A-W/0016/2007
Umbenennung des Carl-Diem-Weges
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Originalantrag
5269 Zeichen
Thorsten Kornblum 48161 Münster, 23.05.2007
Toppheideweg 12
An die BV Münster-West
- z.Hd. Frau Bezirksvorsteherin -
Schelmenstiege 1-3
48161 Münster
Betr.: Umbenennung des Carl-Diem-Weges
Die Bezirksvertretung wolle beschließen:
Der Carl-Diem-Wege wird in Julius-Hirsch-Weg umbenannt.
Begründung:
Das Anliegen dieses Antrags ist nicht eine Schuldzuweisung, sondern die Beendigung einer
Ehrung und der damit verbundenen fragwürdigen Vorbildfunktion für den Sport in einer
demokratischen Gesellschaft.
Die nie verstummte, seit den 90er Jahren verstärkt geführte Kontroverse um den
Sportfunktionär und –wissenschaftler Carl Diem kreist um die Frage, wie die sportpolitische
Rolle Diems im Nationalsozialismus einzuordnen ist und wie sie im Zusammenhang mit
seinen Verdiensten nach 1947 zu gewichten ist.
Folgende Erkenntnisse zu seiner Rolle innerhalb des NS Regimes sind dabei unbestritten:
Diem, u.a. aufgrund der jüdischen Verwandtschaft seiner Frau nie Mitglied der NSDAP
gewesen und anfangs als politisch unzuverlässig eingestuft, wurde ab 1936 zur
Schlüsselfigur der NS-Sportideologie und deren Organisationen. Unter seinen zahlreichen
Publikationen stellt sein Hauptwerk, „Die Olympische Flamme“ (Berlin 1936), das wichtigste
Zeitdokument der NS-Sportpropaganda dar.
1936 war er als Generalsekretär des Organisationskomitees der verantwortliche Gestalter der
olympischen Spiele in Berlin. 1938 bis 1945 war er Leiter des Olympischen Instituts. Seit
1939 hatte er die Funktion des Gauleiters im NS-Bund für Leibesübungen, zuständig für
Auslandskontakte, inne. Andere wichtige Funktionen, in denen er die Gleichschaltung des
Sports betrieb, kamen hinzu.
Sport war für Diem in erster Linie Wehrsport. Krieg und Sport waren für ihn aufs Engste
miteinander verbunden: „Der Krieg ist der vornehmste, ursprünglichste Sport, der Sport par
exellence und die Quelle aller anderen Sportarten (…) “ (in: Markus Wiskus: „Der Krieg ist der
vornehmste Sport“, Leibeserziehung, Heft 12,1971, S. 409 ff.). In einer Denkschrift von 1941
fordert Diem die Beibehaltung der Olympischen Spiele auch während des Krieges; „Ich meine
aber, dass man den Herrschaftsstandpunkt der überlegenden Rasse nur dann auf Dauer
durchhält, wenn auch eine körperliche Gesundheit und Kraft dahinter steht und darum sehe
ich in den Spielen für Europa genau das, was Coubertin in ihnen für Frankreich gesehen hat:
die immerwährende Prüfung im härtesten Feuer und der stachelnde Anreiz, es den besten
Völkern gleich zu tun (…)“
In seinem Aufsatz im „Reichssportblatt“ vom 25.06.1940, drei Tage nach dem offiziell
verkündeten Sieg der deutschen Truppen über Frankreich, rühmt er „mit atemloser Spannung
und steigender Bewunderung diesen Sturmlauf, diesen Siegeslauf“ und steht „staunend vor
den Taten des Heeres“ und versichert, dass „der sportliche Geist, in dem Deutschlands
Jungmannschaft aufgewachsen ist“ erst den „Sturmlauf durch Polen, Norwegen, Holland,
Belgien und Frankreich“ und den „Siegeslauf in ein besseres Europa“ ermöglichte.
Carl Diem zitiert in seiner am 18.3.1945 vor dem HJ-Volkssturmlehrgang auf dem
Reichssportfeld in Berlin gehaltenen Rede den spartanischen Dichter Tyrtaios, dessen
Gedicht u.a. die Zeilen enthält: “Schön ist der Tod, wenn der edle Krieger für das Vaterland
ficht, für das Vaterland stirbt.“ (LG Darmstadt vom 17.1.2002).
Auch Sätze wie "Sport ist freiwilliges Soldatentum" belegen Diems militaristische Haltung. In
dem im Jahr 2000 erschienenen Buch von Achim Laude und Wolfgang Bausch "Der
Sportführer: Die Legende um Carl Diem" erscheint der NS-Sportfunktionär als brauner
Karrierist, der maßgeblichen Anteil an der Gleichschaltung des Sports hatte und
bedingungslose Vaterlandsliebe predigte (Quelle: Der Tagesspiegel v. 10.07.2001).
Nach der öffentlichen Distanzierung (1995) des Leiters der 1947 von Carl Diem gegründeten
Deutschen Sporthochschule in Köln begannen zahlreiche Umbenennungen von Schulen,
Straßen, Sporthallen und Ehrenplaketten.
Die nationalistische, militaristische und rassistische Haltung Diems ist vorstehend
herausgestellt.
Es stünde der Friedensstadt Münster wohl an, dem Beispiel der Kommunen Würzburg
(Geburtsstadt Diems), Mannheim, Hanau, Düren, Frechen sowie des Deutschen
Leichtathletik Verbandes zu folgen und damit ihrerseits einen Beitrag zu einem humanen,
gewaltfreien und der Völkerverständigung verpflichtetem Sport zu leisten.
Die Neubenennung erinnert an den jüdischen Sportler Julius Hirsch, der 1933 aus dem
Karlsruher Sportverein ausgeschlossen wurde und 1943 nach Auschwitz deportiert wurde.
Stellvertretend für die Generation ausgeschlossener und ermordeter Sportler schuf der DFB
2005 an ihn erinnernd den Julius-Hirsch-Preis. Er soll jährlich an Personen und / oder
Vereine verliehen werden, die sich besonders "für Freiheit, Toleranz und Menschlichkeit
sowie gegen nationalsozialistische, rassistische, fremdenfeindliche oder extremistische
Erscheinungsformen" einsetzen.
gez.: Thorsten Kornblum und Fraktion
Beratungsverlauf (1)
Beschluss: eingebracht
Zur SitzungOrte (2)
- Toppheideweg 12
- Schelmenstiege 1
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Details
- Vorlagen-Nr.
- A-W/0016/2007
- Typ
- Antrag an die BV West
- Datum
- 24.05.2007
- Erstellt
- 06.10.2020 14:37