V/0384/2012
Verzicht auf Umbenennung des Heinrich-Lersch-Wegs
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Anlage-2-Übersichtsplan
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Anlage 2 V/0384/2012
Anlage-1-Bürgerumfrage-Ergebnisse
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Anlage 1 Anlage 1, Seite 1 Bürgerumfrage 2012 „Ehrung von Personen durch Straßenbenennungen“ - Zusammenfassung der Ergebnisse 1. Auftragslage und Zielstellung - Beschluss des erweiterten Ältestenrates der Stadt Münster vom 07.07.2011 - Grundlage: Ergebnisse der Kommission „Straßenname n“ - Gewinnung zusätzlicher Informationen mittels eine r repräsentativen Bürgerumfrage parallel zur Informations- und Kommunikationsphase (v. a. Ausstellung „Ehre, wem Ehre gebührt?!“ vom 26.01. – 16.03.2012) - Leitfrage: „Wie soll sich Münster zu Persönlichke iten stellen, die sie durch Straßennamen für ihr Lebenswerk in besonderer Weise geehrt hat, wenn sich diese Ehrung aufgrund neuer Forschungsergebnisse als fragwürdig erweist?“ 2. Methodik - Befragungszeitraum: 25.01. – 15.02.2012 - Zufallsstichprobe: 5.126 Bürgerinnen und Bürger ( über 18 Jahre, Hauptwohnsitz) - Rücklauf: 1.937 Fragebögen (37,8 % Rücklaufquote) - Ergebnisse lassen sich grundsätzlich auf Münstera ner Bevölkerung übertragen 3. „Sind Sie generell dafür, Personen mit besonderer zeitgeschichtlicher Bedeutung durch Benennung von Straßen, Wegen und Plätzen in Münster zu ehren?“ (Frage 1) - Ja, auf jeden Fall: 69,7 % - Ja, aber nur für Personen mit Bezug zu Münster: 1 7,5 % - Nein: 6,5 % - Ist mir egal: 4,4 % - Weiß nicht/kann ich nicht beurteilen: 0,8 % - Ohne Angabe: 1,1 % 4. „Nach neueren quellengestützten Forschungsergebnissen ist der damalige Reichspräsident Paul von Hindenburg als Stütze des NS-Regimes anzusehen. Besteht heute noch ein Anlass, Hindenburg durch die Namensgebung für den größten Platz Münsters zu ehren?“ (Frage 2) - Ja: 35,0 % - Nein: 48,3 % - Ist mir egal: 7,3 % - Weiß nicht/kann ich nicht beurteilen: 6,6 % - Ohne Angabe: 2,8 % Anlage 1, Seite 2 2 5. „Es gibt - neben dem Hindenburgplatz - noch weitere Anträge aus Bürgerschaft und Politik zur Umbenennung von Straßen und Wegen: Was würden Sie vorschlagen, wenn sich deren Namensgeber/innen nach neueren quellengestützten Forschungsergebnissen als Stützen des NS-Regimes erwiesen haben?“ (Frage 3) - Die Namen der Straßen/Wege sollen so bleiben wie sie sind: 27,6 % - Die Namen der Straßen/Wege sollen so bleiben wie sie sind; es soll aber jeweils ein Zusatzschild mit Erläuterungen zu den Namensgebern angebracht werden: 30,2 % - Die Namen der Straßen/Wege sollen geändert werden ; auf den künftigen Straßenschildern soll aber auf die ehemaligen Namen hingewiesen werden: 16,2 % - Die Namen der Straßen/Wege sollen geändert werden : 22,6 % - Ist mir egal: 0,6 % - Weiß nicht/kann ich nicht beurteilen: 1,3 % - Ohne Angabe: 1,5 % 6. „Fühlen Sie sich zum Thema 'Ehrung von Personen durch Straßenbenennungen' ausreichend informiert?“ (Frage 4) - Ja: 56,4 % - Ja, zum Teil: 30,3 % - Nein: 11,4 % - Ohne Angabe: 1,9 % 7. Fehlt Ihnen etwas an Informationen zu diesem Thema? (Frage 5) - Offene Frage: 512 Nennungen von 422 Befragten, d. h. 21,8 % der Umfrageteilnehmerinnen und -teilnehmer haben sich mittels Freitext geäußert - Nur ein geringer Teil der Nennungen bezieht sich auf „weitergehenden Informationen“: 4,3 % „weitere Informationen fehlen“; 3,1 % „mehr Informationen in Medien“ - Häufiger wird die Frage der „Kosten“ kritisch angesprochen: 7,6 % „Kosten insgesamt“, 7,0 % „Kosten der Umbenennung“ - Auch machen die Anmerkungen deutlich, dass nicht alle Befragten die neueren Forschungen teilen, dass Hindenburg und weitere Namensgeberinnen/-geber als Stützen des NS-Regimes anzusehen sind: 8,2 % „Suggestive Fragestellung“, 5,5 % „Begründung zweifelhaft“ (Hindenburg) bzw. 5,1 % (weitere Namensgeber) - Bezogen auf alle Umfrageteilnehmer/innen liegen d iese Antwortanteile bei 2,2 % („Suggestive Fragestellung“), 1,4 % („Begründung Hindenburg zweifelhaft“) und 1,3 % („Begründung weitere Namensgeber zweifelhaft“) - Ebenso werden auch „neue Namensvorschläge“ für de n Hindenburgplatz genannt (5,5 % aller Nennungen bzw. 1,4 % bezogen auf alle Umfrageteilnehmerinnen und - teilnehmer), wobei hier der „Schlossplatz“ (3,7 %) überwiegt; vereinzelt werden weitere Namen genannt (z. B. Neuplatz, Friedensplatz)
Beschlussvorlage
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DER OBERBÜRGERMEISTER
Vermessungs- und Katasteramt
Betrifft
Verzicht auf Umbenennung des Heinrich-Lersch-Wegs
Beratungsfolge
23.08.2012 Bezirksvertretung Münster-Ost Entscheidung
Beschlussvorschlag:
I. Sachentscheidung:
Entsprechend der Empfehlung der Kommission Straßennamen wird der Straßenname Hei nrich-
Lersch-Weg nicht aufgehoben, sondern erhält ein neues Erläuterungsschild mit dem Hinweis, dass
der Name nicht demokratisch beschlossen, sondern im November 1938 festgesetzt wurde.
II. Finanzielle Auswirkungen:
Es entstehen Kosten für das neue Erläuterungsschild zu dem Straßennamen. Die Finanzierung ist
aus laufenden Mitteln des Tiefbauamtes aus dem Budget „1201-Straßenerhaltung“ sichergestellt.
Begründung:
Diese Beschlussvorlage zum Heinrich-Lersch-Weg steht im Zusammenhang mit de n stadtweiten
Diskussionen über NS-belastete Straßennamen.
Ein Ausgangspunkt der Diskussionen war im Mai 2007 der Antrag der SPD-Fraktion der BV-West
auf Umbenennung des Carl -Diem-Weges. Ebenfalls im Mai 2007 hat die SPD -Fraktion in der BV -
Mitte um Prüfung der Vorwürfe gegen den Name nsgeber des Jöttenweges gebeten sowie einen
Bericht über die Straßennamen angefordert, deren Namensgeber in die Unrecht staten bzw.
Kriegsverbrechen des Nationalsozialismus verstrickt waren. Diese Prüfung führte zu einem Auftrag
an den Historiker Dr. Schmid t, der die Namensgeber der Straßen im Stad tbezirk Mitte a uf deren
Verstrickung in die Unrechtst aten des NS -Regimes überprüfen sollte. In seinem Gutachten b e-
nannte Dr. Schmidt 29 Personen, die er in 4 Kategorien eingeteilt hatte:
Kategorie 1: keine Nähe zum NS-Regime
Kategorie 2: Haltung zum NS-Regime nicht eindeutig
Kategorie 3: Aktive Stützen des NS-Regimes
Kategorie 4: Beteiligung an Kriegsverbrechen oder Unrechtstaten
Vorlagen-Nr.:
V/0384/2012
Auskunft erteilt:
Herr Zimmermann
Ruf:
492 62 42
E-Mail:
ZimmermannBernhard@stadt-muenster.de
Datum:
14.05.2012
Öffentliche Beschlussvorlage
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Während in der Kategorie 4 keine Namensgeber auf Münsters Straßenschildern vorha nden sind,
sind es in der Kategorie 3 nach dem Gutachten Schmidt 7 Personen (Franz Ludwig, Ludwig Hum-
borg, Karl Wilh. Jötten, Hans Pfitzner, Alfred Stühmer, Karl Wagenfeld und Agnes Miegel), davon
liegt die Agnes-Miegel-Straße im Stadtbezirk Ost. Ein weiterer Prüfauftrag des Oberbürgermeisters
an das Stadtarchiv zu den Straßennamen im übrigen Stadtgebiet ergab drei weitere Namensgeber
in der Kategorie 3 aus dem Stadtbezirk Münster -Ost (Friedrich Castelle, Heinrich Lersch und He r-
mann Stehr). Darüber hinaus hatte der Ratsantrag der SPD-Fraktion vom Januar 2008 zur Umb e-
nennung des Hindenburgplatzes die Debatte um Straßennamen sehr stark in die Öffentlichkeit
getragen.
Nach der Kommunalwahl 2009 hat der erweiterte Ältestenrat des Rates beschlossen, eine Kom-
mission unter der Leitung des Oberbürgermeisters einzusetzen, der alle im Rat vertretenen Partei-
en und die Historiker Prof. Dr. Thamer und Prof. Dr. Kenkmann angehören sollten.
Diese Kommission sollte über die zehn Personen der Kategorie 3 (dazu Diem und Hinde nburg)
also über zwölf Namensgeber beraten. Im Vordergrund des Prüfauftrags stand nicht die Bewertung
der gesamten Lebensleistung dieser Personen, sondern ob und inwieweit die N amensgeber das
NS-Regime gestützt ha ben. Außer der Beratung über historische Fakten sollte die Kommission
den entscheidungsbefugten Gremien (Rat und Bezirksvertretungen) ihre Empfehlung mitteilen, ob
die Ehrung durch den Straßennamen nach wie vor angemessen sei und eine Umbenennung stat t-
finden solle oder nicht.
Nach Abschluss der Kommissionsarbeit hat der erweiterte Ältestenrat die Ergebnisse und Empfeh-
lungen der Kommission am 07.07.2011 entgegengenommen und die Verwaltung beauftragt, diese
Ergebnisse in einer breit angelegten Informations- und Kommunikationsphase zu veröffentlichen.
Zusätzlich sollte die Verwaltung eine repräsentative Bürgerumfrage zur Frage der „Ehrung“, die mit
der Benennung einer Straße nach einem Namensgeber verbunden ist, durchführen. Die se Bürge-
rumfrage sollte eine zusätzliche Informationsquelle für die Diskussion in den Gremien bilden, diese
aber nicht binden.
Die Informations- und Kommunikationsphase hatte zum Ziel, über die Ergebnisse der Ko mmission
zu informieren. Insbesondere sollte die auf neuen Erkenntnissen der historischen Forschung b a-
sierende Einschätzung der Kommission zu den Namensgebern vermittelt werden, da diese E r-
kenntnisse vermutlich in weiten Teilen der Bürgerschaft nicht bekannt sind.
Im Vordergrund der Information sollte daher nicht die gesamte Lebensleistung der Namen sgeber
stehen, sondern sollten insbesondere die neuen historischen Fakten stehen, nach denen die N a-
mensgeber nach heutiger Bewertung nicht mehr als Vorbilder dienen können und eine Ehrung
nicht verdient haben.
Die Information der Öffentlichkeit erfolgte unter dem Motto „Ehre, wem Ehre gebührt?!“
- mit einer neuen Internetseite auf der Homepage der Stadt unter
www.muenster.de/stadt/strassennamen, freigeschaltet seit 21.12.2011
- mit der Ausstellung „Widerstände im Münsterland“ in der Bürgerhalle des Rathauses vom
19.11. - 21.12.2011
- mit der Ausstellung „Ehre, wem Ehre gebührt ?!“ in der Bürgerhalle des Rathauses vom
26.01. - 16.03.2012
- mit einer Eröffnungsveranstaltung zur Ausstellung „Ehre, wem Ehre gebührt?!“ am
25.01.2012 im Rathaus-Festsaal
- 3 -
- mit zwei Informationsveranstaltungen in den Stadtbezirken Ost und Mitte am 26.01.2012
und 09.02.2012
- mit einer Podiumsdiskussion „Ehre, wem Ehre gebührt?! - Geschichte und Verantwortung
in einer demokratischen Gesellschaft“ mit prominenten Podiumsteilnehmern am
29.02.2012 im Rathaus-Festsaal
Ergebnisse der Bürgerumfrage
Die repräsentative Bürgerumfrage wurde vom Amt für Stadtentwicklung, Stadtplanung, Verkehr s-
planung in der Zeit vom 25.01. - 15.02.2012 durchgeführt. Es wurde unter anderem die Frage g e-
stellt: „Sind Sie generell dafür, Personen mit besonderer zeitgeschichtlicher Bedeutung durch B e-
nennung von Straßen, Wegen und Plätzen in Münster zu ehren?“ Knapp 70 Prozent der Antworten
lauteten „Ja“.
Auf die weitere Frage „Es gibt - neben dem Hindenburgplatz - noch weitere Anträge aus Bürge r-
schaft und Politik zur Umbenennung von Straßen und Wegen: Was würden Sie vorschlagen, wenn
sich deren Namensgeber/innen nach neueren quellengestützten Forschungsergebnissen als Stü t-
zen des NS -Regimes erwiesen haben?“ sprachen sich knapp 40 Prozent der Befragten für eine
Umbenennung aus.
Die einzelnen Umfrageergebnisse sind in Anlage 1 beigefügt.
Heinrich-Lersch-Weg
Der Straßenname wurde im November 1938 festgesetzt. Er bezieht sich auf Heinrich Lersc h,
* 12.09.1889 in Mönchengladbach † 18.06.1936 in Remagen, Handwerker und ab 1924 freier
Schriftsteller.
Empfehlung der Kommission Straßennamen
Die Kommission hat in ihrer abschließenden 4. Sitzung am 15. Juni 2011 zusammengefasst fo l-
gende Empfehlungen abgegeben:
"Die Kommission empfiehlt mehrheitlich keine Umbenennung des Heinrich-Lersch-Weges,
sondern die Anbringung einer Erläuterungstafel, auf der auch darauf hingewiesen wird, dass
der Straßenname nicht demokratisch beschlossen, sondern nach der Entscheidung des dama-
ligen Oberbürgermeisters Albert Hillebrand (NSDAP) durch „Polizeiliche Anordnung“ im No-
vember 1938 festgesetzt wurde. Ausschlaggebend für dieses Votum ist, dass Lersch nicht Par-
teimitglied war und sein Werk nicht zu hoch zu bewerten ist."
Die im Folgenden angeführte Begründu ng für den Beschlussvorschlag ist dem vom Stadtarchiv
aufbereiteten Internetangebot „Ehre wem Ehre gebührt!?“ entnommen.
Heinrich Lersch und der Nationalsozialismus
Politische Mitgliedschaften
1934: Mitglied der Hitlerjugend (HJ)
01.08.1935: Eintritt in die NSDAP (Mitgliedsnummer 3701750)
- 4 -
Anmerkung: Nach der Empfehlung durch die Kommission erfolgte durch das Stadtarchiv eine
weitere intensive Quellenrecherche, die eine NSDAP-Mitgliedschaft Lerschs nachweisen konn-
te.
"Gesäuberte" Dichterakademie
Im Juni 1933 nahm Lersch die Berufung in die " gesäuberte" Deutsche Akademie der Dichtung an,
was ein öffentliches Bekenntnis zum Nationalsozialismus bedeutete. (Elbing, S. 123). Er führte den
Titel "Mitglied der deutschen Dichterakademie" in seinem Briefkopf. Andererseits versuchte Lersch
aber auch, seine Stellung zu nutzen, um Dichterfreunden zu helfen, die etwa der "Kommunisten-
freundschaft" verdächtigt wurden (Haffke, S. 82).
Umgedichtete Werke
Heinrich Lersch schrieb einige seiner früheren Gedichte im Sinne der nationalsozialistischen Ide o-
logie um. Bei den zwei markantesten Fällen handelt es sich zum einen um das Gedicht "Soldaten
der neuen Armee", das Lersch ursprünglich in den 1920er Jahren als proletarisches Kampflied
verfasst hatte und 1934 unter dem Titel "Soldaten der braunen Armee" neu herausgab.
Außerdem veröffentlichte Lersch das Gedicht "Deutsches Lied, deutsches Land zum Verfa s-
sungstag", das der Dichter 1919 anlässlich der Gründung der Weimarer Republik verfasst hatte,
erneut im Jahr 1934 unter dem Titel "Morgenlied der neuen Arbeiter". Beide Gedichte erschienen
in dem Band „Mit Brüderlicher Stimme“, für den Lersch 1935 den Rheinischen Literaturpreis erhielt.
Dem Band wurde das Motto "Im Sinne des Führers: Der Gefolgschaft !" vorangestellt. Allerdings
soll Lersch nach einem Bericht von Fritz Hüser dieses Motto aufgedrängt worden sein. (Klein 1965,
S. 370).
In dem Band finden sich noch drei weitere Gedichte, in denen Lersch Elemente der nationalsozi a-
listischen Ideologie aufgr eift, vor allem die " Volksgemeinschaft" und die Betonung eines "neuen
Deutschland", das erstanden sei. Bei diesen Gedichten handelt es sich um den "Marsch zur
Kampfbahn", das "Marschlied" sowie das "Jungvolklied".
In seinem Gesamtwerk nehmen diese Gedichte jedoch nur einen recht kleinen Raum ein. Da
Lersch in seinen letzten Lebensjahren häufig krank war, veröffentlichte er nur noch wenig.
Redner bei der HJ, beim BDM und bei Versammlungen
Lersch engagierte sich in der Hitlerjugend (HJ), wo er als Jungzugführ er Schulungskurse leitete
und zahlreiche Abendvorträge hielt. Er sah vor allem in den Jugendlichen die Träger der "nationa-
len Revolution", die er befürwortete. So schrieb er in einem Brief an das Ehrpaar Schinzinger im
August 1934, dass ihn eine kleine Gru ppe vorbeiziehender Jungvolkbuben aus "Zweifel und U n-
glauben" herausgesungen hätte: "Seitdem weiß ich, daß es nicht um Personen und Dogmen, so n-
dern um uns alle geht, und darum kann ich genau wie die Millionen die Hand erheben und frei he r-
aus den Kanzler de s Reiches grüßen!" (Jenssen, Brief Nr. 182) Lersch hielt diese Vorträge fast
immer ohne Honorar, obwohl sich die Familie in chronischen Finanznöten befand. (Jenssen, Briefe
Nr. 214, Nr. 221, Nr. 243).
Lersch trat als Redner bei Versammlungen und Kundgebungen auf, jedoch sind nur wenige seiner
Reden überliefert. Eine Ausnahme bildet die "Rede zu Ehren des Führers" , die Lersch 1934 vor
einer Versammlung von Arbeitern hielt. Mit viel Pathos pries er Hitler als Führer, der die Deutschen
"aus allen Stämmen, blutverbunden" zusammengeschweißt habe, so dass sie und die "Helden der
nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei [...] das Gigantenwerk unseres Führers" feiern
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könnten. Hitler habe die Arbeiter aus der Sklaverei befreit und "seine Hände weisen uns in d as
Land des Nationalsozialismus".
Kundgebungen: "Es war phantastisch, es ist unvergeßlich."
Ebenso begeistert war Lersch von den Maikundgebungen, zu denen er regelmäßig als offizieller
Redner eingeladen wurde (Delseit: S. 175, Anm. 12). Er schrieb am 12. M ai 1933 an seinen
Freund Hans Leifhelm: "Zum 1. Mai war ich in Berlin. Es war die reinste Mobilmachung: come
1914. Ein unbeschreiblicher Auflauf an Menschen, eine meisterhafte Organisation. Am Abend war
ich auf dem Tempelhoferfeld, es war phantastisch, es ist unvergeßlich. Ich weiß nicht, ob der Duce
so geliebt wird wie A.H. Es ist ein merkwürdiges Ereignis, den Führer sprechen zu hören. Jeder
Satz reizt zum Widerspruch und doch ist solche eine Rede bewundernswert, weil sie aus einem
Herzen kommt, das voller Liebe ist."
Noch eindeutiger liest sich ein Brief Lerschs vom 10. Mai 1933 an den Generalintendanten des
WDR, Heinrich Glasmeier: "Es war sehr notwendig, dass ich das Fest auf dem Feld [in Berlin]
mitmachte; nie hätte ich solchen Eindruck bekommen, nie h ätte ich die Revolution so durchem p-
finden können. Dieser gewaltige Abend drang nämlich durch die sieben Sinne in den Leib und ins
Blut ein. Das wird auch wieder lebendig, wenn es nottut."
"Jetzt darf wieder gedichtet werden!"
Lersch nahm die Machtergreifun g der Nationalsozialisten 1933 mit Begeisterung auf. Er erhoffte
sich eine Verbesserung der Möglichkeiten der Kulturschaffenden, die er in der Weimarer Republik
vermisst hatte: "Wir mußten, mußten vor dem bürokratischen Materialismus der Realitätsschreiber
zurückstehen. Jetzt darf wieder gedichtet werden!" (Brief Lerschs an Walther Teich vom 5. Mai
1933).
Diese Einstellung verteidigte er auch gegenüber Freunden, die das neue Regime kritischer b e-
trachteten: "Lieber Hein, lass dich von dem Kulturpessimismus n icht niederdrücken. Es hat keinen
Sinn, sich mit dem Spießergetratsch abzugeben, dass Deutschlands Kunst niedergeht und die
Partei unduldsam ist – Andere mögen, wenn sie selber nichts zu gestalten haben, über Niede r-
gang quatschen. [...] weil nun einmal die liberalen und demokratischen Greiner unter Bauchnabe l-
betrachtung die Kraft zum Schaffen und Fruchtbarmachen verloren haben – Glaub das doch nicht,
dass 'Die Zeit' - schuld ist. 'Zeit' ist blos faule Ausrede für Impotente, die aus Mangel an Leben sich
der Zeugung entziehn möchten." (Brief Lerschs an Heinrich Minkenberg vom 29. September
1933).
"Wie es kommt, wird es gefressen"
Aus vielen seiner Briefe geht hervor, wie sehr Lersch es für nötig hielt, sich mit dem neuen Regime
anzufreunden um die persönliche Existenz zu sichern. So schrieb er am 7. Mai 1933 in einem Brief
an Heinrich Minkenberg, man müsse die Revolution "mitlieben, mitleben, da helfen alle Millionen
tränender Seelen nicht, wie es kommt, wird es gefressen. Daran ersticken oder verschlingen." (NL
Lersch Fritz-Hüser-Institut Dortmund).
Und in einem Brief an Walther Teich vom 27. Februar o. November 1934): "Ich habe keine Lust,
mich noch mal umzublicken und auf die Welt zu starren, die da untergeht. Mag nicht als Salzsäule
1933 am Rand der Strasse stehn bleiben. Es kommt sich verdammt nicht drauf an, was herüberge-
rettet wird, wenn man selber hinten bleibt."
In privaten Briefen schrieb er, im Band "Mit brüderlicher Stimme" fänden sich "viele Gedichte, die
mehr Gebrauchslyrik sind als Kunstwerke" und begründete dies mit der Sorge um seine eigene
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Existenz: "Lieber Hans, so sehr mich das Schicksal der 80 Millionen bewegt, es ist mir mein kle i-
nes Schicksal doch schwerer, schöner härter. [...] Ich bin voriges Jahr um diese Zeit über den A b-
grund gesprungen, der zwei Zeitalter trennte. Jetzt bleibt mir nichts übrig, als mit den ersten gra u-
en Haaren an den Schläfen mitzumarschieren. Hab ich Recht oder Unrecht: Es ist mein Leben!"
(Brief an Hans Leifhelm vom 6. März 1934).
"Solange er nicht von der Staatskrippe frisst"
Andererseits betonte Lersch häufig, wie wichtig es ihm sei, unabhängig zu bleiben und sich nicht
den Stempel des Regimes aufzwingen zu lassen: "Es ist natürlich viel leichter, nach dem 'Zeichen
des Bundes' zu sehen und das Kollektiv für den Inhal t verantwortlich zu machen. Ich weiss, wenn
über meinen Manuskripten der Gummistempel einer Behörde stände, wär die Arbeit viel einfacher.
Nun muss ich solche Leistungen schaffen, die meinen Namen zu einem Signet gestalten." (Brief
an Hermann Unger vom 1. April 1933). Ein Beleg für seine Unabhängigkeit sah Lersch stets in der
Armut der Familie, die sich auch nach 1933 nicht gebessert hatte.
Wahrnehmung
Nach seinem Tod bekam der Dichter ein Ehrenbegräbnis der Stadt Mönchengladbach und sogar
Joseph Goebbels schickte einen Lorbeer-Kranz. Lersch wurde also durchaus nach seinem Tod als
nationalsozialistischer Dichter anerkannt (Elbing, S. 129). Zweifelsohne vereinnahmten die Nati o-
nalsozialisten Heinrich Lersch für ihre Zwecke – auch nach seinem Tod. Ältere Gedich te von ihm,
auch aus der Zeit des Ersten Weltkriegs, den Lersch anfangs begeistert unterstützt hatte, wurden
zusammenhanglos für die Gegenwart zitiert.
Aus einem Protokoll des Rates der Stadt Mönchengladbach vom 9. Oktober 1936 geht hervor,
dass sich die R atsherren bei der Frage, ob die Hinterbliebenen des Verstorbenen eine Unterstü t-
zung durch die Stadt erhalten sollten, keineswegs einig waren. Einige betonten, Lersch habe "bei
diesem dichterischen Schaffen im Geiste des Nationalsozialismus gearbeitet". Andere waren über-
zeugt, dass man bei Lersch vor allem in der "Kampfzeit" eine "gegnerische Einstellung" zum Nati-
onalsozialismus habe beobachten können. Die Mehrheit der Ratsherren stimmte schließlich für
eine Beteiligung der Stadt an der Unterstützung des Dic hters unter der Voraussetzung, dass der
Nachlass des Dichters in Mönchengladbach verbliebe.
Aus dem Protokoll des Rates der Stadt Mönchengladbach vom 09.10.1936
"Der Ratsherr Krechel gibt die Erklärung ab, dass er wegen der gegnerischen Einstellung des ve r-
storbenen Dichters Heinrich Lersch zum Nationalsozialismus in der Kampfzeit sich grundsätzlich
gegen die Gewährung einer Unterstützung an die Hinterbliebenen aussprechen müsse."
"Der Ratsherr Hergrüter bringt demgegenüber zum Ausdruck, dass [...] der Dichter Heinrich Lersch
in seinem Wirken das Arbeitertum verherrlicht und den inneren Regungen der Arbeiterseele den
rechten Ausdruck verliehen habe, sodass er bei diesem dichterischen Schaffen im Geiste des N a-
tionalsozialismus gearbeitet habe."
Zur Person Heinrich Lersch
Lebenslauf
904–1909: Lehre als Kesselschmied im väterlichen Betrieb
1909–1910: Fabrikarbeiter
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1913: Veröffentlichung des ersten Gedichtbandes "Abglanz des Lebens"
1913: Wanderschaft in Italien mit Hans Leifhelm
1914–1917: Kriegsfreiwilliger (Reserve-Infanterie Regiment 65 in Köln)
1917–1925: Arbeit als Kesselschmied und Bergmann
1918: Heirat mit Erika, geb. Köchlin
Ab 1924: Freier Schriftsteller
1932: Umzug nach Bad Bodendorf
1933: Berufung in die deutsche Akademie der Dichtung
1934: Erscheinen des Gedichtbandes "Mit brüderlicher Stimme"
Ehrungen
1916: Kleist-Preis
1935: Rheinischer Literaturpreis für die Veröffentlichung "Mit brüderlicher Stim-
me"
19.11.1938: Straßenbenennung auf polizeiliche Anordnung
Weitergehende Informationen
Weitere Dokumente, Quellen - und Publikationsangaben finden sich auf der Internetse ite
www.muenster.de/stadt/strassennamen/
Fazit
Aufgrund der mehrheitlichen Empfehlung der K ommission Straßennamen schlägt die Verwa ltung
keine Umbenennung des Heinrich -Lersch-Wegs vor, sondern plädiert für die Anbringung einer
Erläuterungstafel, auf der auch darauf hingewiesen wird, dass der Straßenname nicht demokr a-
tisch beschlossen, sondern nach der Entscheidung d es damaligen Oberbürgermeisters Albert Hi l-
lebrand (NSDAP) durch „Polizeiliche Anordnung“ im November 1938 festgesetzt wurde.
Anträge oder Anregungen nach § 24 Gemeindeordnung zur Umbene nnung des Heinrich -Lersch-
Wegs liegen nicht vor.
In Vertretung
Schultheiß
Stadtdirektor
Anlagen:
1 Ergebnis der Bürgerumfrage
2 Übersichtsplan
Beratungsverlauf (1)
Beschluss: mehrheitlich abgelehnt
Zur SitzungOrte (3)
- Agnes-Miegel-Straße
- Schlossplatz
- Heinrich-Lersch-Weg
Ortsbezüge werden automatisch aus den Dokumenten ermittelt und können unvollständig sein.
Details
- Vorlagen-Nr.
- V/0384/2012
- Typ
- Vorlagen
- Datum
- 11.05.2012
- Erstellt
- 06.10.2020 14:37