seit 1997 widmet sich das Gesundheits- und Veterinäramt der Stadt Münster (im
Folgenden nur Gesundheitsamt genannt) dem Thema Kinder psychisch kranker Eltern. In
den letzten 10 Jahren wurden zusätzlich die Kinder suchtkranker Eltern in den Fokus
gerückt.
Seither sind verlässliche kommunale Angebote und Vernetzungsstrukturen für diese
Zielgruppen entstanden. Zwischen den beteiligten Fachleuten gibt es sowohl auf fachlicher
als auch auf übergeordneter Ebene gewachsene Kooperationen. Die Gremien der
Psychosozialen Arbeitsgemeinschaft (PSAG), das Bündnis gegen Depression und die
Kommunale Gesundheitskonferenz sind in die Verbesserung der Versorgungssituation
dieser Familien eingebunden – unter Beteiligung der Betroffenen und Angehörigen.
2015 wurden die bisherigen Erfahrungen und Perspektiven in dem Gesundheitsbericht
„Kinder psychisch kranker Eltern – Gesundheitsförderung für betroffene Familien in Münster“
zusammengefasst und den politischen Gremien der Stadt vorgestellt (Berichtsvorlage
V/0079/2015).
Für Kinder psychisch kranker und suchtkranker Eltern übernimmt das Gesundheitsamt der
Stadt Münster eine gestaltende Rolle in der Vernetzung.
In der Abteilung „Psychische Gesundheit“ arbeiten der Sozialpsychiatrische Dienst und der
Kinder- und Jugendpsychiatrische Dienst seit über 10 Jahren für diese Risikogruppen
strukturiert und verlässlich zusammen, um sowohl dem Beratungsbedarf der psychisch
erkrankten oder suchtkranken Eltern als auch dem Unterstützungsbedarf der betroffenen
Kinder gerecht zu werden. Gemeinsame Gespräche, insbesondere in Form von
Hausbesuchen, werden als ergänzendes Angebot gerne von den Familien in Anspruch
genommen. Die Daten der betroffenen Familien werden seit 2009 zur Qualitätssicherung
systematisch erfasst und ausgewertet. Der Anteil der Kinder und Jugendlichen, die mit ihrem
psychisch erkrankten oder suchtkranken Elternteil zusammenleben, liegt bei den Familien in
der Abteilung „Psychische Gesundheit“ zwischen 60 und 70 %. Dies entspricht den
Häufigkeitsangaben in der Literatur (Lenz 2011).
Innerhalb des Gesundheitsamtes besteht zusätzlich eine enge Kooperation mit der Abteilung
Kinder- und Jugendgesundheit. Insbesondere an den Schnittstellen zu den dort verankerten
frühen heilpädagogischen Hilfen und zum schulärztlichen Bereich werden regelmäßig
10
wirksame präventive Maßnahmen installiert. Ferner können aus dieser Abteilung zeitnah
Familienhebammen und Kinderkrankenschwestern vermittelt werden.
Die Zusammenarbeit mit der Jugendhilfe ist ebenfalls langjährig erprobt. Seit 15 Jahren
bietet der Kinder- und Jugendpsychiatrische Dienst des Gesundheitsamtes in allen fünf
Bezirken des Kommunalen Sozialdienstes (KSD) des Amtes für Kinder, Jugendliche und
Familien monatliche fachärztliche Sprechstunden an. In diesem Kontext können psychisch
auffällige erwachsene und minderjährige Familienmitglieder untersucht und vermittelt
werden. Außerdem erfolgt in diesem Rahmen eine abgestimmte Hilfeplanung zwischen der
Jugendhilfe und der Gesundheitshilfe. Bei Bedarf werden weitere beteiligte Institutionen
hinzugezogen. Die Systeme haben durch die gemeinsamen Fallerörterungen mittlerweile
eine enge und verlässliche Kooperation entwickelt. Bei den Beratungsfällen der
Sprechstunden liegt seit vielen Jahren der Anteil der Familien mit psychisch kranken oder
suchtkranken Eltern bei 50 bis 60 %. Die Bedarfe der betroffenen Kinder werden sowohl
hinsichtlich ihrer familiären Risiken als auch hinsichtlich ihrer Ressourcen frühzeitig beachtet.
Bereits 1997 gründete sich in der Stadt Münster der interdisziplinäre Arbeitskreis „Kinder
psychisch kranker Eltern“, der bis heute erfolgreich arbeitet und 2009 in den Arbeitskreis
„Psychische Erkrankungen in Familien“ umbenannt wurde. Ziel der zweimal jährlich
stattfindenden Arbeitstreffen ist die Stärkung der Zusammenarbeit der beteiligten
Institutionen, um die komplexe Lebenssituation von betroffenen Familien zu verbessern. Die
Geschäftsführung liegt beim Gesundheitsamt. Im Arbeitskreis wirken folgende
Organisationen engagiert mit:
Amt für Kinder, Jugendliche und Familien, Anbieter von Eingliederungshilfen, Angehörige
und Betroffene, Familien- und Erziehungsberatungsstellen, freie Jugendhilfeträger,
Gesundheitsamt, Institutsambulanzen, Kinderkliniken, Kinderpsychiatrische Praxen, Kinder-
und Jugendpsychiatrische Kliniken, Psychiatrische Kliniken, Psychotherapienetzwerk,
Schulpsychologie, Sozialpsychiatrische Beratungsstellen, Suchtberatungsstellen.
In den mehr als 20 Jahren wurden zahlreiche Aktivitäten initiiert und umgesetzt, z. B.
Fachtage organisiert, Umfragen an Kliniken getätigt oder themenzentrierte Kindergruppen
erprobt.
Das Münsteraner Netzwerk entwickelte ferner zwei Handlungsempfehlungen unter der
Federführung des Amtes für Kinder, Jugendliche und Familien:
„Handlungsempfehlungen zum Kinderschutz für drogenabhängige Schwangere und Eltern
mit Erziehungsverantwortung in Münster“ 2010 und „Für Kinder psychisch kranker Eltern –
Handlungsempfehlungen zur Zusammenarbeit von Jugendhilfe und Gesundheitshilfe“ 2016.
In der Stadt sind mittlerweile viele gesundheitsförderliche Angebote entstanden, die sich
nicht speziell an psychisch erkrankte oder suchtkranke Eltern richten, von diesen aber auch
oft in Anspruch genommen werden. Beispielsweise bieten die stadtteilorientierten frühen
Hilfen insbesondere für Eltern mit Säuglingen und Kleinkindern zahlreiche Möglichkeiten zur
Entlastung, Unterstützung und Förderung an. Ferner führen mehrere freie Träger der
Jugendhilfe bindungs- und erziehungsstärkende Elterngruppen durch. Ehrenamtliche
Familienpaten verbringen Freizeit mit Kindern aus Familien mit besonderem
Unterstützungsbedarf. Es gibt Mitmachpaten der Stadt Münster, Familienpaten des Caritas-
Verbandes für die Stadt Münster e. V. und das Patenprojekt „Rückenwind“ der
Beratungsstelle Südviertel e. V. Die Familientagesklinik der Klinik für Kinder- und
Jugendpsychiatrie des Universitätsklinikums Münster (UKM) unterstützt emotional
11
überforderte Eltern und ihre belasteten Vorschulkinder im Rahmen eines integrierten
familienorientierten Behandlungskonzeptes.
Es wurden aber auch präventive Kinder- und Elterngruppen in Münster installiert, die sich
gezielt an Familien mit psychisch erkrankten oder suchterkrankten Eltern richten.
Das Präventionsangebot „Auryn-Gruppe“ für Kinder und Jugendliche psychisch kranker
Eltern hat sich seit 2008 in Münster fest etabliert. Das Gruppenangebot wird in gemeinsamer
Kooperation eines Anbieters der psychosozialen Versorgung (FSP – Für soziale Teilhabe
und Psychische Gesundheit e. V.) und eines Trägers der freien Jugendhilfe (Beratungsstelle
Südviertel e. V.) durchgeführt. Die „Auryn-Gruppen“ bieten einen Schutzraum für Kinder zum
Austausch über gemeinsame Sorgen, Ängste und belastende Gefühle sowie eine
altersgerechte Aufklärung über die psychische Erkrankung der Eltern. Der Umgang mit
Überforderung, die Bewältigung von Krisen (Notfallkoffer) und die Stärkung von
Selbstvertrauen und Zuversicht sind vorrangige Ziele. Für die Altersgruppe der 8- bis 12-
jährigen Mädchen und Jungen werden zweimal jährlich zehn Termine und ein Elternabend
vorgehalten. Eine konzeptionell vergleichbare aber altersangepasste Gruppe wird bei
ausreichender Anfrage auch für Jugendliche ab 14 Jahren angeboten.
Seit 2011 besteht die Elterngruppe „Aufwind“. Sie ermöglicht psychisch belasteten und von
Isolation betroffenen Müttern und Vätern einen Austausch über ihre psychischen
Erkrankungen, die Auswirkungen auf das Familienleben und die Erziehung der Kinder. Auch
diese Gruppe ist ein Kooperationsprojekt zwischen dem FSP und der Beratungsstelle
Südviertel e. V. Die offenen Gruppen finden an 2 Terminen in der Woche statt.
Für psychisch verletzliche Eltern und ihre kleinen Kinder (0-3 Jahre) wird der Spieletreff
„Anker“ der Beratungsstelle Südviertel e. V. einmal wöchentlich angeboten. Neben den
Gruppenaktivitäten können hier auch Einzelgespräche mit Mitarbeitenden vereinbart werden.
Auch für Kinder und Jugendliche aus suchtbelasteten Familien gibt es mittlerweile in Münster
spezifische Angebote. Die Diakonie Münster (Suchtberatung und Kinder-, Jugend- und
Familiendienste) hat 2017 das Gruppenangebot „Tembo“ entwickelt. Es handelt sich um eine
Präventionsmaßnahme für Kinder suchtkranker Eltern im Alter von 8 bis 12 Jahren. Das
Programm umfasst zwölf wöchentliche Gruppentreffen für die Kinder und 3 begleitende
Elternabende. Ein gemeinsames Vorbereitungsgespräch findet vorab statt.
Tembo setzt auf Entlastung, Stärkung, Ressourcen, Spaß und Vernetzung, vermittelt den
Kindern Wissen über Suchterkrankungen und ermöglicht den Austausch mit
Gleichgesinnten. Es wird eine gute Verknüpfung von Gruppenarbeit und Familienalltag
angestrebt.
12
2 Familiensprechstunde
2.1 Projektentwicklung
Die bisherigen Forschungen und die langjährigen Erfahrungen im Gesundheitsamt der Stadt
Münster zeigen, dass Familien mit psychisch kranken oder suchtkranken Eltern immer noch
sehr spät – erst nach dem Auftreten vielfältiger Probleme – eine Beratung zur Förderung und
Unterstützung ihrer Kinder in Anspruch nehmen. Es muss das Ziel sein, diese Familien
früher zu erreichen, sie über die Möglichkeiten kommunaler Hilfen umfassender zu
informieren und ihren Kindern rechtzeitiger eine gesundheitsförderliche Lebensweise zu
ermöglichen. Ein gezielter Zugangsweg zu diesen Familien ist – wie bereits in Norwegen
gesetzlich verankert (siehe 1.2) – während des Klinikaufenthaltes eines Elternteils.
Diese Erkenntnisse führten zur Entwicklung des Präventionsprojektes „Familiensprechstunde
in psychiatrischen Kliniken – Kinder und Jugendliche als Angehörige frühzeitig erreichen und
nachhaltig fördern“. Für das Pilotprojekt in der LWL-Klinik Münster, der größten
psychiatrischen Versorgungsklinik der Stadt, stellte das Gesundheitsamt im April 2015 einen
Projektantrag beim damaligen Ministerium für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter
des Landes NRW (MGEPA) im Rahmen der Landesinitiative NRW „Starke Seelen“. Die
finanzielle Projektförderung wurde vom Ministerium im Juni 2016 für den Zeitraum vom
01.10.2016 bis zum 31.03.2019 bewilligt.
Durch das Projekt sollte das gesunde Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen psychisch
kranker und suchtkranker Eltern in Münster gefördert und die Lebensqualität gesteigert
werden. Die ressourcenorientierte Familiensprechstunde richtete sich sowohl an die
betroffenen Eltern als auch an deren minderjährige Kinder. Sie sprach insbesondere die
Familien an, die die Angebots- und Hilfestrukturen im Stadtteil nicht ausreichend, nicht
vernetzt oder nicht zielführend nutzen können. Hier sollte die Beratung in der Klinik einen
wirksamen Erstkontakt schaffen, Vertrauen herstellen sowie die Vermittlung von
Förderangeboten und Hilfen erleichtern. Dies konnte stadtteilbezogene kulturelle, sportliche
oder musische Aktivitäten ebenso beinhalten wie eine soziale, finanzielle, erzieherische oder
ärztlich-therapeutische Unterstützung (siehe Anlagen). Auch die Stärkung familiärer
Ressourcen und Selbsthilfemöglichkeiten gehörten dazu. Um die Kinder gegenüber Stress
und alltäglichen Belastungen widerstandsfähiger zu machen, nahm die altersadäquate
Informationsvermittlung und Aufklärung über die Behandlung des betroffenen Elternteils
einen besonderen Stellenwert in der Familiensprechstunde ein (Psychoedukation).
Gleichzeitig konnte hierdurch auch der Tabuisierung und Stigmatisierung von psychischen
Erkrankungen und Suchterkrankungen entgegengewirkt werden. Diese
entwicklungsangepassten Informationsgespräche mit Kindern gelten nach den bisherigen
wissenschaftlichen Erkenntnissen als wirksamer protektiver Faktor, um Ängste der Kinder zu
reduzieren, Schuldgefühle abzubauen und Bewältigungsstrategien zu fördern (Brockmann
und Lenz 2017).
Die Mitarbeitenden in der LWL-Klinik (ärztlicher, pflegerischer und sozialer Dienst) wurden
für die Belange der Kinder sensibilisiert und waren mindestens in den Erstkontakt zur Familie
einbezogen. Hierdurch sollten enge klinische Strukturen zugunsten einer systemischen
Sichtweise mit Blick auf das Lebensumfeld der Patientinnen und Patienten verändert
werden. Durch die Einbindung der Familiensprechstunde in die bereits vorhandenen
Präventions- und Hilfeketten in Münster (siehe 1.3) wurden die Schnittstellen zu anderen
Unterstützungssystemen genutzt und Parallelstrukturen vermieden.
13
Es bedurfte sozialpsychiatrischer Kompetenzen, präventiver Strategien und guter
kommunaler Kooperationen, um die spezifische Situation eines jeden Kindes und jeder
Familie möglichst präzise hinsichtlich Ressourcen und Defiziten zu erfassen, im Kontext der
sozialen Umgebungsstrukturen zu analysieren und hieraus passgenaue Entlastungs-,
Förderungs-, und Unterstützungsangebote abzuleiten. Für diese Aufgaben war das
Gesundheitsamt aufgrund seiner interdisziplinären Fachlichkeit und guten Vernetzung sehr
geeignet.
Abbildung 1: Globale Ziele der Familiensprechstunde
14
2.2 Umsetzung
Die Projektleitung lag beim Gesundheitsamt der Stadt Münster, Abteilung Psychische
Gesundheit. Es bestand eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit der LWL-Klinik Münster
(Projektbeteiligte). Die wissenschaftliche Begleitung und Evaluation erfolgte durch das
Zentrum für Empirische Pädagogische Forschung (zepf) der Universität Koblenz-Landau.
Die Durchführung des Projektes wurde von zwei erfahrenen Sozialpädagoginnen der
Abteilung Psychische Gesundheit gewährleistet, die mit insgesamt 10 Wochenstunden für
die Familiensprechstunde im Einsatz waren. Beide Mitarbeiterinnen hatten sowohl
mehrjährige Erfahrungen in der Beratung psychisch kranker und suchtkranker Eltern als
auch Qualifikationen in der Diagnostik und Gesprächsführung mit Kindern und Jugendlichen.
Die strukturellen Vorbereitungen der Familiensprechstunde konnten am 01.10.2016
beginnen. Es wurden werbende Flyer und Poster für die Stationen, die Tageskliniken und die
Ambulanzen erstellt und in der LWL-Klinik Münster verteilt. Außerdem erfolgten Hinweise auf
das Projekt im Intranet der LWL-Klinik und auf der Homepage des Gesundheitsamtes der
Stadt Münster. Ärzteschaft, Sozialdienst und Pflegekräfte der LWL-Klinik wurden über das
Projekt persönlich und ausführlich vor Ort informiert. Parallel stellte das zepf in enger
Abstimmung mit dem Gesundheitsamt bereits vorhandene Messinstrumente und neu
konzipierte Erhebungsbögen zur Evaluation zusammen (siehe 3.2).
Die Umsetzung des Projektes konnte am 01.01.2017 starten. Seither wurden Patientinnen
und Patienten der LWL-Klinik mit minderjährigen Kindern gezielt angesprochen und zur
Projektteilnahme motiviert. Zur Stärkung der Betroffenensicht wurde im Projekt von Beginn
an die Mitwirkung einer Genesungsbegleiterin (Expertin aus Erfahrung, EX-IN NRW e. V.)
ermöglicht.
Der Zugang war niedrigschwellig und barrierefrei. Auch schwangere Frauen konnten sich
beteiligen. Auf der Erwachsenenebene wurden neben den psychisch kranken oder
suchtkranken Eltern die gesunden Bezugspersonen und nächsten Angehörigen (z. B.
Großeltern) ebenfalls in die Beratung einbezogen. Bei den betroffenen minderjährigen
Kindern und Jugendlichen gab es bis zum 18. Lebensjahr keine Altersbegrenzung. Im
Vorschulalter standen die Beratungen der Eltern im Vordergrund. Ab dem Schulalter nahmen
entsprechend der präventiven Bedeutung die entwicklungsadäquaten Aufklärungsgespräche
über die psychische Erkrankung oder Suchterkrankung der Eltern (Psychoedukation) einen
hohen Stellenwert ein. Dabei wurde stets auf eine geschlechtergerechte und kultursensible
Ausrichtung geachtet. Auch Familiengespräche wurden regelhaft angeboten. Auf der
Grundlage einer Bedarfsanalyse erfolgte zuletzt die Vermittlung der Mädchen und Jungen in
Fördermaßnahmen und Hilfen. Da die betroffenen Familien oft unter finanziellen Engpässen
litten, wurden im Bedarfsfall für die angedachten Maßnahmen (z. B. ein Sport- oder
Musikangebot im Stadtteil) auch Finanzierungen über Stiftungen oder das Bildungs- und
Teilhabepaket organisiert.
Insgesamt waren acht Termine für jede Familie vorgesehen. Der detaillierte Ablauf des
Projektes ist der Abbildung 2 zu entnehmen.
15
Abbildung 2: Projektdesign der Familiensprechstunde
T1/2/3 = Messzeitpunkt 1/2/3. Die Erläuterung der Messinstrumente erfolgt in Kapitel 3.2.
16
Im Verlauf der zweijährigen Projektphase zeigten sich einige Hemmnisse, die teilweise eine
Anpassung der Struktur der Familiensprechstunde notwendig machten.
Die zügigen Entlassungen der Mütter und Väter aus dem klinischen Setting erforderten oft
eine flexible Vorgehensweise. Es wurden deshalb vermehrt Termine im häuslichen Umfeld
(Hausbesuche) oder im Gesundheitsamt vereinbart. Dies erforderte zusätzliche zeitliche
Ressourcen.
Die Familien hatten nach dem Klinikaufenthalt häufiger Probleme, Terminabsprachen
einzuhalten. Hierdurch zogen sich die Kontakte mehrere Wochen, vereinzelt auch Monate,
hin. Bei diesen Familien ließ die Motivation zur Mitwirkung an der Evaluation nach, so dass
bei zahlreichen Projektteilnehmerinnen und -teilnehmern nur eine Auswahl von
Evaluationsinstrumenten eingesetzt werden konnte bzw. diese nur unvollständig ausgefüllt
wurden.
Die psychoedukativen Gespräche mit den betroffenen Kindern waren zeitaufwändiger als im
Projektplan vorgesehen, insbesondere bei Kindern im Grundschulalter. Bei einigen Familien
mussten zunächst auch ängstliche Vorbehalte in mehreren Terminen ausgeräumt werden.
Wegen des hohen protektiven Faktors wurde die regelhafte Beibehaltung dieses Angebotes
aber nicht in Frage gestellt.
Da die Anmeldung zur Familiensprechstunde bei Stationsmitarbeitenden in der LWL-Klinik
im Alltagsstress schnell vergessen wurde, führten die Beraterinnen des Gesundheitsamtes
im zweiten Projektjahr fortlaufend motivierende Kooperationsgespräche durch. Sowohl die
Ärzteschaft und der Sozialdienst als auch das Pflegepersonal wurden immer wieder in
Konferenzen angehalten, Eltern im Familienprojekt vorzustellen. Vermehrte Anmeldungen
gab es insbesondere dann, wenn auch die Patientinnen und Patienten an den
Informationsveranstaltungen teilnahmen. Die ständige Akquise stellte eine Mehrbelastung
dar, wurde aber durch eine hierdurch entstandene bessere Vernetzung aufgewogen.
Dennoch bleibt es auch zukünftig eine Aufgabe, die Mitarbeitenden in der Klinik zur Mitarbeit
zu gewinnen.
Am 22.11., 27.11. und 28.11.2018 wurde der Zwischenbericht über den Verlauf der
Familiensprechstunde auch in den politischen Gremien der Stadt beraten. Dies führte zu
einer Stellenerweiterung, die eine Verstetigung des Angebotes ermöglichte.
Am 31.03.2019 endete die Projektphase der Familiensprechstunde in der LWL-Klinik. Sie
wird seither in modifizierter Form als reguläres kommunales Präventionsangebot des
Gesundheitsamtes der Stadt Münster fortgesetzt – zunächst weiterhin in der LWL-Klinik
Münster. Zukünftig sollen aber auch andere psychiatrische Kliniken in Münster von diesen
Möglichkeiten profitieren können.
17
3 Projektauswertung
3.1 Zentrale Fragestellungen der Evaluation
Die zentralen Fragestellungen der Evaluation bezogen sich auf folgende Aspekte:
die familiäre Situation der Projektfamilien;
kindliche Belastungen und Ressourcen;
die Bewertung des Projekts durch Beraterinnen, Eltern und Kinder;
förderliche und hinderliche Faktoren, die sich auf den Beratungsprozess auswirken;
Angebotsempfehlungen, Vernetzung mit den bestehenden Kooperationsstrukturen &
Schnittstellenproblematik.
3.2 Messinstrumente
Es kamen bereits vorliegende Testverfahren sowie vom zepf eigens für die Evaluation
entwickelte Instrumente zum Einsatz.
Als Testverfahren zur Einschätzung der kindlichen Befindlichkeit und der kindlichen Ressour-
cen wurden folgende standardisierte Instrumente eingesetzt:
Child Behavior Checklist (CBCL) / Youth Self-Report (YSR);
Fragebogen zur Erhebung von Stress und Stressbewältigung im Kindes- und
Jugendalter (SSKJ);
Fragebogen zu Ressourcen im Kindes- und Jugendalter (FRKJ).
3.2.1 Child Behavior Checklist (CBCL) (Döpfner et al. 2014)
Die Child Behavior Checklist (CBCL) liegt in zwei Versionen vor: Die CBCL 1,5-5 für Kinder
im Alter von 1,5-5 Jahren und die CBCL 6-18 für Kinder und Jugendliche im Alter von 6-18
Jahren. Erfasst werden die Einschätzungen von Eltern oder anderen relevanten
Bezugspersonen im Hinblick auf die Kompetenzen (Aktivitäten, Soziale Kompetenzen,
Schule) und Probleme ihrer Kinder. Bei der Auswertung werden acht Problemskalen gebildet
(ängstlich/depressiv, rückzüglich/depressiv, körperliche Beschwerden, soziale Probleme,
Denk-, Schlaf- und repetitive Probleme, Aufmerksamkeitsprobleme, regelverletzendes Ver-
halten und aggressives Verhalten) sowie drei übergeordnete Skalen berechnet (Gesamt-
auffälligkeit, internale Probleme, externale Probleme). Der Youth Self-Report (YSR/11-18)
dient der Selbsteinschätzung von Kindern und Jugendlichen auf den genannten Skalen.
3.2.2 Fragebogen zur Erhebung von Stress und Stressbewältigung im Kindes-
und Jugendalter (SSKJ) (Lohaus, et al. 2006)
Beim SSKJ 3-8 handelt es sich um einen Fragebogen zur Erhebung von Stress und Stress-
bewältigung im Kindes- und Jugendalter. Das Verfahren ist von der dritten bis zur achten
Klasse einsetzbar und bezieht sich auf die folgenden Aspekte des Stressgeschehens: Im
ersten Fragebogenbereich wird die Vulnerabilität für potenzielle Stressoren erhoben. Da die
Fähigkeit, mit vorhandenen Anforderungen umzugehen, entscheidend durch die vorhande-
nen Bewältigungsmechanismen bestimmt ist, erfasst das Instrumentarium im zweiten Frage-
bogenbereich das vorhandene Stressbewältigungspotenzial, wobei hierzu fünf Skalen zum
Einsatz gelangen, die als Strategien die Suche nach sozialer Unterstützung, die problem-
orientierte Bewältigung, die vermeidende Bewältigung sowie die palliative und ärgerbezoge-
ne Emotionsregulation umfassen. Im dritten Fragebogenbereich wird die mit Stress potenziell
18
verbundene physische und psychische Symptomatik erhoben. Zum Einsatz kam eine
modifizierte Version der Skala „Stressbewältigung“. Die Frage „In diesem Teil möchten wir
gerne herausfinden, was du tust, wenn du Stress hast. Du musst morgen einen schwierigen
Test schreiben. Wenn mir so etwas passiert, ...“ wurde (mit Genehmigung des Testautors)
umformuliert zu: „Stell dir vor, Du hast dich mit deinen Eltern gestritten. Wenn mir so etwas
passiert, …“. Die 30 Antwortalternativen wurden beibehalten, sie werden den Skalen „Suche
nach sozialer Unterstützung“ (z. B. „… dann erzähle ich jemandem aus meiner Familie, was
passiert ist“), „Problemorientierte Bewältigung (z. B. „…dann mach ich mich daran, das
Problem anzupacken“), „Vermeidende Bewältigung“ (z. B. „…dann tue ich so, als ob alles
okay ist“), „Konstruktiv-palliative Emotionsregulation“ („…dann erhole ich mich, um neue
Kraft zu sammeln“) und „Destruktiv-ärgerbezogene Emotionsregulation“ (z. B. „…dann werde
ich wütend und mache etwas kaputt“) zugeordnet.
3.2.3 Fragebogen zu Ressourcen im Kindes- und Jugendalter (FRKJ) (Lohaus
& Nussbeck 2016)
Der Fragebogen, der bei Kindern und Jugendlichen im Alter von 8-16 Jahren zur Anwendung
kommt, umfasst 60 Items und dient der Erfassung der personalen und sozialen Ressourcen.
Es werden sechs personale Ressourcen (Empathie und Perspektivenübernahme, Selbst-
wirksamkeit, Selbstwertschätzung, Kohärenzsinn, Optimismus sowie Selbstkontrolle) und
vier soziale Ressourcen (elterliche emotionale und soziale Unterstützung, autoritativer Erzie-
hungsstil, Integration in die Peergruppe sowie schulische Integration) erfasst.
3.2.4 Vom zepf entwickelte Messinstrumente
Basisdokumentation
Mithilfe der Basisdokumentation zu Beginn der Beratung wurden demografische Variablen,
Daten zur Erkrankung und die Familiensituation erfasst.
Dokumentationsbogen
Auf dem Dokumentationsbogen konnten die wichtigsten Informationen zum jeweiligen
Gesprächsverlauf stichwortartig festgehalten werden.
Bedarfsanalyse
Mit Hilfe der Bedarfsanalyse wurde eruiert, für welche Angebote bei den Familien Bedarf
besteht und welche Voraussetzungen gegeben sein müssten, um die Angebote in Anspruch
zu nehmen.
Vermittlungsbogen
Mit Hilfe des Vermittlungsbogens wurde erfasst, welche Angebote empfohlen wurden und
wie das Elternteil auf die Empfehlung reagiert hat.
Fragebogen zur Vernetzung
Auf dem Fragebogen zur Vernetzung wurde festgehalten, welche Netzwerkpartner bei der
Familie kooperiert haben, wie die Vernetzung funktioniert hat und wie ausgeprägt die
Schnittstellenproblematik war.
19
Abschlussbefragungen
Die Abschlussbefragung der Eltern (Evaluation) und der Beraterinnen (Selbstevaluation) er-
folgte schriftlich, die Kinder wurden mündlich zu ihrer Bewertung der Familiensprechstunde
befragt (Ende der Beratung: Messzeitpunkt T2). Sechs Monate nach Abschluss der Beratung
(Messzeitpunkt T3) war ein weiterer Fragebogen zur Abschätzung der mittelfristigen Effekte
für Eltern und Beraterinnen vorgesehen.
Vor der Darstellung der Ergebnisse sei angemerkt, dass nicht bei allen Familien alle
Verfahren zum Einsatz kamen bzw. vollständig ausgefüllt wurden. Dies ist zum einen
begründet durch die Besonderheiten der Stichprobe. Es handelte sich um belastete Familien
mit sensiblen Erkrankungen und zum Teil schwierigen Rahmenbedingungen, die je nach
Befindlichkeit und Krankheitszustand schwer zugänglich, nicht erreichbar waren oder
Schwierigkeiten hatten, umfangreiche Fragebogen auszufüllen. Hinzu kam auf Seiten der
Beraterinnen, dass das Ausfüllen der umfassenden Diagnostik einen zusätzlichen
erheblichen zeitlichen Aufwand bedeutete, was vor dem Hintergrund der schon für die Bera-
tungsgespräche oft zu knapp bemessenen Zeit häufig Probleme bereitete. Diese Umstände
sind bei der Interpretation der Daten zu berücksichtigen.
3.3 Ergebnisse
Insgesamt wurden Daten von 55 Familien erfasst, 30 davon (54,5 %) waren dem Gesund-
heitsamt Münster noch nicht bekannt. Bei 13 Familien (23,6 %) lag eine
Migrationsvorgeschichte vor. Von 25 Familien liegen Daten der gesamten Evaluation vor,
von 30 Familien sind die Evaluationsdaten unvollständig (in 6 Fällen handelte es sich um
– z. T. telefonische – Kontakte mit Elternteilen, die außerhalb von Münster wohnten).
Tabelle 1 gibt einen Überblick über die vorliegenden Daten.
Tabelle 1: Übersicht über die Anzahl der auswertbaren Daten
Messinstrument n
Anzahl der Dokumentationsbögen pro Familie 0-14
CBCL_M_1,5-5 5
CBCL_M_6-18 35
CBCL_V_1,5-5 2
CBCL_V_6-18 14
CBCL_B_1,5-5 0
CBCL_B_6-18 7
YSR/11-18 8
FRKJ 14
SSKJ 12
Basisdokumentation 36
Bedarfsanalyse 30
Vermittlungsbogen 21
Eltern Evaluation T2 17
Eltern Evaluation T3 6
Interview Kinder 13
Selbstevaluation Beraterinnen T2 35
Selbstevaluation Beraterinnen T3 2
Fragen zur Vernetzung 24
M = Mutter, V = Vater, B = Bezugsperson; n = Stichprobengröße
20
3.3.1 Ergebnisse der Basisdokumentation
Abbildung 3 stellt grafisch dar, welcher erkrankte Elternteil, der an der Familiensprechstunde
teilgenommen hat, Patientin / Patient der LWL-Klinik war. Es handelt sich zu 81 % um Mütter
und zu 19 % um Väter.
Abbildung 3: Verteilung der Patientinnen / Patienten, die an der Familiensprechstunde teilgenommen haben
(N = 36)
Betrachtet man die Quote der Familien, von denen Informationen über den vorzeitigen Ab-
bruch der Beratung vorliegen, fällt auf, dass diese bei den suchtbezogenen Erkrankungen
vergleichsweise höher ausfällt als bei den psychischen Erkrankungen. Allerdings ist hierbei
die geringe Anzahl an suchtkranken Patientinnen / Patienten im Vergleich zu psychisch kran-
ken Patientinnen / Patienten zu berücksichtigen (suchtkranke Patientinnen / Patienten: 3 be-
endet, 5 abgebrochen; psychisch kranke Patientinnen / Patienten: 35 beendet, 16 abgebro-
chen; eine Auflistung nach Diagnosen enthält Anhang 1).
Tabelle 2 gibt einen Einblick in die demografischen Daten, die Erkrankung und die Familien-
situation der 36 Elternteile, von denen eine Basisdokumentation vorliegt. Die erkrankten
Personen waren im Mittel 34,5 Jahre alt (SD 23,9; Min: 23, Max: 53 Jahre). Die 54 Kinder –
29 Mädchen und 25 Jungen – waren im Mittel 9 Jahre alt (SD: 4,43; Min: <1, Max: 17 Jahre).
21
Tabelle 2: Demografische Angaben, Krankheitszustand und Familiensituation (N = 36)
n %
Patientin / Patient der LWL-Klinik Mutter 29 81,0
Vater 7 19,0
Schulabschluss Hauptschulabschluss 8 22,2
Mittlere Reife 17 47,2
Fachabitur 1 2,8
Abitur 8 22,2
fehlende Angaben 2 5,6
Berufsausübung keine 28 77,8
arbeitsunfähig 2 5,6
Teilzeit 5 13,9
Vollzeit 1 2,8
Art der Erkrankung psychisch krank 28 77,8
suchtkrank 3 8,3
psychisch krank und
suchtkrank 5 13,9
Diagnose/n F1 8
(Erläuterungen siehe Fußnote 1) F2 2
F3 24
F4 10
F5 2
F6 7
F9 3
Erkrankung des anderen Elternteils ja 15 41,7
nein 16 44,4
fehlende Angaben 5 13,9
Art der Erkrankung des anderen
Elternteils (n=15) psychisch krank 10 27,8
suchtkrank 2 5,6
psychisch krank und
suchtkrank
3 8,3
Art der Behandlung ambulant 5 13,9
teilstationär 11 30,6
stationär 20 55,6
Aufnahme erstmalig 12 33,3
wiederholt 23 63,9
fehlende Angaben 1 2,8
Besondere Familiensituation alleinerziehend 17 47,2
Sorgerecht Mutter und Vater 21 58,3
Mutter 12 33,3
sonstige Personen /
Institutionen
1 2,8
fehlende Angaben 2 5,6
Hat das Kind / haben die Kinder eine
stabile Bezugsperson? ja 30 83,3
nein 1 2,8
fehlende Angaben 5 13,9
22
Abbildung 4 zeigt die Verteilung der Diagnosen1 (N = 56; bei 15 Patientinnen / Patienten
liegen Mehrfach-Diagnosen vor.)
Abbildung 4: Diagnosen
Auf die Frage nach aktuellen Problemen äußerten die erkrankten Elternteile am häufigsten
Sorgen um die Kinder, die oft nicht über die Erkrankung informiert sind, Angehörige, die die
Krankheit nicht verstehen, partnerschaftliche Konflikte, Fragen im Hinblick auf die eigene
Genesung, die berufliche Situation, Wohnverhältnisse und (fast ausnahmslos) finanzielle
Schwierigkeiten. Auf der anderen Seite wurden häufig persönliche Ressourcen (helfen
können, organisieren können, kreativ, lustig, nett, freundlich, sensibel, kommunikativ sein)
und sehr oft Liebe, Zusammenhalt und Unterstützung in der Familie als Ressourcen
genannt.
Bei 7 Familien mit Finanzsorgen wurden Gelder beantragt (u. a. bei Stiftungen). Diese
Familien gehörten zu den 25 Familien, die das Projekt regulär beendet haben.
3.3.2 Ergebnisse der Einschätzung der Kompetenzen und Probleme durch die
Eltern bzw. Bezugspersonen (CBCL)
Die folgende Tabelle gibt eine Übersicht über die vorliegenden Daten.
Tabelle 3: CBCL: Anzahl der Fragebogen / Kinder
Fragebogen Anzahl der ausgefüllten
Bögen
Anzahl der Kinder
CBCL 1,5-5 7 4
CBCL 6-18 56 35
Da die Anzahl der ausgefüllten Bögen für die 1,5 - 5-Jährigen sehr gering und deshalb wenig
aussagekräftig ist, wird hier auf eine Darstellung der Ergebnisse verzichtet.
1 F1: Störungen durch psychotrope Substanzen
F2: Schizophrenie und wahnhafte Störungen
F3: Affektive Störungen
F4: Neurotische, Belastungs- und somatoforme Störungen
F5: Verhaltensauffälligkeiten mit körperlichen Störungen
F6: Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen
F9: Störungen mit Beginn in der Kindheit und Jugend
23
Vom CBCL 6-18 liegen 56 auswertbare Bögen vor (35 Mädchen, 21 Jungen im Alter von 6
bis 17 Jahren). 35 mal wurde der Fragebogen für 1 Kind ausgefüllt, 9 mal für 2 Kinder und 1
mal für 3 Kinder. Am häufigsten wurde der Fragebogen von der erkrankten Person ausgefüllt
(n = 35), 14 mal vom anderen Elternteil und 7 mal von einer anderen Bezugsperson (5 mal
Großmutter, 1 mal Partner der Mutter, 1 mal Pate des Kindes) (siehe Abbildung 5).
Abbildung 5: Überblick über die Verteilung der Personen, die den CBCL ausgefüllt haben
Nachfolgend werden die Ergebnisse von allen 56 Fragebogen dargestellt.
Kompetenzen
Tabelle 4: CBCL 6-18 – Kompetenzen: Aktivitäten
n %
fehlende Werte 1 1,8
unauffällig 55 98,2
Gesamt 56 100,0
Tabelle 5: CBCL 6-18 Soziale Kompetenzen
n %
fehlende Werte 1 1,8
auffällig 5 8,9
Grenzbereich 2 3,6
unauffällig 48 85,7
Gesamt 56 100,0
Tabelle 6: CBCL 6-18 Kompetenzen: Schule
n %
fehlende Werte 8 14,3
auffällig 6 10,7
Grenzbereich 2 3,6
unauffällig 40 71,4
Gesamt 56 100,0
Die Kinder scheinen bezüglich der eingeschätzten Kompetenzen (Aktivitäten, Soziale
Kompetenzen, Schule) weitgehend unauffällig zu sein. Weitere Auswertungen zeigen, dass
hinsichtlich der Einschätzung durch unterschiedliche ausfüllende Personen keine
systematischen Unterschiede zu erkennen sind.
24
Probleme
a) Internale Probleme
Tabelle 7: CBCL 6-18 Ängstlichkeit / Depressivität
n %
auffällig 7 12,5
Grenzbereich 9 16,1
unauffällig 40 71,4
Gesamt 56 100,0
Tabelle 8: CBCL 6-18 Rückzug / Depressivität
n %
auffällig 5 8,9
Grenzbereich 7 12,5
unauffällig 44 78,6
Gesamt 56 100,0
Tabelle 9: CBCL 6-18 Körperliche Beschwerden
n %
auffällig 7 12,5
Grenzbereich 8 14,3
unauffällig 41 73,2
Gesamt 56 100,0
Bei den internalen Problemskalen werden 16 mal (28,6 %) Kinder bei der Skala ängstlich /
depressiv, 12 mal (21,4 %) Kinder bei der Skala rückzüglich / depressiv und 15 mal (26.8 %)
Kinder bei der Skala körperliche Beschwerden als auffällig bzw. im Grenzbereich eingestuft.
b) Externale Probleme
Tabelle 10: CBCL 6-18 Aggressives Verhalten
n %
auffällig 7 12,5
Grenzbereich 6 10,7
unauffällig 43 76,8
Gesamt 56 100,0
Tabelle 11: CBCL 6-18 Regelverletzendes Verhalten
n %
auffällig 4 7,1
Grenzbereich 4 7,1
unauffällig 48 85,7
Gesamt 56 100,0
Bei den externalen Problemskalen werden 13 mal (23,2 %) Kinder im Hinblick auf die Skala
aggressives Verhalten und 8 mal (14,3 %) Kinder in Bezug auf die Skala regelverletzendes
Verhalten als auffällig bzw. im Grenzbereich eingeschätzt.
25
c) Gemischte Probleme
Tabelle 12: CBCL 6-18 Aufmerksamkeitsprobleme
n %
auffällig 10 17,9
Grenzbereich 11 19,6
unauffällig 35 62,5
Gesamt 56 100,0
Tabelle 13: CBCL 6-18 Denk- / Schlaf- / Repetitive Probleme
n %
auffällig 4 7,1
Grenzbereich 13 23,3
unauffällig 39 69,6
Gesamt 56 100,0
Tabelle 14: CBCL 6-18 Soziale Probleme
n %
auffällig 7 12,5
Grenzbereich 6 10,7
unauffällig 43 76,8
Gesamt 56 100,0
Bei den gemischten Problemen werden 21 mal (37,5 %) Kinder auf der Skala Aufmerksam-
keitsprobleme, 17 mal (30,4 %) Kinder auf der Skala Denk-, Schlaf- und repetitive Probleme
und 13 mal (23,2 %) Kinder auf der Skala Soziale Probleme als auffällig bzw. im
Grenzbereich gesehen.
In Tabelle 15 ist der Gesamtwert für die Einschätzung von Auffälligkeiten angegeben. Auffäl-
lige bzw. grenzwertige Einschätzungen liegen in 44,6 % der Fälle vor (siehe auch Abbildung
6). Dies entspricht im Wesentlichen älteren nationalen Untersuchungen, bei denen 46,8 %
der Kinder und Jugendlichen dem auffälligen-grenzwertigen Bereich zugeordnet wurden
(Wiegand-Grefe et al. 2009).
Tabelle 15: CBCL 6-18 Gesamtskala Probleme
n %
auffällig 19 33,9
Grenzbereich 6 10,7
unauffällig 31 55,4
Gesamt 56 100,0
26
Abbildung 6: CBCL Gesamtskala Probleme
Fazit
Die Datenlage spricht dafür, dass aus Sicht der Eltern und Bezugspersonen ein erheblicher
Anteil an Auffälligkeiten vorzuliegen scheint, die sich am häufigsten in internalen (vor allem
Ängstlichkeit / Depressivität und körperliche Beschwerden) sowie Aufmerksamkeitsproble-
men und Denk- / Schlaf- / und repetitiven Problemen äußern.
3.3.3 Ergebnisse der Einschätzung der Kompetenzen und Probleme durch die
Kinder / Jugendlichen (YSR/11-18)
Den YSR/11-18 füllten 8 Kinder / Jugendliche (2 Mädchen und 6 Jungen) aus, davon 2 mal 2
Kinder aus einer Familie. Der Altersrange beträgt 11-16 Jahre. Aufgrund der geringen Anzahl
können nur Tendenzen berichtet werden.
Kompetenzen
Tabelle 16: YSR/11-18 Aktivitäten
n %
unauffällig 8 100,0
Gesamt 8 100,0
Alle 8 Kinder / Jugendliche schätzen sich – übereinstimmend mit den Einschätzungen der
Eltern und Bezugspersonen – im Hinblick auf ihre Aktivitäten als unauffällig ein.
Tabelle 17: YSR/11-18 Soziale Kompetenzen
n %
Grenzbereich 1 12,5
unauffällig 7 87,5
Gesamt 8 100,0
Auch ihre sozialen Kompetenzen beurteilen die Kinder / Jugendlichen weitestgehend als
unauffällig. Tabelle 18 zeigt den Vergleich der Eigeneinschätzung mit der Einschätzung der
Eltern und Bezugspersonen: 3 Kinder/ Jugendliche schätzen ihre sozialen Kompetenzen
besser ein, 1 Kind / Jugendlicher schlechter.
27
Tabelle 18: YSR/11-18 Soziale Kompetenzen: Selbst-und Fremdeinschätzung
Selbst- vs. Elterneinschätzung n
Ähnlich 4
Selbsteinschätzung höher 3
Selbsteinschätzung niedriger 1
Die Kinder/Jugendlichen scheinen demnach auch aus eigener Sicht bezüglich der
eingeschätzten Kompetenzen eher unauffällig zu sein.
Der Bereich Schule wird bei den Kindern / Jugendlichen nicht erfasst.
Probleme
a) Internale Probleme
5 Kinder / Jugendliche stufen sich bzgl. der Dimension Ängstlichkeit / Depressivität als
unauffällig ein, 3 als auffällig oder im Grenzbereich (siehe Tabelle 19).
Tabelle 19: YSR/11-18 Ängstlichkeit / Depressivität
n %
auffällig 2 25,0
Grenzbereich 1 12,5
unauffällig 5 62,5
Gesamt 8 100,0
Tabelle 20 zeigt den Vergleich der Eigeneinschätzung mit der Einschätzung der Eltern und
Bezugspersonen: 3 Kinder / Jugendliche schätzen ihre Ängstlichkeit / Depressivität höher
ein, 1 Kind / Jugendlicher niedriger.
Tabelle 20: YSR/11-18 Ängstlichkeit / Depressivität: Selbst-und Fremdeinschätzung
Selbst- vs. Elterneinschätzung n
ähnlich 4
Selbsteinschätzung höher 3
Selbsteinschätzung niedriger 1
6 Kinder / Jugendliche stufen sich bei der Dimension Rückzug / Depressivität als unauffällig
ein (siehe Tabelle 21).
Tabelle 21: YSR/11-18 Rückzug / Depressivität
n %
auffällig 1 12,5
Grenzbereich 1 12,5
unauffällig 6 75,0
Gesamt 8 100,0
Diese Einschätzung stimmt weitgehend mit der Einschätzung der Eltern und
Bezugspersonen überein (siehe Tabelle 22).
Tabelle 22: YSR/11-18 Rückzug / Depressivität: Selbst-und Fremdeinschätzung
Selbst- vs. Elterneinschätzung n
ähnlich 5
Selbsteinschätzung höher 2
Selbsteinschätzung niedriger 1
28
6 Kinder sehen sich nicht durch körperliche Beschwerden belastet (siehe Tabelle 23). In 3
Fällen ist die Selbsteinschätzung diesbezüglich höher, in einem Fall niedriger (siehe Tabelle
24).
Tabelle 23: YSR/11-18 Körperliche Beschwerden
n %
auffällig 2 25,0
unauffällig 6 75,0
Gesamt 8 100,0
Tabelle 24: YSR/11-18 Körperliche Beschwerden: Selbst-und Fremdeinschätzung
Selbst- vs. Elterneinschätzung n
ähnlich 4
Selbsteinschätzung höher 3
Selbsteinschätzung niedriger 1
b) Externale Probleme
Der größte Teil der Kinder / Jugendlichen (n = 6) schätzt sich nicht als auffällig in Bezug auf aggressives
Verhalten ein (siehe Tabelle 25) . Dies stimmt weitgehend mit der Einschätzung der Eltern und
Bezugspersonen überein (siehe Tabelle 26).
Tabelle 25: YSR/11-18 Aggressives Verhalten
n %
auffällig 1 12,5
Grenzbereich 1 12,5
unauffällig 6 75,0
Gesamt 8 100,0
Tabelle 26: YSR/11-18 Aggressives Verhalten: Selbst-und Fremdeinschätzung
Selbst- vs. Elterneinschätzung n
ähnlich 6
Selbsteinschätzung höher 1
Selbsteinschätzung niedriger 1
Auch im Hinblick auf das regelverletzende Verhalten herrscht große Übereinstimmung in
Richtung „unauffällig“ (siehe Tabellen 27 und 28).
Tabelle 27: YSR/11-18 Regelverletzendes Verhalten
n %
auffällig 1 12,5
unauffällig 7 87,5
Gesamt 8 100,0
Tabelle 28: YSR/11-18 Regelverletzendes Verhalten: Selbst-und Fremdeinschätzung
Selbst- vs. Elterneinschätzung n
ähnlich 7
Selbsteinschätzung niedriger 1
c) Gemischte Probleme
7 Kinder / Jugendliche sind ihren eigenen Aussagen zufolge bei Denk - / Schlaf- / Repetitiven Problemen
unauffällig (siehe Tabelle 29), allerdings fällt die Selbsteinschätzung hier in 3 Fällen geringer und in 3 Fällen
höher aus (siehe Tabelle 30).
29
Tabelle 29: YSR/11-18 Denk- / Schlaf- / Repetitive Probleme
n %
auffällig 1 12,5
unauffällig 7 87,5
Gesamt 8 100,0
Tabelle 30: YSR/11-18 Denk- / Schlaf- / Repetitive Probleme: Selbst-und Fremdeinschätzung
Selbst- vs. Elterneinschätzung n
ähnlich 2
Selbsteinschätzung niedriger 3
Selbsteinschätzung höher 3
Bei den Aufmerksamkeitsproblemen und den sozialen Problemen sind die Kinder / Jugendli-
chen aus eigener Sicht eher unauffällig (siehe Tabellen 31 und 32), das stimmt mit der Ein-
schätzung der Eltern und Bezugspersonen in weiten Teilen überein.
Tabelle 31: YSR/11-18 Aufmerksamkeitsprobleme
n %
auffällig 2 25,0
unauffällig 6 75,0
Gesamt 8 100,0
Tabelle 32: YSR/11-18 Aufmerksamkeitsprobleme: Selbst-und Fremdeinschätzung
Selbst- vs. Elterneinschätzung n
ähnlich 4
Selbsteinschätzung niedriger 2
Selbsteinschätzung höher 2
Tabelle 33: YSR/11-18 Soziale Probleme
n %
auffällig 1 12,5
unauffällig 7 87,5
Gesamt 8 100,0
Tabelle 34: YSR/11-18 Soziale Probleme: Selbst-und Fremdeinschätzung
Selbst- vs. Elterneinschätzung n
ähnlich 5
Selbsteinschätzung höher 1
Insgesamt sehen sich 3 Kinder / Jugendliche als auffällig, 5 als unauffällig (siehe Tabelle 35),
wobei sich 2 davon als höher belastet, 3 als niedriger belastet einschätzen als die Eltern und
Bezugspersonen (Tabelle 36).
Tabelle 35: YSR/11-18 Gesamtskala Probleme
n %
auffällig 3 37,5
unauffällig 5 62,5
Gesamt 8 100,0
Tabelle 36: YSR/11-18 Gesamtskala Probleme: Selbst-und Fremdeinschätzung
Selbst- vs. Elterneinschätzung n
ähnlich 3
Selbsteinschätzung niedriger 3
Selbsteinschätzung höher 2
30
Fazit
Für die 8 Kinder / Jugendlichen, die den YSR/11-18 ausgefüllt haben, liegen generell große
Übereinstimmungen mit den Einschätzungen durch die Eltern und Bezugspersonen vor.
Nicht übereinstimmende Ergebnisse zeigen meist sowohl höhere als auch niedrigere Werte,
so dass zumindest in dieser Stichprobe von einer generellen Tendenz weder zu besonders
sensiblen noch zu eher relativierenden Urteilen ausgegangen werden kann. Bei den
internalen Problemen fällt auf, dass bei abweichender Selbsteinschätzung diese tendenziell
etwas höher ausfällt, die Kinder / Jugendlichen sich selbst also als etwas belasteter erleben
als die Eltern dies tun.
3.3.4 Ergebnisse des Fragebogens zur Erhebung von Stress und
Stressbewältigung im Kindes- und Jugendalter (SSKJ 3-8)
Die adaptierte Version des SSKJ 3-8 wurde von 12 Kindern / Jugendlichen (6 Mädchen und
6 Jungen) ausgefüllt. In Tabelle 37 sind die Ausprägungen der eingesetzten Stressbewälti-
gungsstrategien aufgelistet.
Tabelle 37: Eingesetzte Stressbewältigungsstrategien
gering durchschnittlich stark
Destruktiv-ärgerbezogen 1 7 4
Konstruktiv-palliativ 8 4
Problemorientiert 2 7 3
Suche nach sozialer Unterstützung 3 9
Vermeidend 3 8 1
Fazit
Somit scheinen die Kinder / Jugendlichen tendenziell eher zu destruktiv-ärgerbezogenen,
konstruktiv-palliativen und problemorientierten Stressbewältigungsstrategien zu neigen und
weniger zu Vermeidung und Suche nach sozialer Unterstützung. Insbesondere die erhöhte
Neigung zu destruktiv-ärgerlichen Mechanismen und die geringer ausgeprägte Suche nach
sozialer Unterstützung lässt es sinnvoll erscheinen, den Kindern / Jugendlichen, z. B. im
Rahmen von Gruppenangeboten, soziale Unterstützung zukommen zu lassen.
3.3.5 Ergebnisse des Fragebogens zu Ressourcen im Kindes- und Jugendalter
(FRKJ)
Der FRKJ wurde von 14 Kindern / Jugendlichen (8 Mädchen und 6 Jungen) ausgefüllt.
Tabelle 38 gibt einen Überblick über die Ausprägungen der personalen und sozialen
Ressourcen, Tabelle 39 enthält die entsprechenden Mittelwerte.
Tabelle 38: Ausprägungen der personalen und sozialen Ressourcen
Ressourcen niedrig mittel hoch
Personale Ressourcen
Empathie und Perspektivenübernahme 3 9 2
Selbstwirksamkeit 6 5 3
Selbstwertschätzung 4 9 1
Kohärenzsinn* 5 8 1
Optimismus 1 12 1
Selbstkontrolle 4 9 1
Soziale Ressourcen
Elterliche Unterstützung 5 8 1
31
Ressourcen niedrig mittel hoch
Autoritativer Erziehungsstil 4 10
Integration Peergruppe 3 10 1
Schulische Integration 5 6 3
Antwortskalierung: 1-2 niedrige, 3-7 mittlere, 8-9 hohe Ausprägung
* Kohärenzsinn: Grundeinstellung, Geschehnisse als verstehbar, bewältigbar und sinnvoll zu erleben.
Tabelle 39: Personale und soziale Ressourcen: Mittelwerte
Ressourcen MW
Personale Ressourcen
Empathie und Perspektivenübernahme 4.8
Selbstwirksamkeit 4.4
Selbstwertschätzung 4.4
Kohärenzsinn 3.9
Optimismus 4.9
Selbstkontrolle 3.9
Soziale Ressourcen
Elterliche Unterstützung 4.0
Autoritativer Erziehungsstil 4.1
Integration Peergruppe 4.2
Schulische Integration 4.5
Fazit
Bei den Kindern / Jugendlichen, die den Fragebogen ausgefüllt haben, liegt das Ausmaß der
Ressourcen somit insgesamt in einem mittleren Bereich, wobei Optimismus und Empathie
die höchsten Ausprägungen aufweisen, Kohärenzsinn und Selbstkontrolle die niedrigsten.
Auch dieses Ergebnis spricht dafür, die Kinder / Jugendlichen beim Aufbau von personalen
und sozialen Ressourcen zu unterstützen.
3.3.6 Bedarfsanalyse
Im Rahmen der Bedarfsanalyse wurden die Eltern gefragt, welcher Bedarf an Maßnahmen /
Hilfestellungen bei ihnen derzeit besteht und welche Voraussetzungen Angebote erfüllen
müssten, damit sie von ihnen auch tatsächlich in Anspruch genommen werden. Tabelle 40
gibt eine Übersicht über die verschiedenen Angebote, für die von den Eltern Bedarf geäußert
wurde, und die Voraussetzung für deren Inanspruchnahme (Mehrfachnennungen möglich).
Tabelle 40: Ergebnisse der Bedarfsanalyse
Angebote, für die Bedarf geäußert wurde n
Psychologische Unterstützung / Beratung Psychoedukation / Therapie (Eltern / Kind) 16
Hilfen im Haushalt 8
Änderung der Wohnsituation (Eltern / Kind) 8
Freizeitangebote 3
Voraussetzungen für Inanspruchnahme
Qualifikation der Anbieter (einfühlsam, freundlich, interessiert) 4
Angebote müssen kostengünstig sein. 4
Angebote müssen erreichbar sein. 3
Offenheit (sich einlassen, Hilfe annehmen, als notwendig ansehen) 2
Wenn von den Eltern bisher keine Angebote in Anspruch genommen wurden, wurde dies
damit begründet, dass die Eltern der Ansicht waren, dass sie es alleine schaffen (n = 3), aus
Krankheitsgründen (n = 3), dass es bisher nicht notwendig war bzw. der Leidensdruck nicht
32
hoch genug war (n = 2), aus Zeitmangel (n = 1) oder aufgrund von fehlender Motivation bzw.
Krankheitseinsicht (n = 1).
3.3.7 Empfohlene Angebote
Insgesamt wurden 22 Familien 67 Angebote empfohlen. Bei den Empfehlungen handelte es
sich um ein breit gefächertes Spektrum für die Eltern und ihre Kinder. Dieses reichte von
Angeboten des Jugendamtes und des Gesundheitsamtes über themenzentrierte Kinder-
gruppen (z. B. Auryn-Gruppe, Tembo-Gruppe), Freizeit- und Sportangebote, Angebote der
Kinder- und Jugendpsychiatrie bzw. -psychotherapie, Erziehungsberatung & Familienhilfe,
Schulpsychologie bis hin zu einzelnen sonstigen Angeboten für Kinder (Kinder-Reha,
Jugendwohngruppe, Nachhilfe, Gewichtsreduktion) und für die Eltern (Suchttherapie,
Tagesklinik, Selbsthilfegruppe, ambulant betreutes Wohnen, ambulante psychiatrische
Pflege, Geburtsvorbereitungskurs). Anhang 2 enthält eine detaillierte Auflistung aller
empfohlenen Maßnahmen, der entsprechenden Stadtteilen und der beteiligten
Netzwerkpartner.
Die Vermittlung funktionierte aus Sicht der Beraterinnen besonders gut bei
Krankheitseinsicht der Familien, bei Einsicht in die Notwendigkeit professioneller Hilfe, bei
genügend Zeit für die Teilnahme an Angeboten (z. B. Kindergruppen) und wenn
Freizeitangebote finanziert werden konnten. Die Möglichkeit, die Finanzierung von
Angeboten zu unterstützen (z. B. über Mitmachpaten oder Stiftungen), stellte für viele
Familien eine zentrale Voraussetzung dafür dar, Angebote in Anspruch nehmen zu können.
3.3.8 Fragen zur Vernetzung & Schnittstellenproblematik
Es liegen 20 ausgefüllte Fragebogen zur Vernetzung vor. Es konnten zum Teil neue
Kooperationspartner gewonnen werden (z. B. im Zusammenhang mit der Regelung
finanzieller Unterstützung der Eltern oder in der Vermittlung von Freizeitangeboten). Bei der
Frage „Wie hat die Vernetzung mit den beteiligten Netzwerkpartnern funktioniert?“ wurde auf
einer Antwortskala von 1 = sehr schlecht bis 5 = sehr gut ein Mittelwert von 4,1 erzielt. Somit
war die Zufriedenheit mit der Vernetzung überdurchschnittlich hoch. Die Vernetzung
funktionierte dann gut, wenn von den Eltern Schweigepflichtentbindungen erteilt worden
waren und wenn bereits ein Netzwerk vorhanden war.
Bei der Beantwortung der Frage „Wie bewerten Sie bei der Vermittlung der Familie die
Schnittstellenproblematik?“ ergab sich auf einer Antwortskala von 1 = gar nicht vorhanden
bis 4 = sehr stark ausgeprägt ein Mittelwert von 1,9. Die Schnittstellenthematik wurde nur in
seltenen Fällen als problematisch angegeben. Als entscheidend für die Familien wurde die
Transparenz hinsichtlich der Zuständigkeit und Vernetzung von Hilfsmöglichkeiten und
Angeboten gesehen. Mit dem Einverständnis der Eltern konnte eine vorhandene
Schnittstellenproblematik im gegenseitigen Austausch in der Regel gut geklärt werden.
Die Schnittstellenproblematik hat sich aus Sicht der Beraterinnen dahingehend noch weiter
verbessert, dass der Kontakt zu den bereits vorhandenen Netzwerkpartnern intensiviert
wurde und neue Netzwerkpartner hinzugewonnen werden konnten. Im Sinne der
Nachhaltigkeit wurde aber darauf hingewiesen, dass es trotzdem weiterer Anstrengungen
bedarf, um die Vernetzung zu optimieren. Hier wurde u. a. auch die Kooperation zwischen
Erwachsenenpsychiatrie und Kinder- und Jugendhilfe genannt sowie die Kooperation
innerhalb der LWL Klinik zwischen dem Personal (Pflegepersonal, Sozialdienst, Ärzteschaft,
Psychologischer Dienst) und den Familienberaterinnen. Die Kooperation funktionierte gut,
33
wenn aktiv Akquise für die Familiensprechstunde betrieben wurde, leider ist diese aber noch
nicht automatisch in den Klinikalltag eingebunden.
3.3.9 Ergebnisse der Evaluation der Beratung durch die Eltern
Vorab sei angemerkt, dass nicht auszuschließen ist, dass es sich bei den Eltern und
Kindern, von denen Daten zur Evaluation des Projekts vorliegen, um eine selektive
Stichprobe handeln kann, nämlich um jene Familien, in denen die Beratung eher erfolgreich
verlaufen ist bzw. abgeschlossen werden konnte. Im Folgenden werden die teils
quantitativen, teils qualitativen Ergebnisse der Evaluation durch die Eltern, die Kinder und die
Beraterinnen vorgestellt.
Quantitative Ergebnisse
Tabelle 41 sind die Ergebnisse der quantitativen Auswertung der Bewertung verschiedener
Beratungsaspekte durch die Eltern zu entnehmen (n = 18).
Tabelle 41: Quantitative Bewertung verschiedener Beratungsaspekte durch die Eltern
MW*
Wie hilfreich waren die Erläuterungen zum Krankheitsbild des Elternteils
(Psychoedukation)? 2,09
Wie hilfreich waren die Informationsmaterialien? 2,29
Wie hilfreich war die Beratung für das Elternteil? 2,75
Wie sehr hat sich das Elternteil im Beratungsprozess verstanden gefühlt? 2,83
*MW = Mittelwert; Antwortskalierung: 0 = gar nicht, 1 = etwas, 2 = ziemlich, 3 = sehr
Die Elternteile, die die Selbstevaluationsbögen ausgefüllt haben, waren somit im Mittel
ziemlich zufrieden bis sehr zufrieden mit den verschiedenen Aspekten der Beratung, vor
allem mit der Beratung selbst. Weiterhin haben sie sich in einem großen Ausmaß verstanden
gefühlt.
Qualitative Ergebnisse
Tabelle 42 gibt einen Überblick über die qualitativen Ergebnisse der Elternbefragung am
Ende der Beratung.
34
Tabelle 42: Qualitative Bewertung verschiedener Beratungsaspekte durch die Eltern
(Mehrfachnennungen)
Frage Antworten n
Neu gewonnene
Erkenntnisse
durch die
Beratung
Wissen über das Vorhandensein von Angeboten
Hilfsangebote und Anlaufstellen
Finanzielle Unterstützungsmöglichkeiten
Hilfsmaterial wie Bücher
Wissen über den eigenen Umgang mit der Erkrankung
Mit der Erkrankung generell (neue Sichtweise darauf)
Mit Stress und Ressourcen
Notwendigkeit der Enttabuisierung der Erkrankung
Verständnis für Umgang mit den Kindern im Rahmen der
Erkrankung
Welche Schutzfaktoren es für Kinder gibt.
Wie man kindgerecht über die Erkrankung kommuniziert.
Wie sich Kinder bei der Problembewältigung verhalten.
8
2
1
2
1
1
1
1
1
Positiv bewertete
Behandlungs-
elemente
Wissensvermittlung
Hilfreiche Infomaterialien (Bücher und Ratgeber)
Auskunft über Hilfsangebote
Hilfreiche Ratschläge
Merkmale der Beraterinnen
Verständnis und Einfühlungsvermögen
Fachliche Kompetenz
Geduld und „sich-Zeit-nehmen“
Bemühung und Unterstützung
Freundlichkeit und Zugewandtheit
Guter Umgang mit den Kindern
Merkmale der Beratung
Kindgerechte Vermittlung
Individuell auf die Familiensituation abgestimmte Beratung
Freiwilligkeit des Angebots
Offener Austausch über Probleme, damit „nicht-alleine-sein“
4
2
1
7
3
3
3
2
2
1
3
1
3
35
Tabelle 42: Qualitative Bewertung verschiedener Beratungsaspekte durch die Eltern (Fortsetzung)
Frage Antworten n
Positive
Veränderungen
durch die
Umsetzung von
Beratungs-
inhalten
Für die betroffenen Eltern
Inanspruchnahme von Hilfen (Hilfsangebote,
Anlaufstellen, Bezugspersonen)
Verständnis für die Sichtweise des Kindes auf die
Erkrankung
Feinfühligerer Umgang mit dem Kind
Verbesserung des allgemeinen Wohlbefindens
(weniger Sorgen, eine optimistische Grundhaltung,
ruhiger)
Sicherheit in Entscheidungen zum Wohle des Kindes
(z.B. Veränderung der Wohnsituation, Kontakt zum
leiblichen Vater)
Für die gesamte Familie
Offenes Ansprechen von Problemen und Sorgen
Kommunikation ohne Schuldzuweisungen
Besserer Umgang mit Trennungs- und
Verabschiedungssituationen
Offene Kommunikation über die Erkrankung mit den
Kindern
Für die Kinder
Verständnis der aktuellen Situation bedingt durch die
Erkrankung
Weniger Ängste
Weniger ablehnende Haltung gegenüber dem
erkrankten Elternteil
Mehr Selbstbewusstsein
Unbeschwertheit
11
1
1
3
4
4
1
1
4
4
1
1
2
1
Hinderlich für die
Umsetzung von
Beratungs-
inhalten
Medikamenteneinnahme für Schlafprobleme erschwert
Aufstehen und Tagesstruktur
Abbruch der Beratung wegen Rückfällen
Zeitknappheit für weitere Termine
1
1
1
Verbesserungs-
vorschläge
Mehr Beratungszeit
Vermehrte Hinweise auf die Beratung in der Klinik
2
1
Angenommene
Angebote und
positive
Veränderungen
dadurch
Für die Eltern
Beratungsgespräche vom VSE (Verbund sozialth. Einricht.)
Beratungsgespräche vom KSD (Kommunaler Sozialdienst
des Amtes für Kinder, Jugendliche und Familien)
Sozialpädagogische Familienhilfe
Ambulant betreutes Wohnen
Ambulante Erziehungshilfe
Familien-/Eheberatung
Für die Kinder
Tembo-Gruppe
Treffen beim VSE
Mitmachpaten
Reiten
Schwimmkurs
3
1
1
3
1
1
2
2
1
1
2
Gründe für nicht
wahrgenommene
Angebote
Bei den Eltern
Kein Bedarf
Angebote wurden schon vorher wahrgenommen
Noch für kein Angebot entschieden
Angebote wurden noch nicht begonnen
Beim Kind
Kein Bedarf
Angebote wurden schon vorher wahrgenommen
Angebote wurden noch nicht begonnen
Ablehnung durch das Kind
6
2
1
2
4
1
2
1
36
3.3.10 Evaluation der Beratung durch die Kinder
Quantitative Ergebnisse
Bei den Fragen „Wie hilfreich war die Beratung für dich?“ und „Hast du das Gefühl gehabt,
dass die die Beraterin versteht, wie es dir geht?“ gab es zwei unterschiedliche
Antwortskalierungen: Bei den älteren Kindern (n=10) jeweils „gar nicht – etwas – ziemlich –
sehr“, bei den jüngeren Kindern (n=3) „eher hilfreich“ und „eher nicht so hilfreich“ bzw. „ja“
und „nein“. Tabelle 43 zeigt die Ergebnisse.
Tabelle 43: Zufriedenheit der Kinder mit der Beratung
n ältere
Kinder MW*
n
jüngere
Kinder
Anzahl
Wie hilfreich war die Beratung für dich? 10 1,3 3 „eher hilfreich“: 3
Hast du das Gefühl gehabt, dass die
Beraterin versteht, wie es dir geht? 10 2,2 3 „ja“: 3
*MW = Mittelwert
Somit fühlten sich die 10 älteren Kinder, für die Daten vorliegen, im Durchschnitt von der
Beraterin ziemlich verstanden, die Beratung selbst wurde aber als weniger hilfreich
eingeschätzt. Die 3 jüngeren Kinder bewerteten die Beratung demgegenüber als eher
hilfreich, sie fühlten sich von der Beraterin uneingeschränkt verstanden.
Qualitative Ergebnisse
Tabelle 44 gibt einen Überblick über die qualitativen Ergebnisse, die am Ende der Beratung
im Gespräch mit den Kindern gewonnen wurden.
Am häufigsten nannten die Kinder als Erkenntniszuwachs „das Wissen über die elterliche
Erkrankung und ihre Auswirkungen“ und „das Verständnis dafür, keine Schuld an der
elterlichen Erkrankung zu haben“. Besonders positiv wurden die Spiele mit den Beraterinnen
bewertet.
37
Tabelle 44: Bewertung der Beratung durch die Kinder
Frage Antworten n
Neu gewonnene
Erkenntnisse durch die
Beratung
Wissen über die elterliche Erkrankung und ihre
Auswirkungen 7
Verständnis dafür, keine Schuld an der elterlichen
Erkrankung zu haben 4
Wissen darüber, wie man sich verhalten kann, wenn es
dem Elternteil schlecht geht 2
Verständnis für das erkrankte Elternteil 1
Verständnis für die Sichtweisen aller an der Erkrankung
beteiligten Personen 1
Erkenntnis, dass es auch andere Kinder mit erkrankten
Elternteilen gibt 1
Positiv bewertete
Beratungselemente
Die Spiele in den Sitzungen 4
Malen 2
Austausch und offene Kommunikation über die
elterliche Erkrankung 2
Verständliche Wissensvermittlung über die elterliche
Erkrankung 2
Verständnis und neutrale Haltung der Beraterin 2
Die gesamte Beratung 1
Ein Geschenk zu bekommen 1
Positive Veränderungen
durch die Beratung für
das Kind
Weniger Stress für das Kind und im Familienalltag 2
Umgestaltung der Freizeit 2
Mehr Zeit mit dem erkrankten Elternteil 1
Entlastende Umgestaltung der Wohnsituation 1
Weniger häufig negative Emotionen wie Wut oder
Trauer 1
Gründe für nicht
wahrgenommene
Angebote
Keine Zeit 2
Kein Interesse 2
Noch kein Antrag gestellt 2
Warten auf ein Angebot 1
Weitere Angebots-
wünsche
Sportangebote:
Leichtathletik 1
Schwimmen 1
Reiten 1
Tanzen 1
3.3.11 Selbstevaluation der Beraterinnen
Quantitative Ergebnisse
Tabelle 45 und die Abbildungen 7 und 8 geben die quantitativen Ergebnisse der Selbst-
evaluation wieder.
Tabelle 45: Quantitative Ergebnisse der Selbstevaluation
Variable n MW (SD)*
Was glauben Sie, wie hilfreich die Beratung für die Familie
insgesamt war? 35 1.54 (.78)
Wurden Ihrer Einschätzung nach personelle und zeitliche
Ressourcen im Beratungsprozess sinnvoll eingesetzt? 33 1.94 (.79)
* MW = Mittelwert, SD = Standardabweichung; Antwortskalierung: 0 (gar nicht) bis 3 (sehr)
38
Insgesamt schätzen die Beraterinnen, dass die Beratung im Mittel eher hilfreich für die
Familien war und dass die personellen und zeitlichen Ressourcen weitgehend sinnvoll
eingesetzt wurden.
Abbildung 7: Für wen war die Beratung hilfreich? (n = 35)
Am häufigsten wird die Beratung als hilfreich für das betroffene Elternteil gesehen.
Abbildung 8: Konnte/n Kinder früh erreicht werden? (n = 35).
Laut den Aussagen der Beraterinnen konnten 16 Kinder früh erreicht werden.
Qualitative Ergebnisse
In Tabelle 46 sind die Ergebnisse der Beantwortung der offenen Fragen der Selbstevaluation
der Beraterinnen ab einer Häufigkeit von 7 Nennungen kategorisiert wiedergegeben. Anhang
3 enthält eine Tabelle mit allen genannten Kategorien.
39
Tabelle 46: Qualitative Ergebnisse der Selbstevaluation (ab n = 7 Nennungen)
Kategorie Beschreibung der Kategorie Anzahl der
Nennungen
1. Was wurde im Beratungsprozess als hinderlich erlebt?
1.1 Beratungsresistenz
Ablehnung der
Psychoedukation für
die Kinder
Die Eltern wollen aufgrund von Ängsten oder aus
Überzeugung nicht, dass ihre Kinder an der
Beratung teilnehmen und aufgeklärt werden.
7
1.2 Organisatorische Probleme
Termin-
schwierigkeiten
Es gibt Probleme bei der Terminfindung, es kommt
zu großen zeitlichen Abständen zwischen den
Terminen und sie werden oft verschoben oder
abgesagt, sodass es oft zu Fehlbesuchen kommt
und Flexibilität gefordert ist.
9
2. Was wurde im Beratungsprozess als hilfreich erlebt?
2.1 Für die Kinder
Literatur zur
Unterstützung der
Psychoedukation
Geschichten und Literatur unterstützen die
Psychoedukation und damit das Verständnis der
Krankheit (z. B. „Sonnige Traurigtage“)
14
Vermittlung zu den
Kindergruppen Tembo-Gruppe, Auryn-Gruppe 8
3. Positive Veränderungen durch die Beratung
3.1 Für die gesamte Familie
Kommunikation über
die Krankheit
innerhalb der Familie
Die Familie kann sich nun offen über die
Erkrankung des betroffenen Elternteils
austauschen, inklusive aller Befürchtungen oder
durch die Krankheit entstehenden Probleme, und
entwickelt Verständnis für die Bedürfnisse der
jeweils anderen Familienmitglieder.
9
Kommunikation über
generelle Sorgen
innerhalb der
Beratung
Die Familienmitglieder haben in der
Familienberatung einen Ansprechpartner für eigene
Sorgen und Probleme und können sich durch das
Ansprechen entlasten.
14
3.2 Für die betroffenen Eltern
Hilfen für eigene
Probleme
Hilfsangebote wie Paarberatung,
psychotherapeutische Behandlung oder
Selbsthilfegruppen werden in Anspruch genommen
und helfen den Eltern, ihre eigenen Probleme zu
bearbeiten.
Auch die Beratung durch den Sozialpsychiatrischen
Dienst wird als Entlastung wahrgenommen.
14
Hilfen für die
Erziehung
Hilfsangebote wie Sozialpädagogische
Familienhilfe, Familienpaten, stationäre
Jugendhilfe, Ambulant Betreutes Wohnen oder die
Schulpsychologische Beratungsstelle entlasten das
betroffene Elternteil in Bezug auf die Erziehung
ihrer Kinder.
Auch die Beratung durch das Amt für Kinder,
Jugendliche und Familien wird als Entlastung
wahrgenommen.
12
Verständnis für
Auswirkungen der
Krankheit durch
Psychoedukation
Die Eltern entwickeln ein Verständnis dafür, welche
Auswirkungen die Krankheit auf ihre Kinder oder
die gesamte Familie haben kann, welche
Bewältigungsstrategien die Kinder vielleicht bereits
haben oder wie sie noch unterstützt werden
können.
18
3.3 Für die Kinder
Verständnis der
Krankheit durch
Psychoedukation
Die Kinder entwickeln ein Verständnis für die
Krankheit und dass sie dafür keine Verantwortung
tragen.
9
40
Tabelle 46: Qualitative Ergebnisse der Selbstevaluation (ab n = 7 Nennungen) (Fortsetzung)
Kategorie Beschreibung der Kategorie Anzahl der
Nennungen
4. Verbesserungsvorschläge
4.1 Mehr Zeit für
Familiensprechstunde
Es braucht oft mehr Zeit als angedacht, damit die
Familienmitglieder den Grund der Beratung
verstehen, und Vertrauen zu ihnen aufgebaut
werden kann, vor allem bei geringer
Beratungsmotivation oder bei Unsicherheiten.
12
Die folgende Tabelle 47 fasst einige abschließende Kommentare der Beraterinnen
zusammen.
Tabelle 47: Abschließende Kommentare der Beraterinnen
Stärken des Projekts „Familiensprechstunde“:
- Niedrigschwelliges Angebot
- Kinder im Fokus
- Sorgen der Eltern finden Berücksichtigung.
- Die Psychoedukation steht im Mittelpunkt (Wie kann ich meinen Kindern die Erkrankung und
die Behandlung erklären?).
- Tipps zur Stärkung der Ressourcen der Kinder und der Familie (stabile Bezugspersonen,
Paten)
- Finanzielle Unterstützung von Spiel- und Freizeitangeboten (z. B. Mitmachkinder)
- Gewährleistung der Freiwilligkeit
Schwächen des Projekts „Familiensprechstunde“:
- regelmäßige Akquise beim Personal in der Klinik
- Projekt ist insgesamt sehr zeitaufwändig.
Für welche Familien ist die Familiensprechstunde gut geeignet?
- Familien mit Krankheitseinsicht
- Eltern mit depressiven Störungen (F3) und Belastungsstörungen (F4)
- Eltern mit krankheitsbedingtem Leidensdruck gegenüber Kindern
- Eltern mit Wunsch nach Erklärung der Erkrankung für die Kinder
Für welche Familien muss die Familiensprechstunde individueller angepasst werden?
- Familien mit wenig Krankheitseinsicht
- Eltern mit Suchterkrankungen (F1) und Schizophrenien (F2)
- Komplexe Familiensituationen (Paarkonflikte, Trennung, Sorgerechtsstreit etc.)
- Eltern in akut schlechtem Krankheitszustand (akute Psychose und Entzugssymptome etc.)
- Ausschlusskriterium ist eine akute Kindeswohlgefährdung (Schweigepflicht ist in diesem Fall
nicht mehr zu gewährleiste n, andere Kooperationspartner müssen einbezogen werden, es
handelt sich dann nicht mehr um ein vertrauliches Angebot).
3.4 Diskussion
Wie eingangs erwähnt, ist die Datenlage aufgrund der geringen Teilnahme der Familien an
der kompletten Evaluation (hohe Dropout-Rate) nur eingeschränkt aussagekräftig. Dies ist
bereits in anderen Studien auch ein Problem gewesen (siehe 1.2) und vor allem den Beson-
derheiten der Familien mit psychisch kranken oder suchtkranken Elternteilen geschuldet
(siehe 3.2.4.6). Die Ergebnisse sind somit als Tendenzen zu werten.
Positiv kann festgestellt werden, dass fast 55 % der 55 im Projekt erfassten Familien dem
Gesundheitsamt Münster bis zum Projektbeginn nicht bekannt gewesen waren. Auch wenn
nur 25 Familien das Projekt ganz zu Ende führten, wurden alle 55 Patientinnen und
Patienten der LWL-Klinik in einem Erstkontakt informiert und auf die Problematik ihrer Kinder
aufmerksam gemacht. Insofern wurden viele Familien durch das Projekt erstmalig
angesprochen, was einen Mehrwert darstellt.
41
Knapp 24 % der 55 Familien hatten eine Migrationsvorgeschichte. Dies ist als erfreulich hoch
zu bewerten, da bei diesen Patientinnen und Patienten mehr Hemmnisse und Vorbehalte er-
wartet wurden.
Die Analysen der vorliegenden 36 Basisdokumentationen zeigen, dass ca. 47 % der Patien-
tinnen und Patienten alleinerziehend und hierdurch bedingt zusätzlich sozial benachteiligt
waren.
Bei den 25 Familien, die das Projekt bis zu Ende durchführten, wurden in 7 Fällen (28 %) die
angedachten Präventionsmaßnahmen durch finanzielle Hilfen (u. a. Stiftungsgelder) ermög-
licht. Diese zeitaufwändige zusätzliche Unterstützung durch die Beraterinnen war an den Be-
dürfnissen der Familien orientiert, die im Projekt fast ausnahmslos über finanzielle Schwierig-
keiten geklagt hatten. Außerdem motivierte dies die Familien zur Inanspruchnahme und Fort-
setzung der empfohlenen präventiven und unterstützenden Maßnahmen für die Kinder.
Insgesamt zeigte sich, dass durch das Projekt Familien mit zusätzlichen Risikofaktoren (Mi-
gration, Alleinerziehung, finanzielle Not) grundsätzlich erreicht werden konnten. Familien in
finanzieller Notlage profitierten eindeutig von der Finanzierung der empfohlenen präventiven
und unterstützenden Maßnahmen.
Die ermittelten Daten weisen darauf hin, dass die sozialen Kompetenzen und Aktivitäten der
Kinder und Jugendlichen von der Familie überwiegend als unauffällig angesehen wurden.
Dennoch beschrieben die Eltern und Bezugspersonen in vielen Fällen erhebliche
Belastungen. Die Auswertungen der 56 standardisierten Checklisten (CBCL) an 35 Mädchen
und Jungen zwischen dem 6. und 18. Lebensjahr ergaben, dass Eltern und andere Bezugs-
personen bei fast 45 % der Minderjährigen auffällige oder grenzwertige Störungen sahen.
Besonders häufig wurden Aufmerksamkeitsprobleme (38 %) und Denk-, Schlaf- und
repetitive Störungen (30 %) benannt. Als internale Probleme wurden vor allem Ängstlichkeit /
Depressivität (29 %) und körperliche Beschwerden (27 %) beschrieben. Die 8 selbst befrag-
ten Jugendlichen (YSR/11-18) hatten überwiegend ähnliche Einschätzungen wie die Eltern
und Bezugspersonen. Diese vorbestehenden Störungen der Kinder und Jugendlichen
erklären möglichweise, warum die Beraterinnen bei 54 % der 35 Minderjährigen feststellten,
diese nicht früh erreicht zu haben (siehe 3.3.11).
Die qualitativen Analysen ergaben, dass die psychisch kranken oder suchtkranken Eltern
häufig Überforderungsgefühle erlebten, wenn die Kinder und Jugendlichen nicht ausreichend
über die psychische Erkrankung oder Suchterkrankung informiert waren. Auch wurden von
den betroffenen Eltern Belastungen beschrieben, wenn Angehörige die Krankheitssituation
nicht verstanden. Darüber hinaus wurden familiäre Konflikte, Fragen zur eigenen Gesund-
heit, berufliche Sorgen, Wohnverhältnisse und (fast ausnahmslos) finanzielle Nöte als be-
lastend dargestellt.
Durch die Beratungen in der Familiensprechstunde gewannen die Eltern neue Erkenntnisse,
die sich auf die vorhandenen Angebote, den eigenen Umgang mit der Erkrankung, das
Verständnis für den Umgang der Kinder mit der Erkrankung und die Kommunikation mit den
Kindern über ihre Erkrankung beziehen. Sie berichteten von zahlreichen positiven Verände-
rungen und erlebten die Wissensvermittlung (Psychoedukation), die Wertschätzung der Be-
raterinnen und die speziellen Merkmale der Beratung (kindgerechte Vermittlung, individuell
auf die familiäre Situation abgestimmte Beratung, Freiwilligkeit des Angebots, offener Aus-
tausch über Probleme) als hilfreich.
42
Die Kinder und Jugendlichen berichteten in erster Linie von neu gewonnen Erkenntnissen
über die Erkrankung ihrer Eltern und über positive Veränderungen in der Familie und der
Freizeit – beides Aspekte, die stark zu ihrer Entlastung beitrugen.
Auch die Beraterinnen sahen als positive Aspekte der Familiensprechstunde vor allem die
veränderte Kommunikation über die elterliche Krankheit innerhalb der Familie, das bessere
Verständnis über die Auswirkungen der psychischen Erkrankung oder Suchterkrankung und
die Bereitschaft, Hilfe bei Problemen anzunehmen.
Die guten Kenntnisse der Beraterinnen zu universellen, selektiven und indizierten Prä-
ventionsangeboten (siehe 1.2) in der Stadt Münster ermöglichten es, passende Hilfen für die
betroffenen Kinder und Jugendlichen zu vermitteln und Zugangshemmnisse zu reduzieren.
Es konnten insgesamt 67 Angebote von primär stärkenden Maßnahmen im Freizeitbereich
bis hin zu ärztlich-therapeutischen Hilfen empfohlen werden. Insbesondere die Vermittlung in
die spezifischen Gruppenangebote für Kinder psychisch kranker Eltern (Auryn-Gruppen) und
Kinder suchtkranker Eltern (Tembo-Gruppen) wurde als wirksam erlebt.
Grundsätzlich war die Familiensprechstunde für alle Familien geeignet, auch wenn das
Vorgehen entsprechend den Diagnosen, dem Krankheitszustand, der Teilhabebeeinträchti-
gungen, der Krankheitseinsicht und der Familiensituation immer wieder individuell angepasst
werden musste. Hier bedarf es zukünftig noch weiterer Anstrengungen, um insbesondere
komplexer belastete Familien zu erreichen oder nicht aus der Beratung zu verlieren.
Die Vernetzung mit anderen Institutionen hat im Projekt unproblematisch funktioniert, es
konnten weitere Kooperationspartnerinnen und -partner gewonnen werden. Die Schnitt-
stellenproblematik erwies sich insgesamt als gering ausgeprägt. Dies ist möglichweise auf
die vorbestehenden guten Vernetzungsstrukturen in Münster zurückzuführen. Deutliches
Verbesserungspotential wurde dennoch in der Kooperation zwischen der Erwachsenen-
psychiatrie und der Jugendhilfe gesehen. Auch muss zukünftig das Personal innerhalb der
LWL-Klinik (Pflege, Ärzteschaft, Sozialarbeit) stärker in die Akquise der Familien und in die
Vernetzung eingebunden werden, damit möglichst viele der behandelten Eltern die Familien-
sprechstunde als Präventionsangebot auch wirklich in Anspruch nehmen.
Bei Berücksichtigung aller quantitativen und qualitativen Daten schafft die Familiensprech-
stunde in der LWL-Klinik einen guten (aber noch verbesserungsbedürftigen) Zugang zu
Familien mit psychisch kranken oder suchtkranken Eltern. Sie vermittelt für die betroffenen
Kinder und Jugendlichen passgenaue Angebote oder Hilfen (ggf. auch mit finanzieller
Unterstützung), die sich in das bestehende Netzwerk einfügen, ohne Parallelstrukturen auf-
zubauen.
43
4 Schlussfolgerungen
4.1 Fazit für die Praxis
Obwohl sich in der Stadt Münster mittlerweile differenzierte Angebote und
Unterstützungsmaßnahmen für Kinder psychisch kranker und suchtkranker Eltern entwickelt
haben, erhalten die belasteten Familien in der Regel immer noch zu spät die notwendigen
und adäquaten Unterstützungen, oft erst nach dem Auftreten vielfältiger Probleme. Ein
gezielter Zugangsweg ist – wie bereits in Norwegen gesetzlich verankert (siehe 1.2) – der
psychiatrische Klinikaufenthalt eines Elternteils. In den Behandlungsstrukturen der Eltern
können die Familien systematisch erreicht werden. Auf der Grundlage dieser Erkenntnisse
wurde die Familiensprechstunde in der LWL-Klinik Münster 2016 als Pilotprojekt im Rahmen
der Landesinitiative NRW „Starke Seelen“ vom damaligen Ministerium für Gesundheit,
Emanzipation, Pflege und Alter des Landes NRW (MGEPA) bewilligt.
In der Projektphase zwischen dem 01.10.2016 und dem 31.03.2019 hat sich gezeigt, dass
die ressourcenorientierte Familiensprechstunde eine niederschwellige und flexible
Ergänzung zu den bisherigen Förder- und Hilfestrukturen in der Stadt darstellt.
Sie spricht an der Schnittstelle zur Erwachsenenpsychiatrie insbesondere die Familien an,
die Angebote zur Förderung ihrer Kinder nicht ausreichend, nicht vernetzt oder nicht
zielführend nutzen können. Dabei richtet sie sich sowohl an Eltern als auch an deren Kinder,
berücksichtigt alle Altersgruppen der Kinder bis zum 18. Lebensjahr, schließt keine
psychiatrischen Diagnosen der Eltern aus und ist geschlechtergerecht und kultursensibel
ausgerichtet. Durch die fallbezogene und übergeordnete Einbindung von
Genesungsbegleiterinnen und Genesungsbegleitern wird die Betroffenensicht in der
Familiensprechstunde regelhaft berücksichtigt (Partizipation).
Etwas mehr als die Hälfte der Eltern, die einen Erstkontakt im Projekt wahrgenommen
haben, sind dem Gesundheitsamt bislang nicht bekannt gewesen. Dies bedeutet für die
Praxis, dass im Rahmen der Familiensprechstunde viele Familien erstmalig auf die
Möglichkeiten zur präventiven Unterstützung ihrer Kinder angesprochen werden. Besonders
positiv ist zu werten, dass es gelingt, insbesondere Familien mit zusätzlichen Risikofaktoren
(Migration, Alleinerziehung, Armut) zur Inanspruchnahme von Hilfen zu motivieren.
Bei einkommensschwachen Familien erweist sich die stets mitgedachte Finanzierung
präventiver Maßnahmen (z. B. Sport- und Musikangebote) als überaus wirksam. Im
Bedarfsfall werden die Eltern bei der Beantragung von Geldern (Stiftungen, Bildungs- und
Teilhabepaket) unterstützt. Dies hat zur Folge, dass sie die empfohlenen Förderungen für
ihre Kinder konsequenter wahrnehmen.
Auch aus systemischer Perspektive werden durch die Familiensprechstunde positive
Entwicklungen angestoßen.
Die Betroffenen bestätigen, dass sie durch die Eltern-, Kinder- und Familienberatungen im
Projekt neue Erkenntnisse im Umgang mit der Erkrankung, der familiären Kommunikation
und den sozialraumorientierten Unterstützungsmöglichkeiten erwerben. Dabei wird der
altersangepassten Informationsvermittlung und Aufklärung der Kinder über die Erkrankung
des betroffenen Elternteils (Psychoedukation) ein besonderer Stellenwert eingeräumt.
44
Trotz eingeschränkter Datenlage im Projekt (siehe 3.4), kann insgesamt festgestellt werden,
dass die betroffenen Kinder und Jugendlichen in der Familiensprechstunde frühzeitiger als
bisher zur Gesundheitsförderung motiviert werden können. Dies ist bezogen auf ihre
Entwicklung leider immer noch nicht früh genug. Die Ergebnisse zu den
projektteilnehmenden Kindern und Jugendlichen zeigen, wie auch in anderen Studien schon
beschrieben (Wiegand-Grefe 2009), dass bei ihnen in knapp der Hälfte der Fälle bereits
auffällige oder grenzwertige Störungen vorliegen, u. a. im Bereich der Aufmerksamkeit,
Ängstlichkeit und Depressivität (siehe 3.3.2).
Die Familiensprechstunde in der LWL-Klinik fügt sich in das bereits bestehende und gut
funktionierende Netzwerk kommunaler Angebote und Kooperationen in Münster ein (siehe
1.3), ohne Parallelstrukturen zu entwickeln. Es werden für die betroffenen Familien nur die
Voraussetzungen geschaffen, die bestehenden Hilfesysteme und Förderungsmöglichkeiten
besser auszuschöpfen und Zugangshemmnisse abzubauen. Die Beratung beinhaltet sowohl
verhältnisbezogene als auch verhaltensbezogene Elemente und berücksichtigt die
Lebenswelten der Familien (Setting-Ansatz).
Es hat sich bewährt, die Federführung für die Familiensprechstunde beim Gesundheitsamt
anzusiedeln. Die spezifische Situation jeder Familie im Kontext ihrer Umgebung muss
möglichst präzise hinsichtlich der Ressourcen und Defizite von Eltern und Kindern erfasst
werden, um passgenaue Entlastungs-, Förderungs- und Unterstützungsangebote ableiten zu
können. Es bedarf hierzu sozialpsychiatrischer Kompetenzen, präventiver Strategien,
sozialraumorientierter Kenntnisse und guter Kooperationen. Da diese Familien nur
eingeschränkt von Komm-Strukturen profitieren, sind auch aufsuchende Beratungen von
Vorteil. Alle diese Voraussetzungen werden vom Gesundheitsamt – im engen
Zusammenwirken mit allen beteiligten Institutionen in Münster – erfüllt.
Trotz der beschriebenen positiven Erfahrungen mit der Familiensprechstunde gibt es auch
Verbesserungsbedarf:
Das Präventionsangebot könnte von deutlich mehr Familien in Anspruch genommen
werden. Das Personal der LWL-Klinik (Pflegekräfte, Sozialarbeit, Ärzteschaft) muss
hierzu stärker in die Akquise und in die Vernetzung einbezogen werden. Auch
müssen die Zugangshemmnisse von suchtkranken oder psychotisch erkrankten
Eltern (unterrepräsentiert) genauer identifiziert und dann vermindert werden.
Es sollten weniger Familien die Maßnahme vorzeitig beenden (bislang knapp über
50 %). Auch wenn dies den Besonderheiten der hochbelasteten Familien geschuldet
ist und alle Studien eine hohe „Dropout-Rate“ haben (siehe 1.2), bedarf es gezielter
Anstrengungen, die Familien nicht aus der Beratung zu verlieren. Möglicherweise hat
bei einigen Familien die aufwändige, aber in der Evaluationsphase notwendige,
Datenerhebung dazu beigetragen, dass es zu einem vorzeitigen Abbruch kam. In
diesen Fällen kann zukünftig eine Reduktion der Erhebungsbögen und Testverfahren
Entlastung bringen.
Die Rolle der Väter – sowohl der erkrankten als auch der gesunden – ist noch zu
wenig in den Blick genommen worden. Die Mütter dominieren mit 81 % die
Inanspruchnahme der Familiensprechstunde (siehe 3.3.1).
Es bedarf noch weiterer Anstrengungen, die Kooperation zwischen der
Erwachsenenpsychiatrie und der Jugendhilfe zu verbessern.
„Untersuchungen belegen, dass frühe interdisziplinäre Hilfen, die professionell und
45
niedrigschwellig angeboten werden, eine sinnvoll angelegte Zukunftsinvestition für die
gesamte Gesellschaft darstellen“ (Görres und Pirsig 2011, Seite 8).
Die Familiensprechstunde in der LWL-Klinik Münster konnte in diesem Sinne für Kinder
psychisch kranker und suchtkranker Eltern als niederschwelliges und flexibles kommunales
Präventionsprojekt etabliert und verstetigt werden. Sie trägt zur quantitativen und qualitativen
Verbesserung in der Versorgung dieser hochbelasteten Familien bei.
4.2 Ausblick
Seit dem 01.04.2019 wird die Familiensprechstunde in modifizierter Form als Regelangebot
des Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienstes der Abteilung „Psychische Gesundheit“ des
Gesundheitsamtes in der LWL-Klinik mit durchschnittlich 10 Wochenstunden fortgesetzt. Die
Durchführung obliegt einer Sozialpädagogin und einem Sozialpädagogen.
Die Erkenntnisse aus dem Projekt veranlassen uns, das Personal der LWL-Klinik
(Pflegekräfte, Ärzteschaft, Sozialarbeit) nun in engen Zyklen intensiver zu informieren und zu
schulen. Hierdurch soll erreicht werden, dass die dort behandelten psychisch kranken oder
suchtkranken Eltern häufiger zur Mitarbeit in der Familiensprechstunde motiviert werden. Die
ständigen Akquisebemühungen werden so zu einem festen „Baustein“ in der
Familiensprechstunde.
Für Eltern mit Suchterkrankungen oder mit psychotischen Erkrankungen muss der Zugang
zur Familiensprechstunde noch individueller angepasst werden. Dies gilt es gemeinsam mit
der LWL-Klinik zu entwickeln. Bislang nehmen diese Familien das Angebot noch deutlich zu
selten wahr.
Die Anzahl der Erhebungsbögen kann reduziert werden, um einer Überforderung der
Familien mit der Gefahr eines Beratungsabbruchs entgegenzuwirken. Die bereits im Projekt
erprobten Testverfahren zu möglichen Störungen der Kinder und Jugendlichen (CBCL,
YSR/11-18), zu ihren Ressourcen (FRKJ) und zu ihrer Stressbewältigung (SSKJ) werden auf
Wunsch der Familien oder bei indizierten Fragestellungen weiterhin durchgeführt, gehören
aber nicht zwingend zur Präventionsberatung.
Die Psychoedukation wird aufgrund ihrer hohen protektiven Bedeutung und der positiven
Bewertung der Familien mindestens im gleichen Umfang fortgeführt.
Die Rolle der Väter – sowohl der erkrankten als auch der gesunden – wird hinsichtlich ihrer
Bedeutung zukünftig genauer betrachtet. Im Projekt waren sie ebenso unterrepräsentiert
(19 %) wie in allen bisherigen Studien zu betroffenen Familien.
Die Familiensprechstunde kann auf Wunsch auch in den anderen psychiatrischen und
psychotherapeutischen Kliniken in Münster durchgeführt werden.
Die psychiatrischen und psychotherapeutischen Praxen in Münster, die bislang kaum in die
Vernetzung eingebunden sind, sollten vermehrt über die Familiensprechstunde informiert
werden.
Bei neuen Erkenntnissen, u. a. aus dem noch ausstehenden Abschlussbericht der
Arbeitsgruppe der Bundesregierung (siehe 1.2), wird ggf. eine Anpassung der
Familiensprechstunde vorgenommen.
Alle Maßnahmen sollen die Wahrscheinlichkeit erhöhen, in Zukunft mehr betroffene Familien
noch früher und noch passgenauer zu erreichen.
46
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50
Anhang
Anhang 1: Beratungsabbrüche in Abhängigkeit von Diagnosen
Anhang 2: Empfohlene Angebote
Anhang 3: Qualitative Ergebnisse der Selbstevaluation
Anhang 4: Veröffentlichungen
Anhang 5: Erhebungsbögen vom Zentrum für Empirische Pädagogische Forschung (zepf)
Anhang 6: Flyer der Familiensprechstunde
51
Anhang 1: Beratungsabbrüche in Abhängigkeit von Diagnosen (ICD 10*)
Beratung
abgebrochen
Beratung
beendet
Suchtbezogene Erkrankung F1 5 3
Psychische Erkrankung F2 1 1
Psychische Erkrankung F3 9 15
Psychische Erkrankung F4 4 6
Psychische Erkrankung F5 0 2
Psychische Erkrankung F6 0 7
Psychische Erkrankung F9 1 2
F1: Störungen durch psychotrope Substanzen
F2: Schizophrenie und wahnhafte Störungen
F3: Affektive Störungen
F4: Neurotische, Belastungs- und somatoforme Störungen
F5: Verhaltensauffälligkeiten mit körperlichen Störungen
F6: Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen
F9: Störungen mit Beginn in der Kindheit und Jugend
*Internationale Klassifikation psychischer Störungen ICD 10
52
Anhang 2: Empfohlene Angebote (n = 67)
Amt für Kinder, Jugendliche und Familien
Pädagogische Beratung (n = 3)
Stadtteil: Münster Nord
Netzwerkpartnerschaft: KSD Nord
Pädagogische Beratung
Stadtteil: Münster Mitte
Netzwerkpartnerschaft: KSD Mitte
Gesundheitsamt
Sozialpsychiatrische Beratung
Stadtteil: Münster Mitte
Netzwerkpartnerschaft: Sozialpsychiatrischer Dienst (SPDI)
Kinder- und Jugendpsychiatrische Diagnostik und Beratung
Stadtteil: Münster Mitte
Netzwerkpartnerschaft: Kinder- und Jugendpsychiatrischer Dienst (KJPD)
Kinderschutzbund
Pädagogische Beratung
Stadtteil: Münster Mitte
Netzwerkpartnerschaft: Kinderschutzbund
Themenzentrierte Kindergruppen
Auryn-Gruppe (n = 4)
Stadtteil: Münster Mitte
Netzwerkpartnerschaft: Beratungsstelle Südviertel e. V.
Auryn-Gruppe (n = 5)
Stadtteil: Münster Süd
Netzwerkpartnerschaft: Beratungsstelle Südviertel e. V.
Tembo-Gruppe (n = 3)
Stadtteil: Mitte
Netzwerkpartnerschaft: Diakonie Münster e. V.
Therapeutische Kindergruppe
Beratungsstelle Hamburg
Netzwerkpartnerschaft: Wellengang Hamburg
Freizeit- und Sportangebote
Kickboxen
Stadtteil: Münster Mitte
Netzwerkpartnerschaft: Budosportcenter Münster
Reiten
Stadtteil: Münster West
Netzwerkpartnerschaft: Mitmachkinder
53
Rettungsschwimmkurs
Stadtteil: Münster-Ost
Netzwerkpartnerschaft: Sportamt Stadt Münster
Schwimmkurs
Stadtteil: Münster Mitte
Netzwerkpartnerschaft: Mitmachkinder
Tischtennis
Stadtteil: Münster Ost
Netzwerkpartnerschaft: TSV Angelmodde
Basketball oder Schwimmen
Stadtteil: Münster Süd-Ost
Netzwerkpartnerschaft: TUS Hiltrup oder DLRG
Fußball
Stadtteil: Münster Nord
Netzwerkpartnerschaft: SC Westfalia Kinderhaus, Mitmachkinder
Fußball
Stadtteil: Münster Nord
Netzwerkpartnerschaft: SC Westfalia Kinderhaus, Mitmachpaten
Ponyreiten
Stadtteil: Münster West
Netzwerkpartnerschaft: Ponyreitschule, Mitmachkinder, Mitmachpaten
Tanzen
Stadtteil: Münster Mitte
Netzwerkpartnerschaft: Rebeltanz, Mitmachkinder
Malen
Stadtteil: Münster-Mitte
Netzwerkpartnerschaft: Zeichenschule, Mitmachkinder
Hiltruper Ferienspaß
Stadtteil: Münster Hiltrup
Netzwerkpartnerschaft: Begegnungszentrum Stadt Münster
Kinder- und Jugendpsychiatrische und -psychotherapeutische Angebote
Ambulante Kinder- und Jugendpsychiatrische Praxis – Diagnostik
Stadtteil: Gesamte Stadt
Netzwerkpartnerschaft: Praxis für KJP
Ambulante Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie
Stadtteil: Münster West
Netzwerkpartnerschaft: Praxis für KJP
Ambulante Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie
Stadtteil: Münster Mitte
Netzwerkpartnerschaft: APV
Ambulante Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie
Stadtteil: Münster Nord
Netzwerkpartnerschaft: Praxis für KJP
54
Ambulante Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie
Stadtteil: Münster Mitte
Netzwerkpartnerschaft: Praxis für KJP
Erziehungsberatung und ambulante Hilfen zur Erziehung
Erziehungsberatung
Stadtteil: Münster West
Netzwerkpartnerschaft: Caritas-Verband für die Stadt Münster e. V. und KSD West
Erziehungsberatung und Hilfen zur Erziehung (n = 3)
Stadtteil: Münster Nord
Netzwerkpartnerschaft: Caritasverband für die Stadt Münster e. V. und KSD Nord
Erziehungsberatung
Stadtteil: Münster Mitte
Netzwerkpartnerschaft: Caritasverband für die Stadt Münster e.V., Diakonie Münster e. V.
Familienberatung
Stadtteil: Münster Mitte
Netzwerkpartnerschaft: Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstelle, Bistum Münster
Eltern-Kind-Gruppen
Stadtteil: Münster Gesamt
Netzwerkpartnerschaft: Erziehungs- und Familienberatungsstellen
Hilfen zur Erziehung
Stadtteil: Münster Ost
Netzwerkpartnerschaft: KSD Ost
Hilfen zur Erziehung (Sozialpädagogische Familienhilfe)
Stadtteil: Münster Nord
Netzwerkpartnerschaft: KSD Nord
Hilfen zur Erziehung (Sozialpädagogische Familienhilfen) (n = 2)
Stadtteil: Münster Mitte
Netzwerkpartnerschaft: KSD Mitte
Aufsuchende Familientherapie
Stadtteil: Münster Nord
Netzwerkpartnerschaft: KSD Nord, AWO Familienhilfe
Vortrag: Resilienz": Wie stärke ich mein Kind?
Stadtteil: Münster Ost
Netzwerkpartnerschaft: Haus der Familie
Schulpsychologische Diagnostik und Beratung
Leistungstestung
Stadtteil: Münster Mitte
Netzwerkpartnerschaft: Schulpsychologische Beratungsstelle
Schulpsychologische Beratung
Stadtteil: Münster Mitte
Netzwerkpartnerschaft: Schulpsychologische Beratungsstelle
55
Weitere Angebote für Kinder
Familienpaten
Stadtteil: Münster West
Netzwerkpartnerschaft: Mitmachpaten
Frühe Hilfen
Stadtteil: Münster Nord
Netzwerkpartnerschaft: Caritasverband für die Stadt Münster e.V.
Kinder-Reha
Stadtteil: Münster Mitte
Netzwerkpartnerschaft: Rentenversicherung, Kinderarzt
Jugendwohnen
Stadtteil: Münster Ost
Netzwerkpartnerschaft: KSD Ost und Diakonie e. V.
Nachhilfe in Mathematik und Französisch
Stadtteil: Münster Süd-Ost
Netzwerkpartnerschaft: Schule
Gewichtsreduktion
Stadtteil: Münster Mitte
Netzwerkpartnerschaft: Kinderarzt, Ernährungsberatung, Krankenkasse
Weitere Angebote für Eltern
Stationäre Suchtbehandlung
Stadtteil: Münster Mitte
Netzwerkpartnerschaft: LWL-Klinik
Reha/Entwöhnungsbehandlung
Stadtteil: Münster Mitte
Netzwerkpartnerschaft: LWL-Klinik
Ambulante Suchtbehandlung
Stadtteil: Münster Mitte
Netzwerkpartnerschaft: Suchtambulanz LWL-Klinik
Familienhebamme
Stadtteil: Münster Kinderhaus
Netzwerkpartnerschaft: Selbstständige Hebamme
Geburtsvorbereitungskurs
Stadtteil: Münster Mitte
Netzwerkpartnerschaft: Gynäkologische Praxis
Tagesklinik
Stadtteil: Münster Mitte
Netzwerkpartnerschaft: LWL-Klinik
Selbsthilfegruppen
Stadtteil: Münster gesamt
Netzwerkpartnerschaft: Anonyme Alkoholiker / Kreuzbund
56
Ambulant betreutes Wohnen
Stadtteil: Münster Ost
Netzwerkpartnerschaft: BeWo Alexianer
Ambulante psychiatrische Pflege
Stadtteil: Münster Mitte
Netzwerkpartnerschaft: Psychosoziales Zentrum des FSP (Für soziale Teilhabe und
Psychische Gesundheit e. V. Münster)
57
Anhang 3: Qualitative Ergebnisse der Selbstevaluation
Kategorie Beschreibung der Kategorie Anzahl der
Nennungen
1. Was wurde im Beratungsprozess als hinderlich erlebt?
1.1 Familiäre Rahmenbedingungen
Elterliche Konflikte
Beziehungskrisen, eine bevorstehende Trennung
oder mangelnde Kommunikation bei
getrenntlebenden Eltern behindern die Beratung. 4
Langjährige
Krankheits-
vorgeschichte
Die Krankheit des betroffenen Elternteils liegt
schon lange vor (oder ist lange her) und somit auch
die Auswirkungen auf die Kinder. Die Kinder
können somit nicht präventiv erreicht werden und
die Beratung ist langwieriger.
5
Ungünstige
Wohnsituation
Die Kinder oder der Partner leben nicht im nahen
Umkreis und werden somit nicht durch die
Beratung erreicht oder können Hilfsangebote nicht
annehmen.
5
1.2 Beratungsresistenz
Fehlende
Krankheitseinsicht der
Eltern
Die Bedeutung der Krankheit und die damit
verbundene Belastung für die Kinder werden vom
betroffenen Elternteil oder dem Partner nicht
erkannt oder tabuisiert.
5
Ablehnung der
Psychoedukation für
die Kinder
Die Eltern wollen aufgrund von Ängsten oder aus
Überzeugung nicht, dass ihre Kinder an der
Beratung teilnehmen und aufgeklärt werden.
7
Unsicherheit der
Kinder
Die Kinder wollen nicht mit den Beraterinnen
sprechen oder können sich nicht öffnen, aus
Ängstlichkeit oder anderen unbekannten Gründen.
5
1.3 Organisatorische Probleme
Termin-
schwierigkeiten
Es gibt Probleme bei der Terminfindung, es kommt
zu großen zeitlichen Abständen zwischen den
Terminen und sie werden oft verschoben oder
abgesagt, sodass es oft zu Fehlbesuchen kommt
und Flexibilität gefordert ist.
9
Zeitknappheit
Die Zeit für Gespräche und Beziehungsaufbau ist
zu knapp bemessen, u. a. durch den kurzen
Aufenthalt des betroffenen Elternteils oder generell
durch zu wenige Termine, die notwendig wären.
4
Zeitaufwand durch
Hausbesuche und
Abendtermine
Hausbesuche und häufige Abendtermine
außerhalb der offiziellen Sprechstunden bedeutet
einen größeren Zeitaufwand für die Beraterinnen.
2
Abbruch des Projekts
Die Eltern / das betroffene Elternteil sind plötzlich
nicht mehr erreichbar und brechen das Projekt ab,
sodass die Kinder nicht mehr gesehen werden
können.
4
Viele Paralleltermine
Einzelne Familienmitglieder sind durch viele
Termine außerhalb der Beratung (z. B. durch
Wohngruppen,Schule) sehr eingespannt, können
Beratungstermine o. Angebote nicht wahrnehmen.
3
58
Anhang 3: Qualitative Ergebnisse der Selbstevaluation (Fortsetzung)
Kategorie Beschreibung der Kategorie Anzahl der
Nennungen
2. Was wurde im Beratungsprozess als hilfreich erlebt?
2.1 Für die gesamte Familie
Angenehme
Gesprächs-
atmosphäre
Eine verständnisvolle und wertschätzende
Grundhaltung der Berater und eine angenehme
Atmosphäre schaffen die Voraussetzung für eine
gute Beratung.
5
Krankheitseinsicht
und offene
Kommunikation
Die Familie kommuniziert bereits offen über die
Krankheit, hat Verständnis für die Krankheit und die
damit verbundenen Probleme.
3
2.2 Für die Kinder
Literatur zur
Unterstützung der
Psychoedukation
Geschichten und Literatur unterstützen die
Psychoedukation und damit das Verständnis der
elterlichen Krankheit (z. B. „sonnige Traurigtage“)
14
Vermittlung zu den
Kindergruppen Tembo-Gruppe, Auryn-Gruppe 8
Aufwärmspiele
Malen und Spielen werden als hilfreich zum Abbau
von Unsicherheiten des Kindes erlebt 3
2.3 Für die betroffenen Eltern
Inner- und
außerfamiliäre
Ressourcen
Innerfamiliäre Angehörige (z. B. Großeltern) sowie
außerfamiliäre Beziehungen (Freunde) werden
während der Beratung als Ressource
miteinbezogen.
3
Motivation zur
Beratung und
Psychoedukation
Das betroffene Elternteil ist für die Beratung
motiviert und steht der Psychoedukation für sich
und auch für die Kinder offen gegenüber.
4
3. Positive Veränderungen durch die Beratung
3.1 Für die gesamte Familie
Kommunikation über
die Krankheit
innerhalb der Familie
Die Familie kann sich nun offen über die
Erkrankung des betroffenen Elternteils
austauschen, inklusive aller Befürchtungen oder
durch die Krankheit entstehenden Probleme, und
entwickelt Verständnis für die Bedürfnisse der
jeweils anderen Familienmitglieder.
9
Kommunikation über
generelle Sorgen
innerhalb der
Beratung
Die Familienmitglieder haben in der
Familienberatung einen Ansprechpartner für eigene
Sorgen und Probleme und können sich durch das
Ansprechen entlasten.
14
Kommunikation über
die Krankheit mit
außerfamiliären
Ansprechpartnern
Die Familienmitglieder können sich mit
außerfamiliären Ansprechpartnern wie Bekannten
oder pädagogischen Institutionen wie der Schule
über die Krankheit und damit verbundene
Probleme austauschen.
3
59
Anhang 3: Qualitative Ergebnisse der Selbstevaluation (Fortsetzung)
Kategorie Beschreibung der Kategorie Anzahl der
Nennungen
3.2 Für die betroffenen Eltern
Hilfen für eigene
Probleme
Hilfsangebote wie Paarberatung,
psychotherapeutische Behandlung oder
Selbsthilfegruppen werden in Anspruch genommen
und helfen den Eltern, ihre eigenen Probleme zu
bearbeiten. Auch die Beratung durch den
Sozialpsychiatrischen Dienst wird als Entlastung
wahrgenommen.
14
Hilfen für die
Erziehung
Hilfsangebote wie Sozialpädagogische
Familienhilfe, Familienpaten, stationäre
Jugendhilfe, Ambulant Betreutes Wohnen oder die
Schulpsychologische Beratungsstelle entlasten das
betroffene Elternteil in Bezug auf die Erziehung
ihrer Kinder. Auch die Beratung durch das Amt für
Kinder, Jugendliche und Familien wird als
Entlastung wahrgenommen.
12
Verständnis für
Selbstfürsorge
Das betroffene Elternteil lernt, wie wichtig
Selbstfürsorge und ein guter Umgang mit
Stresssituationen für die Krankheitsbewältigung ist.
4
Verständnis für
Auswirkungen der
Krankheit durch
Psychoedukation
Die Eltern entwickeln ein Verständnis dafür, welche
Auswirkungen die Krankheit auf ihre Kinder oder
die gesamte Familie haben kann, welche
Bewältigungsstrategien die Kinder vielleicht bereits
haben oder wie sie noch unterstützt werden
können.
18
3.3 Für die Kinder
Unterstützung im
Alltag
Die Kinder erfahren mehr Unterstützung durch die
Eltern (beim Lernen und in der Freizeit), da diese
auf ihre Bedürfnisse aufmerksam gemacht werden.
6
Verständnis der
Krankheit durch
Psychoedukation
Die Kinder entwickeln ein Verständnis für die
Krankheit und dass sie dafür keine Verantwortung
tragen.
9
4. Verbesserungsvorschläge
4.1 Zeitpunkt der
Beratung verschieben
Bei Rahmenbedingungen wie intensiver
psychiatrischer Behandlung des Elternteils oder
einer akuten Beziehungskrise der Eltern sollte die
Beratung verschoben werden.
2
4.2 Mehr Zeit für
Familiensprechstunde
Es braucht oft mehr Zeit als angedacht, damit die
Familienmitglieder den Grund der Beratung
verstehen und Vertrauen zu ihnen aufgebaut
werden kann, vor allem bei geringer
Beratungsmotivation oder Unsicherheiten.
12
4.3 Literatur für alle
Altersstufen
Als Ergänzung zur Psychoedukation sollte es für
alle Altersstufen entsprechende Literatur zum
Verständnis geben.
1
4.4. Bessere Absprache
mit der Station
Bessere Kommunikation mit dem Stationspersonal
und somit eine verbindliche erste Kontaktaufnahme
mit dem betroffenen Elternteil könnten
Terminabbrüche verhindern.
2
4.5 Familiensprechstunde
überall anbieten
Die im Projekt angebotene Beratung und damit
zusammenhängende Hilfsangebote sollten für alle
Familien angeboten werden, nicht nur für die in
Münster lebenden Familien.
3
4.6 Nicht zu viele
Angebote auf einmal
Zu viele Angebote können eher überfordernd als
hilfreich sein, weshalb sich lieber auf die für die
Familie relevanten Angebote beschränkt werden
sollte.
1
60
Anhang 4: Veröffentlichungen
Das Projekt kann seit der Bewilligung durch das damalige Ministerium für Gesundheit,
Emanzipation, Pflege und Alter des Landes NRW (MGEPA) in der Projekt-Datenbank des
Landeszentrums Gesundheit NRW (LZG) eingesehen werden:
www.lzg.nrw.de/praevention/dist/index.php
Auf Anfrage der Bundesarbeitsgemeinschaft „Kinder- und Jugendpsychiatrie im öffentlichen
Gesundheitsdienst“ (BAG) wurde die Familiensprechstunde vom Gesundheits- und
Veterinäramt der Stadt Münster auf dem bundesweiten Kongress für den Öffentlichen
Gesundheitsdienst (ÖGD-Kongress) im Mai 2017 in München präsentiert.
Die KommunalAkademie der Konrad-Adenauer-Stiftung wählte im Juli 2018 bundesweit 30
Präventionsprojekte (4 in NRW) als gute Praxisbeispiele aus, worauf sie auf ihrer Webseite
hinweist. Zu diesen ausgewählten Projekten gehört auch die Familiensprechstunde. Das
Projekt kann dort auf der Themenseite „Gesundheit und Pflege“ eingesehen werden:
https://www.kas.de/einzeltitel/-/content/kommunale-aktivitaten-zur-gesundheitsforderung-
und-pravention
Im Oktober 2018 gab es eine ausführliche Pressemitteilung zur Familiensprechstunde, die in
den Printmedien und der Online-Version der Westfälischen Nachrichten und der
Münsterschen Zeitung veröffentlicht wurde.
Der Zwischenbericht für das Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales NRW (MAGS)
wurde auch als öffentliche Berichtsvorlage (V/0733/2018) im November 2018 in den
politischen Gremien der Stadt Münster vorgestellt.
61
Anhang 5: Erhebungsbögen
vom Zentrum für Empirische Pädagogische Forschung (zepf) der Universität
Koblenz-Landau
Die vom zepf für die Familiensprechstunde neu entwickelten Erhebungsbögen sind abrufbar
unter:
https://www.zepf.eu
Zentrum für Empirische Pädagogische Forschung (zepf) der Universität Koblenz-Landau
(Projekt Familiensprechstunde)
Sie können auch angefragt werden unter:
sozialpsychiatrieKJ@stadt-muenster.de
Kinder- und Jugendpsychiatrischer Dienst, Gesundheits- und Veterinäramt der Stadt Münster
(Projekt Familiensprechstunde)
62
Anhang 6: Flyer der Familiensprechstunde
Beratungsverlauf (4)
Beschluss: zur Kenntnis genommen
Zur SitzungBeschluss: zur Kenntnis genommen
Zur SitzungBeschluss: zur Kenntnis genommen
Zur SitzungBeschluss: zur Kenntnis genommen
Zur SitzungOrte (1)
- Kinderhaus
Ortsbezüge werden automatisch aus den Dokumenten ermittelt und können unvollständig sein.
Details
- Aktenzeichen
- V/0023/2020
- Typ
- Vorlagen
- Datum
- 17.02.2020
- Erstellt
- 06.10.2020 14:37