AN/0298/2020
Resolution des Integrationsrates Köln zum rechtsextremistischen Anschlag in Hanau
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Herr Keltek - Dringlichkeitsantrag Resolution zum rechtsextremistischen Anschlag in Hanau
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1 Tayfun Keltek 02.03.2020 An den Vorsitzenden des Integrationsrates Herrn Tayfun Keltek An die Geschäftsstelle des Integrationsrates Herrn Andreas Vetter Antrag gem. § 12 (Dringlichkeitsantrag) der Geschäftsordnung des Rates Gremium Datum der Sitzung Integrationsrat 03.03.2020 Rechtsextremistischer Anschlag in Hanau – AN/0298/2020 Sehr geehrter Herr Vorsitzender, es wird gebeten den nachfolgenden dringlichen Antrag im Integrationsrat zur Abstimmung vorzulegen. Resolution des Integrationsrates Köln zum rechtsextremistischen Anschlag in Hanau Strategisches Ziel der rechtsextremistischen Gruppen und ihrer Anschläge auf Migrant*innen ist deren Vertreibung aus Deutschland. Dies ist der Grund warum sie Anschläge verüben und versuchen möglichst viele Menschen zu töten. Dies sind Angriffe auf das friedliche Zusammenleben Aller. Als Reaktion auf diese Anschläge fehlt nach wie vor eine durchgängige klare Positionierung von Politik, Medien und Gesellschaft in deutlichen unmissverständlichen Worten verbunden mit praktischem Handeln. Es fehlt die klare Aussage, dass alle hier lebenden, und vor allem die hier geborenen und aufgewachsenen Menschen, fester Bestandteil unserer Gesellschaft sind und ohne Wenn und Aber zu diesem Land gehören, und es fehlt die Umsetzung konkreter Maßnahmen, die diese Worte glaubhaft machen. Dies verunsichert weiterhin viele Migrant*innen und macht sie zunehmend sprachlos und lässt sie traurig, ratlos und wütend werden. Die zentrale Antwort auf die rechtsextremistischen Morde muss sein, den hier lebenden Mig- rant*innen unmissverständlich das Grundgefühl zu vermitteln, dass dies auch ihr Land und ihre Heimat ist. Die tiefe Verunsicherung wie dieses Land zur Migration und ihren Mig- rant*innen steht, hat eine lange Geschichte. Sie begann in Solingen, Mölln und Hoyerswerda und zieht sich über die NSU Anschläge (auch in Köln), die Ermordung des Regierungspräsi- denten Lübke bis zu den jüngsten Anschlägen und Morden in Halle und jetzt in Hanau durch. 2 Die schreckliche Geschichte rechtsradikaler Morde wiederholt sich, aber es ändert sich fak- tisch im Umgang mit dem Rassismus zu wenig. Deutschland steht vor dem Ergebnis einer zur Frage von Migration und Umgang mit Migrant*innen zu lange unentschiedenen Gesell- schaft. Wir können es uns aber nicht leisten diese Menschen mit Zuwanderungsgeschichte zu verlieren. Es ist jetzt zwar positiv, dass sich nach dem Anschlag in Hanau viele Menschen aus Politik und Gesellschaft sofort eindeutig gegen den Rassismus positioniert haben und auch die Flaggen auf halbmast gesetzt wurden. Allerdings herrscht aufgrund der langjährigen negati- ven Erfahrungen weiter großes Misstrauen, denn zu oft wurden in der Vergangenheit große Reden gehalten, ohne dass diesen Reden Worte und konkrete Taten folgten. Zu groß bleibt das Misstrauen, wenn jetzt von vormaligen erklärten Gegnern der Zuwanderung große Trau- erworte der Betroffenheit und Solidarität formuliert werden. Wie können wir verlorenes Vertrauen wieder gewinnen - wie schaffen wir es, dass Mig- rant*innen in unserm Land glauben, dass wir es ernst mit unseren Worten meinen und sie in diesem Land erwünscht sind. Erwartet werden konkrete Taten! Die Kölner Verwaltung und Politik wird aufgefordert in folgenden Themen aktiv tätig zu wer- den: Es geht nicht um Fremdenfeindlichkeit, sondern um grup- penbezogene Men- schenfeindlichkeit Es handelt sich nicht um ausländer - oder fremdenfeindliche , sondern um men- schenfeindliche Anschläge. Es gibt in unserer Gesellschaft Personen, die nicht akzeptieren können, dass hier Menschen leben, die anders sind wie sie selber und z.B. anders aussehen oder eine andere Kultur oder Religion haben. Diese Menschenfeindlichkeit bezieht sich auf ganze Gruppen, wie jetzt in Hanau auf Migrant*innen (gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit). Allerdings muss auch klar sein, dass mit diesem me n- schenfeindlichen Weltbild nur die Mitglie- der der eigenen Gruppe akzeptiert wer- den und nach den Migrant*innen auch weitere Gruppen, wie Jüdin nen und Ju- den, Roma und Sinti, LSBTIQ, Behinde r- te und Frauen bedroht werden. Es muss öffentlich deutlich gemacht we r- den, dass es bei den Anschlägen nicht um Ausländer -oder Fremdenfeindlichkeit geht, sondern um Menschenfeindlichkeit. Es muss eine eindeutig e Aussage gemacht und regelmäßig wiederholt werden, dass Migrant*innen selbstverständlicher B e- standteil der Kölner Stadtgesellschaft sind und damit dazugehören. Interkulturelle Öff- nung der Verwaltung umsetzen Es ist ein sowohl für die 62% deutsch - deutsche n als auch die 38% migranti- schen Kölner*innen ein wichtiges Signal, wenn in der Kölner Verwaltung die Viel- falt der Stadt in angemessener Weise wiedergespiegelt wird. Daher muss der Prozess der Interkultu- rellen Orientierung und Öffnung der Ver- waltung verstärkt umgesetzt werden. Dies muss - durch eine entsprechende Einstellung s- politik und Erhöhung der Zahl von migra n- tischen Mitarbeitenden, - durch ansprechende n Fortbildungen der städtischen Belegschaft zur interkulturellen Sensibilität und des Erkennens von per- sönlichen und strukturellen Rassismen erfolgen, - mit einer Öffnung des Zugangs zu städti- schen Angebote und Dienstleistungen für Kölner Migrant*innen erfolgen. Bei städtischen Publikationen ist insbeso n- dere bei der Bebilderung darauf zu achten, dass di ese die Vielfalt der tatsächlichen Stadtbevölkerung wiederspiegeln . NSU - Mahnmal in Köln- Mülheim reali- sieren Der Umgang mit dem NSU bzw. dem Gedenken an die Opfer des Rechtsext- remismus ist für die migrantische Com- munity zentral dafür, wie ernst es die deutsch -deutsche Gesellschaft es mit der Bekämpfung des Rassismus tatsächlich Bei der Realisierung des Mahnmals ist zuerst der Investor der Fläche an der Keupstraße / Ecke Schanzenstraße ge- fragt, bzw. alle in der Stadtgesellschaft, die eine Möglichkeit sehen, auf ihn Einfluss zu nehmen. 3 meint. Nachdem aufgrund des undurchsichtigen Agierens u.a. des Verfassungsschutzes eine Aufklärung des NSU-Komplexes nicht möglich war , ist es umso wichtiger in Köln zu zeigen, dass dieses Thema sehr ernst genommen wird. Das geplante Kölner Mahnmal , mit den über eine App abrufbaren virtuellen Wänden, ist zudem ein ausgezeichnetes pädagogisches Angebot an Schulen , zur Befassung mit dem T hema Rassismus und Rechtsextremismus. Auch die Stadtplanung ist aufgefordert noch einmal in Verhandlungen mit dem Eigentümer zu treten und die Erstellung und Abstimmung eines Bebauungsplan s zu verabreden. Die Politik ist gefordert, gegebenenfalls eine Nutzung des Vorkaufsrechtes für das Grundstück zu entscheiden, um das Mahnmal umzusetzen. Interkulturelle Sensi- bilisierung der Kölner Medienlandschaft Es ist ein sowohl für die 62% deutsch - deutschen als auch die 38% migrant i- schen Kölner*innen ein wichtiges Signal, wenn in den Kölner Medien die Vielfalt der Stadt in angemessener Weise wi e- dergespiegelt wird. Die Kölner Medien können einen wichtigen Beitrag zur interkulturellen Sensibilisierung in unserer Stadt leisten. Eine interkulturelle Sensibilisierung kann darüber erfolgen, dass den Reda k- teur*innen einmal zurück gespiegelt wird, wie - Serien über Clankriminalität, - Nennung der ethnischen Abstammung bei der Kriminalberichterstattung, - Nutzung von Bildern kopftuchtragender Frauen als Motivbilder bei der Berichter- stattung über Geflüchtete und Migranten, - Nichtberücksichtigung von migrantischen Kölner*innen bei der Berichterstattung über kommunale Allgemeinthemen und gleic h- zeitige Reduzierung ausschließlich auf migrantische Themen - etc. in der migrantischen Community und aber auch in der Mehrheitsg esellschaft wirken. 20 + 1 Bäume an Schulen pflanzen Hintergrund dieser Initiative des La ndes- integrationsrate s ist, dass in der Vergan- genheit verschiedentlich Bäume, die zum Gedenken an die Opfer des NSU in eini- gen Städten gepflanzt worden waren, zerstört wurden. Der Integrationsrat möchte zum 25. Jah- restag der Gründung des Verbundes der ‚Schulen mit Courage ‘, die Kölner Schulen mit Courage bitten, in Kooperation mit dem Grünflächenamt 20 + 1 Bäume auf Kölner Schulhöfen zu pflanzen und zu pflegen . Ursprün glich sollte diese Aktion im Geden- ken an die NSU Opfer 10 + 1 Bäume ge- nannt werden. Schrecklicherweise müssen jetzt weitere Opfer dazugezählt werden. Damit soll signalisiert werden, dass diese Opfer nicht vergessen sind . Potentiale sichtbar machen Migration wird in der Gesellschaft oftmals immer noch als defizitär wahrgenommen und diskutiert . Wichtig ist die Potentiale von Migration und den Kölner*innen mit Migrationshi n- tergrund in den öffentlichen Fokus zu rücken. Hierdurch kann eine dringend notwend i- ge Wertschätzung der Kölner*innen mit Migrationshintergrund erfolgen und die Potentiale der mitgebrachten Sprachen und kulturellen Kompetenzen für die Stadtgesellschaft genutzt werden. Die Migranten Milieu Studie (Sinus Studie des Bundesverbandes W ohnen und Stadt- entwicklung (vhw) belegt auf wissenschaf t- licher Grundlage die Heterogenität der migrantischen Community, die sich kaum von der Heterogenität der Mehrheitsgesel l- schaft unterscheidet. Erkenntnisse wie z.B. dass ein sehr hohes Maß an gegenseiti ger Übereinstimmung der Werte besteht, die Zahl der Potentialträger größer geworden ist und ein hohes Interesse an Bildung und Aufstieg besteht muss durch eine entspr e- chende Kampagne deutlich gemacht we r- den. Kinder aus migrantischen Familien müssen gestärk t werden. Sie bringen in den aller- meisten Fällen beim Eintritt in die Kita bzw. Schule neben Kenntnissen der deutschen Sprache bereits eine zusätzliche ‚Fremd- sprache‘ - ihre Familiensprache mit. 4 Diese Familiensprachen müssen - in Kitas und Schulen zugelassen - und zusätzlich durch geeignete Maßna h- men gefördert werden. Antirassistische Ar- beit stärken Seit vielen Generationen (ca. 300 Jahren mit Beginn des Kolonialismus) werden insbesondere ‚weiße Menschen‘ rassi s- tisch sozialisiert. Gleichzeitig ist ein Dis- kurs über den Rassismus in Deutschland aufgrund der Tabuisierung des Themas nach dem Ende des Faschismus äußerst schwer. Kulturell und ‚rassis tisch‘ bestimmte Vorurteile sind aber nicht vorgegeben, sondern erlernt – d.h. sie können auch verlernt werden. Die Förderung von rassismuskritischer Arbeit in Köln muss finanziell aufgestockt werden. Dies bezieht sich auf Maßnahmen - der Beratung bei Diskriminierung und rassistischen Vorfällen - des Empowerments für von Rassismus betroffene Kölner*innen - zur Sensibilisierung gegenüber rassi s- tisch und kolonialistisch geprägten Voru r- teilen und Denken. Gleichbehandlung aller Kölner Bür- ger*innen und Institu- tionen sicherstellen Der Gleichheitsgrundsatz aller Menschen gemäß Artikel 3 des Grundgesetzes ist von größter Wichtigkeit für unser soziales Zusammenleben. Ungleichbehandlung führt zu sozialen Spannungen und Ko n- flikten. Die Verwaltung muss – und dies ist Be- standteil der interkulturellen Öffnung – alle seine Bürger*innen und Institutionen kon- sequent gleich behandeln. Dies heißt z.B. auch, dass in gleicher Wei- se wie deutsche Verweine und Religion s- gemeinschaften sich in Köln betätigen dürfen, auch muslimische bzw. nichtchris t- liche Vereine aktiv sein dürfen. Die Verwal- tung muss darauf achten, dass die jeweil i- gen gesetzlichen Grundlagen für alle gleich gelten und nicht aufgrund von Vorurteilen und Nichtwissen mit zweierlei Maß geme s- sen wird. Stärkung der politi- schen Partizipation - Stärkung des Integra- tionsrates Köln Aufgrund der fehlenden Repräsentanz von Kölner Politiker*innen mit Migrati- onshintergrund im Rat (vermutlich ca. 9 %) und den Bezirksvertretungen (vermut- lich ca. 6,6 %) ist das politisch gewählte Gremium Integrationsrat der einzige Ort, an dem die Belange der Kölner Mig- rant*innen auf Augenhöhe mit den Rats- mitgliedern politisch diskutiert und be- rücksichtigt werden können. Dieser Diskurs und der Berücksichtigung seiner Ergebnisse in der Politik ist vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Veränderungen von zentraler Bedeutung und Wichtigkeit. Der Integrationsrat muss - mehr Zuständigkeiten erhalten, um nicht ein (unattraktives) Alibigremium zu sein, - strukturell durch Finanzierung von ausr ei- chenden Mitarbeitenden (analog Frakti- onsmitarbeitenden) in seiner politischen Arbeit gestärkt werden. Begründung der Dringlichkeit: Erfolgt mündlich
Beratungsverlauf (1)
Beschluss: geändert beschlossen
Zur SitzungDetails
- Aktenzeichen
- AN/0298/2020
- Typ
- Antrag nach § 12 (Dringlichkeitsantrag)
- Datum
- 02.03.2020
- Erstellt
- 02.03.2020 15:10