0909/2025
Beantwortung einer schriftlichen Anfrage der FDP-Fraktion in der Sitzung des Jugendhilfeausschuss am 25.03.2025 zu "Young Carers" (AN/0312/2025)
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Beantwortung einer Anfrage (Ausschuss)
6459 Zeichen
Dezernat, Dienststelle IV/51 Vorlagen-Nummer 12.05.2025 0909/2025 Beantwortung einer Anfrage nach § 4 der Geschäftsordnung öffentlicher Teil Gremium Datum Jugendhilfeausschuss 20.05.2025 Beantwortung einer schriftlichen Anfrage der FDP-Fraktion in der Sitzung des Jugendhilfeausschuss am 25.03.2025 zu "Young Carers" (AN/0312/2025) Die FDP-Fraktion stellt die folgende schriftliche Anfrage: Young Carers sind Minderjährige, häufig Kinder, die sich regelmäßig um ein krankes, behin- dertes oder pflegebedürftiges Familienmitglied oder Bekannten kümmern. Das kann ein El- ternteil, ein Geschwisterkind oder ein anderer Angehöriger sein. Ihre Verantwortung reicht von Haushaltstätigkeiten über emotionale Unterstützung bis hin zu pflegerischen Tätigkeiten wie Medikamentengabe oder Körperpflege. Diese Verantwortung kann eine große Belastung sein und sich auf ihre schulischen Leistun- gen, soziale Kontakte und persönliche Entwicklung auswirken. In vielen Ländern gibt es spezi- elle Unterstützungsangebote für Young Carers, um ihnen Entlastung und Hilfe zu bieten. So zum Beispiel in Österreich, wo „Young Carers“ längst ein Begriff ist. In Deutschland leben schätzungsweise rund 500.000 Young Carers, die bisher wenige Hilfsangebote entgegenneh- men können. Vor diesem Hintergrund bittet die FDP-Fraktion um die Beantwortung folgender Fragen: 1. Liegen der Stadt Köln konkrete Zahlen oder Schätzungen dazu vor, wie viele Kinder und Jugendliche in Köln regelmäßig pflegerische Aufgaben für ihre Angehörigen über- nehmen? 2. Welche speziellen Beratungs- oder Unterstützungsangebote, wie beispielsweise das Programm „Pausentaste“ des BMFSFJ, gibt es in Köln für junge pflegende Angehörige und wie werden diese bekannt gemacht? 3. Gibt es in Köln Erkenntnisse darüber, ob und in welchem Umfang junge pflegende An- gehörige aufgrund ihrer familiären Pflegeverantwortung häufiger Fehlzeiten in der Schule haben? 4. Gibt es in Kölner Schulen spezielle Anlaufstellen oder Unterstützungsstrukturen für Schüler*innen, die von dieser Problematik betroffen sind, z. B. in Form von Schulsozi- alarbeit oder flexibleren Schulmodellen? 5. Inwieweit gibt es seitens der Stadt Überlegungen oder Planungen, die Hilfsangebote für junge pflegende Angehörige auszubauen oder neue Konzepte zur Unterstützung dieser Gruppe zu entwickeln? 2 Die Verwaltung antwortet wie folgt: Zu Frage 1-3: Der Stadt Köln liegen keine konkreten Zahlen oder Schätzungen dazu vor, wie viele Kinder und Jugendliche in Köln regelmäßig pflegerische Aufgaben für ihre Angehörigen übernehmen. Genauso bestehen keine Erkenntnisse darüber, ob und in welchem Umfang junge pflegende Angehörige aufgrund ihrer familiären Pflegeverantwortung häufiger Fehlzeiten in der Schule haben. Den Fachkräften der Schulsozialarbeit ist die Thematik grundsätzlich bekannt, ebenso, dass es hierzu entsprechende Angebote gibt, wie z.B. das Programm „Pausentaste“ des Bundesfa- milienministeriums, die Stiftung „Leuchtfeuer“ und die Einrichtung „Mirai“ vom SKM Köln. Dies fließt im Bedarfsfall in die Beratung in den Schulen ein. Zu Frage 4: Die Schwerpunkte der Arbeit sowie die Fortbildungen für die Fachkräfte der Schulsozialarbeit werden jeweils am Bedarf der Schüler*innen ausgerichtet. Zum Thema „Young Carer“ hat die Stadt Köln bereits eine Inhouse-Fortbildung für Fachkräfte angeboten. Auch Kolleg*innen der Landesarbeitsgemeinschaft Schulsozialarbeit haben dazu Angebote entwickelt: (abrufbar un- ter: In 2 Welten - Young Carer im Fokus. Zu Frage 5: „Young Carers“ sind nach der in der Anfrage der FDP-Fraktion formulierten Definition Kin- der/Jugendliche, die eine Art der Parentifizierung erleben. Parentifizierung bedeutet, dass in einer Familie oder in einem Familiensystem Kinder und Jugendliche Elternaufgaben überneh- men. Elternaufgaben sind die Aufgaben, die eigentlich eindeutig die Eltern haben, emotional oder auch praktisch. Es gibt zahlreiche Therapeut*innen und Beratungsstellen, die sich auf die Behandlung der Folgen von Parentifizierung spezialisiert haben. Betroffene sollten sich an eine Fachperson wenden, die Erfahrung mit diesem Thema hat. Beratungseinrichtungen bieten oft auch spezifi- sche Programme für Menschen an, die unter den Folgen von Parentifizierung leiden. Häufig bleiben Themen wie psychische Erkrankungen und damit verbundene Co-Abhängig- keiten, Traumata und emotionaler Missbrauch im Privaten, weil sie im Zuge jahrzehntelanger Stigmatisierung schambehaftet sind. Gerade Kinder können meist noch gar nicht verstehen, dass in ihrer Familie etwas falsch läuft, und übernehmen so nicht nur ungesunde Muster, son- dern geraten in problematische Dynamiken, die schwer zu durchbrechen sind und die nach- haltig psychisch belasten. Um das Bewusstsein für die Problematik der Parentifizierung zu schärfen und gleichzeitig Be- troffenen die Scham zu nehmen, helfen niedrigschwellige Aufklärungs- und Hilfsangebote, die dort ansetzen, wo betroffene Kinder einen einfachen Zugang haben: In Kindergärten, Schu- len, Jugendhäusern, Sportvereinen etc. So können zum Beispiel Lehrer*innen frühzeitig ein- greifen, wenn ihnen etwas im Verhalten des Kindes auffällt. Doch auch sie brauchen Informa- tionen und Material, am besten aber Unterstützung von Kinder- und Jugendpsycholog*innen, um sensibel auf das Thema eingehen zu können. Bildung und Aufklärung können dazu beitra- gen, dass betroffene Kinder und Erwachsene die Hilfe bekommen, die sie brauchen, um tiefsitzende Kreisläufe zu durchbrechen und die entstandenen traumatischen Erlebnisse nicht auf die nächste Generation zu übertragen. Erste Anzeichen, die darauf hinweisen können, dass Kinder unter Parentifizierung leiden, sind: Leistungsabfall in der Schule Verschlossenheit und Ängstlichkeit ständige Müdigkeit übermäßig erwachsenes Verhalten Gereiztheit und schnelle Überforderung im Alltag 3 Das Jugendamt erfährt von solchen Problemen in der Regel erst über Gefährdungsmeldun- gen im Kinderschutzverfahren oder im Rahmen individueller Hilfeplanung aufgrund von Erzie- hungsdefiziten der Eltern. Wenn das Jugendamt in solche Problemlagen eingebunden wird, vermittelt es im Rahmen seiner multiplikatorischen Aufgabe in erster Linie entsprechende kin- der- und jugendpsychiatrischen Praxen, da dieser Problematik nicht mit ausschließlich päda- gogischen Mitteln begegnet werden kann. Gez. Voigtsberger
Beratungsverlauf (1)
Beschluss: Kenntnis genommen
Zur SitzungDetails
- Aktenzeichen
- 0909/2025
- Typ
- Beantwortung einer Anfrage (Ausschuss)
- Datum
- 12.05.2025
- Erstellt
- 21.03.2025 12:27