mandari
Datenstand: 12.09.2026 — die Daten dieser Kommune konnten seit 37 Tagen nicht aktualisiert werden, weil das Ratsinformationssystem derzeit nicht erreichbar ist. Inhalte können veraltet sein.

Beantwortung einer schriftlichen Anfrage der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen zur Sitzung der Bezirksvertretung Ehrenfeld am 20.03.2023, betreffend "Gutachten zu kolonial belasteten Straßen in Ehrenfeld"

Beantwortung einer Anfrage (BV) 1352/2023 vom 03.05.2023

Stand: Am 15.05.2023 in der Bezirksvertretung 4 (Ehrenfeld) beraten. Ergebnis: Kenntnis genommen.

Dokumente

  • Anlage 1 Antrag AN 0368 2023

    PDF

    Herunterladen: Anlage 1 Antrag AN 0368 2023

    Automatisch aus dem PDF ausgelesen, Lesefehler sind möglich.

    Anlage 1 Herrn Bezirksbürgermeister Volker Spelthann Im Hause Frau Oberbürgermeisterin Henriette Reker Rathaus 50667 Köln Eingang beim Bezirksbürgermeister: AN/0368/2023 Anfrage gem. § 4 der Geschäftsordnung des Rates Gremium Datum der Sitzung Bezirksvertretung 4 (Ehrenfeld) 20.03.2023 Anfrage der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen, betr.: Gutachten zu kolonial belasteten Straßen in Ehrenfeld Sehr geehrter Herr Bezirksbürgermeister, sehr geehrte Frau Oberbürgermeisterin, die Stadt Köln hat mit der Aufarbeitung des kolonialen Erbes einen wichtigen und dringend notwendigen Prozess gestartet, den wir als Grüne Fraktion in Ehrenfeld sehr begrüßen. Mittlerweile fanden mehrere Veranstaltungen dazu statt, zuletzt am 23.02.2023 im Bürgerhaus Stollwerck. Diese offenen Räume zum Austausch sind entscheidend, um den Prozess in der Stadtgesellschaft zu führen und damit gemeinsam ein neues Kapitel der Erinnerungskultur der Stadt zu schreiben. Jedoch sind schon seit Jahren Straßen bekannt, deren Namen koloniales Unrecht weiterhin heroisieren oder verharmlosen und/oder Personen ehren, die Kolonialverbrecher waren und die Kolonialisierung begrüßten. Das betrifft auch Straßen im Stadtbezirk Ehrenfeld. Vor diesem Hintergrund fragen wir die Verwaltung: 1. Liegen dem Liegenschaftsamt der Stadt Köln bereits Gutachten zu kolonial belasteten Straßennamen in Stadtbezirk Ehrenfeld, insbesondere zur Wißmann- und Gravenreuthstraße vor? 2. Wenn ja, zu welchen Straßen liegen diese vor und zu welchen Einschätzungen kommen diese (aufgeschlüsselt nach Straße)? 3. Gibt es einen allgemeinen Prozess zur Analyse des kolonialen Erbes bei weiteren Straßen auf dem Köln er Stadtgebiet und wenn ja, wie sieht dieser aus? Mit freundlichen Grüßen Fraktion Bündnis 90/Die Grünen Bezirksvertretung Köln-Ehrenfeld Ehrenfeld - Neuehrenfeld - Bickendorf/ Ossendorf - Bocklemünd-Mengenich - Vogelsang Bezirksrathaus Ehrenfeld Venloer Str. 419-421 50825 Köln Tel./Fax: 0221/22194-309 Email: gruene-bv4@stadt-koeln.de www.gruenekoeln.de/Bezirk4 clasen@netcologne.de - 2 - Esther Kings Fraktionsvorsitzende
  • Anlage 3 Gutachten Gravenreuth

    PDF

    Herunterladen: Anlage 3 Gutachten Gravenreuth

    Automatisch aus dem PDF ausgelesen, Lesefehler sind möglich.

    1 Gutachten Gravenreuthstraße Prof. Dr. Marianne Bechhaus-Gerst B enannt nach Karl Friedrich Freiherr von Gravenreuth Geboren: * 12. Dezember 1858 in München; Gestorben: † 5. November 1891 vor Buea, Kamerun (vergifteter Speer) Die Benennung der Straße erfolgte kurz nach Gravenreuths Tod am 30.12.1891. Von Gravenreuth war seit 1879 Offizier in der bayerischen Armee. Ab 1885 war er für den Dienst der u.a. von Carl Peters gegründeten Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft (DOAG) beurlaubt. Er nahm an einer so genannten „Expedition“ unter Carl Peters‘ Führung teil, die der kolonialen Aneignung von Gebieten in Ostafrika diente. Nach der Gründung der „Schutztruppe“ unter von Wissmann trat von Gravenreuth als Kompaniechef bei und wurde zum Stellvertreter des Reichskommissars Wissmann ernannt. Bei der Niederschlagung des so genannten „Araberaufstands“ von 1888/1889 bekämpfte er an der Seite Wissmanns den Widerstand der Küstenbevölkerung gegen die unrechtmäße Aneignung ihrer Gebiete und die Zerstörung der gewachsenen Strukturen. Vom Hauptort Bagamoyo aus befehligte er eine Reihe von brutalen Kriegszügen. Im Mai 1889 war an der Erstürmung des Lagers von Buschiri bin Salim, einem der Anführer des Widerstands, in der Nähe von Bagamoyo beteiligt. Nach einem kurzen Prozess vor einem Kriegsgericht wurde Bushiri am 15. Dezember 1889 öffentlich gehängt. Im Januar 1890 besiegte Gravenreuth mit Bana Heri einen weiteren Anführer des Widerstands. Seine „Durchschlagskraft“ trug von Gravenreuth den Beinamen „Simba wa Mrima“ („Löwe der Küste“) ein. Nach einem kurzen Aufenthalt in Europa 1890 ging von Gravenreuth 1891 im Auftrag der deutschen Regierung in die Kolonie Kamerun, um eine Expedition zur Aneignung des nördlichen Kameruns zu leiten und eine „Polizeitruppe“ genannte Söldnertruppe zu gründen, die den Widerstand der einheimischen Bevölkerung gegen das Vordringen brechen sollte. Gravenreuth kaufte im benachbarten Dahomey 370 versklavte Männer und Frauen. 1 Diese 1 Zu Gravenreuth und die sogenannten Dahomey-Soldaten siehe Morlang, Thomas: Askari und Fitafita. „Farbige” S öldner in den deutschen Kolonien. Berlin 2008, S. 94-96; Michels, Stefanie: Michels, Stefanie: Schwarze deutsche Kolonialsoldaten. Mehrdeutige Repräsentationsräume und früher Kosmopolitismus in Afrika, Bielefeld 2009, S. 96-99. Anlage 3 2 Männer und Frauen mussten sich vertraglich verpflichten, fünf Jahre als Soldaten, Träger*innen oder Farmarbeiter*innen für das Gouvernement zu arbeiten. Den für ihre „Befreiung“ gezahlten Betrag mussten sie zunächst abarbeiten, ohne für ihre Tätigkeiten entlohnt zu werden. „So wurde durch Ausnutzung bestehender Sklavereiverhältnisse und unter Umgehung des Reichstags die Frage der Beschaffung von Soldaten für eine künftige Polizeitruppe in Kamerun gelöst.“ 2 Mit Hilfe dieser Truppe wurden die ersten kriegerischen Vorstöße ins Inland von Kamerun gemacht. Der Kauf der „Dahomeysklaven“ führte zu der „Dahomeykontroverse“, in der besonders die Franzosen den Vorwurf erhoben, dabei handele es sich um „eine Art verkappter Sklaverei“, denn die Nachfrage nach den Sklaven würde sicher zu einer Vermehrung der Sklavenjagden führen. Sein eigenmächtiges Vorgehen wurde aber auch durch das Gouvernement und die Kolonialabteilung heftig kritisiert. Mit den Dahomey-Soldaten unternahm von Gravenreuth so genannte „Strafexpeditionen“, bei denen Dörfer, von denen vermeintlicher Widerstand ausging, überfallen und niedergebrannt, ihre überlebenden Bewohner vertrieben wurden. Auch unter den Dahomey-Soldaten waren wegen der schlechten Lebensumstände auf den Expeditionen täglich Tote zu verzeichnen, da sie unterernährt und oft zu krank waren, um den Strapazen gewachsen zu sein. 3 Drei Monate nach ihrer Ankunft auf Kameruner Gebiet war bereits ein Drittel gestorben. Häufig waren sie Soldaten während der Märsche angekettet, da sie nicht selten versuchten zu fliehen.4 Bei einer der „Strafexpeditionen“ wurde von Gravenreuth am 3. November 1891 beim Sturm auf ein Dorf der Bakweri (Kpé) tödlich getroffen. Zusammenfassung gemäß Kriterienkatalog: 1) Gravenreuth war zweifellos ein glühender Anhänger des „kolonialen Projekts“, das er nicht zuletzt als Offizier, Kompaniechef, Stellvertreter des Reichskommissars von 2 Rüger, Adolf: „Der Aufstand der Polizeisoldaten“, in: Helmut Stoecker (Hrsg.), Kamerun unter deutscher Kolonialherrschaft, Bd. 1, Berlin 1960, S. 97-148, hier S. 104. 3 Michels, Stefanie: Imagined Power Contested. Germans and Africans in the Upper Cross River Area 1887-1915, Münster/Berlin 2004, hier S. 129. 4 Wie Anmerkung 2, hier S. 105. Anlage 3 3 DOA und Gründer einer paramilitärischen Polizeitruppe auf vielfache Weise unterstützte oder sogar etablierte. 2) Seine militärischen Unternehmungen in Deutsch-Ostafrika und Kamerun müssen in ihrer Brutalität als Verbrechen im Kontext des Kolonialismus gewertet werden. Sein Kauf von Männern und Frauen, ihr Einsatz als unfreie Arbeiter*innen und Soldaten, ihre unmenschliche Behandlung mit Inkaufnahme ihres Todes muss ebenfalls als Verbrechen im Kontext des Kolonialismus gewertet werden (und wurde schon von Zeitgenossen kritisiert). 3) Gravenreuths Vorgehen in DOA und Kamerun weist ihn als im rassistischen Diskurs seiner Zeit fest verankerten kolonialen Täter aus. 7) Der Name Gravenreuth steht für extensive koloniale Gewalt. 8) Zu den „Strafexpeditionen“ siehe oben. Kategorie: schwer belastet/nicht haltbar Quellen: Gravenreuths Aktionen in Kamerun sind durch zahlreiche Bestände im Bundesarchiv nachzuvollziehen, so z.B. Die Bestände sind online einsehbar. B ArchB R 8023/830 Hauptmann Karl Freiherr von Gravenreuth (im Kampf ge gen die Bakwiri am 5.11.1891 gefallen) BArchB R 1001/3284- 3286 Südexpedition des Karl von Gravenreuth und des Hans von Ramsay in das Hinterland von Kamerun, Bd. 1-3 BArchB R 1001/3287-3291 Südexpedition des Freiherrn Karl von Gravenreuth in das Hinterland von Kamerun, Bd. 1-5 ( Februar 2023) Anlage 3
  • Beantwortung einer Anfrage (BV)

    PDF

    Herunterladen: Beantwortung einer Anfrage (BV)

    Automatisch aus dem PDF ausgelesen, Lesefehler sind möglich.

    Dezernat, Dienststelle VIII/23/235/1 Vorlagen-Nummer 1352/2023 Beantwortung einer Anfrage nach § 4 der Geschäftsordnung öffentlicher Teil Gremium Datum Bezirksvertretung 4 (Ehrenfeld) 12.06.2023 Beantwortung einer schriftlichen Anfrage der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen zur Sitzung der Bezirksvertretung Ehrenfeld am 20.03.2023, betreffend "Gutachten zu kolonial belasteten Straßen in Ehrenfeld" Die Anfrage ist als Anlage 1 beigefügt. Die Verwaltung beantwortet die Fragen wie folgt: Frage 1: Liegen dem Liegenschaftsamt der Stadt Köln bereits Gutachten zu kolonial belasteten Straßennamen in Stadtbezirk Ehrenfeld, insbesondere zur Wißmann- und Gravenreuthstraße vor? 2022 konstituierte sich ein Historischer Beirat aus Expert*innen mit nachgewiesener Fach- und Sachkompetenz sowie hohem Renommee, der die Aufgabe hat, eine fun- dierte und objektive Prüfung der Straßennamen mit postkolonialem und nationalsozia- listischem Hintergrund durchzuführen. Dieses Gremium hat inzwischen Gutachten zu Wissmann sowie Gravenreuth erstellt und votiert. Die Gutachten sind als Anlage beigefügt. Frage 2: Wenn ja, zu welchen Straßen liegen diese vor und zu welchen Einschätzun- gen kommen diese (aufgeschlüsselt nach Straße)? Zunächst wurden Gutachten zu Straßennamen erstellt, für die bereits Prüfaufträge aus Politik und Bürgerschaft bei der Verwaltung vorlagen. Für den Bezirk Ehrenfeld sind das, außer Wißmann- und Gravenreuthstraße, die Straßen Takufeld, -straße, -platz, Lansstraße sowie Iltisstraße. Die Gutachten sind ebenfalls als Anlage beigefügt. Der Historische Beirat empfiehlt einstimmig, alle diese Straßen umzubenennen und schlägt der Bezirksvertretung Ehrenfeld vor, die Verwaltung mit dem Umbenennungs- verfahren zu beauftragen. Gemäß den Richtlinien des Rates für Neu- und Umbenen- nung von Straßen und Plätzen muss nach Punkt 4.4 bei einem Umbenennungsanlie- gen in jedem Fall eine Anwohner*innenbefragung erfolgen. Frage 3: Gibt es einen allgemeinen Prozess zur Analyse des kolonialen Erbes bei wei- teren Straßen auf dem Kölner Stadtgebiet und wenn ja, wie sieht dieser aus? 2 Langfristig werden alle Kölner Straßennamen, die einen möglichen kolonialen oder nationalsozialistischen Bezug aufweisen, bewertet. Bei unproblematischen Straßen- namen wird keine weitere Veranlassung notwendig. Strittige oder kontrovers diskutier- te Benennungen werden mitsamt Expert*innen-Gutachten und einer daran anschlie- ßenden Handlungsempfehlung sowie dem Ergebnis der Öffentlichkeitsbeteiligung der Bezirksvertretung zur Entscheidung vorgelegt. Das Stadtteilparlament entscheidet schlussendlich über eine eventuelle Umbenennung oder das Anbringen von Erläute- rungsschildern oder QR-Codes. Anlage: Anlage 1: Anfrage AN/0368/2023 Anlage 2: Gutachten Wissmann Anlage 3: Gutachten Gravenreuth Anlage 4: Gutachten Taku, Lans, Iltis
  • Anlage 2 Gutachten Wissmann

    PDF

    Herunterladen: Anlage 2 Gutachten Wissmann

    Automatisch aus dem PDF ausgelesen, Lesefehler sind möglich.

    1 Gutachten Wißmannstraße Prof. Dr. Marianne Bechhaus-Gerst B enannt nach Hermann (von) Wissmann Geboren: * 4. September 1853 in Frankfurt an der Oder Gestorben: † 15. Juni 1905 in Weißenbach bei Liezen, Steiermark (durch Selbsttötung) Die Benennung der Straße erfolgte noch zu Wissmanns Lebzeiten, am 1.4.1888. Wenngleich er in Köln weder geboren wurde noch starb, sind seine Biographie und das Gedenken an ihn eng mit der Stadt verbunden; als einzigem Exponenten der kolonialen Vergangenheit gibt es für ihn zwei Erinnerungsorte in der Stadt, da auf dem Melatenfriedhof seine Grabstätte erhalten ist. Diese wird seit 2005 vom Traditionsverband der Schutz- und Überseetruppen gepflegt.1 W issmann war preußischer Offizier, Kolonialakteur im Kongo, Begründer und Befehlshaber der „Schutztruppe von Deutsch-Ostafrika“, Reichskommissar und Gouverneur von „Deutsch- Ostafrika“.2 Er trat 1870 in die Armee ein und verbrachte die Jahre ab 1874 zunächst als L eutnant beim Füsilierregiment in Rostock. Er fiel durch verschiedene Trunkenheitsdelikte und sein Draufgängertum auf. Nach einem Pistolenduell, bei dem er seinen Gegner schwer verletzte, wurde er zu einer viermonatigen Haftstrafe verurteilt. 1879 lernte er den „Afrikaforscher“ Paul Pogge kennen, den er im Sommer 1881 auf eine Expedition von Angola aus ins Landesinnere des Kontinents begleitete. Auftraggeber war die „Afrikanische Gesellschaft“, die eng mit der vom belgischen König Leopold II. gegründeten „Internationalen Afrika-Gesellschaft“ verbunden war. Da Pogge unterwegs schwer erkrankte und umkehren musste, setzte Wissmann die Reise ohne ihn fort und erreichte im November 1882 die Ostküste. So konnte Wissmann den Ruhm für die erste West-Ost-Durchquerung Afrikas für sich beanspruchen. 1883 trat Wissmann in den Dienst des belgischen Königs Leopold II. und „erforschte“ die Kasai-Region im Kongo. 3 Wissmann sollte Handelsrouten erkunden, Stationen gründen und 1 Bechhaus-Gerst, Marianne: Das Grab des „Helden“, in: Marianne Bechhaus-Gerst & Anne-Kathrin Horstmann ( Hrsg.), Köln und der deutsche Kolonialismus – Eine Spurensuche, Köln 2013, S. 243-244. 2 Zu den nachfolgenden biografischen Angaben siehe, wenn nicht anders vermerkt: Jokinen, Hannimari, Morlang, T homas, Steinhäuser, Frauke, „Haut und schießt und hängt und sticht“. Hermann von Wissmann, Afrikareisender und Kolonialkrieger, in: Jokinen, Hannimari, Manase Flower, Zeller, Joachim (Hrsg.): Stand und Fall. Das Wissmann-Denkmal zwischen kolonialer Weihestätte und postkolonialer Dekonstruktion, Berlin 2022, S. 45-64. 3 Zu Wissmanns Reisen im Dienste Leopolds II. siehe vor allem Fabian, Johannes: Im Tropenfieber. Wissenschaft u nd Wahn in der Erforschung Zentralafrikas, München 2001. Anlage 2 2 Ressourcen und Arbeitskräfte eruieren. Damit leistete er Vorarbeiten für die spätere Kolonisierung von „Belgisch-Kongo“, einem der brutalsten Kapitel der europäischen Kolonialgeschichte. Überliefert ist, dass er selber auf dieser Expedition mehrere Afrikaner*innen erschoss, die ihn am Weitermarsch hindern wollten. Sein Begleiter Curt von François kaufte unterwegs versklavte Menschen und ließ seine Träger Dörfer ausplündern. (Hier könnte noch Vieles angeführt werden.) Auf einer weiteren Expedition im Auftrag Leopolds war Wissmann in Begleitung zweier Offiziere der königlichen Armee und hatte den eindeutigen Auftrag, für den König den „Kongo- Freistaat“ zu gründen. Noch mehr als zuvor zog er mordend, brandschatzend und plündernd durch die zentralafrikanische Region. Als es 1888 massiven Widerstand der ostafrikanischen Küstenbewohner*innen gegen die Herrschaft der von Carl Peters begründeten „Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft“ über das Gebiet gab, wurde Wissmann zum Reichskommissar von „Deutsch-Ostafrika“ ernannt und mit der Niederschlagung des „Araberaufstands“ beauftragt. 4 Die von den Deutschen als „Araber“ bezeichneten und als Sklavenjäger diskreditierten Bewohner*innen der ostafrikanischen Küstenregion bildeten eine komplexe, sozial stratifizierte Gesellschaft mit sehr unterschiedlichen ethnisch-regionalen Hintergründen, die durch den Islam als gemeinsame Religion geprägt war. Wissmann hatte schon bei seinen ersten Reisen rassistische Ressentiments gegen alle „Araber“ entwickelt, die er als „die Pest Afrikas“ bezeichnete. Im Mai 1889 begann der Einsatz der „Wissmanntruppe“ – kampferfahrene Schwarze Söldner (Askari) anderer Regionen unter dem Befehl deutscher Offiziere – gegen die Widerständler an der ostafrikanischen Küste. Dabei konnte Wissmann das neu entwickelte Maxim-Gewehr einsetzen, das erste selbstladende Maschinengewehr. Die „Wissmanntruppe“ war als erste militärische Einheit mit den neuen Maschinengewehren ausgestattet. Wissmann wandte als erster in einem von Deutschen geführten Kolonialkrieg eine Strategie der „verbrannten Erde“ an: Eroberte Dörfer wurden geplündert und in Brand gesteckt, umliegende Felder wurden 4 Zur sogenannten „Wissmann-Truppe“ siehe z.B. Morlang, Thomas: Askari und Fitafita. „Farbige” Söldner in den deutschen Kolonien. Berlin 2008, S. 15-20. Zu Wissmanns Vorgehen bei der Niederschlagung des Widerstands siehe z.B. Morlang, Thomas: „Finde ich keinen Weg, so bahne ich mir einen“: Der umstrittene „Kolonialheld“ Hermann von Wissmann – in Köln gefeiert, in: Marianne Bechhaus-Gerst & Anne-Kathrin Horstmann (Hrsg.), Köln und der deutsche Kolonialismus – Eine Spurensuche, Köln 2013, S. 43-49. Eine zeitgenössische Perspektive findet sich in von Behr, H.F. 1891: Kriegsbilder aus dem Araberaufstand in Deutsch- Ostafrika. Leipzig 1891. Anlage 2 3 verwüstet. Gefangenenexekutionen, Entführungen und Vergewaltigungen von Frauen, Plünderungen und Brandschatzungen waren an der Tagesordnung. Kritik an seinem Vorgehen wurde sowohl von einigen Kolonialoffizieren als auch von einigen Politikern im Deutschen Reich geübt. Noch lange nach der Niederschlagung des Aufstands führte Wissmann-Truppe „Säuberungs-“ und „Bestrafungsaktionen“ durch. So leitete von Wissmann im Februar 1891 eine Strafexpedition gegen Sina von Kibosho, als dieser es wagte, die deutsche Flagge vom Mast zu reißen. Die Strafexpedition kostete 200 Afrikanern das Leben. Nach der Unterwerfung der lokalen Bevölkerung wurde Wissmann in Deutschland bejubelt, zum Major befördert und vom Kaiser geadelt. Auf den neu eingerichteten Gouverneursposten von „Deutsch-Ostafrika“ musste er jedoch vorerst verzichten, weil sein Kriegszug das zur Verfügung stehende Budget weit überzogen hatte – statt 2 Millionen Mark hatte der Krieg 9,5 Millionen gekostet – und er in den Verdacht der Mittelveruntreuung geraten war – für das Rechnungsjahr 1889/1890 gab es ein Defizit von 43.000 Mark.5 Wissmann hatte trotz seiner Verfehlungen immer noch viele Unterstützer in Politik und Gesellschaft. Einer von diesen war spätestens ab 1894 sein Schwiegervater Eugen Langen, der u.a. als Mitglied im Kolonialrat politischen Einfluss besaß. So konnte der ehrgeizige Wissmann, dem auch Vertreter der Regierung „Anflüge von Größenwahn“ bescheinigten, 1895 doch noch zum Gouverneur von „Deutsch-Ostafrika“ aufsteigen. 6 Sein Lebensmotto „Finde ich keinen Weg, so bahne ich mir einen!” setzte er auch auf diesem Posten konsequent in die Tat um. Wenngleich er die strikte Anweisung hatte, keine kriegerischen Auseinandersetzungen mehr auszutragen, schickte er seine Kolonialarmee zwischen August 1895 und Mai 1896 in diverse größere Feldzüge. Gefangene Führer des Widerstands wurden in der Regel zum Tode durch den Strang verurteilt. 7 5 Morlang, Thomas: „Finde ich keinen Weg, so bahne ich mir einen“: Der umstrittene „Kolonialheld“ Hermann von Wissmann – in Köln gefeiert, in: Marianne Bechhaus-Gerst & Anne-Kathrin Horstmann (Hrsg.), Köln und der deutsche Kolonialismus – Eine Spurensuche, Köln 2013, S. 47. 6 Ebd. Zu Langen siehe: Treins, Kathrin, Eugen Langen als Kolonialaktivist, in: Marianne Bechhaus-Gerst & Anne-Kathrin Horstmann (Hrsg.), Köln und der deutsche Kolonialismus – Eine Spurensuche, Köln 2013, S. 61- 64. 7 Siehe Anmerkung 2. Anlage 2 4 Nach einem knappen Jahr bat von Wissmann wegen seines schlechten Gesundheitszustands um seine Versetzung in den Ruhestand. Von weitreichenden Folgen für die Kolonien sollte sich die von ihm noch vorbereitete, dann von seinem Nachfolger eingeführte Hüttensteuer erweisen. Am 15. Juni 1905 beging von Wissmann in Weissenbach bei Liezen in der Steiermark Selbstmord mit einer Schusswaffe.8 In der Erinnerungskultur hält sich hartnäckig der Mythos, von Wissmann habe sich Meriten im Kampf gegen die Sklaverei in Afrika verdient. Dafür gibt es keinerlei Belege, im Gegenteil: Das Deutsche Reich arbeitete bei Bedarf in Deutsch-Ostafrika mit angeblichen Sklavenhändlern zusammen, und man griff in unterschiedlichen Kontexten selbst häufig auf versklavte Menschen als Arbeitskräfte oder Soldaten zurück, machte Zwangsarbeit zum Regelfall und wurde somit Teil eines Systems, das man zu bekämpfen vorgab. Wissmann selber hatte keinerlei Berührungsängste mit Sklavenhändlern: Mal gewährte er einer Gruppe von Sklavenhändlern Karawanenschutz, mal ließ er sich in Residenzen von Menschen- und Elfenbeinhändlern empfangen und bewirten. Zusammenfassung gemäß Kriterienkatalog: 1) Hermann von Wissmann war in den 1880er und 1890er Jahren einer der wichtigsten kolonialen Protagonisten des Deutschen Reichs. Er war zweifellos ein glühender Anhänger des „kolonialen Projekts“, das er nicht zuletzt in seiner Tätigkeit als Gründer der „Schutztruppe von DOA“, Reichskommissar von DOA und Gouverneur auf vielfache Weise unterstützte oder sogar etablierte. 2) Seine militärischen und „wissenschaftlichen“ Unternehmungen in Deutsch-Ostafrika und im Kongo müssen in ihrer Brutalität als Verbrechen im Kontext des Kolonialismus gewertet werden. Insgesamt betrachtet dürfte er einem Kolonialverbrecher wie Carl Peters in nichts nachstehen, seine Vorgehensweisen im Kongo wie in DOA sind möglicherweise sogar als noch schwerwiegender einzustufen. 8 Michels, Stefanie: Fragment II – kein Jagdunfall, in: Stefanie Michels (Hrsg.): (Dis-)locating Hermann von Wissmann. Düsseldorf 2018, S. 58-59. Anlage 2 5 3) Nicht nur Wissmanns Vorgehen im Kongo und in DOA weist ihn als im rassistischen Diskurs seiner Zeit fest verankerten kolonialen Täter aus. Auch in seinen Schriften bringt er immer wieder seine rassistische Haltung gegenüber den einheimischen Soldaten seiner eigenen Wissmanntruppe sowie gegenüber der einheimischen Bevölkerung generell zum Ausdruck. 7) Der Name Wissmann steht für extensive koloniale Gewalt. 8) Zu den „Expeditionen“ siehe oben. Kategorie: schwer belastet/nicht haltbar (Eine Umbenennung ist schon seit über 10 Jahren im Gespräch) Quellen: Wissmanns Aktionen im Kongo und in Ostafrika sind durch zahlreiche Bestände im Bundesarchiv nachzuvollziehen, so z.B. Die Bestände sind online einsehbar. BArchB, R 1001/6624 Forschungsreisen des Leutnants Wißmann BArchB R 1001/756 Entsendung des Majors Hermann von Wissmann als Kommissar zur Verfügung des Kaiserlichen Gouverneurs in Deutsch-Ostafrika BArchB R 1001/1019b-e, 1001/1020 Expedition nach Ostafrika zur Unterdrückung des Sklavenhandels und Einsetzung Hermann Wissmanns als Reichskommissar, Bd. 1-5 BArchB R 1001/1021-1024 Bereitstellung weiterer Mittel für die Wissmann-Expedition zur Unterdrückung des Sklavenhandels in Ostafrika nach Erschöpfung der bis dahin bewilligen 2 Millionen Mark, Bd. 1-4 (Februar 2023) Anlage 2
  • Anlage 4 Gutachten Taku, Lans, Iltis

    PDF

    Herunterladen: Anlage 4 Gutachten Taku, Lans, Iltis

    Automatisch aus dem PDF ausgelesen, Lesefehler sind möglich.

    1 Gutachten Takufeld/Takustraße/Takuplatz, Lansstraße, Iltisstraße Prof. Dr. Marianne Bechhaus-Gerst Benannt nach Takufeld/Takustraße/Takuplatz Fort im Hafen von Tientsin (China), 1900 durch alliierte Truppen westlicher Kolonialmächte (darunter deutsche) eingenommen Lansstraße Wilhelm von Lans (1861-1947), deutscher Kommandant des Kanonenboots „Iltis“, das im Jahre 1900 die Taku-Forts (Tientsin, China) beschoss. Iltisstraße Name des von v. Lans geführten Kanonenboots Das so genannte „Chinesenviertel“ erhielt 1902 (Taku und Iltis) und 1914 (Lans) seine Stra- ßenbenennungen. Die drei Straßen bilden ein Ensemble, das an die deutsche Kolonialaggression in China erin- nert.1 Die Namen stehen in Zusammenhang mit einem kriegerischen Angriff, der später in der K olonialliteratur als Schlüsselereignis bei der Niederschlagung der so genannten Boxerbewe- gung heroisiert werden sollte:2 Am 17. Juni 1900 griffen Marinetruppen alliierter ausländischer M ächte die Taku-Forts an und besetzten sie nach heftigen Kämpfen mit den dort stationierten chinesischen Truppen. Zu den Angreifern gehörte das deutsche Kanonenboot Iltis unter Füh- rung von Kapitän Wilhelm Lans. Die Iltis bombardierte die Forts, bis das Kanonenboot von chinesischen Granaten außer Gefecht gesetzt wurde. Der Angriff war zugleich der Beginn des blutigen Kolonialkrieges von 1900/1901, der in Deutschland als „Niederschlagung der Boxer- bewegung“ erinnert wird. Der Kaiser verlieh am 25. Juni 1900 von Lans den Orden Pour le Mérite für seinen Einsatz in China. Die Iltis erhielt als einziges deutsches Schiff ebenfalls den Orden Pour le Mérite. 1 Leutner, Mechtild: Takustraße (Takuplatz, Takufeld), Iltisstraße, Lansstraße: Bausteine einer kolonialen Erinne- r ungskultur. http://www.kopfwelten.org/kp/orte/taku/index.html [17.02.2023]; Leutner, Mechthild: Kiautschou – Deutsche „Musterkolonie“ in China?, in: van der Heyden, Ulrich/ Zeller, Joachim (Hrsg.): „... Macht und Anteil an der Weltherrschaft“. Berlin und der deutsche Kolonialismus, Münster 2005, S. 203-207. 2 Den umfassendsten Überblick über die Ereignisse im sogenannten Boxerkrieg liefert der Sammelband Leutner, M echthild & Mühlhahn, Klaus (Hrsg.): Kolonialkrieg in China. Die Niederschlagung der Boxerbewegung 1900- 1901, Berlin 2007. Sofern nicht anders vermerkt, stammen die Informationen hier aus diesem Band. Anlage 4 2 Seit Mitte des 19. Jahrhunderts sah sich China durch Übergriffe ausländischer Mächte gezwun- gen, seine Souveränität teilweise aufzugeben. 1897 besetzten deutsche Truppen die Bucht von Kiautschou (Jiaozhiou) mit der Hafenstadt Tsingtao (Qingdao). Für 99 Jahre wurde das Gebiet dem chinesischen Kaiserreich als „Pachtgebiet Kiautschou“‘ abgepresst und de facto als Kolo- nie verwaltet. Ab 1898 formierte sich unter dem Namen Yihetuan „In Rechtschaffenheit vereinte Milizen“ der chinesische Widerstand gegen das Vordringen der Fremden. Eine der ersten Kampftruppen der Widerstandsbewegung nannte sich Yihequan „In Rechtschaffenheit vereinigte Faustkämp- fer“, eine Bezeichnung, die durch die ausländischen Mächte abwertend zu „Boxer“ verallge- meinert wurde.3 Im Sommer 1900 kursierten in Europa Meldungen über die angebliche Ermor- dung aller Ausländer in Peking. Tatsächlich war der deutsche Gesandte Clemens von Ketteler am 20. Juni 1900 bei Verlassen des Gesandtschaftsviertels von Peking ermordet worden. Die in China vertretenen Mächte beschlossen die Entsendung eines internationalen Expeditions- korps, dem das Deutsche Reich, Frankreich, Großbritannien, Italien, Österreich-Ungarn, Russ- land, Japan und die USA angehörten. Das Oberkommando erhielt der deutsche Generalfeld- marschall Alfred Graf von Waldersee. Legitimiert wurde die Intervention mit der Notwendig- keit, die Sicherheit der europäischen Gesandten wiederherzustellen. Vor allem ging es aber um eine Ausweitung der Interessensphären in China und eine Demonstration der vermeintlichen Überlegenheit der westlichen Kultur. Am 27. Juli 1900 verkündete Kaiser Wilhelm II. in seiner berüchtigten „Hunnenrede“ in Bre- merhaven anlässlich der Verabschiedung des deutschen Ostasiatischen Expeditionskorps: „Par- don wird nicht gegeben. Gefangene werden nicht gemacht. Führt eure Waffen so, daß auf tau- send Jahre hinaus kein Chinese mehr es wagt, einen Deutschen scheel anzusehen.“ 4 Diese Rede gab einen Vorgeschmack auf das, was nun folgte. Noch bevor das Expeditionskorps in China eintraf, war das Gesandtschaftsviertel von den be- reits vor Ort stationierten Truppen befreit worden. Die siegreichen Truppen hinterließen eine Spur der Zerstörung in Peking und ganz Nordchina. Es wurde exzessiv geplündert, Silber, Seide und Getreide wurde kistenweise weggeschafft. Mord und Raub, Vergewaltigungen der Frauen waren an der Tagesordnung. 3 Zu den Kriegsursachen und Kriegsphasen siehe Kuß, Susanne: Deutsches Militär auf kolonialen Kriegsschau- plätzen. Eskalation von Gewalt zu Beginn des 20. Jahrhunderts, Berlin 2010, S. 49-60. 4 Klein, Thoralf: Die Hunnenrede (1900), in: Jürgen Zimmerer (Hrsg.): Kein Platz an der Sonne. Erinnerungsorte der deutschen Kolonialgeschichte. Frankfurt 2013, S. 164–176. Anlage 4 3 Auch das internationale Korps ging mit äußerster Aggressivität vor, folterte und mordete. Pe- king wurde geplündert, und über Monate gab es „Strafexpeditionen“, an denen sich das deut- sche Militär maßgeblich beteiligte. Es wurde gemordet, vergewaltigt, geplündert und gefoltert und exekutiert – in einem solchen Ausmaß, dass die sozialdemokratische Presse Briefe deut- scher Soldaten veröffentlichte, die dieses Vorgehen mit den Worten anprangerten: „Denn so ein Gemorde und Geschlachte ist geradezu toll [verrückt] (…) Laßt mich schließen in der Hoff- nung, daß es nicht mehr solange dauert, denn sonst weiß man schließlich nicht mehr, oder viel- mehr man vergißt es, ob man einmal Mensch war.“5 Das Vorgehen des Expeditionskorps verletzte nicht nur das Völkerrecht, sondern auch das ei- gentliche verbindliche Militärstrafrecht. Laut der Militärhistorikerin Susanne Kuß wurde im Boxerkrieg damit eine illegitime und brutale Kriegsführung vorweggenommen, die in den Ko- lonialkriegen in Deutsch-Südwestafrika (1904-1905) und Deutsch-Ostafrika (1905-1906) in ei- ner bis dahin ungekannten Ausprägung fortgeführt wurde. Generalleutnant von Trotha, der den Vernichtungskrieg gegen die Herero führte, war schon Mitglied des Ostasiatischen Expediti- onskorps. 6 Das am 7. September 1901 unterzeichnete „Boxerprotokoll“ beendete formal den Krieg. Auch während der Verhandlungen wurden die „Strafexpeditionen“ fortgeführt. Die Drohung, chine- sische Gebiete militärisch zu besetzen, stand dabei im Raum. Die Folgen der Vereinbarung sollte China noch auf Jahrzehnte hinaus zu spüren bekommen. U.a. wurden der chinesischen Seite auf die Dauer von 39 Jahren Reparationszahlungen auferlegt. Als die Entschädigungszah- lungen Chinas 1938 eingestellt wurden, betrug die tatsächliche Entschädigungssumme mehr als 600 Millionen Silber-Dollar. Die Sinologin Mechthild Leutner geht davon aus, dass die enor- men Reparationszahlungen nicht nur den finanziellen und politischen Handlungsspielraum für soziale Reformen in China einschränkten, sondern dadurch auch Verteidigungsmaßnahmen ge- gen die japanische Aggression in den 1930er und 1940er Jahren wesentlich behindert wurden. In Deutschland wurden die Ereignisse in China als Teil einer vermeintlich „ruhmreichen“ Ko- lonialgeschichte heroisiert und in Form von Straßennamen einer breiten Bevölkerung bekannt gemacht. Zusammenfassung gemäß Kriterienkatalog: 5 Leutner, Mechthild: Kiautschou – Deutsche „Musterkolonie“ in China?, in: van der Heyden, Ulrich/ Zeller, Joachim (Hrsg.): „... Macht und Anteil an der Weltherrschaft“. Berlin und der deutsche Kolonialismus, Münster 2005, S. 205. 6 Wie Anm. 2, S. 65-77; Kuß, Susanne: Die Gesetze der Hunnen - Der deutsche »Kolonialkrieg« gegen die Boxer in China, in: iz3w Nr. 250 (Januar 2001), S. 41-43. Anlage 4 4 2) Die deutsche bzw. internationale Aggression in China zur Niederschlagung des Wider- stands im Rahmen des so genannten Boxerkriegs, speziell die Völker- und Militärstraf- recht verletzenden Übergriffe und „Strafexpeditionen“ sowie die exzessive Gewalt in Form von u.a. massiven Folterungen, Hinrichtungen und Vergewaltigungen müssen als Verbrechen im Kontext kolonialer Bestrebungen gewertet werden. Kategorie: schwer belastet/nicht haltbar (Februar 2023) Anlage 4

Beratungsverlauf

  1. 15.05.2023

    Bezirksvertretung 4 (Ehrenfeld)

    TOP 6.7.1, Entscheidung. Ergebnis: Kenntnis genommen

War diese Seite hilfreich?

Zur Rückmeldung speichern wir nur Ihre Antwort, die Seite und den Tag. Eine IP-Adresse speichern wir dazu nicht, und wir setzen kein Cookie. Mehr zum Datenschutz