1222/2021
„Das ist alles unsere Lebenszeit. Ältere Lesben und Schwule in der Corona-Krise"; eine Publikation des rubicon e.V.
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Mitteilung Ausschuss
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Die Oberbürgermeisterin Dezernat, Dienststelle OB/16/161/3 Vorlagen-Nummer 12.04.2021 1222/2021 Mitteilung öffentlicher Teil Gremium Datum Ausschuss Soziales und Senioren 15.04.2021 Stadtarbeitsgemeinschaft Lesben, Schwule und Transgender 21.04.2021 Ausschuss für die Gleichstellung von Frauen und Männern 28.05.2021 Stadtarbeitsgemeinschaft Seniorenpolitik „Das ist alles unsere Lebenszeit. Ältere Lesben und Schwule in der Corona-Krise"; eine Publikation des rubicon e.V. Der rubicon e.V. hat unter dem Titel „Das ist alles unsere Lebenszeit“ neun Interviews veröf- fentlicht, in denen ältere Lesben und Schwule über ihre Erfahrungen in der Corona-Krise be- richten: Wie gefährdend erleben die Porträtierten die Pandemie? Worauf können sie zurück- greifen? Was brauchen sie für die Zukunft? Die Berichte blicken zurück auf den ersten Lock- down, spiegeln die Sorglosigkeit des Sommers und die zunehmenden Ängste der porträtier- ten Menschen im ausklingenden Jahr. Die Veröffentlichung, versehen mit einem Grußwort von Bettina Böttinger und Klaus Nierhoff, wurde von der Arcus Stiftung, der LAG Lesben in NRW, von Queeres Netzwerk NRW und vom Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales NRW gefördert. Sie kann hier als pdf-Dokument heruntergeladen werden. Ältere LSBTI Senior*innen leben häufiger alleine. Durch die generellen Kontaktbeschränkun- gen auf die engste Kernfamilie ergibt sich dadurch vermehrt die Situation der Vereinsamung. Geborgenheit finden sie häufig nicht in ihren Herkunftsfamilien, sondern vielmehr in soge- nannten Wahlfamilien, die meist aus langjährigen Freund*innen und Bekannten bestehen. Durch die strengen Kontaktbeschränkungen sind vertraute und wichtige Netzwerke im ge- schützten Raum – zeitweise – weggebrochen. Anlage: „Das ist alles unsere Lebenszeit. Ältere Lesben und Schwule in der Corona-Krise“ (96 Seiten) Gez. Reker
Anlage "Das ist alles unsere Lebenszeit. Ältere Lesben und Schwule in der Corona-Krise"
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DAS IST ALLES UNSERE LEBENSZEIT Ältere Lesben und Schwule in der Corona-Krise Vera Ruhrus Grußwort Das Coronavirus verändert unseren Blick auf Selbstverständlich - keiten des alltäglichen Lebens. Noch gibt es wenige Berichte darü- ber, wie ältere Lesben und Schwule dieser Herausforderung begeg- nen. Umso mehr freuen wir uns über die vorliegende Publikation. Neun ältere Menschen erzählen über ihre Erfahrungen in der Co- rona-Krise. Sie leben offen lesbisch und offen schwul. Die Älteste, Jahrgang 1938, erinnert sich noch an die Bomben im 2. Weltkrieg. Der Jüngste, Jahrgang 1965, ist geprägt von der Aidskrise und dem schmerzhaften Verlust vieler Freunde. Sie und die Porträtierten zwischen diesen beiden Jahrgängen las - sen uns teilhaben an ihrem Alltag im Epochenjahr 2020. Sie er - zählen von biografischen Prägungen und von persönlichen „Le - bensrezepten“ . Die ältere Generation von Lesben und Schwulen ist oftmals einen mäandernden, auch kämpferischen Weg der Selbst- verwirklichung gegangen. Das prägt unverkennbar ihren Umgang mit der Krise. Wir sind beeindruckt von diesen Mut machenden Geschichten, berührt von der Verbundenheit und politischen Verantwortung, die in den so unterschiedlichen Lebenswegen aufblitzen. Wir wünschen dieser Veröffentlichung viele begeisterte Leser*innen! Bettina Böttinger Klaus Nierhoff Botschafterin der Arcus Stiftung Botschafter der Arcus Stiftung 7 Inhalt Grußwort 7 Einleitung 11 Interviews Wolfgang (69) Einkaufen war das Highlight des Tages 13 Raphael (70) My life has been a tapestry 22 Karin (65) Die politische Entwicklung macht mir mehr Angst als das Virus 30 Gabi (61) Anfangs dachten wir, in zwei Wochen ist die Pandemie durch 39 Karsten (55) Verantwortung zu tragen, haben wir mit HIV gelernt 47 Sigmar (72) Auf einmal war der Terminkalender leer 56 Betty (70) Wir lassen nicht einfach eine allein zu Hause 61 Barbara (82) Wir sind hier trotz Corona mitten im Leben 70 Eugen (79) Auf einmal hat man doch weniger Rechte 79 Ein vorläufiges Fazit 87 Quellen 91 Impressum 93 Einleitung Es begann im Lockdown im März 2020: Ein CSD nach dem an - deren wurde abgesagt. Einige Veranstalter*innen verschoben ihre Prides in den Herbst, andere planten sie als Livestream. Selbst diejenigen, die den queeren Großevents wenig abgewinnen kön - nen, merkten bald, dass ihnen etwas fehlt: Begegnungen, Gemein- schaft, Feiern unterm Regenbogen. Manche sprachen sogar von einem bedrohten „ Wir“-Gefühl. 2020 sollten mit der Kampagne „CSD ist für Alte da“ gezielt die 60 plus Generationen einbezogen werden. Mehr Sichtbarkeit und Teilhabe für die Pionier*innen der Emanzipationsbewegungen! Stattdessen erlebten ältere Lesben und Schwule – so auch hete - rosexuelle Ältere - wie sie pauschal als Risikogruppe eingeordnet wurden. Nachdem sich in unserer Gesellschaft durch langjährige Aufklärungskampagnen ein differenziertes Altersbild etabliert hat, galten sie plötzlich als die Schwächsten der Gesellschaft. Die pa - ternalistische Haltung Senior*innen gegenüber ist für viele schwer erträglich. Menschen allein aufgrund ihres Alters als Risikogruppe zu definieren, erfülle den Tatbestand der Altersdiskriminierung, argumentiert der Vorsitzende des BIV A-Pflegeschutzbundes. Zu dem eindimensionalen Altersbild gesellte sich eine weitere Ste- reotype: Die Kernfamilie. Wir sind seit Ausbruch der Pandemie in Wort und Bild von ihr umgeben. Dass viele Regierungschef*in - nen für die Weihnachtsfeiertage über den eigenen Hausstand hinaus nur Kontaktpersonen aus dem „engsten Familienkreis“ erlaubten, rief LSBTIQ* Interessensvertretungen auf den Plan. Der Lesben- und Schwulenverband in Deutschland (LSVD) kri - tisierte die Bevorzugung leiblicher Verwandter. Nicht nur für viele Menschen in der LSBTIQ* Community sind Freund*innen die wichtigsten Bezugspersonen! Wahlfamilien epidemiologisch anders zu bewerten als Herkunftsfamilien, sei lebensfremd und verstärke die soziale Isolation. 11 Ältere Lesben und Schwule, häufig alleinlebend, finden in ihren Freundeskreisen Geborgenheit. Durch die Kontaktbeschränkun - gen drohen vertraute Netzwerke wegzubrechen. Mit der „zweiten Welle“ verschärfte sich die Situation. Aus Furcht vor Covid-19 ha- ben sich Ältere sehr zurückgezogen. In den wenigen Städten, in denen es eine geförderte lesbisch- schwule Senior*innenarbeit gibt, stehen Ansprechpartner*innen bereit. Sie bieten digitale Treffen an, arrangieren „talks & walks“ im Freien, telefonieren regelmäßig mit denjenigen, die keine Mails, WhatsApps und Videotools nutzen können oder wollen. Wie wichtig verlässliche Strukturen sind, die soziale Teilhabe ge - währleisten, zeigt sich in dieser Pandemie besonders deutlich. Als Landesfachberatung für gleichgeschlechtliche Lebensweisen in der offenen Senior*innenarbeit in NRW wirken wir gezielt dar - auf hin, dass in den Angeboten für ältere und alte Menschen die Lebenswirklichkeit von Lesben, Schwulen und Trans* einbezogen wird. Social Distancing bedeutet eine große Herausforderung für alle. Ja, es braucht einen Regenbogen-Rettungsschirm, damit die er - kämpften Strukturen erhalten bleiben, und es braucht die Präsenz der älteren, auch alten Lesben und Schwulen, die uns an ihren Er- fahrungen teilhaben lassen. Die queere Community ist vertraut mit schwierigen Situationen - im Umgang mit der Pandemie zei - gen sich auch die Stärken autonomer, gegen den Strich gebürsteter Lebensläufe. Die Gespräche wurden ab August 2020 geführt und beziehen sich auf den Erfahrungszeitraum vom Beginn der Pandemie bis Ende Dezember 2020. Wir bedanken uns bei den Interviewpartner*in - nen für ihre Bereitschaft, von ihren Erfahrungen aus der Corona- Krise und den Auswirkungen auf ihr Leben zu erzählen. 12 „Einkaufen war das Highlight des Tages“ Wolfgang, 69 Wolfgang treffe ich mitten im August, zwischen zwei Hitzewellen des denkwürdigen Sommers 2020. Die erste Corona-Welle ist schon eine Weile her, vorsichtige Zuversicht breitet sich aus. Zum Interview kommt Wolfang gerne aus Bad Honnef nach Köln, er wird danach noch einen Freund treffen. Anfangs ist Wolfgang skeptisch, ob er „überhaupt genug zu erzählen“ hat. Diese Sorge erweist sich als unbegründet. Er engagierte sich bei den „Grünen“ und war an der Gründung der „taz“ beteiligt. Eine Episode als Zeitsoldat der Bundesmarine – „die schönen Matrosen“ – beendete Wolfgang mit der nachträglichen Verweigerung des Wehrdienstes aus Gewissensgründen. Wichtig waren ihm neben der „Freude an der Arbeit“ immer seine freundschaftlichen Kontakte, so war Wolfgang auch in der Szene „nie der Wilde, sondern der Verlässliche, das liebe Gesicht, das alle kannten.“ Am Ende des Interviews verabschiedet er sich: „Ich würde dich jetzt gerne umarmen – aber das geht ja zurzeit leider nicht!“ „DAS IST ALLES UNSERE LEBENSZEIT“ 13 In Bad Honnef fühle ich mich sehr verwurzelt und integriert. Meine Eltern hatten früher eine große Hühnerfarm dort. Ich habe schon früher immer die Eier mitausgeliefert und kenne die Stadt und die Gegend sehr gut. Mein schwules Coming-Out lief hier recht problemlos. Mit 16 Jahren wurde mir klar, dass ich eher auf Männer stehe. Ich war sehr stolz auf diese freudige Entdeckung und habe gleich meinem besten Freund davon erzählt. Seit einem Jahr engagiere ich mich in Bad Honnef in der Senioren- vertretung. Dadurch habe ich auch den Kontakt zu Georg Roth. Er hatte in der Zeitung ein Foto von uns gesehen, auf dem ich die rote Aids-Schleife trage, und mich angeschrieben. Diese Schleife trage ich aus Solidarität mit den Betroffenen in der Öffentlichkeit immer, um darauf hinzuweisen, dass Aids nicht vorbei ist, auch wenn es nicht mehr in den Schlagzeilen der Medien vorkommt. Hast du bei deinem Engagement auch die lesbischen und schwulen Senior*innen im Blick? Auf jeden Fall! Ich würde gerne für Lesben und Schwule in den Alteneinrichtungen Gespräche anbieten oder auch mal etwas mit ihnen unternehmen, ein Café besuchen oder Kölner Szeneknei - pen. Vor dem Lockdown im März hatte ich deshalb die ersten Se- niorenheime kontaktiert. Derzeit kommen Schwule und Lesben der Generation, die schon offener gelebt, aber keine eigene Familie gegründet hat, zahlreicher in die Alteneinrichtungen. Einsamkeit ist für sie durchaus ein Thema, auch unabhängig von der Corona-Pandemie. Zum sozialen Engagement kommt bei dir auch berufliches Engagement… Die Freude an meiner Arbeit war mir immer sehr wichtig. Des - 14 WOLFGANG halb habe ich nie richtig viel Geld verdient, das zeigt sich jetzt in der Rente. Und mit der Arbeit höre ich nicht auf, sie macht mir immer noch Spaß. Ich finde auch schön, dass ich in allen Jobs of - fen schwul leben konnte und akzeptiert war. Seit 15 Jahren habe ich nun einen Job an der Rezeption eines Ho- tels, zuerst als Nebenjob, jetzt zusätzlich zur Rente. Das hätte ich mein ganzes Leben lang machen sollen, für mich ist diese Arbeit ideal, denn ich bin ein Mensch, der sehr gerne in Kontakt geht, wertvolle Tipps gibt und Gespräche führt, auch wenn sie ober - flächlich sind. Ich freue mich immer, wenn ich arbeiten gehen kann. Dabei kann ich mich richtig ausleben. Durch das blöde Virus ist das alles durcheinandergekommen. Wir hatten natürlich, wie die meisten Hotels, ein paar Wochen geschlossen. Wann hast du zum ersten Mal von dem neuen Corona-Virus gehört? Als erstes habe ich natürlich im TV die Bilder aus Wuhan gesehen. Es waren sehr eindrucksvolle Szenen, wie die Stadt abgeriegelt wurde und Leute in die Quarantäne geschleift wurden. Das war ja noch weit weg, halt da, wo die Leute irgendwelche seltsamen Dinge essen. Ich hätte nie gedacht, dass es hier rüberkommt. Und auf einmal war die Krankheit überall, in der ganzen Welt. Dann hat es die WHO als Pandemie eingestuft, das hatte ich zuvor auch noch nie erlebt. Pandemie - ein wirklich merkwürdiges Wort! Wie ist es dir im ersten Lockdown im März ergangen? Ich fand die erste Zeit der Pandemie sehr bedrohlich, sehr un - heimlich, die schnelle Verbreitung, auch in den hochentwickelten 15 „DAS IST ALLES UNSERE LEBENSZEIT“ Staaten wie USA und Frankreich. Auf einmal war der Tod sehr nahe. Schlimmer noch die Unge - wissheit: Wie gefährlich ist es? Gibt es irgendwann Medikamente? Einen Impfstoff? Die Einschränkungen waren für mich nicht so schlimm, weil ich weiterhin selbst einkaufen ging. Die Metzgereien, Bäckereien und die Supermärkte hatten auf, so konnte ich alles gut erledigen. Als Diabetiker muss ich auch öfter zum Arzt, das fiel dann flach, weil die Praxis wegen eigener Corona-Fälle ganz schließen musste. Einkaufen war für mich das Highlight des Tages, als alles andere zu hatte. Ich kann mir vorstellen, dass für dich als herzlichen Menschen die Corona-Zeit mit ihren Distanzregeln eine besondere Herausforderung bedeutet ... Das stimmt! Mein Freund und ich waren bereits vorher ein wenig auf Distanz. Ich lebe allein und ohnehin, seit ich älter werde, etwas zurück - gezogener. Es hat sich so ergeben, dass meine Hetero-Freunde im Älterwerden doch mehr für sich leben. Das ist gar nicht böse ge - meint, aber es ist einfach so. Die Kontakte, die ich noch pflege, sind auch in der Corona-Zeit geblieben, nur, dass wir uns nicht mehr umarmen. Das ist auf je - den Fall für mich ein Verlust. In Köln habe ich einen guten jüngeren Freund, dieser Kontakt hat sich auch durch Corona verändert. Früher sind wir immer essen gegangen, dann in eine schwule Kneipe und haben ein bisschen abgelästert. WOLFGANG 16 Aha… Jetzt müssen wir uns eben draußen treffen. Du engagierst dich dafür, dass die Gefährdung durch HIV / Aids nicht vergessen wird. Gibt es Parallelen zur Corona-Pandemie? Ich kann mir vorstellen, dass es fatal ist, wenn HIV/Aids und Corona zusammentreffen. Wenn das Immunsystem ohnehin ge - schwächt ist, dann ist Covid-19 potenziell tödlich. Bei meinem Diabetes wäre eine Infektion mit dem Corona-Virus für mich ebenfalls gefährlich. Ich bin deshalb nicht übertrieben ängstlich, aber es bestärkt mich in meiner Vorsicht. An den Beginn der Aids-Pandemie kann ich mich noch gut erin - nern, an die Stigmatisierung, die Berührungsängste. Man wusste nicht, wie es verbreitet wurde, wen es letztendlich treffen konn - te, man sprach von der „Schwulenkrankheit“ , aber auch Heteros konnten sie bekommen. Das Unbekannte, die Ungewissheit, fand ich sehr unheimlich, da sehe ich auf jeden Fall auch eine Parallele zu dem Beginn der Co - rona-Pandemie. Die HIV-Diagnose war damals zunächst ein To - desurteil. Dann gab es die ersten Medikamente mit einem kompli- zierten Einnahmeschema. Corona kann dagegen jeden treffen und ist viel ansteckender. Aids bekam man ja nur durch Austausch von Körperflüssigkeiten. Es traf aus der Sicht der Normalwelt damals eher stigmatisierte Rand- gruppen wie Schwule und Drogenabhängige. Mir ist wichtig, das Thema nicht nur mit eurozentrischem Blick zu betrachten. Wie Aids trifft auch Corona die Menschen in afri - kanischen Ländern und in Indien anders als uns Europäer. Viele Menschen in diesen Ländern leben auf engem Raum zusammen „DAS IST ALLES UNSERE LEBENSZEIT“ 17 Als meine Mutter nach einem Schlag- anfall in einem Pflegeheim war, habe ich sie jeden Tag besucht. Sie wusste, ihr Sohn sorgt für sie. Ihr Tod war für mich dann etwas ganz Stimmiges. Die Heimleitung rief mich morgens an, es ginge ihr nicht gut, dann kam die Notärztin, wir haben gemeinsam verantwortet, dass meine Mutter keine lebenserhaltenden Medika- mente mehr bekommt. Und dann ist sie in meinen Armen gestorben. Ich habe ihr von früher erzählt und dabei ist sie eingeschlafen. Und das war nicht traurig, sondern schön! Auch jetzt, wenn ich es erzähle, ist es eine schöne Erinnerung. WOLFGANG 18 ohne die Möglichkeit, sich zu separieren, um eine Ansteckung zu vermeiden. Weltweit gesehen ist Corona also gar nicht harmlos. Welche positiven Veränderungen erlebst du durch die Pandemie? Positive Veränderungen erlebe ich auf jeden Fall, auch bei kleinen Dingen. Ich schaue gerne in die Natur. Früher war nachmittags der Himmel voller Kondensstreifen und nun waren es nur noch weni- ge. Mittlerweile achte ich auf jedes Flugzeug, über uns ist die Flug- schneise vom Köln-Bonner Flughafen. Bei jedem Flugzeug schaue ich hoch, wie früher in meiner Kindheit, da hat man ja auch nach jedem Flieger Ausschau gehalten. Nachts kamen die Frachtflugzeuge, jetzt fast gar nicht mehr. Und auch der Autoverkehr ist weniger geworden. Ich wohne an einer sehr belebten Straße. Als alles heruntergefahren war, konnte ich sogar bei offenem Fenster fernsehen und schlafen. Diese Ruhe war schon schön. Nachts ist es noch ein bisschen stiller, aber mittler - weile wird es wieder voller und lauter. Was den Klimaschutz angeht, wurde ja bisher immer so getan, als gäbe es keine Alternative zu unserer Energiepolitik. Während der ersten Zeit des Lockdowns dachte ich, ach sieh mal an, es geht ja doch, alles mal runterfahren zu lassen! Das war eine interessante, nachhaltige Erfahrung! Hast du Ideen für oder Erwartungen an die schwule Community im Zusammenhang mit der Corona-Krise? Ich pflege meine politische Arbeit für die Grünen und die Senio - renarbeit. Am politischen Leben der Community nehme ich nicht wirklich teil. Hilfe von der Community in Corona-Zeiten erwarte ich nicht und vermisse sie auch nicht. In Bad Honnef hatten wir „DAS IST ALLES UNSERE LEBENSZEIT“ 19 einmal eine kleine schwule Gruppe, die möchte ich gerne wieder ins Leben rufen. Sie war nicht politisch, wir wollten ein bisschen lästern, locker sein, Spaß zusammen haben. Der Hintergrund war natürlich schon: wir sind schwul und stolz darauf! Es ist mir wichtig, den Heteros zu zeigen, dass auch wir ganz nor- mal und glücklich leben können! Wie wird es weitergehen mit der Pandemie und mit dir in der Pandemie? Ich hoffe, es wird gut weitergehen. Ich hoffe, dass der Trump nicht wiedergewählt wird. Ob wir wieder einen Lockdown bekommen, weiß ich nicht. Vielleicht werden wir wieder einen brauchen. Wahrscheinlich brauchen die Leute mal wieder eine klare Ansage. Schade wäre das für meinen Job, aber an mich denke ich da gar nicht so. Meine Rente würde zur Not reichen. Als ich im ersten Lockdown nicht arbeiten durfte, haben meine Verwandten mir Geld überwiesen, das ich nicht zurückzahlen muss. Das ist für mich ein Zeichen, dass die mich mögen. Ich kann das auch gut annehmen. Es geht nämlich im Leben auch darum, dass man nicht nur geben, sondern auch nehmen kann. Alle wis - sen, wie ich meine Eltern behandelt habe und schätzen mich des - halb. Es ist schön, dass jetzt in der Krise etwas zurückkommt. Ein Geben und Nehmen. Kein Almosen, sondern geschenkte Liebes - beweise, ein Streicheln der Seele! Am Silvestertag telefonieren Wolfgang und ich noch einmal mitein- ander. Beim ersten Interview im Sommer haben wir uns nicht vorstellen können, zum Jahreswechsel mitten in der zweiten Welle der Pandemie und tief in einem erneuten Lockdown zu sein… Ich werde heute Abend allein sein, so wie schon am Weihnachts - WOLFGANG 20 abend. Sämtliche Kontakte habe ich seit Wochen auf Eis gelegt, aus Vorsicht. Meine Arbeit an der Hotelrezeption muss auch wieder ruhen, das Hotel hat wieder geschlossen. Heute Nacht werde ich hundertprozentig den Blues kriegen! Zur- zeit habe ich schon meine Tiefs, Tage, an denen ich ziemlich trau- rig bin und alles schrecklich finde. Dann tue ich mir etwas Gutes, koche mir ein schönes Essen oder schaue kitschige Filme wie den „Kleinen Lord“ an. Das bringt mich dann wieder ins Gleichge - wicht. Das neue Jahr kann nur besser werden, jetzt haben wir einen oder mehrere Impfstoffe und ich denke, dass wir im Herbst 2021 aus dem Gröbsten raus sein werden. Was machst du als erstes, wenn wir aus dem Gröbsten raus sind? Zuerst werde ich meinen Freund in Köln treffen und wir werden uns alles erzählen, was in der Zwischenzeit war. Und dann werde ich die kleine schwule Gruppe in Bad Honnef wieder anschieben. Und dann mal sehen, was mir noch einfällt. Irgendwas wird lau - fen, wenn die Freiheit wieder da ist. Pläne habe ich genügend. Es wird schön sein, wenn das Leben wieder losgeht. Vielleicht wird es aber nicht mehr so sein wie früher… „DAS IST ALLES UNSERE LEBENSZEIT“ 21 „My life has been a tapestry“ Raphael, 70 Ende August, es ist hochsommerlich warm. Die Erinnerung an den ersten Lockdown ist verblasst, viele hoffen optimistisch, dass wir vielleicht schon das Schlimmste hinter uns haben. Dass wir uns irren, können wir zu diesem Zeitpunkt nicht wissen. Raphael reist zum Interview mit dem Zug an. Er freut sich darauf, nach dem Gespräch die Stadt Köln zu erkunden. Sein Werdegang führte Raphael mit einem Forschungsprojekt von Großbritannien nach Südamerika und schließlich, damals noch mit Frau und Kind, in eine westfälische Mittelstadt. Hier kam mit einem Kunsthandwerk ein neuer Aspekt in sein Leben: “ich hatte dann das Glück, neben einer Weberin zu wohnen. Und von ihr habe ich das Handwerk erlernt. ” Mit britischer Unaufgeregtheit begegnet Raphael der Gefährdung durch das neue Virus. Sein neues Leben nach einem späten Coming- out möchte er auch in der Corona-Pandemie bei aller Achtsamkeit weiterhin bewusst gestalten. RAPHAEL 22 Meine Partnerin und ich hatten uns auseinandergelebt und schließlich haben wir uns vor elf Jahren getrennt, auch weil ich merkte, dass ich mit meiner Sexualität nicht im Reinen war. Es war an der Zeit, den sozialen und kulturellen Druck abzuwer - fen, der mich in eine bestimmte Richtung gelenkt hatte, und dann den Tatsachen ins Auge zu schauen. Ich wollte nicht einer von denen sein, die irgendwann feststellen, dass sie ihr Leben nicht richtig gelebt haben. Etwas rumorte in mir und ich musste klären, worum es ging. Nun, als ich dann ein paar Wochen allein war, habe ich es geklärt und es gab kein Zurück mehr. Da war ich knapp 60. Mittlerweile komme ich in meinem richtigen Leben immer mehr an, aber es braucht seine Zeit. Eine Metamorphose braucht ihre Zeit – die Raupe ist eine Weile in ihrem Kokon und irgendwann kommt ein Schmetterling raus… Und das mit 70! Als wir uns trennten, kam ich in eine völlig andere Welt. Ich merkte dann erst, wie eng mein Leben gewesen war in den heterosexuellen Zusammenhängen. Nach meinem Entschluss war ich zunächst sehr einsam. Erst jetzt, nach elf Jahren, lade ich wieder Menschen zu mir ein, habe einen breit gefächerten Freun- deskreis und gestalte aktiv mein soziales Leben. Nachdem ich mich entschieden hatte, mein Leben zu leben, habe ich mich überall in der Familie und im Freundeskreis geoutet. Mein Vater hatte früher immer sehr negativ und abwertend über Schwule gesprochen. Er war 90, als ich ihm von meiner Homose - xualität erzählte. Meine Brüder gingen in Deckung, aber er hörte sich das an und sagte: „Es tut mir so leid, dass du darunter lei - den musstest. Und wenn du jetzt glücklich bist, dann bin ich auch glücklich.“ Es bewegt mich immer noch, dass er mir das vor sei - nem Tod noch sagen konnte. „DAS IST ALLES UNSERE LEBENSZEIT“ 23 Wenn ich webe, stelle ich mich ganz auf die Person ein, für die das Ge- schenk gedacht ist. Dann bin ich ganz nah bei diesem Menschen und webe unsere Beziehung. Das Ganze ist eine Art Meditation. Wenn ich anfange, hin und her zu weben, bin ich leicht in Trance. Im Deutschen gibt es den Ausdruck „Jemanden bestricken“ – und ich mag es sehr, die Menschen zu „beweben“ . Ich habe beim letzten Poncho eine Seite schwarz-grau-weiß ge- macht und die andere ganz bunt. Man kann mit allen Farben was Schönes machen, es gibt keine häss- lichen Farben, es ist immer die Frage der Kombination, man muss die richtige Farbe finden, die dazu passt. Das ist die große Herausforderung. RAPHAEL 24 „DAS IST ALLES UNSERE LEBENSZEIT“ Nach ersten Erfahrungen bei „Parship“ nimmt Raphael Kontakt zu verschiedenen Angeboten der schwulen Community auf. Ein wichti- ges Element seines neuen Lebens werden die schwulen Saunen. Die Sauna hat den Vorteil, dass alles von vorneherein geklärt ist. Es ist sehr ehrlich dort, man spielt keine Spielchen miteinander. Man kann sich verabreden, es kann sich etwas daraus entwickeln. Einige Männer behaupten, die gay Sauna sei eine der tollsten Er - rungenschaften der menschlichen Zivilisation. Sie bietet die Mög- lichkeit, sich frei zu entfalten und ganz authentisch zu sein. Mein fester Freund, der mich seit elf Jahren begleitet, ist ursprünglich auch eine Saunabekanntschaft. Wann hast du zum ersten Mal von dem neuen Corona-Virus gehört, und wie hast du die Pandemie damals eingeschätzt? Ich glaube, das war im März. Für mich war es zunächst mal wieder eine der bereits bekannten Infektionen aus Asien, wie die Schwei- negrippe oder die Vogelgrippe. Schon damals fand ich die Aufre - gung darüber in den Medien übertrieben und über die neue Pan - demie dachte ich anfangs ähnlich. Ich hatte noch die Statistik der Influenza-Epidemie von 2017/18 im Kopf, an der in Deutschland 25.000 Menschen gestorben sind. Von dieser Epidemie hatte ich persönlich wenig mitbekommen. Und ich fragte mich, was ist jetzt anders mit Covid-19, warum wird es so dramatisiert? Ich traue den Medien in dieser Sache gar nicht. Die Medien leben von Sensationen und Aufregung und sind selten objektiv. In England habe ich eine Zeitlang im Bereich der Dokumentarfilme gearbeitet. Dort habe ich erlebt, wie mit Fakten umgegangen wird und wie Bilder lügen können. 25 Die Nachrichten aus anderen Ländern wie Italien und Frankreich sind natürlich schlimm. Ich nehme sie ernst, ohne in Panik zu ver- fallen. Hast du persönlich Angst gehabt, dich zu infizieren? Angst ist vielleicht zu viel gesagt, aber ich bin vorsichtig, da ich Diabetiker bin und eine genetisch vererbbare Stoffwechselerkran- kung habe. Ich lasse mich aus diesem Grund auch jedes Jahr pro - phylaktisch gegen Grippe impfen. Wie hat sich der Lockdown im Frühjahr auf dein Leben ausgewirkt? Mittwochs treffe ich mich mit meinem Freund und wir gestalten den Tag zusammen. Und sonntags sind wir vor Corona immer zu- sammen in die gay Sauna gegangen. Zu Beginn des Lockdowns fiel zunächst alles aus, unsere Mittwochstreffen und auch der sonntäg- liche Besuch in der Sauna. Wir konnten das Risiko anfangs nicht einschätzen, daher haben wir Abstand voneinander gehalten, auch mit Rücksicht auf seine Familie – er ist verheiratet - und sein Umfeld. Aber es hat nicht lange gedauert, bis wir den Kontakt wieder auf - genommen haben. Wir waren beide nicht bereit, auf unsere Tref- fen zu verzichten. Dazu gehört einerseits eine Menge Vertrauen und andererseits eine gewisse Risikobereitschaft. In unserem Alltag sind wir beide vorsichtig. Wir wissen, was wir aneinander haben und wollen das so lange wie möglich aufrechterhalten. Mittlerweile treffe ich mich auch wieder regelmäßig mit meinem Freundeskreis. Wir sind vorsichtig, aber nicht so radikal, das wir alles abgeblasen haben. Allerdings umarmen wir uns zurzeit nicht, das fehlt mir natürlich. RAPHAEL 26 „DAS IST ALLES UNSERE LEBENSZEIT“ Was vermisst du während der Corona-Zeit besonders? Die gay Sauna vermissen wir, in B. ist sie noch geschlossen, die Heterosauna ist offen. Die gay Sauna in M. ist auf, die Cruising Area und die Kabinen dort sind ebenfalls geöffnet. Eine gay Sauna ohne Körperkontakt ist undenkbar. Es muss einfach ausprobiert werden, wie es am sichersten ist, es gibt keine Regeln, die von vor- neherein alles abdecken, wir lernen derzeit alle. Kulturell vermisse ich die Übertragungen der Metropolitan-Ope- ra im Kino. Diese Veranstaltungen haben für mich einen wichtigen Aspekt: sie demokratisieren die Oper. Man kann in Alltagskleidung ganz normal hingehen und sie einfach genießen, das ist mir sehr wichtig. Bei weniger bekannten Opern bin ich oft der einzige Be - sucher, dann wäre das Ansteckungsrisiko ohnehin eher niedrig… Seit einigen Jahren arbeite ich mit viel Freude auf dem Weih - nachtsmarkt und verkaufe dort sehr stilvollen Weihnachtschmuck aus Eichenholz. Auf dem Markt zu arbeiten, ist etwas ganz Be - sonderes, es entwickelt sich ein freundschaftlicher Kontakt mit den anderen Ständeleuten. Und ganz unterschiedliche Menschen kommen an deinen Stand. Es ist eine schöne Erfahrung: ich bin fest an einem Ort und die Welt kommt bei mir vorbei. Ich befürchte, dass in diesem Jahr der Weihnachtsmarkt ausfällt. Das fänd ich sehr schade! Gibt es besondere Hausforderungen für schwule Männer in der Corona-Pandemie? Siehst du Analogien zu der Aids-Pandemie? Grundsätzlich sehe ich erstmal keinen Unterschied zu heterose - xuellen Menschen. Die Anfangszeit von HIV und Aids war ja vor meinem Coming-out, daher verbinde ich damit keine persönli - chen Erinnerungen. 27 Aids hat mich in der Zeit vor meinem Coming-out allerdings durchaus beeindruckt und auch eingeschüchtert, weil ich einfach nicht genug darüber wusste. Mittlerweile ist ein Freund von mir HIV-positiv und ich musste lernen, damit umzugehen. Daher habe ich mich informiert und kann jetzt die Gefahr besser einschätzen. Ich will nicht HIV-po - sitiv werden, aber auch nicht überreagieren. Ich möchte eher ra - tional damit umgehen und wissen, was ich machen kann und was nicht. Wenn ich mich mit der Gefährdung auseinandersetze, kann ich wiederum gelassener bleiben. So ähnlich verhalte ich mich jetzt auch in der Corona-Pandemie, insofern war ich da also schon gut eingestellt. Da ich schwule Männer mittlerweile nicht mehr als homogene Gruppe betrachte, kann ich nicht sagen, ob sie in der Corona-Pan- demie besonders vulnerabel sind. Schwule Männer sind so unterschiedlich und vielfältig wie die ganze Gesellschaft. Genauso individuell erleben sie sicher auch die jetzige Krise. Krise kann Gefahr und Chance zugleich sein. Gab es für dich neue positive Erkenntnisse in der Corona- Zeit? Ja, eben im Zug fiel mir noch etwas ein. Ich habe gelernt, den gan- zen Medienhype um Corona rational zu sortieren und mich nicht davon treiben zu lassen. Und somit erlebe ich mich auch in dieser Krise als einen Menschen, der sein Leben in der Hand hat und sich nicht von außen fremdbestimmen lässt. Derzeit bin ich in meiner Reisefreiheit eingeschränkt. Ich hätte gerne Verwandte in Barcelo- na besucht, das fiel aus. Eine Reise nach Tansania war für Oktober geplant, auch die fiel aus. Derzeit sind alle Reisen auf Eis gelegt und ich freue mich natürlich, wenn Reisen wieder möglich sind. Doch jede Situation bietet die Chance, etwas Neues zu entwickeln. RAPHAEL 28 „DAS IST ALLES UNSERE LEBENSZEIT“ So kann ich momentan das Geld sparen, das ich nicht für Reisen ausgebe. Das bedeutet aber nicht, dass ich das sehr bedaure. Ich sitze nicht zu Hause und trauere, weil ich nicht in Barcelona bin. Meine sehr optimistische und positive Einstellung in dieser Lage ist möglich, weil ich jetzt das Leben lebe, das zu mir passt. Was du erzählst, hört sich nach schöner Lebenskunst an… Die amerikanische Sängerin Carol King sang in den 80er Jahren ein Lied mit dem Titel „Tapestry“ , darin heißt es: „My life has been a tapestry of rich and royal hue. An everlasting vision of the ever-changing view.“ Diesen Gedanken habe ich auch, wenn ich am Webstuhl sitze, ich sehe viele Analogien zwischen Leben und Weben. Ich habe den Eindruck, dass für dich der Teppich deines Lebens interessanter ist als Corona… Das könnte stimmen - Corona hat für mich momentan keine große Bedeutung. 29 „Die politische Entwicklung macht mir mehr Angst als das Virus“ Karin, 65 Karin begegnete ich vor der Corona-Krise immer mal wieder auf Veranstaltungen der lesbisch-feministischen Community. Zum Zeitpunkt des Interviews, Mitte September, läuft unser öffentli - ches Leben wieder fast wie gewohnt. Die Geschäfte und Restau - rants haben geöffnet, mein Regionalzug nach Duisburg ist gut besetzt. Virolog*innen warnen jedoch bereits, dass dies alles nicht so bleiben wird. Mitten in der Corona-Zeit hat Karin eine neue Wohnung gefunden und ist hier vor Kurzem eingezogen, weil ihr das Milieu in der alten Umgebung nicht mehr gefiel. Ein Sturz mit dem Rad und dessen Folgen haben im vorletzten Jahr Karins Pläne für den Ruhestand zunächst verhindert. Seitdem ist die gesundheitliche Rehabilitation ihr Antrieb und ihr großes Ziel. Die Pandemie ist in ihrem Leben daher eher eine Störung: „Corona kann ich momentan überhaupt nicht brauchen.“ KARIN 30 Ich habe viele Jahre als Sozialarbeiterin bei der Stadt Duisburg ge- arbeitet, dort war ich im Amt Soziales und Wohnen für Menschen mit Wohnungsproblemen zuständig. Zudem hatte ich auch ein intensives Leben in der lesbischen Com- munity, besuchte Tagungen des Dachverbands „Lesben und Alter“ und vertrat bei der LAG Lesben in NRW die Gruppe „Lesben in Duisburg“ . Ich habe mich nicht als Leiterin der Gruppe verstan - den, sondern sah mich eher als Moderatorin. Wichtig ist mir im - mer ein demokratisches und partizipatives Miteinander. Im August 2018, als ich den Unfall hatte, war ich bereits in der pas- siven Phase der Altersteilzeit. An das Ereignis selbst kann ich mich gar nicht erinnern, ich bin wohl mit dem Rad gestürzt. Ich kam gerade von einem Community-Treffen und hatte dort die jährliche Veranstaltungsreihe „Queer Life Duisburg“ mit vorbereitet. Danach war es erst einmal mit allen Plänen vorbei. Im Ruhestand wollte ich eigentlich intensiver Cello spielen und weitere Musik - instrumente lernen. Es ging erst mal nichts mehr, auch bei gutem Willen nicht. Wie ging es dir auf deinem Weg der Genesung, kurz bevor die Pandemie ausbrach? Es ging auf diesem Weg noch nicht recht vorwärts. Ich hatte ein - fach noch nicht genug Zeit gehabt, alles wieder zu lernen oder zu vervollkommnen, was ich vor dem Unfall konnte. Ich brauche immer noch sehr viel Zeit. Kurz vor Ausbruch der Corona-Pandemie war ich insgesamt noch sehr angestrengt. Und durch die Pandemie und deren Auswirkungen ist die Rehabilita - tion für mich nicht leichter geworden. Wann hast du zum ersten Mal von dem Corona-Virus gehört? Als im Winter die ersten Meldungen aus China bekannt wurden, „DAS IST ALLES UNSERE LEBENSZEIT“ 31 dachte ich, das ist alles ganz weit weg. Ich fühlte mich nicht ge - fährdet, sondern war überzeugt, dass Corona mir nichts anhaben kann. Ja, so dachte ich, aber leider habe ich mich dann doch infiziert. Ich habe mich wahrscheinlich bei meiner Schwester angesteckt, die im Krankenhaus als Demenzbegleiterin arbeitet. Sie betreut auf der geriatrischen Station Patienten, zu denen sie einen sehr in- nigen Kontakt pflegt, und hat sich dabei wohl infiziert. So kam das Virus auch zu mir. Meine Schwester hatte einen recht schweren Verlauf - ich war dagegen nur leicht erkrankt. Am Anfang hatte ich diese typischen Geruchsstörungen, das hat sich dann schnell wieder normalisiert. Ich hatte nie Fieber, habe mich zu Beginn aber eine Weile sehr schwach und schlapp gefühlt, einmal bin ich nicht einmal mehr in mein Bett gekommen, sondern musste mich auf den Boden legen. Aber danach war nichts mehr, es ging mir dann schnell wieder ganz gut. Insgesamt habe ich diese Erkrankung sehr gelassen er - tragen, verglichen mit dem Unfall und der Zeit danach war Co - vid-19 für mich keine so einschneidende Erfahrung. Fühlst du dich jetzt etwas sicherer dadurch, dass du die Krankheit bereits hattest? Gar nicht, es gibt ja unterschiedliche Angaben, wie lange die Im - munisierung anhält, nach manchen Berichten ist sie nur von kur- zer Dauer. Der Arzt im Gesundheitsamt meinte damals, ich sei nun für einen Monat sicher immun. Aber der eine Monat war na- türlich schnell vorbei. Wie ist es dir in der Quarantäne ergangen? Die Zeit der Quarantäne erinnere ich gut. Meine Alltagsbegleiterin KARIN 32 „DAS IST ALLES UNSERE LEBENSZEIT“ durfte weiter zu mir kommen, in entsprechender Schutzkleidung. Die Quarantäne galt dann auch für sie, aber nur bis zu einem be - stimmten Grad. Sie hat mich weiterhin unterstützt und hat dafür draußen auf viele andere Kontakte verzichtet. Ich weiß noch gut, was wir alles gemacht haben. Es war im Grunde eine schöne Zeit, weil meine Alltagsbegleiterin nun täglich kam, öfter als zuvor. Sie hat für mich gekocht und mit mir krankengym- nastische Übungen gemacht. Ich habe mich in der Quarantäne insgesamt sehr gut aufgehoben gefühlt, weil ich nun eine ganz fes- te, zuverlässige Bezugsperson hatte. Insofern haben mir Covid-19 und die Quarantäne sogar etwas Gutes gebracht. Wie hast du die Atmosphäre draußen am Anfang der Pandemie erlebt? Ich habe mich ja ziemlich gleich am Anfang des Lockdowns infi - ziert und durfte in Quarantäne noch nicht mal durch das Treppen- haus gehen. Deshalb habe ich von der Atmosphäre draußen nicht viel mitbekommen. Freundinnen erzählten mir, dass sie sich entlastet fühlten, weil sie endlich einmal nicht mehr aktiv sein mussten. Für mich war das alles aber keine Entlastung, sondern eine Einschränkung. Auch jetzt noch. Und die Maske ist lästig! Ich bekomme schlecht Luft darunter. Ich habe gehört, dass Menschen mit Maske im Test eine zu geringe Sauerstoffsättigung hatten. Insgesamt finde ich die Maßnahmen der Regierung und die Hygi- eneregeln nicht übertrieben, sondern richtig. Allerdings sollten sie etwas mehr erklärt und transparent gemacht werden. Es ist schon erstaunlich, was wir alles so mit uns machen lassen, ohne es zu hinterfragen, das finde ich etwas erschreckend. Ich habe Verwandte in den Niederlanden. Mit einer der Cousinen telefoniere ich gelegentlich. Als Deutschland relativ geringe Infek- 33 tionszahlen im Vergleich zu anderen europäischen Ländern hatte, sagte sie: „Ihr Deutschen seid ja auch ein gehorsames Volk!“ . Das hörte sich nicht nach einem uneingeschränkten Lob an… Hast du den Eindruck, dass Corona dazu beiträgt, die Gesellschaft zu polarisieren? Ich sehe derzeit, auch schon vor Corona, deutliche Parallelen zur Weimarer Republik, was die Spaltung und Radikalisierung von Teilen der Gesellschaft betrifft. Die „Hygienedemos“ der Querdenker zeigen, dass die Menschen hier mittlerweile in unterschiedlichen Realitäten leben, das fördert natürlich enorm die Spaltung. Die politische Entwicklung und das Abdriften nach rechts einiger Teile der Gesellschaft machen mir mehr Angst als das Virus. Ich finde das, was sich hier politisch abspielt, sehr unheimlich. Für mich ist diese Zeit des Endes der Weimarer Republik und der Machtergreifung der Nazis so präsent, als hätte ich selber zu dieser Zeit gelebt, was natürlich nicht der Fall ist. Ich habe mich seit Lan- gem sehr intensiv damit beschäftigt und habe auch verschiedene Konzentrationslager besucht. Das würde ich mir heute nicht mehr antun! Diese Eindrücke sind furchtbar, gehen mir sehr nahe und tun der Seele nicht gut. Für mich ist der Nationalsozialismus nach wie vor ein schwieriges Erbe. KARIN 34 „DAS IST ALLES UNSERE LEBENSZEIT“ Noch eine Erkenntnis: Meine Freunde haben keine Angst, sich mit Homosexualität zu infizieren. Es ist immerhin schon bei den Menschen an- gekommen, dass Homosexu- alität nicht ansteckend ist. Aber das Virus ist sehr wohl ansteckend. Vor dem einen muss man sich nicht schützen, aber vor dem anderen durchaus. Corona ist eine Störung, die kann ich in meinem Leben überhaupt nicht brauchen! 35 Deine Überzeugungen haben sich durch den Unfall und durch Corona nicht geändert… Ich habe zu der Neurologin in der Reha einmal gesagt: „Ich bin nicht mehr die, die ich war.“ Darauf hat sie zu mir gesagt: „Sie sind schon noch die, die sie waren.“ Mittlerweile sehe ich das auch so. Meine Einstellung und meine Überzeugungen haben sich ja nicht verändert. Ich denke, was ich vorher gedacht habe und mache das, was ich vorher gemacht habe. Ich kann nur bestimmte Dinge, die das Sichtfeld und die Mobilität betreffen, nicht genauso machen wie vor dem Unfall. Es kommt darauf an, worüber du dich definierst. Nicht über die Fähigkeiten, sondern darüber, was dich im Inneren ausmacht… Und das ist geblieben… Und der große Wunsch nach einem auto- nomen selbstbestimmten Leben. Ich versuche, so viel wie möglich selbst zu machen. In der Reha wurde mir empfohlen, ins Betreute Wohnen zu gehen. Darauf habe ich gesagt: „Das mache ich nicht!“ Es hat sich ja jetzt gezeigt, dass ich es doch schaffe, wenn auch mit Unterstützung. Ich bin davon überzeugt, wenn ich ins Betreute Wohnen gegangen wäre, wäre ich gar nicht so weit gekommen. Da hätte ich mir sicher vieles abnehmen lassen, weil es ja auch bequemer ist. Hat dein Autonomiebedürfnis auch etwas mit deinem Lesbischsein zu tun? Ist es möglicherweise eine Ressource, mit Erkrankungen oder auch der Pandemie zurechtzukommen? Vielleicht hat es tatsächlich damit zu tun. Ich kann mich noch an KARIN 36 „DAS IST ALLES UNSERE LEBENSZEIT“ den Beginn meines Coming-out erinnern. Ich war ja sogar auch mal heterosexuell verheiratet. Und dann habe ich festgestellt, dass ich mein Lesbischsein nicht verschweigen kann und will. Damals ist bei mir so eine Art Widerstand und Trotz entstanden in der Auseinandersetzung mit der Heteronormativität. Ich wollte mich auf keinen Fall verstecken, ein Leben als Schranklesbe konnte ich mir nicht vorstellen. Ich erlebe von älteren Lesben, die sich der traditionellen Frauenrolle verweigert haben, dass die sich nun auch den zugeschriebenen Alters- oder auch Krankenrollen verweigern… Das ist mir ganz wichtig. Wenn jemand zu mir sagt: „Du kannst das nicht mehr und machst besser dies nicht mehr…“ , dann ent- gegne ich: „Nee, Moment mal, das entscheide ich selbst!“ Ich regle meine Bankangelegenheiten und den Behördenkram zum Beispiel völlig selbständig. Wenn jemand, wie meine Schwester, mir fürsorglich vorschreibt, was ich zu tun habe, wehre ich mich: „Du kennst mich doch, ich mache sowieso was ich will.“ Hattest du bisher in der Corona-Zeit Unterstützung durch die lesbisch-schwule Community? Vor der Pandemie haben mich einige Menschen aus der Commu- nity unterstützt. Durch Corona hat sich das ein wenig geändert, einfach weil die Leute Angst vor Ansteckung haben. Allerdings haben zwei Nachbarinnen, ein verheiratetes Paar, mir weiterhin Hilfe angeboten und für mich mit eingekauft. Geholfen hat mir auch ein schwuler Freund, einmal hat er bei mir ein Virus besei - tigt, also kein Corona-Virus, sondern ein Computervirus 37 … Lachen… Einen organisierten lesbischen Besuchsdienst haben wir in Duis - burg nicht, daher habe ich ihn nicht erwartet und auch nicht ver - misst. Ich möchte auf Augenhöhe behandelt werden, so wie ich das mit anderen auch mache. Daher möchte ich in der Commu - nity auch nicht in erster Linie als hilfsbedürftig wahrgenommen werden. Auf Augenhöhe kann ich auch gut Hilfe annehmen. Für mich ist eine professionelle Unterstützung, wie durch die Alltagsbeglei - terin, auch deshalb angenehm, weil die Konditionen klar definiert und geregelt sind. Ich wünsche mir, dass Menschen mich nicht aus Pflichtgefühl be- suchen, sondern aus Interesse an mir und unserem Kontakt. Was wünschst du dir noch? Ich wünsche mir etwas, das man sich gar nicht wünschen darf. Ich wünsche mir, dass ich wieder so werden kann wie früher vor dem Unfall. Aber ich weiß, dass es nicht so sein wird. Eine Therapeu - tin hat gesagt, ich solle mir Akzeptanz des Zustandes wünschen. Denn Akzeptanz führe zur Veränderung. Schauen wir mal … Lachen Ich sehe es eher so: zur Veränderung führen viele Übungen, die ich mache, um daran zu arbeiten, dass es anders wird. KARIN 38 „DAS IST ALLES UNSERE LEBENSZEIT“ „Anfangs dachten wir, in zwei Wochen ist die Pandemie durch!“ Gabi, 61 Ende September. Die Schule hat wieder begonnen, viele Menschen haben in diesem Jahr ihren Sommerurlaub in Deutschland verbracht. Das Robert-Koch-Institut berichtet eine 7-Tage-Inzidenz von 13,2 Infektionen auf 100.000 Einwohner*innen. Von ihrer Hofgemeinschaft in der Eifel kommt Gabi zum Interview nach Köln. Die Sorge vor einer möglichen Infektion ist nicht mehr so groß wie zu Anfang der Pandemie, doch „es kann schnell auch bei uns wieder gefährlich werden.“ Von ihrem beruflichen Weg hatte Gabi bereits auf einem unserer Biographie-Abende der Fraueninitiative 04 erzählt. Die Sozialpä - dagogin war lange Zeit Geschäftsführerin eines Pflegedienstes und später Mitarbeiterin eines innovativen Bestattungsinstituts. Auf das Interview hat Gabi sich sorgfältig vorbereitet. Sehr wichtig sind ihr die politischen Auswirkungen der Corona-Krise. 39 Mir ist es persönlich sicher viel besser ergangen als vielen ande - ren. Doch ist es mir sehr wichtig, auch zu schauen, was mit den anderen ist - und das wiederum hat Auswirkungen darauf, wie es mir geht. Ich selber bin nicht erkrankt. Meine Ängste haben sich sehr im Rahmen gehalten. Das hat sich jedoch im Laufe der Zeit verän - dert. Am Anfang dachte ich, ich sei unverletzlich, jung, vital und gesund, also nicht gefährdet - bis mir irgendwann eine Freundin aus dem medizinischen Bereich sagte: „Ja, Gabi, aufgrund deines Alters und deiner Vorerkrankungen gehörst du deutlich zur Risi- kogruppe.“ Danach musste ich erst einmal schlucken. In der Zwischenzeit hatte ich mich sogar für den Einkaufsdienst in unserem Dorf zur Verfügung gestellt und habe gedacht, okay, das kann ich schon machen, muss dabei nur ein wenig achtsam und nicht gar so sorg- los sein. Dann erzählte mir eine andere Freundin, dass ein gleichaltri - ger Bekannter, der die gleichen Risikofaktoren hatte wie ich, an Covid-19 verstorben ist. Da wusste ich: es ist offenbar doch ernster für mich als ich bisher dachte. Ich bin seitdem sehr vorsichtig und vermeide Situationen, in denen ich mich infizieren könnte. Das fällt mir leicht, weil ich in einer sehr privilegierten Lebenslage bin. Ich bin relativ gesund, wohne in der Eifel in einem großen Haus mit Garten, wir haben auf dem Land ein gutes soziales Umfeld, ich bin berentet, das Geld läuft weiter. Das heißt, ich musste mir keine großen Sorgen machen. Zudem lebe ich in einer Hofgemeinschaft mit anderen Lesben, bin also nicht alleine. Es ist für mich in dieser Situation auch ein Glück, keine kleinen Kinder versorgen zu müssen. Und ich bin sehr froh, mich nicht mehr um alte Eltern sorgen zu müssen und nicht in den Konflikt zu kommen, sie aus lauter Fürsorge nicht besuchen zu können. GABI 40 Wie gestaltet ihr zurzeit euer Leben in der Eifler Hofgemeinschaft? Unsere Hofgemeinschaft von derzeit drei Lesben hat sich von An- fang an sehr bewährt. Uns war sofort klar: wir gehen nicht auf Ab- stand, sondern wir sind eine Familie, eine Pandemieeinheit. Das war wirklich klasse! In der Anfangszeit sind wir deutlich en - ger zusammengerückt. Und haben überlegt: was ist an Haus und Garten noch zu tun? Und dann nochmal schnell in den Baumarkt! Und natürlich auch noch mal in den Buchladen! In unserer Gegend leben zahlreiche andere Lesben und Feminis - tinnen. Wir haben uns regelmäßig gegenseitig angerufen und ge - fragt: „ Wie geht es dir? Kommst du klar? Brauchst du Hilfe?“ Anfangs dachten wir, in zwei Wochen ist die Pandemie durch! Und als wir gemerkt haben, dass das Ganze doch wohl länger dau- ern wird, haben wir auch wieder angefangen, Freundinnen bei uns im Garten zu treffen oder sie in deren Garten zu besuchen. Dann kamen ja der Frühling und der Sommer. Deshalb war unser Leben gar nicht so viel anders als vor der Corona. Auf dem Weg hierher fiel mir ein: unsere Skatgruppe ist bis auf ein einziges Mal ununterbrochen weitergelaufen. Als es noch kalt war, haben wir uns einmal in einem großen Tagungsraum mit Abstand getroffen und später haben wir draußen im Garten gesessen. Und unsere Gymnastikgruppe hat auf der Terrasse stattgefunden. Als meine Haare zu lang wurden, habe ich mir die erst selbst ge - schnitten und als das ganz gut gelungen war, durfte ich auch mei- nen Hofnachbarinnen die Haare schneiden. So kamen durch Corona sogar neue Kompetenzen und Talente zum Vorschein! „DAS IST ALLES UNSERE LEBENSZEIT“ 41 Du hast am Anfang erzählt, dass dir der Blick auf andere, denen es nicht so gut geht, wichtig ist… Mir wurde zu Beginn des Lockdowns schnell klar, dass einige meiner Freundinnen in ganz anderen Realitäten leben und ganz andere Existenz-Sorgen haben - als Selbständige, Künstlerinnen, freiberuflich Tätige mit kleinen Unternehmen. Meine Sorge gilt vor allem den geflüchteten Menschen. Ich arbeite ehrenamtlich mit Geflüchteten und begleite zwei Lesben aus Ma - rokko, eine Lesbe aus der Mongolei und eine junge serbische Fa - milie. Sie alle sind in der Corona-Pandemie besonders gefährdet. Die Frau aus der Mongolei lebt mit sieben Personen zusammen in einer zentralen Unterkunft in einem Zimmer. Die zuständigen Behörden haben trotz der Infektionsgefahr die - se Zustände in den Unterkünften einfach so weiterlaufen lassen. Die Zuweisungen in die Kommunen wurden allerdings schnell gestoppt, was bedeutet, dass die Menschen noch länger in solch beengten Verhältnissen leben müssen. Dann erfuhren wir, dass in Euskirchen die ersten Corona-Fälle im Camp waren. Wir haben vor dem Camp eine erste Solidaritäts - aktion gestartet - natürlich unter Einhaltung der Abstandsregeln – und haben Transparente aufgehängt und gesungen. Die serbische Familie hat zwei Kinder. Das Ehepaar sind die einzi- gen in meinem Umfeld, die nicht an den Sinn der Corona-Regeln glauben. Sie sind tiefreligiös und sagen: „ Wenn mein Gott will, dass ich sterbe, dann sterbe ich und wenn er will, dass ich lebe, dann sterbe ich nicht.“ Darauf konnte ich dann nur antworten: „Ihr wisst ja, ich glaube an keinen Gott. Also muss ich selber auf mich aufpassen und das tue ich auch!“ Die Hauptleidtragenden dieser Situation neben den Kindern, den Geflüchteten, Obdachlosen, Alten und Kranken, sind die Frauen. Die mit der Mehrfachbelastung, die in systemrelevanten Berufen GABI 42 Es war wunderbar, einmal durch- atmen können, nichts tun müssen, niemand wollte was von mir. Das war schon gut. Das habe ich auch von vielen Freundinnen gehört. Diese Reaktion hat mir noch einmal ge- zeigt, wie busy wir alle sind und mit wel- chem Anspruch an uns selber unterwegs. Nicht nur beruflich, sondern auch in unserem sozialen, kulturellen und ehren- amtlichen Leben. Auch in meinem Um- feld unter den noch berufstätigen Frauen wurde deutlich, wie erschöpft alle sind. Als sie sich endlich mal zugestehen konnten runterzufahren, ist das deutlich geworden. Aufgrund einer Erkrankung bin ich von meinen Kräften her eingeschränkt. Ich muss immer noch aufpassen, dass ich nicht zu viel mache. Gerade, weil mein Engage- ment so viel mit Menschen zu tun hat, füh- le ich mich oft sehr in der Verantwortung. So war der Lockdown für mich auch ent- lastend. Da war wirklich mal Schicht! „DAS IST ALLES UNSERE LEBENSZEIT“ 43 arbeiten oder im Homeoffice und gleichzeitig Homeschooling machen sollen. Ich glaube, in anderthalb Jahren werden wir ganz viele Frauen mit Burnout vorfinden. Als Feministin macht mir das große Sorgen. Der feministische Blick gehört bei mir auf jeden Fall immer dazu! Wie erlebst du die staatlichen Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie? Am Anfang habe ich mich gefragt, ob all diese drastischen Maß - nahmen sein müssen. Insgesamt finde ich aber, dass das Manage- ment dieser Krise bisher gut gelaufen ist. Sonst hätten wir heute andere Zahlen. Dennoch gab es Dinge, die gehen auf keinen Fall nochmal - dazu gehören das Versammlungsverbot und die Ver - nachlässigung der schulischen Bildung der Kinder. Besonders schlimm finde ich die Isolation der alten Menschen und der Sterbenden, das ist untragbar. Wenn ich mir vorstelle 85 Jahre alt zu sein, dann wäre es mir wichtiger, meine Kinder und Enkelkinder zu sehen, als vier Jahre länger zu leben. Und wenn ich mich in die Situation alter Menschen hineinverset- ze: es geht nicht, dass andere mir sagen, was für mich gefährlich ist oder nicht, und mein Risiko definieren. Es geht doch nicht nur darum, nicht zu sterben, sondern auch um Lebensqualität. Du hast einmal von deiner großen Akzeptanz des Sterbens und des Abschiednehmens erzählt. Wie bist du diesen Themen in der Corona-Krise begegnet? Mir wurde ja irgendwann doch bewusst, dass ich ein höheres Ri - siko habe zu erkranken und auch eventuell früher zu sterben als viele andere. Darüber musste ich dann ein paar Tage lang nach - GABI 44 denken. Das Resultat war: ich lebe gerne und möchte noch lange leben. Aber wenn mein Leben zu Ende wäre, wäre das okay. Es wäre schade, aber stimmig. Zwei Dinge gibt es, die ich noch klären möchte. Das steht in den nächsten Tagen an. Es ist schön, dass du das noch ansprichst – ich hätte sie sowieso nicht auf die lange Bank geschoben, aber viel - leicht wird die Bank jetzt noch etwas kürzer. Ich versuche eh so zu leben, dass ich jeden Tag mein Bündel schnüren könnte. Auf welche Ressourcen kannst du dabei zurückgreifen? Da ist die Erfahrung mit Krankheit, mit Begrenztheit, seit einer TIA weiß ich, dass es jeden Tag vorbei sein kann. Vor drei Jahren nach einer Hüft-OP konnte ich im Winter drei Wochen das Haus nicht verlassen, außer gelegentlich mit anderen. Da war ich genau- so eingesperrt wie zu Corona-Zeiten. Das heißt, ich habe Erfah - rung darin, mit mir viel und gut allein sein zu können. Das war sehr hilfreich! Ich bin einerseits ein sehr sozialer Mensch, liebe Kontakt, bin aber auch sehr gerne mit mir alleine, mit mir im Kontakt. Eine weitere Ressource ist meine Haltung, aus dem Unveränder - lichen das Beste zu machen. Beispielsweise, wenn ich nicht raus kann. Dann gehöre ich nicht zu denen, die die ganze Zeit schlecht gelaunt und mürrisch zu Hause sitzen, sondern frage mich: „wie kann ich es schaffen, trotzdem zufrieden zu sein?“ In unserer Hofgemeinschaft sind wir auch in der Corona-Zeit Weggefährtinnen. Wir fühlen uns verantwortlich füreinander. Ich kann nicht Hinz und Kunz umarmen, wenn wir eine Hausgemein- schaft sind. Die Krise hat uns daher einander nähergebracht und unser Gemeinschaftsgefühl gestärkt. Wir sind hier auf dem Land sehr gut vernetzt, unabhängig von Co- rona trägt uns dieses Netz auch in solch existentiellen Situationen „DAS IST ALLES UNSERE LEBENSZEIT“ 45 schon lange. Wenn ich mir aber vorstelle, ich säße als ältere Les - be alleine in der Etagenwohnung in Köln und hätte große Angst, mich zu infizieren, dann sähe die Situation ganz anders aus. Dann kann es ganz andere Wünsche geben an die Community, auch die- se Menschen im Blick zu haben und zu unterstützen. Corona hat uns gezeigt, was alles möglich ist. Wir haben jetzt gesehen: weniger Konsum ist möglich. Umweltschutz ist möglich. Ich hoffe sehr, dass diese Erfahrung so schnell nicht vergessen wird. Man könnte ja jetzt mal alle Förderungen an Bedingungen knüpfen: Umwelt- schutz, Gerechtigkeit, Gleichheit. Das wäre die Chance, aber es sieht derzeit lei- der gar nicht danach aus. GABI 46 „ Verantwortung zu tragen, haben wir mit HIV gelernt“ Karsten, 55 Mitte Oktober steigt die Zahl der täglichen Infektionen bedenklich an. Karsten, mein jüngster Gesprächspartner, lebt in Bielefeld. Seit Beginn der Pandemie trifft er möglichst keinen Menschen mehr vis-à-vis, das Interview führen wir per Skype. Auf dem Bildschirm erscheint ein langbärtiger Mensch, neben ihm eine Topfpflanze, im Hintergrund bauscht sich eine Gardine. Der Rest der Wohnung sei etwas weniger bürgerlich, jedoch genau auf seine Bedürfnisse zugeschnitten. Karsten ist aufgrund seiner Erkrankungen seit geraumer Zeit berentet, Bücher muss er derzeit im Internet bestellen, früher kaufte er sie auf Flohmärkten. Corona ist für Menschen in der Grundsiche- rung auch ökonomisch belastend. Als Aktivist der örtlichen schwulen Community ist Karsten gewohnt sich öffentlich zu äußern, seine Worte sind gut durchdacht. Mit der Corona-Krise verbindet er die Hoffnung, dass „die Menschen wesentlicher werden.“ „DAS IST ALLES UNSERE LEBENSZEIT“ 47 Vielleicht sollte ich erst mal erzählen, warum ich so panisch auf Corona reagiere. Ich bin seit über 30 Jahren HIV-positiv. Als ich mich infizierte, war ich Mitte zwanzig, habe also die völlig ent - spannte Zeit vor Aids noch mitbekommen, mit freiem Sex für alle, ohne Kondome. Als ich die Diagnose bekam, war sie für mich de facto das Todesurteil. Ich dachte buchstäblich, ich könnte jeden Moment sterben. Zu dieser Zeit arbeitete ich ehrenamtlich für die Aids-Hilfe. Wir waren dort zu über zwanzig Leuten in einem Raum, und nach einem Jahre war ich der einzige Überlebende. Es geht mir so wie den meisten, die schon lange infiziert sind: alle, die man am Anfang kannte, sind weggestorben, ganz wenige sind noch am Leben. Man hat seinen eigenen Tod vorgelebt bekom - men. Mit der Zeit wurde es besser. Es gab dann die ersten Medikamen- te und es hieß, aus einem Jahr Lebenserwartung könnten damit noch drei bis fünf Jahre werden. Irgendwann, vor 15 Jahren etwa, kam der Durchbruch und damit die Botschaft: zurück ins Leben! Und seitdem kann man mit HIV sehr alt werden, nicht wie ein Mensch ohne diese Erkrankung, aber doch sehr alt. Das war der zweite Bruch. Von der Lebensphilosophie, die ich hatte, dass das Leben schnell vorbei sein kann und die Zukunftssorgen daher überschaubar sind, kam ich zu der Erkenntnis: Scheiße, du hast noch 30 Jahre zu leben! Ich habe dann, auch wegen anderer Erkrankungen, die Rente be - antragt und schließlich bekommen. Es ging mir von da an besser, weil ich damit eine Grundstabilität hatte. Als gelernter Koch hatte ich in der Gastronomie gearbeitet, aber mit HIV war die Arbeit als Koch ein Ding der Unmöglichkeit. Dazu war die Panik vor einer möglichen Infektion in der Gesellschaft einfach zu groß. Das hat sich viel zu lang gehalten. Durch das sehr frühe Erleben von HIV habe ich einen ganz an - deren Bezug zur Corona-Pandemie. Ich habe mich geweigert, KARSTEN 48 überhaupt meine neuen Großnichten und -neffen in den Arm zu nehmen. Den Gedanken, eine Gefahr für andere zu sein, habe ich durch HIV verinnerlicht. Und immer noch fällt es mir schwer, diese Eigenstigmatisierung abzulegen. Hat deine achtsame und vorsichtige Haltung in der Pandemie etwas mit dieser Erfahrung zu tun? Ich habe mit anderen Leuten aus der Aids-Hilfe darüber gespro - chen. Wir haben alle ganz klar eine ähnliche Situation mit HIV schon einmal erlebt. Vor HIV hat man sich in erster Linie aller - dings selbst geschützt. Aber Verantwortung zu tragen für uns und andere, haben wir mit HIV gelernt. Das HI-Virus ist das am schwersten zu übertragende Virus der Welt. Es ist sehr schwer, sich das zuzuziehen, man muss bestimmte „Taktiken“ anwenden, um es zu bekommen. Dagegen ist Corona extrem ansteckend, aber zum Glück nicht so gefährlich wie das HI-Virus. Wie hast du den Anfang der Corona-Pandemie erlebt, auch im Hinblick auf dein eigenes Risiko? Ich gehöre aufgrund meines Alters, meiner Vorerkrankungen und aufgrund meines angeschlagenen Immunsystems bereits zu diver- sen Risikogruppen. Schon in der Zeit vor dem Lockdown war ich vorsorglich in Quarantäne gegangen, konnte also auch nicht viel bunkern. Auf den letzten Drücker habe ich noch die PCP-Prophy- laxe gemacht, die Pneumokokken-Impfung. Wie hast du deinen Alltag im Lockdown gestaltet? Mir ist der Umgang mit dem Lockdown sehr leichtgefallen, weil „DAS IST ALLES UNSERE LEBENSZEIT“ 49 ich aufgrund meiner Angststörung bereits seit geraumer Zeit in meiner Wohnung wie in einer Festung hause. Ich hatte schon jah- relang so gelebt, als würde ich mich für einen Winterschlaf präpa- rieren. Das mag für andere extrem sein. Aber ich fühle mich hier gut und sicher. Mein Leben vor Corona war also ein Modell, das ich abru- fen konnte. Diese Autarkie hatte ich jahrelang praktiziert. Ich hatte ja fast ausschließlich in meiner Wohnung gelebt. Meine eigenen prophylaktischen Maßnahmen waren sehr strin - gent. Ich habe möglichst vermieden, das Haus überhaupt zu ver - lassen. Zudem habe ich immer wieder alles, was im Haus war, des- infiziert - Treppengeländer, Türgriffe, Türen. Ich glaube, ich bin der Einzige im ganzen Haus, der das so macht. Öffentliche Verkehrsmittel benutze ich zurzeit gar nicht, da spielt aber auch meine Angststörung mit hinein. Die Angst vermischt sich mit der Vorsicht vor einer Ansteckung. Menschen, die mir zu nahe kommen, empfinde ich als massive Bedrohung, egal wo das ist. Die Angststörung schärft andererseits meine Sinne für eine echte Gefahr. Wie hat sich dein soziales Leben während dieser Zeit entwickelt? Während Corona habe ich keine persönlichen Kontakte mehr ge- habt, nur virtuell übers Internet. Teilnahme an Gruppen geht für mich nicht. Auch meine Mutter habe ich nicht besucht, weil ich sie auf keinen Fall einem Risiko aussetzen möchte. Gottseidank begann meine Therapeutin bald mit Videositzungen auf einem gesicherten Kanal. Diese Möglichkeit war Gold wert! Zoom und Skype waren vorher nie meine Welt. Aber durch den Lockdown habe ich bisher sehr viel gezoomt, mit meiner Therapeutin und auch mit anderen. KARSTEN 50 Ich bin durch die Aids-Hilfe und die CSD-Gruppe mit der kom - munalen Gleichstellungsstelle vernetzt. Einmal in der Woche hat die für unsere Gruppe einen Videochat angeboten. Der Chat wurde sparsam moderiert: „ Wie geht es dir heute, was hast du in der letzten Zeit erlebt?“ Praktische Tipps wurden aus - getauscht. Meist saßen da die Schwächsten in der Kette, eine Roll- stuhlfahrerin, die Älteren, die sich am meisten bedroht fühlten, auch Menschen mit psychischen Problemen. Das Motto der Tref- fen lautete: „Es ist Corona und wir treffen uns trotzdem!“ Durch Corona ist also auch viel Gutes passiert, die Gesellschaft ist technisch aufgewacht und hat sich ganz neue Möglichkeiten der Kommunikation erschlossen. Welche Veränderungen hat die Corona-Pandemie bei dir persönlich bewirkt? Ich fühle mich seitdem mitverantwortlich für die Zustände in der Welt. Vorher hieß es bei mir eher, schubidu, leben und leben las - sen. Aber jetzt habe ich eine ganz klare Forderung an mich: da muss mehr sein, als sich so durchs Leben zu schlawinern, da muss auch von mir deutlich mehr Engagement kommen. Der politische Aspekt ist für mich jetzt viel stärker betont als vor- her. Ich war immer ein sozialer Mensch, aber jetzt noch viel mehr. Zustände wie im Flüchtlingslager Moria – so etwas muss enden! Die Zerstörung des Lebensraums, des Klimas – das muss enden! Ich nehme seit der Pandemie dazu klarer Stellung. Jeder, der diese Probleme sieht, hat die Pflicht, etwas dagegen zu tun, auf Demos gehen, Petitionen unterschreiben. Das soll gefälligst gemacht und nicht das Privatvergnügen vorgezogen werden. Ich fordere mehr Verantwortung für das Ganze und eine größere Ernsthaftigkeit. Das betrifft auch den Umgang mit der Corona-Pandemie. Ich tra- ge die Maske ab Wohnungstür und nehme sie nicht einmal ab. Der „DAS IST ALLES UNSERE LEBENSZEIT“ 51 Umgang mit Masken im asiatischen Raum – da könnten wir uns etwas von abschauen - der hat etwas mit Respekt zu tun, Respekt für das Gegenüber. Die tragen die Maske, um andere zu schützen. Diese Haltung könnten wir in Europa wunderbar übernehmen. Das ist ein völlig anderes Denken. Diese Idee, dass alle geschützt sind, wenn jeder eine trägt. Ich war sogar trotz Corona auf einer Demo von „Fridays for Fu - ture“ , die haben ein gutes Hygienekonzept. Wir haben eine Men- schenkette mit weiten Abständen gebildet, natürlich alle mit Mas- ke. Es ist solch ein verlässlicher und respektvoller Umgang, der bei mir auch einen Angstknoten löste. Weil ich mich dort einfach sicher fühlen konnte, in Gegenwart von Menschen, mit denen ich die gleichen Werte teile. Wie entspannt könnten wir sein, wenn alle Menschen, die wir treffen, sich an die gleichen Regeln halten - aufeinander zu achten und selbst achtzugeben. Wie schätzt du in dem Zusammenhang das Verhalten der „Corona-Skeptiker*innen“ ein? Ich fand es von Anfang an problematisch, wenn die Leute die Auf- lagen nicht eingehalten haben, die Maskenpflicht, die Abstands - regeln. Ich muss immer derjenige sein, der ausweicht. Es wird ja immer lobend erwähnt, dass alle mitmachen, das habe ich nicht gesehen. Auch zu Hochzeiten der Corona-Pandemie nicht! Mich irritiert und verunsichert, wenn andere die Gefahr durch die Pandemie leugnen. Wir haben doch die gleichen Bilder gesehen. In Brasilien zum Beispiel, die Massengräber in Dreierreihen, die nächtlichen Fahrten, Leichentransporte mit Lastwagen in Italien. Wieso können sie dann den emotionalen Bezug nicht hinbekom - men, einen Funken Empathie? Als wären wir nicht die gleichen Menschen wie diejenigen, die jetzt so betroffen sind. Das hat auch etwas sehr Überhebliches. KARSTEN 52 Die Botschaft meiner Sozialisation ist, dass ich als Mann alles schaffen kann, aber auch muss! Ich höre noch meine Eltern: „Karsten, du schaffst alles!“ Das funktioniert so aber nicht. Es ist vielmehr so, dass unser Gehirn uns von morgens bis abends verarscht und Falschinformationen sendet. Die- ses Denken ist im Zusammenhang mit Corona einfach kontraproduktiv. Zudem kann das Gehirn den Gefahren- modus nur maximal zwei Monate auf- recht halten. Das Gehirn sagt: alles ist gut jetzt. Aber das Virus ist noch da, ist genauso tödlich, genauso gefährlich. Da- ran hat sich nichts geändert. Es ist wich- tig, das auf dem Schirm zu haben. „DAS IST ALLES UNSERE LEBENSZEIT“ 53 Worauf führst du den Mangel an Empathie im Umgang mit der Pandemie zurück? Mangelnde Rücksicht und Empathie haben sicher auch mit der männlichen Sozialisation in unserer Kultur zu tun. Ich werde als Mann geboren. Und wenn ich wach werde, denke ich, ich bin ein Gott. Wenn ich mittagesse, bin ich ein Gott und wenn ich abends ins Bett gehe, bin ich auch noch ein Gott. Karsten, ich habe so etwas immer vermutet … Lachen Dieses Selbstbild: „ich bin unsterblich, ich kann alles, ich weiß al- les“ – das alles hat mit einem übersteigerten männlichen Ego zu tun. Das unrealistische Selbstbild führt zu Fehleinschätzungen. Bielefeld ist keine Insel, Deutschland auch nicht. Wir hinken nur hinter der Entwicklung der anderen europäischen Länder her und bekommen vorgelebt, wie es bei uns weitergehen kann. Als die vie- len Infektionen bei Tönnies waren – nicht allzu weit von uns ent- fernt – wurde hier behauptet: „Aber in Bielefeld nicht!“ Diese Haltung habe ich auch bei der Planung für unseren CSD 2020 erlebt – da gab es auch die Illusion, dass wir im Sommer durch sind. Ich fand und finde das von Vorneherein unrealistisch. Bevor wir einen Impfstoff haben, ändert sich nichts. Dann können wir weitersehen. KARSTEN 54 Deine Erfahrungen mit HIV schilderst du als hilfreich für den Umgang mit der Pandemie. Kannst du auch zu Corona bereits ein Fazit ziehen? HIV möchte ich, bei allem Schrecken und allen Ängsten nicht mis- sen, weil mich diese Krankheit geformt hat zu einem Menschen, den ich mag. Ohne Corona hätte ich viele Dinge sicher nicht ge - macht, zum Beispiel habe ich ganz alleine eine Open-Air-Veran - staltung der Community mit Masken und Abstand organisiert. Durch Corona habe mich auf jeden Fall weiterentwickelt, ähn - lich wie durch HIV . Eine Krankheit, die die ganze Welt betrifft, ist nicht nur schlimm und bedrohlich, sondern bietet immer auch die Chance, die ganze Welt etwas besser zu machen. „DAS IST ALLES UNSERE LEBENSZEIT“ 55 „Auf einmal war der Terminkalender leer“ Sigmar, 72 Sigmar schickte uns seine Erfahrungen Mitte November. Er blickt auf die vergangenen Monate zurück und hofft, wie so viele andere, auf den Corona-Impfstoff, der zu diesem Zeitpunkt kurz vor der Zulassung steht. Sigmar lebt in Bielefeld. Er war pädagogischer Leiter einer Bildungs- stätte und ist seit der Verrentung freiberuflich tätig. Unmittelbar nach seinem Coming-out in den frühen 1970ern engagiert er sich in einer der ersten deutschen Schwulengruppen. Heute ist er als Vorstand der Bundesinteressenvertretung schwuler Senioren aktiv. Sigmar ist HIV positiv. Risikomanagement gehört ebenso zu seinem Leben wie der Blick nach vorn, auf „die neue Zeit nach Corona“. Von ihr wünscht er sich, dass er sie mitgestalten kann. 2. März 2020: „Mit Ihren Vorerkrankungen müssen Sie damit rechnen, dass Sie eine Infektion mit diesem Virus möglicher - weise nicht überleben werden“ , so mein Hausarzt. Ob ich weiter ins Sportstudio gehen solle, war Ausgangspunkt dieser Antwort. Es folgte ein Abwägen: Gesundheitsförderung durch Bewegung gegen das Infektionsrisiko. „Sobald es den ersten Corona-Fall bei SIGMAR 56 uns gibt, sollten Sie lieber regelmäßig eine Stunde an der frischen Luft spazieren gehen.“ Mein Abwägen zwischen Risiken und Routinen dauerte noch gut eine Woche: Ein letzter Besuch im Sportstudio am nächsten Tag – drei Tage später ein beruflicher Termin in Dortmund. Zu sechst saßen wir in einem Raum; ohne Masken, ich vom stark erkälteten Sitzungsleiter vorsichtshalber durch einen leeren Stuhl getrennt. Ein paar Tage später ein letzter ehrenamtlicher Termin in Köln, in wechselnden Konstellationen jeweils zu viert. Ein letztes Abend - essen zu zweit in einer Privatwohnung. Im Nachhinein sicherlich nicht risikofrei. Es dauerte, bis ich ganz auf Sicherheit ging, parallel zu einer sich täglich verschärfenden Lage und einem heraufziehenden harten Lockdown. Da nahm ich auf einmal auf meinen langen Spaziergängen Gruppen enger zu - sammenstehender, meist Jüngerer als „Gefahr“ wahr – und ging weiterhin wie die meisten ohne Maske einkaufen. Ein bisschen widersprüchlich? Sicher. Wir wussten es nicht besser, es gab keine eindeutige „Richtlinie“ , und wer handelt schon stets widerspruchs- frei? Andere hatten in der Zeit ganze Bücherregale leergelesen…. Auf einmal ein leerer Terminkalender, keine Fahrten mehr nach Köln, Dortmund, Berlin oder sonst wohin. Ein Erzählcafé mit mir wurde ebenso abgesagt wie ein Vernetzungstreffen. Mit meinen Freundinnen und Freunden war ich auf einmal nur noch über WhatsApp, Telefon oder Zoom verbunden. Zunehmend fehlte mir der direkte soziale Kontakt mit ihnen, ging mir die Ungewissheit auf den Zeiger, wann ich wen wiedersehen würde. Sie blieben ein wichtiger Rückhalt, aber da fehlte etwas… Mir wurde bewusst: Mein Wahlspruch „My home is my castle“ , meine Tendenz zum Rückzug, in bewegten Zeiten voller Termine „DAS IST ALLES UNSERE LEBENSZEIT“ 57 und Aufgaben ja! Aber nicht im Lockdown! Stimmungsmäßig ret- tete mich ein deutlich jüngerer Schwuler aus der Nachbarschaft; er nutzte mein Auto, kaufte auch für mich mit ein, trank Kaffee und Kuchen mit mir auf meinem Balkon – zum Glück war schönes Wetter! - ging einige Male mit mir spazieren, ein Lichtblick in die- sem strengen Lockdown. Zwischenbilanz am 20. April: „Die Chance zu Einkehr und Muße, Lesen und Aufräumen habe ich bisher eindeutig voll vertändelt! Einerseits gab es immer noch dies und das zu tun. Andererseits brauche ich wohl Termindruck, um in die Gänge zu kommen“ , schrieb ich einem Bekannten. Der: „Ja, ‚ Vertändeln‘ kommt mir bekannt vor… Das meiste von dem, was ich jetzt machen sollte, habe ich jedenfalls (noch) nicht begonnen.“ Erleichterung bei mir, dass ich mit meinem Gefühl der Lähmung, nichts zu schaffen, nicht allein war. Während andere bis dahin aufgeräumt und ent - rümpelt hatten, was das Zeug hielt und ganze Bücherregale leer gelesen hatten (und ich nur ein einziges Buch). Ja, die Chance hat- te ich vertändelt. Dennoch bin ich nicht ganz unzufrieden. Ich hatte einen schönen Sommer, vorsichtig und dennoch voller Aktivitäten, habe es mir an zwei schönen Wochenenden bei meinem Freund Udo in dessen Berliner Wohnung mit Dachterrasse gut gehen lassen und habe sicherheitshalber im Hotel gewohnt: Aerosole… Auch beruflich war ich wieder voll ausgelastet. Wirtschaftlich war es ein gutes Jahr – aber sozial? Ich vermisse die Treffen mit meinen Freunden in Köln. Den gemeinsamen Urlaub zwischen den Jahren an der Nordseeküste. Den erhofften Austausch auf Spaziergängen oder beim Abendessen. Manchmal wäre ich jetzt gern in Köln. Alterssexualität: Die wurde bei mir durch Corona noch weiter ausgedünnt. Im Sommer habe ich mich wieder mit meinem Lie - blingsescort verabredet. Ist doch ein Abwägen: Ein Restrisiko ein- gehen, aber ich weiß, was ich suche, warum ich es suche. Und dass SIGMAR 58 „DAS IST ALLES UNSERE LEBENSZEIT“ ich es in der zweiten Welle tunlichst vermeiden sollte. Was ich als Minderung meiner Lebensqualität empfinde. In Aids-Zeiten gab es den „one wrong fuck“ – jetzt wieder. Man muss es ja nicht herausfordern…. Oder zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort. Corona kann uns durch unglückliche Umstände, unbedachte Momente erwischen. Das gab und gibt es eigentlich immer im Leben, schon vor Corona. Man denke an das tägliche Risiko auf der Autobahn, wo dumme Zufälle oder Fehler zu (tödlichen) Tragödien werden können. Le- ben ist per se riskant und endet mit dem Tod. Man muss es eben nicht herausfordern, aus Verantwortung für sich selbst, die Mit - menschen, seinen Liebsten. Corona macht uns das Risiko der Le - bensführung bewusst; wir können es nie gänzlich ausschalten. Einige hatte der Satz meines Hausarztes erstaunt. Ich fand ihn klug, ein schonend formuliertes Risikoszenario. Der Gefahr ins Auge schauen. Ich bleibe hoch vulnerabel. Aber dennoch kann ich mich nicht abkapseln und einschließen. Risikominimierung ja – aber ein Restrisiko bleibt immer. Das Verkümmernlassen des Sozialen ist auch ein Gesundheitsrisiko! Vom politischen Krisenmanagement erwarte ich vernünftige Rahmenbedingungen für unser (Über-)Leben. Es hat mit einem schwer kalkulierbaren Feind, dem Virus, zu tun. Und schwer kal- kulierbarem Verhalten von uns Menschen. Übersteigerte Erwar - tungen an Politik sind meines Erachtens Angstabwehr – genauso wie das Leugnen, das Flüchten in Verschwörungsmythen und Ig- noranz. Das politische Mantra lautet: Einen zweiten totalen Lock- down vermeiden. Dann bleibt meines Erachtens nur das aktuelle „muddling through“ und „find it out“ . Restaurants, Theater, Film, Kultur, Präsenzveranstaltungen wie Workshops, Seminare, Community et cetera – das vermisse ich. 59 SIGMAR Wie die meisten hoffe ich, dass das soziale Leben im nächsten Frühjahr langsam und weiterhin mit Vorsicht wiedererwacht. Ob wir CSDs feiern können wie gewohnt? Ich befürchte, dass wir noch mehr Geduld haben müssen, dass „Normalität“ erst 2022 wieder einkehrt. In allen Bereichen des sozialen und politischen Lebens, die der - zeit wieder eingeschränkt sind, wird es spannend sein zu sehen: Was kommt zurück? Wie kommt es zurück? Tatsächlich im alten Gewand? Oder was nehmen wir an Neuem, an Virtuellem, mit in die neue Zeit nach Corona? Was ändert sich durch Corona? Das hoffe ich, noch erleben, mitgestalten und genießen zu können - es sei denn, ich habe mich verkalkuliert beim Risikoabwägen. Was ich nicht hoffe. Bis zur gelungenen Impfung bleibt der Satz meines Hausarztes auf jeden Fall aktuell. 60 „ Wir lassen nicht einfach eine allein zu Hause“ Betty, 70 Bettys Interview zeichne ich Mitte November bei mir zuhause auf, wir sitzen mit genügend Abstand und bei geöffneter Balkontür. Seit Anfang des Monats haben wir nun wieder einen „Lockdown light“; dass der nicht ausreichen wird, zeichnet sich bereits ab. Diese Sorge mischt sich mit Erleichterung über einen gerade zugelassenen Impfstoff. Über die aktuelle Inzidenzzahl ist Betty gut informiert: „zurzeit 193,5“. Die Corona-Krise ist für Betty eine besondere Herausforderung: „Ich kann noch nicht mal meinen runden Geburtstag von 70 feiern und ich werde doch nur einmal 70!“ Lange Zeit arbeitete Betty in Berlin, später in Köln als Erzieherin und Heilpädagogin. In den letzten zehn Jahren vor der Rente unterstützte sie Familien in sozialen Brennpunkten. Seit vielen Jahren engagiert sie sich mit viel Herz und Humor für ihre Enkeltöchter, die übrige Familie und ihre lesbische Wahlverwandtschaft, die „Golden Girls“. Den Beginn der Corona-Pandemie habe ich natürlich mitbekom- men, doch habe ich diese Zeit sicher anders erlebt als die meisten, denn damals war ich schon in einem Ausnahmezustand. „DAS IST ALLES UNSERE LEBENSZEIT“ 61 Bereits in den Wochen vor dem ersten Lockdown war ich in Ber - lin, um meine Tante zu begleiten, die wegen einer schweren un - heilbaren Erkrankung in ein Hospiz gezogen war. Meine Lebens - gefährtin und ich haben all die Auswirkungen der Corona-Krise gar nicht so recht wahrgenommen, weil wir immer nur zwischen der Wohnung meiner Tante in Reinickendorf und dem Hospiz pendelten. Abends schauten wir die Nachrichten und haben uns ansonsten ausschließlich um meine Tante gekümmert. Anfang März verbot der Senat den Zugang zu Altenheimen und Hospizen. Es durfte nur noch eine Person am Tag für eine Stunde hinein. Meine Tante war schon sehr krank, aber sie hat noch alles mitbekommen und sagte: „Das ist sehr schade, ich brauche euch doch!“ Sie wartete immer darauf, dass wir kamen, diese Kontakt - beschränkung war für sie daher sehr schlimm. Wir haben überlegt, ihren Raum im Hospiz zu besetzen und ein - fach da zu bleiben. Aber das ging natürlich nicht. Am nächsten Tag wäre ich bis zum Senat gegangen und hätte dort Randale ge - macht. Bei allem Verständnis für die Maßnahmen, das geht gar nicht, Menschen im Sterben so alleine zu lassen! Es werden sich wohl noch mehr Angehörige beschwert haben, und so hat der Senat nach zwei Tagen das Besuchsverbot für Hospize wieder ge - kippt. Von da an sind wir immer den ganzen Tag dort gewesen, bis zum 27. März, an dem Tag ist meine Tante gestorben. Doch damit hörte der Ausnahmezustand für uns nicht auf. Wir durften unsere Tante nicht so beerdigen wie sie es sich gewünscht hatte, mit allen Menschen, die ihr wichtig waren. Es gab nur eine ganz kleine Feier, mit der sehr netten Pastorin, meinem Bruder und seiner Frau sowie meiner Freundin und mir, in einem priva - ten Raum vom Beerdigungsinstitut. Dort haben wir uns vom Sarg verabschiedet. Bis zur Urnenbeisetzung hat es dann noch mal fast ein halbes Jahr gedauert. BETTY 62 Du hast also die Auswirkungen der Pandemie und deren Auflagen ganz einschneidend erlebt. Wie ging es weiter, als du wieder in Köln warst? Als es im Frühling wärmer wurde, wurde es etwas lockerer. Das Leben fing wieder an. Viele nahmen die Pandemie nicht mehr ernst und hielten sich nicht an die Corona-Regeln. Wir haben die Auflagen allerdings weiterhin befolgt. Meine Freundin und ich sind schon älter, auch mit Vorerkrankungen, wir möchten uns dem Risiko nicht aussetzen. Der Sommer war dann relativ schön, somit waren wir viel drau - ßen, haben auf der Terrasse oder im Park Freundinnen getroffen, immer mit Abstand, weil wir weder uns selber noch andere ge - fährden wollten. Das ist auch bis heute so geblieben. Corona wurde in dieser Zeit eher verharmlost, manchmal auch von mir. Meine Freundin ist aber sehr konsequent. Sie sagt, wenn jemand ins Haus kommt, bitte nur mit Maske, draußen kann sie gerne abgenommen werden. Mit zunehmender Inzidenzzahl und sinkenden Temperaturen bin auch ich jetzt wieder vorsichtiger geworden. Zwischendurch bin ich noch mal etliche Wochen in Berlin gewe - sen, habe den Nachlass und die Eigentumswohnung abgewickelt, mit Hilfe meines Bruders, der in solchen Dingen ja nicht beson - ders flexibel ist… In Berlin habe ich nacheinander alle Freundinnen und Freunde meiner Tante zum Kaffeetrinken eingeladen. Das war mir beson - ders wichtig, weil es ja auch keinen Leichenschmaus gab. Und so haben wir uns immer zu kleinen Gruppen getroffen, das Leben meiner Tante Revue passieren lassen und Abschied genommen. „DAS IST ALLES UNSERE LEBENSZEIT“ 63 Dadurch hattest du den Abschied immer wieder… Ja, das war sehr heilsam so, gerade durch die Wiederholungen, wo- bei ja jede auch anders drauf war und andere Erinnerungen zu be- richten hatte. Das war für mich nochmal eine sehr intensive Zeit. Wie geht es dir und euch in der lesbischen Community während der Corona-Pandemie? Ich gehöre zu der Gruppe der „Golden Girls“ in Köln, die seit 2002 besteht, darin sind ältere Lesben ab 50, Singles oder Paare. Wir pflegen ein intensives Gruppenleben, vor der Pandemie haben wir uns regelmäßig getroffen, einmal im Monat zum Brunch, alle 14 Tage in einem Lokal. Wir sind auch oft zusammen weggefahren, nach Holland, Luxemburg oder an die Mosel. Wir waren also sehr aktiv und sehr auf unsere Gemeinschaft bezogen. Im Moment ist das alles vorbei, wir können all das nun nicht mehr machen und das beeinträchtigt mich schon, obwohl ich ja eine Partnerin habe. Besonders Frauen aus der Gruppe, die keine Lebensgefährtin haben, davon gibt es etliche, kommen momen - tan mit dem Alleinsein gar nicht klar. Es gibt einige, die das gut hinbekommen, aber andere wiederum nicht. Ich versuche, mich mit ihnen regelmäßig telefonisch zusammenzuschließen und sie zu motivieren. Eine Weile ging es, sich in kleineren Gruppen zu treffen, vorwiegend draußen, zu Spaziergängen im Wald oder am Rhein. Seit Anfang November ist auch das wieder schwieriger ge- worden. Mir selber macht das auch zu schaffen, ich erlebe diese Einschränkungen als persönlichen Verlust. Ich brauche das ein - fach, die Kontakte und auch das Organisieren für die Gruppe und für Einzelne, das ist ein ganz wichtiges Element in meinem Leben. Ohne Kontakte verarmt der Mensch! BETTY 64 „DAS IST ALLES UNSERE LEBENSZEIT“ Mir fehlt das Meer. Sonst fahre ich mindestens einmal im Jahr ans Meer. In diesem Jahr war ich nicht einziges Mal dort. Das Meer bedeutet mir viel. Wenn ich dort bin, beruhigt mich das. Die gute Luft, das Atmen, das ist wunderbar. Die Unendlichkeit, das Ewige, der Rhythmus der Gezeiten… all das hat so etwas Zuverlässiges. Dagegen fühle ich mich momentan wie unter einer Käseglocke. In den Nach- richten kommen meist negative Mel- dungen, Zahlen, Tote, Dinge, die nicht funktionieren und die Quatschköpfe von der AFD oder der Querfront. 65 Ich weiß, dass du und die Koordinatorin der „Lesbischen ALTERnativen“ versucht, gegenzusteuern… Mit Birgit von den „Lesbischen ALTERnativen“ versuche ich, die Kontakte ein wenig zu koordinieren und gemeinsam alle „Golden Girls“ im Blick zu haben, damit uns keine verloren geht. Man - che haben kein Internet, mit denen müssen wir eben häufiger telefonieren. Es bricht gerade für viele die Sicherheit weg, die die Gruppe geboten hat, gerade auch für Frauen, die bereits ernsthaf- te Krankheiten haben. Wir dürfen uns nicht als gesamte Gruppe treffen, also haben wir die „Golden Girls“ jetzt in Untergruppen in einigen Vierteln der Stadt Köln eingeteilt. Wir Frauen im Kölner Norden haben uns ein paarmal getroffen, aber vor kurzem gab es eine Begrenzung auf maximal fünf Frauen. Deshalb haben wir entschieden: jetzt lassen wir es ganz – entweder alle oder keine! Wir lassen nicht einfach eine allein zu Hause! Es ist schade, aber es werden wieder bessere Zeiten kommen. Birgit und ich versuchen immer noch, die Frauen zusammenzuhalten. Viele Frauen können nicht einfach sagen, es geht mir schlecht, helft mir bitte mal. Die ziehen sich dann eher zurück. Und das soll ja nicht sein. Es gibt einige Frauen, die einen richtigen Lei - densdruck haben und nach dem letzten Lockdown sagten: noch so einen Lockdown schaffe ich nicht! Jetzt haben wir doch wieder einen Lockdown light. Wie geht es dir darin? Was soll ich dazu sagen? Das bisschen Leben, das wir in der Zwi - schenzeit hatten, haben wir jetzt auch nicht mehr. Okay, ich kann rausgehen, ich kann zur Bank gehen, dann gibt es noch die Läden. In den Klamottenladen gehe ich nicht, daran habe ich gerade kein Interesse. Ich brauche auch keine Möbel, ich ver - BETTY 66 steh nicht genau, warum man jetzt Möbel kaufen muss…Lachen… Man kann ja mal einen Monat ohne neue Möbel auskommen. Trotz allem müssen wir aber versuchen, das Leben zu leben. Ich kann mich ja nicht in die Ecke setzen und warten, bis alles vorbei ist! Im Moment erledige ich Dinge, die mir sonst nicht leichtfallen oder für die ich meist zu wenig Zeit habe. Ich habe innerlich und äußerlich entrümpelt, alles noch einmal reduziert, mehr Klarheit und Achtsamkeit in mein Leben gebracht. Ich gehe jetzt mehr raus in die Natur, lebe umweltbewusster. Theater und Konzerte ver - misse ich sehr. Kulturveranstaltungen bringen ja die Menschen zusammen, gerade auch solche, die sich nicht täglich treffen. Gefreut hat mich, dass trotz allem im Oktober der CSD stattge - funden hat, als Fahrraddemo, dabei bin ich mitgefahren, ich fand das richtig gut. Es gab Auflagen, Abstand, Maske, die Leute waren diszipliniert, ein tolles buntes Bild und überall sah man Regen - bogenfahnen. Welche Ressourcen hast du persönlich, welche hat die Community, um diese Krise zu händeln? Ich denke, da unsere Community sowieso etwas enger miteinan - der ist, haben wir es vielleicht einfacher als die Heten. Viel Nähe kann aber manchmal auch schwierig sein. Für mich persönlich ist es einfacher, weil ich schon vor Corona ein starkes persönliches Netzwerk hatte. Die Community insgesamt ist gut vernetzt. Das ist eine Ressource, um mit den Auswirkungen von Corona fertig zu werden. Ich kann natürlich nur von denen ausgehen, mit denen ich verbunden bin. Früher hatten wir einen starken Zusammenhalt, weil wir alle mehr oder weniger diskriminiert waren. Dadurch haben wir gelernt, mit unterschiedlichen Herausforderungen fertig zu werden. Auch in der Community gibt es Differenzen, wie in der Mehrheits- „DAS IST ALLES UNSERE LEBENSZEIT“ 67 BETTY gesellschaft auch. Aber wir sind mehr aufeinander angewiesen. Welche Erfahrung wird bei dir nachhallen? Was können wir eventuell aus dieser Krise mitnehmen? Wir kennen ja die Menschen, die vergessen schnell. Aber ich den- ke, bei mir wird diese Zeit nachhallen. Es wird wohl nie mehr ganz so sein wie früher. Die Vorsicht im Umgang miteinander, die wird sicher bleiben, ich werde nicht mehr jede herzen und küssen. Ich war ja da früher immer sehr zutunlich und offen. Das vermisse ich auch. Ich fänd es gut, wenn wir das Beste aus dieser Zeit machen und dann schauen, dass wir weiterhin nicht nur für uns selber le - ben, sondern auch füreinander. Da verändert sich was und viele sind nachdenklich geworden. Es ist wichtig, aufeinander zu schau- en, uns weg von der Ellbogengesellschaft zu bewegen und mehr aufeinander und auf die Umwelt zu achten. Wenn jede etwas dazu tut, kann das funktionieren. Im ersten Lockdown haben die Leute das hinbekommen, aber jetzt sind sie leichtsinniger geworden. Ich bin aber ganz bewusst, ich schaue dreimal am Tag nach der Inzidenzzahl. 68 „DAS IST ALLES UNSERE LEBENSZEIT“ Wie hoch ist die denn jetzt? 193,5! ...Lachen… Wenn ich merke, sie geht runter, geht es mir schon besser, im Moment stagniert sie. Was macht dich in Bezug auf Corona zuversichtlich? Gerade ist Licht am Ende des Tunnels, ein Impfstoff ist in Sicht. Den sollten zuerst die Gefährdeten bekommen, die Hochaltri - gen, die chronisch Kranken, das Pflegepersonal, dann auch wir, aber nicht an erster Stelle! Als ich das gestern hörte, war ich sehr erleichtert: es hat irgendwann ein Ende, es kann dauern, aber es kommt. Das ist letztendlich alles unsere Lebenszeit, die in der Corona-Kri- se verloren geht. Diese Pandemie nimmt mir irgendwann die Luft, ähnlich wie der Trump. Als Joe Biden gewählt wurde, habe ich schon mal durchgeatmet, und gestern kam die Nachricht von dem Impfstoff. Da habe ich dann noch mal tief durchgeatmet. Toll! 69 „ Wir sind hier trotz Corona mitten im Leben“ Barbara, 82 Die zweite Welle der Pandemie hat uns eingeholt. Zum Zeitpunkt des Interviews, am 2. Dezember, wird Angela Merkel mit den Minister- präsident*innen der Länder in einer Videokonferenz über die Verschärfung des bisherigen „Lockdowns light“ entscheiden. Nach einer Fahrt über die dennoch sehr belebte A57 komme ich gerade noch pünktlich in Düsseldorf-Flingern an. Viel Platz, viele Bilder, viele Bücher und Erinnerungsstücke, zwei zusammengewürfelte Leben: Barbara ist vor einigen Jahren mit ihrer Freundin gemeinsam in diese Wohnung gezogen. Und auf wunder- same Weise passt alles hier zusammen. Barbara und ihre namensgleiche Lebensgefährtin sind das Rampen- licht gewohnt. Sie standen gemeinsam auf der Bühne und wirkten in dem Kurzfilm „lesbisch.schwul.älter“ mit. Barbara wird von Medien derzeit gerne angefragt „weil ich so uralt bin“. Die Freude am Erzählen ist ihr anzusehen: „Du kannst mich bremsen, manchmal erzähle ich ein bisschen viel.“ Ich hätte Barbaras Geschichten noch lange zuhören können. BARBARA 70 Ich gehöre zu einer Generation, die gar nicht wusste, was lesbisch ist. Ich habe aber 40 Jahre im Frauenbuchladen Düsseldorf gearbei- tet, fast von Anfang an. Also war ich immer sehr frauenbezogen und habe mich nicht vor Lesben gefürchtet. Du bist Feministin… Ja, darauf lege ich Wert! Meine Lebensgefährtin Barbara kenne ich schon lange, in den Frauenzusammenhängen trifft frau sich ja immer wieder. 2009, nachdem sie von einer Reise zurückgekommen war, waren wir sehr viel zusammen, haben gemeinsam gelacht und auch gestrit - ten. Ich sagte immer: „Ich mag dich sehr, aber ich bin nicht les - bisch.“ Na, und irgendwann war ich dann doch bereit, lesbisch zu sein, da war ich 72. Eine Kollegin aus dem Frauenbuchladen meinte: „Besser spät als nie!“ Der Frauenbuchladen ist mittlerweile geschlossen, übriggeblieben sind davon ein Frauengesprächskreis und eine Literaturgruppe. Ich bin nicht mehr dabei, bin aber ganz gut unterrichtet. Die Frau- en arbeiten immer noch miteinander an politischen und feminis- tischen Themen. Ihr wohnt hier in einer wunderschönen, gemütlichen Wohnung. Ich habe gerade die Vision, dass auf dem Sofa dort auch eine Katze sitzen könnte… Nee, da sitzt keine Katze! Ich bin sehr froh, dass wir kein Haustier haben. Wir hatten in der Familie lange Zeit einen Hund, der blieb an mir hängen. Mit einem Tier ist man doch sehr angebunden und unfrei. Mit 82 Jahren brauche ich meine Unabhängigkeit. „DAS IST ALLES UNSERE LEBENSZEIT“ 71 Wie sehr fühlst du dich durch die Pandemie persönlich gefährdet? Es hat mich schon beeindruckt, plötzlich zur Risikogruppe zu ge- hören. Ich wurde darin eingestuft, allein aufgrund meines Alters. Man muss das Schicksal nicht herausfordern, also sehe ich mich vor. Meine Lebensgefährtin hat zusätzlich Vorerkrankungen, sie ist also auf jeden Fall dort einzustufen und passt daher noch mehr auf als ich. Andererseits habe ich die Corona-Pandemie am Anfang gar nicht so ernst genommen und am Telefon zu meinem Sohn in Berlin ge- sagt: „Risikogruppe meldet, dass sie gesund ist.“ Aber das hat sich schnell geändert, als die Zahlen in die Höhe stiegen und dann die Meldungen über die Hotspots, Ischgl und Heinsberg, kamen. Ich fand auch die Bilder aus Italien sehr beängstigend, die vielen Last- wagen, die Särge transportierten, einen nach dem anderen, das waren schlimme Bilder, dabei ist mir der Humor etwas vergangen. Es hat etwas Unheimliches, auch jetzt im Winter, wenn alle mit Maske herumlaufen und dazu eine Mütze aufhaben. Du erkennst niemanden mehr – was ist eigentlich mit dem Vermummungsver- bot, ist das nun völlig aufgehoben? Dann habe ich auch viel Nachrichten geschaut, jeden Abend gab es Sondersendungen. Und irgendwann hatte ich das Gefühl, das mir das nicht mehr gut tat. Ich hab dann beschlossen, mich weiter- hin zu informieren, aber nicht mehr jeden Abend so viel darüber anzuschauen. Ich habe also ganz bewusst Psychohygiene betrie - ben und mich mehr abgegrenzt. Es reicht, dass es so ist, ich muss mir die Situation in den Medien nicht immer „reinziehen.“ BARBARA 72 Was hat sich in eurem gesellschaftlichen Leben in der lesbischen Community durch Corona verändert? Früher habe ich mich immer gewundert, dass die alten Damen keine Lust hatten, abends aus dem Haus zu gehen. Doch jetzt bin ich auch eine alte Dame, habe dazu auch keine Lust mehr und pfle- ge lieber die Häuslichkeit. Also bewege ich mich gar nicht mehr so viel in der lesbischen Community. Wir gingen einmal im Monat zum Lesbenfrühstück bei der AWO. Ich selber hatte eine Spielegruppe im Frauenbücherzimmer. Dort spielten wir Canasta, bei der AWO wurde Rommé gespielt. Wir hatten zudem eine kleine Spielegruppe, hier am Esstisch zu fünft. Kurz vor Ausbruch der Pandemie hatten wir eine neue Gruppe ge- gründet, eine kleine, völlig autonome Gruppe von Frauen, die sich untereinander vernetzen und gegenseitig unterstützen möchten. Die war also im Entstehen und ist durch Corona jetzt erst mal ge- stoppt. Es hatte so gut angefangen! Aber wir bleiben dran und sind nun immerhin per WhatsApp vernetzt. Wie gestaltet ihr euren Alltag in der Zeit der Pandemie? Wir wohnen hier in Flingern-Nord, einem sehr schönen, leben - digen Viertel. Es gibt ganz in der Nähe den Park, in dem haben wir in der warmen Jahreszeit viel gesessen und uns über die vielen Väter gefreut, die mit ihren Kindern Fußball spielen. Auf dem Weg dorthin liegt ein kleines Café. Wir haben uns ge - freut, als es wieder aufmachte, und haben es dann oft angesteuert. Ein paar Straßenbahnhaltestellen weiter liegt der Zoo-Park, dort gibt es auch ein Café, du siehst, wir sind sehr engagiert, was Cafés angeht! Jetzt kann man nirgendwo einkehren, das vermisse ich zurzeit be- sonders, und - was oft unterschätzt wird - man kann nirgendwo „DAS IST ALLES UNSERE LEBENSZEIT“ 73 aufs Klo gehen. Ich kaufe momentan ganz gerne ein, auch darin bin ich lieber autonom. Rewe, Apotheke, Netto sind alle fußläufig erreichbar. Anfangs hat mein zweiter Sohn für uns eingekauft. Er regte sich dann öfter darüber auf, dass wir so viel Pudding be - stellten. Von den eigenen Kindern gemaßregelt zu werden, war für mich auch eine neue Erfahrung! Trotz der hohen Inzidenzzahlen bin ich nicht mehr so ängstlich wie am Anfang der Pandemie. Hier in unserem Viertel fühle ich mich sicher. Hier ist es ein bisschen wie ein Dorf. Das ist auch eine positive neue Erfahrung durch Corona: weil wir nicht mehr so viel mit der Bahn fahren, sondern eher im Viertel bleiben, leben wir mehr in der Nachbarschaft und an dem Platz, an dem wir sind. Dazu ist es gut, nicht alleine zu sein. Ich bin heilfroh und jeden Tag dankbar, dass wir zu zweit hier sind. Vielleicht würde ich an manchen Tagen gar nicht aus dem Bett kommen und vieles wäre mir dann gleichgültig. So habe ich ein Gegenüber und eine, die das Leben mitgestaltet. Wir sind hier trotz Corona mitten im Leben. Findest du die Maßnahmen und Corona- Auflagen nachvollziehbar? Ich kann nicht nachvollziehen, dass die Gaststätten, die sich so viel Mühe gegeben haben mit ihren Hygienekonzepten, jetzt schon wieder schließen müssen. Abgesehen davon, dass ich, wie schon erwähnt, persönlich betroffen bin, weil ich nicht ins Café gehen kann und nirgendwo aufs Klo, das kommt noch erschwerend hin- zu. Ebenso sehe ich kritisch, dass die Theater und die Konzerthal- len wieder geschlossen haben. Für die Künstler*innen ist das eine Katastrophe, ich finde das wenig durchdacht. BARBARA 74 Was hätte man anders machen können? Vor den Supermärkten gibt es ja einen Zerberus, der aufpasst, dass nicht zu viele Menschen auf einmal in den Laden gehen, das wäre vor einem Café und einem Museumseingang doch auch möglich. Und das Schauspielhaus und die anderen Theater haben doch eh nur mehr ganz wenig Plätze belegt und wenig Karten pro Vor - stellung verkauft. Wer keine Angst hat, kann doch reingehen. Es kommt doch auf Eigenverantwortlichkeit an und nicht auf Reg - lementierung von oben. Obwohl es andererseits mit freiwilligem Umsetzen von sogenannten Empfehlungen bei uns doch sehr hakt. Wenn empfohlen wird, eine Maske zu tragen, dann bekom- men das nicht so viele Leute umgesetzt. Ich bin froh, dass ich nicht die Entscheidungen treffen und die Verantwortung für eventuelle Versäumnisse tragen muss. Viel - leicht würde ich in so einer Position irgendwann sagen: „So, jetzt ist Schluss, ab morgen tragen alle Masken!“ Einige Frauen erzählen, dass sie den Lockdown auch mal schön fanden und tief durchgeatmet haben… Im ersten Lockdown habe ich auch ganz lange morgens im Bett gelegen, dann habe ich mir eine Kanne Tee gemacht, die Zeitung raufgeholt und fand es wunderbar, dass keiner was von mir wollte. Das hatte durchaus was Entlastendes. Wann wir Mittagessen oder nicht Mittagessen, das ist völlig egal, das interessiert keinen, wir machen, was uns in den Kram passt. Theoretisch könnten wir das natürlich immer. Aber so ganz stimmt das nicht: in der Jugend und im mittleren Alter gingen wir sehr gerne in die Kneipe - diese Zeit müssen wir jetzt leider nutzen, um zum Arzt zu gehen. Also können auch wir nicht ganz frei über unsere Zeit verfügen. „DAS IST ALLES UNSERE LEBENSZEIT“ 75 Hinzu kommt noch, dass alles im Alter einfach länger dauert. Das merkst du vielleicht noch nicht? Doch, durchaus… Auf welche Erfahrungen kannst du als ältere Frau zurzeit zurückgreifen? Ich gehöre noch zu der Generation, die Krieg und Nachkriegszeit erlebt haben. Und manchmal denke ich: „Stellt euch mal nicht an!“ . Meine Eltern sind 1950 zum ersten Mal wieder in den Taunus in Urlaub gefahren. Wir gingen höchstens auf einen Campingplatz. Ziemlich am Anfang kam ein Kunde in die Bäckerei, in der ich ge- rade einkaufte und sagte: „ Wann ist das endlich vorbei - ich kann es nicht mehr aushalten, nicht wegfahren zu können.“ Ich fand das reichlich übertrieben. Als Kind habe ich auch nicht gequengelt: „Ich will keine Bomben mehr haben! Die sollen jetzt aufhören!“ Als Kind wärst du dazu berechtigt gewesen… Aber auch als Kind hätte ich das nicht gesagt, denn ich wusste, dass sie deshalb nicht einfach aufhören würden, uns zu bombar - dieren. Da hätte ich mit den Füßen aufstampfen können, so viel ich wollte. Deshalb bin ich in der jetzigen Situation vielleicht auch gelassener und habe mir den Blick für Wesentliches bewahrt. Dazu gehört sicher auch die Freude an kleinen Dingen, die Zufrie- denheit darüber, dass es uns in Deutschland insgesamt sehr gut geht. Mangel haben wir hier nicht. Wie hast du die Nachricht von dem Impfstoff aufgenommen? Ich habe zuerst gedacht, na ja, bis ich dran komme… BARBARA 76 Ich glaube, du bist ziemlich früh dran! Das habe ich dann auch festgestellt… Mein Sohn hat mir schon die Leviten gelesen, als ich sagte, es gäbe doch so viele, die es viel nötiger haben. Schon ab Mitte Dezember könnten wir hier wahr- scheinlich impfen, das geht mir alles ein bisschen schnell. Ein biss- chen sind wir ja auch Versuchskaninchen. Ich muss daher nicht bei den Allerersten sein. Wenn ich eine Aufforderung bekomme, komme ich der natürlich nach. Wenn der Impfstoff wirksam schützt, ist irgendwann ein Ende der Pandemie abzusehen. Was machst du als erstes, wenn Corona vorbei ist? Ich fahre sofort weg, auf jeden Fall an die Nordsee. Wir haben dort ohnehin für April gebucht. Jetzt bin ich mal gespannt, ob das sein wird. Und ich gehe sofort ins Café! Welche nimmst du als erste in den Arm? Wer kommt, wird umarmt! „DAS IST ALLES UNSERE LEBENSZEIT“ 77 Ich bin dem Glauben und Gott, so ich ihn mir vorstelle, in die- ser Zeit nähergekommen. Das ist eine schöne Erfahrung. Es war ein Bedürfnis nach Trost und nach Gemeinschaft, das das bewirkt hat. Mein gutes Durchkommen durch die Corona-Krise hat sicher auch etwas mit meinem Gottvertrauen zu tun. Es gibt Kirchenlieder, die sage ich mir innerlich auf, und die geben mir viel innere Ruhe und Kraft. Wenn ich mich aufrege über jemanden, der keine Maske trägt, denke ich: lass es, Barbara, es gibt Wichtigeres! Menschen, die sowieso solidarisch sind, werden durch Corona so- lidarischer. Die anderen, wie die Corona-Skeptiker und Querdenker, kann ich nicht nachvollziehen. Das kann auch was mit toxischer Männlichkeit zu tun haben. Wir Frauen sind es gewohnter, mehr auf die andern zu achten. Alle Länder, die bisher gut durch die Krise gekom- men sind, werden von Frauen regiert. BARBARA 78 „Auf einmal hat man doch weniger Rechte“ Eugen, 79 Eugen, meinen letzten Gesprächspartner, interviewe ich einige Tage nach Weihnachten. Wir haben uns auf ein Telefoninterview geeinigt, denn die Infektionszahlten sind nach wie vor sehr hoch. Freundlich und präzise berichtet Eugen von seiner eigenen Covid- 19-Erkrankung und seinem Engagement bei den „Bären“, bei einem schwulen Besuchsdienst und dem Überfalltelefon. Als Sonderpädagoge und Krankenhauslehrer ist Eugen viel herumge- kommen. In den noch restriktiven 60er Jahren arbeitete er unweit der niederländischen Grenze und schätzte die Nähe zur dortigen Szene: „Ich brauchte nur hinüberzugehen, dann war ich in der Freiheit!“ 1994 zog Eugen nach Köln, seit 2007 lebt er im Wohnbe- reich des „Arnold-Overzier“- Hauses in der Kölner Südstadt. Gesell- schaft leistet ihm Dodo, ein Straßenhund aus Kroatien. Ich kam in dieses Haus, weil mein damaliger langjähriger Partner und ich irgendwann entschieden hatten, dass ich nicht zu ihm zie- he, sondern in Köln bleibe. Also habe ich mich umgesehen. Ich engagierte mich eine Zeitlang beim Besuchsdienst des rubicon, wir haben einmal gemeinsam das Haus besichtigt. Und dabei habe ich erfahren, dass die Einrichtung nicht nur formal lesben- und schwulenfreundlich ist, sondern dass ich hier als älterer Schwuler ganz offen leben kann. Der Einzug kam dann allerdings eher als geplant. Ich musste mich ganz schnell entscheiden, weil meine Wunschwohnung frei wur - de, und weil ich sie unbedingt haben wollte, musste ich sie auch nehmen. Das war sicher nicht falsch. Ich habe hier eine geräumige Dreizimmerwohnung, sogar mit Platz für all meine Kübelpflan - „DAS IST ALLES UNSERE LEBENSZEIT“ 79 zen. Es ist also richtig gut gelaufen! Meine Wohnform hier nennt sich „Betreutes Wohnen“ – ich lebe wie ein Mieter, aber mit der Möglichkeit, bei Bedarf flexibel Hilfen abzurufen und zu erhalten. Ich kann zum Beispiel selbst kochen oder im Speiseraum essen gehen. Das alles kann ich jeweils kurzfristig entscheiden. Meine Beziehung wurde hier im Haus akzeptiert. Anfangs kamen ab und zu Fragen wie „ Wer erledigt denn den Abwasch?“ Hinter- grund der Frage war „ Wer ist bei euch die Frau, wer ist der Mann?“ Ich habe darauf meist seelenruhig geantwortet, dass wir diese Rol- lenverteilung nicht kennen. Wir machten den Haushalt gemein - sam und gerecht verteilt. Bei aller Emanzipation ist das bei den Heten doch oft noch an - ders. Bei denen sagt die Frau: „Bring doch mal den Müll runter!“ , und der Ehemann macht das brav, aber nicht aus eigenem Antrieb. Das ist bei Schwulen inzwischen zum Glück anders. In den 50ern ahmten Männerpaare noch generell die heterosexuelle Ehe nach. Mit der Schwulenbewegung ab den 60er Jahren änderte sich das. Vor dem Interview erfuhr ich, dass du an Covid-19 erkrankt warst. Wie geht es dir jetzt? Die Infektion habe ich hinter mir. Es geht mir deutlich besser, al- lerdings bin ich immer noch etwas geschwächt und werde schnel- ler müde als gewohnt. In den Wochen vor meiner Erkrankung war ich bereits zweimal negativ getestet worden, Corona war zu der Zeit hier im Haus schon Thema, einzelne Bewohner*innen und Mitarbeiter*innen hatten sich infiziert. Dann bekam ich etwas Temperatur, kein ho- hes Fieber, und so wurde ein Schnelltest gemacht. Der Test ergab einen Hinweis darauf, dass ich es haben könnte und daher wurde noch ein PCR-Test gemacht, der war zuerst negativ, dann doch positiv. Das alles war schon eine Achterbahn der Gefühle. EUGEN 80 Ich musste dann hier in meiner Wohnung die Quarantäne einhal- ten, das Essen wurde mir gebracht, Mitarbeiter*innen haben für mich eingekauft, sie stellten den Einkauf vor die Tür und ich holte die Taschen dann rein, ohne direkten Kontakt. Alles streng nach Vorschrift. Insofern kann ich mich glücklich schätzen, dass ich da- mals hier diese Wohnung bekommen habe. Den Hund konnte ich zum Glück beim Nachbarn abgeben, der ihn eh immer betreut. Die Quarantäne ist nun schon eine Weile vorbei. Der Arzt hat mir noch einmal Blut abgenommen und festgestellt, dass ich nicht mehr ansteckend bin. Ich wurde also „rausgetestet“ , so nennt man das wohl. Als alles soweit vorbei war, bin ich aufgestanden und habe holly - woodreif fast die Gardine mitgenommen, weil ich kollabiert bin. Mir war schwindelig und ich konnte mich nicht auf den Beinen halten. Der Arzt meinte, so etwas kann passieren, wenn man eine Weile isoliert ist. Bis dahin war ich der Meinung, ich hätte die Quarantäne gut hinbekommen, konnte mich gut beschäftigen und hatte auch immer was zu tun. Auf einmal kommt dann so eine körperliche Reaktion um die Ecke – emotional ist die Geschichte doch nicht ganz spurlos an mir vorüber gegangen. Wie hast du emotional auf die Pandemie und auf deine Erkrankung reagiert? Ich wusste ja, dass das Virus hier im Haus umging, also war ich nicht ganz überrascht. Die Nachricht habe ich zur Kenntnis ge - nommen, zugleich war mir klar, dass ich in der nächsten Zeit hier isoliert sein werde. Vor dem Hintergrund der Erfahrung mit Aids und HIV konnte ich mit der Situation ganz gut umgehen. Beide Pandemien – Aids und Corona – wurden erst nach und nach in ihren Auswirkungen und ihrer Gefährlichkeit bekannt, es gibt „DAS IST ALLES UNSERE LEBENSZEIT“ 81 EUGEN also einige Parallelen. Damals hörten wir Gerüchte - „in Kalifor - nien sterben die Schwulen an Krebs, immer mehr“ - da wurde mir schon klar, dass etwas auf uns zukommt, eine Lawine, sehr be - drohlich… Ich glaube, diese Erfahrung hat mir jetzt auch ein wenig genützt. Wir hatten durch HIV bereits gelernt, pragmatisch und rational mit der Bedrohung durch eine Pandemie umzugehen. Das ist die andere Seite von diesem doch sehr traurigen Kapitel HIV und Aids. Durch die Influenza hatte die gesamte Menschheit ja schon ge - lernt, mit einer gefährlichen Pandemie umzugehen. Ähnlich wie HIV beziehungsweise Aids nahmen auch die Covid-19-Erkran - kungen unaufhaltsam zu. Es ging in China los und breitete sich immer mehr aus. Wenn ich auf die Weltkarte schaue, sehe ich, dass Corona inzwischen überall ist. Unheimlich fand ich am Anfang, dass man das Virus überhaupt nicht einschätzen konnte. Mein erster Gedanke war der an den Tod. Die statistischen Zah - len der Corona-Pandemie geben das allerdings nicht so her. Aber ich bin ja mit 79 Jahren nicht mehr der Jüngste, es hätte also sein können, dass mein Leben damit endete. Dieses Wissen konnte ich nicht einfach beiseiteschieben. Der Tod war etwas näher und realer? Ich hatte bereits einmal eine Erkrankung, die auch zum Tode hätte führen können. In letzter Minute bin ich gerettet worden. Solche zunächst negativen Erfahrungen können den Menschen auch stär- ken, so dass mich eine Krankheit wie Corona nicht aus heiterem Himmel überfallen hat. Ich hatte ja schon erlebt, dass es solche Krankheitsprozesse gibt. Bei der Vorstellung, möglicherweise zu sterben, bin ich daher zum Glück nicht in Panik verfallen. Auch in meiner jetzigen Lebensphase kann es durchaus noch Ent- 82 „DAS IST ALLES UNSERE LEBENSZEIT“ wicklung geben. Auch wenn ich körperlich eingeschränkt bin, tun sich neue Lebensstile und Herausforderungen auf. So werde ich, um wieder mobiler zu sein, jetzt vom Zweirad aufs Dreirad um - steigen. Für positive Veränderung bin ich offen - also ist das Leben noch im Fluss. Welche positiven Veränderungen hast du während der Corona-Krise bemerkt? Ich habe öfter bemerkt, dass die Menschen freundlicher waren, also nicht übertrieben freundlich, aber doch feststellbar. Mich sel- ber habe ich auch eher milder und toleranter erlebt. An Stellen, an denen ich vorher meine Meinung gesagt hatte, habe ich mich eher zurückgehalten. Vermutlich kann der Ernst einer Situation den Menschen formen, so dass er sich auf das Wesentliche fokus- siert und sich nicht in der Negativität aufhält. Zwar bin ich kein ausgesprochen negativer Mensch, aber diese andere - freundliche und positive - Seite von mir, habe ich in der letzten Zeit doch deut- licher wahrgenommen. Ging es dabei auch um den Gedanken, dass wir alle in einem Boot sitzen? Ja, in der Schwulenbewegung gab es früher schon die Initiative „ Wärmer leben“ . Deren Idee war, mehr aufeinander zuzugehen, Freundschaft und Freundlichkeit zu pflegen über die genitale Se - xualität hinaus. Die politische Komponente des Schwulseins wur- de vielen bewusster. Es geht ja nicht nur um schwulen Sex, son - dern um Selbstakzeptanz und einen anderen Lebensstil, um einen offenen Umgang mit der Homosexualität. Manche Herkunftsfamilien haben erst durch die Aids-Krise die Kultur der gegenseitigen Unterstützung durch die schwule Wahl- familie kennengelernt: „ Wir wussten ja gar nicht, wie persönlich 83 EUGEN und wie verbindlich eure Kontakte sind!“ Sie haben erst durch Aids verstanden, dass es nicht nur um genitale Sexualität geht, sondern um viel mehr, um Freundschaft, um Gay Pride. Das war der Weg, den viele Heterofamilien erst gehen mussten. Dennoch sind wir nicht am Ende des Weges der schwulen Eman- zipation. Was ist noch zu tun? Ich habe gesehen, dass trotz der Corona-Maßnahmen die Men - schen hier selbstverständlich Besuch ihrer nächsten Angehörigen bekommen konnten. Bei unserem Lebensstil – ich habe bewusst nicht geheiratet – hat man dann auf einmal doch weniger Rechte. Ich kann dann nicht einfach sagen: „wir gehören zusammen, der gehört zu meinem Haushalt, wir sorgen füreinander“ . Das liegt weniger am Haus, das ist ja sehr lgbt-freundlich, doch gegen Vor- schriften aus Berlin oder Düsseldorf können die hier wenig aus - richten. Da müsste nachgebessert werden… Ja, die schwulen und lesbischen Lebensmodelle, wenn ich für euch mitreden darf… Bitte, gerne… …werden im Ernstfall doch wieder hintenangestellt. Sie müssten mehr berücksichtigt und als gleichberechtigte Lebensform ge - wichtet werden. 84 „DAS IST ALLES UNSERE LEBENSZEIT“ Das Konzept Angehörige bezieht sich auf die „Normalfamilie“ und wir haben zusätzlich ganz andere Netzwerke, eben die Zugehörigen und Wahlverwandten… Ja, letztendlich geht es dann doch um ein biologistisches Familien- modell - Nachwuchs zeugen und gemeinsam aufziehen. Da muss also noch mal nachgebessert und mehr reflektiert werden. Das hat die Corona-Krise deutlich gemacht. Für mich ist dieses Thema längst nicht abgeschlossen. Meine Beziehung mit einem 30 Jahre jüngeren Part- ner dauerte 18 Jahre. Bis er an dem Punkt war, an dem er sich befreien musste, um ein eigenes Le- ben aufzubauen. Das ging innerhalb der Beziehung nicht mehr. Obwohl die Zuneigung und die Ge- fühle natürlich stark waren und sind. Wir haben immer noch guten, freundschaftlichen Kontakt. Deine Worte hören sich sehr liebevoll an… Das höre ich gerne, denn so ist es auch. Die Vertrautheit ist geblieben, wir haben im- mer alles besprochen und waren immer ehr- lich zueinander, was ja ziemlich selten ist. 85 86 Ein vorläufiges Fazit Ende und Ausgang der Corona-Krise sind momentan nicht abzusehen, inmitten der gegenwärtigen Dynamik kann jegliches Fazit nur vorläufig gezogen werden. Erleben, Zurückschauen und Nachvorneschauen, dies alles geschieht in dem Ausnahmezustand der Pandemie zur gleichen Zeit, eine Herausforderung auch für die Teilnehmer*innen unseres oral-history-Projekts. Die Gespräche führte ich von August bis Dezember 2020. Die Erzählungen der Interviewten reichen bis in die Anfangszeiten der Pandemie, sie dokumentieren unterschiedliche Phasen der Corona- Krise. Im entspannten Sommer wird die Gefahr durch das Virus noch relativiert: „Ich traue den Medien in dieser Sache gar nicht“ . Im späten Herbst nimmt eine Teilnehmerin die Nachricht von der Zulassung eines Impfstoffs erleichtert auf: „und gestern kam die Nachricht von dem Impfstoff. Da habe ich dann noch mal tief durchgeatmet. Toll!“ Am Silvesterabend erzählt ein Teilnehmer am Telefon von einer Zeit des Alleinseins und der Traurigkeit im zweiten, stringenten Lockdown: „Heute Nacht werde ich hundertprozentig den Blues kriegen!“ Der Fluss des Erzählens wird geleitet von dem roten Faden des Projekts, dem Erleben der Corona-Krise. Die freien narrativen Interviews ermöglichen darüber hinaus bemerkenswerte Erkennt- nisse und Einblicke in die Lebenswirklichkeit von älteren Lesben 87 und Schwulen, ihre Vielfalt und Individualität. Sie sind keine homogene Gruppe. Das Alter spielt im Lebensgefühl der Teilnehmer*innen so gut wie keine Rolle, nirgends wird das Thema als besonders bedrückend oder einschränkend beschrieben. Einzig die älteste Teilnehmerin berichtet amüsiert: „in der Jugend und im mittleren Alter gingen wir sehr gerne in die Kneipe - diese Zeit müssen wir jetzt leider nutzen, um zum Arzt zu gehen.“ Die interviewten Lesben und Schwulen stehen in ihrem Alter zwischen 55 und 82 Jahren „mitten im Leben“ , auch wenn sich dies zuweilen durch eine Erkrankung oder aus Vorsicht vor einer Ansteckung derzeit in den eigenen vier Wänden abspielt. Es gibt Pläne für die Zukunft nach der Pandemie oder auch für den nächsten Tag. Erwerbsarbeit, künstlerisches Schaffen oder ehrenamtliches Engagement ist für fast alle Interviewten ungeachtet von Alter oder Krankheit bedeutsam. Diejenigen, die gerade aus gesundheit- lichen Gründen im Rückzug leben, sehen dies nicht als endgültig an und sind weiterhin am Lauf der Welt interessiert. Arbeit kann Sinn stiften: „Ich freue mich immer, wenn ich zur Arbeit gehen kann“ . Sie ist auch zuweilen Zubrot zu einer kleinen Rente. Alle Gesprächspartner*innen sind mit unterschiedlich hohen Renten abgesichert, das schützt sie möglicherweise vor materiellen Existenzängsten durch den Lockdown: „(…) ich bin berentet, das Geld läuft weiter. Das heißt, ich musste mir keine großen Sorgen machen.“ Im Zusammenhang mit der Corona-Krise wird von den älteren Schwulen an die Aids-Pandemie erinnert: „Beide Pandemien (…) wurden erst nach und nach in…ihrer Gefährlichkeit bekannt, es gibt also einige Parallelen.“ Corona erinnert an das alte Trauma: „Man hat seinen eigenen Tod vorgelebt bekommen.“ Das Erleben 88 der Aids-Pandemie wird jedoch auch als Lernvorsprung für den Umgang mit Corona gedeutet: „ Verantwortung zu tragen für sich und andere, haben wir mit HIV gelernt.“ Ein wichtiger Aspekt ist die Resilienz, die Widerstandsfähig - keit, manchmal auch Widerborstigkeit, die meine Interviewpart - ner*innen mit ihrer unangepassten Biografie erworben haben: „Damals ist bei mir so eine Art Widerstand entstanden, in der Auseinandersetzung mit der Heteronormativität.“ Ein authen - tisches Leben nach dem Coming-out unterstützt ältere Schwule und Lesben zudem bei der Bewältigung der Corona-Krise: „Meine sehr optimistische und positive Einstellung in dieser Lage ist möglich, weil ich jetzt das Leben lebe, das zu mir passt.“ Nicht alle älteren Lesben und Schwulen kommen jedoch mit Einsamkeit und Isolation gut zurecht. Eine Teilnehmerin berichtet: „Es gibt einige Frauen, die einen richtigen Leidensdruck haben und nach dem letzten Lockdown sagten: noch so einen Lockdown schaffe ich nicht!“ Ältere Lesben und Schwule beurteilen die Corona-Krise unterschiedlich. Für den einen ist die Pandemie eine Mahnung zur Umkehr: „Eine Krankheit, die die ganze Welt betrifft, ist nicht nur schlimm und bedrohlich, sondern bietet immer auch die Chance, die Welt etwas besser zu machen.“ Für Lesben und Schwule in besonderen Lebenslagen, wie eine langwierige gesundheitliche Rehabilitation oder ein spätes Coming-out, ist das Virus dagegen eine Störung, die sie „gerade überhaupt nicht brauchen“ können. Bei aller Akzeptanz der Corona-Maßnahmen freuen sich die Gesprächspartner*innen auf Freiheit und Normalität nach der Pandemie: „Es wird schön sein, wenn das Leben wieder losgeht“ . Vera Ruhrus, Köln im Januar 2021 89 Vera Ruhrus Vera Ruhrus leitet Workshops und Gesprächsgruppen in der Erwachsenenbildung und schreibt Fachartikel zu pflegerischen Themen. Als Erzählkünstlerin steht sie auf kleinen und großen Bühnen. Im Jahr 2011 gestaltete Vera Ruhrus mit baraka, „a place for international lesbians, gays & friends“ im Kölner rubicon, das oral-history-Projekt „ Weggehen und Ankommen. Interviews mit lgbt-Migrant*innen“ . 90 Quellen Kampagne CSD ist für Alte da https://csd-ist-fuer-alte-da.de/ BIV A-Pflegeschutzbund https://www.biva.de/corona-bedingte-rueckschritte- bei-altersbildern-vermeiden/ Abruf 30.12.2020 Gleichgeschlechtliche Lebensweisen in der offenen Senior*innen- arbeit. Praxisleitfaden für Lesben und Schwule, die ihr Alter(n) gestalten wollen Hg. rubicon e.V . 2018 lesbisch.schwul.älter. Kurzfilm, rubicon e.V ., 2014 https://www.youtube.com/watch?v=o9rVrp_P-Ko Vera Ruhrus, Weggehen und Ankommen. Lesbische, schwule und transidentische Migrat_innen erzählen von ihrem Weg Hg. rubicon e.V ., 1. Aufl. 2011 91 92 Impressum rubicon e.V . (Hg.) Rubensstr. 8 – 10, 50676 Köln www.rubicon-koeln.de Projektleitung Carolina Brauckmann, Georg Roth Landesfachberatung für gleichgeschlechtliche Lebensweisen in der offenen Senior*innenarbeit NRW c/o rubicon e.V . Interviews und Redaktion Vera Ruhrus Korrektorat: Luzia Heinzelmann Vertrieb: info@rubicon-koeln.de Download: https://rubicon-koeln.de/alter-nrw/ Alle Rechte vorbehalten Nachdruck und Vervielfältigung, auch in Auszügen, über analoge und digitale Medien, bedürfen der Genehmigung der Herausgeberin. V .i.S.d.P . Meike Nienhaus, rubicon e.V . Köln 2021 93
Beratungsverlauf (4)
Beschluss: Kenntnis genommen
Zur SitzungBeschluss: Kenntnis genommen
Zur SitzungBeschluss: Kenntnis genommen
Zur SitzungBeschluss: Kenntnis genommen
Zur SitzungDetails
- Aktenzeichen
- 1222/2021
- Typ
- Mitteilung Ausschuss
- Datum
- 05.05.2021
- Erstellt
- 31.03.2021 16:56