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Antrag zur Verabschiedung des Positionspapieres ‚Identität stärken - natürliche Mehrsprachigkeit fördern!‘

Antrag nach § 3 der GeschO des Rates AN/0569/2022 vom 08.03.2022

Stand: Am 22.03.2022 im Integrationsrat ungeändert beschlossen.

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  • Anlage: Positionspapier Identität stärken - natürliche Mehrsprachigkeit fördern

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    ‚Identität stärken - natürliche Mehrsprachigkeit fördern !‘ Positionspapier des Integrationsrates Köln – März 2022 Selbstverständlich ist und bleibt die deutsche Sprache unsere zentrale gemeinsame und verbindende Verständigungssprache. Die Amtssprache ist Deutsch und dennoch gibt es in einer Einwanderungsge- sellschaft gute Gründe die Herkunftssprachen nicht zu vernachlässigen, sondern gerade bei Kindern gezielt zu fördern. Auch wenn hierbei nicht alle Sprachen berücksichtigt werden können, hat zumindest die Berücksich- tigung der meistgesprochenen Sprachen1 insbesondere in Kitas und Schulen eine nicht hoch genug einzuschätzende Bedeutung. Diese Beachtung und Förderung der vorhandenen Sprachenvielfalt in einer internationalen und durch Zuwanderung geprägten Stadt wie Köln ist nicht nur ein Zeichen von Offenheit und Liberalität und ein Akt der Wertschätzung gegenüber allen Kölner*innen mit internati- onaler Familiengeschichte, sondern auch ein auf die Zukunft ausgerichtetes Gebot der Stunde, um im internationalen Wettbewerb in einer globalisierten Welt gut aufgestellt zu sein. Folgende Gründe sprechen dafür:  Die Wertschätzung der Herkunftssprache eines Menschen ist gleichzeitig die Wertschätzung der Identität eines Menschen - dies gilt in ganz besonderer Weise bei Kindern und Heranwachsenden Die Herkunftssprache ist elementarer Ausdruck kultureller Identität und Zugehörigkeit eines Menschen. Die eigene Identität verbergen oder verleugnen zu müssen macht krank - gelingende Integration setzt voraus den ganzen Menschen zu akzeptieren. Das bisherige Dogma „hier wird deutsch gesprochen“ bei Eintritt des Kindes in Kindergarten oder Grundschule ist ein grober pä- dagogischer Fehler, der die kindliche Seele und Identität verletzt, und sich auf ihre gesamte Schullaufbahn auswirken kann. Es entsteht für Kinder und Jugendliche der Eindruck ein wesentli- cher Teil ihrer Selbst werde abgelehnt. Ein Willkommen der Familiensprache2 stärkt das Selbstbewusstsein und die Selbstachtung. Diese mehrsprachigen Kinder und Jugendlichen müssen eine Anerkennung für ihre sprachlichen Kom- petenzen erfahren und dürfen nicht auf ‚Personen mit Sprachdefiziten in der deutschen Sprache‘ reduziert werden. Wenn sie in der Schule die erste Fremdsprache (z.B. Englisch oder Französisch) erlernen, ist dies bereits ihre dritte Sprache.  Die Kindergärten und Schulen sind bereits ‚mehrsprachig‘ – diese Sprachrealität muss anerkannt und das vorhandene Sprachenpotential genutzt und gefördert werden Laut einer OSZE-Studie aus dem Jahr 2015 ist der Anteil erlernter und genutzter mehrerer Spra- chen im Ländervergleich in Deutschland am geringsten. In den Schulklassen lernen heute ge- meinsam Schüler*innen, die Deutsch, Türkisch, Polnisch, Italienisch, Russisch, Arabisch oder viele andere Sprachen als Familiensprache bereits sprechen. Diese vielsprachige Realität bildet die na- türliche Ausgangslage für die Bildungseinrichtungen; diese sollten die Chance nutzen und diese Sprachenrealität aktiv nutzen und die von den Kindern und Jugendlichen Sprachpotentiale för- dern. Für das einsprachig aufgewachsene deutschsprachige Kind ist die Beschäftigung mit dieser leben- digen Mehrsprachigkeit in Kindergarten und Schule ein authentischer und sehr praktischer Zu- 1 Statistisches Jahrbuch Köln ‚Tabelle 113 Einwohnerinnen und Einwohner mit Migrationshintergrund in Köln nach Bezugsland oder Natio- nalität am 31.12.2020‘ nach Größen: 1. Türkei 92.713; 2. Polen 40.577; 3. Italien 28.542; 4. Russ. Förderation 14.941; 5. Irak 15.019; Iran 14.555 ; 7. Bulgarien 10.493; 8. Syrien 9.220; 9. Rumänien 8.822; 10. Griechenland 8.809 … 2 Synonym werden im Text Herkunftssprache und Familiensprache genutzt. gang zum Fremdsprachenlernen. Dieses beiläufige Mitlernen der von Freund*innen gesproche- nen Sprachen ist für das Kind eine große Chance und damit wesentlich näher als das Erlernen der eher selten hier herkunftssprachlich genutzten Sprachen Englisch oder Französisch.  Die Mehrsprachigkeit ist europa- und weltweit in den meisten Ländern der Normalfall – wir leben in einer Welt, in der Mehrsprachigkeit die Norm und die Einsprachigkeit der Ausnahmefall ist Der weitaus größte Teil der Menschheit wächst mehrsprachig auf und lernt im Kindesalter meh- rere Sprachen mühelos. Bisweilen herrscht in den europäischen Ländern, insbesondere in den großen, einsprachig geprägten Ländern noch die Meinung, Mehrsprachigkeit sei ein Ausnahme- fall. Das Gegenteil ist richtig: Einige europäische Länder haben sogar mehrere offizielle Landes- sprachen wie z.B. die Schweiz (Deutsch, Französisch, Italienisch, Rätoromanisch), Belgien (Nieder- ländisch, Französisch und Schweizer-Deutsch), Luxemburg (Französisch, Deutsch, Letzeburgisch) Länder wie Belgien (Französisch, Flämisch, Deutsch) , Italien (regionalbezogene Amtssprachen wie Deutsch, Ladinisch, Französisch, Slowenisch), Spanien (Baskisch, Katalanisch, Galizisch).  Die gezielte Förderung der Herkunftssprache der Kinder und Jugendlichen begünstigt das Erler- nen der deutschen und später weiterer Sprachen Die hohe Bedeutung der Herkunftssprachen der Kinder und Jugendlichen mit Zuwanderungsge- schichte bei Sprachlernprozessen ist bereits lange sprachwissenschaftlich erwiesen, wird jedoch leider immer noch unterschätzt. In verschiedenen Studien (Hans-Joachim Roth3; Usanova & Schnoor4) wird nachgewiesen, dass eine differenzierte mündliche und schriftliche Beherrschung der Herkunftssprachen die beste Voraussetzung für das Erlernen einer weiteren Sprache, in die- sem Fall, Deutsch ist. Von Anfang an mehrsprachig orientierte Kinder und Jugendliche erwerben ein differenziertes Bewusstsein von Sprache und verfügen dadurch über eine andere und weni- ger regelorientierte Art beim Erlernen weiterer Sprachen (Riehl5). Kindern fällt es sogar beson- ders leicht, nicht nur eine, sondern auch mehrere Sprachen zu lernen, da sie dies „spielerisch“ tun. Kindergärten und Schulen sollten diesen Effekt der Bildung eines frühen sprachlichen Be- wusstseins von Anfang an durch eine frühe Förderung der Mehrsprachigkeit nutzen (Woerfel6). statt später viel Mühe und Geld zur Vermittlung von Fremdsprachen zu investieren.  Die mitgebrachte Herkunftssprache eines Kindes oder Jugendlichen sollte nicht vernachlässigt, sondern gezielt gefördert werden Diese Kinder mit internationaler Familiengeschichte sollten von Anfang an die Möglichkeit be- kommen, ihre mitgebrachte Herkunftssprache weiter gut zu lernen. Kindergärten und Schulen spielen bei diesem Sprachlernprozessen bekanntlich eine elementare Rolle. Es wäre eine ‚Ver- schwendung bereits vorhandenen Sprachpotentials‘ Kindern nicht die Möglichkeit zu geben, ihre Familiensprache im Kindergarten weiter zu vervollkommnen, um dann später in der Schule schreiben bzw. Grammatik zu erlernen. Diese Form einer frühen Mehrsprachigkeit überfordert auch kleine Kinder nicht, wenn gewisse Regeln eingehalten werden. 3Roth, H.-J.: Die Ausgangssprachen mehrsprachiger Kinder berücksichtigen. In: Alphabetisierung und Sprachenlernen. Hrsg. v. Thilo Pfitz ner. Stuttgart: Klett, 2002, S.121-145. 4 Usanova, I., & Schnoor, B. Exploring multiliteracies in multilingual students - multilingual profiles of writing skills. International Journal of Bilingual Education and Bilingualism, 2021. 5 Riehl, Claudia Maria, Ein Kopf − viele Sprachen. Koexistenz, Interaktion und Vermittlung, Hrsg. v. C.M. Riehl mit J. Müller-Lancé. Aachen, 2002. 6 Woerfel, Till: Mehrsprachigkeit in Kita und Schule. Köln: Mercator-Institut für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache, 2002.  Die Förderung der Herkunftssprache und das parallele Erlernen der deutschen Sprache fördert das metasprachliche Bewusstsein der Kinder und Jugendlichen, verbessert die kognitive Entwicklung und erhöht damit die Chance auf bessere Schulabschlüsse. Untersuchungen (Cummins7, Rauch et al.8, Hopp et al.9) belegen, dass eine Förderung der vorhandenen Mehrsprachigkeit bei Kindern und Jugendlichen metasprachliches Bewusstsein fördert. Ein höheres Bewusstsein von Sprache ist auch eine wichtige Grundlage, einen guten Schulabschluss zu ermöglichen. In Köln hat Frau Covezzi mit Begleitung von Herr Prof. Roth von der Universität zu Köln das bilinguale Lernen an der italienisch-deutschen Grundschule Zugweg in Köln evaluiert. Die Untersuchung weist nach, dass durch die Einführung eines bilingualen Zweiges der Anteil der Schulempfehlungen an Gesamtschulen von 16% auf 35% und an Gymnasien von 15% auf 25% gestiegen ist. Gleichzeitig sank der Anteil von Empfehlungen an die Hauptschule von 40% auf 20%. An einer bilingualen Grundschule deutsch/türkisch in Köln-Bilderstöckchen hat sich der Anteil von Gymnasialempfehlungen nach der Einführung des zweisprachigen Unterrichts verdoppelt.  Mehrsprachige und interkulturelle Kompetenz sind in einer Zeit der Globalisierung eine zentrale Qualifikation Die Kompetenz eine zusätzliche Fremdsprache zu sprechen ist in einer globalisierten Welt eine der zentralen Wirtschaftsressourcen. Mehrsprachigkeit fördert multiperspektivisches Denken, das in einer zunehmend vielfältigen und internationalen Gesellschaft immer wichtiger wird. Darüber hinaus verfügen mehrsprachig geprägte Menschen, auch wenn sie im konkreten Fall die Sprache des Gegenübers nicht sprechen sollten, in der Regel über interkulturelle Kompetenz, d.h. sie sind sensibel sich in andere Kulturen und Denkweisen hineinzuversetzen – sie haben eine multikulturelle Identität und sind flexibler im interkulturellen Agieren. Die Förderung natürlicher Mehrsprachigkeit sollte deshalb maßgeblich für die Kölner Stadtverwaltung sein.  Wertschätzung der Herkunftssprache Von großer Wichtigkeit ist die gleiche Wertschätzung der jeweiligen Herkunftssprache mit der deutschen Sprache. Diese Wertschätzung sowie gezielte Förderung der Herkunftssprache ist ein wichtiges Mittel für die Akzeptanz ihrer Sprache und damit ein aktiver Beitrag zur Schaffung von Gleichberechtigung für die sie sprechenden Menschen. Deutschland ist faktisch schon lange ein Einwanderungsland. Eine Gesellschaft, die maßgeblich durch Einwanderung geprägt ist, sollte ne- ben der selbstverständlichen Amtssprache Deutsch die Nutzung weiterer Sprachen wertschätzen und fördern. Dies sollte insbesondere auch innerhalb der vielfältigen und vielsprachigen Mitar- beiter*innenschaft der Stadtverwaltung realisiert werden. 7Cummins, J.: Language, power, and pedagogy: Bilingual children in the crossfire. Bilingual education and bilingualism. Clevedon: Multilin- gual Matters, 2000. 8Rauch, D. P., Naumann, J. & Jude, N.: Metalinguistic awareness mediates effects of full biliteracy on third-language reading proficiency in Turkish –German bilinguals. International Journal of Bilingualism, 2022; 16(4) 402–41. 9Hopp, H., Vogelbacher, M., Kieseier, T. & Thoma, D.: Bilingual advantages in early foreign language learning: Effects of the minority and the majority language, 2019, Learning and Instruction (61), 99-110. Hinweis auf rechtliche Regelungen zur Förderung der natürlichen Mehrsprachigkeit  Teilhabe - und Integrationsgesetz NRW vom 01.01.2022: §10, Abs. 1: „[…] Das Land erkennt Mehrsprachigkeit als wichtiges Potential für die kulturelle, wissenschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung Nordrhein-Westfalens und für die Förderung chancengerechter Bildungsteilhabe im Sinne dieses Gesetzes an.“  Kinderbildungsgesetz NRW (KiBiz), SGB VIII (2014) § 13c / Abs. 1, Satz 3+4: „Die Mehrsprachigkeit von Kindern ist anzuerkennen und zu fördern. Sie kann auch durch die Förderung in bilingualen Kindertageseinrichtungen oder bilingualer Kindertagespflege unterstützt werden.“  Die EU-Kommission hat in ihrem „Weißbuch zur allgemeinen und beruflichen Bildung“ von 1995 die Forderung formuliert, dass alle Schulabgänger*innen drei Gemeinschaftssprachen beherr- schen solle und dass demzufolge Kinder und Jugendliche im Laufe ihrer Schulzeit außer ihrer Erst- sprache noch mindestens zwei weitere Sprachen lernen. Das kann z.B. bedeuten: Deutsch als die Landessprache; als zweite Sprache die Herkunftssprache und Englisch als Weltsprache. Wenn in diese sprachenpolitische EU-Vorgabe die jeweils nichtdeutschen Herkunftssprachen eingebun- den werden, dann haben die Schulen eine Perspektive, die den Anforderungen einer Migrations- gesellschaft entspricht.
  • FachAK 3 - Antrag Positionspapier Identität stärken

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    FachAK 3 08.03.2022 An den Vorsitzenden des Integrationsrates An die Geschäftsstelle des Integrationsrates Herrn Andreas Vetter Antrag gem. § 4 der Geschäftsordnung des Integrationsrates Gremium Datum der Sitzung Integrationsrat 22.03.2022 Antrag zur Verabschiedung des Positionspapieres ‚Identität stärken - natürliche Mehr- sprachigkeit fördern!‘ Beschluss: Der Integrationsrat bittet den Rat folgendes zu beschließen: „Der Rat der Stadt Köln begrüßt das vom Integrationsrat vorgelegte Positionspapier ‚Identität stärken - natürliche Mehrsprachigkeit fördern!‘ als Grundlage für den Umgang mit Mehrspra- chigkeit in der Stadt. Die Verwaltung wird aufgefordert die Erkenntnisse aus dem Positionspapier aufzugreifen und die Vorteile der natürlichen Mehrsprachigkeit in allen Bereichen Wert zu schätzen und zu nutzen (z.B. Förderung der natürlichen Bi- und Multilingualität im Kitabereich, der Jugendar- beit, in Bürgerämtern, Ausländeramt etc.).“ Begründung: Siehe Positionspapier Mit freundlichen Grüßen Antonietta Abbruscato Anna Maria Klimaszewska-Golan Gönül Topuz Tayfun Keltek Luziano Gonzales Tejon

Beratungsverlauf

  1. 22.03.2022

    Integrationsrat

    TOP 6.1, Entscheidung. Ergebnis: ungeändert beschlossen

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